Max Goldt: Zimbo, Zimbo und nochmals Zimbo

Skandal ! Betrug ! Ich habe „Ein Buch namens Zimbo“ gelesen – und nirgendwo auch nur die leiseste Äußerung darüber gefunden, was es mit diesem „Zimbo“ denn auf sich hat. Oder sollte ich ausgerechnet jene zwei bis drei Zeilen auf Seite xyz übersprungen haben, in denen mir Auskunft zuteil geworden wäre? Wohl kaum. Es wäre fahrlässig, in diesem kanari-knallgelben Buch überhaupt etwas auszulassen.

Ist aber auch schnurzegal. Denn es handelt sich ja um ein Werk von Max Goldt, der die Leser schon mal ganz gern nett nasführt. Doch im Grunde treibt er beileibe nicht nur Schabernack, sondern gibt vielfach ein vernünftiges Maß der tagtäglichen Dinge. Man unterschätze das nicht in einer Zeit, in der so vieles verrutscht ist. Wir könnten einen neu geeichten „common sense“ allemal gebrauchen. Der unaufgeregte Gebrauch des Verstandes kann – paradox genug – aufregend und überdies erzkomisch sein. Hier spürt jemand haarfein auf, was vorgeht im Lande und was anders werden sollte. Nun gut. Jetzt aber Schluss mit der öligen Jury-Prosa.

Was haben wir vor uns: Sprachlich bestens gefeilte Kolumnen? Unterhaltsame, ja höchst vergnügliche Ratgeberliteratur zur Lebenshilfe im besten Wortsinne? Alltagsphilosophie der dezent gehobenen Sorte? Mal dies, mal jenes. Aber darin erschöpft es sich nicht.

Selbst wenn man seit vielen Jahren Bücher von Max Goldt liest, staunt man immer wieder, welche Haltungen er im Einzelnen zu den Zeitläuften einnimmt. Er kann da sehr eigen sein. In einem Umfeld, das allerlei Schrankenlosigkeiten zelebriert, wagt er es beispielsweise, auch Verbote als mögliche Kulturleistungen zu preisen. Hohe Zeit für solche Gedanken!

Nur ganz selten beschleicht einen das Gefühl, dass Goldt auch schon mal willkürlich gewagte Gegenpositionen zum Gängigen einnimmt, um just ihre Tragweite zu erproben. Warum auch nicht, wenn dabei so viel herauskommt, was anderen im Leben nicht einfiele?

Dem politisch korrekten Herumgeeiere ist Goldt jedenfalls abhold, ohne deshalb freiheitliche Positionen preiszugeben. Irgendwann, so spottet er, werde in Zeitungen nur noch stehen, Gewalt sei von „Geschöpfen“ verübt worden – ohne Nennung der Herkunft, des Alters, der Religion und des Geschlechtes. Es könnte ja „diskriminierend“ sein…

Max Goldt erweist sich abermals als Meister der Abschweifung. Herrlich zu sehen, welche rasanten Kurven seine Texte bisweilen nehmen, um in tollkühnen Volten bzw. Loopings zum Ursprungsthema zurückzukehren – oder vollends artistisch abzuheben.

Das Themenspektrum ist mal wieder denkbar breit. Da geht’s z. B. um vermeintlich allgegenwärtige Klagen über Sodbrennen, um Vor- und Nachteile von Umhängetaschen oder um die nach seiner Ansicht unsinnige Wendung „kreatives Chaos“. Wahre Künstler seien keineswegs Chaoten, sie entwirrten vielmehr das Durcheinander, befindet Goldt. Ferner erfahren wir, wie erhellend ein Pakistani und ein Texaner deutsche Marotten (Hunde-Manie und Polit-Debatten-Rituale) beschreiben, wie sich Worte mit bloßer Tralala-Bedeutung anfühlen und wie das „Berliner Plusquamperfekt“ klingt. Und köstlich ist’s zu lesen, wie sich Rechthaber und Besserwisser der inzwischen allzu vielen „Irrtümer“-Lexika bedienen, um mal wieder zu triumphieren.

Manche Formulierungen Goldts sind so trefflich und kostbar, dass man sie am liebsten in Seidenpapier einschlagen und verschenken möchte. „Dieser eisige Beauty-Apparatschik“ – wer könnte damit wohl gemeint sein? Doch nicht etwa Heidi Klum? Nun ja, eventuell doch.

Goldts Kunstfertigkeit ist mittlerweile hoch dekoriert worden, auch mit dem Kleist-Preis. Des Autors Dankrede dafür steht gleichfalls in diesem Buch. Kategorien wie „Alltag“ und „Satire“ lehnt er zur Selbstbeschreibung ab, auch sei er gar kein Kolumnist. Ja, was zum Teufel ist er denn dann? Am Ende vielleicht ein „Zimbo“?

Max Goldt: „Ein Buch namens Zimbo“ (Untertitel: „Sie werden kaum ertragen, was Ihnen mitgeteilt wird“). Rowohlt Berlin Verlag, 198 Seiten, 17,90 Euro.

P. S.: Kürzlich ebenfalls bei Rowohlt Berlin erschienen und ideal auch für Goldt-Leser geeignet ist der prachtvolle Sammelband „Titanic – Das endgültige Satirebuch – Das Erstbeste aus 30 Jahren“ (416 Seiten, 25 Euro) mit zahllosen satirischen, parodistischen etc. Frechheiten sowie gepflegtem Nonsens im Gefolge der „Neuen Frankfurter Schule“ seit 1979. Prädikat: Gehört pfeilgrad in jede Hausapotheke.




Wo man endgültig stirbt

Ein Mann in den frühen Sechzigern kommt morgens in sein Arbeitszimmer. Am Schreibtisch sitzt seine Ehefrau. Er schöpft zuerst keinen Verdacht. Sie scheint in Lektüre versunken zu sein. Wahrscheinlich korrigiert sie wieder einen seiner Aufsätze – wie schon so oft seit so vielen Jahren.

Doch sie ist tot.

Sie hat ein letztes Schriftstück hinterlassen, korrigierende Anmerkungen offenbar, die sich freilich nach und nach als grundsätzlich gegen ihren Mann gerichtete Suada erweisen. Am Schluss dieser Ausführungen, aus denen fortan ausgiebig zitiert wird, verläuft ihre Handschrift zunehmend fahrig, schließlich taumelt sie ins Nichts.

Nach und nach scheint uns der Autor Matthias Politycki (wohl bekanntestes Werk: „Weiberroman“) nun die Anatomie der ehelichen Beziehung nachzureichen. Aber seine „Jenseitsnovelle“, der Titel deutet es schon an, soll nicht nur von dieser Welt sein. Zur „Novelle“ fällt einem die „unerhörte Begebenheit“ ein, die Goethe als gattungsbildend ansah.

Doch eigentlich geht es hier gemächlich zu. Stunde um Stunde hält Schepp nun Totenwacht, liest mit wachsendem Befremden, ja Entsetzen ihre finalen Aufzeichnungen, die bittere Bilanz eines langen Ehelebens.

Dieser Hinrich Schepp und seine Frau Doro haben sich gegen Ende der 70er Jahre kennen gelernt. Scheinbar unzertrennlich wurden sie, als er sich auf ihre Phantasie von Jenseits eingelassen hat. Ihre beunruhigende Vision: Nach dem irdischen Tod werde man zu einem See gelangen, der einen magisch anzieht und in dem man dann erst endgültig stirbt. Er sichert ihr zu, ihr in solchem Falle vorauszueilen und das Terrain zu sondieren. Für diese wohlfeile Zusage heiratet ihn Dorothee Wilhelmine Renate Gräfin zu Hagelstein (welch ein gebastelter Name!) – und opfert ihre mögliche Karriere.

Über Jahrzehnte hinweg hat sie sich einlässlich mit dem chinesischen Weisheitsbuch „I Ging“ befasst, wohingegen er sich als Sinologe eine entlegene, aber leidlich auskömmliche Expertennische gesucht hat. Esoterikerin trifft Skeptiker mit zynischen Anwandlungen. Kann das gut gehen? Wohl kaum. Sie sind einander immer fremd geblieben. Weiterer Dreh: Der vormals kläglich Kurzsichtige Schepp ließ eines Tages seine Augen lasern, sah auf einmal in mehrerlei Hinsicht klar und wurde ungeahnt welthungrig, menschengierig.

Doro hat am Ende noch einmal eine Erzählung hervorgekramt, die Schepp vor vielen Jahren begonnen und dann beiseite gelegt hat. Auch daraus wird streckenweise zitiert. Und Doro schreibt dazu ihre zornige Interlinear-Version. Noch eine Ebene also, noch eine Spiegelung – und es bleibt nicht das letzte Vexierspiel in diesem intimen Kabinett. Schepps Erzählung handelt von einem gewissen Marek, einem 70er-Jahre-Freak und chaotischen Alkoholiker mit Citroen-„Ente“; von der Szene- und Säuferkneipe „Blaue Maus“ und der Bedienung Hanni, die es Marek angetan hatte. Bei Politycki kleiden sich diese Episoden in süffige Genre- und Sittenbilder aus den 1970ern. Die Jahre, die ihr kennt…

Wie in einer Metamorphose wird das besagte Lokal zum „La Pfiff“, in dem die irrlichternde Dana bedient, die ausgerechnet ein Tattoo-Zeichen trägt, das dem „I Ging“ entnommen ist. Eine lockende Hure, doch gleichzeitig eine Unberührbare. Und überhaupt: Was ist real, was ist Fiktion? Was ist bloße Säufer-Hirngeburt? Hat Hinrich Schepp sich in Marek selbst porträtiert und seinen Willen zur Untreue verdruckst durchblicken lassen? Und welchen Anteil hat Doro an all dem? Offenbar einen gehörigen. Sie hat ja sogar Dana regelmäßig getroffen.

So wogt die Novelle recht gemächlich auf und nieder, manchmal plätschert sie leise. Der Autor streut gezielt Rätsel aus, betreibt routinierte Geheimnistuerei. Wie ungreifbar sind hier doch letztlich die menschlichen Beziehungen! Irgendwann beschleicht den Leser ein grauslicher Verdacht: Sind wir etwa schon im Zwischen- oder gar im Totenreich angelangt, in dem all üblichen Mutmaßungen über so genannte „Wirklichkeit“ keine Rolle mehr spielen?

Und tatsächlich. Auf Seite 121 hebt der ganze Bericht noch einmal von vorn an, zunächst mit exakt den gleichen Worten wie zu Beginn. Literatur in der Endlosschleife? Wo soll das nur hinführen?

Ja, wohin? Das Buch ist phasenweise umstandskrämerisch geraten. Politycki will seine Geschichte umwölken und zum Wabern bringen. Wir haben verstanden: Wir sollen nicht verstehen. Also gut. Dann bleiben wir eben hübsch ratlos und vermuten etlichen Tiefgang.

Matthias Politycki: „Jenseitsnovelle“. Verlag Hoffmann und Campe. 126 Seiten. 15,99 €.




Musiker-Anekdoten: Mi-mi-mi-mausetot

Man denke nur: Auch den großen Musikern entfährt schon mal ein Fluch – oder es unterläuft ihnen sogar ein falsches Tönlein. Und die Tücke des Objekts (Instrument, Aufnahmetechnik) kommt immer mal wieder der hehren Kunstanstrengung in die Quere. Teufel auch!

Ein neues (das abertausendste?) Buch mit „Musiker-Anekdoten“ strotzt nur so vor lauter lauen „Ach was!“-Effekten, verabreicht unter heftigem „Augenzwinkern“. Es zeugt damit offenbar vom allgemeinen Übelstand der vermeintlich humorigen Gattung: Solche Anekdoten sind nicht nur überwiegend fade, sie sind tot. Mausetot. Röchelnd und rasselnd atmen sie den Geist einer Zeit, als Sänger noch unentwegt „Mi-mi-mi“ machten und als sich überhaupt Musikant wie Musikus klischeegerecht zu verhalten hatten.

Mal ein beliebiges Beispiel:

„Karl Böhm kam 1980 nach einem Liederabend, den Dietrich Fischer-Dieskau in der New Yorker Carnegie Hall gegeben hatte, in die Garderobe des Sängers und sagte: „Darf man denn so schön singen? Und rauchen tun Sie auch noch!“

Hehe. Nein, da fehlt nichts. Das war’s bereits. Bitte j e t z t schmunzeln oder lachen! Köstlich, oder etwa nicht?

Bleiben wir bei der traurigen Wahrheit: Das Zitat ist vergleichsweise noch wohltuend kurz. Meist werden die schmalen Sachverhalte langatmiger, tapsiger und treuherziger erzählt. Die Haltung aber ist typisch: Insgeheim bebend vor Ehrerbietung, was die bloßen großen Namen anbelangt. Dazu passt das nervtötende name dropping (hier: Böhm, Fischer-Dieskau, Carnegie), eine angebliche Beglaubigung durch die Nennung der Jahreszahl – und eine derart schwachbrüstige, ja schwindsüchtige „Pointe“, dass Gott erbarm.

Noch eine gefällig? Was richtig Schlagfertiges? Bittschön:

„Als Michael Gielen mit den Wiener Philharmonikern ein Stück moderner Musik probte, hörte er einen der Musiker murren: „Mein Gott, der ist aber präpotent!“ Gielens Antwort: „Immer noch besser als impotent.“

Da schweigt, wie man früher übers musikalische Metier hinaus zu sagen pflegte, des Sängers Höflichkeit.

Die Beispiele sind wahrhaftig keine extremen „Ausreißer“ nach unten, sie halten in etwa noch die wacklige Mittellage. Man findet hier noch weitaus umständlichere, betulichere, tranigere Passagen. Die Kollektion scheint sich ohnehin zufällig gehäuft zu haben. Die vor allem nach Instrumenten (Bläser, Streicher, Pianisten, Organisten) gruppierte Auswahl lässt ansonsten kaum ordnende Struktur oder Leitgedanken erkennen. Das akribische Namensverzeichnis im Anhang riecht auch deshalb nach vergeudetem Fleiß.

Ermüdend geht es Seite um Seite. Die mitunter gravitätisch stolzierende Sprache kann nicht verbergen, dass hier kaum tiefere Erkenntnisse zu gewinnen sind. Vielfach handelt es sich nicht einmal um Anekdoten im eigentlichen Sinne, sondern um reichlich angestaubte Kuriosa oder um schlichte Kurzmeldungen, bekannte und berühmte Musiker betreffend. So erfährt man (beileibe nicht zum ersten Male), dass Leonard Bernstein ein Hallodri und Franz Liszt ein wilder Gesell’ gewesen sein muss, welcher hin und wieder Klaviere ramponiert hat. Potztausend! Übrigens: Urheber und Interpreten experimenteller Musik stehen in diesem kläglich gestrigen Kontext fast immer im Ruch des Übergeschnapptseins. Aus welcher Zeit diese reaktionäre Denkungsart wohl herrühren könnte?!

Manche mühevollen Witzchen sind zudem von zweifelhafter, ranziger Komik. Etwa „Karajans trockener Kommentar“ (Zitat) über eine Beschwerde des Paukisten Werner Thärichen, der fand, seine Sitzposition bei einer Aufführung sei zu sehr dem Orchester-Lärm ausgesetzt. Und nun aber Karajan: „Das hätten Sie sich früher überlegen müssen, ob Sie zur Artillerie gehen wollen!“

Ja, so haben sie wohl einst geklungen – die von ganz oben herab ausgeteilten Kasino-Scherze eines sattsam bekannten Herrenreitertums…

„Fortissimo“. Musiker-Anekdoten. Herausgegeben von Friedrike C. Raderer und Rolf Wehmeier. Reclam Verlag, Stuttgart. 96 Seiten. 6,90 Euro.




Bloß keine Posen mehr

Dieser böse Blick fürs Beschädigte, fürs stets und dauerhaft Misslingende! Welch ein illusionsloses Buch, wie misanthropisch und pessimistisch das alles klingt. So sicher scheint sich die namenlose Ich-Erzählerin ihrer Weltverachtung zu sein, dass ihre Tiraden manchmal geradezu in einen Kolumnen-Plauderton verfallen. Ganz so, als müsse sie sich nur noch aus einem fertigen Fundus bedienen, um unentwegt den heillosen Nachteil des Geborenseins zu beklagen.

Die finstere Inventur klingt dann beispielsweise so: „Die Menschen hatten ihre niedlichen Momente, doch das täuschte nicht darüber hinweg, dass die meisten von überwältigender Einfalt und Niedertracht waren (…) Jeder fühlte sich dem anderen überlegen, und daraus bildete sich ein Dauerton der Aggression (…)“

Ja, zum Teufel, worum geht es denn überhaupt? Um Sibylle Bergs neuen Roman „Der Mann schläft“. Darin passiert – rein äußerlich besehen – nicht viel: Besagte, ein wenig in die Jahre gekommene Erzählerin hat nach langen, hie und da freudlos promisken Single-Zeiten und all ihren individuellen wie kollektiven Selbsttäuschungen, irgendwann d o c h den einen Mann kennen gelernt, bei dem sie sich zutiefst und ganz selbstverständlich geborgen fühlt. Als sie aber auf eine chinesische Insel vor Hongkong verreisen, verschwindet dieser Mann spurlos. Ob aus Untreue oder durch ein Unglück, das bleibt offen.

Die Frau ist jedenfalls untröstlich – vielleicht für alle verbleibenden Jahre. Oder wird sie sich trotz allem in ein anderes Leben schicken, in dem wenigstens andere (ein kleines Mädchen und dessen Großvater) an ihr Halt finden können? Auch das bleibt in der Schwebe. Doch scheinen am Ende die allergrößten Gefahren gebannt.

Pflegt man markante Passagen anzustreichen, so könnten die Seiten dieses Buches nach der Lektüre sehr „bleihaltig“ aussehen. Häufig möchte man ja Wort für Wort beipflichten, so ausgefeilt liest sich das, so aphorismentauglich gedrechselt. Gekonnt und gewitzt wird mit dem Klischee-Vorrat gespielt. Beispiel:

„Wir wirken wie zwei Figuren aus einem existenzialistischen Film, der sechs Stunden dauert und in dem kaum gesprochen wird, in minutenlangen Sequenzen rinnt Wasser an Scheiben hinunter, und ein nasser Hund eiert am Horizont entlang.“ Genau! Den Film kennen wir alle.

Hinterrücks beschleicht einen trotz aller Beschreibungskunst zuweilen ein gewisses Misstrauen: Kommt diese Suada, diese stellenweise schon pittoreske Verzweiflung übers schlimme Leben nicht manchmal allzu geläufig und meinungsförmig daher statt einfach nur zu schildern, was geschieht? Man könnte oft absatzweise zitieren. Aber müsste Literatur auf dieser Anspruchshöhe (im hochmögenden Umfeld des Hanser-Verlagsprogrammes) nicht sperriger sein, sich nicht entschiedener einem gar zu süffigen Konsum entziehen? Nun ja, wenn man’s denn gern puristisch und puritanisch hätte…

Die Ich-Figur will sich dem großen Ganzen verweigern, sie entwirft eine „Philosophie“ der selbstgenügsamen Langsamkeit und des somnambulen Rückzugs – am besten ins eigene Kämmerlein und dort am besten ins Bett, wo man still liegen bleibt und einander möglichst schweigend umarmt. Das lässt sich auch lesen als Absage an Ideen und Gefühle im Gefolge von „1968“ mit seinem Drang nach individueller Freiheit, Autonomie und Emanzipation.

Stattdessen: Eskapismus, wenn man so will. Aber bitte paarweise, wenn’s denn geht. Tenor: Bloß keine weiteren Ansprüche mehr ans Leben stellen, die werden ohnehin nicht erfüllt. Sich gegen alle Zudringlichkeiten wehren. Nur in einer solchen Haltung kann man die (dieser Lesart zufolge) furchtbar viele restliche Zeit halbwegs kommod hinbringen, die einem auf Erden gegeben ist. Man könnte das als furchtbar spießig missverstehen, als Rückkehr in alte, überwunden geglaubte Zweisamkeiten. Aber was heißt heute schon „spießig“, derlei einstige Streitbegriffe zählen kaum noch.

Die jederzeit mögliche Katastrophe blitzt immer wieder zwischen den Zeilen auf, so etwa in Visionen von abgetrennten Köpfen oder Gasmasken-Gesichtern. Auffallend überdies, wie der Erzählerin Menschen begegnen, die sonst in öder Normalität eines Immer-so-weiter-Machens ersticken und aus denen urplötzlich ganze Lebensgeschichten herausquellen, überaus reflektiert und druckreif formuliert – wie immer schon bereit liegend. Sie sprechen wie klügere Schattenbilder ihrer selbst. Oder sind es schon Geisterstimmen aus dem Jenseits, dem Totenreich?

Was bliebe zu tun? Nun, eher soll man das meiste bleiben lassen, wenn man eine Moral aus all dem zerren will. Der Mensch dürfte sich generell nicht mehr so wichtig nehmen, er sollte möglichst nicht einmal verreisen (was will er denn in der unbegreiflichen Fremde?), also auch außerhalb seiner engeren Sphäre kein Aufhebens von sich machen. Sich und anderen nichts mehr vormachen. Zitat:

„Irgendwann wollen sie doch alle nur nach Hause, egal, wie glänzend der Beruf ist, egal, wie obsessiv die Party war, sie wollen irgendwohin, wo sie die Schuhe ausziehen können (…) Wenn sie sich nur damit begnügen wollten, die Idioten, wenn sie nur nicht selbstgerecht durchs Leben jagen wollten (…)“ Endlich Ruhe…

Lebensläufe ganzer westlicher Mittelschichts-Generationen werden hier so gehörig eingedampft: „Als sie den Eltern entwachsen waren, hatten sie vielleicht kurz mit Millionen anderer den Aufstand geprobt, sich als Punker verkleidet oder Atomkraftgegner, um sich dann schnell einzuordnen in die Pullunder- und Halbschuhwelt, in der man eine Ausbildung macht, heiratet, zwei Kinder erzeugt und anschließend leise die Welt verlässt, ohne irgendeine noch so minimale Störung auf ihr hinterlassen zu haben.“ Kommt gut, nicht wahr? Die von allem Unwesentlichen entschlackte, bitterlich angespitzte Erkenntnis, dass alle Rebellion nur Pose war. Es könnte glatte eine Comedy-Vorlage sein.

Wie heute oft üblich, wird einem keine anstrengende Lesestrecke zugemutet. Sibylle Berg (Jahrgang 1962) erzählt nicht in einem langen epischen Atemzug, sondern gliedert den Stoff in ganz kurze Kapitel, die im unstet raschen Wechsel jeweils „damals“ und „heute“ spielen. „Damals“ heißt vor und während der Beziehung mit dem hernach verschollenen Mann. „Heute“ taumelt gleichsam nur noch unglückstrunken von Augenblick zu Augenblick und vergegenwärtigt das bestürzende Alleinsein der Frau am exotischen Rand Chinas.

Nicht nur am fernen Horizont sieht man hinter all dem die zerstörerischen Kräfte schrankenlos gierigen Wirtschaftens wüten – vornehmlich in Hongkong und bei einem Abstecher nach Tokio. Es sind Kräfte, die bewirken, dass der Mensch sich völlig abhanden kommt. Nicht nur ein einziger Mann wird verschollen sein…

Sibylle Berg: „Der Mann schläft“. Roman. Hanser Verlag, 309 Seiten, 19,90 €.

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Die Autorin (Homepage: http://www.sibylleberg.ch) liest einige Abschnitte aus dem besprochenen Buch. Link:
http://www.hanser-literaturverlage.de/extras/videos/sibylle-berg-liest-aus-der-mann-schlaeft.html

oder




„Ruhrgold“ und silberne Pommes-Picker

Hurra! Jetzt gibt es kein Halten mehr. Heute (9.9.09) ist der Online-Shop der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 ins Netz gegangen.

Jetzt soll es also heißen: Her mit den Logo-verzierten Kulis, Tassen, Lesezeichen, Schirmen, T-Shirts („schikkobello“), Ansteckern, Feuerzeugen etc. etc. Wozu das Zippo dient? Na, klar: „Die Kulturhauptstadt anfachen“ und „entflammen“. Und überhaupt: Mit all diesen Produkten kann man nun laut Werbung zeigen, dass man dabei ist und dazugehört. Kein Geknötter und keine Widerrede jetzt! Auf einer Tasse prangt die Losung zur Revierbürgerpflicht: „Metropole Ruhr. Alles andere ist kalter Kaffee.“ Na, bitte!

Nun gut. Bei den eigentlichen kulturellen Projekten von Ruhr2010 gibt es noch so manche Unwägbarkeit, auch mussten leider schon ein paar Vorhaben aus Finanzgründen abgeblasen werden. Da mutet es ein wenig vorschnell an, wenn die Souvenirs schon so zeitig da sind – längst bevor etwas Erinnernswertes geschehen ist. Aber immerhin: Da ist mal etwas (über)pünktlich zur Stelle – und schon wird wieder gemeckert. Hier nicht! Hier haben weder Queru noch Lanten eine Chance.

Die beiden Design-Linien für Ruhr2010 heißen „Metropole Ruhr“ (im Zuschnitt eher konventionell) und „leet speak“ – was immer dieser Begriff (hergeleitet aus „Elite“) dem nicht gar so hippen Normalbürger auch sagt. Hierbei ersetzen die gern von Computerfreaks verwendeten Sonder- und Zahlzeichen die üblichen Buchstaben, was selbstredend megacool und ungemein zukunftsweisend aussehen soll. Mal so gewagt gesagt (über eine Umhängetasche): Sie wirke „wie ein begehrtes Einzelstück für Insider der Kreativszene.“ Designerdeutsch. Da gerät denn auch der Porzellanbecher zum „Eyecatcher auf dem Frühstückstisch.“

Die von der Ruhr2010 GmbH gemeinsam mit der Dortmunder Werbemittel-Agentur Dicke & Partner vertriebenen Souvenirs werden sicherlich hier und da noch ergänzt. Eine auffällige Leerstelle gab es gestern noch. Unter der Rubrik „Kinder“ fand sich der irgendwie hübsch irritierende Trost: „In Vorbereitung“. Äh, wie? Nein, nein, nicht die Kinder. Angebote für die Kleinen sind gemeint.

Und sonst? Laut Pressestelle sind Grubensalz und „Ruhrgold“ (Senf mit Honig) gleichfalls zu haben, ferner finden sich Brotdosen mit A 40-Motiv, silberne Pommes-Picker, Luftballons mit Ruhr2010-Logo (100 Stück für 28,45 €) und ein ebenso geschmückter Fußball (13,95 €). Immerhin gibt’s k e i n e Ruhrgebietsluft in Dosen.

Jetzt rufen natürlich alle ganz laut und ungeduldig: „Schnüss! Gib endlich Ruhe! Wie komme ich hin, wie heißt der Link?“ Ist ja schon gut:

http://www.ruhr2010-shop.de




Funny van Dannen: Saugefährliche Katzenpisse

Denn siehe, hier kommt eine gute Nachricht: Funny van Dannen klampft wieder. Er versprüht abermals seinen skurrilen Charme – auf der neuen CD „Saharasand“. Alles andere wäre aber auch jammerschade gewesen.

Wie soll man das musikalische Tun und Trachten dieses Mannes jemandem beschreiben, der ihn noch nie gehört hat? Nun, er klingt meistens so, als schrammle und singe er unverzagt am immerwährenden Lagerfeuer. Manchmal hört er sich schier nach altvorderen Schlagerbarden wie – im Extremfalle – Martin Lauer („Taxi nach Texas“) an. Sag ich jetzt mal ganz ungeschützt. Aber irgendwie bringt Funny van Dannen (Jahrgang 1958) es fertig, selbst solche Vorlagen mit „Kult“-Verdacht zu veredeln. Ohne großen Aufwand, just mit einer (scheinbaren?) Naivität des frischen Zugriffs gesegnet. Auch der Titel „Saharasand“ könnte ja gut und gern aus späten 50er oder frühen 60er Jahren stammen, Freddy Quinn & Artgenossen grüßen aus der Ferne. Wie? Stimmt gar nicht? Na, dann nicht.

Dann eben die nächste steile Behauptung. Eine hörbare Basis und Quelle seiner Lieder sind so genannte Protestsongs seligen Angedenkens, deren Stimmlage er freilich meistens ins liebenswert Komische und Harmlose wendet. Er ist so gar kein aggressiver Mensch und mag eigentlich niemanden verletzten. Und so schießt er denn sogar auf die gierigsten Banker und Börsianer lediglich mit einer „Katzenpissepistole“. So heißt der Auftakt-Song seines neuen Albums, das 21 Titeln enthält und auch in bluesnahe Spielarten ausgreift.

