Ödnis im Zeichen der Löschblattwiege: Walter E. Richartz’ „Büroroman“ – wiedergelesen

„Zu jedem Schreibtisch gehört die Schreibgarnitur aus Bakelit. Sie besteht aus Schale, Notizzettelkästchen und Löschblattwiege.“

Das klingt ja allerliebst nostalgisch. Tatsächlich entstammt die knappe Schilderung dem „Büroroman“ von Walter E. Richartz (1927-1980), der 1976 herauskam und heute noch als Taschenbuch greifbar ist.

Welch ein zeitlicher Abstand! Damals wurden gerade die ersten Versuche mit EDV (Elektonische Datenverarbeitung) unternommen. Sie scheinen zunächst nur nebulös am Horizont dieses Romans auf. Doch gegen Schluss kosten sie die ersten Arbeitsplätze. Von Fax, Handys oder gar Internet ganz zu schweigen. Gerade deshalb ist es interessant, dieses Buch wieder einmal hervorzuholen. Welche Signaturen sind seither für immer verschwunden und was zählt womöglich zum Langzeitbestand des bundesdeutschen Bürolebens?

Richartz

Wir lernen vor allem Herrn Kuhlwein, Frau Klatt und Fräulein Mauler (so sagten manche damals noch) kennen, die sich in Frankfurt am Main ein Büro im zehnten Stockwerk teilen. Wir lernen sie genauer kennen, als uns lieb ist. In ihrer Kostenkontroll-Abteilung vollzieht sich höllisch das Immergleiche, ein monotones, erbärmlich reduziertes, quasi kästchenförmiges Leben, ein oft biestiges Schweigen zum Terror der kleinen Geräusche, allenfalls lau gewürzt von kleinen gegenseitigen Bosheiten.

Absoluter Stillstand um 15.10 Uhr

Durch einen mikroskopischen Blick auf die (kaum) verstreichende Zeit – um 15.10 Uhr ist absoluter Stillstand erreicht, der Feierabend scheint ferner denn je – lässt uns Richartz am ungemein zähflüssigen Alltag des Büros teilnehmen. Hin und wieder muss man grinsen, doch wohl ziemlich müde und gequält. Allein zu lesen, wie überaus penibel Herr Kuhlwein eine Orange schält, um sie hernach umständlich zu verzehren, könnte einen schier rasend machen. Wer jemals regelmäßig in einem Büro gearbeitet hat, kennt solche marternden Szenen wahrscheinlich zur Genüge.

Was in der Produktionsabteilungen des Unternehmens namens DRAMAG (soll der Name etwa auf Dramen hindeuten?) überhaupt hergestellt wird, wissen die Büro-Angestellten gar nicht so genau. Sie schmoren, teilweise seit Jahrzehnten, im eigenen Saft.

Willkommener Unglücksfall

Immerhin wird die Ödnis manchmal unterbrochen: Der freilich immergleiche Kantinengang sorgt für scheinbare Bewegung, Hitzewellen oder Regenfluten liefern kurzzeitig Gesprächsstoff, Rituale vor und nach dem Urlaub bringen sogar für Minuten einen Schuss Übermut ins ewiggleiche Getriebe.

Vor solchem Hintergrund wird bereits der Besuch einer Ex-Kollegin, die offenbar glücklich geheiratet hat (soll man’s ihr denn glauben und gönnen?), zum mittelgroßen Ereignis. Und als bei Sturm beinahe ein Fensterputzer von der Hochhausfassade abstürzt, erfasst die ganze Firma endlich ein Hauch von Dramatik, die gleichsam der seelischen Hygiene zugute kommt. Denn nach der kleinen Katastrophe herrscht für kurze Zeit eine ungeahnte Aufgeräumtheit.

In der Äbbelwoi-Hölle

Durch die erwähnte Frau Klatt kommt punktuell jene hessische Mundart ins Spiel, deren Äbbelwoi-Abgründe einen schon seit den Zeiten von „Babba Hesselbach“ oder dem „Blauen Bock“ schaudern lassen. Damals, auf einem ersten Gipfel der RAF-Terrorfahndungen, hörte sich das dann schon mal so an: „Dene geheert der Kopp ab, geheert dene.“

Kurzum: Bis hierhin haben wir einen Roman gelesen, der seine armseligen Gestalten vor allem mit parodistischen Mitteln kenntlich macht. Weder die dynamischen Chefs noch der Gewerkschafter auf der Betriebsversammlung entgehen dem satirisch überzeichnenden Zugriff.

Doch dann vollzieht sich mittendrin ein unerfindlicher Umschwung. Auf einmal wird besonders den drei Figuren im zehnten Stock Verständnis entgegen gebracht. Plötzlich werden sie nicht nur von außen, sondern von innen her betrachtet. Ihre Beweggründe werden nunmehr ernst genommen. Ihre kleinen Träume, ihre legitimen Sehnsüchte, ihre Verletzungen, ihre bestürzende Einsamkeit und ihre Tragik finden Beachtung.

Hatte es vorher den Anschein, als mache sich der Autor durchweg lustig, so werden nun die Lebensgeschichten sorgsam abgewogen und gewürdigt. Nun gut. Menschlicher ist das allemal. Aber wie verträgt es sich mit dem Duktus der ersten Hälfte des Romans? Gar nicht. Das Ganze wirkt leider ziemlich zwittrig.

Bis zur letzten Büroklammer

Den Schluss, der wiederum im nüchternen Gewande daherkommt, bildet eine „Inventur“, in deren Verlauf alle Gegenstände im Büro verzeichnet werden – bis hin zur letzten Büroklammer. Mit all den Dingen und ihren Tücken sind auch so manche Worte verschwunden. Die Akten von damals sind eh längst geschreddert worden. Die letzten Gedankenblitze erhellen auf schwer übertreffliche Art die Phänomenologie der Neonlampe.

Trotz gewisser Schwächen in der Konstruktion kann Richartz’ Roman als markanter Vorläufer gelten. Bis dahin war das Alltagsleben der Angestellten allenfalls ein Nebenthema der Literatur gewesen. Der wunderbare Kritiker Georg Hensel schrieb damals sehr richtig in der FAZ: „Kühn pflanzt Richartz die Fahne des Erstbesteigers in einem Büro-Hochhaus auf.“

Es war sicherlich kein Zufall, sondern ein Zeichen der Zeitreife, dass in den folgenden Jahren 1977, 1978 und 1979 Wilhelm Genazinos „Abschaffel“-Trilogie erschien, die das Dasein der Angestellten vollends zum Stoff erhob und in allen Facetten ausleuchtete. Genazino, der die Romanhandlung übrigens ebenfalls in Frankfurt ansiedelte, zählt heute zu den ganz Großen unserer Literatur. Ob er vielleicht anfangs die eine oder andere Anregung aus dem „Büroroman“ des leider so früh verstorbenen Richartz empfangen hat?

Walter E. Richartz: „Büroroman“. Diogenes Taschenbuch. 274 Seiten. 9,90 Euro.




Die harte Gangart der Fotografie – Bilder von Weegee in Oberhausen

Immer `ran, gleich` ran: Wenn Weegee ein starkes Bildmotiv sieht, so hält ihn nichts mehr auf Distanz.

Dann rückt der Pressefotograf den Mördern, Opfern, Cops und Underdogs im New York der 1930er und 1940er Jahre ganz dicht auf den Leib und drückt sofort ab. Menschen, deren Behausung gerade in Feuersbrünsten niederbrennt, hält er die Kamera mitten in die entsetzten Gesichter.

Weegee: "Der Erkennungsdienst bei der Arbeit", 1941 (© Weegee/Institut für Kulturaustausch, Tübingen 2013)

Weegee: „Der Erkennungsdienst bei der Arbeit“, 1941 (© Weegee/Institut für Kulturaustausch, Tübingen 2013)

Seit 1935 als Freelancer tätig, kann sich der Autodidakt keine Sentimentalitäten erlauben. Er muss die besten, unmittelbarsten Bilder haben, sonst würden die sensationsgierigen Zeitungen sie nicht kaufen. „Murder is my business“, sagt Weegee einmal.

Die heute noch hinreißenden Ergebnisse seiner Arbeit sind jetzt in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu sehen. Die Dokumente werden längst als Kunstwerke wahrgenommen. Es liegt nicht am bloßen Verstreichen der Zeit und an der generellen musealen Aufwertung der Fotografie, sondern an wahrhaftigen Qualitäten dieser Schwarzweiß-Bilder. Die rund 100 Exponate stammen aus dem Fundus des Instituts für Kulturaustausch in Tübingen, aus dem Christine Vogt und ihr Oberhausener Team eine schlüssige Auswahl zusammengestellt haben. Übrigens gab’s im Ruhrgebiet noch nie eine Weegee-Schau.

Delinquenten verbergen ihre Gesichter: Charles Sodokoff und Arthur Webber, 1942 (© Weegee/Institut für Kulturaustausch, Tübingen 2013)

Delinquenten verbergen ihre Gesichter: Charles Sodokoff und Arthur Webber, 1942 (© Weegee/Institut für Kulturaustausch, Tübingen 2013)

Weegees Art zu fotografieren (buchstäblich Bilder zu „schießen“) glich einem gewaltsamen Akt. Und so wirken die Aufnahmen denn auch auf den ersten Blick. Vom krassen Blitzlicht hart und grell konturiert, unerbittlich realistisch. Doch man weiß, dass Weegee zuweilen manch ein Detail eigenhändig arrangiert hat (so stellte er etwa nach einem Mord beim Bocciaspiel die Bocciakugeln „dekorativ“ in den Vordergrund), dass er Ausschnitte mit Bedacht wählte. Auch hat er Verbrechensopfer nicht in aller möglichen Drastik gezeigt, sondern ihnen einen Rest von geradezu ästhetischer Aura gelassen. In Wien würde man vielleicht sarkastisch sagen „A schöne Leich’“.

Vor allem aber hatte Weegee – mitten im heißesten Moment – ein untrügliches Gespür für wirksame Komposition und Dynamik. Wer heute versucht, den Augenblick mit schier endlosen Reihen von Digitalbildern zu fangen (Motto: Ein Gutes wird schon darunter sein), macht sich keinen Begriff davon. Damals, in der Zeit der Plattenkameras, mussten gleich die allerersten Bilder „sitzen“. Umso erstaunlicher, dass viele inzwischen den Status von Klassikern haben. So auch jenes umwerfende Bild von der gaffenden Menge, die uns auch auf unseren eigenen Voyeurismus verweist. Wir schauen Zuschauern beim Zuschauen zu, ganz fasziniert.

Oft war Weegee (1899-1968, bürgerlich Arthur Fellig) früher am Tatort als die Polizei selbst. Ab 1938 mit der offiziellen Genehmigung versehen, den Polizeifunk abhören zu dürfen, raste der besessene Nachtarbeiter sofort los, um gleichsam auf frischer Tat zugegen zu sein. Was er dann auf Platte bannte, wäre heute und zumal in Europa so nicht mehr publizierbar. Aber damals herrschten andere Gesetze. Und in den USA geht es ohnehin anders her.

Polizei beendet Straßendusche der Kinder, 1944 (© Weegee/Institut für Kulturaustausch, Tübingen 2013)

Polizei beendet Straßendusche der Kinder, 1944 (© Weegee/Institut für Kulturaustausch, Tübingen 2013)

Schnell wurde der im heute polnischen Złoczew geborene Fotograf, der 1910 als Kind in die USA gekommen war, bekannt und kultivierte ein entsprechendes Image, nannte sich höchst selbstbewusst „Weegee – The Famous“ und zeigte sich gern als zerknautschter harter Kerl, allzeit mit Zigarre im Mundwinkel. Als Zeitgeist-Typus der Hardboiled-Ära hätte er jederzeit in einem Marlowe-Roman von Philip Chandler auftauchen können (wenn die nicht in Los Angeles spielen würden).

Eines seiner Fotos zeigt das unglaublich überfüllte Badeufer von Coney Island. Die vielen, vielen Menschen schauen hinauf zur Kamera, Weegee steht offenbar auf einem Podest inmitten der Massen. Er ist das Gegenteil eines „unsichtbaren“ Fotografen, der heimlich auf Motive lauert. Weegee wirft sich geradezu hinein in die Situation oder stellt sich beherrschend über sie. Dass er auch subtile, ja ätherische optische Sensationen zu erfassen weiß, zeigen seine Bilder von Stadtstrukturen, etwa vom mysteriösen Schattenwurf unter der Hochbahn.

Unter der Hochbahn, Bowery, o. J. (© Weegee/Institut für Kulturaustausch, Tübingen 2013)

Unter der Hochbahn, Bowery, o. J. (© Weegee/Institut für Kulturaustausch, Tübingen 2013)

Manche haben versucht, Teile seines Werks sozialkritisch zu interpretieren. Tatsächlich hat er ja die Schattenseiten der Gesellschaft gezeigt, hat Huren, Stripperinnen, Verbrecher, Säufer, Obdachlose oder auch die diskriminierten Farbigen in Harlem abgelichtet, doch wohl weniger aus edelmütigen politischen Antrieben. Er hat sich just in die harte Wirklichkeit begeben und dort Anzeichen sozialer Tatsachen vorgefunden, sofern man sie überhaupt sichtbar machen kann. Bei einem Fotografen mit dieser formalen Könnerschaft werden eben gültige Szenen daraus. Die Verhältnisse, sie waren so.

Ostersonntag in Harlem, 1940 (© Weegee/Institut für Kulturaustausch, Tübingen 2013)

Ostersonntag in Harlem, 1940 (© Weegee/Institut für Kulturaustausch, Tübingen 2013)

So auch bei einem seiner berühmtesten Bilder, das zwei schwerstreiche Damen beim Gang in die Oper zeigt und die Aussage noch mit einem Trick steigert: Eine völlig desolat wirkende „Kritikerin“, die als Kontrastfigur auftritt, soll Weegee eigens angeheuert und unter Alkohol gesetzt haben. So obszön wirkte demgegenüber der zur Schau gestellte Reichtum, dass die Nazis das Bild zu perfiden Propagandazwecken nutzen und auf in Italien abgeworfenen Flugblättern die US-Soldaten hinterhältig fragten: „GI’s, is this what you’re fighting for?“ – „Dafür wollt ihr kämpfen?“

"Kritik", 1943 (© Weegee/Institut für Kulturaustausch, Tübingen 2013)

„Kritik“, 1943 (© Weegee/Institut für Kulturaustausch, Tübingen 2013)

Einmal prominent und wohlhabend, ließ es Weegee bequemer angehen. Er unternahm Europa-Reisen, verlegte sich vor allem auf Star-Fotografie und porträtierte etwa Louis Armstrong, Marilyn Monroe, Salvador Dali, Jackie Kennedy oder auch das verzückte weibliche Publikum des Frank Sinatra. Man wähnt sich hier beinahe schon in einem Konzert der Beatles mit hysterischem Kreischen und massenhaften Mädchen-Ohnmachten.

Auch Weegees Selbstinszenierungen weisen ja schon gelegentlich voraus auf Phänomene der 60er Jahre. Nicht ausgeschlossen, dass ein Mann wie Cassius Clay alias Muhammad Ali („I am the greatest“) einige seiner Imponier-Posen von einem wie ihm gelernt hat. Bei beiden, so wissen wir, steckte wirkliche Substanz hinter dem Gehabe. Und wie!

Sollte Weegee gar ein Vorvater der Pop Art gewesen sein? Ein Bild, auf dem er sich mit Andy Warhol zeigt, könnte die Vermutung nahelegen. Doch wie verschieden sind diese beiden Typen! Ein jeder steht für seine Zeit.

Weegee – The Famous. Fotografie. Bis 8. September 2013 in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, Konrad-Adenauer-Allee 46. Geöffnet Di-So 11-18 Uhr, Mo geschlossen. Eintritt 6,50 €, ermäßigt 3,50 €.
Kombiticket mit Gasometer Oberhausen (dort ist bis Ende Dezember die Christo-Installation „Big Air Package“ zu sehen) 13 €.

Statt eines Katalogs erscheint ein Booklet für 4 €.
Wenn’s etwas mehr sein darf, so greife man zu Weegees erstmals 1945 erschienenem Buch „Naked City“.




„Du musst auch eine Drecksau sein“: Notizen vom ZDF-Talk zum Spiel Dortmund vs. Bayern

Allmählich drehen die Medien durch. Seit Wochen überschlägt sich die Berichterstattung vor dem Finale der Champions League. Borussia Dortmund gegen Bayern München im Londoner Wembley-Stadion ist das Spiel der Spiele. Jetzt ging es auch in Maybrit Illners ZDF-Talk um dieses Match, das am Samstag (20:45 Uhr) ins Haus steht.

Ich halte es mit dem guten alten Spruch des BVB-Altvorderen Adi Preißler: „Entscheidend is auf’m Platz.“ Alles Gerede vorher und nachher ist herzlich zweitrangig. So auch bei dieser Talkshow, deren Gästeliste nicht gerade Endspiel-Niveau erreichte. Vor allem fragte man sich, was um Himmels Willen Andrea Kiewel („ZDF-Fernsehgarten“) in dieser Runde zu suchen hatte. Sie war schon beim Sendereigen zum 50jährigen ZDF-Jubiläum – ebenfalls von Maybrit Illner moderiert – höchst präsent. Man kennt sich, man mag sich, man lädt sich ein…

Musste auch als Fußball-Talkerin herhalten: Andrea Kiewel vom ZDF-Fernsehgarten. (Foto: ZDF/Carmen Sauerbrei)

Musste auch als Fußball-Talkerin herhalten: Andrea Kiewel vom ZDF-Fernsehgarten. (Foto: ZDF/Carmen Sauerbrei)

Bloß keinen Aspekt auslassen

Maybrit Illner mühte sich, dem Thema alles, aber auch alles abzupressen. Bloß keinen Aspekt auslassen. Da ging es vor allem um den Mythos „Malocher gegen Millionäre“ und alle anderen Animositäten zwischen Bayern und dem BVB, die weidlich ausgekostet wurden. Bei Licht betrachtet, blieb jedoch von diesem angeblichen „Kulturkampf“ (Illner) substanziell nicht allzu viel übrig.

Man hatte versucht, die Runde möglichst gleichgewichtig zu besetzen. Ex-BVB-Kicker Frank Mill, der derzeit vereinslose Trainer Christoph Daum und Andrea Kiewel halten es eher mit der Borussia, der Journalist Claus Strunz und Moderator Markus Kavka hingegen mit den Bayern. Kleine Spitzen flogen hin und her, doch man tat einander nicht weh. Hörfunk-Fußballreporterin Sabine Töpperwien (WDR) gab sich öffentlich-rechtlich neutral, legte aber stets Wert auf die Formulierung „Ich habe übertragen“; ganz so, als sei sie für ihren Sender immer allein tätig. Nun gut. Ich gestehe freimütig, dass ich ihre Bundesliga-Berichte in ihrem ganzen knödelnden und gepressten Tonfall unsäglich finde.

Deutsche Gipfelgefühle

Apropos unerträglich. Man hält ja all diese Gipfelgefühle kaum noch aus: Deutschland ist doppelt an der Spitze des europäischen Fußballs angekommen, zudem gab ausgerechnet die britische BBC gestern bekannt, dass „wir“ weltweit das beliebteste Land seien. In dieser Talk-Sendung kam man freilich mental wieder etwas herunter, denn es wurde alles, aber auch wirklich alles durchgehechelt, was nur irgend aufs Finale in London bezogen werden konnte – bis hin zu den Chancen bei der nächsten Weltmeisterschaft oder den Scheichs und Oligarchen, die sich vor allem britischer Vereine bemächtigt haben. Wo aber wird solide gewirtschaftet? Richtig. Bei uns. Wo sonst?

Stammtischverdächtig

Wie bitte? Ja, selbstverständlich. Natürlich wurden auch Uli Hoeneß‘ Steueraffäre, der Götze-Transfer und Christoph Daums Kokain-Skandal von anno 2000 nochmals bekakelt. Und der wohltuend zurückhaltende Frank Mill musste zum wohl tausendsten Mal den Filmausschnitt von seinem legendären Pfostenschuss aus einem Meter Entfernung über sich ergehen lassen. Heilig’s Blechle!

An manch einem bayerischen oder westfälischen Stammtisch dürfte ähnlich (un)kundig debattiert werden. Stammtischverdächtig, aber irgendwie herrlich knorrig und kernig war auch der Satz des Abends, der von Christoph Daum eingeworfen wurde: „Du darfst nicht nur schön spielen, du musst auch eine Drecksau sein.“ In diesem Sinne freuen wir uns jetzt aufs Endspiel. Oder auch ganz anders. So mehr von innen heraus.




Endlich! Ein völlig objektiver Vorbericht zum Finale der Champions League

Hier nun ein paar völlig objektive, hochkulturelle Zeilen zum Spiel der Spiele: Nein, dieses Match lässt sich – um es mit einem legendären Lapsus aus Kickermund zu sagen – wirklich nicht mehr weiter „hochsterilisieren“.

Wenn am kommenden Samstag um 20.45 Uhr MEZ im Londoner Wembley-Stadion Borussia Dortmund und der FC Bayern München das Finale der Champions League austragen, dann fiebert natürlich alle Fußballwelt mit. In Dortmund herrscht allenthalben Ausnahmezustand. Um es vorsichtig zu formulieren. Wenn (sehr frei nach Peter Handke) das Wünschen bei der Kartenvergabe noch geholfen hätte, so würden Hunderttausende in Schwarzgelb nach London kommen.

Laube in einem Dortmunder Kleingartenverein, abgelichtet am 22. Mai 2013. (Foto: Bernd Berke)

Laube in einem Dortmunder Kleingartenverein, abgelichtet am 22. Mai 2013. (Foto: Bernd Berke)

Exaltierte Leitmedien wie „Spiegel online“ bringen seit vielen Tagen den immer mit neuen Gerüchten und Parolen gefütterten Countdown bis zum Anstoß. Jede halbgare Äußerung aus beiden Lagern, jede Blessur wird da im bebenden Tonfall vermeldet und breit ausgewalzt. Der Ausfall des verletzten Mario Götze wird vollends als Tragödie von shakespearschen Dimensionen dargestellt; wie denn überhaupt der bevorstehende Götze-Transfer von Dortmund nach München das Weltgebäude hat wanken lassen. Naja, wenigstens hat offenbar die eine oder andere Redaktion gewackelt. Schlimmer noch: Heute bemächtigt sich auch eine seltsam besetzte Talkshow des Themas.

Das Feld der Emotionen besetzt

BVB-Trainer Jürgen Klopp erklärt Borussia Dortmund gleich zum spannendsten Fußballprojekt der Welt und wirbt flammend um die Herzen aller echten Fans auf dem Globus. Der Wahlspruch des Vereins, „Echte Liebe“, besetzt – zwischen Leidenschaft und Marketing – das emotionale Feld, während der Widersacher aus dem Süden vorwiegend mit Geld, Geld und nochmals Geld assoziiert wird und darum vielfach gern „Buyern München“ genannt wird. Ja, ja, ja, auch in Dortmund werden ein paar Groschen umgesetzt – und doch besteht da ein Unterschied.

Glaubt man der wahnwitzig ausufernden Vorberichterstattung, so ist ganz Deutschland gespalten in Schwarzgelb und Rot. Es wäre interessant zu erfahren, wie die Sympathien international verteilt sind. Eins ist klar: Die meisten Polen halten schon mal zu Dortmund. Doch die frischgewagte, husarenhafte BVB-Spielweise unter Klopp hat überdies neue Anhänger auf dem ganzen Kontinent gewonnen. Die bloße Vorstellung, dass sie in Lokalen von Rio, Buenos Aires, Tokyo oder Peking ein Dortmunder Tor bejubeln, ist herzerwärmend.

Sich heraushalten? Geht kaum!

Wer sich übrigens aus all dem heraushalten will, verhülle am besten sein Haupt, lasse die Rollos herunter, schalte alle Geräte ab oder begebe sich gleich für eine Zeit ins Kloster. Doch wer weiß, was sie dort am Samstag machen?

Bei nüchterner Betrachtung der Fakten (doch wer wird denn da nüchtern bleiben?) gehen die Bayern als haushohe Favoriten ins Finale. Sie können wahrscheinlich ihre Bestbesetzung aufbieten, während bei Dortmund nicht nur Götze fehlt, sondern zwei Verteidiger, Mats Hummels und Lukasz Piszczek, angeschlagen sind. Auch haben die Bayern eine nahezu makellose Saison hingelegt, so dass man sich fragt, was der künftige Trainer Pep Guardiola dort eigentlich noch richten soll.

Aber warten wir’s ab. Es gibt – sehr frei nach William Shakespeare – Dinge zwischen beiden Strafräumen, die sich unsere Schulweisheit nicht träumen lässt.

Im Fall eines Bayern-Sieges würde man sich drunten etwas freuen und dann bald zur Tagesordnung übergehen. Es wäre sicherlich kein Vergleich zu dem, was in und um Dortmund los wäre, wenn…

Warten wir’s ab. Es gibt Dinge zwischen Auslinien, Pfosten und Eckfahnen, die sich unsere…

Aggression und Zurückhaltung

In München kassiert man Titel ein und hakt sie ab. Viele Anhänger sind schlichtweg saturiert. Das „Mia san mia“-Denken ist weit verbreitet, die entsprechende Denkungsart des (anderweitig „angeschlagenen“) Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß kommt einem fast schon gemütlich-folkloristisch vor, wenn man sie mit der unerbittlich aggressiven Stoßrichtung des Matthias Sammer vergleicht.

Demgegenüber wirkt die Zurückhaltung des Dortmunder Präsidenten Reinhard Rauball, des Geschäftsführers Hans-Joachim Watzke und des Sportdirektors Michael Zorc geradezu nobel. In der angeblichen Proletenstadt zeigt man inzwischen deutlich mehr Stil als an der Isar. Nur Jürgen Klopp darf schon mal gepflegt ausrasten. Jawohl, Kloppo darf das.

Ich gebe zu: Sollte Sammer am Samstag aus gutem Grund zornig mit den Zähnen knirschen, so würde mich das doppelt und dreifach er-götzen!




Still und stoisch durch den Krieg gehen: „Neue Zeit“ von Hermann Lenz – wiedergelesen

Wie ist das im Zweiten Weltkrieg gewesen, Tag für Tag, bis zum bitteren Ende? Es gibt wahrlich zahllose Bücher über „Ereignisse“ jener Jahre, hin und wieder auch übers Alltägliche. Doch Hermann Lenz’ Roman „Neue Zeit“ ist und bleibt etwas Besonderes.

Erstmals 1975 erschienen, ist das Werk jetzt in einer neuen Ausgabe greifbar. Man kann es wieder und wieder lesen. Als Zeugnis des Nebenher, des Unscheinbaren, das wohl auch damals die meisten Geschehnisse grundiert hat. Als Dokument einer großen Hilflosigkeit angesichts der Zeitläufte. Als Studie darüber, wie man mitten im allergrößten Dreck ein Mindestmaß an Anstand wahren kann. Und dergleichen mehr.

