Ein Don Juan zieht Bilanz – Jim Jarmuschs Film „Broken Flowers“ mit Bill Murray

Von Bernd Berke

Das muss Don erst einmal verkraften: Erst verlässt ihn die junge Geliebte (Julie Delpy). Am selben Tag kommt ein anonymer, auffällig rosaroter Brief von einer angeblichen „Ex“. Die kündigt an, dass sein jetzt 19jähriger Sohn ihn besuchen werde, von dem Don in all der Zeit gar nichts gewusst hat.

So beginnt Jim Jarmuschs neuer Film „Broken Flowers“. Wer Wim Wenders‘ „Don’t Come Knocking“ gesehen hat, wird verblüfft sein, denn es gibt dort eine Entsprechung, als hätten sich beide Regisseure telepathisch verständigt.

Bei Wenders begibt sich Sam Shepard alias Howard auf die Suche nach einem vor 25 Jahren gezeugten Sohn und dessen einst geliebter Mutter (Shepards Frau Jessica Lange, die auch bei Jarmusch mitwirkt). Nun also abermals eine Geschichte von später Reue eines treulosen Vaters, auch darstellerisch auf Augenhöhe mit Wenders: Jarmusch schickt den famosen Bill Murray („Lost in Translation“) auf eine ähnliche Spurensuche.

Soll Don herausfinden, wer die anonyme Briefschreiberin ist? Er fühlt sich unendlich leer und möchte nur reglos in seiner Wohnung sitzen. Doch Nachbar Winston drängt ihn zur Tat. Fünf Frauen von „damals“ kämen in Frage, Don war eben ein Don Juan. Winston recherchiert vier aktuelle Adressen (eine weitere Frau ist gestorben), er bucht auch gleich Flüge und Leihwagen. Mürrisch macht sich Don auf eine Erinnerungsreise quer durch die Staaten, er ist gleichsam als Detektiv in der eigenen Vergangenheit unterwegs: Wo ist die Schreibmaschine, auf der der Brief getippt wurde? Welche Ehemalige hat’s mit Rosarot?

Der Mann, der die Frauen liebte, macht bei seinen Überraschungsbesuchen (stets mit rosa Blumenstrauß) reihenweise trübe Erfahrungen. Nicht weil die vier Damen (Sharon Stone, Frances Conroy, Jessica Lange, Tilda Swinton) älter geworden sind. Sie haben sich ja äußerlich „gut gehalten“. Nein, sie sind – jede für sich – in öden Sackgassen des Lebens gelandet. So abgeschieden wohnen sie allesamt, als hätten sie sich (stellvertretend für den weißen Mittelstand) schon aus der Gesellschaft verabschiedet.

Am Wegesrand gibt’s kleine Versuchungen

Laura bietet sich nach dem schnell verkrafteten Tod ihres Mannes als leichte erotische Beute dar (flankiert von Töchterchen Lolita, das diesen Namen lasziv verkörpert). Dora, früher wildes Hippie-Mädchen, fristet mit einem tumben Makler im grauenhaft sterilen Ambiente ihr ach so gediegenes Dasein. Carmen ist kaum ansprechbar, sie befasst sich praktisch nur noch mit Tieren. Penny ist zur grimmigen Biker-Braut geworden.

Am Wegesrand gibt’s immer wieder kleine Versuchungen durch jüngere Frauen. Hier ein blitzendes Knie, dort ein lockender Blick. Doch es ist ein Porträt des Liebhabers als alternder Mann. Eine Reise ohne konkretes Resultat, statt dessen peinliche Wiederbegegnungen und Enttäuschungen zuhauf. Man spürt, wie der grässliche Gedanke Don beschleicht: Das alles hätte auch sein Leben sein können. Oder dies. Oder jenes. Vielleicht hätte er die Vergangenheit ruhen lassen sollen. Jetzt muss er sich fragen, ob er aus sexueller Gier nicht allzu wahllos gewesen ist.

Jarmusch drängt keinen Befund auf. Sein beiläufig registrierender Stil passt bestens zur Spielweise Murrays, der maximale Wirkung mit minimaler Mimik erzielt. Wenn sein Mundwinkel zuckt, ist schon so vieles gesagt.

Und der Sohn? Bleibt ebenfalls ein Phantom. Don erblickt alsbald in so manchem jungen Mann den möglichen Spross. Auch hier (wie bei Wenders, der freilich auf große Mythen zusteuert) läuft es auf ungestillte Sehnsucht hinaus: Familie und Dauer, das wär’s wohl doch gewesen.

Nichts ist gewiss. Nur diese Erkenntnis dämmert Don: Die verpfuschte Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft noch nicht da. Es gibt nur den jetzigen Moment. Man sollte ihn rasch ergreifen…




Im Kosmos der Farben und Formen – Vier Museen würdigen Fritz Winter

Von Bernd Berke

Cappenberg/Hamm/Ahlen. Es grenzt an ein biographisches Wunder: Da ist jemand in den 1920er Jahren Grubenelektriker auf der Ahlener Zeche „Westfalen“ und notiert: „Keinen Strahl Sonne – so ist im Augenblick mein Leben.“ Dann aber bewirbt er sich als Kunstschüler beim berühmten Bauhaus in Dessau. Mit Erfolg. Kein Geringerer als Paul Klee ist der Fürsprecher.

Der erstaunliche Mann heißt Fritz Winter und wird später zu den prägenden Gestalten der abstrakten westdeutschen Nachkriegskunst gehören. Am 22. September 1905, also vor fast 100 Jahren, wurde Winter in Bönen (Kreis Unna) geboren. Es wäre fahrlässig, würde man dieses Datum in Westfalen nicht museal begehen. Nun geschieht’s massiv: Vier Häuser in Cappenberg (Schloss), Hamm (Lübcke-Museum) und Ahlen (Kunstmuseum, Fritz-Winter-Haus) zeigen insgesamt rund 300 Arbeiten aus allen Werkphasen. Welch eine Fülle!

Jungenhaft frech und zu jedem Jux aufgelegt – so soll Winter gewesen sein, als er beim Bauhaus anfing. Aber er lässt sich von Meistern wie Klee, Schlemmer und Kandinsky bereitwillig in höhere Sphären der Kunst einweihen. Fleißige Notizen aus den Kursen zeugen davon.

Inspiration durch Bauhaus-Meister

Den Part des Frühwerks hat das Museum in Hamm übernommen. Vielfach sind hier noch Paul Klees fruchtbare Einflüsse spürbar. Es gibt anfangs noch figürliche Anklänge, doch schon bald entfaltet sich eine Bildwelt, die mit ihren Energiefeldern kosmischen Dimensionen zustrebt. Ein weites, weites Feld mit langen „Versuchsreihen“. Ästhetische Leitschnur ist der Formenreichtum der Natur. Winter begreift Kunst als „zweite Schöpfung“. Erfindungen wie Mikroskop und Teleskop erschließen neue Ansichten der Kreatur – im Großen und Kleinen.

Günstiger Umstand: Die parallele Hammer Schau über „Bauhaus und Esoterik“ (die WR berichtete) lädt zum Vergleich ein. Auch bei Winter gibt es ja einen gewissen Hang zum Metaphysischen.

Ortswechsel: Im Ahlener Fritz-Winter-Haus sind Werke aus finsteren Zeiten zu sehen. Auch Fritz Winter wird von den Nazis als „entartet“ verfemt. Er hält sich innerlich aufrecht, so mit Bildvisionen über „Triebkräfte der Erde“.

Nach dem Krieg und russischer Gefangenschaft kehrt Fritz Winter 1949 zurück. Ein Schaffensrausch zieht ihn sogleich ins Atelier. „Sehr aktiv“ heißt ein typisches Bild. Nun also beginnt seine Blütezeit, deren vielfach erhebende Resultate im Schloss Cappenberg ausgebreitet werden.

Rückzug in die Innenwelt

Gewiss: Manches aus den 50er Jahren wirkt heute auch zeitbehaftet und ist nicht mehr schrankenlos „gültig“. Doch es finden sich hier zahlreiche Gemälde von wunderbar schwebender Transparenz und Farbmagie. Naturerscheinungen lösen sich in reinste Strukturen und Urformen auf, Titel wie „Bewegung der Gräser“ oder „Pflanzliches Gewebe“ lassen es ahnen. Nur eine „Konstruktion schwarz“ wirkt wie eine ferne Reminiszenz an Zechentürme.

Ahlens Kunstmuseum widmet sich dem oft vernachlässigten, innig strahlenden Spätwerk des 1975 gestorbenen Winter. Kein abrupter Bruch, doch allmählicher Rückzug und Revision des Erreichten. Fließende, dann scharfkantige Farbfelder bestimmen diese Phase – und kalligraphische Zeichen. Natur bleibt nun im Hintergrund. Es geht um das Bild als Bild, um intime Innenwelten.

• Alle vier Ausstellungen ab 11. September. Cappenberg: Schloss bis 29. Januar 2006 / Hamm: Lübcke-Museum bis 20.Nov. /Ahlen: Fritz-WinterHaus und Kunstmuseum, jeweils bis 8. Jan. 2006. Gemeinsamer Katalog 27 Euro. Internet: www.fritz-winter.de




Wer die Berggeister stört – Alpendrama „Steine und Herzen“ bei der RuhrTriennale

Von Bernd Berke

Duisburg. Der Mann mit dem klingenden Namen Ambrosius Nektarine ist ein asketischer Fanatiker des Wissens. Den Schweizer Bergen will er ihre Geheimnisse entreißen und dazu muss er hinauf. Um Hexen und Drachen, die der landläufige (von den alten Machthabern wohlweislich genährte) Aberglaube dort droben wähnt, mag er sich nicht scheren. Und auch nicht um die Liebe. Diese Haltung muss doch ins Verderben führen!

Mit dem in Duisburg uraufgeführten Alpendrama „Steine und Heizen“ versucht sich der Burgtheater-Schauspieler und Regisseur Sven-Eric Bechtolf erstmals als Autor. Sein Stück über Anfänge des Alpinismus begibt sich in die Zeit der Französischen Revolution. Es wetterleuchten die Fanale der Aufklärung, doch es dämmert auch rabiates Jakobinertum herauf – und eilfertige Anpassung an kommende Verhältnisse. Zudem zeigen sich bereits die Schattenseiten wissbegieriger Rationalität. Man weiß ja heute, wie Bergsteigerei und Ski-Heil den Gebirgen geschadet haben.

Zwischen Esoterik und Spottlust

In dieser musikalisch unterfütterten „Kreation“ der RuhrTriennale dominiert ein machtvolles, zerklüftetes Bühnenbild (Christian Bussmann). Die Alpenlandschaft ragt in der Duisburger Kraftzentrale bis knapp unter die Decke. Maßarbeit! Das hätte einem Luis Trenker gefallen.

Besagter Ambrosius (Ernst C. Sigrist) hat nun gleichsam die Wahl zwischen den sanften Busenhügeln seiner schönen, sirenenhaften Frau Julia (Francesca Tappa) und den Bergesgipfeln. Herz oder Stein: Ehelich auf die Probe gestellt, entscheidet sich der trockene Verstandesmensch für die wissenschaftliche Expedition. Er entfernt sich somit von der „allbeseelten Natur“, wie es später eine Hexe bündig formuliert.

Das hat Folgen: Ambrosius‘ junger Gehilfe Lucca (Raphael Clamer) darf für eine Nacht von Julias Nektar naschen. Sie bekommt ein Kind, und Ambrosius wird seinen treulosen Gesellen mit einem schweren Kristallblock erschlagen. Der Wahn obsiegt, die Berggeister lassen eben nicht mit sich spaßen.

Tatsächlich treiben hier Hexen ihr Wesen. Bechtolf evoziert, allen ironischen Brüchen zum Trotz, jene Sphären, die sich unsere Schulweisheit nicht träumen lässt: eine Geisterwelt, die mehr Phantasie und Poesie birgt als schnödes Wissenwollen. Fast möchte man meinen, hier sollten etwa Galileo und Darwin abermals verbannt werden – zumindest aus Gründen der Romantik. Insofern ist es ein esoterischer Abend, aber dann wäre auch Shakespeare ein Esoteriker. Nur konsequent jedenfalls, dass der sprühend diabolische Hexen- und Drachen-Experte Niccussi (Daniel Rohr) die rasantesten Auftritte hat. Extrabeifall.

„Steine und Herzen“ bietet sinnliches Theater. Man sieht opulente Szenen-Tableaus und große Posen. Munter wie glitzernde Gebirgsbäche sprudeln manche Dialoge. Das gemäßigte Schwyzerdütsch klingt freilich nicht nur anheimelnd. Eingestreute rätoromanische Passagen hören sich gar an wie Urworte aus einer unvordenklichen Gemeinschaft. Etliche Gruppenszenen des Bergvolks geraten zu gravitätischen Prozessionen, wie denn überhaupt viel Liturgisches sich ausbreitet.

Sinnliches Spektakel mit vielen Quellen

Mitunter denkt man an Mysterienspiele, an Oberammergau, an grandiosen Edelkitsch. Doch dann flackert mittendrin wieder die Spottlust des Regisseurs Bechtolf auf. Er beschwört das Jenseitige – und scheut davor zurück.

Die Musik (Andreas Schett, Markus Kraler) wird dargeboten von der aparten „Musicabanda Franui“: Die Skala dieser postmodernen Schöpfung reicht vom leisen, volksliedhaften Ton über operettenhafte Einsprengsel bis zu Anklängen an große Oper. Zwischen den gewaltigen Kulissen sind denn auch oft großspurige Opern-Gesten yonnöten, die bei grotesken Szenen ins Marionettenhafte driften. Menschlein an den Fädchen ihrer Triebe.. .

Die gut dreistündige, etwas uferlose Inszenierung ist ein Beutezug durch allerlei ästhetische Gefilde bis hin zur altwienerischen Zauberposse. Sie nötigt Staunen ab, vermag jedoch nicht tiefer zu berühren, sondern ist vorwiegend als Spektakel zu nehmen. Ihre Wahrheit schnurrt letztlich zusammen auf einen Befund, den ein greiser Diener (Hans Michael Rehberg) in barocker Vergänglichkeits-Tradition lyrisch übermittelt. Sinngemäß: O, eitler Mensch, der du zu den Gipfeln strebst, bedenke, dass du sterblich bist. Die Geister aber wirken weiter.

Duisburg, Kraftzentrale (Landschaftspark Nord): 5., 7., 9., 10., 11., 13., 15., 16. und 17 Sept. Karten: 0700/2002 3456.




Ganz leise am Mythos vorbei – zweiteilige Kasseler Erinnerungs-Schau „50 Jahre documenta“

Von Bernd Berke

Kassel. Seit 1955 blüht in Kassel die Kunst. Buchstäblich. Denn die allererste „documenta“, die Arnold Bode damals aus der Taufe hob, war ein Anhängsel der Bundesgartenschau. Ein halbes Jahrhundert ist diese folgenreiche Premiere nun her. Da gilt es, der wechselvollen Historie zu gedenken. Aber wie soll man die bislang elf Ausgaben der Weltkunstschau übergreifend darstellen?

Es ist wohl ein Ding der Unmöglichkeit. Jede documenta war ja – schon einzeln für sich betrachtet – ein immenses, widersprüchliches, schier uferloses Ereignis. Über 2000 (!) Künstler waren auf mindestens einer documenta vertreten.

Der in Bochum geborene Kurator Michael Glasmeier, eigens von einer Findungskommission bestellt, hat denn auch für die Schau „5O Jahre documenta“ erst gar nicht den Versuch einer Gesamt-Perspektive unternommen, sondern ist seinen Vorlieben gefolgt – mit rund 200 Arbeiten von 80 Künstlern. Logisch, dass Glasmeier nicht die spektakulären Aktionen der documenta-Geschichte wiederholen kann – von Walter de Marias Kasseler Tiefbohrung („Vertikaler Erdkilometer“) bis zu Christos aufblasbarer „Riesenwurst“. Doch der Kurator lässt gar zu viel Bescheidenheit walten, er nähert sich allzu sehr von den Rändern her und beschreitet dabei fast nur Nebenwege.

Das Ruhige und Unscheinbare

In ziemlich willkürlicher Zeit- und Stil-Mischung finden sich nun Kunstwerke, die einst auf irgend einer documenta zu sehen waren, im Fridericianum wieder. Da steht etwa eine Skulptur von Wilhelm Lehmbruck (documenta 1955) nah bei einer Videoarbeit von Bruce Nauman (documenta 1977). Die Werke bleiben einander häufig so fremd. Und vom (durch die Jahrzehnte gewachsenen) Mythos der documenta spüret man kaum einen Hauch.

Gewiss: Wahre „Ikonen“ sind heute schwer zu beschaffen, doch dieser Kurator sucht ohnehin allenthalben das Ruhige, Unscheinbare, eher unterschwellig Wirksame. Selbst Joseph Beuys und Claes Oldenburg wirken hier wie schüchterne Leisetreter.

»Diskrete Energien“ hat Glasmeier seine Auswahl genannt. Tatsächlich summiert sie sich zum eher stillen Gedenken. Sympathisch, dass da einer dem lauten Betrieb abgeneigt ist. Doch es fehlt eben die spezifische Aura. Eine vergleichbare Ausstellung hätte sich wohl auch andernorts ohne jeden documenta-Bezug bewerkstelligen lassen. Die historische Kärrner-Arbeit hat Glasmeier dem documenta-Archiv überlassen, das eine zweite Schau beisteuert: In elf Kojen geht man auf Zeitreise durch die documenta-Phasen.

Vom Geist der Zeit und des Ortes

Bemerkenswert, dass Fotos, Filme und Broschüren aus all jenen Jahren den jeweiligen Zeitgeist im Nachhinein bündiger fassen, als selbst prägnante Kunstwerke dies könnten. Hier geht es nicht so sehr um bestimmte Künstler, sondern um Leitideen, Geist und Design der Gesamtschauen, die von Kuratoren wie etwa Harald Szeemann, Jan Hoet oder Manfred Schneckenburger sehr verschieden geprägt wurden. In den Blick rücken das Atmosphärische, der Geist des Ortes, Skandale und Proteste, Mythen- und Legendenbildung, ja letztlich sogar zeittypische Kleidung und Haartrachten der Besucher. Ach, wie die Jahre vergehen!

„50 Jahre documenta“. Kassel, Fridericianum. Bis 20. November. Di-So 11-18, Mi/Fr 11-20 Uhr. Eintritt 8 Euro. Zweibändiger Katalog 38 Euro. www.fridericianum-kassel.de

 




Auf den Spuren gestohlener Kunstschätze – Besuch bei der Kölner Spezial-Ermittlerin Ulli Seegers

Von Bernd Berke

Köln. „Nein. nein, ich schleiehe nicht mit hochgeschlagenern Mantelkragen und Sonnenbrille durch finstere Ecken“, stellt die junge Frau klar. Doch abseits solcher Klischees gilt Ulli Seegers (35) als Deutschlands erfolgreichste Kunst-Detektivin. Sie hat schon manches wertvolle Stück wieder aufgespürt, darunter ein millionenschweres Cézanne-Bild.

Schreibtischarbeit: Kunst-Ermittlerin Ulli Seegers. Auf ihrem PC-Bildschirm: ein gestohlenes Picasso-Gemälde. (Foto: Berke)

Schreibtischarbeit: Kunst-Ermittlerin Ulli Seegers. Auf ihrem PC-Bildschirm: ein gestohlenes Picasso-Gemälde. (Foto: Berke)

Einen Großteil ihrer Arbeit erledigt sie freilich am Schreibtisch: In Köln betreuen die promovierte Kunsthistorikerin und drei Mitarbeiter eine (streng vom Internet abgeschottete) Datenbank, in der über 160 000 weltweit gestohlene Werke verzeichnet sind, darunter allein weit über 600 Picasso-Bilder. Jeden Monat kommen rund 1000 neue Datensätze hinzu – mit steigender Tendenz.

Ulli Seegers, anfangs eher durch Zufall an diesen Job geraten, arbeitet für das „Art Loss Register“ (ALR / Kunstverlust-Register). Es wurde 1991 m London auf Betreiben der berühmten Auktionshäuser Sotheby’s und Christie’s gegründet. Die wollen natürlich nur „saubere“ Ware offerieren. 1999 kam die Filiale in Köln hinzu, zudem gibt es Niederlassungen in New York, Moskau und New Delhi. Auch Raubkunst aus der NS-Zeit wird in allen Büros erfasst, und es entsteht eine Datenbank über Fälschungen.

Studien sprechen von mindestens 5 Milliarden Dollar jährlichen Schäden durch Kunstkriminalität, von ideellen Werten zu schweigen. Zudem haben sich offenkundig Kunstraub, Drogen- und Waffenhandel vermischt. Kunst ist zur Ersatzwährung in mafiösen Kreisen geworden.

Diebe haben oft leichtes Spiel

Vor allem die großen Versicherungen und Versteigerer, aber auch bestohlene Privatleute nehmen gegen Gebühren und Erfolgsprämien (bis zu 15 Prozent des Schätzwertes für Wiederbeschaffung) das ALR in Anspruch. Die Aufklärungsquote bei Gemälden beträgt etwa 25 Prozent. Wenn irgendwo auf dem globalisierten Markt Werke zweifelhafter Herkunft auftauchen, stehen sie häufig im Kölner Register. Weitere Schritte sind dann Sache der Polizei, die gleichfalls eng mit dem ALR zusammenarbeitet.

