Die Ratlosigkeit einfach aushalten – Was documenta-Chef Roger M. Buergel über „seine“ Weltkunstschau sagt

Von Bernd Berke

Damit das mal klar ist: Wir alle haben von Kunst keine Ahnung. Nicht nur interessierte Laien, sondern auch das werte Fachpublikum will documenta-Chef Roger M. Buergel (44) mit dessen ästhetischer Ignoranz konfrontieren. Auch sich selbst nimmt der Mann nicht aus. Kurz vor der Eröffnungs-Pressekonferenz, so bekannte er gestern, habe er sich noch einmal ganz ernsthaft gefragt: „Was mache ich hier eigentlich?“

Tja, was? Wie alle seine Vorläufer, so möchte auch Buergel die Weltkunstschau gleichsam neu definieren, als wären wir noch einmal in Gründerzeiten. Alles auf Null! Auf fast sämtliche Stars des Kunstmarktes (rare Ausnahme: Gerhard Richter) hat er verzichtet. Hintergedanke: Große Namen sind Schall und Rauch, sie würden nur vom Wesentlichen ablenken.

Und das heißt für diesen Ausstellungsmacher: Ungeahnte Beziehungen stiften zwischen den verschiedensten Kunstformen, auf dass uns das eine oder andere Licht aufgehe – nicht zuletzt mit politischen Folgen im Sinne einer grundsätzlichen Neubewertung. Die rund 480 Werke, denen somit einige Erwartung aufgehalst wird,  sollen nicht vereinzelt für sich stehen, sondern ihre Wirkungen im Auge des Betrachters vermengen, ja potenzieren.

Künstler, die dem Betrieb den Rücken gekehrt haben

Vorab garniert hat Buergel sein bewusst unscharf gehaltenes Konzept mit wolkigen Begriffen wie „Migration der Formen“ oder „das bloße Leben“. Arg verkürzt gesagt: Hier geht’s um formale Verwandtschaften quer über Kontinente und Epochen hinweg, dort ums völlig ungeschützte, ausgelieferte Dasein in Zeiten der Globalisierung.

In derlei weitherziger Auslegung lässt sich so manche Kunstrichtung unterbringen, gern auch im Rückgriff auf die Tradition – beispielsweise ein persisches Miniaturbild aus dem 14 Jahrhundert, das wiederum mit chinesischen Überlieferungen spielt. Auffällig: Etliche Arbeiten stammen aus den rebellischen 1960er Jahren, bevorzugt von Künstlern, die irgendwann dem Betrieb den Rücken gekehrt haben, um vorwiegend politisch zu arbeiten. Da hört man ‚was trapsen.

Doch vorsichtshalber hat Buergel schon mal ein weiteres Lernziel formuliert: Falls sie nicht aus noch ein wissen, sollen die Besucher eben „das Unentscheidbare aushalten“. Wird gemacht. Aber mal ehrlich: Bildende Kunst hat man in Worten ohnehin noch nie vollends ausschöpfen können. Sonst wäre das ganze Bildermachen ja witzlos.

Die Gefährtin ist als Kuratorin mit dabei

Erstmals wird eine documenta von einem Paar geleitet. Buergel hat seine Lebensgefährtin Ruth Noack als Kuratorin mit an Bord geholt. Sie beide haben erzählt, dass sie sich bei der Vorbereitung gelegentlich heftig gestritten haben. Doch es überwiegen wahrscheinlich die wohltätigen Synergie-Effekte.

Buergel trat gestern übrigens im orangefarbenen Langärmel-Shirt vor die kulturelle Weltpresse, fast hätte man’s für die Farbe eines Sekten-Gurus halten können. Tatsächlich haben Beobachter in der Szene schon vielfach „Pfingststimmung“ ausmachen wollen, sprich: Von dieser documenta erhoffen sich angeblich viele eine Art Erleuchtung.

Ai Wei Wei holt 1001 Chinesen

Noch jede documenta hatte ihre spektakulären „Hauptbilder“. Das Spektrum reicht von Christos“ aufgeblasener „Riesenwurst“ bis zu Jonathan Borofskys himmelstürmendem Mann, von Joseph Beuys` „ 7000 Eichen“ bis zu Walter de Marias in die Tiefe gebohrtem „Erdkilometer“. Was wird es diesmal sein? Vielleicht Peter Friedls ausgestopfte Giraffe (in einem palästinensischen Zoo bei Gefechten verendet). Vielleicht auch die in ästhetischer Absicht gepflanzten Mohn- und Reisfelder. Mit dem roten Mohn hapert’s jedoch noch.

Als Favorit darf jedoch der Chinese Ai Wei Wei gelten, der 1001 Landsleute nach Kassel holt. Bisher ist nur eine kleine Vorhut eingetroffen, Ende Juni kommen die Massen. Sie alle sollen sich in der Stadt umtun und das ihnen so fremde deutsche Leben und Treiben beobachten. Klingt doch spannend.

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HINTERGRUND

Alle fünf Jahre wieder

  • Die Kasseler documenta gilt weltweit als größte und wichtigste Überblicks-Ausstellung zur aktuellen Gegenwartskunst. Seit 1972 kehrt sie im Fünfjahres-Turnus wieder.
  • Die erste documenta gab es 1955. Gründungsdirektor war Arnold Bode, der die Schau 1964 erneut verantwortete. Diesmal heißt der Leiter Roger M. Buergel (Bild).
  • Weitere Leiter mit jeweils ganz eigenen Vorstellungen: Werner Haftmann (1959), ein 24-köpfiger „Kunstrat“ (1968), Harald Szeemann (1972), Manfred Schneckenburger (1977 und 1987), Rudi Fuchs (1982), Jan Hoet (1992), Catherine David (1997) und Okwui Enwezor (2002).
  • Die documenta XII ist ab Samstag, 16. Juni, bis zum 23. September geöffnet, täglich von 10 bis 20 Uhr.
  • Zentrale Ausstellungsorte: Fridericianum, documenta-Halle, Pavillon in der Karlsaue, Neue Galerie.
  • Tageskarte 18 Euro, zwei Tage 27 Euro, Dauerkarte 90 Euro, Schulklasse 6 Euro pro Kopf. Besucherservice / Führungen: Hotline o1805 / 11 56 11.

Fotostrecke: Mehr Bilder von der documenta auf der WR-Homepage




Toll trieben es die alten Römer – Schneller, größer, weiter: „Das Buch der antiken Rekorde“ verzeichnet Unglaubliches

Von Bernd Berke

Das musste ja so kommen: Es war nur eine Frage der Zeit, dass Hitparaden-Sucht und Listen-Wahn sich auch des Altertums bemächtigen würden. Jetzt liegt das „Das Buch der antiken Rekorde“ vor. Und siehe da: Es ist bei aller Kurzweil ein recht seriöses Werk geworden.

Cecilia und Allan Klynne sind Altertumsforscher am Schwedischen Archäologischen Institut in Rom. Sie sitzen somit gleichsam an einer „Quelle“ bzw. an wichtigen Grabungsstätten. Der Band ist denn auch ein wenig Rom-lastig geraten, die Griechen und andere kommen etwas kürzer.

Aus sämtlichen Bereichen des antiken Lebens haben die emsigen Schweden allerhand Kuriosa zusammengetragen. Für jede Behauptung nennen sie die Quelle und melden selbst so manches Mal Zweifel am Wahrheitsgehalt an.

Die böseste Stiefmutter

Längst nicht alles geht als lupenreiner „Rekord“ durch. Viele Mitteilungen sind dem subjektiven Empfinden anheimgegeben, etliches lappt ins Sagenhafte hinein. Wer will schon mit Bestimmtheit sagen, welches das seinerzeit „seltsamste Pferd“ (es hatte angeblich menschenähnliche Zehen und gehörte Caesar) oder wer die „böseste Stiefmutter“ gewesen ist?

Verblüffend genug: Es gab zu jenen Zeiten ein Volk (die Dardaner), dessen Angehörige sich insgesamt nur dreimal wuschen bzw. gewaschen wurden (Geburt, Hochzeit, Tod), während der römische Kaiser Comodus täglich acht Bäder zu nehmen pflegte.

Eine Frau soll gleich viermal jeweils Fünflinge geboren haben. Ein Sizilianer konnte der Überlieferung zufolge bis zu 210 Kilometer weit spähen, ein anderer heimlicher Heros des Altertums ist angeblich an einem Tag 238 Kilometer zu Fuß gerannt. Beim „Weitsprung“ sollen antike Athleten 16 bis 17 Meter geschafft haben. Man nimmt daher an, dass es sich um eine Art Dreisprung gehandelt hat. Aber selbst dann wär’s eine famose Leistung.

Orgie mit rund 7000 Menschen

Weitaus wüstere „Höchstgrenze“: An der größten Orgie im dekadenten Rom sollen rund 7000 Menschen teilgenommen haben. Danach verschärfte der Senat die Gesetze.

Schier Unglaubliches auch im Pflanzenreich: In Nordafrika reiften damals Weintrauben von der Größe eines Säuglings. Und die Tiere? Es tobte mal ein blutiger „Krieg“ zwischen Delphinen und Krokodilen, den Letztere kläglich verloren haben sollen.

Unter der Rubrik Schauspieler/Künstler findet man diesen Wahnwitz: Caesar zahlte einem Darsteller namens Laberius für einen einzigen Auftritt eine Millionengage, der bedankte sich mit härtester Staatskritik von der Bühne herab. Ein reicher Römer ließ derweil 100 Männer kastrieren, damit sie seiner Tochter ebenso hellstimmigen wie gezwungenermaßen sittsamen Musikunterricht erteilen konnten. Ein wahrhaft schmerzlicher Rekord…

Ein Glas Landwein gab es für 2 Euro

Literaturkritik muss übrigens im 3. Jhdt. vor Christus ein gefährliches Geschäft gewesen sein. Als ein gewisser Zoilos in der Bibliothek von Alexandria seine Lyrik vorlas und dabei den Dichter Homer schmähte, wurde er auf Herrscher-Geheiß hingerichtet. Da haben es heutige Rezensenten gelegentlich leichter.

Nach bestem Wissen und Gewissen haben die Autoren Maße, Gewichte und sogar Währungen umgerechnet. Das Durchschnittsvermögen römischer Senatoren taxieren sie demnach auf rund 6 MillionenEuro. Unteres Enden der Skala: Ein Glas einfachen Landweins mag etwa 2 Euro gekostet haben. Prosit!

Allan & Cecilia Klynne: „Das Buch der antiken Rekorde“, C. H. Beck, 288 Seiten, 18 Euro.

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FAKTEN

250 000 konnten beim Pferderennen zusehen

  • Der Circus Maximus in Rom fasste bei Pferderennen 250 000 Zuschauer. Damit verglichen sind heutige Fußballstadien intime Versammlungsstätten.
  • Natürlich wird auch der größte Vulkanausbruch der Antike erwähnt: Im Jahr 79 n. Chr. zerstörte der Vesuv-Auswurf Pompeji und Herculaneum.
  • Die größte Bibliothek befand sich seinerzeit in Alexandria und hortete 700 000 Textrollen.
  • Ein Kapitel behandelt die „Sieben Weltwunder“.



Ein Amerikaner kollidiert mit französischer Lebensart – Kinofilm „2 Tage Paris“ von und mit Julie Delpy

Von Bernd Berke

Ein Amerikaner in Paris – das ist ein wohlbekanntes Muster der Kinogeschichte. Es gibt ja manche Reibungspunkte der beiden Lebensarten. Und manche Klischees. Julie Delpy greift mit ihrem Film „2 Tage Paris“ beherzt in diese Gemengelage hinein.

Die bezaubernde Französin hat diesmal vieles selbst erledigt: Drehbuch, Regie, Schnitt und Musikauswahl, darunter ein Song der Dortmunder Band „Roughtones“. Natürlich spielt Julie Delpy auch eine Hauptrolle. Und damit’s kuschelig bleibt, wirken ihre Eltern (als Eltern), eine gute Freundin (als Schwester) und ihre Katze mit.

Mit ihrem amerikanischen Freund Jack (Adam Goldberg) lebt Marion (Julie Delpy) seit zwei Jahren in New York. Auf einen gemeinsamen Venedig-Urlaub folgt nun der zweitägige Abstecher in Marions Heimat Paris. Dort bewegt sie sich wie ein Fisch im Wasser, was der des Französischen unkundige Jack zunehmend befremdet erlebt.

Vor allem gibt’s im frivolen Künstlervölkchen eine Phalanx von Ex-Liebhabern, die Marion nach wie vor an die Wäsche wollen. Wie unverblümt sie alle über intimste Details reden, Marions Vater eingeschlossen! Selbst ihre Mutter erinnert sich mit unverhohlenem Sündenstolz, wie sie es anno 1969 mit Jim Morrison von den „Doors“ wüst getrieben hat. Alles Schlampen…

Jacks Kultur- und Beziehungsschocks schwellen an bis zur Hysterie: Die Pariser Taxifahrer sind offenbar allesamt Ferkel oder Rassisten. Schon ein bisschen Schimmel an der Altbau-Wand in Marions Elternhaus regt Jack maßlos auf. Ebenso widern ihn die Schweinsköpfe auf dem Wochenmarkt an. Überall roher Schmutz und Obszönitäten, so kommt es ihm vor. Gern würde er locker bleiben. Doch immer verbissener trottet er neben Marion daher, fast wie eine jungfräulich empörte Gouvernante. Das Gezänk des Paares nimmt zu, im Bett klappt’s auch nicht mehr. Oje! Man leidet mit ihnen.

Sehr nah rückt die Kamera den Figuren zuleibe, sie fängt den Hauch und Sturm des Lebendigen ein. Mitreißend vital verdichtet sich das gar nicht mal so vielschichtige Geschehen. Formal hat sich Julie Delpy ersichtlich an ihren beiden anrührenden Filmauftritten bei Richard Linklater („Before Sunrise“, „Before Sunset“) orientiert, die ähnlich innig ums flüchtige Wohl und Wehe der Liebe kreisten. Mal inständig, mal impressionistisch flirrend.

Was aus dem Paar wird? Es kommt zur unvermeidlichen Aussprache. Und zur Frage, ob Marion nach all ihren Trennungen noch eine weitere verkraften will. Eine seltsame männliche „Fee“ (Daniel Brühl!) hat Jack schon vorher die Dauerhaftigkeit dringlich ans Herz gelegt: Vom Leben bleibe am Ende nichts – bis auf die Menschen, denen man in Liebe zugetan war.

Also, ihr beiden, besinnt euch. Vielleicht sogar auf immer.




Tagtraum vom unaufhörlichen Kreislauf des Lebens – George Taboris Stück „Gesegnete Mahlzeit“ bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Wenn Bühnenfiguren Dirty Don, Professor Geil und Amanda Lollypop heißen, so deutet dies auf Farce und Slapstick hin. Damit jongliert George Taboris neues Stock „Gesegnete Mahlzeit“ denn auch.

Doch eigentlich ist diese Uraufführung (Koproduktion: Berliner Ensemble und Ruhrfestspiele) eine Etüde aufs Leben und Sterben. Mal wehmutig, mal koboldhaft, fast immer hellsichtig – manchmal bis über den Horizont des irdischen Daseins hinweg. Und in den besten Momenten erklingt die Sprache hier als schiere, vom eindeutigen Sinn losgelöste Musik.

Der schwerkranke Tabori (92) selbst hat (von seiner Bettstatt aus) die Inszenierung begleitet. Der Text ist an der Oberfläche klar gegliedert. Drei Akte: Frühstück, Mittagessen, Abendmahl. Doch Tabori stellt den Tagtraum, die Freiheit des Erinnerns und Vergessens, über die chronologische Ordnung.

Biographische Partikel verglühen wie ein Feuerwerk

Partikel aus (s)einem langen Autorenleben steigen auf und verglühen wie ein Feuerwerk. Ein Oberkellner (Peter Luppa) und ein Dramaturg (der wirkliche Dramaturg Hermann Beil) besorgen komisch-melancholische Überleitungen im biographischen Variété.

Es ist weder eine sorgsame Inventur des Lebens noch gar die hehre Summe des Werkes. So etwas mögen andere liefern. Tabori ist im Herzen „Anarchist“ geblieben. Also wandelt er freigeistig zwischen (komödiantisch zugespitzter) biblischer Geschichte und dem Lob verbliebener kleiner Alltagsfreuden, zwischen Drangsal der Nazi-Zeit und erotischem Ungenügen.

Nie, so sinniert jener Schriftsteiler Dirty Don nach angeblich 20 000 Affären, habe er es vermocht, „eine Frau liebend zum Lachen zu bringen“. Die Hure Lollypop (Margarita Broich) soll ihm nun den finalen Orgasmus verschaffen.

Das ursprüngliche Chaos des Schöpfungsaktes

Wie eine Zahnrad-Mechanik schnurrt die Zeit ab. Professor Geil (fast mafios, vielleicht gar der Tod persönlich: Gerd Kunath) nennt sie zunächst unentwegt minutengenau. Dirty Don (äußerlich wirr, zuweilen seherisch: Veit Schubert) liegt anfangs zu Bette. Er erwacht zwischen tonnenweise aufgeschichteten, beschriebenen Papieren. In diesem Ursprungs-Chaos fließen Schöpfungsakt und Vergänglichkeit ineins. Dem drohenden Tod bietet Don mit Phantasien von Zeugung und Geburt Paroli. Beschworen und gepriesen wird das Leben als ewiger Kreislauf, nicht als endliche Linie.

Im burlesken Mittelteil geht’s etwas ausufernd um den vom Geld strangulierten Geist – anhand eines Knebelvertrags, den ein schmieriger Filmmogul dem Autor aufdrängt. Tabori hat einst Drehbücher in Hollywood verfasst.

Anspielungen auf Proust, Beckett und Kafka

Der Anleihen sind viele: Dirty Don (überdies ein entkräfteter Nachfahre des Don Juan) nimmt zum Frühstück Tee und Kekse – wie einst der bettlägerige Marcel Proust, als der sich auf die „Suche nach der verlorenen Zeit“ begab. Auch Samuel Beckett ist nah, dessen greise Figur Krapp in „Das letzte Band“ per Magnetophon seine Lebensphasen Revue passieren ließ. Manche Prise Kafka ist drinnen – ui ein paar Quäntchen Brecht.

Trotz alledem ist die ganze Legierung unverkennbar aus Taboris lichtem Geiste geschaffen. Das in Scherz und Ernst traumwandlerisch präzis aufeinander eingepegelte Ensemble lässt diesen Geist schimmern und leuchten.

Bei den Ruhrfestspielen nur noch am 12. Mai (Recklinghausen, Bürgerhaus Süd, Karten 0180/11 11 021). Ab 15. Mai am Berliner Ensemble.




„Berliner Orgie“: Im schäbigen Garten der Lüste

Vor seinen Feldforschungen für dieses Buch hat Thomas Brussig nach eigenem Bekunden nie ein Bordell betreten. Das ganze Milieu der käuflichen Sexualität war ihm völlig fremd.

Der Autor wird in „Berliner Orgie” nicht müde zu betonen, wie unwissend und „unschuldig” er sich ans Thema herangepirscht habe. Er bescheinigt sich selbst „die köstliche Freiheit des Naiven” und stellt klar, dass es auch im Verlauf seiner jetzigen Recherchen kein einziges Mal zum Äußersten gekommen ist. Das hatte er vorher seiner Frau versprechen müssen. Ist ja schon gut. Jetzt wissen wir’s: Brussig („Sonnenallee”) ist offenkundig kein Asphaltdichter, sondern ein Gegenbild zu abgebrühten, szenekundigen Poeten wie etwa Wolf Wondratschek.

Brussig hat sich also staunend in diversen Rotlicht-Vierteln und Sexhandels-Bezirken der Hauptstadt umgetan. Seine Wege führen vom miesen Straßenstrich bis zum vermeintlichen Edelpuff, von der schummrigen Kontaktbar über die Escort-Agentur bis zum weitläufigen Swingerclub und in Porno-Kinos.

Die Namen der Stationen lauten branchenüblich verheißungsvoll: „Lustgarten”, „Sexyland”, „Artemis”, „La Folie”, „Tempel-Oase” oder „Villa Venus”. Doch hinter den glitzernden Fassaden sieht’s oft ganz anders aus. Wer hätte das gedacht? Mal ehrlich: Ein guter Journalist hätte mindestens ebenso tragfähige Ergebnisse erzielt. Doch Brussigs Name macht sich natürlich besser auf einem Buchdeckel. Wofür Schriftsteller sich früher allerdings geniert hätten: Er war im Auftrag des Berliner Springer-Boulevardblattes „B. Z.” unterwegs. Der Zeitungsverlag zahlte die Spesen. Problem des Autors: Fast überall war’s schwierig, Quittungsbelege zu bekommen. Jedenfalls erhoffte sich die Zeitung wohl knackige Resultate.

Die liefert Brussig freilich kaum. Vielfach schildert er redlich und nüchtern die schäbige Ödnis der Etablissements, in denen meist routiniertes Abzocken (Nepp mit Schampus & Co.) angesagt ist. Die Metropole Berlin erscheint dabei vielfach als trübes, ja nahezu „totes” Gelände – und das zur angeblich so brünstigen Zeit der Fußball-WM 2006. Vom Weltstadt-Knistern keine Spur. Aus Brussigs Streifzügen erwächst denn auch ein (weitgehend negativer) Stadtführer; stets werden die besuchten Adressen benannt.

