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Denkwürdige Vokabeln (8): “Rauchwaren”
29. Juni 2012 (11:23) | Rudi Bernhardt | Einen Kommentar hinzufügen
Nachdem die nette Ministerin Barbara Steffens im rot-grünen Landeskabinett NRW als erste Großtat der frisch installierten Regierung auserkoren hat, das Gesetz zum Schutze der Nichtraucher auf eine Klingenschärfe von Ao-Gami Stahl (67 Rockwell) zu bringen, bedienen sich Kommentatoren und Chronisten immer häufiger eines Begriffes, der mir, in diesem Sinnzusammenhang benutzt, die Fußnägel hochkrempelt – aber ich bin ja schon im methusalemischen Alter, was die Nutzung sprachlichen Handwerkszeugs angeht. Stets formulieren die Damen und Herren, dass „Rauchwaren“ und deren Hersteller sowie die ultimative Freiheit der Konsumenten im Allgemeinen bekämpft würden oder – falls die Kommentatoren und Chronisten hartleibige Nichtraucher sein sollten – die „Rauchwaren“ und deren Hersteller zwar bekämpft, die Konsumenten aber vor sich selbst geschützt und die unfreiwilligen Mitraucher vor den Konsumenten. Wow!
Nun sind aber Rauchwaren ursprünglich mal nicht etwa blaudünstige Genussmittel zur intensiven Inhalation gewesen, sondern Produkte des Kürschnerhandwerkes, das sich vorzugsweise wohlhabende Damen nicht nur zu Winterzeiten überwarfen, damit sie teuer und gut angezogen nicht frieren mussten. Will sagen, das waren Pelzklamotten, die ins Café ausgeführt wurden, damit frau beim Nippen am Tee hinlänglich bewundert wurde und anschließend, wenn sie sich denn ins vor der Türe geparkte Cabrio schwang, die männlichen Passanten in Augenstarre versetzten. Mit Tabak hatten diese Rauchwaren nichts zu tun, das „Rauch“ stammte eher von „rau“ und stand für zottelig und so.
Nun, das ist längst vergessen, heute nehmen die Sprachbildner diese Vokabel für Qualm und Tabak, was mich zwar immer noch stört, aber keinen außer mir interessiert. Allerdings stieß ich beim betroffenen Grübeln über einen neuerlichen Verlust aus dem gescheiten Vokabular auf eine Tatsache, die mir als trockengelegtem Kettenraucher positiv auffiel. 1948, als meine Mutter den allgemeinen Trümmerhaufen in ihrer Umgebung mit mir als neuen Nachkriegs-Schreihals beglückte, gründete sich auch der Verband der Cigarettenindustrie (VdC), der sein unerschrockenes Wirken bis 2007 durchhielt und tapfer dafür sorgte, dass Wissenschaftler Geld verdienten, damit sie Gutachten verfassten, die der Verband wiederum dazu nutzte, dass die Bonner oder später Berliner Politik die am Verbraucher orientierten richtigen Entscheidungen trafen. Und bisweilen schrieb der Verband auch mal Gesetze für die Regierung, damit sie nicht auf die verbraucherunfreundliche Idee kam, die Tabaksteuer zu schnell und zu hoch zu erhöhen, was die Regierung dann auch im Sinne der Arbeitserleichterung für die beteiligten Ministerien 1:1 in Steuerrealität umwandelte.
Nun, zunächst verschied mit 51 Jahren der Marlboro-Cowboy, dann verabschiedete sich Philip Morris aus dem Lobby-Kader, 2007 löste sich der Verband dann vollends auf und 2008 leisteten sich die verbliebenen Reste eine grüne Sprecherin mit Namen Marianne Tritz, die wohlbestallt vollmundigen Verbraucherschutz rund um sich herum posaunte, denn an nichts anderes denken sie ja, die Kippendreher der Nation. Vielleicht kann sich die Gorleben-Bekämpferin Marianne Tritz ja nun auch „Rauchwaren“ zulegen und zu Winterszeiten vom Frost verschont bleiben, oder ihr Cabrio vor dem Café parken, wie sie am Tee zu nippen pflegt.
Marianne Tritz raucht nach eigenen Angaben nicht mehr – nach ebenso eigenen Angaben lebte sie insgesamt zu ungesund, Barbara Steffens raucht auch schon lange nicht mehr, daher ihre ultimative Konsequenz, ich auch nicht, bin dafür aber völlig inkonsequent und so elend tolerant und ich bedauere immer noch, dass inzwischen diese schöne alte Vokabel „Rauchwaren“ zu blauem Dunst verkommt.
Veröffentlicht unter: Politik und so Sprache Stilfragen · Etiketten: Barbara Steffens, Marianne Tritz, Rauchverbot, Zigaretten
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