Ergiebige Heimatkunde

Das glauben vielleicht viele zu können: „Einfach“ über einen seltsamen Verwandten schreiben, dessen Dasein einem auf der Seele liegt. Aber wehe, wenn man es versucht. Dann kommt in den seltensten Fällen Literatur dabei heraus.

Umso höher ist dieser Schriftsteller einzuschätzen: Andreas Maier (Jahrgang 1967, Romanerfolg „Wäldchestag“) erinnert sich in „Das Zimmer“ eingehend an seinen „Onkel J.“ Dieser nur mit dem Initial benannte Mensch war geistig zurückgeblieben, nach seinerzeit landläufigen Maßstäben also ein „Idiot“. Doch sein nahezu unbemerkt und folgenlos verstrichenes Leben war, so wie Maier davon berichtet, durchaus bemerkenswert.

Zum einen verblieb Onkel J., trotz (vornehmlich nach innen gekehrter) aggressiver Anwandlungen, im nahezu kindlich-naiven Stande der Unschuld, zum anderen brachte er ungewollt einige Wesenszüge der Wetterau auf den (weitgehend wortlosen) Begriff. Der Erzähler sieht es als seine Aufgabe an, „dem Onkel eine Sprache zu geben…, denn sonst wäre er gar nicht da und einfach tot und vergessen…“ Er legt Wert auf die Feststellung, dass dieser bedauernswerte Mensch „auch ein Leben hatte und von Gott in dieses Leben hinein geschaffen war…“ Und er versetzt sich nun in diesen Menschen hinein, indem er in dessen früherem Zimmer schreibt. Doch wahrt er auch die nötige Distanz.

Es handelt sich um eine besondere, ergiebige Form der „Heimatkunde“. Die Wetterau, jener provinzielle Landstrich im Hessischen (Bad Nauheim, Friedberg), wird im Wesentlichen um die Mitte bis gegen Ende der 1960er Jahre geschildert (Gipfel- und Wendepunkt: die im Fernsehen zelebrierte Mondlandung 1969), und zwar durchaus unaufgeregt, wie es der Randlage entspricht. Doch selbst die vermeintlich unscheinbarste Beobachtung birgt noch Bezeichnendes. Zumal es einst Brückenfiguren zur großen Welt gegeben hat: Der russische Zar absolvierte hier Kuren, auch Sissi und Einstein sind hier gewesen – und Elvis war hier 1958 bis 1960 als Soldat stationiert, so dass sich dessen Wege mit denen des Onkels sogar vage gekreuzt haben. Doch welch ein Kontrast zu jedwedem Glamour!

Das stickige Aroma der 60er kann man geradezu lesend einatmen. Es war eine Zeit des „Noch“: Noch keine großen Staus, daher auch noch keine Ortsumgehungsstraßen, noch ein wenig Dialekt und noch sehr viele Frauen in Kittelschürzen auf den Dörfern. Es wird noch kräftig geraucht und tagsüber bei der Arbeit gesoffen, doch man legt auch noch verbissen Wert auf Sauberkeit und Ordnung – und die Züge haben noch keine Verspätung. Zitat: „In den sechziger Jahren hatte bereits die Gegenwart einen Gelbstich.“

Vor diesem Zeithorizont hat Onkel J. ein armseliges Leben geführt (richtiger wohl: „es“ hat ihn geführt). Dieser detailgesättigte, sanftmütige, emphatische, nur in Maßen ironische Roman gleicht einem nachträglichen Rettungsversuch, einer Bewahrung, Bergung und Verteidigung dieses kleinen, abgeschiedenen Daseins, folglich ist der Text mit Vergeblichkeit, Melancholie und Zeitweh getränkt. Denn für eine wirkliche Rettung ist es ja viel zu spät. Und im krassen Gegensatz zu Thomas Bernhard, mit dem Maier öfter verglichen wird, steigert sich Letzterer niemals in haltlose Hasstiraden hinein.

Eine unheimliche Hauptrolle spielt der Wagen des Onkels, ein brauner VW Variant Kombi (der auch das Buchcover ziert), mit dem er sozusagen den Laufburschen der Familie spielen muss; stets zähneknirschend und in sich hinein fluchend, doch kläglich machtlos. Zwangsneurotisch rituell prüft er jedes Mal das nazifarbene Fahrzeug, als ginge es ins Weltall: „Nun sitzt er drin. Alle Armaturen noch da. Tacho da. Drehzahlmesser da. Schaltknüppel, alles an seiner Stelle. Lenkrad noch nicht angreifen! Rückspiegel kontrollieren. Türe bereits geschlossen? Türe geschlossen! Auch die Uhr kontrollieren, Uhrenvergleich mit seiner Uhr am Handgelenk. Uhrzeit normal, Vergleich richtig. Alles ordnungsgemäß und einwandfrei und startbereit…“

Einflussreiche Verwandte haben dem Onkel einen Job bei der Paketstation am Frankfurter Hauptbahnhof besorgt. Ein Posten, den er nahezu als hoheitliche Aufgabe versteht. Manchmal wandelt ihn sexuelle Versuchung im Rotlichtviertel der benachbarten Kaiserstraße an, doch dann kehrt er pünktlich zu seiner Mutter heim. Sie und die Waldnatur sind seine Ruhepunkte. Seine sonstigen Sehnsüchte heften sich an Militärtechnik oder an Gestalten wie Luis Trenker und Heino. Ein Wunder dieses Romans: Selbst solche Irrungen vermag man nachzuvollziehen; wiewohl man weiß, dass sie eine politisch fragwürdige Tönung annehmen können.

Das Buch ist angeblich der Beginn einer weit ausgreifenden, vielbändigen hessischen Familiensaga. Nur zu!

Andreas Maier: „Das Zimmer“. Roman. Suhrkamp Verlag.203 Seiten. 17,90 Euro.




Ian McEwans Roman „Solar“: Verheddert und verkleistert

Michael Beard ist veritabler Nobelpreisträger für Physik. Doch sein Leben ist ziemlich verpfuscht. Seine Frau betrügt ihn – zunächst mit dem vierschrötigen Handwerker Tarpin, dann auch noch mit dem idealistischen Nachwuchs-Wissenschaftler Tom Aldous. Beruflich dümpelt Beard als Leiter eines unsinnigen Instituts nur noch halbwegs komfortabel dahin. Allmählich verfettet er und trinkt ohnehin zu viel Alkohol. Etwas Trost findet er beim einen oder anderen Weibe.

So ein Tropf ist die Hauptfigur in Ian McEwans Roman „Solar“. Der Titel verweist auf die allfällige Klimadebatte und auf die Sonnenenergie, welche die angebliche Apokalypse aufhalten soll. Beard ist in dieser Hinsicht äußerst skeptisch, wenn nicht gar zynisch. Er will sich einfach auf nichts mehr festlegen – weder wissenschaftlich noch erotisch. Auch eine (streckenweise hinreißend grotesk geschilderte) arktische Info-Reise im chaotischen Kreise wohlmeinender Klimakünstler überzeugt ihn nicht. Minus 26 Grad deuten nicht gerade auf Erderwärmung hin. Und die „grünen“ Traumtänzer können ja nicht mal in der kältegerechten Kleiderkammer Ordnung halten, geschweige denn auf dem Planeten.

Nun aber waltet das Schicksal: Wegen vorzeitiger Rückkehr von jener abenteuerlichen Tour ertappt Beard in seinem gar nicht mehr trauten Heim den erwähnten zweiten Liebhaber seiner Frau. Dieser lachhaft bezopfte Aldous schwadroniert sogleich von der nahenden Klimakatastrophe, die doch ungleich wichtiger sei als solcher Privatkram – und stürzt kurz darauf durch ein saublödes Missgeschick tödlich auf den Couchtisch. Beard überlegt kurz und handelt schnell: Falsche Spuren, die auf Liebhaber Nummer eins als Mörder hindeuten, sind im Nu gelegt. Tatsächlich kommt der unglückselige Tarpin in den Knast. Und Beard schickt sich unversehens an, die Ideen des Toten zur Sonnenenergie als seine eigenen zu verwerten. Künstliche Nachahmung der Photosynthese. Klingt doch gut und hat global Konjunktur. So endet der erste von drei Teilen, die anno 2000, 2005 und 2009 spielen.

Was haben wir da? Beziehungsdrama? Krimi? Gerichtsroman? Slapstick-Komödie? Wissenschafts-Klamotte? Öko-Satire?

Von allem etwas. Der sonst zumeist in allerhöchsten Rezensenten-Tönen gepriesene McEwan stochert und rührt mal hier, mal da. Er richtet ein diffuses Themen- und Genre-Ragout an. Für sich genommen, sind etliche Passagen unterhaltsam, stellenweise blitzt erzählerische Meisterschaft auf. In einigen Kapiteln fühlt man sich geradezu heimisch. Doch aufs Ganze gesehen, verliert und verheddert sich McEwan häufig in ziellosen, unproduktiven Abschweifungen. Er möchte seine Themenpalette breit ausmalen und zugleich fast alles hinterrücks ironisieren, ja pulverisieren, den Kuchen also gleichsam essen und behalten.

Im zweiten Teil finden sich unverständlich ausgiebige Exkurse zu Beards Ernährungssünden sowie über das bizarre „Duell“ um eine Chips-Tüte im Eisenbahnwaggon. Vollends unnötig ausufernd ist sodann die Schilderung eines Skandals im Zeichen der political correctness. Als Beard anzudeuten wagt, Männer seien womöglich aufgeschlossener für Physik als Frauen, stellt ihn eine Geisteswissenschaftlerin derart an den öffentlichen Pranger, dass er in den Medien bald nicht nur als Macho, sondern zudem als Rassist und Nazi gilt. Doch die rufmörderische Kampagne endet so plötzlich, wie sie begonnen hat. McEwan wollte halt nicht versäumen, auch diese Thematik noch abzuhandeln. Es ist, als hätte er Zeilen und Seiten schinden wollen. Manche Passage wirkt weniger erzählfreudig als geschwätzig.

Im dritten Teil spitzt sich das alles zu. Lauter lose Enden wollen jetzt entweder gekappt oder verknüpft sein. Vieles wird freilich nur verkleistert. Lediglich im Epilog des Romans (die einstige Nobelpreis-Lobrede auf Beard) steht, wie sich solch unentwirrbare Knoten aufs Glücklichste lösen lassen – nämlich verblüffend tänzerisch, indem alle Beteiligten im richtigen Moment loslassen.

Wahrhaftig kulminiert gegen Schluss die Wirrnis: Beards derzeitige Freundin Melissa erwartet (zu seinem Entsetzen) ein Kind. Tarpin wird aus dem Knast entlassen und heftet sich an Beards Fersen – gewiss doch mit rachedurstigen Mordgedanken? Mehr noch: Auf Beards Hand zeigen sich Symptome für Hautkrebs, die er lange ignoriert. Zwischendurch werden noch seine Kindheit und Jugend aufgerollt, als könnt’s ein Erklärmuster hergeben. Zudem wird erwogen, wie sich Natur- und Geisteswissenschaften zueinander verhalten – und die eigentliche Handlung muss ja auch noch vorangetrieben werden: Beard ist drauf und dran, ein vermeintlich weltweit beispielhaftes Energiezentrum in New Mexico (USA) zu gründen, wo er übrigens eine weitere Geliebte hat. Dreifacher Zangenangriff: Tarpin taucht mit finsterer Miene dort auf, gewiefte Anwälte wollen seine erschlichenen Patente anfechten und drohen mit hochnotpeinlichen Enthüllungen, Melissa und die inzwischen dreijährige Tochter sind gleichfalls im Anmarsch. Kommt es etwa zur zwischenmenschlichen Klimakatastrophe? Das wäre ja nicht auszudenken.

Ian McEwan: „Solar“. Roman. Diogenes Verlag, Zürich. 405 Seiten. 21,90 Euro.




Überall Bananen!

Heute ein weiterer Beitrag in der Reihe „Man muss nicht alle Künstler mögen.“

Vor einiger Zeit habe ich mich an dieser Stelle über Ottmar Hörl und seine Plastik-Viecher ereifert. Dessen Hervorbringungen sind aber noch gar nichts gegen die Monokultur des Thomas Baumgärtel. Der Mann hatte mal eine Idee, nämlich möglichst den ganzen Globus mit Bananen zu bedecken. Diesen Einfall verfolgt er seither mit Furcht erregender Besessenheit.

1983 begann es mit der „Kreuzigung einer Banane“. 1986 verzierte Baumgärtel erstmals einen Kunstort mit einer gesprayten Banane. Die gebogenen Schablonen hat er seither denkbar häufig eingesetzt. Man glaubt es kaum, wie sich dies zur Manie steigern konnte: Bis heute hat er rund 4000 Stätten (vornehmlich Museen und Galerien) bananig und bananisierend heimgesucht. Dafür ist er rastlos unterwegs zwischen Ruhrgebiet und New York, Berlin und Moskau, London und Mallorca. Und und und. Rette sich, wer kann.

Ziert eine Galerie in der Nachbarschaft: gesprayte Baumgärtel-Banane (Foto: Bernd Berke)

Ziert eine Galerie in der Nachbarschaft: gesprayte Baumgärtel-Banane (Foto: Bernd Berke)

Alles Banane: Baumgärtel schuf die Bananenwand und die Felsenbanane, er kreierte Bananenzimmer, Bananenautos und eine Bananenbrücke. Auch erfand er die Kunstrichtung des „Bananenpointillismus“, sorgte beizeiten für eine Bananensprengung und montierte eine Banane in die erhobenen Hände des Papstes. Er entwarf für seinen Wohnort Köln einen Karnevalswagen, auf dem eine Banane durchs Brandenburger Tor stößt bzw. (je nach Deutung) das berühmte Bauwerk vor dem Einsturz bewahrt. Zur Finanzkrise in Hellas gab’s von Baumgärtel die Griechenflagge mit dem gekrümmten Euro-Zeichen: € = Banane. Wenn das nicht subtil ist…

Auf seiner Internet-Seite http://www.bananensprayer.de dokumentiert Baumgärtel penibel jedes Projekt. Wer alles durchklickt, wird hinterher wahrscheinlich wochenlang keine Bananen mehr sehen wollen. Es ist, als würde man immer wieder den selben Witz hören.

Baumgärtel hat nicht nur Kunst (an der Fachhochschule Köln) studiert, sondern auch Psychologie an der Kölner Uni. Das mag ihm zupass kommen, wenn er Museumsleute und Galeristen von seinem immergleichen Tun überzeugen will. Sie müssen schließlich zustimmen. Bisher hat er noch die allermeisten überredet. Er ist wahrscheinlich ein netter Kerl. Einer, dem man halt die kleine Narrenfreiheit lässt. Nur, dass die sich auf Dauer penetrant potenziert.

Zudem finden sich notfalls immer ein paar Professoren, die – ob nun augenzwinkernd oder nicht – kunsthistorisch beglaubigte Gütesiegel ausstellen und Baumgärtel etwa in die Tradition von Dada, Duchamp oder Andy Warhol (Bananen-Cover für „Velvet Underground“) stellen. Geschenkt.

Mag sein, dass in der Inneren Mongolei noch keine Baumgärtel-Banane prangt. Sonst aber kann man seinen krummen Dingern schwerlich entkommen. Auch gleich bei mir um die Ecke leuchtet eine knallgelbe Frucht neben dem Eingang einer Galerie (siehe Foto). Immerhin halbwegs unaufdringlich, wenn auch herzlich nichtssagend. Doch just in Dortmund, das er leider besonders ins Herz geschlossen zu haben scheint, will Baumgärtel aufs Ganze gehen, indem er eine gigantische Bananen-Skulptur aus gelb eingefärbtem Stahl (ca. 30 Meter lang) in 65 Metern Höhe auf einem ausgedienten Hochofen anbringt. Sie wäre in weiten Teilen der Stadt grell sichtbar. Bewahre!

Während Baumgärtel für die Hochofen-Verhunzung noch Sponsoren sucht, ist gottlob ein anderes Vorhaben ähnlich monströsen Kalibers bereits abgelehnt worden: Aufs neue Wahrzeichen Dortmunds, das Kulturzentrum „Dortmunder U“, wollte er – na, was wohl?! – eine Riesenbanane setzen, die den goldenen Buchstaben „U“ penetriert hätte.

Es ist an der Zeit, die eine oder andere Bananigkeit (frei übersetzt: Banalität) zu verweigern. Und ich meine keineswegs die DDR, wenn ich ausrufe:

„Es lebe die bananenfreie Zone!“




Raddatz-Tagebücher: Im Haifischbecken der Literatur

Diese Lektüre hat sich hingezogen. 907 Seiten (plus Register) umfassen die Tagebücher der Jahre 1982-2001, die der Großkritiker, Autor und Publizist Fritz J. Raddatz jetzt vorgelegt hat. Es ist ein Wechselbad aus spannenden und ärgerlichen Passagen.

Frank Schirrmacher, FAZ-Mitherausgeber und früher FAZ-Kulturchef, wird auf der Rückseite des Buchs in goldenen Großbuchstaben zitiert: „Dies ist er endlich, der große Gesellschaftsroman der Bundesrepublik!“ Wie zum Dank für die jubelnde Empfehlung erscheint Schirrmacher in Raddatz‘ Tagebüchern nahezu als Lichtgestalt, als gebildet, höchst intelligent und allzeit gedankenschnell, überdies habe er zeitweise das beste Feuilleton der Republik geleitet. Beinahe so etwas wie eine jüngere Ausgabe seines Vorbildes Raddatz also.

Man kennt sich, man hilft sich? Nun ja. Meist ist das Gegenteil der Fall: Im grässlich eitlen, zunehmend verkommenen Kulturbetrieb, so jedenfalls der Grundtenor des gesamten Bandes, denke jeder nur an sich selbst. Hauen und Stechen, jeder gegen jeden. Da ist man als normalsterblicher Leser heilfroh, nicht mit bekannten Schriftstellern befreundet zu sein und nicht solche Imponier-Sätze notieren zu müssen: „Ich gebe auf dem Postamt Briefe an Grass, Botho Strauß, Hochhuth und Enzensberger auf…“ Pointe: Selbst der Postbeamte hieß (welch’ Zufall) Max Frisch.

Bloß nicht mit bekannten Autoren befreundet sein

Im Haifischbecken der egomanischen Literaten erkundigen sich selbst altgediente Freunde, wie etwa die Autoren Günter Grass oder Rolf Hochhuth, kaum einmal näher nach Arbeitsvorhaben und Befinden des Fritz J. Raddatz. Er leidet unter solcher Ignoranz wie ein Hund. Und nimmt permanent übel. Viele seiner Notizen sind (auch pekuniär besehen) buchstäblich „Abrechnungen“: Demnach würdigt man ihn stets zu wenig und lässt sich auch noch von ihm aushalten. Kaviar, Schampus oder edle Bordeaux-Weine gingen allzu oft auf seine Kappe. Ist er hingegen anderswo zu Gast, geht’s eher schäbig zu. Fast alle sind geizig, er ist großzügig. Du meine Güte!

Überaus leicht verletzliche Eitelkeit ist ein Wesenszug dieses Tagebuchschreibers, der darum ringt, nicht nur als erstklassiger Journalist, sondern als veritabler Schriftsteller zu gelten. Ergo: Ein eitler Pfau hält all den anderen Pfauen ihre Pfauenhaftigkeit vor. Und das über so viele Seiten hinweg. Es ist mitunter quälend. Gemildert wird die Suada bisweilen durch zerknirschte Selbsterkenntnis: „Ich habe mich in den Fäden der selbstgesponnenen Eitelkeit verfangen und finde nun aus diesem Netz nicht mehr heraus…“ Oder sogar: „Ich muß mich schon fragen, ob ich mich, meine angebliche Lebensleistung und meine nebbich Bedeutung, nicht enorm überschätze.“ Zwiespältiger Befund: „Weiß also nicht, was ich will. Man will ,beachtet‘ werden – und zugleich in Ruhe gelassen.“

Ungeachtet aller Widrigkeiten ging’s immer wieder frisch ins Getümmel. Über die Buchmesse jammern, aber sich jedes Jahr hinein stürzen. Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten darf „man“ eben nicht fehlen. Doch manchmal übermannt Raddatz der Überdruss, der Ennui: In Zürich langweilen ihn die Museen, einschließlich der Cézanne-Bilder. Demonstrativer Seufzer des übersättigten Ästhetizisten: „Was soll man mir schon Neues bieten?“

Von 1977 bis 1985 war der frühere Rowohlt-Cheflektor Raddatz Feuilletonchef der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“. Es waren dort wohl die lebendigsten Jahre dieses Ressorts. Dank Raddatz‘ vielfältigen Verbindungen zu Akteuren des hassgeliebten Literaturbetriebs schrieben damals die erlauchtesten Geister regelmäßig für das Blatt. 1985 wurde Raddatz wegen eines gar nicht mal so gravierenden, sondern eher lässlich-lachhaften Fehlers als Ressortleiter geschasst (er hatte in einer Buchmesse-Glosse Goethe mit dem – seinerzeit noch nicht existierenden – Frankfurter Bahnhof in Verbindung gebracht), blieb aber Autor der Zeitung, mit offenbar bestens gepolstertem Spesenkonto.

„70. Geburtstag. Grabstein gekauft.“

Dennoch: Das Leiden am Karrierebruch füllt viele Seiten des Tagebuchs. Eigentlich kein Wunder, dass der zusehends wehleidige Raddatz die Entwicklung der „Zeit“-Redaktion fortan als Niedergang wahrnimmt; erst recht, als Sigrid Löffler das Feuilleton übernimmt. Sein Selbstwertgefühl ist angekratzt und muss mühsam behauptet werden, zudem verspürt Raddatz Anzeichen des Alters. Später heißt es einmal wunderbar lakonisch: „70. Geburtstag. Grabstein gekauft.“ Vergällte Lebenslust – allem Luxus zum Trotz. Gegen Melancholie helfen natürlich weder die kunstsinnig ausstaffierten Wohnungen in Hamburg, auf Sylt und in Nizza, noch die teuren Fahrzeuge (erst Porsche, dann Jaguar).

Und der „Gesellschaftsroman“? Raddatz zeigt uns zahllose Prominente aus Kultur und Politik in Nahansicht. Der Mann hat so gut wie alle gekannt, die Rang und Namen hatten. Wer mitunter brillant formulierte Sottisen über Deutschlands wirkliche und vermeintliche Elite sucht, wird reichlich fündig. Darüber hinaus bietet das Buch tatsächlich Bruchstücke oder Bausteine einer bundesrepublikanischen Sittengeschichte. Doch ein Roman ist das alles bei weitem nicht.

Schreckenskabinett betrüblicher Gestalten

Wollte man eine Negativ-Rangliste aufstellen, so wären „Spiegel“-Begründer Rudolf Augstein (angeblich auf seine älteren Tage ein erbärmlicher Alkoholiker), die einstige „Zeit“-Mitherausgeberin Marion Gräfin Dönhoff („Kuh“), der selbstverliebt schwatzhafte Rhetoriker Walter Jens, dito „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki, Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld und der hochmütige Germanist Hans Mayer einige der missliebigsten Figuren im Schreckenskabinett des Fritz J. Raddatz. Also vorwiegend Leute, die mit Raddatz um Kronjuwelen des Kulturbetriebs bzw. des Pressewesens rivalisier(t)en, so auch ein weiterer Kritiker-Kollege, der „miese Herr Karasek“ vom herzlich verachteten Schmutzblatt namens „Spiegel“. Namenlose Schreiberlinge sind in solchen Sphären ohnehin nicht satisfaktionsfähig.

Altkanzler und „Zeit“-Mitherausgeber Helmut Schmidt kommt nach Raddatz‘ Lesart – wie nahezu alle Politiker – als banausenhafter Simpel daher, TV-Promi Ulrich Wickert wird als ahnungsloser „Fernseh-Ansager“ vorgeführt. Raddatz bekundet, von tagtäglichen Politiker-Sorgen nichts wissen zu wollen, denn – so wörtlich – „man will ja auch nicht die Sorgen der Müllabfuhrmänner hören.“ Klar, mit denen kann man ja nicht über James Joyce oder die besten Bordeaux-Lagen reden. Zu solchem Dünkel passt diese Notiz von einer Lesereise: „Mich interessiert ‚mein Publikum‘ nicht; sie sollen lesen und die Klappe halten.“

Einmal in Fahrt, schmäht Raddatz auch Klassiker der Literatur als mindere Skribenten, so u. a. Tolstoi, Montaigne, Balzac, Proust und Roland Barthes. Wie denn überhaupt Frankreich vorwiegend mit Oberflächlichkeit assoziiert wird. Ein alter, erzdeutscher Topos, erstaunlich beim erklärten Linken Raddatz. Im Zuge der deutschen „Wende“ 1989/90 ereilt der Bannstrahl (Stichwort „Stasi-Connection“) auch Heiner Müller und Christa Wolf. Mehr Abschätziges gefällig? Nur wenige Beispiele: Dürrenmatt ist „etwas dumm“ (S. 83), Thomas Bernhard ein bloßer Literatur-Clown (S. 278), Adolf Muschg flach (S. 510), Fontanes Tagebücher sind nichtssagend (S. 579), Elfriede Jelinek ist läppisch und infam (S. 663), Kavafis banal (S. 724), das „Bürschlein“ Harry Rowohlt lediglich „von Beruf Erbe“ (S. 816).

Nur selten, aber immerhin blitzt zwischen all den harschen, längst nicht immer triftigen, ja oft haltlosen Urteilen auch Selbstkritik auf: „Oder irre ich mich aus Verdrossenheit?“ Zum Ausgleich werden ein Autor wie Kurt Drawert oder der eng befreundete Maler Paul Wunderlich in hohen Tönen gelobt. Stimmen hier noch die Maßstäbe?

Wenn Raddatz seine Schwester (Kosename „Schnecke“) schildert, genießt man einige der besten Passagen des Buches. Doch manchmal trägt er Privates unangenehm stolzgeschwellt zu Markte. So renommiert der schwule Kulturkritiker damit, dass er es in jüngeren Jahren u. a. mit Größen wie dem Beat-Poeten Allen Ginsberg oder dem Tänzer Rudolf Nurejew getrieben habe. Vollends peinlich ist das sexuelle Eigenlob auf dem Umweg über „Stimmen zum Spiel“: Raddatz lässt wissen, dass viele Herrschaften ihn als jeweils besten Liebhaber ihres Lebens bezeichnet hätten (S. 749).