Weder Helden noch Antihelden

Fernab von jeder Versuchung zum Spektakulären oder Heroischen, aber auch nicht mit vollmundiger Antikriegs-Rhetorik, ja überhaupt mit sehr zurückhaltender Wahl der Worte und Stilmittel, erzählt Lenz die Geschichte seines Alter ego Eugen Rapp, eines Studenten der Kunsthistorie, der wie in einer Art Trance durch die Wirren des Krieges geht; zunächst bei militärischen Übungen, dann als Soldat beim vergleichsweise unblutigen Einmarsch in Frankreich, sodann über Jahre hinweg an der Ostfront in Russland und schließlich in amerikanischer Gefangenschaft.

neuezeit

Die stark autobiographisch geprägte Handlung setzt 1937/38 ein und reicht bis 1945. Zu Beginn trifft der Schwabe Eugen Rapp in München ein, um sich einen neuen Doktorvater für eine Arbeit über Dürer zu suchen, denn die jüdischen Professoren in Heidelberg sind von den Nazis entlassen worden. Rapp hat sich derweil zaghaft mit „Treutlein Hanni“ angefreundet, was sich als zunehmend riskant erweist, denn die junge Frau aus hochkultiviertem Hause, die Hermann Lenz 1946 heiraten wird, ist „Halbjüdin“ (welch eine verquere Begrifflichkeit von allem Anfang an).

Sehnsucht nach gestern

Vor der immer gewaltsamer auftrumpfenden „Neuen Zeit“ und ihren üblen Protagonisten will sich Rapp in andere Epochen fortdenken. Seine innige Sehnsucht richtet sich rückwarts, beispielsweise in die Ära der friedlich verschlafenen deutschen Kleinstaaterei, ins sonst so oft geschmähte oder belächelte Biedermeier zwischen Spitzweg und Mörike. Zustimmend zitiert er einen Professor: „Da nehme ich sogar das Muffige in Kauf…Dagegen das mächtige Deutschland Bismarcks: Sie sehen, was daraus geworden ist.“

Ein weiterer, mindestens ebenso wichtiger Fluchtpunkt ist das Wien früherer Jahrzehnte, die Welt von Schnitzler und Hofmannsthal. Es entwickelt sich also eine tiefe Abneigung gegen alles Gegenwärtige, ein heimwehkranker Hang zum Früheren.

Doch einfach aus dem Jetzt wegstehlen, so die bestürzende Erkenntnis, kann man sich nicht. Und so erlebt dieser Eugen Rapp Jahr um Jahr als überaus befremdliches Vor-sich-Gehen. Warum, so fragt er sich nahezu naiv, wird überhaupt Krieg geführt? „Du aber verstehst nicht, warum ein Russe dein Feind sein soll, wenn er dir nichts getan hat…“

„Zigaretten rauchen und allein sein“

Rapp gehört nirgendwo richtig dazu, er hält sich – so gut es irgend geht – aus dem Gröbsten heraus, macht aber letzten Endes doch zwangsläufig mit: „…dich abseits fühlen, ist dir angemessen“, hält er an einer Stelle fest. Am liebsten sieht er sich so: „Sitzen. Kritzeln. Zigaretten rauchen und allein sein.“ Andererseits: „Du bist jetzt hier hineingestellt; ausweichen kannst du nicht mehr.“ Ja, einmal heißt es sogar: „Laß alles laufen, wie es will. Nur im Krieg nichts ändern wollen…“ Und dann eine solch jähe Einsicht, die einem das Hirn zerreißen müsste: „Denn wozu machst du hier mit? Damit sie hinten ungestört Menschen zu Seife machen können und den Seifemachern nichts passiert…“

Innerlich distanziert bleiben, dennoch genau hinsehen und getreulich aufzeichnen – das kennzeichnet die stoische, zuweilen auch sture Haltung dieser Figur, die wundersam unversehrt, geradezu schlafwandlerisch durch die Hölle wankt.

Die Schilderung der Vorgesetzten und „Kameraden“ schwankt zwischen individuellen Skizzen und Typenkomödie. Fast allen, so wird es hier geschildert, ist die verlorene Sache frühzeitig klar, doch von oben kommen Durchhalteparolen. Die Hierarchien bleiben bestehen. Wer eh schon oben war, bleibt auch im Krieg oben; oft auch darüber hinaus.

Dieser feine und friedliche Ton

Die wahre Sensation dieses Buches ist der durchweg leise und feine Ton. Schon von daher ist der Roman sozusagen Zeile für Zeile ein fortwährender Einspruch gegen alles Kriegerische. Es ist wie die Erprobung einer Sprache, die wieder für kommende Friedenszeiten taugt. Das immer wieder eingestreute schwäbische Idiom steht bei all dem für regionale Verwurzelung im Herkömmlichen, der freilich im Krieg alles fraglos Beschützende abhanden gekommen ist. Einerseits ist die Mundart ein Reservoir des Friedfertigen, dann wieder klingt sie nur noch begütigend. Wenn es etwa heißt, der Krieg sei „kein Schleckhafen“, so mutet das allzu harmlos an. Doch vielleicht hat man ja damals daheim so empfunden. Wenn Rapp auf Fronturlaub nach Schwaben kommt, fängt er auch die dortige, seltsam unwirkliche Lage der Verhältnisse ein.

Mit moralisch sich erhaben dünkendem Halbwissen von heute darf man freilich nicht an diesen Roman herangehen. Natürlich kann man Rapps nur ansatzweise widerspenstige Denkungsart leichthändig verdammen. Ungleich schwerer wäre es schon, dies aus dem Bewusstsein der Zeit heraus zu tun. Und überhaupt: Wer von uns hätte in vergleichbarer Situation den offenen Widerstand gewagt?

Ein gewisses Unbehagen bleibt

Gewiss, an mancher Stelle beschleicht einen Unbehagen. Hat Lenz hier eine Apologie in eigener Sache verfasst? Hat er für Hanni festhalten wollen, dass er im größten Chaos stets an sie gedacht hat, auch in Phasen allgemeiner Auflösung keinen weiblichen Anfechtungen erlegen ist und dass er ihren Ring durch all die finstere Zeit gerettet hat? Ja, das mögen durchaus Antriebe des Schreibens gewesen sein. Und doch weist der Roman weit darüber hinaus. Abermals gepriesen sei das Gespür von Peter Handke, der Lenz einst nachdrücklich empfohlen und somit über eingeweihte Zirkel hinaus bekannt gemacht hat.

Dieser Neuauflage aus Anlass des 100. Geburtstages des Autors (1913-1998) sind einige erstmals publizierte Briefe von Hermann und Hanne Lenz aus der erzählten Zeit des Romans beigegeben. Es sind Auszüge aus einem umfangreicheren Schriftwechsel, dessen Edition noch bevorsteht. Darauf warten wir jetzt.

Hermann Lenz: „Neue Zeit“. Roman. – Mit einem Anhang: Briefe von Hermann und Hanne Lenz 1937-1945. Insel Verlag. 432 Seiten, 22,95 Euro.




Ein Monat mit den Ruhrnachrichten

Vor einigen Wochen habe ich mich an dieser Stelle von meinem langjährigen Abo der „Westfälischen Rundschau“ verabschiedet, weil diese Geisterzeitung keine eigene Redaktion mehr hat. Im April, der sich nun dem Ende zuneigt, habe ich ein Monats-Probeabo der Ruhrnachrichten (RN) bezogen. Ich werde es nicht in einen regulären Bezug übergehen lassen. Und warum nicht?

Ohne ins Detail einzelner Beiträge gehen zu können, sei eine Begründung gewagt. Vorab noch dies: Es geht hier nicht um Kollegenschelte, sondern um (Auswirkungen von) Strukturen.

P1060109Der Dortmunder Lokalteil (der seit Anfang Februar auch in der „Rundschau“ zu finden ist) mag angehen. Sie versuchen, „nah am Leser“ zu sein, wie es so schön heißt. Freilich bekommt man jetzt über Wochen hinweg den Eindruck, dass dort die tägliche Anspannung nachgelassen hat. Die RN haben am Ort keine Tageszeitungs-Konkurrenz mehr, können also hin und wieder die Zügel schleifen lassen.

In dieser Stadt und ihrem Umland muss jetzt jeder, der öffentlich wirken will, sich – noch mehr als vordem – mit den Ruhr Nachrichten gut stellen. Im Gegenzug geht diese eher CDU-geneigte Zeitung aber auch meist nicht allzu kritisch mit jenen um, die das Sagen haben. Niemand, und hätte er noch so ein edles Anliegen, kann ihnen mehr so kommen: „Wenn Sie es nicht bringen, dann gehe ich eben zur Konkurrenz…“

Auch habe ich mir glaubhaft sagen lassen, dass einzelne RN-Redakteure nun auf ziemlich hohem Ross sitzen, was etwa den Umgang mit Veranstaltern angeht. In einer Quasi-Monopolstellung glauben manche wohl, dass sie es sich halt erlauben können.

Die eigentliche Schwäche der Ruhrnachrichten ist allerdings der (über)regionale Haupt- oder Mantelteil. Es gibt Tage, da stammen gefühlte oder auch gezählte 70 bis 80 Prozent der Nachrichten und Berichte von den Agenturen dpa oder AFP. Das heißt, sie werden eben nicht in Dortmund recherchiert und geschrieben, sondern hier nur aufbereitet und zusammengestellt, gelegentlich auch kommentiert. So wirft sich die offenbar unterbesetzte Mantelredaktion nicht gerade häufig mit eigenen Schwerpunkten und Akzenten in die Bresche. Eine Ausnahme bildet die ansonsten allenfalls mittelprächtige Kulturseite. Hier wartet man überwiegend mit Eigenbeiträgen auf.

Nach dem Kraut- und Rüben-Prinzip

Die Verteilung im Blatt scheint – beginnend mit einer oft chaotisch layouteten Titelseite – vielfach dem Kraut-und-Rüben-Prinzip zu folgen. Man hat es versäumt, das Erscheinungsbild behutsam zu modernisieren und zu ordnen. Jetzt verspürt man wohl erst recht keinen Druck mehr, dies kostspielig nachzuholen.

P1060111Bei den Aufmachern auf der Titelseite ist die Redaktion zuweilen nicht allzu wählerisch. Tiefpunkt in den letzten Wochen war in der Ausgabe vom 9. April ein lieblos zusammengeschusterter, höchst redundanter Textaufmacher übers Wetter („Jetzt kommt der Frühling“), in dem gleich mehrfach zeilenschinderisch betont wurde, dass Regen der Preis für höhere Temperaturen sein werde. Zeitungen, die etwas auf sich halten, fangen ein solches Thema vorne lieber mit einem guten Bild auf und bringen einen etwaigen längeren Text im Inneren. Weiteres Beispiel ähnlichen Kalibers: Am 17. April wurden Rangeleien zwischen BVB-Fans um Tickets fürs Heimspiel gegen Madrid zum Aufmacher der ersten Seite.

„Da müssen wir durch – jeden Tag“

Die RN-Redaktion scheint gelegentlich froh zu sein, wenn sie meint, nicht mit Politik oder Wirtschaft „nach oben gehen“ zu müssen. Sie nutzt in diesem Sinne beinahe jede Chance. Politik ist ja auch garstig. Hauptsache, dass die im Schnitt herzlich harmlosen Glossen-Dreispalter am Fuß der Titelseite stehen und arglos milde Laune stiften. Just heute (30. April) steht da, sozusagen in eigener Sache, eine Glosse über die Flut oft bedeutungsloser Informationen, denen Journalisten ausgesetzt seien. Seufzer am Schluss: „Aber wir müssen da durch – jeden Tag“. Ach, die Kollegen tun einem leid.

Apropos BVB. Als Kennzeichen journalistischer Unabhängigkeit gilt es, sich nicht mit einer Sache gemein zu machen – ein Prinzip, gegen das in der Regionalpresse und speziell in Sportteilen häufig verstoßen wird. Die Ruhrnachrichten sind mächtig stolz darauf, als „Medienpartner“ des BVB zu firmieren und auf der Erfolgswelle des Vereins mitzuschwimmen. Ein Signal für die seit jeher enge Verbundenheit war es, dass der ehemalige RN-Sportredakteur Sascha Fligge 2012 als Pressesprecher zur Borussia gegangen ist. Schon sein Vorgänger Josef Schneck war von den Ruhr Nachrichten zum BVB gekommen. Da kann man von einer langjährigen Liaison sprechen.

Die Euphorie gänzlich verfehlt

Umso unverständlicher die RN-Titelseite vom 10. April – nach dem wahnwitzigen 3:2 gegen Málaga, das unbedingt in die Annalen des BVB eingeht. Die stocknüchterne Schlagzeile „3:2 – BVB im Halbfinale“ gibt auch nicht annähernd die euphorische Stimmungslage des Abends wieder – das müssen die Kollegen hinten im Sportteil besorgen („Wahnsinn in Schwarzgelb“). Erst einen Tag später sucht man das Versäumte auf Seite eins mühsam wettzumachen. Doch da passiert gleich der nächste Lapsus: Textaufmacher ist diesmal aus unerfindlichen Gründen die laue Vermutung, dass es eventuell „doch keinen zweiten verkaufsoffenen Adventssonntag geben“ werde. Wohlgemerkt, in der Augabe vom 11. April. Welch ein „Aufreger“…

Nach dem Anschlag beim Boston-Marathon bringt man es am 20. April fertig, das vermutlich nichtssagendste von allen verfügbaren Fotos auf die Titelseite zu stellen; noch dazu in einem unsinnigen Bildzuschnitt. Man vergleiche nur, was andere Zeitungen am selben Tag gebracht haben.

Natürlich gibt es auch gelungene Ausgaben, lesenswerte Texte, ansehnliche Bilder. Doch Tag für Tag finden sich lieblose Überschriften, die oft genug in die Irre führen und vom Text nicht gedeckt sind; Texte, die ihr Thema bei weitem nicht durchdringen und einen ratlos zurücklassen. Und immer mal wieder kommt es zu gravierenden Fehleinschätzungen. So fand sich zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Platzvergabe im NSU-Prozess auf der Titelseite nur eine dürre 11-Zeilen-Meldung.

Dauerhaftes Manko: Eine richtige Fernseh- oder gar Medienseite leisten sich die RN nicht, erst recht nicht mit rezensierenden Bestandteilen. Programmschema und Kurztipps müssen in aller Regel reichen.

Unerfahrene Mitarbeiter gesucht

Als sollte das Niveau noch gesenkt und die Blattproduktion nochmals verbilligt werden, suchten die Ruhrnachrichten am 17. April in einem treuherzigen Zweispalter des Dortmunder Lokalteils freie Mitarbeiter, die keine journalistische Erfahrung haben müssten.

Selbst wenn die WAZ jetzt weitere Stellen kürzt und auch ihren zentralen Essener Newsdesk verkleinert, wird sie doch im Vergleich mit den RN höchstwahrscheinlich immer noch den deutlich besseren Mantelteil vorweisen können. Ich sage das ganz nüchtern, ohne rasende Begeisterung.

Erst recht wird man wehmütig beim weiteren Blick zurück. Vor allem in jener Zeit, als es die „Westfälische Rundschau“ noch in voller Besetzung gab, hat die Konkurrenzlage auch in und um Dortmund das Geschäft belebt. Die WR-Redaktion hat stets einigen Ehrgeiz daran gesetzt, die Ruhr Nachrichten zu übertrumpfen – vielfach mit Erfolg. Mir scheint, dass auch die RN damals besser gewesen sind. Eine vergleichbare Ambition ist den Ruhrnachrichten heute nur noch selten anzumerken.

Andreas Rossmann schrieb denn auch am 28. Januar 2013 im Feuilleton der FAZ: „Die Schließung der Redaktion trifft Dortmund hart. Denn die WR war lange die bessere und, trotz SPD-Nähe und -Beteiligung, gegenüber der von Sozialdemokraten beherrschten Stadtverwaltung kritischere und engagiertere Zeitung.“

Triumph am regionalen Markt

Es ist doppelt betrüblich, dass in Dortmund, Lünen und Schwerte eine Zeitung wie die RN den Marktsieg davonträgt und gleichsam „triumphiert“. Man muss verlegerisch schon ziemlich ungeschickt operieren, um mit einem insgesamt besseren Produkt so zu scheitern.

Seit jeher haben die Ruhrnachrichten in Dortmund eine ungleich höhere Präsenz. Sie liegen in allen nennenswerten Geschäften aus, hatten stets mehr Familienanzeigen und Werbeprospekte als die Mitbewerber. Nur leicht übertrieben gesagt: Die RN scheinen zudem großen Wert darauf zu legen, dass in einem regelmäßigen Turnus alle Dortmunder auf Fotos im Blatt auftauchen. Leider wiegen solche scheinbar läppischen Äußerlichkeiten ziemlich schwer. Es geht nicht immer nur um hehren Journalismus.

Genug. Das war’s. Mit diesem Beitrag. Und mit dem RN-Abo. Und bitte, lieber RN-Verleger Lambert Lensing-Wolff, für dieses bescheidene kleine Consulting berechne ich nur den branchenüblichen Satz.




Noch ein neuer „Tatort“-Kommissar in Hamburg: Thorsten Falke ist ein Rock’n’Roller

Das gibt’s doch gar nicht. Schon wieder ein neuer „Tatort“-Kommissar. Und schon wieder einer in Hamburg. Doch, das gibt’s! Nach Tschiller (Til Schweiger) ist jetzt auch Falke (Wotan Wilke Möhring) in die quotenstarke Krimireihe eingestiegen. Besser noch: In der Vielzahl der „Tatort“-Ermittler ist das einer, den man sich merken sollte, ja muss.

Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring, rechts) und Kollegin Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) bei einer Vernehmung. (Bild: ©NDR/Christine Schröder)

Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring, rechts) und Kollegin Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) bei einer Vernehmung. (Bild: ©NDR/Christine Schröder)

Sein erster Fall hieß „Feuerteufel“ und begann mit einem „abgefackelten“ Auto, in dem offensichtlich eine Frau erstickt war. Ein Jugendlicher hatte, wie man gleich erfuhr, Bruchstücke des schrecklichen Geschehens mit dem Handy gefilmt. Über weite Strecken musste man ihn für den Schuldigen halten, der sich auch noch durch Erpressung und Kopfgeld furchtbar in die Enge treiben ließ.

Doch aus alter „Tatort“-Erfahrung wissen wir ja, dass jemand, der gegen 21.20 Uhr als Täter gilt, es eigentlich nicht gewesen sein kann. Und siehe da…

„Einsamer Wolf“ mit Katze

Folge eins eines neuen „Tatort“-Teams (Regie: Özgür Yildirim) muss immer auch genügend Platz haben für die anfängliche Charakterzeichnung. Dieser Thorsten Falke ist der Typ „einsamer Wolf“; ein Single, der sich am Nachtkiosk versorgt und am späten Feierabend mit seiner Katze redet („Wie war dein Tag heute?“). Ansonsten ist er sehr emotional, zuweilen aufbrausend, er leidet keineswegs unter Adrenalinmangel.

Wenn Falke in seinem Citroen älterer Bauart durch die Hansestadt kurvt, hört er Rock’n’Roll oder – in sentimentalen Stunden – melancholische Singer-Songwriter-Musik. Er kennt und duzt Leute aus der autonomen Szene und hat als verräterrischen Handy-Klingelton ein paar Takte aus „Sympathy for the Devil“ (Sympathie für den Teufel) von den Rolling Stones installiert. Noch Fragen? Ja, eine noch: Wenn ich das mit meinen begrenzten Hamburg-Kenntnissen richtig deute, wohnt er auch noch im aufsässigen Schanzenviertel. Wer weiß es besser?

Vielleicht knistert da etwas

Ein kerniger Kerl also, aber nicht ganz unsensibel. Als bekennender Macho behandelt er die neue Kollegin und Hospitantin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) von oben herab. Doch das gibt sich mit der Zeit. Und vielleicht knistert da sogar etwas. Die Blondine sieht nicht nur gut aus, sondern hat auch noch eine Menge auf dem Kasten. Gemeinsam sind die beiden wohl ebenso stark wie das vorherige Team Falke/Katz. Der alte Kumpel wird freilich Vater und hat sich in den Innendienst versetzen lassen. Falke zürnt und verspottet ihn als „Krawatten-Horst“. Auch die Zeichnung dieser Männerfreundschaft gehört zu den Stärken des Auftaktfilms.

Urgewalt des Feuers

Nicht, dass über all dem der Kriminalfall in Vergessenheit geraten wäre. Er wurde auch noch zusätzlich angereichert. Minter (Bernhard Schütz), der Witwer der anfangs verstorbenen Frau, ließ sich gar auf den Betreiber einer Polit-Kampagne („Mehr Sicherheit für Hamburg“) ein – ausgerechnet ein Autohändler. Unterstützt von einer aufgebrachten Presse, formierten sich dubiose Bürgerwehren, die auf Selbstjustiz aus waren. Bei all dem erhitzte sich das Klima buchstäblich und zusehends. Immer wieder wurde die Urgewalt des Feuers beschworen. Und viel war die Rede von der „Büchse der Pandora“ (Falke zuerst: „Hör mir auf mit dem Pornokram“), aus der dem antiken Mythos zufolge das Böse entweicht, dann aber auch die Hoffnung. So hat man auch etwas lernen können…

Dass die Gerichtsmediziner nichts Präziseres über den Erstickungstod der Frau herausfinden konnten, hat mich gewundert. Aber bitte. Ich bin da kein Experte. Hauptsache, dass es am Ende ein ordentliches Geständnis gibt.

Insgesamt überzeugte die Geschichte jedenfalls. Drehbuch, Dialoge, Darsteller, Spannungsbögen – alles in Ordnung. Nach dem Flop mit Tschiller könnte man sagen: eine erfreuliche Ehrenrettung für Hamburg!

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„Unaufgeregteste Großstadt“ der Republik oder etwa doch ein Provinznest?

Abseits des Fußballs gibt es immer wieder Anlässe, sich über Verhältnisse in Dortmund aufzuregen.

Stichwort neonazistische Umtriebe. Stichwort Verwahrlosung und Laden-Leerstände bis in die Innenstadt hinein. Stichwort desolate Zustände in Teilen der Nordstadt. Ach, ich werde des Aufzählens müde.

Da können Lokalpolitiker und harmoniegeneigte Lokalpresse (also praktisch nur noch die Ruhr Nachrichten) noch so jubeln oder beschwichtigen: Diese finanziell gebeutelte Kommune droht in vielen Bereichen dauerhaft auf den absteigenden Ast zu geraten.

Abriss des ehemaligen Gymnasiums an der Dortmunder Lindemannstraße (Foto: Bernd Berke)

Abriss des ehemaligen Gymnasiums an der Dortmunder Lindemannstraße (Foto: Bernd Berke)

Nicht nur Lokalpatrioten widerstrebt überdies jedes Ranking, bei dem Dortmund schlecht abschneidet – und das kommt oft genug vor, sei’s bei Statistiken aus dem Bildungsbereich, bei Einkommenstabellen oder Arbeitslosenzahlen.

Ein neueres Beispiel einer solchen Liste kommt von der Job- und Karriere-Plattform „Xing“, die unter ihren Mitgliedern eine (freilich alles andere als repräsentative) Umfrage veranstaltet hat.

Gerade mal 845 Nutzer haben daran teilgenommen. Piepegal. Daraus lassen sich trotzdem knackige Ergebnisse filtern und dann kraftvoll ausposaunen. Man nehme also die zwölf einwohnerstärksten Städte Deutschlands und frage, in welchem Ort der Xingler (oder Xingling, Xingle?) gern bzw. ungern arbeiten würde. Und welche Weltsensation kommt heraus? In Front liegt Hamburg (hier wollen 42% gern arbeiten) vor München, Berlin, Köln und Stuttgart; am schäbigen Ende rangiert Essen (48 Prozent winken ab) vor Dortmund, Leipzig, Dresden und Frankfurt. Na klar. Immer mal wieder feste druff auf Ruhris und Ossis.

Zuweilen glaubt man allerdings tatsächlich, dass Dortmund mit seinen rund 580 000 Einwohnern Züge eines Provinznestes hat. Wollte man’s positiv wenden, so kramte man die gute alte Formulierung aus der Wochenzeitung „Die Zeit“ hervor: Dortmund sei die „unaufgeregteste Großstadt der Republik“, hieß es dort mal vor Jahr und Tag. Der Satz gilt, mit einer Prise Ironie gesprochen, heute noch.

Und wo hätte ich nun neuerdings Kennzeichen der Provinzialität entdeckt? Dazu zwei vermeintlich unscheinbare, doch kennzeichnende Beispiele.

Beispiel 1: In der ganzen großen Stadt findet sich freitags kein einziger Briefkasten, der noch nach 19 Uhr geleert würde – auch nicht an der Hauptpost. Man muss statt dessen in sehr entlegene Ecken von Hagen oder Essen (exotischer Ortsteil Vogelheim) fahren, um dann noch dringliche Post loszuwerden. Eine Angelegenheit der Deutschen Post, gewiss. Und nicht ganz so ärgerlich wie der schlampige Umgang der Deutschen Bahn mit dem Dortmunder Hauptbahnhof. Aber immerhin.

Briefkasten mit freitäglicher Abendleerung - weit draußen in Hagen. (Foto: Bernd Berke)

Briefkasten mit freitäglicher Spätabendleerung – weit draußen in Hagen. (Foto: Bernd Berke)

Beispiel 2: Am allzeit defizitären Dortmunder Flughafen, der vor allem Billigflieger-Verbindungen nach Osteuropa offeriert, sich als internationaler Airport versteht und derzeit versucht, das Nachtflugverbot aufzuweichen, leistet man sich einen geradezu lächerlichen Service-Mangel. Auf der Besucherterrasse, die viele Menschen mit ihren Kindern aufsuchen, ist kein einziges Kindergericht erhältlich. Ja, die Betreiber sehen sich nicht einmal in der Lage, einfach mal kleinere Portionen für kleinere Leute zu servieren. Das ist eine ähnliche Negativwerbung wie hie und da im Westfalenpark, wo an bestimmten Punkten oft die geringsten Bedienungsstandards missachtet werden. Genau dort, wo die meisten Gäste von außerhalb auftauchen, zeigt man sich besonders unwillig.

Wenn wir schon mal beim Querulieren sind, sei nun auch noch dies angemerkt: Dortmund ist nicht grade reich an historischem Baubestand. Da wiegt es schon doppelt schwer, dass jetzt an der Lindemannstraße das einstige Königliche Gymnasium (später Kaserne, Staatliches Gymnasium, Lehrerseminar) aus dem Jahr 1907 kurzerhand abgerissen wurde, um einem ein ziemlich gesichtslosen Wohn- und Geschäftshaus mit dem superschicken Namen „Four Windows“ Platz zu machen. Die lokal leider konkurrenzlosen Ruhr Nachrichten vermelden den baulichen Verlust ohne kritischen Unterton. Man wird doch keine Investoren verschrecken wollen…

Ja, ich gebe zu, dass ich mich mit dem Bauwerk auch persönlich verbunden fühle. Ich bin in der parallel laufenden Arneckestraße aufgewachsen. Der Balkonblick über den begrünten Hinterhof fiel auf den mächtigen Giebel und den klassisch gegliederten Baukörper des damaligen Gymnasiums. Damit verschwindet also auch wieder ein Stück der Kindheit. Als ich jetzt dort Fotos vom Abriss gemacht habe, kam gleich jemand auf mich zu und sagte: „Das da tut mir in der Seele weh. Hier bin ich zur Schule gegangen.“ Worauf ein längeres, recht einvernehmliches Gespräch über Dortmunder Defizite folgte.