Just aus der Friedfertigkeit des Urhebers bezieht gleich der zweite Song seine gelinde Komik. Funny van Dannen versichert uns da, er wolle auch einmal „saugefährlich klingen“. Ausgeschlossen! Nimmermehr! Er doch nicht! Nicht einmal richtig grimmig kann er werden. Aber das weiß er natürlich selbst am besten. Und er weiß auch, wie sich ein Mann tröstet, der seiner Freundin ein „Simpsonsplakat“ schenken möchte und besuchsweise feststellen muss: „Sie war nackt und sie war nicht allein.“ Wie es danach weitergeht, wird hier natürlich nicht verraten.

Sagen wir’s mal siebtelkritisch so, klagend auf hohem Niveau (reimt sich): Die Platte ist derart aus einem Guss, dass man sie nicht unbedingt in einem Rutsch durchhören, sondern eher dosiert genießen sollte. Monotonie? Nein, das wäre das verkehrte Wort. Schließlich sind erneut ein paar „Ohrwürmer“ dabei, freilich keiner vom genialischen Kaliber der „Infrastruktur“ auf dem Album „Nebelmaschine“. Auch hat sich der Künstler für meinen Geschmack etwas zu weit aufs glitschige Terrain der Wirtschaftskrise locken lassen. Es ist nicht sein Hauptmetier.

Mehrere Nummern der neuen CD handeln von der Unübersichtlichkeit unserer wirren Zeitläufte. Der menschliche Instinkt drohe daran zuschanden zu gehen, heißt es einmal sinngemäß. Hochtrabend ausgedrückt: Funny van Dannen sehnt sich nach Komplexitäts-Reduktion. Sprich: Er hätte die Dinge gern näher, fassbarer, einfacher. Wer könnte ihm solche Wonnen der Simplizität nicht nachfühlen?

Und also summt man immer mal wieder selbstvergessen mit. Schön wäre es, wenn… das gelingende Leben so einfach zu haben wäre. Noch schöner, wenn es zum vollen, runden Glück eines gemeinsam feiernden Freundeskreises nur noch einer solchen Unter-dem-Pflaster-der-Strand-Wandlung bedürfte: „Wenn die Straße ein Fluss wäre und die Autos Schiffe…“

Tatsächlich wiegen sich gerade die besten Lieder im Gefühl einer ungeahnten Leichtigkeit – am Rande sanft schwirrenden Irrsinns. Etwa die Legende vom Mann, dem überall (un)willkürlich das Wort „Sozialismus“ entfährt. Ganz einfach so. Egal, ob beim Zahnarzt, im Supermarkt oder selbst beim Orgasmus. Wie das die Mitwelt irritiert! Oder die Ballade vom Paar, das aus dem Museum kommt und kurzerhand beschließt, dass ihm die ganze gesehene Richtung nicht passt: „Scheiß-Jugendstil“ tönt es mit wünschenswerter Klarheit im Refrain. Und schon hebt sich merklich die Stimmung in der sonst wahrscheinlich etwas öden Zweierkiste – auf Kosten einer ganzen Kunstrichtung.

Funny van Dannen hat halt immer wieder diese leicht schrägen Einfälle, so auch diesen: In eine Disco zu gehen, wo Pflanzen tanzen. Man denke nur und spinne die Idee ein wenig weiter… Und wenn das Leben ein Würfelspiel wäre? Dann lautet die schlichte Frage eben: „Wie viele Augen wirfst du?“ Ach, ist das herrlich, wenn die Sinnsuche dermaßen deliriert und trudelt.

Trotz aller (letztlich nebensächlichen) Sorgen und Zerknirschungen ist Funny van Dannen zwar keine „Stimmungskanone“ (Gott bewahre!), jedoch auf sehr spezielle und originelle Weise gelegentlich ein Gute-Laune-Sänger. Wogegen ja nun mal prinzipiell nichts einzuwenden wäre. Wer das teils munter gepfiffene Lied von der „Magnolie“ hört, weiß gleich Bescheid. Da hellt sich etwas wundersam auf. Fast so schön wie einst bei „Singin’ in the Rain“…

CD „Saharasand“. JKP / Warner Music. Ca. 16,99 €.

P. S.: Ab 23. September geht Funny van Dannen auf Tournee. Jetzt möchte ich ihn endlich mal live sehen. Schon um einen Eindruck zu bekommen, wie seine Fans denn so aussehen. Es müssen doch wohl ziemlich sympathische Leute sein.




Kann man Erdbeeren schälen? – Jürgen Beckers Buch „Im Radio das Meer“

Dieses Buch sollte besonders langsam und sorgsam gelesen werden. Jeder Satz will hier für sich stehen, als Fragment besehen werden – und sodann im größeren Ganzen. Jürgen Becker gibt seinem neuen Buch „Im Radio das Meer“ als Untertitel abermals eine Art Gattungsbezeichnung mit auf den Weg: „Journalsätze“.

Rückblick: 2003 war „Schnee in den Ardennen“ als „Journalroman“ erschienen, 2006 haben sich „Die folgenden Seiten“ als „Journalgeschichten“ angeschlossen. Roman – Geschichten – Sätze. Es mutet fast an wie Tucholskys berühmte Stufenleiter „Sprechen – Schreiben – Schweigen“. In Dreijahresschritten hat sich also die Form (bzw. ihre Bezeichnung) zusehends konzentriert, verkürzt.

Wenigstens zwei Möglichkeiten liegen nahe: Der Stoff kommt immer gedrängter und damit vielleicht wesentlicher daher. Oder er schnurrt allmählich auf eine Schwundstufe zusammen, als stünde der Autor kurz vor dem Verstummen. Solche Phasen hat es im Werk des Jürgen Becker tatsächlich schon gegeben. Doch in einem Lebenswerk, das mit feinstens justiertem sprachlichen Instrumentarium und bewundernswerter Konsequenz Bewusstseins-Felder erkundet, hat er immer wieder zu neuen Kräften gefunden.

Um den Duktus des (in drei Journal-.„Hefte“ unterteilten) Buches zu vergegenwärtigen, muss man eine Passage zitieren. An beliebiger Stelle per Zufall aufgeschlagen, auf Seite 116, liest sich das so:

„Wir rufen an. Ihr seid nicht da.

Im Traum zwei Köpfe Blumenkohl, riesig wie Wolken.

Samstags geht man in den Garten, sitzt unterm Sonnenschirm und liest die Wochenendbeilagen.

Ein Stück Schulkreide gefunden, ein altes Stück.

Zwischen den Rapsfeldern steht ein gelbes Haus.

Erst sah es wie ein Komma an der falschen Stelle aus. Dann, als es sich bewegte, sah man, dass es ein weinziges Krabbeltier war.“

Was lesen wir: Historische, biographische und gegenwärtige Splitter? Bruchstücke eines in kleinste Bestandteile zerlegten Daseins? Hochverdichtete Essenzen? Hie und da durchsetzt mit Banalitäten, die bis ins Absurde ausfransen? Lakonische Alltagsbefunde? Gar Literatur nach Twitter-Art? Übungssätze für dieses oder ein anderes Leben?

Man könnte noch einige weitere Mutmaßungen anstellen und träfe den Kern doch nicht. Dies und das steckt sicherlich mit drinnen, doch das Ganze entzieht sich, es ist ist nur sehr schwer auf ein paar Begriffe zu bringen. Dies ist ja nachgerade ein Thema des Buchs: Was wissen wir überhaupt? Nicht viel. Oft können wir nur vorsichtig nach etwas tasten. Eben dies führt der Text vor. Und jeder Satz dieser Inventur könnte einen betreffen.

Man ist versucht, eine Rezension gleichfalls in lauter einzelnen, isolierten Sätzen zu schreiben. Um sich etwas anzuverwandeln. Doch das wäre wohl anmaßende Mimikry.

Erst auf längere Strecken erschließt sich der spröde Charakter, ja der Zauber dieses Buches. Themen klingen an, sie vergehen sanft oder abrupt, dann wird vielleicht irgendwann wieder angeknüpft, zuweilen kontrapunktisch. Es ist eine quasi-musikalische Verfahrensweise der „Komposition“.

Übrigens endet jedes der drei „Hefte“, indem ein Konzert mit drei Orchestern und drei Dirigenten erwähnt wird: Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Bruno Maderna. Auch solche Hinweise bahnen Pfade durch den vielgestaltigen Text. In diesem Falle sind es Anspielungen (*** siehe Fußnote) auf serielle Musik – und damit auch auf Bauplan und Struktur dieses Textes.

Ein und derselbe Sachverhalt kann dabei plötzlich aus ganz anderer Perspektive betrachtet werden, was wiederum an die Lichtwechsel beim Herumgehen um eine Skulptur erinnert. Immer wieder andere, flirrende Ansichten. Auch Leerstellen und Sinnlücken tun sich auf, es gibt ungeahnte Widersprüche, Anlässe zum Missverständnis. Etliche Fallstricke der Sprache. Verblüffende Vergleiche und solche Feststellungen, beinahe aphoristisch: „Wenn man nur drei Pilzarten kennt, sammelt man nicht vier.“ Kindliche Fragen: „Kann man Erdbeeren schälen?“ Oder Erkenntnisse von diesem Schlage: „Einmal sagte der Schreiner, Schrauben kann man nageln, Nägel aber nicht schrauben.“

Im Textverlauf betrachtet, erhält ein unscheinbarer Satz wie „Schieß doch, schieß doch endlich“ doppelten Boden und grausamen Nebensinn. Fußball kann gemeint sein, doch auch Krieg oder anderweitige Gewalt. Beide Lesarten haben Vorläufer-Sätze, die jeweils darauf hindeuten. Und ein Satz wie der folgende weist geradezu ins Bodenlose: „Als nach dem Krieg die Schule wieder anfing, sagten die Lehrer Guten Morgen.“

Nach vielen Aussagen, die man zur Kenntnis genommen hat, die einen vielleicht sogar eingelullt haben, steht auf einmal diese: „Bei uns in der Nachbarschaft gab es keinen, den man abgeholt hatte.“ Die wenigen Worte reißen unvermittelt einen historischen Horizont auf. Nachträglich verwandeln sie, was vorher da gestanden hat. Und erst recht das folgende.

Nach und nach erkennt man einige Themenfelder in leichten Abwandlungen wieder. Man könnte versuchen, sie zusammensetzen, als wär’s ein Krimi-Puzzle, doch auch daraus ergäbe sich keine Lösung, sondern bleibende Irritation übers Diffuse: Ein Tankwart äußert sich häufig. Ein Geländewagen kommt immer wieder vor. Grenzland an der Elbe. Kriegszustände. Offiziere. Rauchen. Ein Angler. Telefone und Zeitungen. All das ruft Bilder, Spuren, innere Bewegung hervor, aber keine Schlüssigkeit. Darum geht es ja auch nicht.

Unterwegs in solcher kleinteiligen Lektüre, spürt man stets das Vergehen der Zeit, gerade weil die Geschehnisse so fein zerstäubt sind. Wehmut über das, was man nicht auf- und festhalten kann, zugleich die immerwährende Chance zum Neubeginn: „Ein Bahnhof kommt in jedem Lebenslauf vor.“ Und noch eine zeitliche Gewissheit: „Leute von Gestern. Morgen gehört man dazu.“

Der Autor verschwindet nahezu hinter den zahllosen Sätzen, die er vorgefunden und gesammelt zu haben scheint. Doch er hat das Sprachmaterial sorgfältig zergliedert, sortiert, arrangiert (und sei’s hin und wieder auch mit Hilfe des Zufalls). Steht die Reihung des Textes für ein „So-und-nicht-anders“? Wohl kaum. Es ist keine Bescheidwisser-Prosa, sondern eine permanente Suche nach möglichen Standorten, Widerspruch allzeit inbegriffen.

Man ahnt: Ein solches Buch kann keinesfalls nebenher, sondern nur auf der Grundlage eines über lange Zeit entfalteten Werks verfasst werden, aus dessen Fundus es schöpft. Das mag am liebsten von jemandem lesen, zu dem man in vielen Jahren der Lektüre ein Grundvertrauen gefasst hat. Beispielsweise von Jürgen Becker.

Jürgen Becker: „Im Radio das Meer – Journalsätze“. Suhrkamp Verlag. 245 Seiten. 19,80 Euro.

*** Es handelt sich um die Erstaufführung der Stockhausen-Komposition „Gruppen“, an der im März 1958 in Köln-Deutz drei Orchester mit besagten Dirigenten mitgewirkt haben.

INFOS

Jürgen Becker wurde 1932 in Köln geboren, er wuchs in Thüringen und im Harz auf. 1950 Rückkehr nach Köln. Er war u. a. als WDR-Mitarbeiter, Lektor bei Rowohlt und Suhrkamp sowie in der Hörspielredaktion des Deutschlandfunks tätig. Seit 1968 freier Schriftsteller. Vorwiegend lyrische Arbeiten und Mischformen zwischen Prosa und Gedicht.

Werkauswahl: „Felder“ (1964), „Ränder“ (1968), „Schnee“ (Gedichte, 1971), „Das Ende der Landschaftsmalerei“ (Gedichte, 1974), „Erzählen bis Ostende“ (1981), „Odenthals Küste“ (Gedichte, 1986), „Foxtrott im Erfurter Stadion“ (Gedichte, 1993), „Journal der Wiederholungen“ (Gedichte, 1999), „Dorfrand mit Tankstelle“ (Gedichte, 2007).




Norbert Tadeusz und der collagierende Blick

Dem Werk des gebürtigen Dortmunders Norbert Tadeusz (Jahrgang 1940) kann man sich von vielen Seiten her nähern. Wollte man den physischen Zugang betonen, so würde man sich wohl bevorzugt seinen Fleisch-Bildern widmen. Deren immer wieder obsessiv durchmessene Bandbreite reicht vom prall ausgekosteten Frauenakt bis zum tierischen Kadaver im Schlachthaus. Begehren und Blut. Vital und letal.

Doch es gibt nicht nur diese (bestürzend) sinnliche, sondern auch eine übersinnliche, traumverlorene Dimension dieses Schaffens, die sich geisterhaft in allgegenwärtigen Schatten zeigt. Diesen Aspekt fasst nun das Museum Bochum in den Blick.

Die gemeinsam mit der Düsseldorfer Galerie Gmyrek in relativ kurzer Frist zusammengestellte Auswahl erstreckt sich aufs erste und zweite Geschoss des Hauses. Besonders stolz ist Bochums Museumsdirektor Hans Günter Golinski darauf, dass er erstmals Tadeusz’ Collagen zeigen kann. Sie lassen ermessen, wie sehr auch bei den großformatigen Gemälden ein „collagierender Blick“ die Wirklichkeit abtastet, zerlegt und neu fügt.

Schatten verleihen den zuweilen drastischen, gar schockierenden Figuren (nackte Frauenleiber in Situationen der „Verfügbarkeit“ oder der embryonalen Schutzbedürftigkeit) etwas Doppelbödiges, Unwirkliches. Fleisch ist nicht nur Fleisch. Da fällt auch schon mal ein Schatten so unvermittelt, als wolle er den vergänglichen Körper skelettieren, ihm so seine Grenzen vorführen. Überhaupt werden Mühsal und Qual der Körperlichkeit sichtbar – eher, als dass seine (auch abgründigen) Freuden sich aufdrängten.

Schatten modellieren die Körper. Sie verleihen ihnen Plastizität, sie können aber auch verfremdend und verstörend wirken, schlimmstenfalls Angst auslösen. Norbert Tadeusz erklärt, dass ihn die „Schauseite“ seiner Aktmodelle (die diese ihm am liebsten präsentieren möchten) überhaupt nicht interessiere. Er wartet wohl auf den Moment, wo das Ganze umschlägt in etwas, das auch vergeistigt genannt werden kann. In solchem Sinne hat er auch eine Schwangere gemalt, die als Tänzerin zu einigen Verrenkungen im Dienste der Kunst bereit und damit „zuhanden“ war. Da mag nicht nur nützlich, sondern auch erregend gewesen sein. Doch es verweist auf etwas Jenseitiges. Mit Fenster- und Bilder-Rahmen sowie Leitern (u. a. in seinen Atelier-Ansichten) lässt der Künstler übrigens häufig die christliche Kreuzesform anklingen, ohne sie aufdringlich herbeizuzitieren oder gar zu exponieren.

Nun ließe sich gewiss eine generelle, weit ausschweifende Kunstgeschichte des Lichtflusses ebenso wie eine der Schatten-Malerei verfassen. Harte Schlagschatten etwa waren lange verpönt, dann wieder (z. B. nach Caravaggio) ein anderes Maß der Dinge. Bei Tadeusz sind Schatten tatsächlich eine Hauptsache. Sehr formbewusst baut er seine Bilder. Der Verlauf von schattigen Linien, Flächen und Feldern erzeugt allemal Irritation, lässt neue imaginäre Räume entstehen, in denen sich der irrende Blick des Betrachters erst einmal verfängt und nur halbwegs zurechtfindet.

Es ist, als werde da ein zweites Leben, eine geheime Parallelwelt bis an die Grenze der Sichtbarkeit gehoben. Gefährlich genug. Zuweilen verquicken sich die Schatten hier so körperlos, dass sie ein eigenes Schattenreich bilden. Ist dort die Dingwelt lebendiger als der Mensch?

Doch solche Zuschreibungen wären Tadeusz wahrscheinlich schon viel zu viel. „Ich male einfach“, sagt er. Darüber reden sollen andere. Oder auch schweigend schauen. Trotzdem kann der Beuys-Meisterschüler und spätere Akademielehrer Tadeusz – abseits der Deutung einzelner Bilder – auch ins beseelte oder betrübte Reden geraten. Von der bleibenden Hypothek des Weltkriegs, die (nicht nur) auf seiner Generation laste, aber leider aus dem allgemeinen Bewusstsein schwinde, ist dann sehr ernsthaft die Rede. Von politischen Enttäuschungen der letzten Jahre. Vom allfälligen Kleinbürgertum, das heute sämtliche anderen Schichten verdränge. Davon, dass die Ausübung der Kunst ihn leidlich ernährt, aber keinesfalls reich gemacht habe. Ein teures Atelier in Düsseldorf habe er einst aufgeben müssen…

Zurück zum vieldeutigen Schattenwurf. Bisweilen verbindet sich das Schattenhafte mit einem althergebrachten Motiv der bildenden Kunst: Maler und Modell. Verstörende Sicht von schräg oben: Da reckt sich der Schatten des Künstlers (der beispielsweise hoch auf einer Leiter steht) bedrohlich über die völlig entblößte, hilflos, ja geschunden wirkende Frau. Filmkenner werden hier vielleicht an Jacques Rivettes Meisterwerk „La belle noiseuse“ („Die schöne Querulantin“) denken, jenes ungemein intensive Wogen der Passion zwischen Maler (Michel Piccoli) und Modell (Emmanuelle Béart). Auch dabei war letztlich etwas Spirituelles und Sakrales im Spiel.

Schatten erwächst aus Licht. Tadeusz sucht immer wieder gern die besonderen Lichtverhältnisse Italiens auf. Noch dazu kann er dort sein profundes kunstgeschichtliches Wissen anhand der alten Meister mehren. Tadeusz erinnert sich: Bereits Plinius der Ältere (ca. 23-79 n. Chr.) habe sinngemäß geschrieben, die Malerei sei auch nicht mehr das, was sie einmal war. So uralt ist mithin das Nachsinnen über die Krise der Kunst – und so oft ist sie seither in strahlenden Augenblicken glückhaft überwunden worden.

„Schatten“ – Bilder von Norbert Tadeusz. Museum Bochum, Kortumstraße 145 in 44777 Bochum. Tel. 0234/910-4230. Bis 4. Oktober 2009, Di-So 10-17, Mi 10-20 Uhr. Katalog 20 €.




Komm nach Hagen…

„Komm nach Hagen, werde Popstar“, so hieß vor langer Zeit ein knackiger Song von „Extrabreit“ – und danach eine in Westfalen oft zitierte „Spiegel“-Schlagzeile Anfang 1982. Damals machte die „Neue Deutsche Welle“ (NDW) etlichen Wind – erstaunlicherweise vor allem von Hagen aus. Diese Geschichte darf nun auf gehörig gehobenem Niveau-Plateau ergänzt werden. Demnach könnte es jetzt heißen: „Komm nach Hagen, sei ein Kunstfreund.“ Oder bleibe es…

Am 28. und 29. August wird in der sonst meist nicht allzu aufregenden und schon gar nicht glamourösen Stadt ein „Kunstquartier“ eröffnet, das im Lande seinesgleichen sucht und zu einer Bastion der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 werden kann.

Neue Rangfolge im Land

Gewiss: Köln und Düsseldorf bleiben die vorherrschenden Metropolen der musealen Szene in NRW. Doch dann kämen schon Bonn, Münster, Duisburg – und künftig vielleicht Hagen. Dortmund wird sich höllisch anstrengen müssen, um mit seinem Ex-Brauereiturm „U“ (wo auch das bisherige Ostwall-Museum einzieht) wieder halbwegs zum südlichen Nachbarn aufzuschließen.

Das altehrwürdige Hagener Karl-Ernst-Osthaus-Museum (rühriger Direktor: Tayfun Belgin; Schwerpunkt: Expressionismus) ist gründlich restauriert und erweitert worden, u. a. um eine Kinder- und Jugend-Abteilung. Das allein wäre schon Anlass zur Freude. Doch es kommt endlich, endlich ein singulärer Anziehungspunkt hinzu, nämlich das neue Emil-Schumacher-Museum.

Im Nachhinein mutet es noch grotesker an, dass in der (allerdings hoch verschuldeten) Stadt derart viele – teilweise dumpfe – Vorbehalte gegen dieses Projekt hochgekocht sind. Solche Querelen sind hoffentlich für immer ausgestanden. Viel nachhaltiger kann man rund 26 Millionen Euro nämlich kaum anlegen. Die Investition wird sich für Hagen auch touristisch auszahlen. Fehlt freilich noch ein vernünftiger Ankaufsetat fürs Osthaus-Museum…

Einige Wochen vor der Eröffnung hatte ich jetzt Gelegenheit zum ausgiebigen Rundgang durch beide Häuser. Zwar steht und hängt noch nicht alles an seinem Platz, zwar arbeiten an allen Ecken noch Handwerker, doch kann man bereits sagen, dass hier Großes entstanden ist.

Im neuen Haupteingangs-Foyer wird man sich bald entscheiden dürfen, ob man sich nach rechts (Osthaus-Museum mit Alt- und Anbau) oder nach links (Schumacher-Museum) wendet. Fürwahr kein leichter Entschluss. Man sollte halt beides nicht versäumen und am besten wiederkommen. Die Kombikarte kostet übrigens moderate 6 Euro.

Die Bühne ist bereitet

Begeben wir uns zunächst nach links. Das imposante Treppenhaus lässt es schon ahnen: Hier wird dem weltberühmten Hagener Maler Emil Schumacher (1912-1999) eine Bühne bereitet, die wohl weltweit unvergleichlich ist. Vor allem der weitläufige Oberlicht-Saal, in dem Schumachers fulminante Großformate prangen, nimmt einem schier den Atem. Man sollte sich dieses Erlebnis am besten für zuletzt aufheben. Die Farbe – hier wird sie eruptives Ereignis! Da schwelgt man in ungeahnten Kräften von Rot, Gelb, Blau. Bilder wie „Palmarum“ und „Pinatubo“ wirken nahezu wie vulkanische Naturschöpfungen.

Bevor man diesen Gipfel erklimmt, ist man behutsam didaktisch zu Schumachers Werk-Essenzen hingeführt worden. Ganz unten ist sein Atelier weitgehend getreulich nachgebaut, dazu läuft ein Film, so dass man sich eine Vorstellung von seiner zuweilen heftigen gestischen Arbeitsweise machen kann. Gelegentlich wurde gar die schiere Wut produktiv. Zutiefst unzufrieden mit einem Bild, ist Emil Schumacher der Leinwand zornig mit dem Hammer zuleibe gegangen – und siehe da: Die Einschläge bildeten ganz eigentümliche Formen, aus denen sich etwas gewinnen ließ. Eine ganze Reihe von „Hammerbildern“ folgte…

Alexander Klar, wissenschaftlicher Leiter des Schumacher-Museums, will den Besuchern die „Angst“ vor abstrakter Kunst nehmen. Abstraktion und Figürlichkeit seien bei Schumacher beileibe kein Widerspruch, sondern zwei Aspekte derselben Ur-Sache. Eins greift ins andere über, es wogt aus gleichem Antrieb hin und her. Man kennt das auch von anderen großen Künstlern, von Picasso bis hin zu Gerhard Richter.

Es lässt sich anschaulich verfolgen, wie bestimmte Motive bei Schumacher (Brückenbögen, Vogelschwärme, Pferde) hernach in vermeintlich abstrakten Fügungen wiederkehren. Die subtile Hängung ermöglicht immer wieder Zwiesprachen der Bilder über Blickachsen hinweg. Man kann auch weniger bekannte Serien entdecken, wie etwa die Moscheen-Bilder, die Schumacher 1988 im Irak mit genialischem Strich „hingeworfen“ hatte. Die meditativen Umrisse wirken wie eine letzte Zuflucht vor all dem drohenden Kriegsgetöse.

Das neue Haus, das von der Emil-Schumacher-Stiftung getragen wird, schmiegt sich ans Osthaus-Museum und wirkt doch als sichtbar eigenständiger, gläsern transparenter Baukörper. Gründungsdirektor ist Emil Schumachers Sohn: Ulrich Schumacher war von 1976 bis 2002 Museumschef in Bottrop. Keiner kennt das Werk Emil Schumachers mitsamt den lebensweltlichen Hintergründen so gut wie er.

Das Ausstellungsprogramm wird sich künftig natürlich in erster Linie um Emil Schumachers reichhaltiges Schaffen ranken. Bereits der eigene Fundus reicht für viele, immer wieder neue Perspektiven aufs Werk. Doch auch Querverweise auf andere, womöglich in irgendeiner Art „verwandte“ – oder aufschlussreich gegenläufige – Künstler sind eine Aufgabe schon für die nähere Zukunft. Ab Mai 2010 werden beispielsweise Bilder von Albert Oehlen zu sehen sein.

Geist des Ortes

Spezieller Vorzug in Hagen: Hier waltete seit Karl Ernst Osthaus’ Zeiten ein zuweilen recht reger künstlerischer Geist des Ortes, der freilich immer wieder von kulturfernen und sogar kulturfeindlichen Strömungen konterkariert wurde. Jedenfalls werden hier nicht einfach beliebige Künstler und ihre Werke präsentiert, sondern vor allem auch solche, die mit und in der Stadt innig zu schaffen hatten.

Der große Anreger und Mäzen Osthaus hatte sich hier niedergelassen und 1902 das Folkwang Museum gegründet, mit dem die Stadt vorübergehend ein Zentrum der Moderne wurde. Doch die Hagener ließen die bedeutenden Sammlungen ziehen. Nach Osthaus’ Tod (1921) verkauften dessen Erben die Kunstschätze eilig an die Stadt Essen, wo höhere Erlöse lockten. Ein unwiederbringlicher Verlust, der bis heute schmerzt. Und doch: Vielleicht hat die einstige Präsenz der Kunst ja insgeheim doch nachgewirkt?

Bevor wir gar zu esoterisch spekulieren, fahren wir fort und stellen nüchtern fest: Der gebürtige Hagener Emil Schumacher lebte und wirkte zeitlebens von hier aus – und hier schrieb ein weiterer großer Sohn der Stadt, ein Lyriker von hohem Rang: Ernst Meister (1911-1979), der auch sehr respektabel gemalt und gezeichnet hat (davon soll es nun regelmäßig Proben im Osthaus-Museum geben).

Eine von Birgit Schulte betreute Osthaus-Sonderausstellung ist jetzt zudem Christian Rohlfs gewidmet, der gleichfalls in Hagen gearbeitet hat und 1938 hier gestorben ist. Eine umfangreiche Schenkung hat die ohnehin schon beachtlichen Hagener Rohlfs-Bestände in jüngster Zeit auf über 500 Arbeiten anwachsen lassen.

Als wäre all das noch nicht genug an Ortsbezügen, hat eine Gegenwarts-Künstlerin das Haus zur hauptsächlichen Wirkungsstätte erkoren: Die 1943 geborene Sigrid Sigurdsson erweitert hier stetig und unermüdlich ihr ungemein vielfältiges Archiv unter dem Titel „Vor der Stille – Ein kollektives Gedächtnis“. Das eigentümliche Amalgam aus zeitgeschichtlichen und persönlichen Erinnerungs-Stücken füllt – in Folianten und Schaukästen dargeboten – einen großen, würdevoll dunklen Saal des Museums. Last und Ernst des Erinnerns scheinen zu überwiegen, doch wer Zeit mitbringt und sich ins Einzelne versenkt, wird auch ganz andere Facetten ans Licht holen.