Zuweilen gibt sich Brussig geradezu rührend gestrig. Herkömmliches „Anbaggern”, so meint er, bestehe hieraus: „Kreide fressen, Mit-Blumen-Antraben, den Romantiker mimen, Schwüre schwören usw.” Ist das wirklich noch so? Immer erst glühende Schwüre, bevor es lustvoll ins Bett geht?

Beim Sex für Geld hingegen, so Brussig, herrsche allemal Sachlichkeit. Hier hätten die Frauen das Heft in der Hand, sprich: Die Huren bestimmen die Regeln. Klingt fast nach Befreiung – und ist sicherlich nur der kleinere Teil der Wahrheit. Übrigens glaubt Brussig den Mädchen und Damen des Gewerbes auch ihre standardisierten Lebensgeschichten, als könnten es keine Legenden sein.

Nur zweimal lässt sich der literarische Berichterstatter zur Begeisterung hinreißen. Nach einem Stelldichein im Swingerclub sinniert er: „Die Orgien haben starken Eindruck auf mich gemacht.” Über ein anderes Lusthaus (ohne würdeloses Gefeilsche um die Preise) heißt es sogar euphorisch: „Ich habe die Zukunft der Prostitution gesehen.” Ob dieser starke Werbespruch dort wohl bald über dem Eingang prangen wird?

Thomas Brussig: „Berliner Orgie”. Piper Verlag. 205 Seiten. 16,90 Euro.




Transportmittel, Kampfmaschine und Statussymbol – Ausstellung „Pferdeopfer – Reiterkrieger“ in Hamm

Von Bernd Berke

Hamm. Pferde haben den Menschen europäischer Breiten schon seit der Altsteinzeit begleitet. Doch gezähmt wurden diese Tiere wohl erst um 2000 vor Christus. Episoden aus der langen Zwischenzeit erzählt jetzt eine archäologische Ausstellung in Hamm.

Die ältesten Funde der recht sparsam bestückten Schau sind rund 400 000 Jahre alt. Relikte von einem Rastplatz steinzeitlicher Jäger belegen, dass Pferde anfangs vor allem als Nahrung gedient haben. Lanzen, die man in Hamm zu sehen bekommt, gelten als weltweit älteste Waffen überhaupt. Damit also hat das ganze Elend begonnen.

Im Laufe der Prähistorie erging es den Pferden etwas besser: Sie wurden sogar vielfach als magische Wesen verehrt. Freilich: In solchen Zusammenhängen wurden sie oft auf Altären geopfert – und nunmehr bei kultischen Ritualen verzehrt. Aus germanischer Zeit sind viele Pferdeskelette erhalten. Die Ausstellung hat ihre Gruseleffekte.

In Schiefer geritzte Pferde-Silhouetten aus Gönnersdorf/ Eifel sind hingegen so hauchzart, dass sie erst als Bleistift-Abrieb auf Papier vollends sichtbar werden. Sie zählen zu den frühesten „Kunstwerken“ der Menschheit.

Vor rund 4000 Jahren vollzog sich die Zähmung der wilden Tiere. In der Folgezeit begann die Geschichte des Reitens und Fahrens mit Pferden. Ehedem hatten Rinder die Wagen gezogen, nun kamen Rösser an die Reihe. Übrigens: Im Norden blieben die Achsen starr, im Süden drehten sie sich mit ,dem Rade. Kann man daraus landsmannschaftliche Schlüsse ziehen?

Zaumzeug als imposantes Blendwerk

Hört sich so an, als hätte der Mensch damals endlich Vernunft im Umgang mit dem Pferd angenommen. Nichts da! Denn nun wurden die gerade mühsam gezähmten Gäule eben auch kriegerisch eingesetzt. Ein altrömisches Grabmal mit dem Bildnis eines Reiterkriegers zeugt davon. Von grimmigen Hunnen und vom ritterlichen Mittelalter ganz zu schweigen.

Belege hat Hamm (Kooperation mit dem Bremer Focke-Museum und der Krefelder Burg Linn) vor allem aus dem norddeutschen Raum bekommen, so das bronzene Rad eines Kultwagens aus Stade (um 870 v. Chr.). Manchmal muss man sich mit Rekonstruktionen behelfen. Ein Spitzenstück wie den „Sonnenwagen von Trundholm“ (Dänisches Nationalmuseum Kopenhagen) kann man nicht ausleihen, hier muss ein getreuliches Modell herhalten. Manche Nachbildungen haben wiederum wissenschaftlichen Charakter: Sie wurden eigens angefertigt, um praktisch zu erproben, wie gefundene Dinge (Sättel, Sporen, Zaumzeug) funktioniert haben.

Schließlich das Kapitel „Pferde als Statussymbole“. Es reicht von Adel und gehobenem Bürgertum bis zur heutigen Freizeitgesellschaft. Das güldene, mit Halbedelsteinen verzierte Zaumzeug eines Fürsten von Krefeld ist fürwahr imposantes Blendwerk. Manche müssen eben zeigen, wie wichtig sie sind.

Pferdeopfer – Reiterkrieger. Fahren und Reiten durch die Jahrtausende. Gustav-Lübcke-Museum, Hamm (Neue Bahnhofstr. 9). Bis 29. Juli. Di bis So 10-18 Uhr. Eintritt 6 Euro, Begleitbuch 22 Euro.




Jede Kulturhauptstadt lernt von den Vorläufern – Internationales Treffen mit Etat-Vergleich in Essen

Von Bernd Berke

Essen. Immer gern genommen: „Netzwerk“ und „Nachhaltigkeit“ lauten die Schlagworte, wenn etwas dauerhaft in Gang gesetzt werden soll. So auch jetzt beim Treffen der Kulturhauptstädte in Essen.

Das neu geknüpfte Netzwerk umfasst vorerst alle europäischen Kulturkapitalen der Jahre 2007 bis 2011. Wer künftig benannt wird, soll ebenfalls zum Kreis gehören und vom regelmäßigen Austausch profitieren. Auch aus etwaigen Fehlern der Vorläufer lässt sich etwas lernen.

Da wird etwa über den Umgang mit Politikern oder Sponsoren geredet – und über Visionen: Kultur soll europäische Wege noch mal anders bahnen als wirtschaftliche und politische Beziehungen.

Diesmal haben die Delegierten auch die Kulturhauptstadt-Etats miteinander verglichen. Und siehe da: Das doch recht kleine Linz (Österreich, 2009 an der Reihe) verfügt über 60 Millionen Euro öffentliches Geld. Essen und das Ruhrgebiet (2010) können nach jetzigem. Stand auf 48 Mio. Euro zurückgreifen. Sponsorenmittel nicht mitgerechnet. Apropos: Da wäre das Revier froh, wenn es die Marke von Liverpool (2008) erreichen könnte, wo aus Privatschatullen 12 Mio. Pfund (rund 17,6 Mio. Euro) fließen.

Glasgow als leuchtendes Vorbild

Beispiel für einen Lerneffekt des Essener Treffens: Stavanger (Norwegen, 2008) hat Projektvorschläge fürs Hauptstadtjahr völlig ins Belieben gestellt und gleich über 700 erhalten, darunter etlicher Unsinn. Man musste mühsam sortieren und dabei viele Leute enttäuschen. Im Revier (500 Projekt-Ideen) hat man zeitig vorgefiltert.

Parallel mit dem Ruhrgebiet treten 2010 Pécs (Ungarn) und Istanbul (Türkei) an. Einzelheiten sind noch nicht ganz spruchreif, doch das Trio will konkrete Vorhaben miteinander umsetzen, Künstleraustausch und gemeinsame Tourismus-Werbung inbegriffen.

Wohin die Reise gehen soll, skizzierte der Kulturmanager Sir Bob Scott am Beispiel Liverpool. Ab 2008 solle die Welt anders über die Stadt mit dem bislang schäbigen Image denken. Musterbeispiel: Glasgow (1990), das sein Erscheinungsbild gleichsam runderneuert hat. Im Ruhrgebiet ist man für eine solche Erfolgsgeschichte besonders hellhörig.




Lesen vor Ort in Dortmund-Hörde – Zum Welttag des Buches: Wo kleine Läden die Stellung gegen Handelsketten halten

Von Bernd Berke

Welttag des Buches – ein Tag für die Leser. Aber auch ein Tag für den Buchhandel. Auf dem Markt geht es ruppig zu: Handelsketten machen kleinen, familiengeführten Buchläden immer öfter das Leben schwer.

Viele Geschäfte sind verschwunden, andere halten die Stellung. Ein Beispiel: die alteingesessene Buchhandlung Neumann im Dortmunder Ortsteil Hörde. Die WR sprach mit den Inhabern, Heinz-Jürgen Loheide und Tochter Claudia Krommes.

Ist Dortmund-Hörde ein guter Platz, um Bücher zu verkaufen?

Heinz-Jürgen Loheide: Wir sind mit unserem Standort zufrieden. Und wir freuen uns schon auf den Phoenix-See, der ganz in der Nähe entsteht. Der Stadtteil wird dadurch bestimmt attraktiver. Dann wird sich wohl auch der Mix des Publikums zum Vorteil verändern.

Wie sieht die Entwicklung in der Großstadt Dortmund insgesamt aus?

Loheide: Ähnlich wie im ganzen Land. Es herrscht ein Verdrängungswettbewerb, der inzwischen auch kleinere Städte erfasst. Die gesamte Dortmunder Innenstadt wird mehr oder weniger durch eine einzige Buchhandlung (Mayersche mit zwei Häusern, d. Red.) abgedeckt. Reine Freude kommt dabei nicht auf. Im Sog eines Großen muss man sich anders orientieren und sich spezialisieren. Wir verkaufen vor allem Schulbücher – auch in andere Städte. Es gibt inzwischen EU-weite Ausschreibungen für Schulbücher, deshalb können und müssen wir uns auch in weiter entfernten Regionen bewerben.

Was bedeutet der „Welttag des Buches“ für Sie?

Loheide: Im Prinzip ist es immer gut, für das Buch zu werben. Aber man muss eine Menge tun, um Resonanz zu erzielen – nicht nur am „Welttag“. Wir beraten beispielsweise Schulen beim Aufbau ihrer Büchereien…

Claudia Krommes: Gelegentlich veranstalten wir auch kleine Lesungen – oder Aktionen für Kinder. Aber: Ob der „Welttag“ wirklich hilft, wage ich fast zu bezweifeln. Es gab ja kürzlich diese Meldung, dass zwei von drei Kindern zu Hause nichts vorgelesen bekommen. Ich fürchtet dass diese Einschätzung stimmt. Da sind die Eltern viel, viel mehr gefragt. Übrigens: Kinder hören gern dieselbe Geschichte mehrmals. Da muss man nicht immer gleich ein neues Buch kaufen.

Sind Bücher denn zu teuer?

Krommes: Manche glauben das, es ist aber wohl nicht richtig. Taschenbücher liegen nach wie vor meist unter der 10-Euro-Grenze, Hardcover unter der 20 Euro-Grenze. Hörbücher werden tendenziell billiger. Und es gab zuletzt viele günstige Sonderreihen, so dass die Preise sogar im Schnitt leicht gesunken sind. Was immer noch nicht allen bewusst ist: Wegen der Buchpreisbindung sind die großen Anbieter nicht günstiger als die kleinen. Gäbe es die Preisbindung nicht, so würden nur die Großen profitieren, die beim Einkauf höhere Mengenrabatte erzielen.

Wie wichtig ist die Bestsellerliste?

Krommes: Sehr viele Leute halten sich daran. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob die gekauften Bestseller immer gelesen werden. Manches dürfte nur fürs Regal sein. Aber ich will micli nicht beschweren. Auch davon leben wir ja. Entscheidend sind immer die Wünsche der Kunden.

Sellerlisten sind aber nicht der einzige Orientierungspunkt. oder?

Loheide: Nicht, weil S i e mich das fragen, sondern weil’s wahr ist: Wenn bestimmte Bücher in den regionalen Tageszeitungen erwähnt werden, merken wir das gleich am gestiegenen Interesse. Das ist für uns wichtiger als der Auftritt eines Autors in einer Fernseh-Talkshow.

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HINTERGRUND

Katalanischer Brauch als Ursprung

  • Der Welttag des Buches geht auf eine Initiative der weltweiten Kulturorganisation Unesco zurück.
  • Ursprung ist ein alter kaltalanischer Brauch: Am 23. April, zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg, schenkt man sich dort seit jeher Rosen und Bücher.
  • Weitere Bedeutung des 23. April: Es ist der Todestag der berühmten Autoren Miguel de Cervantes und William Shakespeare.
  • Seit 1996 wird der Welttag des Buches auch in Deutschland gefeiert – mit zahlreichen Aktionen in Buchhandlungen, Verlagen, Schulen, Bibliotheken.
  • Nähere Informationen, auch zu einzelnen Veranstaltungen in der Region: www.welttagdesbuches.de

 




Wein, Weib und funkelnder Witz – „Denken wir uns“: Die letzten Erzählungen des verstorbenen Robert Gernhardt

Von Bernd Berke

Die meisten Rockgruppen machen es so: Am Beginn eines Albums stehen eingängige Titel. Robert Gernhardt (1937-2006) verfährt in seinem letzten Erzählband anders: Er stellt die vertrackteste Geschichte nach vorn. Danach wird alles leichter.

Sämtliche Erzählungen beginnen rituell mit den selben Worten: „Denken wir uns…“ Das klingt fast so traulich wie „Es war einmal“. Der Erzähler denkt sich vielerlei: den Kinderkarneval des Jahres 1944 mit ärmlichem Kostümwettstreit, den Lesesaal einer toskanischen Abtei, Delft im 17. Jahrhundert, das Weltgericht, ein junges Paar auf Bildungsreise – und das bittersüße Leben überhaupt.

Da hat ein erfahrener, seiner Wirkungen sicherer Autor noch einmal reiche Ernte gehalten und seinen Weltkreis ein letztes Mal ausgeschritten – mal munter, mal melancholisch; zwischen den Gravitationspunkten Wein und Weib, Hessen und Italien, zwischen Glück, Glanz, Ruhm und deren üblen Gegenkräften.

Tradition der fröhlichen Tafelrunde

Gernhardt belebt hier vielfach eine alte, im besten Sinne volkstümliche Erzähltradition, nämlich die einer Tafelrunde. Sprich: Ein paar Leute sitzen in der Kneipe und tischen im edlen Wettstreit Hörenswertes auf. Tendenz: feuchtfröhlich, doch auch von Weisheit durchtränkt. Lustvolle Leichtigkeit triumphiert dabei immer mal wieder über bloße Bildungshuberei. Beispielhaft wird’s in jener Episode, die uns ein närrisch verliebtes Paar im Leonardo-Museum zeigt.

Geschichten seien Gefäße für den flüchtigen Lebensstoff, heißt es an einer Stelle. Sie gehen selten bruchlos auf, auch fehlt mitunter die Pointe. Mit diesem Befund jongliert Gernhardt allerdings so, dass die Pointenlosigkeit eben doch mit Witz funkelt.

Auch etwas gröbere Mittel wendet Gernhardt feinsinnig dosiert an: Die bestürzende Wehklage des greisen mittelalterlichen Dichters Walther von der Vogelweide („Oweh, wohin sind entschwunden alle meine Jahre?“) steht im säurehaltig komischen Kontrast zu den haltlosen Aufmunterungen eines Senioren-Animateurs. Wie hohl klingen da all die sozialpädagogischen Sprüchlein!

Weil’s so schön ist, noch ein Beispiel: Überirdisch still ist es auf den Gemälden des Jan Vermeer. Gernhardt stellt sich vor, wie der Lärm des Tages in die Stube des Künstlers gedrungen sein mag. Vermeers Frau möchte putzen und stürmt samt Kinderschar herein. Töchterchen Saskia will gleich Papas Terpentin austrinken, und überhaupt geht’s hoch her.

Schluss mit dem Krach. Sie mögen ruhen in Frieden. Vermeer – und Gernhardt.

Robert Gernhardt: „Denken wir uns“. Verlag S. Fischer, 238 S., 18,90 €.

 




Wer auf dem Pavianfelsen oben sitzt – Elmar Goerden besorgt in Bochum die Uraufführung von Schimmelpfennigs „Besuch bei dem Vater“

Von Bernd Berke

Bochum. Heimkehr des verlorenen Sohnes, anders als in der Bibel: Als 21-Jähriger taucht ein gewisser Peter bislang ungekannten Vater auf. Der Patriarch Heinrich lebt mit diversen Frauen in der 20-Zimmer-Villa seiner Gattin draußen am Walde. Nun legt sein Sohn die allzu bereiten Weibchen reihenweise flach. So weit die Nachricht.

„Besuch bei dem Vater“ – bewusst steif und unterkühlt gibt sich der Titel. Roland Schimmelpfennig hat für seinen neuen Theatertext die Gattungsbezeichnung „Szenen und Skizzen“ gewählt. Tatsächlich ist es kein Stück im herkömmlichen Sinne, sondern ein mäanderndes Gebilde mit recht schroffen Tempowechseln. Mal gleicht der Redefluss einem munteren Bach, mal einem gestauten Gewässer. Hie und da plätschert’s leise. Der Text (den der emsige Schimmelpfennig zur Trilogie ausbauen will) wirkt streckenweise fahrig und zerstreut.

Schreckliches Logo auf dem Handy

Allerdings birgt der Stoff enorm viel „Futter“ für Schauspieler. Beinahe sensationell: Bochums Intendant Elmar Goerden, sonst lieber den Klassikern hold, liefert hier die erste Uraufführung seiner Laufbahn. Wie zwei gute alte Kumpel nahmen er und Schimmelpfennig nebst Ensemble den herzlichen Beifall entgegen. Schön und gut. Wenn Freundschaft denn den Blick nicht trübt. Goerden ist kein Zertrümmerer, er lässt Stücke stets zum Tragen kommen. So zeigen sich ihre Stärken, aber auch Schwächen.

Schimmelpfennig jongliert leichthändig mit Versatzstücken und grast zwischen Tag und Traum so manches ab: Buchstäblich bei Adam, Eva und Noah beginnen seine Streifzüge. Die biblischen Urahnen kommen als längst verlorene Bezugsgrößen zur Sprache. Zwischendurch blitzen Signale der Gegenwart auf, die freilich auch mit Vergangenheit durchwoben sind. Heinrichs Teenie-Tochter Isabel (Louisa Stroux) hantiert unentwegt mit einem Handy, auf dessen Display ein Leuchtturm-Logo wie ein KZ-Wachturm aussieht.

Menschenleere Republik dämmert herauf

Auch sonst umspielt der Text das Jetzt aus Halbdistanz. Da geht’s etwa um kinderlose Frauen in den Dreißigern, die beruflich bereits abgehängt und auf Umschulung angewiesen sind. Eine menschenleere Republik dämmert schon am Horizont. Es gibt überdies Zeichen, dass Lesekultur (Zerreißen russischer Bücher von Tolstoi & Co.) und Esskultur (keiner weiß, wie man eine Ente herrichtet) vergehen.

Angesichts der unheilschwangeren Zukunft verliert auch Heinrichs Frau Edith (Susanne Barth) die Balance. Anfangs hat die distinguierte Dame das Geschehen im Griff – wie ein Conférencier, der die Zuschauer durch einen gediegenen Abend geleitet. Doch uralte Riten und Triebe zwischen den Geschlechtern ragen hinein – und sind stärker.

In den trostlosen Stillstand der lieblos möblierten winterlichen Villa schneit also dieser angebliche Sohn Peter (übermüdet, trotzdem jugendlich vital: Marc Oliver Schulze) hinein. Woher er kommt, weiß niemand. Auf solch ein unbeschriebenes Blatt können die Frauen ihre (sexuellen) Wünsche projizieren. Alsbald beherrscht er mit maskulinem Gehabe ohne sonderlichen Aufwand die Agenda im Haus.

Qual mit dem verlorenen Paradies

Der Vater (Wolfgang Hinze) muss es geahnt haben: Gleich bei der ersten Begegnung hat er sich Peter (wenn auch noch freundlich) vom Leibe gehalten. Er spielt diesen Zwiespalt mit exquisiter Choreographie. Wie denn überhaupt die wechselnde Haltung der Figuren zueinander mitunter einem Ballett gleicht. Doch zuweilen sind es auch bloße Stellproben mit rastlosen Auf- und Abtritten.

Der Nimbus des alten Heinrich wird jedenfalls demontiert. Er ist ja auch brüchig. Seit zehn Jahren quält sich der Anglist mit einer Übersetzung von Miltons „Paradise Lost“(„Verlorenes Paradies“ – aha, aha!). Und wenn Sonja (Katja Uffelmann) in seinem Beisein eine Wildente (Achtung, Ibsen-Anspielung!) schießt, hält er dies für einen Höhepunkt seines Lebens.

Schließlich landet man quasi wieder in der Urhorde, Die beiden Männer zücken Messer und Feuerwaffen, die Frauen quieken vor Angst. Wer darf ganz oben auf dem Pavianfelsen sitzen? Ach ja, die Tünche der Kultur und Zivilisation ist eben dünn.

18., 21 .,27. April, 9, 11., 30. Mai. Tel.: 0234/3333-5555.

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ZUR PERSON

Vom Journalismus zum Theater

  • Roland Schimmelpfennig wurde 1967 geboren.
  • Er arbeitete zunächst als freier Journalist und Autor in Istanbul – ein spezieller Umweg zum Theater.
  • 1990 begann er ein Regiestudium in München und gehörte später zur künstlerischen Leitung der dortigen Kammerspiele.
  • Zwischenzeitlich war er Hausautor an der Berliner Schaubühne und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.
  • Neuere Stücke: „Fisch um Fisch“, „Die arabische Nacht“, „Push Up 1-3″, „Die Frau von früher“, „Angebot und Nachfrage“.