Unabhängig davon frage ich mich, ob die Denkmalschützer hier nichts Erhaltenswertes gesehen haben und warum ausgerechnet die Bewohner des umliegenden, linksliberal und grün-alternativ geprägten Kreuzviertels (mit Abstrichen: Dortmunds „Prenzlauer Berg“) in dieser Angelegenheit still und stumm geblieben sind.

Warum wohl trifft es viele so hart, wenn einer wie Mario Götze den Lockungen aus München folgt? Weil es hier manchmal doch etwas trist wäre, wenn wir den Fußball und den jetzt so grandiosen BVB nicht hätten! Na gut: Und noch ein paar andere herrliche Sachen.




Hoeneß, Götze und der ganze Mist

Die Nachricht kam überfallartig: Wie zuerst die „Bild“-Zeitung berichtete, wechselt Mario Götze am 1. Juli 2013 für 37 Mio. Euro von Borussia Dortmund zum FC Bayern München. Inzwischen hat der BVB den Bayern-Coup bestätigt.

Bereits als Neunjähriger hat der gebürtige Allgäuer und womöglich begabteste deutsche Fußballer beim BVB gespielt, vorher hat er in Dortmund-Hombruch gekickt. Er galt also längst (ebenso wie die in Dortmund geborenen Marco Reus und Kevin Großkreutz) als einer der „Dortmunder Jungs“, als familienverbunden und „bodenständig“; als einer, der wegen ein paar Millionen nicht gleich abhebt. Auch hat Götze in Interviews immer gern das Hohelied auf Dortmund gesungen.

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Nun müssen wir dieses idyllische, sicherlich sehr naive Bild schleunigst revidieren. Es ist natürlich wieder nichts mit den hehren Sprüchlein à la „Elf Freunde müsst ihr sein“! Zwar hatte Götze seinen Vertrag beim BVB bis 2016 verlängert, doch gab es offenbar eine Ausstiegsklausel, derzufolge er den Verein für just 37 Mio. Euro vorzeitig verlassen darf. So weit ist formal alles in Ordnung.

Aber irgendwann muss mir mal einer schlüssig erklären, wieso jemand, der bereits viele Millionen anhäuft, partout noch mehr Millionen scheffeln will – und das trotz sportlicher Perspektiven, die eventuell gar nicht schlechter sind als in München.

Wer hat der „Bild“ den Tipp gegeben?

Dass diese Transfer-Geschichte ausgerechnet mit teuflischer Pünktlichkeit zum Halbfinale der Champions League öffentlich lanciert wird, dürfte erhebliche Unruhe im Dortmunder Team stiften. Der FC Bayern hatte seit jeher ein Interesse daran, die Bundesligakonkurrenz zu schwächen, nicht nur durch Wegkauf der wichtigsten Spieler. Da hegt man denn doch den Verdacht, der diskrete Tipp an das Boulevardblatt könnte aus den Kreisen der obersten Bayern-Etage gekommen sein. Dort haben sie ja auch indirekt mit der Steueraffäre Hoeneß zu tun, von der sie liebend gern ablenken möchten.

Und jetzt mal ganz wild spekuliert: Könnte dieser heiße Tipp an die „Bild“ gar mehr oder weniger stillschweigend mit der Erwartung verknüpft sein, dass dort wohlwollender oder zumindest weniger zupackend über den Steuerfall Hoeneß berichtet wird? Es gab ja schon immer Leute, die gehofft haben, mit der „Bild“ (wieder) den Fahrstuhl nach oben zu besteigen.

Doch halt! Das sind pure Phantasiespiele. Mag sein, dass sich alles ganz anders verhält. Die offizielle Münchner Lesart schaut so aus (Zitat aus „Spiegel online“): „Aus Rücksicht auf das anstehende Spiel des BVB wollten die Bayern den Wechsel ‚erst nach dieser Begegnung gegenüber dem BVB anzeigen’, heißt es in einer Presseerklärung der Münchner.“

Wie überaus rücksichtsvoll.

Geschwafel über „spanische Verhältnisse“

Dass Bayern-Präsident Uli Hoeneß kürzlich über „spanische Verhältnisse“ in der Bundesliga gebarmt hat (will sagen: nur zwei dominierende Vereine, nämlich Bayern und BVB, alle anderen hinken nach) und angeblich großmütig gegensteuern wollte, erweist sich jetzt als Geschwafel, als heiße Luft – wie so vieles, was Hoeneß im Laufe der Jahre von sich gegeben hat. Nun ahnt man auch, warum BVB-Trainer Jürgen Klopp im Gegenzug von „schottischen Verhältnissen“ geredet hat (will sagen: nur ein dominierender Verein, nämlich Bayern). Da muss Klopp schon etwas vom Götze-Deal gewusst haben.

Wie immer das fiskalische Verfahren um Uli Hoeneß ausgehen mag, so steht für mich doch eins fest: Bis gestern war ich in der rein sportlichen Frage noch schwankend bis neutral, doch jetzt drücke ich (und gewiss nicht nur ich) heute Abend und am nächsten Mittwoch dem FC Barcelona bei den Halbfinalspielen gegen die Bayern fest die Daumen. Señor Messi, walte Er seines Amtes und netze Er mit seinen Compañeros tüchtig ein!

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Abendlicher Nachtrag: Zur Zeit führt im Nachrichten-Rennen wieder Uli Hoeneß. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, ist Hoeneß bereits am 20. März festgenommen worden. Doch der Haftbefehl sei seinerzeit gegen Zahlung einer Kaution (5 Millionen Euro) außer Vollzug gesetzt worden. Der Vorgang sei aber vielleicht ein Hinweis darauf, dass Hoeneß‘ Selbstanzeige vom Januar möglicherweise nicht strafbefreiend wirke.

Spätabendlicher Nachtrag: Wenn ich schon mal die Daumen drücke! 4:0 für Bayern. Gewiss, nicht alle Tore waren regulär. Aber den Barça-Leuten muss jemand ein Schlafmittel in den Tee getan haben.

Zeitloser Nachtrag: sport1.de am 4. Januar 2012: „FC Bayern-Präsident Uli Hoeneß lehnt eine horrende Ablösesumme bei einem möglichen Transfer für Dortmunds Nationalspieler Mario Götze ab. „40 Millionen Euro oder mehr – das würden wir nie machen“, sagte Hoeneß der „Sport-Bild“ (…) Ohnehin glaubt Hoeneß nicht an einen bevorstehenden Götze-Transfer: „Wo sollte er denn bei uns im Moment spielen?““




Jauchs Talkshow: Mutmaßungen über Hoeneß

Übers Wochenende ist ein Thema hochgekocht, für das Günther Jauch seine ARD-Talkrunde in Windeseile hat umplanen lassen. Die Rede ist natürlich vom Präsidenten und Patriarchen des FC Bayern München, Uli Hoeneß, der Steuern in Millionenhöhe hinterzogen haben soll.

Fernsehleute (und viele Zuschauer) gieren nach Themen, die sich so kraftvoll personalisieren lassen. Welch eine tragische Fallhöhe! Da steht der FC Bayern gerade kurz vor dem sportlichen und wirtschaftlichen Zenit. Da schickt man sich an, am nächsten Dienstag und in der Folgewoche den FC Barcelona zu besiegen und ins Finale der Champions League vorzudringen.

Tiefer Fall einer moralischen Instanz

Und ausgerechnet jetzt wird – durch Recherchen des „Focus“ – bekannt, dass der Übervater des Vereins, der Mann, der vielen als Vorbild oder gar als moralische Instanz galt, nicht nur unter Verdacht steht. Nein, Uli Hoeneß hat tatsächlich (schon im Januar) Selbstanzeige erstattet und damit bereits nicht geringe Verfehlungen zugegeben. Über die Ausmaße wird ebenso spekuliert wie über die Frage, ob die Selbstanzeige „strafbefreiend“ wirkt. Schlimmstenfalls würde Hoeneß sogar eine Gefängnisstrafe drohen.

Günther Jauch (© ARD/Marco Grob)

Günther Jauch (© ARD/Marco Grob)

Eine Talkshow, die sich zum jetzigen Zeitpunkt auf das Thema stürzt, läuft Gefahr, zum Tribunal oder zum öffentlichen Pranger zu werden. Doch Günther Jauch lenkte das Gespräch nicht nur in recht vernünftige, relativ ruhige Bahnen, er hatte auch Gäste geladen, denen bewusst war, dass es sich um ein schwebendes Verfahren handelt und dass man einstweilen vielfach nur Mutmaßungen anstellen kann.

Enttäuscht und fassungslos

Dennoch war spürbar, dass die Enttäuschung über Hoeneß überwiegt, der sich 2012 – just bei Jauch – gegen eine drohende „Reichensteuer“ empört und noch dazu gesagt hatte, manche gingen dann eben mit ihrem Geld in die Schweiz. Jetzt wissen wir, dass er selbst offenbar Millionen im Nachbarland gebunkert hatte.

Der langjährige ZDF-„Sportstudio“-Moderator Dieter Kürten, zudem mit Hoeneß befreundet, war ersichtlich völlig aus der Fassung. Er möchte nach wie vor an Hoeneß festhalten und am liebsten alles auf schlechte Berater schieben. Bedeutend strenger äußerten sich hingegen NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans und vor allem der frühere Steuerfahnder Dieter Ondracek, eine nahezu alttestamentarische Erscheinung. FDP-Mann Wolfgang Kubicki, Fachanwalt für Steuerrecht, konnte sich vorstellen, dass die Selbstanzeige von Hoeneß vielleicht nicht rechtzeitig oder vollständig genug eingegangen sei, um noch die erwünschte Wirkung zu erzielen. Könnte es Kubicki gar reizen, einen solch interessanten Fall anwaltlich zu übernehmen? Egal.

„Focus“-Chefredakteur Jörg Quoos sonnte sich anfangs im Erfolg seines Blattes, die Nachricht zuerst gehabt zu haben. Mit zunehmender Dauer schien er unwirsch zu werden, weil er feststellen musste, dass inzwischen andere Presseorgane den Vorsprung mindestens aufgeholt haben. So ist das im schnelllebigen Geschäft; erst recht, seit es das Internet gibt.

Gefundenes Fressen für manche Bayern-Gegner

Jungmoderator Oliver Pocher schließlich mimte ein wenig den „Klassenclown“ und wollte unentwegt locker wirken. Doch bei manchen Themen ist eine solche Grundhaltung etwas fehl am Platze. Immerhin bekam Pocher Szenenapplaus aus dem Saalpublikum, als er meinte, die Mannschaft des FC Bayern werde sich von all dem Gerede nicht irritieren lassen. Tatsächlich geht es ja um privates Geld und nicht um die Festgeldkonten des Vereins. Als Dortmunder und BVB-Anhänger weiß ich, wovon ich rede und was ich so höre: Man kann ziemlich sicher gehen, dass manche Bayern-Gegner quer durch die Republik derzeit klammheimliche Freude empfinden, weil das „Mia san mia“ Risse zu bekommen scheint. Kein schöner Zug.

Ein Thema wird „durchgehechelt“

Nebenher wurde in der Sendung noch ein spezielles Fass aufgemacht: Wer hat eigentlich die ersten Informationen an den „Focus“ gegeben? Für die Ermittlungsbehörden hielten alle die Hand ins Feuer. Und „Focus“-Chefredakteur Quoos wehrte entschieden ab, als hierbei der Name seines prominenten Vorgängers Helmut Markwort genannt wurde, der auch im Aufsichtsrat der Bayern sitzt…

Eins aber ist klar. Bevor die Steuerfahnder ihre Arbeit gemacht und bevor Richter über die Sachverhalte befunden haben, ist das Thema beim Fernsehen längst „durchgehechelt“. Schon an diesem Montag geht’s bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“ weiter – mit der etwas scheinheilig klingenden Fragestellung: „Ausgerechnet Hoeneß – wem kann man jetzt noch trauen?“

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Werden und Vergehen der Insekten: Das Frühwerk von Jan Fabre in Recklinghausen

Als Zwanzigjähriger schlug der spätere Künstler, Tanzschöpfer und Theatermann Jan Fabre ein „Forscherzelt“ im elterlichen Garten auf und richtete darin ein Minilabor ein, um Insekten zu untersuchen.

Die ärmliche, eigen- und urtümliche, nahezu schamanisch wirkende Behelfs-Behausung ist jetzt als Installation in Fabres sorgsam inszenierter Recklinghäuser Ausstellung aus dem Frühwerk zu sehen. Die Zusammenstellung kreist mit etwa 120 Zeichnungen und 30 Kleinskulpturen um ein einziges, freilich vielgestaltig entfaltetes Thema, nämlich just Insekten.

Das Zelt des jungen Jan Fabre (Bild: Katalog)

Das Zelt des jungen Jan Fabre (Bild: Katalog)

Die Arbeiten aus den Jahren 1975 bis 1979 firmieren als Schau zu den Ruhrfestspielen, die traditionsgemäß am 1. Mai beginnen werden. Was da auf Wänden und in Vitrinen imaginär krabbelt und kreucht, könnte ausgesprochene Phobiker diesmal von einem Besuch der Kunsthalle abhalten. Doch anders als bei früheren Präsentationen aus Fabres Oeuvre, verzichtet man in Recklinghausen auf lebende Spinnen in einer abstrus anmutenden Modell-Landschaft, die sich vom Zirkus bis zum Sadomaso-Studio, vom Theatersaal bis zum Operationstrakt phantasiert. Belgische Tierschützer haben Fabre mit – um es mal mit der juristischen Formel zu sagen – „empfindlichen Übeln“ gedroht, also bleibt der große Schaukasten diesmal unbelebt.

Jan Fabre: Skulptur aus Insekt und Schreibfeder, 1976-79, Mixed media (Museum of Contemporary Art, Antwerpen)

Jan Fabre: Skulptur aus Insekt und Schreibfeder, 1976-79, Mixed media (Museum of Contemporary Art, Antwerpen)

Die Welt der Käfer und Spinnen wird hier dennoch erfahrbar als eigener Kosmos zwischen Naturgeschichte, mitunter bizarren Formensprachen, künstlerischem Schöpfergeist und quasi religiösen Deutungsmustern. Wer will, darf angesichts mancher Bilder des Antwerpeners Fabre sogar einen weiten Bogen zu den flämischen Altmeistern und ihren Vergänglichkeits-Darstellungen schlagen. Es wäre nicht allzu weit hergeholt, sondern wohl ganz im Sinne des Künstlers, der die Insekten ebenso als Instinktwesen (wiederkehrendes Zeichen dafür: die Nase) wie als naturbegabte „Handwerker“ mit veritablen Körperwerkzeugen betrachtet.

Jan Fabre: Spinnentheater, 1979 (Bild: Katalog)

Jan Fabre: Spinnentheater, 1979 (Bild: Katalog)

Fabre war mit seiner Obsession familiär vorbelastet. Sein Vater war Biologe und Stadtgärtner. Ein angeblicher „Stief-Urgroßvater“ (oder auch nur Namensvetter?) hieß Jean-Henry Fabre und war ein führender Entomologe, also Insektenforscher, übrigens auf nobelpreisverdächtigem Niveau. Seiten aus den Büchern des Altvorderen werden gelegentlich zum Ausgangspunkt von Überzeichnungen durch Jan Fabre.

Vielfach hat Jan Fabre seine Bilder mit einer bestimmten Kugelschreiber-Marke zu Papier gebracht. Bei den einfachsten Motiven handelt es sich um spürbar spontane Ideenfindungen, noch nahe am halbbewussten Gekritzel, wie es beim Telefonieren entstandenen sein könnte, doch oft auch schon im frühen Stadium genialisch behaucht.

Jan Fabre: "Spinnenkoppenpoten" (1979), Bic-Kugelschreiber auf Papier (Courtesy Stichting Kröller-Müller Museum, Otterlo)

Jan Fabre: „Spinnenkoppenpoten“ (1979), Bic-Kugelschreiber auf Papier (Courtesy Stichting Kröller-Müller Museum, Otterlo)

Überaus erfindungsreich variiert Fabre die Facetten des Themas. So wird etwa der schon im alten Ägypten legendäre Skarabäus („Pillendreher“) gleich serienweise mit Assoziationen bis hin zur christlichen Symbolik aufgeladen. In einer anderen Serie lassen Gitternetz-Strukturen und Schraffuren die Insekten-Gestalten geheimnisvoll hervortreten.

Die von Insekten verfertigten, mikroskopisch feinen Gespinste und sonstige Hinterlassenschaften, etwa aus Häutungen, sind gleichfalls formprägende Elemente dieser filigranen Welt. In einigen Vitrinen finden sich überdies seltsame, surreale Mischwesen aus Insekten und Gegenständen wie Taschenlampenbirne, Knopfbatterie, Stempel, Stöpsel oder Rasierpinsel. Eine womöglich befremdliche Überschreitung der Schöpfung? Künstlich natürlich. Natürlich künstlich.

Der Künstler, Choreograph und Theatermann Jan Fabre (© Angelos bvba Stephan Vanfleteren)

Der Künstler, Choreograph und Theatermann Jan Fabre (© Angelos bvba Stephan Vanfleteren)

Überhaupt ereignen sich hier unentwegt Metamorphosen, es ist ein ständiges Werden und Vergehen, ein endloser Schöpfungs- und Zerstörungsakt. Beim „Fest der kleinen Freunde“ (Serientitel) ergehen sich die Insekten in bunter Lust am schieren Dasein. Tod, wo ist dein Stachel?

Lachlust in der Insektenwelt: Jan Fabre "Feast of little friends" (1977), Tinte/Wasserfarbe auf Papier (Courtesy Flemish Community, Museum of Contemporary Art, Antwerpen)

Lachlust in der Insektenwelt: Jan Fabre „Feast of little friends“ (1977), Tinte/Wasserfarbe auf Papier (Courtesy Flemish Community, Museum of Contemporary Art, Antwerpen)

Ein gewisser Kern und Beweggrund von Fabres Schaffen mag sich in seinen frühen Werken zeigen, doch hat er seither meist ungleich aufwendiger und spektakulärer gearbeitet – mit einem Hang zum monumentalen Gesamtkunstwerk auch in Performances, Choreographien und Opern. Derzeit inszeniert er die Oper „The Tragedy of Friendship“ (Premiere in Paris am 29. Mai) über die schwierige Freundschaft zwischen Richard Wagner und Friedrich Nietzsche.

Jan Fabre: Insektenzeichnungen & Insektenskulpturen 1975-1979. Ausstellung der Ruhrfestspiele in der Kunsthalle Recklinghausen, Große-Perdekamp-Straße 25-27. Vom Sonntag, 21. April (Eröffnung 11 Uhr) bis zum 23. Juni 2013. Öffnungszeiten Di-So und feiertags 11-18 Uhr, öffentliche Führungen sonntags um 11 Uhr. Internet: http://www.kunst-in-recklinghausen.de/1%20Aktuell/2013_fabre.html

Auch in Wuppertal gibt es derzeit eine Fabre-Schau – aus dem neueren Werk: Im wunderschön gelegenen Skulpturenpark Waldfrieden werden bis zum 2. Juni 22 Bronzeskulpturen der letzten Jahre gezeigt.




Nur noch zwei Wochen Spielraum für Raucher

In zwei Wochen ist es so weit. Dann wird in Nordrhein-Westfalen eines der härtesten Nichtraucherschutzgesetze Deutschlands gelten.

Nur unter freiem Himmel und in (streng definierten, zudem anmeldepflichtigen) geschlossenen Gesellschaften darf dann noch geraucht werden. Falls nicht doch noch ein Gerichtsentscheid Einhalt gebietet (wofür die Chancen freilich sehr schlecht stehen), wird es dann weder Ausnahmen für E-Zigaretten noch für Wasserpfeifen oder so genannte Brauchtums- und Zeltveranstaltungen geben. Auch sind Raucherclubs als Ausweichmöglichkeit künftig nicht mehr gestattet. Im Sommer mag das Rauchen an der frischen Luft ja noch halbwegs angehen, doch wehe, wenn die kälteren Zeiten nahen. Dann wird das Nichtraucherschutzgesetz auch zum Raucherquälgesetz.

Schockfoto aus grauer Vorzeit: Der kleine B. B. darf schon mal proberauchen...

Schockfoto aus grauer Vorzeit: Der kleine B. B. darf schon mal proberauchen…

Das hätte früher mal jemand versuchen sollen: Ausgerechnet am 1. Mai, dem „Tag der Arbeit“ (oder auch „Kampftag der Arbeiterklasse“ seligen Angedenkens), ein solches Gesetzeswerk in Kraft zu setzen! Aber man hätte sich ja vor einigen Jahren auch nicht vorstellen können, dass beispielsweise Iren oder Franzosen sich mehrheitlich den strikten Rauchverboten beugen. Oder flunkert man uns da nur etwas vor?

Zurück nach NRW, wo Grüne und SPD das neue Gesetz beschlossen haben – gegen die Stimmen von CDU, FDP und ein paar Piraten. Man muss nur mal durch die Straßen einer Ruhrgebietsstadt gehen, um zu ahnen, dass die hiesige Mehrheit – anders als etwa im feineren Düsseldorf – immer noch zu großen Teilen aus rauchenden Menschen besteht. Die Faustregel „Je abgetakelter eine Gegend, umso höher die Rauchquote“ dürfte nicht ganz verkehrt sein.

Manche merken sich vielleicht bis zur Bundestagswahl im September, wer ihnen die Rauchverbote eingetragen hat. Wenn’s am Ende um wenige Prozenpunkte geht, gibt so etwas vielleicht gar den Ausschlag.

Es darf einen nicht wundern, wenn bald das große Kneipensterben einsetzt. Viele Leute werden gleich in ihren Wohnungen bleiben. Auch kann man kann sich lebhaft vorstellen, wie sich manche Szenen, die sich bisher gnädig im Inneren von Eckkneipen abgespielt haben, künftig nach draußen verlagern, Lallen und Grölen mitunter inbegriffen. Übrigens: Wer möchte dann gerne mit jenen tauschen, die in bestimmten Stadtbezirken das Verbot mit Bußgeld durchsetzen sollen?

Man schaue sich alte Fernsehdiskussionen bis in die späten 60er und frühen 70er Jahre an: Wie fraglos und haltlos da gequalmt wurde! Unter den Schwarzweiß-Fotos aus meiner Kindheit befindet sich eines, auf dem mein Vater mich (ungefähr 4 Jahre alt) einen Probezug an seiner Zigarette nehmen lässt. Durchaus denkbar, dass ihm heute für einen solche Untat das Sorgerecht entzogen würde. Die Tugendwächter (Raucherschnack: „Tabak-Taliban“) würden sich schon ergänzende Vorwürfe einfallen lassen.

O Zeiten- und Sittenwandel im Zeichen der gesundheitspolitischen Optimierung! Ein samtenes Wort wie „Rauchkultur“ darf man heute kaum noch im Munde führen, ohne strengstens zurechtgewiesen zu werden. Aus alten Filmen, so fordern manche gar, sollen dunstige Szenen möglichst ganz getilgt werden. Wenn es nach gewissen Volksbeglückern geht, sind vielleicht irgendwann die Bücher an der Reihe, in denen Tabak vorkommt. Später streichen sie dann noch Alkohol und Fleisch oder versehen sie wenigstens mit Warnhinweisen in den Fußnoten. Willkommen im neuen Puritanismus.

Ich habe früher vorzugsweise dem schwärzesten Kraut kräftig zugesprochen, jedoch vor fast fünf Jahren das Rauchen aufgegeben und halte mich seither lieber in rauchfreien Gefilden auf. Doch der Starrsinn der Verbotslüsternen, die Raucher als Widersacher begreifen und ihnen keinerlei Spielraum lassen wollen, ist mir trotzdem ein Graus.




Das Wunder von Dortmund

So etwas hat es schon ganz lange nicht mehr gegeben. Zu Beginn der Nachspielzeit down and out. Und dann…

Nach einem 0:1- und einem 1:2-Rückstand (Letzterer noch kurz vor Ende der Partie) hat Borussia Dortmund gegen Málaga tatsächlich noch das Halbfinale der Champions League erreicht. Man mag es immer noch kaum glauben. Es kommt einem wie höhere Fügung vor. Wäre es den Bayern passiert, würde man es „Dusel“ nennen. Aber so… ist es eben das Wunder von Dortmund.

Meistervogel

Es dürfte einer der allergrößten Momente in der langen Geschichte des Ruhrgebiets-Fußballs sein. Man kann da an so viele Augenblicke zurückdenken.

Wenn man als kleiner Junge schon im alten Dortmunder Stadion Rote Erde gestanden und mitgezittert hat, wenn man das Heutige mit all dem Vergangenen (und doch Bleibenden) überblendet, so überkommen einen vielleicht einige Tränen der Rührung. Da zieht sich ein gewisses Etwas durch die vielen Jahrzehnte, das einen ergreift. Nennt es, wie ihr wollt. Wir reden ein andermal darüber. Dann, wenn wir zur Analyse wieder fähig sind.

Jaja, es gibt Wichtigeres. Die Politik und all das. Doch wann haben wir zuletzt eine solche unmittelbare Freude auf politischem Felde verspürt? Das wäre mal etwas! Insofern birgt auch und gerade der Fußball – in ganz großen, ganz seltenen Momenten – einen ästhetischen Vorschein der Utopie, um mit Ernst Bloch zu reden.

Verzeiht das Gestammel. Mehr fällt mir im Moment nicht ein. Und doch will es jetzt schon gesagt sein.

P.S.: Das Bild zeigt natürlich den schwarzgelben Wundervogel. Was sonst?




ARD-Porträt über Gunter Sachs – ein Sittenbild aus rauschenden Zeiten

Welch ein missliches Zusammentreffen: Da hat die ARD seit langem ein Porträt unter dem Titel „Der Gentleman-Playboy. Gunter Sachs“ geplant – und dann platzt wenige Tage vor der Ausstrahlung die journalistische Affären-„Bombe“ der so genannten „Offshore-Leaks“, bei der auch Gunter Sachs in den Ruch der Steuerhinterziehung gerät.

Auf ihn beziehen sich jedenfalls offenbar einige der Millionen Datensätze, die aus anonymen Quellen an die Weltpresse gelangt und von Journalisten aus vielen Ländern über viele Monate ausgiebig analysiert worden sind. In Deutschland waren die „Süddeutsche Zeitung“ und ausgerechnet der Norddeutsche Rundfunk (NDR) beteiligt, der just auch fürs Sachs-Porträt verantwortlich zeichnet. Doch offenbar haben die Recherche-Kollegen ihre Geheimnisse bis zum Schluss gewahrt und den Filmemachern vom gleichen Sender vorab keinen Tipp gegeben. So mussten Kay Siering und Jens Nicolai ihr Porträt gleichsam in letzter Minute ummodeln.

