Barfuß durch die Scherben: Armin Petras zerlegt in der Schaubühne Frank Witzels Roman zur “Erfindung der Roten Armee Fraktion…”

Für seinen Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ wurde Frank Witzel 2015 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Der Autor vermischt die Geschichte eines Heranwachsenden in der hessischen Provinz mit der minutiösen Rekonstruktion der alten Bundesrepublik.

Das Buch bewegt sich zwischen reaktionärem Bewahren und jugendlichem Aufbruch, dumpfer Schlagerseligkeit und musikalischer Rebellion. Politik, Pubertät und Pop: genau das Richtige für einen Bühnen-Berserker wie Armin Petras, der jetzt (in Kooperation mit dem Schauspiel Stuttgart) an der Berliner Schaubühne eine Adaption des Romans inszeniert hat.

Ein veritables Text-Massaker

Petras rückt dem monströsen 800-Seiten-Roman mit der Kettensäge zu Leibe und richtet eine Art Text-Massaker an, dampft das irrlichternde Sprach-Gewitter und Theorie-Ungetüm auf ein paar spielbare Dialoge und Szenen ein. Alle Exkurse zu Psychoanalyse, Literatur und Poststrukturalismus, zu Freud und Nietzsche, Camus und Derrida werden ausgeblendet.

Wolkige Szene mit (v. li.) Peter René Lüdicke, Paul Grill und Tilman Strauß. (Foto: Thomas Aurin/Schaubühne)

Wolkige Szene mit (v. li.) Peter René Lüdicke, Paul Grill und Tilman Strauß. (Foto: Thomas Aurin/Schaubühne)

Petras konzentriert sich auf das, was der namenlose Erzähler als 13-Jähriger erlebt und denkt und wie er und seine Jugend-Clique sich das Jahr 1969 zum Abenteuer-Spielplatz zurecht fantasieren; wie sie sich mit Wasser- und Erbsen-Pistolen bewaffnen und sich in ihrer bunten Traumwelt Verfolgungsjagden mit der Polizei liefern.

Ein Ritter namens Andreas Baader

Der von katholischen Ritualen und familiären Katastrophen überforderte Teenager wird ins Sanatorium eingewiesen und dort von Pfarrer Fleischmann und dem Psychologen Dr. Märklin drangsaliert: Sie tragen die Namen von Spielzeugeisenbahn-Herstellern, denn merke: Vieles ist nur ein ironisches Spiel, der Erzähler ein Kind, der seine liebste Ritterfigur Andreas Baader nennt und dessen liebste Spielzeug-Squaw Gudrun Ensslin heißt.

Menschen und Puppen: Szene mit den Darstellern (v. li.) Tilman Strauß, Julischka Eichel, Paul Grill und Jule Böwe. (Foto: Thomas Aurin/Schaubühne)

Menschen und Puppen: Szene mit den Darstellern (v. li.) Tilman Strauß, Julischka Eichel, Paul Grill und Jule Böwe. (Foto: Thomas Aurin/Schaubühne)

Die Debatten zur Geschichte der Rock-Musik, die Text-Interpretationen einzelner Beatles-Songs, die Liebeserklärungen an die Platten der Rolling Stones, Kinks, Small Faces, Led Zeppelin: alles weggelassen.

Brachiale Punk-Musik

Stattdessen gibt es ohrenbetäubende Live-Musik der Punk-Band „Die Nerven“, laut „Spiegel“ die derzeit „düsterste deutschsprachige Band“. Sie lässt es richtig krachen, kommentiert das Bühnen-Geschehen mit klirrenden Gitarren-Riffs und wummernden Bässen, streut eigene Songs ein, singt von ihrer „Angst“ und wie es ist, „barfuß durch die Scherben“ zu laufen: weil nicht die Oldies der 60er, sondern die Songs des Zeitgeistes erklingen, vermeidet die Inszenierung jede rührselige Nostalgie, schlägt einen Bogen von Gestern ins Heute.

Punkige Band: "Die Nerven" (v. li.: Max Rieger, Kevin Kuhn, Julian Knoth). (Foto: Thomas Aurin/Schaubühne)

Punkige Band: “Die Nerven” (v. li.: Max Rieger, Kevin Kuhn, Julian Knoth). (Foto: Thomas Aurin/Schaubühne)

Um die Band herum platziert: zahllose bunt gekleidete Schaufensterpuppen, ein bizarres Ensemble von Kindern und Jugendlichen, die zu einem Standbild gefroren sind. Daraus treten fünf Schauspieler hervor: Jule Böwe, Julischka Eichel, Paul Grill, Peter René Lüdicke, Tilman Strauß. Sie haben keine feste Rollen-Zuweisung, wechseln Sprechweisen und Verkleidungen, sind mal jugendlicher Erzähler, mal Mutter oder Vater, Lehrer oder Pfarrer, Polizist.

Groteske Farce

Beobachtet von einer Video-Kamera, die jedes Bild auf eine Leinwand wirft, balancieren die Darsteller durch die wahnwitzige Text-Collage, vollführen groteske Slapstick-Einlagen, träumen vom ersten Kuss, erleben, wie die Mutter des Erzählers einen Schlaganfall bekommt und die Familie zerbricht, wie staatliche und kirchliche Autoritäten zerbröseln und von der aufrührerischen Pop-Musik und der RAF angegriffen werden. Denn die Erfindung der RAF beruht eben nicht nur auf der Fantasie eines manisch-depressiven Teenagers, sondern ist Wirklichkeit und auf der Bühne – in einem finalen Song über die Bereitschaft des Revolutionärs zum Töten – auch schmerzhaft gegenwärtig.

Das Publikum reagiert etwas ratlos und zurückhaltend. Witz und Tiefgang der mit der Spitzhacke aus dem Stoff-Gebirge gehauenen Text-Brocken erschießen sich wohl nur dem wirklich, der den Roman kennt. Die Leerstellen zwischen den wüst collagierten Szenen sind gedanklich schwer zu füllen, die aggressive Live-Musik, die überkandidelte Spielweise, die sprachlichen Brechreize: alles ist eine permanente körperliche Zumutung. Aber dem größenwahnsinnigen Roman, der zersplitternden Gesellschaft und dem Wahn der RAF kann man vielleicht nur so – mit einer lauten, grotesken Farce – beikommen.

Schaubühne Berlin: Kurfürstendamm 153. Nächste Vorstellungen am 8. und 29. Mai, Karten: 030/89 00 23.

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