Nur Qualität zählt: Von einer Intendanten-Chefdirigenten-Sänger-Posse

Constantin Trinks, als Chefdirigent in Darmstadt im Streit mit Intendant John Dew, bewirbt sich in Dortmund.

„Rollenbesetzungen an Theatern haben ausschließlich nach künstlerischen Qualitätskriterien zu erfolgen.“ Ein Satz wie in Stein gemeißelt. Nein, ein Gebot, formuliert für die Ewigkeit. Der Deutsche Bühnenverein sieht sich veranlasst, in aller Klarheit zu betonen, was doch für uns Kunstsinnige wie pure Selbstverständlichkeit klingt. Oder etwa nicht? Man stelle sich nur vor, ein Parteivorsitzender würde sagen, im Vorstand säßen nur Menschen von Qualifikation, ganz ohne Proporz. Er hätte die feixenden Lacher auf seiner Seite.

Doch es lohnt sich, die Geschichte hinter dem Bühnenvereins-Verdikt zu erkunden. Und schnell wird klar: Der Bundesverband der Theater und Orchester im Land blickt mit Sorge auf eine Intendanten-Chefdirigenten-Sänger-Posse am Theater Darmstadt, die besonders dem Haus, aber auch der Kunst als solcher nicht gerade nutzt. Und mit Blick auf die Protagonisten wird klar, dass die Sache das Ruhrgebiet tangiert.

In Darmstadt also ist John Dew Intendant. Seine Sporen hatte er sich einst in Bielefeld verdient, mit mutigen Inszenierungen und überwiegend spannenden Ausgrabungen in Sachen Oper. So sehr ihn die Ostwestfalen schätzten, so schlecht erging es ihm danach in Dortmund. Das Publikum fremdelte, blieb schließlich weg. Dew galt manchen als Provokateur, als schwierig und nicht uneitel.

2004 kam er nach Darmstadt, sein Vertrag wurde bis 2014 verlängert. Das gilt auch für den Kontrakt des jungen, aufstrebenden Dirigenten Constantin Trinks, seit 2009 Generalmusikdirektor am Hause. Dew und Trinks – sie arbeiten nun wohl in herzlicher Abneigung miteinander. Und in Dortmund ist es kein Geheimnis, dass der Darmstädter Orchesterchef zu einem von vier Bewerbern um die Nachfolge Jac van Steens zählt. Heuer (16.12.2011) wird Trinks in Dortmund eine Vorstellung von Richard Wagners „Der Fliegende Holländer“ leiten. Im Fall seiner Wahl könnte er das Amt 2013 antreten. Zum Hintergrund: Geradezu überfallartig hatte die Stadt Dortmund van Steen wissen lassen, dass er nach fünf Jahren Amtszeit gehen dürfe.

Noch einmal Darmstadt, dort lief die Geschichte Dew – Trinks ungefähr so: Der Intendant wollte seinen Lebensgefährten Sven Ehrke als Loge in Richard Wagners „Rheingold“ verpflichten. Ehrke war in Dortmund als Bariton angestellt, hat sich inzwischen aber dem tenoralen Fach zugewendet. Trinks lehnte Dews Vorschlag ab, wegen Ehrkes mangelnder Qualität, wie es heißt. Der Intendant gab sich beleidigt und wollte der Sopranistin Alexandra Lubchansky kündigen, angeblich, wie die örtlichen Zeitungen berichteten, aus Kostengründen. Pikant ist nur, dass die Sängerin wiederum Trinks’ Lebensgefährtin ist.

Alexandra Lubchansky, Trinks' Lebensgefährtin, singt in Gelsenkirchen.

Kein Wunder, dass der Bühnenverein bei so viel Geschmäckle mahnend die Hand hebt. „Die Beschäftigung von Künstlern, zu denen Entscheidungsträger des Theaters eine enge persönliche Beziehung haben, ist im Theater völlig selbstverständlich und grundsätzlich auch nicht zu beanstanden“, heißt es da. Aber auch: „Im Falle eines solchen Einsatzes … ist jedoch eine besondere Sorgfalt erforderlich. Wenn also von einer Leitungsperson massive künstlerische Bedenken gegen den Einsatz des Künstlers geäußert werden, spricht vieles dafür, von seiner Besetzung für eine bestimmte Rolle Abstand zu nehmen.“ Auf gut deutsch: Erst zählt die Leistung, dann die Beziehung. Oder sportlich ausgedrückt 1:0 für Constantin Trinks.

Die Affäre hat derart viel Staub aufgewirbelt, dass sich das Ministerium für Wissenschaft und Kunst genötigt sah, einzugreifen, zur Umsicht zu mahnen. Das Klima am Darmstädter Haus soll nicht gerade das beste sein. Von „Lagern“ ist die Rede, ein Mediator soll nun die Parteien wieder zusammenführen.

Vielleicht schafft Trinks ja auch den Absprung nach Dortmund. Ganz fremd ist ihm, der bei Wolf-Dieter Hauschild studierte (Chefdirigent in Essen 1991 bis 1997), das Ruhrgebiet nicht. Eben am Aalto-Theater war er 1996 Korrepetitor der Don-Giovanni-Produktion. Andererseits: Dem jungen Eleven wird von manchem bereits eine steile Karriere prophezeiht: Erfolge in München und ein Dirigat im Wagner-Jahr 2013 in Bayreuth („Das Liebesverbot“) sprechen durchaus dafür.

Was darüber hinaus seine Partnerin Alexandra Lubchansky betrifft: Sie wird in Gelsenkirchen die Violetta in Verdis „La Traviata“ singen (Premiere 17.12.2011). Man darf gespannt sein, was sie drauf hat.

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5 Kommentare zu Nur Qualität zählt: Von einer Intendanten-Chefdirigenten-Sänger-Posse

  1. Bernd Berke sagt:

    Wenn er gescheit ist…

  2. Martin Schrahn sagt:

    Aktuell: Constantin Trinks hat in Darmstadt zum Ende dieser Spielzeit gekündigt. http://www.3sat.de/mediathek/?obj=28597

  3. Bernd Berke sagt:

    Und was lernen wir unter anderem noch daraus? Dass die Vermischung von Lebenspartnerschaften mit Arbeitszusammenhängen immer Angriffsflächen bietet. Also sollte man die beiden Bereiche füglich trennen.

  4. Christine Markhoff sagt:

    Eigentlich eine deprimierende Geschichte – zeigt sie doch, dass menschliche Unzulänglichkeit auch hohes kulturelles Niveau in die Tiefe ziehen kann…

  5. Katrin Pinetzki sagt:

    Eine herrliche Posse!

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