Lebe wild und gefährlich: Gunter Sachs und Brigitte Bardot mit Raubkatze, 1969 in Saint-Tropez. (© NDR/Privatarchiv der Familie Sachs)

Lebe wild und gefährlich: Gunter Sachs und Brigitte Bardot mit Raubkatze, 1969 in Saint-Tropez. (© NDR/Privatarchiv der Familie Sachs)

Ganz vorsichtig mit Steuer-Vorwürfen

Dabei haben sie sich wohlweislich sehr zurückgehalten und die Vorwürfe an zwei Stellen nur ganz am Rande erwähnt. In gewisser Weise kann man diese Vorsicht nachvollziehen. Denn erstens gilt – bis zum Beweis des Gegenteils – die Unschuldsvermutung natürlich auch für Gunter Sachs, der sich im Mai 2011 das Leben genommen hat. Und zweitens bestreiten seine Nachlassverwalter entschieden ein schuldhaftes Verhalten. Etwas anderes zu behaupten, wäre einstweilen juristisch sehr riskant. Die nachträglich ins Porträt eingeflochtene Formulierung, der „Finanzjongleur“ Gunter Sachs und sein Geld seien in aller Welt zu Hause gewesen, entbehrt allerdings nicht der Süffisanz.

Der Mann mit lauter guten Eigenschaften

Der aktuelle Nachtrag war freilich auch schon das dunkelste Fleckchen in diesem doch ausgesprochen wohlwollenden Lebensbild. Kaum eine positive Eigenschaft, die Gunter Sachs von der langjährigen Ehefrau Mirja Larsson, von seinen Kindern, Freunden und Wegbegleitern n i c h t nachgesagt worden wäre. Er war demnach ungemein charmant, charismatisch, großzügig, aber nicht verschwenderisch, kreativ, verführerisch, doch letzten Endes auch treu und verlässlich wie sonst nur wenige. Der studierte Mathematiker (hätten Sie’s gewusst?) war nicht nur als Playboy, sondern auch als Kunstsammler, waghalsiger Sportler und Fotograf höchst erfolgreich.

Die besondere Stärke des 75-minütigen Films lag nicht so sehr in der manchmal gar zu ehrfürchtigen Kommentierung, sondern im Materialreichtum, den man aufbereitet hatte und in dieser staunenswerten Fülle erstmals präsentieren konnte. An etlichen Stellen verdichteten sich die zahllosen Filmausschnitte zum prägnanten Sitten- und Gesellschaftsbild jener Jahre.

Gegen das Image vom spießigen Deutschen

Was waren das für Zeiten, als Gunter Sachs – gleichsam stellvertretend für die Nation – lustvoll gegen das Image vom steifen und spießigen Deutschen anlebte; als er reihenweise einige der schönsten Frauen seiner Zeit eroberte (allen voran Brigitte Bardot) und zwischen St. Moritz, Saint-Tropez, Sylt und Palm Springs rauschende Feste mit dem internationalen Jet Set feierte! Selig lächelnd erinnerte sich sein Freund, der Filmregisseur Roman Polanski, dass damals ja auch die Zeit der sexuellen Revolution begonnen habe.

Selbstverständlich hat einer wie Sachs auch kolossalen Neid auf sich gezogen. Als Firmenerbe (Fichtel & Sachs) verfügte der gebürtige Schweinfurter über die Millionen, um sich die Freiheit zu leisten, von der wohl fast alle träumen. Verbinden sich derlei glückhafte Umstände auch noch mit erotischen Husarenstücken, so sehen manche vom Leben Frustrierte Rot.

Flotte und markige Sätze

Siering und Nicolai hingegen schmolzen lieber in Bewunderung vor dem tollen Hecht Gunter Sachs dahin. Sie peppten ihren Film genüsslich mit flotten Sätzen auf. Über Sachs und Bardot: „Sie liebten sich auf dem Heck seines Motorboots – bei voller Fahrt“. Das Risiko, am nächsten Felsen zu zerschellen, hätten sie dabei in Kauf genommen. Donnerlittchen!

Bei weitem härter klang allerdings der mehr als markige Satz aus der Kino-Wochenschau von 1966, Gunter Sachs habe die Bardot „heim ins Reich“ geführt. Was für eine unsägliche Idiotie, noch 21 Jahre nach Kriegsende!

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Am liebsten schön schräg und schrill: „Fast alles über 50 Jahre Bundesliga“

Wer etwas auf sich hält, bereitet Fußballhistorie längst nicht mehr bierernst mit Ergebnislisten und Tabellen auf. Die bloße Nacherzählung und die kreuzbrave 1:0-Berichterstattung sind mausetot. Erst recht ist der feierliche oder gar pathetische Tonfall passé; selbst dann, wenn bedeutsame Jubiläen anstehen.

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Die (inzwischen etablierte) Avantgarde packt den Fußball ironisch, popkulturell und liebend gern aus schrägen Blickwinkeln an, ohne deshalb die Leidenschaft für diesen Sport aufzugeben. Im Gegenteil: Hier kommt oft erst der wahre Kult zum Vorschein, der eben auch etliche schrille Seiten hat. Den Takt geben in dieser Hinsicht derzeit das Fußballmagazin „11 Freunde“ und eine TV-Sendung wie „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ vor. Sie beweisen, dass man auch intellektuelles Vergnügen am Kicken und all seinen Begleitumständen haben kann.

Im Fernsehen kredenzen uns manche Fußball-Kommentatoren, die den Schnabel nicht ein Minute lang halten können, zwischendurch als Füllmasse die absurdesten Statistik-Ergüsse – ohne jedes Gespür für die Komik solcher Mitteilungen. Christoph Biermann und Philipp Köster (beide aus der besagten „11 Freunde“-Chefredaktion) wissen hingegen genau, welche abenteuerlichen Kuriosa sie uns in ihrem Band „Fast alles über 50 Jahre Bundesliga“ mitunter vorsetzen.

Wer dieses halbe Jahrhundert allen Ernstes aufarbeiten wollte, müsste einen enzyklopädischen Vielbänder herausbringen. Im vorliegenden Buch werden zwar Dekaden und Liga-Jahrgänge kurz einordnend skizziert, doch die Autoren gehen davon aus, dass die Leser(innen) in groben Grundzügen orientiert sind und beweisen Mut zur Lücke. Deshalb picken sie unscheinbare, gleichwohl prägnante Einzelheiten auf und präsentieren sie vorwiegend in staunenswerten Listen, Grafiken, knackigen Kurztexten und Foto-Fundstücken – weit abseits jeder fanatischen „Helden“-Verehrung. Es ist eine kleinteilige, durchweg kurzweilige Lektüre, die man zwischendurch jederzeit beiseite legen kann. Doch man wird sie rasch wieder hervorholen.

Da werden beherzt so grundlegende Fragen beantwortet wie die, welche Farbe in allen bisherigen Liga-Trikots am häufigsten vorkam (Rot vor Blau), ob man mit satten 76 Punkten die Meisterschaft verfehlen kann (Ja! Schalke in der Saison 1971/72), aus welcher weitesten Distanz ein Tor direkt erzielt wurde (73 Meter) oder in welchen Bundesländern noch nie ein Erstliga-Spiel angepfiffen worden ist (Schleswig-Holstein, Thüringen, Sachsen-Anhalt).

An einigen Stellen wird es auf herrlich alberne Weise beinahe magisch: Ein gewiss mühevoll erstelltes Diagramm verzeichnet getreulich, wie viele Schnauzbartträger im Lauf der Jahre 1977 bis 2000 in der Liga aufgelaufen sind. Mit einer Art Windrose wird graphisch exakt dargestellt, in welche Himmelsrichtungen die einzelnen Stadien ausgerichtet sind; ein anatomisches Schema zeigt punktgenau und unmissverständlich an, welche Spielernamen (Gansauge, Maul, Kastrati, Woodcock) notfalls an Körperteile denken lassen.

Und natürlich purzeln Zahlen über Zahlen: Torhüter mit den meisten Gegentreffern (Eike Immel, 829), größte Stadt ohne Erstligateam (Bonn, 325000 Einwohner), effektivster Torschütze (immer noch Gerd Müller mit 0,85 Treffern pro Spiel).

Wer will die schrillsten Frisuren oder Wohnungseinrichtungen der Liga-Historie sehen? Wer will wissen, wie die größten Exzentriker, die originellsten Sponsoren und legendäre Spielerfrauen hießen? Wer mag unfreiwillig lustige Mannschaftsfotos, wer will sich bizarre Zitate von Brehme oder Matthäus und die dollsten Spieler-Doppelnamen (Jan-Ingwer Callsen-Bracker) auf der Zunge zergehen lassen?

Ja, ja und nochmals ja? Alle rufen „Hier, ich!“? Na, dann schaut doch mal in dieses Buch!

Christoph Biermann / Philipp Köster: „Fast alles über 50 Jahre Bundesliga“. Kiepenheuer & Witsch (Kiwi-Paperback), 224 Seiten, viele Illustrationen. 12,99 Euro.




Meine letzte „Rundschau“

So. Das war’s. Heute habe ich mein letztes Abo-Exemplar der Zeitung erhalten, die sich immer noch hartnäckig „Westfälische Rundschau“ (WR) nennt.

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Die WR lese ich seit Ende der 60er Jahre. Ununterbrochen habe ich das Blatt von 1980 bis heute bezogen, bis 2009 als „Personalstück“ für Redakteure. Auch meine Eltern haben schon die Rundschau „gehalten“, wie man es früher ausdrückte. Die konkurrierenden Ruhr-Nachrichten kamen jedenfalls all die Jahre über nicht ins Haus.

Ganz ehrlich: Allzu viel Wehmut ist nun trotzdem nicht im Spiel. Denn das, was da seit Anfang Februar geliefert wird, hat ja mit der Rundschau von früher kaum noch etwas zu tun.

Bewusst habe ich Mitte Januar, als die Entlassung der gesamten WR-Redaktion verkündet wurde, keine fristlose, sondern eine fristgerechte Kündigung an die Essener WAZ-Zentrale geschickt. Es war ja zu ahnen, dass der Konzern sonst Zicken machen würde. Mit einem hakeligen Hin und Her mochte ich meine Nerven nicht strapazieren. Außerdem wollte ich noch ein paar Wochen lang täglich beobachten, wie sich die redaktionslose Zombie-Zeitung entwickelt, also dieses abstruse Gemisch aus WAZ (Mantelteil) und Ruhr-Nachrichten (Dortmunder Lokalteil).

Der seltsamen Mixtur ohne eigenen Geist wurde immer wieder penetrant das „WR“-Mogeletikett angeheftet: „Jetzt neu in Ihrer WR“, „(XYZ) im WR-Gespräch“, „Wie die WR erfuhr“ usw. Ganz so, als sei unterdessen nichts mit der WR-Redaktion geschehen. Auch in der heutigen Ausgabe wünschen im Kleingedruckten „Verlag und Redaktion“ (welche Redaktion?) frohe Ostertage, während die Überschrift lautet: „Die WR wünscht ein frohes Osterfest“. Ich habe wirklich keine Lust mehr, mich so zum Narren halten zu lassen.

Von gelegentlichen thematischen Reibungen (Doubletten etc.) zwischen Mantel und Lokalteil wollen wir mal schweigen. Dafür, dass es hier zwischen WAZ und RN keine regelmäßigen engen Absprachen gibt, hielt sich der Widersinn noch halbwegs in Grenzen.

Bislang habe ich gedacht, dass die Ruhr-Nachrichten (RN) einen zumindest passablen oder auch recht ordentlichen Lokalteil machen. Hierauf konzentrieren sie ihre Kräfte, im Mantelteil werden hingegen vielfach Agenturtexte abgedruckt. Neuerdings bin ich auch vom Lokalen etwas ernüchtert. Mag sein, dass mir die RN-Berichte im Rundschau-Gewand schon per se missfallen. Das wäre dann teilweise mein Problem. Wahr ist aber auch, dass sie immer mal wieder absolut belanglose Geschichten grauslich hochjazzen. Eine Dortmunder Unternehmerin, die sich diversen Hollywood-Stars an den Hals wirft und mit ihnen ablichten lässt, war einen lokalen Bildaufmacher, einen länglichen Text und eine Fotostrecke „wert“. Es war nicht die einzige eklatante Fehleinschätzung.

Jetzt habe ich mich aber auch lang genug geärgert und bin froh, dass es mit dieser Osterausgabe, die von vorn bis hinten wahrlich über Gebühr mit Hasen und Eiern gefüllt ist, ein Ende hat. Die Funke-Gruppe (vormals WAZ-Gruppe), die einen kürzlich per Brief und Anruf noch bei Laune halten und als Abonnenten behalten wollte, hat es tatsächlich fertiggebracht, ausgerechnet zu Anfang April die Abo-Preise zu erhöhen – ein dilettantisches Timing, das entweder auf Panik, Konfusion oder Unverfrorenheit hindeutet.

Gewiss, ohne Widersprüche geht’s bei all dem nicht ab: Mit dem (von vielen gefassten) Entschluss, das WR-Abo zu kündigen, gefährdet man unter Umständen weitere Arbeitsplätze in der WAZ-Gruppe. Inzwischen ist ja bereits die Streichung weiterer 200 Jobs in verschiedenen Konzernbereichen angekündigt worden, die freilich anders begründet wird.

Ich möchte jedenfalls kein Unternehmen mitfinanzieren, das seine Rendite vorwiegend mit personellem Kahlschlag steigert. Wie heißt es auf der heutigen „WR“-Titelseite so schön konjunktivfrei über die jüngsten Opel-Verluste – im Zitat des unvermeidlichen Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer: „Das Argument, Kunden interessiert es nicht, ob ein Hersteller Werke schließt oder unbarmherzig mit seinen Mitarbeitern umgeht, gilt im Ruhrgebiet nicht.“ Eben.




Zweiteilige Gala „50 Jahre ZDF“: Keine Atempause, der Jubel wird gemacht

„50 Jahre ZDF“ – das muss natürlich groß gefeiert werden. Mal so richtig in Erinnerungen schwelgen und sich dabei köstlich amüsieren, das versprach ganz vollmundig Maybrit Illner, die die zweiteilige Gala-Show zum Mainzer Jubiläum moderiert. Dafür wurden auch altgewohnte Phänomene wie Big Band (Pepe Lienhard) und das Fernsehballett wiederbelebt.

Oft hat man das ZDF in den letzten Jahren als „Seniorensender“ verunglimpft. Geradezu lächerlich, dass man nur bis 49 zur „werberelevanten Zielgruppe“ zählt. Schwamm drüber. Freuen wir uns lieber heute noch, dass die Pläne des damaligen Kanzlers Konrad Adenauer, zu Beginn der 60er Jahre neben der ARD einen Staats- und Unternehmer-Sender zu etablieren, vor Gericht so gründlich fehlgeschlagen sind. So wurde das ZDF, das am 1. April 1963 auf Sendung ging, bisweilen zur echten Alternative. Mal mehr, mal weniger.

Maybrit Illner war zu jedem Scherz bereit

War Maybrit Illner eigentlich die Richtige, um eine solche Gala zu präsentieren? Gewiss, Peinlichkeiten weiß sie stets geschmeidig zu umgehen. Doch ihre dauerhafte Verzückung wirkte ein wenig antrainiert. Unentwegt sprach sie von „Großem Kino“, auch rutschte ihr mal die Formulierung „Großes Aua“ heraus, als es um Schmerzen ging. Sie war offenbar bereit, jeden Kindergartenscherz mitzumachen. Doch dann unterliefen der klugen Frau auch Wörter aus dem Seminar („Meta-Ebene“), die dazu nicht so recht passen mochten.

Maybrit Illner mit den Mainzelmännchen (Foto: ©ZDF/Thomas Kierok)

Maybrit Illner mit den Mainzelmännchen (Foto: ©ZDF/Thomas Kierok)

Natürlich marschierte jede Menge TV-Prominenz auf – nicht nur in nostalgischen Archivfilmchen, sondern auch auf der Gästecouch, genauer: auf den Sofalandschaften, in denen selbstverständlich die ZDF-Designerfarbe Orange dominierte. Damit der Westen nicht unter sich blieb, durfte vor allem Wolfgang Stumph („Stubbe“) die – sanft geglättete – ostdeutsche Sicht der Dinge repräsentieren.

Einstieg mit viel Musik

Mit legendären Musikformaten zwischen „Hitparade“ und „Disco“ (Dieter Thomas Heck, Ilja Richter, Howard Carpendale & Co.) ging’s los, es folgten Forschung und Information (vertreten u. a. von Klaus Kleber, Wolf von Lojewski). Doch auch bei den ernsteren Themen blieb kaum Zeit zum Innehalten. Die geballte Stoff-Fülle aus 50 Jahren ist einfach zu groß, um sie leichthändig zu bewältigen. Besonders die Wissenschaftssendungen wurden geradezu als Klamauk verkauft.

Der erste Teil der Feier endete mit breitwandig inszeniertem Lob und Preis auf die populären Reihen „Schwarzwaldklinik“ und „Traumschiff“, da lauerten ein paar Abgründe. Apropos: Zuschauer haben über die zehn beliebtesten ZDF-Sendungen aller Zeiten abgestimmt. Die Plätze eins bis fünf werden erst in Teil zwei (Samstag, 30. März, 20.15 Uhr) verraten. „Wetten, dass…“ Thomas Gottschalk trotz aller Fährnisse mit vorne dabei sein wird?

Wer hat denn nun die besten Krimis?

Zum Thema Krimis nannten die Gäste als bleibende Erinnerungen überwiegend ARD-Produktionen, nachdem Maybrit Illner das ZDF als Krimisender Nummer eins beschworen hatte. Eine kleine Panne, wenn man so will. Passiert schon mal. Doch immerhin kann das ZDF auf diesem Felde den Kommissar (Erik Ode), „Derrick“ (Horst Tappert), „Der Alte“ (Siegfried Lowitz und Nachfolger), „Ein Fall für zwei“ (Claus Theo Gärtner), „Bella Block“ (Hannelore Hoger) und manches andere vorweisen. Auch nicht so übel.

Wollte man böswillig sein, so würde man die Sendung mit „Viel Archivmaterial und etliches Brimborium drumherum“ zusammenfassen. Es war gelegentlich wie bei einem Klassentreffen. Großes Hallo, viele Umarmungen. Manchmal fragte man sich unwillkürlich, ob denn unbedingt Zuschauer dabei sein mussten. Zwangsläufig hatte das Ganze die Tendenz zum pflichtschuldigen Abhaken und zur forcierten Selbstbejubelung. Wer wird denn auch zum Geburtstag Schlechtes reden wollen? So blieben kritisch angehauchte Zwischentöne den wenigen Comedians und Kabarettisten (großartig: Olaf Schubert) vorbehalten, die die Hofnarrenrollen übernahmen.

Wie die Zeit verflogen ist

Schade, schade, dass solche prägenden Gestalten wie Peter Frankenfeld, Wim Thoelke, Hans Rosenthal oder auch Erik Ode („Der Kommissar“) nicht mehr dabei sein und von früher erzählen können. Ihre alten Sendeausschnitte lassen einen wehmütig spüren, wie die Zeit verflogen ist. Gemeinsam mit dem ZDF sind wir eben…ein wenig reifer geworden.

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Die Böden, auf denen wir leben

Reden wir mal kurz über Oberböden und Bodenbeläge. Über das, was wir täglich mit Füßen treten.

Doch was heißt hier treten? Da gibt es erhebliche Unterschiede. Je nach Befindlichkeit seiner selbst und nach Beschaffenheit des Untergrunds schreitet, schwebt oder schlurft man. Zwischen „klinisch gefliest“ und „mit schweren Orientteppichen belegt“ tun sich Welten auf. Wenn man nur genau genug nachforschte, ließen sich aus den Oberböden nicht nur finanzielle Potenzen, sondern wahrscheinlich auch politische und sonstige Präferenzen herauslesen. Zeige mir deine Bodenfliesen-Ornamente und ich sage dir, wer du bist.

Ganz früher waren wir mit schlicht gesprenkeltem Steinzeug oder Linoleum in abenteuerlichen Schmutzfarben zufrieden. Notfalls hätt es wohl auch der rauhe Estrich getan. Es scheint einem ja kaum der Erinnerung wert, worüber man damals gelaufen ist. Wir blickten nicht unter uns, sondern immer nur wirtschaftswunderlich nach vorn. Hoho.

Später machten wir es uns auf mehr oder weniger flauschigen Teppichböden schrecklich bequem. Keineswegs keimfrei. Einen Flokati zu sehen, erträgt man heute nur mühsam mit Fassung, spontan verspürt man so etwas wie angewiderte Rührung.

Wahnsinnig angesagt: Parkett mit Kratzern. (Foto: Bernd Berke)

Wahnsinnig angesagt: Parkett mit Kratzern. (Foto: Bernd Berke)

Diverse Parkettsorten vermittelten uns einen Begriff von gediegener Bürgerlichkeit. Dann kam irgendwann das Laminat. Da schwang das Wort Imitat schon reimgerecht mit. Man mag übrigens gar nicht dran denken, welche Verheerungen die Baumarkt-Ästhetik im verbliebenen Wohnungsbestand angerichtet hat. Davon vielleicht ein andermal. Und ja: Heutzutage gibt es auch ganz tolles Laminat, jaja, wirklich.

Außerdem gibt es ja die Guten, die Geschmackvollen, die sich im Vollgefühl ihrer unentwegten Korrektheit wiegen. Die so genannten Gentrifizierer, die sich in den schicken Stadtvierteln heuschreckenhaft über Altbauten mit Stuckdecken und Flügeltüren hermachen, bevorzugen in der Regel Schiffsparkett oder Dielenböden. Die knarren und knarzen so herrlich authentisch. Das Schwelgen in weiteren Klischees ersparen wir uns. Obwohl wir ganz genau wissen, welche Kinderwagen-Marke in diesen kreativen Kreisen am liebsten gekauft wird.

Andere Geldmenschen, die buchstäblich mit Luxus glänzen wollen, staksen oder schlittern über ungemein blankpolierte Steinböden mit exorbitanten Quadratmeterpreisen. Auf Marmor und Granit protzt es sich am besten. Die Redewendung „Bei mir beißt du auf Granit“ spielt untergründig mit. Ach, wie bodenlos!

Falls ich auf den schwankenden Böden der Tatsachen neuere Trends mitsamt Retro-Irrsinn verpasst haben sollte, sagt mir bitte Bescheid. Im Namen einer allgemeinen Mobilität und Bindungslosigkeit, so habe ich gestern im FAZ-Feuilleton lesen dürfen, werde auch das Wohnen immer beweglicher und schier grenzenlos wandelbar. Wer weiß: Vielleicht zieht man uns zwecks verschärfter Hipness bald den Boden unter den Füßen weg.




„Dortmunder Modell“: Die Stadt muss kleinlich sparen, ihr Airport macht Millionen „Miese“

Kürzlich konnte man im Dortmunder Lokalteil der Ruhr-Nachrichten (RN) erfahren, wie kleinlich inzwischen die Sparschrauben bei der Stadt angesetzt und festgedreht werden. Beispiele erwünscht? Bitte sehr: Zootiere bekommen ab jetzt weniger Frischkost. Macht gerade mal 10 000 Euro im Jahr. Brunnen sprudeln künftig seltener, was Strom und Wasser spart. 35 000 Euro im Jahr. Vom Kulturbereich mal wieder ganz zu schweigen.

Völlig ohne weitere Erläuterung finden sich in dem RN-Artikel Posten wie die Kündigung der „Alarmaufschaltung zur Überwachung“ der kommunalen Kindertagesstätten (was besagt das, bitte?) mit einer Ersparnis von 36 000 Euro, die hoffentlich niemand bereuen wird. Ferner werden die Kosten für Lebensmittel in den Kitas um 12,5 Prozent oder 175 000 Euro gekürzt. Das ist schon ein größerer Batzen. Steigen also die Elternbeiträge? Oder wird die Verpflegung einfach reduziert? Erläuterung Fehlanzeige. Nach dem eher als tabellarisches Kuriositäten-Kabinett angelegten Bericht hat man mehr Fragen als vorher.

Ein Monster als Maskottchen: Dortmund Airport (Foto: Bernd Berke)

Ein Monster als Maskottchen: Dortmund Airport (Foto: Bernd Berke)

Doch darauf wollte ich gar nicht in erster Linie hinaus. Halten wir uns noch einmal die genannten Beträge vor Augen, um sodann das aktuelle Jahres-Defizit des Dortmunder Flughafens erst richtig würdigen zu können. Der von den Stadtspitzen aus Prestigegründen seit jeher gehätschelte Airport, der ja auch ein paar nette Pöstchen bietet, hat – wie jetzt bekannt wurde – 2012 abermals 18,5 Millionen Euro Miese gemacht. Das ist eine Million weniger als 2011 und das geringste Minus seit 2003, also haben wir es quasi noch mit einer vergleichsweise guten Nachricht zu tun.

Man kann sich ungefähr ausmalen, was sich da im Lauf der Jahre angesammelt hat. Und wer springt finanziell ein? Nun, die allzeit ziemlich klamme Stadt Dortmund (26% Anteile) und die Dortmunder Stadtwerke DSW 21 (74% Anteile), eine hundertprozentige Tochter der Stadt. Mit den Strom-, Gas- und Wasserpreisen subventionieren Einwohner und Wirtschaft also den Flughafen ganz gehörig.

Absurde Rechenaufgabe: Wie vielen Zootieren könnte man da wie viele hundert Jahre lang Frischkost nach Herzenslust kredenzen? Doch mal ganz ernsthaft: Wie viele Theater, Museen, Schulen, Kindergärten, Sportvereine oder Schwimmbäder könnte man wirksam fördern, wenn es diesen Flughafen nicht gäbe? Wie viele Straßen ließen sich schnellstens reparieren, wie viele Sozialleistungen bezahlen?

Wer solche Verluste schreibt wie der Dortmunder Flughafen, der wird doch wohl wenigstens einen Airport von internationaler Bedeutung betreiben? Nun ja, wie man’s nimmt. Eigentlich eher nicht. Das offizielle Dortmund gefällt sich darin, dass die heimische Geschäftswelt von hier aus aufbrechen kann – freilich geht’s direkt weder nach Berlin noch nach Paris, Rom, Mailand oder Madrid. Ein paar Touristen fliegen nach „Malle“ oder Faro, einige Heimaturlauber zu teilweise zweitrangigen Destinationen Osteuropas (siehe Liste am Ende des Beitrags).

Von Steigerungsraten kann auch keine Rede sein. Im Gegenteil. Sowohl die Zahl der Passagiere als auch – besonders drastisch – die Menge der beförderten Luftfracht hat mit den Jahren in Dortmund kontinuierlich abgenommen. Gleichwohl werden weite Teile der Stadt und der östlich angrenzenden Gemeinden mit Fluglärm versorgt. Offenbar noch nicht genug. Stets wird uns vorgegaukelt, dass längere Betriebszeiten (am frühen Morgen und nachts) bzw. eine verlängerte Start- und Landebahn die Verluste mindern würden.

Da sehnt man sich im Kleinen geradezu nach einer „Berliner Lösung“ – einem Flughafen, der nie und nie eröffnet oder wenigstens nicht erweitert wird.

