Mit starrem Blick nach vorn – zur weiterhin unübersichtlichen Lage beim Dortmunder Konzerthaus

Von Bernd Berke

Dortmund. Man kann es fast mit Händen greifen: Bei den Konzerthaus-Besuchern in Dortmund herrscht derzeit vielfach traurige Stimmung, es drücken die Zukunftssorgen. Seit der Entlassung bzw. „sofortigen Freistellung“ des Intendanten Ulrich Andreas Vogt (der bis 31. Juli weiter seine Bezüge erhält) gibt’s vorwiegend Molltöne an der der Brückstraße. Doch offenbar regen sich Gegenkräfte.

Abwartende Anspannung – so etwa könnte man die Gemütslage der Konzerthaus-Mitarbeiter umschreiben, einer spricht sogar von „Duldungsstarre“; wobei niemand im Hause namentlich zitiert werden möchte, weil öffentliche Äußerungen mit dem neuen Interims-Intendanten Albrecht Döderlein abgestimmt werden sollen.

Döderlein selbst, hauptamtlich Geschäftsführer des Dortmunder Theaters, wünscht sich nun vor allem „Ruhe für unsere Arbeit.“ Es gelte, „Status und die Aufgliedemng“ des Konzerthauses neu zu definieren, ohne das Niveau zu senken. Zur Auslastung (diverse Gerüchte pendeln zwischen 50 und 70 Prozent) mag er noch nichts verraten, man ermittle die Zahlen gerade. Das mit den 50 Prozent sei Unsinn. Die Auslastung liege im Schnitt höher, sie sei aber gegen Ende 2004 stetig gesunken.

Ein ungenannter Konzerthaus-Mitarbeiter zur WR: „Unser Image ist durch die Vorgänge in den letzten Tagen und Wochen schwer beschädigt worden.“ Es frage sich, ob man da noch einen hochkarätigen Nachfolger für Vogt finden könne.

Erste Sponsoren sind abgesprungen

Unterdessen scheint sich die ohnehin schon prekäre finanzielle Lage des Hauses zu verschärfen, sind doch schon Sponsoren abgesprungen, darunter Prof. Michael Hoffmann, der zugleich erzürnt vom Vorsitz der Theater- und Konzertfreunde Dortmund zurücktrat und die Stadtspitzen für die jetzige missliche Lage verantwortlich machte. Insgesamt steuern Sponsoren rund 600.000 Euro jährlich für Aktivitäten im Konzerthaus bei. Kein Pappenstiel.

Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann (SPD) ist betrübt über den Rückzug Hoffmanns, der als Kulturförderer „unglaublich viel geleistet“ habe. Aber, so Stüdemann zur WR: „Die Suche nach einem Nachfolger für Herrn Vogt ist gar nicht so schwierig.“ Bis März will er fündig geworden sein. Er sei in den letzten Tagen kaum in Dortmund gewesen, sondern landauf landab auf Intendanten-Suche unterwegs – in welchen Städten wohl? Einige Interessenten hätten sich aus eigenem Antrieb gemeldet. Stüdemanns Folgerung: „Das Konzerthaus wird bundesweit immer noch hoch geschätzt.“

Gutachten voller Binsenweisheiten

Zwischenzeitlich erregte ein Gutachten die Gemüter, das dem bisherigen Konzerthaus-Management Versäumnisse vorhielt. So habe es zu viele Eigenveranstaltungen gegeben, und finanzielle Warnsignale seien übersehen oder gar ignoriert worden. Weder über den Urheber noch die Kosten dieser im städtischen Auftrag erstellten Studie will sich Stüdemann äußern. Derlei Diskretion sei branchenüblich, so der Dezernent, der versichert: „Es war kein Freund von mir, wie schon gemutmaßt wurde. Ich kannte ihn allerdings, denn er ist aus der Branche.“

Doch diese Studie ist wohl kein tauglicher Leitfaden fürs Kommende. Döderlein: „Es stehen praktisch nur Binsen-Weisheiten darin. Außerdem enthält das Papier erhebliche Rechenfehler. Das ist wohl mit der heißen Nadel gestrickt worden und kann nicht viel gekostet haben.“ Jörg Stüdemann lässt unterdessen wissen, dass gleich vier weitere Gutachten zu verschiedenen Aspekten der Konzerthaus-Zukunft vorliegen…

Ein absurdes Gedankenspiel

Matthias Nowicki, Verwaltungsleiter des Konzerthauses, macht mit einem Gedankenspiel die Absurdität der Lage deutlich: Selbst wenn das Haus sofort geschlossen würde, fielen Kosten fast in Höhe der laufenden städtischen Zuschüsse an.

Denn von den jährlich 3,9 Mio. Euro müssten in jedem Falle Zinslästen (1,2 Mio.) und Abschreibungen (1,5 Mio.) abgezogen werden, also insgesamt bereits 2,7 Mio. Euro, die nicht in die künstlerische Produktion fließen, aber halt gezahlt werden müssen. Hinzu kämen weiterhin Heiz-, Strom- und Wartungskosten, wolle man das Gebäude nicht verkommen lassen.

Eigentlich kein Wunder, dass die Stadt Ende 2004 zusätzliche Subventionen in Höhe von (offiziell) 1,4 Mio. Euro nachreichen musste, um die drohende Insolvenz des Konzerthauses zu vermeiden. Man fragt sich, wie der Konzerthaus-Betrieb überhaupt je ohne solche Defizite hätte laufen sollen. Und man rätselt, warum sich die Stadt und Vogt auf solche Bedingungen verständigen konnten.

 




Was in Westfalens Museumskellern verrottet – Soest ist nur ein Beispiel von vielen

Von Bernd Berke

Soest. In den Kellern westfälischer Museen verrotten angeblich Hunderte, wenn nicht Tausende von Kunstwerken. Mit einer Ausstellung beschädigter, gefährdeter aber auch gerade noch rechtzeitig restaurierter Bilder will man jetzt in Soest auf die misslichen Zustände aufmerksam machen – ein Anstoß auch für andere Städte?

Was man im Soester Wilhelm-Morgner-Haus zu sehen bekommt, ist vielfach betrüblich. Bei einer einst unsachgemäß gerahmten Gouache von Emil Schumacher presst das „Schutz“-Glas die Farben flach. Ein Bild vom Namensgeber des Hauses, dem Expressionisten Wilhelm Morgner, wellt sich bedenklich. Es hat offenkundig unter falschen Klima-Bedingungen gelitten. Ein erst kürzlich im Soester Depot wiederentdecktes Werk von Josef Albers (aus der Serie „Hommage to the Square“ / Huldigung ans Rechteck) zeigt deutliche Spuren der Verschmutzung. Andere Gemälde werden bereits von Schimmel angegriffen. Und so kläglich weiter, und so grässlich fort. Der doppelsinnige Ausstellungs-Titel („Bilder, die aus dem Rahmen fallen“) bringt die Misere so ziemlich auf den Begriff.

LWL-Restaurator drängt zur Eile

Restauratoren könnten hier und andernorts eine Menge bewirken, sie könnten den Verfall zumindest stoppen. Doch dafür fehlt bekanntlich das öffentliche Geld. Also will man jetzt (gleichsam im Testlauf für ganz Westfalen) mit der Ausstellung um Bürgerspenden werben. Dafür macht sich der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) stark, der auch Zuschüsse in Aussicht stellt.

Klaus Kösters vom LWL-Museumsamt mag keine einzelnen Städte mit ähnlichen Problemen nennen. Spielraum für düstere Ahnungen lässt aber sein Satz: „Soest ist kein Einzelfall. Es gibt keine westfälische Stadt, die man hier nicht erwähnen könnte.“ Ergo: Wohl alle Kommunen sind mehr oder weniger betroffen. LWL-Restaurator Eckehard von Schierstaedt drängt zur Eile: „Jahr für Jahr verfallen sonst große Werte.“

Fundus nur verwaltet, nicht gepflegt

Die Restaurierung eines einzigen Bildes kann mehrere tausend Euro kosten, oft geht’s aber preiswerter. Klaus Kösters beziffert den finanziellen Gesamtbedarf allein für Soest auf einen sechsstelligen Euro-Betrag, allerdings im unteren Bereich der somit denkbaren Skala. Rund 3400 Werke stehen insgesamt auf den Besitz-Listen der Stadt, davon etwa 1400 von „höherem Wert“, was immer das heißen mag. Noch ist gar nicht genau ausgemacht, welcher Anteil der Bestände restauriert werden muss.

Nun sind freilich in Soest auch besondere Sünden an der Kunst begangen worden. Hier, wo man bislang keine richtige Kunsthalle (erst seit kurzem fungiert das Morgner-Haus als solche) und dementsprechend kaum kundiges Personal hatte, ist so manches Bild in nicht museumstauglichen Kellern vergammelt. Der Fundus wurde bestenfalls „verwaltet“, jedoch nicht gepflegt. Schlimmer noch: Etliche Bilder, die in Amtsstuben hingen, sind gar spurlos verschwanden. Bis dato hat sich niemand darum gekümmert.

„Bilder, die aus dem Rahmen fallen“. Wilhelm-Morgner-Haus, Soest, Thomaestraße 2: Ab Freitag, 21. Januar (bis 27. Februar). Geöffnet Di-Sa 10-12 und 15-17 Uhr, So 10.30-12.30 Uhr. Eintritt frei.




Ungewisse Zukunft – Dortmunds Konzerthaus-Intendant Vogt kündigt

Kommentar

Die Nachricht kam wahrhaftig überraschend: Dortmunds Konzerthaus-Intendant Ulrich Andreas Vogt hat gestern seinen Vertrag zum 31. Juli 2005 gekündigt.

War es eine Art Kurzschlusshandlung, war er schlichtweg von Debatten um seine Arbeit; genervt? Oder hat Vogt etwa andere Pläne, über die er noch nicht öffentlich sprechen mag? Sind es nur Gerüchte, dass es ihn zu den Salzburger Festspielen ziehe?

Gewiss: In der Stadt hatte es mancherlei Kritik gegeben – nicht einmal so sehr an Vogts engagierter Amtsführung, sondern am zählbaren Resultat. Mit nur rund 70 Prozent Platzausnutzung geriet die „Westfälische Philharmonie“ finanziell ins Schlingern und meldete erhöhten Zuschussbedarf an. Bis Ende dieses Monats sollte Vogt ein neues, tragfähiges Konzept zur Steigerung der Einnahmen vorlegen. Was daraus wird, ist jetzt fraglich.

Nachfolger-Suche braucht Zeit

Stehen wir nun schon vor den ersten Trümmern des kulturellen „Leuchtturms“? Nein, so weit ist es denn doch noch nicht! Letzten Endes ist wohl jeder „ersetzbar“, auch ein so sachkundiger Seiteneinsteiger wie Vogt, der ja noch eine große Reinigungsfirma betreibt. Doch man möchte am liebsten gar nicht darüber nachdenken, was nun geschehen wird. Bis ein kompetenter Nachfolger gefunden ist, dürfte einige Zeit ins Westfalenland gehen. Bis sich der oder die „Neue“ auch noch eingearbeitet und mit den regionalen Verhältnissen vertraut gemacht hat, wird es noch etwas länger dauern.

Ein politischer Kern des Konflikts

Man sollte sorgsam darauf achten, dass Vogt in seiner verbleibenden Amtszeit die Bedingungen für einen halbwegs gleitenden Übergang schafft. Innig zu hoffen bleibt, dass das musikalische Programm nicht unter den Turbulenzen leidet.

Es müssen schon gewichtige Gründe gewesen sein, die Vogt zu seinem Schritt bewogen haben. Gerade in den letzten Tagen und Wochen hatte sich eine politische Bereitschaft bei SPD und CDU abgezeichnet, das Konzerthaus höher zu bezuschussen. Freilich sitzt seit kurzem an der Spitze des Aufsichtsgremiums eine umtriebige Politikerin der Grünen, die das ganze Projekt stets skeptisch bis ablehnend betrachtet hat. Gut möglich, dass in dieser Personalie ein Kern des Konflikts liegt.

                                                                                                                 Bernd Berke

 




Alte Schätze der Sprache – Das Grimmsche Wörterbuch auf CD-Rom

Von Bernd Berke

Man stelle sich vor: Hunderte von Chinesen, die in zwei großen Gruppen (unabhängig voneinander) je 300 Millionen lateinische Schriftzeichen zur digitalen Erfassung eintippen. Textvorlage war das gigantische Wörterbuch, das einst die Gebrüder Grimm begründet haben. Mit anderen Worten: d i e „Schatztruhe“ der deutsehen Sprache schlechthin.

Der Kraftakt in fernen Landen war nur eine von vielen Etappen auf dem beschwerlichen Weg zur elektronischen Ausgabe des berühmten Grimmschen Wörterbuchs, wie sie nun beim Verlag Zweitausendeins vorliegt. Eigens ausgefeilte Computer-Programme haben die chinesischen Gruppen-Versionen verglichen und offenkundige Irrtümer getilgt. Sodann war ein penibler Datenabgleich mit den konventionell gedruckten Büchern (320 000 Schlagwörter!) fällig. Und noch so mancher Arbeitsgang mehr.

Hoffnung der Macher: Wenn Chinesen solch „fremdartige“ deutsche Texte tippen, neigen sie nicht zu eigenmächtigen Schreibweisen, sondern achten (wie sie’s von ihrer Schrift kennen) auf haarfeine Formunterschiede – auch bei mannigfachen Sonderzeichen.

Die Fleißarbeit unter Federfühmng eines Trierer Germanisten-Teams und vieler weiterer Fachleute kann es fast mit den Mühen der Brüder Grimm aufnehmen, die ja keinesfalls nur Märchen aufgezeichnet haben. Mindestens ebenso bedeutsam ist ihr legendäres Wörterbuch-Projekt, das sie 1838 in Angriff nahmen. 1854 erschien der erste Band.Jacob und Wilhelm Grimm beschäftigten zur Fundstellen-Suche etliche Helfer in allen deutschsprachigen Regionen. Schließlich galt es, das Schriftgut seit Erfindung des Buchdrucks zu durchforsten und zudem Vorläufer (Althochdeutsch usw.) einzubeziehen.

Ergebnis von über 100 Jahren Arbeit

Wie man früher zu sagen pflegte, starben beide Brüder „in den Sielen“, also gleichsam bei der Arbeit. Wilhelm Grimm war bis zum Buchstaben „D“ gekommen, als er 1859 verstarb. Jacob Grimm saß vor seinem Tod (1863) über dem Stichwort „Frucht“. Generationen von Germanisten haben das Wörterbuch fortgesetzt, bis es (nach über 100 Jahren des Forschens und Sammelns) 1960 komplett erschien.

Doch was heißt hier „komplett“? Entgegen dem (eh schon etwas lädierten) Ruf, besonders effektiv zu sein, haben wir Deutschen ein zwar ungemein reichhaltiges, doch auch ziemlich chaotisches Wörterbuch. Der Oxford Dictionary fürs Englische und der „Trésor“ fürs Französische sind sehr viel ordentlicher aufgebaut als das „Grimmsche“. Hauptgrund: Weil sich das hiesige Unterfangen mehr als hundert Jahre hinzog, wechselten vielfach die Methoden, Vorlieben und Perspektiven.

Warum nun die elektronische Ausgabe? Ganz klar: Die Suchmöglichkeiten sind enorm. Man kann sekundenschnell nach jeder erdenklichen Wortkombination fahnden oder etwa gezielt Zitate aus bestimmten Quellen erschließen. Auch lassen sich systematisch ganze Wortfelder „abgrasen“ – mitsamt Definitionen, sprachgeschichtlicher Herleitung und edlen Fundstellen. Immens ist die Zahl der nicht mehr gängigen, jedoch ungeahnt kraftvollen oder auch zartsinnigen Worte. Ein Beispiel für Tausende: „liebefasernd“ aus einem Gedicht von Friedrich Rückert. „fühle wurzelnd dich hinein, liebefasernd ihr ins herz…“

Luther und Goethe am meisten zitiert

Zwei Größen standen für die Grimms beim Zitieren obenan: Luther (Bibelübersetzung) und Goethe. Doch auch Ausdrucke aus Mundarten oder Bauern- und Handwerkersprachen wurden als Bereicherung bewahrt. Leitlinie war das Grimmsche Ideal einer bildreichen, lebendigen, wandelbaren Sprache, die man durch „Gesetze“ nicht zu sehr einschnüren solle.

Übrigens: Die 33-bändige Buchausgabe kostete vordem 5010 Euro. Sie ist jetzt zwar als Paperback-Reprint für 499 Euro zu haben, doch die CD-Roms sind mit 49,90 Euro unschlagbar preiswert. Mit diesem Wörterbuch kann man so recht in der Sprache schwelgen, ja man kann in ihren (historischen) Tiefen versinken.

Das nur scheinbar paradoxe Schlusswort gebührt Jacob Grimm: „Die Sprache ist allen bekannt und ein Geheimnis.“

• „Deutsches Wörterbuch. Der digitale Grimm“. Elektronische Ausgabe der Erstbearbeitung von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 2 CD-Roms. Benutzerhandbuch, Begleitbuch. 49,90 Euro. Versand/Läden des Verlags Zweitausendeins, Frankfurt/Main. 069/420-8000. Internet: www.zweitausendeins.de

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Hintergrund: Die Gebrüder Grimm

Jacob Grimm wurde am 4. Januar 1785 in Hanau geboren. Er arbeitete u. a. als Bibliothekar in Kassel und als Professor in Göttingen. Er gilt als eigentlicher Begründer der Germanistik.

Mit weiteren freiheitlich gesinnten Professoren protestierten er und sein Bruder Wilhelm (geb. am 24. Februar 1786, gleichfalls in Hanau) anno 1837 gegen einen Erlass des Königreichs Hannover. Sie machten Widerstandsrecht geltend. Die so genannten „Göttinger Sieben“ wurden deswegen ihrer Ämter enthoben. Danach reiften die Pläne zum deutschen Wörterbuch. Ein Leipziger Verleger hatte die Idee an die Brüder herangetragen.

Im bürgerlichen Revolutionsjahr 1848 gehörte Jacob Grimm zu den Abgeordneten im Frankfurter Paulskirchen-Parlament. Die berühmten „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm waren bereits von 1812 bis 1822 in drei Bänden erschienen.




Eine Liebe zum Versteinern – „Die Brautjungfer“ von Claude Chabrol

Von Bernd Berke

Claude Chabrol demaskiert nicht mehr das gehobene Bürgertum. Dies sind offenbar erledigte Fälle! Mit seinem neuen Film „Die Brautjungfer“ (Buchvorlage Ruth Rendell) blickt Frankreichs Kunstkino-Veteran vielmehr hinab in mythische Abgründe. Gäbe es hier einen Fluss, so müsste er antikisch Styx oder Acheron heißen und stracks in Richtung Unterwelt strömen.

Auf der saft- und kraftlosen Hochzeit seiner Schwester (ein Jüngelchen als Ehemann, die Feier nahe am Fiasko) verliebt sich der 25-jährige Philippe just in eine Brautjungfer. Damit hält endgültig das Untergründige Einzug in diese provinzielle, ohnehin schon wie ausgestorben daliegende Welt. Die junge, doch meist überaus ermüdet wirkendeFrau gibt sich selbst den Namen Senta – nach jener Figur in Richard Wagners „Der fliegende Holländer“. Flugs im Opernführer vergewissert: Senta war ganz entschieden eine Entrückte, sie wollte treu sein bis in den Tod und stürzte sich am Ende vom Felsen ins Meer.

Nicht so recht von dieser Welt

Auch diese Brautjungfer ist eher ein Phantom, nicht so recht von dieser Welt. In ihren Augen glimmt so etwas wie Todessehnsucht. In wacheren Momenten behauptet sie, auf dem Sprung zur Schauspiel-Karriere zu sein. Bei Woody Allen habe sie schon mal reingeschnuppert. Dreiste Lüge? Es wäre überprüfbar.

Doch Philippe (Benoît Magimel) ist halt von ihr fasziniert. Er überlässt sich ihrer düsteren Aura. Mehr und mehr zeigt sich, dass sich diese Senta (wie von reinem fernen Stern: Laura Smet) in eine ganz eigene, lebensferne Welt versponnen hat. Manchmal wirkt sie, als bestehe sie aus Stein. Sie verdöst ihre Tage im Keller eines verfallenen Hauses, während ihre Stiefmutter droben mit einem Latin Lover den Tango übt. Welch ein Kontrast.

Im Kreislauf des Misstrauens

Auch Philippe lebt noch bei seiner Mutter, einer Friseuse, die sich nach einem reichen, älteren Freund verzehrt. Doch Väter und väterliche Figuren gibt es hier nicht – oder sie verflüchtigen sich rasch ins Ungefähre. Sogleich ist für Senta klar, dass sie nun für immer und ewig Philippes Frau ist – und wehe, wenn er nicht genau so denkt!

Alsbald wird sie etwas Irrsinniges von ihm verlangen, um diese wirre Liebe zu bekräftigen. Er soll einen beliebigen Menschen töten, und sie will’s ihm nachmachen. Nun beginnt ein Kreislauf des Misstrauens, der heimlichen Nachstellungen, des Verschweigens – bis es tatsächlich eine Leiche gibt und Sentas kleine Schwester als Diebin auffällt. Das führt die Polizei auf eine doppelte Spur und die bislang verhaltene Spannung steigt.

Der freihändige Mord nach Gutdünken („acte gratuit“) hat als Motiv schon die französischen Existenzialisten umgetrieben. Überhaupt bedient sich Chabrol mit eleganter Geläufigkeit aus dem Fundus: Auch die inbrünstige Liebe zu einer steinernen Frauenbüste, der Philippe insgeheim anhängt, ist kulturhistorisch aktenkundig. Chabrol gestattet uns schließlich kaum noch Blicke ins Freie, kaum einen lichten Moment. Es ist schier zum Versteinern! Doch irgendwann muss man ja wohl das Kino verlassen.

