Zum Tod von Ulrich Wildgruber: Ein Berserker, der uns sprachlos machte

Welch ein tragisches, nahezu theatralisches Ende: Einsam aufgefunden am Strand von Westerland auf Sylt, mit verwehtem Sand bedeckt. Nur einen Rucksack hatte er bei sich, darin steckten Geld und persönliche Papiere. Höchstwahrscheinlich hat der seit langem herzkranke Schauspieler Ulrich Wildgruber den Freitod gewählt.

Der Flensburger Staatsanwalt Helmut Kanzler kleidete es gestern in die Sprache der Behörden: „Wir wissen, dass er suizidale Absichten hatte“. Später bestätigte er die Existenz eines Abschiedsbriefes, den Wildgruber seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Martina Gedeck, in Berlin hinterlassen habe.

Die Berliner Schaubühne ließ verlauten, man habe keine Depressionen bei dem 62jährigen bemerkt. Seine Bühnenpartnerin Eva Mattes meinte, Wildgruber sei zuletzt sehr erschöpft gewesen.

Über die Hintergründe wissen wir also nichts Genaues. Aber eins ist wahr: Wir sind traurig. Der Kritiker Gerhard Stadelmaier hat Wildgruber den einzigen wirklich revolutionären Darsteller genannt, den dieses Land nach dem Kriege hervorgebracht habe.

In der Tat ist er ein Berserker, ein machtvoller Anti-Schauspieler gewesen. Die Bühne betrat er nicht einfach, sondern er stürmte, fegte, watschelte fahrig darüber hinweg, offenbar ziellos gegen imaginäre Begrenzungen anrennend, mit wirrem Haar und glühendem Blick, so dass man erschrak. Er schien geistig so abwesend und war doch grellwach, war sofort leibhaftig ganz und gar da.

Nach herkömmlichem Verständnis konnte er weder artikuliert sprechen noch differenziert spielen. Viele Figuren überwältigte er auf gleiche Weise, das übliche Handwerk verweigernd: feist, schwitzend, nuschelnd, die Worte achtlos hinwerfend. Doch er zerbröselte Rollen und Texte so, dass in der Asche oft etwas Tieferes aufglomm: dunkelste Triebkräfte des Seins und Handelns. Dieses Wunder bewirkt man nicht mit traditioneller Deklamation. Das Brecht-Wort „Glotzt nicht so romantisch!“ hätte als Motto zu Wildgrubers Tun gepasst. Was er anfasste, wusste er zu verfremden. In seine Charaktere konnte man sich nicht „einfühlen“, man sah sich ihnen sprachlos gegenüber.

Wildgruber hat auch mit Regisseuren wie Hans Neuenfels, Claus Peymann und Peter Stein gearbeitet. Doch auf einen solch monströsen, in den 70er Jahren bitter notwendigen Stückezerstäuber hatte vor allem Peter Zadek gewartet: 1974 spielte Wildgruber bei ihm Shakespeares König Lear, 1977 den „Hamlet“ – beides in Bochum, beides unvergessen. 1976 war er der Hamburger „Othello“, ein „Mohr“, dessen schwarze Schminke nach und nach zerfloss und auf andere Figuren abfärbte.

Enzensbergers „Menschenfeind“ (nach Molière, 1979), Bernhards „Theatermacher“ (1990) Becketts Krapp in und „Das letzte Band“ (1997) waren weitere prägende Rollen. Jüngst spielte er in Zadeks „Hamlet“ an der Berliner Schaubühne (Titelrolle: Angela Winkler) den Polonius.

Seine wüste, tapsige, gelegentlich unsagbar komisch wirkende Körperlichkeit (ein „Riesenkind“ nannten ihn viele) trieb unverhofft gläsern zarte Nuancen hervor. Dann konnte er schwerelos über die Bretter tänzeln und geradezu durchsichtig wirken.

Der am 18. November 1937 in Bielefeld geborene Wildgruber lief auch biographisch kreuz und quer. Kurz vor dem Abi verließ er die Schule, hernach wich er von vorgezeichneten Wegen ab – bis er ans Wiener Reinhardt-Seminar kam. Seine Mitstudenten hießen Franz Xaver Kroetz, Hans Neuenfels, Elisabeth Trissenaar und Libgart Schwarz. Ein legendärer Jahrgang.