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Dortmunder Destinationen

Alghero, Italien
Belgrad, Serbien
Breslau, Polen
Budapest, Ungarn
Bukarest, Rumänien
Cluj-Napoca, Rumänien
Gdansk (Danzig), Polen
Faro, Portugal
Girona, Spanien
Istanbul, Türkei
Izmir, Türkei
Kattowitz, Polen
Kiew, Ukraine
Lemberg, Ukraine
London, Großbritannien
Málaga, Spanien
München, Deutschland
Neumarkt, Rumänien
Oporto, Portugal
Palma de Mallorca, Spanien
Posen, Polen
Skopje, Mazedonien
Sofia, Bulgarien
Temeschwar, Rumänien
Vilnius, Litauen




„Die Wirklichkeit wird nicht mehr gebraucht“: Ernst-Wilhelm Händlers „Der Überlebende“

Der Ich-Erzähler bleibt namenlos. Alles andere wäre auch geradezu widersinnig. Denn der Mann steht für die kommende Überschreitung biologischer Gegebenheiten, für den Übergang der Schöpfung in eine anonyme Eiseskälte.

Die Hauptfigur in Ernst-Wilhelm Händlers Roman „Der Überlebende“ leitet das Leipziger Elektrotechnik-Werk des fiktiven US-Konzern D’Wolf, betreibt dort aber insgeheim weiter die Roboterforschung, die offiziell gestoppt worden ist. Für dieses verborgene Geisterprojekt geht er über Leichen – nicht nur im übertragenen Sinne.

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Gesichter von Menschen kann sich der seltsam seelenlose Mann ohnehin nicht merken, worauf also sollte sich ein etwaiges Mitleid beziehen? Landläufig würde man ihn vielleicht als Autisten bezeichnen. Dieser hier will gleichzeitig alle Fäden ziehen, alles unter Kontrolle behalten, über jeden Schritt von Karrierefrauen mit mysteriösen Namen wie Sondra oder Burgi unterrichtet sein.

Hat schon die Firma ein ausgeklügeltes Überwachungssystem („Total Recall“) installiert, das beispielsweise alle Konferenzen für immer aufzeichnet, so setzt der Werksleiter seinerseits eine noch lückenlosere Spionage-Apparatur drauf. Ihm entgeht – rein äußerlich – praktisch nichts. Aber kann er das Gesehene auch richtig deuten? Wie dringend bräuchte er eine Software, die alle Beziehungen unfehlbar analysiert…

Wenn er jedenfalls argwöhnt, dass die schwer erkrankte Ehefrau Maren, Freund Peter oder Tochter Greta seine Kreise stören, so müssen eben Opfer gebracht werden. In den universalen und galaktischen Dimensionen, in die er sich gedanklich so gern erhebt, spielen einzelne Menschenleben überhaupt keine Rolle. Ein kurzerhand vertauschtes Medikament, ein geschickt eingefädelter und perfide beeinflusster Boxkampf – wer will es ihm nachweisen? Er ist und bleibt „Der Überlebende“. Und um welchen Preis?

Ernst-Wilhelm Händler, der früher selbst als mittelständischer Unternehmer tätig war und wirtschaftliche Mechanismen (so auch Firmenhierarchien, Marktstrategien und Preiskämpfe) sachkundig in die Handlung einfließen lässt, verwendet eine durchaus passende, wie aus dem Baukasten gefügte, auf Präzision versessene Sprache. Wie metallische Scharniere klirren und klacken schon die zahllosen Imperfekt-Endungen: „Du aber frösteltest. Mit der linken Hand rafftest du das Nachthemd…“ Doch die stocknüchterne, zuweilen steifleinene Genauigkeit und all das rational erscheinende Kalkül scheinen letztlich in ein dunkles Chaos zu führen; in einen Strudel hin zum Ende der Welt, wie wir sie kennen…

Fischen wir nur einige Partikel aus dem Gedankenstrom des Technikers, der ein später Nachfahre von Max Frisch „Homo Faber“ sein könnte und auch George Orwells Überwachungs-Visionen hinter sich lässt: „Wir würden es fertigbringen, die Realität zu klonen, sie würde annihiliert und durch ihre Doppelgängerin ohne Menschen ersetzt werden. Die Wirklichkeit wird nicht mehr gebraucht, sie kann verschwinden, sie muss verschwinden.“

Wesentliche Teile des Geschehens sind nur noch durchs Flimmern von Bildschirmen vermittelt – wie in der Finanz- und Börsenwelt oder vielen Bereichen der „Frei“-Zeit längst üblich. Kalkulatoren und Controller sind die verbliebenen Mächte in diesem blutleeren Getriebe. Wer womöglich über all das herrscht, steht gar nicht mehr zur Debatte. Vielleicht egal. Die einstweilen noch tapsigen, aber lernfähigen Roboter werden wohl einst alle lebendigen Wesen ersetzen, wenn nicht Einhalt geboten wird. Das ist der Erwartungshorizont dieses Romans.

Man liest den Fortgang mit einer fast widerwilligen Faszination, befremdet und fröstelnd.

Ernst-Wilhelm Händler: „Der Überlebende“. Roman. S. Fischer Verlag. 320 Seiten, 19,99 Euro.




Der Koloss wankt: Funke-Mediengruppe (WAZ) streicht abermals 200 Stellen

Es wird allmählich zur Konstante, wenn von der Funke-Mediengruppe (ehemals WAZ-Mediengruppe) die Rede ist: Man erwartet ja schon allzeit Kürzungsmaßnahmen, aber doch nicht so schnell und so drastisch, wie sie dann tatsächlich eintreten.

Die Geschäftsführung in Essen setzt jeweils auf „Überraschungs“-Effekte, für einzelne Betriebsteile auch auf ein Ende mit Schrecken – siehe die erst am 15. Januar verkündete Entlassung der kompletten Redaktion der Westfälischen Rundschau, von der rund 120 Redaktionsmitglieder und über 150 freie Mitarbeiter betroffen sind.

In den letzten Tagen und Wochen hatte man ziemlich fest mit dem „Aus“ für die Vest-Ausgabe (Kreis Recklinghausen) der WAZ gerechnet, doch nicht mit einem Kahlschlag dieses Kalibers: Abermals sollen im Konzern bis zu 200 Stellen gestrichen werden – bei Anzeigenblättern, im Anzeigenbereich und im Fotografenpool, doch auch – wohl besonders bemerkenswert – am zentralen Content Desk, der die Blätter der Gruppe mit regionalem und überregionalem Mantelstoff für die klassischen Ressorts und deren Ableger beliefert.

Der von WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz geleitete und gehegte, einst bundesweit als Modell ausposaunte Desk muss also deutlich Federn lassen – von 21 bis 24 Stellen am bislang recht ordentlich besetzten Tisch ist die Rede. Es heißt, Beobachter aus dem angeblich näheren Umfeld hätten Reitz neuerdings nachgesagt, er werde zusehends nervös und habe seine einst zur Schau gestellte Souveränität eingebüßt. Aber das ist ungeprüfte Kolportage, Kaffeesatz-Leserei, wiewohl wahrscheinlich nicht völlig ohne Anlass.

Man vermag jedenfalls kein tragendes Konzept hinter all dem hektischen Aktionismus in der Funke-Gruppe zu erkennen. Es sieht so aus, als ließe man sich dort von den Entwicklungen treiben und ins Bockshorn jagen, anstatt sie mitzugestalten. Eine treibende Kraft scheint diesmal der Discounter Aldi zu sein, der künftig offenbar auf Werbung in Tageszeitungen weitgehend verzichten will.

Auch ist von stetig sinkenden Abonnentenzahlen die Rede. Die Kündigungswelle bei der Westfälischen Rundschau, die seit 1. Februar ohne eigene Redaktion erscheint, dürfte daran derzeit einen nicht unwesentlichen Anteil haben. Zahlen hierzu gibt die Funke-Gruppe wohlweislich nicht heraus. Man wird also die objektiv ermittelten IVW-Zahlen abwarten müssen, die im nächsten Quartal genauere Auskunft geben werden.

Die Geschäftsführer der Funke-Mediengruppe (Christian Nienhaus, Manfred Braun, Thomas Ziegler) lassen unterdessen verlauten: „Wir müssen uns Freiraum für neue Produkte schaffen.“ Man darf gespannt sein, um welche Produkte es sich da handelt. Reichlich wolkig heißt es weiter, man werde „unsere starken regionalen Marken in die digitale Welt überführen“; ganz so, als sei letztere gerade erst erfunden worden. Dass man die Umbenennung in Funke-Mediengruppe als Rückgriff auf eine Familientradition verkauft, wirkt bestenfalls hilflos.

Derzeit vermag ich mir nicht recht vorzustellen, dass im Konzern genügend verlegerische Phantasie waltet, um solche Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben zu meistern. Eher verfestigt sich der Eindruck, dass der einstige Koloss ins Wanken geraten ist.




Der Zweite Weltkrieg in Nahansicht: Zum ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“

Es wurde mal wieder hohe Zeit für ein solches Großereignis im Fernsehen: Der Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (ZDF) scheint die Schrecken des Zweiten Weltkriegs noch einmal ganz nah heranzurücken. Wir wissen, dass damals Millionen elendiglich gestorben sind. Und doch werden uns immer Einzelschicksale am meisten berühren.

Fünf Freunde beim Abschied im Sommer 1941. Von links: Greta (Katharina Schüttler), Wilhelm (Volker Bruch), Charlotte (Miriam Stein), Friedhelm (Tom Schilling), Viktor (Ludwig .  (Foto: © ZDF/David Slama)

Fünf Freunde beim Abschied im Sommer 1941. Von links: Greta (Katharina Schüttler), Wilhelm (Volker Bruch), Charlotte (Miriam Stein), Friedhelm (Tom Schilling), Viktor (Ludwig Trepte). (Foto: © ZDF/David Slama)

Der entsprechenden Dramaturgie, die uns gleichsam mitten ins Geschehen führt (Bewunderung gilt nicht zuletzt den Kulissenbauern und Kostümbildnern), folgt auch die Spielhandlung, die Regisseur Philipp Kadelbach mit einem großartigen Schauspieler-Ensemble in Szene gesetzt hat: Fünf Freunde treffen sich im Sommer 1941 noch einmal in Berlin. „Weihnachten sehen wir uns wieder“, glauben sie allen Ernstes und prosten einander fröhlich zu. Sie sind jung, lebenshungrig und halten sich für unsterblich. Wie tragisch sie sich irren!

Fünf Freunde und ihre Illusionen

Der Anlass des Abschieds-Umtrunks: Wilhelm (Volker Bruch) und sein schöngeistiger jüngerer Bruder Friedhelm (Tom Schilling) müssen an die Ostfront nach Russland ziehen, „den Iwan ein bisschen verhauen“, wie anfangs naiv gescherzt wird. Charlotte (Miriam Stein) folgt ihnen als Krankenschwester ins Feldlazarett. Greta (Katharina Schüttler) und ihr jüdischer Freund Viktor (Ludwig Trepte) bleiben unterdessen in Berlin, wo auch sie in ein Gestrüpp von Lüge und Verrat hineingerissen werden. Denn Viktor wird von NS-Schergen verfolgt und da nützt es gar nichts, dass Greta, die als Sängerin Karriere machen will, sich mit einem ebenso hochrangigen wie schmierigen Nazi einlässt, um Ausreisepapiere für Viktor zu beschaffen. Freilich lässt sie sich auch von der Aussicht auf Rundfunkaufnahmen betören.

Erschießungen gegen jedes Völkerrecht

Im steten Wechsel schwenkt die Handlung zwischen Berlin, der Front und dem Lazarett hin und her. In Russland zeigt sich mehr und mehr, wie schmutzig dieser Krieg geführt wird – mit Exekutionen wider jedes Völkerrecht, mit willkürlichen Erschießungen und Gräueltaten. Das Lazarett erweist sich als Schlachthaus, in dem Tag und Nacht die Schmerzensschreie durch Mark und Bein dringen. Und dann kommt auch noch der eisige russische Winter, in dem der zuerst so zartsinnige Friedhelm zum Zyniker und härtesten Hund von allen wird.

Der Film lässt drastische Szenen nicht aus. Schon in der ersten Folge bleiben keine Zweifel, dass der Krieg in jedem das Schlechteste weckt. Entweder Täter und Verräter oder Opfer – dazwischen gibt es praktisch nichts – bei allem Bemühen um Differenzierung. Das ist umso schrecklicher, als diese Generation unserer Mütter und Väter (wie hier sehr deutlich herausgearbeitet wird) wunderbar normal hätte sein und leben können, wenn sie nur nicht diesem verfluchtem Regime verfallen wären.

Ein Projekt für alle Generationen

Im Vorfeld dieses Dreiteilers hatte Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), die Bedeutung dieser Produktion beschworen und mahnend festgestellt, dass allmählich die allerletzten Zeitzeugen des Weltkriegs sterben. Deshalb sollten sich die verbliebenen Generationen diesen Film unbedingt gemeinsam anschauen. Er hat recht. Tatsächlich habe ich mir an etlichen Stellen des ersten Teils gewünscht, ich hätte ihn noch gemeinsam mit meinen Eltern sehen können.

Mein Vater ist – wie so viele andere – immer sehr wortkarg gewesen, wenn es um seine Erlebnisse an der Ostfront ging. Dieser Film, der anschließend von einer Dokumentation und einer Spezialausgabe von Maybrit Illners Talk begleitet wurde, hat vielleicht die Wucht und überhaupt die Qualität, doch noch diese oder jene Zunge zu lösen.

Teil zwei und drei (Montag, 18. März, und Mittwoch, 20. März, jeweils 20.15 Uhr) sollte man sich nicht entgehen lassen.

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Jähes Erwachen aus Kinderträumen: Zum Ende des Spielwarengeschäfts Lütgenau in Dortmund

Die Nachricht wird wohl keinen alteingesessenen Dortmunder kalt lassen: Das traditionsreiche Spielwaren-Fachgeschäft Lütgenau schließt nach 75 Jahren.

Kaum ein Kind in dieser Stadt und bis weit ins Umland hinaus, das nicht schon mit leuchtenden Augen vor den Schaufenstern am Ostenhellweg gestanden hätte – und das ging seit einigen Generationen so fort. Lütgenau war „immer schon da“ und würde gewiss ewig weiter bestehen. Einen Rest dieses Kinderglaubens hat man ja selbst noch gehegt.

Ob auch sie um den Spielzeugladen trauern? (Foto: Bernd Berke)

Ob auch sie um den Spielzeugladen trauern? (Foto: Bernd Berke)

Besonders in der Vorweihnachtszeit hat man sich Jahr für Jahr daran erinnert, wie das damals gewesen ist – die frühen Stofftiere, die erste Lok für die Modelleisenbahn… Hier hat man sie gesehen und sie sich sehnsüchtig gewünscht. Es waren jene Zeiten, als das Wünschen manchmal noch geholfen hat.

Auch in den letzten Jahren ist man wie selbstverständlich zuerst dorthin gegangen, wenn Kinder Geburtstag hatten oder wenn sonstwie Spielzeuggeschenke gebraucht wurden. Als unsere Tochter (dreieinhalb Jahre) heute hörte, dass es diesen verlockenden Laden (nicht zu vergessen das Nostalgie-Schaukelpferd vor dem Eingang!) bald nicht mehr geben wird, war sie spontan bereit, mit ihrem Sparschwein gleichsam zur Sanierung beizutragen. Ach, da wird einem doch weh ums Herz.

Auch mit kühlerem Kopf besehen, ist es betrüblich, wie die ortstypischen, inhabergeführten Geschäfte nach und nach aufgeben, wie sie den allüberall präsenten Ketten und Konzernen das Feld überlassen (müssen). Diese wiederum haben ebenfalls Mühe, sich gegen die immer härtere Konkurrenz der Internet-Versender zu behaupten. Wenn das alles weiter rasant in die falsche Richtung läuft, hat es sich bald mit der Urbanität des Dortmunder Stadtzentrums und ähnlicher Lagen ausgespielt. Oder kommt da etwas Besseres nach?

Den Ruhr-Nachrichten zufolge hat Lütgenau-Inhaber Andreas Mehls vergebens Nachfolger gesucht. Niemand habe sich an diesem Standort eine günstige Perspektive vorstellen können. Als Grund für das „Aus“ führt er neben dem spürbaren Kindermangel die landläufige Gewohnheit etlicher Leute an, sich im Fachhandel lang und breit beraten zu lassen und dann beim Internet-Anbieter zu ordern. Ich sag’s mal so gedämpft: Man möchte solche Schnäppchenjäger nicht unbedingt zu seinen besten Freunden zählen.

Lütgenau liegt übrigens schräg gegenüber der seit Anfang Februar redaktionslosen Phantom-Zeitung Westfälische Rundschau. Es bröckelt und bröckelt in dieser Lage, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Der Ostenhellweg verliert, verglichen mit dem Westenhellweg (Thier-Galerie mit 160 Geschäften, Karstadt, Kaufhof, Saturn etc.), immer mehr an Boden. Zu fürchten ist, dass am Ausläufer des Ostenhellwegs eine teilweise schäbige Meile mit anhaltenden Leerständen und Billigst-Anbietern entsteht. Vorboten kann man jetzt schon besichtigen.




„Der Minister“: Ein Taugenichts will ganz nach oben

Schon als Lausbub bedient sich Franz Ferdinand von und zu Donnersberg der Fähigkeiten seines schlauen Freundes Max Drexel. In der Schule darf er von ihm abschreiben. Später lässt er sich von ihm durchs Abitur hieven. Und als der smarte Frauenliebling Franz Ferdinand in die Politik gegangen ist, schreibt ihm Max noch die schludrige Doktorarbeit.

Große Pose in New York: Kai Schumann als Minister Franz Ferdinand von und zu Donnersberg (Bild: SAT.1)

Große Pose in New York: Kai Schumann als Minister Franz Ferdinand von und zu Donnersberg (Bild: SAT.1)

Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor? Richtig. Die Geschichte des Freiherrn von und zu Guttenberg hat hier ganz offensichtlich über weite Strecken Pate gestanden. So eng ist die Story um den allzeit eitlen Selbstdarsteller Donnersberg (Kai Schumann) gelegentlich an wirkliche Begebenheiten angelehnt, dass man sich fragt, ob es hier nicht juristisch heikel werden könnte. Aber solche Fragen wollen wir gern den Anwaltskanzleien überlassen.

Fachwissen ist nur hinderlich

„Der Minister“ (SAT.1) gehört zu den großen Eigenproduktionen, die die deutschen Privatsender hin und wieder stemmen. Wir erleben die rasante Verwandlung eines Taugenichts und Schaumschlägers zum ministrablen Politiker, der zwischenzeitlich gar die Umfragewerte der Kanzlerin übertrifft. Ein bisschen Gel ins Haar, dann noch die richtige Brille, Ahnung von der politischen Materie ist hingegen nicht nötig, ja sogar hinderlich. Erst recht braucht man keine festen Überzeugungen. Lieber noch eine attraktive Blondine (Alexandra Neldel) geheiratet und den Chefredakteur (Thomas Heinze) der größten Boulevardzeitung, hier „Blitz-Kurier“ genannt, kennen gelernt – und fertig ist der Erfolgstyp. Als der erst einmal an der Macht geschnuppert hat, will er auch ganz nach oben, also ins Kanzleramt.

Die schier unglaubliche Handlung, die sich in einigen Grundlinien aber tatsächlich zugetragen hat, wird vorwiegend aus Sicht des zunehmend nachdenklichen Max Drexel (Johann von Bülow) erzählt, der als persönlicher Berater mit in die Ministerien einzieht und zunächst gleichfalls vom Aufstieg berauscht ist, jedoch irgendwann die ganze Posse (auch weil seine Ehe daran zu scheitern droht) leid ist und von Donnersberg („Mensch Donni, alte Kaschmirsocke!“) schließlich auffliegen lässt. Doch schon bald hat der Ex-Minister sein Comeback im Sinn; ganz wie im richtigen Leben.

Sprüche aus der Polit-Historie

Früher hat ein Helmut Dietl („Kir Royal“, „Schtonk!“, „Rossini“) solche Stoffe verfilmt. An dessen Prägekraft kommt Uwe Jansons Film beileibe nicht heran. Vor allem am Anfang stehen Drehbuch und Darsteller unter ständiger Anspannung, es herrscht haltloser Lustigkeitszwang. Fast jeder Satz muss einen schnell zündenden Gag enthalten. Sprüche aus der bundesdeutschen Polithistorie werden nahezu im Dutzend losgelassen, beispielsweise: „Wer Visonen hat, soll zum Arzt gehen.“ (Helmut Schmidt), „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort…“ (Uwe Barschel), „Was schert mich mein Geschwätz von gestern“ (Konrad Adenauer). Und noch einige andere.

Immerhin gibt’s ein paar wirklich witzige Einfälle mit parodistischen Qualitäten und überwiegend passable Schauspielerleistungen. Allen voran: Katharina Thalbach liefert als Kanzlerin Angela Murkel (!) die treffliche Skizze einer souveränen Frau, die den ganzen Betrieb durchschaut und stets klug abwartend taktiert. So übersteht sie jeden Spuk.

Freilich gibt’s auch etliche alberne Szenen, in denen das Ganze zu Slapstick und Muppet-Show tendiert, wobei auch die landläufige Politikverdrossenheit bedient wird. Richtig gute Satiren werden wohl doch mit etwas feineren Fäden gesponnen.

Seitenhiebe gegen den Konkurrenzsender

Bemerkenswert übrigens die kaum verhüllten Seitenhiebe gegen die SAT.1-Konkurrenz RTL. Mehrfach ist da von einem offenbar dümmlichen Sender „RTO 5“ die Rede. Dessen Reporterin schildert beim Afghanistan-Trip des Verteidigungsministers von und zu Donnersberg vor allem das todschicke Kostüm der Gattin, während gleich darauf ein Mann von SAT.1 auftaucht und knallhart-investigative Fragen zu Kriegsopfern stellt. Aha. So haben wir das noch nie betrachtet.

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Im Paradies der guten Fußball-Resultate

Nachdem Borussia Dortmund kürzlich gegen Bayern München und dann auch noch gegen die Blauen aus Herne verloren hat (Es lag am Rasen!), muss jetzt schnellstens eine tiefgreifende Systemänderung her. Oder halt! Besser noch eine Rezeptur für alle Ewigkeit.

Fürs Jenseits hat man uns schon viel, wenn nicht alles versprochen. Warum also sollte das Paradies sich nicht auch durch günstige Fußball-Ergebnisse, traumhaft tarierte Tabellen und triumphale Turniere auszeichnen? Nein, nein, es soll gar nicht immer der glanzvolle Titel mit Schale, Pott oder Pokal sein. Zwischendurch würde Schwarzgelb auch mal kurz andere schnuppern lassen – so wie jetzt schon hienieden.

(Foto: Bernd Berke)

(Foto: Bernd Berke)

Doch im Jenseits wird alles gänzlich wunderbar. Künftige Partien werden auf dem saftigen Grün des Gartens Eden ausgetragen, das die allerschönsten Zauber-Spielzüge ermöglicht. Und siehe: Nachher ist man immer begeistert, ja man jauchzet und frohlocket ohn’ Unterlass.

Und alle vorherigen, die schmerzlich irdischen und unterirdischen Resultate? Lösen sich auf in Wohlgefallen. Werden verwandelt, umgestülpt und revidiert; vom bajuwarischen Duselfaktor und von unerhörten Schiri-Fehlleistungen befreit, dafür mit höherer Gerechtigkeit angereichert – und schon… Muss ich noch mehr sagen?

Wie jetzt?! Jeder Verein solle auf solche Art seinen eigenen Himmel haben, höre ich da… Unsinn! Habt ihr schon mal einen rötlichen oder blauweißen Himmel gesehen? Na bitte. Ich auch nicht.




Til Schweiger schlägt beim „Tatort“ zu

Über diesen neuen „Tatort“-Kommissar redet man schon seit vielen Monaten. Nicht wenige haben schlimmste Befürchtungen gehegt. Til Schweiger als Ermittler – ja, würde das denn gehen? Und tatsächlich: Der durchtrainierte Nuschler mit dem diskussionswürdigen Verständnis von Männlichkeit hat sein neues Revier in Hamburg sofort brachial aufgemischt.

Nach etwa fünf Minuten hat dieser Kerl schon drei Verbrecher final zur Strecke gebracht. Das dürfte neuer „Rekord“ in der ARD-Krimireihe sein. Man fühlt sich an die alte Scherzregel des Action-Kinos erinnert: Erst ein paar Explosionen – und dann langsam steigern… Doch hier gab es die meisten Leichen schon am Anfang.

Bloß nicht lange fackeln

Vorherige Warnrufe? Schüsse ins Bein? Umständliche Verhöre gar? Offenbar alles rechtsstaatlicher Quatsch, wenn man es mit Mädchenhändlern dieses Kalibers vom Astan-Clan zu tun hat. Nicht lange reden oder fackeln, sondern handeln – im Zweifelsfall gleich tödlich schießen. So lautet wohl die Notwehr-Devise des Nick Tschiller (Buchstabierfrage an ihn: „Wie der Dichter?“ – Antwort: „Welcher Dichter?“), der aus Frankfurt an die Elbe gekommen ist. Sein neuer Chef ist entsetzt. Der (faule) „Kiezfrieden“ hat lange gehalten, doch jetzt wird die Unterwelt sicherlich furchtbare Rache nehmen.

Stets zum Schlagabtausch bereit: Nick Tschiller (Til Schweiger) im "Tatort" aus Hamburg. (Foto: NDR/Marion von der Mehden)

Stets zum Schlagabtausch bereit: Nick Tschiller (Til Schweiger) im „Tatort“ aus Hamburg. (Foto: NDR/Marion von der Mehden)

Tschiller, selbst Vater einer 15jährigen Tochter, ist doppelt und dreifach alarmiert, als er die minderjährigen Opfer des Clans sieht. Ihn beherrscht vor allem ein Impuls: „Ich hol‘ euch da ‚raus!“ Er hofft, dass die blutjunge Prostituierte Tereza (vielleicht auch erst 15 oder 16 Jahre alt) als Zeugin dienen kann und bringt sie in der Wohnung seines Kollegen Gümer (hellwach: Fahri Yardim) unter.

Auch Rambo braucht einen Hacker

Dieser muntere, so gar nicht wortfaule Gümer hackt – obwohl verletzt im Krankenhaus liegend – im Verlauf der Geschichte alle denkbaren Handy- und Computerverbindungen. Ohne ihn wäre Tschiller aufgeschmissen. Auch ein solcher Rambo braucht einen im Hintergrund, der gelegentlich kurz und knackig nachdenkt, ein technisch beschlagenes Superhirn, fast schon an der Grenze zur Karikatur. Dass der Online-Freak seine Wohnung mit Kameras ausgestattet hat, über die man alles, aber auch wirklich alles böse Geschehen verfolgen kann, versteht sich beinahe von selbst.

Über weite Strecken gerät der Film zum Duell mit Tschillers Ex-Kollegen vom LKA Frankfurt, Max Brenner (Mark Waschke), der die Seiten gewechselt hat und nun der zynischste Gangster von allen ist. Ganz klar, dass Tschiller nicht aus dem Hinterhalt kommt, sondern mit offenem Visier kämpft. Geradeaus und aufrecht, so wird uns dieser Typ verkauft.

Wahrlich keine Charakterstudie

Til Schweiger muss hier wahrlich keine Charakterstudie abliefern, sondern kommt mit sehr einfach gestrickten Sätzen und vor allem Taten aus. Phasenweise erinnern Fülle und Härte der wüsten Action-Szenen an US-amerikanische Polizeifilme oder an Nachahmer-Produkte deutscher Privatsender. Die Amis können das in aller Regel besser.