 




Geheimnisse hinter der falschen Tür – „Intime Fremde“ von Patrice Leconte

Von Bernd Berke

Liebhaber französischen Filmschaffens wissen es: Meist handeln die Werke von den tausend Spielarten der Liebe. Leichtlebige Geschichten spielen zwischen Bistro und Bett, die ernsteren werden vorzugsweise mit melancholischer Piano- oder Cellomusik untermalt. Patrice Lecontes „Intime Fremde“ zählt zu dieser verhaltenen Sorte.

Kaum zu glauben: Anna hat sich offenbar in der Tür geirrt und taumelt ins falsche Büro. Statt einem Psychiater schüttet sie dessen Etagennachbarn, dem Steuerberater William, ihr wehes Herz aus. Dieser etwas hüftsteife Finanzfachmann ist von den Bekenntnissen, die ihm da zu Ohren kommen („Mein Mann .berührt mich seit sechs Monaten nicht mehr“), derart sprachlos fasziniert, dass er „vergisst“, die ernüchternde Wahrheit über seinen Beruf zu sagen.

Also verabreden sie weitere Termine, einmal pro Woche. Und so sehr finden sie beide ihr Behagen an der freimütigen Aussprache, dass sie die Verabredungen nach kurzer Verstimmung sogar fortsetzen, als sie seinen Job kennt. Man rätselt nun doch: Hat sie vielleicht gar nicht die Türen verwechselt, sondern das kleine Abenteuer willentlich eingefädelt?

Sexuelle Avancen ergeben sich nicht

Leconte („Der Mann der Friseuse“) treibt bis zum Schluss ein subtiles, rituelles Spiel mit solchen Ungewissheiten und Geheimnissen. Sein Psychothriller der veredelten Art hat Momente, die eines Hitchcock würdig wären. Eben weil sexuelle Avancen sich hier partout nicht ergeben wollen, doch stets in der Luft liegen, bleibt Spannung bestehen. Darin ist „Intime Fremde“ ein kraftvoller Gegenentwurf zu Patrice Chéreaus „Intimacy“, wo das Ritual gerade im wortlosen wöchentlichen Sex bestand.

Anna und William wetteifern darin, einander auszuspionieren und sich dabei selbst bedeckt zu halten. Dabei fallen mitunter Sätze wie jener schwermütige Seufzer des echten Psychiaters: „Wenn die Tür zum Mysterium Frau einmal geöffnet ist, lässt sie sich nicht wieder schließen . ..“ Da knarrt sie mal ein wenig, die symbolisehe Pforte ins Unbekannte.

Anna wird immer „südlicher“ und begehrenswerter

Die beiden Hauptdarsteller, in etlichen Filmen von Jacques Rivette bzw. Eric Rohmer erprobt, entfalten eine fein nuancierte Skala der Gefühle. Die wundervolle Sandrine Bonnaire als Anna blüht im Verlauf der „Sitzungen“ auf. Sie spricht (und raucht) immer verführerischer, kleidet sich leichter, wird begehrenswerter, sozusagen „südlicher“. In diese Himmelsrichtung zielen denn auch ihre diffusen, undurchsichtigen Sehnsüchte.

Bei William (Fabrice Luchini; auch er vieldeutig in all seiner Zurückhaltung) geht das alles etwas langsamer. Seit über 30 Jahren hockt er in der Kanzlei, die er einst von seinem Vater übernommen hat. Auf seiner Seele liegt gleichsam Aktenstaub. Doch dieser geschiedene, kinderlose Mann hat auch eine jungenhafte Seite, die er halb neckisch, halb schüchtern, im Sammeln von witzigem Spielzeug auslebt.

Nach und nach scheint William sich in Anna zu verlieben. Die behauptet, sie wolle sich keine Freiheiten nehmen, sondern sich ihrem Ehemann Marc wieder annähern. Der wiederum bleibt lange ein Phantom, taucht aber schließlich in leibhaftiger Düsternis auf. Es scheint so, als sei William wie eine Brücke, über die dann andere zueinander finden! Doch dabei muss es ja nicht bleiben…




Sex wie aus dem Supermarkt – Tom Wesselmann, eine Leitfigur der Pop-Art, ist mit 73 Jahren gestorben

Von Bernd Berke

Zu Beginn der 60er Jahre sind die Bilder des Tom Wesselmann grelle Schocks: Nackte, laszive Frauengestalten rekeln sich da – ohne Gesichter, ohne persönlichen Umriss. Als grellrotes Signal lockt zwischen großflächigen Fleischfarben oft nur ein sinnlich geöffneter Mund.

Die Kunstwelt trauert um den Mann, der mit solchen Visionen Zeiterscheinungen auf den bildlichen Begriff gebracht hat: Tom Wesselmann ist, wie jetzt bekannt wurde, am letzten Freitag mit 73 Jahren nach einer Herzoperation in einer New Yorker Klinik gestorben.

Die anonymen Leiber, die er malte, bleiben reduziert auf sexuelle Merkmale und sind zu jeder lüsternen Tat bereit. Diese „Great American Nudes“ verheißen Genuss ohne Reue. Ein offensiver Appell wie aus dem Supermarkt: Alles ist vorhanden, greif sofort zu. Längst erkennen wir darin typische Embleme der 1960er, die sich so freizügig gaben und verdünnt bis heute wirken.

Der Körper als Angebot in der Warenwelt

Solche Gemälde sind „Klassiker“ mit seherisch-diagnostischer Kraft. Der zunehmende Warencharakter der Sexualität leuchtet bereits auf, die allseitige Verfügbarkeit des Körpers als eines unter vielen „Angeboten“. Weibliche Brüste etwa, zumeist im sichtlich erregten Zustand, konkurrieren auf Wesselmanns collagierten, geradezu schaufensterhaften Bildern mit allerlei Botschaften der Reklamewelt.

Nicht so glamourös wie der Medienstar Andy Warhol und weniger auf ein Markenzeichen (Comic-Adaptionen) fixiert als Roy Lichtenstein, gilt Wesselmann als ein weiterer Pionier der Pop-Art. Er selbst mochte sich ungern einsortieren lassen. Welcher Künstler will schon einem „Verein“ angehören?

Anfangs auf Pollocks Spuren

In den 50er Jahren malt Wesselmann, wie damals in den USA üblich, auf Jackson Pollocks Spuren im heftig gestischen Geiste des abstrakten Expressionismus. Auf diesem Felde lassen sich allerdings bald kaum noch individuelle Besonderheiten schärfen. Schon deshalb ist es wohl folgerichtig, sich dem Gegenständlichen zuzuwenden. Vielleicht hilft Wesselmann dabei eine vorübergehende Tätigkeit als Cartoon-Zeichner.

Als treibende Kräfte kommen zudem eine neue, dauerhafte Liebesbeziehung (mit seiner späteren Frau Claire) und eine langwierige Psychoanalyse mit offenbar befreiender Wirkung in Betracht. Sie geben seinem Leben wohl neue Richtung und Halt. Und die ausgiebige Seelenschau schmälert durch „Heilung“ nicht etwa die kreativen Impulse. Trostreiche Erkenntnis gegen das Klischee: Er muss keine „Macken“ hegen und pflegen, um Gültiges auszudrücken.

Kunst soll in den Alltag ragen

Etwa seit 1959 verschreibt sich der allzeit diszipliniert arbeitende Wesselmann (keine Bohème-Attititüden, nahezu bürgerliches Familienleben, mindestens Achtstunden-Tag im Atelier) der europäischen Genre-Tradition, es entstehen zunächst vor allem Stillleben und Akte. Die flächig fragmentierte Sehweise steht in der Überlieferung von Matisse und Modigliani. Doch Wesselmann füllt die Kompositionen mit ausgesprochen amerikanischen Motiven aus Werbung und Warenwelt.

Später fügt er reale Objekte wie Radios, Uhren, Kühlschranktüren oder Handtuchhalter ein, er dringt somit vor in die dritte Dimension. Mit ganz banalen Dingen will seine Kunst ins alltägliche Leben hinein ragen und entschieden auf den Betrachter zukommen. Der wiederum ertappt sich selbst als Voyeur der verführerischen Oberflächen.




Die Suchmaschine bringt es an den Tag: Durch ein paar Mausklicks kulturelle Streitfragen klären

Von Bernd Berke

Ganz entspannt im Hier und Jetzt wollen wir mal ein paar uralte Kultur-Streitfragen klären. Internet-Suchmaschinen wie etwa Google machen’s möglich. Man gibt den Namen in die Suchmaske ein, und schon weiß man, wie oft er im Netz vorkommt.

Frage eins, von ergrauten Rockfans seit Jahrzehnten diskutiert: Wer ist bedeutender, die Beatles oder die Stones? Also, bitte sehr, kein Problem, das haben wir gleich: Die „Fab Four“ sind mit imponierenden 10,1 Millionen Internet-Fundstellen verzeichnet, die Rolling Stones gerade mal mit der Hälfte: 5,12 Millionen. Und das, obwohl die englische Wort-Kombination für „rollende Steine“ auch anderweitig vorkommen könnte, so vielleicht auf alpinistischen Seiten. Egal. Die Entscheidung ist gefallen.

Zusätzliche Labsal für Beatles-Anhänger: In der Einzelwertung liegt John Lennon (2,1 Mio.) auch noch deutlich vor Mick Jagger (535 000). Yeah, yeah, yeah!

Mozart liegt nur knapp vor Beethoven

Erheblich knapper wird es schon im Bereich der klassischen Musik. Mozart ist in den Weiten und Tiefen des Netzes 6,83 Millionen Mal zu finden, Beethoven kommt auf 5,68 Millionen. Pech. Da hat ihm – bei allem Respekt – auch sein „Ta-ta-ta-taaa“ nichts genützt.

Beim Klicken wachsen (je nach Neigung) das sportliche Vergnügen oder die Lust an der Lotterie (obwohl es hier keinen Jackpot gibt). Also schnell weiter mit zwei Malern: Rembrandt (2,05 Mio.) triumphiert über Michelangelo (1,88 Mio.). Ha! Picasso haben wir übrigens bewusst ausgelassen, denn da kriegen wir alle einschlägigen Parfümsorten oder Automodelle mit auf die Rechnung.

Und wie sieht es bei den großen Dichtern aus? Nun, hier heißt der Champion zweifellos Shakespeare: Schier unglaubliche 12,6 Millionen Nennungen entfallen auf seinen wahrlich berühmten Nachnamen. Dante (5,31 Millionen) und Goethe (3,81Mio.) wirken damit verglichen wie Newcomer.

Apropos neu, und hier wird’s erstaunlich: Bei den deutschen Schauspielern ist der Jungspund Daniel Brühl (236 000) dem Haudegen Götz George (246 000) bereits ganz dicht auf den Fernsen. Wie das wohl zustande kommt? Vielleicht hat die gar nicht so unfehlbare Suchmaschine ja den Stadtnamen Brühl (bei Köln) gelegentlich mitgezählt.mitgezählt, wenn denn auch irgend ein Herr namens Daniel auf der jeweiligen Homepage erscheint.

Wenn Thomas Mann gegen Brecht antritt

Auch kulturhistorische Konfrontationen lassen sich auf diese rabiate Weise nachbereiten. Bert Brecht und Thomas Mann mochten einander bekanntlich nie leiden. Den Ziffernsieg über den Edel-Proletarier trägt nun der großbürgerliche Mann davon: 4,82 Millionen (wobei vielleicht einige Zeitgenossen denselben, wohl nicht gar so seltenen Namen tragen).

Bertolt Brecht kommt unterdessen auf schlappe 640 000. Selbst wenn man die Lesart Bert Brecht (119 000) und die (oft verwendete, aber falsche!) Schreibweise Bertold Brecht (141 000) mitzählt, reicht es hinten und vorne nicht.

Muss man wirklich eigens betonen, dass dieses Verfahren völlig kulturfern, ja geradezu barbarisch ist? Und dass die genannten Zahlen schon heute nicht mehr genau stimmen, weil das Internet sich als höchst veränderlicher „Organismus“ erweist? Muss man nicht, oder? Schließlich entscheidet in kulturellen Fragen nicht allein die „Quote“.

Aber Spaß hat’s eben doch gemacht. Und nun schauen wir uns mal eben die 12,6 Millionen Shakespeare-Fundstellen genauer an. Tschüs denn, bis in ungefähr 500 Jahren…




Was ist uns die Kultur noch wert? – eine dringliche Frage anlässlich der finanziellen Streitfälle in Dortmund und Hagen

Von Bernd Berke

Man stelle sich vor: Es ist kurz nach 20 Uhr, die Geschäfte haben nun allesamt geschlossen. Wer sorgt dafür, dass die Bürgersteige nicht gleich ganz „hochgeklappt“ werden, dass die Stadt nicht menschenleer und öde daliegt?

Gewiss: Gaststätten, Discos und wohl auch manches schummrige Etablissement. Nun ja. Doch vor allem Opern, Sprechtheater, Kinos, Konzerte oder Lesungen bringen lebhaften abendlichen Betrieb mit sich – und Museen, sofern sie gelegentlich Öffnungszeiten zu späterer Stunde anbieten, wie in echten Metropolen üblich.

In der seit Jahren laufenden Kosten-Debatte. die sich angesichts kommunaler Haushaltsnöte zuspitzt, drängt sich die Frage auf: Wozu brauchen wir Kultur, warum sollten wir sie uns auch „in Zeiten knapper Kassen“ (so die gängige Formel) leisten? Ein Thema mit vielen Aspekten und Emotionen.

Zwei gewichtige Streitfälle in unserer Region erhitzen die Gemüter und füllen Leserbriefspalten: Das Dortmunder Konzerthaus macht abermals erhöhten Zuschussbedarf geltend (morgen Thema im Stadtrat), und das für Hagen geplante Emil Schumacher-Museum droht(e) an Finanzfragen zu scheitern.

Damit die Städte lebendig bleiben

In beiden Städten spielen zwar auch politische und menschliche Klimafragen ihre Rolle doch letztlich geht’s ums Geld. Manche, die schnell fertig sind mit dem Wort, behaupten kurzum, Kindergärten oder Schwimmbäder seien wichtiger als Kultur. Es ist läppisch leicht und irrwitzig, dies gegeneinander auszuspielen. Eins wie das andere gehört zur menschlichen „Daseinsvorsorge“, wie (nicht nur) der Deutsche Kulturrat unermüdlich betont.

Das eingangs skizzierte Szenario lässt es ahnen: Wir brauchen Kultur nicht nur, um uns unseres Herkommens, unserer Werte und Aussichten zu vergewissern. Kulturgenuss gibt’s auch daheim (mit Buch oder CD), vor allem aber belebt er unmittelbar die Städte. Zudem profitieren Wirtschaftszweige davon, so etwa Gastronomie oder Hotels; ganz zu schweigen von der eigentlichen Kulturwirtschaft mit Verlagen, Galerien, Kinos, an denen etliche Arbeitsplätze hängen.

Die Sache mit den „Subventionen“

Wer wollte bestreiten, dass das vor einigen Jahren noch recht finstere Dortmunder Brückstraßen-Viertel durchs Konzerthaus erheblich vitaler und urbaner geworden ist? Davon hat beileibe nicht nur das „gehobene Bürgertum“ etwas.

Zunächst einmal ist es zweitrangig, ob öffentlich finanzierte Häuser, private Einrichtungen oder die „Freie Szene“ das Lebensgefühl steigern. Auch sind Sponsoren, denen es um die Sache geht, jederzeit willkommen. Bei ambitionierten Programmen geht es allerdings kaum ohne öffentliche „Subventionen“. Jedoch: Was gestern noch sperrig schien, ist morgen schon fast Allgemeingut. Kultur bedeutet somit auch Zukunft.

Nicht von ungefähr steht der Begriff „Subventionen“ hier in Anführungsstrichen. Denn eigentlich sind Kulturausgaben Investitionen – längst nicht nur, aber auch im wirtschaftlichen Sinn. Öffentliche Mittel sorgen dafür, dass Eintrittskarten nicht noch teurer werden. Je preiswerter die Tickets, desto breiter die möglichen Zielgruppen. Und am oberen Ende der Gehaltsskala? Nun, unsere Firmen brauchen gute Manager. Die arbeiten meist ungern in Städten, welche kulturell wenig bieten.

Pflichtaufgabe und Staatsziel

Mit landläufige „Schnäppchenjäger-Mentalität“ ist auf kulturellem Felde nichts zu bestellen. Geiz ist gar nicht geil. Umsichtige Sparsamkeit aber schon. Denn natürlich haben auch die Kulturschaffenden eine gewisse Bringschuld: Selbstgefällig gleißende, sündhaft teure Inszenierungen wirken in Zeiten, da manche auf manches verzichten müssen, mitunter obszön. Auch jene eitlen Regisseure, die mit ihrer Weltverachtung Zuschauer vertreiben, sind keine idealen Sendboten der Ästhetik.

Gern schmückt sich der Staat mit etablierter Kultur vom Beethoven-Quartett zur Feierstunde bis zum Kunstwerk in der Amtsstube. Der vormalige Bundespräsident Johannes Rau ist mit sie eben nicht ohne einige Schritte weiter gegangen, und Kulturstaatsministerin kann Christina Weiss ist ihm darin gefolgt: Wir reden von der Forderung, Kultur zur Pflichtaufgabe zu erklären, sie als Staatsziel in den Verfassungen zu verankern – damit sie eben nicht ohne weiteres weggespart werden kann.

Vielleicht lässt sich dies derzeit nicht politisch durchsetzen, doch als Denkimpuls sollte es fruchten. Wann wird man dazu ein paar klare Worte von unserem jetzigen Staatsoberhaupt Horst Köhler hören?




In Lübeck trifft man überall die Buddenbrooks – ein vorweihnachtlicher Streifzug durch die Hansestadt

Von Bernd Berke

Der vorher etwas triste Raum im Lübecker „Buddenbrook“-Haus ist nun feierlicht abgedunkelt. Vorn leuchtet ein mit weißen Lilien geschmückter Tannenbaum – ganz wie in Thomas Manns Roman. Es kommt Weihnachtsstimmung auf. Auf den Tellern liegt Naschwerk nach dem Rezept der „Buddenbrooks“: weiße und rote Baisers, dazu Plumcake. Mhh! Nicht zu verachten.

Ein reichliches, ebenfalls dem Roman nachempfundenes Büffet wird etwa vier Stunden später im mittelalterlichen Rathaus den Abend gesellig beschließen. Der legendäre Plettenpudding (Vanillecreme, Himbeer, Makronen) gehört dazu. Dass sich der schwächliche Buddenbrook-Spross Hanno an solchem Nachtisch gründlich den Magen verdorben hat, muss uns wohl nicht weiter stören.

Jetzt dürfen wir erst einmal einer Lesung aus dem Weihnachtskapitel der „Buddenbrooks“ lauschen – vorwiegend sind’s harmonisch klingende Passagen. Pro Kopf kostet der ganze Spaß 49 Euro, dafür soll es halt bitteschön besinnlich werden. Romanzitat: „Der ganze Saal, erfüllt von dem Dufte angesengter Tannenzweige, leuchtete und glitzerte von unzähligen kleinen Flammen …“

Unbehagen unter dem Tannenbaum

Es hat damit freilich noch eine andere Bewandtnis. Thomas Mann (1875-1955) schilderte in dem 1901 erschienenen, 1929 mit dem Nobelpreis gekrönten Werk Verfallserscheinungen des Bürgertums. Das Unbehagen bündelt sich ausgerechnet im Weihnachtskapitel: Die betagte Konsulin hält die alten Rituale nur mühsam aufrecht. Allenthalben sieht sie familiäre Fassaden bröckeln.

Christian Buddenbrook vergisst glatt das Fest, muss eigens geholt werden, enteilt dann in den Herren-Club, besäuselt sich dort und erzählt nach seiner Rückkehr an den gedeckten Tisch, wie „schmutzig“ man sich nach einem Punsch-Suff fühle. Peinlich! Zu schweigen davon, dass ein juristischer Schatten auf der Feier lastet, denn einem angeheirateten Familienmitglied droht eine Klage wegen grober wirtschaftlicher Verfehlungen…

Nun ja. Nach der Lesung beginnt die Führung durchs Haus und durch die schönen Gassen der Stadt. Heide Aumann kann dabei Thomas Mann seitenweise zitieren. Sie kennt alle Orte, an denen die „Buddenbrooks“ spielen: „Lübeck wird niemals genannt, ist aber immer gemeint.“

Sorgen und Stolz des Bürgertums

Lübecker alten Schlages, so heißt es, lassen Zugezogene erst ab der dritten Generation als Mitbürger gelten. Heide Aumann, als Kleinkind in die Hansestadt gekommen, ist hier just durch Thomas Mann heimisch geworden. Für sie sind die „Buddenbrooks“ ein „begehbarer Roman“, dessen Spuren an jeder Ecke zu finden sind. Sie weiß von einer aparten Spielart Lübecker Herkunftsstolzes zu berichten. Nach Erscheinen des Romans (den der Fischer-Verlag zunächst wegen „Überlänge“ nicht drucken mochte) kursierten Entschlüsselungs-Listen über etliche der mehr als 400 literarischen Gestalten. Besorgte Bürger wollten wissen, wer mit welcher ironisch gezeichneten Figur gemeint sei. Jahrzehnte später brüstete man sich: „Meine Ahnen kommen in ,Buddenbrooks‘ vor.“

Der Stadtplan ist übersät mit Schauplätzen des Romans, mittendrin das Buddenbrook-Haus in der Mengstraße. Es gehörte Thomas Manns Großvater. Der Schriftsteller hat hier nie gelebt, aber natürlich hat er das prächtige Domizil gekannt – auch aus Weihnachtstagen.

Das Gebäude wurde 1942 von Kriegsbomben getroffen, nur die Fassade mit dem Spruch „dominus providebit“ (Gott wird für uns sorgen) und der Gewölbekeller blieben erhalten, alles andere entstand neu. So ähnelt das Landschaftszimmer aus dem Weihnachtskapitel zwar dem Original, es ist aber eine Rekonstruktion. Nebenan glitzert der Bescherungsraum. Auf dem Gabentisch lockt eine entzückende Replik jenes Papier-Theaters mit „Fidelio“-Kulisse, das Hanno Buddenbrook als Geschenk bekam.