                                                                                                                           Bernd Berke

 




Springteufel der Kultur – die Verfilmung von „Sofies Welt“

Von Bernd Berke

Da trifft Sofie mal eben den alten Knaben Leonardo da Vinci und sieht, wie er gerade seine „Mona Lisa“ fertig malt. Ein paar Schritte weiter meißelt Michelangelo eine Skulptur. „Sofies Welt“ könnte so aufregend sein. Doch in der Verfilmung des Weltbestsellers von Jostein Gaarder hat die Kleine gar keine Muße, sich mit all den berühmten Herrschaften zu befassen.

Erik Gustavsson habe das teuerste norwegische Lichtspiel aller Zeiten gedreht, und aus 4000 Bewerberinnen sei die Sofie-Darstellerin Silje Storstein ausgewählt worden. So strunzt die Werbung. Tatsächlich ist das Mädel sympathisch. Und zweifellos setzt der Regisseur mit technischen Tricks gleichsam die ganz große Fernbedienung in Gang, um sich durch Buch und Historie zu zappen.

Sofie, 14-jährigesMädchen mit okkulten Neigungen, bekommt rätselhafte Briefe. Postbote ist ein Hund, Verfasser der Philosoph und Luftgeist Alberto Knox, der freilich einem „Major“ (Gott?) Untertan ist. Knox verfolgt Sofie mit Grundsatzfragen: „Wer bist du?“ – „Woher kommt die Welt?“ Alsbald erscheint er selbst und nimmt Sofie mit auf eine traumhafte Zeitreise durch Europas Philosophie- und Kulturgeschichte. Ganz schön cool, findet Sofie. Doch nun beginnt das luxuriös gepolsterte Elend dieses Films.

Teuer drapiert und dann verramscht

Denn all die großen Geister, die wohl etwas zu sagen hätten (und im Buch ungleich ausführlicher behandelt werden), finden hier bloß Zeit für jeweils einen kernigen Merksatz. Lauter Springteufel der Kultur.

Etwa so: Sokrates fordert hastig Denkfreiheit und muss sogleich den Schierlingsbecher austrinken. Schade. Schon tot. Vom Franzosen Descartes vernimmt man nur die Worte „Cogito, ergo sum“ (Ich denke, also bin ich) – damit ist die Sache abgetan. Sein dänischer Philosophen-Kollege Kierkegaard taumelt kauzig durchs Bild, ruft „Man muss eine Wahl treffen!“ und schon ist auch er im Orkus der Zeiten verschwunden, aus dem Nietzsche „Gott ist tot“ röchelt.

Shakespeares „Sein oder Nichtsein“ wird bebend deklamiert, Frankreichs Revolutionäre von 1789 dürfen ihre Losung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ beisteuern, sodann eine Guillotine niedersausen lassen und zackig abtreten. Russlands Bolschewiki grüßen heiser mit „Towarisch“ (Genosse). Dazu ertönt die „Internationale“, und irgendwer hält Marx‘ „Kommunistisches Manifest“ vor die Kamera. O weh! Seltsam nur, dass Sofie mit all diesem flugs erhaschten Zwanzigstel-Wissen ihrem Lehrer imponiert. Ist der Bildungsnotstand so arg?

Doch die ganze Klippschule hat sich mächtig in Schale geworfen, denn der geistige Schwund muss durch aufwendige Kulissen und Kostüme wettgemacht weiden. So ersteht das antike Athen vor unseren Augen neu, und wir dürfen staunend durch Renaissance-Paläste schweifen. Postmoderner Budenzauber, der umstandslos Markenzeichen der Epochen einsammelt und als Mummenschanz herrichtet.

Dass Sofie eine Doppelgängerin hat, dass auch noch ihr Vater und der Buchautor (gottgleich kann er die Figuren auf der letzten Seite enden lassen) ins Spiel kommen – geschenkt! Was im Buch so klug und kunstvoll unterhält, wird hier nur teuer drapiert und dann billig verramscht.




Über allem schwebt ein Licht: Zwei Ausstellungen über Christian Rohlfs – Münster sticht Hagen deutlich aus

Von Bernd Berke

Münster/Hagen. Viele, viele Jahre hat der Künstler Christian Rohlfs in Hagen gelebt, 1938 ist er hier gestorben. Man sollte denken, dass ihm, der längst zum Ehrenbürger der Stadt ernannte wurde, an diesem Ort eine Retrospektive ausgerichtet wird, weil sich sein Geburtstag (22. Dezember 1849) zum 150. Mal jährt.

