Martin Walser wird 80: Panoptikum der Mittelschicht

Handelsvertreter, Chauffeur, Werbefachmann, Studienrat, Leitender Angestellter einer Zahnersatz-Firma. Schon ein Auszug aus der Berufsliste, die Martin Walser in seinen Romanen erkundet, lässt ahnen: Hier ist einer durch etliche Untiefen des Kleinbürgertums gewatet. Der literarische Schwerarbeiter wird morgen 80 Jahre alt.

Der Gastwirtssohn vom Bodensee hat, wenn schon kein literarisches Universum, so doch ein schattierungsreiches Panoptikum der deutschen Mittelschicht errichtet.

Des Kleinbürgers ständiger Zwiespalt ließe sich analog zur Bundesliga skizzieren: mal Abstiegsangst, mal Überlegenheits-Phantasien. Mit Walsers Büchern, angefangen bei den famosen „Ehen in Philippsburg” (1957) und der Anselm-Kristlein-Trilogie („Halbzeit”, „Das Einhorn”, „Der Sturz” – 1960 bis 1973), kann man das Innenleben solcher Gestalten mit allen Anpassungsnöten und Versagensängsten nachfühlen.

Walser zeigt Menschen, die halbwegs „nach oben” gekommen sind, am dringlichsten nach ihrem Zenit – in Phasen des Innehaltens, wachsender Isolation, eben bei der „Seelenarbeit” (Roman, 1979) des Scheiterns. Bezeichnend auch der Titel des Romans von 2006: „Angstblüte”. Dieser botanische Ausdruck meint das allerletzte Aufblühen vor dem Vergehen.

Dieser Schriftsteller will aber auch im Wort bewahren, was noch nicht vollends beschädigt ist. Anfangs mit ätzender Schärfe registrierend, verfolgt Walsers Prosa später ein „Rettungs-Programm”. Ungestillte Sehnsucht nach Harmonie tritt gelegentlich (etwa in „Der Lebenslauf der Liebe”, 2001) redselig, ja fast kitschig hervor. Oder ist es milde Altersweisheit, die gelten lässt und gönnt?

Wie viele große Autoren, so wurzelt auch Walser in einer Region. Was Dublin für Joyce war, Köln für Böll und Danzig für Grass, ist der Bodensee für Walser. Doch all diese Ortschaften erweitern und verdichten sich in den Büchern zur Welt.

Regional verwurzelt,
doch politisch
stark verwandelt

Auch dies wird man nebenbei erwähnen dürfen: Walsers vier Töchter Franziska, Alissa, Johanna und Theresia verkörpern in Literatur, Schauspiel und Malerei eine derart geballte Kreativität, wie sie zuvor allenfalls in Thomas Manns Familie zu finden war.

Zu Zeiten des Vietnamkrieges hegte Walser noch Sympathien für den Kommunismus („Die Gallistlsche Krankheit”, 1972). Wer hätte damals gedacht, dass er einmal als CSU-Gastredner in Wildbad Kreuth auftreten würde? Folgte er ehedem einem sozialistischen „Auftrag” an die Literatur, so hält er sich nun längst an geistige Leitfiguren wie Nietzsche und Heidegger.

Sehr zeitig hat Walser das Schmerzliche an der deutschen Teilung verspürt und benannt. Man müsse diese „Wunde” offen halten, befand er 1987. Seine Romane „Dorle und Wolf” (1987) und „Die Verteidigung der Kindheit” (1991) umkreisten abermals das Themenfeld.

Wer von Walser spricht, muss seine Paulskirchen-Rede von 1998 erwähnen, die seinem Ruf ungemein geschadet hat. Was als intime Äußerung im kleinen Kreis vielleicht hinnehmbar gewesen wäre, geriet zum öffentlichen Debakel. In seiner Dankrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verstieg sich Walser in ein Lamento gegen die „Instrumentalisierung des Holocaust” und verbat sich jede moralische Belehrung über die NS-Verbrechen.

Für manche klang es, als wolle der Autor die deutsche Schuld relativieren. Man kann schwerlich in seinen Kopf schauen: Doch eine solche Ungeheuerlichkeit hat er wohl nicht im Sinn gehabt. Auch als er 2002 in „Tod eines Kritikers” gegen seinen Lieblingsfeind Marcel Reich-Ranicki anging, war dies eher ein unbedachter Zungenschlag, eine Geschmacksverirrung.

Wahrhaftig liest sich hingegen Walsers Auseinandersetzung mit dem NS-Alltag im autobiographischen Kindheits-Roman „Ein springender Brunnen” (1998). Als hätte Goethe es geahnt: „Bilde, Künstler, rede nicht!”

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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