Schreckliche Ödnis, rasender Stillstand – Berliner Gropius-Bau zeigt Regina Schmekens Fotografien von Tatorten des NSU

Eine graue Häuserwand, ein verlassener, grob asphaltierter Platz, eine beschmierte Straßenecke, eine Parkbucht an einer Landstraße im Wald. Menschenleere Orte, überall Tristesse, dunkle Wolken, düstere Leere.

Enver Şimşek (38). 9.9.2000, Nürnberg. (© Regina Schmeken 2015). Enver Şimşek, Inhaber eines Blumenhandels in Schlüchtern, wurde am 9. September 2000 am Rande einer Ausfallstraße im Osten Nürnbergs, wo er seinen mobilen Blumenstand in einer Parkbucht aufgebaut hatte, mit acht Schüssen aus zwei Pistolen angeschossen und starb zwei Tage später im Krankenhaus.

Enver Şimşek (38). 9.9.2000, Nürnberg. (Foto © Regina Schmeken 2015). – Enver Şimşek, Inhaber eines Blumenhandels in Schlüchtern, wurde am 9. September 2000 am Rande einer Ausfallstraße im Osten Nürnbergs, wo er seinen mobilen Blumenstand aufgebaut hatte, mit acht Schüssen aus zwei Pistolen angeschossen und starb zwei Tage später im Krankenhaus.

Einmal rattert, verschwommen und unscharf, ein Motorroller mit zwei Personen vorbei. Ein anderes Mal hetzt ein Mensch mit Einkaufstüten durch die regennasse Ödnis. Aber ist das, was da so bedrohlich auf dem Boden sich ausbreitet und gefährlich schimmert, nicht eine Blutlache? Nein, es ist eine Regenpfütze.

Unsere Fantasie, unsere Befürchtungen und Erwartungen täuschen uns, sie wollen Dinge sehen, die nicht mehr da sind, von denen nur noch die bösen Erinnerungen unsere Wut und Angst speist: All die Opfer, mit kaltem Hass hingerichtet und von feigen, fürchterlichen Mordhänden hingestreckt, sind längst begraben.

Quälend langes Gerichtsverfahren

Zwei der Täter sind tot, die Mitwisser vor Gericht. Verhandelt wird seit quälend langen Jahren, in denen vieles gesagt und noch mehr verschwiegen wird. Dass wir je die Wahrheit erfahren werden, wie der so genannte „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) organisiert war und warum er jahrelang ungestört mordend durch die Lande marodieren konnte, ist kaum zu hoffen. Dafür sind die Mauer des Schweigens und die beklemmende Stille nach den tödlichen Schüssen einfach zu groß.

„Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“ heißt die Ausstellung mit Fotos von Regina Schmeken, die jetzt im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist: ein irritierender und erschütternder Aufschrei gegen das Vergessen und Verdrängen. Mit ihren großformatigen schwarzweißen Fotos will Schmeken an die Opfer erinnern und uns vor einer Illusion bewahren: Die Vergangenheit ist nicht vorbei, das menschenverachtende Gedankengut der Mörder wuchert weiter und untergräbt unser Gemeinwohl.

Michèle Kiesewetter (22). 25.4.2007, Heilbronn, Theresienwiese. (© Rergina Schmeken 2015) Heilbronn, 13.12.2015, am Tatort des als "Polizistenmord von Heilbronn" bekannt gewordenen Mordes, am 25. April 2007 wurde auf dem Parkplatz in Heilbronn die 22-jährige, aus Thüringen stammende Bereitschaftspolizistin Michèle Kiesewetter erschossen und ihr Kollege, der gleichfalls mit einem Kopfschuss niedergeschossen wurde, überlebte schwer verletzt, die Tat wird dem NSU zugerechnet; Foto: Regina Schmeken

Michèle Kiesewetter (22). 25.4.2007, Heilbronn. (Foto © Regina Schmeken 2015). – Aufnahme vom 13.12.2015 am Tatort des Polizistenmordes von Heilbronn. Am 25. April 2007 wurde auf dem Parkplatz die 22-jährige Bereitschaftspolizistin Michèle Kiesewetter erschossen. Ihr Kollege, der gleichfalls angeschossen wurde, überlebte schwer verletzt. Die Tat wird dem NSU zugerechnet.

