Der Ball muss ins Buch

Zur Fußball-EM darf’s passende Lektüre sein. Auf dem Tisch liegt ein Stapel mit Neuerscheinungen. Das Spektrum reicht sozusagen vom Grottenkick bis zum legendären Match. Also hinein ins Strafraum-Getümmel, wo zunächst keine Treffer fallen – aber dann!

„Unsere Jungs” (Chronik Verlag, 198 S. Bildbandformat, 29,95 Euro) klingt schon im Titel ebenso kreuzbrav wie ‚ranschmeißerisch. Tatsächlich ist der DFB federführend an diesem Buch über 100 Jahre deutsche Länderspiele beteiligt. Der noch einfallslosere Untertitel („Tore, Titel, Triumphe” – fehlen nur noch die Tränen) gibt die Richtung vor: aufgewärmte Begeisterung aus dem Archiv, gedrucktes Ballgeschiebe.

Nicht viel trickreicher kommt das Mini-Buch „Fußball – Deutsch / Deutsch – Fußball” (Langenscheidt, 130 S., 5 Euro) daher. Männer, Frauen, Ärzte und Chefs wurden in der Erfolgsreihe schon sprachlich aufgegabelt. Bestenfalls Lektüre für Minuten: enorm kleinteilige Texte, immer hübsch bunt unterlegt und mit Promi (hier: Gerhard Delling) garniert. Irgendwie launig, aber nicht wirklich lustig. Leser und Fans werden klar unterfordert.

Monströs mutet das „Praxiswörterbuch Fußball” (Langenscheidt, 523 S., 16,95 Euro) an, in dem rund 5200 (!) Fachbegriffe auf Deutsch, Englisch und Französisch stehen. Wahrscheinlich ist es der ideale Lesestoff für international tätige Spieler, Schiris, Trainer – und ärztliche Betreuer. Schon gewusst, wie man Kreuzbandriss übersetzt? Bitte sehr: „cruciate ligament rupture” (engl.) und „rupture du ligament croisé” (frz.). Wer weiß, wann man’s braucht.

Pure Zahlen- und Faktenhuberei beschert „Deutschlands Fußball. Das Lexikon” (Herbig-Taschenbuch, 828 S., 20 Euro) mit 14 500 Einträgen und beigelegter CD-Rom (1400 Fotos). Von den zahllosen Pfeilen, die jeweils auf andere Stichworte verweisen, kann einem schwindlig werden. Gewiss nichts zum Schmökern, sondern höchstens zum Nachschlagen und Rechtbehalten bei Wetten.

Der österreichische Autor Franzobel sondiert in „Franzobels großer Fußballtest” (Picus Verlag, 240 S., 16,90 Euro) vor allem die Mentalität der gastgebenden EM-Nationen Österreich und Schweiz. Etwas speziell, aber bitteschön. Er tippt übrigens auf Italien, Spanien oder Frankreich und hofft auf Holland. Unentschlossener Hallodri!

Jetzt kommt der erste literarische Lattenkracher. Thomas Brussig (zuletzt bei „Berliner Orgie” in Rotlicht-Bezirken unterwegs) stimmt in „Schiedsrichter fertig” (Residenz Verlag, 92 S., 12,90 Euro) eine lange, absatzlose Klage-Litanei an: Der Schiri erscheint als bedauernswertes Neutrum in einer fanatisierten Welt, immerzu von lügnerischen Spielern bedrängt und oft gnadenlos ausgepfiffen. Ein Bild des Jammers.

„Titelkampf” (Suhrkamp Taschenbuch, 284 S., 8,90 Euro) heißt der Band, den die ebenso sprach- wie ballsichere Deutsche Autoren-Nationalmannschaft (so ‚was gibt’s! Moritz Rinke und Albert Ostermaier sind die „Stars”) beisteuert. Die gesammelten Geschichten und Gedichte schürfen oft erstaunlich tief und zeichnen prägnante Charakterbilder von Spielertypen und Fans. Willkürliches Reim-Beispiel: „Auf eines starken Bussards Flügeln / die Italiener niederbügeln.” Hoho! Das müssen die Holländer gelesen haben.

Als Nabokov und
Handke über
Torhüter schrieben

Hinterm nostalgischen Seufzer „Früher waren mehr Tore” (Diogenes-Taschenbuch, 302 S., 9,90 Euro) steckt eine erlesene Sammlung klassischer Stories und Buch-Auszüge – oft von ganz illustren Autoren. Vladimir Nabokov und Peter Handke haben z. B. über Torhüter geschrieben. Selbst Friedrich Dürrenmatt und Jaroslav Hasek („Schwejk”) kamen literarisch nicht am Leder vorbei. Ein Buch wie ein Sonntagsschuss. Die Vorentscheidung!

Den Siegtreffer per Fallrückzieher markiert freilich der unvergleichliche Ror Wolf, dessen gesammelte Fußball-Texte in neuer Ausgabe vorliegen: „Das nächste Spiel ist immer das schwerste” (Verlag Schöffling & Co., 300 S., 19,90 Euro). In langjähriger, besessener Feinarbeit (die er, gleichsam aus Selbstschutz, um 1982 abgebrochen hat) ist dieser Autor tief in die Mechanik der fußballerisch angetriebenen Sprach-Maschinerie eingedrungen. Collagen aus Reporter-Jargon und Fan-Gerede bringen das ganze Metier zur Kenntlichkeit. Großer Sport!

WEITERE EMPFEHLUNGEN

Nick Hornby: „Fever Pitch – Ballfieber” (Kiepenheuer & Witsch, 335 S., 9,95 Euro). Fiktives Tagebuch eines Fans (FC Arsenal London). Fußball als harte Schule des Lebens. Hornby gilt seither als Kultautor.

Tim Parks: „Eine Saison mit Verona” (Goldmann-Taschenbuch, 520 S., 9,90 Euro). Italienische Ball- und Seelenkunde.

Theo Pointners Fußball-Krimis im Dortmunder Grafit-Verlag: „Rechts-Außen” (8,90 Euro) und „Tore, Punkte, Doppelmord” (8,40 Euro).

Martin Arnold (Hrsg.): „Abenteuer Fußball. Auf den Bolzplätzen dieser Welt” (Verlag Die Werkstatt, 224 S., 19,80 Euro). Reise zu exotischen Spielfeldern der Erde. Spannende Sozialstudie in Zeiten der Globalisierung.

Dietrich Schulze-Marmeling: „Holt euch das Spiel zurück. Fans und Fußball” (Verlag Die Werkstatt, 271 S. – vergriffen; übers Internet antiquarisch erhältlich). Erhellende Perspektive „von unten”. Vom selben Autor gibt’s Vereins-Historien, etwa über Borussia Dortmund.

Christoph Biermann: „Fast alles über Fußball” (Kiepenheuer & Witsch, 200 S., 9,95 Euro). Fleißig gesammelt: Komisches und Kurioses beim Kick.

F. C. Delius: „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde” (Rowohlt-Taschenbuch, 128 S., 6,90 Euro). Roman rund ums 1954er „Wunder von Bern” – aus Kinderperspektive erzählt.

Siobhan Curham: „Club der Fußballwitwen” (Droemer/Knaur, 8,90 Euro). Frauen nehmen Rache an Gefährten, die sich nur noch für Fußball interessieren. Gemein!

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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