Das üppige Textkonvolut hätte man kürzen können, es ist hie und da arg wiederholungsträchtig. Dann wäre Platz gewesen für erläuternde Anmerkungen (und aussagekräftige Fotografien), die man schmerzlich vermisst. Schon heute sind etliche Personen und Vorfälle nicht mehr vielen Menschen geläufig, in ein paar Jahren werden sie noch mehr verblasst sein.

Fritz J. Raddatz: „Tagebücher 1982-2001“. Rowohlt Verlag. 939 Seiten. 34,95 Euro.




Stilp!

Es ist von einem seltsamen Phänomen zu berichten. Entfernt ähnelt es dem von Axel Hacke vielfach dargestellten „Wumbaba“-Effekt: Bei Liedtexten kann man sich gehörig verhören, so dass etwa in Matthias Claudius‘ „Abendlied“ („Der Mond ist aufgegangen“) die Zeilen „Und aus den Wiesen steiget / Der weiße Nebel wunderbar“ zum politisch nicht ganz korrekten „Und aus der Isar steiget / Der weiße Neger Wumbaba“ geraten.

Nun zur artverwandten Erscheinung, die einer Kippfigur gleicht, welche (je nach Betrachtungsweise) vexierbildhaft umschlägt: Seit Jahren widerfährt mir dies an der A 40 in Essen, wo ein abgestellter Anhänger für ein örtliches Möbelhaus wirbt, das „Stilphase“ heißt. In Worten: „Stil-Phase“. Doch diesen Aspekt muss ich mir eigens aufsagen. Denn unwillkürlich lese ich im Vorüberfahren stets nur „Stilp-Hase“ und martere mich seither mit der Frage, was das denn für ein Tier sei.

Zur Güte schlage ich vor, dass ein neues Verb „stilpen“ in die Wörterbücher aufgenommen wird. Ferner möge dort die Eigenschaft „stilpig“ festgehalten werden, meinetwegen auch in der Ableitung „stilphaftig“. Ein Mensch (oder Tier) von stilpiger Wesensart sollte kurzerhand als „Stilp“ bezeichnet werden. Beispielsweise als Stilp-Hase. Mehr will ich ja gar nicht.

Was „Stilp“ denn eigentlich bedeute? Nun, zu solchen Festlegungen kommen wir eventuell später. Warum denn immer gleich alles definieren?




Die Bestseller der NS-Zeit

Das Nazi-Regime war – wie man weiß – totalitär, und doch ging es in vielen Bereichen „ungeordnet“ bis chaotisch zu. Auch die literarischen Präferenzen waren letztlich nicht ausgemacht.

Christian Adam (Abteilungsleiter Bildung und Forschung bei der Birthler-Behörde) hat in seinem sehr materialreichen, doch nicht allzu stringent strukturierten Buch „Lesen unter Hitler“ zusammengetragen, was nur irgend in der NS-Zeit Bestsellerauflagen erzielt hat. So kommt weniger der explizite Ungeist von NS-getreuen Autoren (Johst, Blunck, Behrens-Totenohl, Vesper) zur Sprache, sondern in erster Linie populäre Publikationen.

Das Spektrum reicht von anfangs noch erlaubten Groschenheften bis zur Kinderliteratur („Heidi“, „Biene Maja“). Gewichtiger noch: Sachbücher und Ratgeber („Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, FKK-Broschüren mit „arischer“ Schlagseite, Reemtsma-Bildsammelalben zu Olympia 1936 u.a.) nehmen breiten Raum ein, was dem Leseverhalten breiter Schichten eher entspricht, als würde man nur fiktionale Literatur einbeziehen. Dabei zeichnet sich so etwas wie eine Typologie damals gängiger Erfolgsbücher mitsamt einigen überraschenden Schattierungen ab.

Die ruchlose Bücherverbrennung und die damit einher gehenden Verbote hatten 1933 praktisch alle wesentlichen Werke der Gegenwartsliteratur verbannt und vernichtet, doch was an deren Stelle treten sollte, blieb nebulös und auch unter höheren NS-Chargen umstritten. Während Propagandaminister Goebbels und seine Gefolgsleute nicht nur völkische Blut- und Boden-Literatur, sondern – ähnlich wie im Kino – auch (ablenkende, „betäubende“) Unterhaltung gelten ließen, standen der Chefideologe Alfred Rosenberg und seine Kumpane für strikte Linientreue im rassistischen Sinne. Zynisch waren beide Haltungen. Jedenfalls fühlten sich ab 1933 nach und nach eine ganze Reihe von Ministerien, Behörden und Institutionen für Zensurmaßnahmen zuständig, die einander nicht selten in die Quere kamen.

Was immer das Regime auch kulturpolitisch anstellte: All die verfemten Autoren waren nicht annähernd zu „ersetzen“. Es blieb eine Handvoll Schriftsteller, die einigermaßen achtbares Handwerk lieferten (z. B. Ehm Welk, Hans Dominik im Bereich der Science Fiction, der mondäne Schweizer John Knittel oder auch – Hans Fallada!), doch das literarische Leben lag weitgehend brach. Es kamen unter den Bedingungen der Zensur keine nennenswerten Autoren hinzu. So suchte man, notfalls durch Umdeutung, die „unverwüstlichen“ Klassiker in Dienst zu nehmen – von Goethe und Schiller bis Wilhelm Busch, von Thoma und Ganghofer bis Hesse. Und in dem Norweger Knut Hamsun hätschelte man einen Vorzeigeautor, der sich mehrfach explizit fürs NS-Regime ausgesprochen hatte.

Auf Wirrnis deuten die knapp skizzierten Lese-Biographien einiger Nazi-Größen hin. Der simple Göring simulierte anspruchsvolle Lektüren, Himmler hingegen hatte einen großbürgerlichen Hintergrund und war relativ belesen (was eben noch längst kein Wert an sich ist). Während Hitler als Karl-May-Anhänger galt, hatte der studierte Germanist Goebbels auch modernistische Neigungen.

Aufschlussreicher sind Exkurse zur Lesersoziologie und zur Entwicklung des damaligen Buchmarktes. So hat die in Kriegszeiten verfügte Papier-Rationierung wahrscheinlich stärker gewirkt als einzelne Zensurbestimmungen. Zu den Profiteuren zählte nicht nur der Nazi-Verlagskonzern Eher, sondern beispielsweise auch der seinerzeit rapide gewachsene Bertelsmann-Verlag. Immer wieder geht es um finanzielle Pfründe des (seinerzeit boomenden) Gewerbes, die sich NS-Parteigenossen sicherten – bis hin zur schamlosen persönlichen Bereicherung. Die „Arisierung“ ehedem jüdischer Verlage war eine kriminelle Vermögens-Umverteilung. Und Hitlers „Mein Kampf“ brachte Millionen Reichsmark an Autorenhonorar ein…

Als Leitsterne und Gegengifte beim Gang durch jene finsteren Zeit dienen vor allem Victor Klemperers bewegende Tagebücher von 1933 bis 1945, die das tägliche Leben und die Lektüren von damals aus leidender, kritischer Sicht in den Blick fassten. Tatsächlich muss man hier ansonsten durch viel gedanklichen Unrat waten, Adam erspart dem Leser etliche Zitate aus braunen Publikationen nicht. Einerseits gilt es, durch derlei O-Töne die ideologische Mixtur genauer kenntlich zu machen, doch sollte man nicht überdosieren. Adam hält zuweilen nur mühsam die Balance zwischen Dokumentation, Analyse und (meist geraffter) Bewertung.

Das Buch fördert mitunter erstaunliche Fakten zutage. So hat Goebbels die Krimis des Briten Edgar Wallace („Der Hexer“) geschätzt, die bis 1939 in Deutschland noch zu kaufen waren – ebenso wie etwa Werke von Georges Simenon, Aldous Huxley oder Margaret Mitchells „Vom Winde verweht“. Doch 1940 standen schlagartig 160 Wallace-Titel auf dem Index. Sämtliche Bücher aus dem Land des Kriegsgegners waren fortan verpönt. Daher konnte der schottische Romancier A. J. Cronin („Die Zitadelle“), der die englische Gesellschaft bissig kritisierte, mit reichsdeutschem Wohlwollen rechnen.

Bis etwa 1940 gab es außerdem das freilich schmal besetzte Genre des versöhnlichen, ja nachgerade pazifistisch sich gerierenden Kriegsromans, allen voran Polly Maria Höflers deutsch-französische Liebesgeschichte „André und Ursula“, die allerdings erst in den 1950er Jahren mit Ivan Desny verfilmt wurde. Und noch so eine französische Nuance: Die Bücher des vehementen Nazi-Gegners Antoine de Saint-Exupéry waren trotz allem weiter in Deutschland erhältlich. So manches wohltuend „Unzeitgemäße“ (Kästner usw.) erhielt man, so man denn hartnäckig suchte, überdies noch vereinzelt in Antiquariaten. Es waren jedoch nur noch Spurenelemente von Gedankenfreiheit.

An vielen Stellen des Buches wären Vertiefungen möglich, zuweilen wünschenswert. So würde man über einen schillernden Abenteuerbuch-Verfasser wie Anton Zischka (der seinerzeit auf Mallorca lebte) gern mehr erfahren. Auch zwei der ganz wenigen Glamour-Gestalten im Dunstkreis des Faschismus, das Jetset-Paar Elly Beinhorn (Fliegerin) und Bernd Rosemeyer (Rennfahrer), wären als Autorenduo eine genauere Untersuchung wert. Doch all das kann eine solche Überblicks-Darstellung wohl schwerlich leisten.

Umfangreichere Studien wären auch jene Literaten wert, die von den NS-Machthabern geduldet oder gar stillschweigend gefördert wurden – und die bruchlos in Lesebüchern der Nachkriegszeit an prominenter Stelle wieder auftauchten, bis in die mittleren 60er Jahre hinein. Der Humorist Heinrich Spoerl wäre hier ebenso zu nennen wie etwa Erwin Guido Kolbenheyer, Werner Bergengruen, Hans Carossa und Ina Seidel. Allesamt keine genuin faschistische Literatur, doch bar jeder Widerständigkeit und also kompatibel.

Christian Adam: „Lesen unter Hitler“. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Verlag Galiani Berlin. 384 Seiten mit Abbildungen. 19,95 Euro.




„Tatort“-Buch: Mord an der Sprache

„Tatort“-Städte sehen im Fernsehen ganz anders aus als in der Wirklichkeit. Nun ja, man hat es sich wohl gedacht, dass uns bei der Gelegenheit keine 1:1-Realität dargeboten wird.

Doch mehr noch: Komplette Szenenfolgen werden gleich ganz woanders gedreht. So entstehen etwa Münsteraner „Tatorte“ der Logistik wegen (WDR-Zentrale mit allen Schikanen am Ort) weitgehend in Köln. Auch befinden sich alle (!) Tatort-Kommissariate des SWR in einem einzigen Gebäude zu Baden-Baden. Okay, das sind auch keine Sensationen, aber es klingt schon interessanter, weil konkreter. Doch die Verfasser eines neuen Sachbuchs mögen’s auf weite Strecken lieber wolkig.

In insgesamt 17 Beiträgen erscheint die populärste deutsche Krimireihe zumeist als schieres Konstrukt regionaler Zuschreibungen, die oft genug in Klischees abgleiten. Der Untertitel des Bandes lautet „Mediale Topographien eines Fernsehklassikers“. Damit deutet sich bereits das Elend eines „hochwissenschaftlich“ sich gebenden Jargons an, der das Gros der Beiträge infiziert hat, als hätte man sich zuvor ganz bewusst auf sprachliche Hässlichkeit geeinigt. Am Ende ist man als Leser reichlich verstimmt, denn man hat viel Zeit darauf verwendet, relativ überschaubare Erkenntnisse in verbal fürchterlich aufgeblasener Form zu goutieren. Hier müssen wir einfach ein paar beispielhafte Zitate anheften:

„Die verräumlichenden Filmerzählungen der Tatort-Reihe ordnen ihre lokalisierenden Elemente nämlich sowohl in topologisch relationierenden als auch in topographisch repräsentierenden Operationen an.“

Schon ganz gut, nicht wahr? Aber genießen Sie weiter, schlagen Sie zum Exempel Seite 56 auf. Sie werden es nicht glauben, aber Einstellungen zur Welt, die

„…aus sozialphänomenologischer Perspektive als ‚Doxa‘ bezeichnet worden sind, können allerdings zu ,Orthodoxien‘ werden, wenn ihre präreflexive Wirksamkeit infrage gestellt wird.“

Wie? Es reicht Ihnen schon? Nichts da! Hiergeblieben! Hergehört:

„Eher scheint es sich um einen filmischen Beitrag zur diskursiven Herstellung und räumlichen Verortung eines internen Anderen zu handeln, das erst in seiner referenziellen Alterität zum möglichen Objekt wird.“

Halt! Wozu und für wen wird hier eigentlich geforscht? Es beschleicht einen der Verdacht: Nur noch für die eigene (Uni)-Karriere, indem man ein lachhaftes verbales Imponiergehabe auf die Spitze treibt.

Ein so breitenwirksames Thema wie der „Tatort“ ließe sich wahrlich in anderem Stile behandeln, ohne dass man in der Denkschärfe nachlassen müsste. Hier aber will man offenkundig unter sich bleiben. Wohl deshalb wird der einfache Umstand, dass etwas vorher geschehen ist, in diesem Buch fast durchweg mit dem Verrenkungs-Wort „vorgängig“ umschrieben. Gern verwenden diverse Autoren auch Bescheidwisser-Vokabular wie „establishing shots“ und „televisuell“. Dass Handlungsorte der Krimis gelegentlich auf Stadtrundfahrten besucht werden, wird hier mit der Wortschöpfung „Thanatourismus“ belegt.

Selbst über die simple Tatsache, dass mit den „Tatort“-Folgen nach und nach eine (föderale) Krimi-Landkarte Deutschlands entsteht, kann man verquast und ungelenk schreiben, indem man drei „Hauptrichtungen der Topographie“ aufruft und gravitätisch feststellt:

„Die erste geht davon aus, dass den in der Karte manifest werdenden Bemühungen der Kartographen eine äußere Welt vorausgegangen sein muss, die durch eine Karte verstehend erfasst werden sollte…“

Donnerwetter!

Zur Selbstparodie gerinnt das Ganze, wenn die Verfasser eine Übersetzung gleich mitliefern: Wir lernen, dass ein Odenthal-Tatort

„…den Konstruktcharakter der fiktionalen Welt hervorhebt und so mit dem selbstreferenziellen Potenzial des Genres spielt. Anders gesagt: Solche Tatort-Folgen verweisen auf sich selbst.“ Stimmt. So hätte man’s auch sagen können.

Unfreiwillig komisch wirkt auch das Aufeinanderprallen verschiedener Sprachebenen in der Passage, die Einzeltitel von Duisburger Schimanski-Tatorten nennt, auch „solche, die assoziativ instantan mit dem Ruhrgebiet verbunden werden wie ,Der Pott‘ oder ,Schicht im Schacht‘.“

Ich fürchte, „instantan“ wird jetzt sogleich eines meiner Lieblingsworte. Und dies ist eine meiner Lieblingsstellen:

„…dass dieser Hamburger Tatort mit der hybriden, liminalen Figur des Batu neue, hybride Räume erschließt, die mit seiner auf Differenz gegründeten Figur korrelieren.“

Nein, das ist überhaupt kein Deutsch mehr. Auch ist es keine Ableitung aus dem Griechischen oder Lateinischen. Das ist Mord an jeglicher Sprache.

Julika Griem/Sebastian Scholz (Hrsg.): „Tatort Stadt“ – Mediale Topographien eines Fernsehklassikers. Campus Verlag. 329 Seiten. 34,90 Euro.




Eine Zeit in der Hölle

Zwei Halbwüchsige, Bruder und Schwester, haben ihre Eltern bei einem Autounfall verloren. Seither bleiben auch ihre Nächte seltsam taghell. Es ist ein bedrohliches Gleißen in der Welt. Immerzu. Und alle Nähe ist zunichte. Die Geschwister fühlen sich „wie Vögel in einem Sandsturm“. Es gibt keine Zuflucht.

Roberto Bolaños illusionslos lakonischer, nur 110 Seiten starker „Lumpenroman“ bewegt sich sehr nah am erlittenen Augenblick und wirkt zugleich verhangen, traumverloren, surreal; ganz so, als könne dies alles nicht wirklich sein, als sei die Realität rundum ausgetröpfelt. Zitat: „…wobei wirklich nur eine andere Unwirklichkeit bezeichnet, eine weniger zufällige, besser gerüstete Unwirklichkeit…“ Unversehens, in den schlaflos hellen Nächten, blitzen manchmal Gesichte und Visionen auf.

Bruder und Schwester verharren im wunschlosen Unglück, sie können nicht einmal richtig weinen oder den Verstand verlieren. „Wider Erwarten ging das Leben unverändert weiter.“

Ohne je in einen Klageton zu verfallen oder aufzubegehren, beschreibt die Schwester als Ich-Erzählerin namens Bianca desolate Zustände. Die Waisen verdingen sich mit niederen Jobs. Sie hilft in einem Frisiersalon aus, er in einem Bodybuilding-Studio. Ganz unten. Dort, wo man völlig ratlos oder besonders klarsichtig sein kann.

Ihre „Freizeit“ besteht aus schier endlosen Fernseh-Sitzungen. Ohne Lust, um die Zeit zu töten und um vollends fühllos zu werden, leihen sie sich in Videotheken Dutzende Pornos aus. Sie rauschen halt vorüber.

In einem Frauenmagazin füllt die Schwester einen Fragebogen aus. Auszug:

„Wenn Du ein Fisch wärst, welche Art Fisch würdest Du sein?
Einer von denen, die man als Köder verwendet…“

So wird es kommen. Eines Tages tauchen zwei Kumpane des Bruders auf und setzen sich in der Wohnung fest. Einfach so. Fraglos. Rätselhafte Typen. Sie bleiben anonym, werden lediglich als Bologneser und Libyer bezeichnet. Sie sind von einer kriminellen Aura latenter Gewaltsamkeit umwölkt, doch sie bleiben stets höflich und räumen regelmäßig die Wohnung auf. Auch scheinen sie selbst kläglich einsam zu sein. Von Zeit zu Zeit schläft die Schwester mit je einem der beiden. Sie will dann gar nicht wissen, mit wem.

Irgendwann planen die drei Männer einen verworrenen Coup. Die Schwester wird als erotischer Köder auf den erblindeten Ex-Schauspieler (Spezialität: Gladiatorenschinken) und einstigen „Mister Universum“ Maciste angesetzt. Nacht für Nacht gibt sie sich dem monströsen Muskelmann hin – und sucht in der weitläufigen Villa vergebens nach dem Tresor. Nicht lustlos, ja sogar mit Anflügen von Liebesähnlichkeit vollzieht sich der allnächtliche Akt. Vielleicht ist es ja nur die Sehnsucht nach wohltuender Stille vor Ausbruch des Wahnsinns. Doch Bianca wachsen tatsächlich neue Kräfte zu, als wäre sie endlich im Leiden gestählt. Sie schickt den Bologneser und den Libyer fort. Und das war es. Kein Wort und keine Geste zu viel in diesem Roman.

Der allererste Satz des Buches hatte so gelautet: „Jetzt bin ich Mutter und auch eine verheiratete Frau, aber vor gar nicht langer Zeit war ich eine Kriminelle.“ Damit begann der unentrinnbare Sog, eine Zeit in der Hölle.

Der vor einigen Jahren verstorbene Chilene Roberto Bolaño (1953-2003) ist mit Büchern wie vor allem dem Riesenroman „2666“ zur unverhofft (und spät) entdeckten Größe der Weltliteratur geworden. Auch der kurz vor dem Tod verfasste „Lumpenroman“ (Originaltitel „Una novelita lumpen“) kann nur Teil eines großen Werkes sein. Man spürt es – noch in der Übersetzung – in jeder Satzmelodie.

Roberto Bolaño: „Lumpenroman“. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Carl Hanser Verlag, 110 Seiten. 14,90 Euro.




Schlingensief: Erst kommt das Chaos des Lebens

Der Regisseur Christoph Schlingensief ist mit 49 Jahren an Krebs gestorben. Im November 2006 hatte er einen nunmehr doppelt denkwürdigen Auftritt im Dortmunder Konzerthaus. Dieser zwangsläufig noch nicht pietätvolle Artikel des jetzt trauernden B. B. stand am 15.11.2006 in der Westfälischen Rundschau und lässt vielleicht ein wenig ahnen, wie vital und springlebendig Schlingensiefs irrlichternder Geist gewesen ist. So viele überschießende Ideen wie er haben jedenfalls nur wenige Menschen. Längst nicht alle hat er ins Werk setzen können.

Dortmund. Konzerthauschef Benedikt Stampa hat das Publikum gewarnt: Heute werde es kulturell „ans Eingemachte“ gehen. Kein leeres Versprechen. Denn der Mann, der danach die Bühne betritt, ist Christoph Schlingensief. Dieser umtriebige Aktionskünstler, Theater- und Filme-Macher („Terror 2000“) gilt vielen als „Provokateur“ und „Enfant terrible“ der Szene. Wegen des enormen Andrangs ist der Auftritt (in der Reihe „Lektionen zur Musikvermittlung“) vom Foyer in den großen Saal verlegt worden.

Schlingensief (46) ist gebürtiger Oberhausener – wie Hape Kerkeling. Noch so ein witziger „Entlarver“. Kommt ‚rein, wirft Rucksack und Jacke achtlos hin, entert wie im Handstreich das Rednerpult. Eine Performance beginnt. Schlingensief spricht ohne Punkt: über Gott, Gesellschaft, Kindheit, Welt. Erst kommt das Leben mit Urängsten, Urantrieben. Dann vielleicht Kultur. Zum Schluss die blöden Kritiker.

Oft macht er den Klassenkasper, doch stellenweise erinnert er an einen sendungsbewussten Power-Prediger, freilich um Selbstironie bereichert. Schlingensief als „Maschinengewehtr der Anarchie“? Mit Chaos und Taumel ist er jedenfalls per Du. „Deswegen mögen mich Leute mit Bausparvertrag nicht.“ Das Leben sei nun mal ungeordnet und rasch vergänglich. In sieben Jahren (so führt er ein Zitat von Joseph Beuys fort) könne sowieso alles zerstört sein, dann gebe es statt des Konzerthauses vielleicht wieder den Drogenstrich…

Und inhaltlich? Schwer zu sagen. Ein paar Vorlieben und Abneigungen kristallisieren sich jedoch heraus. Alle Wege, die geradeaus führen sowie einfach belichtete Filme, Menschen und Dinge sind Schlingensief ein Graus.

Schluss mit den Festlegungen! Her mit den vielfach überblendeten, undeutlichen Verhältnissen; mit dunklen Momenten zwischen den (Film)-Bildern. Oder mit dem Übermaß, in dem man sich vor andrängenden Bildern nicht mehr retten kann. Hier geschehe, ob in Kunst oder Leben, das wahrhaft spannende.

Sein manischer Redefluss gefällt nicht jedem. Alsbald stürzt ein erboster Herr aus dem Saal und ruft Schlingensief zu: „Machen Sie weiter mit Ihrem Geschwätz!“ So nennt er, was durch den kreativen Kopf kreist und schnell zur Zunge drängt. Dabei hat Schlingensief etliches erlebt und gelesen. Ganz gewiss kein Dummkopf, sondern einer, der aus Wirrnis munter schöpft. Einer, der sich alle (Narren)-Freiheit nimmt und das wilde Denken zelebriert.

Zudem ist er ein Entertainer, begabt auch fürs spontane Impro-Theater. Wie er den Stil der Dirigenten von Bayreuth (Boulez, Thielemann) parodiert, wo er als Regisseur den „Parsifal“ in Bilderfluten getränkt hat! Übrigens: Auch Richard Wagner sei unsteter Chaot gewesen und somit lebensnah.

Wenn Schlingensief durch assoziative Achterbahnen saust, von Wagner auf seine eigenen Eltern, Marihuana und katholische Demut kommt, dann blitzt es zuweilen – oder läuft ins Leere. Egal.

Den Spruch, er sei ein „Provokateur“, mag Schlingensief nicht mehr hören: „Wenn ich einer bin, was sind dann die Politiker?“ Für den wohlfeilen Satz gibt’s Szenenapplaus.

Schließlich noch sein kurzer Dialog mit Holger Noltze, der den Dortmunder Studiengang „Musikjournalismus“ leitet und tapfer versucht, Schlingensiefs Gedanken ein wenig zu sortieren. Zwecklos.

(Bild: Schlingensief bei der Verleihung des Nestroy-Preises, 2009 – Copyright Manfred Werner/Tsui – Wikipedia Creative Common Lizenz)




Ottmar Hörl: Haufenweise Kunst-Stoff

Es juckt mich schon lange, einmal über den Künstler Ottmar Hörl zu schreiben. Nur gleich frisch heraus mit meiner Meinung: Seine auffälligen Aktionen langweilen durch penetrante Wiederholungsträchtigkeit. Auch halte ich sie weder für gedankenreich noch für gedankenstiftend.

Jetzt ist der Hansdampf wieder zugange, diesmal auf dem Marktplatz zu Wittenberg, wo er gleich 800 Plastik-Figuren des einstmals ortsansässigen Martin Luther aufstellen lässt. Wenig einfallsreicher Titel der Aktion: „Martin Luther – Hier stehe ich.“ Er kann eben nicht anders. Bis zum 12. September sollen die grünen, roten, blauen und schwarzen Reformatoren in Wittenberg zu sehen sein, anschließend werden sie für 250 Euro pro Stück verkauft (signiert je 500 Euro, ab 2011 dann 700 Euro).

Der Süddeutschen Zeitung (SZ) ist dieses einfältige Brimborium heute sogar ein Aufmacherbild auf der Titelseite wert. Nun ja, `s’ist Sauregurkenzeit. Und ein Fotomotiv geben Hörls Installationen allemal her. Noch stark untertrieben ist die SZ-Bildzeile: „Hörl besitzt viel Erfahrung mit serieller Kunst.“

Das kann man wohl sagen. Im Grunde geht er seit Jahren mit einer einzigen Hauptidee hausieren. Grundmuster: Man nehme eine Stadt, dazu in rascher Assoziation eine passende Klischeefigur, reproduziere diese vielhundertfach in Kunststoff, stelle die multiplen Objekte just am Ort der Legende auf, warte möglichst einen plakativen Anlass (Großveranstaltung, Jubiläum) ab und gebe dem vermeintlichen Genius loci kräftig Zucker. Bloß nicht zu subtil werden. Fertig ist die Chose. So geht es immer, immer wieder.