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INFOS:

Adresse des Kunstquartiers: Museumsplatz 1 (für Navigationsgeräte die frühere Anschrift: Hochstraße 73) in 58095 Hagen. Für auswärtige Besucher der Stadt empfiehlt sich außerdem das Jugendstil-Ensemble Hohenhof (Stirnband 10, 58093 Hagen).

INTERNET

Ausführliche Informationen über Eröffnung, Anfahrt, Preise, Ausstellungsvorhaben etc. auf folgenden Internet-Seiten:

http://www.osthausmuseum.de

http://www.kunstquartier-hagen.de

http://www.esmh.de

Foto (Bernd Berke): Ulrich Schumacher vor einem Bild seines Vaters Emil Schumacher




Wer ohne Sünde ist…

Die meisten Kunstausstellungen vergleichen in erster Linie Bild mit Bild, ja sozusagen Pinselstrich mit Pinselstrich. Einige aber setzen ausdrücklich Bild und Wirklichkeit miteinander in Beziehung. Zu dieser anregenden Sorte gehört jetzt auch „Freiheit – Macht – Pracht“ im Wuppertaler Von der Heydt-Museum.

Hier wird niederländische Kunst des 17. Jahrhunderts („Goldenes Zeitalter“) vornehmlich als Ausdruck der damaligen Politik, Wirtschaft, Religion und Gesellschaft verstanden. Daraus ergeben sich vielfach erhellende Ansichten.

Katalog und/oder Führung sind diesmal besonders ratsam: Denn erst wenn man die Hintergründe kennt, sieht man die Bilder mit anderen Augen. Bei all dem sollte man jedoch ihre Eigenständigkeit, ihren Eigen-Sinn zu schätzen wissen. Übers Dokumentarische hinaus bergen sie ja einen gehörigen künstlerischen „Überschuss“.

Die konfliktreiche Spaltung in nördliche (dauerhaft protestantische) und südliche (katholische) Niederlande (*** siehe Fußnote) ist eine Grundtatsache, die selbstverständlich auch die Künste geprägt und in verschiedene Richtungen gedrängt hat. Beispielsweise dieser direkte Kontrast in Wuppertal: Zwei Darstellungen andächtiger Frauen machen den Unterschied sinnfällig. Ein Gemälde aus dem Süden (Jacob van Oost d. Ä.) zeigt eine Betende vor dem Kruzifix (also vor einem gemachten Bildnis), im Norden (Cornelis Bisschop) ist die alte Dame hingegen völlig in sich gekehrt. Sie hat sich von allen äußeren Bildern abgewandt. Arg zugespitzt gesagt: Katholiken neigten zu schwelgend barocker, gern auch dramatisierter Bildlichkeit, Protestanten hielten es eher mit dem Wort.

Schon aus den bloßen Bildthemen lässt sich ersehen, womit im 17. Jahrhundert besonders profitabel gewirtschaftet wurde. In den Niederlanden waren dies vor allem Schiffbau, Fischfang sowie lukrativer Fernhandel und – daraus erwachsend – ein aufblühendes Finanzwesen. Hatte man zuvor etwa Händler mit Waagen und Bargeld gezeigt, so sind jetzt auch schon mal (vergleichsweise abstrakte) Wechsel oder sonstige Wertpapiere auf Bildern zu sehen.

Auch Tulpen-Zwiebeln wurden als Luxusgut kunstwürdig, die Spekulationen und der plötzliche Wertverfall lösten seinerzeit die Mutter aller Börsenkrisen aus. Basierend auf wirtschaftlichen Erfolgen, entfaltete sich gleichwohl ein neues Nationalgefühl. Dieses wiederum wird sichtbar in der weitgehend naturgetreuen Darstellung heimischer Gegenden. Vormals hatte man sich vor allem an italienischen Ideallandschaften orientiert.

Selbst mythologische Themen haben zuweilen ganz handfeste aktuelle Hintergründe. So reihen sich auf dem Bild „Neptun mit den Gaben des Meeres“ (um 1650/55, gemalt von Erasmus Quellinus II und Peter Boel) die reichlichen Früchte und Schätze aus dem Wasser als üppige Girlande aneinander. Dennoch schaut der Meeresgott missmutig und bedrückt drein. Warum? Weil just zu jener Zeit eine kriegerische Seeblockade den Genuss des maritimen Reichtums schmälerte. Die Klage über diese Blockade ist mithin das eigentliche Thema des Bildes. Und wenn Arent de Gelder um 1684 die im Exil lebende Jüdin Esther malt, die sich im Perserreich entschlossen für ihr Volk eingesetzt hat, so ist insgeheim (für den kundigen, gebildeten Zeitgenossen freilich überdeutlich) gemeint, auch der Protestant möge im Konflikt mit Katholiken standhaft bleiben.

Portraits entstehen gleichfalls nicht von ungefähr, sondern auftragsgemäß mit mehr oder minder verhüllten Absichten. Es geht vornehmlich um Repräsentanz, um Machtansprüche. So ließen sich damals zu Wohlstand gelange Bürger ganzfigurig malen – ein Zeichen der Dominanz, wie es bis dahin nur dem Adel zukam.

Pralle Genreszenen und Typenparodien aus dem bäuerlichen Leben (Suff, Spielsucht und Faulheit als Dauervorwürfe), aus Wirtshäusern und Bordellen dienen einerseits der ergötzlichen Unterhaltung, andererseits erheben sich die betrachtenden Bürger über solche moralischen Abgründe. Mögliches (bigottes) Motto der Distanzierung: „Gut dass w i r nicht so sündhaft sind.“ Flankierend finden sich Bilder wie Joost Cornelisz Droochsloots „Das Armenhaus in Utrecht“ (1654), die gleichsam das Loblied der bescheidenen, anständigen Armut anstimmen. Mittellosigkeit, so die protestantische Auffassung der Zeit, war keine Schande, sie war nämlich göttlich vorherbestimmt (prädestiniert). Man musste sie daher demütig annehmen und sollte nicht aufbegehren. Einmal darf man raten, wessen Interesse ein solcher Armutsbegriff entgegenkam.

Die historische Entwicklung der Liebesbeziehungen ist ein Kapitel für sich. Ehedem gab es das Konzept der „Romantischen Liebe“ noch nicht, es herrschte bei Eheschließungen dynastisch oder wirtschaftlich motivierter Pragmatismus. Auf Thomas de Keysers Gemälde „Bildnis einer holländischen Familie“ (um 1624) hält indes der betuchte Gatte zärtlich die Hand seiner Frau, die Kinder gruppieren sich dekorativ um das Paar – ein frühes Anzeichen fürs Aufkommen der später vorherrschenden Kleinfamilie.

Man ahnt: Das Sein bestimmte das Bewusstsein, auch im Maleratelier. Die Wuppertaler Schau erschöpft sich allerdings keineswegs in der Illustration materieller Bedingungen. Es sind grandiose Meisterstücke zu sehen – von Peter Paul Rubens bis van Dyck, von Ruysdael bis Jan Brueghel, Pieter de Hooch bis Jacob Jordaens und Gerard ter Borch bis Jan Steen.

Stupend die handwerklich großartige Feinmalerei des Trompe-l’oeil („Augentäuschung“), die ihre Gipfelpunkte im Stilleben erreicht und vom gewachsenen Selbstbewusstsein der Künstler sowie (indirekt) von einem kennerhaften Publikum zeugt, das derlei Finessen zu würdigen wusste. Früchte erscheinen da so überaus lebensecht gemalt, dass man schier hineinbeißen möchte, gemaltes Papier scheint leise zu rascheln. Die dargestellten Dinge bedeuten längst nicht nur sich selbst, sondern weisen über sich hinaus. Oft genug sind es Sinnbilder der Vergänglichkeit alles Irdischen.

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Daten/Fakten:

„Freiheit Macht Pracht – Niederländische Kunst im 17. Jahrhundert“. Noch bis zum 23. August im Von der Heydt-Museum, 42103 Wuppertal, Turmhof 8. Geöffnet Di bis So 11-18 Uhr, Do 11-20 Uhr. Führungen Sa 15 / So 12.30 und 15 Uhr, Themenführungen Do 18 Uhr (Info/Anmeldung 0202/563-6231). Katalog 25 €. Internet:

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*** Ausführliche Darstellung der historischen Voraussetzungen im Ausstellungskatalog, z. B. ab Seite 77: Der südliche Teil des Landes (heute Belgien) blieb nach dem Aufstand gegen den spanische Herrschaft („Achtzigjähriger Krieg“) unter spanischer Verwaltung, der Norden (heutige Niederlande) wurde zur Republik.

Die zehn Provinzen des Südens („Union von Arras“) waren durch spanischen Einfluss überwiegend katholisch geprägt, die sieben Provinzen des Nordens („Union von Utrecht“, heutige Niederlande mit der Provinz Holland, 1648 im Westfälischen Frieden zu Münster als Staat anerkannt) bekannten sich zum Protestantismus.




Gisbert zu Knyphausen: Gehen, gehen, gehen

Ach, ach, ach. Die Platte, die ich hier nachdrücklich empfehlen möchte, ist schon im April 2008 erschienen und mir erst jetzt aufgefallen. Eine kleine Ewigkeit im hechelnden Pop-Business. Ja, darf man’s denn wagen und darüber noch schreiben?

Nun, ich bin keiner zeilengeilen PR-Abteilung der Plattenbranche verpflichtet (es stört mich schon, dass diese Fuzzis einen immerzu ungefragt duzen), sondern habe mir die CD neulich selbst gekauft. Niemand drängt mich, diese Rezension zu verfassen. Doch hindert mich auch keiner.

Vor einiger Zeit hat Ingo Juknat, wenn ich mich recht entsinne, in diesem Blog (Westropolis) die deutsche Rock-Szene gescholten. Er hat da sicherlich viel öfter und weitaus aktueller ’reingehört als ich (auch eine Altersfrage). Und es stimmt ja: Glamour und Charisma sind in unseren Breiten kaum zu Hause. Es gibt es aber einige rühmliche Ausnahmen, was die musikalische und textliche Qualität betrifft. Manche werden vielleicht Blumfeld, Tomte und Kettcar nennen. In Ordnung.

Zu meinen heimischen Favoriten der letzten zehn bis fünfzehn Jahre zählen beispielsweise: Element of Crime, Tocotronic, die Frauenband Britta um Christiane Rösinger, Erdmöbel – und Funny van Dannen. Jeweils ganz eigene „Hausnummern“ und Kategorien. Darauf kommt’s ja schließlich auch an: auf unbeirrbare Eigenart.

Zu solchen Original-Könnern gesellt sich also neuerdings der aus dem hessischen Rheingau stammende, heute in Hamburg lebende Mann mit dem nicht gerade rockigen Namen Gisbert zu Knyphausen, dessen ursprüngliches Adelsprädikat noch um einiges länger sein soll. Egal. Er ist jedenfalls ein Singer-Songwriter (vulgo: Liedermacher) von einigen Graden und Gnaden, mit gut und gern ausgelebter Neigung zum Indie-Rock. Insgesamt eher eingängig als sperrig. Doch genauer hinhören muss man schon, es fließt nicht einfach so daher.

Sein erstes Album heißt ebenso wie der Urheber und ist gleich famos geraten. Ja, es dürfte auf diesem Felde hierzulande schwerlich übertroffen werden. Zwar lassen sich einzelne Titel durchaus ausgekoppelt hören, jeder beweist Charakter für sich. Doch zeigt sich hier wieder einmal die Stärke eines gereiften Albumkonzeptes (das ja leider längst von diffusen Einzeldateien abgelöst worden ist): Bei Knyphausen gibt es noch eine Dramaturgie des An- und Abschwellens, der sinnreichen Abfolge.

Die Texte gehören wohl zum Besten, was derzeit auf dem Pop-Sektor in deutscher Sprache vorgetragen wird. Die Worte setzen sich zwar zuweilen nonchalant und rauh-charmant über das Reim- und Rhythmus-Schema hinweg, sie trudeln aber nahezu unfehlbar in poetische Bezirke. Fast absichtslos manchmal, in den allerschönsten Momenten. So ehrlich und authentisch klingt das, dass man fast schon wieder geneigt ist, es für Pose zu halten. Aber das wäre nun wirklich eine Hirnschraubenwindung zu weit gegrübelt.

Das Spektrum reicht vom sanfteren Gitarrenlied beinahe à la Hannes Wader (erinnert Knyphausen nicht auch vom Habitus her ein wenig an diesen Altvorderen?) über geerdeten Blues bis zum strubbligen Geradeaus-Rock, der freilich auch seine Finessen hat. Auf Videos im Netz kann man es sehen: Die Band wirkt so, als seien diese Typen direkt aus den frühen 70er Jahren zu uns gekommen. Doch gestrig sind sie beileibe nicht.

Gisbert zu Knyphausen balanciert wie auf schmaler Kante. So manche Verwundungen, Melancholie und Depression auf der einen Seite, plötzlich unversehens wieder erwachende, wilde und unbekümmerte Lebenslust auf der anderen. Auf einmal doch wieder unterwegs zum unversehenen, ungeahnten Glück: Komm ins Offene!

Aus dieser Gefühls- und Gemengelage unsinnigen Unglücks und unfassbaren Glücks beziehen nicht nur die Texte ihre Impulse, auch die Musik holt daraus ihre Energie. Stichwort-Beispiele: Das Lied „Spieglein Spieglein“ ist eine harsche Absage an alle unnötige (Selbst)-Quälerei, auch in „Der Blick aus deinen Augen“ ist der schöne Schwebezustand nach allzu mühsamer Sinnsuche nahezu erreicht. Die „Kleine Ballade“ scheint sich federleicht über erlittene Mühsal erheben zu wollen. „Sommertag“ begräbt furios all den lang gehegten Pessimismus, der nun endlich in Scherben liege. Da möchte man tatsächlich sogleich aufbrechen und gehen, gehen, gehen (was ja ohnehin ein Grundantrieb hörenswerter Rockmusik ist). Und weiter, weiter bis zu den beiden abschließenden Stücken „So seltsam durch die Nacht“ und „Verschwende deine Zeit“. Songs, die man wieder und wieder hören möchte.

Da geht es – aus persönlich getönter Sicht – fast immer auch ums Ganze, ums Leben, wie man es schlecht und recht oder ein kleines bisschen besser lebt. Manchmal ergeht sich Gisbert zu Knyphausen in kämpferischer Metaphorik und nennt sich an einer Stelle sogar „kriegsgeil“. Etwa in diesem Sinne: Erst aus Trümmern kann das Neue und Künftige entstehen. Nun ja. Dieses „Stirb und werde“ gibt es nicht erst seit Goethe. Und es wird auch so bald nicht aufhören.

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Die CD „Gisbert zu Knyphausen“ ist im April 2008 beim Label „PlayItAgainSam“ erschienen und kostet ca. 17 €.

Zwei Video-Links (Titel „Sommertag“ und „Neues Jahr“) zur Kostprobe:
http://www.youtube.com/watch?v=axWLddS4aUI
und

Die Bandbesetzung: Gisbert zu Knyphausen (Gitarre, Gesang), Gunnar Ennen (Keyboards), Jens Fricke (Gitarre), Sebastian Deufel (Schlagzeug), Frenzy Suhr (Bass).




Wunder mit Widerhaken – F. C. Delius‘ Roman zur Erfindung des Computers

US-Amerikaner rühmen sich der Erfindung des Computers, doch irgendwann haben sie anerkannt, dass einst ein Deutscher die kreative Vorhut bildete: Konrad Zuse (1910-1995).

Stoff genug für Phantasien mit realistischer Sättigungsbeilage. Jetzt liegt ein Roman über Zuses Leben vor – verfasst vom vielfach bewährten Friedrich Christian Delius, der etwa auch schon das fußballerische „Wunder von Bern“ zum literarischen Spielfeld erkoren hat („Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“, 1994).

Der Titel des neuen Buches klingt artverwandt und beschwört ebenfalls „Wunder“ herauf: „Die Frau, für die ich den Computer erfand“ geht von der Fiktion aus, dass eben jener Konrad Zuse anno 1994 einen öden Braunschweiger Festakt zu seinen Ehren „schwänzt“ und statt dessen einem Journalisten zwölf Stunden lang (!) Bekenntnisse auf Band spricht, die erst posthum publiziert werden sollen. Schon die exorbitante Länge riecht nach Protest gegen den heute vielfach üblichen Häppchen-Journalismus.

Das denkwürdige Treffen begibt sich sozusagen in der mittleren Mitte Deutschlands – im hessischen Rhön-Kreis Hünfeld, zu Zeiten des geteilten Landes ein Grenzgelände des Kalten Krieges, auf dem West und Ost einander kriegsbereit belauerten (Stichworte: „Fulda Gap“, „Point Alpha“ bei Geisa). In dieser Gegend hat der gebürtige Berliner Zuse nach dem Zweiten Weltkrieg gelebt.

Der Romantext besteht – bis auf einen einzigen Satz – ausnahmslos aus den auf Band aufgezeichneten Passagen. Die Sprache liest sich dementsprechend lebendig und spontan, sie hört sich nicht „nach Papier“ an. Gut vorstellbar, dass auch Delius seinen Text zur Probe auf Band gesprochen hat. Aufgeteilt ist das Ganze in knappe Kapitel, was die einladende Lektürefreundlichkeit noch steigert. Man kann das Buch also recht glatt und zügig „weglesen“; eine Feststellung, die nicht etwa als vergiftetes Lob verstanden werden möge. Denn das Widerspenstige und die Widerhaken gegen oberflächlich flotten Zeitgeist und digitale Idiotie stecken im (vordergründig kulinarisch dargebotenen) Inhalt.

Zentrale, doch ungreifbare Gestalt ist eine gewisse Ada Lovelace (1815-1852), Tochter des romantischen Dichters Lord Byron und dazumal rares weibliches Genie der Mathematik, die bei Leibniz’ binärem Zahlensystem angeknüpft hat. Man sagt ihr nach, sie habe bereits die allererste Programmiersprache skizziert. Zuse stößt in den 1930er Jahren in einem Buch auf die jung verstorbene Britin und verliebt sich in sie – sozusagen im Überschwang eines erfinderischen Eros über Generationen hinweg. Jahrzehnte bleibt er ihr insgeheim treu, und sie beflügelt ihn, ja sie scheint ihn durch prekäre Situationen zu geleiten wie ein Engel.

Wunder über Wunder allein schon, wie es Zuse gelingt, die ersten Apparate in Berlin-Kreuzberg unter widrigsten Umständen zu bauen und dass er später seine Erfindung (eine monströse, aber schließlich wie geölt funktionierende Maschine mit dem Hilfsnamen „A 4“ bzw. „Z 4“) durch die kriegerischen Wirren nach Bayern rettet. Der erste Prototyp „A 1“ war 1938 noch ein mechanisch ratterndes Ungetüm gewesen, das notgedrungen aus lauter Ersatzmaterialien bestanden hatte.

Der erfahrene Schriftsteller Delius spielt in der offenbar gründlich recherchierten, jedoch mit erfinderischer Lust angereicherten Geschichte allerlei Themen und Motive durch, durchweg stilsicher, stellenweise kunstvoll, ja virtuos: Da geht es vorderhand um mögliche Verfehlungen und die Verantwortung des Ingenieurs im „Dritten Reich“. Sehr differenziert kommt hier Zuses spezielle Form des freimütig eingestandenen Mitläufertums zur Sprache. Er hat auch bei Berechnungen mitgeholfen, um deutsche Fliegerbomben zu optimieren. Hätte er sich weigern können? Hätte er dann noch weiter an seinen programmierbaren Maschinen arbeiten können?

Besessen und getrieben von seiner eigentlichen Aufgabe, an der er in 80-Stunden-Wochen gearbeitet hat, hat sich dieser Mann durch alle Fährnisse laviert. Der Roman scheint den Schluss nahezulegen, dass Zuse dabei wahrscheinlich anständiger geblieben ist als der allseits dienliche Raketenpionier Wernher von Braun. Ein irritierendes Flimmern ergibt sich freilich aus der (natürlich vom Autor Delius arrangierten) subjektiven Rede, die ja immerhin schönfärberisch und selbstgerecht sein könnte. Doch der uneitle Tonfall spricht wiederum gegen solchen Verdacht.

Ein weiterer Themenstrang ist die unaufhörliche Rivalität zwischen Künsten und Geisteswissenschaften sowie Mathematik, Natur- und Ingenieurswissenschaften. Zuse erscheint nicht als zorniger, doch als schroffer und schräger alter Mann, der sich aus den bislang lebenslang durchstreiften Gefilden der Logik endlich ins befreite Phantasieren hinein bewegt und nun frei von der Leber weg reden kann: „…die Zukunft gehört der Kunst. Ohne Kunst ist das Leben ein Irrtum…“, sagt er mit Anklang an Nietzsche.

Vor allem aber zitiert Zuse immer wieder aus Goethes „Faust“, vielleicht auf der Suche nach dem Faustischen und Mephistophelischen schlechthin. Doch er hat’s stets ein paar Nummern kleiner und damit menschlicher. Ada statt Mephisto, so lautet die Formel. Bei aller Knorrigkeit und Sperrigkeit und trotz opportunistischer Anwandlungen begegnet uns in Konrad Zuse, so wie Delius ihn darstellt, eine vorwiegend sympathische Figur, die durch Schattierungen und Schraffuren genauer, wahrhaftiger wird.

Nicht ungern sieht dieser Zuse sich endlich als Erfinder gewürdigt, doch sind ihm eitle Allüren fremd. Ihm geht es schlichtweg um die Richtigkeit der Sache. Dass die Amerikaner ihn (nicht zuletzt mit gezielt eingesetzter Dollar-Power) in den 1960er Jahren rasant überholt haben, das hat ihn geschmerzt, doch irgendwann hat er auch das verwunden. Man stelle sich mit F. C. Delius vor, was da hätte entstehen können: Ein weltweit führendes „Silicon Valley“ rund um Fulda und Hünfeld – das wäre doch auch zu irrwitzig gewesen, oder?

Friedrich Christian Delius: „Die Frau, für die ich den Computer erfand“. Roman. Verlag Rowohlt Berlin. 284 Seiten. 19,90 €.




Kreuz und quer durch die DDR

Sammlung oder Sammelsurium? Anregung oder Wirrnis? Solche Fragen könnte man sich stellen, wenn man jetzt eine DDR-Ausstellung in Lüdenscheid anschaut.

Der umtriebige Bielefelder Privatmann Frank Föste hat zum Themenkreis „Kalter Krieg“ und Ost-West-Konflikt offenbar alles angehäuft, was er irgend bekommen konnte – teilweise unter etwas abenteuerlichen Umständen und vor allem gleich nach der „Wende“ vor 20 Jahren. Damals war plötzlich so vieles frei verfügbar – und niemand wusste, wie lange da noch so bleiben würde. So mag man seinerzeit gedacht und rasch zugegriffen haben. Einiges davon füllt nun einen ganzen Museumstrakt über und über. Dabei ist es nur rund ein Zehntel einer gewiss imponierenden Kollektion…

Betritt man die Raumflucht der in Minden (Preußenmuseum) zusammengestellten und von Lüdenscheid übernommenen Schau, so empfängt einen gleich eingangs die Warntafel „Sperrgebiet“. Auch ein Stück Stacheldrahtverhau, Original-Uniformen der Grenzer und ein „Mauerabschnitt“ in real-sozialistischer, unübersteigbarer Höhe stimmen geradezu gruselig auf die Relikte des (in Westdeutschland einst hartnäckig „Ostzone“ genannten) Gebildes ein.

Doch wer sich nicht schon etwas mit der Materie auskennt, bleibt womöglich bei den (durchaus reichlich vorhandenen) Schauwerten der vielen Objekte hängen. Ohne Führung dürften vor allem jüngere Besucher ratlos bleiben. Dicht an dicht und mitunter etwas wahllos reihen sich zahllose Exponate verschiedenster Art aneinander. Es ist, als habe man nichts auslassen wollen. Praktisch alle Lebensbereiche der verflossenen DDR (7. Oktober 1949 bis 3. Oktober 1990) werden irgendwie angetippt.

Lauter Schlaglichter und knappe Stichworte. Politik in manchen Facetten, Militär, Spionage, Wirtschaft, Auto und Verkehr, Jugend, Erziehung und Sport, Freizeit, Familie und Kultur. Nicht so sehr systematisch als vielmehr assoziativ wirken Aufbau und Abfolge. Propaganda der DDR und gegenläufige Ansichten des Westens gehen hier mitunter kreuz und quer durcheinander.

Mal nimmt man als Besucher die Perspektive früherer Zeiten ein, dann wieder blickt man von heutiger Warte aufs schon reichlich fern gerückte Geschehen zurück – mal empört oder fassungslos, dann vielleicht eher belustigt oder gar mit einem Hauch von Nostalgie angesichts „kultiger“ Objekte. Formulieren wir’s mal rundweg positiv: Die Auswahl ist aufregend multiperspektivisch und sie nimmt einem das Denken keineswegs ab. Da muss man schon selbst rote Fäden finden.

Man ist versucht, atemlos aufzuzählen, was man da im bunten Reigen vorfindet: Markante Zitate (auch auf dem Fußboden), Zeitungs- und Zeitschriftenausrisse, Flugblätter und Dekrete. Sodann Visa und viele andere Dokumente wie etwa Belobigungen für Kollektivarbeit, ein „Hausbuch“ zur perfiden Mieterkontrolle und schließlich die wachsende Flut der Ausreisebegehren. Ferner Fahnen und Embleme (FDJ, Junge Pioniere & Co.), allerlei Lenin-Figuren und sonstige kommunistische Devotionalien, Schautafeln und Tabellen, Orden und Ehrenzeichen, Partei-Souvenirs, Spitzel-Ausrüstungen der Stasi,  sowjetisch „inspiriertes“ Kriegsspielzeug, beispielhaftes Wirtschaftsgut Ost wie Meißner Porzellan oder Jenaer Glas, das berühmt gewordene „Ampelmännchen“ und, und, und…

Lauter Anstöße und Ansätze, hie und da auch Aha-Erlebnisse. Doch längst nicht jedes Schaustück spricht für sich selbst. Zu etlichen Exponaten wünscht man sich weitere Erläuterungen, die Zusammenhänge stiften könnten.

Man ahnt, dass es sich lohnen könnte, diese offenbar mit Feuereifer angelegte Sammlung weiter zu erschließen, sie behutsam zu ergänzen, Schneisen zu schlagen und sinnvolle Schwerpunkte zu bilden. Aber das alles wäre kostspielig und würde sehr viel Arbeit mit sich bringen.

Außerdem gibt es laut Föste ausgerechnet in Deutschland kein Museum, das sich speziell mit der Geschichte des „Kalten Krieges“ befasst. Er trägt sich deshalb mit dem Gedanken, seine Sammlung nach Dänemark zu geben. Will er mit dieser Ankündigung auf hiesige Büsche klopfen? Und klingt nicht doch gelinde Verbitterung durch, wenn er andeutungsweise von bislang vergeblichen Vorstößen spricht? Auf öffentliche Förderung wagt er nicht mehr zu hoffen.

„Vergessen? Schlaglichter auf Staat und Alltag in der DDR“. Bis zum 23. August in den Museen der Stadt Lüdenscheid, Sauerfelder Straße 14. Eintritt 4 Euro. Knappe Info-Broschüre. Geöffnet täglich außer Mo 11-18 Uhr. Führungen nach Voranmeldung für Gruppen möglich. Tel.: 02351/17 14 96.




Baselitz, Lüpertz, Penck: Wurzeln in der Luft

Baselitz, Lüpertz, Penck – deren Kunstfertigkeiten kennt man doch zur Genüge. Vorgestern war’s ja noch halbwegs interessant. Doch längst sind wir viel, viel weiter fortgeschritten. Wir, die ach so versierten Kunstbetrachter…

Halt! So denken vielleicht oberflächliche Gestalten im Kreiseln und Kriseln des Kulturbetriebs, die stets gelangweilt nach dem Allerneuesten verlangen und sich den Anschein des durch nichts mehr zu verblüffenden Kenners geben. Elendes Ennui-Gehabe!

Oft, ja beinahe immer lohnt ein zweiter, ein anderer Blick aufs Gewesene. Zumal dann, wenn Künstler mit früheren, weniger bekannten Arbeiten aus Phasen präsentiert werden, als ihr Werk noch im Wachsen und Werden war. Und manchmal erst recht, wenn es sich nicht um auftrumpfende Hauptwerke, sondern um eher intime Zeichnungen handelt. Hier also sind tastende Versuche und Skizzen zu finden, die sich noch näher an den Ursprüngen der Ideen bewegen als die später breit und vielleicht schon allzu selbstgewiss ausgeführten Bilder.