Im Umfeld der insgesamt ziemlich unübersichtlich gewordenen „Tatort“-Reihe wirkt diese Art des atemlosen Erzählens jedenfalls ziemlich fremd. Dreimal darf man raten, warum der „Tatort“ ein deutscher Exportschlager ist; bestimmt nicht in erster Linie wegen der Schießereien. Wir hatten schon etliche behäbige, gediegene, humorige oder melancholische Ermittler-Teams in vielen möglichen Mischformen, doch so einen Haudrauf hat es seit Schimanski nicht mehr gegeben, wobei der von Götz George gespielte Ruhrgebiets-„Bulle“ ein Sonderfall von ganz anderem Zuschnitt war.

Gewiss: In der Auftaktfolge (bezeichnend doppelsinniger Titel „Willkommen in Hamburg“) gab es ein paar Ansätze, um Schweigers Rolle ein wenig zu ironisieren. Doch das bisschen Augenzwinkern ging letztlich im Kugelhagel und Geschützfeuer unter.

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Die wunderbare Pressevielfalt nach Art des Christian Nienhaus

Hier kommt ein Beitrag aus Reihe „Was wir immer schon mal wissen wollten, aber bislang nie zu fragen wagten“: Was versteht Christian Nienhaus, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, eigentlich unter Pressevielfalt?

Was bisher geschah: Die WAZ-Gruppe hat zum 1. Februar 2013 Redaktion und freie Mitarbeiter der Westfälischen Rundschau (WR) in die Wüste geschickt. Der Titel erscheint jedoch mit fremden Inhalten weiter (Mantelteil von der WAZ, einige Lokalteile von verschiedenen Konkurrenten wie den Ruhr-Nachrichten). Die ohne eigene Redaktion operierende WR gilt zahlreichen Kritikern seither als seelenlose Zombie-Zeitung.

Jetzt veranstaltete der Hörfunksender WDR 5 im Dortmunder Harenberg Center ein „Stadtgespräch“ zum leidigen Thema (Moderation auf dem Podium: Judith Schulte-Loh, Ausstrahlung am Donnerstag, 7. März, 20:05 Uhr). Zwei Bemerkungen zwecks erhöhter Transparenz: Aus Zeitmangel war ich nicht am Ort des Geschehens, habe mir aber den Live-Stream im Internet (dankenswerter WDR-Service, jetzt als Videoaufzeichnung greifbar) angesehen. Das Bild zu diesem Text habe ich dabei vom Computerbildschirm abfotografiert.

Christian Nienhaus, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, beim WDR-Stadtgesprräch (Screenshot vom Livestream des WDR)

Christian Nienhaus, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, beim WDR-Stadtgespräch (Screenshot vom Livestream des WDR)

Zur Sache!

Viele hatten sich vor allem gefragt, was wohl der Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, Christian Nienhaus, zu Protokoll geben würde. Voilà:

Nienhaus befand, ihm gefalle die jetzige „Rundschau“ – so wörtlich – „auch ganz ordentlich“. Was findet er zum Beispiel gut? Launige Replik: „Mir gefällt ‚Günna’, den hatten wir vorher nich’…“ Das müssen wir kurz erläutern: Der Dortmunder Komiker Bruno Knust schreibt seit vielen Jahren als „Günna“ die lokale Samstags-Kolumne der Dortmunder Ruhr-Nachrichten (RN). Da die Rundschau in Dortmund jetzt von den RN lokal befüllt wird, steht eben auch der Scherzbold mit drin. Welch ein Zugewinn nach der Entlassung von 120 Redaktionsmitgliedern und über 150 freien Mitarbeitern!

27 Zeilen sollen den Unterschied machen

Allen Ernstes wollte Nienhaus es als Zeichen fortbestehender Vielfalt verstanden wissen, dass der verbliebene WR-Chefredakteur Malte Hinz von Fall zu Fall Kommentare (gestern und heute gerade mal je 27 Zeilen – Anm. des Autors) extra für die Rundschau verfasst.

Noch ein weiteres Signal für Vielfalt sieht Nienhaus: Es gebe doch im Internet ziemlich viele Blogs. Na, dann ist ja mit der Medienlanschaft alles in bester Ordnung, oder?

Nienhaus mokierte sich über die Zeiten des früheren „WAZ-Modells“ (WAZ, WR, WP und NRZ als unabhängige Zeitungen unter einem Dach). Da hätten vier Redakteure beim Fußballspiel gesessen – und jeder habe geschrieben „Flanke – Kopfball – Tor“. Außerdem habe jeweils noch einer die Hintergründe geschildert. Ach, so war das also. Demnach haben im Feuilleton wahrscheinlich auch vier Leute parallel geschrieben: „Dann sagte der Hamlet-Darsteller: ‚Sein oder Nichtsein…’“ Und ein Quartett von Politik-Kollegen hat gewiss die jüngste Merkel-Rede fast wortgleich gepriesen. Nun gut. Lassen wir die Polemik.

Wenn Tendenzschutz fragwürdig wird

Nienhaus machte ausschließlich wirtschaftliche Gründe für die Entscheidung geltend, die Rundschau-Redaktion zu entlassen. NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider, der Medienwissenschaftler Prof. Ulrich Pätzold (über die neue WR: „Mogelpackung“, „Falschmünzerei“, „Das ist keine Zeitung mehr“) und die vormalige WR-Leserbeirätin Inés Maria Jiménez versuchten hingegen immer wieder, Nienhaus an seine publizistische Verantwortung zu erinnern.

Schneider betonte, Zeitungen seien keine eben beliebige Handelsware wie Zitronen. Man könne verlangen, dass ein Verlustbringer im ansonsten gesunden Konzern auch schon mal quersubventioniert werde. Pätzold fragte, warum eine leere Hülse wie die jetzige Rundschau überhaupt noch das Verlegerprivileg des „Tendenzschutzes“ genieße. Für welche schützenswerte Tendenz stehe dieses Produkt nun eigentlich noch?

Auch aus dem Saalpublikum kamen zwischendurch einige unbequeme Fragen von Lesern und (zum Teil betroffenen) Journalisten.

„Diskretion“ in eigener Sache

Das alles ließ Nienhaus an sich abperlen und ging hin und wieder zum Angriff auf anderen Feldern über. Vor allem haderte er mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Suchmaschinen wie Google, die die Geschäftskreise der Zeitungen empfindlich störten. Dass die Medien „seines“ Hauses weder auf das WDR-Stadtgespräch hingewiesen haben noch darüber berichten werden, findet er ganz normal, denn bei Berichten in eigener Sache erlege man sich aus guten Gründen seit jeher Zurückhaltung auf. Fragt sich in diesem Falle nur noch, aus welchen zusätzlichen guten Gründen.

Übrigens: An unscheinbarer Stelle gab Nienhaus auch eine Art Versprechen, zumindest für die nähere Zukunft. In einem Nebensatz sagte er, dass Westfalenpost (WP) und Neue Ruhr/Rhein Zeitung (NRZ) nunmehr ungefährdet seien. Sein Wort in wessen Ohr auch immer.




Ein langer Fußballabend mit Bayern, dem BVB und ganz viel Gerede

So ein langer Fußballabend ist schon ganz schön anstrengend. Beispielsweise mit dem „Spiel der Spiele“ im DFB-Pokal: Bayern München gegen Borussia Dortmund. Um 20.15 Uhr geht’s los, um 23 Uhr ist immer noch nicht Schluss, da folgt – zum Leidwesen vieler Frauen – noch der „Sportschau-Club“. Welch ein unaufhörliches Gerede!

Mal ganz offen gesagt: Sonst erspare ich mir die Vor- und Nachbereitung und schaue mir nur die puren 90 oder auch 120 Minuten Spielzeit an. Mehr brauche ich nicht. Jetzt aber habe ich mir mal wieder die ganze Dröhnung gegeben. Puh!

Zuspitzung auf Teufel komm ‚raus

Vor dem Anpfiff wird dramatisiert und zugespitzt, dass es nur so seine Art hat. Essenz: Der Stachel der vielen Niederlagen gegen Dortmund sitzt bei den Bayern tief, sie wollen Revanche, es gehe ums Prestige, es sei eine Frage der Ehre. Nebenher kommen dann auch solche Sätze zustande: „Die Fußballwelt schaut zu – Emotionen garantiert“. Und das vorläufige Fazit vor dem Spiel? Offenbar wollen beide Mannschaften gewinnen. Wer hätte das gedacht?

ARD-Experte Mehmet Scholl (Archivbild von 2010 - © WDR/Herby Sachs)

ARD-Experte Mehmet Scholl (Archivbild von 2010 – © WDR/Herby Sachs)

Immerhin gibt es schlechtere Fußball-Duos als Gerhard Delling und Mehmet Scholl, der zuweilen erfrischend ehrlich urteilt. Seine Sympathien für den FC Bayern kann er freilich nicht ganz verbergen. Warum auch? Es wäre nur verkrampft. Apropos: Ich lebe seit Jahrzehnten in Dortmund. Zu wem habe ich wohl gehalten? Richtig. Aber ich gebe zu: Diesmal hat Bayern verdient gewonnen. Doch wartet nur ab…

Wie Steffen Simon dem Spielverlauf folgt

Es gibt auch Kommentatoren, die erheblich mehr nerven als Steffen Simon. Doch seine Bewertungen sind furchtbar opportunistisch, sie richten sich ganz nach dem jeweiligen Spielverlauf und schwanken in der Tendenz wie ein Schilfrohr im Winde. Worte wie „Mentalitätsbestie“ rutschen ihm auch mal heraus. Der Mann hat offenbar eine Heidenangst, dass er mal falsch liegen könnte. Aber nicht doch! Er passt sich jeder Wendung sofort an.

Zwischendurch und nachher werden – wie üblich – alle möglichen Leute befragt: BVB-Trainer Jürgen Klopp (leicht vergrätzt), Bayern-Coach Jupp Heynckes mit verhaltenem Triumph über einen – so wörtlich – „Gegner, der sich wehrt“, sodann die Herren Schweinsteiger und Weidenfeller, Bundestrainer Jogi Löw und und und. Die absurdeste Frage des Abends geht an Bayern-Verteidiger Philipp Lahm: „Habt ihr das so gewollt?“ Tja. Kann schon sein. Wahrscheinlich wollten sie ja wirklich überlegen sein.

Der Jux zum guten Schluss

Es ist der Selbstzweck eines solchen Abends, das Gespräch (oder auch Geschwätz) möglichst lange in Gang zu halten. Im abschließenden „Sportschau-Club“ (Gäste beim sympathischen Moderator Alexander Bommes: André Schürrle, Lewis Holtby) wird dann fast nur noch gejuxt, es geht jedenfalls betont entspannt zu. Schließlich muss auch der hartgesottene Fußballfan vor dem Schlafengehen ‚runterkommen.

Mit Arnd Zeigler hat man dabei jetzt einen ausgesprochen originellen und intelligenten Fußball-Interpreten an Bord. Da ist man doppelt froh, dass der elend gemütliche Waldemar Hartmann bei solchen Gelegenheiten nicht mehr dabei ist…

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Vom Varieté bis zur Vorhölle: Die Comics und Trickfilme des Winsor McCay in Dortmund

Wer hätte das gedacht: Da präsentiert Dortmund die bislang wohl weltweit umfangreichste Retrospektive zum Werk von Winsor McCay.

Winsor Who? – McCay! Der US-Amerikaner, der von 1869 bis 1934 gelebt hat, gilt als eigentlicher Erfinder des Zeichentrickfilms, dessen frühe Standards er lange vor Walt Disney gesetzt hat. So geht die zeitsparende Folientechnik für Bildhintergründe auf ihn zurück. Überdies war er einer der genialen Pioniere des Comics.

Das Tor zum Schlummerland - Detail aus Winsor McCays "Little Nemo in Slumberland", 1906 (Bild: Katalog)

Das Tor zum Schlummerland – Detail aus Winsor McCays „Little Nemo in Slumberland“, 1906 (Bild: Katalog)

Diese besonders in Deutschland (NS-Zeit, Schundkampagne der 50er Jahre) lange unterdrückte bzw. gering geschätzte Kunstform entschied seinerzeit in den USA über Wohl und Wehe der Zeitungen. Nur wer die besten Comic-Zeichner hatte, konnte die Auflage nachhaltig steigern. Nachrichten aus Politik, Sport und Kultur waren demgegenüber fast zweitrangig. Die hatte ja, salopp gesagt, jeder. Der „New York Herald“ und später zahlreiche andere Blätter aber hatten Winsor McCay.

Die berühmtesten Serien McCays hießen „Dream oft the Rarebit Fiend“ (etwa: „Traum eines Käsetoast-Liebhabers“, ab 1904) und vor allem „Little Nemo in Slumberland“ („Der kleine Nemo im Schlummerland“, ab 1905). Vorbild dieser Kinderfigur war McCays Sohn Robert, der an Schlafstörungen litt und oft wüstes Zeug träumte. Während die irrwitzigen Käse-Episoden für ein erwachsenes Publikum gedacht waren, richtete sich Nemo in farbig gedruckten Wochenendbeilagen an ganze Familien und kam deshalb etwas entschärft daher.

Alptraumszene aus "Little Nemo in Slumberland", 1909 (Bild: Katalog)

Alptraumszene aus „Little Nemo in Slumberland“, 1909 (Bild: Katalog)

Das Kerngeschehen beider Langzeitserien, die sich über Hunderte von Folgen erstreckten, wird von phantastischen Träumen und Alpträumen bestimmt, die freilich stets unterhaltsam ausfabuliert werden. Tatsächlich findet McCay dabei zu einer fulminanten Bildsprache, die Elemente des Surrealismus vorwegnimmt und manche Fährte der Freudschen Traumdeutung kongenial vor Augen führt.

Derart tief und manchmal verstörend ist McCay ins irrlichternde, flackernde Traumreich vorgedrungen, dass es im Grunde kaum verwundert, wer sein Werk in den späten 1960er Jahren der Vergessenheit entrissen hat. Es waren Underground-Zeichner wie Robert Crumb, die in ihm gleichsam einen Vorläufer ihrer wilden und windungsreichen Trips gesehen haben. Die Ausstellung dokumentiert auch Ausläufer solcher Nachwirkungen.

Im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) sind nun annähernd 200 Exponate aus allen Schaffensphasen zu sehen – zumeist ursprüngliche Entwürfe oder originale Zeitungsseiten, für die auf dem Sammlermarkt zuweilen zigtausend Dollar bezahlt werden. Schräg gegenüber im Foyer des RWE-Towers ergänzen einige zusätzliche Filme die Schau, die den Abschluss einer stark beachteten Tournee (u.a. Hannovers Wilhelm Busch Museum und Basels Cartoonmuseum) bildet – mit deutlich mehr Ausstellungsstücken als an den vorherigen Stationen.

Bildfolge aus "Dream of the Rarebit Fiend", 1913: Der Mann sagt, die Frau sei ihm ein Rätsel ("puzzle") - und schon löst sie sich in lauter Puzzleteile auf. (Bild: Katalog)

Bildfolge aus „Dream of the Rarebit Fiend“, 1913: Der Mann sagt, die Frau sei ihm ein Rätsel („puzzle“) – und schon löst sie sich in lauter Puzzleteile auf. (Bild: Katalog)

Der wahrhaft kundige Kurator der Schau, der gebürtige Dortmunder Alexander Braun, der notfalls stundenlang inspiriert und inspirierend über McCay sprechen kann, ist froh, dass just ein honoriges kulturgeschichtliches Museum den Schlusspunkt setzt, denn die anderen Stätten der Rundreise sind auf humorige Darstellungsformen spezialisiert. Hier aber erfahren die Comics nun die Nobilitierung, die solchen Künstlern und ihren Hervorbringungen gebührt. Heute nennen die Feuilletons bessere Comics ja auch ganz vornehm „Graphic Novels“.

Gewiss: Die Ursprünge McCays lagen im Varieté, im Vaudeville und in damals grassierenden Freak Shows. Mit seinen Filmen und sonstigen Vorführungen (z. B. als Schnellzeichner) hat der Workaholic, der bei Tag und Nacht in Schöpferlaune war, auch Jahrmarkts-Gelüste bedient, wie denn überhaupt das Kino anfangs eine Art Kirmesvergnügen gewesen ist und keine sonderlichen Hochkultur-Ambitionen gehabt hat.

Doch sowohl seine Filme als auch die Comics überwinden sehr rasch, ja quasi von Anfang an das starre Schema anderer Zeichner. Man sieht es schon am stets dynamisch wechselnden Zuschnitt der Bildformate, die – im Dienste der jeweiligen Geschichte – bis ins Extreme gehen können. Da werden beispielsweise ganze Bildfolgen mittels Zerrspiegel-Ästhetik in groteske Längenmaße gedehnt, andere verwirren durch endlose Treppenlabyrinthe. Und was der tausend Ideen mehr sind.

Zeichnung zum Trickfilm "Gertie, der Dinosaurier", 1914 (Bild: Katalog)

Zeichnung zum Trickfilm „Gertie, der Dinosaurier“, 1914 (Bild: Katalog)

Virtuos jongliert McCay mit den Zeichen- und Druck-Techniken des noch neuen Mediums, spannt weite, geradezu literarische Erzählbögen über viele Folgen hinweg und begibt sich alsbald immer mal wieder auf hintersinnige Meta-Ebenen, indem er etwa Dialoge mit seinen eigenen Figuren führt, die sich über schlampige Ausführung beschweren oder gleich in Tuscheflecken ertränkt werden. Höchst subtil sind Linienführung und Farbgebung, die durchaus an die Größen des Jugendstils heranreichen.

Und welche Visionen hatte dieser Selfmademan, der es übrigens zu einigem Wohlstand brachte! Zum US-Feiertag Thanksgiving denkt er sich einen Riesen-Truthahn aus, der ganze Häuser vertilgt – lange vor solchen Kinomonstern wie King Kong oder Godzilla. Seine immense Vorstellungskraft stellt er gelegentlich auch in den Dienst politischer Propaganda, so mit einem famosen Trickfilm über den Untergang der „Lusitania“ am 7. Mai 1915, die von einem deutschen U-Boot vor der irischen Küste versenkt worden war.

Fotografie von Winsor McCay, 1906 (Bild: Katalog)

Fotografie von Winsor McCay, 1906 (Bild: Katalog)

Dieser schreckliche Vorfall bewog die öffentliche Meinung in den USA, im Ersten Weltkrieg gegen Deutschland Stellung zu beziehen. Die Kriegserklärung folgte allerdings erst rund zwei Jahre später. Fürs Zeitungs-Imperium des Verleger-Tycoons Randolph Hearst, der ebenfalls in diesem Sinne gegen Deutschland agitierte, illustrierte McCay in jenen Jahren zahlreiche Leitartikel.

McCays Lusitania-Film nimmt Sequenzen vorweg, wie sie später die großen Katastrophenfilme geprägt haben. Und man traut seinen Augen nicht, wenn die Menschen (sich) en masse vom Schiff stürzen. Hat da einer etwa schon Schrecknisse wie die des 11. September 2001 vorausgesehen? Sagen wir so: Wie viele andere Künstler, so hatte auch McCay einen geheimen Zugang zur Vorhölle, er war in der Lage, überzeitliche Formen des Urbösen zu imaginieren.

Zweierlei sollte man als Besucher jedenfalls mitbringen: Erstens viel Zeit, um sich auf die Bildfolgen einzulassen. Zweitens einigermaßen belastbare Englisch-Kenntnisse, sonst hat man von all dem leider ziemlich wenig.

Winsor McCay – Comics, Filme, Träume. 23. Februar bis zum 9. Juni 2013. Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund (Hansastraße 3). Eintritt 6 Euro, ermäßigt 3 Euro. Katalog 49 Euro. Geöffnet Di, Mi, Fr, So 10-17, Do 10-20, Sa 12-17 Uhr. Mo geschlossen. Infos über Führungen 0231/50-26028. Internet: www.museendortmund.de
Ergänzende Filmschau im RWE-Tower, Freistuhl 7. Vom 25. Februar bis zum 12. April 2013, werktags 9-18 Uhr (von außen durchs Schaufenster 24 Stunden lang zu sehen), Eintritt frei.




Zutaten der Erinnerung – Klaus Modicks Roman „Klack“ zoomt die frühen 1960er heran

„Au Backe!“ – „Zieh Leine!“ – Das sagt doch heute kein Mensch mehr. Richtig. Klaus Modicks Roman „Klack“ führt uns zurück in die Jahre 1961 und 1962, also geradewegs in die Zeit zwischen Erstarrung und keimender Aufbruchshoffnung, zwischen Adenauer und Beatles.

Das Titel gebende „Klack“-Geräusch kommt von einer billigen Agfa-Clack-Kamera, die der Ich-Erzähler namens Markus damals auf der Kirmes gewonnen und mit der er fortan Szenen und Vorfälle aus seinem damaligen Alltag festgehalten hat – eigentlich nach bloßem Zufallsprinzip und gleichsam aus der Hüfte geschossen, aber dennoch, über die Jahrzehnte hinweg, selbst im Misslingen vielsagend.

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Markus steckt in der tragikomischen Klemme zwischen Kindheit und Pubertät, er wächst in einer norddeutschen Provinzfamilie auf. Die Oma hält strikt auf Anstand und Sitte, schon Grass’ „Blechtrommel“ gilt ihr als scheußliche Pornographie. Der Vater (Apotheker) faselt unentwegt vom staunenswert zähen „Iwan“, will aber ansonsten vom Krieg nichts Genaues mehr wissen. Die Mutter fügt sich in die Hausfrauenrolle. Die ältere Schwester Hanna macht offenbar heimlich ihre ersten erotischen Erfahrungen; erst recht, als ein französischer Untermieter in die Dachkammer einzieht.

Im Grunde geht’s ihnen ja schon wieder gold. Nicht nur deswegen fühlt man sich hin und wieder im Duktus an Walter Kempowski erinnert. Auch mögen germanistische Seminare sich künftig am Vergleich mit Gerhard Henschels ähnlich gestrickten Büchern („Kindheitsroman“, „Jugendroman“) abarbeiten. Hier wie dort darf man sich an Generationsgenossenschaft wohlig wärmen, wohldosierte Zeitkritik aus sicherer Entfernung inbegriffen.

Die eigentliche, recht übersichtliche Handlung kommt in Gang und Markus’ Seele in Wallung, als nebenan, ins Haus, das ohnehin als „Schandfleck“ gilt, Italiener einziehen. Sie wurden seinerzeit in der bräsigen Wohlstandsrepublik Deutschland weithin als Schwächlinge des Zweiten Weltkriegs und „Spaghettifresser“ verunglimpft. Es ist lang her, doch vielleicht gar nicht so weit weg.

In diesem Falle gibt es noch mehr Empörungsstoff: Der italienische Vater, der (was sonst?) eine Eisdiele eröffnen will, ist Kommunist und spielt Gitarre, die halbwüchsige Tochter Clarissa hängt ihren roten (!) Schlüpfer sichtbar an die Wäscheleine. Unerhört, findet Markus’ Großmutter und lässt – ausgerechnet in jener Zeit des Berliner Mauerbaus – eine hohe Trennwand zwischen beiden Grundstücken hochziehen.

Markus selbst hingegen verguckt sich bebend in die süße Clarissa. Überhaupt sagen ihm jetzt italienische Lebensart und Sangeslust in höchstem Maße zu. Doch dieses Neigung, so glaubt er, muss er in seinem Herzen verschließen.

Womit denn noch ein paar Klischees angeklungen wären.

Was noch passiert, ist insgesamt nicht allzu überraschend. Man fühlt sich zwar ganz leidlich unterhalten, aber niemals sonderlich gefordert, auch nicht durch die eingestreuten Reflexions-Partikel über den Wirklichkeitsgehalt der Fotografie und die trügerische Erinnerung.

Doch halt! Am Ende besteht der Witz der munteren Erzählung wohl gerade darin, dass so gut wie nichts geschehen ist.

Wie zum Ausgleich trägt der Oldenburger Klaus Modick (Jahrgang 1951), ein angenehm bodenständiger und „geerdeter“ Autor, in seiner Geschichte das Zeitkolorit geradezu pastos auf. Er wird nicht müde, Moden, Musiktitel, Konsumgewohnheiten oder Redensarten jener Jahre anzuhäufen, als müsse er den Zeitrahmen der Handlung eigens immer wieder beglaubigen. Zur Not steht hier immer ein Kofferradio bereit, aus dem der passende Schlager plärrt. Im Extremfall hören sich Modicks Sätze schon mal so überaus umständlich an: „Hanna, schnieke rausgeputzt mit schwarzem Dralonrolli, dreiviertellanger, eng anliegender, am Saum geschlitzter schwarzer Caprihose, schwarzen Pumps und schwarzem Popelinemantel, eilte zur Tür.“ Im Neckermann-Katalog standen wahrscheinlich auch nicht mehr Details.

Die nachrichtlichen Großereignisse kommen gleichfalls vor, sofern ihre Folgen bis in den Alltag reichen: Mauerbau im August 1961, Sturmflut im Februar 1962, Kubakrise im Oktober 1962. Und unter allem schwelt im Kalten Krieg insgeheim die Angst vor der atomaren Vernichtung des ganzen Planeten… Wie klein und nichtig war dagegen der ganze Kram, über den man sich sonst so aufgeregt hat.

Klaus Modick: „Klack“. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 223 Seiten, 17,99 Euro.




„Unser Song für Malmö“: Allerwelts-Pop mit Geschwafel

Warum habe ich mir das angetan? Was den Eurovision Song Contest anbelangt, bin ich auf dem Stand der Zeiten von Ralph Siegel. All das Gemöhre um Lena Meyer-Landrut und Stefan Raab habe ich nur aus großer Distanz verfolgt. Und nun plötzlich das: „Unser Song für Malmö“ (ARD), die deutsche Vorentscheidung für Europas angeblich bestes Stück Popmusik.

Ich wollte halt mal wieder sehen, wie das jetzt so läuft. Man soll sich ja nicht ganz von der Gegenwart abkoppeln. Also frisch hinein!

Siegerin beim deutschen Vorentscheid: Sängerin Natalie Horler von "Cascada" (Foto: NDR/Willi Weber)

Siegerin beim deutschen Vorentscheid: Sängerin Natalie Horler von „Cascada“ (Foto: NDR/Willi Weber)

Mit Moderatorin Anke Engelke, die das „Event“ in Hannover immerhin einigermaßen erträglich und mit ein paar humorigen Einsprengseln wie nach Drehbuch präsentierte, bin ich mir einig: Man würde das Ganze lieber weiter Schlager-Grandprix nennen – wie in der vielleicht tatsächlich besseren alten Zeit. Aber was soll’s? Auch dieses Rad lässt sich nicht mehr zurück drehen.

Angebliche Vielfalt

Zwar wurde immer wieder wortreich behauptet, wie vielfältig die Musikrichtungen heute vertreten seien, doch hat sich hier auf breiter Front ein meist wenig origineller Allerwelts-Pop durchgesetzt, der sich höchstens noch in Styling-Details unterscheidet. Wäre man überdies schlecht gelaunt, so würde man vielfach ein immergleiches Gedudel und Gehampel diagnostizieren. Und man würde argwöhnen, dass 80 Prozent der Veranstaltung aus Getue, oberflächlicher Mache und technischer Zurüstung bestehen. Ist es da nicht herzlich egal, wer den Wettbewerb gewinnt?

