“Geliebte Jane”: Der Wille zur Romanze

Wie wird eine kluge Frau um das Jahr 1795 zur Schriftstellerin? Wie war das beispielsweise bei Jane Austen, die Klassiker wie „Stolz und Vorurteil” verfasst hat? Solche Fragen will der Film „Geliebte Jane” nicht nur stellen, sondern für alle Zeit beantworten.

Die Britin Jane Austen (1775-1817) galt den Biographen lange Zeit als „ältliche Jungfer”. 2003 erschien dann ein Buch von John Spence, der herausgefunden haben wollte, dass es doch eine leidenschaftliche Affäre gab, die Jane für ihr restliches (allzu kurzes) Leben geprägt hat. Ohne diese Episode, so die These, wäre sie eine ganz andere oder womöglich gar keine Autorin geworden.

Diesen Befund nimmt sich Julian Jarrolds Film so sehr zu Herzen, dass er ihr Schaffen fast nur aus diesem amourösen Punkt heraus zu erklären sucht. Es herrscht der Wille zur Romanze. Zu diesem Zweck wird Jane zur unwiderstehlichen Schönheit stilisiert: Die zarte, aparte Anne Hathaway spielt den Part. Schon ist man geneigt, an Liebe zu glauben. Entzückend!

Die Sache ist die: Ihre Eltern wollen Jane in eine Versorgungsehe mit dem furchtbar linkischen, maulfaulen, aber begüterten Mr. Wisley drängen. Jane müht sich, ihm und der Entscheidung aus dem Wege zu gehen. Quasi punktgenau taucht der sprühend intelligente junge Ire Tom Lefroy (James McAvoy) auf. Der macht sich anfangs nur lustig über das Landei Jane. Sie dreht sich im provinziell braven Tanze, er zeigt ihr danach die wüsten Boxbuden auf dem Jahrmarkt. So roh ist das Leben, Verehrteste!

Gegen Toms arrogante Attitüden setzt sie sich empört, dann seufzend zur Wehr. Vergebens! Die beiden verdrehen einander die Köpfe. Das ist nett anzuschauen, weil durchweg pittoresk ins Bild gesetzt und sehr ordentlich gespielt. Ein Kostüm- und Konversationsfilm mit kleinen, feinen Kamera-Seitenblicken für ironiehaltige Momente. Wo Fassung und Formen noch so streng gewahrt werden, gibt’s viel zu grinsen.

Leider ist auch besagter Tom finanziell abhängig – von seinem Onkel, einem „Kopf-ab”-Richter. Der mag die Liaison mit Jane partout nicht billigen, die für seine Begriffe zu frech und eigenständig denkt. Und schon zieht sich der Feigling Tom zurück. Geld frisst Liebe, Patriarchat tötet Gefühle.

Folge: Jane schreibt ihr Leiden fiebrig nieder und wird somit flugs zur großen Schriftstellerin. Diesen vorbestimmten, wundersamen Wandel freilich kann der Film nicht beglaubigen. Nicht jede Frau, die wir im Kino schreiben sehen, geht ohne weiteres als gereifte Schriftstellerin durch. Diese Jane ist einfach zu schön, um wahr zu sein.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt. Und künftig erst recht.
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