Fast schon sakral: Berlin huldigt der Stilikone und Kunstfigur David Bowie

Kaum ein anderer Künstler seiner Generation hat Musik und Mode, Stimmung und Stil so nachhaltig geprägt hat wie der 1947 in London geborene David Robert Jones. Unter dem Künstlernamen David Bowie hat er unzählige Platten eingespielt und weltweit über 140 Millionen Tonträger verkauft. Als Dichter und Schauspieler, Maler und Modemacher wurde er zum einflussreichsten Pop-Artisten der Gegenwart.

Immer wieder hat Bowie sich auf musikalische Projekte eingelassen und mit Klangtüftlern wie Brian Eno und mit dem Minimalisten Philip Glass neue Sounds erfunden. Er hat mit Jazz-Größen wie Pat Metheny und Quincy Jones musiziert, Alben von Lou Reed und Iggy Pop produziert, im Duett mit Mick Jagger und Freddy Mercury gesungen und sich mehrfach neue künstlerische Identitäten zugelegt: Mal hat er sich als „Major Tom“, mal als „Ziggy Stardust“ verkleidet, mal hat er als „Aladdin Sane“ und als „Thin White Duke“ seine eigene Mode kreiert.

Aus frühen Tagen: Werbefotografie für "The Kon-rads" (Foto: Roy Ainsworth / Courtesy The David Bowie Archive / Foto © Victoria and Albert Museum)

Aus frühen Tagen: Werbefotografie für “The Kon-rads”, 1963 (Foto: Roy Ainsworth / Courtesy The David Bowie Archive / Foto © Victoria and Albert Museum)

Bowie ist eine Stilikone, und an seinem Leben und Werk kann man exemplarisch studieren, wie ursprünglich rebellische Pop-Kultur zum profitablen Baustein einer global agierenden Kulturindustrie wird. Eine im vergangenen Jahr im Londoner Victoria & Albert Museum konzipierte Schau sorgte für Furore. Auf ihrer Tournee rund um die Welt macht die Ausstellung jetzt Station im Berliner Martin-Gropius-Bau.

David Bowie mit William Burroughs, Februar 1974 (Fotografie von Terry O'Neill mit Farbauftrag von David Bowie / Courtesy The David Bowie Archive / Foto © Victoria and Albert Museum)

David Bowie mit William Burroughs, Februar 1974 (Fotografie von Terry O’Neill mit Farbauftrag von David Bowie / Courtesy The David Bowie Archive / Foto © Victoria and Albert Museum)

In der deutschen Kulturmetropole sind erste Anzeichen einer Bowie-Hysterie spürbar: Wer die mit hunderten Exponaten opulent ausgestattet Schau sehen will, muss sich auf lange Schlangen vorm Museum gefasst machen. Berlin, das belegt die Schau, spielt als Ort kreativer Unruhe und musikalischer Erneuerung eine zentrale Rolle in Bowies Oeuvre. Als er nach einem ersten Karrierehoch in ein tiefes Identitäts-Loch gefallen war, floh Bowie aus Swinging London und bezog von 1976 bis 1978 in (West)-Berlin eine Altbauwohnung in der Schöneberger Hauptstraße.

David Bowie, 1973 (Fotografie von Masayoshi Sukita / © Sukita/The David Bowie Archive)

David Bowie, 1973 (Fotografie von Masayoshi Sukita / © Sukita/The David Bowie Archive)

In der damaligen „Welthauptstadt des Heroins“ konsumierte Bowie aber nicht nur harte Drogen und oder amüsierte sich im „Chez Romy Haag“, im „SO 36“ und im „Dschungel“, sondern besuchte die Museen und Galerien der Stadt spielte in den legendären „Hansa“-Studios die Alben seiner sogenannten „Berlin-Trilogie“ ein. Neben „Low“ und „Lodger“ ging das von „Kraftwerk“-Klangexperimenten inspirierte Album „Heroes“ in die Musikgeschichte ein: Der Titelsong ist eine Liebeserklärung an Freiheit und Kunst, Anarchie und Utopie in der Mauer-Stadt Berlin.

Wie wichtig Bowie diese Berlin-Phase ist, hat er erst kürzlich wieder besungen: Seine 2013 – nach 10 plattenlosen Jahren! – veröffentlichte Single „Where Are We Now“ ist, genau wie das dazugehörige Album „The Next Day“, eine Hommage an seine Zeit in Berlin, das Plattencover ist eine ironische Variation des alten Berliner „Heroes“-Covers von 1977.