Wir blicken zurück und nennen nur die spektakulärsten Beispiele:

2000 Berlin: Unter den Linden versammelt Hörl 10 000 – na, was wohl? Richtig: Bären (schmerzlicher Titelgag: „Berlin-Baerlin“).

2003 Nürnberg: Hörl postiert 7000 figürlich nachempfundene Dürer-Hasen auf dem Hauptmarkt.

2004 Athen: Zu den Olympischen Spielen bringt Hörl 10 200 Eulen in die griechische Hauptstadt. Abgründig vordergründiger Hintergedanke: „Eulen nach Athen tragen“.

2005 Bayreuth: Hörl lässt 800 Neufundländer aufstellen, denn dies war die Lieblings-Hunderasse des Festspiel-Präzeptors Richard Wagner. Aha.

2005 Rottweil: 500 Rottweiler.

2007 Wiesbaden: 3000 „hessische Löwen“ vor der Staatskanzlei.

2009 Krakau: 1500 Hermeline. Warum? Na, weil in der polnischen Stadt doch Leonardo da Vincis Gemälde „Dame mit dem Hermelin“ hängt…

2009 Straubing: 1200 Gartenzwerge, die jeweils die rechte Hand zum Hitlergruß heben. Fürwahr eine preiswerte, um nicht zu sagen billige Provokation. Der flexible Hörl hat aber auch einen „Sponti-Zwerg“ im Angebot, welcher den Stinkefinger zeigt.

2010 Mülheim: Auch in der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet lässt sich Hörl seriell nicht lumpen. Vor dem Aquarius Wassermuseum tummeln sich 300 Seelöwen.

Genug! Wahrlich genug!

Der veritable Professor Ottmar Hörl, der gar als Präsident der Nürnberger Kunstakademie firmiert, bietet in seinem Online-Shop noch etliche weitere Aktionsfiguren feil: Mops, Pinguin, Erdmännchen, Ratte, Rabe, Steckenpferd oder gestiefelter Kater gefällig? Kein Problem, alle Tierchen sind vorhanden.

Viel Kunststoff also. Und die Kunst?




Entwurzelter Riese

Einen Elefanten von Lissabon nach Wien bringen? Mit etlichen Mühen und ausgeklügelter Logistik kann es gelingen. Wie aber hat man das im 16. Jahrhundert angestellt, als noch kaum ein Europäer je einen Elefanten zu Gesicht bekommen hatte?

Anno 1551 vollzieht sich ein solcher Haupt- und Staatsakt mit Hintergedanken: Der König von Portugal (Johann III.) schenkt dem Herrscher von Spanien just den Dickhäuter Salomon (später Soliman genannt). Insgeheim will der König mit dieser Zeremonie einen lästig gewordenen, zudem höchst gefräßigen Kostgänger loswerden und ihn dem weitläufigen Verwandten Maximilian (seinerzeit Statthalter in Spanien für Kaiser Karl V.) aufhalsen – mitsamt dem Elefantenführer, dem indischen Mahut namens Subhro. Der ist der einzige, der mit dem exotischen Tier artgerecht umgehen kann. Diese Fähigkeit nutzt er, seiner subalternen Stellung zum Trotz, listig aus.

Auf historischen Vorgaben fußt „Die Reise des Elefanten“, der letzte Roman des im Juni verstorbenen portugiesischen Nobelpreisträgers José Saramago. Doch das geschichtliche Gerüst wird weit überwölbt von literarischer Kunst.

Ein wenig irritierend zunächst, dass Saramago ganze Dialogfolgen nur durch Kommata trennt und somit in langen Satzketten aufzieht. Doch man gewöhnt sich rasch daran. Das Stilmittel fügt sich sogar bestens zu den höfisch ziselierten Umständlichkeiten, die sich hier immer wieder zur Farce verdichten. Groteske Zeremonien und lachhafte Hierarchien machen jedes Unterfangen doppelt schwierig; erst recht eine Herkules-Aufgabe wie den Elefantentransport durch den halben Kontinent. Eigentlich ist das ganze Unterfangen ein Irrwitz, um des schönen Scheins willen verfügt vom Monarchen und zähneknirschend auszuführen von niederen Chargen.

Machtpolitisches Misstrauen und religiöse Konflikte im Spannungsfeld von Reformation, beginnender Gegenreformation (und Inquisition) wirken erschwerend mit hinein. Ach, Europa! Als der Elefant vor der Basilika von Padua niederkniet (dank einer vom Klerus dringlich erwünschten Dressur durch den Mahut), deuten die Katholiken dies nur zu bereitwillig als „Wunder“. Bei den Habsburgern, die bereits dem Protestantismus zuneigen, ist dies hingegen nicht opportun. Auf solch spiegelglattem Gelände hat sich schon die bloße Übergabe des Elefanten im portugiesisch-spanischen Grenzgebiet recht heikel gestaltet. Doch das alles ist noch nichts gegen die lebensgefährliche Überquerung der Alpen im eisigen Winter. Sagt da jemand „Hannibal“? Ja, auch der wird mal kurz als Bezugsgröße erwähnt.

Immer wieder wird das damalige „Hier und Jetzt“ auch aus der Perspektive späterer Epochen betrachtet und damit sanft, aber bestimmt relativiert und in seiner zeitlichen Bedingtheit herausgestellt. Freilich geht es dabei recht diskret zu, als sei man nur heimlich zu Gast in jenen Jahren.

Auch der rigide Deutungsanspruch der christlichen Konfessionen wird durch Vergleiche in Zweifel gezogen, denn da wäre ja auch noch der Hinduismus mit seinen Elefanten-Gottheiten. Überhaupt duldet flagrante Fabulierfreude keine allzu starren Fakten, in ihrem Fluge schert sie sich nicht um „diese verdammte Realität“, wie es an einer Stelle heißt. Als Schreibender muss man wohl wendiger sein als die träge Wirklichkeit.

Der nahezu allwissende Erzähler, der sich allerdings selbst ironisch nimmt, schwebt leichthin über den Dingen, ist ihnen (gemeinsam mit den Lesern) manchmal voraus, stolpert jedoch auch schon mal hinterdrein. Zitat: „Wir werden nicht mehr dabei sein, wenn sie den Rückweg ins Dorf organisieren.“ Oder: „Wir werden laufen müssen, um sie einzuholen.“ Dabei schreitet dieser Roman so langsam voran ein Elefant.

Das mag in etlichen Passagen betulich und behäbig klingen, sorgt aber auch für einen ruhigen Erzählfluss, dem ein unaufgeregtes Alltagswissen entspricht, das eben alle Hierarchien hinter sich lässt. Und so rückt in all den kleinen oder größeren Wirren auf der langen Strecke jener indische Mahut mehr und mehr ins wahre Gravitationszentrum des Geschehens, noch vor allen erlauchten Häuptern, grimmigen Soldaten oder geknechteten Ochsenkarrenziehern. Dieser Mahut ist ein weiser, verschmitzter Narr, der sich stets sein Teil denkt, sich aber nicht gern den Mund verbrennen möchte. Und so lässt er manche Verletzungen seiner Würde stillschweigend über sich ergehen. Denn wer weiß, ob man ihn in Wien noch brauchen oder zum Teufel jagen wird?

Der gleichfalls heimatlose, entwurzelte Elefant scheint sich derweil um nichts zu bekümmern – außer ums Fressen, das man ihm auch unterwegs tonnenweise herbeischaffen muss. Ansonsten weiß er nicht, wie ihm geschieht auf der langen Reise. Dieser Umstand gewinnt bei Saramago existenzielle Bedeutung, wenn er den Mahut sinnieren lässt: „Ich glaube, in Salomons Kopf vermischen sich das Nichtwollen und das Nichtwissen zu einer großen Frage über die Welt, in die man ihn hineinversetzt hat, aber diese Frage betrifft ja uns alle, uns und die Elefanten.“

Ein Satz, bei dem man wie unterm endlos weiten Sternenhimmel steht.

José Saramago: „Die Reise des Elefanten“. Roman. Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. Verlag Hoffmann und Campe. 236 Seiten. 19,95 Euro.




Paul Auster: Aufregend ungewiss

Schon die Umschlaggestaltung des Buches deutet auf vergangene Zeiten hin. Doch die können bekanntlich weiter wirken. Paul Austers neuer Roman „Unsichtbar“ führt zurück bis 1967. Da ist der hochbegabte Schönling Adam Walker gerade mal 20 Jahre alt, studiert an der Columbia University in New York und träumt von einer Laufbahn als Schriftsteller.

Auf einer Party spricht ihn ein mephistophelischer Typ an. Der sonst in Paris lebende, 36-jährige Rudolf Born ist Gastprofessor für Politik und bietet Walker einen geradezu faustischen Pakt an, bei dem vielleicht die Seele auf dem Spiel steht: 25000 Dollar für eine Literaturzeitschrift, die Walker weitgehend nach Gusto gestalten darf. Einfach so. Weil Born erklecklich geerbt hat und der Novize ihm gefällt. Oder treibt er etwa nur ein hinterhältig zynisches Spiel mit ihm? Auch auf diese Idee könnte man verfallen, wie auf so viele andere, die einander irritierend überlagern. Der Leser muss hier vielen Fährten folgen.

Virtuos und postmodern zirzensisch spielt Auster die Möglichkeiten durch: Die kunstvoll angerichtete Fiktion will es, dass der inzwischen todkranke Walker im Jahr 2007 autobiographisch zurückblickt. Einem Jugendfreund, der es zum prominenten Schriftsteller gebracht hat, sendet er die Manuskripte zur Prüfung und Bearbeitung. Schon dadurch kommen Verschiebungen und Brüche in Spiel. Jede Aussage wird relativiert, beginnt gleichsam zu flimmern und zu funkeln.

Die drei großen Teile der Geschichte werden aus verschiedenen Perspektiven erzählt, die immer mehr Distanz zum Geschehenen schaffen: zuerst aus Ich-zentriertem Blickwinkel, dann aus halbnaher Du-Draufsicht, schließlich aus fahrigem, nur noch skizzenhaftem Er-Abstand. Zitat nach dem ersten Drittel der Erzählstrecke, mit Bezug zum Titel: „Indem ich von mir selbst in der ersten Person schrieb, hatte ich mich lahmgelegt, mich unsichtbar gemacht…“ Wie denn überhaupt der Erzählende hier mal sichtbar und mal im Verborgenen Fäden zieht. Sinnfälliges Beispiel aus einer Bibliothek, in der Walker als Student jobbt: Wird dort ein Buch an falscher Stelle eingeordnet, bleibt es auf Jahre hinaus oder für immer unauffindbar, also gleichsam „unsichtbar“. Ähnliches dürfte auch für Verdrängtes im Leben gelten.

Die Formenspiele mit Erzählmustern könnten ins Akademische oder Metaliterarische abdriften, doch Auster meidet diese Klippen. Die Ortsmarken (New York, Columbia University, Paris) liegen auf seiner eigenen Lebenslinie. Aber sein Buch ist ein zuweilen teuflisches Vexierspiel, das realistische Vorgaben weit hinter sich lässt.

Verstörende Vorfälle rufen die gewaltigen Urthemen Eros und Tod auf. Rudolf Borns rätselhaft schweigsame Geliebte Margot lässt sich auf eine mehrwöchige Affäre mit Adam Walker ein. Weiß Born davon, hat er die sexuelle Gelegenheit gar herbeigeführt? Und wie riskant ist es, wenn Walker die Beziehung zu Margot bei einem Studienaufenthalt in Paris wieder anknüpft? Sein Credo ist jedenfalls eindeutig: „Sex ist der Herr und Heiland, die einzige Erlösung auf Erden.“

Doch der Tod ist eine mindestens ebenbürtige Kraft: Ein Farbiger will in einer New Yorker Nacht einen Raubüberfall auf Walker und den sinistren Born verüben. Letzterer hat den Kleingangster nicht nur in vermeintlicher Notwehr erstochen, sondern ihn (als Walker einen Arzt rief) hernach in der Finsternis offenbar regelrecht abgeschlachtet. Dabei war die Waffe des Schwarzen nicht einmal geladen. Hätte Walker die Tat verhindern können? Um nicht in Selbstvorwürfen zu ersticken, ist er fortan wie besessen von dem Gedanken, dass Born seine Tat sühnen müsse. Er schickt sich an, das Leben des Professors zu zerstören…

Der Mord wird im Laufe des Buches ebenso wenig „aufgeklärt“ wie etwa die Inzest-Orgien, die Walker eine Zeitlang mit seiner geliebten Schwester Gwyn zelebriert haben will. Hier wetterleuchtet auch noch die fatale Familiengeschichte hinein: Der kleine Bruder der beiden ist vor Jahren ertrunken.

Die mit Inbrunst betriebene, doch vielfach prismatisch gebrochene und letztlich vergebliche Suche nach „Wahrheit“ beschreibt den Spannungsbogen dieses grandiosen Romans. Auch zwischenzeitlich eingestreute Gerüchte, Born sei vielleicht Geheimdienstler (also auch so ein „Unsichtbarer“) und habe im Algerienkrieg für Frankreich gefoltert, bleiben bloße Spekulation, fügen der Handlung jedoch weitere Energiefelder hinzu. Elektrisierende Ungewissheit allenthalben.

Unauslotbar geheimnisvoll sind auch die Charaktere. Wie Gespenster irrlichtern sie durch ihr Dasein, manchmal nahezu unsichtbar. Rückblickend betrachtet, sind sie vielleicht nur ein Hauch auf Erden gewesen.

Ohne seine Figuren jemals zu überfrachten, gelingt es Auster überdies, an ihrem Beispiel wechselnde geschichtliche Verhältnisse darzulegen, zumal vor dem Horizont des Vietnamkriegs und der anschwellenden Proteste in den USA und Europa, wo man um 1967/68 schon mit anderen Wassern gewaschen zu sein scheint als in den Staaten.

Auch bei der Historie hat es nicht sein Bewenden. Überzeitliche Fragen klingen an: Wie viel Grausames darf und muss man Mitmenschen im Namen der Gerechtigkeit zumuten? Welche Spuren kann jemand in der Welt hinterlassen? Wann wird eine Tat unverzeihlich und ist nie wieder gutzumachen? Stoff für eine halbe Ewigkeit.

Paul Auster: „Unsichtbar“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Schmitz. Rowohlt. 316 Seiten, 19,95 Euro.




„Still-Leben“ auf der A 40: Utopie, Leute!

Man sage, was man will – übers „Still-Leben“ auf der A 40, an dem heute einige Hunderttausend Revierbewohner und ihre Gäste teilgenommen haben. Angeblich sollen es sogar fast 3 Millionen gewesen sein. Doch die genaue Zahl ist fast egal. Weitaus wichtiger ist dies: Es hatte durchaus mehr als nur einen Hauch von Utopie.

Das gesamte Spektrum der Bevölkerung war dabei, wenn auch vielleicht nicht im exakten demographischen Mischungsverhältnis, so doch in ganzer Tiefe und Breite.

Wie all diese Menschen für einen halben Tag den Straßenraum eingenommen haben, der sonst dem dröhnenden (oder gestauten) Motorverkehr vorbehalten ist! Und wie friedlich dies alles war! Wie viele Formen des Schöpferischen da zum Tragen kamen! Wie viele Leute da gesungen, gesummt, gelacht oder stillvergnügt gelächelt haben. Wie sich das zu wirklicher, wirksamer Kultur summiert hat.

War das denn etwa nicht, um in Anlehnung an den Hoffnungs-Philosophen Ernst Bloch zu reden, der Vorschein eines anderen, eines besseren Lebens?




Theater fressen Texte auf – eine Polemik

Besser wär’s vielleicht, man ließe die Finger vom Thema. Denn hierbei gerät man ganz leicht in die Nähe der rituell ratternden Empörungs- und Skandalisierungs-Mechanismen der Boulevardpresse. Aber sei’s drum:

Beruflich bedingt, bin ich früher öfter ins Theater gegangen, meist in NRW, gelegentlich darüber hinaus. Jetzt muss ich dieser Pflicht nicht mehr nachkommen, sondern darf aus freien Stücken wählen. Und was soll ich sagen? Ich gehe kaum noch hin. Mir fehlt wenig. Ich vermisse das landesübliche Treiben auf den Bühnen nicht allzu sehr. Nur selten stellt sich ein kleiner Phantomschmerz des Verlustes ein. Alle anderen Kultursparten liegen mir inzwischen näher, fürchte ich.

Warum ist das wohl so?

Ich zitiere: „…was ich am langweiligsten finde: dass sich die jungen Regisseure heute so als Erfinder aufspielen. Die schreiben ihre eigenen schlechten Texte in die Stücke hinein. Das ist so blöde und eigentlich eine Frechheit. Wir sind, jedenfalls im Theater, in einem kulturellen Tief…“

Die vorigen Sätze stammen aus André Müllers Interview mit den Theaterregisseur Luc Bondy, das die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kürzlich (am 4. Juli) abgedruckt hat. Bondy, dieser wundervolle Theatermann, spricht mir aus dem Herzen, auch mit diesem Nachsatz: „…weil die Regisseure, um die Kritiker zu beeindrucken, dauernd interpretieren und irgendwelche Ideen haben, was ich grauenvoll finde.“

Die Welt in Blut
und Sperma tauchen

Gewiss: Man hat im Laufe der Jahre etliche, durchaus beglückende Inszenierungen mit grandiosen Menschendarstellern sehen dürfen, so auch just von Bondy oder von Andrea Breth und einigen anderen.

Doch allzu oft musste man wahren Orgien beiwohnen, die mit den jeweiligen Stücken kaum noch zu tun hatten, sondern nur mit den weit überschießenden, elend selbstgefälligen Kopfgeburten der jeweiligen Regisseure. Das „Überschießen“ war häufig recht wörtlich zu nehmen, handelte es sich doch vielfach um weltverachtendes „Spritztheater“ mit allerlei sexuellen Abweichungen, mit Blut, Schweiß, Tränen, Kotze, Kot, Pisse und Sperma. Menschen, die sich jederzeit wohlfeil übers Ekelfernsehen der Privatstationen aufregen würden, produzieren haufenweise Ekeldramaturgie.

Denn eins gilt ja gemeinhin als ausgemacht: Der ekle Zustand von Welt und Gesellschaft lässt sich längst nicht mehr beschönigen. Und also wird man als Zuschauer ins Wechselbad getaucht: Mal werden Stücke haltlos verjuxt oder – noch weitaus häufiger – in ausweglose Depression getrieben. Immer aber: gründlichst „umgedeutet“ und (oh, Hasswort!) „entstaubt“; ganz so, als wären etwa Schiller und Kleist nur noch staubige Gesellen.

Die Texte, ob nun klassischer oder neuerer Machart, werden (falls nicht ohnehin rabiat gekürzt) gern nur noch achtlos genuschelt, ja vor die Kartenkäufer hingerotzt. Mögliches Motto der permanenten Publikumsverachtung: „Da habt’er euern Scheißtext. Seht doch zu, was ihr damit anfangt, ihr ***“ Dabei haben sich solche „Provokationen“ doch längst erledigt. Es gibt keine Tabus mehr.

Selbstverwirklichung
der Regisseure

Wie viele hundert Stunden hat man damit verbracht, der rücksichtslosen Selbstverwirklichung halbgarer Regie-„Talente“ zuzuschauen; quälend langwierig mitunter schon an einem Abend, auf Dauer besehen ein ruchloser Raub an Lebenszeit. Häufig hat man diese kulturförmigen Maßnahmen nur noch „abgesessen“. Saison für Saison ein anschwellender Verdruss.

Irgendwann war‘s dann so weit: Man hat verschämt dem vormals als naiv belächelten und in der Theaterszene flugs „erledigten“ Hamburger Ex-Bürgermeister Klaus von Dohnányi beipflichten können, der „seine“ Klassiker hat wiedererkennen wollen. Es ist stets problematisch, wenn sich Politiker in solche Belange einmischen. Auch mag der Hanseat seinen Einwurf ungeschickt und schon gar nicht szenekompatibel formuliert haben, doch hatte er deswegen völlig unrecht?

Außerdem ist er keineswegs allein geblieben mit seiner Auffassung – und wir reden hier nicht von so genannten „Spießern“. Luc Bondy habe ich bereits erwähnt. Doch auch sonst mehren sich die gewichtigen, sachkundigen Stimmen, die mit allfälligen Auswüchsen des so genannten „Regietheaters“ harsch ins Gericht gehen – aus wechselnden Motiven und Perspektiven, doch letztlich mit ähnlicher Stoßrichtung.

Seit etlichen Jahren führt beispielsweise der FAZ-Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier scharfzüngige Gefechte wider die vermeintlichen „Tabubrüche“ auf deutschen Bühnen. In letzter Zeit haben Schriftsteller wie Daniel Kehlmann (zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2009) und Sibylle Lewitscharoff (im Rahmen der „Hamburger Begegnung, Mai 2010) gegen die Anmaßungen so mancher Theaterleute gewettert.

Statt Wilhelm Tell ein
Onanist in Nazi-Uniform

Im Magazin der Süddeutschen Zeitung schrieb der Journalist und Autor Rudolph Chimelli, er hätte gern einige Jahrzehnte früher gelebt, denn dann hätte er „Opern sehen können, wie deren Komponisten sie sich gedacht hatten, nicht so, wie Regisseure, die auf Originalität versessen sind, sie heute inszenieren. Im Theater hätte ich nicht erleben müssen, dass, wenn ich eigentlich den Reden Wilhelm Tells oder Hamlets lauschen wollte, der Herausgeber der Wochenzeitung ,Der Stürmer‘ Julius Streicher auf der Bühne onaniert.“

Dass solche Äußerungen des Unmuts und Überdrusses ebenso angreifbar sind wie dieser Beitrag, steht außer Zweifel. Aber sie sollten diskussionswürdig sein und nicht einfach mit Abwehrreflexen abgetan werden. Damit, dass Theaterleute immer gleich ihre Freiheit(en) bedroht sehen, ist es nicht getan.

Das „Regietheater“, das sich mit zuweilen zerstörerischer Lust und Gier über Texte (und deren Autoren) hermacht, ist vorwiegend eine deutsche Spezialität. Die Ausarbeitung der Frage, ob dies auch mit den (im internationalen Vergleich) immer noch ordentlichen Subventionen zu tun haben könnte, schenken wir uns hier. Wer kaum finanzielle Risiken eingeht, kann ja inhaltlich ganz anders zulangen (was im Gegensatz zum reinen Kommerz auch zu preisen ist).

Holzschnitthaft gesagt: Nach allem, was man so weiß, wird Theater weltweit meistens texttreuer, braver, oft auch gravitätischer und ehrfürchtiger gespielt. Natürlich hat der beherzte, unkonventionelle Zugriff des Regietheaters unendlich viel zutage gefördert, den Texten verborgene Reichtümer bzw. Geheimnisse entrissen oder (in den schönsten Fällen) abgelauscht. Wer das bestritte, der wäre nicht im Bilde.

Doch wer zählt die Fälle, in denen minder begabte Theaterkräfte die Textvorlagen sinnlos zerfetzt und zertrümmert haben? Mit gelindem Schrecken sei’s geflüstert: Da wünscht man sich sogar hie und da, es möge wieder mehr „vom Blatt“ gespielt werden.




„Was du nicht kennst, das schieß nicht tot!“

Durch Zufall ist mir die Juli-Ausgabe des Verbandsorgans „Rheinisch-Westfälischer Jäger“ in die Hände geraten. Welch unverhoffte Chance zum Einblick in eine unbekannte Lebenswelt! Sonst sieht man die lodengrünen Herrschaften höchstens mal auf Halbdistanz, wenn die Meute zur Dortmunder Messe „Jagd und Hund“ schnürt. Was also bewegt denn wohl die organisierten Jäger im Lande?

Zunächst einmal Jagdpolitik: Man zeigt sich betrübt übers Amtsende des bisherigen NRW-Landwirtschafts- und Umweltministers Eckhart Uhlenberg (CDU). Kein Wunder: Verbandspräsident der NRW-Jäger ist der einstige Bundes-Landwirtschaftsminister Jochen Borchert (ebenfalls CDU). Unter den beiden Parteifreunden hat bestimmt bestes Einvernehmen über waidmännische Belange geherrscht, zumal Uhlenberg selbst passionierter Jäger ist. So dürften sie sich z. B. rasch und geräuschlos über die schrittweise Abschaffung der Jagdsteuer geeinigt haben (jährlicher Einnahmeverlust fürs Land: rund 8,3 Mio. Euro).

Wer aber weiß, was Rot-Grün nun im Schilde führt! Da kann es nicht schaden, wenn der Präsident höchstselbst im Editorial einige unverzichtbare Grundwerte markiert. Das Jagdrecht müsse ans Grundeigentum geknüpft bleiben, zudem ans jagdgenossenschaftliche Reviersystem. Auch in Naturschutzgebieten müsse das Jagen weiterhin flächendeckend erlaubt sein. Kurzum: Freier Schuss für freie Bürger!

Vom „Ansprechen“ der Schmalrehe
bis zur Kormoran-Verordnung

Wenn man als Laie von Ansitzdrückjagd, Schwarzwildbewirtschaftung, dem „Ansprechen“ der Schmalrehe oder der Kormoran-Verordnung liest, so schwirrt einem ordentlich der Kopf. Solche Stichworte werden in dieser Zeitschrift mit Kenner-Attitüde nur so hingeworfen, man ist schließlich unter seinesgleichen. Da wird ein den Jägern missliebiges Naturschutz-Gutachten verbal „zerfetzt“, weil es Befunde über Rehe ausgerechnet durch solche über „Weißwedel-Hirsche (!)“ ersetze, was natürlich bitteres Gelächter der Grünröcke hervorgerufen habe. Alles klar?

Die organisierten Jäger, das wird schon beim flüchtigen Durchblättern ihrer Postille deutlich, mühen sich, ihr Tun und Trachten so darzustellen, als stünde es allzeit im Einklang mit der Natur. Das Titelbild mit zwei Rehlein kündet von ungetrübter Idylle. Eine gebetsmühlenartig wiederholte Botschaft: Konflikte „zwischen Jagd und Forst“ gebe es praktisch nicht mehr, das jagdbare Wild könne auch nicht – so wörtlich – „als Buhmann“ für Waldschäden herhalten, wenn man sich die „Verbiss-Situation in deutschen Wäldern“ einmal vorurteilsfrei anschaue. Von Statistiken, die besagen, dass jährlich Tausende Katzen und Hunde der Jägerei zum Opfer fallen, erfährt man hier allerdings nichts.

