Alter Mann liebt junges Mädchen – Martin Walsers Goethe-Phantasien

Oje, das könnte wieder Vorwürfe hageln! Martin Walser bringe „sabbernde Altmännerphantasien” zu Papier, haben böswillige Kritiker dem Schriftsteller zuletzt vorgehalten. Und was legt er nun vor? Altmännerphantasien!

In seinem Roman „Ein liebender Mann” geht es um den 73-jährigen Dichterfürsten Goethe, der sich heftig in die 19-jährige Ulrike von Levetzow verguckt. Die Episode ist historisch verbürgt, jedoch bis heute geheimnisumwittert.

Wer will es Walser (80) verübeln, dass er sich tief in eine solche Liebe einfühlt? Und sein Buch hat ja auch so gar nichts Geiferndes, nichts ungebührlich Geiles an sich. Im Kern handelt es von der existenziellen Verunsicherung des Mannes, dem alle Welt „Größe” nachsagt. Doch wie’s da drinnen aussieht . . .

Eine Art Rechtfertigung steht gleich im allerersten Satz: „Bevor er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen.” Diese mädchenhafte Frau mit den engelhaft schwerelosen Bewegungen und dem bannenden Blick hat also buchstäblich selbst ein Auge auf den alten Herrn Goethe geworfen. Drum fühlt er sich zu kleinen Kühnheiten ermutigt.

Und tatsächlich. Wenn die beiden – Arme untergehakt – im traulichen Gespräch miteinander durchs Kurgelände von Marienbad (Böhmen) spazieren, kann ihnen nichts und niemand etwas anhaben. Lachend trotzen sie allen neugierigen Blicken und ignorieren das Tuscheln der Leute. Es gibt Momente, da ist es ihnen, als bestehe gar kein Altersunterschied. Und irgendwann der erste scheue Kuss.

Von Goethes letzter großer Liebe weiß man nicht allzu viel Verlässliches. Walser hat somit genug Freiraum zum sprachmächtigen Fabulieren. Er versetzt sich innig in den betagten Geheimrat hinein, folgt manchen Windungen schwankender Gefühle.

Der Klassiker Goethe tritt gleichsam als sein eigenes Denkmal auf. Gar sehr ist dieser bürgerliche Kleinunternehmer (er beschäftigt Diener, Sekretäre usw.) mit literarischem Adelsanspruch auf sein Selbstbild bedacht. Oft stellt er sich vor, wie ihm etwa Menschen nachschauen, von denen er sich gerade verabschiedet hat. Was halten sie von seinem Gang? Wirkt er genialisch genug?

Doch wenn er die Tür hinter sich schließt und an Ulrike denkt, steigen fiebrige Vorstellungen in ihm auf. Ja, es entfahren ihm sogar Schmerzensschreie. Peinlich. Wie soll er sich zusammenhalten? Zumal etliche kleine Vorfälle ihm bedeuten, dass er nicht nur körperlich, sondern auch geistig ein Mann von gestern ist. Welch ein Zeitenwandel: Die ersten jungen Mädchen träumen schon von künftigen Rechen-Maschinen.

Goethes innerer Widerstreit durchzieht den gesamten Roman – ebenso wie die mal jauchzende, mal elegische Schwärmerei für die junge Frau. Sehr ausgiebig malt sich Walser das aus. Es könnte auf Dauer langatmig werden.

Im Sinne der Roman-Ökonomie ist es gut, dass sich Hindernisse aufrichten. Ulrike tritt fast stets im Anstands-Gefolge ihrer verwitweten Mutter und zweier Schwestern auf. Kaum wittert die Mutter Goethes Interesse (das in einem stümperhaft übermittelten Heiratsantrag gipfelt), da entzieht sie ihm Ulrike durch familiäre Abreise. Es bleibt ihm nur das Sehnen – und das Schreiben.

Schlimmer noch: Ein steinreicher, smarter Schmuckhändler will sich an Ulrike heranmachen. Widerlich! Was, wenn sie ihn erhört? Goethe leidet aus der Ferne höllische Eifersuchtsqualen. Er verfasst Briefe an Ulrike, und man weiß nicht recht, ob er sie je abschickt, ob sie von seiner Schwiegertochter Ottilie abgefangen werden – oder ob er sich das alles nur einbildet.

So weit geht die wahnhafte Verwirrung des ehedem so heiter-ausgewogenen Genies, dass er sein bisheriges Werk als lebensferne „Kulturlüge” verachtet und sich in Selbstmordgedanken ergeht – wie einst seine Figur Werther.

Der fast von aller Welt verehrte Dichter als letztlich bestürzend einsamer Mann. Die Liebespein als schiere Notwendigkeit des Lebens. Das ist schon flammender Rede wert. Herzlos, wer sich davon nicht berühren lässt.

Martin Walser: „Ein liebender Mann”. Rowohlt. 285 Seiten. 19,90 Euro.

INFOS

Walser hat den Roman „Ein liebender Mann” in nur acht Wochen geschrieben – in völliger Abgeschiedenheit.

Es ist sein erster historischer Roman. Bisher hatte er stets die Angestelltenwelt der Gegenwart im Blick.

Nach der „Urlesung” in Anwesenheit des Bundespräsidenten (Mittwoch) las Walser gestern zum Auftakt des Festivals Lit.Cologne.

Am Sonntag, 27. April (18 Uhr), wird Martin Walser das Buch im Dortmunder Harenberg City-Center vorstellen – in der Reihe „Kultur im Tortenstück”. Karten: 0231/90 56-166.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt. Und künftig erst recht.
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