Doch die Hagener lassen es im Hohenhof beim relativ knappen Einblick in den reichen Eigenbesitz bewenden. Derweil präsentiert das Landesmuseum in Münster die weitaus umfangreichere Schau – übrigens auch mit einigen Leihgaben aus Hagen. Absprachen wurden ansonsten offenbar kaum getroffen, denn gestern luden beide Häuser zur Vorbesichtigung ihrer Rohlfs-Ausstellungen ein – auf die Minute zeîtgleich.

Bearbeitung mit der Drahtbürste

Hagens „Heimvorteil“ ist leider dahin: Bevor man sich also der Kunst wegen in zwei Teile zerreißt, sollte man die prachtvolle Münsteraner Auswahl (Koproduktion mit der Kunsthalle Emden) vorziehen. Unter dem poetischen Titel „Das Licht in den Dingen“ sind hier rund 170 Arbeiten zu besichtigen, mehrheitlich Tempera-Bilder aus dem ungeheuer leuchtenden Spätwerk.Der Künstler bevorzugte mit zunehmendem Alter diese wasserlösliche Farbsorte, weil sie es ihm erlaubte, seine Bilder lichter und transparenter zu gestalten. Er wusch manche Bildpartien regelrecht aus und rückte ihnen gar mit einer Drahtbürste zuleibe, um jenes ganz besonders helle „Schweben“ der Farben zu erzielen. So gerieten vor allem die überaus zahlreichen Blumenmotive zu schwerelosen Erscheinungen.

Christian Rohlfs gilt gewissen Kunstlexika immer noch als Parteigänger des Expressionismus, doch mit derlei Einordnung erfasst man sein allzeit experimentierfreudiges Wesen nimmer. Er war ja auch schon in seinen 50ern. als die Künstlergruppe „Die Brücke“ gegründet wurde, und damit eher eine Vaterfigur für die Expressionisten. Der Mann mit dem Faible für Freiluftmalerei hatte bereits naturalistische und impressionistische Werkphasen abgeschlossen. Schon 1901 war er, auf Bitten des Mäzens Karl-Ernst Osthaus, von Weimar nach Hagen umgesiedelt. Später zog es ihn oft nach Ascona, und er verbrachte meist nur noch die Wintermonate in Westfalen.

Vielleicht war es ein psychologischer Impuls für das Spätwerk, dass der fast 70-Jährige (übrigens im damaligen Hagener Folkwang-Museum) 1919 die um vieles jüngere Helene Vogt heiratete. Neue Liebe, neue Schaffenskraft.

Eigentlich alle Werke, die nun in Münster zu sehen sind, zeugen von tief empfundener Liebe zum Dasein, zu den kristallinen Momenten des Wachsens und Werdens in der Natur. Hier darf der Betrachter meist in sanften Harmonien schwelgen und zum bildnerischen Augenblicke sagen: „Verweile doch, du bist so schön…“

Doch nicht alle Bilder wirken ätherisch. Rohlfs konnte durchaus „zupacken“ und bedrohliche Szenarien („Mondschein mit schwarzer Wolke“, 1934) aufragen lassen.

Etwas letztlich Ungreifbares waltet über all den Blumensträußen, Gebirgs- und Seenlandschaften. Farbklänge und sprühender Lichteinfall setzen pure Energieströme frei, die weit über das jeweilige Motiv hinausweisen. Auf solche Art scheinen gar ganze Kirchen auf einem Lichtpolster gen Himmel zu streben.

Die Rituale der Ausdruckstänzerin

Formidabel auch der „Tatjana“-Zyklus, jetzt in seltener Vollständigkeit versammelt. Er zeigt, mit einer feinsinnigen Neigung zur asiatisch inspirierten Stilisierung, die Bewegungs-Rituale einer Ausdruckstänzerin, mit der sich Rohlfs angefreundet hatte.

Bescheiden und konzeptionslos wirkt demgegenüber der Hagener Griff in die eigenen Bestände (auch hier lockt freilich ein lyrischer Titel: „Musik der Farben“).

Vereinzelte Temperabilder sind in Hagen gleichfalls zu sehen. Allerdings lernt man eine ganz andere Seite des Christian Rohlfs kennen, der offenkundig auch einen Sinn fürs Karikaturistische hatte. So entwarf er – willkommen im üblen Club – per Holzschnitt gar ein „Stinkbock-Diplom“. Wem er’s wohl zugeeignet hat?

Landesmuseum Münster (Domplatz 10). Bis 13. Februar, Di-So 10-18 Uhr, Eintritt 10 DM, Katalog 48 DM.

Hohenhof Hagen (Stirnband 10). Bis 30. Januar 2000. Di-So 11-18 Uhr. Eintritt 5 DM. Kein Katalog.

