Die restliche Zeit tropft dahin: Marthalers Wehmut in der Berliner Volksbühne

Vorsichtig werden die Darsteller auf die gähnend leere Bühne geschoben und getragen. In Holzkisten verstaut und in Plastikplanen verpackt sind all die Schauspieler, Musiker und Tänzer, bevor sie in dieses verstaubte Museum der Moderne transportiert und dort ausgestellt und begafft werden.

Ensemble-Szene aus "Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter" (Foto: Walter Mair - www.waltermair.ch)

Ensemble-Szene aus “Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter” in der Volksbühne. (Foto: Walter Mair – www.waltermair.ch)

Die menschlichen Artefakte lassen die Prozedur still über sich ergehen, summen allenfalls eine kleine Melodie, proben ein paar Tanzschritte, erinnern sich leise an fast vergessene Theatertexte. Nur Irm Hermann, die große Diva des deutschen Films und Theaters, findet es gar nicht lustig, in einem Transportkasten eingezwängt und mit Plastikbandagen wie eine Kunst-Mumie drapiert zu sein: „Ich hasse diese Wanderausstellungen!“

“Es ist ja bald vorbei”

“Ein bisschen Geduld noch, es ist ja bald vorbei!”, möchte der schon jetzt etwas wehmütige Betrachter der bizarren Szenerie Irm Hermann zurufen. Denn zumindest hier, in der Berliner Volksbühne, wird es demnächst keinen dieser seltsam aus der Zeit gefallenen, zwischen musikalischer Raffinesse, schauspielerischem Stillstand und höherem Blödsinn schlingernden Abende mehr geben: Regisseur Christoph Marthaler gehört zu den vielen Theaterschaffenden, die gegen die Vernichtung von Frank Castorfs Erbe protestiert und angekündigt haben, mit dem zum neuen Volksbühnen-Chef bestellten Ausstellungsmacher Chris Dercon nicht arbeiten zu wollen. Marthaler wird bekanntlich von 2018 bis 2020 (unter der Intendanz von Stefanie Carp) Chefregisseur der Ruhrtriennale sein. Stefanie Carp ist übrigens Dramaturgin bei dieser Volksbühnen-Produktion.

Als Marthaler vor 23 Jahren in der Volksbühne mit „Murx den Europäer“ seinen Einstand gab, wischte man sich verwundert die Augen, glaube man seinen Ohren nicht zu trauen. Was für ein grandioses Gegenstück zum sonst so hektisch rotierenden und allzu oft sinnlos leer laufenden Kulturbetrieb: Theater, Tanz, Musik als Entschleunigung und Kontemplation. Das perfekte Gegengift zu Castorf, Kresnik, Schlingensief, Pollesch. An der Volksbühne ist seit jeher Widerspruch gewollt und das Unerwartete ist Programm. Wozu dann eigentlich der Event-Manager Dercon?

Protest gegen Kurswechsel

Mit „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“ (ein Schelm, wer dabei an das legendäre Botho-Strauß-Stück „Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“ denkt) läutet Marthaler jetzt die Abschiedssaison ein. Mit dabei auch die anbetungswürdige Sophie Rois. Auch sie zählt zu den Unterzeichnern der Volksbühnen-Protestnote an den Berliner Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller. Weil sie weiß, dass sie mit ihrem Dercon-Veto gegen Wände läuft, ist sie ganz melancholisch gestimmt. Sie singt, ganz in Schwarz und mit dunkler Sonnenbrille, traurige italienische Volksweisen und stöckelt, halb trotziges Kind, halb stolze Mafia-Witwe, kokett von der Bühne.

Überhaupt wird kaum gesprochen an diesem Abend, gesungen umso mehr. Bach, Beethoven, Verdi, Schubert, Mozart. Die Musik verweht, die Zeit tropft langsam dahin. „Wo sind wir stehen geblieben?“ fragt irgendwann jemand. Die Akteure schauen auf den Bühnenboden, als würde dort der große Sinn und die bessere Zukunft liegen. Jürg Kienberger hock sich ein letztes Mal ans Klavier und will noch einmal die alte Murx-Endlosschleife anstimmen. Doch dann belässt er es doch lieber bei nur einem lächelnd hingehauchten Wort: „Danke“. Schluss und Tschüs. Wir werden euch vermissen.

Volksbühne, weitere Vorstellungen am 5. Oktober, 6. und 27. November. Karten unter 030/24 065 777, ticket@volksbuehne-berlin.de

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