Oft haben es Kunstdiebe sträflich leicht. „Manche unserer Museen sind Selbstbedienungsläden“, kritisiert Ulli Seegers: „Kostspielige Ausstellungs-Events haben oft Vorrang, an der Sicherheit wird gespart. Die Zustände sind in vielen Städten skandalös.“

Kunstdiebe lassen meist zwei bis drei Jahre verstreichen, bis Gras über ihre Tat gewachsen ist. Sie setzen auf Vergesslichkeit. Dann versuchen Hehler die Beute loszuwerden – und hier setzt Ulli Seegers an. Denn wer Kunst anbietet, muss dies irgendwie (halb)öffentlich kundtun. Seegers überprüft ohnehin regelmäßig Auktionskataloge und Galerie-Bestände auf Kunstmessen – zwecks Datenabgleich mit ihrem Register: „Man muss genau wissen, wie der Kunstmarkt funktioniert, wo die Grauzonen beginnen. Nach einer Weile kennt man einige Pappenheimer.“

Die Grauzonen des Marktes

Auch Kontakte ins Milieu ergeben sich, bei denen sogar der selbstbewussten Ulli Seegers mulmig zumute wird. Einmal diente sie als „Lockvogel“, sie gab sich als kaufinteressierte Sammlerin aus. Objekte der vermeintlichen Begierde waren (gestohlene) Bilder von Sigmar Polke. Mit dem kannte sich Ulli Seegers bestens aus, er war Thema ihrer Doktorarbeit. Beim Münchner Café-Treff mit dem mehr als dubiosen Anbieter saßen ringsum acht Polizisten in Zivil. Die Falle schnappte zu…

Weltbekannte Kunstwerke wie die vor einem Jahr in Oslo brutal geraubten Munch-Gemälde „Der Schrei“ und „Madonna“ kommen nicht auf den Markt. Hier geht es, wie Ulli Seegers vermutet, ums „Art Napping“, also um Lösegeldzahlung bei Rückgabe.

Von Rechts wegen dürfen etwa Versicherungen kein Lösegeld zahlen, es käme der Vertuschung einer Straftat gleich. Bei äußerst diskreten Verhandlungen werde hier jedoch zuweilen getrickst, sagt Seegers; beispielsweise, indem man „Finderlohn“ auslobt. Müssten Versicherer die fällige Diebstahlsprämie zahlen, käme es sie noch teurer zu stehen. Auch eine Grauzone?

Gibt es den steinreichen Kunst-Liebhaber, der Diebe beauftragt und sich heimlich an der illegalen Sammlung ergötzt? Ulli Seegers: „Eine Kino-Legende! Solchen Leuten bin ich noch nie begegnet.“ Noch ein Klischee zunichte!

• „Art Loss Register“, Köln, Obenmarspforten 7-11. Tel.: 0221/257 6996. Internet: www.artloss.com




Verlust der Welt – Vielfältige Medienkunst-Ausstellung „Vom Verschwinden“ in der Dortmunder Phoenixhalle

Von Bernd Berke

Dortmund. Das scheint schon mal paradox zu sein: DieWerke sind alle da, doch sie handeln vom Phänomen des Verschwindens. Nun ja. Mit abwesender Kunst könnte man eben gar nichts darlegen.

Die neue Medienkunstschau in der Dortmunder Phoenixhalle sammelt, vor allem mit Video-Installationen, eine Fülle von gesellschaftlichen Befunden ein. Zwischen Vergangenheit und Zukunft, so ein Leitgedanke, tun sich in so mancher Weltgegend allerlei Zeit- und Sinnlöcher auf, die auf Flüchtigkeit, Verlust oder Vernichtung hindeuten. Ein weites Feld.

Die Halle auf dem früheren Hoesch-Gelände ist ein passender Ort für solche Gedanken- und Bilderspiele. Auf dem riesigen Areal wird freilich nicht nur das Vergangene abgewrackt, sondern emsig an technologischer Zukunft gearbeitet. Umbau West.

Hier also hat der inzwischen weithin renommierte Dortmunder Medienkunstverein „Hartware“ sein Ausstellungs-Domizil gefunden. 16 Künstler und Künstlergruppen gestalten die Schau „Vom Verschwinden. Weltverluste und Weltfluchten“.

Das Ganze gliedert sich in vier Zonen. Sie heißen „Haltlos“, „Vernichtung“, „Zeitsprünge“ und „Terrain Vague“ (etwa: undeutliches Gefilde). Hört sich etwas vertrackt und verkopft an. Tatsächlich wird man kaum umhin können. entweder beizeiten das Begleit-Material zu lesen oder sich einer Führung anzuvertrauen. Um den Slogan eines großen Buchverlags aufzugreifen: „Man sieht nur, was man weiß.“

Die sinnliche Oberfläche allein, und sei sie noch so künstlerisch gestaltet, ist hier nur eine Hälfte. Gar vielfältig sind ja die Assoziationen, die sich ans „Verschwinden“ anlagern: Sie reichen von bewussten, willentlichen Fluchten aus misslichen Situationen bis hin zur Zerstörung der Twin Towers am 11. September 2001.

Irritierende Reisen durch Zeit und Raum

Konkretes Beispiel: Die Künstlergruppe „Multiplicity“ (Italien) zeigt zwei parallele Filme mit Autofahrten. Erst wenn man den Hintergrund erfährt, merkt man richtig auf. Es geht um eine Strecke durchs Westjordanland – von Nablus nach Hebron. Die eine, direkte Variante für Israelis dauert nur 20 Minuten. Palästinenser hingegen brauchen für den gleichen Weg etwa fünf Stunden, denn sie müssen weitläufig Mauern umfahren. Eine raum-zeitliehe Irritation sondergleichen – und politische Untiefen.

Komplex gelagert ist auch dieser Fall: Die Gruppe apsolutno (Serbien/Montenegro) präsentiert ein Video von 1995. Wegen der Sanktionen gegen Serbien lag damals eine große Werft still. Wie Archäologen haben die Künstler die rostenden Schiffs-Skelette erkündet. Die seltsam ergreifende Ästhetik des Schwunds…

Man kann hier geradezu eine Weltreise des Verschwindens machen: von verfallenden Stadtwüsten in Kasachstan oder Japan bis ins endlose Weltall. Andere Trips führen ins Innenleben. Denn auch die Flucht ins (leer gewordene) Ich, die (vermeintliche) Wirkung von Drogen oder der Totalabstutz im Nervenzusammenbruch werden hier flackernd sinnfällig. Eine welthaltige Schau mit etlichen Horizonten.

• „Vom Verschwinden“. Phoenixhalle, Dortmund (Ortsteil Hörde, Hochofenstraße / Ecke Rombergstraße). 27. August bis 30. Oktober. Eintritt 4 Euro, Katalog 19 Euro.




Untertauchen in der Weite – Wim Wenders‘ Meisterwerk „Don’t Come Knocking“

Von Bernd Berke

Die grandiosen Landschaften von Utah, Nevada und Montana. Das helle klare Licht mit harten Schlagschatten, wie einst auf Gemälden des famosen Edward Hopper. Das alles ruft nach Breitwandkino. Und also geschah es: Wim Wenders hat das Rufen erhört und den Film „Don’t Come Knocking“ gedreht.

Die Szenen sind vollgesogen mit dem Geist der jeweiligen Orte, mehr „Herzland‘ von Amerika war im deutschen Kino nie. In den beredten Bildern kann man sich umschauen wie in einer wirklichen Gegend. Ein visuelles Meisterwerk, ganz groß gesehen. Wenn dazu noch die erdige Musik von T-Bone Burnett erklingt, so ist man bereits hin und weg.

Doch der Film entfaltet auch noch starke Charaktere – allen voran jener verwitterte Western-Star Howard Spence (von echtem Schrot und Korn, sein Gesicht eine Landschaft für sich: Sam Shepard), der eines Tages mit unbekanntem Ziel den Drehort verlässt. Schluss mit ,Jesse James“ und allen Cowboys, denn die Zeit solcher Mythen ist wohl leider vorbei.

„Don’t Come Knocking!“ (Wagt es nicht anzuklopfen) hatte am Filmset schon das Schild auf Howards Wohnwagen gedroht. Der Mann ist den ganzen Rummel leid, er will allein sein, ziellos unterwegs. Nun zerstört er seine Kreditkarten, tauscht seine Kleidung und taucht in den endlosen Weiten des Landes unter. Produzenten und Versicherer des teuren Films schicken den „Kopfgeldjäger“ Sutter (cooler feiner Pinkel: Tim Roth) hinterher, der Spence wieder einfangen soll.

Situationen von biblischer Prägnanz

In seinem Roadmovie mit starken Western-Anklängen beschwört Wenders fortan archaische Situationen von nahezu biblischer Prägnanz; ganz so, als wolle er das Mythische gegen eine verdorbene Zivilisation aufbieten.

Bei seiner alten Mutter findet Howard, der seit fast 30 Jahren nichts mehr von sich hat hören lassen, ersten Unterschlupf. Doch dieses Elko/Nevada ist eine trostlose Stadt. In einer langen, fulminanten Sequenz taumelt Howard durch die irrsinnig glitzernde Kommerzhölle des örtlichen Spielcasinos – bis zum alkoholischen Absturz. eine grundlegende Verzweiflung hat diesen einst wohl so stolzen Mann befallen.

Die Mutter (Eva Marie Saint) bringt ihn auf eine Spur: Vor etwa 25 Jahren habe eine Frau für Howard angerufen und behauptet, sie habe ein Kind von ihm. Jetzt erst erfährt er es. Anfangs reagiert er ungläubig, dann dämmert ihm etwas. Und er wird von brennender Hoffnung auf Wiederkehr ergriffen. Er ahnt, dass er damals alles verfehlt hat: die Liebe seines Lebens, Familie, Heimat und Bleibe. All die verlorene Zeit seither, das ganze verfluchte Dasein mit Drogen, wahllosem Sex und Suff – das tut weh.

Noch 52 Meilen bis zur Weisheit

Also auf in die seltsam leeren Straßen von Butte/Montana. Doch, ach! Howard spürt zwar die alte Liebe Doreen (Jessica Lange) wieder auf, doch die duldet seine Anwesenheit eher spöttisch. Als er gar wieder anknüpfen will, liest sie ihm die Leviten: Sich für Jahrzehnte aus dem Staub machen und dann so tun, als sei nichts gewesen…

Hinzu kommt die Geschichte vom „Verlorenen Sohn“: Earl, den Howard damals gezeugt hat, verdingt sich als Rockmusiker, droht ebenso haltlos zu werden wie sein Erzeuger. Berserkerhaft wehrt er sich gegen die späte Rückkehr des Vaters. Gegenfigur mit sprechendem Namen: die ätherische, scheue Sky („Himmel“ also, gespielt von der zarten Sarah Polley). Howard hat einst auch sie in die Weltgesetzt und im Stich gelassen. Doch sie hat ihm zutiefst verziehen. Eine jener engelhaften Gestalten, wie sie sonst nur noch bei Lars von Trier vorkommen.

Besagter Detektiv findet Howard, der zurück an den Drehort muss. Keine dauerhafte Ankunft also, er bleibt ein Verlierer. Und doch hat sich manches gewandelt. Allen, die von seiner traurigen Geschichte berührt worden sind, scheint am Ende ein bewussteres Leben zu leuchten.

Schlussbild: Der Ortsname „Wisdom“ steht auf einem Straßenschild. Nur noch 52 Meilen bis zur Weisheit…

 

 

 

 

 

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Familie, Heimat und Bleibe.

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Kulturfachmann mit Hausmacht – Norbert Lammert in Merkels CDU-„Kompetenzteam“

Von Bernd Berke

Berlin/Bochum. Zunächst einmal ist es ein Signal: Dass die CDU-Chefin Angela Merkel gestern Norbert Lammert (56) als Kulturfachmann für ihr „Kompetenzteam“ benannt hat, bedeutet eben, dass die Christdemokraten das Themenfeld nicht vergessen haben.

Im Wahlprogramm hatte sich die CDU in Sachen Kultur deutlich kürzer gefasst als die anderen Parteien. Umso freudiger reagierte gestern der Deutsche Kulturrat auf die Nominierung Lammerts. Der dämpfte freilich gleich die Erwartungen: „Mehr Geld für Kunst und Kultur ist zwar wünschenswert, angesichts der dringend notwendigen Konsolidierung aber nicht seriös zu versprechen“, sagte Lammert gestern. Man müsse die Ausgaben anders gewichten als die bisherige Regierung – und zum Beispiel die Goethe-Institute stärken.

Was nach der Wahl geschieht, ist allerdings völlig offen: Ob Lammert einem etwaigen CDU-geführten Kabinett angehören wird und in welcher Funktion, das muss sich erst zeigen. Der Mann ist immerhin Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Vielleicht hat er ja Ambitionen auf die Präsidentschaft.

Als „Luftbuchung“ wird man Norbert Lammert bestimmt nicht bezeichnen können. Der in Bochum geborene, promovierte Sozialwissenschaftler hat sich immer wieder in kulturellen Debatten kundig zu Wort gemeldet, beispielsweise in Sachen Föderalismus (Kultur als Aufgäbe der Länder und/oder des Bundes?) oder Förderung der Hauptstadtkultur.

Lammert gilt mit seinem Einstieg ins Merkel-Team immerhin als Anwärter auf das eventuelle Amt eines Kulturstaatsministers. Er selbst ist auch der Gründung eines Kulturministeriums mit Kabinettsrang nicht abgeneigt. Ob es dazu kommen wird, steht aber noch dahin.

Falls Lammert einen solchen Posten bekommen sollte, könnte er – anders als seine Vorgänger – einen Trumpf ausspielen: Er verfügt über eine veritable „Hausmacht“ in seiner Partei, ist er doch seit 1996 Vorsitzender der einflussreichen CDU-Landesgruppe NRW im Bundestag. Als früherer Parlamentarischer Staatssekretär in diversen Ministerien (Bildung, Wirtschaft, Verkehr) kennt er zudem das politische Tagesgeschäft. Eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit darf man ihm sicherlich zutrauen.

Lammert wurde am 16. November 1948 in Bochum geboren und studierte ab 1969 an der Bochumer Ruhr-Universität sowie in Oxford. Schon seit 1966 ist er Mitglied der CDU. Der Vater von vier Kindern nennt auf seiner persönlichen Internet-Seite „Musik, Fußball, Literatur“ als liebste Interessengebiete. Ohne den Schlenker zum runden Leder geht’s halt im Ruhrgebiet nicht.

Das Pendlerdasein zwischen der Hauptstadt Berlin und seinem Bochumer Wahlkreis scheint Lammert zu gefallen. Zitat von seiner Homepage: „Inzwischen fühle ich mich auch in Berlin zu Hause und genieße den Wechsel zwischen den beiden schönsten deutschen Städten.“ Offenbar ein Mann mit Humor.

 




DVD-Scheiben bereiten den Kinos Sorgen

Von Bernd Bcrke

Die Fronten schienen erstarrt: Bereits zum zweiten Mal binnen weniger Wochen hatten sich die großen deutschen Kinoketten geweigert, einen neuen Film des Verleihs Buena Vista in ihren Häusern zu zeigen. Erst ging’s um die „Käfer“-Klamotte „Herbie Fully Loaded“, dann um das von vielen Kritikern gepriesene Werk „Sin City“. Doch die Boykott-Maßnahmen sind nach wenigen Tagen schon wieder vorbei.

Der Streitpunkt war in beiden Fällen der gleiche. Aus Sicht der Kinobetreiber heikel: Allzu zeitig nach dem Kinostart (schon im Dezember) will der Verleih das Geschäft mit den entsprechenden DVD-Editionen nachschieben. Bisher galt als Spielregel ein Abstand von einem halben Jahr. Diese Frist soll nun gleich zweimal unterschritten werden. Sind es Präzendenzfälle?

Beim Konsumenten könnte leicht der Gedanke aufkommen: Warum soll ich jetzt ins Kino gehen, wenn ich den Film schon bald als DVD-Scheibe fürs Heimkino (mit tendenziell immer größeren und brillanteren Bildschirmen) bekomme? Wer weiß, welche relativ frischen Produktionen bereits im nächsten Weihnachtsgeschäft auf DVD feilgeboten werden…

Konflikt mit den Verleihen

Wenn’s denn schon so kommen muss, dann möchten die Kinos wenigstens spürbar geringere Abspielgebühren an die Verleiher bezahlen. Cinestar-Sprecher Jan Oesterlin mag keine vertraglichen Details nennen, doch mit der jetzt erzielten Einigung über die beiden Filme könne man „gut leben“. Offenbar hat es also einen gewissen Nachlass gegeben. Oesterlin hofft auf ähnlich gütliche Regelungen für die Zukunft. Auch die Ketten Cinemaxx und UCI haben mit Buena Vista einvernehmliche Absprachen über die beiden Filme getroffen. Doch damit ist der Konflikt gewiss nicht grundsätzlich beigelegt.

In der Branche rechnet man damit, dass künftig viele weitere DVDs vor der ominösen Sechsmonats-Frist herauskommen werden. In den USA verfolgen große Filmproduzenten diese kommerzielle Strategie schon ganz offensiv. Angesichts arg rückläufiger Besucherzahlen (bei uns derzeit rund 17 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr) haben Kinos ohnehin Probleme. Mal ganz abgesehen von illegaler Verbreitung via Internet: Auch die gesetzestreu erworbene DVD kann sich bedrohlich auswirken – erst recht, wenn sie immer früher auf den Markt kommt. Dieses Medium bedient den cineastischen Sammeltrieb und bietet überdies meist Interviews mit Regisseuren oder Impressionen von den Dreharbeiten.

Die Verwertung beschleunigt sich

Zum Vergleich: Mit DVDs (nicht nur Kinofilme, sondem auch Musik usw.) wurden in Deutschland im Jahr 2004 rund 1,6 Milliarden Euro umgesetzt, an den Kinokassen hingegen nur 893 Millionen Euro. Und welch ein Zeichen der Zeit, dass weltweit mit Computerspielen schon erheblich mehr Umsatz gemacht wird als mit der gesamten Kino-Produktion!

Eine ähnliche Beschleunigung in der Verwertungskette erlebt auch der Buchhandel. Nicht nur, weil Neuerscheinungen in immer kürzeren Zyklen aussortiert und alsbald „verramscht“ werden. In den letzten Jahren sorgen vor allem Hörbücher für dringlich benötigten Gewinn. Während vormals das Hörbuch erst im gewissen Abstand zur gedruckten Version erschien, ist heute eine parallele Veröffentlichung die Regel. Man hat sofort die Wahl zwischen Lesen und Lauschen.

Allerdings genießen Buchhändler den Vorteil, dass sie selbst die tönenden Bücher verkaufen – und nicht die Verlage. Kinos hingegen vermarkten keine DVDs. Dieses lukrative Geschäft teilen sich die Verleihe und der einschlägige Versandhandel.




Schräger Poet des deutschen Alltags – Der Liedermacher Funny van Dannen und seine neue CD „Nebelmaschine“

Von Bernd Berke

Mal klingt er heiser wie ein grimmiger Protestsänger aus den 1960er Jahren, mal dröhnend wie ein haltloser Gitarren-Schrammler am Lagerfeuer. Doch so leicht und billig lässt sich der Liedermacher Funny van Dannen nicht einsortieren. Denn er ist ein Phänomen ganz eigener Art.

Ist er nun melancholisch, romantisch, treuherzig, hinterrücks ironisch oder abgründig absurd? Auch auf seiner mittlerweile achten CD „Nebelmaschine“ mischen sich derlei Gefühlsfarben so unverfroren wie bei keinem anderen Sänger.

In seinen schrägen Songs gibt’s zuweilen grausam gereimte Zeilenpaare. Manchen Einfall könnte man für einen bloßen Pennäler-Ulk oder eine grenzdebile Schaffe irgendwo im Dunstkreis zwischen Heinz Erhardt, Mike Krüger und Helge Schneider halten. Im Grunde aber ist der Mann ein sentimentaler Poet, der den deutschen Alltag immer wieder mit sanfter Gewalt auf den Begriff bringt und dabei gelegentlich sogar ganz neue Sinn- oder eben Unsinns-Horizonte aufreißt. Wo er frei assoziiert und kluge mit bescheuerten Gedanken abenteuerlich verknüpft, da wächst kaum noch Gras.

Viele seiner Lieder haben das Zeug zum Klassiker. Von den bisherigen Alben könnte man etliche Beispiele nennen: von „Gib es zu, du warst beim Nana Mouskouri-Konzert“ bis „Als Willy Brandt Bundeskanzler war“, der vielleicht stimmigste aller Retro-Songs über die 70er Jahre. Auch auf der neuen CD (nicht mehr solo, sondern mit Band eingespielt) finden sich solche genialischen Würfe.

Beispielsweise „Infrastruktur“. Die Idee: Da setzen sich in der sonst so grämlichen Jammerrepublik Deutschland auf einmal ganz viele Leute genüsslich hin und freuen sich einfach gemeinsam über die heimische Infrastruktur. Die funktioniert ja noch so einigermaßen. Vielstimmig ertönt der entsprechende Jubel-Refrain. Hinreißend! Die Melodie ist so ungemein eingängig wie beim Zitter-Gesang von den „Bodenunebenhelten“ – die imaginären Schlaglöcher lassen selbst starke Stimmen beben.

Ferner erfahren wir, dass der hehre Bundesadler früher mal ein ganz kaputter Typ war, bis er in Bonn und Berlin groß herauskam. Wir hören Funny van Dannen beim vergeblichen Versuch zu, einen deprimierten Freund mit einem Lied über „Blutige Halme“ (was immer das sei) aufzuheitern. Herzzerreißend die Klage des Mannes, der sein spezielles Sammelalbum verloren hat – mit lauter „Fotos von Ohren“. Für gehärtete Gemüter gibt’s Tracks wie „Dingficker“ oder „Hobbynutte“. Aber man vernimmt auch Träumereien vom Wahren, Schönen, Guten wie „Gelingendes Leben“. Eine gewisse „Kaffee-Hag-Gemütlichkeit“ hat ein Kritiker solchen Sachen mal bescheinigt. Da ist ‚was dran.

