Das naive Schauen lernen – Drei Künstler im Hamburger Bahnhof zu Berlin

Während draußen der Frühling mit Macht die Stadt erobert, die Natur explodiert und die Farben satt werden, wird es auch drinnen hell und weiß. Im Hamburger Bahnhof, dem Museum für Gegenwart in Berlin, kann man derzeit drei grandiose Entdeckungen machen: Der Brite Anthony McCall projiziert Lichtskulpturen in den schwarzen Raum, der Chinese Qui Shihua erkundet die Farbe Weiß und der kürzlich verstorbene Amerikaner Cy Twombly redet mit dekorativen Manieristen.

Für McCall und seine „Five Minutes of Pure Sculpture“ wird die weitläufige historische Eingangshalle des ehemaligen Bahnhofs und jetzigen Museums in eine riesige Black Box verwandelt. Kleine Maschinen pumpen feuchten Nebel in die geheimnisvolle Dunkelheit. Erst langsam gewöhnen sich die Augen an die totale Finsternis. Umso deutlicher fräsen sich die aus verschiedenen Projektoren kommenden Lichtstrahlen durch das Schwarz, zeichnen scheinbar dreidimensionale Formen in den Raum. Ständig verändern sich die Lichtkreise, Zylinder, Rechtecke, man kann sie begehen, mit dem Körper die Skulpturen verändern. Man muss die Lichtspiele nicht verstehen oder interpretieren, sondern einfach nur das Erlebnis aus Raum und Zeit in sich aufnehmen und ein bisschen Spaß daran haben, als naiver Kunstbetrachter zum Teil der Installation zu werden.

Naives Schauen kann auch bei den im Ostflügel des Museum untergebrachten Bildern von Qui Shihua nicht schaden. Hinter monochromen weißen Flächen entdeckt das Auge irgendwann Schatten und Formen, die aus dem Nebel der weißen Anonymität heraustreten. Man glaubt Bäume, Häuser, ganze Landschaften zu sehen. Oder ist alles nur Einbildung? Denn eigentlich sind die Bilder ganz leer und die Abstraktion perfekt: Der chinesische Künstler experimentiert mit der Farbe Weiß, er spielt mit unserer Wahrnehmung, irritiert die Sinne, ironisiert die abstrakte Kunst des Westens und zeigt uns, dass die Gegenstände auch da sein können, wenn wir sie nicht wirklich sehen: Die Welt ist in unserem Kopf. Und die Kunst ist nichts als Fantasie. Sie lässt uns träumen und durch die Zeiten reisen. Wer das nicht glaubt, sollte noch schnell an der kleinen Bilderschau vorbei flanieren, die eine unerwartete und überraschende Begegnung zwischen Cy Twombly und der Schule von Fontainebleau ermöglicht. Die manieristischen Dekorationsmalereien, die in der Mitte des 16. Jahrhunderts im Schloss von Fontainebleau entwickelt wurden, kommunizieren mit chaotischen Farbknäueln und gekritzelten Linien von Cy Twombly, die amourösen Gemälde von einst mit der abstrakten Figürlichkeit von heute. Man hört förmlich, wie die Kunst und die Künstler über die Zeiten hinweg sich austauschen, streiten und befruchten. Die Kunst: ein Traum.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50, 10557 Berlin, Anthony McCall: bis 12. August, Qui Shihua: bis 5. August, Cy Twombly: bis 7. Oktober.

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Ein Kommentar zu Das naive Schauen lernen – Drei Künstler im Hamburger Bahnhof zu Berlin

  1. Bernd Berke sagt:

    Obigen Artikel gibt es jetzt nur noch ohne Bild, weil der Veranstalter/Bildrechteinhaber folgendes vorgeschrieben hat: „Pressefotos sind 4 Wochen nach Ablauf der Ausstellung aus allen Olinemedien zu löschen.“
    Sonderlich praktikabel finden wir das nicht. Aber sei’s drum.

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