Fotokunst im Minutentakt – tolle Polaroidausstellung im NRW-Forum Düsseldorf

Oliviero Toscanis berühmtes Foto von Andy Warhol, mit Polaroid (1974).

Sie war ein Wunder der Technik. Die Kamera, die das Labor in sich trug. Auslöser gedrückt, kurz gewartet, fertiges Bild in der Hand: Mancher ist mit der Polaroid in den 70er, 80er Jahren auf Motivjagd gegangen, hat Reise-, Familien-, oder andere Erinnerungsfotos geschossen, und präsentierte stolz (oder enttäuscht) binnen Sekunden das papierene Ergebnis. Die Kamera, das große Spielzeug, ein Modell für jedermann.

Man mag das in Zeiten pixelhöriger Digitalfotografie belächeln, doch die Polaroids hatten allemal ihre ästhetische und freizeitkompatible Berechtigung. Und sie konnten, geriet die Kamera nur in professionelle Hände, zur bildmächtigen Kunst avancieren – ohne auf den Spaß verzichten zu müssen. Im Düsseldorfer NRW-Forum ergibt sich jedenfalls die schönste Gelegenheit, dem Phänomen Polaroid auf die Spur zu kommen.

500 Exponate – vom klassisch quadratischen Kleinformat zum großen Abzug, von Makroaufnahmen (André Thiessen) bis zu im Studio entstandenen Glamourfotos (Auke Bergsma), in schwarzweiß oder Farbe (teils von Hand nachkoloriert), Sachlichkeit (Martin Pudenz) oder erotisch Aufgeladenes (Helmut Newton) – sind zu sehen, zu entdecken, zu bestaunen. Die Ausstellung wirkt wie ein riesiger Experimentierbaukasten, eine bunte Spielwiese der fotokünstlerischen Kreativität. Dass manches dabei skurril anmutet, liegt wohl in der Natur der Sache.

Allein diese unförmigen Kästen, die sich Kameras nannten, ließen aufmerken. Denn die kiloschweren Balgengeräte, die 1948 auf den Markt kamen, wurden in der 70ern vom „Box Type Design“ abgelöst. Sperrig geformtes Fotografie-Instrumentarium mit Chemie im Innern: Das Patent auf die „Polarisationsfolien“ erhielt der Tüftler Edwin Land bereits 1933 in den USA. Schön waren diese Kästen eigentlich nie, aber die Technik ließ sich vervollkommnen. 1978 brachte Mamya eine Polaroid mit Wechselobjektiven heraus, gleichzeitig erschienen Kameratypen mit Autofokus und eingebautem Blitz.

Viele dieser Modelle sind in der Schau zu sehen, und sie dienten als Handwerkszeug einer unbändigen fotografischen Kreativität.  Stark im Ausdruck etwa Mark Powers „Two Women“ (1979). Ein Bild arrangierter Tristesse von zwei jungen Frauen, die Brünette im Schatten stehend mit verhangenem Geradeausblick, die zweite im Lichte sitzend, den Kopf zur Seite geneigt.

Oder Paul Hufs Vogelperspektivenblick auf eine karge Büroeinrichtung (1978). Ein Mann sitzt in schwerem Sessel, offenbar wartend, der Schreibtisch verwaist. Ein Bild von Leere und Verlorenheit. So verlassen wie auch der Raum, den Nicholas Dean 1965 fotografierte: ziemlich heruntergekommenes Gartenhäuschen-Interieur mit altem Ofen und einer Topfpflanze auf dem Tisch. Stark bei dieser Schwarzweißaufnahme indes auch die prägnante Licht-Schatten-Kombination.

Edwin Lands Mitstreiter in Sachen Polaroid war Ansel Adams. Der geniale Choreograph amerikanischer Landschaften wirkte am Unternehmenskonzept ebenso mit wie am Aufbau der legendären Polaroid Collection. Adams’ „Window, Bear Valley“ (1973) ist in der Düsseldorfer Schau zu sehen, Natur in Form einer hölzernen Wand, unruhig gemasert, und eines Fensters, das vor lauter Verwitterung eher schemenhaft zu erkennen ist.

Der zweite Raum im NRW-Forum begrüßt uns mit einem weit lichteren, ja witzigen Sujet. Da springen William Wegmans inszenierte Weimaraner ins Auge. Mit treuem hellem Hundeblick räkelt sich einer auf dem Sofa, ein anderer sitzt im Kinderstühlchen, ein weiterer ist verhüllt, als wäre Christo am Werk gewesen. Humor hier, Konstruktivismus dort: Barbara Kasten hat offenbar Malewitsch- oder El- Lissitzky-Motive in ihre elementaren Bestandteile zerlegt und neu zusammengefügt.

Der geneigte Betrachter sieht also: dem Prinzip Polaroid sind kaum kreative Grenzen auferlegt. Das Unternehmen indes machte 2008 pleite. Einer Wiener Firma, die die Restbestände kaufte, ist es aber zu danken, dass Polaroid noch immer lebt – und die Sammlung weiter wächst.

Die Ausstellung im NRW-Forum Düsseldorf ist noch bis zum 5.8.2012 zu sehen. Info unter www.nrw-forum.de

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2 Kommentare zu Fotokunst im Minutentakt – tolle Polaroidausstellung im NRW-Forum Düsseldorf

  1. Rudi Bernhardt sagt:

    Rüdiger Vogler sehe ich noch, sitzt in “Alice in den Städten” an einem Kanal und verknipst traumverloren einen Polaroid-Film. Ich wähnte mich schon nahe an einem neuen künstlerischen Medium, geil, wenn schon Wim das in einen Film einbaut.

  2. Bernd Berke sagt:

    Hatte auch mal so ein monströses Gerät. Man wähnte sich damit als Avantgarde.

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