Der blutige Laie, der sich vielleicht die Jägerei als halbfeudales Halali allhier auf grüner Heid‘ oder gar als wüstes „Abknallen von Tieren“ nebst instinktiver Freude am Schießen und Treffen ausmalt, soll sich gefälligst was schämen. Die Jäger reagieren ja bereits empört, wenn jemand die Herabsetzung ihrer Höchstpachtzeiten fordert. Ideologisch verblendete Widersacher sprächen von „Wohnzimmermentalität“, mit der es sich langjährig abgesicherte Jagdpächter in den Wäldern gleichsam bequem machten. Solch üble Nachrede sei eine „Sauerei“, schäumt das Verbandsblättchen.

Was lesen wir sonst noch? Beispielsweise einen ausgiebigen Autotest des Geländewagens „Daihatsu Terios Pirsch“, der nicht nur so heißt, sondern eigens für Jäger ausgerüstet ist und an Verbandsmitglieder (ebenso wie andere Marken) mit ohnehin handelsüblichen 15 Prozent Rabatt abgegeben wird. Der Test fällt ausgesprochen wohlwollend aus. Blättert man ein paar Seiten weiter, ahnt man einen möglichen Grund: eine Daihatsu-Farbanzeige preist eben jenes Modell an…

Ein weiterer, fachterminologisch gespickter Warentest stellt eine Doppelflinte aus italienischer Fertigung vor. Die „Fausti Style“, so erfahren wir glasklar im Resümee, „schießt sehr gut“, auch wenn der wahre Luxus vor allem aus englischer und belgischer Fabrikation komme. Gut zu wissen.

Mit den Flinten soll freilich nicht wahllos herumgeballert werden. Bewahre! Ein ausführlicher Artikel erläutert Details auf der Grundlage von Tier-Verhaltensstudien. „Führende Stücke“ (gemeint sind Eltern und sonstige Leittiere von Kälbern und Kitzen) dürfen demnach in der Setz- und Brutzeit gar nicht bejagt werden. Generell gelte überdies das klassische Gebot: „Was du nicht kennst, das schieß nicht tot!“ Klingt unfreiwillig komisch, aber bitte sehr. Es gibt jedenfalls penible Prozent- und Quotenregelungen, unter deren Fuchtel man sich eine ökologisch korrekte Jagd mit Taschenrechner vorstellen kann. Nimrods Jünger haben‘s nicht leicht.

Übers „Bild des Monats“ (suhlendes Wildschwein), den Bericht zum Landesbläserwettbewerb („ein voller Erfolg“), das Kalendarium (ab 16. Juli darf wieder der Waschbär aufs Korn genommen werden) und allerlei Tabellen der Bezirks-Schießmeisterschaften wühlt man sich schließlich zu den Kleinanzeigen vor. Präparierte Füchse finden sich hier ebenso annonciert wie Gewehre und Waffenschränke jeder Güte, Schießlehrgänge, Jagdhunde und Feldstecher. Auch einige spezialisierte Rechtsanwälte (Jagd- und Waffenrecht) bieten in diesen Spalten ihre Dienste an. Falls doch mal etwas schiefgehen sollte.




Ins Getriebe der Wirtschaft blicken

Rot – Gelb – Blau. Rot – Gelb – Blau.

Der Künstler Andreas Siekmann hat immer und immer wieder dieselben Farben genommen. Auf jedem Blatt. Seine Bilder bringen wirtschaftliches Geschehen auf den Punkt. Vorsichtiger gesagt: Sie stellen in immer neuen Versuchsanordnungen die Frage, wie man dies sinnvoll bewerkstelligen kann. Sie ranken sich um ein Zeichensystem der Piktogramme und reihen sich wie Argumentations-Ketten, oft mit frappierender Folgerichtigkeit, zuweilen mit spielerischen Ausläufern. 223 Blätter sind auf exakt vermessenen und installierten Tischen zu sehen. Hie und da kreuzen sich ihre Fluchtlinien, als wären es die Gelenkstellen der gesellschaftlichen Debatte.

Siekmann zeigt seinen zeichnerischen Zyklus „Aus: Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ (1996-1999), der in anderer Form bereits auf der documenta (2002) präsentiert wurde. Jetzt ist das prinzipiell endlos erweiterbare Konvolut als Leihgabe aus dem Museu d’Art Contemporani (Barcelona) ins Hammer Gustav-Lübcke-Museum gekommen.

Der 1961 in Hamm geborene Künstler lebt heute in Berlin. Er ist besonders auf der lateinamerikanischen und indischen Szene präsent, wo politische reflektierende und unterweisende Kunst noch keinen so schlechten Ruf hat wie hierzulande, wo man vor jedem Anflug von Pädagogik zurückschreckt. Doch Siekmanns Kunst bevormundet nicht. Er recherchiert und zeigt Resultate vor. Nur eben nicht in textlicher oder tabellarischer Form, sondern bildnerisch.

Sein zentrales, beängstigend zeitgemäßes Thema ist die Zurichtung des öffentlichen Raumes im Dienst der neoliberalen Ideologie. Sehr schlüssig und sinnlich nachvollziehbar führt er vor, wie die Städte zusehends privatisiert und kommerziell beherrscht werden. So ist etwa Frankfurt zum schnieken „Wohnzimmer“ im Schatten der allmächtigen Banken geworden. „Verdächtige“ Gestalten, die nicht in diese gründlich durchökonomisierte schöne neue Welt passen, werden per Überwachungs-Kamera als Bedrohung wahrgenommen und notfalls ferngehalten. Dafür stehen Fachkräfte bereit. Latente Gewaltsamkeit schwebt über den Szenerien, die nur beim allerersten Hinschauen harmlos wirken.

Produktionsschlachten, Arbeitskämpfe, Konzernfusionen und etliche weitere ökonomische Prozesse entfalten und verästeln sich auf den Blättern. Die eindringliche Sequenz namens „Ex und Hopp“ erläutert die allfällige Wert(e)vernichtung im laufenden kapitalistischen Wirtschaftsbetrieb.

Gelegentlich wird das gnadenlose Getriebe angehalten, und es kommen alternative Handlungsweisen in den Blick, auf dass das Ganze nicht fatalistisch erstarre, sondern Hoffnung übrig bleibe.

Man kann umhergehen, stehen bleiben und sich über die Tische beugen. Man kann sich aber auch auf Bürostühle setzen, damit geschäftig, seh- und wissbegierig zwischen den Bildern hin- und herrollen, was eventuell für komische Anblicke beim Ausstellungsbesuch sorgen könnte. Das ganze Arrangement hat etwas Lehrhaftes, erinnert (obwohl auf Tischen drapiert) an Wandzeitungen, Flugblätter oder Plakate – und ein wenig wohl auch an die Tafeln des Joseph Beuys. Kunst, über die öffentlich zu reden ist.

Ästhetisch greifen die Blätterreihen weit über Piktogramme oder Comic-Elemente hinaus – bis hin zur Abstraktion im Stile eines Mondrian oder Paul Klee. Man wird hier nicht mit simplen Schemata abgespeist.

Eine Spezialität für sich ist das verwaschene Blau in den Bildern. Es handelt sich stets um Blue Jeans, die sich als vielfältig besetztes Zeichen geradezu surreal selbstständig machen. Man glaubt ja nicht, was sich mit diesen Hosen alles illustrieren lässt! Siekmanns Phantasie ist dabei schier unerschöpflich.

Ganz bewusst bezieht sich Siekmann auf die Tradition der „Kölner Progressiven“ aus den 1920er Jahren. Bei Beuys hat er studieren wollen, doch dann ist er in die Klasse Ulrich Rückriems an der Düsseldorfer Akademie gekommen. Dessen eher minimalistische Skulpturenblöcke scheinen allerdings keinen Einfluss auf Siekmann gehabt zu haben, jedenfalls nicht an der sichtbaren Oberfläche. Vielleicht hat Rückriem einfach vorgelebt, wie man auf künstlerischen Wegen unbeirrbar bleibt.

Andreas Siekmann: „Aus: Gesellschaft mit beschränkter Haftung“. Gustav-Lübcke-Museum, Hamm, Neue Bahnhofstraße 9. Bis 8. August, Di-Sa 10-17, So 10-18 Uhr. Die Ausstellung ist Teil des Ruhr2010-Projektes “Mapping the Region“.

Bild: Konsumüberwachung (Bild: Andreas Siekmann/Lübcke-Museum)




Ernst Barlach: Ruhige und unruhige Form

Bei jüngeren Kunstbetrachtern dürfte Ernst Barlach (1870-1938) als ausgesprochen vorgestrig und „uncool“ gelten. All diese hageren, ärmlichen, gebeugten Gestalten. Dazu asketische Apostel und Künder. Dieses pathetische, inständige Ringen ums Ganze der Existenz. Skulpturen mit Titeln wie „Geistkämpfer“. Das geht doch wohl nicht mehr…

Was aber, wenn uns jetzt – nach allen Ironien und sonstigen Kapriolen – ein neues Pathos oder wenigstens eine neue Gradheit anstünden? Und wenn wir nun Ausschau halten sollten nach historisch beglaubigten Arten, Not und Armut darzustellen? Dann kämen wir vielleicht um Barlach oder Kollwitz immer noch nicht herum.

Im Cappenberger Schloss kann man sich jetzt einen reichhaltigen Überblick zum bildnerischen Werk von Barlach verschaffen – anhand von rund 60 Skulpturen sowie 250 Druckgraphik-Blättern und Zeichnungen. Der in Wedel/Holstein geborene Künstler ist auch ein bedeutender, wenngleich recht selten gespielter Dramatiker gewesen. Die in Vitrinen dokumentierte Aufführungsgeschichte einzelner Stücke („Der tote Tag“, „Der blaue Boll“ u. a.) ergibt jeweils nur kurze Listen. Doch dies ist nur ein Nebenstrang der Schau.

Die noch von keinem eigenen Duktus geprägten bildnerischen Anfänge liegen im dekorativen, ornamentalen Jugendstil. Gediegen sieht das aus, durchaus gekonnt, aber ausdrucksschwach.

Erst beim Aufenthalt in Russland (heutige Ukraine) findet Barlach 1906 zu seinem eigentlichen Themenkreis. Fiebrig rasch hingeworfene Skizzen werden zu Musterblättern der späteren bildhauerischen Arbeiten. Armut und Drangsal erscheinen hier als Grundbefindlichkeiten des Menschen. Wer zählt all die Frierenden, die Bettler mit und ohne Krücken oder im Elend ruchlos Gewordene wie jene „Kupplerin“, die aus blanker Not ihre blutjunge Tochter feilbietet?

So sehr hat Barlach zum Wesentlichen und zeitlos Gültigen vordringen wollen, dass ihm viele Typisierungen gelungen (gelegentlich auch: unterlaufen) sind, aus heutiger Sicht zuweilen ziemlich nah am Klischee. Doch nur das kann zum Klischee gerinnen, was in irgend einer Weise zum Kern vorgedrungen ist. Auch kann man hier die pure Aussagekraft des Materials studieren. Was in Bronze ernsthaft wirkt, sieht in weißem Porzellan nach gefälliger Armuts-Folklore aus.
Derart „klassisch“ stillgestellt geraten einige Figurationen („Die lesenden Mönche III“, 1932), dass sie geglättet und blutleer erscheinen. Barlachs hehres Ziel, die Form zur Ruhe zu bringen, glich mitunter einer Gratwanderung. Doch war er auch zu mancherlei kaum gebändigter Unruhe, Drastik, Derbheit und Wildheit imstande. Da äußert sich manche Wahrheit, die eben keine Beruhigung verträgt.

Zwar gibt es in Barlachs Oeuvre auch irrlichternd spukhafte Erscheinungen (etwa in den Goethe-Illustrationen), allerdings nirgends verwaschene Zweideutigkeiten. Nicht einmal in der Gespensterwelt. Auch dort ist es, wie es ist.
Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg (dessen Ausbruch er anfangs, wie so viele, noch als reinigendes Stahlgewitter begrüßt hatte) war Barlach jeder Belanglosigkeit abhold. Kunst hatte stets dringlich und eindringlich zu sein. Barlachs Entwurf zu einem Ehrenmal für die Kriegsgefallenen zeugte von gebrochenem „Heldentum“, auch von namenlosem Leid. Vor dem damaligen Zeithorizont war dies bereits ein unerhörter Affront. Politische Reaktionäre empörten sich hysterisch. Dass Barlach in der NS-Zeit zu den als „entartet“ verfemten Künstlern gehörte, hat hier seine Ursprünge.

Der späte Barlach hatte zusehends etwas Gottsucherisches, mürrisch Weltabgewandtes, doch solche Widerständigkeit war eben kaum korrumpierbar, sie behauptete ihre kantige Einsprüche gegen die katastrophale Gegenwart.

Man schaue sich Blätter wie „Stürzende Frau“ (1911/12) an, ein bezwingendes Szenenbild zu Barlachs eigenem Theatertext „Der tote Tag“. Das springt einen immer noch ganz gegenwärtig an – auf eine Weise, wie nur große Kunst es vermag.

Ernst Barlach. Schloss Cappenberg (in Selm bei Lünen). Noch bis zum 27. Juni. Di-So 10 bis 17.30 Uhr, Eintritt frei.

Bild: Ernst Barlach „Der Buchleser“ (Katalog/Lizenzverwaltung Ratzeburg)




„Tatort“: Auf dem Seziertisch

Abgesehen von den eigentlichen Kriminalfällen, sind die „Tatort“-Folgen der ARD wenigstens in einem Punkt drastischer geworden: Immer deutlicher hat man uns in den letzten Jahren übel zugerichtete Leichen en detail gezeigt, wie man es vordem nicht gewagt hätte.

Ältere Folgen der Reihe fallen nicht nur durch betuliche (oder behutsame) Dialoge und langsame (oder sorgsame) Schnitte auf, sondern auch durch eine gewisse Diskretion. Wenn es gar zu brutal wurde, hat „die Kamera“ meist gnädig weggeschaut. Die Zuschauer haben trotzdem gewusst, worum es ging.

Anders heute. Bekanntlich beginnt ein „Tatort“ meist gleich mit dem (ersten) Mord. Sehr zeitig und zügig kommen somit die professionellen Leichenfledderer vom Pathologischen Institut ins Spiel. Hie und da sind sogar tragende Rollen daraus geworden. Man denke vor allem an Jan Josef Liefers als Gerichtsmediziner Boerne im Münsteraner „Tatort“ (siehe Info am Schluss), aber auch an Joe Bausch beim Kölner Pendant. Etwas Unheimliches, vermischt mit Groteske, umwölkt diese Sezierenden. Auch daran sollen wir uns weiden.

Da wird denn gern und ausführlich an nackten, allenfalls notdürftig mit Tuch verhüllten Toten (mit bestens sichtbaren Wundmalen und Gewaltspuren) herumgedoktert. Lakonische, neckische oder zynische Dialoge über jederlei Quetschungen und Risse sind inbegriffen. Ein arg strapaziertes Erzählmuster führt etwa junge Polizeikräfte (oder Angehörige des Opfers) auf die Szenerie, die sich an „so etwas“ noch nicht gewöhnt haben und sich daher übergeben oder wenigstens mit vor Entsetzen geweiteten Augen vor uns Wissenden stehen. Offenbar haben diese Frischlinge noch nie einen halbwegs hart gekochten TV-Krimi angeschaut.

Ohne näheres Ansehen einzelner Schauplätze und Personen ist die generelle Richtung beim „Tatort“ klar. Im Gefolge etlicher Kinodramen, skandinavischer oder US-amerikanischer Serien glaubt man, unsere ach so flüchtige Aufmerksamkeit mit „starken“, heftigen Bildern einfangen zu müssen. Gewiss gibt es auch nachdenkliche, melancholische „Tatort“-Varianten, doch auch sie bedienen manchmal die gängige Schaulust. Kaum einer durchbricht diesen vermeintlichen Zwang.

Apropos nackte Mordopfer auf dem Seziertisch. Gibt es wohl eine „Tatort“-Statistik, die anführt, ob und wie die Zahl ansehnlicher weiblicher Opfer zugenommen hat? Und wie sieht’s mit den Steigerungsraten bei Drehbuch-Sätzen über Spermaspuren in toten Körpern aus? Sachdienliche Hinweise nimmt jede Dienststelle entgegen.




Ein Mann zerstört sich selbst

Der erste Satz des Romans lautet so: „Im Spätsommer 1960 begann für Janice Wilder alles schiefzugehen.“ Das ist noch weit untertrieben.

Hier nimmt von Anfang an ein Verhängnis seinen Lauf, offenbar unaufhaltsam. John Wilder (36), Ehemann jener Janice, leidet an verschärftem Normalitäts-Koller, an Alltags-Überdruss. Der bislang recht erfolgreiche Anzeigenverkäufer (in Diensten des Edelblatts „Scientific American“) besäuft sich mal wieder und randaliert unflätig gegen Freund und Feind. Nicht ganz ohne eigene Vorahnung. Er hat „es“ kommen sehen und Frau und Sohn am Telefon gewarnt: Er werde von seiner Dienstreise lieber nicht heimkehren, sonst wäre er wohl imstande zu familiärem Mord und Totschlag. Fortan zerstört er sich selbst.

Fatal: Wegen eines Feiertags kommt Wilder nach dem Nervenzusammenbruch nicht in eine übliche Klinik, sondern gleich in die Psychiatrie. Nur dort ist man aufnahmebereit für akute Fälle. Was sich in der geschlossenen Abteilung für gewalttätige Männer abspielt, schildert der US-Schriftsteller Richard Yates (1926-1992) in seinem Roman „Ruhestörung“ als alptraumhaftes Kopfkino. Tatsächlich geht es im weiteren Verlauf der Handlung auch um eine mögliche Verfilmung dieser desolaten Zustände. Ein paar Junggenies, Studienfreunde seiner Freundin Pamela, planen das Filmdrama zu Wilders Auslöschung, er selbst wirkt beratend mit. Doch das Werk wird nie fertiggestellt. Erbärmlich und lachhaft zugleich, wie Wilders Erlebnisse derweil die Klischees des Kinos geradezu übererfüllen. Sein Leben ist auch nur so eine schmutzige, scheußliche Fiktion.

Die Ebenen des Erlebens und Erzählens werden dicht verwoben, bis zur Ununterscheidbarkeit. Man scheut sich freilich, dies „kunstvoll“ zu nennen, denn Yates hat an keiner Stelle artifiziell geschrieben. „Ruhestörung“ zählt zu den großen, erratischen Alkoholiker-Romanen. Größenwahn und höllischer Absturz liegen stets nah beieinander.

Das bereits 1975 im Original („Disturbing the Peace“) erschienene Buch, das zwischen 1960 und 1970 spielt, seziert alle Illusionen. Wie Yates die zunehmend wankende Wirklichkeit und den wachsenden Wahn ineinander schachtelt, das ist durchaus beklemmend. Umso erstaunlicher, dass dieser Autor bei uns immer noch zu „entdecken“ ist.

John Wilder wird aus der Psychiatrie entlassen. Doch hat er eine Chance? Eigentlich nicht. Er unternimmt Anläufe, um sein Leben neu auszurichten, doch sammelt er auf Dauer nur das Scheitern an. Kein Tag ohne Whiskey. Heillos schlingert er zwischen diversen Psychiatern und wechselnden Geliebten durchs Dasein. Allerlei Hoffnungen werden durchgespielt, sie verblassen jedoch zusehends. Samt und sonders.

Treffen der Anonymen Alkoholiker geben ihm keinen Halt. Ärzte und Psychologen sind hilflos, reden hohles Zeug oder verabreichen kurzerhand Psychopharmaka, damit Ruhe ist. Liebe erstickt in Eifersucht. Erklärungsversuche zwecklos. Filmkunst, auf die sich Wilder als Produzent stürzen will, führt zu nichts. Ortswechsel (von New York nach Vermont und Kalifornien, an den schäbigen Rand Hollywoods) bleiben gleichfalls fruchtlos. Hinzu kommt der zeitgeschichtliche Hintergrund: Auch die Verheißungen der Kennedy-Ära werden in jenen Jahren zunichte. Ja, Wilder versteigt sich in die Vorstellung, er selbst habe auf John F. Kennedy geschossen.

Was bleibt? Gefrorener Stillstand wie für alle restliche Zeit. Von wegen „amerikanischer Traum“.

Welch ein Dämonium, welch eine Depression! Man sollte einigermaßen gefasst und gefestigt sein, um dieses Buch zu lesen. Zumal der Befund sich ins Allgemeine weitet und gleichsam uns alle zu Insassen macht. Ansicht eines beliebigen Büros im Vergleich zur Psychiatrie: „Die Wände waren weiß und die Beleuchtung war indirekt; es befanden sich sowohl Männer als auch Frauen hier; alle trugen anständige Kleidung und niemand bat darum, gerettet zu werden, oder schrie oder masturbierte oder trat gegen ein Fenster. Nichtsdestoweniger waren in jedem Gesicht im Verlauf des Tages zunehmend Zeichen der Verzweiflung zu erkennen…“

Richard Yates: „Ruhestörung“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Anette Grube. Deutsche Verlags-Anstalt, München. 315 Seiten. 19,95 Euro.




Rauschen der Ferne

Man muss schon ein paar Jährchen verbracht haben, um es noch zu kennen – das Rauschen der weiten Entfernungen, die man mit einem herkömmlichen Weltempfänger-Radio mehr schlecht als recht überbrückte. Wie man gefiebert hat, ob heute wohl Korea oder Mexiko „hereinzukriegen“ wären…

Fürs heutige Empfinden hat das alles erbärmlich geklungen. Selbst mit den besten Empfangsgeräten war vieles Glückssache. Wie stolz war man, wenn man zwischen dem Grundrauschen und ebenso kurzwellentypischen Kratz- oder Fieptönen ein paar schüttere Sätze aus Südamerika zu hören bekam. Enthusiasten ließen sich dann eigens Bestätigungskarten als Trophäen von Stationen aus aller Welt schicken. Man befasste sich ernsthaft mit Phänomenen wie Sonnenflecken, die großen Einfluss auf die Qualität des Fernempfangs haben. Fachzeitschriften ohne jegliche Hochglanz-Attitüde verkündeten tabellarisch die allfälligen Frequenzwechsel, sofern bis Redaktionsschluss bekannt.

In den eisesstarren Zeiten der Ost-West-Propagandaschlachten war Radio Moskau eine vielsprachige Dominante und Radio Tirana blies vollends abstruse Ideologie-Partikel in den Äther. Sie überdeckten und störten oft ungleich interessantere Angebote.

Längst hat das Internet die Kurzwelle in weiten Teilen der Welt überflüssig gemacht. Zigtausend Sender von überall sind online glasklar zu empfangen. „Unübersichtlich“ ist gar kein Ausdruck für diese Vielfalt. Und die großen Kurzwellenstationen stellen seit Jahren reihenweise Programme ein.

Wo ist das verheißungsvolle Rauschen geblieben, das einst auch die Sehnsucht nach Ferne enthalten hat?

Gepriesen sei die Unvollkommenheit. Vielleicht gibt es ja irgendwo schon Internet-Radios, bei denen man solche Störgeräusche künstlich hinzufügen kann, so wie man digitale Fotos auf Schwarzweiß trimmt oder mit Sepiatönen versieht – damit’s noch einmal so schön heimelig wird.

P. S.: Ob im besagten Rauschen auch etwas mitschwingt, was beseelt Hörende an der analogen LP festhalten lässt?




Mythos Minox: Nicht nur für Spione

Wer weiß noch, was eine Minox ist? Selbst in manchen Fotofachgeschäften kann man nicht mehr sicher sein, dass dort einschlägige Kenntnisse über den einstigen Mythos der Kleinstbildfotografie (Negativformat 8 x 11 Millimeter) vorhanden sind. Ein Jammer.

Etwas ältere Leute, sofern nicht allseits desinteressiert, erinnern sich wahrscheinlich: Das waren doch diese Mini-Kameras, mit denen damals so viele Spione ihre illegalen Aufnahmen gemacht haben. Das ist zwar zu kurz gegriffen, aber sicherlich richtig. Die Liste prominenter Minoxianer früherer Tage ist jedenfalls lang, sie reicht von Queen Elizabeth bis Heinz Erhardt und Götz George.

Ausführlich erfährt man die Einzelheiten jetzt (etwas abseits von den üblichen Kulturpfaden) im Stadtmuseum zu Iserlohn. Dort breitet der Hagener Sammler Reinhard Lörtz noch bis zum 19. April seine Minox-Kollektion aus. Er weiß so gut wie alles über das Phänomen. Wenn sich Privatleute derart leidenschaftlich in ein Hobby versenken, so häuft sich eben manches Spezialwissen an.

Erfinder der fotografischen Winzlinge war in den 1930er Jahren der hochbegabte Tüftler und Autodidakt Walter Zapp (1905-2003), der anfangs in seiner Geburtsstadt Riga (Baltikum) wirkte. 1936 lag die noch nicht zum Verkauf bestimmte Ur-Minox vor. Zapp, so geht die Legende, war höchst betrübt, als er erfuhr, wer 1938 der erste Erwerber eines marktreifen Modells war: ein osteuropäischer Diplomat. Da fing’s also offenbar schon an mit den Heimlichkeiten.

Alles andere wäre aber auch verwunderlich gewesen. Denn eine Kamera, die flugs in jeder Jackentasche verschwinden konnte, rief geradezu nach hinterlistigen Anwendungen. So gab’s denn auch bald passendes Spionage-„Zubehör“ wie etwa Rasierpinsel, in deren Holzgriff der Fotoapparat über Staatsgrenzen geschmuggelt werden konnte.

Nach 1945 wurden die Kameras in Wetzlar bzw. zwischenzeitlich in Heuchelheim (Kreis Gießen) gefertigt. Im „Kalten Krieg“ kam die ganz große Zeit der Minox. Auch der DDR-Topspion Günter Guillaume, der sich das Vertrauen des Bundeskanzlers Willy Brandt erschlichen hatte, soll auf dieses offenbar zuverlässige Arbeitsgerät zurückgegriffen haben. Eine Folge war bekanntlich der Kanzlersturz im Mai 1974.