Deutschnote „Befriedigend“ für Thomas Mann

Obwohl Lübeck im Krieg „nur“ zu 20 Prozent zerstört wurde, bleibt mancher historische Bezug der Phantasie überlassen. Wo einst Thomas Manns Bruder Heinrich geboren wurde, steht die Commerzbank. Nur eine Gedenktafel erinnert ans Gewesene. Doch immer wieder spürt man den Geist des Ortes, so etwa vor St. Marien (Taufkirehe der Manns) oder im idvllischen Ägidienviertel, wo ehedem vor allem Handwerker wohnten und wo sich das Handels-Stammhaus der Manns befand. Rund um St. Ägidien gibt es noch einige dieser schmalen „Gänge“ (vernünftiges Richtmaß: Sargbreite), die in überaus schmucke Wohnhöfe führen.

Kurz darauf steht man vor Thomas Manns Gymnasium „Katharineum“ und erfährt, dass der nachmalige Nobelpreisträger drei schulische „Ehrenrunden“ drehen musste. Selbst in Deutsch bekam er nur ein „Befriedigend“.

Zwar liegt noch kein Schnee, doch gibt’s zur Aufwärmung einen Punsch namens „Bischof“, wie ihn die Buddenbrooks beizeiten geschlürft haben. Dazu lassen Drehorgelspieler ihre Melodien hören. Im Buch kamen sie aus Italien und gehörten unbedingt zur Jahreszeit. Jetzt ist es touristisches Arrangement.

Sehen, hören, schmecken. Viele Sinne werden angesprochen. So kommt man Thomas Mann ein wenig auf die Spuren und (siehe Schulkarriere) auf die Schliche. Darauf zum Schluss ein Glas Rotspon, die Lübecker Weinspezialität. Und über bürgerlichen Verfall reden wir ein andermal.

• Literarisch-kulinarische Stadtführung („Weihnachten bei Buddenbrooks“) durch Lübeck. Zur Adventszeit jeweils freitags und samstags ab 18 Uhr (49 € pro Person). Infos/ Buchung: 01805/88 22 33.




Der Zeitgeist als Bermuda-Dreieck – Bottroper „Quadrat“ zeigt Bilder des US-Künstlers Kimber Smith

Von Bernd Berke

Bottrop. So sind die Mensehen und die Künstler: Der eine will umsichtig sein Leben planen, der andere überlässt sich dem Getümmel.

Bezogen auf die Malerei: Manche brauchen das Gerüst einer Komposition. Andere verlieren sich gleich im Spiel der Formen und Farben. So wie Kimber Smith (1922-1981), der letzt mit einer Werkauswahl der Jahre 1956 bis 1980 im Bottroper „Quadrat“-Museum vorgestellt wird. Seit 1962 der Düsseldorfer Kunstverein Smith präsentierte, hat sich in Deutschland kein Haus mehr um ihn gekümmert. In der Schweiz fand dieser Maler stets mehr Beachtung. Die Bottroper Schau ist denn auch eine Übernahme aus Winterthur.

Amerikaner mit europäischen Vorlieben

Als US-Weltkriegssoldat geriet Smith erstmals nach Frankreich. Irgendwann entwickelte er ein Faible für europäische Kunst der klassischen Moderne. Besonders Henri Matisse und Pierre Bonnard hatten es ihm angetan. Hingegen missfiel ihm, dass sich in den USA eine junge Künstlergeneration (um Mark Rothko, Barnett Newman und Jackson Pollock) bewusst von europäischer Überlieferung lossagte und sich als „rein amerikanisch“ gerierte.

Seiner Leidenschaft folgend, zog Smith 1954 nach Paris. Doch das Zeitklima wollte es, dass auf dem alten Kontinent just die gestisch-abstrakte Richtung in der Malerei (Informel, Tachismus) triumphierte, während er nach geometrischen Formen strebte. Rhomben, Quadrate, klare Farben. So schwebte es ihm damals vor.

Als Smith 1966 in die USA zurückkehrte, nahm auch dort kaum jemand Notiz von ihm. Es herrschten abermals neue Kunst-Moden, die Pop-Art war übermächtig. Zuweilen gleicht der Zeitgeist einem Bermuda-Dreieck, in dem Künstler unversehens verschwinden. Bottrops Museums-Chef Heinz Liesbrock bringt es auf die Formel: „Zerrieben zwischen Frankreich und Amerika“ sei Smith gewesen. Klingt bündig und deutet fast auf heutige Polit-Konflikte voraus.

Kein unterkühlter „Mathematiker“

Geometrischer Neigung zum Trotz: Smith ist eben keiner dieser unterkühlten „Mathematiker“ der Kunst. Sogar Quadrate werden bei ihm zu Spielelementen. Mit willkürlicher Lust setzt er die zuweilen zittrig verschwimmenden Formen hin, ohne vorab ersonnene Konstruktions-Stützen. Das Bild entwickelt sich, strömend oder stockend, aus sich selbst heraus, es fügt sich erst während des Malvorgangs. Ein schwierige, allzeit labile Balance.

Seelische Stimmungen scheinen hier unverfälscht einzufließen. In mutmaßlich glücklichen Zeiten teilt sich sogleich eine sorglos schwebende Heiterkeit mit. Als Kimber Smith an Krebs erkrankt, dominieren dann kantig gegeneinander gestellte Farbblöcke. schmerzlich verengte Gitter-Strukturen.

Gewiss: Es sind auf den ersten Blick „gestaltlos“ wirkende Bilder, bei denen einige Leute denken mögen, dies könne doch jedes Kind. Nur zu! Pädagogisches Begleitprogramm ist die Aktion „Malen nach Kimber Smith“. Gut vorstellbar. dass der Künstler (selbst Vater zweier Söhne) am hurtigen Vergleich seine Freude gehabt hätte. Schade, dass es eine solche Ausstellung nicht geben wird.

Museum „Quadrat“, Bottrop, Im Stadtgarten 20 (Tel. 02041/ 996-808). 5. Dez. 2004 bis 6. Feb.2005. Di bis So 10-18 Uhr. Eintritt 5 Euro, Katalog 24 Euro.




Wenn Mythos und Naturkunde sich vereinen – Hamm zeigt Informel-Sammlung Lückeroth als Schenkung

Von Bernd Berke

Hamm. Die Kunst des so genannten „Informel“ findet in Westfalen immer mehr museale Heimstätten: Jene gestisch bestimmte, oft gar nicht so „formlose“ Abstraktion der Nachkriegsjahre hat ihren Hort ohnehin schon in Dortmund und Witten, vielleicht ja irgendwann auch in Hagen (Stichwort: Schumacher-Museum). Und nun reiht sich das Gustav Lübcke-Museum in Hamm noch selbstbewusster als bisher in die Phalanx ein.

Glücklicher Umstand: Das finanziell nicht gerade auf Rosen gebettete Haus hat eine Schenkung mit 164 Bildern erhalten. Sie stammt aus dem Nachlass des Kölner Malers Jupp Lückeroth (1919-1993). Im Brotberuf Mathematiker bei einer Versicherung, hat Lückeroth über Jahrzehnte hinweg durch Tausch oder Kauf Bilder anderer Künstler erworben – aus kollegialer Bewunderung und zur eigenen Inspiration. Lange war die Kollektion im süddeutschen Raum zu sehen, dann gaben passender Eigenbesitz und gute Kontakte den Ausschlag für Hamm.

Kunstrichtung mit weitem Horizont

Jetzt zeigt das Museum ein erstes Konvolut von 103 Bildern des Zuwachses. Man erfährt, wie viele verschiedene Impulse mit dem Etikett „Informel“ versehen worden sind. Die Geburtsjahrgänge der Künstler reichen von 1889 bis 1930, so dass die biographischen Hintergründe ebenso heterogen sind wie Temperamente und Techniken.

Bekannte Namen sind in der Sammlung vertreten: Wols, Emil Schumacher, K. O. Götz, Bernard Schultze, Fred Thieler. Doch es sind auch etliche Künstler dabei, die vom manchmal darwinistischen Markt in die „zweite Reihe“ gestellt wurden, darunter Lückeroth selbst. So bekommt man einen recht breiten Überblick zur Szene, die sich seit Beginn der 50er Jahre vor allem an Rhein und Ruhr gruppierte.

Das Informel ist also ein weites Feld mit großem Deutungs-Horizont. Zuweilen finden sich durchaus noch gegenständliche Elemente, so etwa in Lückeroths „Holzrhythmus“, der farblich und strukturell gleich an Bäume denken lässt. Der studierte Mathematiker und Physiker befasste sich eingehend mit Einsteins Relativitätstheorie oder Entwicklungen wie dem Elektronenmikroskop, das eine ganz neue Sicht auf die Dinge erlaubte.

Zellhaufen und magnetische Felder

Manche Bilder wirken tatsachlich wie Zellhaufen, Zeit-und-Raum-Durchbrüche oder magnetische Kraftfelder. Die Serien der reliefartigen „Wellenbilder“ greifen bei Wattwanderungen entdeckte Spuren im Schlick, Jahresringe im Gehölz oder fossile Abdrücke im Gestein auf. Das Naturkundliche und das Mythische werden hier mitunter eins.

Lückeroth sammelte bevorzugt Bilder von Geistesverwandten, die oftmals im Surrealismus aufbrachen, durch die Passagen des „Informel“ gingen und teilweise bei strenger Geometrie ankamen. Derlei Ausprägungen und Überschreitungen machen die Schau bis ins Detail interessant. Zumeist sind es kleinere „Wohnzimmer-Formate“, in den bescheidenen 50er Jahren noch weithin üblich. Dennoch muss man sich Lückeroths Haus mit all diesen Werken nachträglich als wahre „Bilderhöhle“ vorstellen. Im Museum, aus dem Zusammenhang eines Lebens genommen, hängen die Werke nobel auf Abstand.

„Frühes deutsches Informel – Sammlung Lückeroth“. Hamm, Gustav Lübcke-Museum. Neue Bahnhofstraße 9. Bis 13. März 2005. Geöffnet Di-So 10-19 Uhr.




Gott und der Teufel im Raum Nürnberg – Dürers biblische Szenen in Aachen zu sehen

Von Bernd Berke

Aachen. Wo spielen die schönen und schrecklichen Geschichten der Bibel? Wie man’s nimmt: Vielleicht haben sie sich in und bei Nürnberg ereignet. Jedenfalls dann, wenn man Bilder des Albrecht Dürer (1471-1528) als Maß der Dinge betrachtet.

Der ruhmreiche Künstler hat nämlich biblische Szenen vielfach mit Eigenheiten seiner Herkunftsregion verquickt. Hier eine typische Nürnberger Haube oder Tracht der Gegend, dort ein fränkisches Haus; als sollten Jesus, Maria und Josef, Apostel oder Propheten, ja selbst der Teufel diesseits der Alpen heimisch werden. Andererseits hatte Dürer auf seinen Italienreisen Anregungen der Antike und der Renaissance aufgesogen. Er führte somit einen vielfältigen Nord-SüdDialog der fruchtbarsten Art.

Seine mitunter verblüffenden Kombinationen sind – selten genug – jetzt wieder einmal in NRW zu bestaunen: Das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum zeigt großartige, für Buchausgaben angefertigte Druckgraphik-Zyklen („Apokalypse“, „Passion“, „Marienleben“) sowie herausragende Einzelblätter von Dürer. Hinzu kommen mäßiger geratene Kopien von Zeitgenossen, die meist am kommerziellen Erfolg des Meisters teilhaben wollten.

Motivjäger durften bei ihm „abkupfern“

Die Nachfrage war derart groß, dass der Kunst-Unternehmer Dürer sie gar nicht im Alleingang befriedigen konnte. Er konnte den Motivjägern lediglich die Verwendung seines prägnanten Monogramms „AD“ untersagen lassen, ansonsten durften sie nach Belieben „abkupfern“.

Den Löwenanteil der Schau (rund 120 Exponate) bestreitet das Aachener Haus aus eigenen Beständen. Weiß der Himmel warum: Doch noch nie hat man die hier gehorteten Schätze in solcher Breite gezeigt. Es wurde Zeit. In willkommener Kooperation mit der Aachener Hochschule haben die Museumsleute das Konvolut aufgearbeitet, buchstäblich bis zum kleinsten Strich. Denn die Blätter kamen samt und sonders unters Mikroskop, um Datierungen, Druckzustände, Restaurierungs-Bedarf und sonstige Feinheiten zu klären. Dem Besucher bleiben immerhin einige Lupen, die zur gefälligen Verwendung neben besonders detailreichen Graphiken hängen.

Im Museums-Shop wartet der Feldhase

Auch ohne jede Sehhilfe: Besonders nah gehen einem die Holzschnitte zur Apokalypse, also zum katastrophalen Ende der Menschheit, wie wir sie kennen. Dürer führt die vormals eher gröblich verwendete Holzschnitt-Technik auf die Ausdruckshöhen der Malerei. Auch in wildesten Szenarien der Weltvernichtung erzielt er noch feinste Abstufungen, die auf geradezu wissenschaftlicher Präzision beruhen und ungemein plastisch wirken. Man würde sich kaum wundern, wenn die „Apokalyptischen Reiter“ tatsächlich in rasende Bewegung gerieten.

Der Ausstellungstitel „Apelles des Schwarz-Weiß“ wendet sich eher an ein Fachpublikum und ist erklärungsbedürftig. Apelles war der angeblich beste Maler zur Zeit Alexanders des Großen, man rühmte weithin seine Naturtreue. Humanismus und Renaissance kamen auf derlei antike Vorbilder zurück. Kein Geringerer als Erasmus von Rotterdam pries Dürer als den neuen „Apelles“, der für seine immensen Wirkungen nicht einmal Farbe benötige.

Volkstümlicher als der Titel kommt das Begleitprogramm daher: Es gibt drucktechnisehe Vorführungen nach alter Väter Sitte, selbst ein Weihnachtsmarkt wie zu Dürers Zeiten steht an. Und im Shop bekommt man natürlich auch Dürers populärste Figur: den Feldhasen. Mal schauen, bei wem das Tierchen unterm Tannenbaum liegt.

Bis 23. Januar 2005. Geöffnet Di-Fr 12-18, Mi 12-21, Sa/So 10-18 Uhr. Katalog 29 Euro.

 




Mit Ibsen auf die Hüpfburg: Nach Bochum spielt jetzt auch Düsseldorf „Peer Gynt“ – ein Inszenierungs-Vergleich

Von Bernd Berke

Düsseldorf/Bochum. Wer Frauen auf der Bühne sehen möchte, weil sie halt auch im Stück vorkommen, der ist jetzt in der Düsseldorfer „Peer Gynt“-Version falsch. Regisseur Michael Simon stemmt Henrik Ibsens Weltendrama mit einem reinen Herren-EnsembIe. Warum? Man muss es sich zusammenreimen, etwa so: Die faustische Steigerung des bürgerlichen „Ich“, das den Erdkreis kolonisieren will, war historisch eine männliche Domäne. Gut, dass wir drüber geredet haben.

Aber muss man deshalb auch Peer Gynts Mutter (Götz Argus) und die lebenslang treulich auf ihn wartende Solveig (Markus Danzeisen) männlich besetzen? So verzichtet man ja gerade auf weibliche Gegenkräfte zur maskulinen Dominanz. Streckenweise gerät die Geschlechtsumwandlung zur karnevalistischen Travestie.

Vor wenigen Wochen hatte sich Jürgen Gosch in Bochum Ibsens Riesendrama vorgenommen (die WR berichtete). In einer Art Bühnen-Sandkasten ergab sich dort ein putzmunteres, gelegentlich allzu turbulentes „Kinderspiel“ über Peer Gynts fortwährend fehlschlagende Selbstsuche. In Düsseldorf ist es nun eine aufblasbare Riesenmatte, welche zeitweise die Bühne überwuchert und als Hüpfburg dient. Es sieht so aus, als nähmen beide Regisseure Ibsen aus infantil getönter Tobe-Perspektive wahr. Zufall oder Zeichen der Zeit?

Reines Herren-Ensemble – und die Hauptfigur gibt es zehnfach

Die Hauptfigur ist in Düsseldorf gleich zehnfach vorhanden. Im fliegenden Wechsel lösen die Darsteller einander als Peer Gynt ab, gegen Ende sehen wir schon mal alle zugleich. Zehn Identitäten, also letztlich gar keine. Es ist ein Vexierspiel. Und man kann die einzelnen Darsteller schwerlich gesondert beurteilen. Das kollektive Gewusel lässt es nicht zu.

In Bochum wird insgesamt trefflicher agiert, in Düsseldorf genauer artikuliert. Während sie in der Bochumer Improvisations-Rasanz manche Zeile verschlucken, klingen hier die Worte recht klar. Immer wieder greift die Düsseldorfer Inszenierung zudem Kernsätze auf, die laut wiederholt werden. Da möchte man meinen, hier gelte die Textvorlage noch etwas. Doch im Revier und am Rhein setzt man einige Stückkenntnis voraus, man bedient sich freihändig aus dem Fundus. Dabei herrscht allemal der schnelle Jux vor.

Die Männer, der Westen und der Krieg

Regisseur Michael Simon will den Eroberer-Gestus des Peer Gynt geißeln: Etliche Dritte-Welt- und Öko-Verkaufsstände im Foyer werden flugs zum „Bestandteil der Inszenierung“ erklärt. Aha: Die Sache mit dem maßlos aufgeplusterten „Ich“ ist nicht nur eine der Männer, sondern auch des kolonisierenden Westens überhaupt. Lehrhaft wird dies vorgeführt, wenn Peer Gynt als Kapitalist in Amerika durchstartet. Drinnen erklingt Sinatras „Strangers in the Night“, draußen vor den Theaterfenstern bricht flammender Krieg los – und wir sollen gewiss an den Irak denken.

Vor den Fenstern? Genau. Denn weder den umtriebigen „Peer Gynt“ noch seinen rastlosen Regisseur hält es lange an einem Ort. Deshalb müssen auch die Zuschauer mobil sein. Erst sitzen sie im Parkett, dann werden sie auf die Bühne geleitet, wo sich die Szenen mit den grotesken Trollen ereignen und man nackenstarr zum Schnürboden hochschaut.

Hernach geht’s ins Foyer, schließlich darf man wieder im Gestühl Platz nehmen. Sonderlichen Deutungs-Mehrwert erbringen die Wanderungen nicht. Man kann nur von diesem Basar der Besonderheiten erzählen wie einer, der eine Reise getan hat. Wohin hat sie geführt? Ins Ungefähre, doch nicht näher zu Ibsen.

• Termine Düsseldorf: 24., 25. Nov., 11., 17., 21., 22. Dez. Karten: Tel. 0211/36 99 11.  • Termine Bochum: 27. Nov., 4.. 26. Dez. Karten: Tel. 0234/ 3333-111.




Die Frau als ewiges Zentralgestirn – Paul Nizons Journal „Das Drehbuch der Liebe“ kündet von einer Lebenskrise

Von Bernd Berke

Wie soll nur ein Mann seiner Ehepartnerin erläutern, dass er häufig Bordelle besucht? Wenn man dem Schriftsteller Paul Nizon folgt, dann etwa auf diese Weise: „Da ist erst mal die Einsamkeit; wenn ich so lange allein bin, muß ich von Zeit zu Zeit eine Frau umarmen, das hält dann eine Weile vor (…) Und dann finde ich immer von neuem dieses Zueinandersteigen, diesen Vorgang des Zusammenliegens wunderbar…“

So pirscht er sich voran – bis die Gattin endlich sagt: „Ich kann es verstehen.“ Ihr Glück. Andernfalls hätte er ihr abermals solche Sünden vorgehalten: „Ihr Husten, Weinen, die ewige Erkältung, ihr trotziges, beleidigtes, aggressives, haltloses und auch haltungsloses Benehmen.“

Moralinsäure beiseite! Doch Nizons „Drehbuch der Liebe“ ergeht sich zuweilen im erstaunlich unreflektierten, selbstmitleidig zerknirschten Machismo. Pathos gehört dazu. Zitat: „Bin ich eine Geißel der Frauen? Der selbstsüchtigste Mensch.“

Mit „Das Jahr der I.iebe‘ (1981) hat der Schweizer einen der vielleicht innigsten erotischen Romane der letzten Jahrzehnte geschrieben, auch das sonstige Werk („Canto“, „Stolz“, „Im Bauch des Wals“) hat Bestand. Sein Tagebuch enthält hingegen rohes Material. Warum hat der Autor dies alles freigegeben? Wollte er zeigen, auf welchem Humus seine Literatur gewachsen ist? Nun ja. Wichtige Bücher haben beileibe nicht nur edle Wurzeln.

Fragile Künstler-Existenz

Die Aufzeichnungen gehören just ins zeitliche Vorfeld des famosen „Liebesjahres“. Sie zeugen von einer Lebens- und Schreibkrise, die Nizon nur ganz allmählich überwunden hat. Der 1929 geborene Schriftsteller hat sich von 1973 bis 1979 zwischen diversen Frauen (Odile, Marianne etc.) aufgerieben. Ein Liebes-Versehrter also, der seinerzeit ein unruhiges, phasenweise ganz aufs Ich konzentriertes Dasein in London, Paris und Zürich führte.

Ein Mann in seinen Vierzigern will sich noch einmal neu ausrichten; aus Angst, das Leben zu verfehlen. Übliche Midlife-Krise? Einesteils ja. Doch hier verquickt sie sich mit dem Ringen um Stoff und Form. Nizon durchlebt seine Tage offenbar immer schon im Hinblick auf künftige Texte. Auch dreht sich vieles um seine Lektüre (z. B. Bücher über Vincent van Gogh, von Robert Walser). Man ahnt: Es geht um die fragile Künstler-Existenz an und für sich.

Gesellschaft wird nur ganz am Rande sichtbar

Ganz anders als bei Peter Rühmkorf, der jüngst ebenfalls Tagebücher aus jenen 70er Jahren vorgelegt hat, ist die Gesellschaft bei Nizon nur indirekt (etwa in Stadtschilderungen) präsent. Oft zieht er sich, mitten in den Metropolen, in eine Art Klausur zurück, die mönchisch wäre, gäbe es da nicht gewisse Frauen und durchzechte Nächte. Sein Kosmos kreist schlingernd ums ewigweibliche Zentralgestirn, um erlösende Vereinigung der Körper.