David Bowie: "Mona in Berlin", 1977, Acryl auf Leinwand (© The David Bowie Archive)

David Bowie: “Mona in Berlin”, 1977, Acryl auf Leinwand (© The David Bowie Archive)

Die Schau zeigt den Künstler nun als Gesamt-Kunstwerk: Bowie hat sein Privat-Archiv geöffnet und handgeschriebene Zettel genauso zur Verfügung gestellt wie Notenblätter und Musikvideos, Bühnen-Kostüme, Konzert-Mitschnitte und Instrumente, den Schlüssel zu seiner Berliner Behausung, seine vom deutschen Expressionismus beeinflussten Gemälde. Und so sehen wir nicht nur Porträts von Bowie aus verschiedenen Lebens-Phasen, sondern auch Bilder, auf denen Bowie genaue Anweisungen für sein Make-up gibt; Entwürfe für Tournee-Kostüme, die von Modemachern wie Yamamoto umgesetzt wurden; Skizzen für Plattencover; Entwürfe für die Verwirrspiele mit Geschlechterrollen, die ihn mal als Macho, mal als androgynes Zwitterwesen zeigen; auf einen Zettel gekritzelte Song-Texte; Plakate zu den Filmen, in denen Bowie als Schauspieler mitgewirkt hat…

Eine Art Reliquie: David Bowies Schlüssel zur Hauptstraße 155 in Berlin-Schöneberg, wo Bowie von 1976-78 wohnte (Foto © The David Bowie Archive)

Eine Art Reliquie: David Bowies Schlüssel zur Hauptstraße 155 in Berlin-Schöneberg, wo Bowie von 1976-78 wohnte (Foto © The David Bowie Archive)

Der Sciencefiction-Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (mit Bowie in der Hauptrolle) wird genauso herbeizitiert wie die Filmbiographie über den früh verstorbenen Maler „Basquiat“, in dem Bowie sich als Andy Warhol verkleidet. Natürlich fehlt auch der deutsche Drogen-Streifen „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ nicht, in dem Bowie mitwirkte und seine Musik beisteuerte.

Die multimediale Installation beweist, wie geplant Bowie sich als multiple Kunstfigur immer wieder musikalisch und theatralisch neu erfunden hat. Von der Schminke bis zum Outfit, von der ersten bis zur letzten Note eines Songs, von der sexuellen Tabuverletzung bis zur temporären Anbiederung an den Mainstream: nichts ist dem Zufall überlassen. Vor jedem Foto-Shooting und jedem Live-Konzert skizziert Bowie, wie er aussehen und welche Wirkung er erzielen will.

David Bowie während der Dreharbeiten zum Musikvideo "Ashes to Ashes", 1980 (Fotografie von Brian Duffy / Foto © Duffy Archive & The David Bowie Archive)

David Bowie während der Dreharbeiten zum Musikvideo “Ashes to Ashes”, 1980 (Fotografie von Brian Duffy / Foto © Duffy Archive & The David Bowie Archive)

Die in Glas-Vitrinen versammelten Bowie-Artefakte haben die Anmutung eines sakral entrückten Schreins. Die in einem Museums-Shop angebotenen Bowie-Devotionalien verstärken den Eindruck hingebungsvoller Heiligsprechung: Plakative Anbetung statt kritischer Reflektion über den Künstler im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.

„David Bowie“, 20. Mai bis 10. August 2014, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin. Täglich 10-20 Uhr, kein Schließtag. Tickets: 14 Euro, Ermäßigt: 10 Euro. Katalog: „David Bowie“, Hg. von Victoria Broackes und Geoffrey Marsh. Knesebeck Verlag, 320 S., ca. 300 farbige Abb., broschiert 34,95 Euro, Hardcover 49,95 Euro. Weitere Infos und Tickets unter www.davidbowie-berlin.de

Stichworte zur Vita von David Bowie:

  • Geboren am 8.1.1947 in London als David Robert Jones.
  • Im Alter von 15 Jahren singt er in der Gruppe „The Konrads“ und spielt dort Saxophon.
  • Das Debütalbum „David Bowie“ erscheint 1967.
  • Inspiriert von Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“, komponiert Bowie 1969 seine „Space Oddity“ und stilisiert sich zum Astronauten „Major Tom“.
  • „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ (1972) gilt als Meilenstein der Pop-Geschichte.
  •   Von 1976-1978 lebt er in (West)Berlin und spielt dort seine „Berlin-Trilogie“ ein.
  • Als Schauspieler reüssiert Bowie in „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976), bis heute hat er in über 20 Filmen mitgewirkt.
  • Am Theater gibt er sein Debüt am Broadway 1979 in „The Elephant Man“.
  • 1996 wird Bowie in die “Rock’n Roll Hall of Fame“ aufgenommen. + Der New Musical Express wählt ihn 2000 zum „einflussreichsten Popmusiker aller Zeiten“.
  • Als bislang ältester Musiker erhält Bowie mit 67 Jahren den „Brit Award“.
teilen, mailen, druckenShare on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterPin on PinterestShare on LinkedInShare on TumblrShare on StumbleUponEmail this to someonePrint this page
Dieser Beitrag wurde unter Kino, Kultur an sich, Lebenswege, Rock & Pop, Stilfragen, Tonträger, Warenwelt & Werbung abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.