Will man aber gerecht sein, so muss man feststellen, dass hier fast durch die Bank Profis und keine Dilettanten am Werk sind. Die Anzahl der gut geschulten Stimmen und der passablen Instrumentalisten ist insgesamt recht beachtlich. Ob sie alle ihr Talent ausschöpfen, ist eine ganz andere Frage.

Bayern waren zu originell

Auch habe ich hin und wieder doch ein wenig aufgehorcht. Beispielsweise bei Betty Dittrich, der gebürtigen Schwedin aus Malmö. Es wäre doch hübsch gewesen, wenn sie Deutschland ausgerechnet in Malmö vertreten hätte – noch dazu mit „Lalala“, einem unbedarften, aber sympathischen Liedchen im Retro-Stil, als wären wir wieder in den Zeiten von Siw Malmkvist gelandet. Einen sehr speziellen Klang brachte LaBrassBanda hervor, jene Formation aus dem Chiemgau, die bayerische Blasmusik mit Ska, Mariachi und anderen traditionellen oder modernen Stilelementen mixt. Aber ihr Lied „Nackert“ war in diesem Umfeld wohl schon etwas zu originell.

Die Radiohörer von neun flotten ARD-Stationen fanden das bajuwarische Element zwar prima, doch das reichte nicht. Die Experten-Jury und das Votum der TV-Zuschauer hievten schließlich den Madonna-Verschnitt „Cascada“ (Sängerin Natalie Horler) mit dem Song „Glorious“ auf Platz eins. Nun denn. Viel Glück in Malmö am 18. Mai. Aber ich glaube nicht, dass sie dort Bäume ausreißen werden.

In die Länge gestreckt

Die Sendung wirkte arg in die Länge gestreckt. Zur Einstimmung und später erneut musste – natürlich – Lena Meyer-Landrut ran, die in Hannover ein Heimspiel hatte. Jeder der 12 Konkurrenten durfte sich zunächst in einem Image-Video vorstellen, bevor die Songs vorgetragen wurden. Über die Videos wollen wir lieber nicht allzu viele Worte verlieren. Wie sehr da mit Geschwafel Authentizität und Ehrlichkeit beschworen wurden, das ging auf keine Kuhhaut – und deutete zuweilen eher aufs Gegenteil hin. Ansonsten tobten sich mal wieder die ach so coolen Designer kostspielig aus, ob bei schrillen Klamotten oder mit gewittrigen Beleuchtungseffekten. Der Effekt ist alles. Am Ende taten einem die Augen weh. Und die Ohren? Ach, lassen wir das.

Lassen wir uns übrigens die Titelfolge beim deutschen Vorentscheid mal auf der Zunge zergehen: „Change“, „Little Sister“, „Heart on the Line“, „The Righteous Ones“, „Craving“, „Elevated“, „One Love“ und eben „Glorious“. Noch Fragen? Any questions?

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Diese TV-Kritik ist zuerst hier erschienen: www.seniorbook.de




Als der Beat auch ins Ruhrgebiet kam

Ach ja, diese geschenktauglichen Generationenbücher! Da fühlt man sich beim Lesen und Betrachten so heimelig aufgehoben.

Man hört von Menschen, die mit dem selben Zeitaroma aufgewachsen sind und weitgehend ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie man selbst. Widersprüche gibt’s im Leben sonst genug, hier aber erhält man rundum Bestätigung.

Nicht nur oberflächlich lassen sich solche Gemeinsamkeiten ungefähr seit Mitte der 50er Jahre vor allem an populärkulturellen Phänomenen ablesen: Man huldigt den gleichen Moden, Musikvorlieben, Kultmarken, Reklamesprüchen, lässigen Redensarten oder auch Fernsehfiguren.

Derlei Bücher heißen dann gern mal so: „Mini, Beat und Texashosen“. Unschwer zu erkennen, dass es sich um die 1960er Jahre dreht. Der Titel klingt liebenswert, kurios und beinahe schon putzig; Grundtenor ist der Seufzer all jener, die ein wenig in die Jahre gekommen sind: „Ach, weißt du noch…“ Und: „War es nicht schön, obwohl alles viel bescheidener zuging als heute?“

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Noch näher fühlt sich das alles an, wenn der regionale Aspekt hinzukommt. Also hatte die WAZ ihre Ruhrgebiets-Leserschaft aufgerufen, sich an die 60er im Revier zu erinnern. Dortmund kommt allerdings nur am Rande vor, denn die Stadt hat ja nie zum Kernland der WAZ gehört.

Entstanden ist eine streckenweise interessante und aufschlussreiche Materialsammlung in Text und Bildern, ein Heimatbuch mit vielen kleinen Impressionen und manchen funkelnden Facetten. Auf tiefere Sondierungen oder analytische Ansätze muss man hingegen verzichten.

Die rund 80 Erinnerungs-Texte ergeben – auf wechselndem Reflexionsniveau – dennoch ein Mosaik der Zeit. Gerade die privaten Fotos aus Partykellern, von Beatkonzerten, Spielstraßen oder Autoausflügen bersten zuweilen geradezu vor jener neuen Zeitstimmung, die sich allmählich neben die traditionell geprägten Lebensbereiche schob und auch das Proletarische weit hinter sich lassen wollte.

Solch ein Buch ist im Grunde relativ rasch beisammen. Lesertexte auswählen, ordnen, redigieren, illustrieren, Vorwort und Chronik hinzufügen – fertig ist die Laube. Wie günstig zudem, dass der Klartext Verlag zum WAZ-Imperium gehört. Da bleibt gleich alles in der Familie.

Den bei weitem größten Raum nimmt das Anfangskapitel über Musik ein. Etliche Geschichten ranken sich um drei zentrale Daten: Auftritt der Rolling Stones in der Essener Grugahalle (12.9.1965), Gastspiel der Beatles am selben Ort (25.6.1966) und Internationale Essener Songtage (25. bis 29.9.1968) mit Dutzenden Programmpunkten von Degenhardt bis Fugs, von Amon Düül bis Frank Zappa. Übrigens: Nach einigen Vorgruppen haben die Stones, wie sich ein Leser erinnert, im September 1965 angeblich nur 18 Minuten (!) gespielt, und zwar ziemlich miserabel.

Es ist heute kaum noch vorstellbar, auf welche teils absurden gesellschaftlichen Widerstände die anfangs so genannte „Beatmusik“ damals traf. Manche Ko-Autoren des Bandes vergolden freilich in der Rückschau selbst diese misslichen Verhältnisse. Zitat: „Aber die tolle Rolling-Stones-Musik war für die Eltern einfach nur ‚Negermusik’. Die 60er waren eine Superzeit!“ Der Übergang hört sich arg abrupt an.

Die weiteren, nicht immer trennscharf abgegrenzten Kapitel heißen Mode, Moral, Alltag und Auf Achse. Man spürt an vielen Stellen, dass das Ruhrgebiet damals (vor Gründung der ersten Hochschulen) zwar noch einigermaßen prosperierte, aber doch in manchen Belangen sehr provinziell gewesen ist. Fotos von Studentendemos stammen denn auch aus Berlin, Frankfurt und Hamburg, nur ein Ostermarschbild kommt aus Essen. Manche Essenzen des Zeitgeistes kamen im Revier nur sehr verdünnt und verspätet an. Man kann sehr gut nachempfinden, dass damals etwa unter Jugendlichen in Kamp-Lintfort besonders große Sehnsucht nach London aufkommen musste. Gerade solche ungeheuren Diskrepanzen machen einen Reiz dieses Buches aus.

„Mini, Beat und Texashosen“. Erinnerungen an die 60er Jahre im Ruhrgebiet. Hrsg.: Rolf Potthoff, Achim Nöllenheidt. Klatext Verlag, Essen, 176 Seiten, 13,95 Euro.




Ist das noch die Rundschau? Ein erster Blick ins neue Mischprodukt…

Sie haben es getan. Sie haben es tatsächlich getan. Nach wie vor prangt oben rechts auf der Titelseite der Frakturschriftzug „GeneralAnzeiger – Zeitung für Dortmund“.

Vor mir liegt die erste Dortmunder Ausgabe der nur noch so genannten „Westfälischen Rundschau“ (WR), die ohne eigene Redaktion entstanden ist. Diesen Klon aus WAZ (Mantelteil) und Ruhr-Nachrichten (Lokalteil) mit der historischen Bezeichnung „GeneralAnzeiger“ zu schmücken, der eben nur speziell auf die bisherige WR bezogen werden kann, das ist dreiste Geschichtsklitterung.

Der traditionelle Schriftzug ziert immer noch die Titelseite...

Der traditionelle Schriftzug ziert immer noch die Titelseite…

Aber schauen wir uns die bislang beispiellose Blattmixtur einmal etwas näher an. Hierbei geht es nicht um die journalistische Qualität einzelner Artikel, sondern eher um die generelle Anmutung des Produkts.

Offenbar gab es die diskrete Anweisung, in dieser ersten Zombie-Ausgabe Dortmunder Themen auch im Mantelteil in den Vordergrund zu stellen, um die Leser(innen) in dieser Stadt vorerst zu beruhigen. Sport-Aufmacher ist ein großflächiges Interview mit BVB-Geschäftsführer Watzke, dessen Verein sich noch immer nicht zum Dortmunder Zeitungsschwund geäußert hat. Für die Regionalseite (Seite 3) ist Andreas Böhme (früher WR, jetzt WAZ-Reporter) nach Dortmund gefahren, um einen Mordprozess zu beobachten.

Mal sehen, wie die Stadt künftig im überregionalen Teil vorkommt. Prognose: Die Schwerpunkte im Mantel werden sich tendenziell weiter in die Mitte und den Westen des Ruhrgebiets verlagern, also in die Kernlande der WAZ und somit ganz weit weg von der südwestfälischen Leserschaft.

Geradezu grotesk wird es heute auf der Seite „Hören & Sehen“ (Medien). Da feiert David Schraven, Chef des WAZ-Recherchepools, diese Eigenlob-Geschichte groß ab, die wie ein Hohn wirken muss: „WR-Reporter Newcomer des Jahres“. Preisträger Daniel Drepper (wieso er als WR-Reporter firmiert, erschließt sich nicht) habe hartnäckig Hintergründe zur deutschen Sportförderung recherchiert. Clou nebenbei: Die im Verlauf dieser Recherche bizarrerweise erforderlichen 13000 Euro zur Akteneinsicht beim Bundesinnenministerium hatten seinerzeit WAZ-Gruppe sowie die Gewerkschaften DJV und DJU gemeinsam aufgebracht; just jene beiden Arbeitnehmer-Organisationen also, die nun seit Wochen gegen die Schließung der Rundschau-Redaktion durch die WAZ-Gruppe zu Felde ziehen; so auch heute mit einer weiteren Demo in Dortmund.

Apropos: Wie soll man die WR jetzt eigentlich nennen? Etwa „Absteiger des Jahres“? Ach, wer wollte da nicht zynisch werden?

Doch weiter im Text: Das Impressum des Mantelteils ist – erst einmal gleich geblieben. Auch die seit Freitag „freigestellten“ Rundschau-Leute stehen noch drin. Mag sein, dass es dafür rechtliche Gründe gibt, aber die müssen ziemlich kompliziert sein… Auf jeden Fall hilft es, den abrupten Übergang zu kaschieren.

Nun aber zum Dortmunder Lokalteil, der ja jetzt von den Ruhr-Nachrichten geliefert wird. Es gibt da heute so herrliche technische Möglichkeiten, das gesamte Tagesschaffen einer Redaktion ins Layout einer anderen Zeitung einfließen zu lassen – wenn man das Ganze von langer Hand vorbereitet hat.

Ein knapper Hinweis, dass sich am Lokalteil etwas geändert hat

Ein knapper Hinweis, dass sich am Lokalteil etwas geändert hat

Für den Lokalteil übernimmt die WR nun das komplette Impressum der Ruhr-Nachrichten. Doch nur ein paar dürre Zeilen auf Lokalseite eins kündigen an, dass in Dortmund ab sofort „das Medienhaus Lensing“ Lokal- und Lokalsportseiten für die WR zuliefere. „Medienhaus Lensing“ heißt natürlich im Klartext Ruhr-Nachrichten, aber das wäre für manche WR-Leser vielleicht ein Reizwort. Also vermeidet man es tunlichst.

Nun. Nichts gegen die Journalisten der Ruhr-Nachrichten. Auch sie verstehen ihr Handwerk. Sie sollen halt die Ruhr-Nachrichten machen. Doch es wäre für alle gut gewesen, wenn die Rundschau-Leute weiter die Rundschau gemacht hätten.

Auf den flüchtigen ersten Blick sieht alles äußerlich weitestgehend nach Rundschau aus. Überschriften, Spaltenbreite, Layout. Man wird jedoch erleben, wie Serien, Rubriken oder sonstige Eigenheiten und Sichtweisen der Rundschau fehlen werden. Man sieht jetzt lauter Autorennamen durchs Blatt geistern, die den WR-Lesern bislang unbekannt waren. Statt dessen werden sie vielleicht andere, altvertraute Namen vermissen. Es wird sich bald erweisen, ob solche Namen nur Schall und Rauch sind oder ob das Publikum eben doch merkt, dass ihm da etwas anderes untergejubelt wird. Auch inhaltlich werden die RN-Kollegen sicherlich andere Schwerpunkte setzen.

RN-Kolumnist Bruno Knust ist nun auch WR-Kolumnist.

RN-Kolumnist Bruno Knust ist nun auch WR-Kolumnist.

Seit Jahren hat der Dortmunder Komiker Bruno Knust bei den Ruhr-Nachrichten seine „Günna“-Kolumne. Heute wird er den Rundschau-Abonnenten als Zugewinn verkauft, ja geradezu eingehämmert: „Neuer Kolumnist der WR“ – „…jetzt jeden Samstag in Ihrer WR“. Nicht komisch. Gar nicht komisch.

Das alles sind ja noch Kleinigkeiten. Doch wehe, wenn in der Stadt demnächst (politische) Konflikte entstehen, die bislang von zwei Zeitungen aus mehreren, manchmal gegenläufigen Blickwinkeln geschildert werden konnten. Finden dann manche Positionen nur noch wenig Gehör oder gar kein Forum mehr? Immerhin betreiben die Ruhrbarone seit gestern einen Dortmunder Lokalableger ihres Blogs. Ruhrbarone-Chef Stefan Laurin stellt sich übrigens ausgesprochen gut mit der WAZ-Gruppe. Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er jetzt: „Man kann der WAZ-Gruppe nicht unterstellen, dass sie die Leser für dumm verkaufen will. Das ist eher ein Bild des allgemeinen Zeitungssterbens: Der Branche geht es furchtbar! Die WAZ versucht, ein Werbeumfeld zu erhalten, das ist legitim.“

Noch einmal zurück zur anfangs beschworenen Historie der Rundschau: Es wäre dringend zu wünschen, dass im Chaos der letzten Wochen jemand daran gedacht hat, die alten WR-Zeitungsbände (ab 1946) aus dem Archivkeller am Brüderweg zu retten – beispielsweise, um sie dem Dortmunder Institut für Zeitungsforschung zu überreichen. Es ist eine schreckliche Vorstellung, dass sie demnächst vielleicht in einem Baucontainer versenkt werden.

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Nachtrag am 5. Februar: Und so hat sich das WR-Impressum vom 4. Februar (rechts) auf den 5. Februar (links) geändert

WR-Impressum am 5. Februar (links) und am 4. Februar (rechts)

WR-Impressum am 5. Februar (links) und am 4. Februar (rechts)




Bilder einer leeren Rundschau-Redaktion

Der leere Newsdesk (Foto: Bernd Berke)

Der leere Newsdesk (Alle Fotos bis auf die WR-Doppelseite: Bernd Berke)

Heute, am 31. Januar 2013, ist der letzte Tag der Rundschau-Redaktion. Der allerletzte. Für immer.

Ab morgen werden – je nach Lokalausgabe – Journalisten von Ruhr-Nachrichten, Hellweger Anzeiger, Westfalenpost oder Lüdenscheider Nachrichten die leere Hülle mit dem Titel „Westfälische Rundschau“ füllen, während der überregionale Mantelteil vom zentralen Essener Newsdesk der WAZ-Gruppe geliefert wird. Da wird zusammengestoppelt, was nicht zusammen gehört. Nennt das Resultat Zombie, nennt es sonstwie; es ist allemal beispiellos in der bundesdeutschen Presselandschaft. Und es ist (ab Samstagausgabe, 2. Februar) nicht mehr die Rundschau – ganz egal, was vorne draufsteht.

Die leere Nachrichten- und Politik-Redaktion (Foto: Bernd Berke)

Die leere Nachrichten- und Politik-Redaktion

Der traditionsreiche Name der Zeitung, die erstmals am 20. März 1946 erschienen war, ist also fortan nur noch ein unsinniges Signal ohne wahre Bedeutung. Das Blatt ohne eigene Redaktion, mithin auch ohne eigenen Geist und eigene Meinung, wird als untotes Mischprodukt durch die Medienlandschaft geistern. Aber wie lange noch? Es hat offenbar schon in den letzten Tagen Abo-Kündigungen gehagelt. Und wenn die Menschen erst merken, was ihnen da künftig vorgesetzt wird… So leicht lässt sich der Westfale nicht „beim Bock tun“.

Der leere Konferenzraum (Foto: Bernd Berke)

Der leere Konferenzraum

Bei Durchsicht meiner alten Fotos, die ich in der Dortmunder WR-Zentraledaktion am Brüderweg aufgenommen habe, bin ich auf einen Stapel gestoßen, der mir ziemlich genau zur heutigen Atmosphäre zu passen scheint. Die Redlichkeit gebietet es, die Entstehungszeit zu markieren: Nach einem Desk-Spätdienst am 28. November 2008 war ich der letzte anwesende Redakteur und habe die ansonsten leeren Räume fotografiert; allerdings schon in dem Bewusstsein, dass ich die Zeitung kurz darauf – nach rund 30 Jahren – aus freien Stücken verlassen würde. Natürlich mit zwiespältigen Gefühlen, wie denn sonst? Obwohl ich also selbst die Entscheidungshoheit hatte, habe ich danach einige Monate gebraucht, um mich allmählich ins neue Dasein einzufinden.

Nochmals der leere Desk, auf der Bildschirmwand die fertig produzierten Seiten. (Foto: Bernd Berke)

Nochmals der leere Desk, auf der Bildschirmwand die fertig produzierten Seiten.

Das Privileg der Freiwilligkeit genießen die Kolleginnen und Kollegen, die ab morgen erst einmal ohne Erwerbsarbeit sind, leider nicht. Sie sind völlig überraschend und äußerst kurzfristig kollektiv vor die Tür gesetzt worden. Man kann allen nur wünschen, dass sie wieder rasch in neue Lebensspuren kommen und/oder die erforderliche Zwischenzeit mit einer Abfindung überbrücken können. Die freien Mitarbeiter haben nicht einmal diesen Trost. Es ist zum Heulen. Und zum Zürnen.

Leerer Redaktionsflur, 3. Etage (Foto: Bernd Berke)

Leerer Redaktionsflur, 3. Etage

Heute wirken die hier gezeigten Bilder wie ein Menetekel. Jedenfalls liegt, so finde ich, Melancholie wie Mehltau auf der menschenlosen Szenerie. Das Motto „Der Letzte macht das Licht aus“ ist oft und manchmal allzu flapsig strapaziert worden, aber hier stimmt es.

Wo Betriebsamkeit herrschte, gähnt nun die Leere. Wo rege debattiert, zuweilen ordentlich gestritten und geflucht, aber auch viel gelacht wurde, bleibt es nun gespenstisch stumm. Wo Aktualität drängte, stehen und liegen die Dinge jetzt nur noch zum baldigen Abtransport umher.

Die Bildschirmwand, nunmehr abgeschaltet (Foto: Bernd Berke)

Die Bildschirmwand, nunmehr abgeschaltet

Heute soll es zum Abschied am späteren Abend noch einen Redaktionsumtrunk geben. Spontan habe ich gedacht: „Da gehst du auch hin.“ Doch nein! Wenn man die letzten 14 Tage nicht im Inneren der WR erlebt hat, kann man sich auf die jetzige Stimmungslage schwerlich einschwingen, die ich mir als eine Art Verzweiflungseuphorie vorstelle. Na, wer weiß. Jedenfalls rufe ich heute aus gebührender Distanz, aber kollegial und freundschaftlich hinüber: „Prost! Auf die Zukunft. Bis demnächst mal. Macht’s gut!“

Aus besseren Zeiten: Beilage zum 60jährigen Bestehen der Westfälischen Rundschau am 20.3.2006 - Doppelseite mit Porträts der damaligen WR-Redaktionsmitglieder.

Aus besseren Zeiten: Beilage zum 60jährigen Bestehen der Westfälischen Rundschau am 20.3.2006 – Doppelseite mit Porträts der damaligen WR-Redaktionsmitglieder. Vor allem ab 2009 wurde die Personalstärke schon erheblich ausgedünnt.

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Schnell her mit der nächsten Debatte!

Immer und immer wieder diese Debatten. Auch in der letzten Zeit ging es wüst her. Haben wir da etwas versäumt?

Seitdem die maßgeblichen Kulturteile überregionaler Zeitungen sich vor Jahr und Tag zu „Debatten-Feuilletons“ erklärt haben, um notfalls jeden Kram durch die kulturkritische Mühle zu drehen, müssen wir stets auf dem Posten sein. Sonst entgehen uns womöglich Meinungen, die wir uns niemals hätten träumen lassen.

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Nehmen wir nur den Kinderbuch-Streit, der jetzt so manche Redaktion – wie es so unschön heißt – „in Atem gehalten“ hat. Darf man Worte wie „Neger“ etwa in einem Buch von Astrid Lindgren stehen lassen – oder muss man sie nun endlich flugs ersetzen? Je nun, lasst sie einfach stehen, denn alles andere wäre eine idiotische Verfälschung. Aber verwendet diese Worte halt heute nicht mehr. So einfach könnte das sein. Aber damit ließen sich all die Spalten, Seiten und Sendeplätze nicht füllen. Man muss sich also öffentlich erhitzen und dabei so gekonnt provozieren, dass sich andere zur Gegenmeinung aufschwingen. Und so weiter. Erst dann wird eine richtig schöne, weil heftige Debatte daraus.

Dann hatten wir wieder Nazi, Nazi, Nazi. Hitler- und Goebbels-Vergleiche oder Antisemitismus-Vorwürfe gehen unter allen Debattenthemen immer noch am besten; erst recht, wenn man zwei prominente Publizisten gegeneinander hetzen kann – in diesem Falle bekanntlich Henryk M. Broder und Jakob Augstein. Dann ist endlich mal wieder Krawall auf der Bühne. Und jede(r) bringt sich in Stellung und feuert seine Worte ab. Ein saftiger Rufmord ist rasch geschrieben.

Und noch so ein Duell: Die Suhrkamp-Chefin, Schriftstellerin und Unseld-Witwe Ulla Berkéwicz tritt seit Monaten gegen den Verlags-Miteigentümer Hans Barlach an, den der Suhrkamp-Autor Peter Handke als den Bösen schlechthin erkannt haben will. Wieder so eine Frontstellung, wie sie für kernige Debatten zündkräftig ist. Hier steht natürlich gleich ein Gutteil der deutschen Kultur (oder wenigstens die „Suhrkamp-Kultur“) auf dem Spiel. Jedenfalls droht der Verlag in unsinnigen Scharmützeln zerrieben zu werden, was ja traurig genug ist. Unterfüttern lässt sich der juristische Dauerstreit, gegen den einst „Dallas“ und „Denver“ Kuschelgruppen waren, noch mit dem uralten Muster „Die Schöne und das Biest“.

Selbst ums unsägliche „Dschungelcamp“ kommt man heute angeblich nicht mehr herum. Beim Quotenbringer herrsche ja (höhere?) Ironie, befinden nun manche Edelschreiber. Andere halten empört dagegen. Also scheint’s legitim zu sein, sich selbst über diesen Dreck auch im Feuilleton die Köpfe heiß zu reden. Da sehnt man sich fast wieder nach Schmutz- und Schund-Kampagnen zurück. Aber nee. Nicht ernsthaft.

Wenn man schon tief ins Triviale driften darf, so muss man natürlich auch küchenpsychologisch erörtern, warum bestimmte Promi-Beziehungen (Wulff, Van der Vaart) scheitern. Und bloß die Expertenbefragung nicht vergessen!

Da war es halt nur noch ein kleiner Schritt bis zur nächsten Geschlechterdebatte, die von einer Stern-Journalistin ein Jahr nach dem offenbar schlüpfrigen Vorfall lanciert wurde und den FDP-Mann Brüderle in Bedrängnis bringen sollte. Müßig zu erwähnen, dass Sex neben Nazi stets am besten läuft. Übrigens: Nicht nur heimlicher Nazi, auch Sexist kann eigentlich jeder sein. Gut, nicht wahr? So können sich alle irgendwie betroffen fühlen. Auch fallen in derlei Fällen immer ein paar ungemein witzige Wortspiele oder Vergleiche ab, so etwa „Prüderle“ oder – nochmal zurück – die puppenlustige Einlassung, Henryk M. Broder sei der Bud Spencer des deutschen Debattenwesens.

Es ist nicht damit getan, dass Journalisten und Talkshowgäste die widerstreitenden Meinungen vorturnen. Auch wir sind gehalten, uns ständig zu positionieren und Meinungen zu haben. Wir sind doch nicht von gestern! Im fidelen Jahresend-Quiz fragen die Blätter dann gern ab, ob man auch ja jeden Hype mitbekommen hat und sich noch an kuriose Details erinnert. Macht euch ruhig schon mal Notizen für Ende 2013. Stichwort „Säue, durchs Dorf getriebene“.

Gewiss: Natürlich sind viele kluge und interessante Beiträge zu goutieren. Manche Debatten kann man wahrhaftig als Anstöße verstehen, nach denen denen sich möglichst breite Teile der Gesellschaft über ihr Wesen und Wirken verständigen könnten. Aber ach, allzu oft ist es eben nur Raunen, Rauschen und Zeitvertreib. Dann springt die Medien-Maschinerie einfach zu schnell an, damit nur ja wieder neue „Aufreger“ produziert werden. So kommt es, dass man nicht nur von Politik-, sondern auch von Medien-Verdrossenheit reden kann.

Eine Wette, die darauf setzt, dass die Deutschen auf dem Felde aufgeregter Debatten Weltmeister werden könnten, hätte gute Aussichten. Gelassenheit wohnt woanders. Und manchmal wäre man gerne Eremit. Beispielsweise dann, wenn die nächste Grass-Debatte anhebt.




Die schier unerträgliche „Spannung“ vor dem Ende der Rundschau-Redaktion

Es würde einen jetzt doch mal brennend interessieren, wie Rundschau-Chefredakteur Malte Hinz das gemeint hat, als er dem NDR-Medienmagazin „Zapp“ sagte, er erwarte die neue „Westfälische Rundschau“ nachgerade mit Spannung. Der Mann, der seinen gut dotierten Posten behält, jedoch (weil ohne eigenes Redaktionsteam) ab Februar an einem Essener Schreibtisch sitzt, ist also wahrhaftig „gespannt“ auf die künftig fremdbelieferte Zombie-Zeitung. Ist das bloß einfältig oder ist es schlimmer?

