Vier weibliche „Ikonen“ des Films

Die besinnliche Zeit ist im vollen Gange, und wer sich vom Ansturm familiärer Überfallkommandos etwas zurückziehen möchte, schiebt gern schon mal Arbeit vor. „Dokumentation“ klingt zum Beispiel beeindruckend und wichtig. Da bin ich gern behilflich und empfehle hier mal ein paar Dokumentar-Filme zum Thema „Ikonen“.

Die erste ist über Marlene Dietrich, eine deutsche Ikone. Der Film wurde von David Riva gemacht, ihrem Enkel. Als Vorlage diente wohl Maria Rivas Buch, allerdings ohne die kritischen Aspekte, die die Tochter aufgeschrieben hatte.

Meine Oma und das Ömchen hatten sehr für Marlene geschwärmt. Immer wieder hatten sie mir erzählt, wie toll sie das fanden, dass sie nach Amerika gegangen und Amerikanerin geworden war. Dass sie die amerikanischen Truppen betreut, für sie gesungen und mit ihnen gesprochen hatte. Ich konnte der Frau gar nicht so viel abgewinnen. Ich mochte damals ihren Gesang nicht, ihre hohen dünnen Augenbrauen, die langen Augenlider, den unnatürlich gemalten Mund. Aber ich war ein Kind und hatte andere Vorstellungen von Schönheit. Heute sehe ich ihre Filme ausgesprochen gern.

Im Film wird Marlene gezeigt wie sie für die GIs singt, Freunde und Wegbegleiter kommen zu Wort: Burt Bacharach, Rosemary Clooney, Beate Klarsfeld, Volker Schlöndorff und Hildegard Knef, die zweite deutsche Ikone. Jedenfalls war Marlene ein guter Mensch, hat Gutes getan und Jean Gabin geliebt, soweit David Riva.

Cover von David Rivas Doku über Marlene Dietrich (Copyright: KNM Home Entertainment)

Cover von David Rivas Doku über Marlene Dietrich (Copyright: KNM Home Entertainment)

Ein anderes Bild als das, was Maximilian Schell von ihr zeichnete, als er vor über 25 Jahren die 84jährige in ihrer Wohnung interviewte, sie aber nicht filmen durfte, nur ihre alte Stimme war zu hören. Ich hatte Spontanmitleid mit ihr. So vorgeführt zu werden, so hilflos und wehrlos. Ein Tabubruch, wie ich fand. Die Idee war nicht schlecht, eine alte, demente Frau, die genug Geistesgegenwart besaß, nicht vor die Kamera treten zu wollen. Das wenigstens hat Schell respektiert. Trotzdem, eine entzauberte Ikone. Der Film war für einen Oscar nominiert. Marlenes Freundschaft zu Hildegard Knef wird hervorgehoben. Hilde selbst schwärmt in höchsten Tönen von der mütterlichen Freundin. Hilde, die ja auch eine deutsche Ikone ist.

Seit einiger Zeit suche ich nach einer Doku über Hilde. Bei Amazon gibt es eine, die ich mir bestellt habe. Allerdings bin ich etwas skeptisch, wenn ich die Inhaltsangabe lese. Ich werde meinen Senf dazu abgeben, wenn ich das Werk gesehen habe.

Im Nachhinein bin ich froh, dass er Greta Garbo nicht zu fassen kriegte. Oder gar Louise Brooks. Dann hat der liebende Bruder Maximilian 2003 einen Film über seine Schwester Maria, eine weitere Ikone, gemacht. Vielleicht betrachtet er es als seine Aufgabe, schonungslos über Ikonen zu berichten, sie von ihren Sockeln zu stürzen. Zu zeigen, dass sie auch nicht anders sind, als andere Leute, als du und ich. Aber dass das nicht so ist, abgesehen davon, dass sie auch sterblich sind, das wissen wir ja.

Sie sind anders als du und ich. Sie sind Künstlerinnen. Menschen, die uns mit dem was sie können, erfreuen. Sie stehen im Rampenlicht, werden auf Schritt und Tritt von Kameras verfolgt, sogenannte Fans gieren nach Details aus ihren Privatleben, aber zu welchem Zweck? Warum sind Menschen so scharf auf Privates der Stars? Was soll das bringen? Warum identifizieren sie sich mit Menschen, die sie nie treffen, nie kennenlernen werden. Warum wollen junge Menschen so werden, wie jemand, den es schon gibt? Warum wollen sie nicht sie selbst bleiben und selber etwas ganz Besonderes werden?

Vielleicht ist es ja auch bequemer, einen Star anzuhimmeln als selbst die Initiative zu ergreifen. Stars werden zu Ikonen stilisiert, opfern ihr Privatleben, alles für Ruhm und Reichtum. Und im Namen der Kunst natürlich. Das meine ich so. Es gibt solche, die nur für ihre Kunst leben. Und sterben. Das ist aber hier grad nicht das Thema, darüber schreib ich ein andermal einen Aufsatz.

Ich schweife ab. Zurück zur Doku.