 




Die Unlust der Theatermacher am eigenen Handwerk – Regisseure Langhoff, Castorf und Haußmann schimpfen drauflos

Von Bernd Berke

Was ist nur mit den Regisseuren los? In den letzten Tagen schimpfen sie wie die Rohrspatzen aufs Theater.

Den Anfang machte Matthias Langhoff, der nach Jahren in Paris für eine Gastinszenierung nach Berlin zurückkehrte und dort offenbar einen Kulturschock erlitt. Im deutschen Theater langweile er sich fast immer, barmt Langhoff im „Zeit“-Interview. ?

Erstarrte Strukturen, Cliquenwirtschaft, überzogene Kunstansprüche, unter denen jede Lebendigkeit verschüttet werde. So lautet, in den Grundzügen, seine Diagnose. Überhaupt muss man das ganze Bühnenelend offenbar eher medizinisch betrachten. „Im Grunde ist Theatermachen ja eine Krankheit“, meint Langhoff. Und das Zuschauen? Erst recht. „Ich glaube, dass jeder, der mehr als zweimal im Jahr ins Theater geht, irgendwie einen Defekt hat.“

Gleich morgen werden wir uns in Behandlung begeben. Doch zuvor lassen wir uns noch einmal aufs wilde Denken von Leander Haußmann und Frank Castorf ein, die jüngst bei einer Diskussion in Bochum (die WR berichtete) ins gleiche Horn stießen. Der Berliner Volksbühnen-Chef Castorf geht nicht mehr ins Theater, „weil ich mich dort nur noch langweile“, und Bochums Noch-Intendant Haußmann findet, „dass nur noch Idioten Theater machen dürfen“. Ähnlich wie Langhoff fühlt er sich im Kino weitaus wohler.

Nun gut. Die Theaterkrise dauert eh seit über 2000 Jahren an, immer wieder wurde sie herbeigeredet, es hat wohl schon bei den alten Griechen begonnen. Außerdem gibt’s derlei Überdruss in jedem Beruf. Der Arbeiter mosert über die Fabrik, der Angestellte übers Büro, der Lehrer über die Schule, der Journalist übers Rundfunk- oder Zeitungswesen. Doch meist tun sie’s unter sich und behelligen nicht gleich die Öffentlichkeit damit.

Dass die üble Laune einiger Theatermacher sich zudem in pauschaler Medien- und Publikumsschelte entlädt, macht die Sache gewiss nicht besser. Man stelle sich einmal vor, die Bosse von VW, Opel, BMW oder Daimler hielten ihre Produkte für langweilig und würden dies auch lauthals hinausposaunen. Überhaupt: Autos zu bauen und zu fahren sei sowieso krankhaft, deshalb solle man doch lieber gleich die Bahn nehmen.

Was würden wir denen noch abkaufen? Genau!

 




Alle Gefühle zeigen, aber keines festhalten – Uwe Dag Berlin inszeniert Goethes Drama „Stella“ in Bochum

Von Bernd Berke

Bochum. Auf der Bühne stehen ausgestopfte Hühner. Ganz allerliebst und wie von Geisterhand bewegt, zuckelt nun eine kleine Spielzeugkutsche quer über die Szenerie. Soll das etwa heißen: Goethe und die Welt seiner „Stella“ sind weit von uns entfernt, sie wirken nur noch niedlich?

Oh, nein. Das putzige Eingangsbild ist wohl nur eine Anspielung auf die etwaige Neigung, den Stoff als „erledigt“ zu betrachten. Plötzlich brandet in Uwe Dag Berlins Bochumer Inszenierung des Dreiecks-Dramas Autolärm auf. Zwischen den Szenen ertönt fortan Furcht erregend das Geräusch dumpfer Schläge. Hier herrscht Verstörung, nicht Verniedlichung. Und der Konflikt ist ganz von heute: Mit dem historisch noch gar nicht so alten Konzept einer „romantischen“ Liebe samt lebenslanger Treue plagen wir uns noch.

Hysterisch verkichern Madame Sommer (Friederike Kammer) und Tochter Lucie (Susanne Weber) ihre ersten Sätze. Ihre gewiss geröteten Augen verbergen sie hinter Sonnenbrillen. Vor Jahren hat Fernando (Horst Kotterba) beide, hat Weib und Kind verlassen. Jetzt soll Lucie Gesellschafterin bei jener „Stella“ werden, die als Geliebte vom selben Manne dasselbe Schicksal erlitten hat. So treffen also deren Mutter und Stella zusammen, die beiden Liebesversehrten.

