Revierpassagen » Region Ruhr Theater » „Das Leben der Bohème“ in Bochum – Freundschaft in Zeiten der Krise
„Das Leben der Bohème“ in Bochum – Freundschaft in Zeiten der Krise
2. Mai 2012 (21:33) | Katrin Pinetzki | 2 Kommentare
Das kann nur das Theater: Eine Duschkabine wird zum Hauseingang und dann zur Pariser Metro, aus einem Schauspieler werden fünf Charaktere, aus dem Lachen der Zuschauer wird Nachdenklichkeit und Staunen. Melancholisch, witzig, phantastisch, chaotisch, dramatisch, traurig, all das ist „Das Leben der Bohème“. Das Stück feierte Premiere im „Theater Unten“ des Bochumer Schauspiels.
Ein bemerkenswertes Werk: Die junge Regisseurin Barbara Hauck inszenierte es nach einem 20 Jahre alten Film des Finnen Aki Kaurismäki, der in jedem seiner Filme lakonisch vom großen Scheitern der kleinen Leute erzählt. Kaurismäkis „Leben der Bohème“ bezieht sich mehr auf die Romanvorlage von Henri Murger als auf die Oper „La Bohème“. Erst durch Pucchini jedoch wurden die Szenen des Künstlerlebens und der Lebenskunst im Paris des 19. Jahrhunderts bekannt – und kleben seitdem als Klischees in den Köpfen.
In Bochum kommt eine schräge Mischung aus Pucchini/Murger und Kaurismäki auf die Bühne: Klischees ja, aber gern ironisch gebrochen. Die Künstler-WG ist weniger eine romantisch-ärmliche Mansardenwohnung denn veritable Messi-Bude, statt am Klavier klimpert der Komponist auf einem Papier-Instrument.
Was Barbara Hauck eigentlich inszeniert, ist neben dem prekären Künstlerleben der große Wert der Freundschaft. In Zeiten der Not – und in einer solchen befinden sich die ebenso engagierten wie erfolglosen Künstler – lebt und leidet es sich doch besser im Kollektiv. Wer hat, der gibt aus; ansonsten schmeißen die Besitzlosen zusammen. Maler Rodolfo, Schriftsteller Marcel Marx und Komponist Schaunard feiern und frieren, saufen und träumen miteinander. Die Liebesgeschichte zwischen Rodolfo und der schließlich sterbenden Mimi nimmt zwar einen großen Teil der Handlung ein, doch das Schlüsselwort auch dieser Liebesgeschichte lautet letztlich Treue – in guten wie in schlechten Zeiten.
Die Figuren sind herrlich angelegt, die Schauspieler herrlich anzusehen: Manfred Böll als charmant-unverschämter Schriftsteller, der sein Jahrhundert-Drama in 21 Teilen am Ende in einer Modezeitschrift abdruckt. Daniel Stock als krankhaft schüchterner, ebenso liebenswerter wie liebeskranker Maler Rodolfo. Roland Riebling, der es als Schaunard versteht, den Leuten das Geld aus der Tasche zu quatschen: „Es ist zwar etwas teurer im Restaurant, aber wir holen das Geld ja wieder rein, indem wir Zeit zum Kochen sparen.“ Katharina Bach, die als gar nicht so naive Mimi die Wahl hat – und sich aus vollem Herzen für die Liebe und die Armut entscheidet. Und Klaus Weiss, der teils im Minutentakt in neue Nebenrollen schlüpft. Mal wird dialogisch gespielt, mal wird die Handlung zeitraffend von einem der Protagonisten erzählt. Am Ende verzichtet die Inszenierung auf ein versöhnliches Abschlussbild: Mimi ist tot, Rodolfo weist seine Freunde zurück: Er will allein bleiben. Ein nicht ganz runder Abschluss eines gelungenen Abends.
(Der Artikel erschien zuerst im Westfälischen Anzeiger, Hamm)
Veröffentlicht unter: Region Ruhr Theater · Etiketten: Barbara Hauck, Bochum, Kaurismäki, Murger, Puccini, Theater
2 Antworten zu "„Das Leben der Bohème“ in Bochum – Freundschaft in Zeiten der Krise"
Hinterlasse eine Antwort Antworten abbrechen
Kategorien
- Allgemein
- Alltag
- Arbeitswelt & Beruf
- Architektur & Städtebau
- Bekenntnisse
- Buchmarkt
- Design
- Festivals
- Fotografie
- Geschichte
- Gesellschaft
- Glaubensfragen
- Kinderzeiten
- Kino
- Kleinkunst & Comedy
- Kulinarisches
- Kultur an sich
- Kunst
- Lebenswege
- Leibesübungen
- Liebesleben
- Literatur
- Medien
- Musik & Konzert
- Natur
- Netzwelten
- Oper & Ballett
- Operette & Musical
- Philosophie
- Politik und so
- Psychologie
- Region Ruhr
- Rock & Pop
- Scherz, Satire, Ironie
- Schule, Uni, Bildung
- Sprache
- Stadt Land Fluss
- Stilfragen
- Technik
- Theater
- Tonträger
- Unterwegs
- Utopien
- Wahnwitz
- Warenwelt & Werbung
- Weite Welt
- Wirtschaft
- Wissenschaft
- Zweizeiler, Vierzeiler usw.