Man könnte meinen, dass ich den Herrn Schell nicht mag. Da ist was dran. Er ist sicher ein toller Schauspieler. Besonders in den letzten Jahren gibt er den Grandseigneur, was ihm gut zu Gesicht steht. Angefangen hat meine ausgesprochene Abneigung gegen ihn, als er 1984 die Marlene-Doku machte.

Romy Schneider, geboren in Österreich, die ja über die Hälfte ihres Lebens in Frankreich verbrachte, wurde ebenfalls eine Ikone in Deutschland. Aber so ganz vergeben hat ein Großteil des deutschen Publikums ihr nie, dass sie nicht mehr die Sissi sein wollte, und in Frankreich eine grandiose Karriere machte. Schell hat erfreulicherweise keine Doku über sie gemacht. Womöglich hätte er sie auch demontiert. Über Romy Schneider gibt es einige gute Dokus. Da fällt die Wahl schwer. Am besten alle.

Ist es nicht merkwürdig, dass diese vier Frauen, alle tot, die ihren Ruhm fast ausschließlich im Ausland ernteten, erst posthum zu diesen „deutschen“ Ikonen wurden. Schneider und Schell sind nicht mal in Deutschland geboren, aber das deutsche Publikum hat sie einverleibt. Lange, lange Jahre hat man Dietrich übelgenommen, dass sie die amerikanische Staatsangehörigkeit angenommen hat, und später nur kurz nach Berlin kam, um ihre Mutter zu besuchen. Die Presse hat sie beschimpft. Ein Wunder, dass sie in Berlin begraben werden wollte. War das vielleicht das deutsche Offizierstochter-Gen, das sie bewegte, oder wollte sie neben die Eltern gebettet werden?

Jetzt überleg ich gerade, wer denn in Deutschland noch als Ikonen-Material rumläuft? Mir fällt spontan keine/r ein. Vorschläge bitte?

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9 Kommentare zu Vier weibliche „Ikonen“ des Films

  1. Leah Herz sagt:

    @Günter Landsberger. Der uralte Spruch wird bis ans Ende der Welt wie wir sie kennen Bestand haben.
    Allerdings trägt die lokale yellow press (hier und anderswo) natürlich dazu bei, dass die Entzauberung schon lange bevor einer möglichen (und vielleicht berechtigten) Ikonisierung stattfindet.
    Es ist wohl nicht nur eine deutsche Eigenschaft, von öffentlichen Personen (jeglicher Couleur) ein makelloses Vorbildleben zu erwarten. Warum nur? Jeder zweite Satz lautet doch „Sind auch nur Menschen wie du und ich“. Im Umkehrschluss hieße das: „Ich bin so makellos, ein Vorbild für Familie und Umwelt, also bitte ‚Ihr da Oben‘ gefälligst auch.“
    Aber wir wissen ja: Erwartung erzeugt Enttäuschung. Die jedoch still für sich als Erfahrung zu verbuchen, scheint dem Menschen nicht gegeben. Fässer sind dazu da, aufgemacht zu werden. Als Beispiel ziehe ich sämtliche Skandälchen der letzten 24 Monate heran.
    Tut mir leid, dass ich schon wieder auf FB verweise, aber da hat sich eine ganz interessante Diskussion über das Ikonenwesen (hierzulande) entwickelt.

  2. Leah Herz sagt:

    @Exil NACH der Karriere hat wohl keine ikonisierende Wirkung. Und ohne gesichertes Einkommen… von irgendwo her muss ja schließlich die Butter auf dem Brot kommen. Schygulla war auf RWF abonniert, so haben seine Anhänger sie in Erinnerung.Diese Anhänger werden älter und versammeln sich zu RWF-Festivals oder kaufen die DVDs. Ja, Zoo-Auftritte, schade, aber gottlob ja nicht ehrenrührig.

  3. Der Analoges meinende, schon uralte Spruch „Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande“ – scheint sich hier wieder zu bewahrheiten.
    (Auch wenn der zunächst erst aus dem Ausland kommende Ruhm sich gelegentlich doch noch auch im Ursprungsland – und sei’s auch nur vorübergehend – einstellt.)

  4. Bernd Berke sagt:

    @Leah: Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir den Facebook-Thread allhier gewünscht.
    Schygulla für 500 Euro im Zoo? Das ist ja niederschmetternd.

  5. Leah Herz sagt:

    @Bernd Berke: wuchert.

  6. Leah Herz sagt:

    @ Bernd Berke: da ist was dran. Es läuft grad ein thread zum Thema bei FB. Die großen Zeiten sind hier erst mal vorbei. Die Beliebigkeit wuchtert wie eine Schlingpflanze.

  7. Leah Herz sagt:

    @ HH Pöpsel: Schygulla hat sich meines Erachtens zu sehr verzettelt, wurde zu beliebig. Ich hörte, sie singt, wenn man sie für €500 engagiert, auch im Zoo. Noch eine von den Fassbinder-Musen, die im Nichts verfusselt sind. Oder tot. Böhm hat die Branche ganz verlassen, vermutlich eine weise Entscheidung.

  8. Hans Hermann Pöpsel sagt:

    Und was ist mit Hanna Schygulla?

  9. Bernd Berke sagt:

    Wahrscheinlich ist die Zeit solcher Gestalten vorüber. Leider. Heute hat man Casting und derlei Spuk.

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