Alsbald stellt sich auch der halbwegs reuige Fernando ein, Urheber des Unglücks. Und es erhebt sich die Frage: Ist ein Liebesglück zu dritt denkbar? Auf der im Geiste der Minimal-Art sparsam möblierten, gleißend weißen Bühne (Entwurf: Annette Murschetz) entsteigt Fernando einem Schrankkoffer. Aus dem Spalt lugt er mit schlechtem Gewissen ins Gelände. Derweil haben sich die verlassenen Damen (in sanfte Selbsterfahrungsgruppen-Farben zwischen Orange, Pink und Violett gehüllt) frauenbewegt verschwistert. Auch das wirkt nur wie ein flüchtiges Spiel.

Ist dauerhaftes Liebesglück zu dritt denkbar?

Die Aufführung flimmert zwischen Nähe und Distanz zur Textvorlage. Mal drückt Stella (man sieht ihr atemlos zu: Steffi Kühnert) das ganze Weh aus, dann wirft sie unvermittelt Satzkaskaden im pragmatischen oder gar abgebrühten Tonfall hin. Ähnlich changieren die anderen Figuren. Es sind keine ausgeformten Charaktere, sondern gleichsam Menschen und Haltungen auf Probe – oder auch postmodern zersplitterte Seelen, nicht so recht fassbar. Sie kennen alle Gefühlsstufen, können alles vorführen, aber nichts festhalten.

Es scheint, als trauten Regie und Darsteller Goethe nie ganz über den Weg, als fühlten sie sich aber doch in den Bann gezogen. Man tastet sich wachsam heran und bekommt so viel mehr Nuancen in den Blick, als wenn man textfromm vorginge. Also erleben wir die Spiegelungen hoffnungsloser Abhängigkeit, das gelegentlich Debile in der Liebe, alle Bitterkeit des Verlassenseins, aber auch den fahrigen, fast unbeteiligten Umgang mit derlei Regungen.

Einmal platziert Stella jenen Fernando wie ein fragwürdig gewordenes Idol auf einen Drehteller, wo er zu fern verwehenden Grammoption-Klängen rotiert wie eine Porzellanfigur. Zunächst gibt’s Gelächter im Publikum. Doch diese Szene dauert an – und setzt zunehmend eine elegische Stimmung frei. Ein Bild, in dem man sich verfängt.

Für den Dreier-Konflikt gibt es keine eindeutige Lösung: In Bochum spielt man mit der Pistole Russisches Roulette, doch niemand kommt zu Tode wie in Goethes Zweitversion (1805). Sodann folgt Goethes Schluss von 1776: Beide Frauen wollen mit Fernando und miteinander leben. Fernando grunzt zufrieden, doch in seinem Laut kündigt sich schon neues Unglück an.

Langer Beifall für alle.

Termine: 25., 27. Nov., 8., 19. Dez. Karten: 0234/3333-111




Der Touristen-Schock als farbliche Erregung – Schloss Cappenberg: Mehmet Güler malt Bilder zur Begegnung der Kulturen

Von Bernd Berke

Selm-Cappenberg. Seit Mitte der 70er Jahre wohnt der Künstler Mehmet Güler (55) in Deutschland, doch das hiesige Leben hat in seinen Bildern keine Spuren hinterlassen. Statt dessen richtet er den Blick immer wieder in seine türkische Heimat. Dort vollzieht sich, was Güler zutiefst beschäftigt: der kulturelle Wandel, den Touristen aus Mittel- und Westeuropa herbeiführen.

Entscheidender Moment des Schocks in der umfassenden Güler-Retrospektive auf Schloss Cappenberg: Wie zu Salzsäulen erstarrt, stehen links die dunkel verhüllten Silhouetten einiger anatolischer Frauen. Durch die Bildmitte verläuft eine zittrig-erregte Trennlinie in Grün, der Symbolfarbe des Islam. Rechts räkeln sich, freizügig und nackt, Touristinnen am sonnenhellen Strand. Welch ein heftiger Kontrast beim Aufeinanderprallen der Lebensformen.

„Patent“ auf ein besonders flutendes Blau

Bezeichnend die häufig wiederkehrenden Bildtitel: „Umzingelt“ fühlen sich die Einheimischen auf etlichen Bildern, und es herrscht vielfach „Aufregung“. Doch ebenso oft erscheint die Reibung der Kulturen in milderem Licht. Dann lauten die Titel beispielsweise „Erste Begegnung“, „Beobachtung“, „Gespräch“, „Dialog“ oder – ganz gelassen – „Mit der Zeit“. Zweischneidig auch der Titel der gesamten Schau mit Bildern seit 1969: Demnach ist die Touristenschwemme eine „Friedliche Besetzung“, aus der Versöhnliches oder Produktives entspringen mag.