Archiv
- Mai 2013
- April 2013
- März 2013
- Februar 2013
- Januar 2013
- Dezember 2012
- November 2012
- Oktober 2012
- September 2012
- August 2012
- Juli 2012
- Juni 2012
- Mai 2012
- April 2012
- März 2012
- Februar 2012
- Januar 2012
- Dezember 2011
- November 2011
- Oktober 2011
- September 2011
- August 2011
- Juli 2011
- Juni 2011
- Mai 2011
- April 2011
- Dezember 2010
- November 2010
- Oktober 2010
- September 2010
- August 2010
- Juli 2010
- Juni 2010
- Mai 2010
- April 2010
- März 2010
- Februar 2010
- Dezember 2009
- November 2009
- Oktober 2009
- September 2009
- August 2009
- Juli 2009
- Juni 2009
- Mai 2009
- April 2009
- März 2009
- Februar 2009
- Januar 2009
- Dezember 2008
- November 2008
- Oktober 2008
- September 2008
- August 2008
- Juli 2008
- Juni 2008
- Mai 2008
- April 2008
- März 2008
- Februar 2008
- Januar 2008
- Dezember 2007
- November 2007
- Oktober 2007
- September 2007
- August 2007
- Mai 2007
- April 2007
- März 2007
- Februar 2007
- Oktober 2006
- April 2006
- Dezember 2005
- Juli 2005
- Juni 2005
- Mai 2005
- Oktober 2004
- April 2004
- Oktober 2003
- September 2003
Blogroll
- Altpapier
- Architektur-Forum
- Charly and friends
- Coolibri
- Culturmag
- Der Freitag
- Elf Freunde
- Freiwillig frei
- Glumm
- Heimatpottential
- Indiskretion
- Intelligence
- Kulturblogs.de
- Medienmoral NRW
- Nachdenkseiten
- Niggemeier
- Pottblog
- Pottculture
- Pottspotting
- Revierflaneur
- Ruhrbarone
- Ruhrbarone Dortmund
- Ruhrgebiet für lau
- Ruhrgestalten
- Ruhrspeak
- Schreibheft
- Sozialtheoristen
- Sprachlog
- Sprengsatz
- Theater pur
- Trailer Ruhr
- Umblätterer
- Unruhr
- Von Belang
- Wirtschaftswunder
- Zoom Sauerland
Neue Kommentare
- Der Ruhrpilot | Ruhrbarone in Schreie und heilige Stimmen beim Jazz-Festival in Moers
"[...] Moers: Schreie und heilige Stimmen beim Jazz-Festival…Revierpassage…" - Der Ruhrpilot | Ruhrbarone in Die Liebe, ein sehnsüchtiger Wunsch: Das Hamburg Ballett unter John Neumeier in Essen
"[...] Essen III: Das Hamburg Ballett unter John Neumeier in Essen…Revie…" - Bernd Berke in Was die Leute so alles auf Facebook mitteilen…
"Katzen! Du hast die Katzenfotos vergessen.…" - REmo in Auf der Demo gegen die Rundschau-Demontage
"Die WAZ-Medienmitteilung kommt ja in allerschönstem Neusprech daher. George Orw…" - Festspiel-Passagen I: Heilloses Spiel um Macht und Liebe bei den Göttinger Händel-Festspielen » Revierpassagen in Das Grauen lauert hinter den Tapeten: Brittens „The Turn of the Screw“ in Düsseldorf
"[...] Deutschen Oper am Rhein („Peter Grimes“, „Billy Budd“), im gespens…"
Mit den meisten Kommentaren
Neue Artikel
- Köstliches am Wegesrand (4): “Schuller” oder “Hahn”? Beide, keine Frage!
- Schreie und heilige Stimmen beim Jazz-Festival in Moers
- Die Liebe, ein sehnsüchtiger Wunsch: Das Hamburg Ballett unter John Neumeier in Essen
- Was die Leute so alles auf Facebook mitteilen…
- Tiefe Gefühle, brisante Konflikte: Puccinis „La Fanciulla del West“ an der Oper Frankfurt
- Festspiel-Passagen I: Heilloses Spiel um Macht und Liebe bei den Göttinger Händel-Festspielen









Ja, unbedingt hingehen! Das ist ein ganz schöner, intensiver Theaterabend.
Die Bochumer Theater bieten dieses Jahr anscheinend einiges Experimentelle und Innovative.
Habe mir dieses Stück auch mal auf meiner “Will ich hin” Liste notiert.