Kleiderhaken bürgen für Qualität – Max Goldts Buch „QQ“

Wenn man mal wieder nicht so recht weiter weiß im (Gesellschafts)-Leben, dann ist es an der Zeit, Max Goldt zu lesen. Er weist Wege, er schlägt Schneisen.

Sein neuer Band heißt „QQ”. Das Kürzel steht angeblich für „quiet quality”, also stille Güte. Nun ja. Gewiss. Der begnadete Kolumnist des Satireblattes „Titanic” steuert stets einen Schlingerkurs. Er kommt gedanklich von Hölzchen auf sonstwas, so dass man oft fürchtet: Jetzt trägt es ihn wirklich aus der Kurve, das kriegt er nicht mehr heil über die Runden. Doch man täuscht sich. Über dem assoziativen Gewimmel waltet denn doch sein gesunder Menschenverstand, der sich durch keine herrschende Meinung, keinen Trend und keinen Lifestyle blenden lässt.

Was lernen wir diesmal? Beispielsweise etwas über den Unterschied zwischen dem klugen und dem dusseligen Staunen. Zitat: „ . . . man sollte selbstdisziplinarische Maßnahmen ergreifen, um nicht an jene Grenze zu stoßen, hinter der das Staunen in Gaffen und entfesseltes Plappern übergeht.” Es folgt ein aberwitziges Beispiel: Jemand wird auf einer Party einem Moraltheologen vorgestellt, worauf man eben verschieden reagieren kann. Etwas weniger feinfühlige Variante: „Wow! Ich glaub, ich spinne: ein Moraltheologe! Ich dachte, die gäbe es nur im Fernsehen . . . Darf ich Sie mal fotografieren? Oh Schock, mein Akku ist fast alle . . .”

Mit Goldt sieht und hört man genauer hin: Da lernt man etwa den blasierten TV-Komponisten kennen, der für alle möglichen Sendeformate immerzu Mönchschöre einsetzt. Ferner geht’s um die bestürzend putzige Wesensart jener Frauen, an deren Handtaschen Teddy-Figürchen baumeln. Auch das soziale Prestige von Serien-Schauspielerinnen bei gewissen Privatsendern wird zeitdiagnostisch erörtert, es ist demnach vergleichbar mit dem eines Losverkäufers im Zoo. Wie präriehundsgemein!

Liebevoll geraten hingegen die kleinen Porträts wunderlicher alter Damen, die das Bild wahrer Großstädte laut Goldt mehr bereichern als jede schrille Jugend-Fraktion. Man schlürft dabei Formulierungen wie diese hier: „. . . während die andere mehr dem Typus des glückhaft im Eigenleben versumpften ,alten Mädchens‘ entsprach.”

Zwischendurch zerpflückt Goldt einen ebenso branchenüblichen wie bodenlosen Kritikersatz („Radikale Bestandsaufnahme des Lebensgefühls einer Generation”) in seine dummdreisten Bestandteile. Der Beitrag gehört in künftige Leitfäden für Leute, die über Kultur schreiben.

Ein Ausflug führt sodann in diverse Gaststätten. Als ein Qualitätsmaßstab wird da die Anzahl der Kleiderhaken hinzugezogen. Je mehr davon, umso solider und bodenständiger das Lokal! Sagen wir’s folglich mal so: Dieses Buch von Max Goldt ist ungelogen randvoll mit Kleiderhaken.

Max Goldt: „QQ”. Rowohlt Berlin, 156 Seiten, 17,90 €.




Wo Kummer sich auf Nummer reimt

Poesie auf Straßen und Autobahnen? Das muss wohl ein Irrtum sein, denkt man spontan. Doch dann besinnt man sich: Es sind einem – auf Lkw und Lieferwagen – unterwegs doch schon manche muntere Sprüche begegnet. Oder etwa nicht?

Wenn man zu heftig danach Ausschau hält, wird es freilich nichts. Umweltschützer, bitte weghören: Auf der Suche nach poetischen, möglichst sogar gereimten Lkw-Botschaften bin ich eigens von Dortmund nach Arnsberg und Schwerte gefahren – mit recht magerer Ausbeute. Man muss sich eben Zeit lassen und Sätze sammeln. Es könnte ja auch ein (Familien)-Spiel zum Zeitvertreib werden.

Welche Texte sieht man also auf der Autobahn? Nun, allerhand Wegweiser natürlich – und die Nummernschilder der Autos, deren Anspielungsreichtum oft vergnüglich ist – beispielsweise im österlichen Stau. Nicht alle sind ja so simpel wie DO-SE, HA-SE, OE-SE oder EN-DE.

Hier aber geht es vor allem um die Aufschriften der Lastkraftwagen, die für Abwechslung auf langen Strecken sorgen könnten. Beim Feldversuch drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass die Tendenz zur Ernüchterung geht: Mindestens jedes dritte Lastfahrzeug, so scheint’s, führt etwas mit „Logistik” im Schilde – gern auch in coolen Verbindungen wie „intelligent logistics”, „logistic solutions worldwide” oder „temperature controlled logistics”.

Auch sonst häufen sich die Anzeichen der Globalisierung – mit ziemlich sinnfreien Prägungen wie „Innovation in motion” oder „Because we care”. Die Fahrzeuge der Filialketten sorgen für noch mehr verbalen Einheitsbrei.

Das Gros der Aufschriften ist nur sachlich: Firmenname, Branche, Internet-Adresse, Telefonnummer. Das war’s meist schon. Wo bleibt da die Vorstellungskraft? Mit lauen Sprüchen wie „Erfolgreich Hand in Hand” ist ihr kaum aufzuhelfen.
Angesichts solcher Ödnis schmunzelt man bereits, wenn eine Firma, die „Kater Planen” heißt, mit einer aufgemalten Katze wirbt. Vom Tierlaster herab grüßen glücklich lachende Comic-Schweine. Wenn man bedenkt, dass die Tour wohl geradewegs zum Schlachthof geht . . .

Von der bildenden Kunst zurück zur Literatur. Beliebt sind offenbar bescheidene Sprachspiele mit Mehrdeutigkeiten wie „Alles läuft gut” (für Mineralöl), „Der gute Ton beim Bauen” (das Material klingt freundlich mit an) oder „Carolinen – Aus gutem Grund” (die tiefe Mineral-Quelle ist eben mitgemeint).
Dann gibt’s noch die prolligen Klassiker wie diesen Lkw-Slogan: „Damen, aufgepasst: Meiner ist 18 Meter lang”. Just bei solchen Fahrzeugen prangt häufig noch das Namensschild „Manni” im vorderen Fenster. Tja, es geht doch nichts über richtig gut gepflegte Vorurteile.

Wir wollen keine Literaturtheorie daran knüpfen, aber: Auch die Abwesenheit von Text kann die Phantasie anregen. Denn was liefern eigentlich völlig unbeschriftete Lkw? Man darf rätseln und spinnen. Ebenso wie über die Worte etwa auf polnischen oder baltischen Wagen.

Mit Reimen aber haben die meisten gar nichts mehr am Hut. Früher erheiterten Slogans wie „Im Falle eine Falles / klebt Uhu wirklich alles” oder „Otto Mess / mit zwei ,s‘ / mit zwei ,o‘ / macht uns froh”. Dichter wie Peter Rühmkorf oder Robert Gernhardt haben später bewiesen, dass auch zeitnahe Lyrik Reime verträgt. Und Rolf Dieter Brinkmann hat einst mit dem „Gedicht auf einem Lieferwagen” das Genre literaturfähig gemacht. Warum also diese Nüchternheit? Kalauer frei: Dichter Nebel scheint schon der größte Dichter auf unseren Straßen zu sein. Hoho.

These: Reimschmiede jeder Güte toben sich fast nur noch auf den Lieferwagen der Handwerker aus – bevorzugt Elektriker, Installateure und TV-Reparaturfirmen. Die Verse, in denen sich „Kummer” auf „Nummer”, „fern” auf „gern” oder „verzagen” auf „fragen” reimt, sind poetisches Graubrot. Hübscher schon dies: „Ob groß, ob klein, ob steil oder flach / Mh-Mh (keine Schleichwerbung!) macht ihnen jedes Dach.” Oder: „Nur Döner macht schöner”. Und hier noch ein diamantenes Fundstück: „Zu Werner geh‘ ich gerner.”

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Sprüche im Internet:

Für Freunde der gereimten Werbelyrik gibt es eine Internet-Seite – auch mit vielen nostalgischen Sprüchen aus früheren Tagen: http://www.einzelhandelspoesie.de/
Offenbar authentische, mit Fundorten belegte Kostproben: „Beim Fußball ruft man freudig Tor! / Bei Fernsehsorgen ruft man Mohr!” Noch viel schöner: „Der Sommer naht – kauft Draht!”
Weiterer Internet-Tipp: www.ffhex.de/lkw.htm – dort werden allerlei Sprüche zum Thema Lkw gesammelt.




Eine Studentin berichtigt Beethoven – im Kinofilm „Klang der Stille“

Genies zeigt man im Kino gern so: allzeit wirr, unwirsch, nicht alltagstauglich, in einsamer Eiseskälte das Unbedingte anstrebend. Erst recht, wenn es um einen wie Ludwig van Beethoven geht. Im neuen Film „Klang der Stille“ ist’s nicht anders.

Der späte Beethoven (Ed Harris) wütet wie ein Berserker gegen die Wiener Mitwelt, die nach seinem gottähnlichen Ratschluss von Musik keine Ahnung hat. Der Junggeselle haust in einer Chaos-Bude, Rattenplage inbegriffen. In diesem Siff vollendet der Meister gerade seine „Neunte“ und das letzte Streichquartett, dessen Tonsprünge das Fassungsvermögen seiner Zeit überfordern.

Die genialisch hingekrakelten Noten müssen für die spielbare Partitur säuberlich abgeschrieben werden. Keinem traut Beethoven das zu – bis die zarte Kompositions-Studentin Anna Holtz (Diane Kruger) auftaucht. Sie wagt es gleich beim ersten Kopierversuch, eine seiner Notenfolgen zu „berichtigen“, denn er habe das doch gewiss anders gemeint, als es da steht . . .

Beethoven schluckt seinen Zorn herunter, denn er sieht ein: Dieses Elfenwesen kennt seine Werke und ist wirklich recht begabt. Also darf sie ihm Tag für Tag dienlich sein. Sie erblüht im Abglanz des Tonschöpfers – und entfernt sich innerlich von ihrem heimlichen Liebhaber, einem Architekten, der (wie Beethoven wettert) nur „seelenlose“ Brücken entwirft.

Jetzt die frauenbewegte Seite des Films: Beethoven ist als Mann in seiner Epoche befangen. Deshalb muss er sich weibliche Konkurrenz vom Halse halten. Beispielsweise, indem er sie schockiert. Ungeniert zeigt er Anna seinen blanken Hintern, um das Wort „Mondscheinsonate“ zu illustrieren. Und als sie ihm scheu ihre eigenen Kompositionsversuche zeigt, verhöhnt er sie dröhnend. Natürlich will uns die Regisseurin bedeuten, dass eine Frau gegen derlei Widerstände ihren Traum verwirklichen soll. Jaja, ist schon korrekt.

Wie man weiß, war der Meister damals schon fast völlig taub. In diesem Film wirkt es freilich nicht existenziell, sondern eher anekdotisch. Wie denn überhaupt die Grenze zum Geschmäcklerischen öfter gestreift wird. Regisseurin Agnieszka Holland hat einen Hang zu weichgespülten Genrebildern, die der extremen Hauptperson gerade nicht entsprechen.

Ed Harris muss derlei Defizite durch forcierte Darstellung wettmachen. Augenrollend herrscht er alle an, die ihm nicht zum genialen Willen sind. Im Widerspiel mit Anna Holtz wird daraus eine bewährte Rollenverteilung: die Schöne und das Biest.

Immerhin hat der Film auch ein paar große Momente. Sie fließen vor allem aus der grandiosen Musik. Davon inspiriert, findet Agnieszka Holland auch schon mal zu bewegenden Sequenzen. Wenn Anna Holtz die Uraufführung der „Neunten“ rettet, indem sie dem tauben Beethoven vordirigiert, wirkt die gestische Zwiesprache im verzückten Wogen der Töne wie eine geschlechtliche Vereinigung der beiden. Für derlei Lebenslagen gibts eben nicht nur Ravels „Bolero“.




Melancholischer Reigen der einsamen Menschen – Kinofilm „Herzen“ vom Altmeister Alain Resnais

Von Bernd Berke

Schnee. Schnee. Schnee. An den Nahtstellen dieses Films schneit es unentwegt; nicht nur draußen, sondern häufig – so wirkt es – bis in die Zimmer hinein. Doch obwohl Altmeister Alain Resnais in „Herzen“ lauter einsame Menschen zeigt, fallen die Flocken nicht etwa als Zeichen für Seelenkälte.

Vielmehr gibt das weiße Gestöber der Bilderfolge eine durchweg flüchtige Gestalt. Ein weiteres, häufig wiederkehrendes Element der festeren Art sind jene Wände und Gitter, hinter denen die Menschen sich hier häufig verbergen. Dass keiner sich preisgeben mag, ist insgeheim ein Hauptthema dieses großartig besetzten, formbewussten und vielschichtigen Films.

Die episodische Handlung ist als Reigen aus 54 Sequenzen angelegt. Fast kaum zu glauben, dass die Theater-Vorlage vom britischen Komödien-Vielschreiber. Pariserisch ist das Flair, alles Britische wurde getilgt, Melancholie weht durch jede Szene.

Nicole (Laura Morante) und Dan (Lambert Wilson als arbeits- und antriebsloser Mann, der stets in derselben Bar versackt) sind reif für die Trennung. Trotzdem suchen sie noch halbherzig eine neue Wohnung. Quälend die fruchtlosen Besichtigungen. Herzzerreißend ihr Unvermögen, miteinander zu reden.

Nach religiösen Liedern kommt der heiße Striptease

Die Handlung gleitet nun hin und her – zunächst zum etwas linkischen Wohnungsmakler Thierry (André Dussollier). Er lebt neben seiner nicht minder einsamen Schwester Gaëlle (Isabelle Carré) her, die abends in Lokalen trübsinnig auf Annoncen-Bekanntschaften wartet. Der Makler himmelt unterdessen seine Kollegin Charlotte (Sabine Azéma) an. Die wiederum ist fromm, hegt aber eine heimliche Lust an der Versuchung: Erst inständig beten, um sich dann der Sünde auszuliefern. Charlotte leiht dem Makler Video-Kassetten mit religiösen Liedern. Doch wenn die aufgenommenen TV-Sendungen enden, beginnt plötzlich ein heißer Striptease mit Gestöhne. Sollte sie etwa selbst…?

Barkeeper Lionel (Pierre Arditi), bei dem besagter Dan Stammgast ist, braucht mal wieder eine neue Pflegerin für seinen kranken, immerzu Obszönitäten sabbernden Vater – und engagiert just Charlotte für die langen Abende. Wie die ach so fromme Frau wohl mit dem polternden Lustgreis zurande kommt?

Gebannt verfolgt man, wie all diese Verlorenen und Vergessenen in die Ascheresten ihrer Gefühle pusten. Um jede Figur herum gibt es so etwas wie einen Strahlenkranz der Einsamkeit. Doch eine freundliche Geste genügt, um ihre verborgenen Hoffnungen zu wecken. Vor Verletzungen flüchten sie in Verzicht, Lüge und Versteckspiel. Man ahnt: Samt und sonders haben sie viel mehr Leben in sich, als sie zeigen können. All das lässt dieser Film mit weiser Zurückhaltung anklingen. Unaufdringlich, daher doppelt eindringlich.




Martin Walser wird 80: Panoptikum der Mittelschicht

Handelsvertreter, Chauffeur, Werbefachmann, Studienrat, Leitender Angestellter einer Zahnersatz-Firma. Schon ein Auszug aus der Berufsliste, die Martin Walser in seinen Romanen erkundet, lässt ahnen: Hier ist einer durch etliche Untiefen des Kleinbürgertums gewatet. Der literarische Schwerarbeiter wird morgen 80 Jahre alt.

Der Gastwirtssohn vom Bodensee hat, wenn schon kein literarisches Universum, so doch ein schattierungsreiches Panoptikum der deutschen Mittelschicht errichtet.

Des Kleinbürgers ständiger Zwiespalt ließe sich analog zur Bundesliga skizzieren: mal Abstiegsangst, mal Überlegenheits-Phantasien. Mit Walsers Büchern, angefangen bei den famosen „Ehen in Philippsburg” (1957) und der Anselm-Kristlein-Trilogie („Halbzeit”, „Das Einhorn”, „Der Sturz” – 1960 bis 1973), kann man das Innenleben solcher Gestalten mit allen Anpassungsnöten und Versagensängsten nachfühlen.

Walser zeigt Menschen, die halbwegs „nach oben” gekommen sind, am dringlichsten nach ihrem Zenit – in Phasen des Innehaltens, wachsender Isolation, eben bei der „Seelenarbeit” (Roman, 1979) des Scheiterns. Bezeichnend auch der Titel des Romans von 2006: „Angstblüte”. Dieser botanische Ausdruck meint das allerletzte Aufblühen vor dem Vergehen.

Dieser Schriftsteller will aber auch im Wort bewahren, was noch nicht vollends beschädigt ist. Anfangs mit ätzender Schärfe registrierend, verfolgt Walsers Prosa später ein „Rettungs-Programm”. Ungestillte Sehnsucht nach Harmonie tritt gelegentlich (etwa in „Der Lebenslauf der Liebe”, 2001) redselig, ja fast kitschig hervor. Oder ist es milde Altersweisheit, die gelten lässt und gönnt?

Wie viele große Autoren, so wurzelt auch Walser in einer Region. Was Dublin für Joyce war, Köln für Böll und Danzig für Grass, ist der Bodensee für Walser. Doch all diese Ortschaften erweitern und verdichten sich in den Büchern zur Welt.

Regional verwurzelt,
doch politisch
stark verwandelt

Auch dies wird man nebenbei erwähnen dürfen: Walsers vier Töchter Franziska, Alissa, Johanna und Theresia verkörpern in Literatur, Schauspiel und Malerei eine derart geballte Kreativität, wie sie zuvor allenfalls in Thomas Manns Familie zu finden war.

Zu Zeiten des Vietnamkrieges hegte Walser noch Sympathien für den Kommunismus („Die Gallistlsche Krankheit”, 1972). Wer hätte damals gedacht, dass er einmal als CSU-Gastredner in Wildbad Kreuth auftreten würde? Folgte er ehedem einem sozialistischen „Auftrag” an die Literatur, so hält er sich nun längst an geistige Leitfiguren wie Nietzsche und Heidegger.

Sehr zeitig hat Walser das Schmerzliche an der deutschen Teilung verspürt und benannt. Man müsse diese „Wunde” offen halten, befand er 1987. Seine Romane „Dorle und Wolf” (1987) und „Die Verteidigung der Kindheit” (1991) umkreisten abermals das Themenfeld.

Wer von Walser spricht, muss seine Paulskirchen-Rede von 1998 erwähnen, die seinem Ruf ungemein geschadet hat. Was als intime Äußerung im kleinen Kreis vielleicht hinnehmbar gewesen wäre, geriet zum öffentlichen Debakel. In seiner Dankrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verstieg sich Walser in ein Lamento gegen die „Instrumentalisierung des Holocaust” und verbat sich jede moralische Belehrung über die NS-Verbrechen.

Für manche klang es, als wolle der Autor die deutsche Schuld relativieren. Man kann schwerlich in seinen Kopf schauen: Doch eine solche Ungeheuerlichkeit hat er wohl nicht im Sinn gehabt. Auch als er 2002 in „Tod eines Kritikers” gegen seinen Lieblingsfeind Marcel Reich-Ranicki anging, war dies eher ein unbedachter Zungenschlag, eine Geschmacksverirrung.

Wahrhaftig liest sich hingegen Walsers Auseinandersetzung mit dem NS-Alltag im autobiographischen Kindheits-Roman „Ein springender Brunnen” (1998). Als hätte Goethe es geahnt: „Bilde, Künstler, rede nicht!”




Goethe: Liebe, Geld und weise Worte

Kinder, wie die Zeit vergeht: Goethes Tod ist morgen auch schon wieder 175 Jahre her. Ist denn nicht alles über ihn gesagt? Offenbar sind nicht mehr die ganz großen Würfe über den angeblich größten Dichter der Deutschen gefragt, sondern eher anregende „Häppchen” zu Werk und Leben. Gepflegte Lektüre-Anstöße für eilige Leser. Dabei muss es ja nicht bleiben.

Der Germanist Gero von Wilpert rückt mit seinem vergnüglichen Buch „Die 101 wichtigsten Fragen – Goethe” dem Phänomen recht nahe. Was man da lernt! Der Dichterfürst war im Altersdurchschnitt 1,74 Meter groß – so viel zum Thema „Größe”. Wir erfahren, wie der Olympier sich in verschiedenen Phasen seines Lebens gekleidet hat (teils ziemlich geckenhaft); dass er 12 bis 20 Prozent (!) seines Jahreseinkommens für Wein ausgegeben hat, aber ein unwirscher Raucher-Feind gewesen ist. Auch Hunde und Brillen hat er gehasst.

