„Es würde alles besser gehen, wenn man mehr ginge”: Berliner Ausstellung zur „Wanderlust” der Künstler

Das vielleicht berühmteste Wanderbild: Caspar David Friedrich „Wanderer über dem Nebelmeer", um 1817. (Hamburger Kunsthalle © SHK / Hamburger Kunsthalle / bpk / Elke Walford)

Das vielleicht berühmteste Wanderbild: Caspar David Friedrich „Wanderer über dem Nebelmeer”, um 1817. (Hamburger Kunsthalle © SHK / Hamburger Kunsthalle / bpk / Elke Walford)

Der Mann steht stolz auf einem schroffen Felsenvorsprung. All die Anstrengungen haben sich gelohnt. Wie schweißtreibend und zugleich großartig muss es gewesen sein, hier herauf zu klettern, die Natur und sich selbst zu besiegen und jetzt diesen weiten Blick über die aus dem Nebel herausragenden Berge zu genießen.

Wir glauben genau zu wissen, was der einsame, vollkommen in sich ruhende und mit sich zufriedene Wanderer jetzt fühlt und denkt: Sein Blick ist auch unser Blick, denn der Wanderer kehrt uns den Rücken zu, wir schauen ihm über die Schulter und sehen mit ihm auf das Wunder der Natur und spüren, wie erholsam es ist, der Arbeit und der Beschleunigung der Moderne zu entfliehen, den eigenen Körper zu erfahren und sich beim Gehen, Wandern, Klettern kreativ inspirieren zu lassen: Spätestens mit Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ (um 1817) wird die aufkommende „Wanderlust“ der europäischen Maler zum künstlerischen Topos und kommt das Naturerlebnis als Gegenentwurf zur beginnenden Industrialisierung und als individuelle Besinnung in Zeiten rasanter gesellschaftlicher und revolutionärer Veränderung auf die Leinwand.

Gustave Courbet: „Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet", 1854 (© Musée Fabre de Montpellier Méditerranée / Frédéric Jaulmes)

Gustave Courbet: „Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet”, 1854 (© Musée Fabre de Montpellier Méditerranée / Frédéric Jaulmes)

In der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel werden über 120 Werke vor allem des 19. Jahrhunderts versammelt, um die „Wanderlust“ der Maler zu dokumentieren und besser zu verstehen. Bilder von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir werden gezeigt, natürlich sind auch Gustave Courbet und Paul Gauguin dabei, Carl Blechen und Karl Friedrich Schinkel. Mit Bildern von Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner und Otto Dix weitet sich schließlich der künstlerische Wander-Reigen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

Bedeutsame Kulturtechnik

Behutsam nimmt uns die Ausstellung mit auf einen Weg, den Maler, Dichter und Denker gemeinsam gehen. Denn seit Sturm und Drang die Kunst durchfluten, seit Goethe nach Italien reist, Jean-Jacques Rousseau beim Gehen seine Aufklärungs-Philosophie formuliert, Johann Gottfried Seume von Leipzig nach Syrakus wandert und schreibt, „Es würde alles besser gehen, wenn man mehr ginge“, synchronisieren sich Bewegung und Naturerlebnis, individuelle und soziale Erfahrung.

Jørgen Roed: „Ein Künstler bei der Rast auf der Wanderung", 1832. (© Statens Museum for Kunst, Kopenhagen / © SMK Photo)

Jørgen Roed: „Ein Künstler bei der Rast auf der Wanderung”, 1832. (© Statens Museum for Kunst, Kopenhagen / © SMK Photo)

Der Fußmarsch durch die Natur wird plötzlich zur bedeutsamen Kulturtechnik, zum Mittel der Welt- und Selbst-Erfahrung. Die Kunst spiegelt und idealisiert das selbstbewusste Lebensgefühl des nach Freiheit und Ungebundenheit strebenden Wanderers. Der auf den Bildern verewigte Wanderer ist (wen wundert´s?) fast immer ein Mann und nur ganz selten eine Frau.

Wer das Picknick zubereitet

Meistens ist die Frau schmückendes Beiwerk, bereitet ein Picknick für den erschöpften Mann, spielt mit den Kindern im grünen Gras, während der Mann zum Wandern aufbricht. Oder sie wird zum in der Sonne flirrenden Farbtupfer, wie auf dem Bild von Auguste Renoir: „Ansteigender Weg durch hohes Gras“ (1877).

Bei Courbet („Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet“, 1854) treffen sich vom Gehen erschöpfte Männer mit Hut und Stock, Rucksack und Wasserflasche und tauschen Erlebnisse aus, bei Jörgen Roed sehen wir einen nachdenklichen „Künstler bei der Rast auf der Wanderung“ (1832), Hans Thoma bebildert die „Einsamkeit“ (1906) eines über eine Flusslandschaft blickenden Naturburschen.

Jens Ferdinand Willumsen: „Bergsteigerin", 1912. (© Statens Museum for Kunst, Kopenhagen / VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Jens Ferdinand Willumsen: „Bergsteigerin”, 1912. (© Statens Museum for Kunst, Kopenhagen / VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Endlich eine Frau unterwegs

Aber dann ist da doch noch dieses Bild von Jens Ferdinand Willumsen, es zeigt, vor großartiger Naturkulisse in bunten Jugendstil-Girlanden, eine selbstbewusste „Bergsteigerin“ (1912), die sich von Männerzwängen befreit. Wir verfolgen gespannt die Geschichte der Frau von der Spaziergängerin zur Wanderin, aber vermissen die Geschichte des Wanderers vom rebellischen Republikaner zum kriegslüsterne Nationalisten, der sich ideologisch vereinnahmen und sich wehrlos zur Schlachtbank treiben ließ.

Romantische Verklärung

Davon, dass deutsche Wander-Vereine sich von ihren jüdischen Mitgliedern trennten und auf den Berghütten deutsches Liedgut sangen und Nazi-Fahnen hochzogen, erfahren wir leider nichts. „Ich sehe nichts als Feindseligkeit auf den Gesichtern der Menschen, die Natur hingehen lächelt mir beständig“, schrieb Freiheitsphilosoph Rousseau. Vor allem davon, vom romantisch verklärten Lächeln der Natur und der Sehnsucht der Menschen nach unbegrenztem Horizont, erzählt diese in vielen Farben schillernde opulente Schau.

Alte Nationalgalerie: „Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir“. Bis 16. September 2018, täglich außer montags von 10-18 Uhr, donnerstags 10-20 Uhr. Katalog: Hirmer Verlag, in der Ausstellung 29 Euro.

https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/wanderlust.html

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