Kurios: Erst sehr spät ließ sich die Firma Minox die längst berühmte Markenbenennung schützen, als nämlich in den USA Salben und Seifen gleichen Namens angeboten wurden. Verwechslungsgefahr war da eigentlich nicht gegeben.

In der reichlich bestückten Iserlohner Vitrinenschau sieht man die praktisch lückenlos dokumentierte Entwicklung der verschiedenen Baureihen. Die Vielfalt der Geräte, die sich hinter Kürzeln wie Minox A, B (ab 1958), C (ab 1969), BL, LX verbergen, ergibt weit verzweigte Stammbäume. So unübersichtlich ist diese „Familie“, dass nur der Eingeweihte diverse Fälschungen als Markenpiraterie erkennt. Auch solche Täuschungs-Exemplare finden sich in der Ausstellung, überdies etliche Sonder-Editionen wie etwa jene Minox-Modelle, die für besonders betuchte Kundschaft mit einer 24 Karat-Goldschicht veredelt wurden.

Original-Schaukästen und andere Reklamemittel, die im Lauf der Jahrzehnte eigens für die Kultmarke eingesetzt wurden, zeugen vom wandelbaren Zeitgeist. Ein Stoffteddy mit Minox-Mütze ist das Relikt einer gemeinsamen Werbeaktion mit der nicht minder legendären Firma Steiff. Einschlägige Literatur und Zubehör (Filme, Stative, Taschen etc.) runden den musealen Minox-Kosmos ab.

Wie es bei solchen Ausstellungen mit Nostalgiefaktor häufig zu gehen pflegt: Der Ablauf der Zeiten erscheint (gewollt oder ungewollt) als allmähliche Entfernung von den einzig wahren, authentischen Ursprüngen, mithin als gewisse Dekadenz.

Reinhard Lörtz hat sich zunächst vor allem auf Trödel- und Sammlermärkten umgetan, später auch bei Internet-Auktionen. „Bis vor einiger Zeit konnte man dort noch fündig werden, heute ist der Markt weitgehend leergekauft.“

Natürlich haben sich Minox-Sammler in einem Club organisiert, der weltweit rund 400 (überwiegend ältere) Mitglieder hat. Eins steht für den Bahnangestellten Lörtz’ fest: „Wenn ich in ein paar Jahren pensioniert bin, habe ich endlich Zeit, ein Minox-Museum einzurichten – irgendwo in Westfalen.“

„Die Minox“. Noch bis zum 19. April im Stadtmuseum Iserlohn, Fritz-Kühn-Platz 1. Geöffnet Di, Mi, und Fr. bis So. 10-17, Do 10-19 Uhr (Karfreitag, Ostersonntag und Ostermontag geschlossen). Eintritt frei. Tel.: 02371/217-1963.




Chatroulette: Menschen wegklicken

Immer wieder neue Hypes im Netz. Und welche Sau wird jetzt gerade durchs globale Dorf getrieben? Nun, ein angeblich ganz dickes Ding dieser Tage und Wochen sind „Chatroulette“-Angebote, bei denen Bilder, Töne und Texte in Echtzeit ausgetauscht werden. Es soll Leute geben, die süchtig danach sind. ABC News zitiert eine US-Studentin: „I think it’s a little creepy. And I can’t stand away.“ Ein bisschen gruselig und dennoch unwiderstehlich also?

Seiten dieses Zuschnitts sind an der Benutzer-Oberfläche sehr simpel und locken mit ausgesprochen laxen Bedingungen: völlig anonyme Teilnahme am weltweiten Video-Chat, keine Passwörter, Alterskontrollen, besondere Pflichten, Spielregeln oder sonstige Barrieren. Kein Wunder, dass sich angesichts solcher Vorgaben auch ungemein viele arme Würstchen (wahlweise „arme Teufel“), Spinner und Idioten mehr oder weniger offen hervorwagen. Ich werde mich hüten, hier einen Link zu setzen, denn etliche Vorgänge auf derlei Seiten sind alles andere als jugendfrei.

Die bislang bei weitem erfolgreichste, explosionsartig wachsende Seite des insgesamt expandierenden Genres wurde vom 17-jährigen Moskauer Andrej Ternowskij programmiert und auf Frankfurter Servern platziert: Nach dem „peer-to-peer“-Prinzip und per Zufallsgenerator werden überwiegend jüngere Leute aus allen Ländern zusammengeschaltet. Im Regelfall sehen sie sich selbst und (auf einem zweiten Screen) jeweilige „Partner“ via Webcam. Klingt doch im Ansatz spannend, oder?

Es gibt selbstverständlich –zig Arten, sich trotz Webcam zu verbergen. Ich bin etlichen Herrschaften mit Affen- oder vereinzelt gar Gasmasken „begegnet“. Andere verzerren ihre Gesichtszüge elektronisch, decken das Kameraauge ab, setzen z. B. Spielzeugfiguren davor oder richten ihre Kamera auf Heimkino-Filme – bevorzugt mit sexuellem oder sonstigem Schock-Potenzial, das sich freilich enorm abnutzt. Inzwischen gibt’s „best of“-Seiten, die im voyeuristischen Doppel den jeweiligen Anlass und die darüber empörte Mimik des Empfängers eingefroren haben. Zur weiteren Erheiterung…

Doch viele zeigen sich auch und setzen sich der Mitwelt aus: Über allem waltet ein gnadenloses „Ex und Hopp“, eine Wegwerf-Mentalität, die hier auf die soziale Ebene übertragen wird und Netzwerke wie „facebook“ vergleichsweise tiefgründig und dauerhaft erscheinen lässt. Denn jeden Menschen, der einem „nicht passt“, kann man hier sofort mit einem Extra-Button („Next“) wegklicken. Falls der andere einen nicht noch schneller von seinem Bildschirm fegt.

Es gilt die Parole: Her mit dem nächsten Gesicht! Das rücksichtslos rasche Aussortieren wird weidlich genutzt, oft genug im Sekundentakt. Wer psychisch auch nur ein wenig labil ist, könnte damit Probleme bekommen. Zumal sich da schadenfrohe Cliquen zum kollektiven Auslachen oder gestisch-verbalen Demütigen der Verletzlichen einfinden. Geile Partys! Diese Mobbing-Grüppchen kann man zwar ebenfalls wegzappen. Aber wer weiß, wie viel Kränkung da unterschwellig weiter wirkt. Unfrei nach Sartre: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Erbärmlicher noch. Man weiß ja zur Genüge, wie fies viele Internet-Ecken sind. Und doch hält man es nicht für möglich, wie viele Typen vor laufender Kamera Hand an sich legen. Grob geschätzt betätigt sich auf den Roulette-Seiten jeder zehnte Teilnehmer so. Männer sind ohnehin in erdrückender Mehrheit. Unter den wenigen Frauen im Chat dürfte es kaum eine geben, die nicht aufgefordert wird, sich zu entblößen. Um es mal ganz vornehm zu sagen. Das hier zwischen allen Nationen flottierende Englisch hat da eine hohe Ausdrucksvarianz aufzuweisen, und Vokabeln wie „boobs“ gehören entschieden zu den harmloseren.

Notorische Netzbewohner werden schon den Hauch kulturkritischer Nachfragen verschnarcht finden. Sei’s drum. Wenn man noch mit den Füßen in der wirklichen Welt steht, fragt man sich bang: Welche ohnehin grassierenden Haltungen werden da eingeübt? Beispielsweise ein schriller Wettstreit um die größtmögliche Aufmerksamkeit des Moments. Viele quälen sich damit ab. Sie glauben offenbar, gleichsam „Quote machen“ zu müssen wie ein Stand-up Comedian. Dem entspricht auf diabolische Art das gnadenlos sprungbereite Sofort-Urteil über Mitmenschen. Denkbar übrigens, dass hier abermals ein atavistisches Erbteil unserer Gattung („Fluchtreflex“ zwischen Steinzeit und Fußgängerzone) aktiviert wird.

Sicher: Zwischen all den Flüchtigkeiten im Menschenzoo sind wirklich herzwärmend nette Begegnungen möglich – mit Erdenbürgern, die man sonst niemals „getroffen“ hätte. Man erzählt einander von kleinen Freuden und Sorgen. Ein Japaner spielt dir einen Song auf seiner Gitarre vor, eine Schwedin ist zum Scherzen aufgelegt, eine freakige Amerikanerin stopft sich beim Plausch erst mal gemütlich „Gras“ ins Pfeifchen. Und so weiter. Auch ist so manches „Gesicht aus der Menge“ einfach sympathisch oder anrührend.

Vor allem aber: Wie viel trübe, betrübliche Einsamkeit da allenthalben umgetrieben wird! Wie sangen die Beatles: „All the lonely people – where do they all come from?“




Was bleibt von der Kunst der 80er Jahre?

„Neue Wilde“, „Junge Wilde“, „Heftige Malerei“ – an Etikettierungen für die Kunst der (frühen) 80er Jahre mangelt es nicht. Nach all dem prinzipiellen Misstrauen gegen Bilder, das die Szene schließlich geradezu gelähmt hatte, brach um 1979/80 eine offenbar lang angestaute Flut hervor. Schon bald gab es machtvolle Manifestationen wie die Großausstellungen „Westkunst“ in den Kölner Messehallen (1981), „Zeitgeist“ im Berliner Gropius-Bau (1982) und die von Rudi Fuchs geleitete documenta (ebenfalls 1982).

Unter dem verkaufsfördernden Motto „Es wird wieder gemalt“ nahm auch der Handel Aufschwung. Positiv gewendet: Die Kunst war also offenbar doch noch nicht tot. Ebenso wenig wie die vordem totgesagte Literatur. Mag immerhin sein, dass man sich für diese neuen Aufbrüche auch naiv (oder gar dumm?) stellen musste, damit es doch wieder einmal weitergehen konnte…

Bielefelds Kunsthallen-Direktor Thomas Kellein erinnert sich an die Jahre, in denen auch seine Museumslaufbahn begonnen hat: Die Nachfrage sei dermaßen angeschwollen, dass die bekanntesten Maler Wartelisten abarbeiteten – oft unverschämt schnell und nachlässig. Zuweilen wurden aus lauter Bilderhunger sozusagen noch feuchte Leinwände erworben. War’s aus jetziger Sicht nur ein folgenloses Feuerwerk, oder hat einiges Bestand? Um es gleich zu sagen: Natürlich gibt es Bleibendes, man muss gewiss keine halbe Generation abschreiben.

Heute scheint das alles unendlich lang her zu sein. Die Museen lassen den Bildermassen jener Jahre kaum noch besondere Aufmerksamkeit angedeihen. Gerade deshalb will sich die Bielefelder Kunsthalle nun einiger Substanzen der 80er vergewissern. „The 80s Revisited“ stützt sich auf die Sammlung des Schweizer Galeristen Bruno Bischofberger. So umfangreich ist deren Fundus, dass er auf zwei Ausstellungen verteilt wird. Jetzt sind erst einmal die Europäer (ergänzt um den Graffiti-Anreger Keith Haring) an der Reihe. 2011 werden die New Yorker Leitfiguren (u. a. Andy Warhol, Julian Schnabel, Jean-Michel Basquiat) folgen. Selbst Warhol kehrte damals von der Factory-Produktion gelegentlich zur herkömmlichen Handarbeit zurück.

Man kann mit Fug von Bilderrausch oder gar Bilderwahn sprechen, wenn man in die 80er zurückblickt. Mit unbekümmertem Furor, zuweilen mit aggressiver Erregung gingen viele Künstler zu Werke. Punk und New Wave auf der Leinwand, wenn man so will. Bloß keine kopflastigen Konzepte mehr. Schrankenlose, oft grelle Subjektivität brach sich Bahn, notfalls roh hingefetzte Handarbeit triumphierte über alles Durchdachte und Geschliffene. Da konnte auch mancher Pfusch mit durchgehen. Hauptsache spontan. Freiheit erwies sich zuweilen als bloße Frechheit. Kein Wunder, dass all dies das Marktgefüge durcheinander brachte, die Szene aufwühlte und spaltete. Nicht wenige Galeristen lehnte die neuen Bilderwelten rundweg ab.

Vor allem Künstler aus Italien und Deutschland zählten zu Vorreitern. Beginnen wir im zweiten Stock der Kunsthalle: Hier bekommt Francesco Clemente einen imposanten Auftritt. Seine dauerhaften Selbstbefragungen und flimmernden Ich-Überblendungen fließen in subtile, innige und zartsinnige Darstellung ein. Er zählt keineswegs zu den bedenkenlosen Tempo-Malern, im Gegenteil: Hier hat sich ein Werk über viele Jahre hinweg konsequent entfaltet. Auch Enzo Cucchi erscheint in diesem Kontext als Schwergewicht. Er findet immens dichte Sinnbilder fürs große Ganze der Existenz, für schreiende Ängste und kommende Katastrophen.

Der Künstlerkreis ums Kölner Gemeinschaftsatelier „Mülheimer Freiheit“ verschrieb sich hingegen anfangs dem fröhlichen Dilettantismus. Doch die einzelnen Maler fanden dann doch ihre je eigenen Wege – und sei’s die des „anything goes“. Paradebeispiele hierfür ist Dokoupil, von dem u. a. Beispiele aus den Serien der Schnuller- und der Ruß-Bilder zu sehen sind. Immer wieder wendet er sich anderen Stilrichtungen zu, er meidet jede persönliche Handschrift, jegliches Markenzeichen. Fast täglich alles anders. Es ist, als deute dies schon voraus auf die schier unendlichen, anonymen Bilderberge im Internet. Schnoddrige Beliebigkeit oder „postmodern“ gewieftes Spiel mit medialen Horizonten?

Rainer Fetting und Salome vertreten die schrille Berliner Richtung. Fetting wird hier als Nachfahre der Expressionisten (Kirchners Badebilder) sichtbar, selbst die spontanste Wallung ist eben nicht voraussetzungslos, sondern fußt auf Tradition. Fetting und vor allem Salome setzen heftige Zeichen einer schwulen Kultur, die hier ein für allemal aus subkulturellen Verstecken ausbricht. Folgt man den Pfaden der Bielefelder Schau, so waren die 80er in der Kunst ohnehin eine weitgehend frauenferne Angelegenheit, was Themen und Protagonisten angeht.

Hinunter ins erste Geschoss der Kunsthalle. Hier finden sich weniger fulminante Statements, jedoch spezielle Positionen von Wegbereitern der beharrlich besessenen Art. Peter Halley wurde nicht müde, mit seinen spröden Gitterbildern die Abstraktion als Gefängnis der Künste zu schildern. Philip Taffee trieb abstrakte und ornamentale Formen derart auf die Spitze, dass sie wie Tapetenmuster erscheinen. Auch bei den vertrackt zitierenden Schöpfungen des Schweizers John Armleder drängt ein grundsätzliches Unbehagen an vorheriger Kunst zum Ausdruck.

Ein hochinteressanter Sonderfall ist die Kunst von David McDermott & Peter McGough, die all ihre Bilder mit (weitgehend von historischen Inhalten losgelösten) Jahreszahlen versehen und selbst ein Leben wie zu viktorianischer Zeit führen. Abschied von der linear fortlaufenden Geschichte, in der man nunmehr willkürlich überall „andocken“ kann.

Mag es aus zeitlichem Abstand auch einige ästhetische Gemeinsamkeiten geben, so zählt doch auch in den 80ern die Stringenz des konkreten Lebenswerks, ja ganz zuletzt kommt es auf das einzelne Bild an, das in den besten Fällen den bloßen „Zeitgeist“ weit übersteigt.

„The 80s Revisited“. Kunsthalle Bielefeld, Artur-Ladebeck-Straße 5. Bis 20. Juni 2010. Geöffnet Di-So 11-18, Mi 11-21, Sa 10-18 Uhr, Mo geschlossen. Eintritt 7 Euro. Katalog (umfasst auch die Exponate des 2011 folgenden zweiten Teils der Ausstellung): In der Kunsthalle 29,90 Euro, im Buchhandel 49,90 Euro.




Philip Roth „Die Demütigung“ – Macht des Schicksals

Plötzlich ist der Schauspieler Simon Axler erloschen. Einfach aus und vorbei. Er kann nicht mehr spielen. Weder „Macbeth“ noch sonst etwas. In Film und Theater hat der bisher so begnadete Koloss das Publikum verzaubert. Jetzt macht er sich auf der Bühne nur noch lächerlich, verfällt in Depression, hegt Selbstmordgedanken, begibt sich mit letzter Anstrengung in eine Psychoklinik.

Die Insassen der Anstalt reden derart überbietend vom Freitod, als sei’s ein Sport. Und dort klammert sich zerbrechliche, zerbrochene Sybil an ihn. Sie hat ihren mächtig reichen Mann beim Inzest mit der 8-jährigen Tochter überrascht und ist seither vollkommen aus Zeit und Sinn gefallen. Flehentlich bittet sie Axler, ihren Mann für sie umzubringen. Das lehnt er ab, eher aus Kraftlosigkeit denn aus Überzeugung.

Nach der Entlassung aus der Klinik vergisst er Sybil beinahe. Fühllos ermattet lebt er fortan vor sich hin, bestenfalls dumpf ruhig gestellt. Niemand kann ihn umstimmen. Er legt es sich so zurecht: Erst ist das Talent gekommen, dann ist es eben über Nacht geschwunden. Launen des Schicksals. Widerstand zwecklos.

So verhängnisvoll geht es in „Die Demütigung“ (Originaltitel „The Humbling“) zu, dem neuen Roman von Philip Roth. Es handelt sich um den zweiten einer auf fünf Kurzromane angelegten Reihe, die mit „Empörung“ begonnen hat.

Explizit lässt Philip Roth diesmal die klassischen Tragödien des Theaters anklingen, „die ewigen Themen der dramatischen Literatur (…): Inzest, Verrat, Unrecht, Grausamkeit, Rache, Eifersucht, Rivalität, Verlangen, Verlust, Entehrung, Trauer.“ Das Arsenal dürfte fürs Erste reichen.

Partikel all dieser Themen rührt Roth in seinen kurzen Roman ein, sie drohen die begrenzte Form schier zu sprengen. Abgründig böse Kräfte scheinen hier am Werk zu sein und die Menschen ins Verderben zu ziehen. Gibt es denn keine heilsamen Gegenkräfte? Kann ein Mensch nicht sein Leben ändern, ihm eine andere Richtung geben, es „umbauen“? Oder muss er die Demütigung hinnehmen, vom Schicksal abhängig zu sein?

Wie in einem Laborversuch ordnet Roth Elemente einer möglichen Rettung an. Doch das alles erweist sich zusehends als bloßes Konstrukt, das irgendwann in sich zusammenstürzen muss.

Simon Axler lernt eine Frau kennen, die sich ihm aufdrängt. Nicht irgend eine. Er hat diese Pegeen schon als Baby in der Wiege gesehen, als er mit ihren Eltern frühe Schauspiel-Projekte betrieb. Sie ist „eigentlich“ lesbisch, hat mit einer Frau geradezu in Symbiose gelebt – bis die sich entschlossen hat, zum Mann zu werden. Eine radikale „Daseins-Korrektur“. Die bitter enttäuschte Pegeen will jetzt ihr Leben ebenfalls grundlegend umgestalten. Ihr Entschluss, nunmehr heterosexuell zu werden, erscheint willkürlich.

Jedenfalls zieht Pegeen (40) als Geliebte zu Axler (65) – und der blüht endlich auf, schenkt ihr haufenweise teure Kleider und Schuhe, modelt die vordem struppig-burschikose Anorakträgerin zum Luxusweibchen für Männerphantasien um. Sie lässt es sich offenbar gern gefallen.

Nur die lesbische Dekanin, an deren Uni Pegeen arbeitet, hört nicht mit eifersüchtigen Nachstellungen auf – und verrät Pegeens Eltern, mit wem ihre Tochter es treibt. Peinliche Einmischung seiner einstigen Freunde ist die Folge. Schlimmer noch: Für elterliche Bedenken scheint Pegeen empfänglich zu sein. Gift des Misstrauens sickert in die Beziehung. Zwischendurch hat sich ein anderes Verhängnis vollendet: Jene Sybil hat ihren Mann eigenhändig umgebracht.

In solcher Gemengelage ergibt sich reichlich Gelegenheit, kontroverse Positionen in Dialogen auszutragen. Philip Roth nutzt dies weidlich. Das Hin und Wider wirkt zuweilen wie einem Baukasten der Argumente entnommen. Fertigteile der Auseinandersetzung, Präparate wie für einen (freilich avancierten) Debattierclub. Was einem sonst bei Roth-Lektüren nur höchst selten widerfährt: Stellenweise kommt es einem vor, als dürfe man ganze Abschnitte auslassen, ohne Wesentliches zu versäumen.

Sexuelle Saftigkeit macht derlei Schwächen kaum wett. Axler und Pegeen beziehen Frauen in ihre wilden Spiele mit ein. Darauf folgt noch so ein willkürlicher Umschwung: Pegeen will ein Kind haben. Als auch der zunächst skeptische Axler sich in diesen Wunsch hineinsteigert, verlässt sie ihn. Einfach so. Grausam unerklärlich. Wozu wird Axlers restlicher Mut noch reichen?

Philip Roth: „Die Demütigung“. Roman. Hanser Verlag. 138 Seiten. 15,90 Euro.




Martin Walsers Tagebücher 1974-1978: Wachsende Verbitterung

Also schreibt Martin Walser: „Ich schlug Günter vor, in ein Pornokino am Ku’damm zu gehen. Günter wollte nicht. Ich habe Phantasie, ich geh doch in keinen Porno.“

Richtig geraten. Jener Günter ist Günter Grass. Nach einem langen Diskussionstag in der Berliner Akademie der Künste mochte er sich offenbar nicht „unter Niveau“ entspannen. Oder war es die unverhoffte Gelegenheit, dem Marktkonkurrenten Walser „Phantasielosigkeit“ zu unterstellen? Egal.

Die läppische Episode begab sich im Mai 1976 und ist in Martin Walsers Tagebüchern verzeichnet. Er hätte die Passage, in der Grass vermeintlich „besser wegkommt“ als er selbst, gewiss nicht in den neuen Band aufnehmen müssen. Doch er hat es getan. Auch sonst ging er in den jetzt erschienenen Tagebüchern der Jahre 1974-1978 nicht gerade schonend mit sich um. Seine Wahrheit muss heraus. Mit anderen Worten: Dies ist ein notwendiges Buch.

Man kann hier noch einmal tief in den Kultur- und Literaturbetrieb der 70er Jahre eintauchen, als Autoren wie Grass und Walser, Max Frisch, Heinrich Böll, Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger die hiesigen Debatten prägten. Als dominanter Präzeptor des Betriebs, ja als geradezu mythische Gestalt – jedoch mit manchen menschlichen Schwächen – erscheint der offenbar allzeit virile Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, der sich außerehelich gern mit ausgesprochen jungen Gespielinnen schmückte wie nur je ein „Pate“. Auf ähnlichen Anhöhen thronte Max Frisch, den Walser als eitlen Altvorderen schildert. Und Enzensberger? War demzufolge ein Hallodri. Das durfte man erwarten.

Doch hier geht es weder um Tratsch noch um bloßes name dropping. Das hat Walser wahrlich nicht nötig. Er hat die meisten Kulturschaffenden (und Politiker), die er erwähnt, sehr gut gekannt und weiß Treffliches über sie mitzuteilen. Dabei werden Strukturen und Mechanismen des Betriebs bloßgelegt. So erfährt man einiges über Mauscheleien im Vorfeld wichtiger Literaturpreise, über bezeichnende Interna des Leitfossils Suhrkamp-Verlag oder über die teilweise gehässige Konkurrenz zwischen Schriftstellern.

Auch Walser ist natürlich nicht gänzlich frei von Anwandlungen der Missgunst. Mehrfach lässt er Futterneid just auf Grass durchblicken, der für Lesungen deutlich höhere Honorare kassierte und zudem höhere Prozentanteile an Buchverkäufen einstrich. Im Zuge der damaligen Tendenzwende (Zurückdrängung linker Positionen während des deutschen RAF-Terrorherbstes) fallen auch bissige Bemerkungen etwa über Peter Handke, der sich auf „wahre Empfindung“ kapriziert, während Walser seinerzeit immer noch im Umfeld der DKP (deren Mitglied er nie war) angesiedelt wird. Dabei ist auch er längst in andere Richtungen unterwegs.

Allerdings plagt sich Walser mit einer typischen 70er Jahre-Befürchtung, nämlich der, dass er als Hauseigentümer zu den verhassten Besitzenden gezählt werden könne.

Andererseits treiben den doch einigermaßen arrivierten Autor ständige, kleinmütig (und kleinbürgerlich) anmutende Geldsorgen um. Zitat: „Böll und Grass haben ihre enormen Geldreserven. Ich habe nichts.“ Jeder selbst bezahlte Hotelaufenthalt und erst recht ein Autokauf bereiten ihm Kopfzerbrechen. Will sich etwa jemand darüber mokieren? Wer steht schon für alle Zeit auf sicherem Grund?

Den bleiernen Schwerpunkt des Bandes bildet denn auch ein existenzgefährdender Vorgang, bei dem Walser übel mitgespielt worden ist, und zwar vom damaligen FAZ-Literaturchef Marcel Reich-Ranicki. Der hat am 27. März 1976 Walsers Roman „Jenseits der Liebe“ total verrissen, ja geradewegs verbal zerfetzt und dabei die literarische Eignung Walsers grundsätzlich in Zweifel gezogen.

Walser protokolliert in jenen Tagen, Wochen und Monaten seine nachhaltige Verbitterung. In der Rezension Reich-Ranickis glaubt er einen veritablen Vernichtungswillen zu spüren. Der Kritiker wolle ihn, Walser, „heraus haben“ aus der Literatur. Daran arbeitet sich Walser mühsam ab – zwischen Selbstzweifeln, Selbstzerfleischung und Selbstbehauptung, zwischen Rachedurst, Verfolgungswahn und aufblitzenden Selbstmordgedanken. Seine nächste Begegnung mit Reich-Ranicki stellt er sich im Tagebuch so vor: „Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen, wenn Sie in meine Reichweite kommen, ins Gesicht schlagen werde.“

Martin Walser erhielt damals etliche Solidaritätsbekundungen, so auch vom Freund Jürgen Habermas. Doch so gut wie niemand von medialem Belang wagte es, Reich-Ranicki öffentlich zu widersprechen. Besonders enttäuscht ist Walser über sozusagen schulterklopfende Großkritiker wie Joachim Kaiser („Süddeutsche Zeitung“) und Rolf Michaelis („Die Zeit“), die ihre Ablehnung in fadenscheinige Komplimente kleiden.

