Eine Sprache für den Alptraum finden: Thomas Ostermeier dramatisiert Édouard Louis´ Roman „Im Herzen der Gewalt“

Gerade war Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier mit seiner Bühnenfassung von Didier Eribons Erfolgs-Roman „Rückkehr nach Reims“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen, da stürzt er sich schon wieder auf einen französischen Autor. Diesmal hat er sich „Im Herzen der Gewalt“, den autobiografischen Roman von Édouard Louis vorgenommen, mit dem der erst 25-jährige Schriftsteller für literarische Furore sorgte.

Szene mit (v. li.) Laurenz Laufenberg, Renato Schuch und Alina Stiegler. (Foto: Arno Declair)

Szene mit (v. li.) Laurenz Laufenberg, Renato Schuch und Alina Stiegler. (Foto: Arno Declair)

Beide, Louis und Eribon, beschäftigen sich mit Gewalt, Homophobie, Rassismus, schreiben über die „soziale Scham“ schwuler Intellektueller, die aus ärmlichen Verhältnissen aus der französischen Provinz nach Paris geflohen sind, um sich neu zu erfinden. Doch sie schämen sich permanent ihrer Herkunft und Vergangenheit.

Es ist Heiligabend, Louis hat sich gerade mit Eribon und anderen Freunden getroffen und Geschenke ausgetauscht. Jetzt ist er auf dem Heimweg, da spricht ihn ein Mann an, Reda, ein in Frankreich geborener Kabyle. Die beiden kommen ins Gespräch, schließlich nimmt der Autor den Fremden mit in seine Wohnung. Sie schlafen miteinander, doch dann wird die Romanze schlagartig zum Alptraum, als Édouard bemerkt, dass sein Handy futsch ist und sein iPad in Redas Manteltasche steckt. Der als Dieb verdächtigte Reda rastet aus, er würgt Édouard mit einem Schal, bedroht ihn mit einem Revolver und vergewaltigt ihn.

„Ich war zum Rassisten geworden”

Édouard gelingt es nur mit Mühe, seinen Peiniger zu vertreiben. Danach lässt er sich im Krankenhaus untersuchen, gibt bei der Polizei eine Anzeige auf. Geschockt und verstört flüchtet er sich zu seiner Schwester Clara in die Provinz, berichtet ihr, was geschehen ist, und hört dann, hinter einer Tür versteckt mit an, wie Clara wiederum ihrem Mann berichtet und aus ihrer Sicht kommentiert, was Édouard ihr erzählt hat von der Vergewaltigung, der Todesangst, den verächtlichen, schwulenfeindlichen und rassistischen Reaktionen der Polizei. So entsteht ein mehrstimmiger Chor, mit dem Louis herausbekommen will, was wirklich geschehen ist, warum er sich seitdem vor Ausländern fürchtet: „Ich war“, schreibt er voller Selbstekel, „zum Rassisten geworden.“

Ostermeier hat den 220-seitigen Roman stark gekürzt, verteilt die Dialoge auf vier Schauspieler: Laurenz Laufenberg ist Édouard Louis, Renato Schuch verkörpert Reda; Alina Stiegler und Christoph Gawenda schlüpfen in mehrere Figuren, sie sind die Schwester, der Schwager und die Mutter, sie sind Polizisten, Ärzte und Psychologen. Aber das Schriftsteller-Milieu und die Kommentare von Eribon sind gestrichen.

Weitere Ebenen durch Video-Projektion und Musik

Die Bühnenfassung konzentriert sich ganz auf die Rekonstruktion der Ereignisse und darauf, wie man für diesen Alptraum eine Sprache finden kann. Der Regisseur versucht, das fürchterliche Szenario erträglich und den Stimmen-Chor spielbar zu machen, er ästhetisiert, verdoppelt, verfremdet, stilisiert. Die Szenen, Orte, Handlungen, Reflexionen fließen ineinander, die Darsteller schlüpfen ständig in neue Rollen und Kostüme, filmen und zeigen, was gesagt und gespielt wird, als Video-Projektion auf einer großen Leinwand. Ein Musiker kommentiert das Gesagte und Gezeigte live am Schlagzeug und auf dem Keyboard.

Nur eine einzige Szene ist von allen bizarren Video- und Musik-Kommentaren befreit: Es herrscht die pure Beklemmung, wenn Reda seine Waffe zückt und Édouard brutal vergewaltigt wird. Da möchte man am liebsten die Augen schließen und aus dem Theater flüchten: Es geht an die Schmerzgrenze des Erträglichen.

Das Publikum reagiert mit Ovationen für alle, besonders für den Autor, der auf die Bühne geholt wird und erkennbar gerührt und beglückt ist darüber, wie sensibel und vielschichtig sein Text und seine Erlebnisse behandelt und ausgeleuchtet werden. Ein denkwürdiger Theater-Abend.

Nächste Vorstellungen in der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz: 20. und 21. Juni sowie 1. bis 4. Juli. https://www.schaubuehne.de/

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