Weiter geht’s mit dem historischen Tratsch: Goethe hatte angeblich wenig Humor, schlief für gewöhnlich etwa von 22 Uhr bis 5 Uhr morgens, besaß rund 6500 Bücher, war Pazifist, verabscheute Revolutionen, verschmähte vermutlich Sex ohne Anflug von Liebe (die ihn freilich manchmal rasch ereilte). Er hat leidlich gezeichnet, war aber unmusikalisch.

Goethe hat stets knallhart mit seinen Verlegern verhandelt. Wie hoch waren seine literarischen Gesamteinnahmen zu Lebzeiten? Nun, sie werden auf 140 000 Taler geschätzt, was etwa 5 Millionen Euro entspräche. Und wie weit ist er gereist? Insgesamt rund 40 000 Kilometer, für die damalige Zeit beachtlich. Aber in den Metropolen Paris, London und Wien ist er nie gewesen. Doch als junger Mann wäre er um ein Haar nach Amerika ausgewandert.

Genug, lieber Gero von Wilpert, an dieser Stelle erst mal genug! Nur noch ein nettes Anekdötchen. Goethe trat als Intendant des Weimarer Theaters zurück, weil gegen seinen Willen ein Hund auf der Bühne erschien . . .

Zwei weitere Bände wollen uns die Goethe-Lektüre anhand von konzentrierten Auszügen schmackhaft machen. Holger Noltze, der an der Dortmunder Uni Musikjournalismus lehrt, offeriert das Bändchen „Goethe für die Westentasche”, alphabetisch nach Sachgebieten geordnet. Die 56 Kapitel (jeweils strikt auf zwei Seiten begrenzt, wie zähneknirschend mag Noltze da zuweilen gekürzt haben!) sollen ganz verschiedene Zugangswege eröffnen. Aufs Stichwort Internet folgt hier Iphigenie. Das genüsslich schweifende Interesse am Gegenstand findet dabei nicht nur Hauptstrecken, sondern auch ein paar exquisite Nebenwege. Wir finden hier übrigens auch die ersehnte Vergleichsziffer zur Körpergröße: Während Goethe – wie gesagt – 1,74 maß, brachte es Schiller auf 1,81 Meter. Jetzt wissen wir’s.

Manfred Wolf geht in „Leser fragen – Goethe antwortet” gleichfalls nach dem Alphabet vor. Auch dieser Band ist gewiss als Anregung, nicht als Ersatz für die eigentliche Goethe-Lektüre gemeint. Der Zitatenschatz reicht von Aberglaube und Alter bis Zufall und Zustand. Die Fragen werden gestellt, als befinde sich Goethe im Interview. Dann antwortet er mit seinen weisen Sentenzen.

Aus dem reichen Fundus hier drei Beispiele. Goethes gereimter Rat im politischen Streit: „Nichts wird rechts und links mich kränken, / Folg ich kühn dem raschen Flug; / Wollte jemand anders denken, / Ist der Weg ja breit genug.” Übers Lesen: „Man liest viel zuviel geringe Sachen, womit man die Zeit verdirbt und wovon man weiter nichts hat.” Und zum Lebensgenuss, recht rustikal: „Ohne Wein und ohne Weiber / Hol der Teufel unsre Leiber.”

Hier vorgestellte Bücher:

Gero von Wilpert „Die 101 wichtigsten Fragen”. C. H. Beck, 166 S., 9,90 Euro.
Holger Noltze: „Goethe für die Westentasche”. Piper, 128 Seiten, 9,90 Euro.
Manfred Wolf: „Leser fragen – Goethe antwortet”. Eichborn. 128 S., 9,95 Euro.

Außerdem neu:
Goethe: „Der Mann von 50 Jahren”. Novelle. Insel-Taschenbuch, 115 S., 8 Euro.
Goethe: „Sämtliche Gedichte”. Insel, Sonderausgabe, 1141 Seiten, 15 Euro.

Daten und Fakten:

Johann Wolfgang von Goethe wurde am 28. August 1749 in Frankfurt/Main geboren. Er starb am 22. März 1832 in Weimar – morgen vor 175 Jahren.
Berühmteste Werke: „Die Leiden des jungen Werther(s)”, „Faust”, die „Wilhelm Meister”-Romane und zahllose Gedichte.
Auch naturwissenschaftlichen Ehrgeiz hat er entfaltet, so etwa bei eingehenden Studien zum Zwischenkieferknochen. Doch seine Farbenlehre fand nicht den Beifall der Fachwelt.




„Tannöd“: Plötzlich ein Bestseller

Fast schon märchenhaft: Eine bislang völlig unbekannte Autorin hat Anfang 2006 im Hamburger Kleinverlag Edition Nautilus ihr Romandebüt mit dem wenig aufregenden Titel „Tannöd” vorgelegt. Jetzt führt das Buch auf einmal die Bestsellerliste an. Woran liegt es?

Zunächst gab es im Januar für „Tannöd” den Deutschen Krimipreis. Das hat schon mal ein wenig geholfen. Viel wichtiger noch: Kurz darauf war am 19. Januar die Schauspielerin Monica Bleibtreu bei Elke Heidenreich („Lesen!” im ZDF) zu Gast. Just Bleibtreu war es, die den „Tannöd”-Text fürs Hörbuch gesprochen hat. Sie dürfte Elke Heidenreich bewogen haben, das Buch (und damit die CDs) zu empfehlen, was prompt geschah: „Fabelhaft! Ein unglaubliches Buch”, befand die Vorleserin der Nation.

Von Stund‘ an ging’s rasant bergauf. Jetzt hat der Krimi von Andrea Maria Schenkel sogar Daniel Kehlmanns Dauerbrenner „Die Vermessung der Welt” von Platz eins verdrängt. In Zahlen: 2006 wurden etwa 15 000 „Tannöd”-Exemplare verkauft, seit Januar sind laut Verlag bislang rund 85 000 hinzugekommen. Inzwischen ist die zehnte Auflage gedruckt.

Und was ist dran am Buch? Der Roman spielt Mitte der 1950er Jahre in einem entlegenen bayerischen Dorf. Inständige Stoßgebete zwischen den kurzen Kapiteln deuten darauf hin, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss. Es hebt eine ganze Reihe von Zeugenaussagen an. Nach und nach entsteht das grausame Bild einer Bluttat auf dem Tannöd-Hof.

Vor allem aber gerät der Roman zur vielstimmigen sozialen Feldstudie mit regionalem Kolorit. Hofnachbarn, Lehrer, Postbeamter, Pfarrer, Bürgermeister und viele andere äußern sich – meist misstrauisch und wortkarg. Ihre kleine Welt ist ins Wanken geraten, man munkelt von Gier und Geiz, von Inzest und anderen schlimmen Verfehlungen.

Nach dem Mord sind sie alle wie gelähmt vor Entsetzen. Dass so etwas in ihrem Ort passieren konnte! Noch dazu mitten in der Wiederaufbauzeit, als man endlich seine Ruhe haben will. Diese Ruhe aber ist höchst trügerisch . . .

Das immer dichtere Bündel der Spuren führt schließlich nicht nur zum jetzigen Täter, sondern auch zurück in den Krieg, als „Fremdarbeiter” aus Polen und Frankreich hier gelitten haben. Es lastet eine Art Fluch auf dem Dorf. Der Fluch einer allgemeinen Schuld.

„Tannöd” ist kein gewöhnlicher Krimi. Ein erstaunlicher Erstling, zielstrebig und treffsicher erzählt. Doch es kommt nicht nur auf solche Qualitäten an. Ohne Elke Heidenreichs Fürsprache hätte das Buch wohl wenig Chancen gehabt. Solcher Einfluss macht schon beinahe Angst.

Andrea Maria Schenkel: „Tannöd”. Edition Nautilus. 125 Seiten, 12,90 Euro.




Solch ein Glück ist einfach goldig

In den 80er Jahren war er ein Pop-Star, seitdem ging’s bergab. Jetzt erinnert sich ein New Yorker TV-Sender an diesen Alex Fletcher.

Doch ihm winkt nicht etwa ein Solo-Auftritt zum Comeback, sondern ein demütigendes Show-Spielchen: Gegen die Konkurrenz von „damals” soll Alex erst mal boxen. Falls er gewinnt, darf er ein Lied vortragen. Ansonsten buchen ihn nur noch billige Vergnügungsparks für lauwarme Nostalgie-Nachmittage.

Dann aber lockt die wirkliche Chance. Die jetzt allseits angesagte Pop-Prinzessin Cora Corman (Haley Bennett) hat als Siebenjährige seine Musik gehört. Nun braucht sie den neuen Superhit und zettelt einen Wettbewerb an. Problem: Alex hat seit Jahren keinen Song mehr geschrieben. Da trifft es sich, dass Sophie, die eigentlich nur seine Zimmerpflanzen versorgen soll, eine ungeahnt lyrische Ader hat. Spontan plappert sie beim Blumengießen inspirierte Zeilen vor sich hin. Nun aber drängt die Zeit. Er sorgt für die Töne, sie soll den Text zum Herzschmerz liefern. Wenn das mal gutgeht . . .

Natürlich geht es gut. „Mitten ins Herz – Ein Song für Dich” heißt der herzlich harmlose Wohlfühl-Film von Marc Lawrence („Ein Chef zum Verlieben”, „Schlaflos in New York”). Nach und nach ergibt sich alles wie im Märchen. Alex und Sophie verlieben sich. Sowieso. Ihr gemeinsamer Song wird zum Welterfolg, obwohl er eigentlich gar nicht zu Coras Image passt. Doch hier findet letztlich alles seinen Platz im harmonischen Gefüge. Ein paar kleine Seitenhiebe aufs manchmal so hohle Pop-Business fallen da kaum auf.

Freilich: Dank gekonnter Charme-Offensive von Hugh Grant (Alex) und Drew Barrymore (Sophie) lässt sich der etwas fadenscheinige Stoff verschmerzen. Die zwei sind miteinander einfach goldig.




Doppelter Kitzel mit Nazi und Porno

Will man öffentliches Ärgernis erregen oder wenigstens Aufmerksamkeit wecken, so bieten sich zwei Zutaten an: Irgendetwas mit Nazis – oder irgendetwas mit Sex. In diesem Sinne ist es günstig, wenn beides sich mischt. Idealtypisch lässt sich das jetzt am Fallbeispiel des Echos auf die Autorin Ariadne von Schirach studieren.

Der doppelte Kitzel ergibt sich hieraus: Die 28-Jährige ist Enkelin des NS-„Reichsjugendführers” Baldur von Schirach und legt nun mit „Der Tanz um die Lust” (Goldmann, 384 Seiten, 14,95 Euro) ein Buch über den pornographischen Blick vor. Nur scheinbar paradox: Sie schreibt pornographisch gegen allgegenwärtige Pornographie an.

Eine Kernthese, ausgebreitet in einer Haltung zwischen Erzählung und Essay: Das Prinzip „Porno” dominiert immer mehr und besetzt unsere Phantasien dermaßen, dass wir kaum noch zu wirklicher, selbstbestimmter Erotik finden. Ein diskussionswürdiger Ansatz. Ariadne von Schirach garniert ihn mit drastischen Passagen etwa rund um „Nippelklammern”, „Wichswettwerbe” und die daseinsfromme Formel „Ficken als Gebet”. Geschenkt. Letzteres gab es im Grunde bereits, biblisch besungen, im „Hohelied der Liebe”.

Die ätherisch attraktive Autorin kann wahrlich nichts dafür, dass sie Enkelin eines NS-Verbrechers ist. Sie hat ihn nie kennengelernt und distanziert sich sehr glaubhaft von ihm. Was der offenkundig klugen Frau ebenfalls bewusst ist: Ob sie will oder nicht – die prekäre Verwandtschaft lenkt so manchen gierigen Blick auf ihr Buch, das sie Ende letzter Woche in Berlin-Mitte vorgestellt hat. Dort also, wo sie ihre diagnostischen Beobachtungen gemacht hat, wo es angeblich so brodelt wie nirgendwo sonst in der Republik – und wo allerhand blasierte Großfeuilletonisten gern die rasch wechselnden Trends für die „digitale Bohème” ansagen. Wieviel davon wohl in Westfalen und anderen Provinzen ankommt – und in welcher Verdünnung?

Bezeichnend ist jedenfalls der zuweilen lechzende Medien-Hype, den „Der Tanz um die Lust” angestoßen hat, sprich: (Nicht nur) der Boulevard stürzt sich auf das Buch, seine Urheberin und ihren schrecklichen Großvater, der auch für Judendeportationen in Wien verantwortlich war.

„Bild” versteigt sich zu der bebenden Familien-Frage: „Was hätte der Opa der Autorin wohl dazu gesagt?” Dazu gibt’s online eine kleine Fotostrecke mit dem „Reichsjugendführer” Baldur von Schirach – mal allein, mal mit seinem Idol Hitler. Fehlt eigentlich nur noch eine hirnrissige Einlassung à la „Wenn das der ,Führer‘ wüsste . . .”

Doch auch die eher gediegene Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung leckt sich gleichsam lüstern die Lippen und steigt so ins Thema ein: „Sie ist jung, blond und die Enkelin eines Großnazis . . .” Alle Achtung, der Satz sitzt. Und steht. Nur: In der „Tageszeitung” (taz) heißt es, dass Braun ihre natürliche Haarfarbe sei. Wie irritierend.

Die Deutsche Presseagentur (dpa) sucht derweil das schaurig geile Geschehen einzuordnen und sichtet eine „Pornodebatte”, die in Berlin schon seit einiger Zeit „kultiviert” werde. Als untrügliche Beweise werden angeführt: ein „intellektuelles Porno-Filmfestival” im letzten Jahr und Thomas Brussigs neues Buch „Berliner Orgien”. Oh, Mann! In der Hauptstadt scheinen sie’s ja heftig zu treiben. Wahrscheinlich ist deswegen der neue Bahnhof schon marode.

Aber das Schlimmste kommt wohl noch: Gar nicht auszudenken, was die britischen Boulevard-Blätter aus all dem machen, wenn sie’s spitz kriegen. Nazi-Themen greifen sie sowieso mit Vorliebe auf. Erst recht (siehe oben) in todsicherer Traum-Kombi mit Porno. Da wäre man lieber des Englischen unkundig.

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INFO

  • Ariadne von Schirach wurde 1978 in München geboren – rund vier Jahre nach dem Tod ihres Nazi-Großvaters.
  • Mit 14 Jahren flog sie wegen diverser jugendlicher Verfehlungen (Blasphemie, Alkohol) aus dem Internat. Das Abi schafft sie später trotzdem.
  • Studium (u. a. Philosophie) zunächst in München, dann in Berlin.
  • Ihr Großvater Baldur von Schirach (1908-1974) war ab 1928 Führer des NS-Studentenbundes, ab 1931 „Reichsjugendführer”, ab 1933 „Jugendführer des Deutschen Reiches”, später Gauleiter in Wien. 1946 bei den Nürnberger Prozessen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt.



Jenseits der bloßen Ästhetik – Bundeskongress der Kunstpädagogen in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Die letzten Treffen gab’s in München und Leipzig, nun ist Dortmund an der Reihe: An der Uni und im Harenberg City-Center tagt von morgen bis Sonntag der Bundeskongress der Kunstpädagogen.

Welche Themen stehen auf der Agenda der rund 300 Teilnehmer? Die WR fragte den Dortmunder Kunstwissenschaftler Prof. Klaus-Peter Busse, der beim Kongress federführend ist.

In der wahrlich vielzitierten Pisa-Studie, bei der deutsche Schüler bekanntlich im Schnitt nicht geglänzt haben, seien die ästhetischen Fächer (Musik, Kunst) gar nicht berücksichtigt worden, sagt Busse. Also wollen die Kunsterzieher jetzt selbst eine Standortbestimmung vornehmen. Ein wachsendes Problem, doch auch eine Chance ist offenbar die kulturelle Verschiedenheit in den Klassenzimmern. Busses Wunsch: „Man sollte Fremdheit aushalten und ins Produktive wenden.“

In manchen Kulturkreisen herrscht gar ein religiös motiviertes „Bilderverbot“. Das dürfte herkömmlichen Kunstunterricht nicht gerade begünstigen. Busse erklärt, dass künstlerisches Denken zunehmend auch ohne (fertige) Bilder gelehrt werde. So etwa bei der Stadtteilarbeit und in Jugendzentren. Da gehe es eher um genaue Wahrnehmung („Wo leben wir eigentlich?“) und fruchtbare Phantasien zur Umgestaltung städtischer Räume. Auch Formen der Aktionskunst spielen eine Rolle.

Das Kongress-Motto beschwört etwas wolkig „Das (Un)vorhersehbare in kunstpädagogischen Situationen“. Damit dürften auch Störungen im Unterricht gemeint sein. Busse: „Im Fach Kunst sind manche ,Störungen‘ sogar erwünscht, weil sie die Kreativität fördern können.“

An neueren Bildwelten kommen auch Kunstlehrer nicht vorbei. Akuten pädaogischen Handlungsbedarf sieht Busse in Sachen Computerspiele und Handy-Videos. Mit den darin häufig enthaltenen (Gewalt)-Botschaften würden Kinder und Jugendliche bislang oft allein gelassen. Ein Themenfeld, das weit über bloße Ästhetik hinaus reicht.




Bauer sucht genügsame Frau

Nach dem Tod seiner Frau (Kurzschluss des Melk-Apparates!) kommt der französische Landwirt Aymé nicht allein zurecht. In die Waschmaschine füllt er pfundweise Pulver ein – und merkt nicht, dass unterdessen eine Katze in die Trommel gesprungen ist. Sein Kühlschrank ist stets gähnend leer. Und überhaupt sieht das Haus nicht gerade picobello aus. Tja. Männer.




„Lonely Hearts Killers“: Schwarzes Loch in der Seele

Ray ist ein kleiner Gauner, der einsamen Frauen das Ersparte abschwatzt. Der Heiratsschwindler hätte so halbseiden und ölig weitermachen können, wenn er nicht eines Tages Martha getroffen hätte.

Sie verwandelt sein Leben in einen blutigen Thriller. Todd Robinsons Film „Lonely Hearts Killers“ (etwa: „Mörder der einsamen Herzen“) kommt entschieden stilisiert daher – vom buckligen Auto bis zur kargen, schnoddrigen Sprache im Retro-Design gehalten. Es geht denn auch um wahre US-Kriminalfälle aus den späten 1940ern, genauer: um eine grausame Mordserie an allein lebenden Damen, die per Inserat zärtlichen Anschluss gesucht hatten. Das war ihr Verhängnis, denn sie gerieten an den Gigolo Ray (Jared Leto) und seine angebliche Schwester Martha (Salma Hayek).
Ray hat auch Martha abzocken wollen.

Doch diese Frau, die ebenfalls auf eine seiner Lockanzeigen geantwortet hat, ist ein Vollweib und keineswegs altjüngferlich wie seine sonstigen „Objekte“. Zudem hat sie kein Geld, das er ihr abluchsen könnte – und sie ist ihm weitaus überlegen, weil besonders kaltblütig. Als Zehnjährige ist sie missbraucht worden. Seither hat sie ein steinernes Herz. Sie durchschaut Rays betrügerische Machenschaften sofort. Und sie will raus aus dem Armuts-Dreck. Also stachelt sie ihn zu weiteren Taten an – und steigert sie entsetzlich.

Die beiden haben sich blitzartig ineinander verliebt, nein: verkrallt. Fortan geht sie mit ihm auf Frauensuche. Doch wehe, wenn er es bei seinen Flirts zu weit treibt. Dann knallt Martha die Dame kurzerhand ab und tarnt es als Selbstmord. Völlig bedenkenlos. Es ist keine gewöhnliche Eifersucht, sondern bedingungslose Besitzgier aus existenzieller Verlassenheit heraus, ein „schwarzes Loch“ in der Seele.

Vielleicht gibt es nur einen, der dieser Furie ebenbürtig ist: den Polizisten Elmer Robinson, dessen Frau sich vor Jahren in der Badewanne das Leben genommen hat. Dies erhitzt ihn noch einmal für die jetzigen Mordfälle. Er mag auch hier nicht an Selbsttötung glauben – und ermittelt immer hartnäckiger. John Travolta, gedrungen, waidwund, irgendwo zwischen Resignation und Sprungbereitschaft, zwischen Betäubung und Hellsicht, gibt diesem „Bullen“ markante Gestalt. Sein finales Psycho-Duell mit Martha ist ziemlich gigantisch. Danach ist er freilich so erschöpft, dass er sich ins harmlose Privatleben mit Freundin und Sohn zurückzieht. Welch ein Eskapismus.

Schon die Anfangsszene hat vor der Todeszelle gespielt. Detailversessen wird später die Hinrichtung des mörderischen Paares gezeigt. Die Krämpfe auf dem elektrischen Stuhl wirken wie ein Exorzismus, die Austreibung des unnennbar Bösen aus der Welt. Eine befremdliche Reinigungs-Phantasie. Vielleicht liegt es daran, dass Regisseur Todd Robinson der Enkel des tatsächlichen Cops Elmer Robinson ist. Er wollte seinem Großvater ein Denkmal setzen – und hat beim Meißeln nicht immer die richtigen Stellen getroffen.




Alles ist schön – besonders das Geld / Ein Phänomen des Zeitgeistes: Heute vor 20 Jahren starb der Pop-Künstler Andy Warhol

Von Bernd Berke

Der Kerl war ziemlich unfassbar, und er gibt bis heute Rätsel auf. Eine verstörend maskenhafte Erscheinung war diese bleiche männliche Diva – mit starkem Hang zu Kommerz und Glamour, doch auch zum düsteren Inferno des Lebens. Heute vor 20 Jahren ist der legendäre Pop-Künstler Andy Warhol nach einer Gallen-Operation gestorben – unter letztlich ungeklärten Umständen.

