Amputierter Roman: „Unterwerfung“ – sehr frei nach Houellebecq am Deutschen Theater Berlin

Mit seinem Roman „Unterwerfung“, der ausgerechnet am Tag des Anschlags auf die Satire-Zeitschrift “Charlie Hebdo” herauskam, ist Michel Houellebecq zum Visionär des Untergangs geworden. Im Deutschen Theater Berlin inszeniert Regisseur Stephan Kimmig eine Bühnenversion des provokativen Romans.

Szene aus "Unterwerfung" nach Michael Houellebecq - mit dem Schauspieler Steven Scharf. (© Foto: Arno Declair)

Szene aus “Unterwerfung” nach Michael Houellebecq – mit dem Schauspieler Steven Scharf. (© Foto: Arno Declair)

Um die Machtübernahme des rechten „Front National“ zu verhindern, küren Sozialisten und Konservative den Führer der „Muslimischen Bruderschaft“ zum Staatspräsidenten, der sofort die Scharia, das Patriarchat und die Polygamie einführt. Die Medien werden kaltgestellt, die Universitäten geschlossen, der Literaturwissenschaftler François wird mit einer üppigen Rente zwangspensioniert. Doch als ihm die inzwischen islamisierte Sorbonne anbietet, bei dreifachem Gehalt an die Uni zurückzukommen, unterwirft er sich, konvertiert zum Islam und freut sich darauf, jetzt – wie im Koran geduldet – gleich mehrere Frauen haben zu dürfen.

Stephan Kimmig wildert im Roman, klaubt hier einen Satz, dort eine Idee heraus. Was im Roman François erzählt, denkt, hört, sieht, wird bei Kimmig konkreten Personen in den Mund gelegt. Neben Steven Scharf (François) treten vier weitere Schauspieler auf, die jeweils in gleich in mehrere Rollen schlüpfen. Marine Le Pen hält eine Rede an die Nation, der Führer der Moslem-Bruderschaft flüstert François seine politischen Visionen und religiösen Ansichten ins Ohr.

Die Bühne ist weit und leer, weiße Wände, Neonlicht: ein Krankenhaus, eine Irrenanstalt? François muss sich an- und ausziehen, seltsame Verrenkungen machen und Grimassen schneiden: Er wird von Krankenschwestern und Ärzten gewaschen und massiert, während er über Gott und die Welt diskutiert und den Verlockungen des Islam erliegt: Die aus Papier gebaute Decke senkt sich zum Boden, François durchstößt sie und geht hinaus in eine schöne neue islamische Welt.

Textfassung und Inszenierung sind ein großes Missverständnis. Denn François ist (bei Houellebecq) beileibe kein Kranker/Verrückter, der geheilt werden müsste, sondern einfach nur ein opportunistischer Jedermann, ein Macho, der seine Überzeugungen über Bord schmeisst, weil der Islam ihm – dem obsessiven Erotomanen – mehrere Frauen in Aussicht stellt.

Dieser erotische Aspekt kommt bei Kimmig zu kurz: François, von Steven Scharf ziemlich grobkantig gezeichnet, redet allenfalls über wilden Sex, den er, anders als im Roman, allerdings nie praktiziert. Während Kimmig die frauen- und demokratiefeindlichen Einlassungen des politischen Islam vernebelt, amputiert er nicht nur die erotischen Kapriolen des Romans und lässt seine Schauspieler trockene Textberge zerkauen. Statt den Diskurs-Roman mit Leben zu erfüllen, legt er ihm eine Zwangsjacke an und sperrt ihn in ein uninspiriertes Schauspiel-Gefängnis.

Michel Houellebecq: „Unterwerfung“. Deutsches Theater Berlin. Nächste Vorstellungen am 11., 21., 31. Mai. Karten unter 030/28441225.

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