Literarische Größen kommen eher anekdotisch vor. Mal schreibt Nizon einen (vertröstenden) Brief an den legendären Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, mal trifft er Elias Canetti, mal flaniert und speist er in Paris mit Peter Handke, dessen Ruhm er fast scheu bewundert. Und er bekommt Blitzbesuch vom Dichter H. C. Artmann, der mit einem 17jährigen Groupie-Girl aufkreuzt, was gleichfalls einen Neidreflex auslöst.

Nizon war damals von bitterem Ernst und marternden Zweifeln erfüllt. Für Selbstironie blieb noch kein Raum. Erst gegen Ende leuchten neu gewonnene Heiterkeit und Lust aufs Beginnen auf. Wahrlich: Es war ein dornenreicher Weg zum nächsten Buch.

Paul Nizon: „Das Drehbuch der Liebe. Journal 1973-1979″. Suhrkamp-Verlag. 282 Seiten, 22,80 Euro.




Herrlich blühender Irrsinn – Junge Regie-Hoffnung: David Bösch inszeniert „Romeo und Julia“ in Bochum

Von Bernd Berke

Bochum. Was sind das nur für wilde Burschen? Sie toben herum wie nicht gescheit, sie röhren Rocksongs, spielen dazu heftig Luftgitarre und brüllen („Bumm, zack, bumm“) manchmal wie aggressive Comic-Figuren.

Nun, die kampflustigen Sturm- und Drang-Kerle heißen Mercutio und Benvolio. Sie wollen ihren Freund Romeo über dessen fruchtlose Liebe zu Rosalinde hinwegtrösten und ihn zu schnellen Sex-Abenteuern mit willigeren Mädchen anstacheln. Zu dumm nur, dass dieser Romeo sich bei der nächsten Fete in eine gewisse Julia aus der feindlichen Sippe Capulet verknallt. Die tragischen Folgen sind bekannt.

Der heiße Kern der Liebesgeschichte

Sehr dynamisch und phasenweise eminent komisch legt der junge Regisseur David Bösch (Jahrgang 1978) das berühmte ShakespeareLiebesdrama „Romeo und Julia“ in Bochum an. Man nehme die eh schon etwas schnoddrige Übersetzung von Thomas Brasch, spitze sie nochmals listig zu und streiche das vielköpfige Gefolge aus den Häusern Montague und Capulet. Dann hat man den heißen Kern, und der wirkt frappierend modern. Das reimt sich nicht nur wörtlich, sondern auch als Inszenierungs-Leitlinie.

Bösch erschöpft sich nicht in Übermut und Überschwang, sondern findet dann auch zartere, bewegende Bilder für die allererste Begegnung des legendären Paares. Es ist ein urplötzliches, verrücktes Aufblühen. Geradezu physisch spürt man den Hauch ersehnter Küsse, der die beiden umweht. Auch das Kindliche, noch Ungelenke dieser blitzartigen Liebe kommt zum Ausdruck. Übrigens: Der hierbei sehr stimmig und dezent eingesetzte Pop-Song „Consequence“ ließ viele Besucher rätseln. Lösung: Die ungemein eingängige Melodie stammt vom Album „Neon Golden“ der bayerischen Gruppe „Notwist“.

Es war der Handy-Ton und nicht die Lerche

Später, in der Balkonszene, könnte es glatt heißen: Es war der Handy-Ton und nicht die Lerche. Denn ganz ohne Nachtigall führen die beiden ihre mobilen Gespräche – bis hin zum angedeuteten Telefonsex. Überhaupt lassen sich Julia (Julie Bräuning) und Romeo Johannes Zirner) zu herrlicher (und dämlicher) Unvernunft hinreißen. Ein gar schöner Irrsinn.

Derweil deutet das Szenen-Geviert mit Wasserbecken, Neonlicht-Stäben und Beton-Quadern (Bühne: Volker Hintermeier) auf scheußlichen Neureichtum hin. Kein Ort für erotische Utopien.

Gewiss: All das ergreift einen nicht zutiefst. Doch der jugendfrische, leicht ironisch getönte Zugang eröffnet Spielräume, um die altbekannte Geschichte leichten Sinnes (aber eben nicht leichtsinnig) zu entfalten. Das ist schon einiges, auch wenn’s gelegentlich noch an einer Ökonomie der Mittel mangelt. Die zwar rasanten Fechtszenen sind denn doch ein wenig zu lang geraten. Vielleicht sollen sie ja auf ungebrochene Dominanz der Männerwelt verweisen.

Am Ende bleibt ein Geisterreigen

Beachtliche Besetzung bis in die Nebenrollen hinein: Ebenso handfest-sinnlich wie empfindsam spielt Martina Eitner-Acheampong die rührend besorgte Amme der Julia. Bernd Rademacher als Julias Vater ist ein schmieriger Conferencier der Machterhaltung, in übler Kumpanei mit seinem linkischen Wunsch-Schwiegersohn Paris (Thomas Büchel). Fabian Krüger vollführt irrwitzige Bauchredner-Dialoge mit einem geknoteten Taschentuch-Püppchen; ein Kabinettstück, das freilich die Grenze zur Albernheit streift.

Das erste und letzte Wort hat der über allen stehende und doch so ratlose Prinz (Manfred Böll). Vergebens predigt er Frieden, hilflos preist er Poesie, Licht und Liebe. Am Ende kann er uns nur einen Geisterreigen zeigen: Erst im Jenseits sind alle Figuren kampflos beisammen – beim Totentanz.

Tosender Beifall für eine veritable Regie-Hoffnung und das Ensemble!

Termine: 2., 8., 15., 19., 22. und 27. November. Karten: 0234/3333-111.




Peter Rühmkorf: „Ich wollte Tag für Tag mein Ich zusammensetzen“

Den „großen Roman“ hat er nie geschrieben, als Dramatiker blieb er glücklos. Doch Peter Rühmkorf gilt vielen als wichtigster lebender Lyriker in Deutschland. Jetzt hat er – mehr als 30 Jahre „danach“ – unter dem Titel „Tabu II“ bei Rowohlt seine Tagebücher von 1970/71 vorgelegt. Es war die Zeit des beginnenden RAF-Terrors, des allmählichen Zerfalls der APO (Außerparlamentarische Opposition) – und eine Zeit, in der Rühmkorf in Hamburg eine heimliche Liebschaft hatte. Ein Gespräch mit Rühmkorf auf der Frankfurter Buchmesse.

Frage: 1970 waren Sie knapp über 40 Jahre alt, und da haben Sie etwas Erschreckendes geschrieben, nämlich dass ein Mann sich ab 40 am besten einbalsamieren lassen soll…

Peter Rühmkorf: Mh. Habe ich das wirklich geschrieben?

Nun, das genaue Wort lautete wohl „mumifizieren“. Aber Sie haben sich damals doch auch ganz schön ins Leben gestürzt: St. Pauli, die Kneipen…

Rühmkorf: Naja, einerseits war ich heimisch wie meine Katze, die in den Aufzeichnungen ja eine große Rolle spielt. Aber sie büxte manchmal aus. Und auch ich habe mich in die Welt begeben. St. Pauli hatte so einen gewissen Hautgout, dass es mich da öfter hingezogen hat. Ich war häufig mit dem Autor Hubert Fichte dort, der damals noch gelebt hat. Er kannte verschwiegenste Winkel auf St. Pauli. Damals ging es dort noch richtig familiär zu.

Jetzt wohl nicht mehr?

Rühmkorf: Heute weht da ein ganz scharfer Wind. Es gibt Bandenkriege.

Sie haben damals ein sehr junges Mädchen kennen gelernt, eine Schülerin, noch dazu Kapitänstochter.

Rühmkorf: Oh, das war eine gefährliche Partie. Mit Lolitas hatte und habe ich nichts im Sinn. Aber junge Mädchen in dem Alter, in dem die Schoten kurz vorm Platzen sind, die haben einen großen Reiz – vor allem dann, wenn man selbst so’n bisschen das Alter in die Knochen steigen fühlt.

Hatten Sie damals kein schlechtes Gewissen gegenüber Ihrer Ehefrau?

Rühmkorf: Doch, doch! Auch das hat mich an den Schreibtisch getrieben. Das wollte mit aufs Papier. Ich dachte kürzlich noch: Wenn das jetzt als Buch `rauskommt – hoffentlich lässt sie sich nicht scheiden! Als Flaneur kannte sie mich ja schon, das hat sie mit dem Mantel der Liebe zugedeckt. Aber ein festes Verhältnis in Hamburg über so lange Zeit, von dem sie absolut nichts wusste… Ich lese zu Hause nie Manuskripte vor, ich zeige immer nur Gedrucktes. Das Buch habe ich ihr mit Bibbern und Zagen in die Hand gedrückt. Aber wenn etwas gut geschrieben ist, dann überwiegt bei ihr das literarische Vergnügen. Es ist ein Pflaster für die Wunden.

Die Episode steht zunächst im Vordergrund, dann aber kommt mehr und mehr das Politische ins Spiel.

Rühmkorf: Die Außerparlamentarische Opposition hat sich damals in Gruppen und kleinste Grüppchen zersplittert. Der Zusammenhalt der Linken ging verloren. Fast wie seinerzeit in der Französischen Revolution. Aber gottseidank hatten sie 1970 keine Guillotine mehr! Man hat mich nur einige Male bei öffentlichen Veranstaltungen von der Bühne gepfiffen. Ich bin an den Rand der Linken gespült worden. Das war auch ein Motiv, dieses Tagebuch zu beginnen. Ich wollte wissen, welchen roten Faden ich in meinem Leben noch verfolgen sollte. Ich wollte mein eigenes Ich wieder zusammensetzen. Tag für Tag, aus dem Moment heraus, mit ganz knappen Skizzen.

Sie beschreiben die Baader-Meinhof-Gruppe als eine Art Tourneetheatergruppe des Terrorismus.

Rühmkorf: Ja. Damals gab es überall Mitmach-Theater, mobiles Theater, das die Menschen einbeziehen wollte. Die Schauspieler kamen von den Bühnen herunter. Alles fauler Zauber! Und Baader-Meinhof passte in die Zeit. Sie erschienen mir als das allermobilste Reise-Theater: gefälschte Pässe, Perücken, immer neue Gewänder, den Colt in der edlen Aigner-Tasche. Ein eigenartiges Spektakel, für das sich die ganze Republik interessierte…

INFO:

Am 25. Oktober 2004 wird der in Dortmund geborene Rühmkorf 75 Jahre alt. Er wird daher in diesem Herbst besonders oft gerühmt und ausgiebig veröffentlicht. Neben seinen Tagebüchern ist jetzt u.a. auch ein bebilderter Band zu seiner Biographie erschienen: „Wenn ich mal richtig ICH sag“ (Steidl Verlag).

Zur Erläuterung, weil sie indirekt im Gespräch vorkommt: Seine Frau Eva Rühmkorf war in jenen frühen 70er Jahren reformfreudige Gefängnisdirektorin und wurde später Kultusministerin von Schleswig-Holstein.

(Das Gespräch führte Bernd Berke / Der Beitrag ist in ähnlicher Form am 23. Oktober 2004 in der „Westfälischen Rundschau“ erschienen)




Magie eines Flügelschlags – Rebecca Horn in der Kunstsammlung NRW

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Hier sieht es aus wie auf einer mysteriösen Kultstätte: Ringsum stehen stumme Steine, irgendwo im Zirkel befinden sich ein Fernglas und eine fragile Schale mit tiefblauem Wasser.

Von oben her kreist, motorisch getrieben, eine lange Stange mit gefährlicher Spitze über dem Boden – bis sie auf ein aus dem Boden ragendes Gegenüber trifft. In diesem Moment steht alles still wie zum Anbeginn der Zeiten. Doch irgendwann regt sich sachte eine Schmetterlings-Figur und scheint damit die Kausalkette wieder in Gang zu setzen.

Man weiß ja, welche (un)heimliche Kraft dem Flügelschlag eines Schmetterlings zugeschrieben wird. Bewegt sich ein solch luftiges Wesen irgendwo auf Erden, so betrifft das angeblich den ganzen Kosmos. Wie dem auch sei. Die Installation der 1944 geborenen Rebecca Horn heißt jedenfalls „Circle for broken landscapes“ (Kreis für zerbrochene Landschaften) und beschwört eine mit Erwartung angefüllte Aura herauf, die auf heilsame Kräfte hinauslaufen könnte.

Die Kunstsammlung NRW (K 20) in Düsseldorf richtet der multimedial schöpferischen Rebecca Horn (es gibt auch ein filmisches Werk, und derzeit sinnt sie über ein Opern-Projekt nach) nun auf zwei Etagen die vielgliedrige Werkschau „Bodylandscapes“ (Körperlandschaften) aus, die bis in die 1960er Jahre zurückgreift.

Das gekräuselte Wasser lässt eine Schrift zittern

Eigentlich möchte K 20-Direktor Armin Zweite das Augenmerk endlich einmal auf Horns filigrane Zeichnungen richten. Die Künstlerin selbst hatte diesen Teil ihres Oeuvres wegen zahlloser Umzüge meist in Abstellräume verbannt, nach eigenem Bekunden nahezu vergessen und erst kürzlich die eigenen Schätze wieder gehoben. Also bekommt man jetzt noch niemals öffentlich gezeigte Raritäten auf Papier zu sehen. Trotz alledem: Neben den magischen Installationen verblassen die Blätter ein wenig, obwohl auch sie formal und impulsiv bezwingend sind.

Geradezu feierlich wirkt der Ablauf der Zeit bei diesen kinetischen Objekt-Versammlungen. Beispielsweise so: verdunkelter Raum. Abermals ein beweglicher Stab. Er streicht sanft über die Wasseroberfläche in einem Becken. Das Wasser kräuselt sich, eine Schrift-Projektion gerät dadurch ins Zittern. Der Gedanke an die Flüchtigkeit der Worte wird auch wachgerufen, wenn ein Goldstab in ein Aschefeld „schreibt“. All das könnte bald verwehen.

Verletzlicher Körper, bizarre Apparaturen

Die Zeichnungen, oft Ideen-Studien für spätere Performance-Auftritte, lassen Beweggründe ahnen. Es geht offenbar um schmerzliche Identitätssuche, um lange Prozesse der Ichfindung, durchwirkt mit Anwandlungen des Selbsthasses. Immer wieder wird der fragmentierte menschliche Körper, wird das waidwunde Ich an teils bizarre Apparaturen angeschlossen, also entgrenzt und anders zugerichtet.

Mal erscheint der weibliche Leib monströs wuchernd (etwa mit übergroßen Handschuhen, steilen Riesenhüten oder einer Maske aus Bleistiften), dann poetisch überhöht (mit Federkleid und Schwingen) oder in geschlechtliche Groteske getrieben: Brüste sind ein vielfach verzerrtes Leitmotiv. Neuere Zeichnungen ergehen sich im gänzlich freien Gestus, es sind seismographische Aufzeichnungen wechselnder Stimmungslagen – unter Titeln wie „Der Paradiesvogel stürzt durch mein Herz“.

Es häufen sich Verletzungs-Phantasien, Meditationen über latente Gefahr und Aggression: Eine scharfe Schere schwebt wie ein Damoklesschwert über einem Vogel-Ei; beim blitzenden Messer-Ballett treten „Liebe“ und „Hass“ gegeneinander an. Ein Endspiel mit offenem Ausgang in quälender Zeitlupe.

Kunstsammlung NRW (K 20), Düsseldorf, Grabbeplatz. Bis 9. Januar 2005. Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr. Eintritt 6,50 Euro, Katalog 28€.

 




Eine Sause am Abgrund – Jürgen Gosch inszeniert Ibsens „Peer Gynt“ in Bochum

Von Bernd Berke

Bochum. Saisonstart im Bochumer Schauspielhaus und dann gleich mit Henrik Ibsens ausuferndem Weltendrama „Peer Gynt“ (Uraufführung 1876), das in jenen Zeiten als „nordischer Faust“ galt. Regisseur ist Jürgen Gosch, seit seiner Düsseldorfer „Sommergäste“-lnszenierung (Gorki) wieder in höchster Gunst stehend. Ganz großes Theater also?

Zunächst einmal „armes“ Theater, minimale Ausstattung: Man begnügt sich mit einem schwarzen Spielraum, einer „Black Box“ (Bühne: Johannes Schütz). Der Boden ist sandig bestreut; eine lichte Substanz, die optisch als Schnee durchgeht und in der sich Spuren des chaotischen Geschehens abzeichnen.

Als Requisiten reichen Birken-Äste

Als Requisiten reichen einige Birken-Äste, die zu allerlei Verrichtungen taugen und auch schon mal einen ganzen Wald hergeben. Häuser und Seefahrt werden imaginiert, indem sich Schauspieler-Gruppen ballen – mal in Pyramidenform, mal als von Gischt umtoster Schiffskörper. In derlei Szenen ist spontanes Impro-Theater gefragt, und die Bochumer bringen es zu gewisser Vollendung – allen voran Ernst Stötzner. Keiner chargiert so hintersinnig, brüchig und doch alltagsprall wie er.

Aus dem ohnehin etwas gestaltlosen Stück bedient man sich wie aus einer Wunderkiste. Der vierte Akt, der den ruhelos sein wahres Selbst suchenden Peer Gynt nach Afrika und ins „Tollhaus zu Kairo“ trieb, entfällt komplett. Der Rest wird, auf Basis“ einer zuweilen derb-drastischen Neuübersetzung (Jürgen Gosch und Klaus Missbach lassen nur vereinzelt Reimpaare als sprachliehe Mahnmale stehen), in Grundlinien nachskizziert.

Spürbarer Gruppengeist

Manche Sequenzen, wie etwa das bübische Herumtollen Peer Gynts mit seiner Mutter (Veronika Bayer), das dörfliche Hochzeitsfest seines Rivalen Mads Moen oder das quiekende Treiben der schweinsgesichtigen Trolle, werden mit viel kunterbunter Randale pastos ausgepinselt, so dass mancher Satz beim Spektakel der im Grunde todtraurigen Orgien untergeht. Die seelische Verwahrlosung auf dem Dorfe trägt geradezu präfaschistisehe Züge. Grellfarbige Kostüme deuten auf eine kindsköpfige Sause hin. Doch es ist Lustbarkeit am Abgrund.

Bei Gosch sind stets alle (auch die gerade nicht direkt beschäftigten) Schauspieler auf oder an der Bühne präsent, gespielt wird fast drei Stunden ohne Pause. Leitidee: Wer seine Mitstreiter ohne Unterlass agieren sieht, statt hinter der Szene seinen Einsatz abzuwarten, nimmt Energiefluss auf. Tatsächlich wird bei den nur 12 Darstellern ein Gruppengeist spürbar, der über allem waltet und rasante. Rollenwechsel gleitend leicht wirken lässt.

Knallbunt lärmend geht’s also im schwarzen Kasten meist zu. Als graue, gleichsam erst noch einzufärbende Gestalt tobt, kobolzt, wankt und taumelt Peer Gynt (Oliver Stokowski) durch die Welt, doch stets mogelt er sich ums Wesentliche herum. Der verarmte Sohn eines Säufers verausgabt sich schier atemlos als Draufgänger, schamloser Lügner, Größenwahnsinniger, Außenseiter, Verbannter, Vogelfreier. Die ganze Skala hinab.

Da hilft kein Psycho-Jargon

Stokowski stürzt sich koppheister ins Gewoge. Eben noch quatschselig berlinernd, stimmt er im Nu eine verbale Bravour-Arie an, vollführt Eisläufer-Sprünge oder sonstwas Wildes. Da gerät einer bei der Ich-Suche ins Rotieren; einer, der rabiat mit „Weibern“ umspringt, letztlich aber nicht faustisch auf Weltbeherrschung aus ist, sondern tiefes Ungenügen am Irdischen durchleidet – vielleicht ein Verwandter von Büchners „Lenz“.

Herzlich wenig nützt bei all dem ein pseudo-psychologischer Jargon der Verständigung, der hier mehrfach parodiert wird. Mit einem windelweichen „Gut, dass wir drüber geredet haben“ ist es nicht getan. Auch fromme Choräle reichen nicht hin. Hier hilft nur dies: reinste Liebe, Glaube, Hoffnung. Solche biblischen Grundwerte verkörpert scheu und leise die Zuwanderer-Tochter Solveig (Catherine Seifert), die ein Leben lang treulich auf Peer Gynt wartet. Am Ende darf er im Schoße dieser immer noch mädchenhaften Allmutter ruhen.

Also doch noch ein Traumspiel, eine irrsinnige Fügung, wider alle Vernunft! Und gerade deshalb so ergreifend.

Nächste Termine: 3., 10., 29. Okt. Karten: 0234/3333-111.




Auf der Nachtseite des Begehrens – Jane Campions Film „In the Cut“ mit Meg Ryan

Von Bernd Berke

Nervös irrt die Kamera umher und tastet die Oberflächen-Phänomene des New Yorker Straßenlebens ab. Zwei Energieströme spürt sie auf: Hier scheint alles unterschwellig gefährlich zu sein, doch auch erotisch aufgeladen. Die Haut all dieser vielen Menschen giert nach Berührung, aber zugleich ist sie höchst verletzlich.

Aus dieser Mixtur destilliert die zu einigem Ruhm gelangte neuseeländische Regisseurin Jane Campion („Das Piano“) knisternde Spannungswerte: Ihr Film „In the Cut“ gerät zum Thriller in der Tradition der „Schwarzen Serie“, zum verschatteten Spiegelkabinett heutiger Liebesverhältnisse.

Eine verräterische Tätowierung

Frannie Avery (hier eher melancholisch, also gegen ihr bisheriges, eher patent-biederes Spektrum besetzt: Meg Ryan) ist eine erfolgreiche Mittdreißigerin. Sie lehrt Literatur und verdingt sich als Autorin. Privates Glück ist freilich nicht in Sicht, es drohen Depressionen. Letztlich sehnt sie sich nach Verlobung, Hochzeit, Kindersegen. Doch gegen derlei Träume setzt Jane Campion das Sündenbabel New York: „Sex and the City“, von der Nachtseite her gesehen.

