Dennis Hoppers “Lost Album”: Ikonen einer wilden Zeit

Vor gut 40 Jahren hatte Dennis Hopper seine kleinformatigen Fotos direkt an die Wände im Fort Worth Art Center Museum in Texas montiert. Über 400 Schwarz-weiß-Fotos, aufgezogen auf Pappe, ohne Rahmen und Glas: eine unprätentiöse Installation von meist spontanen Schnappschüssen aus dem bewegten Leben eines künstlerischen Multitalents, das – wie kaum ein anderer – für die wilden, von exzessivem Drogenrausch und politischem Umbruch gekennzeichneten Sechziger Jahre steht.

Dennis Hopper: Andy Warhol, Henry Geldzahler, David Hockney, Jeff Goodman, 1963 (© The Dennis Hopper Trust / Courtesy The Dennis Hopper Trust)

Dennis Hopper: Andy Warhol, Henry Geldzahler, David Hockney, Jeff Goodman, 1963 (© The Dennis Hopper Trust / Courtesy The Dennis Hopper Trust)

Nach dem Ende der Ausstellung im Jahr 1970 verschwanden die heute legendären Fotos des als Schauspieler und Regisseur, Maler und Fotograf arbeitenden Künstlers in mehreren Kisten und galten lange Zeit als verschollen. Erst nach dem Tod von Dennis Hopper kamen sie 2010 wieder ans Tageslicht. Die Fotos, die jetzt unter dem Titel “The Lost Album” im Berliner Gropius-Bau gezeigt werden, haben erstmals ihren Weg nach Europa gefunden und sehen ein bisschen mitgenommen aus: Fingerabdrücke und Kratzer, zerfaserte Ecken und kleine Dellen. Einen besonderen Kunstanspruch, so die klare Botschaft, wollte Hopper mit seinen Fotos offiziell nie erheben.

Dennis Hopper: Paul Newman, 1964 (© The Dennis Hopper Trust, Courtesy of The Dennis Hopper Trust)

Dennis Hopper: Paul Newman, 1964 (© The Dennis Hopper Trust, Courtesy of The Dennis Hopper Trust)

Die Kamera war eben nur sein ständiger Begleiter. Und so drückte er schnell auf den Auslöser, wenn er sich mit Schauspielkollegen wie Paul Newman oder David McCallum traf, den Pop-Artisten Andy Warhol in seiner Factory besuchte, den Maler Robert Rauschenberg bei einer Performance mit Merce Cunningham beobachtete, die Musiker Ike und Tina Turner bei Schallplattenaufnahmen belauschte, zusammen mit tausenden Demonstranten Martin Luther King bei Friedensmärschen begleitete oder in Los Angeles in blutige Unruhen geriet.

Dennis Hopper war ein künstlerischer Tausendsassa, ein schwieriger Mensch, der sich, nach ersten Erfolgen neben James Dean in “Denn sie wissen nicht, was sie tun” und “Giganten”, mit den Hollywood-Bossen überwarf und lange Zeit in der Traumfabrik gemieden wurde. Als Regisseur und Darsteller in Filmen wie “Easy Rider”, “The Last Movie” und “Out of the Blue” genießt er heute Kultstatus, und seine Auftritte in Wim Wenders “Der amerikanische Freund”, Francis Ford Coppolas “Apokalypse Now” und David Lynchs “Blue Velvet” sind legendär.

Dennis Hopper: "Guy with 5 Hogs", 1916-67 (© The Dennis Hopper Trust / Courtesy of The Dennis Hopper Trust)

Dennis Hopper: "Guy with 5 Hogs", 1916-67 (© The Dennis Hopper Trust / Courtesy of The Dennis Hopper Trust)

Doch Hoppers Interesse galt nicht nur dem Film, er schaute über den künstlerischen Tellerrand, malte, fotografierte, sammelte zeitgenössische Kunst. Auch davon erzählen die jetzt wieder gefundenen Fotos. Sie sind ein mal poetisches, mal politisches Panorama einer Epoche. Künstler wie Claes Oldenburg und Jasper Johns, Musiker wie The Byrds und Jefferson Airplane, LSD-Papst Timothy Leary, auf der Straße lebende Penner, im Müll spielende Kinder, tanzende Hippies im Park, herunter gekommene Tankstellen, Bier saufende Biker der Hells Angels, Stierkämpfer im mexikanischen Tijuana, auf die Wände gesprühte Graffiti, Schaufensterpuppen, Werbeplakate: Hoppers Foto-Motive sind genauso vielfältig wie seine Bildsprache.

Dennis Hopper: "Double Standard", 1961 - Location: Los Angeles, California, USA (© The Dennis Hopper Trust / Courtesy of The Dennis Hopper Trust)

Dennis Hopper: "Double Standard", 1961 - Location: Los Angeles, California, USA (© The Dennis Hopper Trust / Courtesy of The Dennis Hopper Trust)

Die Fotos gleichen einem Roadmovie, mal sind sie abstrakt, mal expressiv, mal wie beißende Sozialkritik, und immer sind sie intensiv, atmosphärisch aufgeladen, voller Anteilnahme. Sie sind ein fotografischer Schatz und illustre Zeugnisse einer dynamischen Epoche. Die jetzige Berliner Ausstellung versucht die Foto-Schau von 1970 zu rekonstruieren und ersetzt einige endgültig verlorene Bilder durch neue Abzüge. Eine große Verbeugung vor einem großen Künstler. Dass mehrmals am Tag in einem Nebenraum ein langhaariger, bekiffter Dennis Hopper auf seinen Motorrad den “Easy Rider” mimt und dabei laut Steppenwolfs alte Pop-Hymne “Born to be wild” ertönt, ist nicht nur stilecht, sondern auch folgerichtig.

Dennis Hopper: "Andy Warhol and Members of the Factory" (Gregory Markopoulos, Taylor Mead, Gerard Malanga, Jack Smith), 1963 (© The Dennis Hopper Trust / Courtesy of The Dennis Hopper Trust)

Dennis Hopper: "Andy Warhol and Members of the Factory" (Gregory Markopoulos, Taylor Mead, Gerard Malanga, Jack Smith), 1963 (© The Dennis Hopper Trust / Courtesy of The Dennis Hopper Trust)

Dennis Hopper – The Lost Album. Vintage-Fotografien aus den 1960er Jahren, Martin-Gropius-Bau, Berlin, bis 17. Dezember, Mi-Fr 10-19 Uhr, Di geschlossen, Eintritt 7, ermäßigt 4 Euro, bis 16 Jahre freier Eintritt, Katalog in der Ausstellung 24 Euro (im Buchhandel 49,95 Euro).

Außerdem im Gropius-Bau: Fotografien zur Fußball-Ästhetik

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Ein Kommentar zu Dennis Hoppers “Lost Album”: Ikonen einer wilden Zeit

  1. Anke Demirsoy sagt:

    Ein treffender Bericht und schön zu lesen. (Habe die Ausstellung zufällig auch gesehen.)

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