Walser kommt immer wieder auf seine notorischen Bauchschmerzen zu sprechen. Psychosomatische Symptome? Wer weiß. Jedenfalls vernimmt man einen Grundton des Verzagens, wechselnd mit trotzigen Wallungen und nur gelegentlichem Übermut, der auf verschüttete Lebenslust schließen lässt. Erst ein mehrmonatiger Arbeitsaufenthalt in West Virginia/USA bringt Linderung durch Distanz.

Das Ganze ist kein geringes Lehrbeispiel für Rezensenten aller Kunstgattungen, denn hieran lässt sich ermessen, was eine rücksichtslose Kritik mit einem Autor machen kann. Sie kann ihm schlimmstenfalls an die Lebensgeister gehen. Diese Feststellung ist beileibe kein Plädoyer für lediglich ergriffen nachzeichnende „Kunstbetrachtung“, wohl aber eine Mahnung zum Anstand. Auch entschiedenste Kritik sollte ihre Grenzen kennen.

Das rastlose Leben auf Lesetourneen (deprimierende Hotels, Provokateure im Publikum usw.) hält nur selten Trost bereit. Walsers auffällige Marotte: Wie ein akribischer Kursbuchhalter nennt er all die An- und Abfahrtzeiten der Züge, die er benutzt. Seine nervösen Zettel-Kritzeleien, deren Faksimiles den ganzen Band durchziehen, zeugen in kryptischer Form von seelischen Aufregungen (mit einem damals entstehenden Walser-Romantitel gesagt: von „Seelenarbeit“), sie geben dem Leser zudem das Gefühl einer großen Nähe zum Entstehungsmoment der Notizen. Ein sinnreicher Kunstgriff dieser Edition, die im Anhang aufschlussreiche Erläuterungen zum zeitgeschichtlichen Kontext enthält. Der vielleicht einzige Schwachpunkt des Primärtextes sind pseudo-lyrische Einsprengsel. Walser war und ist kein Lyriker. Er hat gut daran getan, sich anders zu orientieren.

Zauber der Nähe in vertrauter Region, heilsame Verwurzelung: Penibel hält der in literarischer Fron weltweit gereiste Walser fest, bis zu welchem Punkt er jeweils im heimischen Bodensee hinausgeschwommen ist. Und was der zuweilen arg besorgte Vater von vier Töchtern übers Familiäre äußert, ist auch nachträglich interessant. Franziska, Johanna, Alissa und Theresia Walser haben schließlich ihre je eigenständigen Wege als Autorinnen und beim Schauspiel (Franziska) beschritten. Es gibt bewegende Stellen in diesem Buch, die besagen, dass das Wachsen und Werden der Kinder Walser mindestens ebenso wichtig ist wie die eigenen Werke. Beispielsweise diese Aufzeichnung vom 31.8.1975:

„Die einzige Freude, die ich hatte, sind die Kinder. Wenn es zweien von diesen vieren gut ginge, könnte ich im Anschauen dieses Gutgehens meine restliche Zeit verbringen…“

Martin Walser: „Leben und Schreiben. Tagebücher 1974-1978“. Rowohlt Verlag. 591 Seiten, 24,95 Euro.




Wohltuend wortkarg

Nur selten ist Pathos mit allerlei verbalen Girlanden und Tremolo angebracht. Häufiger Gebrauch bedeutet allemal Entwertung, wenn nicht gar hohl tönendes Geschwätz.

Wenn etwas in wenigen, knapp gesetzten Worten aufblitzt, so ist das meist wirksamer. Dies macht auch den Reiz gelungener Werbeslogans aus.

Ein schönes Beispiel für lakonischen Witz ist die Äußerung des legendären Langstreckenläufers Emil Zatopek, der sein Metier so trennscharf umrissen hat:

„Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft.“

Mehr muss man nicht sagen.

Noch ein Ausspruch dieser erhellend knappen Sorte, der aus einem Interview mit Marlene Dietrich stammt. Ihre drei Worte taugen als Lebensmotto:

„Hingehen, machen, weggehen.“

Mehr muss man nicht sagen. Mehr muss man nicht tun.




Wer sich an Dekadenz berauscht

Der Schriftsteller Gerhard Henschel, der sonst schon mal ausgiebig in persönlich gefärbten Erinnerungen schwelgt („Kindheitsroman“, „Jugendroman“), hat sich diesmal auf anderes Terrain begeben. Dabei geht er abermals aufs Ganze: Sein neues opus magnum heißt „Menetekel“, ist so fußnotenreich wie eine veritable Doktorarbeit und verhandelt laut Untertitel nicht weniger als „3000 Jahre Untergang des Abendlandes“.

Mit Hunderten und Aberhunderten von markanten bis monströsen Zitatstellen führt der fleißige Sammler Henschel vor, dass es in allen, aber auch wirklich allen Epochen Kulturpessimisten und Apokalyptiker der finsteren Sorte gegeben hat. Mit sozusagen erektil anschwellender Phantasie, die selten von eigener Erfahrung gesättigt war (erst recht nicht von lustvoller), malten sie den bevorstehenden Untergang in grellsten Farben aus; vorzugsweise, indem sie den angeblichen Verfall der sexuellen Sitten in möglichst drastischer Behauptungs-Prosa schilderten.

Die gestrengen Beobachter gaben sich gern den Anschein, als hätten sie höchstselbst jeden Vorhang gelüftet, um ihn sodann mit ergötzlichem Ekel zuzuziehen. Nicht nur Henschels virulenter Verdacht: Sie geilten sich an den Objekten der eigenen Empörung auf, vielleicht gar insgeheim mit onanistischen Absichten. Oft genug aber auch mit kriegerischen.

Auf der Suche nach dem vermeintlich goldenen Zeitalter, das sie alle als heilsamen Kontrast beschworen haben, begibt sich Henschel historisch immer weiter zurück. Geradezu komischer Effekt dieser „Früher-war-alles-besser“-Retrospektive: In der jeweils vorherigen, angeblich noch so idyllischen und sittsamen Ära finden sich stets sehr ähnliche Klagen über Dekadenz. Und so weiter und so fort – zurück bis zum Anbeginn der schriftlich überlieferten geschichtlichen Zeit…

Auf Dauer gerät der Chor all der erzkonservativen Mahner ein wenig monoton, denn die Grundmuster ihrer jammervollen Klagen sind einander ziemlich ähnlich. Davon lässt sich Henschel leider anstecken, indem er all diese ausführlichst zitierten Positionen hernach mit der immergleichen, triefenden Ironie kurz und knapp abwatscht. Genauere Analyse überflüssig. Tenor: Diese Leute waren sexuell frustriert, haben auch anderen Menschen keine Lebens- und Liebesfreude gegönnt und sich just daher die tollsten, wüstesten Orgien ausgemalt, um sie den verhassten Feinden (Franzosen, Slawen, Juden etc.) zuzuordnen, sie mit (meist rechtslastigem) Furor zu verdammen und im Extremfall zur Ausmerzung aufzurufen.

Nicht immer treffen Henschels knappe Bemerkungen exakt den Kern der Verhältnisse. Zuweilen reicht ihm ein satirisches Zitat, um höhere Wahrheit wider die aufgetürmte Dummheit leuchten zu lassen, doch diese simple Methode verfängt nicht in jedem Falle. Auch verwirft Henschel jederlei Kritik an der permissiven Gesellschaft kurzerhand als lustfeindlich. So einfach ist das denn doch nicht.

Aufschlussreich herausgearbeitet sind hingegen häufig wiederkehrende „Argumentations“-Figuren wie das perfide Ausspielen einer deutschen/germanischen „Kultur“ gegen die niedere „Zivilisation“ vornehmlich der sündigen Franzosen. Hier erlaubt schon die schiere Fülle der Zitate manchen erhellenden Quervergleich. Aus ungeahnt aktuellen Gründen ist es auch verdienstvoll, dass Henschel das geläufige Gerede von der „spätrömischen Dekadenz“ stark relativiert. Von Guido Westerwelles ahistorischem Gefasel konnte er beim Verfassen des Textes noch nichts ahnen.

Die 14 Kapitel des Buches sind freilich von schwankender Qualität. Die übelsten „Franzosenfresser“, Antisemiten und Faschisten werden in den Orkus gestoßen, in den sie gehören. Doch das gleiche Schicksal ereilt auch einen Säulenheiligen der Linksliberalen, nämlich Günter Anders („Die Antiquiertheit des Menschen“). Er erscheint hier als unerträglich eitler Fatzke und haltloser Alarmist. So gerät er unversehens in eine Reihe mit Gestalten wie dem Ultra-Nationalisten und Schriftsteller Ernst Moritz Arndt (nach dem viele deutsche Straßen benannt sind) oder Oswald Spengler, von mörderischen NS-Ideologen ganz zu schweigen.

Behutsame historische Differenzierung scheint also nicht Henschels hauptsächliche Stärke zu sein. So könnte man argwöhnen – bis man die letzten Kapitel liest. Da geht es auf einmal schillernd, zwiespältig und widersprüchlich zu, also ungleich spannender als vordem, wo die Fronten überaus klar zu sein schienen. Das Kapitel über den Berserker-Poeten Rolf Dieter Brinkmann („Keiner weiß mehr“, „Westwärts 1 & 2“) führt einen wahrhaft sprachmächtigen Daseinshasser vor Augen, der sich um und nach 1968 zu monströsen Wutschreien auf alles und jeden verstiegen hat. Beim Rom-Aufenthalt etwa bespie er die Italiener verbal als „Spaghettifresser“ und „Sackkratzer“.

Schließlich betritt mit dem ebenso famosen Schriftsteller Ror Wolf ein Mann die Weltbühne, der seinerseits die schwärzesten Katastrophen kommen sieht, solche Befürchtungen aber zu Grotesken ballt. So gibt es also doch Warnungen, auf die man haarfein hören sollte!

Gerhard Henschel: „Menetekel – 3000 Jahre Untergang des Abendlandes“. Eichborn Verlag (Reihe „Die andere Bibliothek“), Frankfurt. 372 Seiten. 32 Euro.




Guido und das Grubenpferd quälen das Ruhrgebiet

Es wird mal wieder höchste Zeit für eine kleine kulturhauptstädtische Nestbeschmutzung. Diesmal geht’s um die manchmal unscheinbaren, beim ersten Hinhören halbwegs harmlos klingenden, doch im Grunde reichlich bescheuerten Ausgeburten der Sprach- und Lifestyle-Designer.

Gut möglich, dass häufig auswärtige Agenturen oder sonstige „Kreative“ zum Zuge kommen, die unser Leben im Revier noch cooler ausschildern sollen – sicherlich stets im Vollgefühl vermeintlich avancierter Zeitgeistigkeit. Oder wissen sie etwa zynisch genau, dass sie uns nur die Brosamen ihrer Brainstormings hinstreuen?

Nicht nur in dieser Hinsicht ist der idr-Pressedienst des RVR (Regionalverband Ruhr) eine verlässliche Fundgrube. Die getreulichen Essener Chronisten verzeichnen allwochentäglich aktuelle „facts und events“ aus der Möchtegern-Ruhrstadt. Zuweilen sind es bloße Peinlichkeiten, die allerdings nie als solche erscheinen dürfen. Da sei der Regionalstolz vor.

Beispiele gefällig? Bitte sehr, willkürlich herausgegriffen und jederzeit beliebig vermehrbar:

Vor ein paar Wochen wurde stolz die bevorstehende Eröffnung des „Aquapark“-Spaßbades in Oberhausen vermeldet: „Mittelpunkt des neuen Spaßbades ist der 18 Meter hohe Nachbau eines Förderturms mit integrierter Fallrutsche.“ Auch andere „Gestaltungselemente“ – beispielsweise „Bubi, das Grubenpferd“ – erinnerten an die „Bergbaugeschichte der Metropole Ruhr“, heißt es weiter.

Erinnern. An die Bergbaugeschichte. Da kann man nur noch stammeln.

Mit solchen Reminiszenzen verglichen, kommt einem selbst Disneyland noch authentisch vor. Und man fragt sich fassungslos, wer sich solche kumpelhaften Putzigkeiten ausdenkt. Vielleicht hat ja mal wieder der „Mann mit dem Koks“ geholfen.

Just gestern liefen gleich zwei Kopfschüttel-Nachrichten ein.

Die eine besagt, dass an der Dortmunder Uni ein „Kompetenz- und Dienstleistungszentrum“ (was sonst?!) für Ingenieurwissenschaften entstehe. Und wie heißt das gemeinsam mit Bochum und Aachen betriebene Projekt? „TeachING-LearnING.EU“. Geht’s noch grauslicher?

In der Sparte „unfreiwillig lächerlich“ rangiert auch die zweite Mitteilung ganz oben. Ein neuer „Ruhr-Gastro-Guide“ fimiert unter dem – haltet euch fest! – unglaublich witzigen Namen GUiDO. Jawohl, ihr habt richtig gelesen. GUiDO. Hahaha!

Wenn das keine spätrömische Dekadenz ist, dann weiß ich auch nicht.




Verdammt gemütlich – Klaus Modicks „Krumme Touren“

…und dann gibt es Autoren wie Klaus Modick, die zwar wohl kein weltliterarisches Format haben, die einem aber mit den Jahren sehr ans Herz gewachsen sind. Dieser Mann ist klug, er schreibt stilsicher, solide und verlässlich, dabei anregend genug. Er ist seiner (inwieweit begrenzten?) Mittel bewusst und handhabt sie spürbar freudig und souverän. Nichts Verquältes ist ihm eigen.

Der 1951 gebürtige Oldenburger, der seit einigen Jahren wieder in seiner Heimatstadt lebt, gibt sich zudem sympathisch unarrogant und bodenständig. Er ist mit provinziellen und familiären Alltagsdingen vertraut, aber längst nicht darauf beschränkt. Überdies schätze ich ihn als Generationsgenossen, als wäre er ein etwas älterer, hie und da vorbildlicher Bruder.

Warum diese umständliche Vorrede?

Weil ich von seinem neuen Buch gelinde enttäuscht bin.

„Krumme Touren“ enthält 19 Erzählungen. Besähe man’s in der Buchhandlung nur flüchtig, so würde man ziemlich in die Irre geführt. Auf dem Umschlag prangt fast formatfüllend das Bild einer Audio-Kompaktkassette. Darauf haben die Leute (Jüngeren sei’s gesagt) früher mal ihre Lieblingsmusik aufgenommen. So eingestimmt, erwartet man ein zeitgeistig abgeschmecktes Generationen-Buch. Auch der Klappentext kündet von typischen Erlebnissen aus Kinder- und Jugendzeit – und die ersten Texte lösen dies auch ein. Doch schon bald schweift der Erzähler durch ganz andere Gefilde.

Anfangs geht’s um so aufregende Dinge wie die erste Kindergarten-Liebe, später um die Suche nach „schweinischen Stellen“ in den elterlichen Buchbeständen, die Peinlichkeit der Tanzstunden (kulminierend im Abschlussball), um den mit heißem Herzen ersehnten Erwerb des „Weißen Albums“ der Beatles. Die Jahre, die ihr kennt. Jaja, genau so war’s: Tatsächlich findet man eigene Erlebnis-Valeurs bis in feinere Verästelungen wieder.

Doch ins heimelige Gefühl schleicht sich schon hier eine Spur von Unbehagen: Wird da nicht allzu beruhigt und betulich berichtet? Prasselt nicht ein imaginäres Kaminfeuer, wenn Modick frühere Urlaube wie in einem nostalgischen Bilderbuch aufblättert? 50er Jahre: Mit dem „Käfer“ der Eltern an die Nordsee, Blumenvase an der Windschutzscheibe. 60er und 70er Jahre: Im nunmehr obligatorischen VW-Bus mit Freaks und Joints unterwegs. Alles Individuelle, Bezeichnende scheint im Wabern solcher Generations-Gemeinschaft zu verschwinden. Aber vielleicht verhält es sich ja auch wirklich so, dass niemand allzu besonders ist, sondern alle beinahe restlos in ihrer Zeit aufgehen…

Dennoch hakt sich der Eindruck fest: Wenn „Großvater“ erzählt, wird’s verdammt gemütlich – aber nicht sonderlich aufschlussreich. Dann lauten Sätze über einen LSD-getränkten Frankreich-Trip auch schon mal so: „… und die Sonne der freien Liebe wärmte uns die Herzen beziehungsweise Hosen.“ Modick muss sehr erinnerungs- und/oder weinselig gewesen sein, als ihm dies unterlaufen ist. Doch er schwächelt auch im weiteren Verlauf des Bandes gelegentlich. Man erhofft sich von einem Schriftsteller seiner Liga beispielsweise originellere, genauere Bilder als dieses: „…rollte Donner über das Watt, und dann stürzte das Wasser wie aus Eimern gegossen vom Himmel.“

Die weiteren Geschichten sind von schwankender Qualität, sie ranken sich um dies und das und irgendwas. Sie wirken wie aus verstreuten Notizheften herbeigeholt, als hätte die Frage gelautet: Wie viele Seiten müssen wir noch füllen, bis es ein ordentlicher Band ist? Vor allem die Buchdeckel halten dieses Buch zusammen, weniger die Inhalte.

Einen Generationen-Bruch markiert am deutlichsten die Story, in der Gitarrengott Jimi Hendrix auf die Erde zurückkehrt und im elenden Talentschuppen DSDS scheitert. Etwas wohlfeil und vergilbt wirkt auch die Gegenüberstellung traditionellen Webens im ländlichen Italien und in einer Nordhorner Fabrik, wo ausgerechnet italienische „Gastarbeiter“ schuften. Die industrielle Entfremdungsstudie spielt anno 1964 und soll vielleicht just die vordem in der gleichen Zeit angesiedelte Nostalgie konterkarieren.

Es folgen u. a. eine Spökenkieker-Geschichte aus dem ostfriesischen Watt (recht altbacken), sodann – als arg konstruierte Liebes-Irrtümer – die vertrackten Phantasien eines Ehemannes über seine vermeintlich untreue Frau (Stoff für eine landsübliche ZDF-Komödie um 20.15 Uhr?) sowie eine wüste Groteske bzw. Räuberpistole über ein Date mit einer Blondine. Ferner erfahren wir, wie ein gutgläubiger deutscher Germanist in Japan an die Mafia gerät, wie absurd eine Kulturstiftung mit einem Künstlernachlass verfährt, warum man in der Ferne Heimweh nach deutschem Fußball haben kann und wie man im postmodernen Tokio in meditative Trance verfällt. Gedrechseltes Zitat: „Ich war gleichgültig und durchlässig, alles war gleich gültig durch Lässigkeit…“ Naja.

Kein schlechtes Buch, jedoch nur ein mittelprächtiges. Modick ist sonst besser, mehr auf der Höhe seiner selbst. Gewiss: Man schmunzelt immer mal wieder und lässt sich ja auch manches gern auftischen. Doch muss es denn nahezu durchweg so brav und so treuherzig sein? Zu wenig krumme Toren!

Klaus Modick: „Krumme Touren“. Erzählungen. Eichborn Verlag, 240 Seiten, 18,95 Euro.




Die Causa Helene Hegemann – Plagiat? Ach was! Oder doch?

Die Angelegenheit konnte schon frühzeitig Unbehagen wecken. Die wie verabredet wirkende Weise, in der die erst 17-jährige Helene Hegemann kurzerhand zur Autorin der Stunde (nein: des Jahrzehnts!) hochgejubelt wurde, hatte von Anfang an etwas haltlos Penetrantes.

Die überregionalen Feuilletons überboten einander mit äußerst umfangreichen Lobpreisungen für den mit Sex- und Drogenexzessen gesättigen Debütroman „Axolotl Roadkill“. Auch der sonst oft ätzend angriffslustige Maxim Biller stimmte als Rezensent in den Halleluja-Chor ein. Ein Effekt: Das Buch kletterte bis auf Platz fünf der Bestseller-Liste. All das spricht natürlich auch noch nicht g e g e n Hegemanns Buch.

Inzwischen hat sich allerdings herausgestellt, dass Helene Hegemann sich gleich absatzweise in Texten des Bloggers „Airen“ bedient hat. Der ist schon etwas älter als die Schriftstellerin und durfte daher wüste Berliner Locations („Berghain“) aufsuchen, von denen sie wohl eher vom Hörensagen wusste, über die sie aber jetzt kundig schreiben konnte. Vulgo: Hegemann hat entsprechende Passagen offenkundig abgekupfert, und zwar nicht zu knapp, quasi per copy and paste. Inzwischen sind auch Belege eines Kaufvorgangs beim Internet-Versand Amazon an die Öffentlichkeit gelangt, die darauf hindeuten, dass Hegemanns Vater (Dramaturg an der Volksbühne) seiner Tochter den bis dato nur unter Schwierigkeiten greifbaren Roman „Strobo“ (SuKuLTuR-Verlag) des besagten Airen besorgt hat.

Peinlich für die Autorin und ihre begeisterten Kritiker? Ach was! Die FAZ warf sich gleich mehrfach für ihr neues Idol Hegemann in die Bresche und erklärte nunmehr eilfertig, dass in Zeiten von Google derlei „Übernahmen“ völlig normal seien. Plagiate habe es im Lauf der Geschichte ohnehin immer gegeben. Erst recht sei das Kunstwerk sei im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und im Zeichen der Remix-Kultur eben längst kein Original mehr, es erlange – so auch die Einlassung der Autorin – bestenfalls einen Status der „Echtheit“. Natürlich wurde auch wieder fleißig Bert Brechts legendär „laxe Haltung in Fragen des geistigen Eigentums“ zitiert. Wird in solchen Fällen immer gern genommen.

Kurzum: Fort mit allen kleinlichen Bedenken! Gerade indem man sich umstandslos im Web bedient, bekundet man demnach seine coole Zeitgenossenschaft. Wer sich Texte noch von A bis Z selbst herausquält, wäre also hoffnungslos von vorgestern und selbst schuld an seiner Mühsal?

Der Ullstein Verlag, in dem „Axolotl Roadkill“ erschienen ist, schätzt wenigstens die urheberrechtliche Lage realistischer ein und rückt eine unmissverständliche Quellenangabe in die zweite Auflage. Auch soll der unfreiwillige Ideengeber Airen angemessen entschädigt werden. Immerhin könnte man’s zur Not so hinbiegen: Sein Bekanntheitsgrad ist durch die Plagiats-Affäre immens gestiegen. Genau diesen Trost spendet auch die FAZ, die mutmaßt, Airen sei vielleicht „einfach dankbar für die Aufmerksamkeit, die sein Roman jetzt findet.“




Afrika und die Magie des Fußballs

Wohl kein anderer deutscher Journalist kennt sich mit Afrika u n d mit Fußball so gut aus wie Bartholomäus Grill, von 1993 bis 2006 und neuerdings wieder Afrika-Korrespondent der Wochenzeitung „Die Zeit“. Im Vorfeld der Fußball-WM 2010 in Südafrika ist jetzt sein Buch „Laduuuuuma!“ erschienen. Das Titelwort ist der immens lang gedehnte Torschrei am Kap der Guten Hoffnung – etwa vergleichbar dem exzessiven „Gooooooooool!“ in Brasilien.

Grill hat sein Buch jetzt in Dortmund vorgestellt, zünftig in der Stadion-Gaststätte „Strobels“. In diesem Dunstkreis fühlt sich der 1954 geborene Bayer (er stammt aus Oberaudorf wie z. B. die Herren Stoiber und Schweinsteiger) ein wenig zu Hause, ist doch Borussia Dortmund seit dem Europapokalsieg 1966 sein Lieblingsverein. Gutes Beispiel für Globalisierung: Auch in entlegenen Winkeln Afrikas sind ihm schon Einheimische im BVB-Trikot begegnet. Ich geb’s freimütig zu: Als Dortmunder gehen mir solche Vorfälle zum schwarzgelben Herzen.

Nun aber zur Sache. Grill findet, auf keinem anderen Kontinent sei man derart fußballverrückt wie in Afrika. Die Menschen wissen dort nicht nur mit den eigenen Vereinen Bescheid, sondern mindestens ebenso sehr mit der englischen Premier League oder Erstligisten in Spanien, Italien, Deutschland oder Holland, wo jeweils etliche afrikanische Stars ihr Geld verdienen. Selbst mit den härtesten Gangsterbossen in Townships wie Manenberg (mörderische no-go-area, in die sich Grill zu Recherche-Zwecken dennoch gewagt hat) könne man oft immer noch ein Gespräch über Fußball anknüpfen. Verblüffender noch: Als dem Autor im Kongo unversehens ein sichtlich aggressiver, bis an die Zähne bewaffneter Soldat begegnete, habe die bloße Erwähnung des Namens Ballack für Entspannung gesorgt. Das muss man sich für Wechselfälle merken.

Wie schätzt Bartholomäus Grill die im Hinblick auf die WM oft warnend beschworene Kriminalität in Südafrika ein? Nun, die Zahlen (rund 50 Morde am Tag) seien wirklich verheerend. Allerdings seien so gut wie nie Touristen die Opfer, sondern überwiegend (zu rund 70 Prozent) Schwarze aus armen Vierteln. Bei Grill klingt diese Einschätzung nicht zynisch, sondern realistisch und pragmatisch.

Die Darstellung in den hiesigen Medien sei indes fast immer ungerecht. Typisches Beispiel: Als die ARD-Tagesthemen kürzlich von der Gruppenauslosung zur WM berichteten, sei sogleich ein Kontrast-Schwenk über brennende Hütten vollführt worden. Grill: „Das ist ungefähr so, als hätten afrikanische Sender bei der Auslosung für die WM in Deutschland Skindheads gezeigt, die einen Obdachlosen totschlagen.“ Die eingefahrenen Wahrnehmungs-Muster westlicher Journalisten in Afrika liefen meist auf Not, Elend und Gewalt hinaus. Dabei werde dort ebenso gelebt, gelacht und geliebt wie überall auf Erden. Überhaupt: Selbst wohlmeinende Ratschläge „weißer Gutmenschen“ seien oft eher hinderlich.