Hier, so suggeriert der Film, wird die Frau in erster Linie zum Lustobjekt der Männerwelt. Es überwiegt der schnelle, rohe Sex. Etwa so: Eines Abends sieht Frannie in einer schummrigen Bar, wie eine Frau mit blau lackierten Fingernägeln einen tätowierten Typen oral befriedigt. Die unfreiwillige Beobachterin ist angewidert, doch auch seltsam fasziniert.

Anderntags wird jene Frau ermordet und zerstückelt aufgefunden. Einige Körperteile liegen vor dem Haus, in dem Frannie wohnt. Also bekommt sie Besuch von einem „Bullen“ namens Malloy (smart mit neurotischem Einschlag: Mark Ruffalo), der die Sache untersucht – und exakt jene Tätowierung auf dem Handrücken trägt!

Energieströme aus Gefahr und Erotik

Frannie wittert Gefahr. Zugleich fühlt sie sich von dem Macho sexuell ungemein angezogen. Malloy erweist sich denn auch als „Könner“ zwischen den Laken. Ihr schwant: Vielleicht reicht Zartsinn ja nicht aus, um sexuelle Gipfel zu erklimmen?

Sie verliert also im übertragenen Sinne den Kopf – und könnte ihn bald buchstäblich verlieren. Denn nun beginnt ein riskantes Spiel um Begehren, Erlösungswünsche und Auslöschung.

Dantes „Inferno“ in der New Yorker U-Bahn

Der Frauenkiller macht weiter und bringt auch Frannies verzweifelt lebensgierige Halbschwester um. Er könnte gar wissen, wo Frannie wohnt. Denn die wird von einem Maskierten überfallen und ihrer Papiere beraubt. Derweil findet die Literatin überall passende Texte für ihren Gemütszustand; so etwa, wenn Zeilen aus Dantes „Inferno“ auf einem U-Bahn-Plakat prangen.

Alle Männer, die hier samt und sonders irgendwann verdächtig werden, haben auch sanftere Seiten. Ein manchmal brav, dann wieder bedrohlich wirkender farbiger Student verpasst Frannie unversehens einen galanten Handkuss – ein Zeichen wie aus einer anderen, ritterlichen Welt. Und ein Kerl, der oft recht rüde schwafelt, sich aber auch mit Signalen kultivierten Lebens umgibt, benimmt sich am Ende besonders seltsam…

 




Wenn das Böse einmal in der Welt ist – Pedro Almodóvars Film „La mala educación“ (Die schlechte Erziehung)

Von Bernd Berke

Kommt nach vielen Jahren ein alter Schulkumpel vorbei und sagt mal wieder „Hallo“. Man erkennt ihn kaum noch. Eine Überraschung, aber keine umwerfende. Freilich: Beim spanischen Kult-Filmemacher Pedro Almodóvar erwächst daraus in „La mala educadión“ (Die schlechte Erziehung) eine abgründige Geschichte.

Dieser Ignacio, der da unversehens auftaucht, ist angeblich Schauspieler geworden und begehrt gleich eine Kino-Rolle von seinem Schulfreund Enrique, mittlerweile ein bekannter Filmregisseur.

Freund? Beileibe nicht nur. Denn als Zöglinge eines erzkatholischen Internats waren die beiden einst heftig ineinander verliebt. Dies wird wieder aufgewühlt, als Enrique nun ein Manuskript liest, das Ignacio aus der Tasche gezogen hat: Die Erzählung „Der Besuch“ (und somit auch Almodóvars Film) führt zurück in jene Schulzeit.

Pater Manolos verderbliches Wirken

Diese Erzählung schildert, wie Pater Manolo, ihr heimlich auf Knaben versessener Literaturlehrer, die beiden Jungs rabiat voneinander getrennt hat, um den kleinen Ignacio innerlich bebend anhimmeln zu können. Daraus quellen hier Ur-Szenen des Bösen, mit denen das Leben aller Beteiligten ein für allemal vergiftet wird, als sei der Teufel am Werk.

Fortan liegt auf ihren Biographien buchstäblich kein Segen mehr. Denn damals haben die Jungen und letztlich auch der Geistliche (der denn auch später Buchverlegen wird) ihren Glauben an Gott verloren. Und nun entfaltet sich das, was einst schon der Großdichter Dostojewski erkannte: Wenn Gott tot ist, dann ist – philosophisch betrachtet – „alles erlaubt“. Lüge, Treulosigkeit, Mord. Almodóvar häuft Fragen auf diesen Befund: Wie weit kann man unter solchen Umständen gehen, was kann man selbst ertragen? Aber auch, etwas konkreter: Ist Enriques Besucher wirklich der Ignacio von damals?

Strammstehen oder Liebliches singen

Zwischen die für Almodóvar typischen Bonbonfarben, die nur vage konturierten Identitäten, die gleitenden Rollenwechsel und Geschlechter-Travestien sickert also einige Düsternis und Schwärze. Dass die Kirche im Schatten des Diktators Franco viel Unheil angerichtet hat, bildet einen straffen Themenstrang des spanischen Kinos (Buñuel, Saura), an den hier angeknüpft wird.

Die Jungs müssen vor den Patres entweder stramm exerzieren (Liegestütz) oder ihnen etwas Liebliches vorsingen. Klebrig genug. Doch solche Kleriker sind nicht das einzige Problem. Das Verhängnis zeigt sich hier abermals allgemeiner, existenzieller, es dringt in alle Ritzen und zeugt sich fort.

Das dunkle Kino als Zufluchtsort

Regisseur Enrique, in mancher Hinsicht wohl eine Art Selbstbildnis Almodóvars, überwindet seine anfängliche Schaffenskrise, indem er den Ignacio-Erzählstoff mit der Kamera erkundet. Also wird auch noch eine irrlichternde Film-im-Film-Studie darüber geliefert, welche Wahrheit(en) das Kino nur umkreisen und welche es vielleicht ergründen kann. In mehreren Szenen und Zusammenhängen erscheint Hier der dunkle Kinosaal als Zuflucht für jene Stunden, in denen man die Wirklichkeit gar nicht mehr aushält. Wahrlich ein unstet flimmernder Trost.

 




Die Zerlegung der sichtbaren Welt – Ausstellung zum Medienkunstpreis „Nam June Paik Award“ in der Dortmunder Phoenixhalle

Von Bernd Berke

Dortmund. Welch ein famoser „Spielort“ für die Künste! Die Phoenixhalle auf dem früheren Hoesch-Stahlwerksgelände erweist sich jetzt mit der Schau zum „Nam June Paik Award“ erneut als Stätte, zu der man pilgern sollte. Wenn der Weg dorthin nur etwas besser ausgeschildert wäre…

Im Namen des berühmten koreanischen Videokünstlers Nam June Paik lobt die Kulturstiftung NRW (Präsidentin: Ilse Brusis) zum zweiten Male ihren Preis für Medienkunst aus – just auf dem Felde also, wo Dortmund neue Schwer- und Glanzpunkte setzen will. Es war folgerichtig, mit der Schau der nominierten Künstler diesmal hierher zu kommen.

Hochkarätige, weitläufig besetzte Jurys gingen und gehen für Dortmund ans Werk: Die Vorauswahl ist bereits erfolgt, am 13. Oktober (19 Uhr) wird der Preis vergeben. Chefsache: NRW-Minister Präsident Peer Steinbrück wird die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung überreichen. Außerdem gibt’s einen mit 15.000 Euro ausgestalten Förderpreis.

Die Weltelite des Genres ins Land holen

Nun werden in der Phoenixhalle die Arbeiten der verbliebenen Kandidaten auf die Probe gestellt. Die Künstler kommen aus etlichen Ecken der Welt: Brasilien, Japan, Ungarn, Libanon, Kanada, USA. Man will eben keine NRW-Nabelschau betreiben, sondern eine Elite des Genres ins Land holen.

Erster flüchtiger Eindruck: allseits Geflacker und Getösse. Doch im Sog mancher Installation kann man auch auf meditative Spuren geraten.

Namensgeber Paik (lange in Düsseldorf, heute in den USA lebend) empfängt die Besucher mit seiner runden Wunderscheibe „Mercury“: Zwölf simultane Videosequenzen stimmen darauf ein, dass diese einst von ihm angestoßene, längst ungemein vielfältig gewordene Kunstgattung gern die sichtbare Welt zerlegt und auf ungeahnte Arten anders zusammensetzt; gelegentlich so, dass einem zunächst Hören und Sehen vergeht. Auf dass man dann die Wahrnehmung neu sortiere.

Album des Lebens mit 150.000 Bildern

Beispiel: das Duo „exonemo“ (Kensuke Sembo, Yae Akaiwa). Bei ihrer Arbeit kann man Hand anlegen und das Video-Bildergewitter steigern oder drosseln. Die zufallsgesteuerte optische Mixtur erinnert ans Verfahren jener DJs, die Ähnliches mit Tönen veranstalten. Und es entstehen rasante Kombinationen – so etwa ein Flugzeug, das durchs Wohnzimmer zu sausen scheint.

Ungleich ruhiger geht’s bei den Brasilianern Angela Detanico und Rafael Lain zu: Video-Aufnahmen von einer Bootsreise im Mekong-Delta (Vietnam) wurden aufwendig durch die Pixel-Mühle gedreht und erscheinen „nur noch“ als Farbstreifen, dazu kommen asiatische Klänge aus einem Kofferradio. Staunenswert: Nach und nach erahnt man in der scheinbar totalen Abstraktion die Stimmung der Tageszeiten oder Wasser-Bewegungen.

Irritierendes Raumerlebnis: Szabolcs KissPál (Ungarn) zeigt auf einer Großleinwand schlicht den Himmel und Vögel, die pfeilschnell durchs Bild kreuzen. Lucien Samaha blättert gar ein digitales Album seines Lebens auf, mit bislang 150 000 Elementen – vom abgelichteten Essenste bis zur schritte Fete. Samaha bleibt zudem selbst in der Schau, um mit Besuchern zu reden. Viel Gesprächsstoff!

Phoenixhalle Dortmund, Ortsteil Hörde, Ecke Rombergstraße / Hochofenstraße). 4. Sept. bis 7. Nov. Di und Do bis So 11-20, Mi 11-17 Uhr. Katalog 15 Euro.




Wer das große Nichts umkreist – Lars Gustafssons philosophischer Thriller „Der Dekan“

Von Bernd Berke

Manche Klappentexter aus Buchverlagen sollte man etwas zügeln. „Lars Gustafssons bester Roman“ – so wird „Der Dekan“ auf dem Einband angekündigt. Waren also alle bisherigen Bücher schlechter? Und: Welche volltönende Anpreisung gibt’s denn beim nächsten Werk?

Schwamm drüber. Jetzt geht es erst einmal um diesen „Roman“, der das Genre-Etikett nicht so recht einlöst. Denn es sind fragmentarisehe, ja streckenweise fetzenhafte Aufzeichnungen, mit denen uns der seit vielen Jahren in Austin/Texas lebende, für sein bisheriges Werk verehrungswürdige Schwede konfrontiert. Hinzu kommt ein alter Literaten-Trick: Die Texte werden als gerettete, teilweise beschädigte Überbleibsel „aus Spencer C. Spencers Papieren“ ausgegeben.

Zu allem Überfluss herrscht Konfusion beim fiktiven Urheber. Immer wieder betont dieser Spencer, dass er gar nicht mehr wisse, wo anfangen und aufhören mit seinen Aufzeichnungen. Kurzum: Das Ganze fasert dermaßen aus, dass man vor manchen Rätseln steht. Vor welcher schrecklichen Erfahrung ist Spencer in eine Pension am Rande der Wüste geflohen?

Rätsel und Mysterien zuhauf

Bis dahin war er jedenfalls Philosophie-Professor just in Austin – und zuletzt rechte Hand des mächtigen Dekans der Fakultät. Um Letzteren werden nun einige Mysterien gewoben: Er ist an den Rollstuhl gefesselt, scheint aber allgegenwärtig (und allwissend) zu sein. Doch immer, wenn’s konkreter werden könnte, verlieren sich die Spuren, weil Spencers Manuskript beschädigt ist, mittendrin abbricht – und überhaupt, weil alles unbegreiflich zu sein scheint.

Sodann kommen dunkle schamanistische Praktiken ins (vor allem gedankliche) Spiel, mitsamt bewusstseinserweiternden Rausch-Pilzen. Der Dekan scheint in irgend einer geheimen Verbindung zu derlei Dingen zu stehen. Doch nichts Genaues weiß man nicht. Immerhin erfahren wir, dass der Dekan früher im Vietnamkrieg gekämpft hat – auf mörderischste Art. Nun also philosophiert er mit Spencer zuweilen stundenlang über das Gute und Böse, Gott und die Welt, Hölle und Paradies. Auch von einem faustischen Pakt ist irgendwann die Rede, den ein Fußballtrainer mit dem Teufel schließt, damit sein Team endlich mal gewinnt. Wenn Goethe das geahnt hätte!

Gustafsson umkreist in seiner wildwüchsigen Kreuzung aus Campus-Geschichte und Philosophie-Thriller das große Nichts und die umfassende Leere. Sowohl die Mathematik (Erfindung des „Null“-Wertes) als auch die Natur werden zu Zeugen aufgerufen, dass solche Leere gleichsam der Normalfall des Daseins sei. Ein nahezu nihilistischer Zustand, in dem dann fast alles möglich ist…

Zwischen Spannung und Düpierung

Auf anderer Ebene geht es um steinreiche Mogule der Technologie-Branche, die in Marmor-Palästen göttergleich auf den Bergen thronen. Einer von ihnen ist Spencers Cousin Derek, der seinem Verwandten einst keinen Cent fürs Studium leihen mochte und ihm hernach die Geliebte ausspannte. Den Kerl müsste man beseitigen, denkt Spencer. Und auch der Dekan hat einen solchen Feind. Vielleicht helfen ja schamanistische Mittel?

Gustafsson lässt die drohende Leere auch formal fühlbar werden. Man mag ihm diesmal nicht durch alle Windungen willig folgen, eben weil sie vielfach ins frustrierende Nichts führen. Doch man bleibt, obwohl öfters ins Vakuum geleitet, bis zur letzten Zeile dabei – geradewegs zwischen Spannung und Düpierung.

Lars Gustafsson: „Der Dekan“. Roman. Hanser Verlag. 190 Seiten. 17,90 Euro.




Eine Frau zwischen Sein und Nichtsein – Jacques Rivettes Film „Die Geschichte von Marie und Julien“

Von Bernd Berke

Jetzt bitte die Denkerstirn in Falten legen, denn im neuen Film von Jacques Rivette geht es schier um alles: Liebe, Tod, Zeitlichkeit und Erlösung; noch dazu jeweils um deren Gegensätze (also Hass, Leben, Ewigkeit, Verdammnis). Und um die Galaxien dazwischen. Man könnte ins Grübeln kommen über diesen reichen, brokatschweren Stoff.

Doch er wird ja gar nicht abstrakt verhandelt, sondern (auch im Sinne einer fast religiösen Inkarnation) wahrhaft fleischlich verkörpert. Über 150 Minuten erzählt Rivette ausgiebig „Die Geschichte von Marie und Julien“. Gelegentlich gibt er sich den Anschein eines kaltblütigen Beobachters. Doch es häufen sich Geheimnisse ohnegleichen, und am Ende steht man fast ehrfürchtig vor einem Mysterium der Liebe.

Marie und Julien begegnen einander anfangs gleich zweimal. Eine unterkühlte Szene bricht ab, die zweite zeigt ein Treffen mit wärmeren Gefühls-Valeurs. Aus derlei rätselhaften Perspektivenwechseln wird der Zuschauer nicht mehr entlassen.

Verschattetes Wesen aus einer anderen Sphäre

Julien (Jerzy Radziwilowicz) repariert, eingesponnen in seine einsame Wohnung, Teile von Turmuhren, deren Zahnräderwerke wie Folterinstrumente wirken. Vom Leben erwartet dieser traurige, etwas schwerfällige „Diener der Zeit“ nicht mehr viel. Seine Tage verrinnen bei tickenden Uhr-Geräuschen in verdunkelten Räumen. Nur eine Katze lebt bei ihm. Sie heißt „Nevermore“ – wie der Rabe in Poes berühmtem Gedicht und somit bereits Beschwörung düsterer Grenzwelten.

Erst die seltsam herkunfts- und berufslose Marie weckt Julien aus seiner Melancholie. Die ebenso animalische wie auratische Emmanuelle Béart (die mit Rivette schon „Die schöne Querulantin“ drehte) ist hier mal lockende Sirene, mal unbehaust Flüchtende, mal ganz Alltagsweib oder kapriziöse Geliebte, dann wieder schutzbedürftige Kindfrau, die sich in embryonale Haltungen zurückzieht. Vor allem aber ist sie ein seltsam verschattetes Wesen wie aus einer anderen Sphäre.

Kein Blut nach Verletzungen

Warum wirkt sie zuweilen so abwesend? Warum baut sie, als sie bei Julien einzieht, eine Dachkammer so penibel um? Weiß sie überhaupt selbst, was sie da tut? Oder ist alles nur ein Traum?

Weitere Handlungsebene, gleichfalls mit Rätseln angefüllt: Ohne sonderliche Lust oder kriminelle Energie erpresst Julien eine Frau, die als „Madame X“ (Anne Brochet) firmiert und der er mit Dokumenten schaden kann. Denn sie verkauft vermeintlich „antike“ Seide mit gefälschten Zertifikaten und soll überdies ihre Schwester in den Tod getrieben haben. Letztere geistert fortan als bleiche Wiedergängerin durch die Handlung. Diese junge Frau wiederum scheint in der selben gespenstischen Zwischenzone zu wandeln wie Marie, die (wie Julien herausfindet) sich einst aus Liebeskummer erhängt haben soll und nun nach Verletzungen nicht einmal blutet.

Zutiefst verwirrend, ja hirnzerstäubend: Julien hat vielleicht all die Zeit mit einer Untoten geschlafen, die durch seine Liebe „erlöst“ werden wollte. Die innigen Rituale des Eros mit all ihren VerIetzungs-Phantasien waren also womöglich Übergange zum Tode. Eine derart porös gewordene „Wirklichkeit“ könnte sich nun in eine endlose Warteschleife der Ungewissheit einfädeln. Doch den Schluss, der eine verrückte, geradezu jenseitige Hoffnung leuchten lässt, sollte man nicht verraten.

Ein ungemein vielschichtiger, irrlichternder Film zwisehen Sein und Nichtsein.




Der Krebs und der Krieg – Robert Gernhardts erschütternde „K-Gedichte“

Von Bernd Berke

Robert Gernhardts „K-Gedichte“ sind ein erschütterndes Buch. Vor allem dann, wenn man weiß, wie der Autor bisher geschrieben hat. Denn Gernhardt hatte bislang eigentlich noch jedem Thema tröstende Komik abgewonnen oder notfalls abgerungen. Nun aber geht es an die Reserven des Lebens.

Gewiss: Schon 1996 hatte Gernhardt, Kopf der „Neuen Frankfurter Schule“ des parodistischen Humors, Moll-Töne anstimmen müssen. Seinerzeit war er ernstlich herzkrank und musste sich einem Eingriff unterziehen. Schon die daraus geronnenen „Herzgedichte“ führten Klage gegen körperliche Unbill.

Jetzt kommt es noch schmerzlicher. Gernhardt ist an Krebs erkrankt und durch die Vorhölle langwieriger Chemotherapien gegangen. Töricht wäre es zu sagen, man konnte sein Leiden in ganzer Tragweite mitempfinden. Wer solches nicht am eigenen Leibe erlitten hat, bleibt weit außen vor.

Doch Gernhardts „K-Gedichte“ nehmen einen ziemlich mit. Das „K“ steht in diesem Band für Krebs und Krieg, nur sehr bedingt für eine Komik der Hinfälligkeit. In Teil eins geht es um die Krankheit, in Teil zwei um den Krieg im Irak.

Kampf um den Körper, wuchernde Schlachten

Dabei verschränken sich mitunter die Bereiche: Der Kampf gegen den drohenden körperlichen Verfall gleicht einem furchtbaren Krieg, die Schlachten im Nahen Osten wiederum wuchern wie ein Geschwür, doch eben nicht naturwüchsig, sondern willentlich von Menschen herbeigeführt. Das Gedicht „5. Mal. Beginn der Chemo“ blendet beides ineinander:

„Krebskrieger fängt sein Tagwerk an: / Auf denn, Chemie! Heut heißt es: Ran!

Krebskriegerweiß, daß unterliegt, /wer Krebs nur kriegt und nicht bekriegt.

Krebskrieger muß aufs Ganze gehn. / Er stellt die Frage: Wer packt wen?

Packt Mann den Krebs? Packt Krebs den Mann? / Krebskrieger fängt sein Kriegswerk an.“

Da lauert schon Resignation, sie überwiegt aber noch nicht. An anderer Stelle heißt es allerdings:

„Dürrer werden, matter werden / Abschied nehmen von der Erden, / nach und nach – zuerst vom Kiez. / dann vom Heim, dann vom Hospiz, / dann, zum Sterben durchgewunken…“

Man könnte einwenden, der Reim mindere die Wirkung. Doch bei Gernhardt ist just das Gegenteil der Fall. Derlei Abgründe, nahezu heiter vorgetragen etwa im Tonfall eines Wilhelm Busch (letztlich aber immer in Gernhardts ureigener Melodie), klaffen umso tiefer. Zuweilen erinnern die Verse an barocke Vergänglichkeits-Lyrik.

Das Tröstliche herbeizitiert

Zur Abwehr des Schrecklichen beschwört Gernhardt einiges herauf – die Schönheit Italiens, die Freuden des Lebens; auch Hund und Katze, die keine leutseligen Genesungswünsche absondern, sondern trostreich da sind. Doch all das schmeckt schal, so lange der Krebs nicht „besiegt“ ist. So mündet der Zyklus in einen dringlichen Appell, zur Krebsvorsorge-Untersuchung zu gehen – Zeilen, die in jeder Arztpraxis hängen könnten.

