Meine liebe Datenkrake

Huang Yong Ping, Installationsansicht, 10, Foto oceano.mc

Huang Yong Ping, Installationsansicht, 10, Foto oceano.mc

Vor Facebook sind wir alle gleich: Großeltern und Enkel einträchtig im Dienst für die große Sache, die da heißt: Alle Menschen werden Freunde.

Falsch. Ein wesentlicher Unterschied trennt die Jungen von den jung Gebliebenen. Erstere tun ganz entspannt, was Facebook sie tun heißt, und schicken dessen Gesellschaftsspiele sorglos kreuz und quer über Schulhöfe und Kontinente. Ihre Vorfahren hingegen tun selbiges und schämen sich dafür – und das zunehmend wortgewaltig. Inzwischen versendet die Mehrzahl der Ü30 im Anschluss an die tägliche Facebook-Sitzung Selbstanzeigen, die alle den einen Satz variieren, der sich bei Zwangsstörungen bewährt hat: Mea culpa, mea maxima culpa.1

1Das klingt dann z.B. so: “Facebook is like a jail. You sit around, waste time, have a profile picture, write on walls and get poked by guys you don’t really know.”

Ausschnitt aus dem Fürstenportal des Bamberger Doms, ohne Datum

Ausschnitt aus dem Fürstenportal des Bamberger Doms, ohne Datum

Derartige Schuldgeständnisse, die gern auf die Feststellung hinaus laufen „ich weiß, es ist unwürdig, aber ich muss“ zeugen immerhin von mehr Einsicht als die klassische These: „Ich könnte jederzeit aufhören, wenn ich will. Aber ich will nicht.“

Wir hingegen wollen, aber können nicht. Und diese peinliche Situation entschärfen wir durch besagtes Wehklagen über die finstere Natur unserer lieben Datenkrake, sowie durch das Endorphinausschüttungen zeitigende Entfreunden irgendwelcher Unpersonen, die sich im Account angesammelt haben und uns mit verzichtbaren Mitteilungen unterhalten. Das Entfernen dieser Untoten verursacht das erhebende Gefühl, doch im Besitz eines Rests von Willensfreiheit zu sein, die angesichts des unreflektierten Mitspielens im Kinderprogramm verloren schien.

Jinkee Choi "Cursing-Fork", 07, Foto JC

Jinkee Choi "Cursing-Fork", 07, Foto JC

Und nachdem ich somit in das zum Volkssport avancierte Facebook-Watschen in wohliger Selbstzerfleischung eingestimmt habe, ist mir a) gleich besser und b) danach, eine weitere Behauptung anzuschließen, zu der ich etwas ausholen muss.

Seit Jahrhunderten ist der Begriff „Spielzeug“ Etikettenschwindel. Was immer Erwachsene Kindern zum „zweckfreien“ Tun angeboten haben, sollte besser „Vorschule“ heißen. Schließlich dienten Kaufladen und Steckenpferd zum Erlernen sozialer Rollen und waren daher pädagogisch wertvoll: Puppen lehrten Mädchen die Aufzucht von Säuglingen, und Puppenstuben vermittelten eine Vorstellung der über das Haus verteilten Familienarbeit.

Zulässige Traglast nach oben offen. (Quelle web)

Zulässige Traglast nach oben offen. (Quelle web)

War der Erfüllung zentraler Pflichten der Mutter und Hausfrau somit der Boden geebnet, bereiteten im 19. Jh. Kleiderpuppen von Papier, später von Martell auf die fast ebenso wichtige Aufgaben von Konsum und Repräsentation vor.

Olga Chernysheva, aus der Reihe "Citizens", 09-10, Foto OC

Olga Chernysheva, aus der Reihe "Citizens", 09-10, Foto OC

Jungen trainierten mit Holzschwert und Pistole, bzw. deren ballistischer Updates namens Ego-Shooter einerseits, sowie im sportlichen Rahmen andererseits das „feindliche Leben“.

Die nachhaltige Wirkung der frühen Prägung – im Volksmund „was Hänschen nicht lernt“ und so – ermunterte ambitionierte Mamas und Papas des 20. Jh. zum Ersinnen Intelligenz fördernder „Spiele“ zwecks frühestmöglicher Anlage mentaler Hochgeschwindigkeitsverbindungen im Kinderhirn. Eine Fülle entsprechend konzipierten Materials fand sich in dem zur Ausbildung späterer Kapazitäten ausschlaggebenden Alter zwischen Zwei und Zehn hartnäckig unter den Tannenbäumen.