In seinem erzählfreudigen und informativen Buch schildert Grill die enorme Bedeutung des Fußballs für Afrika, stets verknüpft mit geschichtlichen, politischen und gesellschaftlichen Bedingungen (bis hin zur Diktatur des Schlächters Idi Amin), doch auch der gut platzierten, süffigen Anekdote nicht abhold. Man glaubt es schließlich gern: Es ist wohl tatsächlich ein Königsweg, um den Erdteil ein wenig zu verstehen, wenn man sich über den Fußball nähert. So ist zwar einerseits der Sport vielfach ebenso von Korruption durchsetzt wie ganze Staatengebilde, auch gibt es üblen Menschenhandel mit jungen Kickertalenten.

Doch beim Zusammenwachsen einer (vordem durch die Apartheid zutiefst gespaltenen) Nation wie Südafrika ist die Bedeutung von Fußball und Rugby eben auch kaum zu überschätzen. Nichts weckt solche Gefühlswallungen, nichts kann im besten Falle so sehr zusammenschweißen. Was Deutschland anno 1954 bewegt hat („Das Wunder von Bern“), hat Südafrika 1995 mit dem Sieg bei der Rugby-WM und 1996 als Afrikameister im Fußball erlebt. Heute allerdings, so Grill, dürfte das Gastgeberland das „mit Abstand schwächste Team“ aller 32 Teilnehmerländer stellen.

Eines der spannendsten Kapitel handelt mit drastischen Beispielen von Okkultismus und Magie: Der in ganz Afrika verbreitete Aber- und Hexenglaube, der mitunter sogar zur Lynchjustiz führt, lässt sich eben auch anhand des Fußballs illustrieren. Pavianpfoten, Krötenherzen, Rattenfelle oder allerlei Pülverchen sollen siegreiche Wunschergebnisse herbeizwingen. So mancher Zauberer ist auf diesem Gebiet tätig. Auf großen Fetisch-Märkten ist das bizarre Zubehör käuflich zu erwerben. Selbst wenn hiesige Fans schon mal verzückt den Rasen küssen: Welch nüchterne Verlässlichkeit scheint hingegen in der Bundesliga zu herrschen…

Die Frage, die keinesfalls fehlen darf: Wer gewinnt nach Grills Meinung das Turnier 2010? Er nennt ein Wunschfinale der kultiviertesten Spielkunst: Spanien gegen die Elfenbeinküste. Letztere möge dann mit 2:1 gewinnen.

Wenn das exakt so eintrifft, bin ich auch geneigt, an Geister zu glauben.

Bartholomäus Grill: „Laduuuuuma! – Wie der Fußball Afrika verzaubert“. Verlag Hoffmann und Campe. 256 Seiten. 20 €.

Gekürzte Fassung unter gleichem Titel auch als Hörbuch (gelesen von Andreas Pietschmann), ebenfalls Hoffmann und Campe, 2 CDs, 20 €.




Schmuck mit Seele

Wie hat wohl die Urgeschichte der Skulptur begonnen, von welcher Art waren die frühesten Vor-Bilder? Prof. Christoph Brockhaus, Chef des Duisburger Lehmbruck-Museums, hat da eine plausibel klingende Vermutung: Amulette und magische Glücksbringer in Form von Schmuckstücken dürften von allem Anfang an gefertigt worden sein. Es birgt also seinen tieferen Sinn und Hintersinn, dass das auf Skulpturen spezialisierte Haus nun Schmuck zeigt, der von Bildhauern geschaffen wurde.

Brockhaus legt Wert auf trennscharfe Unterscheidung vom bloßen Schmuck-Design. Dabei stünden die gute (anzufügen wäre: meist eher gefällig geglättete) Form und handwerkliche Präzision im Vordergrund, während Künstler auch auf diesem Gebiet mit geistigem Anspruch antreten, zumeist auf Transzendenz aus sind und hierzu dem Material eine ureigene, möglichst unverwechselbare Handschrift aufprägen.

Manche dieser Prägemuster oder auch Markenzeichen erkennt man tatsächlich auf einen Blick, freilich wirken sie in der Schmuckform wie verfremdet. Günter Uecker treibt auch aus dem Schmuck Nägel hervor, als gelte es, stachlige Abwehr zu gewährleisten – vielleicht gegen bösen Zauber? Lucio Fontana, bekannt durch „geschlitzte“ Bilder, hat den Edelmetall-Flächen seines Schmucks gleichfalls solche Schnitte zugefügt. Louise Bourgeois hat eine Spinne zur Brosche geformt, die direkt aus einem Alptraum zu stammen scheint. Alexander Calders Armreife oder Halsbänder sind so filigran und wundersam beweglich wie seine sonstigen Werke. Man sagt nicht zu viel, wenn man feststellt: So manche dieser Schmuckstücke haben eine „Seele“, sie sind alles andere als Beiwerk.

Es geht bis in den Olymp der Kunst hinauf. Besonders zwei Namen bürgen für Gipfelglück: Pablo Picasso offenbart sich auch im Medium des Schmucks als der schier unendlich schöpferische Universalkünstler, der er nun einmal gewesen ist. Die goldenen Medaillons für seine Geliebte Francoise Gilot, versehen mit traumwandlerisch formsicher stilisierten Frauen-, Faun- oder Tier-Darstellungen, deuten wahrhaftig auf unvordenkliche Frühzeiten der Künste und der menschlichen Geschichte. Ähnlich nah an den magischen Ursprüngen bewegt sich Max Ernst mit gleichfalls in Gold getriebenen Miniatur-Masken, die als Anhänger dienten.

Die rund 185 skulpturalen Schmuckstücke, von Fall zu Fall ergänzt um Bildhauer- und Papier-Arbeiten der beteiligten Künstler, gehören überwiegend zur Sammlung von Diana Küppers aus Mülheim/Ruhr. Sie besitzt die wohl weltweit bedeutendste Kollektion von Bildhauerschmuck der Moderne. Seit 1978 hat sie ihre Schätze zusammengetragen, bisweilen im engen persönlichen Kontakt zu Künstlern wie etwa Gotthard Graubner (der auch hier seine Farbkissen-Formen aufgegriffen hat) oder Niki de Saint Phalle, deren Schmuck-Oeuvre natürlich auch (aber nicht nur) prallbunte „Nana“-Weibsgestalten aufleben lässt.

Die Duisburger Liste verzeichnet weitere Künstlernamen von höchstem Rang, beispielsweise: Hans Arp, Georges Braque, Eduardo Chillida, Jean Cocteau, Salvador Dali, Marcel Duchamp, Yves Klein, Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg (Brosche mit rostigem Metallfundstück), Man Ray, Frank Stella, Andy Warhol… Wer hätte gedacht, dass all diese Größen Schmuck hergestellt haben?

Oft handelt es sich um echte Unikate, die für Gefährtinnen entstanden sind. Auflagen dieser körperbezogenen Kunstwerke gab es allenfalls in geringer Stückzahl, um den Wert der Einzelobjekte nicht zu schmälern. Kunsthistorisch betritt man hier – so Christoph Brockhaus – „terra incognita“, denn der Schmuck ist meist nicht in den jeweiligen Werkverzeichnissen erfasst. Da schlummert also noch viel unerledigte Forschungsarbeit.

Von Picasso bis Warhol – Bildhauerschmuck der Avantgarde. Duisburg, Wilhelm Lehmbruck Museum, Düsseldorfer Str. 51 (Besucheradresse Friedrich-Wilhelm-Straße 40). Bis 14. Februar 2010. Geöffnet Di-Sa 11-17, So 10-18 Uhr, Mo geschlossen. Eintritt 6 Euro (ermäßigt 3 Euro), Familie 12 Euro. Katalog 25 Euro. Buchung von Führungen Tel.: 0203/283 21 95. Internet: www.lehmbruckmuseum.de




Botho Strauß‘ Notate „Vom Aufenthalt“

„Wo warst du in deinen Tagen? Hast du eine Höhle oder eine Säule bewohnt? Im Letztlicht oder Lechzlicht gestanden?“

Fürwahr ein hoher Ton, nah am Rande des Strapaziösen. Keine leichte Kostprobe aus dem neuen Buch von Botho Strauß, das aber ungleich vielstimmiger instrumentiert ist und auch das Alltägliche nicht beiseite lässt.

„Vom Aufenthalt“ heißt der Band. Er enthält Hunderte von Notaten, die (oft unwirsch, vielfach elegisch) von der als heillos diagnostizierten Gegenwart wegführen sollen und gerade deshalb treffsicher ins Zentrum heutiger Zeitwirrnis zielen. Strauß sucht ein Menschenbild für ungewisse Zukunft zu entwerfen, aus dem Vorhandenen zu erspüren. Diese Anstrengung kommt zwar gelegentlich hochmögend, doch kaum einmal tönend prophetisch daher, wie manche gewiss wieder argwöhnen werden. Sondern? Zuweilen leicht wie ein Lufthauch.

Die Grundhaltung, die der Autor einnimmt und anempfiehlt, ist ein hellsichtig bewusstes Zögern und Zaudern. Die heilsame Weile, das Warten nach all dem übermäßigen Geschehen, also: Aufenthalt – wie auf einer Heimreise mit dem Zug. Endlich eine andere Zeitfülle!

Die Zeit wird nicht als Fluss empfunden, sondern als Abfolge von Sprüngen, zwischen denen Ruhezonen bleiben. In diesen Zwischenräumen regt sich die vibrierende Sehnsucht nach dem Moment, da alles ruhig hingespannte Erwartung ist, als wenn man auf eine noch leere Lichtung hinausblickt. Die inständig erhoffte Aussicht auf kreisförmige Wiederkehr früherer Zustände (hier „Einstweh“ genannt, als sei’s ein Heimweh). Ein konservatives, gar reaktionäres Ansinnen, das Denker wie Nietzsche und Heidegger heranzieht oder edle Raritäten-Winkel der Geistesgeschichte aufsucht?

Solches Verharren läuft aufs Bewahren und Wiederherstellen hinaus, was heute nach Straußschem Verständnis freilich kühne Erkundung und Expedition erfordert, will man das allzu Gewohnte und Immergleiche des Aufklärungs-Zeitalters hinter sich lassen. Daher die zumindest indirekt zu erschließenden Losungen: Schluss mit Geschwindigkeit und sinnloser Innovation. Schluss mit der landläufig scharfzüngigen, rundweg überinformierten Schlauheit und den daraus folgenden, rasch hingeworfenen Meinungen des Tages, hinfort mit feiger Toleranz, aber auch mit ironischen Ausflüchten. Schluss mit dem nur elend sportiven Sex des „Lustgelichters“. Statt dessen sei Zeit und Raum für Mythen, überlieferte Rituale und Geheimnisse.

Kein Zweifel: Mit alle dem versehen, würden wir wahrlich anders leben.

Auch kommen hier so unzeitgemäße Begriffe wie Scheu, Scham und Bescheidenheit auf, die gegen alle verworfene Frechheit wieder ins Recht und in Kraft gesetzt werden sollen. Überdies wird das barocke Bewusstsein der Vergänglichkeit (vanitas) wachgerufen.

Strauß preist zwar das Alleinsein auf den Klippen des Lebens und Lesens, ist aber nicht nur ein höchst empfindsamer Bewohner des Elfenbeinturms. Er wendet sich den Untiefen des Hartz-IV-Milieus zu oder sinnt übers Populäre in der Kultur nach, das er gelegentlich glückhaft in den USA, doch nimmer bei uns ins Werk gesetzt sieht. Zitat: „Das Populäre erleidet hierzulande oft das schreckliche Schicksal, von Intellektuellen gehütet und befingert zu werden. Auf diesem Weg kann es niemals zu Herzen gehen.“

Oberflächlich gelesen, wirkt Strauß einmal soldatisch stramm, wenn er „Dienst und Ehre“ den „mutlosen Befangenheiten des ,zivilen Ungehorsams’“ vorzieht (Seite 161). Wäre es nach dem lauen Zeitgeist gegangen, hätte er seinen Sohn „zur kritischen Memme erziehen müssen.“ Nichts da!

Doch wenn „Dienst und Ehre“ nun mehrschichtige Bedeutung hätten und sinngemäß nicht nur kriegerisch besetzt wären? Wenn man sie als kulturelle Errungenschaften gegen das Verwahrloste und Beliebige dächte?

Selbst der biblische Jesus, so heißt es einmal, sei schon zu geschwätzig ins Tägliche verwoben gewesen. Geradezu alttestamentarisch, sieht Strauß – in der Tradition von Sören Kierkegaard und Karl Barth – einen strengen, gar nicht gütigen und alles andere als „süßlichen“ Gott. Für Straußsche Verhältnisse fast schon ein leichthändig ausgestreutes Bonmot: „Eine protestantische Predigt, das ist in den meisten Fällen, als spräche ein Materialprüfer vom TÜV über den Heiligen Gral.“

Statt dessen soll ein einziges Aufmerken sein, wenn das Unantastbare, Unbegreifliche und Undeutbare Schatten wirft, wenn das umfassende, in diesem Buch mehrfach beschworene „totum simul, das große Allzugleich der Werke und Tage“ im – so wörtlich – „Vollmaß der Zeit“ erstrahlt. Zittrige Zukunftsvision zwischen Bangen und Hoffen: Dies große Gleichzeitige löst die lineare Historie und irgendwann auch die lineare Schrift auf. Und dann?

Man muss die An- und Absichten nicht rundum teilen, um sagen zu können: Hier gibt es Passagen, aus denen man jedes kostbare Wort trinken könnte. So gut dies heute noch geht, erfüllt Strauß seine Forderung nach „Sprachwachsamkeit“, die er etwa bei den großen Vorläufern Jean Paul und Heimito von Doderer gefunden hat. Künftige Generationen, so fürchtet er, werden in erster Linie das dünnflüssige, ungreifbare Virtuelle kennen. Etliche Stellen des Buches betreffen den Moloch Internet, vorwiegend als Menetekel. Den einst so schöpferischen Sozialtypus des Einzelgängers entlässt das Netz – Strauß zufolge – nur noch als Psychopathen „und schickt ihn, verblendet, umschlossen von Fiktion, mit Pumpgun in den Gewaltexzess.“ Wenn das kein gepflegter Kulturpessimismus ist!

Bemerkenswert, dass Strauß mehrfach seine Mutter erwähnt, mithin das Aufgehobensein im Vergangenen, in früher Nachkriegszeit. Schärfer denn je empfindet er, „dass er, wo immer er sitzt und in Zukunft noch sitzen wird, stets übrigblieb aus anderen Tagen.“

Weisheit des Alters wird schließlich gegen eine allseits erschöpfte Jugendkultur ins Feld geführt. Die wahren Abenteuer könnten dabei erst beginnen, findet Strauß. Er zitiert aus T. S. Eliots Gedicht „East Coker“ die Zeile: „Old men ought to be explorers.“ Und er übersetzt frei: „Alte Männer müssen Kundschafter sein.“

Strauß wird am 2. Dezember (also heute!) 65 Jahre alt. Demnach wär’s Zeit für weitere neue, womöglich zukunftsweisende Entdeckungen in althergebrachten Beständen.

Botho Strauß: „Vom Aufenthalt“. Carl Hanser Verlag. 295 Seiten. 19,90 Euro.




Neues unter der Sonne

Es gibt offenbar noch Neues unter der Sonne: In Wuppertal behaupteten die Museumsleute kürzlich, sie zeigten jetzt den allerersten deutschen Gesamtüberblick zum Werk des Impressionisten Claude Monet. Jetzt sagen die Kollegen in Bielefeld, es habe bislang noch keine vergleichbare Retrospektive zum deutschen Impressionismus gegeben. Ihre Ausstellung sei somit eine Art Premiere. Wer skeptisch ist, der beweise jeweils das Gegenteil.

Folgt man einer Bielefelder Ausgangs-These, so hat der deutsche Impressionismus mit den weltberühmten französischen Spielarten dieser Kunstrichtung nicht allzu viel gemein, sondern war ein eigener und eigensinniger Strang der Kunstgeschichte. Antriebe und Absichten waren demnach ebenso verschieden wie Stimmungswerte oder Farbpalette. Letztere haben nicht nur mit der (schwer greifbaren) „Mentalität“, sondern auch mit konkreten landschaftlichen Gegebenheiten zu tun. Deutscher Wald ist eben nicht so licht wie etwa Strände von Südfrankreich, ein Boulevard in Paris flirrt und brandet anders als eine Straße in Karlsruhe.

Apropos Stadtbilder: Eine Besonderheit sind Lesser Urys Ansichten des nächtlichen Berlin, auf denen sich Großstadtlichter in regennassen Straßen spiegeln. Sonst bringt man Impressionismus eher mit Tageshelligkeit in Verbindung. Ausgeprägter als im Nachbarland haben deutsche Impressionisten zudem Technik und Arbeitswelten dargestellt. Wilhelm II. befand prompt, Max Liebermann und Konsorten verfertigten üble „Rinnsteinkunst“. Mit solch bodenlosen Urteilen macht man sich für alle Zeiten lächerlich.

Der Zeitrahmen der Auswahl reicht von 1871 bis 1918, umfasst also die wilhelminische Kaiserzeit. Der hiesige Impressionismus war zwar keine Sache der Bohème wie in Frankreich, sondern im wesentlichen bürgerlich, aber er war alles andere als pompös oder staatstragend. Entgegen dem Heroismus, wie er damals offiziell erwünscht war und in den Akademien eingetrichtert wurde, griffen Impressionisten lieber aufs private Leben zurück. Schon dies war ein Zeichen von Abtrünnigkeit. Die Vorbilder waren nicht etwa hauptsächlich Frankreichs Impressionisten, sondern sie waren in der Freilichtmaler-Schule von Barbizon, unter den Naturalisten und bei den Niederländern zu finden.

Bielefeld präsentiert etwa 180 Werke von 35 Künstlern. Gerade einmal drei dieser Maler haben es als Impressionisten dauerhaft zu höheren Bekanntheits-Graden gebracht: Max Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth. Einzelstücke von Christian Rohlfs oder Max Beckmann sind in diesem Kontext eher Randerscheinungen und betreffen allenfalls Nebenwege mit impressionistischen Anwandlungen. Meisterschaft haben sie dann bekanntlich auf anderen Gebieten erlangt. Wer sich für Kunst auch nur irgend erwärmt, kennt diese Namen sicherlich. Jenseits davon aber tut sich in Bielefeld fruchtbares Neuland der (Wieder)-Entdeckungen auf.

Wer hat schon einmal diese Künstlernamen gehört: Gotthard Kuehl, Christian Landenberger, Robert Breyer, Hermann Pleuer, Lesser Ury, Maria Slavona (einzige Frau), Robert Sterl, Albert Weisgerber, Paul Baum, Otto Reiniger – e tutti quanti? Da müssen selbst manche Leute vom Fach passen. Die Bielefelder haben denn auch etliche Bilder aus dem Dunkel der Depots ans Licht geholt. Es hat sich in vielen Fällen gelohnt. Selbst die etwas weniger gelungenen Gemälde konturieren und schattieren das Gesamtbild, lassen es facettenreicher erscheinen.

Ans innere Wesen der Kunst würde es rühren, könnte man ohne weiteres sagen, was etwa ein Liebermann oder Corinth den Zeitgenossen voraus haben. Warum sind gerade sie prominent geblieben? Nur eine Qualitäts-Frage oder auch eine nach (un)glücklichen Umständen oder Fährnissen der Rezeption? Nun, beispielsweise im Falle des Lübeckers Gotthard Kuehl fragt man sich eher, weshalb er so an den Rand der Kunstgeschichtsschreibung geraten konnte…

Der deutsche Impressionismus gedieh vor allem in den Regionen. Man sieht hier herausragende Beispiele u. a. aus Hamburg, Stuttgart, Karlsruhe, München, Dresden. Die Bielefelder Ausstellung (kuratiert von Jutta Hülsewig-Johnen und Thomas Kellein) ist nach Motiven und Lokalitäten geordnet, Kapitelüberschriften lauten beispielsweise „Im Haus“, „In der Stadt“, „Im Garten“, „Am Wasser“ und „Auf dem Land“. Klingt nach geruhsamen und erholsamen Ausflügen, nach tiefem Durchatmen in Kunstgefilden.

Doch es ist mehr. Im Verlauf des anregenden Rundgangs wird man gewahr, wie die Impressionisten Breschen für die kommenden Stile der Moderne geschlagen haben. In Lovis Corinths Bildnis einer Geigerin ist schon die expressionistische Auffassung von Form und Farbe zu ahnen, auch Abstraktion bricht sich schon Bahn: Überaus frei hat Corinth den Rock der jungen Frau dargestellt, während die sonstige Gestalt noch eher realistischen Gestaltungs-Mustern folgt. Wohl kein Zufall, dass gerade das musikalische Thema die Farbphantasien dermaßen angeregt hat. Doch auch fauchende Technik drängt mit Macht zur entgrenzten Moderne: Hermann Pleuers „Dampf auslassende Lokomotive“ besteht fast ausschließlich aus einer gegenstandsfernen Wolke.

Die Themenfülle reicht ohnehin weit über flirrende Naturidyllen hinaus. Gar manches wird nunmehr als „bildwürdig“ erachtet, so auch Biergärten, Kühe (für diese Tiere gab es gleich mehrere Spezialisten), die Knochenarbeit im Steinbruch (die der Dresdner Robert Sterl allerdings tendenziell verklärte), Eisenbahnen, Häfen und ein für jene prüden Zeiten recht freizügiges Strandleben. Wer hätte den Impressionisten solche Vielfalt zugetraut?

„Der deutsche Impressionismus“. Kunsthalle Bielefeld, Artur-Ladebeck-Straße 5. Bis 28. Februar 2010. Geöffnet Di, Do, Fr, So 11-18, Mi 11-21, Sa 10-18 Uhr, Mo geschlossen. Eintritt 7 Euro, Audioguide 3 Euro. Katalog im Museum 24,95 Euro, im Buchhandel 29,95 Euro. Internet: http://www.kunsthalle-bielefeld.de

Bild: Cover des Ausstellungskatalogs (DuMont Verlag/Kunsthalle Bielefeld) mit Max Slevogts Gemälde „Dame am Meer“ (1908), Kurpfälzisches Museum der Stadt Heidelberg.




Damit noch Spuren bleiben

Wer ist eine „Kultfigur“ von Paderborn? Nein, jetzt mal nichts Katholisches. Eher so auf dem Felde der schönen Künste.

Museumsleiterin Andrea Wandschneider sagt mit Nachdruck, Willy Lucas habe allemal das Zeug dazu. Sie und Markus Runte (Museum für Stadtgeschichte) haben mit großem Fleiß dafür gesorgt, dass dieser Künstler nun gleich an drei Ausstellungsorten (siehe Anhang) der Stadt gewürdigt wird, und zwar nahezu für ein halbes Jahr. Zur Eröffnung erklang eine eigens komponierte musikalische Uraufführung, Torsten Brandes’ „Fünf Lieder zu Bildern von Willy Lucas“.

Anlass solcher Anstrengungen, die sicherlich auch dem Stadtmarketing aufhelfen sollen, ist der 125. Geburtstag des Malers, der am 20. Februar 1884 im nahen Bad Driburg zur Welt gekommen ist und den außerhalb zweier eng umgrenzter Regionen heute kaum jemand kennt. Selbst dort hat wohl nur ein spezieller Kreis von Interessenten seinen Namen je gehört.

Die eine dieser beiden Gegenden liegt just rings um Paderborn, wo Lucas Kindheit und Jugend verbracht hat, die andere ist Düsseldorf, wo er von 1904 bis 1906 an der Kunstakademie studiert und etliche Stadtansichten geschaffen hat; wie denn überhaupt Stadtbilder sein bevorzugtes Genre gewesen sind.

Im Zuge des dreifachen Paderborner Ausstellungsprojektes ist auch ein Werkverzeichnis entstanden. Rund 600 Bilder werden als Gesamtwerk veranschlagt, von denen etwa 470 dingfest zu machen sind. Die allermeisten finden sich in Privatsammlungen verstreut, so gut wie nichts ist in Museumsbesitz – mit Ausnahme von Paderborn sowie Einzelstücken in Büren (Wewelsburg) und im Düsseldorfer Stadtmuseum. Dieser Umstand spricht nicht gerade für eine immense Wertschätzung auf dem Kunstmarkt. Immerhin: Im Angebot gewisser Galerien kursieren teils dummdreiste, teils halbwegs geschickte Fälschungen. Sollte dies ein indirekter Hinweis auf schmerzlich vermisste Mangelware sein?

Was aber macht Willy Lucas zur Kultfigur? Seine regionale Verwurzelung? Auch das kann es eigentlich nicht sein, denn er hat ein rast- und ruheloses Leben geführt – mit allein sieben Umzügen innerhalb von Düsseldorf, mit etlichen Reisen nach Holland, Italien, Schweden und Frankreich (erster von vielen Paris-Aufenthalten anno 1906) sowie schließlich Vagabunden-Jahren im süddeutschen Raum.

Lucas war auch kein Mann des „Betriebs“, sondern ein Eigenbrötler. Es gibt keine nennenswerte Briefe oder Tagebuchaufzeichnungen, auch Künstlerfreundschaften sind nicht bezeugt. Überdies kümmerte sich niemand sonderlich um seinen Nachlass. Hie und da haben eventuell Werke anderer Maler auf ihn gewirkt. So könnte man beispielsweise meinen, dass seine Schneebilder oder die Heuschober-Darstellungen von Monet (Originale derzeit u. a. in Wuppertal) beeinflusst seien. Doch die Unterschiede sind eklatant.

So beschleicht einen angesichts anheimelnder Ortsansichten oder dito Landschaften der Verdacht, Lucas habe zwischen naturalistischen Impulsen und (arg verspätetem) Impressionismus vielleicht keine Kraft zur eigen- oder widerständigen Idee aufgebracht, sondern sei ein (allerdings sehr redlicher, ehrbarer, grundsolider) Handwerker der Kunst gewesen. Leicht ist man in derlei Fällen mit dem Wort „provinziell“ bei der Hand. Es wäre allerdings infam.

Da ist wahrscheinlich doch noch mehr, etwas schwer Greifbares, Auratisches. Haben seine besten Schöpfungen nicht doch eine sehr persönliche Ausstrahlung, sozusagen einen stillen Glanz von Innen? Hat er denn nicht die spätromantische Stimmungsmalerei seines Frühwerks überwunden und seine Bildsprache von anekdotischen und geschwätzig-narrativen Elementen befreit? Kann man bei ihm nicht gar den einen oder anderen Vorschein der Neuen Sachlichkeit erblicken?

