Monatsarchive: September 2010

Die Bestseller der NS-Zeit

Das Nazi-Regime war – wie man weiß – totalitär, und doch ging es in vielen Bereichen „ungeordnet“ bis chaotisch zu. Auch die literarischen Präferenzen waren letztlich nicht ausgemacht.

Christian Adam (Abteilungsleiter Bildung und Forschung bei der Birthler-Behörde) hat in seinem sehr materialreichen, doch nicht allzu stringent strukturierten Buch „Lesen unter Hitler“ zusammengetragen, was nur irgend in der NS-Zeit Bestsellerauflagen erzielt hat. So kommt weniger der explizite Ungeist von NS-getreuen Autoren (Johst, Blunck, Behrens-Totenohl, Vesper) zur Sprache, sondern in erster Linie populäre Publikationen.

Das Spektrum reicht von anfangs noch erlaubten Groschenheften bis zur Kinderliteratur („Heidi“, „Biene Maja“). Gewichtiger noch: Sachbücher und Ratgeber („Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, FKK-Broschüren mit „arischer“ Schlagseite, Reemtsma-Bildsammelalben zu Olympia 1936 u.a.) nehmen breiten Raum ein, was dem Leseverhalten breiter Schichten eher entspricht, als würde man nur fiktionale Literatur einbeziehen. Dabei zeichnet sich so etwas wie eine Typologie damals gängiger Erfolgsbücher mitsamt einigen überraschenden Schattierungen ab.

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“Tatort”-Buch: Mord an der Sprache

„Tatort“-Städte sehen im Fernsehen ganz anders aus als in der Wirklichkeit. Nun ja, man hat es sich wohl gedacht, dass uns bei der Gelegenheit keine 1:1-Realität dargeboten wird.

Doch mehr noch: Komplette Szenenfolgen werden gleich ganz woanders gedreht. So entstehen etwa Münsteraner „Tatorte“ der Logistik wegen (WDR-Zentrale mit allen Schikanen am Ort) weitgehend in Köln. Auch befinden sich alle (!) Tatort-Kommissariate des SWR in einem einzigen Gebäude zu Baden-Baden. Okay, das sind auch keine Sensationen, aber es klingt schon interessanter, weil konkreter. Doch die Verfasser eines neuen Sachbuchs mögen’s auf weite Strecken lieber wolkig.

In insgesamt 17 Beiträgen erscheint die populärste deutsche Krimireihe zumeist als schieres Konstrukt regionaler Zuschreibungen, die oft genug in Klischees abgleiten. Der Untertitel des Bandes lautet „Mediale Topographien eines Fernsehklassikers“. Damit deutet sich bereits das Elend eines „hochwissenschaftlich“ sich gebenden Jargons an, der das Gros der Beiträge infiziert hat, als hätte man sich zuvor ganz bewusst auf sprachliche Hässlichkeit geeinigt. Am Ende ist man als Leser reichlich verstimmt, denn man hat viel Zeit darauf verwendet, relativ überschaubare Erkenntnisse in verbal fürchterlich aufgeblasener Form zu goutieren. Hier müssen wir einfach ein paar beispielhafte Zitate anheften:

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Eine Zeit in der Hölle

Zwei Halbwüchsige, Bruder und Schwester, haben ihre Eltern bei einem Autounfall verloren. Seither bleiben auch ihre Nächte seltsam taghell. Es ist ein bedrohliches Gleißen in der Welt. Immerzu. Und alle Nähe ist zunichte. Die Geschwister fühlen sich „wie Vögel in einem Sandsturm“. Es gibt keine Zuflucht.

Roberto Bolaños illusionslos lakonischer, nur 110 Seiten starker „Lumpenroman“ bewegt sich sehr nah am erlittenen Augenblick und wirkt zugleich verhangen, traumverloren, surreal; ganz so, als könne dies alles nicht wirklich sein, als sei die Realität rundum ausgetröpfelt. Zitat: „…wobei wirklich nur eine andere Unwirklichkeit bezeichnet, eine weniger zufällige, besser gerüstete Unwirklichkeit…“ Unversehens, in den schlaflos hellen Nächten, blitzen manchmal Gesichte und Visionen auf.

Bruder und Schwester verharren im wunschlosen Unglück, sie können nicht einmal richtig weinen oder den Verstand verlieren. „Wider Erwarten ging das Leben unverändert weiter.“

Ohne je in einen Klageton zu verfallen oder aufzubegehren, beschreibt die Schwester als Ich-Erzählerin namens Bianca desolate Zustände. Die Waisen verdingen sich mit niederen Jobs. Sie hilft in einem Frisiersalon aus, er in einem Bodybuilding-Studio. Ganz unten. Dort, wo man völlig ratlos oder besonders klarsichtig sein kann.

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