Verrückte Sachen treiben: Isa Genzken zeigt in Berlin ihre Werkschau “Mach Dich hübsch!”

Isa Genzken: "Nofretete" (2014), 7 Gipsbüsten mit Brillen, Holz, auf Holzsockeln mit Rollen. (Courtesy Galerie Buchholz, Köln/Berlin/New York, David Zwirner, New York/London und Hauser & Wirth - © Isa Genzken, VG Bild-Kunst, Bonn 2016)

Isa Genzken: “Nofretete” (2014), 7 Gipsbüsten mit Brillen, Holz, auf Holzsockeln mit Rollen.
(Courtesy Galerie Buchholz, Köln/Berlin/New York, David Zwirner, New York/London und Hauser & Wirth – © Isa Genzken, VG Bild-Kunst, Bonn 2016)

Eigentlich wohnt die „Nofretete“ ja ein paar Steinwürfe entfernt auf der Museumsinsel, ist dort mit all ihrer zeitlosen Eleganz eingesperrt in ein einbruchsicheres gläsernes Gefängnis. Doch hier, im Martin-Gropius-Bau, ist die ägyptische Schönheit gleich siebenfach geklont vorhanden; in Gips gegossen, bunt geschminkt, mit rotem Lippenstift und Sonnenbrille aufgetakelt, zugleich ein bisschen derangiert.

Der Betrachter muss lächeln, auch über sich selbst, denn in einer hinter der geklonten Nofretete aufgestellten Spiegelwand sieht er sein eigenes Antlitz, ist Teil des ironischen Spiels, das Isa Genzken mit der Kunstgeschichte und der Beziehung zwischen Werk und Publikum treibt.

“Fuck the Bauhaus”

Gewissheiten in Frage und Traditionen auf den Prüfstand stellen, die Welt und die Kunst radikal neu denken und den Altvorderen die Zunge zeigen: „Fuck the Bauhaus“, heißen denn auch ihre mit Austernschalen und Kunstblumen versehenen Architekturmodelle, die mit Sozialkritik wenig, mit Kunstsatire dafür umso mehr zu tun haben.

Isa Genzken: "X-Ray" (1989/2015), s/w-Fotografie (Courtesy Galerie Buchholz, Köln/Berlin/New York - © Isa Genzken, VG Bild-Kunst, Bonn 2016)

Isa Genzken: “X-Ray” (1989/2015), s/w-Fotografie (Courtesy Galerie Buchholz, Köln/Berlin/New York – © Isa Genzken, VG Bild-Kunst, Bonn 2016)

Die 1948 im beschaulichen Bad Oldesloe (Schleswig-Holstein) geborene Isa Genzken ist auf internationalem Parkett die derzeit wohl gefragteste deutsche Künstlerin. Sie hat in Hamburg und Berlin, Köln und Düsseldorf Kunst und Philosophie studiert, den deutschen Pavillon in Venedig bespielt, war mehrfach zu Gast auf der Kasseler Dokumenta und hatte im New Yorker MoMa eine umfassende Gesamtausstellung.

Durcheinander gewirbelt

„Mach Dich hübsch!“ heißt die jetzt im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffnete Schau, die eine flotte und freche Schneise schlägt durch das Gesamtwerk von Isa Genzken. Ob neue oder alte Arbeiten, Film-Experimente oder Beton-Skulpturen, Collage-Bücher, Röntgen-Bilder, Holz-Modelle, Fotografien, Gemälde: 150 Werke aus 40 Jahren werden nicht chronologisch geordnet, sondern durcheinander gewirbelt und – so gut es geht – thematisch verdichtet.

Isa Genzken: "Soziale Fassade" (2002),  Metall, Plastik, Metallfolie (Ringier Sammlung, Zürich) (© Isa Genzken, VG Bild-Kunst, Bonn 2016 - Foto: Galerie Buchholz Köln/Berlin/New York)

Isa Genzken: “Soziale Fassade” (2002), Metall, Plastik, Metallfolie (Ringier Sammlung, Zürich) (© Isa Genzken, VG Bild-Kunst, Bonn 2016 – Foto: Galerie Buchholz Köln/Berlin/New York)

Im riesigen Lichthof liegen die legendären „Ellipsoiden“ und „Hyperbolos“, die Isa Genzken in den 1970er und 1980er Jahren anhand von Computerzeichnungen hat fertigen lassen. Umspielt werden diese von amerikanischen Kollegen gern als überdimensionale Zahnstocher veralberten Leichtbauteile von einer fotografischen Serie: „Ohren“.

Gründe und Abgründe

Überhaupt geht es Genzken immer wieder ums Hören, Sehen und Sprechen, um die Gründe und Abgründe von Kommunikation, von Selbstdarstellung und Manipulation. Aus Beton fertigt sie radioartige „Weltempfänger“, ganze Armeen von Schaufensterpuppen gruppiert sie, angetan mit allerlei Tand und Kitsch, zu selbstverliebten „Schauspielern“; sie collagiert Hotelrechnungen, Kinokarten und Notizen zu einem abgedrehten „Reiseführer“ für New York, untersucht Formen und Farben in einer großformatigen Bilder-Serie („More Light Research“), hängt – indem sie mit den Ready-Mades eines Marcel Duchamp spielt – ihre gebrauchten Kleidungsstücke („Jacken und Hemden“) an eine Wand oder schaut mit Röntgenstrahlen in ihren eigenen Kopf („X-Ray“).

Die Künstlerin Isa Genzken, 2015 (© Isa Genzken, Galerie Buchholz, Köln/Berlin/New York)

Die Künstlerin Isa Genzken, 2015 (© Isa Genzken, Galerie Buchholz, Köln/Berlin/New York)

Das ist oft überraschend und witzig, aber selten politisch. Nur einmal, in ihrer Antwort auf den Wettbewerb zu „Ground Zero“, wagt sie ein politisches Statement und plädiert in ihrer Skulpturengruppe für eine Gedenkstätte, die weniger auf die Erinnerung als auf die pulsierende Vielfalt New Yorks zielt. „Ich wollte schon immer den Mut haben, total verrückte, unmögliche und auch falsche Dinge zu tun“, hat Isa Genzken einmal gesagt. „Mach Dich hübsch!“ beweist, dass ihr das eindrucksvoll gelungen ist.

Isa Genzken: „Mach Dich hübsch!“. Martin-Gropius-Bau, Berlin, Niederkirchnerstraße 7. Bis 26. Juni 2016. Geöffnet Mi-Mo 10-19 Uhr, Di geschlossen, Eintritt 11 Euro, ermäßigt 7 Euro. Künstlerbuch (kein Katalog, sondern eine Kunst-Collage!) 49,80 Euro. Internet: http://www.museumsportal-berlin.de/de/museen/martin-gropius-bau/ und http://www.museumsportal-berlin.de/de/ausstellungen/isa-genzken-mach-dich-huebsch/

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