Öffnung neuer Horizonte: Musik von Frauen beim Essener Festival „her:voice“

Dirigentin Nil Venditti mit den Essener Philharmonikern. (Foto: Volker Wiciok)
Ein ganzes langes Wochenende Musik von Frauen: Das dürfte es in NRW bisher nie gegeben haben. Detmold, Dortmund und Essen stellten lang vergessene, verschollene und ignorierte Musik von Komponistinnen auf den Prüfstand – mit erstaunlichen Ergebnissen. Was da zwischen 1845 und heute an Oper, Sinfonik, Konzert und Kammermusik entstanden ist, verdient in jedem Fall Beachtung.
Einen „Frauen-Bonus“ braucht es dabei nicht: Das Geschlecht der Schöpferin ist nicht entscheidend, um Musik analysieren, genießen oder bewerten zu können. Sehr erheblich wird die Herkunft von Mann oder Frau allerdings, wenn es um Entstehungsbedingungen und vor allem die Überlieferung geht. Die Mehrzahl der Werke von Komponistinnen blieb ungedruckt. Andere wurden zwar publiziert, aber selbst nach erfolgreichen Aufführungen in Archive verbannt, wo sie erst gezielte Suche ans Tageslicht brachte. Und an kritische Editionen oder spielbares Notenmaterial war bis in die jüngste Gegenwart nicht zu denken.
Ein Beispiel ist das Cellokonzert op. 10 der in Köln geborenen Maria Herz, das im Zentrum des Sinfoniekonzerts der Essener Philharmoniker stand. Die Solistin Raphaela Gromes hat dieses um 1930 entstandene Konzert dank eines Hinweises des Enkels der Komponistin, Albert Herz, entdeckt und erstmals in Deutschland aufgeführt. Inzwischen bietet es der Verlag Boosey & Hawkes zusammen mit mehr als einem Dutzend der rund 30 Werke von Maria Herz in seinem Programm an. Raphaela Gromes spielte das Cellokonzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Anna Rakitina ein. Sie leistete mit ihren Alben „Femmes“ und „Fortissima!“ einen viel beachteten Beitrag zur Sichtbarkeit von Komponistinnen und unterstützte ihre Bemühungen auch durch ein Buch.

Raphaela Gromes (Foto: Volker Wiciok)
Vergebliches Bemühen um eine Uraufführung
Maria Herz hat sich in Köln vergeblich um die Uraufführung ihres Cellokonzerts bemüht. Wie weit das mit Misogynie im damaligen Musikbetrieb zu tun hat, ist zu klären. Nachprüfbar ist, dass das einsätzige, aber durch drei Kadenzen klar gegliederte Konzert kein Futter für extrovertierten Virtuosenglanz oder Spieltechnik-Nerds bietet. Das Werk fordert eher Sinn für Atmosphäre und ein Gefühl für die aparte Zwiesprache mit ungewöhnlichen Orchesterpartnern wie Flöte oder Fagott. Die kraftvolle Geste, das ausladende Lagenspiel, den triumphalen Ton erwartet man vergebens.
Dafür baut Raphaela Gromes auf ihrem Bergonzi-Cello von 1740 einen weiträumigen Spannungsbogen auf: Vom dunklen, unbestimmten Beginn und einem fast unmerklich sich lösenden Pianissimo auf der tiefsten Saite tastet sich der Solopart in die Höhe, sinkt wieder ab, wenn das Tamtam eine Zäsur zischelt, sammelt sich erneut und findet allmählich zu kantabler Verdichtung. Die fragile Balance mit dem Orchester schafft eine meditative Atmosphäre, die sich nach der ersten Kadenz mit rhythmischen Pizzicati ins Tänzerische löst.
Hier hört man den Sound der Zwanziger Jahre: Jetzt steigen auch die Holzbläser in den lebendigen Austausch ein. Kühnes Sprengen der Tonalitätsgrenzen und fugengestützte Steigerung kennzeichnen den letzten Satz; das Orchester setzt einen scharf fokussierten Schlusspunkt. Die Essener Philharmoniker folgen der dynamisch agierenden Dirigentin Nil Venditti auf den Punkt; die tiefen Streicher gefallen mit düster schwebenden Piani, korrespondieren sensibel mit dem ausgeglichen unangestrengten Ton der Cellistin. Tief bewegend die Zugabe, „Tropar“ der ukrainischen Komponistin Hanna Havrylets, die vier Tage nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine 2022 starb, weil eine ärztliche Versorgung nicht möglich war.
Magische Klänge aus Irland
Zu Beginn das zu ihren Lebzeiten einzige gedruckte Werk von Ina Boyle, für das sie 1919 den Carnegie-Preis errang: „The Magic Harp“ ist eine stimmungsvolle Rhapsodie für Orchester, ein zaubrisches, formal freies, tief in der Klangwelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurzelndes Werk. Boyle wuchs in Irland in ländlicher Abgeschiedenheit auf, erhielt privaten Musikunterricht, erweiterte aber nach und nach ihren Erfahrungshorizont und studierte schließlich bei Ralph Vaughan Williams.