Hier finden sich allerlei treffliche Balladen, klappernde Liedlein im nostalgischen Western-Rhythmus oder gaaaanz entspannte Songs im somnambulen Rumba-Stil. Das alles trägt Funny van Dannen betont „uncool“ vor, mit dem Mut zu vermeintlicher Spießigkeit und Banalität. Großer Sport!

Funny van Dannen: „Nebelmaschine“. CD bei Trikont.

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Ehemaliger Holländer

Der Sänger und Liedermacher „Funny van Dannen“ heißt bürgerlich Franz Josef Hagmanns. Er wurde 1958 in Tüddern geboren. Kurios: Damals gehörte dieser kleine Ort zu den Niederlanden, seit 1963 liegt er in NRW.

Erste Lieder soll „Funny“ mit 14 Jahren im südholländischen Dialekt geschrieben haben. Später zog er nach Berlin, wurde Werbegrafiker, spielte in diversen Punkbands und war ein Mitbegründer der legendären Gruppe „Lassie Singers“, aus der später die ebenso starke Frauenband „Britta“ hervorging.

Inzwischen hat Funny van Dannen zuweilen prominente Abnehmer: Er schrieb mehrere Titel für die „Toten Hosen“, und sein „Nana Mouskouri“-Song wurde von Udo Lindenberg gecovert. Heute wohnt der vierfache Vater (lauter Söhne) im denkbar szene-fernen Berliner Bezirk Tempelhof. Noch so eine irgendwie sympathisch „uncoole“ Entscheidung.

 




Timm Ulrichs: Kunst auf die lockere Art

Recklinghausen. Wenn Kunststudenten ihre Werke zeigen, krähen nicht viele Hähne danach. Wenn aber ihr Professor, der seit Jahrzehnten einen „Namen“ hat, sich an die Spitze stellt, so verhält es sich schon anders. Beispielsweise Prof. Timm Ulrichs (65), der nun Abschied von der Münsteraner Kunstakademie nimmt, wo er in seiner Klasse seit 1972 etwa 280 Studenten betreut hat.

Jetzt ist in Recklinghausen ein Auswahl-Querschnitt aus all diesen Jahren zu sehen. Über den Daumen gepeilt, sind es fast 200 Werke von rund 100 Ulrichs-Schülern, garniert mit beispielhaften Arbeiten des freigeistigen Lehrmeisters, der auch schon mal eine Märklin-Modellbahn (beladen mit deutschem Wald) in künstlerischen Dienst nimmt. Manche erinnern sich auch an dies: Mit einer garstigen Porno-Kunst-Aktion hatte Ulrichs anno 1993 für einen Skandal in Iserlohn gesorgt.

Der aufwändig recherchierte Bilanz-Katalog verzeichnet seine sämtlichen Studenten – jeweils mit Passfoto von „damals“ (aus den Akten der Akademie) und kurzem Werdegang; ganz gleich, ob sie nur ein oder 30 (!) Semester in Münster verbracht haben. Hübsche Randnotiz: Recklinghausens Kunsthallen-Chef Ferdinand Ullrich zählte einst selbst zum Kreis der Eleven. Ursprünglich hat er Künstler werden wollen, dann hat er auf Kunstgeschichte umgesattelt.

Auch feste Größen der Sze¬ne, wie etwa Gregor Schneider (der Deutschland bei der Biennale in Venedig vertrat), haben ihre ersten Schritte bei Timm Ulrichs gemacht. Etli¬che andere zählen zum acht¬baren „Mittelfeld“ der Branche, einige haben sich ganz aus dem Beruf verabschiedet. So ist das eben.

Die kreuz und quer (un)sortierte Ausstellung ist „vielstimmig“, man sieht Beispiele für alle Genres zwischen Malerei, Installation und Video. Manche Stile und Moden der letzten 30 Jahre klingen an. Gemeinsamer Grundzug ist ironischer Einfallsreichtum, zuweilen frech-fröhlich gewendet. Kunst, die das Pathos meidet, die sich selbst nicht allzu schwer nimmt. Timm Ulrichs dürfte zur leichteren Gangart ermutigt haben.

Ulrichs, der in Münster als Professor für „Bildhauerei und Totalkunst“ firmierte, hat den jungen Leuten stets viel Freiraum gelassen. Das lockere Arbeitsklima kann man sich ungefähr vorstellen. Es teilt sich im entspannten Gestus der Ausstellung mit.

Doch Ulrichs hat nicht alle Interessenten zugelassen. Auswahl musste sein. „Ich war nicht wie Beuys, der unterschiedslos alle zu sich gerufen hat.“ Die Jahrgangsbesten wählte Ulrichs jeweils ganz subjektiv aus – und verlieh ihnen unfeierlich seinen „Timm und Struppi-Preis“…

Anfangs war Ulrichs selbst noch so jung, dass er gegrübelt hat: „Wie soll ich hier eigentlich den Professor spielen?“ Und noch heute sagt der beredsame, oft zu respektlosen Scherzen aufgelegte Mann: „Eigentlich weiß ich gar nicht, was Kunst ist.“ Kunst sei ein offener Begriff. Statt sich vorher festzulegen, solle man vom konkreten Einzelwerk ausgehen.

Ulrichs ist halt ein Sponti. Verhasst sind ihm die immer wieder verwendeten „Markenzeichen“ der Kunst, z. B. Nägel oder kopfüber hängende Porträts. Lieber täglich von vorn beginnen. Ein Vorbild? „Edison! Der hatte über 200 Patente aus allen Bereichen.“ Und wie sieht – ganz profan gefragt – das finanzielle Fazit seines Künstlerlebens aus? Ulrichs: „Obwohl ich viele Wettbewerbe gewonnen habe, habe ich mit Kunst kaum etwas verdient.“ Wie gut, dass er als Professor ein gesichertes Grundeinkommen hatte.

• „mit offenem Ende“ -Timm Ulrichs und seine Klasse an der Kunstakademie Münster 1972 bis 2005. Kunsthalle Reckling¬hausen. 24. Juli (Eröff. um 11 Uhr) bis 11. September. Di-So 10-18 Uhr. Katalog 10 Euro.

(Der Beitrag stand am 23. Juli 2005 in der Westfälischen Rundschau, Dortmund)




Heimatlose Engel – Cees Nootebooms „Paradies verloren“

Höchst merkwürdige Wandlungen und Metamorphosen gehen im neuen Roman von Cees Nooteboom vor sich. Die junge Alma gerät in ein Elendsviertel von Sao Paulo und wird dort von einer ganzen Horde vergewaltigt. Kann sie nach diesem höllischen Erleiden jemals wieder ein halbwegs normales Leben führen?

Raumgreifender Szenenwechsel. Ein paar Kapitel später durchstreift sie mit ihrer Freundin Almut die Weiten und Wüsten von Australien. Sie sucht ein Ersatz-Paradies in den nomadischen Mythen der Aborigines, der Ureinwohner also; ganz im Geiste des früh verstorbenen ,,Traumpfade“-Autors Bruce Chatwyn, der freilich nicht ausdrücklich genannt wird. Doch auch diese urzeitliche Vorstellungswelt ist von den Marktkräften der Zivilisation vernichtet worden. Die rätselhaften Bilder der Aborigines machen nur noch weiße Galeristen reich.

Die Suche nach dem verlorenen Paradies bekommt sodann absurde Züge: Bei einem Theaterfestival im abgelegenen australischen Perth verwandelt sich Alma in einen „Engel“, der sich in einem Schrank verbergen muss. Beim Suchspiel (denn um ein solches geht es) wird sie von einem gründlich frustrierten niederländischen Kulturredakteur entdeckt. Dieser Literaturkritiker verliebt sich sogleich in ihre melancholische Unergründlichkeit. Doch im chaotischen Gewoge der Abschluss-Party verlieren sie einander auf lange Zeit. Dabei hatten sie sich doch schon paradiesisch ausgezogen…

Drei Jahre später absolviert besagter Redakteur (der mit Vorliebe heimische Größen wie just Cees Nooteboom „verreißt“…) eine strenge Kur in einem gottverlassenen Schneedorf in Österreich. Und wer ist seine Masseuse? Richtig, es ist Alma. Doch wiederum entzieht sich die Weitgereiste – offenbar ist sie unterwegs in eine unbestimmte Sphäre, in der wohl die letzten, die gänzlich heimatlosen Engel sich bewegen. Und diese Wesen sind nun einmal nicht für Menschen bestimmt, wie sie sagt.

Überdies sorgt Nooteboom für eine ebenso wundersame Rahmenhandlung. Da trifft er im Flugzeug nach Berlin und im Zug nach Moskau jene Leserin, die eben „Paradies verloren“ in den Händen hält.

Eine solche Mär mag man sich nicht von jedem Autor erzählen lassen. Doch der selbst weltweit gereiste Nooteboom lädt seine bildkräftige Geschichte von unverhoffter Wiederkehr und Spiegelungs-Effekten mit zuweilen hinreißenden Alltags-Exkursen auf. Er kennt sich mit Fastenkuren ebenso aus wie in Kulturredaktionen und fernen Ländern. Und ganz ohne arroganten Gestus verabreicht er nebenher edles Bildungsgut – von den Engel-Darstellungen der Renaissance-Maler bis hin zu Miltons Dichtung „Paradise Lost“ Sie schildert die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies.

Ein Engel wies bekanntlich den beschwerlichen Weg ins irdische Jammertal. Zwischen Hölle und Himmel angesiedelt, ist es trotz allem das vielleicht interessanteste Gefilde überhaupt. Denn die Hölle hält niemand aus, und im Paradies – so heißt es hier – gibt es gar keine spannenden Missverständnisse mehr.

Cees Nooteboom: „Paradies verloren“. Suhrkamp, 157 Seiten, 16,80 Euro.

(Der Beitrag stand am 15. Juli 2005 in der „Westfälischen Rundschau“)




Kultur besteht nicht nur aus „Leuchttürmen“ – Gespräch mit NRW-Staatssekretär Grosse-Brockhoff

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Nicht noch mehr kulturelle „Leuchttürme“ errichten, sondern die wertvolle Substanz im Lande erhalten und pflegen. Das ist eine kulturpolitische Leitlinie der neuen Landesregierung. Die WR sprach gestern in Düsseldorf mit dem für Kultur zuständigen Staatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU).

Der neue Mann für die Landeskultur, bislang Schul- und Kulturdezernent der Stadt Düsseldorf, versichert, dass das Wahlversprechen umgesetzt werde: Mittelfristig soll demnach der NRW-Kulturetat von etwa 67 auf 135 Mio. Euro verdoppelt werden. Was heißt „mittelfristig“? Grosse-Brockhoff: „In den nächsten fünf Jahren.“ In welchen Schritten dies geschieht, ist noch offen.

Grosse-Brockhoff ist davon überzeugt, dass NordrheinWestfalen „die dichteste und reichste Kulturlandschaft der Welt ist“. Er wolle dafür sorgen, dass dies endlich auch in Berlin oder München wahrgenommen werde – und international. Eine Idee, die sein Vorgänger Michael Vesper (Grüne) aus Finanzgründen fallen ließ, will Grosse-Brockhoff eventuell aufgreifen: eine gemeinsame Präsentation von NRW-Museen in den USA oder etwa auch in China.

Blankoscheck auch nicht für die RuhrTriennale

Vorstellbar sei dies auch im Zusammenspiel mit der heimischen’Wirtschaft. Kultur als „Türöffner“ für Unternehmen? Grosse-Brockhoff: „Die Kultur als Vorreiter! Das gab es schon im Mittelalter und zur Zeit der Hanse.“ Solange Kultur nicht vereinnahmt werde, sei das in Ordnung.

GRosse-Brockhoff, der sich just gestern im neuen Büro (Weitblick aus der 12. Etage des Stadttor-Hochhauses) einrichtete, fungiert beim neuen NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers als Leiter der Staatskanzlei. Nach eigenem Bekunden kann er etwa ein Drittel seiner Arbeitszeit der Kultur widmen. Genügt das? Grosse-Brockhoff: „Michael Vesper hatte noch weniger Zeit für Kultur, sein Ministerium war auch für Wohnen, Städtebau und Sport zuständig, außerdem war er stellvertretender Ministerpräsident.“ Vesper habe insgesamt gute Arbeit geleistet, aber: „Wenn man gewollt hätte, hätte man die Kultur von Sparmaßnahmen ausnehmen können.“

Bestehende „Leuchttürme“, wie etwa die RuhrTriennale, sollen nicht angetastet werden. Der studierte Jurist und Historiker Grosse-Brockhoff, der sich durch bisherige Ämter auch mit Finanzfragen auskennt, will freilich auch den Triennale-Etat überprüfen: „ Einen Blankoscheck gibt es nicht.“ Und die mögliche Kulturhauptstadt Ruhrgebiet? Grosse-Brockhoff steht voll und ganz hinter der Essener Bewerbung. Jedoch: „Da müssen wir uns noch ganz schön ins Zeug legen, dass wir’s auch werden…“

Ebenso wichtig wie solche Highlights sei indes die Substanz-Erhaltung. In Depots, Bibliotheken und Archiven seien viele Bestände gefährdet. Hier müsse das Land helfend eingreifen. „Stadt und Land Hand in Hand“, lautet Grosse-Brockhoffs gereimte Losung. Er wolle viel intensiver mit den Kommunen zusammenarbeiten, und zwar ohne Ansehen von politischen Mehrheitsverhältnissen. Und der Rheinländer stellt klar, dass er auf Gerechtigkeit zwischen den Landesteilen achten werde: „Ich mahne schon seit Jahren, dass Westfalen genügend gefördert wird.“

Weitere „Baustellen“ gibt es mehr als genug: Einen engen Zusammenhang will GrosseBrockhoff zwischen Kultur- und Bildungspolitik stiften. Er möchte Projekte anregen, bei denen Künstler in die Schulen gehen, denn: „Ästhetische Erziehung hat in NRW stark gelitten.“

Zudem sollen die gemeinsamen Kultursekretariate der NRW-Städte (in Wuppertal und Gütersloh) im Sinne einer regionalen Kulturpolitik gestärkt werden. Und auch der Erhalt der finanziell gebeutelten NRW-Landestheater (u. a. des WLT in Castrop-Rauxel) liege ihm am Herzen, so GRosse-Brockhoff. Vielleicht kommt diesen Bühnen ja ein Teil der angepeilten Etat-Erhöhung im Lande zugute?

 

 

 

 




Adolf Muschg: „Ich bin mit mir selbst nicht identisch“

Der Schweizer Adolf Muschg (71) zählt zu den führenden Köpfen der deutschsprachigen Literatur. Der Büchner-Preisträger ist auch kulturpolitisch einflussreich: Er war Mitglied der Jury, die das Ruhrgebiet bei der Vorauswahl zur Kulturhauptstadt 2010 bereist hat. Und er ist Präsident der hochkarätigen Berliner Akademie der Künste. Eine Gespräch mit Adolf Muschg im Dortmunder Harenberg City-Center – vor einer Lesung aus seinem bei Suhrkamp erschienenen neuen Roman „Eikan, du bist spät“.

Frage: In Ihrem Roman geht es um einen Cellisten, seine Lebens- und vor allem Frauen-Krise. Was hat Sie an dem Thema gereizt?

Adolf Muschg: Das Cello ist von allen Streichinstrumenten das mit dem größten Körper-Engagement. Musik als spirituelles Prinzip – und zugleich das Sinnlichste, was es gibt. Ein interessanter Widerspruch. Außerdem wollte ich mir ein Gebiet erobern, das mit eher fern liegt, ich habe nur als kleiner Junge ein wenig Klavier gespielt. Es läuft hinaus auf das Motiv der Wiederholung, was die Frauengeschichten angeht. Das Wiederholungsmotiv ist im Grunde ein uraltes in der Liebe, man denke nur an Tristan und Isolde. Unser Leben besteht aus Wiederholungen – und wir alle haben den Anspruch, einmalig zu sein.

Ihr Cellist Andreas Leuchter wird aus all seinen Frauen nicht klug…

Muschg (lacht): Das gehört zum Wenigen, was ihn mir sympathisch macht…

Kann ein Mann denn aus Frauen im Wortsinne klug werden?

Muschg: Nein. Aber man könnte im Umgang mit ihnen ein bisschen weiser werden. Doch auch das würde nichts helfen. Ich glaube: Das Verhältnis zwischen Mann und Frau ist nicht dazu geschaffen, „vernünftig“ zu sein – obwohl es ohne Vernunft auch wieder nicht auszuhalten ist. Schon die Erfindung der Zweigeschlechtlichkeit ist ja eine große Kühnheit der Natur, davor hat sie sich mit Kopien und Zellteilungen begnügt.

Leuchter versäumt seine große Liebe…

Muschg: Das ist ein Verdacht, der Männer häufig beschleicht: „Ich bin etwas schuldig geblieben.“ Man kann sich auf triviale Formeln einigen: Die Chemie hat nicht gestimmt. Aber in der Liebe steckt ganz wesentlich eine massive Überforderung der Beteiligten.

Sie kommen in Ihren Büchern immer wieder auf Japan als das ganz Andere, Fremde zurück, so auch diesmal. Die zweite Hälfte des Romans spielt dort.

Muschg: Der erste Impuls liegt ganz lange zurück. Meine Halbschwester, 30 Jahre älter als ich, war Hauslehrerin bei einer schweizerisch-japanischen Familie. Als sie zurückkam, hat sie ein Kinderbuch geschrieben – es war das allererste Buch, das ich in meinem Leben gelesen habe. In dem Buch kam mein eigenes Elternhaus vor, und eines in Kyoto. Japan steht für das Fremde, man hat es sozusagen auch in sich, denn Identität ist nichts Festes, ich bin mit mir selbst nicht identisch. Ich bin überhaupt allergisch gegen das Wort Identität, weil damit auch politisch so viel Schindluder getrieben werden kann. Was ist eine schweizerische, was eine deutsche Identität? Oder eine europäische Identität? Europa hat sich immer wieder verändern lassen: die Germanen durch das Christentum, das Christentum durch die Aufklärung. Europäisch ist die Fähigkeit, sich fremde Dinge produktiv anzuverwandeln.

Von Europa zum Ruhrgebiet. Welchen Eindruck haben Sie bei Ihrer Jury-Reise in Sachen „Kulturhauptstadt“ gewonnen?

Muschg: Ich hatte vorher keine Ahnung, dass das Ruhrgebiet mein Favorit werden würde. Hier erscheint Kultur als fundamentaler Sachverhalt. Dieses ganze Gebiet hat sich neu erfinden müssen. Es ist ein erstaunlich waches Stück Deutschland. Die Menschen waren hier unglaublich erfinderisch. Kultur bedeutet ja nicht nur Theater oder Oper, sondern was man aus sich selber macht! Was das Ruhrgebiet jetzt zu stemmen versucht, das muss auch in Nordfrankreich oder in englischen Industriestädten geschehen. Man wünscht dem Ruhrgebiet so sehr, dass es gelingt. Da ertappe ich mich fast bei einer Art Liebesverhältnis.

Würde sich für die Akademie der Künste bei einem Regierungswechsel etwas ändern? Bundeskanzler Schröder hat Sie ja neulich zur „Einmischung“ in die Politik aufgefordert.

Muschg: Ja, dazu werden wir oft aufgefordert – bis wir es dann tun! Grundsätzlich wird sich wohl nicht viel ändern. Wir müssen weiterhin deutlich machen, dass Kunst kein Luxus, sondern Lebensmittel ist. Was mich am meisten beunruhigt, ist der zunehmende Druck des Marktes auf die Kultur. Da geht es oft nur noch um Neuheiten, Saisonartikel, Events. Übrigens fährt man als Künstler unter der CDU nicht schlechter. SPD-Regierungen sind nicht unbedingt kulturfreundlich. Aber die jetzige Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die ja parteilos ist, die würden wir schon sehr vermissen.

(Der Beitrag stand am 25. Juni 2005 in ähnlicher Form in der „Westfälischen Rundschau“, Dortmund)




Aus dem Vorrat der Idyllen – „Kleine Nationalgalerie“: Bilder des 19. Jahrhunderts auf lange Zeit in Dortmund

Dortmund. Sehen wir es mal s0 herum: „Dies ist eine Kunst, die nicht quält“, sagt Brigitte Buberl vom Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte („MuKuKu“). Gewiss, auch sie habe vor einigen Bildern spontan gedacht: „Oh Gott, was für ein Schinken!“ Ja, man zeige hier in der Tat auch „verlogene Idyllen“, immerhin Balsam fürs Gemüt.

Sie spricht von jenen 120 Bildern und Skulpturen, die sie selbst aus dem überquellenden Depot-Fundus der Alten Nationalgalerie in Berlin ausgewählt hat – für Dortmund, wo dieser Querschnitt durch die Kunst des 19. Jahrhunderts ab jetzt drei Jahre lang (!) zu sehen ist. Die Kollektion, die in etwa den Sammlergeschmack der Gründerzeit in den 1870er Jahren widerspiegelt, firmiert unter „Kleine Nationalgalerie“. Sie könnte eines Tages im „Dortmunder U“, einem ehemaligen Brauereiturm, ihren Platz finden. Zukunftsmusik.

