Subversive Energien – Berliner Akademie zeigt Kunst auf Postkarten und Briefen

Wir tauschen ständig digitale elektronische Botschaften aus. Aber wann schreiben wir noch – in alter analoger Tradition – einen langen Brief mit Liebesschwüren oder eine Postkarte, vielleicht sogar mit witzigen Bemerkungen?

Dass Briefe und Postkarten einen künstlerischen und politischen Wert haben, zeigt „Arte Postale“, eine Ausstellung in der Akademie der Künste in Berlin: Sie umfasst 700 Exponate, dabei auch einige Perlen aus der privaten Sammlung von Akademie-Präsident Klaus Staeck, der als bekennender Fan satirisch-politischer Postkarten und Plakate berühmt und berüchtigt ist.

Daniel Spoerri: "Marienplatz und Frauenkirche", 1972 (Postkarte der Edition Staeck, Offsetdruck, 10,5 x 14,8 cm / Sammlung Staeck / © Edition Staeck, Heidelberg / VG Bild-Kunst, Bonn 2013)

Daniel Spoerri: „Marienplatz und Frauenkirche“, 1972 (Postkarte der Edition Staeck, Offsetdruck, 10,5 x 14,8 cm / Sammlung Staeck / © Edition Staeck, Heidelberg / VG Bild-Kunst, Bonn 2013)

Es ist eine Ausstellung, an der man sich nicht sattsehen kann: Holz- und Filz-Postkarten von Joseph Beuys, politische Grafitti-Karten von R. A. Penck, poetische Briefe von Peter Rühmkorf, Schreib-Zeichnungen von Hanne Darboven, größenwahnsinnige Kunstprovokationen von Jonathan Meese, aquarellierte Briefe von Dichterin Sarah Kirsch. Anrührend: ein Brief von Else Lasker-Schüler, in dem sie sich zum orientalischen „Prinz Yussuf von Theben“ stilisiert und ihre Fantasien mit kindlichen Zeichnungen ausschmückt.

Einar Schleef, Berlin (Ost), an Gertrud Schleef, Sangerhausen, 26.5.1978 (Brief mit farbrigen Zeichnungen, Filzstift, 29,7 x 21,0 cm - Einar-Schleef-Archiv, Akademie der Künste, Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2013)

Einar Schleef, Berlin (Ost), an Gertrud Schleef, Sangerhausen, 26.5.1978 (Brief mit farbrigen Zeichnungen, Filzstift, 29,7 x 21,0 cm – Einar-Schleef-Archiv, Akademie der Künste, Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2013)

Außerdem geht es um subversive Energien der Mail-Art, Korrespondenzen zwischen Ost und West über die Mauer hinweg, politisch-künstlerische Briefe, die in südamerikanischen Diktaturen zirkulierten. Erschreckend: Stasi-Akten, die belegen, dass man Künstler-Postkarten sammelte und auswertete, um gegen die Mail-Art-Szene der DDR vorzugehen.

Man kann die Ausstellung als Aufforderung verstehen, die alten Traditionen nicht gänzlich aufzugeben, schon weil sie Fantasie und Kreativität fördern und die Inhalte von der Obrigkeit viel schwerer zu kontrollieren sind als Mails, SMS und Twitter-Botschaften, die von den Geheimdiensten mitgelesen werden.

Besucher können auch gleich selbst anfangen, indem sie Postkarten der Ausstellungs-Exponate erwerben, sie beschreiben und bemalen und in einen extra aufgestellten Briefkasten einwerfen, der täglich geleert wird.

„Arte Postale“, Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 10117 Berlin. Bis 8. Dezember 2013.

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