Mehmet Güler ist freilich weit davon entfernt, derlei Befunde platt realistisch abzubilden. Die Ereignisse bleiben bloßer Anstoß zur künstlerischen ‚I’at. Es geht um die widerstreitenden Gefühle zwischen ängstlicher Abwehr und Verheißung ungeahnter Freiheiten, die vom Kulturschock ausgelöst werden. In Gülers Bildern gerinnen diese Emotionen zu schieren Farb-Ereignissen. Figuren sind nur noch schemenhaft zu erkennen.

Dominieren im früheren Werk noch die erdigen Nuancen, so wogen später zunehmend starke Töne mit- und gegeneinander. Sie lassen auch etwas vom buchstäblich „Bewegenden“ jeder menschlichen Begegnung ahnen.

Der Maler hat seine Palette so verfeinert, dass manche gar vom speziellen „Güler-BIau“ sprechen. Wie er diese flutende Farbe herstellt, in der die Augen geradezu baden können, bleibt aber sein „Betriebsgeheimnis“. Jedenfalls sieht man im Cappenberger Schloss reihenweise Kostproben in allen nur erdenklichen Schattierungen. „Freude am Blau“ heißen diese Arbeiten zumeist. Auch hier ist die touristische Situation nur Ausgangspunkt des bildnerischen Vorgangs: All das Blau des Himmels und des Meeres leuchtet gleichsam aus sehnsuchtsvoller Ferne mit hinein in diese traumnahe Welt der Kunst.

Schloss Cappenberg, bis 13. Februar 2000. Eintritt frei, Katalog 45 DM.




Marianne Faithfull: An den Bruchlinien des Lebens

Von Bernd Berke

Köln. Ganz in Schwarz gekleidet, betritt sie die Bühne. Seht her, eine Dame! Man könnte sie sich gut in einer distinguierten Hotel-Lobby vorstellen, wartend. Doch schon die Art, wie sie Mikrofon und Zigarette hält, lässt ahnen, dass sie nicht „damenhaft“, sondern glühend, verlangend und oft tragisch gelebt hat: Wir reden von Marianne Faithfull.

Die britische Sängerin, die jetzt im Kölner „E-Werk“ zumeist Songs ihrer neuen CD „Vagabond Ways“ vorstellte, ist eine Frau mit bitteren Erfahrungen. 1964, damals gerade 17 Jahre alt, war sie die Freundin von Mick Jagger und wurde unter den rüden „Rolling Stones“ als sexuelle Trophäe herumgereicht. Immer wieder verfiel sie seither der Drogensucht, doch sie kämpfte sich auch daraus hervor. Sie gehört wohl zu jenen, die eher vor Leidenschaft „verbrennen“ als sich zu bewahren.

All das klingt in ihrer rauchigen, brüchigen, oft aufgewühlten Stimme mit. Wenn sie von den „Wilder Shores of Love“ (Wildere Gestade der Liebe) erzählt, so ist bedrohliche Brandung zu spüren; wenn sie „I Feel Guilt“ (Ich fühle Schuld) haucht, so scheint sie tatsächlich tief verstrickt zu sein.

Die Begleitband arbeitet grundsolide und stellt sich ganz in den Dienste der Sängerin. Wie einfach die Harmonien der Titel auch gelegentlich klingen mögen, Marianne Faithfull macht stets das Besondere, von Erfahrung beglaubigte und Ungeglättete daraus.

Sie singt sozusagen an den Bruchlinien des Lebens entlang – von zerbrochener Liebe, geknickten Flügeln der Hoffnung, brüchiger Welt und letztlich auch von Fragmenten jener Freiheits-Wunschträume der 68er-Generation.

„Broken English“ heißt – gewiss nicht nur zufällig – einer ihrer besten Songs. Und es gibt diese starken Momente zwischen überfallartiger Traurigkeit, Aufbegehren, Trotz, Tapferkeit und plötzlichem Triumph. Beispielsweise, wenn sie die Fäuste ballt zu „Working Class Hero“.