Berlin steht bei dem „Handel“ nicht schlecht da: Man konnte Depot-Bestände entstauben und restaurieren (Dortmunder Kostenbeitrag: 80 000 Euro). Dortmund wiederum begegnet den Schöpfungen einer Zeit, die zum Eigenbesitz des MuKuKu passt und sonst in Westfalen nicht so reichlich vertreten ist.

Von der Frühromantik bis zum Impressionismus

Ein Jahrhundert wird besichtigt: Der Epochenrahmen reicht von der Goethezeit bis zum Ersten Weltkrieg, die stilistische Palette von Frühromantik über Biedermeier und Realismus bis hin zu Impressionismus und Jugendstil. Man erlebt hier viel akademische Feinmalerei, etliches Historien-Pathos und Genre-Süßlichkeit: Herzig schmelzendes Beispiel hierfür sind Eduard Steinbrücks „Badende Kinder“. Kunst, die (sich und uns) nicht quält…

Spitzenstücke und bekanntere Künstlernamen sind rar: Arnold Böcklin, Lovis Corinth, Max Slevogt, Wilhelm von Kaulbach, Adolph Menzel, Otto Modersohn, Franz von Stuck, Moritz von Schwind, Hans Thoma, Johann Gottfried Schadow. Das wär’s eigentlich schon.

Allerlei mythologische Gestalten

Der große Rest muss der Vergessenheit entrissen werden. In Einzelfällen könnte es‘ sich lohnen. Bernhard Maaz, Leiter der Alten Nationalgalerie, hat aber eine „Revision des 19. Jahrhunderts“, eine umfassende Neubewertung im Sinn. Kaum zu erwarten, dass die Dortmunder Auswahl diesen hohen Anspruch erfüllt. Am besten wappnet man sich wohl mit freundlicher Ironie – ganz im Sinne einer Postmoderne, die in konservativer werdenden Zeiten so manches wieder lächelnd gelten lässt, was längst abgehandelt schien. Dann kann man an allem sein stilles Vergnügen haben. Hie und da geht einem gar das Herz auf.

Ein Segen übrigens, dass die Exponate erläuternd beschriftet sind, denn über den mythologischen Bildungsvorrat der damaligen Künstler gebietet heute niemand mehr.

Schwebende Engel, heroische Ritter, orientalische Gewänder, Huldigungen an königlich-kaiserliche Hoheiten: Tatsächlich trifft man hier das wesentliche Bilderinventar des 19. Jahrhunderts an. In diesem hehren Umfeld wirkt schon Oskar Zwintschers zartsinniges Frauen-„Bildnis in Blumen“ (1904) wie ein Gruß nach vorn – und Otto Modersohns leuchtender „Birkendamm“ (1901) wie eine mittlere Offenbarung.

• „Kleine Nationalgalerie“. Dortmund, Museum für Kunst und Kulturgeschichte (Hansastraße). Für ca. drei Jahre (Austausch von Exponaten mittelfristig geplant). Di-So 10-18, Do 10-20 Uhr. Eintritt 6 Euro. Katalog im Oktober.




Ein Fachmann für die Kultur – Grosse-Brockhoff als NRW-Staatssekretär

Von Bernd Berke

Wenn einem Kultur am Herzen liegt, so vernimmt man die Nachrichten aus Düsseldorf mit gemischten Gefühlen: Mit dem bisherigen Düsseldorfer Kulturdezernenten Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff ist eine gewichtige Persönlichkeit für kulturelle Belange in der NRW-Landesregierung gewonnen worden. So weit, so verheißungsvoll.

Dass der Mann keinen Ministerrang einnimmt, sondern beim neuen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers in der Staatskanzlei angesiedelt wird, zeugt allerdings von Halbherzigkeit. Was hat dagegen gesprochen, die Kultur endlich wieder als eigenständiges Ressort zu etablieren?

Unter der rot-grünen Vorläufer-Regierung war Kultur in einen Gemischtwarenladen einsortiert. Michael Vesper war für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport zuständig. In solcher Gemengelage hängt eben vieles von den Personen ab. Vesper hat sich durchaus achtbar und zunehmend sachkundig um die Kultur gekümmert.

Mehr privates Geld nötig

Dieser persönliche Aspekt lässt aber auch für die Zukunft hoffen, denn Grosse-Brockhoff (55) ist ein erfahrener Mann vom Fach. Schon ab 1981 war er Kulturdezernent in Neuss, seit 1992 versieht er dieses Amt mit einiger Fortune in Düsseldorf. Die dortige Museumslandschaft etwa kann sich wahrlich sehen lassen, und auch das Theater steht recht ordentlich da.

Sparzwänge gibt’s wie überall im Lande, und so hat GrosseBrockhoff sich frühzeitig mit neuen Modellen der so genannten Public-Private-Partnership befasst, sprich: Er hat Chancen ausgelotet, wie Kulturinstitute mit der Wirtschaft kooperieren können. Die von Grosse-Brockhoff eingeleitete Zusammenarbeit des eon-Konzerns mit dem Düsseldorfer Museum kunstpalast gilt hier – bei aller möglichen Kritik im Detail – als wegweisend.

Verfahren, die mehr privates Geld in den kulturellen Bereich lenken sollen, spielen auch in der Koalitionsvereinbarung zwischen CDU und FDP eine besondere Rolle. Kein Wunder: CDU-Mitglied Grosse-Brockhoff hat im Vorfeld der Landtagswahlen an der kulturpolitischen Positionsbestimmung seiner Partei entscheidend mitgewirkt.

Nur zwei Seiten im Koalitionspapier

Dass Kultur im Koalitionspapier von CDU und FDP nur rund zwei von 60 Seiten einnimmt, ist jedoch enttäuschend. Ein neues, sponsorenfreundliches Stiftungsrecht wird da ebenso in Aussicht gestellt wie die (vor den Wahlen versprochene) mittelfristige Verdoppelung des Landes-Kulturhaushaltes, der bislang nur 0,27 Prozent des gesamten Etats ausmacht. Ausdrücklich stellen sich CDU und FDP hinter die Bewerbung des Ruhrgebiets um die „Kulturhauptstadt 2010″ und erwähnen RuhrTriennale, Klavierfestival Rühr sowie Ruhrfestspiele als „Leuchttürme“.

Manchen Rheinländer hat diese nachdrückliche Betonung des Reviers bereits misstrauisch gemacht. Gelten Köln und Düsseldorf denn gar nichts mehr? Eine absurde Frage, zumal sich jetzt der bisherige Düsseldorfer Dezernent der Sache annimmt. Anlass zur Sorge gibt allerdings die Tatsache, dass regionale Kulturpolitik ansonsten im Koalitionspapier nicht vorkommt.




Krämpfe der Wirklichkeit – Fotografien von Diane Arbus im Essener Museum Folkwang

Von Bernd Berke

Essen. Von Erotik keine Spur: Einsam hockt die Stripperin zwischen zwei Auftritten im schäbigen Hinterzimmer. Von Glorie kein Schimmer: Ein namenloser US-Patriot hat sich mit Flagge und Anstecker („l’m proud“) gerüstet. Doch der „stolze“ Mann sieht erbärmlich aus; ganz so, als hätte er in dieser Leistungsgesellschaft nie eine Chance gehabt. Man glaubt ohne weiteres, dass er zum seelischen Ausgleich glühender Patriot werden musste.

Wenn man die Fotografien der US-Künstlerin Diane Arbus (1923-1971) anschaut, rieseln einem häufig Schauer über den Rücken. Hier begegnet man meist Menschen von den Rändern der Gesellschaft – ungemein frontal und unausweichlich. Jedes Bild scheint einem zuzurufen: Stelle dich der Wirklichkeit!

Oberflächlich betrachtet, summieren sich die rund 180 Schwarzweiß-Aufnahmen im Essener Folkwang-Museum zum Panoptikum wie auf längst vergangenen Jahrmärkten. Ist es Voyeurismus? Man sieht Transvestiten, Dominas mit devot winselnden Kunden, Nudisten, dicke Kinder, Kleinwüchsige, Behinderte, schräge Leute aus der High Society.

Viele der erfassten Momente sind sirrend, manche auch brüllend bizarr. Hier waltet ein Wille zur ungeschönten Wahrheit. „Diane Arbus – Revelations“ heißt die Schau. Enthüllungen also. Im Wörterbuch steht auch: Offenbarungen.

Die in New York geborene Diane Arbus war eine „höhere Tochter“ und schuf anfangs elegante Modefotografte. Dann aber suchte sie andere Welten auf. Wohl in einer Mischung aus Angst und Faszination hat sie sich auf die Schatten- und Nachtseiten der Gesellschaft begeben. In den 50er und frühen 60er Jahren war dies ein Tabubruch. Die Abweichungen, die Arbus gezeigt hat, erweisen sich als eine Art Vorschuss auf spätere, schrille Zeiten. Heute wimmelt jede Nachmittags-Talkshow von Freaks.

Das Bizarre wird allmählich „normal“

Bei Diane Arbus kann jedoch von Banalisierung noch keine Rede sein. Mit geradezu heiligem Ernst verwandelt sie all diese Randfiguren in Ikonen. Dies geschieht mit solcher Beharrungskraft, dass das Bizarre irgendwann beinahe alltäglich wird. Wenn Arbus sich hingegen dem Alltag der „schweigenden Mehrheit“ zuwendet, so entdeckt sie darin wiederum bestürzend krampfhafte Momente. Ein kleiner Junge auf der Straße schreit da unvermittelt existenzielle Not heraus. Und ein ganz junges Paar wirkt so desolat, als wäre es längst in ehelicher Ödnis erstarrt.

Mögliche Folgerung: All diese Menschen sind, in welcher Ausprägung auch immer, aus einem Holz geschnitzt. Ein humaner Ansatz, der auch abseitige Existenzen gleichsam eingemeindet. Dahinter lauert die Grundsatzfrage: Was ist überhaupt „normal“? Doch heute nimmt man diese Gesellschaftskritik in erster Linie als Kunst wahr. Ethik verschwindet hinter Ästhetik. Die Ausstellung war auf US-Toumee und hat nun ihre Europa-Premiere in Essen, es folgen London und Barcelona.

Die von RWE gesponserte Folkwang-Schau bietet mehr als nur die bloße Präsentation der (auf dem Kunstmarkt sehr hoch gehandelten) Fotografien. In drei atmosphärisch dicht gespickten Kabinetten blickt man in die Werkstatt der Künstlerin. Tagebücher, Notizen, Briefe, Lektüre, Handwerkszeug und dergleichen sind hier versammelt. Auch sieht man Kontaktabzüge ganzer Serien, so dass man nachvollziehen kann, welche Motive und Ausschnitte die Fotografin verworfen hat.

Diane Arbus hat den Freitod gewählt. Mit 48 Jahren schnitt sie sich die Pulsadern auf. Vielleicht hat sie die Trennung von ihrem Mann nicht verwunden. Medikamente, die sie gegen Hepatitis nehmen musste, haben vermutlich zusätzliche Depressionen ausgelöst. Oder hatte die Verzweiflung auch etwas mit den Motiven ihrer Fotografien zu tun? Wir werden es nie wissen, wir können nur schauen und ahnen.

„Diane Arbus – Revelations“. Museum Folkwang. Essen, Goethestraße 41. Bis 18. September. Geöffnet Di-So 10-18, Fr 10-24 Uhr. Katalog 49.80 €.




Die Kraft kommt von innen – Maler Jörg Immendorff 60 Jahre alt, das Werk wird von seiner Krankheit fast verdeckt

Es ist nicht ganz leicht, Kopf und Blick frei zu bekommen für Jörg Immendorff als Künstler. Der Maler, der heute – wahrscheinlich unter Schmerzen – 60 Jahre alt wird, ist zuletzt anderweitig bekannt geworden, bis weit in kulturferne Kreise hinein.

Bringen wir es hinter uns: Wohl jeder weiß, dass die Polizei Immendorff am 16. August 2003 mit gleich neun Prostituierten und einigen Kokain-Vorräten in einem Düsseldorfer Nobelhotel ertappt hat. Er wurde auf Bewährung verurteilt und durfte seine Professur behalten. Auch ist bekannt, dass Immendorff an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS leidet, die ihn zunehmend lähmt. Dies lässt seinen vermeintlich lüsternen Exzess nachträglich in anderem Licht erscheinen. Da wollte sich jemand verzweifelt ans Dasein klammern.

Es begann mit dem Schlachtruf „Hört auf zu malen!“

Ärzte haben prophezeit, dass er diesen 60. Geburtstag nicht mehr erleben würde. Doch sein Wille ist stark. Es scheint so, als werde er bis zum letzten Augenblick malen – mit welchem Handicap auch immer. Vielleicht hält ihn eine (geminderte) Form jener Lebensgier innerlich aufrecht, die den einstigen Kraftkerl früher bewegt hat. Zudem hat er eine junge Frau und eine kleine Tochter.

Die künstlerische Laufbahn des Offizierssohnes begann 1966 ausgerechnet mit dem Schlachtruf „Hört auf zu malen!“ Dieser Schriftzug stand auf einem Ölbild, das Immendorff kurzerhand durchgestrichen hatte. Damals, in den Zeiten der Studentenbewegung, standen Zweifel an den herkömmlichen Künsten hoch im Kurs. Möglichst renitente Aktionen waren gefragt.

Auch der widerspenstige Beuys-Schüler Immendorff befasste sich seinerzeit mit neo-dadaistischen Happenings, die er unter dem Nonsens-Begriff „Lidl“ (hat also nichts mit der Discount-Kette zu tun) ins Werk setzte. Nicht immer subtil, aber wirksam im Auftritt: So band er sich einen schwarz-rot-goldenen Klotz ans Bein und ging damit vor dem Bonner Bundestag auf und ab, bis quasi wunschgemäß die Polizei einschritt.

„Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege?“

Mit zäher Konsequenz hat Immendorff, der von 1968 bis 1980 als Kunsterzieher Düs- seldorfer Hauptschüler unterrichtete, an der politischen Bedeutung von Kunst festge-halten, zuweilen denkbar plakativ: „Wo stehst du mit deiner ner Kunst, Kollege?“, heißt ein Bild von 1973, auf dem Proletarier den Maler von seiner Staffelei wegholen wollen – hin zu den Klassenkämpfen auf der Straße. Es waren etwas andere Zeiten als heute.

Die linke (zeitweise maoistische) Orientierung hat Immendorff immerhin dagegen gefeit, sich als dandyhafter „Malerfürst“ wie etwa Markus Lüpertz aufzuführen. Als Markenzeichen hat sich der Künstler die Biene („Imme“) und den „Maleraffen“ erkoren, der auf vielen Bildern und in Skulptur-Serien auftaucht. Signal: Das Schöpferische quillt nicht zuletzt aus animalischen Instinkten.

Fast schon unheimlichen Spürsinn fürs Kommende bewies Immendorff ab 1978 mit der furiosen Bilderserie „Café Deutschland“, die deutsch-deutsche Befindlichkeit auf magisch beleuchteten Panorama-Bühnen ausbreitete und dabei im Gewimmel auch Visionen einer Vereinigung im brüderlichen Geiste aufscheinen ließ. Eine Inspirationsquelle war hier die Freundschaft mit dem Dresdner Künstler A. R. Penck.

Zu Beginn der 80er galt Immendorff dann als Protagonist der „Jungen Wilden“, deren heftige Malerei nicht nur die documenta 1982 beherrschte. Gegen Ende der 90er Jahre schwanden die großen Bilderbühnen – vielleicht wegen nachlassender Körperkräfte. Anno 2000 wurde auch dieser „andere“ Immendorff im Dortmunder Ostwall-Museum offenbar: Mysteriös surreale, oft organ- oder pflanzenförmige Gebilde wie aus einer Parallelwelt bestimmten die seither kleineren Formate. Unterwegs zu neuen Dimensionen der Innenwelt…




Kostbare Momente – Die Go-Betweens mit starken Songs im Kölner „Gloria“

Von Bernd Berke

Köln. Zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug – die Ur-Besetzung einer Rockband bleibt doch das Maß der Dinge.

Erst recht, wenn es sich um die Go-Betweens handelt. Im Kölner „Gloria“ spielten die Australier jetzt einen hinreißenden Querschnitt durch ihre drei letzten Alben: „The Friends of Rachel Worth“, „Bright Yellow Bright Orange“ und (frisch auf dem Markt)„Oceans Apart“. Es war eines jener Konzerte, bei denen man jeden Augenblick ausschlürfen möchte.

Die Frontleute Robert Foster und Grant McLennan sind seit den frühen 80ern auf der Szene, anfangs gewaschen mit allen (auch schmutzigen) Wassern von Punk und New Wave.

Foster ist spröde und zuweilen verschroben auf quasi britische Art, McLennan hat ein sonnigeres Gemüt. Daraus und aus den langen Jahren freundschaftlichen Zusammenraufens erwächst ein kreatives Spannungspotenzial wie einst bei Lennon und McCartney. Ein Vergleich, der kaum zu hoch greift. Es gibt derzeit keine besseren Songschreiber als die beiden aus Brisbane.

Auch Neuschöpfungen wie „Darlinghurst Nights“ oder „Boundary Rider“ sind samtig schimmernde, manchmal strahlende Huldigungen an kostbare Momente. Verweile doch, du bist so schön…

Die Songs treiben lebensgierig vorwärts oder driften melancholisch seitwärts, manche sind so wunderbar einleuchtend wie Kinderlieder. Und eine stärkere, nervösere Hymne aufs Stadtleben als „Here Comes a City“ gab’s schon lange nicht mehr.

• Weiterer Termin: 6. Juni, Bielefeld („Forum“).




Elmar Goerden: „Man muss die Texte ernst nehmen“ – Gespräch mit dem neuen Bochumer Theaterchef

Bochum. Mit der nächsten Spielzeit tritt er als neuer Intendant Matthias Hartmanns Nachfolge in Bochum an: Was darf das Theaterpublikum von Elmar Goerden (42) und seinem neu formierten Ensemble erwarten? Ein Gespräch mit Goerden im Bochumer Rathaus, wo sein „Vorbereitungs-Büro“ die neue Saison plant.

Elmar Goerden beim Interview (Bild: Bernd Berke/WR)

Elmar Goerden beim Interview (Bild: Bernd Berke/WR)

Sie kommen gerade aus den Proben. An welchem Stück arbeiten Sie denn?

Elmar Goerden: An Goethes „Iphigenie“. Das wird Mitte Oktober eine wesentliche Säule des Eröffnungsprogramms sein. Wir werden dann in 14 Tagen fünf oder sechs Premieren auf die Bühne bringen, drei davon gleich am ersten Wochenende. Selbstverständlich werden wir auch Gegenwartsautoren spielen – unter anderem von Botho Strauß, Peter Handke und Sarah Kane.

Welche Konturen hat das neue Ensemble? Und welche Darsteller aus Hartmanns Team gehören weiter dazu?

Goerden: Zunächst einmal: Ich halte das Ensemble für eine der größten Errungenschaften des deutschen Theaters. Ich bin ein Liebhaber des festen Ensembles, das zusammenwächst. Es kommen Schauspieler aus Wien, Berlin, München und Hamburg. Einige bleiben Bochum aber auch erhalten: Margit Carstensen, Veronika Bayer, Lena Schwarz, Jele Brückner, Maja Beckmann, Ernst Stötzner, Manfred Böll, Martin Rentzsch – und natürlich die Seele des Hauses, Tana Schanzara. Sie ist ja ein unglaubliches Geschöpf, für das man nur danken kann. Ganz selten, dass man so etwas noch findet…

Wer kommt neu hinzu?

Goerden: Stellvertretend für ein starkes Ensemble: Zum Beispiel Imogen Kogge von der Berliner Schaubühne, aus Wien die Nestroy-Preisträgerin Ulli Maier, vom Burgtheater Agnes Riegl, Henning Hartmann haben wir Peymann „abgeluchst“. Cornelia Froboess wird hier spielen, Catrin Striebeck, Michael von Au – und einige andere.

Haben Sie Angst vor den Erwartungen in Bochum? Die jetzigen Zuschauerzahlen sind ja kaum noch zu steigern.

Goerden: Das verstehe ich eher als Ansporn.

Spüren Sie eine Konkurrenz mit Bühnen in den Nachbarstädten?

Goerden: Nein. Warum auch? Es ist nicht meine Art, ängstlich nach nebenan zu schielen. Jeder macht das Theater, das er machen muss. Wir brauchen sicherlich ein eigenes Profil. Und das Bochumer Schauspiel wird ein Gesicht haben, das man erkennt. Ich gönne Nachbarn wie Dortmund und Essen jeden Erfolg. Es ist doch schön, dass es in dieser Region eine so hohe Reibungsdichte künstlerischer Impulse gibt. In München habe ich fast in einer Diaspora gearbeitet. Da gibt es Theater-Reichtum in der Stadt, aber ringsum praktisch nichts. Als gebürtiger Niederrheiner fühle ich mich überhaupt im Ruhrgebiet zuhause. Hier versteh’ ich die Leute auch besser.

Kein Problem, wenn in drei Städten dasselbe Shakespeare-Stück herauskommt?

Goerden: Stören würd’s mich nur, wenn alle drei Inszenierungen gleich wären. Übrigens braucht man ja eine bestimmte Situation im Ensemble, wenn man gewisse Stücke spielen will. Wenn Sie keinen Hamlet haben, können Sie keinen „Hamlet“ machen. Entscheidend ist: Welche Stoffe binden wir an welche Leute? Wer passt wozu? Da ist es wichtig, dass man Menschen hat, die hier bleiben wollen. Deshalb werden wir auch einige Regisseure fest ans Haus binden, zum Beispiel Tina Lanik und Jan Bosse.

Wie schätzen Sie das Publikum in Bochum ein?