Morde in Nürnberg, München, Dortmund, Rostock, Hamburg, Kassel, Köln und Heilbronn

Jahrelang, von 2000 bis 2011, zogen die mutmaßlichen Täter Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe mordend umher. Scheinbar wahllos, töteten sie in Nürnberg und München, Dortmund, Rostock, Hamburg, Kassel und Köln und Heilbronn zehn Menschen: neun Männer türkischer und griechischer Abstammung, die in Deutschland lebten und arbeiteten, sowie eine Polizistin. Ungeklärt ist bis heute, wer möglicherweise im Hintergrund die Fäden zog, welche Rolle die Geheimdienste spielten und warum die Taten so lange ungeklärt blieben.

Verdichtete Wirklichkeit

Regina Schmeken zählt zu den wichtigsten Fotografinnen Deutschlands. In ihren Arbeiten geht es immer wieder um die Frage, wie man die Wirklichkeit wahrnehmen, reflektieren und zu Erkenntnissen verdichten kann. Während in München gegen Zschäpe und andere mutmaßlich Beteiligte verhandelt wird, zieht Schmeken immer wieder an die Orte des Schreckens, begibt sich auf Spurensuche – und findet überall dasselbe: Leere, Ödnis, Langeweile, lautes Schweigen und rasenden Stillstand.

Nichts verrät, dass es einmal Schauplätze blutiger „Hinrichtungen“ waren, an denen kaltblütig, mitleidlos und aus rassistischer Verblendung gemordet und gebombt wurde. Die Tatorte haben nichts Besonderes, sie sind von verstörender Gleichförmigkeit, achtlos nimmt man sie zur Kenntnis, wendet sich ab und weiß doch: es könnte überall sein, und jederzeit wäre das Morden hier oder anderswo wieder möglich.

Köln, 20.03.2013, am Tatort des am 9. Juni 2004 verübten Nagelbomben-Attentat auf der Keupstraße, einer belebten Einkaufsstraße in Köln-Mülheim mit vornehmlich türkischen Geschäften, bei dem 22 Menschen verletzt wurden, einige von ihnen lebensgefährlich, der NSU bekannte sich zu der Tat; Foto: Regina Schmeken

22 Verletzte und Schwerverletzte, Köln, 9.6.2004 (Foto © Regina Schmeken). – Aufnahme vom 20.3.2013 am Ort des Nagelbomben-Attentats vom 9. Juni 2004 auf der Kölner Keupstraße mit vornehmlich türkischen Geschäften. 22 Menschen wurden verletzt, einige lebensgefährlich. Der NSU bekannte sich zu der Tat.

So unheimlich banal

„Das Beklemmende an diesen Fotografien ist, dass auf ihnen weder die Mörder noch die Mordopfer zu sehen sind. An Schmekens Aufnahmen wirkt gerade das Unauffällige, Banale und Gewöhnliche unheimlich“, meint Dichter und Denker Hans Magnus Enzensberger. Sein türkisch-deutscher Kollege Feridun Zaimoglu nennt die Geschichte des NSU im Ausstellungskatalog „die Geschichte der großen Beschädigung“.

Und genau davon erzählen die auf jeden Kommentar und jeder Erläuterung verzichtenden, ohne Zwischenraum und Atempause hintereinander aufgereihten Fotos: Dass wir erst wider mit uns im Reinen sein können, wenn zehn Morde, zwei Sprengstoffattentate und 15 Raubüberfälle restlos aufklärt sind, den Opfern Ehre und Respekt erwiesen wurde und die blutig beschmutzte und ideologisch beschädigte Demokratie sich der ganzen Wahrheit gestellt hat.

Auf dem allerletzten Foto sehen wir eine geschlossene Tür. Dahinter liegt jener Gerichtssaal, in dem Beate Zschäpe und ihre Mitwisser mit ihrem Schweigen und ihren Lügen den Opfern und ihren Angehörigen seit Jahren ins Gesicht schlagen. Man möchte am liebsten laut schreien, vor Wut die Tür aufreißen und dieser juristischen Farce ein Ende bereiten.

Regina Schmeken: „Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU.“ Martin-Gropius-Bau, Berlin. Bis 29. Oktober 2017. Öffnungszeiten: täglich 10-19 Uhr, Di. geschlossen. Katalog 144 S., 35 Euro. Internet: www.gropiusbau.de

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