Peter Handke: Mal provokant, mal priesterlich

Es muss ein starker Auftritt gewesen sein, damals im Jahre 1966: Frontal attackierte ein 23-Jähriger mit Beatle-Frisur und dunkler Brille die in Ehren ergrauten Nachkriegs-Größen der deutschen Literatur. In Bausch und Bogen warf der zornige junge Mann der in Princeton (USA) tagenden „Gruppe 47” fruchtlose „Beschreibungs-Impotenz” vor.

Das nachfolgende Geraune kann man sich ungefähr vorstellen: Wie kann dieser Jungspund es nur wagen, uns alle auf diese Weise . . .

Der Provokateur hieß Peter Handke und hatte seinerzeit nur einen Text („Die Hornissen”) veröffentlicht. Jetzt wird er 65 Jahre alt und hat ein Werk von enormer Fülle und Prägekraft geschaffen.

Längst hat er eine Gemeinde um sich geschart, die seine zuweilen geradezu priesterlich gesetzten Worte gläubig aufnimmt. Seit er allerdings im Kosovo-Konflikt ab 1996 ungeahnt starrsinnig für Serbien und den Diktator Slobodan Milosevic Partei ergriffen hat, verweigerten ihm einige die „Jüngerschaft”. Tatsächlich war seine Querköpfigkeit in diesen Fragen vielleicht biographisch und psychologisch, nicht aber politisch nachvollziehbar.

In seinen besten Büchern hat Handke sich als „Seher” erwiesen, gesegnet mit feinster Beobachtungs- und Formulierungs-Gabe, die sich besonders den unscheinbaren, vergehenden und bedrohten Verhältnissen behutsam zu-wendet. So über alle Maßen detailsinnlich geht es dabei oft zu, dass es keineswegs nur verstiegene Innerlichkeits-Prosa ist, sondern eine höchst eigene, durchaus welthaltige Literatur.

In Text-Gebirgen wie „Mein Jahr in der Niemandsbucht” oder „Der Bildverlust” konnten sich Leser auch schon mal verirren. Doch seine Bücher bergen stets kostbare Funde. Sie gleichen langen Wanderstrecken, wie denn dieser Autor auch buchstäblich ein großer Wanderer der Literatur ist. Das Gehen als eine Daseinsform – wie das Schreiben.

Berühmt wurde seine von Widerspruchsgeist getriebene „Publikumsbeschimpfung” (Uraufführung durch Claus Peymann 1966), die im Handstreich das gesamte Zeichen-System des Theaters verwarf. Gewiss wirkten der allen Systemen abholde Protest-Furor von 1968 und die Lebensimpulse der Rockmusik (über die er wunderbare Texte wie „Versuch über die Jukebox” geschrieben hat) auch bei Handke. Im Bann der damals herrschenden Pop-Kultur interessierte sich der leidenschaftliche „Kinogeher” (just so hieß auch Handkes Übersetzung eines Buchs von Walker Percy) für Kulturphänomene wie James Bond, Schlagertexte und Fußball. Von wegen nur weltfremd!

Immer entschiedener richtete Handke sein Augenmerk aufs Projekt einer „Rettung” des geduldigen, unverstellten, von keiner schnellen Meinung getrübten Blicks auf die Welt. Gelegentlich schwelgte er dabei in verklä-render Ding-Betrachtung. Doch seine Literatur erschloss auch utopisches Gelände.

Nicht das geringste Verdienst Handkes ist es, dass er auf andere herausragende Autoren aufmerksam gemacht hat, die vergessen zu werden drohten – zum Beispiel Hei-mito von Doderer, Hermann Lenz oder Emmanuel Bove.

Manche seiner Titel wurden sprichwörtlich: Handke beschwor die existenzielle „Angst des Tormanns beim Elfmeter”, stellte eigensinnig klar „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms”, wog „Das Gewicht der Welt” und beschwor „Die Stunde der wahren Empfindung”.

Überdies hat er ungemein innige Texte aus familiärer Nahsicht verfasst: Nach dem Freitod seiner Mutter entstand ihr bewegendes Lebensbild „Wunschloses Unglück”. In der „Kindergeschichte” kam die zwiespältige Beinahe-Symbiose mit seiner ersten Tochter Amina zu leuchtender Sprache. Man sieht: Auch an der Schwelle zum Elfenbeinturm macht das alltägliche Leben nicht Halt.

Zur Person:Foto: Wild + Team Agentur UNI Salzburg (Creative Common Lizenz, Wikipedia)

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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