Der vormalige, schon gegen Ende der 50er Jahre gut bezahlte Werbegrafiker hat nach 1960 gar vieles in die Kunst eingeschleust, was vorher nicht drin war. Vor allem: blanke Reklame-Ästhetik, grelle Konsum-Fetische. Und eine „coole“ Haltung, wie man sie vorher kaum gekannt hatte. Nicht nur die Kunst, auch die Gestalt des Künstlers hat sich mit ihm noch einmal schillernd gewandelt. Gelegentlich hat Warhol gar das Menschenbild überschritten und sich zum quasi maschinellen Phänomen stilisiert.

Glorienschein für die banale Welt der Waren

Bevor die Linke sich anschickte, den „Konsum-Terror“ zu geißeln, glorifizierte Warhol die banale Warenwelt mit Serienbildern von Campbell’s-Suppendosen, Cola-Flaschen und Dollarnoten, die unter seiner Hand zu Ikonen der Zeit wurden. Ehe liebreizend harmlose Hippies von befriedeten Blumenwelten träumten, vervielfältigte er 1963 ungeniert schockierende Pressefotos von Unfällen und Selbstmördern ins Riesenhafte. Und wo andere mal vorsichtig Haschisch probierten, kursierten in Warhols kaputten Kreisen ganz selbstverständlich die harten Drogen.

Andy Warhol hat sich und seine Kunst vermarktet wie niemand zuvor. Ja, er hat just Geschäfte als Kunstform gepriesen. Zitat: „Ein gutes Business ist die faszinierendste Kunst überhaupt.“ So könnte auch ein Börsen-Guru reden. Joseph Beuys behauptete, jeder Mensch könne ein Künstler sein. Warhol postulierte: „Alles ist schön.“

Anything goes – auch schon mit Videotechnik

Klingt ja wirklich tolerant, kann aber geradewegs auf Verächtlichkeit und auf fürchterliche Nivellierung hinauslaufen. Alles gilt dann gleichermaßen viel oder wenig. Warhol ist Vorläufer einer so genannten Postmoderne, die sich um ästhetische Wertigkeiten und Hierarchien nicht mehr bekümmert: Anything goes. An der Spitze des Zeitgeistes betrieb er seine Sache so multimedial, wie es seinerzeit nur irgend möglich war. Auch die Videotechnik hat er als einer der ersten Künstler genutzt. Hätte er das Internet schon gekannt, so hätte er es wohl entscheidend mitgeprägt.

In seiner New Yorker „Factory“ (Fabrik) jedenfalls, wo sich Durchgeknallte jeder Sorte unter seinem Leitstern ausleben durften, entstanden nicht nur Siebdruck-Bilder (Porträt-Motive von Monroe bis Mao) wie am Fließband. Hier tobte sich die von Warhol geförderte Rockformation „Velvet Underground“ (Lou Reed, John Cale, Nico & Co.) im Stroboskop-Gewitter aus. Warhol schuf das berühmte Bananen-Cover der finster charismatischen Gruppe.

Monströse Filme aus der „Factory“

Im Umfeld der „Factory“ entstanden monströse Filme wie etwa „Empire“ – ein achtstündiger, starrer Kamerablick auf das Empire State Building. Oder wüste Streifen mit schäbigem Porno-Touch wie „Flesh“, „Trash“, „The Chelsea Girls“ und „Blue Movie“. Es war Warhol keinesfalls wurscht, was diese chaotische Werkstatt ausstieß. Alles musste am Ende seinen Stempel tragen. Trotz allem Laissez-faire ließ er in diesem Punkt nicht mit sich spaßen. Er galt als „Kontrollfreak“.

Wie ein Vampir, der das Leben aussaugt, fotografierte Warhol alles und jeden mit seiner Polaroid-Sofortbildkamera (damals eine avancierte Apparatur), am liebsten freilich Prominenz wie etwa Brigitte Bardot oder Bianca Jagger, die er auch bei den berüchtigten Partys im New Yorker „Studio 54″ um sich scharte. Denn da witterte er stets schon den Duft des Geldes, das diese Bilder einbringen würden. Er verlangte (und bekam) alsbald um die 30 000 Dollar für jedes Porträt.

Apropos: Die Preise für seine Werke haben jüngst noch einmal enorm zugelegt. Ein Mao-Bildnis von 1972 erzielte kürzlich in New York den Rekordpreis von 17,4 Millionen Dollar. Solche Zahlen hätten Warhol sicherlich gefallen.

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ZUR PERSON

Eltern aus der Slowakei

  • Warhol wurde am 6. August 1928 als Andrej Warhola in Pittsburgh (USA) geboren.
  • Seine Eltern waren slowakische Einwanderer.
  • Mit 21 zog er nach New York, wurde Werbegrafiker und zeichnete für Magazine wie „Glamour“, „Vogue“ oder „Harper’s Bazaar“.
  • Seine erste Ausstellung als Künstler hatte er 1962 in einer Galerie in Los Angeles. Er zeigte Bilder von Campbell’s-Suppendosen.
  • 1963 gründete er die „Factory“ in New York.
  • 1968 schoss die radikale Frauenrechtlerin Valerie Solanas auf Warhol. Er wurde lebensgefährlich verletzt.
  • Später vermarktete er jene Bilder, die durch die Schüsse durchlöchert worden waren .. .

 




Die Zeit fließt still und langsam durch die Bilder – Zeichnungen und Graphiken von Malte Sartorius im Schloss Cappenberg

Von Bernd Berke

Selm/Cappenberg. „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.“ Das gute alte Goethe-Zitat trifft häufig zu. Für das künstlerische Werk von Malte Sartorius, das jetzt auf Schloss Cappenberg präsentiert wird, gilt es gleichfalls.

Früh hat Sartorius (Jahrgang 1933) erkannt, dass er als Maler scheitern würde, denn: „Ich denke nicht in der Farbe.“ Schon die schlierige Feuchtigkeit auf der Leinwand gefalle ihm an der Ölmalerei nicht, sagt er.

Also hat er er sich alsbald auf seine eigentlichen Begabungsfelder beschränkt: Zeichnung und Druckgraphik – zunächst noch mit fahlen Farben, dann in feinsten Graustufen. Darin hat es der emeritierte Professor (Kunsthochschule Braunschweig) längst zur handwerklichen Perfektion gebracht.

Seine Bilder sind geradezu auf fotorealistische Weise wirklichkeitsgetreu. Jeder Falten- und Schattenwurf, jedes Aufglimmen oder Gleißen des Lichtes sehen aus, als seien sie ganz unmittelbar da. Doch es ist Kunst, und also verbirgt sich etwas hinter der offensichtlichen Wirklichkeit.

Über 200 Arbeiten zeugen in Cappenberg von seinem präzisen Blick und von ungemein detailfreudiger Ausführung. Vor allem in Serien arbeitet dieser Künstler. Hat er einmal ein Thema für sich gefasst, so lässt er es so schnell nicht wieder los.

Oft stellt Sartorius nur ein paar Gefäße vor sich hin, breitet Textilien oder Früchte aus und zeichnet diese Stillleben dann geduldig bei wechselnden Tageszeiten. Immer wieder anders ergießt sich das Licht auf die gleichen Dinge. Es ist, als schleiche oder fließe die vergehende Zeit hindurch. Doch hier herrscht keine Verzweiflung über Vergänglichkeit, sondern milde, weise Betrachtung. Und manchmal scheinen die gezeichneten Dinge insgeheim miteinander zu flüstern.

Beim Erzählen über seinen Werdegang (schon mal wochenlang die Schule geschwänzt,, stattdessen durch Frankreich getrampt und dergleichen „Jugendsünden“) kann sich Sartorius auf Nebenwegen ausgeschmückter Einzelheiten verlieren. Durchläuft sein Schaffensprozess wohl ähnlich selbstvergessene Phasen?

Sartorius` Wahrnehmung richtet sich meist aufs Unscheinbare, bewegt sich an den Rändern des Geschehens, meidet jedes Lärmen und Getue. Selbst New Yorker Straßen finden bei ihm zu einer fast erhabenen Ruhe – all jene Mülltonnen, Feuerleitern oder Hydranten in der Stille von Sommernachmittagen. Wie auf Pinnwänden hat Sartorius Motiv an Motiv gefügt und dabei manche Bilder halb hinter anderen versteckt. Die Kunst des Weglassens.

Eine andere (Zeit)-Reise führte ihn 1989 in die entlegene chinesische Provinz Anhui, in der sich noch eine vormoderne Atmosphäre gehalten hatte. Auch hier waltet Stille. Und die angeschauten Dinge kommen einem so vor, wie es jener Filmtitel von Wim Wenders paradox besagt: „In weiter Ferne so nah.

Malte Sartorius: „Von der Suche nach Größe im Kleinen“. Selm, Sçhloss Cappenberg. Bis 20. Mai. Geöffnet Di-So 10-17 Uhr. Eintritt frei, Katalog 20 Euro.

 




Im Wettstreit um die Wirklichkeit – Wuppertaler Museum folgt Malern und Fotografen durchs „Abenteuer Barbizon“

Von Bernd Berke

Wuppertal. Anno 1849 wurde eine neue Eisenbahnlinie von Paris bis in den Wald von Fontainebleau getrieben. Was das mit Kunst zu tun hat? Eine ganze Menge. Denn fortan mussten Maler (und frühe Fotografen) nicht mehr die teuren, noch dazu engen und wackligen Postkutschen nehmen, um mit ihren sperrigen Utensilien in die Natur zu fahren.

In Scharen dampften sie nun mit dem Zug in die noch recht wilden Wälder rund um Paris. Hier im Grünen entstanden bald Künstlerkolonien, in denen man sich vorzugsweise der Freiluftmalerei widmete. Tatsächlich wäre der Impressionismus ohne diese neuen Verhältnisse nicht so entstanden, wie wir ihn kennen.

Wuppertals Von der Heydt-Museum betrachtet nun die Schöpfungen der unmittelbaren Vorläufer, die in der „Schule von Barbizon“ gipfelten. Rund 200 Leihgaben und 50 Exponate aus eigenem Besitz bietet man dafür auf. Museumsleiter Gerhard Finckh hat dem Haus eine neue Abfolge für den Rundgang und somit einen neuen „Rhythmus“ verordnet. Das zahlt sich auch bei „Abenteuer Barbizon“ aus. Trotz der zahllosen Landschaftsbilder wirkt die Schau abwechslungsreich und legt etliche Aspekte des Themas frei.

Fotografie fast gleichwertig vertreten

Werke von sieben Malern (bekannteste Namen: Jean-Baptiste Camille Corot,François Millet) und sieben Fotografen (Gustave Le Gray : u. a.) stehen im Mittelpunkt. Während die Lichtbildnerei sonst meist nur als Anhängsel gezeigt wird, ist sie hier fast gleichgewichtig vertreten. Nur muss man bei den empfindlichen alten Fotos (30 Lux Beleuchtungsstärke) genauer hinsehen als bei den Gemälden (200 Lux).

Fotografen und Maler haben seinerzeit offenbar einen recht friedlichen Wettstreit um die Wirklichkeit ausgetragen. In Barbizon schlossen sie Freundschaften und lernten voneinander. Manche Bildidee, deren Ausführung hernach in Öl prangte, dürfte auf den seinerzeit noch frischen „fotografischen Blick“ zurückzuführen sein. Etliche Maler bedienten sich bereits fotografischer Vorlagen, sie redeten nur nicht so gern darüber. Es hätte vielleicht an ihrem Genie-Status gekratzt.

Als die Realität im flirrenden Licht zerstob

Besonders aufschlussreich ist die Abteilung „Intime Landschaften“: Unter freiem Himmel gemalte Ansichten kommen nicht mehr mythologisch, anekdotisch oder sonstwie „aufgeladen“ daher. Statt dessen dominiert die puristische Nahsicht auf einzelne Phänomene, das Licht fällt natürlicher, stimmiger (und stimmungsvoller) als ehedem beim Nachvollzug im Atelier.

Den Übergang zur nächsten, heute ungleich berühmteren Stilrichtung kann man in Wuppertal bestens nachvollziehen: Denn bei den „Abenteurern“ von Barbizon konnten die Impressionisten anknüpfen. Ihnen zerstob die neu gewonnene Realität schließlich in flirrende Lichterscheinungen.

Barbizon hatte weitere Folgen: Angesichts massiver Waldrodungen für die Bahnstrecken formierten die Maler und Fotografen eine „grüne“ Bewegung. Sie gaben bedrohten Bäumen eigene Namen („Karl der Große“ usw.), um sie – gleichsam als beseelte Persönlichkeiten – zu retten.

Andererseits stimulierten gerade die Künstler den Ausflugstourismus mit ihren Bildern, die sie zuweilen im Taschenformat als Souvenirs anboten. Den Mechanismus glaubt man zu kennen: Jemand entdeckt und preist eine Naturschönheit – und leitet damit letztlich auch deren künftige Zerstörung ein.

Von der Heydt-Museum, Wuppertal (Turmhof 8). Bis 6. Mai. Di-So 11-18, Do 11-20 Uhr. Katalog 20 Euro.

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HINTERGRUND

Treffpunkt Gasthaus

  • Feuchtfröhlicher Treffpunkt der Künstler im Dörfchen Barbizon bei Paris war ein Gasthaus, die „Auberge Ganne“.
  • Barbizon wurde zum Muster vieler Künstlerkolonien, die im 19. Jahrhundert entstanden sind.
  • Die sieben wichtigsten Maler wurden „Pléiade“ (Siebengestirn) genannt.
  • Sie wurden in ganz Europa berühmt. Doch als die Impressionisten (Renoir, Manet, Monet usw.) aufkamen, gerieten die Vorläufer in Vergessenheit.
  • Das etwas zwiespältige Verhältnis der damaligen Maler zur 1839 erfundenen Fotografie formulierte der Spätklassizist Dominique Ingres: „Was für eine wunderbare Sache ist doch die Fotografie (…) aber man darf es nicht laut sagen.“

 




Alltägliche Vorfälle in schmerzlicher Nahsicht – Wilhelm Genazinos Roman „Mittelmäßiges Heimweh“

Von Bernd Berke

Dieter Rotmund ist Controller in einer Frankfurter Pharma-Firma. Doch den Vor- und Nachnamen des Finanzexperten erfährt man erst an weit verstreuten Stellen im hinteren Teil des Romans „Mittelmäßiges Heimweh“. Tatsächlich muss die neue Figur des Büchner-Preisträgers Wilhelm Genazino ihre schüttere Identität mühsam behaupten.

Der 43-Jährige lebt, getrennt von Frau und Tochter, in einem lieblos möblierten Appartment und vereinsamt dort zusehends. Buchstäblich mit Controller-Blick streift er in seiner Freizeit durch die Stadt. Das heißt, er registriert das Verhalten seiner Mitmenschen sçhmerzlich genau.

Gleich anfangs verändert ein surrealer Vorfall sein „Leben in wortloser Verdutztheit“: Abends in einer Kneipe verliert er unversehens ein Ohr. Er lässt es liegen. .Später wird er noch einen Zeh vermissen. Einfach so. Beinahe schmerzfrei. Durch diese groteske Absonderung  wird ihm die Welt noch fremder.

Was nimmt er von seiner Umgebung wahr? Immer wieder Anzeichen der Verwahrlosung im Stadtraum. Menschen „mit Gesichtern wie niedergebrannte Kerzen“. Viele kleine Peinlichkeiten. Lärm, leere Betriebsamkeit, stumpfes Sich-Abfinden mit herrschenden Zuständen. Untiefen des Angestellten-Daseins zwischen lauen Büroflirts und trostloser Blödelei. Kurzum: etliches Mittelmaß, das jede Sehnsucht dämpft.

Rotmund rückt sogar zum Abteilungsleiter auf, doch das Chefzimmer in der 14. Hochhaus-Etage steigert seine Vereinzelung. Besucht er seine Frau Edith und Tochter Susanne im Schwarzwald, so zeigen sich auch dort immer größere Risse. Einzige, halbwegs tragfähige Verbindung zur Außenwelt ist seine Vormieterin. Doch auch mit der hat es schließlich seine armselige, betrübliche Bewandtnis…

Auf Rotmunds ziellosen Gängen durch Frankfurt sammelt dieser Roman eine hohe Dosis von Alltagsgeschehen in ungemein präziser Nahansicht ein. Genazino schreibt eine immens verdichtete Prosa, deren Fluss man sich getrost anvertrauen kann. Da gibt es keinen falschen Zungenschlag, sondern stets diesen verlässlichen Grundton der Zurückhaltung und der Verwunderung. Oft nah am Rande sanften Irrsinns, doch immer bereit zum Staunen – und empfänglich für unverhoffte Aussichten auf ein besseres Weiterleben.

Wilhelm Genazino: „Mittelmäßiges Heimweh“. Roman. Hanser. 189 Seiten, 17,90 Euro.

 




Spuk zwischen den Fischkonserven – Roberto Ciulli inszeniert die Uraufführung von Wilhelm Genazinos „Der Hausschrat“

Von Bernd Berke

Mülheim. Wenn ein Stück „Der Hausschrat“ heißt, so stellt man sich seelisch auf Verschrobenes ein – etwa auf ein Zottelwesen, das aus den Wäldern in die Wohnküche verschlagen wird. So konkret kommt’s dann zwar nicht. Aber Wilhelm Genazinos Theatertext, der jetzt in Mülheim uraufgeführt wurde, ruft tatsächlich merkwürdige Gespenster wach.

Überdruss zu zweit, trostloses Altern: „Schrat“ Karl und Sophie, seit 22 Jahren verheiratet, gründeln in ihrem erstarrten Alltag. Sie strickt, er guckt einen Boxkampf im Fernsehen. Banale Verfehlungen rund um Käsebrote, Hosen, männliche Pinkel-Gepflogenheiten (im Stehen!) und Zahnbürsten kommen zur Sprache. Eine Ehekomödie der kleinen, gemeinen Vorwürfe – wie von Loriot ersonnen. Das Publikum gluckst.

Doch mehr und mehr ahnt man, wie grundsätzlich verlassen die beiden sind. Tochter Marlene mit ihrem Verfolgungswahn (leider nervtötend überdreht: Simone Thoma) potenziert noch das familiäre Unglück. Eingepfercht ins Immergleiche, hocken sie auf ihren Gefühlstrümmern. Unterdessen horten sie Berge von Fischkonserven. Bizarre Frustkäufe.

Sehnsuchtsworte wie Sansibar oder Timbuktu

Das im Stück herbeizitierte, fast anheimelnd gestrig wirkende Vokabular der Psychoanalyse („anal fixiert“) erfasst derlei Verhältnisse kaum. Nostalgische Sehnsuchtsworte wie „Sansibar“ oder „Timbuktu“ scheinen dem Geheimnis näher zu kommen.

Die Bühne in Roberto Ciullis Inszenierung ist mit Koffern vollgestellt. Keine Zeichen des Aufbruchs, sondern der angehäuften Lebenslast, doch auch der Flüchtigkeit.

Das isolierte Paar bekommt seltsam geisterhaften Besuch. Zuerst erscheint Else (Christine Sohn), unbehauste Gefährtin von Karls jüngst verstorbenem Bruder. Flugs gibt’s einen Kleider- und Rollentausch mit Sophie (Petra von der Beek). Sofort bildet sich Karl (Albert Bork) ein, er könne künftig mit der Besucherin zusammenleben. Drum fragt er sie nach Gewohnheiten: Wie oft sie heult, wann und warum. Wie und wo sie schlafen will.

Nutzlose Weisheiten großer Geister

Später erscheint seine 1 Schwester Hilde (burschikos: Rosmarie Brücher) mit Ottmar (Klaus Herzog) der im Seniorenstudium Philosophie betreibt und nun die Sprüche großer Geister von Kant bis Adorno einstreut. Nutzlose Weisheiten – angesichts der existenziellen Kinderfrage, die hier beschworen wird: „Was ist hier eigentlich los?“ Tag für Tag und überhaupt.

Meist unauffällig gleiten all diese Figuren ins Irreale. Genazino erweist sich abermals als Spezialist für die Sensationen des Unscheinbaren. Am Ende des Kreislaufs ist fast alles wie zu Beginn. Jetzt aber scheint das Ehepaar sich sanftmütiger in Resignation und Todeserwartung einzuspinnen. Traurig und rührend. Um Genazino zu zitieren: „Traurig wie ein kleiner verstopfter Salzstreuer.“

Ciulli und sein Ensemble schaukeln die menschlichen Rätsel mit sohwankendem Geschick über die Bühne. Gewiss: Schwer ist’s, das Ungreifbare zu spielen. Theatralisch fest zupackend geht’s schon mal gar nicht. Mehr Gelassenheit wäre ratsam.

Trotzdem: Wenn man das Theater verlässt, ist man mit diesem Text lange nicht fertig. Er spukt im Kopf herum.

Termine im Mülheimer Theater an der Ruhr: 24. Feb., 8. 14., 24. März. 0208/599 01 88.

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ZUR PERSON

Satirische Anfänge

  • Wilhelm Genazino wurde 1943 in Mannheim geboren.
  • Bis 1971 war er Redakteur des legendären Satire-Blattes „Pardon“.
  • Buchtitel: „Abschaffel“ (Angestellten-Trilogie, 1977-79), „Fremde Kämpfe“ (1984), „Das Licht brennt ein Loch in den Tag“ (1996), „Ein Regenschirm für diesen Tag“ (2001),„Die Liebesblödigkeit“ (2005) und „Mittelmäßiges Heimweh“ (2007).
  • 2004 erhielt Genazino den Georg-Büchner-Preis.