Die Kriegs-Gedichte, gehalten in der altehrwürdigen Form des Sonetts, sind wohl eine nur allzu verständliche Anstrengung, sich nicht allein aufs persönliche Leiden zurückwerfen zu lassen. Mit Furor wird das Amerika von George W. Bush als kriegstreiberisch gebrandmarkt, worüber sich reden lässt. Problematisch wird es, wenn Gernhardt das Geschehen in die NS-Nachbarschaft rückt („Sternbanner hoch! Kampfhelme gut verschlossen! / USA marschiern mit heißem Jünglingstritt…). Das ist denn doch eine ziemlich verwegene Zuspitzung.

Robert Gernhardt: „Die K-Gedichte“. S. Fischer Verlag. 102 Seiten. 14 Euro.




Die Treue des Verführers – Peter Handkes Buch „Don Juan (von ihm selbst erzählt)“

Von Bernd Berke

Hier steht etwas, worüber sich Feministinnen ärgern dürften, nämlich ein Zitat über offenkundig devote Damen: „Ihn, Don Juan,…betrachteten jene Frauen als ihren Herrn, den alleinigen, auf immer…“

Der alte Mythos des Frauenverführers Don Juan lebt also wieder auf, unverfrorener denn je? Nicht doch! Peter Handke, der die legendäre Figur erscheinen lässt, meint „Herr“ ausdrücklich nicht im Sinne von „Gebieter“.

Überdies hegt der Autor ein eher keusches Verständnis von Verführung. Vom Körperlichen ist in seinem neuen Buch „Don Juan (erzählt von ihm selbst)“ nur im Vorübergehen die Rede, buchstäblich en passant: Dieser Don Juan ist ein Vagabund. Eines Tages aber sitzt er unvermittelt in Haus und Garten des namenlosen Ich-Erzählers auf der Île de-France (weit vor den Toren von Paris), lässt sich bewirten und erzählt dafür just eine Woche lang seine Erlebnisse der vorherigen sieben Tage. Der Gastgeber erweist sich als gutgläubiger Zuhörer.

Es herrschen Eigenmaß und Eigenzeit

Handke setzt Stunden und Orte nach Gutdünken, hier herrschen Eigenmaß und Eigenzeit. In sieben Ländern, so die Geschichte, sei Don Juan in jenen sieben Tagen gewesen – die immense Strecke reicht von Georgien über Syrien und die nordafrikanische Enklave Ceüta bis nach Holland und Norwegen. Und überall hat Don Juan je eine bestürzend einsame, doch wunderschöne Frau so besonders angeschaut, dass sie ihm gleich verfallen ist. Sein Blick weckte ihr Begehren. Er selbst nennt diese Phase füglich seine „Frauenzeit“. Don Juans Diener lieferte derweil die Farce, indem er sich jeweils die hässlichsten Frauen aussuchte und sie halb lüstern, halb widerstrebend herzte.

Um Sexualität geht es bei Handke allenfalls unterschwellig, auch wenn da anfangs ein Geschlechtsakt in freier Natur zelebriert wird. Doch sein Don Juan ist auf anderes aus: auf den heiligen, alles umfassenden Eros, auf eine innere „Bewegung“, die den ganzen Leib und Geist ergreift, kurzum auf Erweiterung des Bewusstseins, das sich öffnet für die reine Wahrnehmung der vollen Welt.

Belagert von Amazonen

Don Juans karge Berichte, die so vieles aussparen, ziehen gleichwohl den Ich-Erzähler des Buches in Bann. Als gegen Ende die versammelten Frauen sein Refugium bedrohlich wie Amazonen belagern, blüht seine Hoffnung aufbessere Tage: „Sogar ich, der, was Frauen anging, mich längst als ausgezählt ansah, dachte… auf der Stelle: / ,Zählt mich neu dazu.‘ Mit diesen Frauen da war noch etwas zu erleben – Gott weiß was.“

Auch dabei geht’s wohl nicht um Orgien. Zitat: „Ich kann es bezeugen: Don Juan ist ein anderer. Ich sah ihn als einen, der treu war – die Treue in Person.“ Doch wem ist er treu? Sich selbst? Einer Vielzahl von Frauen? Seiner untröstlichen Traurigkeit, allen Frauen zum Trotz? Der Leser darf es für sich entscheiden.

Vergleichsweise heitere Prosa

Zwischendurch gerät Don Juan in arge Verwirrung und krankhaften Zählzwang, er wird im rein zeitlichen und mitmenschlichen Sinne „taktlos“. Doch das gibt sich. Wie dies denn überhaupt eine vergleichsweise heitere Handke-Prosa ist.

Der Autor bekräftigt Visionen und Erleuchtungen mit allemal sorgsam abgewogenen Worten, zudem mit allerlei Doppelungs-Formeln wie „noch und noch“ oder gar „gelbgelb“, wenn es denn unvergleichlich gelb sein soll.

Dringlich wirkt diese Erzählweise, doch oft auch wunderbar entspannt wie ein langes Mantra. Es macht tatsächlich Lust aufs Unterwegssein, auf Ruhe im steten Wandel – und noch auf manches mehr…

Peter Handke: „Don Juan (von ihm selbst erzählt)“. Suhrkamp. 159 Seiten; 16,80 Euro.




Das Glühen der ganzen Welt – Wuppertaler Kandinsky-Schau für viele Bilder eine Deutschland-Premiere

Von Bernd Berke

Wuppertal. Manchmal fragt man sich, wie die Leiterin Sabine Fehlemann es schafft, im Von der Heydt-Museum beinahe Schlag auf Schlag beachtliche Ausstellungen zu zeigen. Sie selbst hat darauf eine plausible Antwort: Die gut ausgestattete Brennscheidt-Stiftung, die ihrem Haus zuteil wurde, sorgt für komfortable Bedingungen.

Fehlemann: „Der städtische Ausstellungs-Etat ist bei Null angelangt, doch aus den Stiftungsmitteln fließen Jahr für Jahr 250.000 Euro.“ Rundum in der Region dürfte leiser Neid aufkommen, denn mit dem Betrag lässt sich einiges anfangen, was andernorts unmöglich ist.

Neuester Wuppertaler Coup (in Kooperation mit dem Wiener Kunstforum) ist jetzt eine Schau mit Werken von Wassily Kandinsky (1866-1944). Der in Moskau als Sohn eines Teehändlers geborene Künstler, „nebenher“ studierter Jurist, gilt als Pionier der Abstraktion.

Aus Provinzmuseen der früheren Sowjetunion

Über 60 Gemälde, Aquarelle, Holzschnitte und Zeichnungen werden chronologisch präsentiert. Die Exponate stammen vorwiegend aus Provinzmuseen der ehemaligen Sowjetunion (Ekaterinburg, Eriwan, Kasan, Krasnodar, Omsk, Nishni Nowgorod). Etliche Werke waren noch nie in Deutschland zu sehen. Und die kläglich darbenden Institute die fälligen Leihgebühren gewiss gebrauchen.

Das Spektrum beginnt mit Arbeiten um 1900, Landschaften und Stadtansichten zumeist, die noch ganz gegenständlich und recht realistisch erscheinen. Daneben werden Motive aus Märchen, russischer Volkskunst und Volksfrömmigkeit als Inspirationsquellen erkennbar. Sie führten Kandinsky bereits zu einer flächigen, farbbetonten Darstellung.

Der Abschied vom Abbild lag seinerzeit ohnehin „in der Luft“, Doch wohl niemand hat ihn rascher, entschiedener und fiebriger vollzogen als Kandinsky. Um 1908 schwellen die Farbklänge in seinen Bildern machtvoll an. Strahlend gelbe oder lodernd rote Häuser in München bzw. im bayerischen Dörfchen Murnau (wo er mit seiner damaligen Gefährtin Gabriele Münter lebte) setzen fulminante Akkorde. Alsbald ist Kandinsky sozusagen bei einem Glühen der ganzen Welt angekommen. Sommerliche Wiesen etwa wirken wie entflammt.

So und nicht anders hat es wohl werden müssen

In den folgenden Jahren lösen sich solche Farbkompositionen und Improvisationen (bezeichnend, dass man hier gern in musikalischen Begriffen redet) vollends vom Gegenständlichen. Die Genese der Bilder gerät gleichsam zum zweiten, spirituell geleiteten „Schöpfungsakt“, somit zu einer Art Ersatzreligion, die Kandinsky auch in pathetischen Texten zelebrierte. Unvergleichlich jedenfalls seine Art, gänzlich freie und spontane Formfindungen hochkonzentriert auf Papier oder Leinwand zu bannen.

Anhand der „Komposition VII“ lässt sich in Wuppertal der Schaffensprozess nachvollziehen. Vier aufschlussreiche Fotografien (im November 1913 von Gabriele Münter aufgenommen) dokumentieren den rasanten Fortschritt des Bildes, das binnen vier Tagen entstanden ist. Das Gemälde blüht daneben üppig auf, und man ahnt: So und nicht anders hat es wohl werden müssen.

Die Ausstellung setzt im Jahre 1921 den Schlusspunkt. 1922 kehrte Kandinsky, der Deutschland im Ersten Weltkrieg verlassen hatte (und später der Russischen Revolution als Kunst-Experte diente), nach Berlin, Weimar und Dessau zurück. Diese Zeit als Lehrer am ruhmreichen Bauhaus wäre wieder ein ganz anderes Kapitel. Es endete 1933 abrupt, als Kandinsky vor den Nazis nach Frankreich flüchtete.

Wassily Kandinsky: „Der Klang der Farbe (1900-1921). Wuppertal, Von der Heydt-Museum, Turmhof 8. Vom 1. August bis zum 19. September. Katalog 29 Euro.




Schmerzliches Wunder einer Liebe – „Before Sunset“ mit Julie Delpy und Ethan Hawke

Von Bernd Berke

Ohne Rückblick gehts hier nicht: Vor genau neun Jahren brachte Richard Linklater seinen Film „Before Sunrise“ (Vor Sonnenaufgang) heraus. Damals lernten sich die Französin Celine und der Amerikaner Jesse kennen. Sie verlebten in Wien nur einen einzigen, jedoch himmlischen Tag miteinander.

Dann aber, so die Legende, haben sie einander just neun Jahre lang aus den Augen verloren. Nach dieser Distanz setzt nun Linklaters Fortführung „Before Sunset“ (Vor Sonnenuntergang) ein.

Die Fiktion wird also sozusagen in Echtzeit aufgegriffen. Abermals spielen Julie Delpy und Ethan Hawke die Rollen. Jesse macht auf einer Autorenreise Station in Paris, wo Celine seit Jahren lebt. Flammendes Erstaunen seinerseits, als sie in der Buchhandlung auftaucht. Jetzt hat er freilich nur noch ein paar Stunden bis zum Rückflug in die USA. Wird’s also erneut so ein allzu kurzes, schmerzlich süßes Wunder zwischen den zweien, die doch füreinander bestimmt zu sein scheinen?

Sofort ist die Vertrautheit wieder da

Selbst nach so vielen Jahren „fremdeln“ sie nicht. Sofort ist diese Vertrautheit wieder da; wie ein Fluidum, das nicht vergehen kann. Im Nu sprechen sie so innig über ihr Leben, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Warum sie einander „damals“ nicht wie verabredet wiedersahen? Das Drehbuch will es so: Celine musste zur Beisetzung ihrer Großmutter gehen, somit hat Jesse am Treffpunkt vergebens gewartet. Telefonnummern hatten sie aus jugendlichem Leichtsinn nicht ausgetauscht. Daher die endlose Funkstille. Hätte sie ihn denn nicht via Internet-Recherche oder über seinen Verlag erreichen können? Schwamm drüber. Glauben wir’s halt.

Film- und Handlungsdauer sind deckungsgleich: Unter der Fuchtel vermeintlichen Zeitdrucks eilen die beiden durch Pariser Straßen im flirrenden Licht, gehen ins Bistro, fahren mit dem Boot auf der Seine, bewundern aus der Ferne Notre-Dame, sitzen schließlich in Celines Wohnung – und reden, reden, reden. Ganz beseelt.

Neun Jahre des Lebens versäumt

Den Austausch übers Berufliche (sie arbeitet für eine Öko-Organisation, er ist eben Schriftsteller) bringen sie rasch hinter sich. Wie sich zeigt, sind sie beide privat nicht glücklich geworden. Er dümpelt lustlos durch seine Ehe, nur der kleine Sohn bindet ihn emotional.

Sie hat sich durch diverse Beziehungen gehangelt und ihre Illusionen verloren. Immer dringlicher schwebt die Versäumnis- oder Sonnenuntergangs-Frage über ihren Häuptern: Was wäre gewesen, wenn sie vor neun Jahren zusammen geblieben wären? Man möchte heulen über all die verschenkte Zeit. Wenn sie doch wenigstens jetzt die Gelegenheit ergreifen würden!

Zarter Zauber des Spätsommers

Ein solch handlungsarmer, aus getupften Impressionen, wehen Erinnerungen und Hoffnungsschimmer bestehender Film braucht Darsteller mit Ausstrahlung und einigem Esprit. Keine Frage, dass zumal die überaus charmante Julie Delpy darüber verfügt. Wenn sie so belebend spricht und so inständig singt (melancholisches Lied zur Gitarre – über den schönsten „One-Night-Stand“ des Lebens), dann schmilzt man(n) ziemlich dahin. Ethan Hawke hat keinen leichten Stand, behauptet sich aber mit immer noch jungenhaftem Charme.

Zarter Spätsommer-Zauber weht durch diesen Film. Und Jesse könnte seinen Abflug ja verschieben. Vielleicht sogar für immer? Am Ende bleibt es ungewiss. Ein Holzklotz, wer da nicht romantisch seufzt!

 




Wurzeln und Früchte des Terrors – Luc Bondys Inszenierung von Martin Crimps „Cruel and Tender“ bei den Ruhrfestspielen

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Über Luc Bondys Inszenierung „Cruel and Tender“ (Grausam und zärtlich) stand kein guter Stern: Halb leer blieb zur Premiere das Ruhrfestspielhaus, trotz des ruhmreichen Regisseurs. Sodann fiel die Übersetzung der englischen Produktion mehrmals aus.

Überdies litt Darsteller Joe Dixon unter einer Halsinfektion, so dass er nur mit Mikro-Verstärkung antreten konnte. Dies freilich sorgte für einen Verfremdungseffekt, der zum sprachlich prononcierten (Anti-)Konversationsstück passt, in dem politische wie „private“ Sphäre in Elementarteilchen zerlegt werden.

Der Brite Martin Crimp hat „Cruel and Tender“ nach Vorbild geformt: Sophokles‘ Drama „Die Frauen von Trachis“ dient als Folie. Deianira wartet dort auf die Heimkehr des ! kriegerischen Herakles. Bei Crimp wartet Amelia (Kerry Fox, bekannt aus Patrice Chéreaus Film „Intimacy“) auf ihren Gatten, einen General, der in Afrika Terroristen bekämpft und offenbar kein Massaker auslässt.

Amelia verkündet schon anfangs redselig den Befund, dessen Untiefen dann allerdings eindringlich durchmessen werden: Terroristen und deren Widersacher zeugen stets neuen Terror, der tief ins Zwischenmenschliche reicht (weil er letztlich daraus hervorgeht). Auch geschlechtlich scheint das Übel vorgeprägt. Schon kleine Jungs wollen immerzu schießen.

Die Frau grausam genommen – wie einen Feind in der Schlacht

Die Tragödie begibt sich, weil der General das afrikanische Mädchen Laela (Georgina Ackerman) und deren Bruder als Vorboten schickt. Amelia soll sich um die beiden kümmern. Angeblich hat der General die Kinder aus humanen Gründen gerettet, tatsächlich will’s der Unhold nach seiner Heimkehr mit der Schwarzen treiben. Amelia lügt sich ‚was von toleranter Ehe vor, doch in ihr wimmert Eifersucht. Aus rasender Liebe wird sie ihren Mann vergiften. Sie hängt an dem Monster: Grausam zärtlich habe er sie ehedem „genommen“ – wie einen Feind in der Schlacht. Ein richtiger Mann also, findet sie. In derlei Sex-Gemenge lauert von jeher Gewalt.

Famose Kerry Fox! Indem sie zwischen Verzweiflung, Trotz, schier aus dem Nichtsgeschöpfter Kraft und etlichen anderen Emotionen oszilliert, beweist sie ungeheure Präsenz. Amelias „Warteraum“ beim Airport ist ein gestaltloser Ort des Transits zum Tode (Bühnenbild: Richard Peduzzi). Mit Kosmetik und Fitness-Übungen hält sie sich hier bereit für ihren Bezwinger, zankt sich mit widerspenstigem Personal, selbstgerecht taktierenden Einflüsterern und ihrem rüden Sohn.

Der General (Joe Dixon) kehrt erst nach Amelias Freitod zurück. Obgleich durchs Gift nur noch ein röchelndes Wrack, will er sogleich wieder herrschen und zwingen. Er ist durch die Hölle gegangen (irgend jemand musste es schließlich tun?!) und rühmt sich des Sieges über den Terror. Gleichzeitig wittert er überall Gefahr. Dieser paranoide Berserker weckt Furcht – und sogar Mitleid; fast so, wie antike Dramatiker es wollten.

Termine: 12. und 13. Juni. Karten: 02361/92 18-0

 




Die Welt der Sonderlinge – Carl Spitzweg in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Um es nur gleich zu sagen: „Der arme Poet“, jenes millionenfach gedruckte Motiv, fehlt in der Wuppertaler Spitzweg-AusStellung. Wenn ein ambitioniertes Museum auf einen Künstler aufmerksam macht, so will es ja gerade nicht die gängige Sicht bestätigen, sondern möglichst neue Aspekte hervorheben.

Noch dazu ist es schier unmöglich, das verbliebene Münchner Exemplar (eine weitere Fassung wurde in Berlin gestohlen) auszuleihen. Also denn: Kunstkenner mit arroganten Avantgarde-Anwandlungen dürften die Nase rümpfen. Denn Carl Spitzweg (1808-1885) ist heute weithin als harmloser Idylliker des Biedermeier verrrufen, wird aber von vielen (konservativen?) Geistern recht innig geliebt. Hier darf die Betrachterseele ruhen, hier muss sie sich eben nicht mit ausgeklügelten Minimal-Differenzen zwischen monochromen Quadraten und dergleichen modernen Schwierigkeiten plagen.

Das Von der Heydt-Museum zeigt 75 Gemälde und 165 Zeichnungen Spitzwegs. Letztere stammen aus Münchner Privatkollektionen und wurden noch nie in solcher Breite präsentiert. Man gerät somit näher an den Moment der Ideenfindung als bei den sorgsam ausgeführten Ölgemälden. Und die Einblicke in Spitzwegs Skizzen-Werkstatt zeugen allemal von künstlerischer Redlichkeit.

Staunenswerte Akkuratesse

Der Münchner Kaufmannssohn Carl Spitzweg war zunächst wohlbestallter Apotheker. Bei einem Kuraufenthalt überlegte er sich’s anders und fing ein gänzlich neues Leben als Künstler an. Die Grundlagen erarbeitete er sich als Autodidakt, außerdem lernte er manchen Kniff von Malerfreunden wie Moritz von Schwind.

Spitzweg verfügte zweifellos über Talente, die ihn über die meisten Zeitgenossen erhoben. Der Mann konnte beachtliche Landschaften malen, in denen Menschlein nur noch als anekdotische Staffage dienen. Staunenswert auch seine Akkuratesse bei geradezu winzigen Bildformaten. Jedes Detail ist bis aufs Tüpfelchen ausgeführt und durchgestaltet, kleine Charakterstudien sind auf typisierte Weise gültig.

Für heutige Begriffe haltbarer wirken freilich die Werke, in denen es Spitzweg etwas legerer angehen ließ und wo er nicht auf jede Kleinigkeit versessen war. In manchen Partien nähert er sich gar einem nahezu abstrakten Verständnis der Bildfläche, was allerdings noch kein Verdienst an sich ist. Aber es erweitert das Spektrum.

Das Vergnügen kommt ganz leise

Der Rundgang führt, wie kaum anders zu erwarten, vornehmlich durch jene immer etwas versponnene, verschrobene Welt der Sonderlinge, Hagestolze, schrulligen Experten („Käfersammler“) und Einsiedler. Wenn Spitzweg menschliche Schwächen enthüllt, so verzeiht er sie zugleich. Ironie kommt nur in Spurenelementen zum Vorschein, doch gerade dieses unaufdringliche Moment bereitet zuweilen leises Vergnügen.

Fast immer wirken seine Ansichten so naturfriedlich, als hätte sich jemand behaglich aus einem Fenster gelehnt und die Welt mit einigem Wohlgefallen betrachtet. Balsamisch ist’s, man nimmt es leichten Sinnes hin. Unsere Welt ist ja ruhelos genug.

6. Juni bis 25. Juli. Von der Heydt-Museum, Wuppertal (Elberfeld, Turmhof 8). Geöffnet Di-So 11-18, Do 11-20 Uhr). Katalog 19,80 Euro.




Drogen, Sex und alte Meister – Werkschau des Comic-Zeichners Robert Crumb in Kölner Museum Ludwig

Von Bernd Berke

Köln. Seine rüden Bildergeschichten wimmeln von bekifften und sonstwie zugedröhnten Freaks, deren Köpfe zuweilen gar explodieren. Beängstigend dickbrüstige und wadenstramme Weiber werden in jeder denkbaren Stellung zu (willigen) Lustobjekten. Mit solchen Underground-Orgien, mit Figuren wie „Fritz the Cat“ und „Mr. Natural“, hat der US-Comiczeichner Robert Crumb seit den 1960er Jahren Berühmtheit erlangt. Jetzt gibt’s eine Werkschau des Berüchtigten im edlen Kölner Ludwig-Museum.

Crumb selbst, mittlerweile 60 Jahre alt, sieht das ganz gelassen: „Irgendwas müssen sie ja an ihre Wände hängen“, sagt er, als sei’s ihm wurscht. Überhaupt scheint er nicht an irdischen Gütern zu hängen – außer an diesen beiden: „Sex und gute Musik – das macht mich glücklich“, bekennt er in Köln. Glaubhaft versichert Crumb, er sei seit seiner katholisch geprägten, absurd verkorksten und verklemmten Jugend überaus sexbesessen. Wenn man seine Bilder sieht, hegt man daran keinerlei Zweifel.