Mit dem Publikum stellt sie sogleich eine vertraute, ja fast schon intime Beziehung her. „We love you, dear!“ ruft einer ihr spontan zu und spricht damit manchen aus der Seele. Ein Konzert kann wie eine Affäre sein. Doch diese hier ist denn doch ein wenig flüchtig, nicht unvergesslich. Dazu sind die ganz und gar innigen Momente etwas zu rar. Etliche Feinheiten ertrinken im Grundrauschen des Rock.

Gegen Schluss stimmt Marianne Faithfull den StonesKlassiker „As Tears Go By“ an. Es werden nicht die letzten Tränen gewesen sein.




Wut auf die westliche Welt – Peter Handkes Serbien-Drama „Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg“ in Düsseldorf

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Wenn sie nicht mehr aus noch ein wissen, flüchten sich viele gern in die Medienschelte – so leider auch Peter Handke, der uns doch schon so überaus feinfühlige Texte beschert hat. Ihm missfiel es zutiefst, wie Presse und Fernsehen des Westens den Kosovo-Krieg geschildert haben. Vehement forderte er „Gerechtigkeit für Serbien“. Seinen bebenden Zorn hat er sich im Drama von der Seele geredet: „Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg“ führt jetzt im Düsseldorfer Schauspiel flussab.

Irgendwo in Rest-Jugoslawien. Regisseur Klaus Emmerich (auch Bühnenbild) führt uns in eine schäbige Hotelhalle; eine Randzone, hinter der die mysteriöse, von allen politischen Tagesfragen ferne „Zwischenzeit“ beginnen soll, in dje Handke immerzu strebt.

Aufbruch in die Geschichtslosigkeit

Am Ende lässt der Autor einige Menschen im „Einbaum“ dorthin aufbrechen: ein neuer Gründungsmythos samt burschikoser Urmutter (Anke Hartwig). Ob’s den Serben hilft?

In die Hotelhalle, an diesen unwirklichen (Nicht)-Ort, geraten ein amerikanischer und ein spanischer Regisseur (Marcus Kiepe, Jörg Pose), um Darsteller für jenen Film zum Krieg auszusuchen. Ein „Ansager“ (Thomas Schendel) ruft die Kandidaten herein – allesamt Kriegsbetroffene. Es handelt sich also um ein „Casting“ und damit um „Theater im Theater“. Aber vor allem ist es ein wortlastiges Tribunal mit unerfindlichen Freisprüchen und ungeahnten Schuldigen.

Erstaunlich, wo Handke die Genese der Greueltaten an Zivilisten aufspürt: Da. tritt einer auf, der anderen anfangs nur hat helfen wollen, dies jedoch nicht vermochte und danach eben Amok lief. Ein anderer erklärt seine Morde damit, dass er die Gesichter der Nachbarn nicht mehr wahrgenommen hat und sie dann (als sozusagen anonyme Phantome) leichthin umbringen konnte. Schuld? Ach was! Die Gewalt beginnt also im Kopf, mit Bild-Verlust, wie denn auch ungut yorgeprägte Erzählweisen das Übel in der Welt zeugen. Hierin steckt Wahrheit, doch wehe, wenn man sie so anwendet wie Handke.

Tiraden gegen die „Fertigsatz-Pisser“

Vollends infam, so lässt der Autor seine Figuren in langen Tiraden darlegen, haben die westlichen Medien vom Kriege erzählt. In einer gottlosen Welt blicken nur ihre Satelliten vom Himmel herab, und alle Korrespondenten, diese „Fertigsatz-Pisser“, berichten den „Humanitäts-Hyänen“ daheim nur Lügen aus Serbien. Karl Kraus hat die Journaille einst geistreicher verunglimpft.

Zentralfigur ist ein vom Irrweg seiner Branche abgekommener Ex-Journalist, genannt der „Grieche“ (Andreas Ebert). Viele, viele Minuten lang, brüllend, nach Luft japsend, Schaum vor dem Mund und geradezu tollwütig, schleudert er uns die seherischen Erleuchtungen des Autors entgegen, der vor genau 33 Jahren mit seiner „Publikumsbeschimpfung“ erstes Aufsehen erregte. Will Regisseur Emmerich die Aussagen Handkes allzu dick unterstreichen oder sie heimtückisch denunzieren? Egal. Eine Zumutung ist’s allemal.

Handkes wütende Sprechmaschine rast rücksichtslos. Sicher: Gelegentlich holt sie unverhofft schöne Bilder hervor, Visionen von Sanftmut und Achtsamkeit. Doch im nächsten Moment stürzt sie wieder alles um. Und ein Lob des Beerensammelns im mörderischen Kontext hat ja auch etwas Treuherzig-Groteskes.

