Ein Mann und acht Kinder – Günter Grass‘ neuer Band „Die Box“

Man kennt das von früher: Gelegentlich wurde man zu Dia-Abenden eingeladen – und die konnten sich arg hinziehen. Heute zeigt man Fotos gern auf dem Laptop, digital sind’s noch mehr als ehedem. Warum diese Einleitung? Weil uns Günter Grass jetzt gleichsam zum literarischen Diavortrag einlädt. Schier uferlos erzählt er dabei Anekdoten über seine vielen Kinder.

Um das Mindeste zu sagen: Acht Kinder mit vier Frauen stehen biographisch zu Buche, davon sechs „eigene” und zwei, die halt innig zur Patchwork-Familie hinzu gehören. Vielleicht, so lässt Grass in seinem neuen Buch „Die Box” durchblicken, gebe es ja irgendwo sogar noch weiteren Nachwuchs. „Mariechen”, der zierliche, ebenso mädchen- wie hexenhafte Hausgeist dieses Buches, fasst es in diese Worte: „Achachach. Son Kuddelmuddel.” Das alles ist freilich noch kein literarischer Potenzbeweis.

Die Zauber-Kamera sieht einfach alles

Der Nobelpreisträger greift diesmal keineswegs in düstere Kriegs-Vergangenheiten. Diese Debatten hat er offenbar gründlich satt. Er möchte statt dessen endlich einmal seine Kinder zu Wort kommen lassen, die einst wohl unter seinem steten Schaffensdrang gelitten haben. Zum Spielen hatte er jedenfalls keine Zeit, wie er eingesteht. Offenbar will er späte Abbitte leisten für etwaige Unbill, für Unordnung und frühes Leid. Dieser Impuls hat etwas Anrührendes. Wie jeder Mensch, so will eben auch Grass von den Seinen geliebt werden. Zudem ist es angenehm, dass der politisch oft volltönend selbstgerechte Autor sich diesmal fast völlig zügelt.

In welcher Form bringt Grass die Kinder zur Sprache? Nun, in neun Kapiteln treffen sich die Sprösslinge an wechselnden Orten, um an diversen Esstischen über frühere Zeiten (60er bis 90er Jahre) und ihren berühmten Vater zu reden. Da mithin alles im Sitzen geschieht, ist dem Buch von vornherein eine gewisse Statik eigen. Für etwas Bewegung sorgen nur einige der aufgetischten Erinnerungen. Ein Tonband läuft jedenfalls immer mit. So die Fiktion. Doch natürlich führt der Patriarch Günter Grass Regie.

So kommt es, dass eher milde Kritik an „Vatti” einfließt und keines der Kinder unverwechselbare Kontur gewinnt. Sie reden alleweil wild durcheinander – über Schulprobleme, kleine Nöte oder Vergehen von „damals”. Kommt in den besten Familien vor. Nebenher läuft Zeitgeschichte bis nach dem Mauerfall mit. Als Leitlinie dienen Vaters Bücher seit den „Hundejahren”.

Das Stilmittel der vielfach mittendrin abgebrochenen Sätze wirkt penetrant. Überdies hat sich Grass eine recht erkünstelte „Jugendsprache” ausgedacht. Die mittlerweile längst erwachsenen Kinder-Figuren dürfen hier getrost schon mal für Papa Partei ergreifen, etwa so: „ . . . wie er das jedesmal hingekriegt hat: ein Bestseller nach dem anderen, gleich was die Zeitungsfritzen darüber zu meckern hatten.”

Was aber besagt die Titel gebende „Box”? Es handelt sich um eine alte Afga-Kamera, mit der „Mariechen” (Vorbild: Grass‘ 1997 verstorbene Haus- und Hoffotografin Maria Rama, der das Buch gewidmet ist) das wirre Familienleben über Jahrzehnte begleitet hat. Der Clou: Ihr Apparat kann zauberisch in Zukunft und Vergangenheit blicken, woraus sich etliche Dunkelkammer-Phantasien zwischen Hoffnung und Ängsten ergeben. Doch auch dieses Motiv, das schriftstellerische Fabulierlust aufruft, wird etwas über Gebühr strapaziert.

Wie bei einem liebenswert umständlich präsentierten Dia-Abend vernimmt man also die familiären Erinnerungen. In den besten Momenten findet Grass zu einer ungeahnten Leichtigkeit; beispielsweise, wenn er auf seine allzeit „starken Frauen” und seinen Mutterkomplex zu sprechen kommt. Doch, ach, wie viel stockender Redefluss bis zu solchen Inseln!

INFO

Günter Grass: „Die Box”. Steidl Verlag, Göttingen. 215 Seiten, 18 Euro.
• Am 29. August ist der offizielle Erscheinungstag. Allerdings liegt der Band bereits seit Tagen im Buchhandel vor.
• Unbewiesene Vermutung: Der Steidl Verlag habe diese Strategie bewusst gewählt, um gleich zu den Lesern zu gelangen – ohne den „lästigen Umweg” über die Rezensenten.
• Die heftige Kritik am Vorgänger-Buch „Beim Häuten der Zwiebel” (mit Grass‘ allzu spätem SS-Eingeständnis) mag dabei eine Rolle gespielt haben.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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