Der Sammler Peter Ludwig hatte bekanntlich gutes Gespür für vielversprechende Ansätze, die eben erst keimten. Er erkannte – auch mit marktgeschultem Blick – manche große Begabung frühzeitig und kaufte bereits, bevor es die anderen taten. Daher kommt es, dass die diversen Ludwig-Museen (etwa in Köln, Aachen und Oberhausen) über große Konvolute von Zeichnungen verfügen.

Jetzt zeigt Oberhausen gezeichnete Bilder aus den 60er und 70er Jahren. Damals waren die besagten Baselitz, Lüpertz und Penck noch nicht allseits bekannt. Sie standen noch allesamt quer zum eher links gewendeten Zeitgeist. Rund 150 Exponate kann Oberhausen vorweisen. Anschauungsmaterial genug, um die frühen Wege der drei Künstler plausibel zu machen.

Georg Baselitz

Spätestens um 1965 treten in seinen Bildern mit Macht hervor: das Verletzte, das Hässliche und hie und da das gellend Obszöne, seinerzeit noch schreiend Skandalöse. Man sieht geradezu das Kreißen, man sieht biomorphe (also pflanzlich wirkende) Ausgeburten, ungeschlacht und noch nahezu gestaltlos. Der hier angerichtete Weltwirbel scheint bis in Zellkerne zu reichen und irgendwann ein großes Neues hervorzubringen.

Nachwirkende, nicht ruhig zu stellende Kriegstraumata brechen sich in anderen Bildern Bahn, und zwar reihenweise: „Helden“, „Partisanen“ und „Neue Typen“ irritieren durch ungebrochene, rohe Gewaltsamkeit. Ist es noch die Nachhut der letzten Katastrophe – oder sind es bereits schlimme Vorboten des womöglich Kommenden? Man muss solche Bilder nicht mögen, aber man sollte sie nicht meiden, denn sie rufen vernehmlich nach Auseinandersetzung.

Etwa 1969 vollzieht Baselitz die Kehrtwende, die nachmals zu seinem Markenzeichen wurde. Zunächst dreht er Bildmotive wie den „Waldarbeiter“ um 90 Grad seitwärts, später stehen sie vollends auf dem Kopf. Baselitz wollte sich einerseits nicht von Figur und Gegenstand verabschieden, andererseits aber den Blick weg vom Inhalt und hin zur Bildstruktur lenken. Nun wurzeln die Figuren sozusagen in den Lüften.

Was anfangs eine Befreiung oder für Baselitz gar eine Quadratur des Kreises gewesen sein mag, wirkt in der über Jahrzehnte angewachsenen Menge wie eine bissig beibehaltene Marotte unter dem Zwang, sich von der künstlerischen Konkurrenz abzuheben. Bis heute glaubt man Baselitz daran zu erkennen: „Ist das nicht der, der seine Bilder kopfüber dreht?“ Und seither verdrehen Betrachter vor seinen Bildern ihre Köpfe, um doch etwas mehr Inhalt zu erhaschen.

Markus Lüpertz

Der Mann, der sich geradezu enervierend als Nachfahre von „Malerfürsten“ des 19. Jahrhunderts geriert, etikettierte einen seiner zeitigen Leiteinfälle als „dithyrambisch“ – eine Reminiszenz an Kultlieder auf den altgriechischen Gott Dionysos. Diese räumlich gestaffelten Schraffuren erinnern formal an Gegenstände, sind aber nicht als solche zuzuordnen. Auch hier stellt sich also das Problem, gerade noch beim Gegenstand zu bleiben und doch von ihm gehörige Distanz zu wahren. In den Jahren ab 1964 erwachsen und wuchern Lüpertz’ Bild-Architekturen aus solchen rudimentären Elementen. Auch seine Kunst hat etwas Unbehauenes. Das Filigrane wird man bei ihm schwerlich finden.

Kennzeichen und Triebkraft späterer Bilderserien – mit den Hauptmotiven Schnecke, Stahlhelm und Amboss – ist die ständige Metamorphose dieser Dinge, die mitunter bedrohlich gestapelt werden, als sollten sie sich zur Apokalypse auftürmen. Nichts bleibt, wie es anfangs gewesen ist. Hochhaus wird Menschenleib, sodann wird Mensch zum Kleidungsstück. Ein unaufhörliches Umschichten der Formen.

Ähre und Stahlhelm ragen als vielfältig variierte Signale aus faschistischer Zeit in diese wandelbare Bildwelt hinein. Sind es bloße Relikte? Ist es gar ein verantwortungsloses Spiel mit vorbelasteten Zeichen? Oder ist alles ganz zweckfreie Formfindung, und Lüpertz wäre immer nur unermüdlich unterwegs gewesen auf seiner fortwährenden Suche nach expressiver Kälte?

A. R. Penck

Dieser ungemein eigenständige, ja zunächst randständige Künstler benannte sich nach einem Eiszeitforscher. Mit seinem leidenschaftlich verfolgten Projekt einer universell verständlichen Bildsignal-Sprache war er in der einstigen DDR isoliert und wurde im Namen der offiziellen, sozialistisch-realistischen Kunst-Doktrin geächtet (erst 1980 siedelte er in den Westen über).

Alles bloß Anekdotische wollte er aus seinem Bildvokabular verbannen. Er verfiel auf archetypische Zeichen wie aus vorzeitlicher Höhlenmalerei. Ganz und gar unverbraucht, taufrisch geschöpft wirkt das in den besten Momenten – und gleichzeitig in eine ferne, vielleicht utopische Zukunft gerichtet. Eine Werkstatt für Mythen kommender Zeiten.

Man kann in Oberhausen die Genese recht gut nachverfolgen: Die Skala reicht von urtümlichen Strichmännchen bis hin zu komplex vielgliedrigen und denn doch wortreich erläuterten „Problemraum“-Skizzen, die von fern her an lehrhafte Tafeln von Joseph Beuys erinnern. Weitaus feinnerviger als bei den beiden anderen Künstlern geht es in Pencks experimentellem Formenlabor zu. Der Grat zwischen „unverbraucht“ und „unbedarft“ scheint hier allerdings mitunter schmal. Und die innig erstrebte allgemeine „Lesbarkeit“ der Bilder mag sich auf Dauer nur stellenweise einstellen. Vieles bleibt wolkig und vage. Esoterische Wirrnis könnte als Gefahr lauern. Doch Pencks Expeditionen führen eben durch ungeahnt abenteuerliches Gelände und Gestrüpp. Leise erkundend, niemals dröhnend oder polternd. Spannend bis jetzt – und wohl auch künftig.

Baselitz, Lüpertz, Penck – Zeichnerische Positionen aus der Sammlung Ludwig. Ludwig Galerie Schloss Oberhausen, Konrad-Adenauer-Allee 46 (nähe Gasometer und Arena). Bis 6. September. Geöffnet Di-So 11-18 Uhr. Kein Katalog. Eintritt 6,50 €, ermäßigt 3,50 €, Familie 10,50 €, Kombiticket mit Gasometer OB (derzeit Weltraum-Ausstellung) 8,50 €. Tel. 0208/412 49 28. Internet www.ludwiggalerie.de

Parallel dazu werden im Nebengebäude des Schlosses Beispiele aus internationalen Grafik-Beständen der Sammlung Ludwig gezeigt – von Künstler u. a. aus Russland, Bulgarien, Ex-BRD und DDR (Kippenberger, Heisig, Sitte, Mattheuer), China und Kuba.




Dicht vor dem Sprung

Hat jemand schon einmal den Namen Hans Kohlschein gehört? Nein? Solche Unkenntnis wäre nicht verwunderlich.

Der Mann, von dem jetzt rund 160 Arbeiten im Schloss Cappenberg zu sehen sind, gehört zu den zahlreichen Künstlern, die bestenfalls am Rande wahrgenommen worden sind. Von dieser Art muss es zwangsläufig sehr, sehr viele geben, sonst könnten sich die wirklichen Größen der Kunstgeschichte ja von niemandem abheben. Banale Erkenntnis: Nicht alle können gleichermaßen ruhmreich sein.

Man müsste allerdings fragen: Ist dem gebürtigen Düsseldorfer Kohlschein (1879-1948) eventuell Unrecht geschehen? Hätte er mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen müssen? Haben Kritiker und sonstige Fachwelt einen spätimpressionistisch beeinflussten Genius schmählich übersehen? Ist er etwa (posthum) dafür bestraft worden, dass er sich nie vom Gegenständlichen abgekehrt hat? Und schließlich: Soll man ihn heute ausstellen, vielleicht gar, um ihn zu rehabilitieren?

Die Cappenberger Schau kam zustande, nachdem Brigitta Landsberg, eine in Dortmund lebende Enkelin von Hans Kohlschein, die Initiative ergriffen hatte und an den Ausstellungskurator Thomas Hengstenberg (Kreis Unna) herangetreten war. Frau Landsberg dürfte ein reges Interesse an einer musealen Aufwertung des Werkes haben. In der Fülle des Gesamwerks fanden Hengstenberg und seine Mitkuratorin Sigrid Zielke manches ausstellenswerte Stück. Und beim Kreis Unna muss man ja auch mit spitzen Stiften rechnen, zumal der Eintritt in Cappenberg frei ist. Also gut, schauen wir mal.

Schon mit 13 Jahren wurde Hans Kohlschein an der damaligen Kunstakademie Düsseldorf aufgenommen, wo auch sein Vater Josef Kohlschein lehrte. Sein tatsächliche frappierendes, früh sich entfaltendes Talent dokumentiert eine Zeichnung, die just der 13-Jährige von seinem Großvater angefertigt hat. Der Junge ließ einiges erwarten.

In Cappenberg sind nun Bilder aus allen Schaffensphasen zu sehen. Nach dem Rundgang kann man insgesamt raffend feststellen: Kohlschein war alles andere als ein Neuerer, und er ist leider nur selten wesentlich über „das Akademische“ hinaus gelangt. Hat er seine Gaben verschleudert?

Man sieht jedenfalls die Resultate fleißiger künstlerischer Pflichterfüllung, redliches handwerkliches, beharrlich umgesetztes Können, immer wieder hoffnungsvolle Ansätze – aber kaum Höhenflüge oder zutiefst Ergreifendes. Häufig bleiben die Anstrengungen im Konventionellen, im Anekdotischen und Genrehaften stecken. Das ist alles in allem betrüblich, denn man hat zuweilen (nicht zuletzt bei einigen Frauenporträts) den Eindruck, es hätte nur noch eines letzten Impulses bedurft, um in andere Dimensionen vorzudringen. Da stand einer ziemlich dicht vor dem Sprung…

Kohlschein hatte offenkundig besondere Schaffensfreude an ausgewählten Motiven von teilweise sehr speziellem Zuschnitt. Immer wieder malte er beispielsweise Männer in wallenden Mönchsgewändern, durch welche Windstöße der Bewegung zu gehen scheinen. Die Anmutung solcher Bilder ist nahezu filmisch, man rechnet unwillkürlich mit einer Fortsetzung der „Sequenz“.

Noch öfter wandte sich Kohlschein Pferde-Motiven zu, es war sein mit Leidenschaft verfolgtes „Spezialgebiet“. Hier herrschen meist stürmende, vorpreschende Vitalität und Dynamik (einmal schickt er die Pferde sogar ins Wettrennen mit einer Dampflok), allerdings sieht man auch schon mal traurige, ausgelaugte Tiere wie jenen alten Schimmel von 1920. Stabeil schien der Rahmen: Ländlich-sittliches, von Frömmigkeit geprägtes Leben prägte den ausgezirkelten Themenkreis, aus dem sich Kohlschein höchstens zaghaft heraus bewegte. Er war wohl einer, der niemals und unter keinen Umständen „zersetzend“ gewirkt hätte, einer, der alle Brüche scheute.

Im Ersten Weltkrieg wurde Kohlschein offiziell zum „Maldienst“ hinter den Frontlinien in Polen und dann in Frankreich eingezogen. Einige zuvor entstandene monumentale Historienschinken schienen ihn für diese staatstragende Aufgabe zu prädestinieren. Seine Bilder gerieten indes jetzt nicht ganz so heroisch wie erwünscht, für den ganz großen Gestus etwaiger Triumphe hatte Kohlschein keinen rechten Sinn. Doch durfte er sich natürlich auch keine bildnerische Kritik erlauben. Ein zwielichtiges, nicht gerade günstiges Klima für die Künste.

Immerhin entstanden in Polen vor allem Szenen des materiell ausgesprochen dürftigen Alltags. Solche Bilder künden von ungeahnter Not und Armut, sie lassen – aller formalen Konvention zum Trotz – ein gewisses mitleidendes Erschrecken über die misslichen Verhältnisse ahnen. Schwankende Gestaltungs-Intensität, wankende Geschmackssicherheit: Das „Flüchtlingslager in Modin“ (um 1917) wirkt noch einigermaßen pittoresk, „Kranke Gefangene“ (ebenfalls 1917) zeugen hingegen deutlicher von kreatürlichem Leiden. Erdige, rasch aufgetragene Temperafarben halten die Szenerie nah am ersten Eindruck fest. Aus heutiger Sicht geradezu unerträglich ist hingegen ein Blatt wie „Windböe im Getto“, wo es einen roten Frauenrock neckisch in die Höhe pustet, als sei’s eine Vorbotin der Monroe.

Auch fürs skizzenhaft Spontane hatte Kohlschein eine spürbare Begabung. Das belegen etwa auch karikierende Blätter über Karnevalsfeiern mit Freunden vom legendären Düsseldorfer Künstlerverein „Malkasten“. Im scharfen Kontrast zu solchen Humoresken steht das dunkelste Kapitel: Zwar hat Kolhschein 1935 auch eine ziemlich riskante Karikatur des brüllenden Adolf Hitler gezeichnet, doch hat er sich (wohl vor allem aus pragmatischen Erwägungen) mit dem NS-Regime recht umstandslos arrangiert. Als der linksgerichtete Düsseldorfer Akademierektor Kaesbach entlassen wurde, fand dies Kohlscheins ausdrücklichen Beifall – und er intrigierte gleich auch noch gegen den ihm verhassten Akademielehrer Paul Klee (nachzulesen im Ausstellungskatalog).

Weiterer Sündenfall: 1939/40 übernahm Kohlschein den Auftrag zu einer monumentalen Ausmalung des Wuppertaler Polizeipräsidiums (auch Gestapo-Gefängnis) im Sinne der NS-Kunstauffassung. 1999 wurden diese gravitätischen Wandmalereien wiederentdeckt und – mit historisch einordnenden Kommentaren versehen – restauriert.

Wahrlich kein leichtes und glattes Gelände, auf dem sich diese Ausstellung bewegt.

Hans Kohlschein. Schloss Cappenberg (in 59379 Cappenberg bei Lünen/Selm). Bis 25. Oktober 2009. Di-So 10-17 Uhr, Eintritt frei. Katalog 22 Euro. Internet: http://www.kreis-unna.de




Kleine Fluchten mit Faltboot

Zusammengelegt passt das Faltboot in einen mittelgroßen Rucksack. Mit ein wenig Geschick ist es in etwa 20 Minuten gebrauchsfertig montiert, der Rekord wurde bei einem Aufbau-Wettbewerb mit 6 Minuten gestoppt.

In den 1930er und den 1950er Jahren rief das Sportgerät wahre Massen-Bewegungen hervor. Es ermöglichte die „kleinen Fluchten“ an den damals noch kurzen Wochenenden – ein frühes Signal für die gerade erst als solche wahrgenommene und gestaltete Freizeit. Ohne diese Boote hätte sich auch das Campingwesen nicht so rasant entwickelt. Wenn man den ganzen Tag gepaddelt hatte, wollte man abends entlang der Wasserläufe übernachten. Also mussten Zelte und Zubehör mit ins Gepäck.

Das Herner Emschertal-Museum präsentiert jetzt im Schloss Strünkede Ausstellung rund um das populäre Wasserfahrzeug. Motto ist die einst im Werbespruch verwendete, treuherzige Aufforderung „Fahr fröhlich in die weite Welt…“ Es zeigt sich mal wieder: Man kann aus sämtlichen Gegenständen und Lebensbereichen eine Kulturgeschichte des Alltags gewinnen, so auch aus dem (Eschen)-Holzskelett mit Klappscharnieren und Stoffbespannung.

Experten wie der Sammler Markus Heise aus Willich bei Mönchengladbach, aus dessen einzigartiger Kollektion die kleine Herner Schau bestückt wurde, können stundenlang angeregt über die Materie reden. Auch Dr. Rainer Söntgen vom Mitverstalter Concultura GmbH (Bonn) kennt viele spannende Geschichten zum Thema. Ohne kundige Führung hat man leider nicht gar so viel von den Exponaten, zu denen z. B. zwölf historische Boote, ein umfangreiches Zelt-Ensemble der 30er Jahre, etliche alte Reklameprospekte und einschlägige Belletristik („Drei Mädel und ein Paddelboot“) gehören.

Erste Entwicklungsarbeiten waren zwar schon in England und Schottland geleistet worden, doch auf Dauer erwies sich das Faltboot vorwiegend als deutsche Angelegenheit (weshalb sich auch die Nazis der an sich harmlosen Begeisterung perfide bedienten). Engländer ruderten lieber, anstatt in Kajak oder Kanu zu paddeln, Holländer setzten die Segel, und Franzosen bevorzugten die „Kanadier“-Bootsform (großes Paddel taucht nur an einer Seite ein). Die Klassenfrage stellte sich auch: Faltboote sind – auch wegen der anfangs recht hohen Preise – vor allem eine Domäne bürgerlicher, akademischer Kreise gewesen. Arbeiter versuchten es gelegentlich mit der günstigen Marke Eigenbau.

Als eigentlicher Erfinder der zusammenklappbaren Boote gilt der Architekturstudent Alfred Heurich, der am 30. Mai 1905 mit einem Prototyp die Isar von Bad Tölz bis München befuhr. Er lernte kurz darauf den Rosenheimer Schneider Johann Klepper kennen, der bis dahin vor allem Skikleidung angefertigt hatte und nun half, die Boots-Idee marktreif zu machen. Beim Namen Klepper klingelt was: Klepper-Faltboote waren alsbald und sind bis heute die deutschen Branchenführer auf diesem Sektor.

Schon 1914 (kurz vor dem Ersten Weltkrieg) wurde der Deutsche Kanu-Verband gegründet. Der erste ganz große Aufschwung kam um 1920 im Zuge der Wandervogel-Bewegung. Auch FKK-Anhänger (siehe Illustration) ließen sich nicht lange bitten.

In den 30er Jahren gab es bis zu 65 deutsche Werften, die (auch) Faltboote fürs „Wasserwandern“ herstellten, heute sind noch ganze zwei übrig. Denn längst haben leichte Plastikboote die hölzernen Faltlinge verdrängt. Vor allem mit dem massenhaften Aufkommen der Privat-Pkws in den 60er Jahren schwand der Faltboot-Absatz, denn nun konnte man ja komplette Boote aufs Autodach schnallen oder im Hänger transportieren. Daraus kann man indirekt auch schließen, dass sich die Faltboote in der DDR ein wenig länger gehalten haben als im Westen.

Zwar kommt man in der Regel nur mit 6 bis 8 Stundenkilometern voran, doch können Faltboote durchaus für athletische Action und Abenteuer herhalten: Ein Schotte wagte sich bereits kurz nach 1900 mit einem Faltboot-Vorläufer auf die Ströme Euphrat und Tigris. Erfahrene oder auch tollkühne Paddler riskieren Ostsee-Touren, Überfahrten nach Helgoland, Überquerungen des Ärmelkanals, Atlantik-Trips oder Wildwasserfahrten auf reißenden Gebirgsbächen.

Schon der Rhein ist für Anfänger zu schwierig. Novizen sollten ihr Können deshalb erst einmal auf Kanälen erproben. Da gibt es gerade auch im Ruhrgebiet so manche taugliche Strecke. Die gemütlichere Variante der Kanufahrt wird auf dem Museumsfaltblatt „binsenbummelnd“ genannt. Man kann sich was drunter vorstellen.

Alles nur reine Nostalgie? Nicht unbedingt. In letzter Zeit zeichnet sich sogar – etwas hochtrabend gesagt – eine „Renaissance“ ab, die sich ökologisch begründen ließe, aber auch mit weltweiter Mobilität zu tun hat. Man kann solche Boote nämlich per Rucksack auf Fernreisen mitnehmen und dann etwa in Kanada, Alaska oder auch Asien zu Wasser lassen.

Auch die Eskimos haben gehörigen Anteil an diesem Bootswesen. Zum einen stammt das Wort Kajak nicht von ungefähr aus ihrer Sprache, zum anderen gibt es jene furiose „Eskimo-Rolle“ (seitwärts kopfüber kentern und auf der anderen Seite wieder hochkommen), die man vielleicht trainiert haben sollte, bevor man sich auf heiklere Strecken traut.

Das vorgeschriebene Mindestalter für (allein paddelnde) Kanuten ist übrigens 14 Jahre. Und noch eine Bestimmung: Jedes Boot muss einen deutlich sichtbaren Namen haben. Besagte Firma Klepper lieferte zeitweise sogar Sekt in Piccolo-Fläschchen zur Bootstaufe gleich mit dazu.

„Fahr fröhlich in die weite Welt…“ Zur Geschichte des Faltboots. Ausstellung des Emschertal-Museums Herne im Schloss Strünkede (Karl-Brandt-Weg 5). Bis zum 4. Oktober 2009. Geöffnet Di-Fr 10-13 und 14-17 Uhr, Sa 14-17 Uhr, So 11-17 Uhr. Eintritt: Erwachsene 1 Euro, Kinder 0,50 Euro. Tel. Museum 02323/16-1072.




Denis de Rougemont: Ein Buch für Krisenzeiten

So kann’s einem manchmal mit Büchern ergehen: Da wurde vor Jahr und Tag (über 15 Jahre her?) im Radio eine literarische Lesung gesendet. Man ist buchstäblich hellhörig geworden. Dieser Tonfall, diese elegante Gedanken-Bewegung! Diese wunderbare Mischung aus Ernst und Leichtigkeit. Man hat sich eine Notiz gemacht: Das solltest du bald mal lesen. Aus bald wurde in diesem Falle „irgendwann“ und dann nahezu nie. Für lange Zeit. Man hat die Anregung schmählich vergessen, die Notiz irgendwo vergraben. Anderes hat sich vor- und aufgedrängt. Punktum.

Aber es soll wohl so sein, dass man das Buch doch noch – zum zweiten Male – „entdeckt“. Eines rechtzeitigen Tages taucht der Zettel aus chaotischen Untiefen wieder auf. War es ein Erinnerungsblitz? Egal. Man nimmt es als Wink der Vorsehung. Wofür? Auch das wird sich finden.

„Natürlich“ war besagtes Buch inzwischen längst vergriffen. Sehr betrüblich. Hätte man einen Verlag, so würde man es liebend gern neu herausbringen. Wer macht’s? Zum Glück gibt es immerhin Antiquariate und deren hilfreichen Online-Verbund unter http://www.zvab.de

Auf diesem Wege ist auch dieser schmale Band (208 Seiten) hin und wieder noch erhältlich: Denis de Rougemonts „Tagebuch eines arbeitslosen Intellektuellen“, 1937 auf Französisch herausgebracht (Originaltitel „Journal d’un intellectuel au chômage“ – französische Sprachfeinheit: Manchmal heißt es auch „en chômage“) und zuletzt 1991 auf Deutsch im Kleinverlag Anton Hain (Meisenheim/Frankfurt) erschienen.

Es ist ein eigenwilliges, selbstdenkerisches, klarsichtiges und trotz allem sanftmütiges Buch, mit kaum verwechselbarer geistig-seelischer Tönung. Der gebürtige Schweizer Denis de Rougemont (1906-1985) entfernte sich damals notgedrungen von der aufgeregten und sündhaft teuren Metropole Paris, lebte mit seiner Gefährtin höchst bescheiden auf einer entlegenen Insel (Île de Ré) und sodann in ländlicher Festlandsprovinz (Cevennen-Dorf). Dieser fast schon klösterliche Rückzug geht einher mit einer inneren Distanz zum zentralistisch organisierten Literaturbetrieb – und mit einer persönlichen Neubesinnung.

Die meist dürftige Auftragslage des Schreibenden (genauer: Schreiben-Müssenden) erweist sich als harte Schule: Der Zwang, mit dem Nötigsten auszukommen, bringt hier jedoch keine Verwahrlosung mit sich, sondern riecht verdammt nach Glück. Kaum zu glauben und doch glaubhaft. Ganz ohne jeden Zynismus. Und ohne naive Schwärmerei vom einfachen Leben. Schon das macht dieses Buch zum stillen Ereignis, zu einem Vademecum gerade auch für Krisenzeiten. Zitat: „Vielleicht ist das die Ursache des Glücks in unserem Leben: Seinen natürlichen Rhythmus finden, und die Mittel daraufhin einschränken.“

Denis de Rougemont will nicht etwa, dass man schicksalsergeben ärmlich vegetiert, sondern plädiert dafür, „jedem Menschen, wer er auch sei, das ,Existenzminimum’ zu sichern, das ihm erlaubt, seinen Fähigkeiten zu folgen.“ Plausibel klingt bei ihm auch der Gedanke, dass (Zitat) „man mit sehr wenig auskommen kann, ohne aufzuhören, aus dem vollen zu leben.“ Die eigentliche Misere liegt nach seiner Auffassung hierin: „Wenn alle Geheimnisse verraten, geleugnet, verhöhnt sind, bleiben nur noch die Routine und die Streitereien ums Geld.“

Ungemein spannend zu lesen ist zudem die kritische Selbstbefragung des Autors in seinem Verhältnis zum „einfachen Volk“. Er hielt sich seinerzeit auch mit abendlichen Vorträgen zu Politik und Gesellschaft über Wasser und fürchtete, als Intellektueller mit seinen Begriffen und seiner ganzen Denkweise nicht verstanden zu werden. Er begibt sich auf die Suche nach einer unabweisbaren Nützlichkeit der Schrift und nach neuen Formen der Brüderlichkeit, die möglichst auch Klassenschranken überwinden sollen. Eine humane Grundannahme: Die Wahrheit ist konkret und verwirklicht sich stets in der Begegnung zwischen bestimmten Menschen.

Daraus ergeben sich dringliche Fragestellungen, über die man (so lässt der Autor durchblicken) im auf Neuheiten töricht versessenen Paris nonchalant oder auch aufgekratzt hinweggehe. Das marxistische Vokabular jedenfalls, findet Denis de Rougemont, sei als Instrumentarium nur sehr bedingt tauglich, es dringe überhaupt nicht „nach unten“ durch und verzerre die wahren Verhältnisse. Wie gesagt: Wir befinden uns in den 30er Jahren. Was man schon damals hat wissen können, wenn man hat wissen wollen…

Kein geringes Problembündel fürwahr, denn welchen Sinn und Zweck hat der ganze schöne Intellekt, wenn er sich nicht in der Breite auswirken kann? Wenn seine Resultate überwiegend auf Gleichgültigkeit treffen? Gewiss kein Zufall, dass das Buch ausgerechnet 1968 bei Gallimard in Paris erneut herausgegeben wurde. Und heute? Solche Fragen schlummern – unter veränderten Vorzeichen – immer noch, auch wenn sie nicht täglich zu Markte getragen werden.

Hier noch drei prägnante Zitatstellen, verbunden mit einer nachdrücklichen Empfehlung:

„Denn es ist auch ein Trost, sich vor einen inneren Zusammenbruch gestellt zu sehen und ihn überwinden zu müssen. Es gibt Tage, wo man viel darum gäbe, wenn man einen guten Grund zum Verzweifeln hätte, einen tauglichen, gebieterischen Grund…Vor dieser Versuchung, zu verzweifeln, könnte uns dann eine einzige Tugend retten, die Demut. Bin ich nicht wichtig, so wird die Welt größer.“

„Ich bin überzeugt, dass die wahre Lösung, die praktische Lösung der Krisenpsychose, die den Nerven des Bürgertums so schwer zusetzt, nirgends anders zu finden ist als im ‚Geist der Armut’… Der Geist der Armut ist ohne Zweifel nur jenen gegeben, die an etwas anderes glauben als ausschließlich an ihr Leben, ihren Erfolg, ihre Bequemlichkeit, ihren Rang usw., oder selbst an ihren geistigen Wert.“

„Dies ist vielleicht die große Veränderung, die die Schwelle zur Reife kennzeichnet: der Moment, da man entdeckt, dass die Welt keine andere Antwort bereithält als die, die man den Mut hat ihr zu geben.“

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INFO:

Der in Couvet bei Neuchâtel geborene schweizerische Pastorensohn Denis de Rougemont stellte sich in die geistesgeschichtliche Tradition von Sören Kierkegaard und Karl Barth. Er kann – grob gesagt – als eher konservativer Antifaschist (aus christlicher Haltung heraus) sowie als früher, entschiedener Verfechter des europäischen Gedankens bezeichnet werden. Überdies gilt er als Vordenker ökologischer Bewegungen. Bürgerbeteiligung und Selbstverwaltung sollten nach seinem Dafürhalten die Machtkonzentration in Politik und Wirtschaft einschränken.

