Einsame Helden – Leben und Werk von Martin Scorsese in der Deutschen Kinemathek

Viele von Martin Scorseses Figuren sind jung, männlich und gewaltbereit. Dabei entstehen Filmsequenzen, die sich für immer ins Gedächtnis einbrennen.

Am eindrücklichsten hat vielleicht Robert De Niro diese verlorenen, einsamen Anti-Helden in Scorseses frühen Filmen verkörpert: Nie wird man vergessen können, wie er in „Taxi Driver“ (1976) in die Rolle des durch den Vietnamkrieg traumatisierten Travis Bickle schlüpft, vor dem Spiegel seinen Revolver zückt und Posen probt, sich schließlich in eine Kampfmaschine verwandelt und einen blutigen Rachefeldzug beginnt.

In Scorseses späteren Filmen hat Leonardo DiCaprio die Rolle des „Lonely Heroe“ übernommen: In „Shutter Island“ (2010) ist er ein von Kriegserlebnissen und Schuldgefühlen zermürbter Mann, der glaubt, in eine Verschwörung geraten zu sein, weil er die Wahrheit über sich selbst nicht ertragen kann.

Eine Ausstellung über Leben und Werk des 1942 in New York geborenen Filmemachers Martin Scorsese ist ohne die einsamen Helden nicht denkbar. Deshalb widmet sich ein ganzer Raum der Deutschen Kinemathek in Berlin diesem zentralen Thema: Da sieht man Filmfotos und Drehbuchfassungen, Kostüme und Plakate, auf mehreren Bildschirmen laufen Filmausschnitte. Einer zeigt Willem Dafoe in der Rolle von Scorseses kompromisslosester Heldenfigur, Jesus Christus. In „The Last Temptation of Christ“ („Die letzte Versuchung Christi“, 1988) spielt Dafoe einen ebenso zweifelnden wie verzweifelten Weltenretter: Er ritzt einen Kreis in den steinigen Boden, hockt sich nieder und erklärt Gott, seinem Vater, er werde diesen Platz erst wieder verlassen, wenn Gott zu ihm spricht. Hier begehrt nicht nur Jesus auf, hier spricht auch ein Regisseur, der als junger Mann Priester werden wollte und, nach dem Rauswurf aus der Jesuitenschule, zu einem der einflussreichsten zeitgenössischen Filmemacher avancierte.

Es ist nicht nur weltweit die erste umfangreiche Ausstellung zu Martin Scorsese, sie schafft es auch, den Regisseur als großen Stilisten und Archäologen des Kinos zu zeigen. Ob Inspirationsquellen und Arbeitsweisen, Schauplätze und Lebensthemen: Die mit über 600 Exponaten und mit unzähligen Medien und Monitoren reich bestückte Schau umkreist den charismatischen Regisseur von allen Seiten. Vom Projekt überzeugt, haben Scorsese, Robert De Niro und andere Sammler ihre Privatarchive weit geöffnet.

Zum Vorschein kamen beispielsweise das Storyboard zu „Mean Streets“ („Hexenkessel“, 1973), das Kostüm, das Cate Blanchett in der Rolle der Katharine Hepburn in „Aviator“ (2004) trug, die Boxhandschuhe und die Boxing Shorts, die Robert De Niro in „Raging Bull“ („Wie ein wilder Stier“, 1980) am verschwitzen Körper hatte, Szenenentwürfe für „Gangs of New York“ (2002), eine Bildergalerie aus Scorseses Elternhaus, Filmverträge und Korrespondenzen, Schallplatten, Zeichnungen; dazu zahllose Dokumente, die Leben und Werk des in „Little Italy“ aufgewachsenen Regisseurs, der zum Chronisten New Yorks wurde und dessen Oeuvre rund 50 Titel umfasst, darunter 30 abendfüllende Filme.

Um Schneisen ins Dickicht zu schlagen, haben die Ausstellungsmacher thematische Annäherungen vorgenommen. Neben den „Lonely Heroes“ widmet sich ein Raum der italienischen Familie, die immer wieder als behütender Schutzraum und als reglementierende Macht in Scorseses Filmen auftaucht; ein anderer den „Brüdern“, die (wie in „Raging Bull“) aufeinander aufpassen müssen, um nicht zu scheitern. Ein Kapitel dreht sich um die Kamera, andere erzählen vom Schnitt und von der Musik.

Immer wird deutlich, dass Scorsese jedes Detail, jede Zeitlupe, jede Beschleunigung, jede Atmosphäre schon im Voraus bis ins Kleinste durchplant. Kameramann Michael Ballhaus, der mehrfach mit Scorsese zusammen arbeitete, und Cutterin Thelma Schoonmaker, die seit 32 Jahren Scorseses Filme montiert, können ein Lied davon singen.

In der Ausstellung, die ein Jahrhundert-Genie präsentiert, das schon als 11-jähriger (!) Junge Storyboards zeichnete, kann man sich stundenlang verlieren. Einen Raum möchte man allerdings fluchtartig wieder verlassen: Auf mehreren Leinwänden wird gemein, gewissenlos und oft zynisch grinsend gemordet. Eine ästhetisch überhöhte Gewalt- und Blut-Orgie. Auch das ist Scorsese.

Martin Scorsese, Ausstellung: Deutsche Kinemathek, Museum für Film und Fernsehen, Potsdamer Str. 2, 10785 Berlin. Bis zum 12. Mai 2013. Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr. Eintritt regulär 7 Euro, ermäßigt 4,50 Euro.

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