Die Klassik lockt mit Sex-Appeal – Während der CD-Absatz insgesamt schrumpft, wächst das Segment der E-Musik

Von Bernd Berke

Die Nachricht lässt aufhorchen: Während der CD-Absatz insgesamt seit Jahren rückläufig ist, ist der Markt für Klassikplatten zuletzt spürbar gewachsen. Woran könnte es liegen?

Die Deutschen haben 2006 rund 11 Millionen Klassik-Scheiben und damit 6 Prozent mehr gekauft als im Jahr zuvor. Der Absatz von Klassik-DVDs ist im selben Zeitraum sogar um 28 Prozentpunkte gestiegen. Auch der Klassik-Fan will seine Favoriten nicht nur hören, sondern sehen. Möglicherweise ist dies eine Nach- und Nebenwirkung der Videoclip-Kultur.

Peter Michalk, Sprecher des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft, mutmaßt: „Es gibt ja eine Renaissance der Bürgerlichkeit. Vielleicht hat der Trend zur Klassik damit zu tun.“ In diesem Zusammenhang erfahre offenbar der Musikunterricht für Kinder wieder höhere Wertschätzung. Denkbar sei also auch, dass manche Eltern Klassik-CDs erwerben, um sie ihrem Nachwuchs ans Herz zu legen.

Pop-Business prägt Konsumverhalten

Wir spekulieren mal mit: In den neuen Verkaufsziffern deutet sich wahrscheinlich an, dass das gesamte Publikum der Platten-Käufer im Schnitt etwas älter ist als früher. Klassikfans sind in der Regel gediegene Leute, die sich die meist nicht ganz billigen CDs leisten (können). Jedenfalls surfen sie wohl nur sehr selten durchs Internet, um dort Raubkopien ihrer Lieblingsmusik zu ziehen.

Andererseits ist auch diese etwas ältere Generation größtenteils mit Rock- und Popmusik aufgewachsen. Das prägt Hör-, Seh- und Konsumgewohnheiten. Da trifft es sich, dass die heutigen Klassik-Stars sich häufig wie Pop-Größen geben. Man muss hier gar nicht an wildere Vertreter wie etwa den Geiger Nigel Kennedy denken. Ein Mann wie der chinesische Pianist Lang Lang begreift sich ganz unverkrampft als Teil der weltweiten Pop-Kultur und viele andere ebenfalls. Mehr noch: Die strahlende Diva Anna Netrebko wird global glitzernd vermarktet – auf einem manchmal schmalen Grat zwischen zwischen seriöser Ausstrahlung und verhaltenem Sex-Appeal.

Auch hat sich hie .und da eine Hit- und Häppchen-Denkweise im Klassikbereich durchgesetzt. Gewisse „Format-Radios“ liefern unentwegt lediglich die „schönsten Stellen“ aus umfangreichen Werken. Nicht nur für puristische, konservative Hörer ist diese Praxis ein Graus, doch sie funktioniert im Sinne einer leichten Konsumierbarkeit.

Auch die HiFi-Technik spielt wohl eine Rolle

Wenn man sich die Plattenhüllen ansieht, ahnt man, wohin die Reise geht. Interpreten der klassischen Musik wirken längst nicht mehr so wirr-genialisch, weltenfern oder knorrig wie einst. Sie werden (mehr oder weniger dezent) erotisch in Szene gesetzt – in erster Linie natürlich die schönen Frauen der Zunft. Man denke nur an all die zierlichen Asiatinnen mit ihren schmucken Violinen. Aber auch so mancher Latin Lover spreizt sich da auf dem Cover. Imagepflege dieser Sorte ist fast schon inflationär.

Ähnliche Tendenzen zur glamourösen Oberfläche setzen sich im Literaturbetrieb gleichfalls durch. Gut aussehende Autor(inn)en haben am Markt erhöhte Chancen. Wenn sie überdies schreiben können, dürfte es in der Regel kein Hindernis sein…

Zurück zu den Klängen: Wer sich ernsthaft mit ambitionierter Rockmusik befasst, müsste sich über kurz oder lang ohnehin auch dem Jazz und der Klassik zuwenden. Hier finden sich eben die anderen Wege der Vollendung. Große, hinreißende Könner sind in all diesen Sparten zugange – um nicht gleich vollmundig von Genies zu reden.

Und noch eins kommt schließlich hinzu, nämlich die Segnungen der Technik. Wer sich eine bessere HiFi-Anlage gönnt, kommt an Klassik eigentlich gar nicht mehr vorbei. Denn die Dynamik guter Lautsprecher lässt sich mit einer Beethoven-Sinfonie ja noch mal ganz anders ausschöpfen als etwa mit den Beatles oder Beyoncé.

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HINTERGRUND

Zahl der Downloads steigt ständig

  • 2005 wurden in Deutschland insgesamt rund 124 Millionen CDs abgesetzt. Die Klassik oder so genannte „E-Musik“ hatte daran einen Anteil von immerhin rund 10 Prozent –  mit offenkundig steigender Tendenz.
  • Im ersten Halbjahr 2006 sank der gesamte Tonträger-Absatz um 3,4 Prozent. Im Vorjahreszeitraum war der Verkauf sogar um 10,1 Prozentpunkte gesunken.
  • Die abschließende Bilanz fürs Jahr 2006 wird erst Ende März vorliegen.
  • Unterdessen steigt die Zahl der Downloads im Internet Im ersten HalbJahr 2005 wurden 7.5 Millionen Einzeltracks legal heruntergeladen, im ersten Halbjahr 2006 rund 10,2 Millionen Titel.
  • Die Statistiken führt der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft.



Sons meck Chef

Ob diese Zeilen gelingen? Das wage ich zu bezweifeln. Langsam fürchte ich nämlich, dass ich zu den „Pechvögeln der Woche“ gehöre. Vielleicht sollte ich schnell noch einen Blick ins tägliche WR-Horoskop werfen. Da steht doch tatsächlich unter Steinbock: „Bereits wegen einer Kleinigkeit könnte es Ärger geben.“ Stimmt.

Meine Strähne fing mit einem kostspieligen Auffahrunfall an. Tags darauf gab der Dienst-Computer seinen Geist auf. Wahrscheinlich hat das hundsgemeine Auto ihn dazu angestiftet. Geräte-Verschwörung!

Am Wochenende ging’s unverdrossen zum schwedischen Möbelhaus. Beim Öffnen des Pakets hat mich eine tückische Metallschiene geschnitten. Keine Details. Klar, dass anderntags die EC-Karte nicht mehr am Geldautomaten funktionierte. Wozu braucht man auch den schnöden Mammon? Apropos: Am selben Morgen lag prompt Post vom Finanzamt im Briefkasten. Keine Details. Hauptsache gesund.

Wie geht es jetzt weiter? Bloß nicht geduckt auf den nächsten Vorfall warten! Sondern: Das zerzauste Karma striegeln und dann dem Schicksal froh entgegen blicken.

Wie? Was? Oh je, der Redaktionsschluss naht. Jetzt also erst mal diesen Beitrag fix zum halbwegs guten Ende bri, abschlie und fertig ma … Sons meck Chef.




Jetzt mehr Geld in den Westen lenken – In die neuen Länder sind viele Renovierungsmittel geflossen / Bei uns wurde manches vernachlässigt

Von Bernd Berke

Seit der „Wende“ sind im Osten viele bedeutende Baudenkmäler, ja komplette historische Ensembles renoviert worden. Jetzt aber müsse man den Blick wieder verstärkt nach Westen richten, wo unterdessen so manches vernachlässigt worden sei. Das sagt Prof. Gottfried Kiesow, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, im Gespräch mit der WR.

Kiesow, der unter anderem als „Retter“ von Görlitz gilt, hat in den neuen Bundesländern selbst vieles bewirkt. Doch jetzt sieht er erhöhten Handlungsbedarf – beispielsweise in Nordrhein-Westfalen. Ein konkreter Schritt: In NRW erzielte Stiftungseinnahmen aus Lotterien sollen ab sofort überwiegend für den hiesigen Denkmalschutz verwendet werden. Sprich: Es fließen nicht mehr so hohe Beträge in die neuen Länder ab.

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Blickpunkt Denkmalschutz

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Der prominente Denkmalschützer Kiesow findet es betrüblich, dass in den westlichen Bundesländern die öffentlichen Mittel für diesen Bereich vehement gekürzt worden sind: „In NRW waren es zuletzt 20 Prozent weniger, anderswo sieht es noch schlimmer aus.“ Auch Kommunen und Landschaftsverbände hätten ihren finanziellen Einsatz für Denkmalschütz vielerorts reduziert.

Schlimmer noch die Langzeit-Entwicklung. Laut Auskunft aus dem zuständigen NRW-Ministerium für Bauen und Verkehr stand dem Land Anfang der 90er Jahre noch das Dreifache für den Denkmalschütz zur Verfügung. Heute sind es jährlich nur noch 8,9 Millionen Euro – und das für für rund 77 500 erfasste Baudenkmäler.

Mehr Substanz in Westfalen als im Rheinland

Reichlich vorhandene Mittel, wenn sie in „falschen“ Händen liegen, können auch Schaden anrichten: „Geld kann Städte zerstören“, betont Gottfried Kiesow – und denkt vor allem an die Jahre des „Wirtschaftswunders“ in den frühen 1960ern, als dem Boom überall historische Bauten geopfert wurden. Doch auch in den letzten 30 Jahren ist – teilweise fast unbemerkt – ungemein viel Substanz zerstört worden.

Wo hapert es hier und heute besonders? Kiesow nennt für NRW vor allem verfallene Kirchen. Auch müsse man ein Augenmerk auf die vielen westfälischen Wasserschlösser haben, wie denn überhaupt-Westfalen an wertvollen Baudenkmälern letztlich mehr zu bieten (und zu schützen) habe als das Rheinland. Hinzu kommen Zeugnisse der Industriegeschichte und Gründerzeithäuser. Für die Erhaltung schmucker Jugendstilbauten hat Kiesow z. B. in Leipzig gefochten – nur teilweise mit Erfolg. Eine prekäre Gesetzeslage machte zeitweise den Abriss solcher Kleinode finanziell verlockender als die Sanierung; obwohl Sanierungskosten steuerlich absetzbar sind.

Städte mit „Gesicht“ bevorzugt

Umstrittene Maßnahmen wie der geplante Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses haben Kiesow zufolge nichts mit Denkmalschutz zu tun: „Das wäre vielmehr ein Neubau von heute – aus nostalgischen Beweggründen. Das Schloss müsste ja von Grund auf neu errichtet werden.“ Denkmalschutz aber setze voraus, dass noch irgend etwas von der Substanz übrig ist, die man bewahren will. Eigentlich logisch.

Mit historischen Stadtbildern können Kommunen im Wettbewerb um zufriedene Bewohner und um Firmenansiedlungen punkten. Diese Konkurrenz werde noch zunehmen, glaubt Kiesow. Bürger könnten sich eben eher mit einer Stadt identifizieren, die ein „Gesicht“ habe.

Insgesamt sei die Lage des Denkmalschutzes in Deutschland relativ glimpflich. In Westeuropa gelte man sogar als „Musterland“. Aber; „Die Polen identifizieren sich noch viel mehr mit ihrer Baukultur. Dort stehen auch noch die alten Handwerkstechniken in Blüte.“

Hat Kiesow eine Lieblingsstadt? „Ach, das ist ja, als solle man die schönste Frau wählen. Doch er nennt Görlitz, Stralsund, Wismar, Quedlinburg. Und in Westfalen schätzt er besonders Soest.

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HINTERGRUND

Nur jeder siebte Förderantrag hat Erfolg

  • Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz wurde 1985 gegründet.
  • Die grundlegenden Finanzmittel stammten aus Kreisen der Wirtschaft.
  • Weitere Erträge kommen aus Lotterie-Einnahmen, Spenden und gerichtlich verhängten Bußgeldern.
  • Prof. Gottfried Kiesow ist Mitgründer und Vorstandsvorsitzender der Stiftung.
  • Nur etwa jedem siebten Förderantrag kann die Stiftung nachkommen.
  • Zum „Tag des offenen Denkmals“ (9. Sept.) kamen 2006 bundesweit 4,5 Mio. Besucher.

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Mit Investoren muss man rücksichtsvoll verhandeln –

Kommunaler Denkmalschutz am Beispiel Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Wie bilden sich Probleme und Chancen des Denkmalschutzes in einer Stadt ab? Beispiel Dortmund. Die WR sprach mit Michael Holtkötter von der örtlichen Denkmalbehörde.

Auch auf kommunaler Ebene, so der Fachmann, hat man erhebliche Mittelkürzungen zu spüren bekommen. Das „Gießkannen-Prinzip“ habe aber alle Ressorts betroffen. „Wir sind eben keine Insel der Glückseligen.“

Immerhin habe Dortmund in den letzten 20 Jahren stets jene Landesmittel abgerufen, die es nur dann gibt, wenn die Stadt ihren gleich großen Eigenanteil leistet. 2006 schien es allerdings prekär zu werden. Zunächst sagte das Land nur einen kläglichen Betrag 3000 Euro zu. Holtkötter scherzt: „Davon hätten wir eine nette kleine Feier mit den Denkmal-Eigentümern veranstalten und sagen können: Schön war’s…“ Dann aber kam man mit großer Kraftanstrengung doch noch auf einen Gesamtbetrag von rund 40000 Euro. Nicht gerade immens viel, aber wenn man es wirksam einsetzt, mag’s noch angehen.

Manchmal lasse sich fehlendes Geld durch Ideen und Verhandlungsgeschick aufwiegen, meint Holtkötter unverdrossen. Generell sei die Arbeit der Denkmalschützer anspruchsvoller geworden. Man müsse Rücksicht auf Investoren nehmen, die sich mit dem Erwerb eines denkmalgeschützten Gebäudes natürlich keine ruinösen Folgekosten einhandeln wollen. Holtkötter stellt klar: „Was in der Denkmalschutzliste steht, ist dadurch nicht für alle Zeit vor dem Abriss geschützt.“

Trotz aller Mittelknappheit gibt es Erfolgsgeschichten: So etwa die umfassende Restaurierung des Wasserschlosses Haus Rodenberg in Dortmund-Aplerbeck. Oder neuerdings die stilgerechte Herrichtung des Südbades, eines typischen Sportbaus der späten 1950er Jahre. In der Schwebe ist noch dieser Dortmunder Fall: Ein Architekturstudent entdeckte unverhofft das Kleinod eines namhaften Bauschöpfers und informierte sogleich die Denkmalbehörde. Just am selben Tag flatterte dort der Abrissantrag des neuen Eigentümers auf den Tisch. Da ist guter Rat teuer.

Ein Großprojekt für die nächste Zeit könnte das Dortmunder „U“ sein, der markante ehemalige Brauereiturm, der nach dem Willen der Stadtspitze zur Museums-Attraktion für die Kulturhauptstadt Ruhrgebiet 2010 umgebaut werden soll – wenn denn entsprechende Landesmittel fließen. Holtkötter gibt sich zuversichtlich: Die Bausubstanz des „U“ sei „sehr solide“. Und im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs kann er sich gut vorstellen, dass finanziell Bewegung in die Sache kommt.

Überhaupt sind Industriedenkmäler ein vorrangiges Thema in Dortmund, dessen Denkmalliste immerhin rund 1200 Positionen aus diversen Epochen umfasst. Holtkötter: „Das macht die Arbeit in dieser Stadt so spannend. Es gibt die ganze Bandbreite – bis hin zum Ziegenstall des Bergmanns. Anderswo versucht man, ein Barockhaus nach dem anderen zu retten.“ Probleme, die man vielleicht dennoch manchmal gerne hätte. Denn, das räumt auch Holtkötter ein: „Romantische Denkmäler fürs Herz, die gibt’s in Dortmund kaum.“

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FAKTEN

Begrenzter Zuschuss

  • Die Städte sind zuständig für Denkmäler im privaten und städtischen Besitz. Um die Kirchen kümmert sich vorwiegend das Land.
  • Private Baudenkmalbesitzer werden mit bis zu einem Drittel der anfallenden Kosten gefördert. Die Kosten-Obergrenze beträgt 15 000 €, die Fördergrenze also 5000 €.
  • Es besteht kein Rechtsanspruch auf direkte Förderung, wohl aber auf Steuerabzug.
  • In Dortmund wurden die Mittel für Denkmalschutz seit Anfang der 90er von 150 000 auf etwa 40 000 Euro gekappt.
  • Insgesamt hat die Stadt von 1984 bis 2002 fast 2 Mio. Euro für Denkmalschutz ausgegeben.

 

 




Die im Dunkeln sieht man nicht…: Bis zu 90 Prozent deutscher Museumsschätze schlummern in Depots – Beispiel Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Kaum zu fassen, was in den Kellern der Museen schlummert: Je nach Art des Hauses lagern etwa 40 bis 90 (!) Prozent der Besitztümer in den Depots. Beileibe kein Gerümpel, sondern vielfach Reichtum, der praktisch nie gezeigt wird.

Man kann es allerdings nur schätzen, denn vielfach sind die Bestände gar nicht aufgearbeitet. Die im Dunkeln sieht man nicht. Selbst Museumsdirektoren wissen oft nicht genau Bescheid – oder wollen nichts verraten. Eine komplette Erfassung wäre jedenfalls ein aufwendiges, kostspieliges Unterfangen.

Im Dortmunder Ostwall-Museum ist die Lage allerdings in diesem Punkt günstiger. Hier kennt man auch die „unsichtbaren“ Kunstwerke recht genau. Vor etwa zwei Jahren gab’s einen herben Wasserschaden im Stammhaus. Folge: Das Depot musste an drei Behelfs-Standorte ausgelagert weiden, in denen die sorgsam verpackten Kunstwerke in drangvoller Enge verwahrt werden. Die Adressen sind natürlich geheim, fotografieren ist dort strikt untersagt.

Die Dortmunder haben die Umzüge notgedrungen zur gründlichen Inventur genutzt. Rosemarie Pahlke, stellvertretende Museumsleiterin: „Aufräumen ist immer gut. Jetzt kennen wir uns aus.“ Dabei konnte man die Bilder nach Dringlichkeit ordnen: Welche müssen zuerst restauriert werden?

Wasserschaden zur Inventur genutzt

Rund 1200 Bilder und Skulpturen besitzt das Ostwall-Museum. Hinzu kommen fast 4000 graphische Blätter, die wegen ihrer Lichtempfindlichkeit meist drunten bleiben. Nur rund zehn Prozent der Bestände können ständig gezeigt werden.

Dortmund macht daraus eine Tugend: Seit zwei Jahren zeigt das Haus im Rotations-Verfahren immer wieder andere Werke, die aus dem Depot geholt werden. Titel der Reihe, die etwas Licht in die Finsternis bringt: „Sammlung in Bewegung“. Bis zum 4. März ist Teil III zu sehen, Museumsleiter Kurt Wettengl bereitet Teil IV vor und verspricht weiterhin Qualität: „Es lohnt sich immer noch.“

Gibt es auch Depot-Stücke, die er am liebsten abgeben würde? Wettengl verneint entschieden: „Alles hat seinen Wert!“ Selbst Kunstrichtungen, die heute weniger geschätzt werden, könnten später einmal Furore machen. Auch gelte es, das Museum mit seiner eigenen Sammlungsgeschichte als Ort des Gedächtnisses zu erhalten.

Ans Thema Depot knüpfen sich Nebenaspekte. Zu denken wäre an NS-Raubkunst, nach der immer intensiver gefahndet wird – oft auf Betreiben von Anwälten, die für die Erben tätig wrden. Was mag sich in dieser Hinsicht noch in deutschen Depots befinden? Museen in Hagen, Wuppertal und Duisburg sind mit derlei Rückgabe-Forderungen konfrontiert worden, Dortmund (noch) nicht.

Filzanzug und Lollis in der Werkstatt

Ein weites Feld ist just die Restaurierung. Selbst bei guten Bedingungen können im Depot auf Dauer Schäden entstehen. Das Ostwall-Museum hat wiederum Glück im Unglück. Erstmals gibt es hier eine feste Stelle für eine Restauratorin. Anke Klusmeier versieht den spannenden Dienst zwischen Chemie, Materialkunde, Handwerk und Kunstgeschichte. Derzeit überprüft sie einige monochrome Bilder mit Argusaugen auf winzige Schadspuren. Zuweilen trügt der Schein: Ein Bild von Anselm Kiefer zeigte arge Kratzer. Recherchen ergaben freilich, dass der Künstler sie willentlich erzeugt hat.

Spezielle Sorgen bereitet „Fluxus“-Kunst der 1960er Jahre, die sich aus Stoffen des Alltags nährte. So musste in Dortmund ein löchrig gewordener Filzanzug von Joseph Beuys „geflickt“ werden. Für ein Bild von Wolf Vostell, zu dem Dauerlutscher gehören, brauchte man Ersatz. Die Lollis waren schmierig ausgelaufen. Allerdings gibt es kaum noch Lutscher, die den „historischen“ Exemplaren entsprechen. Viele Süßwaren-Firmen mussten passen. Eine konnte schließlich helfen.