Weitere Schriften (Auswahl):

„Penser avec les mains“ (Mit den Händen denken)
„Der Anteil des Teufels“ (Orig. „La part du diable“, dt. bei Matthes & Seitz, Berlin, 1999)
„Die Liebe und das Abendland“ (Orig. „L’amour et l’Occident“ / noch greifbar)

„Die Zukunft ist unsere Sache“ (dt. bei Klett-Cotta, 1980)

Übrigens: Sein allererster Artikel von 1923 handelte vom Schriftsteller Henry de Montherlant und der „Moral des Fußballs“. Wahrhaftig ein vielseitiger Denker.




Was wird aus den Kirchenbauten?

Im Behördendeutsch spricht man staubtrocken von „Umnutzung“, doch die Sache lässt einen womöglich nicht kalt. Denkmalschützern ist das Phänomen schon länger vertraut. Jetzt interessieren sich auch Volkskundler dafür. Wir reden von Kirchenbauten, die eines Tages (zwangsläufig) anderen Zwecken dienen. Hauptgrund sind Finanzprobleme der christlichen Kirchen, die bekanntlich immer weniger Steuern einnehmen.

Selbst aufgegebene, leer stehende Kirchengebäude müssen weiter kostspielig beheizt werden, sonst würden sie rasch verfallen. Also verpachtet oder verkauft man sie. Am liebsten für karitative oder kulturelle Zwecke, doch das gelingt nicht immer lupenrein. Allerdings sind Umwandlungen zu Supermärkten (wie in Holland vielfach geschehen) bei uns bislang nicht vorgekommen. Bemerkenswert: Man redet nicht laut darüber, doch auch Umwidmungen zu Moscheen werden von Seiten der christlichen Kirchen kategorisch abgelehnt.

Einige Beispiele für Umwandlungen in Nordrhein-Westfalen:

– In Soest wurde eine ehemalige Kirche zum Maleratelier.

– In Borken (Münsterland) zog eine Kunstgalerie in die einstigen Sakralräume.

– In Münster nutzt ein Verlag die Bonifatiuskirche.

– In Bielefeld wurde die Paul-Gerhardt-Kirche in eine Synagoge umgewandelt.

– Ebenfalls in Bielefeld ist aus der früheren Martini-Kirche Ende 2005 das Restaurant namens „Glück und Seligkeit“ hervorgegangen. Hier gab’s auch schon mal Party mit Go-Go-Girls.

– In Marl wird eine Kirche nun als Urnen-Begräbnisstätte verwendet.

– In Langenberg bezieht bald eine Familie eine umgebaute Kirche als 220 Quadratmeter große Privatwohnung. Ein Zaun markiert die neuen Besitzverhältnisse. Das Gotteshaus wurde 1968 im nüchternen Betonstil mit frei stehendem Turm errichtet. Bald wird ein Bett dort stehen, wo sich früher der Altar erhob. Eine Vorstellung, an die man sich erst gewöhnen muss.

– In Gladbeck hielt ein Elektrogeschäft in St. Pius Einzug, heute dient das Gebäude vorwiegend als Lager der Firma. Klingt sehr profan. Die Alternative wäre freilich ein Totalabriss gewesen.

Es ließen sich dutzendfach weitere Beispiele anführen. Vor allem ältere Menschen vermissen bisherige Begegnungsstätten. Ja, selbst Nicht(mehr)gläubigen fehlt vielleicht auf einmal der vertraute Mittelpunkt des Orts(teils) in seiner bisherigen Funktion. Nur Nostalgie oder eine tiefere Sehnsucht nach Zusammenhalt?

Aber es gibt auch Leute, die heilfroh sind, wenn sonntags die Glocken nicht mehr läuten. Wieder anderen ist die Sache komplett egal. Und da sind jene, die sich mit der neuen Sachlage anfreunden oder zumindest abfinden wollen. So meinte ein praktizierender Christ bei der besagten Bielefelder Party, auch hier werde eben Gemeinschaft gelebt – fast wie einst in der Kirche. Fast.

Eine Umwandlung ruft vor allem in der jeweiligen Anfangsphase Emotionen hervor, wenn Einzelheiten noch unklar sind. Genau hier setzt das Forschungsprojekt des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) an. Die Volkskundliche Kommission für Westfalen (so etwas gibt’s) möchte beispielhaft einige akute Umwandlungs-Prozesse begleiten – mit ausgiebigen Interviews, Fragebögen, Fotos und Filmaufnahmen. Auf der Internetseite

http://www.volkskunde-westfalen.de

befindet sich außerdem ein Gästebuch für Anregungen und Kritik.

In rund zwei Jahren sollen aus all dem ein gedrucktes Buch, ein Film und ein Internet-Auftritt hervorgehen, die vielleicht nicht nur Verluste dokumentieren, sondern auch Neuaufbrüche. Eine solche Untersuchung ist bislang bundesweit einzigartig.

Projektleiterin Katrin Bauer trifft seit kurzem die Vorbereitungen. Auf ihrer Liste stehen bereits die katholische Kirche St. Michael in Gelsenkirchen-Hassel und die evangelische Friedenskirche in Altena, die künftig zu einem Kongresszentrum gehören soll. Zwei weitere, kurz vor der Umwandlung stehende Kirchen sollen noch in die Studie einbezogen werden. „Sachdienliche Hinweise“ sind den Volkskundlern allemal willkommen.

 

Foto (Bernd Berke): Blick ins Bielefelder Restaurant „Glück und Seligkeit“, das bis 2005 eine Kirche gewesen ist.




Kunst 1968: Alles auf Anfang

Zu „1968“ ist nun wahrlich so manches gesagt und gezeigt worden. Da fällt einem kaum noch etwas ein. Die meisten Restbestände vom Dachboden der Zeitgeschichte dürften zum 40. Jahrestag anno 2008 auf den Tisch des Hauses gekommen sein. Oder etwa nicht? *** (siehe Fußnote). Man glaubte jedenfalls, über die damalige Rebellion in groben Zügen einigermaßen Bescheid zu wissen.

Umso mehr verwundert nun der Ansatz der Bielefelder Kunsthalle. Dort steht die Kunst des Jahres 1968 unterm Leitwort „Unschuld“. Ja, das Motto lautet sogar „Die Große Unschuld“. Während andere Museen die politischen Aspekte von 1968 rauf und runter buchstabiert haben, steht Bielefeld mit dem ästhetischen Zugang ziemlich einzig da.

Nanu? Unschuld? Auf diesen vermeintlich Harmlosigkeit aufrufenden Begriff ist man nicht gerade gefasst, wenn man an jene Zeiten zurückdenkt. Doch beim Rundgang durch die Bielefelder Schau leuchtet die Perspektive so manches Mal ein. Um den geronnenen Klischeesatz gleich zu verwenden: So viel Anfang wie damals war selten. Sinnbildlich für weite Teile der Auswahl könnte der leere Globus des bei uns weitgehend unbekannten Slowaken Július Koller stehen: Da nimmt der innige Wunsch nach tabula rasa (reiner Tisch), nach völligem Neubeginn Gestalt an. Alles auf Anfang.

Allseits offen und frei gab sich sich seinerzeit die Kunst, gaben sich auch zahlreiche Künstler im Dasein. Gar vieles schien möglich zu sein. Kaum etwas, was nicht zum Experiment, zur Umschöpfung und gründlichen Umdeutung anregte. Diese wunderbare, vielfach zukunftsfrohe Vitalität des Veränderungswillens mutet im historischen Rückspiegel nicht nur unschuldig an, sondern gelegentlich auch ein wenig unbedarft und nahezu naiv. Aber man gäbe reichlich was drum, wenn wenigstens ein Hauch dieser Stimmung durch unsere Gegenwart wehen könnte.

Die Kunsthalle hat sich ein immenses Pensum aufgeladen, das beinahe ihre Dimensionen und Möglichkeiten sprengt. 350 Arbeiten von 150 Künstlern sind zu sehen. Nicht nur alle Etagen des Hauses werden (zuweilen dicht an dicht) „bespielt“, sondern die Flut der Exponate ist hie und da bis an den Rand der Treppenhäuser, in die Flure und ins Kellergeschoss geschwappt.

In dieser Fülle und aus dem gehörigen zeitlichen Abstand zu 1968 wird man einiges gewahr. So etwa auch die Leidenschaft des Zeitgeistes für allerlei aufblasbare Hüllen – von Christos berühmter Riesen-„Wurst“ auf der documenta bis zu Hans Holleins durchsichtigem, aufblasbarem „Büro“, das zugleich auf die schier grenzenlose Mobilität der Lebens- und Denkweisen und auf die Lust an der Transparenz verweist. Solche „Architektur aus Luft“ war gewissermaßen ein Prägezeichen der geschichtlichen Stunde. Gleich daneben vermittelt ein Flugzeugmodelle von Panamarenko das freudige Vorgefühl fürs Abheben.

Ausstellungs-Kurator Roman Grabner geht in der Interpretation noch weiter – und dabei zum Ursprung zurück. Er macht in den Kunst-Hüllen von und um 1968 imaginäre Gebärmütter aus, von denen sich die Menschen wohlig warm umhüllt fühlen konnten – auch ein Schutz gegen grellen Konsumterror, anschwellende Gewalt und (Vietnam)-Krieg? So betrachtet, gewinnt das Wort „Unschuld“ nochmals eine andere Qualität.

Doch natürlich lässt sich die vielfältige Kunst nicht so ohne weiteres auf wenige Begriffe bringen. Das ist auch gar nicht das Ziel dieser keineswegs eindimensionalen Ausstellung. Sie rekonstruiert Partikel eines Zeitklimas und eines Energiestromes, der zumindest in Rinnsalen bis heute fließt. Und es drängt sich der Eindruck auf: Alles, was wir heute als Kunst akzeptieren, hat damals einen Neuanfang genommen.

Viele Protagonisten der Zeit waren allerdings ausgesprochene Sonderlinge und Einzelgänger, die jeweils ureigenes Neuland betraten. Zahlreich also die „Positionen“, deren Hervorbringungen den Betrachter in wahre Wechselbäder tauchen und die sich nicht einfach gesellschaftlich „verrechnen“ lassen.

Einige Beispiele: Der noch junge Sigmar Polke drehte das bis dahin gängige Kunstvokabular durch den Wolf – stets in dem Sinne, nichts „Höheres“ mehr gelten zu lassen. Umgekehrt erlangten bei ihm rüde Schimpfwörter (auf einer Art Bildteppich versammelt) „Museumswürde“, die freilich zugleich wieder grundsätzlich dementiert wurde. Eine windungsreiche Kunst gegen jede hierarchische Ordnung.

Die Wiener Aktionisten (Otto Muehl, Hermann Nitsch, Günter Brus) ergingen sich derweil in rituellen Orgien mit Blut, Urin, Kot und Sperma. Der zur rigorosen Askese neigende Brus riskierte bei Performances des öfeteren seine physische Unversehrtheit.

Die Anfänge der avancierten Lichtkunst (Dan Flavin) kommen ebenso in Betracht wie die Entgrenzungen der Body Art und der Land Art, die letztlich ins Unendliche zielte und von der im Museum nur vage Spuren gezeigt werden können. Die fast vollkommene formale Zurückhaltung der Minimal Art wird hier – gerade im Kontrast zu aufgeregteren Spielarten – als Quell erhabener Ruhe erfahrbar. Die Arte povera (mit „armen“ Materialien geschaffen) spendet weitere, nochmals anders gelagerte Energien, etwa mit den (Uterus-förmigen!) Iglus des Mario Merz. Und die feministisch oder matriarchalisch inspirierte Kunst beispielsweise der grandiosen Louise Bourgeouis lässt auch die Frage nach einer etwaigen „spezifisch weiblichen“ Ästhetik aufkommen. Schwieriges Gelände.

Ebenso plakativ vordergründig wie abgründig wirkt der „Auftritt“ des Andy Warhol mit einem Motiv von 1963, das er just 1968 erneut aufgriff. Er stellte einen Elektrischen Stuhl auf die Bildbühne und „porträtierte“ das furchtbare Möbel in schillernd wechselnder Farbgebung. Ob dies irgend eine Kritik an Hinrichtungen bedeutet oder nur das Spiel mit visuellen Werten, ist ganz und gar nicht gewiss. Explizit „politische“ Kunst (z.B. Edward Kienholz) wird in Bielefeld eher in Nischen gezeigt. Der brachiale Einbruch des Vietnam-Krieges in spießige US-Wohnzimmer ist dabei ein Standardthema.

Auch gegenläufige Richtungen, an die man bei der Stichzahl „1968“ nicht sofort denkt, wurden just damals eingeschlagen und füllen das Maß in Bielefeld noch üppiger: In der DDR orientierte sich der frühe A. R. Penck (bürgerlich Ralf Winkler) an archaischen Signaturen der Höhlenmalerei. Georg Baselitz irritierte mit Hund- und Jagd-Bildern die linken Präferenzen, er wurde zunächst geflissentlich ignoriert. Noch heftiger am kritischen Zeitgeist zielte Anselm Kiefer vorbei, der sich vor diversen Hintergründen unverdrossen mit dem Hitlergruß zeigte. Um das Mindeste zu sagen: Eine ausgesprochen störrische, monströse Arbeit, die bis heute Rätsel aufgibt.

„1968. Die Große Unschuld“. Kunsthalle Bielefeld (Artur-Ladebeck-Straße 5). Bis 2. August. Geöffnet täglich 11-18 Uhr, Mi 11-21 Uhr, Sa 10-18 Uhr. Pfingsten (31. Mai/1. Juni) geöffnet). Eintritt 7 €, ermäßigt 2 bis 5 €, Familie 14€. Katalog (576 Seiten) im Museum 28 € (im Buchhandel 49,95 Euro). Internet: http://www.kunsthalle-bielefeld.de

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*** Die neueste Debatte (um den 2. Juni 1967, Kurras und die Stasi) lassen wie hier mal geflissentlich außen vor.




Gerhard Richter und seine Aura

Zunächst einmal ganz nüchtern, klipp und klar gesagt: Gerhard Richter stellt in der Duisburger Küppersmühle aus. Doch kann man so seine Begeisterung bändigen?

Diese Ausstellung hält, was der große Name verspricht. Da ohnehin kundige Kunstfreunde von nah und fern hierher pilgern werden, schenke ich mir mal eine „klassische Rezension“ mit den handelsüblichen Lobpreisungen.

Stattdessen dies: Bei der gestrigen Vorbesichtigung zeigte sich abermals das erstaunliche Phänomen einer inzwischen weitgehend fraglosen Richter-Verehrung, der man sich selbst nur schwer entziehen kann. Gestandene Journalisten und äußerst wählerische Kunstkritiker, die sonst schon mal gern die Nase rümpfen, werden da flugs zu gläubigen Jüngern. So mochte es auch gestern scheinen.

Jedes Wort aus dem Munde des Meisters wird da dankbar lächelnd als quasi-priesterliche Weisheit empfangen. Tatsächlich nehmen einen ja immer wieder seine völlig uneitle Art und sein leiser Humor für diesen Künstler ein. Doch das ist es nicht allein. Offenkundig umgibt ihn eine Aura aus weltweitem Erfolg mit nahezu religiösem Anhauch. Gerhard Richter – eine Art Dalai Lama der Kunstwelt? Einer, auf den sich alle freudig strahlend einigen können? Mh. Wer weiß. Er selbst würde es ungern hören.

Der Rundgang durch die Säle gerät in Richters Gefolge gleichwohl zur kunstfrommen Prozession. Wer immer da in der Gemeinde demutsvoll sinnend einher schreitet, muss dies vor sich selbst und seinen Kolleg(inn)en ein klein wenig ironisieren – aber bitte auch nicht zu sehr. Ein Redakteur fühlt sich an eine halbgöttliche Chefarztvisite bei den Bildern erinnert. Nicht ganz verkehrt. Nur dass Richter sich solche Rollen bestimmt nicht anmaßt. Sie werden ihm zugesprochen, zugemessen. Mal stillschweigend, mal marktschreierisch.

Ich bin schon eine lange Reihe von Jahren im berichtenden Gewerbe. Doch noch nie habe ich eine Kunst-Pressekonferenz erlebt, bei der die versammelte Kulturjournaille (ganz gleich, ob Text oder Bild) schließlich samt und sonders die Katalog-Exemplare signieren lassen wollte. Solch profanes Begehr gilt für gewöhnlich als fachfremd und naiv. Genug davon. Es gibt zu denken. Und natürlich schließe ich mich da selbst nicht aus.

Hier aber doch noch ein paar strohtrockene Fakten zur Ausstellung: Gerhard Richter hat seine Bilder in der Küppersmühle höchstselbst gehängt. Somit ist die von Götz Adriani konzipierte Schau mit ihren bezwingenden Raumfolgen vom Urheber mit Hingabe autorisiert worden. Und sie ist zur facettenreichen Retrospektive angewachsen, denn man sieht hier beispielhafte Gemälde aus allen Schaffensphasen seit 1963. Quellen sind drei große Privatsammlungen: Böckmann (Berlin), Frieder Burda (Baden-Baden) und Ströher (Darmstadt). Welches Museum bietet mehr?

Das Spektrum der rund 80 (teils großformatigen) Arbeiten reicht vom fotorealistischen Bild bis zur furios farbsprühenden Abstraktion. Laut Richter selbst gibt es da eh keinen substanziellen Unterschied, denn all das entstehe just aus Farb- und Form-Elementen. Was also mit gleichen Mitteln geschaffen wird, könne auch mit gleichem Sinn betrachtet werden. Gut denn. So sei es.

Gerhard Richter. Bilder aus privaten Sammlungen. Museum Küppersmühle, Duisburg, Philosophenweg 55 (Innenhafen). 21. Mai bis 23. August. Geöffnet Mi 14-18, Do 11-18 Uhr, Fr nach Vereinbarung, Sa/So/Feiertage 11-18 Uhr. Führungen sonntags 11 und 15 Uhr, Anmeldung Tel.: 0203/3019 4812. Katalog 24 €. Internet: http://www.museum-kueppersmuehle.de




Varusschlacht: Phantombild der Antike

Das ist nun mal wirklich ein „runder“ Gedenktag: Vor 2000 Jahren (also 9 n. Chr.) schlug der germanische Cheruskerfürst Arminius („Hermann“) den römischen Feldherrn Varus – irgendwo in den heute niedersächsischen oder westfälischen Gegenden rings um den Teutoburger Wald.

Das heißt: Es war selbstverständlich kein bloßer Zweikampf, sondern eine massenhafte Schlacht zwischen den jeweiligen Gefolgsleuten, vulgo Soldaten (die ja immer dran glauben müssen, wenn mächtige Herrschaften ihren Namen „für alle Zeit“ vergolden wollen). Womit der erforderlichen political correctness halbwegs Genüge getan wäre.

Unerhört für die damalige Weltmacht Rom: Gegen die vermeintlich wüsten „Barbaren“ aus dem Norden verlor man gleich drei Legionen – eine Schmach, die man südlich der Alpen und westlich des Rheins nicht wahrhaben wollte.

Jetzt soll ein schier unüberschaubarer Ausstellungsreigen gleich an drei Orten (Haltern am See, Detmold und Kalkriese) das historische Ereignis wachrufen, so gut es eben geht. Eine leitende These richtet sich gegen altgediente Klischees. Ganz knapp und knackig gefasst: Varus war beileibe kein Depp oder geborener „Loser“, und Arminius war zwar offenkundig listenreich (bis hinterhältig), doch keinesfalls ein makelloser Held nach Art eines „David gegen Goliath“.

Überhaupt zogen die Germanen gegen die überlegenen Römer immer wieder nur deshalb zu Felde, um schlichtweg Beute zu machen, um zu plündern und zu brandschatzen. Sie betrieben – wie man heute weiß – eine „Raub-Ökonomie“. Kein schmeichelhafter Zug der Altvorderen, fürwahr.

Haltern skizziert mit hochinteressanten Funden und sonstigen Schaustücken das ungeheure Anschwellen und Aufblühen des altrömischen Imperiums („vom Dorf zur Weltmetropole“) und behält dabei nach Möglichkeit stets die Biographie des Publius Quinctilius Varus (geboren 47 v. Chr.) im Blick. Dies kann allerdings – trotz aller Ausgrabungserfolge und Deutungsschläue – buchstäblich nur in Bruchstücken geschehen.

Die rund 300 aufwändig inszenierten Exponate in der gründlich umgebauten Seestadthalle (Seitenaspekte sind zudem im örtlichen Römermuseum zu finden) führen zurück in ein „Goldenes Zeitalter“ Roms unter dem Kaiser Augustus.

Varus war Augustus eng verbunden, er absolvierte damals eine fulminante Karriere im Römischen Reich, war 13 v. Chr. Konsul und begleitete Augustus auf heikler diplomatischer Mission (u. a. Verhandlungen mit den Parthern, die im heutigen Iran herrschten).

Münzfunde aus Nordafrika lassen zumindest vage auf Varus’ Physiognomie schließen. Populäre Weiterung: Daraus hat das Landeskriminalamt von NRW gar im Museumsauftrag ein Phantombild erstellt, das nun die Ausstellung ziert. Ganz so, als würde hierzulande noch nach Varus gefahndet.

Dieser Varus war zeitweise römischer Statthalter in Syrien. Als solcher regierte er auch ins angrenzende Judäa hinein, wo er Unruhen niederschlug, indem er ungefähr 2000 Aufständische kreuzigen ließ. Davon zeugt ein auf den ersten Blick unscheinbares Vitrinenobjekt. Es ist das Fragment eines Fersenbeins, durch das seinerzeit ein Nagel getrieben wurde. Aus all dem kann man wohl folgern: Varus war durchaus ein mehr als harter Widersacher, wenn es darauf ankam.

Noch so ein verräterisches Detail: Anhand der Inschrift auf einer Bleischeibe (die als eine Art persönlicher „Gepäckanhänger“ diente) konnten Experten nachweisen, dass Varus schon 15 v. Chr. im Alpen-Feldzug jene Legion kommandiert hatte, mit der er rund 20 Jahre später im Teutoburger Wald vernichtend geschlagen wurde.

Funde aus Haltern selbst wiederum bezeugen, dass die Legion 19 (Inschrift auf einem Bleibarren: L XIX) eben hier wenigstens teilweise stationiert war. Jedenfalls wurden auf der Lippe nachweislich auch Luxusgüter wie Wein und Austern zu den römischen Truppen geliefert. Weitere Fundstücke wecken neuerdings Spekulationen, dass Haltern das sagenumwobene Aliso gewesen sein könnte – die wohl letzte rechtsrheinische Bastion der Römer.

In Kalkriese stehen unter dem Schlagwort „Konflikt“ die eigentlichen militärischen Auseinandersetzungen im Brennpunkt, die sich mit Ausläufern bis etwa 16 n. Chr. hinzogen. Man scheut sich auch nicht, nebenher zur fassbaren Verdeutlichung ganze Legionen aus Playmobil-Figuren aufzubieten. Und man glaubt recht felsenfest, in Kalkriese inzwischen genügend Beweise gesammelt zu haben, um einigermaßen schlüssig zu belegen, dass die Varus-Schlacht just hier stattgefunden habe; ein altes Streitthema, das sich (etwa wegen heikler Datierungsfragen) immer noch nicht völlig erledigt hat.

In Detmold schließlich thematisiert man unter der Überschrift „Mythos“ die vielfältigen, nicht selten auch gefährlichen Phantasien, die aus der Schlacht hergeleitet worden sind. Schon der antike Autor Tacitus hatte ja die „deutschen Tugenden“ mutmaßlich zugespitzt und übertrieben, um die dekadenten Römer aufzurütteln.

Oft genug handelte es sich bei uns später um „Helden“-Verehrungen mit arg deutschnationaler („germanischer“) Schlagseite oder sogar mit faschistischer Prägung. So sieht man sich jetzt auch in Detmold veranlasst, den heutigen Frieden im vereinten Europa zu beschwören und gleichzeitig besondere Sicherheitsmaßnahmen gegen einen etwaigen Missbrauch der Schau zu ergreifen. Traurig genug, dass so etwas nötig zu sein scheint.

Viel lieber reden die Veranstalter des 12 Millionen Euro teuren Dreifach-„Events“ (Schirmherrin: Kanzlerin Angela Merkel, die morgen nach Detmold und Kalkriese zur Eröffnung kommen will) von den touristischen Vermarktungs-Chancen, die sich aus der geballten Kooperation ergeben. An allen Orten insgesamt rechnet man mit exorbitanten 500 000 Besuchern. Allein im doch recht kleinen Haltern kalkuliert man mit mindestens 150 000 Gästen. Damit geriete die Kapazität der Stadt an manchen Tagen an ihre Grenzen. Beinahe schon beängstigend: Schon jetzt sind weit über tausend Gruppenführungen vorgebucht.

Und um also auch diesen Kalauer des Anklangs noch schnell loszuwerden: Ein wahres Fieber, dieses Varus-Fieber.

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Daten und Fakten:

„Imperium – Konflikt – Mythos“. 2000 Jahre Varusschlacht.

Haltern, Seestadthalle (Lippspieker 25) und LWL-Römermuseum (Weseler Straße 100). 16. Mai bis 11. Oktober. Di-Fr 9-18 Uhr, Sa 10-20 Uhr, So 10-18 Uhr. Eintritt 9 € (ermäßigt 6 €).
Kombikarte für alle drei Ausstellungsorte 18 €. Dreibändiger Katalog, Museumsausgabe 59,90 €. Weitere Infos, Buchungen von Führungen: 02364/93 76-38 (Führung oder Audio-Führung unbedingt empfehlenswert).
Internet (auch mit Daten für Detmold und Kalkriese) http://www.imperium-konflikt-mythos.de




Enzensberger: Festlegen gilt nicht

Wenn man jemals gedacht haben sollte, jetzt wüsste man aber, worauf dieser Hans Magnus Enzensberger hinaus will, so war er meist schon wieder ein paar Schritte oder Windungen weiter.

Auch als älterer Mann ist er gedanklich noch wendiger als die allermeisten Jüngeren. Allein schon der Tonfall des mittlerweile 79-Jährigen klingt auch im neuen Gedichtband „Rebus“ freiweg – wie in seinen frühen und seinerzeit zornigen Aufbruchsjahren. Oder will man es etwa nur gerne so haben und hört es sich so zurecht?

Es schwingt da mittlerweile auch eine gereifte Gelassenheit mit, die die letzten Dinge längst ins Auge gefasst hat und den Tod kommen sieht. Revolte? Umsturz? Ach was! Obwohl es doch einst so schön war, die Utopie zu erträumen. Zitat aus dem abschließenden Gedicht „Coda“, das von fern her an Bert Brechts selbstkritisches Lebensfazit „An die Nachgeborenen“ gemahnt: „Daß nicht alles Mögliche möglich ist, / tut mir leid…“

Vielleicht noch ein leiser Anklang an Brecht, in diesem Falle an die „Fragen eines lesenden Arbeiters“. Enzensbergers Gedicht „Angewohnheiten“ hebt so an:

„Wie oft musste Plato sich schnäuzen, / der heilige Thomas von Aquin / seine Schuhe ausziehen, / Einstein sich die Zähne putzen, / Kafka das Licht ein- und ausschalten, / bevor sie zu dem kamen, / was ihnen aufgetragen war?“

Und was sagt uns das letztlich? Etwas sehr Bedenkenswertes: Dass nämlich der vermeintlich unbedeutende Alltagskram, den wir alle miteinander teilen („Kochen, Waschen, Treppensteigen“), in seiner ganz gewöhnlichen Friedlichkeit viel unentbehrlicher sei als all die großen Werke…

Das Titelwort „Rebus“ erinnert an jene kombinierten Buchstaben- und Bilderrätsel, die sich eben just „mit den Dingen“ (wörtliche Übersetzung aus dem Lateinischen) abgeben. Der Titelumschlag zeigt ein Lehrbuch-Bild aus der Hirnzellenforschung. Enzensberger hat oft Klage geführt gegen unsere grundsätzlich gespaltene Kultur: hie Geistes-, dort Naturwissenschaften, fast immer getrennt von einem Graben gegenseitigen Nichtverstehens. Seinen Gedichten ist gelegentlich zu entnehmen, dass er über solche Gräben hinwegsetzen will. Würde das Wort „ganzheitlich“ nicht so inflationär entwertet klingen, so wäre es hier angebracht.

