Monatsarchive: Mai 2009

Kunst 1968: Alles auf Anfang

Zu „1968“ ist nun wahrlich so manches gesagt und gezeigt worden. Da fällt einem kaum noch etwas ein. Die meisten Restbestände vom Dachboden der Zeitgeschichte dürften zum 40. Jahrestag anno 2008 auf den Tisch des Hauses gekommen sein. Oder etwa nicht? *** (siehe Fußnote). Man glaubte jedenfalls, über die damalige Rebellion in groben Zügen einigermaßen Bescheid zu wissen.

Umso mehr verwundert nun der Ansatz der Bielefelder Kunsthalle. Dort steht die Kunst des Jahres 1968 unterm Leitwort „Unschuld“. Ja, das Motto lautet sogar „Die Große Unschuld“. Während andere Museen die politischen Aspekte von 1968 rauf und runter buchstabiert haben, steht Bielefeld mit dem ästhetischen Zugang ziemlich einzig da.

Nanu? Unschuld? Auf diesen vermeintlich Harmlosigkeit aufrufenden Begriff ist man nicht gerade gefasst, wenn man an jene Zeiten zurückdenkt. Doch beim Rundgang durch die Bielefelder Schau leuchtet die Perspektive so manches Mal ein. Um den geronnenen Klischeesatz gleich zu verwenden: So viel Anfang wie damals war selten. Sinnbildlich für weite Teile der Auswahl könnte der leere Globus des bei uns weitgehend unbekannten Slowaken Július Koller stehen: Da nimmt der innige Wunsch nach tabula rasa (reiner Tisch), nach völligem Neubeginn Gestalt an. Alles auf Anfang.

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Gerhard Richter und seine Aura

Zunächst einmal ganz nüchtern, klipp und klar gesagt: Gerhard Richter stellt in der Duisburger Küppersmühle aus. Doch kann man so seine Begeisterung bändigen?

Diese Ausstellung hält, was der große Name verspricht. Da ohnehin kundige Kunstfreunde von nah und fern hierher pilgern werden, schenke ich mir mal eine „klassische Rezension“ mit den handelsüblichen Lobpreisungen.

Stattdessen dies: Bei der gestrigen Vorbesichtigung zeigte sich abermals das erstaunliche Phänomen einer inzwischen weitgehend fraglosen Richter-Verehrung, der man sich selbst nur schwer entziehen kann. Gestandene Journalisten und äußerst wählerische Kunstkritiker, die sonst schon mal gern die Nase rümpfen, werden da flugs zu gläubigen Jüngern. So mochte es auch gestern scheinen.

Jedes Wort aus dem Munde des Meisters wird da dankbar lächelnd als quasi-priesterliche Weisheit empfangen. Tatsächlich nehmen einen ja immer wieder seine völlig uneitle Art und sein leiser Humor für diesen Künstler ein. Doch das ist es nicht allein. Offenkundig umgibt ihn eine Aura aus weltweitem Erfolg mit nahezu religiösem Anhauch. Gerhard Richter – eine Art Dalai Lama der Kunstwelt? Einer, auf den sich alle freudig strahlend einigen können? Mh. Wer weiß. Er selbst würde es ungern hören.

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Varusschlacht: Phantombild der Antike

Das ist nun mal wirklich ein „runder“ Gedenktag: Vor 2000 Jahren (also 9 n. Chr.) schlug der germanische Cheruskerfürst Arminius („Hermann“) den römischen Feldherrn Varus – irgendwo in den heute niedersächsischen oder westfälischen Gegenden rings um den Teutoburger Wald.

Das heißt: Es war selbstverständlich kein bloßer Zweikampf, sondern eine massenhafte Schlacht zwischen den jeweiligen Gefolgsleuten, vulgo Soldaten (die ja immer dran glauben müssen, wenn mächtige Herrschaften ihren Namen „für alle Zeit“ vergolden wollen). Womit der erforderlichen political correctness halbwegs Genüge getan wäre.

Unerhört für die damalige Weltmacht Rom: Gegen die vermeintlich wüsten „Barbaren“ aus dem Norden verlor man gleich drei Legionen – eine Schmach, die man südlich der Alpen und westlich des Rheins nicht wahrhaben wollte.

Jetzt soll ein schier unüberschaubarer Ausstellungsreigen gleich an drei Orten (Haltern am See, Detmold und Kalkriese) das historische Ereignis wachrufen, so gut es eben geht. Eine leitende These richtet sich gegen altgediente Klischees. Ganz knapp und knackig gefasst: Varus war beileibe kein Depp oder geborener „Loser“, und Arminius war zwar offenkundig listenreich (bis hinterhältig), doch keinesfalls ein makelloser Held nach Art eines „David gegen Goliath“.

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Enzensberger: Festlegen gilt nicht

Wenn man jemals gedacht haben sollte, jetzt wüsste man aber, worauf dieser Hans Magnus Enzensberger hinaus will, so war er meist schon wieder ein paar Schritte oder Windungen weiter.

Auch als älterer Mann ist er gedanklich noch wendiger als die allermeisten Jüngeren. Allein schon der Tonfall des mittlerweile 79-Jährigen klingt auch im neuen Gedichtband „Rebus“ freiweg – wie in seinen frühen und seinerzeit zornigen Aufbruchsjahren. Oder will man es etwa nur gerne so haben und hört es sich so zurecht?

Es schwingt da mittlerweile auch eine gereifte Gelassenheit mit, die die letzten Dinge längst ins Auge gefasst hat und den Tod kommen sieht. Revolte? Umsturz? Ach was! Obwohl es doch einst so schön war, die Utopie zu erträumen. Zitat aus dem abschließenden Gedicht „Coda“, das von fern her an Bert Brechts selbstkritisches Lebensfazit „An die Nachgeborenen“ gemahnt: „Daß nicht alles Mögliche möglich ist, / tut mir leid…“

Vielleicht noch ein leiser Anklang an Brecht, in diesem Falle an die „Fragen eines lesenden Arbeiters“. Enzensbergers Gedicht „Angewohnheiten“ hebt so an:

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Andere Luft, anderes Licht

Unter dem schlichten Titel „Auf Reisen“ versammelt Matthias Zschokke (geboren 1954 in Bern, seit 25 Jahren vorwiegend in Berlin wohnend) Skizzen aus wechselnden Gegenden. Das Buch firmiert als „Erzählung“, als bestehe es aus Erfundenem. Dabei handelt es doch von unterwegs Vorgefundenem. Von anderer Luft, anderem Licht, anderem Sein.

Fast schon erheiternder namentlicher Anklang: Ein besonderer Schwerpunkt des im Zürcher Ammann-Verlag erschienenen Buches sind Impressionen aus Amman (Jordanien). Zschokke schildert (jenseits aller politischen Konflikte) diese stets auf Würde bedachte Kultur als immense Bereicherung. Allein schon die althergebrachten Rituale öffentlichen Rauchens könnten Lockung genug sein. Auch verstreiche die Zeit in jenen Breiten ganz anders als bei uns. Gerade fürs unendlich gelassene Dahindämmern an den Rändern zu einer vollkommenen Stille hat Zschokke ein empfängliches Sensorium.

Die orientalischen Aufenthalte gipfeln in einem Zitat mit Goldrand: „Jeder Europäer sollte dringend dann und wann nach Arabien, um sich daran zu erinnern, wie Menschen miteinander umgehen können, wenn sie nur wollen.“ Wir lassen das mal so stehen. Freimütig gesteht der Autor, Schattenseiten auszublenden, denn: „An Schlechtes zu denken tötet das Vergnügen und verdirbt die Laune.“

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