Wucherungen im Welttheater

Die Ausstellung bietet mit ihren rund 200 Exponaten jedoch weitaus mehr als diese etwas platte Erkenntnis. Auch ein vermeintlich wilder Mann wie Crumb (der persönlich recht sanftmütig wirkt) hat künstlerische Wurzeln in der Hochkultur. Er selbst nennt Hieronymus Bosch, Pieter Breughel und Honoré Daumier. Tatsächlich haben die surreal-bizarren  Wucherungen seines amerikanischen Welttheaters einiges mit dieser Ahnengalerie gemein. Doch im direkten Vergleich mit solchen Größen möchte er sich denn doch nicht ausgestellt sehen. Als Antwort auf den Kölner Ausstellungstitel „Yeah, but is it Art?“ (Ja, aber ist es auch Kunst?) zuckt er nur die Achseln und murmelt: „I don’t know.“ Nie habe er beim Zeichnen an Museumswände gedacht, stets nur an gedruckte Heftchen.

Crumb hat aber beileibe nicht nur Comics geschaffen. Zahllose Skizzen, Zeichnungen er oder Entwürfe für Plattencover zeugen von manischer Produktivität – getreu seinem Motten „Wenn ich nicht zeichne, bin ich nichts.“ Erstaunliche Blätter Crumbs sind in Köln zu sehen, so etwa sehr präzise Hand-, Fuß- und Kopfstudien, wie aus den Ateliers der alten Meister. Wenn die Phantasie wirksam detonieren soll, braucht’s eine derart solide Grundlage.

Der Blick auf die Comics verändert sich im Kontext des Museums: Hier achtet man weniger auf die wüsten Inhalte und viel mehr auf Komposition, Strichführung, Licht- und Schattengebung. Bei näherem Hinsehen wird klar: Crumb, der erste Strips schon als Kind zu Papier brachte, beherrscht seine Mittel souverän.

Bürgerschreck oder erschrockener Bürger?

Und der Sex? Und die Drogen? Nun, Crumb zeigt all das drastisch und dynamisch genug. Doch tief in diesen Bildern stecken Angst und sogar Entrüstung. So hat er sich denn auch nie mit der Szene gemein gemacht, sondern sie aus der Halbdistanz beobachtet. Vielleicht trifft der alte Spruch vom Bürgerschreck zu, der eigentlich ein erschrockener Bürger ist. Wenn Crumb das Hippie-Gewoge und dessen Ausläufer darstellt, so immer auch die Nachtseiten: Orientierungsverlust und chaotische Verwahrlosung in schier schrankenloser „Freiheit“.

Erfolg und jeder Anflug von Käuflichkeit sind Robert Crumb verdächtig. So ließ er Fritz den Kater in der somit letzten Story kurzerhand sterben und den geschwätzigen Guru „Mr. Natural“ schließlich in einer Irrenanstalt verschwinden. Solches Loslassen hält wohl jung.

Robert Crumb: „Yeah, but is it Art?“ Köln, Museum Ludwig (am Hauptbahnhof). Bis 12. September. Di-Do und Sa/ So 10-18, Fr 11-18 Uhr. Eintritt 7,50 Euro. Katalog (sehr ratsam): 28 Euro.




Der Mann aus dem Nichts – Tankred Dorst inszeniert sein Stück „Ich, Feuerbach“ in Bochum

Von Bernd Berke

Bochum. Woanders warten sie ewig und drei Tage auf „Godot“. In Tankred Dorsts Drama „Ich, Feuerbach“ ist es ein Theaterregisseur namens Lettau, der sich partout nicht blicken lässt. Verdacht in beiden Fällen: Wenn jemand dermaßen abwesend ist, so könnte es sich um ein nahezu göttliches Wesen handeln.

Lettau also kommt nur als Leerstelle vor, der abgetakelte Schauspieler Feuerbach hingegen ist schmerzlich vorhanden. Nach sieben Jahren Bühnen-„Pause“ will er heute im Theater aus Goethes „Tasso“ vorsprechen. Doch er trifft nur einen jungen Schnösel an, der sich als Regie-Assistent ausgibt, vom Beruf aber rein gar nichts zu verstehen scheint.

Aus dieser fruchtlosen Begegnung erwächst inniges „Theater im Theater“, durchsetzt mit Anekdoten von den Abgründen des Metiers. Gelächter und Verzweiflung halten sich die Waage. Eine trampelige Frau (Martina Eitner-Acheampong) mit Hund taucht auf, und immer wieder betreten Bühnenarbeiter die Szenerie, sie werkeln gespenstisch schweigsam vor sich hin. Der Betrieb geht weiter, doch das Theater ist wohl längst tot.

Tankred Dorst (78) selbst inszeniert in den Bochumer Kammerspielen sein 1986 uraufgeführtes Stück, das sich erneut als Schauspieler-„Futter“ par excellence erweist. Dorst hat den Text modifiziert: In der Erstfassung lief es darauf hinaus, dass Feuerbach jene besagten sieben Jahre in einer Psychiatrie zugebracht hat und nun seine letzte Chance sucht.

Dieser existenzielle Ansatz bleibt erhalten, wird aber neu eingefärbt durch einen Seitenblick auf theatralische Zeitläufte: Das auf Video-Orgien versessene Regiehandwerk der Gegenwart (Grüß Gott, Herr Castorf!) braucht den Schauspieler eigentlich gar nicht mehr. Der Regie-Assistent (Alexander Maria Schmidt) gibt unbedarft die Parole aus: Es reiche doch, wenn ein Darsteller auf der Bühne Nudeln isst und dabei er selbst bleibt. Sinn und Bedeutung? Nebensache!

Landstreicher mit Loriot-Touch, der mühsam seine Würde im Wahn zu wahren sucht: Wolf-Dietrich Sprenger vollbringt als derart „überflüssig“ gewordener Feuerbach eine Atem beraubende, manchmal stockende, jedenfalls sonderbare Equilibristik. Er zeigt sich und deklamiert unentwegt, doch wir wissen nicht, wer er ist. Er kommt aus dem Nichts und wankt am Ende ins Nichts. Ein Mann im Paradox: abgeschabt seine Würde, würdevoll seine Scham; unverschämt kommt seine Demut daher, demütig seine Anmaßung, und in geradezu leutseliger Weise lässt er bestürzende Einsamkeit ahnen. Vielleicht ist er als Darsteller wirklich ein Genie (gewesen), dieser verrückte Heilige, der in einer quasi-religiösen Szene nackt mit den Vögeln spricht. Ein Mann mit Visionen, der „in Zungen redet“, wie pathologisch auch immer.

Alexander Maria Schmidt ist als Regie-Assistent ein trotz aller geckenhaften Tumbheit gelegentlich gewitzter Widerpart: Er durchläuft die Skala zwischen Ratlosigkeit, Naivität, Entsetzen und Hilfsbereitschaft, die aber jedes Fettnäpfchen findet: „Bekommen Sie denn keine Sozialhilfe?“ will er, halbwegs mitfühlend, von Feuerbach wissen. Grundfalsche Frage an einen, der aufs Unbedingte und Grenzenlose aus ist.

Tosender Beifall nach Bochumer Art.

Termine: 22., 29. Mai, 9.. 27. Juni. Karten:,0234/3333-111




Fern vom Streit der Welt meditieren – Ausstellung „Comment rester zen / gelassen bleiben“ am Dortmunder Ostwall

Von Bernd Berke

Dortmund. Mit dem Wort „meditativ“ ist man oft schnell bei der Hand. Kaum geht’s mal ein wenig stiller zu im Getöse der Welt, so gebraucht man das Etikett gern. Jetzt aber sorgen im Dortmunder Ostwall-Museum 15 Künstler aus der Schweiz für ausgiebige und tiefere Kontemplation.

„Comment rester zen / gelassen bleiben“ heißt die zuvor in Paris gezeigte Schau mit Videos, Tafelbildern, Objekten und Installationen, die auf denkbar sanftmütige Weise mancherlei auratisch oder spirituell getönte Zustände beschwört. Kurator Michel Ritter vom Centre Culturel Suisse in Paris will denn auch ganz entschieden den Blick „nach innen“ richten und größtmöglichen Abstand nehmen von der (medialen) Allgegenwart der Gewalt. Die brennende Aktualität dieser Anti-Position muss man nicht langwierig erläutern: Die Folter-Bilder und das Enthauptungs-Video aus dem Irak spuken dieser Tage in allen Köpfen.

Mit höheren Weihen des Zen-Buddhismus hat das Motto der Ausstellung nur bedingt zu tun, der Begriff ist vielmehr in die französische Alltagssprache eingeflossen und bedeutet ungefähr: „So beruhige dich doch.“ Der deutsche Untertitel lautet schlichtweg: „Gelassen bleiben.“

Eine Anleitung zur Weltflucht? Oder das Aufrufen neuer Kräfte aus eigenen Seelengründen? Es dürfte jedenfalls zum besonderen Erlebnis werden, beispielsweise aus dem hektischen Getriebe der Einkaufszone in diese Ausstellung zu kommen: In einer Raum-Installation von Sylvie Fleury darf man sich als Besucher gar auf eine (beheizbare) Meditationsmatte legen, über asiatisch beschriftete Wandbehänge nachsinnen oder ein ebenso geheimnisvolles Video betrachten.

Einem aus Textilstoff gefertigten Schamanen namens „Baba“ (geschaffen von Vidya Gastaldon) wird man hier begegnen oder auch einem „leibhaftigen“ weißen Buddha, der sich monumental zur Ruhe gelegt hat, jedoch aus ganz ungewichtigem Styropor besteht. Nic Hess hat dieses Denk-Mal einer unverhofften Leichtigkeit errichtet.

Allüberall walten die ewigen Mysterien: Jürg Hassler und Hannes Bossert erkunden in einem Videofilm die Erdkräfte unter unseren Füßen, Daniele Buetti vergegenwärtigt mit einem Licht-Objekt Energieströme, als sei’s ein Sternenfeld. Sarah Glaisens Film, in dem ein Stück Eis unendlich langsam schmilzt, dauert drei Stunden. Und Ceal Floyer führt – gleichfalls filmisch – vor, wie Tinte, die aus einem Stift ausfließt, ganz allmählich einen immer größeren Kreis-Fleck erzeugt. Wer da genügend Geduld mitbringt, könnte in eine Art Trance geraten.

David Lamelas erhob sich im Fesselballon über die Ebenen und Häuser der schweizerischen Stadt Fribourg. Die Bilder von der langsamen Fahrt wirken so beruhigend wie alles Weitere in dieser Schau, die so leicht „konsumiert“ werden und doch in ungeheure Fernen führen kann. Danach sollte man man gaaaanz besänftigt sein.

Ostwall-Museum, Dortmund. Vom 16. Mai (Eröffnung 11.30 Uhr) bis 11. Juli. Di/Mi/Fr/So 10-17, Do 10-20, Sa 12-17 Uhr. Eintritt 3 Euro, kein Katalog.




Im blauweißen Rausch: Schalke-Musical „nullvier – keiner kommt an Gott vorbei“ in Gelsenkirchen

Von Bernd Berke

Gelsenkirchen. An gewisse Hinge muss man zwar fair, aber doch subjektiv herangehen. Wenn Schalke 04 sein Hundertjähriges mit einem Musical im Gelsenkirchener Musiktheater feiert, dann lässt einen dies als Dortmunder (der eben mit dem rivalisierenden BVB fiebert) nicht kalt. Hier also ein „Leidensbericht“ aus dem fremden Vergnügungs-Bezirk.

Ein paar illustre Premierengäste ließen sich blicken: allen voran Nationalmannschafts-Teamchef Rudi Völler und Schalker Recken aus großen Tagen (Klaus Fischer, Rolf Rüssmann & Co.).

„nullvier – Keiner kommt an Gott vorbei“ heißt das fast dreistündige Spektakel mit Musik von Enjott Schneider. Story der vom Verein bestellten Produktion: Schalke steht in den 80ern (zeitgerecht: Bühne von Knut Hetzer, Kostüme von Judith Peter) vor dem Abstieg, weil der spiel- und trunksüchtige Leitwolf Stephan Krause (halbseiden bis zum Klischee: Sören Kruse) absichtlich einen Eifer versieht hat.

Bitte erst nach Saisonschluss sterben

Alle Hoffnungen richten sich nun aufs unverdorbene Jungtalent „Jojo“ Schrader (jugendlich-naive Variante eines „Erlösers“ mit zuweilen schmalziger Stimmlage: Rasmus Borkowski). Der fiese Krause intrigiert auf Dauer vergebens.

Dazu die zuckersüße Liebesgeschichte: „Jojo“ verknallt sich in die Cello spielende (Kultur verschmilzt mit Kickerei!) Unternehmertochter Louisa (Carina Sandhaus). Als die einen Unfall baut und mit Vespa-Roller ins Tattoo-Studio rast, landet sie geradewegs auf Jojo, während der sich das SchalkeEmblem eintätowieren lässt.

Wetten, dass Jojo im letzten Saisonspiel das entscheidende Tor schießt und nach einigen Irrungen Louisa erringt? Zum Schluss vereinen sich erotische Verzückung und Fußball-Enthusiasmus nahezu rauschhaft.

Und die Sache mit Gott? Nun, die ist das Schönste. Denn „Der Alte“ (Heinz W. Krückeberg) bringt echten Revier-Witz ins Spiel, indem er Gott (Andreas Windhuis) um Sterbeaufschub bis zum Saisonende bittet. Der gemütliche Gott wiederum, anfangs weiß gekleidet, trägt hernach ein bläulich schimmerndes Gewand.

Wohlfeiles Sticheln gegen den BVB

Klar, dass man gegen Schwarzgelb stichelt: Den Bösewicht Krause kriegen Jojo und seine Freunde klein, weil sie ihm mit BVB-Tätowierung drohen. Da winselt er: „Bitte alles – nur das nicht!“ Haha. Geschenkt!

Enjott Schneider ist in erster Linie als Filmmusiker („Schlafes Bruder“, „Stalingrad“ usw.) hervorgetreten. Auch seine neue Schöpfung hört sich an wie ein dienender Soundtrack. Doch hier müssten sich die Töne mehr aufdrängen. Nirgendwo findet die leidlich flotte Partitur mit solidem Big Band-Sound (musikalische Leitung: Kai Tietje) aus eigener Kraft zu einem wahren Ohrwurm.

Abstecher in Disco-Rhythmen, Operettenseligkeit oder Orientalik helfen kaum. Die schmissigsten Stellen sind geborgt: „Steh‘ auf, wenn du Schalker bist“ (nach „Go West“ von den Pet Shop Boys) ist der Hit des Abends. Tatsächlich steht das Publikum auf und klatscht frenetisch wie in der Fankurve. Nur notorische Dortmunder bleiben säuerlich sitzen.

Bonbonbuntes Frauenbild der 50er Jahre

Buch (Michael Klaus) und Songtexte (Bernd Matzkowski) stammen leider nicht aus einer Hand. Manches reimt sich recht hilflos. Aber man darf bei solchem Stoff auch nicht zu filigran ziselieren.

Zum Fußball fallen der Regie (Matthias Davids) prägnante Szenen zwischen Büdchen, Umkleide und Training ein, zur Liebe weniger. Da lauert Kitsch, und man arbeitet sich noch an einem bonbonbunten Frauenbild der 50er Jahre ab.

Dass manche Gesangsleistungen begrenzt sind, wird vergleichsweise klar, wenn – neben allen Gästen – Richetta Manager (Ensemble-Star im Musiktheater im Revier) als Tätowiererin Aurora unwiderstehlich gospelt.

„Das eingeschworene Publikum johlt begeistert, und die Chose dürfte zum Selbstläufer werden: Hier kann Blauweiß in Träumen von gottgefälligem Ruhm schwelgen.

Nächste Termine: 11., 13., 16., 28., 29. Mai (teils ausverkauft), weiter bis 30. Juni. Karten (8,50-41,50 Euro): 0209/40 97 200.




Ein Künstler, der die Gegensätze liebt – Ausstellung der Ruhrfestspiele präsentiert Günther Förg

Von Bernd Borke

Recklinghausen. Fast ist’s wie beim Dichter Ringelnatz, der einst diesen Werkstoff im Reime besang: Da gibt man den Dingern einen ganz kleinen Stips – und da sind sie aus Gips. Aus dem eher unedlen Material, geradezu unförmig aufgeschichtet, hie und da „wild“ bemalt, wuchern zudem in schönster Regellosigkeit solche Fragmente hervor: Dichtungsgummi, Latex-Fetzen, Bruchstücke eines Sägeblatts oder zerbeulte Getränkedosen.

Trash-Kunst von der Müllhalde, Überbleibsel vom Baumarkt? Was die puren Materialien anbelangt: ja, irgendwie schon. Es sind spontan verwendete Fundstücke. Doch der Künstler erhebt (ironischen) Geltungs-Anspruch, denn diese Skulptur-Collagen quellen auf hehren weißen Podesten vor sich hin – wie ferne klassische Vor-Bilder, doch so ganz anders geformt.

Günther Förg, 1952 in Füssen geborener documenta- und Biennale-Teilnehmer, scheut weder große noch kleine Gesten. Bei ihm relativiert sich ja alles mit Leichtigkeit. Geschwind überspringt er Gattungsgrenzen der Kunst. Auch sind Konzept und Zufall bei ihm keine Gegensätze. Sogar Pfusch würde nicht großartig auffallen.

Recklinghausens Kunsthalle präsentiert rund 120 neuere Plastiken, Gemälde und Fotografien von Förg, und zwar im Rahmen der Ruhrfestspiele. Das ist diesmal nicht selbstverständlich.

Streit hinter den Kulissen

Es gab Streit hinter den Kulissen, und es blieb lange ungewiss, ob die neue Festspiel-Direktion (Chef: Frank Castorf) die bildende Kunst überhaupt noch einbeziehen wollte. Kunsthallen-Chef Ferdinand Ullrich musste nach überstandenem Gezerre in Windeseile planen: „Hätten wir keine Festspiel-Ausstellung mehr, so wäre das eine Katastrophe für das Haus.“

Mit dem Titel hat man sich sprachlich angeschmiegt: „make it new“ (Mach’s neu) heißt die Förg-Schau, während die gesamten Festspiele unter dem Motto „No fear“ (keine Angst) stehen.

Vor der Eingangstür erhebt sich ein massiver, von Förg weiß getünchter Aluminium-Block: Einladung und Bremswirkung halten sich die Waage. Besagte Gips-Gebilde empfangen den Besucher sodann reihenweise im Erdgeschoss.

Der Betrachter muss sich recken

Im ersten Stock sieht man eigens für diesen Ausstellungsort gefertigte Tafelbilder, darunter ein zwölf Meter langes Riesenformat. Malerisch flott zitiert werden hier etwa die schmalen Fensteröffnungen der Kunsthalle, eines früheren Weltkriegs-Bunkers. Kann etwas zugleich geöffnet und geschlossen wirken? Diese Vexierbilder schon!

Unterm Dach der Kunsthalle muss man sich recken: Hoch an die Wände hat Förg seine Architektur-Fotos gehängt, die zumeist nüchterne Bauhaus-Architektur aus dem Prag der 1920er Jahre zeigen. Förg will jedoch nicht dokumentieren. Seine schwarzweißen Lichtbilder erfassen willkürliche Ausschnitte, sie wirken wie im Vorübergehen aufgenommen, sind gelegentlich unscharf und verwischt. Zu allem Überfluss nimmt Förg es ganz bewusst in Kauf, dass sich das einflutende Licht auf der Verglasung spiegelt. Hier kann sich der Besucher nicht bequemen.

Irritierend auch das Umfeld: Förg, der gern in Serien denkt und handelt, hat sich 18 satteldachförmige Pulte bauen lassen und sie jeweils beidseits mit sichtlich flugs entworfenen Acryl-Malereien verziert, so dass sich 36 „Motive“ ergeben. Gitter- und Fensterstrukturen überwiegen bei diesem äußerst freien Spiel mit architektonischen Vorgaben. Und auch hier gibt’s flirrende Doppelwirkungen: behaust und unbehaust, standfest und flüchtig.

Günther Förg: „make it new“. Kunsthalle Recklinghausen (am Hauptbahnhof). Eröffnung Sonntag, 2. Mai. Bis 18. Juli. Katalog 21 Euro.




Die Schweiz kommt schräg

Schweizer Impression (Foto: Bernd Berke)

Schweizer Impression (Foto: Bernd Berke)

Basel/Genf/Dortmund. Drei Tage, fünf Städte, zwei Sprachzonen. Es war ein straffes Kurzreise-Programm, das die Schweizer Kulturstiftung „Pro Helvetia“ und die Organisation „Präsenz Schweiz“ arrangiert hatten. Unterwegs gab’s manchen Vorgeschmack auf die vielen Gastpiele der Schweizer Kultur ab Mai in NRW. Zentrum mit rund 100 der 160 Veranstaltungen wird Dortmund sein.

Die 37. Internationalen Dortmunder Kulturtage tragen den Titel „scene: schweiz“. Nicht so sehr mit Glanz und Gloria der Künste will das Alpenland bei uns prunken, sondern den Blick eher auf „Alternativen“ auf diverse Freie Szenen richten.

Eröffnet wird der Reigen, der zahlreiche Dortmunder Spielorte (u. a. Konzerthaus, Theater Fletch Bizzel, Jazzclub „domicil“) umfassen wird, allerdings festlich; so mit einem klassischen Ballett des Grand Théatre de Genève am 16. Mai (18 Uhr) im Opernhaus. Die renommierte Compagnie, die im altehrwürdigen Gehäuse am heimatlichen Standort Genf über eine der modernsten Bühnen-Maschinerien Europas verfügt, wird einen Querschnitt durch ihr jüngstes Schaffen darbieten. Es dürfte eine ästhetisches Ereignis ersten Ranges werden. Tatsächlich geradezu paradiesisch schön: die Szenen aus dem Tanzstück „Para-Dice“. Ballettfans aus Dortmund und der Region können sich schon darauf freuen.