Die Überschriften der Zyklen lauten wie knappe Befunde: „Gleichgewichtsstörung“, „Es gibt Probleme“, „Schwere Koffer“ (lastendes Gepäck der Erinnerung bis zurück in die Weltkriegszeit) und „Erste Person Plural“ (kollektive Erfahrungen in einer zwangsläufig diffusen „Wir“-Form). All diese durchaus noch unentschiedenen Bilanzen werden ausgesprochen lakonisch aufgesetzt. Unaufgeregt. Oft unterschwellig ironisch. Doch im Bewusstsein, dass da einiges ins krisenhafte Schlingern geraten ist – und dass der Mensch dem Verfall zu keiner Zeit entkommt. Das alte, natürlich nie erledigte Thema der Vergänglichkeit.

„Als ich zwanzig war, lange her / kam ich mir vor wie ein Toter, der keine Zukunft hat“, heißt es einmal weit rückblickend. Kaum ein prinzipieller Unterschied: Damals wie heute reicht, wenn man’s recht bedenkt, die halbwegs gesicherte Lebensperspektive im Grunde nur bis zum nächsten Tag. Man übersteht und überlebt, bis auf weiteres. Allem westlichen Luxus und allen momentanen Glücksgefühlen zum Trotz: „Auch das blühende Leben ist rutschig.“ Und selbstverständlich hat dieser Autor den Vorwurf des Jammerns auf hohem Niveau („Der hat gut reden“) stets schon klug mitbedacht.

Hinter jeder Zeilenbiegung kann hier eine kleine oder größere Überraschung lauern, hier gilt keine Festlegung, hier herrschen allemal schwer lösliche Widersprüche. Enzensberger ist eben nie so recht zu fassen. Nur ganz selten stört ein wenig seine Marotte des Aufzählens, diesmal z. B. auf Seite 85, im Gedicht „Bringschulden“. Da erfährt man nahezu komplett, was der Mensch „bringen“ kann – vom Opfer bis zum Ständchen…

Doch ein solcher Einwand ist läppisch im Vergleich zum reichlichen Gewinn, den man sich hier erlesen kann. Weitläufig sind die Felder, die in den kurzen Gedichten (gleichwohl ohne Eile) durchmessen werden, groß ist die Zeiten- und Themenfülle dieser Inventur zwischen Physis, Psyche und Gesellschaft. Nur zum Beispiel die Feier der vitalen Vielfalt, über alles nicht zu leugnende Elend hinaus: Diese immer noch wirksame Sinnlichkeit unserer wechselnden Jahreszeiten (ach, auch in dieser Hinsicht verwöhntes Europa!), sogar die wundersame Lebendigkeit der babylonischen Sprachverwirrung: „…sagen am Ende nicht / fünftausend Sprachen mehr als die eine?“

Und weiter, weiter, angetrieben von Ungewissheit (nur Scheitern und Niederlage seien gewiss): Der lebenslängliche Konflikt zwischen der Chemie in grauer Hirnmasse und dem widerspenstigem „Ich“, welches doch so schwammig zu sein scheint: „Je mehr du herumbohrst / in diesem Sumpf, / desto sinnloser.“ Das bedrohliche, womöglich aber auch beruhigende Nichts. Der flüchtige, jedoch erregende Augenblick: „Alles, was du spürst, ist gleich gültig. Das bloße Leben, bis in den kleinen Zeh.“ – Man beachte: „Gleich gültig“ statt „gleichgültig“, welch ein fundamentaler Unterschied!

Das Leben pulst und zittert also Tag für Tag fort und fort. Hingegen werden die großen, abstrakten Systeme und Behauptungen mit der Zeit relativiert. Vermeintlich felsenfester Glaube und Unglaube, Staatswesen („Leviathan“), angeblich weltbedeutende Werke. Ganz zu schweigen von den Torheiten neuester technischer Moden und der grassierenden, sinnleeren Betriebsamkeit…

Am besten, man begibt sich nicht in die Hauptströmung, sondern ergeht sich „dazwischen“ als jemand, der ruhig in eigenem Fahrwasser paddelt und aus der Distanz etwa dies amüsiert und befremdet wahrnimmt: „Alles, was wichtig ist, / zieht am Ufer vorbei – / Oberlandesgerichte, Tankstellen, / Mehrzweckhallen.“

Hans Magnus Enzensberger: „Rebus“. Gedichte. Suhrkamp Verlag. 120 Seiten, 19,80 €.




Andere Luft, anderes Licht

Unter dem schlichten Titel „Auf Reisen“ versammelt Matthias Zschokke (geboren 1954 in Bern, seit 25 Jahren vorwiegend in Berlin wohnend) Skizzen aus wechselnden Gegenden. Das Buch firmiert als „Erzählung“, als bestehe es aus Erfundenem. Dabei handelt es doch von unterwegs Vorgefundenem. Von anderer Luft, anderem Licht, anderem Sein.

Fast schon erheiternder namentlicher Anklang: Ein besonderer Schwerpunkt des im Zürcher Ammann-Verlag erschienenen Buches sind Impressionen aus Amman (Jordanien). Zschokke schildert (jenseits aller politischen Konflikte) diese stets auf Würde bedachte Kultur als immense Bereicherung. Allein schon die althergebrachten Rituale öffentlichen Rauchens könnten Lockung genug sein. Auch verstreiche die Zeit in jenen Breiten ganz anders als bei uns. Gerade fürs unendlich gelassene Dahindämmern an den Rändern zu einer vollkommenen Stille hat Zschokke ein empfängliches Sensorium.

Die orientalischen Aufenthalte gipfeln in einem Zitat mit Goldrand: „Jeder Europäer sollte dringend dann und wann nach Arabien, um sich daran zu erinnern, wie Menschen miteinander umgehen können, wenn sie nur wollen.“ Wir lassen das mal so stehen. Freimütig gesteht der Autor, Schattenseiten auszublenden, denn: „An Schlechtes zu denken tötet das Vergnügen und verdirbt die Laune.“

Jeder aufgesuchte Ort erhält hier – mitunter in wenigen Absätzen – sein spezifisches Gewicht. Man spürt in manchen Passagen, was eine Stadt tatsächlich unterscheidet, im besten Falle einzigartig macht. Die etwas mutwillig erscheinende Abfolge im Buch sorgt zuweilen für Wirrnis, dann aber auch für erhellende Kontraste. Gerade eben noch ist man in Berlin aufgebrochen, dann flugs im beschaulichen Baden-Baden gewesen, schon findet man sich in Budapest mit seiner unnachahmlichen Patina, seinem abgeblätterten Charme wieder.

Hier wie dort sucht der allzeit (auch gastronomisch) genussgeneigte Autor die Stätten traditioneller, reich entfalteter Badekultur auf. Sein spezielles Vergnügen. Auch in Porto (seltsam melancholisch), Rotterdam (eher langweilig) oder im Elsaß (entgegen dem Ruf: vielfach mieses Essen) macht er Station. Bei Abstechern in Gegenden der heimischen, doch gelegentlich sehr fremdartigen Schweiz (Zürich, Genf, Ascona, Chur, Hasliberg) sucht sich Zschokke offenbar seiner Herkunft zu versichern. Schließlich gibt es ein paar passende Exkurse ins Land der eigenen Kindheit, dessen geheimnisvolle „Geographie“ ja jeder späteren Reise zugrunde liegt.

Die meisten Episoden und Einsprengsel betreffen freilich Zschokkes Erfahrungen in New York, wo er eine Zeit lang gelebt hat. Dieses Inbild einer Metropole erhält hier etwas vom alten Glanz zurück. Die Stadt erscheint als weltweit wandelbarster, immer noch sturzvitaler Schauplatz andernorts ungeahnter Konzentrate, kühnster Lebensentwürfe. Wo, wenn nicht hier? Nirgendwo mehr Gegenwart, mehr Möglichkeiten, mehr Toleranz. Im Vergleich kommt ihm Berlin grau, still und fast menschenleer vor. Zschokke scheint sich da hart am Rande altbekannter Klischees zu bewegen, und doch kommt einem frisch und lebendig vor, was er gleichsam atemlos zu berichten hat.

Übrigens plädiert der Autor keineswegs für „exklusive“, exotische Ziele, sondern gerade für viel besuchte Stätten. Aus albernem Abgrenzungs-Bedürfnis heraus versäume man sonst viel. Zitat: „Wir umfahren Venedig, meiden die Pyramiden, wenden uns ab vom Schloß Neuschwanstein, um dafür Livorno, Ouagadougou und Schloß Thun aufzusuchen.“

In diesem Buch kann man mancherlei anregende Lebenswürze nachschmecken. Es könnte Gelüste wecken, wieder einmal ausgiebig unterwegs zu sein. Woher und wohin auch immer.

Matthias Zschokke: „Auf Reisen“. Ammann Verlag, Zürich. 235 Seiten. 19,90 €.




Modigliani in Bonn: Der Mensch ohne Beiwerk

Allein schon die Augen ! Wie Amedeo Modigliani (1884-1920) die Fenster zur Psyche gemalt hat, das ist einfach phänomenal. Mitunter lässt er die Höhlen ganz leer oder verleiht ihnen einen unbestimmbaren, pupillenlosen Schimmer. Und dennoch scheinen diese Gesichter den Betrachter aus großer Tiefe innig anzublicken. Ein Rätsel, ganz so wie die Menschenseele.

Bonns Bundeskunsthalle bietet jetzt eine furiose Werkschau des Italieners, der nur 35 Jahre alt wurde und in seiner kurzen Hauptschaffenszeit ab etwa 1909 ein Werk von bleibender Weltbedeutung hervorgebracht hat. Man kann natürlich nur darüber spekulieren, ob er seinen frühen Tod vorhergesehen hat. Darf sein Werk als „abgeschlossen“ gelten – oder hätte es sich noch ganz anders entwickeln können, vielleicht sogar im Sinne einer Verwässerung? Gleichviel.

Eine solche Modigliani-Retrospektive hat es in Deutschland lange nicht gegeben. 1991 stellte Werner Schmalenbach eine solche Rückschau in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW zusammen. Jetzt zeichnet eine andere Legende des Museumsbetriebs verantwortlich: Christoph Vitali hat (gemeinsam mit Susanne Kleine) wohl das Maximum dessen zusammengetragen, was sich heute an einem Ort versammeln lässt. Rund 40 Gemälde und 70 Zeichnungen Modiglianis sind zu sehen. Die Schwierigkeiten haben schon bei der Recherche begonnen: Modiglianis Arbeiten finden sich nicht so sehr in den großen Museen, sondern vielfach in entlegenen Privatsammlungen. Außerdem kursieren recht viele Fälschungen, so dass strengstens geprüft und gesondert werden muss.

Modigliani ist verglüht wie nur je ein Rockstar. Doch man mag kaum glauben, dass sich seine Werke einem so rauschhaften Leben verdanken. Es finden sich in den Bildern keinerlei Spuren von jenen wüsten Alkohol- oder Drogenexzessen, für die Modigliani zu seiner Zeit ebenso berüchtigt war wie für sein wechselhaftes Liebesleben in der Bohème. Umso staunenswerter: Besonders im Rückgriff auf die Renaissance hat dieser Künstler schließlich zu einer „klassischen“, vielleicht allzeit gültigen Form der Schönheit gefunden.

Schier unendlich lange, oft sanft gedrehte Halslinien, zerbrechlich schmale Kinnpartien und eben jene tiefen Blicke, so sehen die legendären Gesichter um 1917 aus. Es sind wahrhaftige Ikonen von großer Stille und Reinheit. Beispiellos erscheint die psychologische Durchdringung verschwiegenen Leids und namenloser Sehnsüchte. Grandios etwa auch die subtile Charakterisierung der exzentrischen britischen Kolumnistin Beatrice Hastings (Porträt von 1915), mit der Modigliani eine zweijährige, äußerst bewegte Liebesbeziehung verband. Wie hohlwangig sie hier die Luft einzusaugen scheint! Ganz so, als wolle sie mit spitzem Mund die gierig inhalierte Welt gleich wieder ausspeien. Von einer ganz anders beschaffenen Liebe künden die verklärenden Porträts der Jeanne Hébuterne. Sie lassen gar etwas von der Heiligkeit des Eros verspüren.

Überhaupt tritt der Mensch hier nicht als Gesellschaftswesen auf, sondern stets existenziell vereinzelt, befreit von allem Beiwerk. Ja, selbst ein Blumenmädchen wird just ohne alle Blumen dargestellt. Hinter diesen Porträts steht ein ziemlich ernsthaftes Spiel des Verbergens und Enthüllens. Von Leichtigkeit kann keine Rede sein. Eher schon kann man sich den Malprozess als seelisches Ringen zwischen Künstler und Modell vorstellen.

Vor allem anderen hat sich Modigliani – geradezu besessen – immer wieder aufs Menschenbild konzentriert, zuallermeist aufs Frauenporträt, dem er ungemein viele Nuancen abgewonnen hat. Einige delikate Akte kommen hinzu, aber es gibt so gut wie keine Landschafts-Darstellungen von seiner Hand. Was einen sogleich für Modigliani einnimmt: Er hat sich, fern von allen damals herrschenden Richtungen (Kubismus, Futurismus usw.), einen ganz eigenen Weg gebahnt – und das, obwohl seinerzeit in Paris der übermächtige Genius Picasso die Szene dominiert hat.

Natürlich gibt es allerlei Ähnlichkeiten zwischen den zahlreichen Porträts. Der typische Modigliani-Stil ist unverkennbar, sozusagen längst Poster-tauglich und mit einigem Geschick wohl leichter nachzuahmen als andere „Handschriften“. Doch die chronologisch, nach Lebensphasen geordnete Bonner Schau lässt Entwicklungslinien ahnen und schärft den Blick auch für kleinere, sonst kaum beachtete Differenzen. Hilfreich dabei: Etliche markante Zitate von Zeitgenossen prangen an den Wänden und geben Anstöße zum noch genaueren Hinsehen.

Sehr empfehlenswert ist übrigens auch der bei DuMont erschienene Katalog. Er enthält nicht nur die üblichen Expertenaufsätze und Reproduktionen, sondern drei hochliterarische, überaus lesenswerte Texte zu Modigliani. Sie stammen von John Updike, John Berger und J. M. G. Le Clézio. Daraus darf man wohl folgern, dass gerade Modiglianis Leben und Schaffen auch erstrangige Schriftsteller inspiriert hat. So wirkt und wirkt die Kunst im besten Falle weiter.

Amedeo Modigliani. 17. April bis 30. August 2009. Bundeskunsthalle Bonn (Museumsmeile, Friedrich-Ebert-Allee 4). Geöffnet Di/Mi 10-21 Uhr, Do bis So 10-19 Uhr. Eintritt 8 €, ermäßigt 5 €. Katalog 39,95 €. Internet:

http://www.bundeskunsthalle.de




Markenzeichen: Letzter Bohemien

Markenzeichen müssen wohl sein: Er gilt als „letzter wahrer Bohemien” der Kunstgeschichte und hat sich als solcher wohl tatsächlich selbst inszeniert. Doch in Mick Davis‘ biographischem Filmdrama nimmt der Darsteller des Malers Amedeo Modigliani (1884-1920) derart viele Posen ein, dass er wie eine Karikatur aufs Künstlerleben wirkt.

Seine letzten Jahre auf Erden werden vor allem zugespitzt auf Duelle mit Pablo Picasso. Gleich der erste große Auftritt macht’s klar: Mit italienischer Grandezza tänzelt der aus Livorno stammende Modigliani (zunächst strahlender Frauenheld, jedoch mit starkem Hang zu Melancholie, Suff und Selbstzerstörung: Andy Garcia) ins pittoreske Künstlerlokal am Pariser Montmartre – und stiehlt Picasso die Schau, der dort mit seinen Bewunderern bechert. Ein maliziöses Wort gibt rasch das andere, und schon zieht der erzürnte Spanier die Pistole. Nur mit knapper Not lässt sich ein Blutbad zwischen den beiden Gockeln verhindern. Die geschniegelte Choreographie dieser Szenenfolge bewegt sich irgendwo zwischen Tango und Stierkampf. Ansonsten werden uns die Künstler als „verrücktes Völkchen” vorgeführt. Ob dies der Wahrheitsfindung dient?

Im Grundmuster ähnelt „Modigliani” einer jener unbedarften Highschool-Komödien, bei denen alles auf einen Rockband-Wettstreit hinausläuft. Hier muss halt ein historischer Wettbewerb unter Malern herhalten, für den sich – nach langem Zögern – endlich auch unsere beiden Streithähne anmelden. Außerdem am Start: Größen wie Maurice Utrillo, Chaim Soutine und Diego Rivera. Wow! Das riecht nach WM-Finale. Berühmte literarische Zaungäste finden sich ebenfalls dazu ein, auch sie allerdings filmisch von jeglichem Geist befreit: Jean Cocteau steht ratlos herum, Gertrude Stein ist die dralle Mutti eines wildgewordenen Kulturbetriebs.

Wahrhaftig wird dann die „Pinsel-Konkurrenz” (ach, nichts anderes ist es hier!) vom schottischen Regisseur wie ein Sportereignis inszeniert. In einer langen, heftig sich steigernden Sequenz sehen wir sie alle fieberhaft an ihren Leinwänden werkeln – bis sie erschöpft die „Ziellinie” erreichen. Da kommen einem auch die jeweiligen Gespielinnen fast wie Boxenluder vor.

Picasso (Omid Djalili) jedenfalls erscheint als wohlhabender, saturierter Sack, der verarmte Modigliani hingegen wie ein Vorläufer jener Rockstars, die schnell lebten und jung starben. Den allerhöchsten Segen bekommt der Italiener vom greisen Impressionisten Auguste Renoir, der wie Gottvater persönlich aussieht und Modiglianis genialische Verrücktheit still verschmitzt zu würdigen weiß.

Keine Liebesgeschichte? Oh doch, natürlich! Modiglianis Muse Jeanne Hébuterne (madonnenhaft: Elsa Zylberstein), die er oftmals nackt und mit schier endlos langer Halslinie malte, hat sogar ein Kind von ihm und erwartet ein zweites. Doch ihr erzböser Vater stellt sich dem Glück entgegen und lässt das „Bastard”-Baby gar von der Fürsorge ins Heim stecken. Doch auch dieser Konfliktstrang wirkt grob geschnitzt und sorgt für weitere Genrebilder der gängigen Sorte.

Unmengen von Zigaretten, Alkohol, Koks und Opium werfen den seit seiner Kindheit lungenkranken Modigliani schließlich aufs Sterbebett. Seine letzten Worte lauten sinngemäß: „Schluss mit dem Wahnsinn.” Tags darauf stürzt sich seine Jeanne mitsamt Leibesfrucht in den Tod. Selbst diese Tragik kommt einem in diesem Umfeld effekthascherisch vor.

P.S.: Der Film hat nie einen Start in den deutschen Kinos erlebt, ist allerdings auf DVD herausgekommen.




Toulouse-Lautrec: Brüchige Halbwelt

Henri de Toulouse-Lautrec, soso. Ist da nicht längst alles besehen und alles gesagt?

Nun ja, man wird jetzt auf Schloss Cappenberg schon einige Déjà-vu-Erlebnisse haben, wenn man die zahlreichen Farblithographien aus der Belle Époque betrachtet. Ein minimales Interesse an Kunst vorausgesetzt, kennt man solche und ähnliche Szenerien des brüchigen Luxus und der Moden aus den Pariser Cabarets, Varietés, Bars und Bordellen. Doch beim genauen Hinschauen kann man trotzdem noch spannende Einzelheiten entdecken.

Der bekanntlich kleinwüchsige, nach landläufigen Maßstäben alles andere als wohlgestalte Toulouse-Lautrec war – vermutlich in einer Gemengelage zwischen Anziehung und Abstoßung – fasziniert von den schimmernden, oft trügerisch galanten Halbwelten und brachte sie bildlich auf so manchen, seither stehenden Begriff. Eine von etlichen Inspirationsquellen waren dabei japanische Holzschnitte, natürlich aber auch die Schöpfungen aus dem Umkreis des französischen Impressionismus. Und Vincent van Gogh gehörte zu seinen Studienfreunden…

Toulouse-Lautrec besaß einen wachsam ironischen Blick für verborgene Hässlichkeiten und Absonderlichkeiten im mondänen Getriebe, auch ließ er sich von bloß äußerlicher Eleganz nicht blenden. Allerdings stellte er niemanden bloß, schon gar nicht die ärmeren Menschen, sondern ließ feine Diskretion angesichts erkannter Schwächen walten. Und er wusste wie nur je einer, wie triumphale Momente lockender Weiblichkeit erstrahlen müssen. Einige singende, tanzende und schauspielende Stars des Montmartre hat er erst mit seinen Bildern zu vollem Weltruhm geführt, beispielsweise Jane Avril, Yvette Guilbert und Aristide Bruant.

Allerlei dauerhafte Klischees über das frivole Paris der Kokotten leiten sich aus dieser Ära ab. Diese Langlebigkeit kommt nicht von ungefähr. Geradewegs zwischen freier Hochkunst und (werblicher) Gebrauchsanwendung fanden Toulouse-Lautrec und einige seiner Zeitgenossen gültige bildnerische Strategien und Formulierungen. Intensive Studien hinter den Kulissen der Amüsierbetriebe waren die Voraussetzung fürs Erfassen des Überzeitlichen im sonst so flüchtigen Augenblick. Famos vor allem die intimen, so gar nicht voyeuristischen Skizzen aus dem Bordell unter dem Titel „Elles“ (Sie). Sie zeigen die Huren in ihrem recht gewöhnlichen Alltag – bevor die Freier eintreffen.

Am anderen Endes des Schaffensspektrums sieht man grandios gelungene Werbung, vor allem für Vergnügungs-Etablissements: Schönere Plakate als damals hat es wohl nie wieder gegeben. Zuweilen sprühen sie geradezu im Rausch der Farben und Bewegungen. Doch beileibe nicht alles kommt als schreiende Reklame auf den Betrachter zu. Gerade Toulouse-Lautrec nutzt mitunter sehr delikate und dezente Farben. Zudem findet er frappierend wirksame Lösungen, um Schriften in die Bilder einfließen zu lassen.

Spätere Arbeiten um 1898/99 lassen die persönliche Tragödie des Henri de Toulouse-Lautrec ahnen. Die Bilder sind bei weitem nicht mehr so souverän und stilsicher gefasst wie vordem, der ganze Gestus wirkt fahrig unkontrolliert. Hauptgrund: Er kann vom Alkohol nicht lassen. Die Pariser Weltausstellung anno 1900, auf der einige seiner Bilder gezeigt werden, vermag der Syphilitiker nur noch im Rollstuhl zu besuchen. 1901 stirbt er, gerade einmal 36 Jahre alt.

In Cappenberg sieht man vielfach verschiedene Zustandsphasen der Druckwerke, so dass man teilweise den Werkprozess (und damit die leitenden Absichten) ein wenig nachvollziehen kann. Interessant auch der Ansatz, punktuell einige kaum minder großartige Zeitgenossen (Jules Chéret, Théophile-Alexandre Steinlen, Pierre Bonnard, Alphonse Mucha) neben Toulouse-Lautrec zu präsentieren. Ein wenig mehr Sorgfalt hätte allerdings die Beschriftung der Bilder verdient. Die meisten Titel sind nicht einmal übersetzt. Sapristi!

Henri de Toulouse-Lautrec und die Stars vom Montmartre. Bis 21. Juni. Schloss Cappenberg in Selm (Für auswärtige Unkundige sei’s gesagt: ein wunderschönes Ausflugsziel). Eintritt frei. Kein spezieller Katalog, aber Bücher über das Gesamtwerk von Toulouse-Lautrec (24,90 € bzw. 34,90€) sind vor Ort erhältlich.




Mehr Mond!

Es ist eine jener Themen-Ausstellungen, bei denen man sich fragt: Warum ist bloß noch niemand vorher auf diese Idee gekommen? Das Kölner Wallraf Richartz-Museum lässt jetzt viele Monde aufgehen, leuchten und schimmern. Kann man da etwa mondsüchtig werden?

Eigentlich sonnenklar: Das erdnahe Gestirn ist ungeheuer oft gemalt (und später mit wissenschaftlichen und künstlerischen Absichten fotografiert) worden, oft auch indirekt: halb verborgen hinter dramatisch gebauschten Wolken oder zittrig gespiegelt auf Wasserflächen.

Die Kunstgeschichte hatte diverse „Mondphasen“, man denkt dabei wohl zuerst an die fahlen Nachtszenen der Romantik, die nicht selten in Bereiche ragen, die man als gefühligen Kitsch wahrnimmt. Schon die malenden Zeitgenossen ergingen sich damals zuweilen in ironischer Distanzierung. Johann Peter Hasenclevers „Die Sentimentale“ (1846), die sehnsüchtig zum Mond aufblickt, gerät zum Spottbild auf übertriebene Schwärmerei.

Doch der Reigen dieser Schau setzt schon sehr viel früher ein, nämlich bei Stefan Lochner und Albrecht Dürer. Man lernt nicht nur das Phänomen der strahlenbekränzten „Mondsichel-Madonnen“ kennen, sondern erfährt auch am bildlichen Beispiel, dass Maria im frommen Mittelalter selbst als eine Art „Mond“ imaginiert wurde, der das göttliche Sonnenlicht gleichsam ideal reflektierte.

Rubens porträtierte sich um 1605 im Verein mit dem mondkundigen Galileo Galilei – höchst selbstbewusster Anspruch auf beiderseits zukunftsweisende Genialität. Die Kölner bieten in unüblich dichter Hängung einige große Namen auf, auch für die späteren Zeiten: Bilder etwa von Joseph Wright of Derby, Caspar David Friedrich, Edouard Manet („Mondschein über dem Hafen von Boulogne“), Felix Vallotton, Max Beckmann, Max Ernst, Edvard Munch. Jeder schuf da quasi seinen ganz eigenen, persönlichen Mond – erst recht in der Moderne. Sehen und Empfinden gingen immer wieder neue Verbindungen ein.

Im Wallraf Richartz Museum verknüpft man gern Kunstgeschichte mit Naturwissenschaft. Zur mehr oder weniger frei schwebenden Ästhetik kommt somit stets etwas Handfesteres. Im letzten Jahr war man den Impressionisten mit allerlei avancierten Forschungs-Methoden zuleibe gerückt. Jetzt zieht man auch astronomisches Wissen zu Rate, um die Gemälde zu deuten. Mit Hilfe „ewiger“ Himmelskalender, die Lauf und Stellung des Trabanten vorhersagen oder eben historisch nachzeichnen, lassen sich Mondbilder (einigermaßen realistische Darstellung vorausgesetzt) recht genau mit Jahres- und Tageszeiten datieren. Insgesamt gilt allerdings: Viele Künstler haben den Mond, um deutlichere Effekte zu erzielen, häufig deutlich zu groß an ihre Himmel gehängt.

Quer durch die Epochen sieht es die Kunst ja auch nur selten als ihre Aufgabe an, den Mond „sachgerecht“ und naturtreu zu zeigen. Vielmehr erweist er sich meist als symbolbeladen – manchmal als Zeichen des bedrohlich Bösen, zuweilen auch als Bote unsteten Wandels (zu- und abnehmende Sichel). Mit dem Aufkommen des Teleskops und hernach der Fotografie oder gar der Raumfahrt vollziehen sich jeweils künstlerische Ausweich- und Absetzbewegungen, sprich: Die Kunst räumt dann immer wieder realistische Positionen, weil sie auf diesem Gebiet ohnehin nicht mit den neuen Erfindungen konkurrieren kann. Auch deshalb geraten, ob nun in der Romantik oder im Impressionismus, „Unschärfen“ in die Bilder, die nicht immer leicht zu deuten sind. Beim Expressionisten Schmidt-Rottluff nimmt der Mond beispielsweise blaue Farbe an. Für die Surrealisten ist er sowieso in erster Linie ein bleicher Traumbringer.

Ein zweiter Hauptstrang der Ausstellung verfolgt die technischen Entwicklungen der Mondbeobachtung und Mondbeschreibung (Kartographie usw.), vor denen die Malerei also die Flucht ergriff – bis in flirrende Bezirke, wo sie ungeahnt neues Terrain eroberte und der Technik wiederum weit voraus zu sein schien. Das Spektrum der sachkundlichen Exponate reicht von Beobachtungs-Instrumenten über alte, oft schon erstaunlich exakte Mondkarten bis hin zu Fotos der Apollo-Missionen. Diese wiederum werden auch schon mal künstlerisch verfremdet, um sie wieder ins Bewusstsein zu heben.