Eine Dauerlösung ist das verstreute Dortmunder Depot schon wegen der weiten Wege nicht. Eine Rückkehr in den Ostwall-Keller ist ausgeschlossen. So hoffen die Museumsleute auf den großen Wurf: Falls der frühere Brauereiturm „Dortmunder U“ eines Tages zum Museum umgebaut würde, wäre wohl auch die Depotfrage gelöst.

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INFO

In Siegen wird der Platz schon knapp

  • Weiteres Beispiel: das Museum für Gegenwartskunst in Siegen, das von Eva Schmidt geleitet wird. Hier enthält das Depot u. a. Teile einer wertvollen, stetig wachsenden Privatsammlung. Der Platz wird allmählich knapp.
  • Siegen hat ein reguläres Depot mit idealen Bedingungen: konstante Temperatur (18 bis 20 Grad), optimale Luftfeuchtigkeit von 58 Prozent.
  • Im Regelfall lagern hier beispielsweise auch Bilder des Hagener Malers Emil Schumacher, die allerdings derzeit (bis zum 20. Mai) im Hause ausgestellt sind.
  • Weitere Spitzenstücke im Depot sind einige Großformate von RupprechtGeiger. Sie verschwinden dort freilich nicht für Jahrzehnte, sondern werden immer mal wieder(als Leihgaben) irgendwo präsentiert. (bw/bke)

 




Wer die Kulturhauptstadt beflügelt – Leitende Akteure der Ruhr 2010 GmbH stellten sich erstmals gemeinsam vor

Von Bernd Berke

Essen. Allzu viel Konkretes können sie naturgemäß noch nicht verraten – die frisch berufenen Leute vom Direktorium der Kulturhauptstadt 2010. Erst ab 1. April walten sie ihrer Ämter. Doch gestern, als sie sich erstmals gemeinsam öffentlich zeigten, konnte man schon mal Atmosphäre schnuppern: Und wenn nicht alles täuscht, so riecht es nach Aufbruch.

Derzeit noch WDR-Intendant, bald schon Vorsitzender Geschäftsführer der Kulturhauptstadt-GmbH: Angesichts dieser neuen Lebenslage bekennt Fritz Pleitgen: „Ich fühle mich, als wäre ich auf einen fahrenden Zug aufgesprungen. Aber ich bin noch gelenkig.“ Er habe überdies bereits gemerkt, „dass die Chemie zwischen uns allen stimmt“ – und blickt als wohlwollender Patriarch in die Runde seiner Mitstreiter bei der Ruhr 2010 GmbH. Der zweite Geschäftsführer, Essens zuletzt etwas beiseite gerückter Kulturdezernent Oliver Scheytt, pflichtet bei: „Seit Anfang Januar bin ich ein glücklicherer Mensch.“

Dieter Gorny stößt mächtig ins Horn

Überhaupt macht sich Euphorie breit. Einmütig und mit leuchtenden Augen versichern die vier neuen Sparten-Direktor(inn)en, die gleich unterhalb der Geschäftsführer angesiedelt sind, wie leidenschaftlich sie ihre neuen Aufgaben ansteuern wollen. Die (just wie Fritz Pleitgen) in Duisburg-Meiderich geborene Deutsch-Türkin Asli Sevindim (Spezialthema: Kultur und Migration) fühlt sich in erster Linie als „Ruhri“. Aus ihrem Munde klingt es nach neuen Horizonten.

Bochums Orchesterchef Steven Sloane (zuständig für die „Stadt der Künste“) kommt direkt aus Chicago und versprüht geradezu amerikanischen Optimismus im Hinblick auf die Kulturhauptstadt Ruhrgebiet. Der Musikmanager Dieter Gorny (Fachgebiet: „Kreativwirtschaft“) trifft verspätet aus Cannes ein und stößt mächtig ins Horn: „Das Ruhrgebiet ist schon jetzt eine einzigartige Metropole. Es gibt in ganz Europa keinen besseren Ort. Deshalb wohne ich immer noch hier.“

Keine „Aufmerksamkeits-Erregungs-Anstalt“

Es scheint, als hätte die Kulturhauptstadt, die Ende 2006 ein wenig kraftlos zu dümpeln schien, gleichsam über Nacht vielfache Flügel bekommen. Man hat das Gefühl: Das jetzige Team, zu dem bald noch weitere Experten stoßen werden, könnte es tatsächlich packen. Falls das Arbeitsklima auch hinter den Kulissen entspannt und begeistert bleibt wie der gestrige Kollektiv-Auftritt vor der Presse, so muss einem darum wohl nicht bange sein.

Fritz Pleitgen („Ich komme nicht als Missionar hierher“) benennt das hehre Ziel: Das Revier müsse im Zuge des Hauptstadt-Jahres 2010 als Kulturregion weltbekannt werden. Nicht mit Getöse, sondern mit Qualität und Substanz: „Wir verstehen uns nicht als Aufmerksamkeits-Erregungs-Anstalt.“ Und: „Unser Kollegium ist keine geschlossene Gesellschaft. Wir wollen alle mitnehmen auf dem Weg nach 2010.“

A April dürften sich die Programme der Kulturhauptstadt nach und nach präziser abzeichnen. Rund 400 Projektvorschläge sind bereits vorsortiert, etwa 30 davon werden bald näher unter die Lupe genommen. Fritz Pleitgen macht Tempo: „Mitte 2008 sollen die wesentlichen Programmpunkte stehen.“

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PROFILE

Ein Team mit vielen Erfahrungen

  • Geschäftsführer derKulturhauptstadt-GmbH Ruhr 2010 sind Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt.
  • Die vier Spartenchefs:
  • Dieter Gorny, geboren 1953 in Soest. 1985-1989 Leiter des Rockbüros NRW. 1989-1991 Geschäftsführer der Popkomm-Messe. 1993-2005 Geschäftsführer des Musiksenders Viva.
  • Steven Sloane, geboren 1958 in Los Angeles. Nach vielen Jahren in Israel ab 1988 Kapellmeister an der Oper Frankfurt. Seit 1994 Orchesterchef in Bochum. Zahlreiche Gastauftritte in aller Welt.
  • Karl-Heinz Petzinka, geboren 1956 in Bocholt. 1982 Architekt im Büro O. M. Ungers, Köln. 1994 Gründung des eigenen Architektur-Büros. Bauten: CDU-Bundesgeschäftsstelle (Berlin), Stadttor (Düsseldorf), Hauptverwaltung Deutsche Telekom.
  • Asli Sevindim, geboren 1973 in Duisburg. Moderatorin beim WDR, u. a.„Funkhaus Europa“, „Aktuelle Stunde“, „Cosmo TV“.



Navigation oder: Im Alltag schwindet das Abenteuer

Sie waren der absolute „Renner“ – nicht nur im letzten Weihnachtsgeschäft: mobile Navigationsgeräte fürs Auto. Fast 2 Millionen Stück hat die Industrie 2006 in Deutschland abgesetzt. Da fragt sich doch allmählich: Was bedeuten die erstaunlichen Apparate für unsere Alltagskultur?

Es ist ähnlich wie einst mit dem Handy. Als die ersten Leute es benutzten, fand man es affig. Dann hat man sich irgendwann eins zugelegt. Und heute ist kaum noch vorstellbar, wie man früher „ohne“ ausgekommen ist.

Irgendwann gönnt man sich vielleicht auch so ein tragbares „Navi“ und gewöhnt sich sogar an das piefige Kurzwort. Trotzdem ist es ein Kauf mit gemischten Gefühlen. Denn das bedeutet ja, dass man Gewohnheiten aufgibt: Nie mehr während der Fahrt fluchend in Stadtplänen blättern, nie mehr in der Patentfaltung grabbeln.

Es heißt ferner: Nie mehr die Scheibe runterfahren lassen (vom früheren Handkurbeln gar nicht zu reden), um Passanten nach dem Weg zu fragen. Nie mehr deren umständliche Beschreibungen. Wahrscheinlich (fast) gar kein abenteuerliches „Verfransen“ mehr. Da gehen einem ganze Erfahrungsbereiche verloren. Das manchmal so schöne Chaos des Alltags wird abermals geschmälert.

Überdies fühlt man sich von dem Gerät manchmal fürsorglich bevormundet. Man muss es nur mal in der „eigenen“ Stadt benutzen. Da will die kleine Bildschirm-Kiste partout besser wissen, wo es lang geht. Ha, von wegen! In Dortmund fahre ich meine Strecken so, wie ich will. Schweig stille, Navi!

Wenn man eine vorgeschlagene Strecke ignoriert, berechnet das Gerät die Fahrtroute neu. Vielleicht täuscht man sich ja, aber es wirkt dabei irgendwie nervös. Vorher will es einen aber noch zum Wenden überreden – mit jener freundlichen Frauenstimme, die jede ihrer Weisungen höflich einleitet: „Bitte – jetzt rechts abbiegen.“ Danke, verehrte virtuelle Begleiterin, wird (eventuell) gemacht.

Ob es wohl viele Menschen gibt, die mit ihrer Navigation sprechen? Man kennt es vom Computer her („Oh, nein! Mach hin!“). Ohnehin ist der Gedanke nicht absurd: Das mühsame Eintippen der Zieladresse soll bald der Vergangenheit angehören. Tatsächlich werden zur Zeit Navigations-Geräte entwickelt, die im Dialog mit dem Nutzer an der Stimmlage auch dessen Emotionen „erkennen“ sollen. Verweigern sie den Dienst, wenn man sie anblafft?

Dass Apparaturen einem das Denken abnehmen, ist sowieso schon eine machtvolle Tendenz. Man denke nur ans Auto selbst, falls es etwas neuerer Bauart ist. Für jeden kleinen Fehlgriff blinkt mindestens eine Lampe – oder es piept aufgeregt. Herrje, ein kleines bisschen Verantwortung möchte man selbst auch noch behalten, oder?

Sodann die Sache mit der „Stau-Umfahrung“. Per Zusatzantenne (prima Kabelgewirr an der Frontscheibe) empfängt die „Navi“ Verkehrsmeldungen der Rundfunksender – und will sie sogleich berücksichtigen. Schon vor kleinen Stockungen schreckt das Gerät mitunter zurück. Es führt einen auf Umwegen durch Vororte, von deren Existenz man bisher nichts geahnt hat. Das ist denn doch ein Stückchen Abenteuer. Hier darf man sich meditativ einreden: Der Weg ist das Ziel . . .

Möglicher Effekt auf Dauer: Je mehr die elektronischen Fährtensucher verbreitet sind, umso mehr Menschen werden den Stau just auf diese Weise umgehen wollen – und vielleicht alle auf denselben Ausweichstrecken landen. Aus dem Stau in den Stau. Alle Herdentiere gemeinsam.

Ein mulmiges Gefühl beschleicht einen, wenn man an die „Big Brother“-Komponente denkt, die ja ursprünglich aus der Militärtechnik herrührt: Die GPS-Satelliten im Weltraum „wissen“ praktisch metergenau, wo man gerade unterwegs ist. Da trifft mal wieder die alte Schnulze zu: Du bist nicht allein . . .

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Der Originalbeitrag stand am 12. Januar 2007 in der Westfälischen Rundschau (WR)




Die Wut des Dichters auf die ganze Welt – Neu im Kino: „Brinkmanns Zorn“

Von Bernd Berke

Ein Mann rennt rastlos umher und brüllt den Himmel an wie ein Berserker: „Elender gelber Scheiß-Himmel“. Und so weiter. Minutenlang. Mit stetig wachsender Wut.

Das ganze Dasein widert ihn an. Besondere Hasstreue fesselt ihn an seinen Wohnort Köln und all die „Fressen“, die er dort erblickt. Auch die Straßen und Häuser findet er unerträglich. Und überhaupt.

Mit ähnlichem Furor hat er die Unwirtlichkeit der Welt in seinen Texten beschworen. Der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) hat nicht nur fulminante Bücher wie „Westwärts l & 2″ hinterlassen, sondern auch stapelweise Tonbänder, auf denen er seine Leiden ausgespien hat. „Brinkmanns Zorn“ heißt der Film, der sich anmaßt, nachträglich in sein Hirn zu kriechen.

Basis sind die Tondokumente, die Brinkmann 1973 und 1975 einsam am Schreibtisch oder bei ziellosen Gängen aufgenommen hat. Wir hören also seine wirkliche Stimme: Lippensynchron agierende Darsteiler verkörpern ihn, seine Frau und den sprachbehinderten kleinen Sohn Robert.

Eckhard Rhode als Brinkmann wirkt bestürzend authentisch. Der große Unduldsame bewies nur dann Langmut, wenn er seinem Sohn das Sprechen beibringen wollte. Doch als er nur noch zürnte, verließ ihn die Frau und nahm das Kind mit.

Mit Brinkmann irrt der Zuschauer durch die wirren 70er Jahre. Der wilde Blick der Kamera krallt sich oft an mikroskopischen Details fest. Jede Kleinigkeit kann hier den Zorn auslösen. Sogar die seltsam verwaschenen Filmfarben jener Zeit hat Regisseur Harald Bergmann erzeugt. Eine innige Rekonstruktion also, die den Zuschauer tief hinein zieht – und zugleich radikal wegstößt.

Der rasende Wildwuchs der Bilder entspricht einer Flüchtigkeit, die irgendwie hinaus will aus der Welt – wie der Autor, dem auf Erden kaum zu helfen war. Oder etwa doch? In England hat er sich 1975 offenbar beruhigt. Mit anrührender Zuneigung sprach er über Cambridge und London. Umso schmerzlicher: Nach einer Lesung wurde er dort von einem Auto überfahren.




„…dann wird 2010 ein strahlendes Jahr“ – Fritz Pleitgen über seine neue Kulturhauptstadt-Aufgabe

Von Bernd Berke

Dortmund. Der noch amtierende WDR-lntendant Fritz Pleitgen will als künftiger Kopf der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet für ein nachhaltiges Ereignis sorgen, dessen Wirkung weit über das Jahr 2010 hinaus reicht. Das sagte er gestern der WR.

Er soll sein neues Amt als Vorsitzender Geschäftsführer der Ruhr 2010 GmbH am 1. April antreten. Bis dahin, so Pleitgen, warte noch viel Arbeit beim Sender: „Ich kann nach 44 Jahren beim WDR nicht einfach fluchtartig davonlaufen, sondern muss meine vielen Verpflichtungen ordentlich zu Ende bringen.“

Zwischenzeitlich werde er sich aber auch schon in Sachen Kulturhauptstadt auf dem Laufenden halten und einarbeiten – im engen Kontakt mit Oliver Scheytt, dem zweiten Geschäftsführer und Essener Kulturdezernenten. Scheytt habe sehr gute Vorarbeit geleistet.

Pleitgen verriet, er sei schon Mitte 2006 gebeten worden, den Posten bei der Kulturhauptstadt zu übernehmen. Damals habe er noch nein gesagt, weil er andere Lebensplane gehabt habe: „Ich wollte Bücher schreiben und Filme machen.“ Doch kurz vor Weihnachten hätten NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und Werner Müller (Initiativkreis Ruhrgebiet) ihn nochmals „bearbeitet“. Pleitgen versichert: Jetzt wächst die Freude auf die neue Aufgabe von Tag zu Tag. Ich werde mit Entschlossenheit ans Werk gehen.“

Konkrete Pläne für die Kulturhauptstadt würden sich mit der Zeit ergeben: „Wollte ich jetzt schon mehr sagen, wäre das unseriös.“ Fest stehe, dass das Ruhrgebiet ein außergewöhnlich vielfältiges und starkes kulturelles Potenzial besitze. Pleitgen: „Mir gefällt der Gedanke, dass man sich an Paris und London messen will.“ Wesentlich sei, dass alle an einem Strang ziehen. „Dann wird 2010 ein strahlendes Jahr.“

Der gebürtige Duisburger fühlt sich dem Ruhrgebiet eng verbunden: „Ich stamme von hier. Deswegen sind mir die Belange des Reviers natürlich nicht gleichgültig.“ Als Intendant des WDR (Pleitgen: „Der Sender ist größter Kulturfaktor im Lande“) habe er die Kulturhauptstadt bereits nachdrücklich unterstützt.

Im übrigen, so Pleitgen, sei er schon zu seinen Zeiten als ARD-Korrespondent „nie nur ein politischer Journalist“ gewesen, sondern habe stets kulturelle Themen aufgegriffen. Er sei ein Liebhaber guter Literatur, lasse sich „gern von Musik gewinnen“ und gehe mit Freuden ins Theater. Für spezielle Fachfragen werde er im Kulturhauptstadt-Team viele Experten vorfinden.

Am 15. Januar (19 Uhr) hält Fritz Pleitgen im Dortmunder Konzerthaus einen Vortrag in der Reihe „Lektionen zur Musikvermittlung“.




Neuer Schub für die Kulturhauptstadt – Sogar Oliver Scheytt wird von Fritz Pleitgens Berufung überrascht

Von Bernd Berke

Essen/Dortmund. Die Nachricht kam gestern wahrlich überraschend: Fritz Pleitgen, derzeit noch Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR), wird Vorsitzender Geschäftsführer der Ruhr 2010 GmbH und damit praktisch Chef der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet.

Sogar Oliver Scheytt, bislang alleiniger Geschäftsführer der Kulturhauptstadt-GmbH, hat bis Mitte dieser Woche nichts davon gewusst. Er hadert aber keineswegs mit der neuen Personalie. Im Gegenteil. Scheytt gestern zur WR: „Ich finde die Lösung ganz toll!“

Eine Initiative zu dem Schritt ist offenbar von RAG-Konzernchef Werner Müller ausgegangen, der als Aufsichtsratsvorsitzender der Ruhr 2010 GmbH fungiert. Die Idee, Fritz Pleitgen einzubinden, soll ursprünglich allerdings Bundestagspräsident Norbert Lammert gehabt haben. Der Bochumer gilt als intimer Kenner der Ruhrgebietskultur. An den seit einiger Zeit sehr diskret geführten Verhandlungen mit Pleitgen war schließlich auch NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers entscheidend beteiligt. Er verkündete gestern mit Essens Oberbürgermeister Wolfgang Reiniger den neuen Stand der Dinge.

Abschied vom Sender früher als geplant

Fritz Pleitgens Vertrag als WDR-Intendant reicht bis zum 30. Juni dieses Jahres. Bei der Ruhr 2010 GmbH soll er indes bereits am 1. April 2007 die Amtsgeschäfte aufnehmen. Der WDR-Rundfunkrat müsste einer vorzeitigen Vertragsauflösung zustimmen, so dass Pleitgens designierte Nachfolgerin Monika Piel entsprechend früher als WDR-Intendantin antreten würde. Sie sagte, Pleitgens Berufung sei „für ihn wie für den WDR höchst ehrenvoll.“

Es heißt, dass Pleitgen nicht ganz leichten Herzens zugesagt habe, sich der Aufgabe im Ruhrgebiet zu widmen. WDR-Sprecherin Gudrun Hindersin: „Eigentlich hatte er, eine andere Lebensplanung Er wollte frei sein von täglichen Verpflichtungen, wollte Filme machen, ein Buch schreiben.“ Jetzt aber werde er sich mit ganzer Kraft der neuen Herausforderung stellen.

Wie könnte die Aufgaben-Verteilung zwischen Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt künftig aussehen? Scheytt: „Wir haben uns jetzt ausführlich unterhalten und haben vereinbart, dass wir erst einmal alles gemeinsam machen.“ Der prominente Pleitgen werde sicherlich die großen repräsentativen Aufgaben übernehmen und etwa für Medien und Marketing zuständig sein. Scheytt selbst versteht sich als eine Art „Generalsekretär“ für die Programmarbeit der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet. Darin, dass Pleitgen ihm faktisch vorgesetzt wäre, sieht Scheytt kein Problem und scherzt: „Der Ältere hat den Vortritt.“

Jetzt bald Leitung für die Sparten benennen

Jetzt, so Scheytt weiter, könne man endlich ein schlagkräftiges Team für die Kulturhauptstadt bilden und bald Leiter(innen) für die einzelnen Sparten (beispielsweise Theater, Musik, Städtebau, Migration) benennen. „Nun geht es voran“, freut sich der Essener Kulturdezernent.

Überhaupt herrschte gestern allgemeine Freude über die veränderte Lage. Dortmunds Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer, zugleich Vorstandsvorsitzender beim Regionalverband Ruhr (RVR), zur WR: „Fritz Pleitgen kennt Land und Leute im Revier. Er ist ein großer Moderator und Kommunikator. Also ist es eine sehr gute Entscheidung. Pleitgen und Scheytt seien „ein optimales Team“.

Langemeyer verweist darauf, dass am 22. Januar noch Aufsichtsrat und Gesellschafter der Ruhr 2010 GmbH die Ernennung Pleitgens offiziell bestätigen müssen. Die Zustimmung gilt aber als sicher.

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ZUR PERSON

„Kind des Reviers“

  • Fritz Pleitgen ist sozusagen ein „Kind des Reviers“: Er wurde am 21. März 1938 in Duisburg geboren. Später lebte er zeitweise mit seiner Familie in Essen.
  • Seit 1995 ist Pleitgen Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR). Er war seinerzeit Nachfolger von Friedrich Nowottny. Pleitgens Nachfolgerin Monika Piel wird ihr Amt vermutlich zum 1. April 2007 antreten.
  • Erste journalistische Sporen verdiente sich Pleitgen bereits mit 14 Jahren als freier Mitarbeiter einer Lokalzeitung in Bielefeld.
  • Von 1970 bis 1977 war Pleitgen ARD-Auslandskorrespondent in Moskau.
  • Ab 1977 wurde er Korrespondent in Ost-Berlin, ab 1982 in Washington.