Goerden: Hier gibt es eine allgemeine Gründüberzeugung, dass Theater ein Mittelpunkt der Stadt ist. Das Publikum ist ausgesprochen offen, manchmal kann es sich geradezu leidenschaftlich an eine Aufführung „verschenken“ – und es ist sehr strapazierfähig.

Sind denn Strapazen zu erwarten?

Goerden: Nun, wenn wir mit Goethes „Iphigenie“ beginnen, dann kommt das nicht von ungefähr, sondern es ist bereits eine Art „Notenschlüssel“. Ein solches Stück ist kein Steinbruch, aus dem man sich nach Gutdünken bedienen kann. Man muss die Texte ernst nehmen, man muss sich fragen: Was geht in ihnen um? Und n i c h t gleich bei auf ersten Probe sagen: Was soll das m i r? Was kommt m i r davon nahe? Dann würden die Inszenierungen sehr schmal werden, die Sprache würde verarmen. Wir wollen keine allseits bekömmlichen 60-Minuten-Versionen anbieten, keine Fernsehformate.

Also geht es im Prinzip werktreu zu?

Goerden: Die Texte müssen sich entfalten, sie brauchen ihren besonderen Hallraum. Nicht, weil wir Antiquitäten-Fans sind, sondern weil wir glauben, dass darin etwas aufgehoben ist, was uns heute fehlt: Schicksale und Gefühlskräfte von einer Größe, wie es sie so nicht mehr gibt. Man kann ein Wort wie „Ach“ von Goethe kurzerhand streichen. Man kann sich aber auch fragen, ob es nicht ein besonderer Herzenslaut ist. Es handelt sich dabei keineswegs um „Werktreue“, wie sie Bundespräsident Horst Köhler kürzlich angemahnt hat. Die Werke einfach so zu lassen, wie sie sind, das wäre nur die Abwicklung von Reclam-Heften. Ich will die Stücke vor das Licht der Zeit halten, in der wir leben. „Zeitlose“ Klassiker gibt es gar nicht.

Da darf man sich wohl auf ziemlich lange Theaterabende einrichten?

Goerden: Nicht unbedingt. Ich betrachte Theater nicht als strenges Exerzitium. Es geht mir nicht darum, den Leuten zu vermitteln: Haha, ihr lebt so in den Tag hinein, jetzt zeigen wir euch mal, wo der Hammer hängt. Demonstrative Belehrung von der Bühne herab ist langweilig.

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ZUR PERSON:

Elmar Goerden wurde am 29. März 1963 in Viersen/Niederrhein geboren.
Schon als Jugendlicher trampte er öfter zum Bochumer Schauspielhaus. Nach Claus Peymanns Aufführung der „Hermannsschlacht“ von Kleist stand der Berufswunsch des damals 15-Jährigen fest: Theaterregisseur! Zwischenzeitlich wäre Goerden allerdings fast Fußballprofi geworden. Das Zeug dazu hätte er wohl ebenfalls gehabt.
Goerden studierte Kunstgeschichte, Anglistik und Theaterwissenschaft in Köln, Edinburgh, Birmingham und New York. Von 1991-1994 arbeitete er als Regieassistent für die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz. Seine Lehrmeister dort waren u. a. Andrea Breth, Luc Bondy, Robert Wilson und Peter Stein.
Ab 1996 war Goerden Hausregisseur am Stuttgarter Schauspielhaus. 2001 ging er als Regisseur und Oberspielleiter zum Residenztheater in München.

(Der Beitrag stand in ähnlicher Form am 28. Mai 2005 in der „Westfälischen Rundschau“, Dortmund. Das Gespräch führten die Kulturredakteure Bernd Berke und Arnold Hohmann).




Peymann-Inszenierung bei den Ruhrfestspielen: Am Ende bleibt „Nathan“ schmerzlich allein

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Wer Lessings „Nathan der Weise“ spielen lässt, darf dunkelste deutsche Vergangenheit nicht ausblenden. Ein Regisseur wie Claus Peymann weiß das natürlich.

Peymanns „Nathan“-Version gastiert jetzt bei den Ruhrfestspielen. Ihre Premiere am Berliner Ensemble hatte die Inszenierung bereits im Januar 2002, sie stand damals im Bann der Terroranschläge vom 11. September 2001.

Tatsächlich taugt das Stück (daszur Zeit der mittelalterlichen Kreuzzüge in Jerusalem spielt) auch heute noch, um fundamentalistische bzw. tolerante Haltungen dreier großer Religionen zu untersuchen: Judentum, Christentum, Islam. Man muss den Holocaust hinzudenken, wenn man sich an diesen kühn konstruierten Text wagt.

Ein Vorschein des Schreckens findet sich bei Lessing: Nathans Familie ist, bevor die Handlung einsetzt, von Christen umgebracht worden. Sein dringlicher Ruf nach allseitiger Versöhnung zwischen den Glaubensrichtungen ist – vor diesem Hintergrund – geradezu unfassbar human und aufklärerisch. In diesen heil’gen Hallen kennt er die Rache nicht…

Bühnenbildner Achim Freyer hat ein Spielfeld mit allerlei Bodenlinien entworfen: Es ist sozusagen ein Ort für Zwangsneurotiker, die nicht vom einmal vorgezeichneten Wege abweichen können. Und eine Art Schachbrett, auf dem zuweilen hinterlistige Strategien verfolgt werden.

Peymann wahrt respektvoll den historischen Abstand, einzelne Lessing-Wörter wie „itzo“ und „kömmt“ bleiben fremdartig stehen. Hie und da neigt der Regisseur zur karikierenden Überzeichnung, doch man versteht’s: Er misstraut den Lippenbekenntnissen und erst recht der großen finalen Versöhnung.

So bleibt Nathan (von Christen, und Moslems gleichsam kalt lächelnd aus der menschlichen Familie hinausgedrängt) am Ende schmerzlich allein, wenn alle anderen einander umarmen. Und der Bühnenboden beginnt zu brennen.

Es ist ein Abend edler Schauspielkunst, die sich nicht eitel spreizt, sondern innig dem Stück dient, das hier nie zum drögen Lehrtheater missrät. Zwei Namen nur: Der famose Peter Fitz als Nathan lässt den seelischen Zwiespalt, die Brüche und Verletzungen dieser Figur in jedem Moment spüren. Hans-Peter Korff als Sultan Saladin ist ein bis in die Fingerspitzen windungsreicher Komödiant.

Rauschender Beifall – ganz so, als wolle das Publikum den einstigen Bochumer Theaterchef Peymann endlich wieder dauerhaft in unseren Breiten behalten. Schön wär’s ja.

Termine: 20., 21., 22. Mai. Karten: 02361/92 18-0.




Luxus vor dem Untergang – Erstmals außerhalb von Italien: Haltern zeigt antike Funde aus Herculaneum

Von Bernd Berke

Haltern. Man sollte mit Superlativen stets vorsichtig sein, doch dieser hat etwas für sich: Mit einer archäologischen Sensation wartet jetzt das Westfälische Römermuseum in Haltern auf. Grandiose Funde aus Herculaneum, der verschütteten antiken Stadt im Golf von Neapel, sind jetzt erstmals außerhalb von Italien zu sehen. Etliche weitere Leihgaben kommen hinzu. Erst nach dem kleinen Haltern werden Bremen und Berlin die weiteren deutschen Stationen sein.

Herculaneum steht heute längst im Schatten der bekanntlich gleichfalls versunkenen Nachbarstadt Pompeji. Der Ort, über dem sich heute das moderne Ercolano erhebt (was weitere Ausgrabungen erschwert), endete beim Ausbruch des Vesuv am 24. August des Jahres 79 n. Chr. Mit 100 Stundenkilometern donnerten in jener furchtbaren Nacht 400 Grad heiße Lava- und Gesteinsmassen zu Tal und begruben die Stadt mit ihren Bewohnern. Der Badeort unterm Vulkan galt seinerzeit als sommerlicher Treffpunkt der Reichen und Schönen des alten Rom.

Vulkanasche wirkte als „Konservierung“

So makaber es klingt: Die Archäologen haben von der Katastrophe profitiert. Denn mit der Zeit bildete sich aus der Lava eine rund 25 Meter dicke, sehr feste Schicht, die alle Überreste luftdicht konserviert hat. Und so bekommt man jetzt in Haltern staunenswert gut erhaltenen, prachtvollen Schmuck und mythologische Bronzefigürchen ebenso zu sehen wie etwa Wandgemälde und Stücke aus einer Papyrusrollen-Bibliothek oder Marmor-Skulpturen im griechischen Stil (beispielsweise ein Wettläufer-Duo oder allerlei trunkene Götter), mit denen begüterte Römer ihre Villen in Herculaneum zierten. Ja, selbst eine hölzerne Wiege, in der einst ein Baby gestorben sein muss, steht als schmerzliches Mahnmal in der Ausstellung.

Anhand der Funde haben Wissenschaftler viele Schlüsse ziehen können: So war etwa die Hälfte der aufgefundenen, in Haltern als exakte Abgüsse gezeigten Skelette von Arthrose (Krankheit der Gelenke) befallen. Verschleißerscheinungen waren überhaupt weit verbreitet. Die Forscher streiten darüber, ob dies darauf hindeutet, dass es sich um ärmere Bewohner, also um – teils freigelassene – Sklaven handelt. Haben sich manche Reiche retten können, während die Sklaven allesamt starben? Man weiß es nicht.

Pompeji kam erst später an die Reihe: Mit der Entdeckung Herculaneums (1709 durch einen Bauern, der einen Brunnen anlegen wollte) begann recht eigentlich die Geschichte der neueren Archäologie. Von 1738 bis 1768 währte die erste Grabungs-Kampagne, die damals in ganz Europa beachtet wurde. Nicht nur Winckelmann und Goethe ließen sich von der Begeisterung anstecken. Der klassizistische, auf die Antike zurückgreifende Stil setzte sich durch. In Haltern werden solche Folgewirkungen dokumentiert – bis hin zu Meißner Porzellan mit Herculaneum-Motiven und Gemälden vom Ausbruch des Vesuv. E sind Darstellungen zwischen Faszination und Angst.

Stadtpläne, Dia-Schaukästen und eine Computer-Animation führen den Besuchern Herculaneum vor Augen, wie es wohl in seiner Blütezeit gewesen sein mag. Das stattlichste Domizil, die „Villa dei Papiri“, war imposante 250 lang und 80 Meter breit. Und dann sieht man Münzgeld, das mit Lava zu bizarren Klumpen „verbacken“ ist. Ein stärkeres Sinnbild für die Vergänglichkeit irdischer Güter ließe sich schwerlich finden.

„Die letzten Stunden von Herculaneum“. Westfälisches Römermuseum, Haltern (Weseler Straße 100). 21. Mai bis 14. August. Katalog 24,90 €. www.herculaneum-ausstellung.de




Von Bernd Berke

Haltern. Man sollte mit Superlativen stets vorsichtig sein, doch dieser hat etwas für sich: Mit einer archäologischen Sensation wartet jetzt das Westfälische Römermuseum in Haltern auf. Grandiose Funde aus Herculaneum, der verschütteten antiken Stadt im Golf von Neapel, sind jetzt erstmals außerhalb von Italien zu sehen. Etliche weitere Leihgaben kommen hinzu. Erst nach dem kleinen Haltern werden Bremen und Berlin die weiteren deutschen Stationen sein.

Herculaneum steht heute längst im Schatten der bekanntlich gleichfalls versunkenen Nachbarstadt Pompeji. Der Ort, über dem sich heute das moderne Ercolano erhebt (was weitere Ausgrabungen erschwert), endete beim Ausbruch des Vesuv am 24. August des Jahres 79 n. Chr. Mit 100 Stundenkilometern donnerten in jener furchtbaren Nacht 400 Grad heiße Lava und Gesteinsmassen zu Tal und begruben die Stadt mit ihren Bewohnern. Der Badeort unterm Vulkan galt seinerzeit als sommerlicher Treffpunkt der Reichen und Schönen des alten Rom.

Vulkanasche wirkte als „Konservierung“

So makaber es klingt: Die Archäologen haben von der Katastrophe profitiert. Denn mit der Zeit bildete sich aus der Lava eine rund 25 Meter dicke, sehr feste Schicht, die alle Überreste luftdicht konserviert hat. Und so bekommt man jetzt in Haltern staunenswert gut erhaltenen, prachtvollen Schmuck und mythologische Bronze-Figürchen ebenso zu sehen wie etwa Wandgemälde und Stücke aus einer Papyrusrollen-Bibliothek oder allerlei trunkene Götter), mit denen begüterte Römer ihre Villen in Herculaneum zierten. Ja, selbst eine hölzerne Wiege, in der einst ein Baby gestorben sein muss, steht als schmerzliches Mahnmal in der Ausstellung.

Anhand der Funde haben Wissenschaftler viele Schlüsse ziehen können: So war etwa die Hälfte der aufgefundenen, in Haltern als exakte Abgüsse gezeigten Skelette von Arthrose (Krankheit der Gelenke) befallen. Verschleißerscheinungen waren überhaupt weit verbreitet. Die Forscher streiten darüber, ob dies darauf hindeutet, dass es sich um ärmere Bewohner, also um (teils freigelassene) Sklaven handelt. Haben sich manche Reiche retten können, während die Sklaven allesamt starben? Man weiß es nicht.

Pompeji kam erst später an die Reihe: Mit der Entdeckung Herculaneums (1709 durch einen Bauern, der einen Brunnen anlegen wollte) begann recht eigentlich die Geschichte der neueren Archäologie. Von 1738 bis 1768 währte die erste Grabungs-Kampagne, die damals in ganz Europa beachtet wurde. Nicht nur Winckelmann und Goethe ließen sich von der Begeisterung anstecken. Der klassizistische, auf die Antike zurückgreifende Stil setzte sich durch. In Haltern werden solche Folgewirkungen dokumentiert – bis hin zu Meißner Porzellan mit Herculaneum-Motiven und Gemälden vom Ausbruch des Vesuv. Darstellungen zwischen Faszination und Angst.

Stadtpläne, Dia-Schaukästen und eine Computer-Animation führen den Besuchern ein Herculaneum vor Augen, wie es wohl in seiner Blütezeit gewesen sein mag. Das stattlichste Domizil, die „Villa dei Papiri“, war imposante 250 lang und 80 Meter breit. Und dann sieht man Münzgeld, das mit Lava zu bizarren Klumpen „verbacken“ ist. Ein stärkeres Sinnbild für die Vergänglichkeit irdischer Güter ließe sich schwerlich finden.

„Die letzten Stunden von Herculaneum“. Westfälisches Römermuseum, Haltern (Weseler Straße 100). 21. Mai bis 14. August. Di-Fr 9-17, Sa/So 10-18 Uhr. Eintritt 5 €, Kinder/Jugendliche 2,50 €. Katalog 24,90 €. www.herculaneum-ausstellung.de




Eine Liebe in den finsteren Zeiten – Was der Philosoph Ernst Bloch seiner Freundin und späteren Frau Karola schrieb

Von Bernd Berke

Auch große Männer haben ihre Schwächen. Von dieser ehernen Regel machte der Philosoph Ernst Bloch (1885-1977 / Hauptwerk: „Das Prinzip Hoffnung“) keine Ausnähme. Ausgiebig nachschmecken kann man den Befund jetzt in dem Buch „Das Abenteuer der Treue“. Es versammelt Blochs Briefe an seine Freundin und spätere Ehefrau Karola.

1927 lernte Ernst Bloch die aus Polen stammende, kluge, eigenständige und herb-schöne Frau kennen. Doch bis sie einander wirklich dauerhaft fanden, brauchte es seine Zeit. Die Architektur-Studentin war 20 Jahre jünger als er, der bereits zwei Ehen und einige intellektuelle Meriten auf dem Lebenskonto hatte.

Einen Knacks bekam die frisch erblühte Liebe („auf den ersten Blick“), als herauskam, dass der bisweilen lebemännische Bloch mit einer anderen Frau geschlafen hatte – peinlicherweise mit Schwangerschafts-Folge. Außerdem wollte er noch mit einer offenbar zickigen „Ex“ ins Reine kommen. Der Denker musste schon alle rhetorischen Künste und seinen bodenständigen pfälzischen Humor (Herkunft: Ludwigshafen) einsetzen, um den Schaden allmählich zu begrenzen und Karola wieder an sich zu ziehen.

Debatten mit Brecht, Adorno, Kracauer und Benjamin

Karolas Schreiben sind leider verschollen, ein echter Briefwechsel wäre wohl noch lebendiger. Blochs Briefe (mit Fußnoten erschlossen) stammen aus den Jahren 1928 bis 1936, hinzu kommen Anhängsel bis 1949, als sich der Philosoph zunächst als Professor in der DDR (Leipzig) niederließ, bevor er dort kaltgestellt wurde und 1961 in den Westen (Tübingen) ging.

Zurück in die bewegten 20er Jahre. Im Freundes- und Bekanntenkreis taucht so manche linke Legende auf: von Bert Brecht und Kurt Weill über Siegfried Kracauer und Georg Lukács bis hin zu Walter Benjamin und Theodor W. Adorno. Man kannte sich, man trank, debattierte und stritt miteinander. Gewiss ist an deutschen Tischen seither nie wieder so hochfliegend diskutiert worden. Doch Illusionen machten sie sich auch: über die vermeintliche Schwäche der Nationalsozialisten, über das utopische Potenzial der stalinschen Sowjetunion…

Anfangs phantasierte sich Bloch eine Beziehung mit Karola als Brüderchen-Schwesterchen-Geschichte herbei. In geradezu mystischer Union sollte sie neben ihm am Projekt einer besseren Zukunft arbeiten – unter sozialistischen Vorzeichen, versteht sich.

Träume von einem „Harem“

Doch es ging zwischen den Liebenden (er nannte sie zärtlich „Mein liebes Kulmchen“ und unterzeichnete mit „Dein Bärlein“) nicht nur keusch und fleißig zu. Über längere Trennungszeiten hinweg (z. B. sie in Wien, er in Berlin) schwärmte er wortreich von ihren Brüsten und ihrem Schoß, in dem er sich bald wieder finden wolle. Er offenbarte ihr sogar seine „Harems-Träume“, sprich: Sex zu dritt mit einer weiteren Frau. Tröstlich: Sie, Karola, solle auf jeden Fall zum „Dreier“ gehören. „Und: den allergrößten Teil des Jahres möchte ich mit Dir allein sein.“

Natürlich berühren die Briefe vielfach ungleich ernstere, gewichtigere Themen. Die Misere beginnt mit Alltagssorgen (Geld, Wohnungen) und wächst sich über ideologische Kämpfe bis zur drohenden Verfolgung durch den NS-Staat aus. Flucht und Exil (Schweiz, Prag, USA) sind die Folgen. Viele Menschen aus Karolas Familie wurden im KZ umgebracht. Wahrlich, es waren finstere Zeiten.

Doch die Liebe der Blochs überdauerte alle Jahrzehnte. Sie haben das „Abenteuer der Treue“ – allen Anfechtungen zum Trotz – bestanden. Ganz ohne Kitsch und falsche Harmonie.

Ernst Bloch: „Abenteuer der Treue. Briefe an Karola 1928-1949″. Suhrkamp-Verlag. 266 Seiten, 19,80 Euro.




In schweren Zeiten – Nach dem Tod von Papst Johannes Paul II.

Ganz gleich, ob man die Ansichten des Papstes geteilt hat oder nicht: Seinen irdischen Tod hat Johannes Paul II. mit einer Fassung und Würde auf sich genommen, die wohl nur aus tiefstem Glauben heraus zu verstehen ist. Vor dieser Haltung müssten sich selbst hartgesottene Atheisten verneigen und sich fragen, wie es denn um ihre eigenen „Gewissheiten“ bestellt ist – jetzt und in der Stunde des Todes.

Es ist abermals Zeit, das große Wort zu zitieren, mit dem Papst Johannes Paul II. 1978 zu Beginn seiner Amtszeit ein Signal setzen wollte: „Habt keine Angst!“ Denn es kommen wahrlich schwere Jahre auf die katholische Kirche und auf ihren künftigen Oberhirten zu.

Große Aufgaben für den Nachfolger

Es wird für jeden Nachfolger eine ungeheure Aufgabe sein, aus dem Schatten des verstorbenen Pontifex herauszutreten. Karol Wojtylas historischer Einfluss ist unbestreitbar. Gewiss, nicht nur einzelne Persönlichkeiten machen Geschichte. Doch hätte der Papst seinerzeit nicht die polnische Oppositionsbewegung Solidarnosc auf so kluge Weise (ebenso behutsam wie wirksam) ermutigt, so gäbe es vielleicht heute noch eine Sowjetunion und eine DDR.

Auch stand Johannes Paul II. für Schritte zur Versöhnung mit den anderen Weltreligionen und für eine entschiedene Friedenspolitik ein. Wichtig war vor allem sein Einspruch gegen den Irak-Krieg. Andernfalls hätten fundamentalistische Kräfte der islamischen Welt mit noch mehr Furor vom „Kreuzzug“ reden können. Zudem wäre seine unbedingte Parteinahme für das werdende Leben in ein ungutes Zwielicht geraten. So aber verdient sie – über allen Streit hinaus – tiefen Respekt.

Wie ein Pop-Star, aber auch ein strenger Geist

Zuweilen gab sich dieser Papst wie ein Pop-Star, dessen Charisma auch junge Leute faszinierte. Er konnte allerdings auch ein äußerst strenger Mahner sein, der etwa in Nicaragua dem kritischen Katholiken und Sozialisten Ernesto Cardenal den Segen verweigerte und dem Schriftsteller stattdessen eine barsche Strafpredigt hielt. Doch auch der Materialismus und die Gier der westlichen Welt waren ihm zuwider. Erst recht, als sie auch in reinem Heimatland Polen Einzug hielten und die Menschen vor den neuen Super.“ märkten statt vor den Kirchen Schlange standen.

