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Routine im linksliberalen Korsett: Der „Geierabend“ braucht dringend Auffrischung

Der einstmals „alternative“ Dortmunder Bühnenkarneval „Geierabend“ ist mit den Jahren immer erfolgreicher geworden. Unser Gastautor Michael Westerhoff findet allerdings auch, dass die Veranstaltung heute viel harmloser daherkommt. Hier seine Eindrücke vom Premierenabend:

Müde Gags und schlecht einstudierte Szenen. Einzig der „Steiger“ Martin Kaysh läuft zu Normalform auf. Der Rest des neuen Geierabend-Programms („Nach uns die Currywurst“) ist genauso uninspiriert wie das Spiel des BVB in dieser Saison.

Schon das Intro, eine Coverversion von Robbie Williams’ „Let me entertain you“, lässt Böses erwarten. Dass die Zuschauer den Text nicht verstehen können, liegt nur zum Teil an der schlechten Akustik. Vielmehr scheinen die Ensemble-Mitglieder beim gemeinsamen Auftritt alle einen unterschiedlichen Text zu singen. Eine Tatsache, die sich wie ein roter Faden durchs Programm zieht.

"Geierabend": Henri Marczewski (li.) als Präsident, Martin Kaysh als "Steiger". (Foto: © StandOut.de)

„Geierabend“: Henri Marczewski (li.) als Präsident, Martin Kaysh als „Steiger“. (Foto: © StandOut.de)

Mal sind sich bei der Geierabend-Premiere die Duett-Partner der Hossa-Boys nicht einig, welche Strophe als nächste folgt, ein anderes Mal vergessen die Schauspieler ganz den Text oder singen unterschiedliche Worte. Angesichts der grauen Haare vieler Darsteller erinnert das ein wenig an eine Laienaufführung im Seniorenheim.

Und es geht nicht besser weiter. Martin F. Risse singt als Sauerländer Joachim Schlendersack ein Liedchen, das so getextet ist, dass sich am Ende nur Worte wie „Schwanz“ oder „Arsch“ reimen würden. Risse ersetzt sie durch andere Wörter, die eben nicht obszön klingen. Ein Brüller auf Fips-Asmussen-Niveau.

Es folgen erwartbare Nummern zum Flüchtlingsheim in Burbach, in dem Mitarbeiter Asylbewerber misshandelt haben, ein Kasperlestück zu den Vorfällen vor dem Dortmunder Rathaus, wo Anhänger der Rechten am Wahlabend an der Wahlparty teilnehmen wollten, es anschließend aber zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam. Und Pegida darf natürlich auch nicht fehlen.

Alles hübsch politisch korrekt, nichts quergedacht. Wie im Kabarett der 70er- und 80er-Jahre, als die Kabarettisten brav die Erwartungen ihres links-liberalen Publikums bedienen wollten. Oben auf der Bühne stehen welche, die das aussprechen, was die unten denken. Die Szene über Atom-Fässer im Garten der Villa wirkt wie die Version einer alten „Scheibenwischer“-Sendung aus den 80ern. Und über die Frisur von Ursula von der Leyen wurden auch schon alle Gags gemacht, ein weiterer wäre wirklich nicht nötig gewesen.

Gut wird das Programm immer dann, wenn es diese links-bürgerlichen Klischees verlässt, wenn es aggressiv und politisch unkorrekt ist; beispielsweise bei der typischen Hartz-IV-Mutter mit vier Kindern von vier Vätern. Gespielt wird sie von Sandra Schmitz, dem jüngsten Ensemble-Mitglied, das sehr erfrischend zwischen den anderen wirkt. Gags über Hartz-IV-Empfänger sind nicht neu, Spaß macht die Nummer trotzdem, weil die Texter hier das unsichtbare Korsett der political correctness, das die ganze Show einzwängt, verlassen.

Das gilt auch für den von Ausländern umzingelten Kleingärtner, der wie ein Selbstmord-Attentäter seine Kleingarten-Ordnung verteidigt. Mit einem Sprengstoff-Gürtel bewaffnet, spricht er seine Drohungen in eine Kamera. Das ist böse und gut. Genauso wie die eher an Comedy erinnernde Nummer über einen Türken, der ein Kind vom Kindergarten abholt, es aber nicht nach Hause, sondern zu einem Schrottplatz fährt, weil es dort gefälschte TÜV-Plaketten gibt.

Insgesamt scheint der Geierabend aber seinen Zenit überschritten zu haben. Fast 20.000 Menschen werden das Programm dieses Jahr sehen. Ein grandioser Erfolg. Über 20 Jahre hat sich das Ensemble ein treues Publikum erspielt, das zudem von Jahr zu Jahr zu wachsen scheint. Der einst alternative Karneval ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Möglicherweise ist das genau das Problem. Hier werden Erwartungen bedient. Wie bei McDonald’s, wo der Burger auch immer gleich schmeckt. Vielleicht ist das der Weg, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Kulturell inspirierend ist es jedoch nicht.

Der Geierabend braucht dringend frisches Blut; Schauspieler, Künstler und Texter, die andere Wege gehen wollen und nicht lieblos Klischee abliefern. Getragen wird der Abend von in Ehren ergrauten Herrschaften, die ihre künstlerischen Wurzeln in den schon angesprochenen 70er- und 80er-Jahren haben. Das muss nichts Schlechtes sein, führt in diesem Fall aber dazu, dass sich das Programm wie Gespräche von Lehrern in einem Dortmunder Kreuzviertel-Café anhört. Und wer einmal in einem solchen Café gesessen hat, weiß, dass die Unterhaltungen alles andere alles witzig sind.

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Termine und weitere Infos: http://www.geierabend.de/

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