Der Hauptlinie des Festivals entspricht jedoch eher die freie Tanztruppe im Théâtre Sévelin, die sich auf einem alten Fabrikgelände in Lausanne niedergelassen hat. Gründer und Leiter Philippe Saire, der hier die einzige reine Tanzbühne der Schweiz etabliert hat, huldigt einem aufregenden, ja bisweilen aufwühlenden Körper-Theater, das hie und da an die wundersamen Exerzitien der Pina Bausch erinnert. Um Liebeslust, Liebesweh und sexuelle Identitäten geht es hier wie dort. Am 4. Mai wird die Compagnie Saire ab 20.30 Uhr in der Dortmunder Reinoldikirche auftreten, danach in Bonn, Aachen und Düsseldorf. Vorführen wird man die Produktion „Les Affluents“ (etwa: die Zusammenfließenden). Vielfältige Begegnungen der Geschlechter setzen dabei die geradezu „obszön“ wirkende Urgewalt des Eros, jedoch auch ungeahnt zärtliche Momente frei. Das Gastpiel soll nicht ohne Folgen bleiben: Mit dem Tanzhaus in NRW (Düsseldorf) will man künftig dauerhaften Austausch pflegen.

Natürlich wird nicht nur getanzt. Einige kabarettistisch, clownesk oder satirisch geprägte Schweizer Bühnenproduktionen kommen ab 12. Mai im Dortmunder „Fletch Bizzel“ heraus. Es wird zudem etliche Filmvorführungen geben. Emil Steinberger wird am 21. Mai zur Lesung im Schauspielhaus erwartet.

Vor allem aber wird die bildende Kunst ihre „Auftritte“ haben: Im Museum am Ostwall lautet das Motto vom 16. Mai bis 11. Juli: „comment rester zen“ (frei übersetzt: Wie man gelassen bleibt). Hier spüren Schweizer Künstler den schweigsam schwingenden Kräften meditativer Weltbetrachtung nach.

Bereits ab 1. Mai (bis 4. Juli) wird die imposante Dortmunder „PhoenixHalle“ auf dem westlichen Gelände des früheren Hoesch-Stahlwerks von mehr als 20 Schweizer Künstler(inne)n bespielt, und zwar mit neuesten Ausformungen der Foto-, Video-, Computer- und Internet-Kunst. Kostproben waren in Basel zu sehen. Manches scheint schöne, gar naive Spielerei zu sein, anderes ist vielleicht unterwegs zur Vision kommender, vollends technisch bestimmter Zeitalter. Federführender Gastgeber der Schau „So wie die Dinge liegen“ ist der von Deutschlands Kunstkritikern jüngst preisgekrönte Dortmunder „hartware medien kunst verein“ (Iris Dressler, Hans D. Christ).

Ein visuelles Großereignis namens „Wind der Hoffnung“ freilich konnte sich Dortmund nicht sichern, aus logistischen Gründen musste man abwinken und Oberhausen den Vortritt lassen: Ein fast 60 Meter hoher Fesselballon mit 35 Metern Durchmesser wird (vom 26. Mai bis 31. November) im Inneren des 117 Meter hohen Gasometers aufgepumpt – „passt und hat Luft“. Kurator Wolfgang Volz, der am selben Ort schon Christos Fässer-Invasion („The Wall“) zum Event mit 400 000 Besuchern machte, plant dazu Ton- und Lichtinszenierungen (Musik von Philip Glass) sowie eine bündige Dokumentation über die phänomenale Schweizer Abenteurer-Familie Piccard, deren anekdotenträchtige Nachlässe sich im Musée du Léman zu Nyon am Genfer See befinden. Auguste Piccard fuhr als erster Mensch mit einem Ballon in die Stratosphäre hinauf, sein Sohn Jacques stellte in einer Krupp-Spezialkapsel den nicht mehr zu verbessernden Weltrekord im Tieftauchen (rund 11000 Meter) auf – und dessen Filius Bertrand wiederum umrundete 1999 in jenem Ballon, der in Oberhausen gezeigt wird, die gesamte Erdkugel. Das soll’s dann aber auch gewesen sein: Bertrand hat zwei Töchter, die auch nach dem Willen des Vaters das landesübliche Leben genießen möchten…

Noch wird letzte Hand angelegt ans Programm der Kulturtage, das komplett am 20. April in Dortmund vorgestellt werden soll. Für Lukas Heuss, Betreuer der internationalen Projekte bei „Pro Helvetia“, ist jedenfalls die Zielrichtung klar: Die Schweiz will weg vom Klischee aus Bergidyll und Geldwäsche, ja Heuss findet sogar: „Diese Imagepflege haben wir bitter nötig.“ Eine „freche, kunstvolle, selbstkritische Schweiz“ solle statt dessen sichtbar werden.

Ins Umfeld gehören z. B. auch der Schweiz-Schwerpunkt der Wittener Tage für Neue Kammermusik (23. bis 25. April) und das Jazzfest „europhonics“ (im Herbst im neuen „domicil“-Haus an der Dortmunder Hansastraße). Die Schweiz kommt also auf breiter Front: mit manchmal schrägen Bildern, Klängen, Szenen. Alphorn, ade!

(Der Beitrag ist zuerst am 15. April 2004 in der „Westfälischen Rundschau“ erschienen)




Ein Glimmen in den Ascheresten der Gefühle – Eric-Emmanuel Schmitts Zweipersonenstück „Enigma“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Der Dichter-Titan Abel Znorko lebt seit vielen Jahren als Eremit auf einer Insel in Polarnähe. Nähert sich jemand seiner Behausung, greift er zum Gewehr und feuert. Kein schöner Zug des Nobelpreisträgers.

Reales Vorbild könnte J. D. Salinger („Der Fänger im Roggen“) sein, dem man nachsagt, es mit ungebetenen Gästen ähnlich rabiat zu halten.

Dabei hat Znorko dem vermeintlichen Journalisten Erik Larsen doch schriftlich ein Interview genehmigt. Und nun empfängt er ihn mit solchen Salven. Dann aber lässt er ihn herankommen; freilich nur, um ihn eisgrau abweisend zu behandeln. Eric-EmmanuelSchmitts Erfolgsstück „Enigma“ ergeht sich fortan in dialogischen Sinn-Wendungen, die das Gesagte und für wahr Gehaltene immer wieder umstoßen.

Wenn alle Fassaden abgetragen sind, bleiben zwei verflucht einsame Männer zurück, deren Gespräche um eine bestürzend abwesende Frau kreisten. Znorko, der sich von ihr getrennt hatte, um gerade in dieser Distanz die reine Liebe zu wahren, wollte ihr brieflich verbunden bleiben. Larsen hingegen hat mit ihr gelebt. Die ferne und die nahe Liebe, gleichermaßen fruchtlos. Ob in den Ascheresten der Gefühle noch etwas glimmt?

Harald Demmer hat das wortreich gewundene Zweipersonen-Drama im Dortmunder Schauspiel-Studio inszeniert. Die wenigen Requisiten künden von einsamer Verwahrlosung: zwei schäbig senffarbene Sessel; ein dürftiges Bar-Eckchen mit Hochprozentigem, ein achtlos gehäufter Bücherstapel mit Znorkos eigenen Werken, ein Plattenspieler, ein Bild vom weiten Wolkenhimmel. Nichts, was vom Dialog-Duell ablenken könnte.

In Berlin begab sich jüngst Mario Adorf in die Znorko-Rolle, in Paris übernahm Alain Delon den Part. Ein Fall für gereifte Prominenz also. Es lag ziemlich nahe, den Autor in Dortmund mit Claus Dieter Clausnitzer zu besetzen. Anfangs hört man ihm und seinem existenziellen Widerpart Pit Jan Lößer (als Larsen) denn auch äußerst gespannt zu, man vernimmt da buchstäblich jedes Knistern zwischen ihnen.

Auch gekürzt trägt das Stück nicht über die ganze Distanz

Doch selbst in gekürzter Form „trägt“ das Stück nicht über die gesamte Distanz. Gewiss enthält es einige klug gesetzte Pointen und Denkanstöße. Doch allzu planvoll und willkürlich stellt Schmitt seine „Geheimnisse“ aus dem Baukasten her. Ständig sucht er Überraschungen, bis es halt keine mehr sind und man sie eh schon in irgend einer Form erwartet. Edward Elgars musikalische „Enigma“-Variationen (1899), die bei der Namensgebung Pate standen, dürften ungleich rätselhafter sein.

Die Mängel der Text-Vorlage, die zu oft mit überzeitlichem Gestus auftrumpfen möchte (ein Autor muss hier eben Nobelpreisträger sein, und als Krankheit kommt nur Krebs in Frage), lasten auf den Schauspielern.

Vielleicht könnte man gegensteuern, indem man vollends boulevardesk oder aber gänzlich unterkühlt spielt. Doch in Dortmund lassen sie sich gelegentlich hinreißen zu bitterem Ernst. Es kommt dann zu heftigem körperlichen Gerangel und überdeutlichen Verzweiflungs-Gesten. Man tut dem Text damit wohl zu viel Ehre an, denn allem ersten Anschein zum Trotz lotet er gar nicht so furchtbar tief.

Gleichwohl hat die Inszenierung immer wieder sehr konzentrierte Phasen – und die beiden Darstellet finden vielfach zu subtileren Zwischentönen. Clausnitzer lässt schmerzlich spüren, wie sehr der schroffe und unwirsche Znorko ein Echo aus der übrigen Welt ersehnt. Und Lößer zeigt zum Erbarmen, wie dringlich auch Larsen des heilsamen Zuspruchs bedarf.

Termine: 1., 9, 17. April, 14., 30. Mai. Karten: 0231/50 27 222.




Der Mensch in hundsgemeinen Perspektiven – Bilder von Johannes Grützke in Olpe

Von Bernd Berke

Olpe. Fast alle Menschen auf Johannes Grützkes Bildern wirken, als habe sie einer im falschen, im denkbar peinlichsten Moment ertappt. Sie schneiden allerlei krampfhafte Grimassen; krähend lachen sie, als wären sie völlig entgeistert – und vom Ebenmaß oder Schönheit dürften sie nicht einmal träumen.

Der Berliner Grützke, vieldeutig funkelnder Ironiker und Sarkast unter Deutschlands (kritischen) Realisten, firmiert eigentlich als ausgesprochener Großstadt-Maler. Doch jetzt hat es eine Reihe seiner Bilder ins sauerländische Olpe verschlagen, noch dazu in den Saal des Kreishauses. Ob sich die Leute, die dort in den nächsten Wochen tagen, unter den stechenden Blicken der Grützke-Gestalten immer behaglich fühlen werden?

Klaus Droste vom Olper Kunstverein Südsauerland hat die Schau in Zusammenarbeit mit der Essener Galerie „KK“ erstellt. Die meisten Stücke dieser ausschnitthaften Retrospektive (Ölbilder, Lithos, Radierungen, Pastelle von 1964 bis 2004) sind daher käuflich zu erwerben.

Sie starren dich an wie nicht gescheit

Grützke zeigt seine Figuren (darunter häufig Varianten seiner selbst, mit spezifisch grünlichem Bartschatten) in gewagten Anschnitten, so dass im Extremfalle kopflose Wesen herumgeistern. Auch lässt der Künstler den Modellen derart hundsgemeine Draufsicht-Perspektiven angedeihen, dass ihre quellend fleischlichen Körper zu aberwitzigen Verkürzungen gestaucht werden. Überdies rücken sie einem so beängstigend nah, als wollten sie im Nu das Bild verlassen. Und vielfach starren sie den Betrachter an wie nicht gescheit. Herrlich grauslich.

„Schule der Neuen Prächtigkeit“

Grützke (Jahrgang 1937) trat 1973 pompös hervor, als er u. a. mit Matthias Koeppel (Erfinder der erzkomischen Kunstsprache „Starckdeutsch“) die „Schule der Neuen Prächtigkeit“ ausrief. Malen und fürstlich auftrumpfen wie die alten Meister, aber nichts und niemanden ernst nehmen, so könnte die Devise gelautet haben. Büstenhafte Figuren aus dem traditionellen Kanon tragen denn auch schon mal schnöde moderne Armbanduhren und schauen drein wie untote Wiedergänger nach überlangen Videonächten.

Der Dämon des Grotesken

Eine Wegmarke in Grützkes späterem Schaffen war das über 30 Meter lange Wandbild zur gescheiterten 1848er Bürger-Revolution, gemalt für die ehrwürdige Frankfurter Paulskirche (1991). Bilder zu diesem Themenkreis, den Grützke mit Herzblut verfolgt, finden sich nun in Olpe.

Hauchzarte, ätherische Porträts zeugen davon: Inhaltlich stets am klassischen Bildungsgut orientiert, hat Grützke allemal das Zeug zur wunderbar seidigen Feinmalerei. Doch meist ergreift der Dämon des Grotesken von ihm Besitz. Dann fährt der Pinsel wie ein Kobold drein.

Kreishaus Olpe. 28. März (Eröffnung 17 Uhr in Anwesenheit des Künstlers) bis 21. April.




Die Kannibalen wollen doch nur spielen – Paolo Magelli inszeniert Nestroys „Häuptling Abendwind“ als Insel-Karneval

Von Bernd Berke

Mülheim. Dschungel-Drama ganz anders: Österreichs Theater-Urviech Johann Nepomuk Nestroy (1801-1862) verlegte seine Burleske „Häuptling Abendwind“ in exotische Gefilde, damit er europäische Gebräuche umso trefflicher zerrspiegeln konnte. Ja, jegliche nationale Staatlichkeit gerät hier ins Fadenkreuz des Witzes. Fast schon ein anarchistischer Ansatz.

Paolo Magelli (Regie) und Gralf-Edzard Habben (Bühnenbild) haben die grelle Rarität fürs Mülheimer Theater an der Ruhr in Szene gesetzt. Ein abgezirkeltes Halbrund markiert den Bühnenausschnitt, der wie eine gläserne Schneekugel wirkt. Darin leuchten Südsee-Farben: Alles so schön bunt hier! Es herrscht allerliebste, spielzeughafte Künstlichkeit. Am Schluss werden Bühnenarbeiter kommen und dies alles auf offener Szene abbauen: Es war nur ein Spiel, nun ist es aus.

Wenn zwei Herren jeweils des anderen Gattin verspeist haben

Die abstruse Geschichte stellt alle abendländische Konferenz-Diplomatie parodistisch auf den Kopf: Häuptling Abendwind (Rupert J. Seidl) erwartet den „Staats“-Besuch des Nachbar-Häuptlings mit Namen „Biberhahn, der Heftige“ (Volker Roos). Wie sich herausstellt, haben die in knappen Schurz-Kostümen stolzierenden und meist dröhnenden, doch zuweilen auch geziert parlierenden Herren jeweils heimlich des anderen Gattin verspeist. Als Witwer also sehen die kannibalischen Fürsten sich nun wieder. Ihr Beratungsthema: die verhasste Entdeckung ihrer Inselwelt durch Europäer. Gegen solche „Globalisierung“ wollen sie sich wappnen.

Weil das Jagdglück bei der Tierhatz nicht hold war, will Abendwind seinem Gast halt einen menschlichen Fremdling und Friseur namens Arthur (Albert Bork) servieren, der als Schiffbrüchiger auf der einsamen Insel gestrandet ist. Des Herrschers Leibkoch Ho-Gu (Klaus Herzog) wetzt schon die Messer. Doch mit diesem Arthur, der sich flugs in Abendwinds 16jähriges Töchterlein Atala (Nicola Thomas) verguckt, hat’s eine besondere Bewandtnis..

Mit ein paar wienerischen Tonfällen beginnt das Spektakel. Doch derlei Anklänge verlieren sich. Es werden etliche hinterlistige Dialekt-Anspielungen ausgelassen (die in unseren Breiten zum Großteil erklärungsbedürftig wären). Doch vor allem wird Nestroy einiges von seiner funkelnden Bosheit genommen.

Dünne Decke der Zivilisation vorsichtig lupfen

Hie und da lupft man die dünne Decke der Zivilisation, doch nur ganz vorsichtig. Magelli erspart uns eine blutige Menschenfresser-Orgie. Diese leichthändige Inszenierung will gar nicht mehr sein als Farce, Burleske, Inselwitz, Karneval, Slapstick und Geierabend. Solche Gefilde werden allemal recht stilsicher angesteuert. Sich begnügen bringt auch Vergnügen.

Mit Schmäh und gezieltem Über-Dreh grantelt man die Couplets und Lieder des Jacques Offenbach, die hier innig zum Stück gehören. Herrlich schräg und fast falsch tönt’s – genau so ist es richtig. Manchmal klingt es beinahe schon nach Brecht/Weill, doch auch Mozart hallt noch nach. Zwischendurch dringt mancher bedrohliche Urklang wie aus unvordenklicher „Traumzeit“ der Aborigines hinein. Ein weißer Bär (Simone Thoma), Sinnbild des Irrationalen, tapst durch die Szenerie, bis er ein für allemal verschwunden ist. Hier ist kein Platz mehr für kultisch verehrte Wesen.

Gespielt wird mit Lust am absurden Detail. Man tollt und kobolzt zwischen Plastikpalmen. Jeweils ein Schauspieler genügt, um die beiden Völker der Herrscher erzkomisch darzustellen (Fabio Menendez, Steffen Reuber). Und jener „Hulla-Hulla“-Kriegsgesang der Papatutuaner, eine Art Nationalhymne der wilden Staatsgäste, hört sich glatt nach „Humba, Humba, Täterää“ an. Kamelle!

Termine: 25., 27. März, 22., 30. Art April. Karten: 0208/5 99 01 88.




Wie eine Bußpredigt zur Umkehr – „Der Untenstehende auf Zehenspitzen“ von Botho Strauß

Von Bernd Berke

Botho Strauß gilt als erklärter Widersacher der Gegenwart. Hier und jetzt verbucht er lauter Verluste. In seinem neuen Buch führt er abermals Klage: Es schwinde jede wahre Sinnlichkeit, es verflüchtige sich jeder feste Glaube.

Es wachse hingegen die Abstumpfung, und süchtige Sex-Mechanik habe den „heiligen Sexus“ verdrängt. Allmählich vergehe sich auch die Fähigkeit, das Vermisste auszudrücken, weil die dafür nötige Sprache kaum noch gebräuchlich sei.

Angesichts solch düsterer Befunde war es umso erstaunlicher, jüngst von einer raren Begegnung mit dem äußerst zurückgezogen in der Uckermark lebenden Autor zu lesen. Strauß, so die FAZ-Sonntagszeitung, habe sich in seiner Einsiedelei ein privates DVD-Kino mit allem HighTech-Komfort eingerichtet. Hin und wieder bitte er die Dorfbewohner zu Filmabenden (nicht nur stilles Kunstkino, sondern „Matrix“, „Blade Runner“ und dergleichen). Per Internet forsche Strauß zudem stets nach Neuerungen auf dem DVD-Sektor.

Das Internet als Menetekel der Sinnleere

Doch keine Bange, Strauß ist nicht etwa zum besinnungslosen Technik-Freak mutiert. Für alle, die seinen mythischen Feinsinn als gewisse Gegenkraft zur Banalität schätzen, rückt er jetzt im Buch „Der Untenstehende auf Zehenspitzen“ die Verhältnisse wieder zurecht. Gerade das Internet, in dem alles zugleich vorhanden und gleich unwirklich ist, dient ihm als Menetekel anschwellender Sinnleere. Doch Rettendes wächst wohl auch: Die herrschende Desorientierung sei vielleicht ein Nährboden fürs gänzlich Unerhörte.

Der Band enthält Reflexionen, Notizen, gedankliche Essenzen. Am Horizont dieser Aufzeichnungen droht konkret der Umbau des Menschen, durch Klon-Technik oder computerelektronische Invasionen des Leibes und der Seele. Manche Zeit-Genossen, so stellt Strauß bestürzt fest, hätten sich bereits in solcher Zukunft eingerichtet, indem sie effektiv, cool und folgenlos durchs Dasein „surfen“. Cool sei man nur unter Missachtung fremden Leids..

Sehnsucht nach neuer Frömmigkeit

Dagegen versucht Strauß, als sei’s zum letzten Male, vor- und überzeitliche Mächte zu beschwören: die Poesie mit ihren uralten Welt-Bildern, die auf einsamen Wanderungen beobachtete Natur, die Vorboten höherer „Erscheinungen“, mithin auch Religion und Mythen – und das wunderbar‘ „törichte“ Staunen wie aus Kindertagen.

Strauß ersehnt neue „Passion“ und Frömmigkeit, wünscht sich „Aufschub“ in rasender Zeit. Man ahnt: Wir sind mitten in einer traditionsbewussten Bußpredigt der Umkehr und des Innehaltens.

Strauß schreibt an gegen missliche Folgen der Aufklärung und Selbstverwirklichung. Er wolle sich nicht befreien, sondern (gleichsam auf Zehenspitzen) aufblicken und Kostbares „empfangen“. Und er bekennt eine „Schuld“ aus APO-Zeiten, als auch er über allem soziopolitischen Geschrei einen Dichter wie Georg von der Vring übersehen habe, der 1968 starb.

Windkrafträder löschen alle Dichter-Blicke

Die Landplage der Ökologie bringt ihn in Harnisch: „Eine brutalere Zerstörung der Landschaft, als sie mit Windkrafträdern zu spicken und zu verriegeln, hat zuvor keine Phase der Industrialisierung verursacht. Es ist die Auslöschung aller Dichter-Blicke von Hölderlin bis Bobrowski.“ Recht hat er.

Manches könnte man schrullig oder „reaktionär“ finden, wenn es denn so simpel zufassen wäre. Strauß‘ haarfein ausdifferenzierter Kulturpessimismus stellt jedoch trennscharfe Diagnosen und deutet womöglich gar auf Heilkräfte in der Krise hin. Denn hier wird zwar hochfahrend gedacht, aber demütig empfunden. Wer zornig wird wegen der Strauß’schen Gegenaufklärung, der darf noch diesen Satz des Autors wägen: „Jede Meinung ist mir fremd, doch ich genieße sie.“

Botho Strauß: „Der Untenstehende auf Zehenspitzen“. Hanser, 169 Seiten, 17,90 Euro.