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KOMMENTAR:

Pleitgen als Kopf der Kulturhauptstadt

Befreiende Wirkung

Von Bernd Berke

Auf den ersten Blick verblüfft diese Entscheidung: Der scheidende WDR-Intendant Fritz Pleitgen soll oberster Kopf der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhrgebiet weiden.

Skeptiker mögen einwenden, dass Pleitgen kein Spezialist für Kultur sei. Aber ist das denn erforderlich? Man kann ihm jedenfalls schwerlich „Kulturferne“ vorwerfen, er sympathisiert mit den schönen Künsten – und mit der Region. Zum Team der Kulturhauptstadt 2010 werden überdies viele Fachleute gehören, die ihm beratend zur Seite stehen.

Pleitgen ist ja auch in ‚ erster Linie als Manager gefragt, der einen „großen Betrieb“ wie die Kulturhauptstadt bewegen und wirksam repräsentieren kann. Dass er dazu in der Lage ist, hat er beim WDR wahrlich längst bewiesen.

Der überraschende Besetzungs-Coup könnte sich durchaus als „Befreiungsschlag“ erweisen. Über Monate hatte sich das zähe Ringen um die Geschäftsführung hingezogen. Vor allem geisterte dabei der Name des US-Regisseurs Peter Sellars durch die Medien.

Die Revierstädte wollten sich indes keinen Glanz von außen aufdrängen lassen. Dieser Streit dürfte sich nun erledigt haben. Und damit kann endlich die harte Detailarbeit am Profil der Kulturhauptstadt beginnen.




Wenn Autoren zu Autonarren werden – Bildband folgt berühmten Schriftstellern auf Fahrstrecken und in die Garagen

Von Bernd Berke

Literarischer Geist und Technik stehen einander fremd, ja feindlich gegenüber. So weit ein gängiges Vorurteil. Ein neues Buch räumt jetzt mit dem Unsinn auf. Es handelt von berühmten Schriftstellern, die Autonarren gewesen sind.

Viele Edelfedern gaben sich freilich nicht mit einem x-beliebigen Fahrzeug zufrieden. Aldous Huxley („Schöne neue Welt“) bevorzugte die Luxusmarke Bugatti, Hermann Hesse („Steppenwolf“) hielt es mit Mercedes, für Truman Capote musste es schon ein Jaguar sein. „Dschungelbuch“-Autor Rudyard Kipling und Krimi-Schriftsteller Edgar Wallace nahmen fürstlich im Rolls Royce Platz. Sie legten wohl auch Wert auf die hohe Lauf-Kultur der Motoren.

Der Pole Witold Gombrowicz („Ferdydurke“) hingegen schält sich – wie ein Foto zeigt –  aus einer verbeulten Citroën-„Ente“. Bescheidenheit war seine Zier, wenigstens in diesem Punkt. Motorradfan Samuel Beckett („Warten auf Godot“) fuhr ebenfalls diverse „Enten“, wegen arger Sehschwäche allerdings zuweilen fast im Blindflug.

Françoise Sagan war wohl die Schnellste von allen

Ulf Geyersbach hat für seinen mit aussagekräftigen Schwarzweiß-Fotos illustrierten Band „…und so habe ich mir denn ein Auto angeschafft“ (O-Ton Thomas Mann) liebevoll gründlich recherchiert. Er folgt den Geistesgrößen gleichsam bis in die Garagen. Auch schreibt er einen gepflegten, dem Gegenstand angegossenen Stil. Und so haben wir denn ein Weihnachtsgeschenk für kluge Autofans und aufgeschlossene Literaturliebhaber.

Reichlich perlen hier die Anekdoten. Im Verhältnis zum Auto zeigt sich stets ein Stück des Charakters. Françoise Sagan („Bonjour tristesse“) war, wie auch sonst im Leben, am Steuer rastlos; eine Raserin, die kein Risiko scheute und in diverse Unfälle verwickelt wurde. Sie lenkte u. a. Modelle von Maserati und Aston Martin.

James Joyce und Carl Zuckmayer galten nicht als Fahrkünstler, sondern als Könige des eleganten Aussteigens. Wenn sich der Wagenschlag öffnete, zelebrierten sie ihre Auftritte. Vladimir Nabokov nutzte ein Oldsmobile gar als Schreibstube: Auf der Rückbank soll er seinen Skandalroman „Lolita“ verfasst haben.

Als James Joyce im Taxi Marcel Proust ins Gesicht paffte…

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ glitt Marcel Proust gern mit etlichen PS durch die Landschaft, verguckte sich in den einen oder anderen Chauffeur und billigte dem Auto erheblich mehr Poesie zu als der Bahn. Doch als der Raucher James Joyce („Ulysses“) einmal zu ihm ins Taxi stieg und den Asthmatiker Proust anpaffte, war der pikiert. Genies unter sich…

Auch Thomas Mann („Buddenbrooks“) lenkte nicht selbst. Der Patriarch ließ sich von Frau Katia und den Kindern chauffieren. Tochter Erika brachte es später immerhin zu Rallye-Erfolgen zwischen Finnland und Marokko. Ihr Vater hingegen schätzte Autos als schützende „Austern“ – gegen die Zumutungen der schnöden Welt.

Einen expliziten Auto-Verächter gibt es auch in diesem Kabinett. Robert Musil („Der Mann ohne Eigenschaften“) konnte sich freilich von seinen spärlichen Einnahmen kein Kfz leisten. So war’s wohl auch Neid eines Besitzlosen.

Sodann die Fotos! Wer etwa den feinsinnigen Österreicher Arthur Schnitzler („Reigen“)in gen“) Beifahrer mit verwegener Rennbrille und Lederkappe sieht, dem wird dieses Bild bei künftigen Lektüren kaum aus dem Kopf gehen. Prächtig auch dieses Fundstück: Bert Brecht anno 1926 in hautenger Lederkluft, die Hände lässig in den Hosentaschen, Zigarre im Mundwinkel. Kurzum: coole Pose vor seinem neuen Opel.

Ein SteyrModell bekam der findige Brecht einst vom Hersteller als Gegengabe für gereimte Werbesprüche. Von ihm stammt aber auch dieses etwas garstige Gebrauchsgedicht: „Ford hat ein Auto gebaut / Das fährt ein wenig laut. / Es ist nicht wasserdicht / Und fährt auch manchmal nicht.“ So kann selbst aus Pannen Lyrik entstehen.

Ulf Geyersbach: „.. ..und so habe ich mir denn ein Auto angeschafft – Schriftsteller und ihre Automobile“. Nicolai Verlag. 126 Seiten Großformat, zahlreiche Schwarzweiß-Abbildungen. 34,90 €.

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ZITATE

Wie in der Höhlenzeit

  • Schriftsteller-Zitate zum Autofahren:
  • „Das Mindeste, was man von einem Großschriftsteller verlangt, ist darum, dass er einen Kraftwagen besitzt.“ (Robert Musil)
  • „Autofahren ist genau so ein Talent wie beispielsweise Dichten.“ (Walter Hasenclever)
  • „Leben ohne Auto in einer Welt ohne Pferde, das ist ein wenig unbequem…“ (Rudyard Kipling)
  • „Die Großmannssucht hat uns ja nun dahin gebracht, eine sehr prachtvolle 8cylindrige Horch-Limousine zu bestellen …“ (Thomas Mann)
  • „Bald werden wir auf unsere Vor-Auto-Zeit zurückblicken, wie wir jetzt auf unsere Höhlenzeit zurückblicken.“ (Virginia Woolf, 1927)
  • „Ich verwandelte mich in einen sehr schnellen Fahrer. In Arizona sieht man kaum je einen Verkehrspolizisten.“ (Raymond Chandler).

 




„Papa mit Grill“ und die Boxenluder – ein kleiner Streifzug durch die aktuellen Spielzeug-Kataloge

Von Bernd Berke

Spielzeugkataloge blättert man doch immer wieder gern durch – nicht nur vor Weihnachten. Über manche bunten Sachen freuen sich auch Erwachsene, denn die Welt des Spielens verheißt Entspannung.

In dieser Sphäre gibt es seit Jahrzehnten ein paar Ankerpunkte. Zum Beispiel auch in den neuesten Katalogen von Lego oder Playmobil: Bauernhof und Zoo, Klinik und Eisenbahn, Polizeirevier und Tankstelle, Ritterburg und Piratenschiff. Alles ein bisschen schnittiger als früher. Die Freibeuter der Meere scheinen übrigens, wohl auch wegen des Kinohits „Fluch der Karibik“, als Spielthema wieder besonders begehrt zu sein. Kaum eine Firma verzichtet darauf. „Harry Potter“ legt hingegen eine Pause ein, auch auf dem Spielzeug-Markt.

Indianer und Dinos aber bleiben wohl unverwüstlich. Und zur Puppenbühne gehören immer noch die klassischen Figuren Kasper und Krokodil. Solche Traditionspflege wirkt anheimelnd. Auch die (wirtschaftlich gebeutelten) Modellbahn-Herstelller Märklin, Trix und Fleischmann beschwören die gute alte Zeit und bieten mit Vorliebe Züge aus den Wirtschaftswunder-Jahren an – digital aufgerüstet, versteht sich. Wahrscheinlich sind sie pünktlicher als die „richtige“ Bahn von heute. Man wird jedenfalls den Verdacht kaum los, dass sie in erster Linie für Väter hergestellt werden.

Klare Bereiche für Mädchen und Jungen

In den Spielzeug-Prospekten sieht man selbstverständlich nur aufgeweckte und allzeit fröhliche Kinder. In diesem Leben ohne Nervensägen, Langeweile und Verdruss sind die Sphären der Jungen und Mädchen sehr deutlich voneinander geschieden. Es gibt immer was zu tun: Hier werden Jungs eben als Technik-Tüftler oder Hand- und Heimwerker gezeigt. Ob sie uns später den Samstag zur Lärmhölle machen werden?

Die Mädchen kümmern sich derweil putzmunter um Spielküche und Puppenstube. Ganz selbstverständlich. Im Karstadt-Prospekt lautet die lockende Zeile so: „Süße Puppen für kleine Mamas.“ Von wegen „neue Väter“ der Zukunft. Verfechter einer „politisch korrekten“ Pädagogik (Anhänger wertvollen Holz-Spielzeugs) wenden sich mit Grausen. Aber die Verwandtschaft schenkt ja doch, was diese Eltern nicht gutheißen.

Schon die Farbgebung signalisiert es: Wenn die Rosa-Töne anschwellen, sind garantiert Spielsachen für Mädchen dran. Kämmbare Pferdchen mit langer blonder Mähne, Barbie & Co, die herzallerliebste „Kutsche für 12 Prinzessinnen“. Das ganze Programm. Nicht wenige Mädchen entwickeln später trotzdem ästhetisches Empfinden. Womöglich sind sie ja irgendwann zu Lehrreichem wie dem Memory „Weltkulturerbe“ (ab 8 Jahre!) sanft überredet worden?

Bei näherem Hinsehen fallen im Stapel der Kataloge nette Details auf: So gibt es etwa die alltagsnahe Spielfigur „Papa mit Gril“ und zum Krankenhaus-Umfeld gehört das Set „Pflegerin mit Patient“. Wir spielen Gesundheitsreform, wer spielt mit?

Auf etwas andere Weise wirklichkeitsgetreu: An den Rändern der Carrera-Rennstrecken kann man spärlich bekleidete „Boxenluder“ aufstellen. Für den Mann im Kinde oder das Kind im Manne. Selbst eine antike Arena ist für gutes Geld zu haben: mit Imperator, Gladiatoren, Tigern und Löwen. Alles zum Kampf bereit. Große Geschichte.

Eigentlich klar, dass kein Spiel „Das kleine Finanzamt“ oder „Buchhaltung“ heißt. Grellere Action muss beim Spielzeug meist schon sein, gemäß dem Motto: Alles rennet, rettet, flüchtet. Möglichst knatschbuntes Plastik, elektronisch betrieben. Mindestens blinken soll es. So jedenfalls stellen es sich (erwachsene) Spiel-Produzenten vor, die ihre Angebote als „cool“ anpreisen. Man möchte in ihren gewiss gewichtigen Produkt-Konferezen mal Mäuschen spielen. Für Jungs haben sie jedenfalls beängstigend aggressiv dreinblickende Fahrzeuge und scheußlich geklonte Monster parat – wahrscheinlich zwecks unschädlicher Aggressionsabfuhr.

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HINTERGRUND

„Kein Spiel macht dumm“

  • Umsatz mit traditionellen Spielwaren in Deutschland pro Jahr: rund 2,3 Milliarden Euro.
  • In Großbritannien bzw. Frankreich werden jährlich je Kind über 200 Euro für Spielzeug ausgegeben, bei uns 145 Euro.
  • Vor allem die chinesischen Importe machen den deutschen Herstellern zu schaffen.
  • Kluge Sätze zum Spiel: „Atome spalten ist ein Kinderspiel, verglichen mit einem Kinderspiel.“ (Albert Einstein)
  • „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Friedrich Schiller)
  • „Etwas Gescheiteres kann einer doch nicht treiben in dieser schönen Welt als zu spielen.“ (Henrik Ibsen).
  • „Nur Arbeit und kein Spiel macht dumm.“ (Karl Marx).



Bei Luther fängt es an: Die kostbaren Bücher von Dortmund / Uni-Bibliothek zeigt erstmals ihre erstaunlichen Schätze

Von Bernd Berke

Dortmund. Wer hätte gedacht, dass in Dortmund solche Bücherschätze verwahrt werden: beispielsweise eine Ausgabe von Martin Luthers saftigen „Tischreden“ aus dem Jahr 1568.

Unter dem edlen lateinischen Titel „rara sunt cara“ (Seltenes ist teuer) zeigt die Dortmunder Uni-Bibliothek fetzt erstmals öffentlich einige ihrer Kostbarkeiten.

Moment! Die Dortmunder Uni ist doch erst 1968 gegründet worden. Auf welche Weise ist sie zu derart alten Büchern gekommen, wie man sie eher in Oxford oder Heidelberg erwarten würde?

Nun, früher gab’s einen speziellen Etat zur nachträglichen Anschaffung solcher Bestände. Außerdem haben inzwischen aufgelöste Institute (wie etwa die frühere, in den 1920er Jahren gegründete Pädagogische Hochschule) der Dortmunder Uni ihre Besitztümer vermacht.

Insgesamt umfasst die Raritäten-Abteilung heute rund 1000 Bände. Auch Handschriften (so etwa von Altkanzler Willy Brandt) werden hier sorgsam betreut.

Eins der jetzt unter schützendem Vitrinenglas präsentierten Bücher ist sogar noch ein Jahr älter als das erwähnte, jüngst prachtvoll restaurierte Luther-Werk. Der Katechismus aus dem Jahr 1567 hat allerdings sichtlich unter den Zeitläuften gelitten und wäre wohl fällig zur Aufarbeitung. Bibliotheksdirektorin Marlene Nagelsmeier-Linke beruhigt: „Im Vergleich zu anderen Universitäten ist unser Etat für Restaurierungen noch ganz passabel.“

Man sieht in der kleinen Ausstellung auch schmucke Raritäten aus etwas jüngerer Vergangenheit: Ein Bändchen mit Schriften des Romantikers Novalis (gedruckt 1815); einen Berufsratgeber („Was willst du werden?“) von anno 1840; Upton Sinclairs Roman „The Jungle“ (Ausgabe von 1906). Oder die erste deutsche Patentschrift (1877), die sich auf die Herstellung von roter Ultramarinfarbe bezieht. Auch die Technik hat ihre Historie.

All diese Werke vermitteln jedenfalls ein Gefühl für die althergebrachte Würde von Büchern. Und das dürfte auch die tiefere Absicht sein, die die Bibliothek zu dieser Schau bewogen hat. Angesichts finanzieller Probleme und vielfaltiger digitaler Konkurrenz kann man für herkömmliche Bücher wohl gar nicht genug die Trommel rühren.

„rara sunt cara – Seltenes ist teuer“. Universitätsbibliothek Dortmund (Vogelpothsweg 76), am Hörsaal E 5. Bis zum 19. Januar 2007. Öffnungszeiten der Bibtiothek: Mo bis Mi und Fr 8-20, Do 8-22, Sa 9-16 Uhr.

 




Helge – der Schamane des Unsinns / Programm „I Brake Together“: Auftakt zur langen Tournee in Paderborn

Von Bernd Berke

Paderborn. „Paaaderboorn – Bi-hie-lefeld – Minden.“ Der Kerl macht sogar aus den Ortsnamen seiner ersten Tournee-Stationen noch einen kleinen Song. Helge Schneider ist wieder unterwegs, und die Reise soll bis ins Jahr 2008 dauern.

Jetzt gab’s den Auftakt just im kreuzbraven Paderborn. Ein Testgelände abseits der kulturellen Hauptrouten. Helge treibt natürlich seine kleinen Scherze mit der Stadt. Mal nennt er sie „Kaff“, mal „kafkaesk“. Alles furchtbar nett gemeint. Daran, dass hier und andernorts nichts los ist, sei ohnehin nur Angela Merkel schuld, bemerkt er feixend.

„I Brake Together“ heißt sein neues Musikprogramm. Das kann man kaum übersetzen. Genau genommen, hieße es nicht „Ich breche zusammen“, sondern etwa „Ich bremse zusammen.“ Aber bei Helge Schneider darf man nicht zum Wortklauber werden. Kichernde Sinn-Zerstäubung ist seit jeher sein Pläsier.

Hauptsächlich besteht der Abend aus exzellent dargebotenen Jazz-Spielarten, Blues und traditionssattem Rock’n’Roll – meist in schön verjaulte Schräglage versetzt, was die Musik oft erst richtig auf den Begriff bringt.

Dass Helge (51) ein Virtuose auf vielen Instrumenten (Klavier, Saxofon, Trompete, E-Gitarre etc.) ist, hat sich herumgesprochen. Und wer einen Pete York in seiner (betagten) Begleitband hat, muss sich erst recht keine Sorgen um den Sound machen. Der seit den frühen 1960er Jahren aktive Drummer (Spencer Davis Group, Hardin & York etc.) bekommt auch bei Helge sein bärenstarkes Solo. Wow!

Vor allem aber lechzt das überwiegend junge Publikum nach Helge Schneiders Liedtexten und Überleitungen. Es giert nach herrlich hirnrissigen Titeln wie „Lady Suppenhuhn“ oder „Telefonmann“, die dieser Schamane des Unsinns schlichtweg gekonnt herunter-eiert. Sein neuer Hit vom „super-sexy Kä-Kä-Käsebrot“ zerrt einen biederen Tonfall („Käsebrot ist ein gutes Brot“ – das klingt wie aus den 50er Jahren) über alle Zwischenzeit hinweg ins Jetzt. Er bringt auch solche halsbreçherischen Sachen halbwegs heil um die Kurve.

Gipfelpunkt ist seine ingeniöse Parodie auf Udo Lindenberg. Da scheint tatsächlich „uns‘ Udo“ zu röhren – im schlingernden Dialog mit einem gewissen Helge Schneider. Der bringt es sogar fertig, beide Singstimmen (fast) auf einmal ertönen zu lassen. Und beim neuen Lied „Trompeten von Mexiko“ („sie laden dich ein“) spielt er dieses Blasinstrument und das Piano zugleich. Solche simultanen Zauberstücke macht ihm so leicht keiner nach.

Man spürt, dass er mittlerweile entspannt in sich ruht. Er muss sich und uns nichts mehr beweisen. Wo er ehedem schon mal etwas krampfhaft witzelte, lässt er’s heute durchweg locker laufen. Und es blitzen sogar Zwischentöne durch – allerhand Sottisen gegen Konsumwahn und TV-Flachsinn inbegriffen. Besser so. Heute ist heute, morgen improvisiert er gewiss wieder ganz anders. Und bei all dem wird dieser Chaot unversehens zum Perfektionisten.

Blöd ist er sowieso nicht. Es springen gar hinterhältige (Anti)-Weisheiten heraus. Etwa diese Erkenntnis über Einsamkeit, die auf Gelegenheiten lauert: Liebe bestehe doch oft darin, dass man jemanden „irgendwo abfängt“. Oder zum Ladenschlussgesetz: „Endlich kann man mal bis 20 Uhr pennen.“ Zur Weihnachtszeit mahnt er als oberstes Ziel „Zufriedenheit“ an. Was man jetzt überhaupt nicht gebrauchen könne, seien Leute, die „ins Tannenbaumzimmer rasen und in die Ecke pinkeln“. Ist doch wahr!

Das Publikum in der ausverkauften Paderhalle ist lachlustig. Die Fans goutieren ja praktisch alles, was Helge so treibt. Doch enthusiastisch steigert sich der Beifall nur stellenweise. Vielleicht liegt’s ander mitunter bedächtigen ostwestfälischen Wesensart?

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HINTERGRUND

Platte, Buch, Kinofilm und Tournee

  • Helge Schneider kommt jetzt in diversen Medien auf uns zu:
  • Die CD zur Tournee „I Brake Together“ kommt am 19. Januar 2007 heraus.
  • Kürzlich ist sein neues Buch „Die Memoiren des Rodriguez Faszanatas“ erschienen.
  • Am 11. Januar 2007 startet Dany Levys Kino-Tragikomödie „Mein Führer“ – mit Helge Schneider in der Rolle Adolf Hitlers…
  • Die langwierige Tournee führt u. a. nach Mülheim (16. und 17. Dez. 2006), Essen (15.2.2007) – und erst im Herbst 2007 nach Gelsenkirchen, Olsberg, Attendorn, Hamm, Dortmund und Hagen.