Sein Nachfolger wird Felder vorfinden, die Johannes Paul II. als Ödland hinterlässt. So gilt es, endlich die erstarrten oder ausgesetzten Reformen des II. Vatikanischen Konzils fortzuführen. Manche sprechen gar von einer „Gegenreformation“, die der polnische Papst im Sinn gehabt habe. Hier haben sich Konflikte angestaut, die nichts Gutes verheißen, ja eine Kirchenkrise größeren Ausmaßes befürchten lassen.

Bleibende Kraft des Glaubens

So muss der katholische Klerus ganz dringlich das Verhältnis zu den weiblichen Gläubigen klären. Fragen zur Empfängnisverhütung, zur Abtreibung und zum Zölibat sollten neu erwogen werden. Mehr noch: Die Gesten in Richtung anderer Religionen waren wertvoll, letztlich aber nur halbherzig. Nach wie vor verneint der Vatikan das gemeinsame Abendmahl mit protestantischen Christen.

Karol Wojtyla hat geradezu übermenschliche Anstrengungen unternommen, um die katholische Kirche nicht einer modernistischen Beliebigkeit auszuliefern. Unter seinem Pontifikat haben Geheimnisse und Mysterien des Glaubens wieder einen höheren Stellenwert erhalten. Tatsächlich kann man sich fragen, ob eine allzu bereitwillige Weltläufigkeit nicht zwangsläufig in Widerspruch zum Kern der Religiosität, zu Andacht, Einkehr und Jenseitigkeit geraten muss.

Wie immer ein neuer Papst und die Kurie sich hierzu stellen mögen: Es bleibt eine Gratwanderung. Wie weit kann und darf die Kirche den Menschen in ihrem Alltag entgegenkommen? Andererseits: Wie sehr muss sie es tun, damit die Kirche eine lebendige Gemeinschaft bleibt oder wieder wird?

Auch und gerade in der Amtszeit Wojtylas hat sich der Erosionsprozess zumindest in Europa beschleunigt. Viele Gotteshäuser stehen nahezu leer, manche müssen deshalb geschlossen, verkauft oder sogar abgerissen werden.

Hingegen zeugen wachsende Gemeinden in Südamerika, Asien und Afrika von bleibender Kraft des Glaubens und der Hoffnung. Ist es undenkbar, dass der nächste Papst aus den südlichen Breiten kommt?

                                                                                                           Bernd Berke




Im Dschungel der Begierden – Lukas Bärfuss‘ Stück „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ in Bochum

Von Bernd Berke

Bochum. Der Vorhang öffnet sich und man sitzt vor einem Dschungel. Über und über ist die Bühne bewachsen, so dass kaum ein Durchkommen ist. Ist dies der Dschungel der Begierden? Die Assoziation liegt nicht allzu fern, denn auf dem Spielplan stehen „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“.

Das zu Herzen gehende Stück des jungen Schweizers Lukas Bärfuss handelt von der geistig leicht behinderten Dora. Auf Wunsch der Mutter werden eines Tages ihre dämpfenden Medikamente abgesetzt. Und was kommt zum Vorschein? Ein sexuelles Monstrum, das fortan nur noch „ficken“ will.

Einiger Unsinn ist über das Stück verbreitet worden, etwa nach der Devise, dass Doras machtvoll erwachende Sexualität von den Erwachsenen im Namen einer höheren Ordnung unterdrückt werde. Ganz so, als wär’s noch wie einst in Frank Wedekinds„Frühlings Erwachen“, wo die Lüste der Jugend im wilhelminischen Ungeist erstickten.

Diese Dora liefert sich vollkommen aus

In Wahrheit geht es hier ziemlich permissiv zu, sprich: Die Erwachsenen erlauben dieser Dora so manches, sie haben (oder heucheln) ja sooo viel Verständnis. Die Eltern, der Arzt (bravourös: Fritz Schediwy), der Gemüsehändler (Bernd Rademacher als Doras Arbeitgeber) und ein „feiner Herr“ (Martin Horn als Parfümvertreter), der Dora brutal entjungfert, sind in verschiedenen Graden und Verdruckstheiten selbst bis zum Anschlag sexualisiert. Mutter und Vater (Veronika Bayer, Manfred Böll) etwa treiben’s mit einem „gut bestückten“ Mann zu dritt.

Die Leute sind daher ebenso irritiert wie insgeheim aufgestachelt, als dieses Mädchen mit seinem etwas debilen Lolita-Appeal zu allem bereit ist und sich alles gefallen lässt, um sich endlich einmal selbst zu spüren. Eine unversehens auf die Welt gefallene Versuchung. Blutergüsse, heftige Hautabschürfungen? Egal. Dora liefert sich aus, wie ein vollkommen passives Fluidum. Es ist ihr offenbar ganz gleich, ob man sie gröbstens beschläft, sie verprügelt oder eine Abtreibung an ihr vornimmt. Ihre häufigsten Sätze bei all dem lauten „Weiß nicht“ und „Ist doch nichts dabei“. Ungeheuerlich.

Martin Höfermanns Inszenierung am Bochumer Schauspielhaus lässt solche bestürzenden Befunde im besagten Dschungel (mit Extra-Beifall bedachtes Bühnenbild: Volker Hintermeier) wie ein düsteres Märchen oder eine Legende erscheinen. Der Rcgisseur erspart uns rüde Sex-Szenen. Statt dessen wird es jeweils finster, und man hört ein bcdrohlich-atavistisches Dröhnen.

Herkömmliche Erklärungsmuster helfen hier nicht

Die Regie erschließt geradezu mythische Dimensionen und beschwört abgründige Ängste vor einer freigelassenen, geist- und grenzenlosen Sexualität. Herkömmliche gesellschaftliche Erklärungsmuster (von Geld, Arbeit und drohender Pleite ist nur en passant die Rede) helfen hier kaum weiter. Es waltet ein unlösbares Geheimnis. Doch im ältesten, aristotelischen Sinne des Theaters werden Furcht und Mitleid geweckt.

Sehr leicht könnte das Stück in Brachial-Komik oder Weltekel abstürzen. Es steht und fällt fast alles mit der Darstellerin der Dora: Bewundernswert, wie Angelika Richter in Bochum das Schwanken auf dem Grat vollbringt. Am Ende erstrahlt sie geradezu in ihrem Elend der Selbstaufopferung, als wäre sie eine „Heilige“ ganz eigener Art.

Doch über allem thront wie eine Zauberin oder Zeremonienmeisterin die betagte, doch frisch-freche Mutter des Gemüsehändlers: Mit dieser Urgestalt (Tana Schanzara), so ahnt man, könnte vielleicht ein neues Matriarchat beginnen. Doch das wäre ein anderes Märchen.

Termine: 31. März, 7., 13., 19. April. Karten: 0234/33 33-111.




Bärbeißiger Menschenfreund – zwischen Stadtstreicher und alttestamentarischer Figur: Harry Rowohlt wird 60

Von Bernd Berke

Seine Lesungen, zu denen oft viele hundert Leute kommen; hat er einmal „Schausaufen mit Betonung“ genannt. Zeugenaussagen schwanken allerdings: Manche behaupten, Harry Rowohlt vertilge bei abendlichen Auftritten mühelos eine Flasche Whisky oder mehr. Andere sagen, alles sei halb so wild. Und wir wollen hier keinerlei Tatsachenbehauptung aufstellen.

Denn wer immer über Harry Rowohlt schreibt, muss sich hüten oder notfalls ducken. Der Mann schlägt mitunter verbal ganz scheußlich zurück; wie jetzt auch seine in Buchform gesammelten Briefe (1966 bis Ende 2004) vielfach beweisen. Am Sonntag wird die wohl verwegenste Gestalt der deutschen Kulturszene 60 Jahre alt.

Kongeniale Übersetzung aus dem Englischen

Vor allem als Übersetzer aus dem Englischen hat der Mann ungeheure Verdienste. Das Spektrum seiner kongenialen Übertragungen reicht vom Iren Flann „O’Brien (den er entschieden höher einschätzt als James Joyce) über Frank McCourt („Die Asche meiner

Mutter“) bis hin zu „Pu der Bär“ und zum Comic-Heros Robert Crumb. Wahrscheinlich ist Rowohlt sogar der beste Englisch-Übersetzer, den wir haben. Denn er liebt die deutsche ebenso wie die englische Sprache – und das klingt mit.

Auch als Verfasser herrlich abgedrehter, genialisch abschweifender Kolumnen („Pooh’s Corner“) reicht ihm – außer vielleicht Max Goldt – so schnell keiner den Griffel. Harry Rowohlt wirkt wie eine Mischung aus Stadtstreicher (er spielt ja auch seit Jahren den „Penner“ in der TV-Serie „Lindenstraße“) und alttestamentarischer Figur.

.Vulkanisch sind zuweilen seine Zornesausbrüche. An den Kritiker Fritz J. Raddatz schrieb er laut Buchabdruck äußerst rüde, kaum familienverträglich zitierfähige Zeilen. Grund: Raddatz hatte ausgerechnet die Werke des verehrungswürdigen Robert Gernhardt als stillos abgekanzelt. Harry Rowohlt hatte also nur die edelsten Motive.

Doch der manchmal so unwirsche Brummbär aus Hamburg kann auch ganz anders. Der Sohn des großen Verlegers Ernst Rowohlt schrieb schon als knapp über 20jähriger Lehrling im Frankfurter Suhrkamp-Verlag ebenso einfühlsame wie erfrischend offenherzige Auskunfts-Briefe. Auch später zeugen seine Antworten auf Leserzuschriften von Liebe zur ganzen literarischen Gemeinde. Ruhmreichen Autorenkollegen wie etwa Peter Rühmkorf oder Eckhard Henscheid widmet er ohnehin warmherzige Zeilen.

Die Liebe zum Publikum im Ruhrgebiet

Überdies hat der bärbeißige Menschenfreund Rowohlt, wie ein Briefwechsel belegt, dem WR-Mitarbeiter Tilmann P. Gangloff einst einen heiß ersehnten Leuchtkugelschreiber für Kinokritiken besorgt. Ist das noch steigerungsfähig? Jawohl! Rowohlt nennt das Publikum im Ruhrgebiet sein allerliebstes, und für Unna hat er ein besonderes Faible. Wie der Schlawiner das wohl wieder meint?

Staunenswert ist Rowohlts politische Zähigkeit. Der Band beginnt mit Comics des 11-jährigen Harry, die bereits 1956 die sozialistische Revolution preisen. Bis heute unterzeichnet Rowohlt seine Briefe häufig mit einem ruppigen „Der Kampf geht weiter!“

Eine beharrliche Seele also. doch auch einer, der schon früh erkannt hat, dass die DDR nichts taugt. Ein weltweiser Hippie, kein dümmlich orthodoxer Kommunist. Angewidert von manchen Wegen des Zeitgeistes, zieht Rowohlt unbeirrbar seine Bahn. Auch von geistigen Getränken und filterlosen Zigaretten hat er sich nie abbringen lassen.

Reisen in die USA lehnt er aus gleichem Grund wie Günter Grass ab: Er werde doch kein elendes Nichtraucherland besuchen…

• Harry Rowohlt: „Der Kampf geht weiter! Nicht weggeschmissene Briefe“. Verlag Kein & Aber, Zürich. 464 Seiten, 22,80 Euro.

• Außerdem neu im Handel: Harry Rowohlt „Pooh’s Corner. Complett“. Verlag Zweitausendeins (Versand + eigene Läden). 478 S., 14.90 Euro.




Vexierspiele des Gefühls – Eric Rohmer wird 85 Jahre alt

Von Bernd Berke

Über Liebe ist eigentlich alles gesagt. Doch man weiß ja: Sie ist dennoch unerschöpflich. Man kann immer wieder darüber reden. Die Filme des Franzosen Eric Rohmer, der am nächsten Montag 85 Jahre alt wird, führen solch ein unaufhörliches Gespräch über Liebesdinge.

Manche mögen sein Werk dialoglastig oder gar eintönig finden. Aber dieser allzeit jung empfindende Regisseur inszeniert seine Spurensuchen in erotischen Alltagsgefilden so schwerelos, dass man die verstreichende Zeit überhaupt nicht bemerkt.

Rohmer hat die meisten seiner Filme in Zyklen gegliedert. Vornehmlich in den 70er Jahren entstanden die sechs „Moralischen Erzählungen“ (darunter so zarte Wunderdinge wie „Die Sammlerin“ oder „Claires Knie“). Es folgten die subtilen „Komödien und Sprichwörter“ („Pauline am Strand“, „Das grüne Leuchten“ u. a.).

Schließlich erging sich Rohmer in den „Jahreszeiten“, die 1998 mit der „Herbstgeschichte“ abgeschlossen wurden. Hauptfigur war diesmal nicht eine jener zahllosen anmutigen Elfen, die sonst Rohmers Universum der Sehnsucht bevölkern, sondern eine gereifte und etwas enttäuschte Frau über 40, die freilich in ähnliche Gefühlswirren geriet wie all ihre jungen Vorläuferinnen.

Oft findet sich auch innerhalb der einzelnen Filme eine kreisförmige Stuktur. Dann gelangt der nie zum Ziel kommende Reigen am Ende wieder in die Nähe seines Ausgangspunktes – nun allerdings auf anderer Ebene, weil gesättigt mit Gefühlen und Gedanken.

Verlassene bleiben häufig zurück, zuweilen von Melancholie erfasst, doch nie ohne Hoffnung. Und man hat derart viele Facetten ihres Innenlebens kennen gelernt, als wäre man seit langem mit ihnen befreundet. Wenn der Film vorüber ist, fühlt man sich schwebend, inspiriert, von höherer Heiterkeit bezaubert. Bei Rohmer geht es um den oft hauchdünnen, aber so bedeutsamen Unterschied zwischen Reden und Handeln, um Vexierspiele des Gefühls, Versuchungen zur Untreue, von Lüge und Selbstbetrug bedrohtes Glücksstreben.

Der ungemein belesene Rohmer war ein Vordenker der „Nouvelle Vague“ (Neue Welle des französischen Kinos in den 60er Jahren), als Chefredakteur und Mitstreiter von François Truffaut, Claude Chabrol, Jean-Luc Godard sowie Jacques Rivette bei der legendären Kinozeitschrift „Cahiers du Cinéma“.

Er komponierte seine Filme stets sehr präzise. Es handelt sich sozusagen um erotische Versuchsanordnungen mit immer neuen Variablen. Dennoch wirken die Geschichten wie das Leben selbst: spontan geschehen und nur beiläufig mit der Kamera beobachtet.

Alles hat seinen Preis. Rohmer erkauft die Reinheit seiner nahezu ethnologischen Gefühls-Experimente mit dem Verzicht auf andere Themen. Politisch-soziale Belange etwa kommen so gut wie nie zur Sprache. Seine Figuren sind von allen anderen Beschwernissen freigestellt – zum fortwährenden Spiel mit der Liebe.




Das Konzerthaus an die Spitze führen – Benedikt Stampa vom Dortmunder Rat zum neuen Intendanten gewählt

Von Bernd Berke

Dortmund. Es ist vollbracht: Gestern wurde Benedikt Stampa (39) im Dortmunder Stadtrat mit großer Mehrheit als neuer Konzerthaus-lntendant gewählt – und zwar im ersten Wahlgang.

Die FDP und einzelne CDU-Abgeordnete übten Stimmenthaltung. Doch SPD und Grüne stimmten einmütig für den Mann, der bislang die Hamburger Laeisz-Musikhalle geleitet hat.

Auftamen also in Dortmund. Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer freute sich, dass der neue Intendant in „extrem kurzer Zeit“ gefunden worden sei. Stampa sei der ideale Kandidat. Er könne das Konzerthaus in die „Champions League“ führen, wobei er aber finanzielles Augenmaß beweisen müsse.

Stampa selbst, just nach dem Ratsentscheid noch auf Stippvisite im Konzerthaus und dann eilends ins Rathaus zurückgekehrt, formuliert da noch etwas vorsichtiger. Das Haus gehöre mindestens an die deutsche, in etwa zehn Jahren vielleicht auch an die europäische Spitze.

Ein veritables „Dickschiff“

Was hat ihn bewogen, aus der Hansestadt nach Dortmund zu kommen? Stampa: „Dass das Konzerthaus hier eine ganz zentrale Rolle spielt. Das ist mir erst jetzt richtig bewusst geworden.“ So wichtig sei offenbar die Westfälische Philharmonie in der Stadt, dass er sich schon fast so gefragt fühle wie ein neuer BVB-Trainer. Und dann fällt ihm doch ein Begriff aus seinem bisherigen hanseatischen Wirkungskreis ein: Das Dortmunder Konzerthaus sei gewiss ein „Dickschiff“.

Der im münsterländischen Emsdetten geborene Stampa weiß, dass er mit Werbemaßnahmen fürs Konzerthaus auch ins weite westfälische Umland gehen muss. Er habe in Hamburg ähnliche Erfahrungen gesammelt: „Da reichte unser Einzugsgebiet auch bis hinauf nach Lübeck.“

Der neue Intendant will möglichst im September seine Arbeit in Dortmund aufnehmen, die Planung für die nächste Saison (Start: 15. September 2005) obliegt also noch weitgehend dem Interims-Chef Albrecht Döderlein. Stampa mag jetzt noch nichts über eigene Schwerpunkte sagen. Jawohl, er habe ein Lieblingsprojekt, aber auch davon werde später zu berichten sein.

Vertragsdauer noch nicht geklärt

Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann dankte seiner Hamburger Amtskollegin Karin von Welck. Sie lasse Stampa schweren Herzens, doch ohne Komplikationen ziehen. Apropos: Wie man hört, wird’s jetzt an der Elbe ähnlich hektisch wie zuvor in Dortmund. Bereits Anfang Mai soll dort Stampas Nachfolger vorgestellt werden.

Wie lange Stampas Dortmunder Vertrag währt, wurde gestern noch nicht verraten. Jörg Stüdemann: „Wir verhandeln noch darüber und werden uns an bühnenüblichen Gepflogenheiten orientieren.“ Mithin darf man wohl von einem Vertrag für etwa fünf Jahre mit Verlängerungs-Option ausgehen.

Vom Mitte Januar zurückgetretenen und dann gekündigten Vorgänger Ulrich Andreas Vogt war nur noch indirekt die Rede. Stüdemann mag’s sportlich: Seinerzeit habe „der Reiter in vollem Lauf das Pferd verlassen“. Um im Bild zu bleiben: Jetzt sattelt mit Stampa ein neuer Jockey. Mit seinen 2,03 Metern Körpergröße ist er freilich für den Turf-Beruf viel zu stattlich.

 




Freiraum der Frömmigkeit: „Krone und Schleier“ – eine prachtvolle Doppelschau über mittelalterliche Frauenklöster

Von Bernd Berke

Essen/Bonn. Sind Nonnenklöster im Mittelalter Bastionen einer frühen „Frauenbefreiung“ gewesen? Diese verblüffende Frage lässt jetzt die prachtvolle Doppelschau „Krone und Schleier“ in Essen und Bonn aufkommen.

Der Titel nennt Symbole himmlischer Vermählung, denn Nonnen sahen sich als „Bräute Christi“. Ruhrlandmuseum (Essen) und Bundeskunsthalle (Bonn) haben ihre Kräfte vereint, um das Thema erstmals in solcher Fülle zu behandeln. Die Essener kümmern sich ums frühe Mittelalter (6.bis 12. Jhdt.), dieBonner um die Ära zwischen 1200 und 1500, also bis an die Schwelle der Reformation.

Insgesamt 600 Leihgaben aus aller Welt sind, brüderlich (oder, dem Thema gemäß: schwesterlich) zwischen beiden Museen aufgeteilt. Wer nur die Zeit für einen der beiden Orte aufbringt, hat auch schon eine Menge davon.

Kulturblüte und Machtentfaltung

Kunst und Kult(ur)-Gegenstände aus mittelalterlichen Frauenklöstern belegen vielerlei. Beispielsweise, dass die Nonnen und Stiftsdamen versiert lesen, schreiben und übersetzen konnten. Das klingt banal, war aber damals beileibe nicht selbstverständlich.klingt banal, war aber damals beileibe nicht selbstverständlich.

Überhaupt mussten sich die Frauen hinter Klostermauern zwar kasteien, sie konnten sich aber kulturell entfalten wie sonst nirgendwo. So traten Klosterfrauen als Schöpferinnen ..(oder Auftraggeberinnen) bildlicher Bibeldarstellungen in Erscheinung. Das wiederum heißt: Sie bestimmten auch, so oder so, die ästhetische Richtung.

Überdies häuften sich auch im Umkreis der Frauenklöster die Zeichen weltlicher Macht.In der Ausstellung zeugen Dokumente über päpstliche und königliche Privilegien davon.So durften manche Klöster Märkte abhalten, Zölle einnehmen oder von Bauern Abgaben verlangen.

Ein Fächer gegen Insekten auf Opfergaben

Kostbare liturgische Gerätschaften sind in Essen ebenso zu bewundern wie unschätzbar wertvolle Schriften (Purpur-Evangeliar aus Brescia, Gebetbuch der Hildegard von Bingen) oder Wandteppiche.

Im Ganzen durch Prunk überwältigend, führt die Ausstellung zuweilen bis in kuriose Details. Da sieht man etwa den bronzenen Löwenkopf, der als Türklopfer an einer Klosterpforte diente. Oder man staunt über seltsame Relikte aus Meschede: Vasenförmige „Schallgefäße“ mit Luftauslässen dienten zur Verbesserung kirchlicher Akustik. Ob sie wohl auch für Philharmonien taugen würden?