Jinka Shonibare "Planets in My Head", 10, Foto CL

Jinka Shonibare "Planets in My Head", 10, Foto CL

Mochten einige dieser zerebralen Langstrecken-Vorrichtungen sich auch einer gewissen Beliebtheit erfreuen, erreichte doch keins der didaktisch ausgefeilten Übungseinheiten die mühelose Akzeptanz des universalen Lieblingsspielzeugs der Jugend seit Ausbruch von web 2.0: Die sozialen Netzwerke.

Spielerischer als es die auf G8 abzielende mentale Spitzentechnologie je war, lässt sich hier lustvoll trainieren, was den vom Kommunikations-Imperativ dominierten Alltag Erwachsener bestimmt: Anbau, Pflege und Ernte von Kontakten.

Facebooks fatalen Irrtum, Quantität über Qualität zu stellen und im Interesse der Kontaktmaximierung keine nennenswerte Unterscheidung des Menschenmaterials zu erlauben, wird von dem Nachfolgemodell google+ vermieden, das nämlich die Strukturierung des sozialen Kapitals in „Kreise“ von FreundInnen, Bekannten, KollegInnen, Familie u.ä. anregt. Das so bewirkte Trennen sozialer Kategorien erlaubt eine gezielte Kommunikation, wie sie auch offline angeraten ist: FreundInnen und KollegInnen sollten vielleicht nicht unbedingt der gleichen Informationen teilhaftig werden.

Samuel Salcedo "Rain", 11, Foto CL

Samuel Salcedo "Rain", 11, Foto CL

Unabhängig von der Tatsache, dass unter andernorts herrschenden politischen Bedingungen soziale Netzwerke unersetzliche Informationskanäle darstellen, besteht ihre hiesige Funktion in der Vermarktung des menschlichen Grundbedürfnisses nach Geselligkeit.

Rirkrit Tiravanija, Installationsansicht, 11, Foto CL

Rirkrit Tiravanija, Installationsansicht, 11, Foto CL

Während private Facebook-NutzerInnen ihre Hintergedanken („Was hab ich von dir?) noch umständlich als „Freundschaften“ kaschieren, können wirtschaftliche, kulturelle und politische Unternehmen ihre Beweggründe unverhohlen darlegen. In Gestalt von „Gruppen“ schalten sie von der potentiell dialogischen auf monologische Kommunikation um und machen so ihre Mitglieder zu EmpfängerInnen von Botschaften. Diese Form der PR spart Porto, Webspace und kostspieliges Einkaufen von Adressdateien. Schließlich führt die Aufforderung „zeig deinen Freunden, dass dir das gefällt“ automatisch zur Erweiterung der Zielgruppe und im Idealfall zum ersehnten Schneeballeffekt.

Bedauerlicherweise verfüge ich über keine eigene Erfahrung mit marktwirtschaftlichen Facebook-Kontakten, weswegen mir der Nutzen verborgen bleibt, den der Beitritt zu den Gruppen von Firmen und Institutionen bedeutet. Höchstwahrscheinlich ist die Teilnahme an deren Events und Gewinnspielen jedoch von unschätzbarem Vorteil.

Seele der Hochkultur, Messe-Deko, 11, Foto CL

Seele der Hochkultur, Messe-Deko, 11, Foto CL

Doch auch unter den von mir angesammelten Facebook-Insassen unterhalten einige solche Einbahn-Kontakte zu Einrichtungen des Kunstbetriebs. Und der Grund für die Zugehörigkeit zu einer Textilfirma oder einem Museum ist letztlich der gleiche: Wir „zeigen unsern Freunden, dass uns das gefällt“. Sprich: Die Nähe zu einer Marke – sei es ein Club oder eine Galerie – erlaubt Profilierung, wofür man doch gern den unentgeltlichen Werbeträger gibt.

Während wir also unsere virtuellen Fühler über die Stadt und den Erdkreis ausstrecken, wächst proportional zum daraus resultierenden Aufgehen in einem allzu großen Wir das Bedürfnis nach Bandenbildung auf der Grundlage exklusiver Kennzeichen. So halten sich innerhalb der Facebook-Profile der Wunsch nach Zugehörigkeit und Originalität die Wage. Kurz: Wir sind alle gleich, nur ich bin ein bisschen gleicher. Und „zeige meinen Freunden, dass mir das gefällt“.

So gesehen lernen Kinder sowie wir Kindlichen im Geiste die überlebensnotwendigen Softskills der Vernetzung und Differenzierung gleichzeitig. Nicht für Facebook, sondern für das Leben spielen wir.

Rabih Mroué, Installationsansicht, 11, Foto CL

Rabih Mroué, Installationsansicht, 11, Foto CL

 

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Ein Kommentar zu Meine liebe Datenkrake

  1. Michaela sagt:

    Oh Mann, erscheint mir das alles bescheuert. Da bin ich lieber alt und verweigere mich nach wie vor.

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