Die Dirigentin Nil Venditti. (Foto: Volker Wiciok)
Farbiges und üppiges Orchester
Natürlich ist die Harfe, das Symbol Irlands, das Hauptinstrument, von Juan Antonio García Díaz hingebungsvoll gespielt. Ein eröffnendes Hornsignal zum Raunen tiefer Streicher lässt an die Mystik erinnern, die mit der irischen Sagenwelt versponnen wird. Dem Stück merkt man nicht an, dass seine kaum 30jährige Komponistin keine Erfahrung mit der Orchesterarbeit hatte. Die Bassklarinette färbt den Klang düster-unheimlich; an anderer Stelle malen die Holzbläser eine bukolische Idylle. Boyle schreibt eingängige Melodien, ohne sie arios auszubauen, scheut sich aber auch nicht vor luftigen Dissonanzen. Nil Venditti und die Essener Philharmoniker lassen sich willig auf die träumerische Klangwelt ein und adeln die Musik mit feinem Klangsinn: ein Werk, das es verdient, häufig aufgeführt zu werden.
Nicht weniger eindrucksvoll präsentieren die Essener Philharmoniker die Zweite Sinfonie der Französin Louise Farrenc. Sie genoss den Vorteil einer Ehe mit einem Musikverleger; ihre Werke wurden erfolgreich aufgeführt, hoch geachtet, dennoch rasch vergessen. Erst in den Neunziger Jahren startete eine Edition ihrer Werke. Das in Venedig angesiedelte Zentrum Palazzetto Bru Zane sorgt für die Verbreitung ihrer Musik. Dieses von einer Mäzenin finanzierte „Centre de musique romantique française“ unterstützt auch die Essener Aufführung.
Farrencs 1846 uraufgeführte Sinfonie erweist sich auf der Höhe der Entwicklung nach Beethoven, greift auf die Wiener Klassik zurück und lässt das Orchester farbig und üppig glänzen. Farrenc schreibt energiegeladene Musik, in der Einleitung, aber auch den kontrapunktischen Teilen mit ihrem drängenden Gestus an Beethoven erinnernd, in der lockeren Eleganz des zweiten Satzes unverkennbar von Haydn inspiriert – oder stehen nicht Mozart und sein Pariser Konkurrent Giuseppe Cambini Pate für diese feinsinnige Musik? In den Holzbläsern hört man Farrencs Lehrer Antonín Reicha, dessen Bläserquintette bis heute reizvolle Unterhaltung bieten. In all den Bezügen findet Farrenc jedoch einen eigenen Ton, der auch diese Sinfonie zu Repertoireehren verhelfen sollte.
Das Sinfoniekonzert eröffnete das Festival „her:voice“ des Aalto-Musiktheaters. Zum vierten Mal verbindet es Wissenschaft und Musikpraxis in einem Symposion, Vorträgen, Kammerkonzerten und einer Aufführung der Oper „Die Fritjof-Saga“ der schwedischen Komponistin und Organistin Elfrida Andrée auf ein Libretto von Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagerlöf. Vorbildlich die Zusammenarbeit mit Universitäten in Essen, Wien und Zürich, ebenso die Förderung durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Die geneigten Zuhörer konnten so etwa Musik von Clara Schumann, Maria Herz, Florence Price, Germaine Tailleferre, die Zweite Orgelsinfonie von Elfrida Andrée und die Uraufführung von „Gespräch“ für Streichquintett und Klavier der 2009 geborenen Jungstudentin an der Folkwang Universität der Künste Essen, Johanna Pauli, erleben.
Auch wenn das Echo beim traditionellen Konzertpublikum eher verhalten ist – der Saal beim Sinfoniekonzert war längst nicht so voll wie sonst –, sind solche Initiativen Gold wert. Sie öffnen den Horizont und verhindern, dass die klassische Musik zum Wiederholungsritual des Immergleichen und Altbekannten verkümmert.