Vollends verblüffend ist ein aufwändig gemaltes Diorama, das 1919 entstand und dem Betrachter breitwandig das grandiose Gefühl vermitteln sollte, just auf dem Monde zu stehen. Freilich waren diese Mondgebirge aufgrund falscher theoretischer Annahmen gar zu wild und steil gezackt – und es soll hier sogar ein Abbild der Zugspitze den Weg ins Weltall gefunden haben. Also spukte auch hier die Phantasie mit hinein. Ein Grenzfall zwischen Wissenschaft, Kunst – und Jahrmarkt? Auch auf phantastisches Kino (z. B. die Weltraum-Odyssee des Stanley Kubrick) deutet das Diorama wohl schon voraus.

Bemerkenswert auch ein ziemlich verrücktes „Mondprojekt“ des deutschen Künstlers Adolf Luther, der in den 1970er Jahren mit Blick aufs Millennium, also auf das Jahr 2000, ein gigantisches Fest plante, bei dem die Rückseite des Mondes künstlich erstrahlen sollte, illuminiert durch gigantische Parabolspiegel im All. Zur Finanzierung dieser Vision sollte das Logo eines US-Konzerns kostenpflichtig auf den Trabanten projiziert werden, dem Jahrtausend-Ereignis sollte man sodann in eigens entworfener Mode beiwohnen. Aus all dem ist nichts geworden. Soll man’s bedauern?

„Der Mond“. Wallraf-Richartz-Museum, Köln (Obenmarspforten / am Rathaus). Bis 16. August 2009. Geöffnet Di-Fr 10-18, Do 10-22, Sa/So 11-18 Uhr, Mo geschlossen. Eintritt 9,50 € (ermäßigt 6 €). Katalog 30 €. Internet: www.wallraf.museum

Thematische Ergänzung im laufenden „Jahr der Astronomie“: „Sternstunden – Wunder des Sonnensystems“. Gasometer Oberhausen, seit 2. April 2009 bis 10. Januar 2010. Di-So 10-18 Uhr. Eintritt 7 € (ermäßigt 5 €).

Bild: Edouard Manet „Mondschein über dem Hafen von Boulogne“ (Katalog)




Klee und Feininger: Stilles Leuchten

Es steht ja schon in der Bibel: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“ Die ganze bildnerische Ideen- und Formenfülle liegt in jener Frühzeit bereit – und gleichzeitig liegen die Fertigkeiten noch brach.

Umso besser also, wenn begnadete Künstler irgendwann auf Kinder- und Kindheitsbilder zurückkommen, so auch Lyonel Feininger (1871-1956) und Paul Klee (1879-1940), die jetzt bei einer Doppelausstellung in Hamm ästhetische Dialoge auf höchstem Niveau führen.

Rund zehn Jahre haben sie parallel am berühmten Bauhaus in Weimar und hernach Dessau gewirkt – Feininger in erster Linie als technisch beschlagener Leiter der Druckwerkstätten, Klee vor allem als einfühlsam Lehrender. Nebenher schufen beide auch Spielzeug (Holzhäuser, Lokomotiven etc.) für den Nachwuchs.

In Bildern wie „Stadt mit Sonne“ (1921) hat sich der gebürtige US-Amerikaner Feininger, der damals schon reichlich Erfahrung mit Comic-Zeichnungen gesammelt hatte, ein kindlich anmutendes Raumschema anverwandelt, sprich: Die Dinge schweben neben- und übereinander, sie sind weder hierarchisch sortiert noch perspektivisch gestaffelt. Vor allem aber bringt Paul Klees oft so leichthändige, stille Freude an formalen Reduktionen Gegenstände zum innigen Erglühen – wie in unvordenklichen Kindertagen.

Ein Schwerpunkt der angenehm konzentrierten Ausstellung (insgesamt etwa 90 Exponate) sind Meeres- und Schiffsbilder. Feininger zog es häufig an die Ostsee , er begriff sich zeitweise gar als „Marinemaler“. Von duftiger, kühl umwehter Transparenz sind seine Segelschiff-Darstellungen. Der Künstler hat Anteile der einmal aufgetragenen Ölfarbe zuweilen wieder abgewaschen, so dass eine Art bleicher Schwerelosigkeit zurückbleibt. So vermag er es auch, Segelboote in Nebelschwaden als bloßen Hauch anzudeuten. Die Bildräume atmen oft ungeheure Weite. Es ist, als werde eine imaginäre Pforte in eine neue Dimension größter Ruhe aufgetan. Trotz kubistischer Aufsplitterung mancher Motive (speziell aus der Architektur) bleiben die kristallinen Gegenstände doch stets erkennbar.

Während Feininger ersichtlich auch etwas beflissen Akkurates hatte, kommt einem Paul Klees Vorgehensweise meist spielerischer vor, wie ein schöner, selbstvergessener Tanz von Kräften und Gegenkräften. Seine Bilder sind um einige Spuren anekdotischer, erzählerischer, sanft getragen von feinnervigem Humor – und letztlich vielleicht doch weniger „kontrolliert“ als Feiningers Schöpfungen.

Gewiss: Auch Klee ist mit Farbtheorien, mathematisch-musikalischen Rhythmuslehren und sonstigem Kunstwissen aus dem Baukasten der Historie genugsam gewappnet und gesättigt, doch verliert er sich „unterwegs“ im Schaffensprozess oft ins wundersam Beiläufige, bis hin zu dem Punkt, an dem es wohl gar keinen Vorbehalt oder Rückhalt mehr gibt.

Sie mögen einander geistig nah gewesen sein, doch der gegenseitige Einfluss war begrenzt. Feininger und Klee wussten je für sich, was sie wollten und konnten. Mit großer Wertschätzung nahmen sie die unvergleichliche Arbeit des jeweils Anderen wahr. Auch schenkten sie einander gelegentlich Bilder. Doch letztlich zog jeder seine ganz eigene Bahn.

„Lyonel Feininger – Paul Klee. Malerfreunde am Bauhaus“. Bis 24. Mai. Gustav-Lübcke-Museum. Hamm, Neue Bahnhofstraße 9. Geöffnet Di-Sa 11-18, So 10-18 Uhr. Katalog 19,90 €.




Wilhelm Genazino: Der grobe und der feine Witz

Vorbemerkung:

Folgendes kurzes Interview ist bereits im Herbst 2004 in der Westfälischen Rundschau erschienen. Auf mehrfachen Wunsch kommt hier eine Wiederholung (gibt’s im TV doch auch allweil).

Auf Band hatte ich seinerzeit viel mehr Fragen und Antworten aufgezeichnet. Im Blatt musste es bedeutend kürzer erscheinen. Leider habe ich keine Langfassung aufgeschrieben. Da ich den Schrieb direkt aus meinem Word-Verzeichnis hole, kriege ich die übliche Westropolis-Schrift nicht hin. Mit dem Firefox-Browser (ermöglicht Nutzung des Word-Editors) kann ich mich partout nicht im Blog anmelden. Teufel auch!

Bis vor kurzem galt er noch immer als literarischer „Geheimtip“: Doch seit Wilhelm Genazino der Büchner-Preis zugesprochen wurde, kann davon keine Rede mehr sein.

Die WR traf Genazino bei der Frankfurter Buchmesse am Stand des Carl Hanser Verlages, wo zuletzt sein autobiographisch getönter Erzählband „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ und die Essay-Sammlung „Der gedehnte Blick“ erschienen sind.

Sie erhalten in Kürze den wichtigsten deutschen Literaturpreis. Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?

Wilhelm Genazino: Ungläubig. Aber ich freue mich natürlich, klar. Bis vor wenigen Jahren stand ich eher am Rande. Ich hab’ mich da gar nicht unwohl gefühlt.

Geduldige Beobachtungen von Randfiguren ziehen sich auch durch Ihr Werk.

Stimmt. Ich passe zu meinen Figuren. Deswegen mag ich auch die Vorstädte. Da geht es weniger künstlich zu, glaubwürdiger, nicht so aufgedonnert wie in der Fassadenwelt der Innenstädte.

In Ihrem Essay-Band entwickeln Sie auch eine Humor-Theorie. Sie unterscheiden zwischen innen- und außengeleitetem Humor. Was verstehen Sie darunter?

Es gibt sehr verschiedene Arten des Vergnügens. Diese furchtbare Fernsehreihe „Pleiten, Pech und Pannen“, das ist sozusagen der Massenhumor. Da passiert immer wieder dasselbe: Ein Mann fliegt vom Fahrrad, eine Torte fällt einer Frau auf die Bluse, ein Kind rutscht im Gummiboot aus… Es ist dieser öffentliche Schadenfreude-Humor mit ganz groben Effekten. Die komische Empfindung hingegen braucht gar keine Witze als Anlass. Hier geht es um stille Wahrnehmungen, darum, dass man etwas für sich als komisch entdeckt. Eben war ich in einem Messe-Bistro, da stehen drei Tische – und auf jedem ein handgeschriebenes Schildchen: „Die Tische gehen nur über die Bedienung!“ Man weiß ja, was gemeint ist. Aber das so auszudrücken, das ist einfach großartig. Damit könnte man im Fernsehen nicht landen. Der Witz ist viel zu leise, so etwas kommt eher in der Literatur zum Vorschein – bei Lawrence Sterne, bei Italo Svevo oder bei Jean Paul.

Ihr Buch enthält auch eine Betrachtung über gescheiterte Autoren.

Es gibt viele großartige gescheiterte Bücher. Es ist oft ein Kennzeichen großer Romane, dass die Autoren zwischendurch ihr Thema verlieren. Auf einmal weiß man nicht mehr: Wovon ist hier eigentlich die Rede, was ist hier los? Das gibt es selbst bei Thomas Mann. Häufig sind es die besten Stellen, an denen ein Autor deliriert; diese Latenz-Phasen, bevor er wieder in seinen Roman zurückfindet.

Was hat es mit dem „gedehnten Blick“ auf sich, den Sie auf ein altes Kinderfoto anwenden, in dem sie nach und nach immer wieder andere Dinge entdecken?

Wenn man etwas sehr lange anschaut, dann merkt man, dass das Auge das verwandelt, was es sieht. Es bleibt nicht bei dem, was es einmal erkannt hat. Solches Hinschauen haben wir verlernt. Das Fernsehen ist ja sozusagen eine Sehens-Abgewöhnungs-Maschine, allein durch die Häufigkeit der schnellen Schnitte. Man wird gezwungen, ein Geschehen zu verfolgen. Aber das hat mit Sehen nichts mehr zu tun. Eine fatale Entwicklung.

„Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ spielt zu Beginn der 60er Jahre. Was war das für eine Zeit?

Die Zeit, in der ich jung war. Eine bescheidene Zeit, eine armselige und verschämte Zeit. Das Entsetzen der Nachkriegsjahre stand noch den Menschen ins Gesicht geschrieben. Damals gab’s noch nicht diese künstliche Entsetzens-Kultur. Allerdings ist damals in Deutschland gnadenloser Kitsch produziert worden, der im Grunde dem NS-Kitsch geähnelt hat. Und das hört bis heute nicht auf: Auch diese unselige Volksmusik ist ein Spätling der NS-Zeit…




Thomas Bernhard: Er hasste die Preisreden – und nahm das Geld

Literaturpreise sind doch eine wunderbare Sache, sie bedeuten etwas Ruhm und Geld für den Autor, der sonst vielleicht arm und unbeachtet geblieben wäre.

Solche milden Gaben können aber auch Zorn erregen. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, so ist er hier zu finden: Aus dem Nachlass von Thomas Bernhard ist jetzt der schmale, aber ergiebige Band „Meine Preise“ erschienen, in dem der unbequeme Österreicher einige seiner Auszeichnungen durch den Wolf dreht. Klingt schon mal vielversprechend, denn Bernhard war als schimpfwütiger Rohrspatz der Literatur ohnehin kaum zu übertreffen.

Gelegentlich grinst einen hier das ganze absurde Elend des Literaturbetriebs zwischen Streichquartetten und blödsinnigen Festreden an. Ein bilanzierendes Bernhard-Zitat lässt den ewigen Zwiespalt ahnen: „Ich haßte die Zeremonien, aber ich machte sie mit, ich haßte die Preisgeber, aber ich nahm ihre Geldsummen an.” Welch eine lästige, stocksteife Notwendigkeit also. Hinfahren, abholen und alles andere vergessen. Das wäre wohl ratsam.

So kennt man ihn: Thomas Bernhard ist zutiefst beleidigt, wenn er einen Preis n i c h t kriegt – und er ist oft stinksauer, wenn er dann einen bekommt. Eigentlich kein Wunder. Denn tatsächlich kann er hanebüchene Szenen schildern: Da wird er von einem ahnungslosen Laudator mit der gleichzeitig geehrten Preisträgerin verwechselt („Frau Bernhard”), auch hernach wird der Schlendrian nicht korrigiert. Oder: Der Autor, der mal wieder in Begleitung seiner Tante erschienen ist, wird von der versammelten Festgemeinde im Saale gleich gänzlich übersehen und irgendwo hinten in Reihe soundsoviel platziert. Man kennt den Dichter überhaupt nicht, mit dem man sich schmückt.

Thomas Bernhard rächt sich nicht zuletzt damit, dass er ganze Städte (wie etwa Bremen) wortgewaltig als kulturlose Orte niedermacht. Man ahnt es: Derlei süffige Stadtbeschimpfungen aus berufenen Federn wären gewiss mal eine Extra-Edition wert.

Als schiere, mit voller Absicht betriebene Demütigung empfindet es Bernhard, dass man es wagt, ihm den kleinen (und eben nicht den großen) Österreichischen Staatspreis anzudienen. Diese mindere Ausführung trage doch fast jeder Nachwuchsschreiberling mit sich herum, befindet der Mann, der sich selbst zeitweiligen Größenwahn attestiert.

Als es den Schriftsteller selbst einmal in eine Jury verschlägt, merkt er, wie man dort „naturgemäß” (Bernhards Lieblingswort) nach kenntnisfreier Willkür, Lust und Laune entscheidet. „Nehmen wir doch Hildesheimer”, ruft da einer unvermittelt in die Runde. Alle anderen sind gleich einverstanden, denn das Mittagessen wartet ja schon.

Bernhard windet auch einige bunte Girlanden in seine Betrachtungen. So erfährt man, wie er sich von einem Preisgeld einen schicken Sportwagen gekauft und alsbald zu Schrott gefahren hat oder wie er ein marodes Haus anzahlen konnte.

Der Autor, der sich sonst (wie auch seine Preis-Dankesreden im Anhang belegen) vor allem auf pessimistische Litaneien verstand, wird hier sichtbar als jemand, dem es auch gegeben war, luftig leicht zu erzählen, ohne dabei an Schärfe zu verlieren.

Thomas Bernhard: „Meine Preise”. Suhrkamp. 144 Seiten. 15,80 Euro.




Knochenarbeit im Bergwerk des Humors – Vor 100 Jahren wurde Heinz Erhardt geboren

Er muss ein geradezu besessener Arbeiter im Bergwerk des Humors gewesen sein. Er selbst und seine Familie haben unter seiner nie versiegenden Schaffenswut gelitten. Doch kaum betrat der rundliche Kerl die Bühne, so war er eine Seele von Mensch – und vor allem: ein Schelm! Heute vor 100 Jahren wurde der Komiker Heinz Erhardt geboren.

Eine deutsche Ahnenreihe der Hochkomik sähe in den Grundzügen wohl ungefähr so aus: Wilhelm Busch, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Heinz Erhardt, Loriot, Robert Gernhardt, F. K. Waechter, Otto Waalkes, Hape Kerkeling, Helge Schneider. Mögen da auch ein paar Bindeglieder fehlen (bitte wunschgemäß freihändig einsetzen), so gehören doch die Genannten hinzu. Heinz Erhardt steht dabei als singulärer Humor-Produzent für die 50er und frühen 60er Jahre, er war der Komiker des „Wirtschaftwunders“.

Erhardt kam am 20. Februar 1909 in der heutigen lettischen Hauptstadt Riga zur Welt. Sein Vater war Kapellmeister, der Großvater (bei dem er aufwuchs) ein achtbarer Klavierspieler. Heinz Erhardts Jugendtraum, Konzertpianist zu werden, erfüllte sich allerdings nicht. Erst 1994 kamen aus dem Nachlass einige seiner Kompositionen in klassischer Manier auf CD heraus.

1932 stand er erstmals in einem Lustspiel auf der Bühne des Deutschen Schauspiels in Riga. Entscheidender Schritt: 1938 wurde er ans Berliner Kabarett der Komiker geholt. Den Weltkrieg überstand er als schon recht prominenter Spaßmacher in der Truppenbetreuung, was ihn vor dem Dienst an der Waffe bewahrte.

Neubeginn in der Trümmerzeit: 1946 knüpfte Erhardt Kontakte zum NWDR in Hamburg, wo er Unterhaltungsprogramme wie „So was Dummes“ moderierte. Auch stand er in Komödien auf diversen Hamburger Bühnen. Seine Alleinunterhalter-Qualitäten sprachen sich schnell herum, so dass er bald erste Tourneen unternahm.

Durchaus auf der Basis traditionell überlieferter Verskunst und sprachlich manchmal höchst raffiniert, trieb Erhardt seine vorwiegend wortspielerisch grundierten Scherze. Das 1963 erschienene Buch mit dem Titel „Noch’n Gedicht“ wurde zum Verkaufsschlager. Es enthielt auch Erhardts wohlbekannte Zeilen über „Die Made“: „Hinter eines Baumes Rinde / saß die Made mit dem Kinde. / Sie ist Witwe, denn der Gatte, / den sie hatte, fiel vom Blatte …“ Und so weiter. Sein Erscheinungsbild war das eines allzeit netten, manchmal leicht verwirrten Onkels mit treuherzigem Mondgesicht. Er gab sich bewusst tollpatschig und gehemmt. So einen Menschen mochte man einfach gern, weil er so gar keine Bedrohung darstellte.

Vor allem im Kino (erste Hauptrolle 1957 als Marmeladenfabrikant in „Der müde Theodor“) hat er etlichen Klamauk mitgemacht und dabei zuweilen sein Talent unter Wert verschleudert. Möglicher Grund: Wie es heißt, war er ein Paniker, was seine finanzielle Situation anging. Auch sein Lampenfieber war legendär. Er soll es auch mit dem einen oder anderen Schnaps bekämpft haben.

1971 erlitt der bis dahin so rastlose Erhardt einen Schlaganfall und musste fortan deutlich kürzer treten. Er starb in der Nacht zum 5. Juni 1979. Etwa um 1983 kam es zu einer überraschenden Renaissance. Gerade Jüngere fanden plötzlich Gefallen an alten Erhardt-Filmen, die nun in den Programmkinos liefen. Und heute führt er ein beinahe schon gespenstisches Nachleben in Internet-Portalen wie „YouTube“, wo man viele Szenen mit ihm aufrufen kann. Was dort so flüchtig wirken mag, ist in Wahrheit unvergänglich.

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Infos

  • Filme (Auswahl): „Witwer mit fünf Töchtern“ (1957), „Immer die Radfahrer“ (58), „Natürlich die Autofahrer“ (59), „Der letzte Fußgänger“ (60), „Drei Mann in einem Boot“ (61), „Unser Willi ist der Beste“ (71).
  • Internet-Seite: http://www.heinzerhardt.de (betrieben von Heinz Erhardts Erben). Dort Hinweise auf viele Bücher, CDs und DVDs.

(Der Beitrag stand am 20. Februar 2009 in ähnlicher Form in der „Westfälischen Rundschau“)




Drama der Hündischkeit

Der jüdische Varieté-Star Adam Stein erhält im Berlin der 30er Jahre von den Nazis Berufsverbot. Sie deportieren ihn und seine Familie in ein Vernichtungslager. Grausame Fügung: Lagerleiter ist dort jener Kommandant Klein, den Adam Stein einst im Varieté mit verblüffenden Taschenspielertricks vor dem Selbstmord bewahrt hat. Klein musste damals unwillkürlich lachen – und seine Verzweiflung war verflogen.

Jetzt sieht sich dieser grüblerische SS-Mann (feingeistig maskierte Dämonie: Willem Dafoe) zu einer Gegenleistung verpflichtet, allerdings auf ungemein perverse Art: Adam Stein soll ihn – als menschlicher „Hund” – mit Apportier-Kunststückchen vom tristen Lagerleben ablenken. Woche um Woche, Monat um Monat. Dafür darf er weiter leben; doch nicht seine Familie. Stein sieht nicht nur, wie Frau und Tochter mit Tausenden anderen zu den Verbrennungsöfen getrieben werden, sondern wird auch noch genötigt, zum Abmarsch eine muntere Begleitmusik auf der Geige zu spielen. So ist er schuldlos „schuldig” geworden. Daran zerbräche jede Menschenseele.

Paul Schraders deutsch-israelische Koproduktion „Ein Leben für ein Leben“ geht zurück auf Yoram Kaniuks 1969 in Israel erschienenen Roman „Adam Hundesohn“ (deutsch erst 1989), der das nachwirkende KZ-Trauma auch mit Mitteln des schwarzen Humors aufgriff. In Israel ist das Buch bis heute umstritten, es gilt aber gleichwohl als moderner Klassiker.

Jeff Goldblum verkörpert diesen Adam Stein mit Haut und Haaren – in einem wahrhaft waghalsigen, manisch-depressiven Balanceakt zwischen Wahn und abgründigem Witz, Eleganz und Melancholie, Kapriolen und Depressionen.

Der Film besteht zum Teil aus düsteren Schwarzweiß-Rückblicken (bis in die „Goldenen Zwanziger” Berlins). Der spätere Hauptschauplatz aber liegt in der flirrenden israelischen Wüste. Am Beginn der der 1960er Jahre hat sich dort (in der Fiktion) ein Institut angesiedelt, in dem Holocaust-Überlebende psychiatrisch behandelt werden. In einem grotesken Panoptikum werden dort Bruckstücke schrecklicher Schicksale sichtbar. Beispiel: Ein Mann spielt mit der elektrischen Spielzeug-Eisenbahn zwanghaft die Deportation nach.

Adam Stein hat in diesem Institut Zuflucht gefunden, ja er ist gar so etwas wie eine messianische Hoffnung der anderen Insassen geworden. Er ist ein Stigmatisierter, der gleichsam auf Zuruf (wie einst im Variete´) sein Blut aus allen Öffnungen fließen lassen kann und somit Auferstehungs-Sehnsüchte weckt. Mit anderen Worten: eine literarische, mit allerlei Symbollast befrachtete Figur. Wie denn überhaupt dieser redliche Film das Übersinnliche und Religiöse trotz aller skeptischen Anwandlungen aufruft. Ganz ohne Glaubenskräfte geht es hier nicht.

Symbolschwer auch der finale Handlungsstrang. Stein, der einst als „Hund” leben musste, findet in einem Nebenraum der Anstalt einen kleinen Jungen eingesperrt, der dort sprachlos und zähnefletschend wie ein Hund vegetiert. Adam Stein nimmt sich seiner an, denn er ahnt: Wenn dieser Junge sich aufzurichten vermag, kann vielleicht auch er selbst sein inneres Drama der einstigen Hündischkeit bewältigen.

All das gerät zum schmerzlichen, doch schließlich glückhaften Lehrstück über das Ringen zwischen zerstörerischen und heilsamen Kräften. Am Ende beschwört der Film einen Zustand herauf, in dem das Wünschen noch geholfen hat.




Triebstau und Freiheitsdurst – der Roman „Empörung“ von Philip Roth

Das ist das Wunderbare an Literatur: Dass sie einen in alle Zeiten und Rollen eintauchen lässt. Wollte man nicht immer schon mal wissen, was ein US-Student 1951 (zur Zeit des Koreakrieges) so getrieben und wie er sich dabei gefühlt hat? Bitte sehr: Der famose Philip Roth lädt in seinem Roman „Empörung” unsere Phantasie mit solchen Erlebnissen auf.

Der Student heißt Marcus Messner, ist Sohn eines jüdisches (koscheren) Metzgers in New Jersey und weiß auch anschaulich von diesem blutigen Metier zu berichten, weil er seinem Vater einige Zeit im Geschäft geholfen hat.

Nun aber besucht Marcus das College – und wird seines Erzeugers nicht mehr froh. Denn der macht sich auf einmal derart viele Sorgen um seinen Sohn, dass er ihm nachspioniert und ihn am liebsten vor aller bedrohlichen Welt wegsperren würde. Bisher konnte man vernünftig mit dem Manne reden, doch nun? Es ist fürchterlich. Auch die Mutter leidet sehr.

Marcus zieht die Konsequenz und schreibt sich an einem anderen, weit vom Elternhaus entfernten College ein. Dort erlebt er nun diverse Reifeprüfungen des Lebens – keineswegs nur geistige.

Da ist vor allem die bezaubernde Olivia Hutton, die es ihm gleich beim ersten Date oral besorgt – und das in jenen prüden Zeiten, die sonst meist nur den sexuellen Triebstau kennen. Wow! Er kann’s kaum glauben, dass ihm so viel Gutes widerfährt.

Doch aus der unverhofften Fleischeslust erwachsen Sorgen. Olivia erweist sich als Problemfrau sondergleichen. Mit ihren nicht einmal 20 Jahren ist sie schon Alkoholikerin und hat einen Selbstmordversuch hinter sich. Außerdem sind Marcus‘ Zimmergenossen auf dem Campus unerträgliche Stinkstiefel, so dass er mehrmals umzieht – bis es dem Dean (etwa: Dekan) zu bunt wird. Er bittet Marcus zur hochnotpeinlichen Aussprache übers Sozialverhalten (Vorwurf: ständige Flucht vor unangenehmer Realität). Dabei steigert sich der eloquente, eigensinnige Student aus lauter Freiheitsdurst in eine Empörung hinein, ja er redet sich wohl schier um Kopf und Kragen . . .

Wenn man das alles mit fliegendem Atem liest, möchte man meinen, es mit dem Buch eines ganz jungen Autors zu tun zu haben, der aus unmittelbar praller Erfahrung berichtet. Frisch und frech klingt alles hier. Philip Roth ist 1933 geboren, er kannte also die Zeit um 1951 als ganz junger Mann. Und sie ist ihm offenbar sprühend lebendig geblieben. Staunenswert.

Marcus und viele seiner Altersgenossen fühlen sich allseits gefesselt – von starren gesellschaftlichen Konventionen, religiösen und familiären Rücksichten. Da droht sich etwas gewaltsam zu entladen. Doch die Revolten der 60er Jahre sind noch weit entfernt. Jungspunde, die nicht spuren und über die Stränge schlagen, werden um 1951 kurzerhand in den schrecklichen Kriegseinsatz nach Korea geschickt. Dieses mögliche Verhängnis schwebt jedenfalls als vage, düstere Verheißung über dem gesamten Geschehen dieses Romans und färbt insgeheim jede Handlung ein.

Philip Roth lässt den Leser nicht nur schwelgen und bangen, sondern gibt dem Buch gegen Schluss eine ungeahnte Wende, die alles Vorherige in ein anderes Licht stellt. Viel mehr wollen wir hier nicht verraten, sonst würde der Kunstgriff des Romanciers an Wirkung einbüßen. Nur so viel: Schmerzlinderndes Morphium ist im Spiel. Doch es gibt Schmerzen, die letztlich niemals aufhören . . .

Philip Roth: „Empörung”. Roman. 201 Seiten. Hanser Verlag. 17,90 Euro.




Suhrkamp – verhext?

Der traditionsreiche Suhrkamp-Verlag zieht von Frankfurt nach Berlin um. Mit diesem Entschluss hat sich Siegfried Unselds Witwe Ulla Berkéwicz nicht nur über den Willen von 80 Prozent der Verlagsmitarbeiter hinweggesetzt, sondern auch über die (geistige) Verwurzelung dieses Verlages im Umkreis der „Frankfurter Schule“. Ob sich Adorno nun im Grabe umdreht?

Wie der Süddeutschen Zeitung (heutige Ausgabe) zu entnehmen ist, hat Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit offenbar seit langem heftig gelockt, dass Suhrkamp an die Spree kommen möge. Wer weiß, ob und aus welchen Töpfen da womöglich noch Subventionen / Ansiedlungs-Prämien fließen. Falls es so wäre, könnte man von einem handfesten Skandal sprechen. Wie gleichfalls in der SZ von heute steht, ist just Hessen einer der größten Geber beim Länderfinanzausgleich, Berlin hingegen das Empfängerland mit den meisten Ansprüchen. Somit hätte es Hessen den Berlinern ermöglicht, etwaige Subventionen überhaupt erst aufzubringen, um einen der wichtigsten deutschen Verlage abzuwerben, ihn von Hessen nach Berlin zu holen.

Das Satireblatt „Titanic“ hat die Suhrkamp-Chefin Ulla Berkéwicz einst als „schwarze Witwe“ und als „die neue Yoko Ono der deutschen Schriftkultur“ bezeichnet. Beatles-Kenner wissen, was damit gemeint sein könnte. U. B. gibt offenbar ohnehin ein geradezu hexenhaftes Feindbild ab. Auch mit dem Umzugsbeschluss (oder besser: Umzugsbefehl) hat sie sich außerhalb Berlins wohl keine neuen Freunde gemacht.