Auch lernt man anhand vieler Exponate neue Begriffe hinzu. Wer weiß schon, was mit dem lateinischen „flabellum“ gemeint ist? Nun. es handelt sich um einen liturgischen Fächer, mit dem Insekten von Opfergaben vertrieben wurden.

Die in schützenden Vitrinen unter gedämpftem Licht aufgeschlagenen Bücher und Handschriften haben auf den ersten Blick „sieben Siegel“. Doch mit Begleittexten, Computerhilfe und ausführlichen Audio-Guides (gar in mehreren Varianten) geben sich die Macher alle Mühe, das Wissen des Besuchers zu mehren. Ganz zu schweigen vom üppigen Katalog, der schon jetzt als Standardwerk gelten darf.

Nur Äbtissinnen waren bildwürdig

Zurück zur Ausgangsfrage: Natürlich waren Stifte und Klöster keine gleichberechtigten Frauen-WGs. Es herrschten strenge Regeln, und es waltete eine spürbare Hierarchie. Ein Gesicht hatten in jenen Zeiten allenfalls die Äbtissinnen, nur sie waren „bildwürdig“. Zudem kamen dafür lediglich Damen von Stand in Frage. Und die Männer redeten zuweilen auch hinein: So sieht man ein frommes Brevier, das von Mönchen eigens für Nonnen verfasst wurde.

Ohne NRW-Kulturstiftung,  Krupp-Stiftung und weitere Förderer wäre das 3 Millionen Euro teure Ereignis undenkbar. Essens Ruhrlandmuseum hat (im 100. Jahr seines Bestehens) einen kläglichen Ausstellungs- und Sammlungsetat von 150.000 Euro.

• „Krone und Schleier. Kunst aus mittelalterlichen Frauenklöstern“. An beiden Orten 19. März bis 3. Juli. Gemeinsamer-Katalog (580 Seiten) 32 Euro, Eintritt jeweils 7 Euro.

Essen, Ruhrlandmuseum (Goethestraße). Di-So 10-18, Fr 10-24 Uhr.

Bonn, Bundeskunsthalle). Mo 10-19, Di-So 10-21; ab 2.Mai Di/Mi 10-21, Do-So 10-1-9 Uhr.




Zehn Städte wollen ins große Finale – Vorentscheid um die Europäische Kulturhauptstadt

Von Bernd Berke

Die Spannung wächst: Welche zwei bis vier Bewerber um die Europäische Kulturhauptstadt 2010 wird die Jury ins Finale lassen? Seit gestern tagt die Kultusministerkonferenz in Berlin, hier soll heute das Votum verkündet werden. Die WR hat nachgeschaut, wie die zehn Kandidaten ihre Vorzüge im Internet darstellen. Verschiedene Gewichtungen fallen auf.

Fast alle Kommunen führen nicht nur ihre kulturellen Schätze, sondern auch ihr wissenschaftliches oder wirtschaftliches Potenzial ins Feld. Sie hegen vielfach die Hoffnung auf Geldsegen und neue Arbeitsplätze, falls sie das Rennen gewinnen. Zuerst aber muss investiert werden. Wir bleiben neutral und gehen streng alphabetisch vor:

Braunschweig bezieht bewusst die Region mit ein, darunter Wolfsburg mit dem Kunstmuseum und VW als Sponsor. Die Stadt rühmt sich ihrer Baudenkmäler, will zudem ihr (1960 abgerissenes) Residenzschloss neu errichten. Die Kunstakademie, das Festival „Theaterformen“ und Forschungsstätten gelten als Pluspunkte.

Bremen kann gewachsene Kultureinrichtungen vorweisen. Man empfiehlt sich außerdem mit dem bereits errungenen Titel „Stadt der Wissenschaft“, nennt Rathaus und Roland als Weltkulturerbe und plant eine weitläufige „Neuerfindung der Stadt“, sozusagen im kulturell geleiteten Laborversuch.

Historisches Erbe ist nicht alles

Essen hat im Gegensatz zu vielen Mitbewerbern keine historische Silhouette. Es ist folgerichtig, dass man sagt: Wir haben unsere Kultur nicht geerbt, sondern sie uns erarbeitet. Aalto-Oper, Philharmonie, Folkwang-Museum und Zeche Zollverein sind Flaggschiffe, Industriekultur und Einbeziehung der Migranten setzen spezielle Akzente. Die anderen Revierstädte (Ausnahme Bochum) gehen den Weg offenbar noch nicht so recht mit. Das mag sich ändern, falls Essen in die Endrunde kommt.

Görlitz ist mit 60 000 Einwohncni die kleinste Bewerberstadt, preist sich aber selbstbewusst als schönste Gemeinde Deutschlands an. Schwerpunkt ist der Brückenschlag in die polnische Nachbarkommune Zgorzelec. Dies soll der EU in Brüssel, wo 2006 die endgültige Entscheidung fallen wird, als „europäische Vision“ einleuchten.

Halle will die Neugestaltung einer Stadt, die sich in einem Schrumpfungsprozess befindet, beispielhaft vorführen. Garten-Landschaften sollen wachsen, Plattenbauten menschenwürdig umgebaut werden. Kunst soll vor allem den Flusslauf der Saale zieren.

Karlsruhe wirbt für sich als Standort der Medienkunst, vor allem aber als Sitz desBundesverfassungsgerichts und somit Stadt des Rechts. Ob diese Setzung eine kulturell orientierte Jury überzeugt, wird sich zeigen.

Kassel stellt die alle fünf Jahre hier zelebrierte Weltkunstschau documenta insZentrum (deren Konzept man „weiterdenken“ will) und möchte Dialoge der Religionen stiften. Von Migrations-Themen bis zu den Gebrüdern Grimm reicht das durchdachte Spektrum der Projekte.

Lübeck beruft sich aufs schmucke Stadtbild sowie auf „seine“ Nobelpreisträger Thomas Mann, Willy Brandt und Günter Grass. Zudem will man den Ostseeraum bis zum Baltikum ins Bewusstsein riicken. Auch hier eine weite (ost)europäische Perspektive.

Potsdam kommt gar nicht umhin, mit Schloss und Parkanlagen zu prunken. Auch die Nähe Berlins wird in die Waagschale gelegt.

Regensburg, das Spott mit Christoph Schlingensiefs Anti-Werbung und einer Brezel-Abwurfakttion auf sich zog, wirbt liebenswert bescheiden, u. d. mit Studententheater und Altstadt-Szene.

 

 

Keine leichte Aufgabe für die Jury! Bleibt zu hoffen, dass auch die ausgeschiedenen Städte ihre einmal gefassten Ideen vorantreiben werden.




Günstige Umstände – Dortmunds neuer Konzerthaus-Intendant Benedikt Stampa

Wenn nicht alles täuscht, hat Dortmund seinen neuen Konzerthaus-Intendanten gefunden: Benedikt Stampa aus Hamburg ist ein Mann, der sich besonders mit Marketing-Strategien und der Pflege von Sponsoren auskennt. Das . kann dem gebeutelten Konzerthaus wohl nur zugute kommen. Allerdings: Es gibt in Westfalen leider kein so breites und spendables Bürgertum wie an der Elbe. Aber vielleicht kann Stampa auch jene Finanzhelfer „bekehren“, die schon abspringen wollten.

In Dortmund gilt der noch recht junge Kulturmanager als Wunschkandidat. Freilich verantwortet er in der Hamburger Laeisz-Musikhalle ein anders gelagertes Programm – mit vielen „eingekauften“ Gastspielen von der Klassik bis zu Peter Maffay. Er wird sich in Dortmund umstellen müssen, denn für Pop-Konzerte taugt Westfalens Philharmonie nur sehr bedingt.

Der „Neue“ für Dortmund hat in Hamburg gleichwohl Profil gewonnen. Skeptische (oder missgünstige?) Hanseaten sagen dem beredsamen Stampa gar „Profilsucht“ nach. Vielleicht ist ihm die Entscheidung für Dortmund leichter gefallen, weil man ihm in Hamburg bedeutet hat, dass er nicht die geplante „Elbphilharmonie“ leiten soll.

Jedenfalls findet er nun in Dortmund relativ günstige Bedingungen vor. Das Haus wird schuldenfrei gestellt und bekommt einen deutlich höheren Programm-Etat. Außerdem dürfte Benedikt Stampas Vergütung in Dortmund spürbar über der seines Vorgängers Ulrich Andreas Vogt liegen. Die Umstände des Wechsels mag man noch immer bedauern. Doch nun sollte man dem neuen Chef eine glückliche Hand wünschen.

                                                                                                            Bernd Berke

 




Der leuchtende Augenblick – Wuppertaler Museum präsentiert den deutschen Impressionisten Max Slevogt

Von Bernd Berke

Wuppertal. Jetzt ist das „Dreigestirn“ der deutschen Impressionisten komplett: Nach Ausstellungen über Max Liebermann und Lovis Corinth zeigt Wuppertals Von der Heydt-Museum nun Werke von Max Slevogt (1868-1932), der sonst stets etwas im Schatten der beiden anderen Größen steht.

Man konzentriert sich auf Slevogts „Berliner Jahre“ ab Ende 1901. Der gebürtige Landshuter Slevogt hatte sich in München zunächst an die realistische Sichtweise eines Wilhelm Leibl gehalten, dann aber Bilder wie „Danae“ (eine perspektivisch rigoros gestauchte Nackte) riskiert. In der eher konservativen Bayern-Metropole sah man durch diese respektlose Darstellung den antiken Mythos beschmutzt. Es gab also Ärger.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Zugleich war just in jenen Jahren Berlin das neue, aufstrebende Kunstzentrum. Slevogt, dem der Ruf besonderer Begabung vorausgeeilt war, erregte dort Aufsehen mit seinen heftigen, unkonventionellen, wenn auch anfangs noch etwas ungelenken Bildern („Der verlorene Sohn“ markiert den Auftakt in Wuppertal). Folge: Max Liebermann lud ihn an die Spree ein, Slevogt ließ sich dort nieder. Ein Beleg für die alte Einsicht: Man muss nur zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute kennen und an den richtigen Ort kommen…

In Berlin entfernte sich Slevogt von seinen vormals traditionalistischen Landschaften. Entscheidend: Zuerst bei einer Paris-Reise, dann durch den Berliner Verleger und Sammler Bruno Cassirer, lernte er die Werke französischer Impressionisten schätzen.

Slevogts Farbpalette hellte sich auf, der Pinselstrich wurde spontaner, freier, energischer. Nun entstanden selbstsichere Bild-Setzungen, im nah besehenen Detail zuweilen fahrig wirkend, im Gesamteindruck von duftig flirrender Atmosphäre beseelt. Manchmal ist’s, als wären feinste Nuancen aus einem Flakon aufgesprüht worden. Oder so, als hätte derMusikkenner Slevogt subtile Notenwerte in Farben umgetupft.

Lebensfrische Bildnisse junger Frauen

Dies gipfelt im triumphalen Rollenbildnis des Opernsängers Francesco D’Andrade (in Mozarts „Don Giovanni“): „Das Champagnerlied“ (1902) lässt die Farben zur Feier des großen Moments perlen und prickeln.

Slevogts Entwicklung lässt sich in Wuppertal anhand von rund 80 Gemälden sowie Zeichnungen und Graphiken eingehend verfolgen. Die aus Museen in ganz Deutschland und mit Raritäten aus Privatsammlungen satt bestückte Schau versammelt beispielsweise etliche Porträts aus der Berliner Gesellschaft. Slevogt verquickt realistische Errungenschaften, psychologische Durchdringung und impressionistischen Hauch zu rauschenden Synthesen. Delikat, zärtlich und ungemein lebensfrisch wirken seine Porträts junger Frauen. Und wenn Slevogt einen Bankdirektor verewigt, stellt sich schon in der Komposition dessen rastlose Ungeduld mit. Der Mann drängt beinahe aus dem Bild heraus, als müsse er eilends zum Termin.

Leoparden mit schimmerndem Fell

Eine Bilderreihe aus dem Frankfurter Zoo zeigt Löwen, Leoparden und Tiger mit schimmernden Fellen. Auch diese Tiergestalten sind also gleichsam bereit fürs impressionistische Leuchten. Spätere Ansichten von einer Ägypten-Reise und Landschaften der Pfalz (wohin sich Slevogt immer wieder zurückzog), runden den Überblick ab.

Schließlich die markanten Selbstporträts, die den Wandel der Selbsteinschätzung ahnen lassen. Auf dem „Selbstbildnis mit Pinsel und Palette“ (1895, Leihgabe aus Dortmund) warten zwei weibliche Modelle schwatzend im Hintergrund, bis sich der noch ungefestigt erscheinende Maler an sich selbst im Spiegel sattgesehen hat. Fürs „Selbstbildnis mit schwarzem Hut“ (1913) tritt Slevogt nicht mehr als Maler im Atelier, sondern als wuchtiger Bürger vor dem Gewimmel einer Berliner Straße auf; ganz so, als wolle er uns mit kaiserzeitlichem Gebaren zurufen: Es ist erreicht!

6. März bis 22. Mai. Von der Heydt-Museum, Wuppertal, Turmhof 8. Eintritt 5 Euro, Katalog 29 Euro.




Der Drang ins Grenzenlose – Uraufführung von Tankred Dorsts Stück „Die Wüste“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Blühende Zeiten für die Dortmunder Bühnen. Am kommenden Sonntag wird die Grass-Oper „Das Treffen in Telgte“ uraufgeführt, am letzten Samstag kam im Schauspiel erstmals Tankred Dorsts Stück „Die Wüste“ heraus. Bemerkenswert, dass solche Autoren dem Haus vertrauen.

Neuerdings pilgern ja selbst Kölner Theaterfans nicht nur nach Bochum, sondern just auch nach Dortmund. Nun also zieht es sie in jenes ortlose, hitzig-flirrende Gelände, das allerlei unausgelebte Sehnsüchte der Zivilisation entfacht: die Wüste. Bleibt’s eine dramatische Fata Morgana, oder findet Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer die Oase?

Tankred Dorst (79) ist 1962 auf Partikel des Stoffs gestoßen, seither hat er sich in kreativen Schüben wiederholt darauf zubewegt und sich endlich tiefer hinein begeben. Zentrale Figur ist der historische Charles de Foucauld, um 1900 französischer Kolonialoffizier in Nordafrika. Der Kerl fraß das Leben wohl wie ein Berserker, hurte haltlos herum und wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen.

Später begann er ein zweites Leben als Eremit im entlegenen Gebiet der algerischen Tuaregs – auf mystischer Suche nach dem Unbedingten, nach Gott und Tod und überhaupt. Im wirklichen Kirchenleben gibt’s einen Orden der „Kleinen Brüder Jesu“, der auf seinen Spuren wandelt, und Foucauld soll zu Pfingsten 2005 selig gesprochen werden.

Mit der Hure Mimi in der Badewanne

Und auf der in gleißendem Weiß gehaltenen Dortmunder Bühne? Da begegnet uns anfangs ein lauthals dröhnender Soldat, der sich mit der Hure Mimi (herrlich kapriziös auf ordinäre Art: Silvia Fink) in der Badewanne ergeht.

Doch schon in den Sekunden-Ritzen dieser Gier lässt der Schauspieler Harald Schwaiger auch eine wachsende Verstörung ahnen, diesen notorischen Drang ins Grenzenlose, der sich später vom Sinnlichen abwenden und in ein selbstmörderisches Märtyrertum ergießen wird. „Töte mich!“ hallt es schon zu Beginn mit Geisterstimme in den Lüften. Tatsächlich wird der Einsiedler durch einen Kopfschuss enden.

Sind also wildester Lebensrausch und quasi-religiös unterfütterte Todessehnsucht zwei Seiten derselben dunklen Sache? In diesem Sinne hat sich Tankred Dorst (der sich erst nach der Aufführung im Foyer sehen ließ) vorab geäußert. Offenbar ist die über weite Strecken spannende Inszenierung, die vor allem bis zur Pause durch dichte Figurenführung überzeugt, seiner Intention treulich gefolgt. Und zwar auf geschmackssichere Weise, wenn man davon absieht, dass am Ende Foucauld an einer Rakete hängt wie Jesus am Kreuz.

Der Asket Foucauld wälzt sich wollüstig in seinen Visionen

In seiner Einsiedelei filtert Foucauld mit einem Grammophon-Trichter die „Stimme Gottes“ aus dem Äther, kauert halbnackt auf einem Sockel und weiß abermals dröhnend von seinen Grenzerfahmngen zu künden. Der Lüstling hatte bereits einen Hang zum Eremitentum, und noch der Asket wälzt sich geradezu wollüstig in seinen Visionen. Seine taumelnde Haltung und seine manchmal auch so träge resignierende Stimmlage haben sich kaum verändert. Dieser europäische Mensch ist und bleibt einer, der letztlich nur sein Ich steigern will – gleichgültig, in welche Richtung.

Die Wüste scheint ohnehin vielerlei schwankenden Wahn zu wecken. Zwischendurch hält die Inszenierung Ausschau nach heutigen Wüsten-Vorstellungen zwischen Hippie-Trip, komischer Geschäftstüchtigkeit (Skorpione für den Verkauf nach Europa einfangen) und touristischem Irrsinn.

Ach, Europa! Hier mündet selbst Todeswunsch in bloße Theatralik. Alles nur Auftritt, nur ichversessenes Spiel: Ein Strang des Geschehens zeigt in Paris jene Marie (äußerlich kühl, innerlich brodelnd: Birgit Unterweger), die vermeintlich ihren Mann Hector (hübsch geckenhaft: Bernhard Bauer) mit Zyankali töten will, um der ach so aufregenden „Verbrecher“-Seele Foucauld notfalls in die Hölle zu folgen. Doch es ist nur romantische Attitüde, für deren bühnenreife Folgen selbst Hector artigen Beifall spendet. Bei einem Attentat wird er doch noch sterben, inmitten eines explodierenden Büffets, einer Aggression gegen westlichen Luxus also. Spätestens mit diesem Horror ragt das Stück ins Heute hinein.

Termine: 6., 19. März; 8., 16., 30. April. Karten: 0231 / 50 27 222.




Zu den Ufern der Freiheit – Ausstellungen über Künstlergruppe „Die Brücke“ in Essen und anderswo

Von Bernd Berke

Essen. So wirken sich Gedenktage aus: Die Gründung der expressionistischen Künstlergruppe „Die Brücke“ jährt sich heuer zum 100. Mal. Deshalb holen viele, viele Museen ihre entsprechenden Bestände ans Licht.

In unseren Breiten sind es derzeit schon Münster und Duisburg, die ihren „Brücke“-Eigenbesitz zeigen. In Essen verhält es sich nun freilich anders. Die „Brücke“-Werke (von Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde und Karl Schmidt-Rottluff), die jetzt in Essen zu sehen sind, könnten tatsächlich dem Folkwang-Museum gehören. Doch man hat sie vom Frankfurter „Städel“ ausleihen müssen.

Die folgenreiche Vorgeschichte: Der 1867 in Essen geborene Chemiker Carl Hagemann wurde um 1910 zum passionierten Kunstsammler. Besonders enge Kontakte pflegte er mit dem „Brücke“-Künstler Ernst Ludwig Kirchner. Auch mit dem damaligen Folkwang-Direktor Ernst Gosebruch (im Amt 1906-1933) war Hagemann befreundet. Es schien beschlossene Sache, dass das Essener Haus einst die Sammlung Hagemann erhalten würde.

Frankfurter Städel-Direktor rettete die Sammlung Hagemann

Doch dann kamen die Nazis. die auch die „Brücke“-Bilder als „entartete Kunst“ verfemten und missliebige Museumsdirektoren zur Kündigung zwangen. In Essen wurde es für einen Sammler wie Hagemann vollends unerträglich. Er zog nach Frankfürt und begegnete dort gottlob dem standhaften „Städel“-Chef Ernst Holzinger. Der lagerte moderne Städel-Schätze mitsamt dem Hagemann-Besitz insgeheim in Kisten und rettete sie so vor Beschlagnahme und späteren Kriegswirren…

Nun also kehren Teile des Hagemann-Konvoluts auf Zeit nach Essen zurück. Noch nie hat sich das Frankfurter „Städel“-Institut bei der Ausleihe derart großzügig gezeigt. Andere Leihgeber, darunter das Dortmunder Ostwall-Museum, traten mit sinnvollen Ergänzungen hinzu.

Es ist trotzdem keine Schau, die ganz neue Horizonte aufreißt. Wie denn auch? Mit der „Brücke“ glauben sich viele Kunstfreunde einigermaßen auszukennen. Allerdings werden die „Brücke“-Künstler vorwiegend als Gruppe wahrgenommen, gar nicht so sehr als Einzelpersönlichkeiten. Vielleicht ist dies ein „Auftrag“, den solche Ausstellungen mit sich bringen: Mehr zwischen den Künstlern zu differenzieren, neben allen Gemeinsamkeiten auch Unterschiede zu bemerken. Auch und gerade im Überschwang eines Gedenkjahres.

Historischer Verlust für Essen wird spürbar

Fabelhafte Kunststücke finden sich hier, die den historisehen Verlust für Essen recht schmerzlich spüren lassen. Immer wieder gibt es beim Rundgang flammende Momente: Das exzessive Aufblühen der Farben rund um Karl Schmidt-Rottluffs „Turm im Park“ (1910); der sinnlich verwegene Schwung des Tanzpaares in Ernst Ludwig Kirchners „Varieté“ (1910); der freimutige Reigen natürlicher Nacktheit (Erich Heckels „Badende im Waldteich“, 1910). Sie strebten zu den Ufern der Freiheit, sei’s im Leben, sei’s auf der Leinwand.