Sich selbst hat er in seinen Bildern entschieden zurückgenommen. Überhaupt erscheint die Menschengestalt bei ihm nur andeutungsweise. Jeder bloßen „Feinmalerei“ und erst recht jedem ichstarken Auftrumpfen war er sichtlich abhold. Soll man melancholisch werden angesichts eines derart spurenarm versickerten Künstlerlebens? Doch was soll man dann erst übers Dasein der unendlich Vielen, der beschwiegenen Mehrheit sagen?

Willy Lucas ist jung gestorben, im Frühjahr 1918 in Garmisch, da war er gerade einmal 34 Jahre alt. Mit dem Ersten Weltkrieg hatte sein zeitiger Tod nichts zu tun. Der Militaria-Liebhaber hätte (wie so viele verblendete Künstler jener Zeit) bebend gern als Soldat in die Schlachten ziehen wollen, doch ließ man ihn nicht. Der kinderlose, 1916 von einer betuchten Kölnerin geschiedene Außenseiter litt bereits seit 1911 an Tuberkulose, später wohl auch an Kehlkopfkrebs. Eines der letzten Bilder flammt dermaßen unirdisch auf, dass man es als visonär erschauernden Blick ins Jenseits deuten könnte.

Ins profane Leben holt einen dann vielleicht der (leckere) „Willy Lucas Apfelkuchen“ zurück, den eine örtliche Bäckerei quasi als offizielle Spezerei zur Ausstellung feilbietet. Hat Lucas denn Apfelkuchen besonders gemocht? Die schlichte Wahrheit: Man weiß es nicht. Hätte aber gut sein können…

Willy Lucas – Zum 125. Geburtstag. Bis 5. April 2010. Geöffnet Di-So 10-18 Uhr.

Die drei Ausstellungshäuser in Paderborn:

Städtische Galerie, Am Abdinghof 11 (Schwerpunkt: Rheinische Motive)
Museum für Stadtgeschichte (Adam und Eva-Haus), Hathumarstraße7-9 (vor allem Bilder aus der Paderborner Region)
Städtische Galerie in der Reithalle / Schloss Neuhaus, Im Schlosspark 12 (Schwerpunkt: Reisen in Süddeutschland und Europa).

Internet: http://www.willy-lucas.de

Bild: Museumsleiterin Andrea Wandschneider erläutert Lucas-Bild (Foto: Bernd Berke)




Ästhetik aus der Tüte

Was haben die Künstler Max Liebermann, Otto Modersohn, Fritz Overbeck und Max Slevogt gemeinsam?

Sie alle entwerfen um 1900 Reklame-Bilder für die Schokoladenfabrik Stollwerck. Der Impressionist Slevogt geniert sich allerdings ein wenig dafür und lässt seine Signatur in diesem Umfeld beiseite. Werbung gilt nicht als sonderlich fein. Kann man sich damit gar den künstlerischen Leumund ruinieren? Vorsicht, Vorsicht!

Im Herner Emschertal-Museum wird das Wort Kunst hingegen schon graphisch im Titelschriftzug betont. Die aus Berlin kommende Wanderschau heißt „ReklameKunst auf Sammelbildern um 1900“, auch die aufdringlichere Schreibweise „ReklameKUNST“ findet sich im Faltblatt. Wir haben es also mit einem Phänomen im weiten Grenzgelände zwischen Kultur und Kommerz zu tun. Die Ursprünge der Gattung liegen um 1870 in Paris. Die Drucktechnik (Farblithos) erreicht zur Jahrhundertwende eine ungeahnte Blüte, vorherrschende Richtung ist der Jugendstil. Dass es bei aller Ästhetik knallhart um Absatzmärkte geht, steht rückseitig auf demselben Blatt.

Firmen wie Stollwerck, Liebig (Fleischextrakt), Palmin und Knorr haben mit ihren teilweise sehr liebevoll gestalteten Bilderserien zeitweise großen Erfolg. Schon bald gibt es zahlreiche Sammelalben und eine staunenswerte Themen-Differenzierung. Schulkinder sind zunächst die hauptsächliche Zielgruppe, später kommen auch beflissene Erwachsene aus dem Bürgertum hinzu. Neben halbwegs humorige Idyllen sowie frühe Sport- und Märchen-Motive tritt pittoresk aufbereitetes Bildungsgut mit leicht fassbaren Botschaften, etwa in Gestalt von Herrscherporträts, Bildnissen historischer Gestalten (Sokrates, Hannibal, Galilei, Luther) oder simplifizierende Ansichten zur Welt des Mittelalters. Volksbildung, sozusagen aus der Tüte. Ideologie raschelt vernehmlich mit.

Kein Wunder, dass ein solch massenhaft verbreitetes Medium irgendwann politisch in Dienst genommen wird. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs legt Palmin die deutschnationale Reihe „Unsere Kolonien“ auf, und der Süßwaren-Produzent Stollwerck feiert das stramm Soldatische mit heroischen Schlachtenmotiven. Eine ausgesprochene Rarität sind dagegen jene Ansichten von Mietskasernen aus dem Dickicht der Städte. Fast könnte man dahinter eine soziale Anklage vermuten, doch dies wäre sicherlich eine Überinterpretation.

Der erläuternde Untertitel klingt umständlich: „Eine Ausstellung des Museums Europäischer Kulturen – Staatliche Museen zu Berlin im Rahmen des Föderalen Programms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.“ Mit solchen Übernahmen sparen regionale Museen Geld und Aufwand, sie müssen aber mit der vorhandenen Aufarbeitung und Präsentation vorlieb nehmen. Fix und fertig bedeutet auch lückenhaft. Im Falle der Reklamepostkarten wäre eine prägnantere Darstellung wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Hintergründe wünschenswert.

So vermittelt die Kollektion (Sammlung Detlef Lorenz) vorwiegend nostalgische Schauwerte, und zwar vielfach en miniature. Für Details ist hin und wieder gar eine Lupe ratsam, denn einzelne Bilder haben Briefmarkenformat. Liebling, ich habe die Werbung geschrumpft…

„Reklamekunst auf Sammelbildern um 1900“. Emschertal-Museum / Städt. Galerie im Schlosspark, 44629 Herne, Karl-Brandt-Weg 2. Bis 3. Januar 2010. Öffnungszeiten Di-Fr 10-13 und 14-17, Sa 14-17, So 11-17 Uhr. Tel.: 02323/16 26 59. Eintritt frei. Kein Katalog. Weiterführende Literatur: Lorenz, Detlef „Reklamekunst um 1900. Künstlerlexikon für Sammelbilder“, Berlin 2000.




„Jugendroman“: Stoff des Lebens

Hat der Mann ein beneidenswertes Gedächtnis, oder hat er schon als Kind und Jugendlicher fleißig Tagebuch geführt und wertet dies nun ausgiebig aus?

Nach seinem „Kindheitsroman“ (2004) legt Gerhard Henschel jetzt ganz folgerichtig den „Jugendroman“ vor. Und wieder enthalten die Erinnerungen enorm viel Zeitkolorit. Ja, es ist, als würden jene früheren Jahre mitsamt den längst vergangenen Tagesnachrichten derart detailtreu herangezoomt, bis sie fast wieder „eins zu eins“ vor uns erstehen. So banal und wiederholungsträchtig manche Passagen im einzelnen klingen mögen (so ist der Alltag eben), auf Dauer ergibt sich ein Sog, dem man sich schwerlich entziehen kann.

Diesmal führt der Erzähler Martin Schlosser, der mit dem Autor innig verwandt, wenn nicht identisch ist, sich und uns zurück in die Jahre 1975 bis 1977, was auch die bleierne Zeit des RAF-Terrors einschließt, die jedoch fern von den Metropolen nur sehr verdünnt ankommt – wie denn überhaupt der ganze großmächtige Zeit- und Welt-Geist hier geringeres, geradezu menschliches Maß annimmt.

Henschel (Jahrgang 1962) war damals zwischen 13 und 15. Sein sympathisch unangestrengtes, unaufgeregtes Buch ist somit auch ein nachdrückliches Identifikations-Angebot an die in den frühen und mittleren 60ern geborene Generation der „Baby-Boomer“ – eine recht umfängliche Zielgruppe.

Damals hat Martins Lebensgeschichte eine erzwungene Wende genommen: Weil der Vater (Ingenieur bei der Bundeswehr) berufshalber von Koblenz ins entlegene emsländische Meppen umziehen muss, beginnt auch für die Familie ein neuer Abschnitt, sie wird gleichsam umgetopft.

Die bisherigen Straßen- und Schulfreunde sind auf einmal fern. Ein Gerüst des Buches bilden die schnoddrigen, leidlich witzigen Briefe des alten Kumpels Michael aus Koblenz, die vor allem von der elenden, mitunter bizarren Langeweile provinziellen Daseins zeugen. Martin kann das im offenbar noch öderen Meppen wahrlich nachfühlen.

Der Grundtonfall des „Jugendromans“ erinnert von fern her an den guten alten Salinger („Der Fänger im Roggen“), der ein immer noch gültiges Langzeitmuster für Bücher aus glaubhafter Jugendperspektive geschaffen hat. Ein spezifischer Sound ergibt sich freilich durch Bruchstücke des Jargons, wie er zur Mitte der 1970er in kleinbürgerlich deutscher Provinz üblich gewesen ist. Immer wieder werden auch damalige Einfluss-Kräfte verschiedenster Couleur aufgerufen, in deren Fadenkreuz man als Jugendlicher geraten konnte. Das Spektrum reicht hier von damals angesagten Komikern wie Otto Waalkes und Insterburg & Co. über die Box-Legende Muhammad Ali bis hin zu Antifiguren und politischen Popanzen wie Franz Josef Strauß oder Alfred Dregger.

Sind das alles nur Reminiszenzen an bloße, recht kurzlebige Zeit-Phänomene – oder schmeckt man hier etwas vom Aroma jeglicher Jugendzeit nach? Auch das. Und noch etwas mehr: Der konkrete Alltag der Familie Schlosser und der weiteren Sippe erweist sich als exemplarisch für den damaligen Zwischenzustand eines weiten Teils der Republik. Da gibt’s noch jede Menge „Spießigkeit“ und Biedersinn, doch nunmehr mit „aufmüpfigen“ Einsprengseln versehen. Die Sekundärtugenden gelten aber noch etwas, das Aufbegehren hat Grenzen. Wenn der Vater verkündet, es müsse im Garten wieder Unkraut gejätet werden, dann duldet er keinen Widerspruch.

Dennoch ertappt man sich bei einer retrospektiven Lektüre-Empfindung anheimelnder Art, etwa so: Ach, da ging’s uns ja noch gold. Oder wie es Martins Mutter freundlich aber bestimmt sagt, wenn’s mal ein kleines bisschen turbulenter und lustiger hergegangen ist: „Nu is’ aber auch gut“. Bloß nicht zu sehr über die Stränge schlagen. Alles mit Maß und mit Ziel…

Es gibt so gut wie keine Themen-Hierarchie beim Stoff, aus dem nun einmal das Leben vorwiegend besteht: Die Reparatur der Heizpumpe ist in diesem kleinen Kosmos ebenso bedeutsam wie die nächste (verhasste) Mathe-Arbeit, das zickige Verhalten der blöden kleinen Schwester nervt ungefähr ebenso wie eine (damals noch seltene) Niederlage des Lieblingsvereins Borussia Mönchengladbach, dessen tabellarische Fährnisse hier immer wieder nebst anderen Kick-Resultaten eingeschoben werden. Fernsehsendungen einschließlich vieler Spielfilm-Klassiker, Popmusik (Beatles, Cat Stevens etc.) und literarische Initiationen (Kleist) verzweigen sich zum kulturellen Geflecht, mit dem man solche Leiden ausbalanciert und sich die Langeweile einigermaßen phantasievoll auspolstert. Der unterwegs angereicherte Vorrat soll schließlich für viele weitere Jahre reichen.

Wohl allzeit typisch für die besagte Altersgruppe: Martins Interesse an Fußball lässt im Verlauf der drei geschilderten Jahre allmählich nach, stattdessen beginnt der Junge den „Spiegel“ zu lesen und sich politisch maßvoll zu empören. Außerdem keimt allerdings sehr scheue Erotik nach alter Konvention. Das noch etwas verschämte Begehr richtet sich auf „Stellen“ im elterlichen Buchbestand oder gar auf die Dessous-Seiten des Quelle-Katalogs, vor allem aber auf die insgeheim angebetete Mitschülerin Michaela Vogt, die schon per Vornamens-Ähnlichkeit auch den einstigen Kumpan Michael aus Koblenz verdrängt. Ob sie sich im (hoffentlich) nächsten Roman kriegen?

Gerhard Henschel. „Jugendroman“. Hoffmann und Campe, 541 Seiten. 23 Euro




Wie geil is d a s denn, Alder?

Wie muss man es sich wohl erklären, dass auf einmal neue Redewendungen auftauchen, zeitweise grassieren und dann mehr oder weniger rasch vergehen, um auf ewig im Orkus der Wörter zu modern – oder um vielleicht eines Tages neu belebt zu werden?

Beileibe nicht alles, was im sprachlichen Organismus entsteht, ist schätzenswert. Manche Formulierung geht einem sehr schnell gründlich auf die Nerven und müsste Zahlungen in die Floskelkasse zur Folge haben. Das Gegenmittel „Ohren auf Durchzug“ hilft nicht immer.

Woher kommt es beispielsweise, dass man irgendwann nicht mehr „Alter“, sondern „Alder“ gesagt und geschrieben hat? Hat ein Film oder ein Musiktitel diese Ausdrucksweise geprägt? Oder irgendein flachsinniger Brachialkomiker im Fernsehen? Wer weiß Näheres?

Inzwischen meiern sich schon Siebenjährige so an: „Ey, Alder…“ Beknackt. Bleibt ein Trost: Bald wird dieser sprachliche Spuk vorbei sein und dem nächsten Platz machen.

Noch dürftiger kommt mir derzeit diese inflationäre Standard-Redewendung vor:

„Wie geil is‘ d a s denn?“

Oder auch:

„Wie cool is‘ d a s denn?“

(Hausaufgabe: Finde weitere Beispiele!)




Visionen von der Schattenseite

Neulich via DVD wieder auf Michelangelo Antonionis Kinoklassiker „Blow Up“ von 1966 gestoßen. Mal reinschauen, dachte ich mir. Mal sehen, was man davon noch weiß. Und was er einem heute noch gibt.

Frei heraus: Man kann ihn beinahe anschauen wie eine Neuerscheinung. Dieser staunenswerte Film hat immer noch und wohl für einige weitere Zeit Bestand. Haltbar bis 2100. Oder so ähnlich. Er ist visionär, klar- und weitsichtig, vollgesogen mit dem Zeitgeist von 1966, mit Essenzen jener Jahre – und doch wird das alles bereits mit distanziertem Blick geprüft. Nacht- und Schattenseiten von Swinging London und der damaligen Pop-Kultur funkeln geradezu gefährlich. Bleiche Gespenster mit erschreckend leeren Gesichtern sind da unterwegs. Und das Ende aller Harmlosigkeiten ist gekommen. Etwas Tödliches ist an die Stelle von Carnaby Street, Twiggy und den frühen Beatles gerückt.

Alle monströsen Auswüchse von Coolness, die ohne weiteres in achtlose Gefühlskälte übergehen kann, sind da schon zu besichtigen. Da musste man gar nicht erst den bestialischen Mord an der Schauspielerin Sharon Tate durch die Manson-Family (August 1969) oder Gewaltexzess beim Stones-Konzert von Altamont (Dezember 1969) abwarten, um den endgültigen Verlust vermeintlicher Blumenkinder-Unschuld zu ahnen. Konsumfetischismus, Sexismus und Entfremdung gehen in diesem Filmkunstwerk eine morbide Mischung ein. Ein quasi surreales Element kommt hinzu: Zwischen Wahn und Lust kreischende Horden, ziellos unterwegs, lassen vielleicht schon an Flash Mobs denken, jedenfalls aber an ein sinnleeres Amüsement, das sich bewusstlos zu Tode rennt.

Hauptfigur ist ein offenbar rundum überdrüssiger, auch von lachhaft willigen Groupie-Girls gelangweilter Modefotograf (David Hemmings), der eines Tages im Park Schnappschüsse von einem ungleichen Paar macht und beim schrittweisen Vergrößern („Blow Up“) dieser Bilder grobkörnige Hinweise auf einen Mord entdeckt. Subtil wird das Verhältnis zwischen Abbild und Wirklichkeit erwogen, werden unendliche Verschachtelungen („Bild vom Bild vom Bild vom Bild“ etc.) angedeutet. Grundsätzliche Zweifel an der Wahrheit spielen zwanglos mit hinein.

Bewirkt der zunächst vage mögliche, dann höchst wahrscheinliche Mord den schockierenden Einbruch einer furchtbaren Realität in all das gängige Szene-Gehabe? Rüttelt er gar Menschen wach? Nicht doch! Mit Sex, Drugs & Rock kommt eine dumpf schweigende Mehrheit der ach so „progressiv“ sich gebärdenden über solche Fragen rasch hinweg. In einer Art Trance bedienen sie sich nach Augenblicks-Belieben der Welt, tendenziell rücksichts- und gnadenlos, am liebsten mit wegwerfendem Gestus. Einzig und allein der besagte Modefotograf, ohnehin nebenher mit einem Fotoprojekt über Obdachlose befasst, scheint nunmehr völlig aus der popbunten Welt zu fallen. Ausgerechnet dieser anfänglich elend schnöselhafte, herrschsüchtige, unbeherrschte Typ mit Luxus-Cabrio und Funktelefon (früher Handy-Vorläufer) soll ein letzter Hoffnungsträger sein?

Überdies eröffnet der Film, in dem Vanessa Redgrave, Veruschka von Lehndorff und Jane Birkin mitspielen, einige interessante Nebenschauplätze. So könnte es ein lohnendes, nahezu dissertationswürdiges Thema sein, das von Antonioni komponierte London mit dem ein Jahr später datierten kulissenhaften Paris von Jacques Tati („Herrliche Zeiten“ alias „Playtime“, 1967) zu vergleichen.

Ganz zu schweigen vom viel beschworenen Rauschen der Bäume im Park und dem kuriosen Kabinett eines staubigen Antiquitätenladens. Oder von Jeff Beck („Yardbirds“), der für die Kamera mit stummer Aggression seine Gitarre zertrümmert. Auch dies ein Menetekel.

Gerade weil Antonionis Film so klaftertief in seiner Zeit verankert ist, weist er weit über sie hinaus. Ähnlich verhält es sich mit Werken, die regional oder örtlich verwurzelt sind. So wie just jene literarischen Werke, die aus angeblicher Provinz schöpfen, häufig die ganze Welt enthalten. Selbsternannte „Metropolen“-Kultur hingegen und Hervorbringungen, die sich selbstgewiss und vor aller Überprüfung „überzeitlich“ gerieren, wecken gerade den Verdacht, dass es in ihnen kurzatmig, eng und engstirnig zugeht.

P. S.: Warum ich jetzt über ein Kinoereignis von 1966 schreibe? Weil es mich eben jetzt beschäftigt und beeindruckt hat. Auch Romane, Gemälde oder Musikstücke von (beispielsweise) 1842, 1929 oder 1960 könnten ja jederzeit zu brennenden Themen werden. Eben darin liegt ein Wunder der Künste.

DVD (106 Minuten / Warner Home Video), ca. 15 Euro.




Flimmern und flirren

Gepriesen sei ein solches Tauschgeschäft auf Vertrauensbasis: Wuppertals Von der Heydt-Museum zeigt eine Auswahl seines expressionistischen Besitzes im Pariser Musée Marmottan Monet – und hat im Gegenzug leihweise rund 30 Spitzenwerke Claude Monets erhalten. Hinzu kommen passende Ergänzungen aus etlichen anderen Häusern. Grandioser Effekt: Jetzt können in Wuppertal herausragende Beispiele aus allen wesentlichen Werkphasen des berühmten Impressionisten präsentiert werden.

Mit dem Wort „Sensation“ sollte man allzeit vorsichtig umgehen. Doch hier dürfte es angebracht sein. Denn einen vergleichbaren Gesamtüberblick zu Monet hat es – kaum glaublich – in Deutschland noch nicht gegeben.

Gewiss: Das Weltkunstwerk „Impression – soleil levant“ (Impression – Sonnenaufgang) zählt n i c h t zu den Leihgaben. Eine entsprechende Anfrage verstieße gegen alle internationalen Gepflogenheiten unter Museumsleuten. Sie wäre nahezu ein unfreundlicher Akt und hätte vermutlich den sofortigen Abbruch aller weiteren Gespräche zur Folge. Es wäre, als wollte man mal kurzerhand die „Mona Lisa“ haben. Lachhaft! Absolut unmöglich! Übrigens hat das erwähnte Bild bei der anfangs spöttisch gemeinten Namensgebung des Impressionismus sozusagen Pate gehangen. Das Gros der (vielfach bornierten) Kritiker befand seinerzeit, bloße Impression reiche in den Künsten nicht aus.

Für besagte „Ikone“ muss man sich also weiterhin nach Paris bemühen. Doch die wichtigen Serien sind an der Wupper prächtig vertreten. So müsste man sicherlich sehr lange suchen, um an einem Ort drei Monet-Bilder der Kathedrale von Rouen beisammen zu finden. Paris und Wuppertal dürften derzeit die beiden einzigen Orte sein, an denen man diese Ergießungen wandelbaren Lichts genießen kann.

Damit längst nicht genug. Etwa 20 Bilder ranken sich ums legendäre Seerosen-Thema. Zeitweise waren bis zu zehn Gärtner damit beschäftigt, in Giverny (Normandie) ein japanisch inspiriertes, weitläufiges Gärtengelände mit Seerosen für den Künstler anzulegen – nach wohlüberlegtem Muster. So blieb inmitten der Pflanzen eine Wasserfläche frei, in der sich die Wolken spiegeln sollten. Mit höchstem Raffinement hat Monet das schwebend Schwerelose dieser atmosphärischen Erscheinungen eingefangen. Profane Kehrseite: Einige Bauern murrten, weil das (für Seerosen nötige) erwärmte Wasser angeblich ihre Kühe krank machte. Monet zahlte ihnen eine Entschädigung.

Überdies bekommt man in Wuppertal mehrere Gemälde aus der kaum minder bedeutsamen Getreideschober-Serie zu sehen, die einen Betrachter namens Wassily Kandinsky auf den Grundgedanken der Abstraktion gebracht haben, ungefähr so: Wenn etwas so ins irritierende Flirren geraten ist, dass man es als Objekt kaum noch erkennt – warum dann nicht den gänzlichen Abschied vom Gegenstand proben?

Vorwiegend chronologisch geordnet, zudem sinnreich nach Motivgruppen gestaffelt, blättert Wuppertal die Abfolge der meisterlichen Werke auf. Es beginnt mit Karikaturen des jungen Monet und gipfelt beispielsweise in zauberhaft duftigen Landschafts-, Schiffs- und Eisenbahnbildern. Gar manches Gemälde vergeht nahezu vor Zartheit und Zartsinn. Die Stimmungsvaleurs wechselnder Tageszeiten und Lichtreflexionen hat gerade dieser Künstler unendlich differenziert erfasst. Da will man zum flüchtigen Augenblicke sagen: Verweile doch. Hier darf man sich idyllischen Sehnsüchten hingeben. Wer sich daraus ein schlechtes Gewissen macht, dem ist nicht zu helfen.

Monet ging nicht so spontan vor, wie man meinen könnte. Seine Arbeiten verdanken sich oft akribischer Planung. So soll er bewirkt haben, dass ein Zug – nicht nur der schön gekräuselten Rauchfahnen wegen – eigens für die Zeit des Malens angehalten wurde. Ja, er soll sogar, weil er ein winterliches Baumbild nicht mehr rechtzeitig hatte vollenden können, im folgenden Frühjahr veranlasst haben, dass man selbiges Geäst wieder entlaube… Für gutes Geld ging auch das.

Claude Monet wurde erst nach vielen Jahren des Darbens finanzieller Erfolg zuteil. Um 1900 galt er freilich als einer der teuersten Maler seiner Zeit. Vom heute ungeheuren Marktwert seiner Schöpfungen kann man sich eine vage Vorstellung machen, wenn man dies in Rechnung stellt: Monet hat (als er später unter dem Grauen Star litt) viele vermeintlich misslungene Gemälde zerrissen. Ein solches (nachträglich zugeschnittenes und gerahmtes) Fetzen-Relikt wird auch in Wuppertal gezeigt – und auf einen Wert von 300 000 Euro geschätzt. Man stelle sich vor, was für die großen Meisterwerke fällig wäre. In Wuppertal gilt daher Sicherheitsstufe eins plus mit Extra-Wachpersonal und weiteren Maßnahmen, die natürlich niemand verrät.

Auch beim Marketing lässt man wenig aus. Eine Schwebebahn fährt mit schmuckem Monet-Motiv, und bei vielen Bäckereien gibt’s Kuchen mit Seeröschen-Verzierung. 2000 Besuchergruppen haben sich bereits im Vorfeld angemeldet. Man rechnet insgesamt mit mindestens 100 000 Menschen. Eine eher konservative Schätzung. Besucherströme sollen so gelenkt werden, dass sich höchstens 300 Menschen zugleich in der Schau befinden. Andernfalls sähe man oft nur die Hinterköpfe kunstsinniger Leute.

Museumschef Gerhard Finckh ist vom hohen Rang seiner Auswahl überzeugt und stellt kein Licht unter den Scheffel. Auf die Journalisten-Frage, ob die Monet-Ausstellung (bis Ende Februar 2010) touristisch auch vom beginnenden Kulturhauptstadt-Jahr im Ruhrgebiet profitieren könne, meint er halb scherzhaft, es verhalte sich wohl eher umgekehrt: „Vielleicht wird man einmal sagen: Monet war das Allerbeste an der Kulturhauptstadt…“ A la bonheur!

Von der Heydt-Museum, Turmhof 8 in 42103 Wuppertal (Tel.: 0202/563-26 26). Geöffnet bis 28. Februar 2010. Di/Mi 11-18 Uhr, Do/Fr 11-20 Uhr, Sa/So 10-18 Uhr, Mo geschlossen. Eintritt 12 € (ermäßigt 10 €), Familie 20 €, Katalog 25 €, DVD mit Film zur Ausstellung 15 €. Internet: http://www.monet-ausstellung.de