Im Billiggetümmel der Vorstädte – Wilhelm Genazinos Roman „Das Glück ins glücksfernen Zeiten“

Gerhard Warlich hat einst Philosophie studiert. Brotlose Weisheit, wie sich sehr bald zeigte. Irgendwann verdingte er sich als Auslieferungsfahrer einer Großwäscherei. Jetzt ist er dort seit vielen Jahren Geschäftsführer. Immerhin. Aber ist der 41-Jährige auch glücklich?

Diese schwierige, vielfältige Frage wird im neuen Roman von Wilhelm Genazino genauestens durchbuchstabiert. Der Ich-Erzähler mit dem sprechenden Namen Warlich sucht „Das Glück in glücksfernen Zeiten” (Titel), doch er verzagt immer wieder.

Er führt ein Leben auf Beobachter-Posten und nimmt Alltags-Ereignisse bis in die letzten Verästelungen wahr – wie es Genazinos Streuner und Flaneure seit jeher tun. Dabei verstrickt er sich in ziellosen inneren Aufruhr, den er mit einer „Schule der Besänftigung” ruhigstellen möchte – ein rätselhaftes Vorhaben, das er seinen Mitmenschen kaum vermitteln kann.

Bei seinen Streifzügen durch die Stadt und das „Billiggetümmel der Vorstädte” (Zitat) blickt Warlich in die Abgründe landläufiger „Normalität”. Lauter Halbverrückte und fast Verwahrloste scheinen durch die gesichtslose Gegend zu irren. Die (von Rentner-Schwärmen durchzogene) Tristesse erzeugt ständiges Unbehagen.

Spitzeln im Auftrag
der Großwäscherei

Eigentlich versteht Warlich all diese „Gespenstereien” (oft wiederkehrendes Wort) überhaupt nicht. Am liebsten möchte er still kapitulieren. Da klafft die offene Frage, ob es nicht vielleicht vielen so ergeht: Sie verstünden das große Ganze nicht mehr und schauten nur fassungslos den verstreuten Einzelheiten zu.

Ungeheuerlich abermals, welch immens reichen Erzählstoff Wilhelm Genazino aus der feingliedrigen Betrachtung gewöhnlichster Ereignisse gewinnt. Es ist, als würden die alltäglichen Vorgänge in all ihrem möglichen Schrecken, aber auch als Verheißung ungeahnter Möglichkeiten erstrahlen. Die Sprache, in der Genazino den widrigen Verhältnissen nachspürt, wiegt kein Gramm zu wenig und keins zu viel.

Warlich unternimmt eine desolate Werbetour durch Hotels, um sie von den Vorzügen „seiner” Wäscherei zu überzeugen. Auch soll er im Auftrag des kontrollsüchtigen Besitzers Eigendorff (noch so ein Name) Fahrer bespitzeln, die ihre Liefertouren zu locker angehen – und wird selbst überwacht. Horror aus der Arbeitswelt. Da braucht man keine künstlichen Monster.

Noch mehr gerät Warlich aus der Balance, als seine Partnerin Traudel (Sparkassen-Filialleiterin) Druck ausübt: Sie will partout ein Kind. Auch sie sucht eben nach neuem Glücksgelände. Er lässt sie im Unklaren, flüchtet sich in eine heillose Hinhaltetaktik.

Dieses ebenso sanftmütige wie schmerzvolle Buch kann, obwohl es auch komische Gefilde streift, schwerlich „gut ausgehen”, allenfalls glimpflich. Die drängende Überfülle unscheinbarer Ereignisse treibt Warlich in nervliche Zerrüttung. Alles erscheint ihm so kompliziert, dass er lieber „Generalverzicht” üben will. Am Schluss sieht es gar so aus, als hätte er in der Psychiatrie eine neue Heimstatt gefunden, in der er nicht über Gebühr behelligt wird. Soll man diese Weltverweigerung etwa Glück nennen? Oder besiegen die „glücksfernen Zeiten” alles und jeden?

Wilhelm Genazino: „Das Glück in glücksfernen Zeiten”. Roman. Hanser Verlag. 158 Seiten, 17,90 Euro.




Ein Lieblingsbuch der Engländer – James Boswell: „Dr. Samuel Johnson“

Vorfälle aus dem 18. Jahrhundert kommen nur gar zu oft in altertümlicher, gravitätischer Sprache daher. Deshalb scheinen uns das Zeitalter und die Menschen von damals so fern zu liegen.

Jetzt aber liegt ein Buch wieder vor, das einen mit all seiner Lebendigkeit sehr rasch vom Gegenteil überzeugt. Wir reden von James Boswells famoser Lebensbeschreibung über „Dr. Samuel Johnson”.

Der Titel klingt staubtrocken, dahinter aber verbirgt sich anregender Lesestoff über viele hundert Seiten. Der Band empfiehlt sich nachdrücklich zur (Wieder-) Entdeckung. Nicht von ungefähr gilt dieses Werk bis heute als ein Lieblingsbuch der Engländer.

Besagter Johnson (1709-1784) war Studienabbrecher im schon damals ehrwürdigen Oxford, doch später ein lebenskluger Gelehrter, wie er im Buche steht. Vom Naturell her etwas faul, zwang er sich oft zu übermenschlicher Tüchtigkeit. Alle Achtung!

Kunst des
kultivierten
Gesprächs

Zudem war Johnson ein Genie der gehobenen, beredsamen Geselligkeit. Im London jener Jahre (damals die Welthauptstadt schlechthin) scharte er einen weitläufigen Kreis von Schriftstellern, Denkern, Malern und Schauspielern um sich. Man tafelte und trank, redete dabei recht freimütig über alles und jedes, was die Gemüter irgend bewegte. Das reicht vom ganz gewöhnlichen Alltag übers politische Tagesgeschäft (dessen Gebräuche oft stark an heute erinnern) bis hin zu Fragen von der Art, ob man Freunde und Verwandte im Jenseits wiedersehe (manche ja, manche nicht) und ob dies ein freudiges Ereignis sein werde. Kommt drauf an, denn (so Johnsons bemerkenswerte Ansicht): „Nach dem Tode sehen wir einen jeden in seinem wahren Licht.” Oha!

Fast immer geht es in den Gesprächszirkeln meinungsfreudig, häufig weise oder zumindest originell und schlagfertig zu; mal ist die Stimmung verhalten melancholisch, mal geradezu kalberig albern, ganz selten mit einem Stich ins Törichte.

Gewiss, da gibt es ziemlich zeitgebundene Themen und Urteile (etwa über Frauen und Ehe), die allerdings gerade aus weitem Abstand heraus historisch interessant sind. Im übrigen kam schon Johnson zur Loriotschen Einsicht, dass Männer und Frauen im Grunde nicht zusammen passen (aber einander brauchen).

In den allermeisten Momenten hat man jedenfalls den erstaunlichen Eindruck, mittendrin zu sitzen und aktuellen Streitgesprächen zu lauschen. In jedem Satz kann eine Überraschung lauern. Die Kunst des Gesprächs erwächst hier allemal aus edlem Wettstreit möglichst scharfsinniger Argumente. Wenn das keine Kultivierung ist!

Der Autor muss rundweg gepriesen werden: Der Schotte James Boswell (1740-1795) war rund 30 Jahre jünger als Samuel Johnson, den er bewunderte. Doch dieser fein-sinnige Beobachter hatte durchaus seinen eigenen Kopf und Willen. Amüsant die Sticheleien des überzeugten Engländers Johnson gegen alles Schottische. Boswell hat’s nicht krumm genommen. Auch Amerikaner und Franzosen bekamen schon damals ihr Fett weg. Wie gesagt: Es ist ein Lieblingsbuch der (gebildeten) Engländer.

Wir Deutschen kennen als entfernt vergleichbares Unterfangen Eckermanns getreulich notierte Unterhaltungen mit dem greisen Geheimrat Goethe. Diese erscheinen freilich geradezu devot vorgetragen, monologisch strukturiert und klassisch geglättet, während Boswells Aufzeichnungen auch in der herrlichen Übersetzung als quicker Quell sprudeln.

Gottlob hat dieser Boswell die munteren Dialoge bei Tisch und sonstwo zunächst in einer Kürzelsprache spontan mitgeschrieben und erst später genau ausgeführt. Somit sind wir hier ganz nah am ersten Eindruck der frischen wörtlichen Rede. Welch eine anregende Zeitreise!

James Boswell: „Dr. Samuel Johnson”. Diogenes, 848 S., 26,90 €.

INFO:

  • Zum Gesprächszirkel um Samuel Johnson zählten (neben dem Biographen James Boswell) u. a. der Maler Sir Joshua Reynolds, der Schauspieler David Garrick, der Autor Oliver Goldsmith sowie der Politiker und Philosoph Edmund Burke. Zuweilen gesellten sich kluge Damen hinzu.
  • Samuel Johnson ist bei den Briten „unsterblich”, weil er praktisch im Alleingang das erste große Wörterbuch der englischen Sprache schuf, das über 150 Jahre lang Maß aller Dinge war. Außerdem verfasste er eine englische Literaturgeschichte seiner Zeit.



Dortmunder Handschriftensammlung: Friedrich der Große bedankt sich für Heringe

Dortmund. Das soll Friedrich der Große geschrieben haben? Diese unscheinbaren, winzigen Buchstaben, jede Linie ausgesprochen blass, macht- und kraftlos wirkend? Ja, es stimmt. Und es war sogar der wohl letzte Brief, den der berühmte Preußenkönig (am 1. Juli 1786) verfasst hat. Das historische Papier gehört zu den wertvollsten Stücken der Dortmunder Handschriftensammlung.

Die wenigen Zeilen, die der kranke König aufs Blatt strichelte, sind auch inhaltlich bemerkenswert, wenn auch unscheinbar: Der Monarch bedankt sich bei einem Markthändler für die jüngste Herings-Lieferung. Derlei höfliche Bescheidenheit wirkt in dieser Schriftform schlichtweg anrührend. Kein Abdruck könnte ein solches Gefühl wecken. Dies vermag nur die originale Handschrift. Die Dortmunder Sammlung in der Stadt- und Landesbibliothek, die auch frühe Druckwerke und Dichter-Nachlässe umfasst, ist mindestens bundesweit bedeutsam. Ob Goethe, Annette von Droste-Hülshoff, Karl Marx, Thomas Mann, Albert Schweitzer oder auch US-Präsidenten wie Coolidge und Nixon – hier werden eigenhändige Schriftstücke vieler Größen aus Kunst, Kultur und Politik verwahrt.

Heinrich Zilles Entschuldigung für „Radaubetragen“

Wenn Jens André Pfeiffer, der Leiter der Handschriftenabteilung, einen ins „Allerheiligste“ vorlässt, kann einem schon etwas feierlich zumute werden: Im weitläufigen, akkurat klimatisierten Tresorraum lagern etliche Schätze der Geistesgeschichte. Forscher aus allen Weltgegenden verbringen hier zuweilen mehrere Wochen, um Handschriften buchstäblich mit der Lupe zu untersuchen.

Jede Schrift hat ihre spezielle Aura. Archivar Pfeiffer sagt, dass es längst nicht immer um Hochgeistiges geht, sondern um Alltag: „In vielen Briefen ,menschelt‘ es sehr.“ Kurzum: In diesem Paradies für Graphologen glaubt man häufig, den Schreibenden gleichsam über die Schulter zu schauen. Da beschleicht einen auch schon mal das Gefühl, ein klein wenig indiskret zu sein. Beispiel: Der „Milljöh“-Zeichner Heinrich Zille dürfte kaum geahnt haben, dass seine zerknirschte briefliche Entschuldigung für ein bierseliges „Radaubetragen“ in unbefugte Hände Nachgeborener geraten könnte. Recht privat muten auch Goethes Wein-Bestellungen und seine Klagen über Gallenbeschwerden an. Und an einen Tierpräparator, der für Goethe eine Schnepfe aufbereiten sollte, schreibt der Geheimrat, er erwarte jedes Knöchelchen des Vogels zurück. Klingt nach Ärger, falls denn doch etwas gefehlt haben sollte.

Karl Marx, der des öfteren an den Dichter Ferdinand Freiligrath geschrieben hat, meldet dringenden Geldbedarf an und lamentiert wieder einmal über seine Furunkel. Und Hermann Hesse hat einen Brief geradezu kindlich kunterbunt illustriert – Zeichen eines sonnigen Gemüts?

Wie kamen all diese Dinge nach Dortmund? Nun, in der Gründerjahren der 1908 er öffneten Bibliothek waren so genannte Autographen noch vergleichsweise preiswert zu haben. Zudem spendeten Stahlbarone und andere betuchte Bürger Geld für den Erwerb kostbarer Manuskripts und Drucke. Der damalige Bibliotheksdirektor Erich Schulz hatte ein Faible für Handschriften und konnte den Grundstock für die Sammlung legen, die dann stetig ausgebaut wurde und heute zigtausende von Katalognummern enthält.

Was man in Dortmund nicht unbedingt erwartet: Auch ein unvergleichlich gut erhaltenes Exemplar vom Text des Deutschlandliedes findet sich hier. Die sorgsame Reinschrift, die August Heinrich Hoffmann von Fallersleben am 26. August 1841 angefertigt hat, wird nicht verliehen – zu wertvoll, zu empfindlich ist das Kleinod.

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Infos:

  • Die Dortmunder Handschriftensammlung umfasst nahezu 30 000 Einzelstücke, etwa 115 Nachlässe und mehrere Tausend Frühdrucke ca. ab 1500 n. Chr., so auch die deutsche Erstausgabe von Daniel Defoes „Robinson Crusoe“(1720).
  • Hinzu kommen rund 900 historische Landkarten und Stadtansichten.
  • Ältester Besitz ist ein Pergament-Schriftblatt von Gregorius Magnus, das zu einem Codex des 9. Jahrhunderts gehört.
  • Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, Westfälisches Handschriftenarchiv. Königswall 18, 44137 Dortmund. Leitung: Jens André Pfeiffer 0231/750-23 206

(Der Beitrag stand am 2. Februar 2009 in ähnlicher Form in der „Westfälischen Rundschau“)




Wo sich Jutta auf Kalkutta reimt

Wie soll man das Phänomen bloß jüngeren Leuten erklären? Willy Millowitsch, so könnte man (hilflos) anheben, war ein kölsches Naturereignis, ein Vulkan des Frohsinns. Wenn dieser urwüchsige, eruptive Mann die Bühne betrat, johlten viele Leute schon, bevor er auch nur ein Wörtchen gesagt hatte.

Dieser volkstümliche Schauspieler, am 8. Januar 1909 (also vor 100 Jahren und natürlich in Köln) geboren, konnte dem Affen Zucker geben wie kaum ein Zweiter. Doch ihm standen auch leisere Töne zu Gebote.

Mal ehrlich: Wer gegen Ende der 60er und in den frühen 70er Jahren jung gewesen ist, für den waren Gestalten wie Willy Millowitsch, Inge Meysel & Co. erschröckliche Anti-Figuren, Repräsentanten einer schwer erträglichen „Leitkultur” des Spießertums. Millowitsch-Gassenhauer wie „Schnaps, das war sein letztes Wort” oder „Wir sind alle kleine Sünderlein” waren keine Hits, die man als Rockfan wirklich hören wollte.

Über Jahrzehnte kannte man Willy Millowitsch als Garanten entfesselter Lustigkeit. Schon manche Titel des Klamauk-Kinos und Schenkelklopf-Theaters („Paradies der flotten Sünder”, „Tante Jutta aus Kalkutta”) lassen es ahnen: Angesagt waren polternde, gern etwas schlüpfrige Verwechslungskomödien.

Doch später wurde man nicht nur milder im Urteil, sondern entdeckte tatsächliche Qualitäten. Stutzig musste man spätestens werden, als der hellwache und wendige Autor Hans Magnus Enzensberger seine Molière-Neuübertragung „Der Bürger als Edelmann” eigens auf den von ihm hoch geschätzten Millowitsch zuschnitt. Es wirkte wie ein Signal zur Umkehr: Jürgen Flimm verfilmte Else Lasker-Schülers Drama „Die Wupper” mit Millowitsch, der Regisseur Rudolf Noelte ließ ihn den Totengräber in Shakespeares „Hamlet” spielen. Auch der gereifte Kommissar Klefisch, den Millowitsch ab 1990 im WDR-Fernsehen verkörperte, zeigte ungeahnte Charaktertiefe.

Er hatte weder Schulabschluss noch Schauspielausbildung, als er 1940 die Leitung des (1896 vom Großvater gegründeten) Kölner Familientheaters übernahm, das heute von Sohn Peter fortgeführt wird. Der damals dort gepflegte, deftig harmlose Humor eignete sich zur Ablenkung vom Krieg, also wurde die Bühne zur Truppenbetreuung zwangsverpflichtet.

Kölns damaliger OB Konrad Adenauer sorgte dafür, dass sich schon im Oktober 1945 erneut der Vorhang hob – „damit die Leute wieder wat zu Lachen haben.” Der große Erfolg kam mit dem Fernsehen. Im Oktober 1953 war der Militär-Schwank „Der Etappenhase” mit Millowitsch der erste live gesendete Theaterabend der deutschen TV-Geschichte. Zwar gab’s seinerzeit bundesweit nur etwa 10 000 Fernsehapparate, doch es folgten ja noch über 100 weitere Stücke. Besagter Kracher um „Tante Jutta” hatte 1962 eine sagenhafte Zuschauerquote von 88 Prozent.

Ein Erfolgsgeheimnis ist wohl die „Erdung”, sprich: lokale Verwurzelung in Kölle. Millowitsch wurde vor seinem Tod (20. September 1999) Ehrenbürger, sein Denkmal steht dort – und bis heute pilgern Menschen ans Grab auf dem Melaten-Friedhof. Zu seinen besten Zeiten galt am Rhein: Allenfalls der Dom, der Karneval und der 1. FC Köln waren ähnlich wichtig.




„Payback“: Das Leben besteht aus Schuld und Schulden – Margaret Atwood denkt über Tage der Abrechnung nach

Auf den ersten Blick scheint es ein Buch der Stunde zu sein. Unter dem Titel „Payback” (Rückzahlung) befasst sich die weltweit prominente kanadische Autorin Margaret Atwood mit Krediten, Zinswucher, Schuldnern und Gläubigern. Erste Ausläufer der jetzigen Wirtschaftskrise spielen schon mit hinein.

Doch Atwood bedient offenkundig keine kurzatmige Aktualität, sondern bereitet ihr Thema gründlich auf. Sie beginnt nicht etwa erst bei Adam und Eva, sondern setzt viel früher an: in den unvordenklichen Urzeiten der Evolution, in denen unser genetisches Erbe entstanden ist.

Daraus erwächst eine Kernthese. Die Idee eines gerechten Gleichgewichts zwischen Schuld(en) und Abzahlung sei tief in uns eingesenkt, sie habe sich – in wechselnden Formen – durch alle Epochen und Kulturen erhalten. Sprich: Wir ernten irgendwann, was wir gesät haben, jedes Soll und Haben wird im „großen Buch” verzeichnet und eines Tages abgerechnet.

Lektionen reichen
von der Urzeit
bis zur Börsenkrise

Atwood durchpflügt ganze Bereiche der Weltgeschichte, um praktisch immer und überall auf „Schulden” jeder Sorte als treibende Kraft zu stoßen; ganz so, als ließe sich die Welt aus diesem einzigen Beweggrund heraus erklären. Eigentlich keinWunder, denn natürlich findet Atwood überall das, was sie so innig gesucht hat. Immerhin hat sie einige sarkastische, lakonisch schnoddrige Wendungen parat („Raub und Plünderung sind ja schön und gut, aber . . .”), die mit gelegentlich angestrengter Lehrhaftigkeit versöhnen.

Da wird beispielsweise der tiefere Zusammenhang zwischen Geldschulden und Sündenschuld erwogen. Auch kommen Schuldknechtschaft, altertümliche Figuren wie der „Sündenesser” (der eine Schuld für eine Gegenleistung tilgt), Opfer und Blutrache in den weitschweifigen Blick. Ein Fazit: Im Leben bleibt man fast immer etwas schuldig.

Der Faustische Pakt mit dem Teufel (auch da droht der Tag der Abrechnung) wird ebenso ausgiebig erläutert wie die Dickens-Figur des kaltherzigen Geizhalses Ebenezer Scrooge, der zur Weihnachtszeit geläutert wird und mit seinen angehäuften Reichtümern fortan nur noch Gutes bewirkt. Auch Shakespeares Schulden-Klassiker „Der Kaufmann von Venedig” wird traktiert. Atwood buchstabiert all diese Fundstellen bisweilen etwas langwierig.

Immerhin: Man lernt dazu, man lernt nicht aus, auch gibt es manchen Geistesblitz. Doch auf Dauer kommen einem die Lektionen doch etwas umständlich vor. Auch das heutige, sich nüchtern gebende Wirtschaftsleben, so ahnt man jedenfalls, ist im Grunde von alten Mythen durchwirkt. Doch manches, was Atwood auftischt, wirkt wie aus dem Hut gezaubert.

Die Schrift, so erfahren wir, sei vor allem erfunden worden, um Schulden zu notieren, nicht etwa für poetische Ergießungen. Keine große Überraschung. Ein paar Seiten später sind wir plötzlich wieder bei weit überzogenen Kreditlinien und der in dieser Hinsicht bis dato so laxen US-Mentalität. So rollt das Ganze etwas ziellos vor sich hin.

Man hegt Hoffnung, dass am Ende eine literarisch unterfütterte Schulden-Theorie mit Nutzanwendung in der heutigen Krise stehen möge. Doch diese Hoffnung wird einigermaßen enttäuscht. Statt dessen wird der geizige Scrooge auf heutige GmbH-Verhältnisse getrimmt und (wie das Original) von Geistwesen auf lehrreiche Zeitreise mitgenommen. Doch hier soll er im finalen, globalen Schnelldurchgang sinngemäß lernen, dass man Geld nicht essen kann und dass wir die Erde von unseren Kindern nur geborgt haben. Klingt ausgelutscht? Wohl wahr! Tatsächlich läuft hier schließlich alles auf herzlich gut gemeinte Öko-Appelle hinaus. Nun ja.

Warum für diese Zeigefinger-Prosa gleich fünf (!) Übersetzerinnen ‚ran mussten, ist unerfindlich. War es etwa eine Gruppenübung im Rahmen eines Förderprogramms?

Margaret Atwood: „Payback. Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands.” Berlin Verlag. 265 S., 18 €.




Im Spiel findet der Mensch sich selbst – nachgefragt beim Dortmunder Spieleforscher Rainer Korte

Dortmund. Klingt beneidenswert: Der Sozialwissenschaftler Professor Rainer Korte von der Dortmunder Fachhochschule befasst sich beruflich mit Spielen. Seit 25 Jahren leitet er die bundesweit einzigartige „Arbeitsstelle für Spielforschung und Freizeitberatung”.

Weihnachten ist die Spiele-Zeit des Jahres schlechthin. Was also sagt der Freizeitberater: Sollen wir zu Heiligabend und an den Feiertagen in gemütlicher Runde etwa aufs Brettspiel zurückkommen? Wird das unseren ersehnten Familienfrieden befördern und den beteiligten Menschen ein Wohlgefallen sein?

Professor Rainer Korte (64) ist sich da gar nicht so sicher. Die Erwartungen seien an solchen Tagen oft zu hoch gespannt. Alle sollen mit dem Stand der Beziehungen, mit Speis und Trank sowie ihren Geschenken rundum froh und zufrieden sein. Möglichst soll auch noch Schnee liegen. Oje.

„In solchen Fällen ist es immer schwierig, Harmonie zu erzeugen. Schlimm genug, dass man so eng aufeinander hockt.” Spielen allein kann also die Lage nicht entkrampfen; erst recht nicht, wenn es sich um ein neues (vielleicht gerade frisch geschenktes) Brettspiel handelt, dessen Regeln noch keiner kennt. Dann sollte man lieber erst einmal die Finger davon lassen.

Rainer Korte: „Manche Spiele haben Regelhefte mit bis zu 30 Seiten. Bis die gelesen und von allen verstanden sind…” Tja, bis dahin hängt der Haussegen vielleicht schon schief. Dann kommen womöglich Vorwürfe wie: „Wer wollte denn hier spielen? Du doch!” Und so weiter.

Im Grunde aber preist Korte die wohltätigen sozialen Wirkungen klassischer Gesellschaftsspiele. „Mitmenschlich betrachtet, unterscheiden sie sich grundlegend vom Computerspiel. Man hat die Mitspieler als direktes Gegenüber vor Augen, man kann Freude oder auch mal Wut und Ärger gleich ‚rauslassen oder zwischendurch miteinander über ganz andere Dinge reden.” Hört sich doch gut an.

Übrigens rät der Professor auch dies: „Kinder sollte man beim Spiel nicht immer absichtlich gewinnen lassen. Sie müssen lernen, mit Frustration umzugehen.” Mensch, ärgere dich beizeiten tüchtig.

Imposant genug: Rund 3.500 Spiele hat die Dortmunder Arbeitsstelle gesammelt. Die meisten kamen nach und nach als Musterexemplare ins Haus, weil Professor Korte und seine Mitstreiter die meisten neuen Brettspiele erproben. Häufiges Manko: Die Titelbilder auf dem Karton erwecken einen völlig falschen Eindruck vom Spielhergang. Besser wär’s allemal, den Deckel vor dem Kauf zu lüften.

Die Dortmunder betreiben mit ihrem Spielefundus einen regen Leihverkehr für Schulen und Kindertagesstätten. Korte hat sich in der Szene jedenfalls einen solchen Namen gemacht, dass Spielverlage ihn mit Neuerscheinungen bemustern und ihn sogar schon als kundigen Entwickler abwerben wollten – mit dem Versprechen, er könne deutlich mehr verdienen als an der Fachhochschule…

Korte lehnte dankend ab, denn: „Ich kann doch nicht gleichzeitig Spiele erfinden und kritisieren.” Erschwerend kommt hinzu: „Spiele zu verkaufen, das ist heute ein Stress-Job. Die Branche hatte in den 80er Jahren eine Blütezeit. Doch seitdem sind sehr viele kleinere Firmen vom Markt verschwunden.”

Die letzte westfälische Domäne befand sich in Herscheid. Heute sitzen heimische Spiele-Firmen fast nur noch im süddeutschen Raum, wo die Tüftler zahlreich sind – und wo etliche Heimarbeiter werkeln; immer noch typisch für Teile des Spielwaren-Metiers.

In der Flut der Neuerscheinungen gibt’s kaum noch etwas gänzlich Neues. Meist würden nur die Muster der unverwüstlichen Klassiker mehr oder weniger geschickt variiert, sagt der Dortmunder Professor, der es aus langjährigen Vergleichen wissen muss. Eine Spiel-Idee zu patentieren, ist folglich auch so gut wie unmöglich.

Zur Orientierung in der Überfülle bietet sich das Prädikat „Spiel des Jahres” an. Doch auch davon hält der Dortmunder Fachmann nichts. „Im Grunde genommen gibt es kein ,Spiel des Jahres‘.” Warum nicht? Weil das alles eine Sache von Geschmack und Laune sei: „Man muss immer fragen: ,Wer spielt mit wem bei welcher Gelegenheit?” Erst dann könne man entscheiden, welches Spiel geeignet sei. Soso. Dann stellen wir wenigstens mal die richtige Frage zum frohen Fest: Wer spielt mit wem zu Weihnachten? Und was?

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INFOS:

  • An der Dortmunder Arbeitsstelle für Spielforschung und Freizeitberatung sind federführend tätig: Prof. Rainer Korte und Dr. Lars Thoms.
  • Sie gehören zum Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Dortmund.
  • Kontakt zur Arbeitsstelle: Otto-Hahn-Straße 23, 44227 Dortmund. Netz: www.spielforschung.de
  • Brett- und Kartenspiele sind Arbeitsschwerpunkte, doch die Dortmunder Experten kennen sich zum Beispiel auch mit Modellautos aus – und erstellen Gutachten zur Spielzeug-Sicherheit (Stichwort: gefährlicher Pfusch aus China und anderswo).
  • Passender Sinnspruch von Friedrich Schiller: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.” Und Henrik Ibsen befand: „Etwas Gescheiteres kann einer doch nicht treiben in dieser schönen Welt, als zu spielen.”
  • Aktuelle These zum Thema: In der Wirtschaftskrise, so hofft jedenfalls die Branche, seien die immer wieder verwendbaren Brettspiele gefragt – weil andere Freizeitvergnügungen auf Dauer zu teuer werden.