Interessant auch einige Seitenlinien der „Brücke“-Schau (E. W. Nay, André Derain). Und dann Emil Nolde! Von ihm sieht man ein ungeheuerlich aufgewühltes „Herbstmeer“ (1910), Sinnbild eines Seelenzustandes,, unsicherer menschlicher Existenz überhaupt. Zudem hat Nolde einen leuchtenden „Christus in der Unterwelt“ (1911) imaginiert, der die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft. Vor solchen Bildern kann man gläubig werden – oder bleiben.

• Essen: Künstler der „Brücke“ in der Sammlung Hagemann. Bis zum 15. Mai im Folkwang-Museum (Goethestraße). Geöffnet Di-So 10-18, Fr 10-24 Uhr. Eintritt 8 Euro, Katalog 16,80 Euro,.

• Münster: Westfälisches Landesmuseum (Domplatz). Bis 1. Mai. Di-So 10-18 Uhr.

• Duisburg: Lehmbruck-Museum (Düsseldorfer Str.). Bis 31. Juli. Di-Sa 11-17,So 10-18 Uhr.

 




Die gute alte Zeit der Heimtücke – Willem Elsschots Roman „Leimen“ über die Frühzeit der Reklame

Von Bernd Berke

Wenn ein Buch „Leimen“ heißt, geht’s nicht zwangsläufig um Boris Beckers Heimatort. Im Falle des belgischen Autors Willem Elsschot bedeutet der übersetzte Titel traditionell „hereinlegen“ oder „hinters Licht führen“.

Wer wird denn da geleimt? Leichtgläubige Inhaber von Kleinbetrieben sollen sich mit Firmenporträts rühmen lassen – in einer ominösen „Allgemeinen Weltzeitschrift fiir Finanzen, Handel, Gewerbe, Kunst und Wissenschaft“. Natürlich nicht kostenlos.

Man muss nur die Eitelkeit kitzeln

Sie sollen für viel Bargeld die Auflage des Blattes kaufen – möglichst 100.000 Exemplare oder mehr. Man muss dazu nur ihre Eitelkeit kitzeln. Die besagte Zeitschrift erscheint allerdings gar nicht regelmäßig, sondern wird nur nach solch windigen Verträgen in passender Stückzahl gedruckt und liegt dann stapelweise bleischwer bei den verschuldeten Firmen herum.

Ein zwielichtiger Herr namens Boormans hat das ganze Verfahren ausgeklügelt, mitsamt einer Phantom-Redaktion. Eines Tages sucht er sich in der Kneipe einen Helfer namens Frans Laarmans, den er in die schmierigen Praktiken einweist. Just aus dieser Unterrichtung und einer ausgiebigen Probe aufs Exempel (bei einer Schmiedewerkstatt) besteht der Roman, wobei Laarmans meist als rückblickender Ich-Erzähler fungiert. Dieser vormals stramm sozialistische Proletarier ist längst zum ausgefuchsten Geschäftsmann mutiert. Solche Wendehälse soll’s ja geben.

Die Geschichte schnurrt ab wie ein Uhrwerk

Interessant der Hintergrund: Das Original des Romans stammt von 1924, aus jener Zeit also, in der auch Elsschots kürzlich wiederentdeckter Überraschungserfolg „Käse“ herauskam (besagter Laarmans trieb dort Handel mil Edamcr, Gouda & Co.).

Autor Elsschot leitete damals in Antwerpen eine Werbeagentur. Das führt auf die Spur: Man lernt in „Leimen“ etwas über die Frühgeschichte der Reklame, die seither die Versprechungen des schönen Scheins zusehends perfektioniert hat.

In diesem Roman wirkt die Überredung zur unsinnigen Geldausgabe noch recht umständlich und plump, sie setzt aber gerade deshalb leise Komik nach Art eines schief hängenden Genrebildes frei: die gute alte Zeit der Heimtücke und Übertölpelung.

Ausgefeilte Charaktere darf man von der betont nüchtern und geradlinig erzählten Geschichte nicht erwarten. Sie schnurrt wie ein mechanisches Uhrwerk ab. Die typisierten Figuren begegnen einander vorwiegend als soziale Masken auf dem allmählich anonymer werdenden Markt.

Willem Elsschot: „Leimen“. Roman. Unionsverlag, Zürich. 203 Seiten. 18,50 Euro.




Neuer Roman: Wilhelm Genazino erkundet die „Liebesblödigkeit“

Von Bernd Berke

Seltsamen Beschäftigungen gehen die Figuren in Wilhelm Genazinos neuem Roman „Die Liebesblödigkeit“ nach. Der Ich-Erzähler verdient seinen Lebensunterhalt mit Vorträgen über die Apokalypse, also den drohenden Verfall und Untergang der Welt.

Wenn dieser Mann durch die Stadt streunt, begegnet er Leuten wie dem Panik-Berater oder der Staubforscherin. Auch kreuzt häufig ein krankhafter Post-Hasser seine Wege, der dem Unternehmen jede winzige Verfehlung verübelt und sie gerichtsverwertbar dokumentieren will.

Man kennt vom Büchner-Preisträger Genazino seit jeher solche skurrilen Merkwürdigkeiten. Bei ihm gibt es keine „Kleinigkeiten“. Jede noch so geringfügige Alltags-Wahrnehmung auf Straßen und Plätzen, in Läden oder Lokalen hat Gewicht, sei der Befund nun tröstlich oder niederschmetternd.

Billigstgeschäfte und „Ekelstahlbänke“

Meist geht es um (Zitat) „Deformationen, die unscheinbar in unser Leben eindringen und uns allmählich die Luft abdrücken.“ Es kann betrüblicher Schwachsinn im Fernsehen sein, der manche Hirne vernebelt. Für überfallartige Depression sorgen auch die tristen Billigst-Geschäfte, die vielen Anzeichen einer neuen Armut oder hässliche neue Stadtmöbel aus Edelstahl, die hier als „Ekelstahlbänke“ missfallen.

Den allein wohnenden Erzähler plagt zudem ein privates Problem: Er laviert zwisehen zwei Frauen namens Sandra (Sekretärin) und Judith (gescheiterte Pianistin), die nichts voneinander wissen. Anfangs redet er sich den Zustand schön: „Ich kann die dauerhafte Liebe zu zwei Frauen nur empfehlen. Sie wirkt wie eine wunderbare Doppelverankerung in der Welt. Man wird mit Liebe gemästet.“

Doch bald greift die erotische Gespaltenheit auf andere Bereiche, ja auf die ganze Existenz über. Jene geradezu schizophrene „Liebesblödigkeit“ beginnt zu keimen. Sie wuchert unterschwellig weiter. Muss er sich also von einer der beiden Damen trennen?

Sex-Verrenkungen auf wackligen Weinkisten

Verschlimmert wird die Irritation durch den einsetzenden Prozess des Alterns, der sich durch peinliche Kindheits-Erinnerungen ankündigt und oft als traurige Groteske äußert: Wegen erster Krampfadern braucht der Apokalyptiker Stützstrümpfe, die er aber verschämt beiseite legt.

Auch erfordert die Sexualität bei nachlassender Beweglichkeit manche Verrenkung. Die „Liebesbastlerin“ Sandra muss sich auf wacklige Weinkisten stellen und sich am Türpfosten festhalten – sonst geht „es“ nicht mehr schmerzfrei. Den Erzähler beschleicht der Verdacht, er stehe kurz vor seiner „Enderektion“, der finalen Erregung.

Der allseits erschöpfte Mann sieht nicht nur sein Leben bröckeln, sondern auch einen neuen Faschismus heraufdämmern – schon ohne rechtsradikale Umtriebe. Bereits die (Selbst-)Kennzeichnung bestimmter Menschen „Außenseiter“ wird zum Menetekel. Doch es eröffnet sich schließlich eine vage Aussicht aufs „Überleben“ in Würde und in entlastender „Belanglosigkeit“…

Passend zur“ schleichenden Apokalypse gibt es hier allerlei Anlass zum Heulen und Zähneklappern, doch auch Gelächter liegt stets nah. Mit Galgenhumor taumelt dieses waidwunde Ich durch sein Dasein. Genazino schreibt erneut eindringliche „Kammermusik“, die lang und leise nachklingt.

Wilhelm Genazino: „Die Liebesblödigkeit“. Roman. Hanser Verlag, 203 S., 17,90 Eure.




Sog der wortkargen Geschwätzigkeit – Deutsche Erstaufführung von Jon Fosses „Todesvariationen“ in Bochum

Von Bernd Berke

Bochum. Gibt es wortkarge Geschwätzigkeit? Normalerweise nicht. Doch beim norwegischen Dramatiker Jon Fosse erlebt man sie konkret.

Seine Personen bilden sehr einfache, knappe Sätze („Es ist nicht so“ / „Du darfst nicht“ /„Kannst du bitte gehen“). Sie quellen melancholisch aus Mündern und tropfen in ein Meer des Schweigens. Doch wie in einer Endlosschleife werden sie in wechselnden Phrasierungen wiederholt, so dass denn doch auf lakonische Art recht viel geredet wird.

Es ist vielleicht die Angst vor dem endgültigen Verstummen, vor dem Tod, welche diese Menschen umtreibt und zum bloßen Sagen am Rande der Sprachlosigkeit drängt. Dies gilt auch fürs Stück „Todesvariationen“, das jetzt in den Bochumer Kammerspielen als deutsche Erstaufführung zu sehen ist. Nach „Winter“ und „Schönes“ ist es bereits die dritte Bochumer Fosse-Premiere. Man erkennt den Autor sogleich am „Sound“ wieder. Dem rhythmischen Sog überlässt sich auch der Regisseur Matthias Hartmann.

Der ruhmreiche Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann hat (passend zum schlackenlosen Text) einen gleißend hellen, leeren Kastenraum bauen lassen. Nichts lenkt in diesem minimalistischen Umfeld von den Worten und Gesten ab, die hier äußerst plastisch hervortreten, obgleich ziemlich verhalten gespielt wird. Jede Handbewegung, jede Schrittfolge gerinnt zum Zeichen.

Familiäres Mysterienspiel

Vor der Bühne schwankt ein Schiffsmast als Signal eines wellengleich wechselhaften Schicksals. Das aber ist gnadenlos hart: Ein älterer Mann und seine Frau (ganz große Besetzung: Hans-Michael Rehberg, Barbara Nüsse) haben ihre einzige Tochter verloren. Sie hat Selbstmord begangen. Schon als Kind wollte sie nur „ihre Ruhe haben“. Doch ihre Tat wird ein Rätsel bleiben, der Text umschleicht den Freitod wie eine schrecklich leere Mitte. Neben den Eltern, die den Schmerz nicht fassen können und den Tod nicht wahrhaben wollen, geistern zwei weitere Paare über die Erinnerungsbühne: die beiden selbst, in früheren Jahren des Beginnens, der Schwangerschaft, der Ehekrisen und der Trennung (Patrick Heyn, Sabine Haupt); sodann die heranwachsende Tochter mit einem Freund (Cathérine Seifert, Johannes Zirner), der sie verlockt, aber auch stets vor sich warnt und vielleicht „der Tod“ selbst ist.

Familiäres Mysterienspiel im Schattenreich eines gleitenden Phasenwandels: Düstere Vorahnungen und verzweifelte Rückblicke kreuzen sich. Die subtil eingesetzten Schattenrisse der Figuren werden zum dramaturgischen Element. Gespenstischer Befund: Jede(r) ist für sich allein, Mitteilungsversuche schlagen fehl.

Ohne nähere Bestimmung müssen diese Gestalten auskommen. Sie sind letztlich alterslos. haben keine erkennbaren Berufe, auch Ort und Epoche des Geschehens sind nicht gewiss. Soziologische und psychologische Erklärungsversuche laufen ins Leere. Hier geht’s existenziell zu, für Interpretationen bleiben weite Spielräume.

Und so kreist der Text zuweilen etwas redundant in sich selbst. Gespielt von mittelmäßigen Darstellern, wäre dies wohl schwer erträglich. Doch in Bochum tragen sie das Stück 80 Minuten über manche Untiefen hinweg, so dass man der linguistischen Kammermusik doch atemlos lauscht. Am Ende schwindet ein leuchtendes Quadrat auf der Wand ins Nichts. Dunkel. Stille. Auslöschung.

Termine: 15. Feb., 2. und 8. März. Karten: 0234/3333-111.




Die magischen Momente – Werkschau von Gerhard Richter in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Mal stellt dieser Künstler acht gigantische verglaste Bildtafeln hin, die als graue Monumente vor dem Betrachter aufragen, lockend und abweisend zugleich. Dann wieder versammelt er gleich „4096 Farben“ (Titel) kästchenweise auf einem einzigen Bild.

Überhaupt hat der wandelbare Gerhard Richter (72) fast das gesamte Gelände der heutigen Mal-Möglichkeiten ausgeschritten. Seine Retrospektiven gleichen daher ästhetischen Wechselbädern. So auch jetzt in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW.

Dem „Kunst-Kompass“ zufolge ist Richter der gefragteste (und wohl auch teuerste) aller lebenden Künstler. Düsseldorf bereitet nun einen Bilderschmaus mit 120 Arbeiten, beginnend mit den 1960er Jahren. Seit einer Werkschau in der Bonner Bundeskunsthalle (1993) hatte keine deutsehe Richter-Ausstellung ein solches Volumen.

Gezielt verwischte, flirrende Landschaften

Der gebürtige Dresdner, der vor seiner Flucht in den Westen (1961) verhasste Pflichtübungen im Sozialistischen Realismus absolvieren musste, malt seit Mitte der 60er Jahre vielfach an den Grenzlinien des Sichtbaren. Grandiose Beispiele finden sich im Düsseldorfer Raum mit Richters gezielt verwischten, flirrenden Landschaften. Vergebens will man sein Auge „scharf stellen“ – und betrachtet die Vexierbilder somit ungemein intensiv.

Eigentlich unscheinbare, fernab gelegene Gegenden („Landschaft bei Hubbelrath“) hat Richter mit Vorliebe aufgesucht, um ihnen unversehens eine besonders magische Aura zu verleihen. Selbst banale Motive wie ein „Besetztes Haus“ entfalten hier transzendente Kraft. So, als könne an solchen Orten jederzeit das Ungeahnte geschehen.

Als Katalog-Abbildungen erscheinen derlei Gemälde wie nahezu fotorealistische Wiedergaben. Doch vor den Originalen bemerkt man dann doch sanfte Spuren der Machart, des Pinselschwungs, der verhaltenen Emotion. Gleichfalls verwischte Menschen-Darstellungen („Frau mit Kind“, „Zwei Liebespaare“) wirken mit ihren feinen Grauwert-Abstufungen wie vage Blitzlichter der Erinnerung. Es sind schmerzhaft vergängliche Momente, oft durchsetzt mit grotesker Mimik und Gestik. Da grinsen sozusagen die Fratzen und Phantome des „Jetzt“.

Eintauchen in die Eruptionen greller Farben

Gegenständlichkeit und Abstraktion, Gläubigkeit und Skepsis vor dem Bilde sind bei Richter keine Gegensätze, er driftet zwischen den Polen hin und her, offenbar regellos und frei: „Ich weiß nicht, was ich beim Malen tue“, hat er einmal gesagt. Doch die Hängung seiner Ausstellungen plant er penibel im voraus.

Die Dramaturgie der Düsseldorfer Schau (weitere Stationen: München, Japan) ergeht sich in Kontrasten. Da gibt’s meditative Raumfluchten in allen glatten, körnigen oder schlierigen Ausprägungen von Grau, Schwarz, Weiß. Oder man verliert sich in vakuumartigen Zuständen einer gleißenden Schneelandschaft, eines vollkommen leeren Zimmers.

Dann aber taucht man auf der nächsten Etage in ungeheure Emptionen der grellsten Farben ein. Hier wird auch schon mal der schiere Verlauf eines einzigen Pinselstrichs zum tragenden Thema und zuweilen zum mitreißenden Ereignis.

Mit neuesten Werken wie dem Riesenformat „Strontium“ (9 mal 9 Meter) erkundet Richter quasi mikroskopische Weiten der Biologie, Chemie und Physik. Serielle Wiederholungsmuster kommen dabei ins Spiel. Sieht es so im Kern aller Schöpfung aus? Oder schaut uns da die reine, polierte Oberfläche an?

Kunstsammlung NRW (K 20), Düsseldorf, Grabbeplatz. 12. Februar bis 16. Mai. Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr. Eintritt 6,50 Euro, Katalog 29 Euro.




Anschwellende Einsamkeit – Dortmunder Museum vergleicht Edvard Munch mit Beispielen heutiger Kunst

Von Bernd Berke

Dortmund. Wir wollen nicht lästerlich werden, aber der Vergleich ist nun einmal in der Welt und bietet sich an. Unter Fußballfans kursierte einst das Scherzwort „An Gott kommt keiner vorbei – außer Stan Libuda.“ Halbwegs analog zum Gleichnis vom Dribbel-Künstler könnte für neuere Malerei gelten: An Munch kommt keiner vorbei – höchstens annähernd ebenbürtige Genies. Alle anderen Künstler sollten sich mit dem grandiosen Werk des Norwegers befasst haben.

Solche Vorgaben haben die Bildersuche zur neuen Dortmunder Munch-Schau wohl zugleich erleichtert und erschwert. Einerseits finden sich zahllose zeitgenössische Arbeiten mit mehr oder weniger klaren Bezügen zu Munch (1863-1944), andererseits könnte man sich in dieser Flut der Möglichkeiten verlieren und zur Beliebigkeit neigen: Irgendwie wird es schon zueinander passen. Diese Gefahr weht auch die Ausstellung mit dem schicken Pop-Titel „Munch revisited“ an, die den modernen Klassiker mit teils hochkarätiger heutiger Kunst (inklusive Installationen und Videos) zusammenführt.

Aus räumlichen Gründen zeigt das Team des Ostwall-Museums seine Auswahl imMuseum für Kunst und Kulturgeschichte. Für größtmögliche Sicherheit der Bilder sei gesorgt, alle Auflagen der Leihgeber seien erfüllt, hieß es gestern wohlweislich – spätestens seit dem Munch-Raub in Oslo eine Pflichtübung.

Nicht jeder Zusammenhang ist zwingend

Der Rundgang gliedert sich in drei farbig markierte Bereiehe: Rosa steht für „Mann und Frau“, Grün für „Mensch und Landschaft“, Violett für „Einsamkeit und Melancholie“. Dehnbare und dauerhafte Themen, fürwahr. Kuratorin Rosemarie Pahlke hatte die Idee, Munch mit der Gegenwart zu koppeln, vor sieben Jahren – ein gereiftes Konzept also. Sie versichert, dass sie bei vielen Recherchen auf direkte Verweise von Munch zur jetzigen Zeit gestoßen sei. So habe sich Georg Baselitz (in Dortmund: sein Angstbild „Anxiety II“, 1999) bewusst am Norweger orientiert und präge heute seinerseits die skandinavische Szene.

Nicht immer verlaufen die historischen Linien so eindeutig. Beispiel: Nicht nur Edvard Munch hat Häuser als einsame Liegenschaften dargestellt und somit psychologisch aufgeladen, sondern natürlich auch spätere Künstler wie André Butzer, Peter Doic oder Jörg Sasse. Diese Selbstverständlichkeit stiftet also keinen zwingenden Zusammenhang. Den kann man konstruieren, es könnte aber auch anhand unendlich vieler anderer Werke gelingen.

An manchen Stellen vibriert geradezu die Luft

Bei den Landschaften scheint gelegentlich eine Ausstrahlung von Kälte oder eine „nördliche“ Anmutung genügt zu haben, um sie beherzt neben Munch zu hängen. Trotz solcher Einwände ist die Ausstellung ein Ereignis, sie eröffnet vorwärts wie rückwärts allerlei Zugänge Munch und „Nachfahren“.

Die ganz berühmten Gemälde Munchs, wie etwa eine Version von „Der Schrei“, hat Dortmund nicht bekommen, doch Hauptmotive („Madonna“, „Melancholie“, „Pubertät“) sind immerhin als Graphik-Varianten zu sehen. Und vor Munch-Bildern wie „Mädchen mit rotem Hut“ oder „Krankes Mädchen“ kann man lange verweilen, sie gehen uns noch nah.

An manchen Stellen vibriert die Luft zwischen den Werken, so beim Dialog von Munchs illusionslosem Paarbildnis „Käte und Hugo Perls“ (1913) mit Eric Fischls Entgegnung oder Fortschreibung „Bathroom Scene No. 2″ (2003). Heillose Entfremdung zwischen Mann und Frau, im Abstand von 90 Jahren und doch bestürzend verwandt, allenfalls noch um ein paar Kältegrade klirrender.

Weniger künstlerischer als gesellschaftlicher Befuind: Man erlebt hier die Gegenwart vielfach als Steigerung dessen, was Munch visionär gefasst hatte. Antony Gormleys Figur, deren Kopf in einem Haus steckt, lässt Munch’sches Alleinsein noch mehr ins Absurde anschwellen. Und Maria Lassnig oder Louise Bourgeois treiben verzweifelte Einsamkeit voran bis in schmerzliche Fragmentierung der Körper, wie sie selbst ein Edvard Munch nur schemenhaft ahnen konnte.

• Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund, Hansastr. 3. Vom 30. Januar (Eröff. 15Uhr) bis1.Mai. Di-So 10-18, Do 10-20 Uhr. Eintritt 6 Euro. Katalog 29,80 Euro.