Doppelter Kitzel mit Nazi und Porno

Will man öffentliches Ärgernis erregen oder wenigstens Aufmerksamkeit wecken, so bieten sich zwei Zutaten an: Irgendetwas mit Nazis – oder irgendetwas mit Sex. In diesem Sinne ist es günstig, wenn beides sich mischt. Idealtypisch lässt sich das jetzt am Fallbeispiel des Echos auf die Autorin Ariadne von Schirach studieren.

Der doppelte Kitzel ergibt sich hieraus: Die 28-Jährige ist Enkelin des NS-„Reichsjugendführers” Baldur von Schirach und legt nun mit „Der Tanz um die Lust” (Goldmann, 384 Seiten, 14,95 Euro) ein Buch über den pornographischen Blick vor. Nur scheinbar paradox: Sie schreibt pornographisch gegen allgegenwärtige Pornographie an.

Eine Kernthese, ausgebreitet in einer Haltung zwischen Erzählung und Essay: Das Prinzip „Porno” dominiert immer mehr und besetzt unsere Phantasien dermaßen, dass wir kaum noch zu wirklicher, selbstbestimmter Erotik finden. Ein diskussionswürdiger Ansatz. Ariadne von Schirach garniert ihn mit drastischen Passagen etwa rund um „Nippelklammern”, „Wichswettwerbe” und die daseinsfromme Formel „Ficken als Gebet”. Geschenkt. Letzteres gab es im Grunde bereits, bi-blisch besungen, im „Hohelied der Liebe”.

Die ätherisch attraktive Autorin kann wahrlich nichts dafür, dass sie Enkelin eines NS-Verbrechers ist. Sie hat ihn nie kennengelernt und distanziert sich sehr glaubhaft von ihm. Was der offenkundig klugen Frau ebenfalls bewusst ist: Ob sie will oder nicht – die prekäre Verwandtschaft lenkt so manchen gierigen Blick auf ihr Buch, das sie Ende letzter Woche in Berlin-Mitte vorgestellt hat. Dort also, wo sie ihre diagnostischen Beobachtungen gemacht hat, wo es angeblich so brodelt wie nirgendwo sonst in der Republik – und wo allerhand blasierte Großfeuilletonisten gern die rasch wechselnden Trends für die „digitale Bohème” ansagen. Wieviel davon wohl in Westfalen und anderen Provinzen ankommt – und in welcher Verdünnung?

Bezeichnend ist jedenfalls der zuweilen lechzende Medien-Hype, den „Der Tanz um die Lust” angestoßen hat, sprich: (Nicht nur) der Boulevard stürzt sich auf das Buch, seine Urheberin und ihren schrecklichen Großvater, der auch für Judendeportationen in Wien verantwortlich war.

„Bild” versteigt sich zu der bebenden Familien-Frage: „Was hätte der Opa der Autorin wohl dazu gesagt?” Dazu gibt’s online eine kleine Fotostrecke mit dem „Reichsjugendführer” Baldur von Schirach – mal allein, mal mit seinem Idol Hitler. Fehlt eigentlich nur noch eine hirnrissige Einlassung à la „Wenn das der ,Führer‘ wüsste . . .”

Doch auch die eher gediegene Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung leckt sich gleichsam lüstern die Lippen und steigt so ins Thema ein: „Sie ist jung, blond und die Enkelin eines Großnazis . . .” Alle Achtung, der Satz sitzt. Und steht. Nur: In der „Tageszeitung” (taz) heißt es, dass Braun ihre natürliche Haarfarbe sei. Wie irritierend.

Die Deutsche Presseagentur (dpa) sucht derweil das schaurig geile Geschehen einzuordnen und sichtet eine „Pornodebatte”, die in Berlin schon seit einiger Zeit „kultiviert” werde. Als untrügliche Beweise werden angeführt: ein „intellektuelles Porno-Filmfestival” im letzten Jahr und Thomas Brussigs neues Buch „Berliner Orgien”. Oh, Mann! In der Hauptstadt scheinen sie’s ja heftig zu treiben. Wahrscheinlich ist deswegen der neue Bahnhof schon marode.

Aber das Schlimmste kommt wohl noch: Gar nicht auszudenken, was die britischen Boulevard-Blätter aus all dem machen, wenn sie’s spitz kriegen. Nazi-Themen greifen sie sowieso mit Vorliebe auf. Erst recht (siehe oben) in todsicherer Traum-Kombi mit Porno. Da wäre man lieber des Englischen unkundig.

INFO

Ariadne von Schirach wurde 1978 in München geboren – rund vier Jahre nach dem Tod ihres Nazi-Großvaters.
Mit 14 Jahren flog sie wegen diverser jugendlicher Verfehlungen (Blasphemie, Alkohol) aus dem Internat. Das Abi schafft sie später trotzdem.
Studium (u. a. Philosophie) zunächst in München, dann in Berlin.

Ihr Großvater Baldur von Schirach (1908-1974) war ab 1928 Führer des NS-Studentenbundes, ab 1931 „Reichsjugendführer”, ab 1933 „Jugendführer des Deutschen Reiches”, später Gauleiter in Wien. 1946 bei den Nürnberger Prozessen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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