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Im selben „Zapp“-Beitrag äußert sich Christian Nienhaus, einer der mächtigen Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, beinahe schon rührend blauäugig: Er behauptet, die Tradition der WR werde weiterhin beachtet. Auch hoffe er, dass die Abonnenten von der Umstellung möglichst wenig merken…

Wie gut, dass es jetzt ein spürbares Gegengewicht zu solchen – um es überaus höflich zu sagen – verwaschenen Äußerungen gibt, nämlich eine von 216 Kolleg(inn)en der WAZ und der NRZ in Essen unterzeichnete Erklärung zur Schließung der WR-Redaktion, die u.a. hier im Wortlaut nachzulesen ist und an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Alle Achtung! Auch Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) hat inzwischen – wie berichtet – klare Worte gefunden, desgleichen der Bürgermeister von Arnsberg, Hans-Josef Vogel. Überdies haben (Stand 24. Januar, 13:00 Uhr) schon rund 5400 Menschen einen Solidaritäts-Aufruf für die WR-Redaktion online unterzeichnet.

Dennoch sieht es leider so aus, als könnte in Kürze – ungeachtet aller menschlichen Schicksale, die an der Schließung hängen – die Liegenschaftsverwaltung der WAZ-Gruppe verstärkt tätig werden. Denn mit der Entlassung der WR-Redaktion und der freien Mitarbeiter würden etliche Immobilien (bisherige Redaktionsräume) in zentralen Ortslagen frei werden; im einstigen Haupthaus am Dortmunder Brüderweg sogar mehrere Etagen mit Pförtnerloge und einigen Tiefgaragenplätzen. Da kann man also entweder Mieten sparen oder sogar Verkaufs- und Vermietungs-Einnahmen erzielen. Sag’ ich mal als Laie.

„Gespannt“ darf man auch sein, wie der Dortmunder Häuserblock Brüderweg/Ostenhellweg sich künftig darstellen wird. Falls der WR-Leserladen am Ostenhellweg bestehen bleibt (wonach es – ausweislich heute flugs geschalteter Eigenanzeigen – erst einmal aussieht), würde freilich die Seite am Brüderweg reichlich kahl wirken. Oder montiert man die alten Rundschau-Schilder etwa gar nicht ab? Vielleicht sollte man nun noch mal die Geschichte mit Potemkin nachlesen, um mental gewappnet zu sein.

Furchtbar „gespannt“ bin ich auch auf die Namen und sonstigen Angaben im künftigen Impressum der Etikettenschwindel-WR. Hierbei darf man sicherlich besondere Kreativität, wenn nicht gar avancierte Gebrauchslyrik aus dem Geist des Absurden erwarten.

Und weiter mit der schier unerträglichen „Hochspannung“: Wie wird die WAZ in ihrem Mantelteil eigentlich künftig aus Dortmund berichten? Schickt sie gelegentlich eigene Leute aus Essen hin? Oder wird die Lokalredaktion der Ruhr-Nachrichten künftig den WAZ-Videokonferenzen zugeschaltet und nimmt etwaige Themenwünsche entgegen? Wird da überhaupt koordiniert oder darf man sich schon jetzt auf prächtige „Doubletten“ und andere Pannen einstellen?

Ja, die „Spannung“ hört gar nicht mehr auf: Was ist an dem Gerücht dran, dass die Ruhr-Nachrichten – nach einer gewissen Schamfrist – ihre Bochumer Lokalredaktion schließen könnten, nachdem die WAZ-Gruppe den RN in Dortmund das Feld überlassen hat? Sollte es da etwa Gebietsabsprachen geben? Da wäre ja geradezu…

P.S.: Ich bin seit Kindertagen ein Anhänger von Borussia Dortmund und freue mich immer, wenn der Verein gewinnt. Nun aber mal in aller Freundschaft so gefragt: Hat sich eigentlich der ruhmreiche BVB, der seit vielen Jahrzehnten von der Berichterstattung (phasenweise auch von nibelungentreuer Hofberichterstattung) der WR profitiert hat, mit einer einzigen Zeile zur bevorstehenden Schließung der WR-Redaktion geäußert? Sollten wir da etwas übersehen haben? Dann sind wir für spannende Hinweise sehr dankbar. Wie bitte? Der BVB und die Ruhr-Nachrichten seien „Medienpartner“? Und BVB-Pressesprecher Sascha Fligge sei just aus dem Hause Ruhr-Nachrichten zu Borussia gekommen? Ja, was sollen wir denn jetzt denken?




Warum die Lage bei Opel fast überhaupt nichts mit der WAZ-Gruppe zu tun hat

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Es könnte sein, dass manche WAZ-Entscheidungsträger in Essen diese Nachrichtenlage insgeheim sogar begrüßt haben – im wohlverstandenen Eigeninteresse: „Opel Bochum schließt bereits 2014“, so lautet heute (23. Januar) die Titelschlagzeile der „Westfälischen Rundschau“ (WR), die nur noch rund eine Woche lang eine eigene Redaktion hat.

Auf diese Weise, so scheint es, kann die WAZ-Gruppe endlich mal wieder von der Misere im eigenen Hause ablenken. Oder liegt hier ein Missverständnis vor?

Tatsächlich darf und muss man sich über die abermals verschärfte Situation bei Opel empören. Niemand, auch der Betriebsrat nicht, hatte mit einer solchen Entwicklung gerechnet: Nicht erst 2016 soll die Autoproduktion in Bochum eingestellt werden, sondern bereits 2014 – es sei denn, die Beschäftigten verzichten in den nächsten Jahren auf alle Tariferhöhungen. Da kann man von erheblichem Druck sprechen, es ließen sich auch noch andere Worte dafür finden.

Die Berichterstattung kommt vom zentralen Essener Newsdesk der WAZ, sie wird – mitsamt Gerd Heideckes Kommentar – für die WR in Dortmund übernommen. Von „Wildwest-Methoden“ bei General Motors/Opel ist da die Rede, der Colt sei offenbar entsichert. Das Unternehmen werde nun „die Folgen eines weiteren immensen Image-Schadens verkraften“ müssen. Der Opel-Werbepartner Borussia Dortmund und Trainer Jürgen Klopp stünden für „ehrliche Arbeit, authentisches Verhalten und Volksnähe – nicht gerade das, was die Opel-Manager an den Tag legen.“

Kurze Denkpause.

Wer wird aber so kühn sein, solche Zuschreibungen postwendend auf die WAZ-Gruppe anzuwenden? Wer wollte denn eine Schlagzeile wie „Rundschau-Redaktion schließt bereits im Februar“ drucken? Sollte da etwa auch im Ruhrgebiet, also im tiefen, wilden Westen ein Colt entsichert worden sein? Und sollte es etwa auch hier einen Image-Schaden geben? Das wäre ja nicht auszudenken!

Nein, nein, bei Opel geht es doch um ganz andere Größenordnungen. Und überhaupt sind das völlig verschiedene Branchen, nicht wahr? Also Schluss jetzt!




Auf der Demo gegen die Rundschau-Demontage

Der Demonstrationszug an der Reinoldikirche (Foto: Bernd Berke)

Der Demonstrationszug an der Reinoldikirche (Foto: Bernd Berke)

Es war beileibe nicht nur eine gewerkschaftliche Routine-Veranstaltung.

Wer an der Dortmunder Demo gegen die Schließung der Rundschau-Redaktion teilgenommen hat, hat die Atmosphäre spüren können: Es war eine Mischung aus Sprachlosigkeit, Zorn, tiefer Bedrückung und Sorge um die Zukunft. Viele Kolleginnen und Kollegen, zumal auch freie Mitarbeiter, die nicht einmal Abfindungen nach Sozialplan bekommen, stehen jetzt vor schweren Zeiten.

Doch es war auch nicht nur ein Trauerzug. Denn gleichzeitig war da eine Stimmung des Aufbegehrens. Selbst wenn die WAZ-Gewaltigen ihre Entscheidung kaum revidieren dürften, hatte die Veranstaltung ihren Sinn. Denn schon aus blanker Selbstachtung und aus demokratischer Verantwortung muss man mit diesem Verlagsskandal an die breite Öffentlichkeit gehen und die Leser aufklären, dass ihnen ab Februar eine absurde Mixtur aus WAZ und Ruhr-Nachrichten (bzw. je nach Stadt Westfalenpost, Hellweger Anzeiger etc.) als nur noch so genannte „Westfälische Rundschau“ vorgesetzt wird.

Geschätzte 1000 Menschen (laut Polizei: 500) waren trotz schneidender Kälte im Demonstrationszug dabei, der vom Rundschauhaus am Brüderweg zur Kundgebung am Alten Markt im Herzen der Stadt führte. NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider und NRW-Medienministerin Angelica Schwall-Düren waren die prominentesten Redner auf dem Podium. Video-Ausschnitte aus den Ansprachen findet man hier.

Am bündigsten brachte wohl Martin Kaysh die Lage auf den Punkt, der Kabarettist und „Steiger“ beim Dortmunder Alternativkarneval „Geierabend“, der zeitweise selbst als Journalist (u.a. bei der WAZ) gearbeitet hat. Sein komplettes Manuskript ist hier nachzulesen.

Unter den Medienleuten, die die Demo begleiteten, waren auch Fotografen der Ruhr-Nachrichten und der Westfälischen Rundschau. Man darf gespannt sein, was am Montag in den beiden Blättern vorzufinden sein wird. Am Rande der Veranstaltung war zu hören, dass selbst eine WR-Schlagzeile zur Kältewelle („Es hat uns eiskalt erwischt“) vor Drucklegung gestrichen wurde, weil man sie als Anspielung auf die Schließung der WR-Redaktion hätte verstehen können… Soll man lachen über solche Hysterie oder soll man weinen über das Zensoren-Gehabe, das sich in den letzten Tagen bei der WAZ-Gruppe geradezu breit gemacht hat?

Übrigens wurden auf der Demonstration auch WR-Chefredakteur Malte Hinz (der seinen Posten auch künftig behält) und sein ehemaliger Stellvertreter Frank Fligge (der jetzt in der Essener WAZ-Zentrale tätig ist) gesichtet. Im Protestblog www.medienmoral-nrw.de haben die beiden häufig verbale Prügel bezogen. Aber dieses Fass machen wir hier jetzt nicht auf. Dazu ist die Gemengelage denn doch zu kompliziert. Doch sagen wir mal so: Es muss für Hinz schon ein ganz eigentümliches Gefühl sein, gut dotierter Chef eines redaktionslosen Titels zu bleiben, während seine bisherige Truppe ein ungleich schlechteres Ende erwischt.




Protest gegen die Schließung der Rundschau-Redaktion wächst

Es gibt Anzeichen von Widerspenstigkeit, ja von Widerstand gegen die Entscheidung des Essener WAZ-Mediengruppe, die komplette Redaktion der Westfälischen Rundschau zu schließen und das Traditionsblatt nur noch als bloßes Etikett mit Fremdinhalten weiterzuführen:

Der Glossenplatz auf Seite 2 der Westfälischen Rundschau blieb heute (Ausgabe vom 17. Januar) weitgehend leer. Statt dessen teilte die WR-Redaktion lakonisch mit, aus guten Gründen sei ihr nichts eingefallen (siehe Foto). Die Kollegen der Essener WAZ sandten an paralleler Stelle in ihrem Blatt, also auch am Glossenplatz, ein Signal der Solidarität, indem sie ebenfalls etlichen Weißraum freiließen und sinngemäß feststellten, sie seien angesichts der Kündigung von 120 WR-Redakteur(inn)en nicht zum Scherzen aufgelegt.

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Eine von der Rundschau-Redaktion hergestellte Sonderseite mit kritischen Stellungnahmen zur WR-Schließung ist hingegen nur in der abendlichen Postausgabe erschienen und offenbar im Laufe der weiteren Produktion (auf Geheiß aus der Essener Konzernzentrale) „gezogen“ (also entfernt und durch andere Inhalte ersetzt) worden. Näheres dazu steht im Facebook-Auftritt „WR muss bleiben“, wo man sich jetzt auch die besagte Seite ansehen kann.

Außerdem hat der stellvertretende WR-Chefredakteur Lars Reckermann den Lokalredaktionen die Berichterstattung in eigener Sache per Rundschreiben untersagt. Bei den Ruhrbaronen findet sich ein Faksimile des Schreibens. Auch Reckermanns Vorgehen riecht streng nach Zensur. Eine andere, ausgesprochen wohlwollende Lesart besagt, dass Lars Reckermann die Redakteure – nach entsprechenden Warnungen aus Essen – mit seinem Schreiben davor bewahren wollte, Ansprüche auf Abfindungen zu verwirken. Tatsächlich ist auch eine Kollegin, die mir einen Hinweis geben wollte, von ihrem Lokalchef ermahnt worden, dabei wenigstens äußerst diskret vorzugehen. Übrigens: Während offiziell klar ist, dass Malte Hinz auch künftig als Chefredakteur einer quasi redaktionslosen WR firmieren soll, ist offenbar noch in der Schwebe, was aus Reckermann wird.

Am Samstag, 19. Januar, wird um 11 Uhr am Dortmunder Brüderweg 9 (Rundschauhaus) eine Solidaritäts-Demonstration für die WR-Redaktion beginnen, die zum Alten Markt im Herzen Dortmunds ziehen soll. Der Aufruf zu dieser Demo steht u. a. im Nachrichtenportal der Stadt Dortmund.

Unterdessen unterzeichnen nicht nur Journalisten, sondern auch zahlreiche Leser eine Online-Petition, die die Geschäftsführung der WAZ-Gruppe zum Umdenken bewegen soll. Mag auch die Hoffnung gering sein, mit diesem Mittel etwas Entscheidendes zu bewegen, so gilt doch auch hier der alte Satz: Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Bei Facebook gibt es inzwischen eine Solidaritäts-Seite für die Rundschau – mit einer Resonanz, die in die Tausende geht.

Es regt sich auch Protest unter den Kulturschaffenden der Region: Das Theater Dortmund – Zitat- „bedauert die Entscheidung, die ‚Westfälische Rundschau‘ als eigenständiges Blatt einzustellen, sehr und empfindet dies als herben Verlust für die Medienszene Nordrhein-Westfalens. Die kritische und informative Begleitung der Theaterarbeit durch die Mitarbeiter der ‚Westfälischen Rundschau‘ war stets eine wichtige Stimme im Zusammenspiel der Meinungen und Ansichten zu kulturellen Themen, und dies weit über Dortmund hinaus. Die Entscheidung, die ‚Westfälische Rundschau‘ nicht mehr in der bisherigen Form zu publizieren, bedeutet einen spürbaren Einschnitt.“

Auch gibt es eine öffentliche Stellungnahme von Jac van Steen, dem scheidenden Orchesterchef der Philharmoniker. Darin heißt es: „Mit großer Fassungslosigkeit muss ich (…) meinem Erstaunen über die Schließung der WR-Redaktionen Ausdruck verleihen. (…) Diese Entscheidung bedeutet eine Degradierung unserer demokratischen Grundausstattung von Meinungsfreiheit in möglichst vielfältiger Breite. Eine sehr bedenkliche Entwicklung nicht nur für die Kunst und Kultur.“

Das Dortmunder Kulturzentrum domicil ließ verlauten: „Wir (…) sind noch immer sprachlos über die Abwicklung der Westfälischen Rundschau durch die Geschäftsführung des WAZ-Konzerns. Wir möchten uns (…) mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Verlages, die wohl in Kürze auf der Straße stehen werden, solidarisch zeigen, zum anderen aber auch darauf hinweisen, dass gerade eine lebendige Kulturszene von fachkundiger, auch kritischer journalistischer Vermittlung, breiter Öffentlichkeit und vor allem Meinungsvielfalt lebt, die nun durch die Schließung der Redaktion der Westfälischen Rundschau in Dortmund massiv verliert und einseitig zu werden droht. Die Abwicklung der eigenständigen WR-Redaktion ist ein großer Verlust für die Stadt.“

Eine weitere Reaktion aus dem Dortmunder Kulturleben trägt die Unterschriften von Kurt Eichler (Geschäftsführer der Kulturbetriebe Dortmund), Claudia Kokoschka (Leiterin des Kulturbüros) und Wolfgang Weick (Leitender städtischer Museumsdirektor).

Vergleichsweise vorsichtig hatte sich zuvor Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) geäußert. Er sei ob der Nachricht über die Schließung der WR-Redaktion „fassungslos“. Und: „Ich habe das Angebot einer pluralistischen Medienlandschaft in unserer Stadt immer geschätzt.“

Inzwischen (22. Januar) hat sich Sierau allerdings sehr viel deutlicher geäußert und davon gesprochen, dass die WAZ-Gruppe ihrer Verantwortung nicht gerecht werde. Im Wortlaut kann man sein Statement hier nachlesen.

Apropos: Vermutlich werden schon ab Anfang Februar die Ruhr-Nachrichten das Monopol in der Dortmunder Lokalberichterstattung haben; ein unguter Zustand, der sich mit demokratischer Auseinandersetzung nur schwer vertragen dürfte. Schon jetzt könnten und sollten sich daher die unabhängigen Online-Medien der Region (Ruhrbarone, Pottblog, Revierpassagen usw.) darauf verständigen, Marktgebaren und journalistische Arbeitsergebnisse der Ruhr-Nachrichten künftig etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Auch dem WDR kommt hierbei eine erhöhte Verantwortung zu.

Noch eine kleine Anmerkung: Der Informationsdienst Ruhr (idr), ein Ableger des in Essen angesiedelten Regionalverbands Ruhr (RVR), der jede Kleinigkeit vermeldet, mit der die so genannte „Ruhrstadt“ vermeintlich hochgejubelt werden kann, bringt natürlich keine einzige Zeile über die Demontage der Westfälischen Rundschau. Es passt nicht in den PR-Rahmen. Es ist halt nicht positiv. Und aus Essener Perspektive sieht die Welt sowieso ganz anders aus.

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LINKS

Hat die WR wirklich 50 Mio. Euro Schulden angehäuft? http://meedia.de/print/waz-gruppe-und-ddvg-weiter-im-clinch/2013/01/17.html

Die nüchterne Sicht der Dinge und…

…die emotionale Sicht der Dinge.

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Den wohl besten Überblick bekommt man hier: https://www.facebook.com/WRMussBleiben

Die teilweise kontroverse Debatte findet man im „Medienmoral“-Protestblog.

Viele weitere Links der letzten Tage stehen unter dem vorherigen Artikel.




„Aus“ für die Rundschau-Redaktion: Dortmund und das Umland verlieren ein Traditionsblatt

Jetzt ist es offiziell, die Essener WAZ-Gruppe hat eine radikale Sparmaßnahme ergriffen: Die 580.000-Einwohner-Stadt Dortmund und ihr Umland verlieren mit der Westfälischen Rundschau (WR) eine einstmals stolze, traditionsreiche Zeitung. Rund 120 Redakteurinnen und Redakteure sind betroffen, außerdem zahllose freie Mitarbeiter.

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Auch wenn der Titel (als bloßes Etikett) erhalten bleibt, so kommen die Inhalte ab Februar nur noch von anderen. Den Mantelteil liefert die WAZ, diverse bisherige Konkurrenten steuern die lokalen Inhalte bei. Sogar die Dortmunder Lokalredaktion, ein bislang noch verbliebenes Herzstück des Blattes, wird aufgelöst. Die „WR“-Lokalteile für Dortmund, Lünen und Schwerte liefern künftig die Ruhr-Nachrichten. Allein einen solchen Gedanken hätte man früher weit von sich gewiesen. Unna und Kamen werden vom „Hellweger Anzeiger“ bedient. Im Märkischen Kreis wird die künftig nur noch so genannte „Westfälische Rundschau“ lokal vom Märkischen Zeitungsverlag (Verleger Dirk Ippen) gestaltet, Arnsberg und Hagen werden komplett von der Westfalenpost übernommen. Die WP soll auch aus Wetter/Herdecke und Ennepe-Süd berichten und dazu sogar eine neue Lokalredaktion aufbauen. Es sieht also ganz so aus, als wäre die WP konzernintern eine (un)heimliche Profiteurin des WR-Verfalls.

Meine persönliche Konsequenz wird sein, eine formal und inhaltlich derart gestückelte Zeitung, ja den journalistischen Bastard, der auf diese Weise entsteht, schleunigst abzubestellen.

Man sagt nicht zu viel, wenn man feststellt: Damit wird die WR endgültig Leib und Seele verlieren, sie wird zur Zombie-Zeitung. Der frühere Geist der Redaktion hatte sich ohnehin schon Hauch um Hauch verflüchtigt. Das Betriebsklima am Dortmunder Brüderweg und in den restlichen eigenen Lokalredaktionen war, wie man vielfach hörte, in letzter Zeit zunehmend angespannt.

Ich habe heute einige Anrufe von früheren WR-Kollegen bekommen, natürlich sind alle mehr als betrübt, teilweise völlig niedergeschlagen, ohnmächtig wütend, zutiefst erschüttert. Bewusst habe ich es vermieden, meinerseits Betroffene anzusprechen. Ich wäre mir wie ein nachrichtengieriger „Witwenschüttler“ vorgekommen. Man kann es ja wahrlich nachfühlen, wie vor allem den Kolleg(inn)en über 45 zumute ist, die vielleicht keine andere Stelle mehr finden werden, aber auch noch nicht nah genug am Rentenalter sind. Von sozialverträglichen Lösungen ist nun die Rede, von Abfindungen, die freilich nicht mehr so großzügig ausfallen dürften wie vor vier Jahren, als im Rahmen von „Strukturänderungen“ 300 Journalisten die WAZ-Gruppe verließen. Auch sollen den Betroffenen bevorzugt Stellen angeboten werden, die bei der WAZ frei werden – allerdings nur in den größten Glücksfällen nah beim bisherigen Wohnort. Wenn überhaupt.

Das Volontariat eingerechnet, habe ich etwas über 30 Jahre für die Westfälische Rundschau gearbeitet, davon rund 27 Jahre in der Kulturredaktion. Es war vor allem die Zeit der Chefredakteure Günter Hammer (bis 1988) und Frank Bünte (1988-2004), danach kamen in atemloserer, ja schließlich fast schon panischer Folge Klaus Schrotthofer (2004-2007), Kathrin Lenzer (2007/2008) und Malte Hinz (ab Dezember 2008), zum Ende hin ein „König“ ohne nennenswerte Ländereien.

Aber das sind nur dürre Daten und Fakten. Selbstverständlich bin ich mit dem Blatt emotional verbunden – auch wenn ich es vor fast genau vier Jahren verlassen habe. Ein Großteil meines – nicht nur beruflichen – Lebens hängt daran. Ich habe in und um Dortmund nicht nur viele fähige und freundliche Kolleg(inn)en getroffen, sondern habe auch meine Frau bei der WR kennen gelernt.

Die am 20. März 1946 neu lizensierte WR, die vor allem früher als SPD-nah galt, verstand sich als Nachfolgerin des Dortmunder „Generalanzeigers“, der 1933 von den Nazis geschlossen (bzw. mit einer NS-Gazette zwangsvereinigt) worden war und außerhalb von Berlin die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung gewesen sein soll. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Zeiten, da hatte die Westfälische Rundschau ein Verbreitungsgebiet, das bis ins Emsland und – von Dortmund aus südwärts – bis in den Nordzipfel von Rheinland-Pfalz reichte. Der spätere NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement war in den besseren Jahren ebenso WR-Redakteur wie der investigative Journalist Hans Leyendecker, heute seit etlichen Jahren bei der Süddeutschen Zeitung. Seit 1975 gehörte die Rundschau zur WAZ-Gruppe. Stück für Stück schmolz der „Beritt“ zusammen, bis immerhin noch das westfälische Ruhrgebiet, Sauer- und Siegerland als Kernbereiche übrig blieben.

In den letzten Jahren bröckelten auch die südwestfälischen Gebiete, die Zeitung machte angeblich Millionenverluste. Man konnte das Unheil, das sicherlich nicht zuletzt durch Management-Fehler herbeigeführt wurde, schrittweise kommen sehen…

P.S.: Soeben den WAZ/WR-Leserservice in Sachen Abokündigung angerufen. Warum ich denn kündigen wolle, es bleibe doch alles wie bisher… Am liebsten wäre ich sehr grob geworden, doch die Dame im Callcenter kann ja auch nichts dafür, dass offenbar solche idiotischen Sprachregelungen ausgegeben werden.

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(mit Nachrichtenmaterial von dpa, finanznachrichten.de, kress.de , newsroom.de und meedia.de)

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LINK-SAMMLUNG (je nach Bedarf laufend aktualisiert)

Hier wird für den Erhalt der Zeitung demonstriert (Samstag, 19. Januar, 11 Uhr, ab Rundschauhaus am Brüderweg 9 in Dortmund): https://www.facebook.com/events/132643046896868/

Bei medienmoral-nrw.de kann diskutiert werden: http://www.medienmoral-nrw.de/2013/01/wr-redaktion-wird-abgewickelt/

Hier steht eine Online-Petition: http://rundschau-retten.de/

Hier eine Stellungnahme des Deutschen Journalistenverbandes (DJV): http://www.djv-nrw.de/php/evewa2.php?d=1358258319\&menu=01001&NEWSNR=1798&GSAG=1b8313e66e4b2e665040fab5a083083d

Stellungnahme der SPD (mit 13,1% Miteigentümer der WR), deren Medienholding angeblich im Vorfeld nicht informiert war und deshalb rechtliche Schritte prüfen will: http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2013-01/25695368-erklaerung-des-unternehmensbereichs-der-spd-zur-heutigen-mitteilung-der-waz-zur-aufloesung-der-eigenstaendigen-redaktion-der-westfaelischen-rundschau-wr-007.htm

Ein kritischer Bericht bei www.horizont.net: http://www.horizont.net/aktuell/medien/pages/protected/Seelenlose-Redaktionsklempnerei-WAZ-steht-wegen-Kahlschlag-bei-Westfaelischer-Rundschau-am-Pranger_112382.html

„Der Fisch stinkt vom Kopf“, schreibt Bülend Ürük bei newsroom.de: http://www.newsroom.de/news/detail/$HVIUEOMULROS/westflische_rundschau_ein_flickwerk_von_einer_zeitung

Die Sicht der „Rheinischen Post“: http://www.rp-online.de/wirtschaft/unternehmen/westfaelische-rundschau-wird-aufgegeben-1.3135415

So steht es bei Spiegel online: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/westfaelische-rundschau-waz-gruppe-streicht-redaktion-120-stellen-a-877623.html

Die TAZ schreibt: http://www.taz.de/Westfaelische-Rundschau/!109070/

Und so berichtet der WDR in seinem Online-Auftritt: http://www1.wdr.de/themen/medienseite/westfaelischerundschau100.html

Ein sehr persönlich gehaltener Beitrag bei den „Ruhrbaronen“: http://www.ruhrbarone.de/westfaelische-rundschau-du-bist-zeitungskrise/

Der frühere WR-Cheferedakteur Frank Bünte hat sich in der „Lokalzeit“ des WDR-Fernsehens geäußert: http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2013/01/16/lokalzeit-dortmund-rundschau.xml

Hajo Jahn blickt in die ganz alten Zeiten der WR zurück: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18665