„Der geteilte Himmel“: Wie Armin Petras an der Schaubühne Christa Wolfs Erzählung skelettiert

Seit Regisseur und Intendant Armin Petras vom Berliner Maxim-Gorki-Theater ans Stuttgarter Staatstheater wechselte, ist er zum Berufspendler geworden. Ständig sitzt er mit dem Zug, um seine in Berlin lebende Familie und seine in der Hauptstadt wohnenden Künstler-Freunde zu treffen. Dabei muss ihm unterwegs seine Taschenbuch-Ausgabe von Christa Wolfs Erzählung „Der geteilte Himmel“ (dtv, 238 S., 7,90 Euro) abhanden gekommen sein.

Petras hat dann scheinbar, ohne noch einmal genauer in das 1963 veröffentlichte Buch zu schauen, seine mit flinker Hand hingeworfene Theaterfassung des legendären Prosastoffes erst aufs Papier geworfen und dann an der Berliner Schaubühne inszeniert. Christa Wolfs Erzählung, die – wie keine andere – sich mit der Zeit des Mauerbaus auseinander setzte und vor dem Hintergrund einer aussichtslosen, tief-traurigen Liebesgeschichte das deutsch-deutsche Dilemma auf den bitteren politischen und emotionalen Punkt brachte, ist dabei auf der Strecke geblieben.

Szene mit Jule Böwe (Foto: Dorothea Tuch/Schaubühne)

Szene mit Jule Böwe (Foto: Dorothea Tuch/Schaubühne)

Was der Zuschauer, der die literarische Vorlage kennt und schätzt, zu sehen bekommt, ist eine bis aufs Skelett ausgeweidete und auf ein paar Motive reduzierte Kurzfassung, denen Petras jede politische Dringlichkeit und jede menschliche Wärme ausgetrieben und in ein ort- und zeitloses Nirgendwo verbannt hat.

Das Publikum hockt auf zwei sich gegenüberliegenden Tribünen. Getrennt – oder besser: geteilt – wird es durch einen Laufsteg der Eitelkeiten, den die Schauspieler erst einmal mit Glas- oder Eis-Würfeln (so genau erkennt man es nicht) zu einer nur unter Schmerzen betretbaren Spielfläche (oder einem Todesstreifen?) herrichten.

Aber so oft müssen die drei Akteure ohnehin nicht ins Minenfeld. Meist sind die vergeblichen Versuche des unglücklichen Paares, sich (trotz politischer Streitereien über den richtigen Weg zum Sozialismus) zu lieben, auf Film-Schnipseln festgehalten und an die Wände projiziert. Oder Rita und Manfred, durch den Mauerbau auseinander gerissen und für Jahrzehnte getrennt, treffen sich, alt und frustriert, nach der Wende wieder: Dann sitzen sie in der ersten Reihe, reden über alte Zeiten und meckern über die missglückte Wiedervereinigung. Das Stammtischgenöle hat sich Petras ausgedacht, der wohl einfach eine Lust hatte, in Christa Wolfs Erzählung nach dem tieferen Kern der tragischen Geschichte zu suchen.

Jule Böwe und Tilman Strauß bekommen von Petras weder Zeit noch Raum, ihre Figuren zu entwickeln und mit Leben zu füllen. In der heiser-aufgerauten Stimme von Jule Böwe spürt man ein wenig von der Tragik einer Frau, die, um den Sozialismus aufzubauen, nicht bereit ist, mit der Liebe ihres Lebens in den Westen zu flüchten.

Um gar nicht erst ins Gefühlsduselige abzurutschen (Vorsicht: Idylle!), kapern die plötzlich in blaue Overalls gekleideten Opfer der politischen Vereinnahmung den verminten Laufsteg mit Presslufthämmern und bohren mit lautstarker Inbrunst Löcher in den Boden.

Mit dabei in der Pressluft-Brigade ist auch der spindeldürre Bartholomäus Schulze. Laut Programmheft spielt er den Arzt, der Rita nach ihrem Nerven-Zusammenbruch in seiner Klinik behandelt und aufpäppelt. Aber das versteht keiner, der die Erzählung nicht kennt. Vielleicht ist es auch besser, keine Ahnung von Christa Wolf zu haben. Dann merkt man nicht, dass die ziemlich missglückte Bühnenfassung rein gar nichts mit ihrer Erzählung zu tun hat.

Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, nächste Termine am 11., 12., 13. Februar, Karten unter 030/890023, ticket@schaubuehne.de

https://www.schaubuehne.de/de/produktionen/der-geteilte-himmel.html/ID_Vorstellung=1061

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