Nur noch diese „Endzeit-Horden“

In Düsseldorf hat man das Ganze auf die gerade noch erträgliche Länge von 2 Stunden (ohne Pause) gebracht, Claus Peymanns Wiener Uraufführung hatte 60 Minuten länger gedauert. Die Schauspieler, die sich auf Handkes Wortkaskaden einlassen, nötigen Respekt ab. Hier und da verfallen sie ins „Leiern“, doch sie entwinden dem Text immer mal wieder spannende Momente. Irgendwie gebannt hört man dem weltentrückten Furor zu.

Am Ende wollen die Regisseure ihren Film nicht mehr drehen, denn: Es gebe keine Gesellschaft mehr, nur noch „Endzeit-Horden“. Wahrscheinlich hocken die auch wieder in den Redaktionen…

Termine: 26. Okt, 12., 19. Nov. Karten: 0211/36 99 11.




Im rhythmischen Urgrund der Poesie – Der Dichter Peter Rühmkorf wurde vor 70 Jahren in Dortmund geboren

Von Bernd Berke

Nein, diesen Mann können wir beim besten Willen nicht für „uns“ reklamieren: Der Dichter Peter Rühmkorf, der am kommenden Montag (25. Oktober) 70 Jahre alt wird, wurde zwar 1929 in Dortmund geboren, ist aber in Niedersachsen aufgewachsen. Und nun lebt er schon seit Jahrzehnten in Hamburg.

Kein westfälischer Autor also. Aber dafür der vielleicht sprachmächtigste und differenzierteste Lyriker, den die Deutschen haben. Bücher wie „Haltbar bis Ende 1999″ (erschienen 1979), „Außer der Liebe nichts“ (1986), „Einmalig wie wir alle“ (1989) oder der soeben herausgekommene Band „wenn – aber dann“ sollten eigentlich zur literarischen Grundausstattung gehören.

Aber halt! Gar so einfach ist es nicht. Zwar klingt sein Tonfall oft flapsig, witzig oder kalauernd. Doch etwas Lese-Erfahrung ist schon recht nützlich, wenn man sich seinen Texten nähert. Dann kann man ihre Kunstfertigkeit doppelt genießen. Denn sehr intensiv hat sich Rühmkorf mit den Traditionen der Gattung auseinandergesetzt – angefangen von frühen Wurzeln in den „Merseburger Zaubersprüchen“ und bei Walther von der Vogelweide, weiter über Klopstock und Hölderlin, bis hin zu Heinrich Heine, zum Expressionismus und Gottfried Benn. Wie unter den Gegenwartspoeten sonst nur noch Robert Gernhardt, treibt Rühmkorf ein äußerst virtuoses Spiel mit Versmaßen und Reimformen, die durch Kitsch und Werbung diskreditiert zu sein schienen.

Toilettensprüche als eine Quelle der Poesie

Doch Rühmkorf kennt keine Berührungsängste. Im Gegenteil, er nutzt vielfach Kinderreime, Abzählverse, Reklame-Slogans, ordinäre Toilettensprüche und dergleichen als unerschöpfliches Reservoir der „Anklänge“. In „Über das Volksvermögen“ (1967) hat er solche Quellen erschlossen und gezeigt, welches Widerstands-Potenzial in derlei Texten steckt. Und man sieht ihm gebannt zu wie einem Hochseilartisten der Sprache, wenn es ihm immer wieder gelingt, alltägliche Anstöße mit feinstens ziselierten Gedanken und genau ertasteten Regungen zu verschmelzen. Im rhythmischen Urgrund der Poesie werden das Höchste und das Niederste eins.

In den 50ern war er Lektor bei Rowohlt, wo seither die meisten seiner Bücher erschienen sind. Als überzeugter Linker schrieb er für jenes Studentenmagazin, das zur Zeitschrift „Konkret“ mutierte. Rühmkorf hat manche politische Enttäuschung verwinden müssen – nachzulesen in „Die Jahre, die ihr kennt“ (1972) und im bewegenden Tagebuchband „Tabu“ (1995), spürbar auch in solchen Zeilen: „Bei meinen Feinden zuweilen, finde ich Zuflucht vor meinen Genossen.“.

Ähnlich wie der Literaturnobelpreisträger Günter Grass, sieht auch Rühmkorf (der 1993 den Büchnerpreis erhielt) keinen sonderlichen Segen auf der deutschen Einheit ruhen: „D-Land: das mißlungene Verbrüderungswerk, die wahre Spaltung, die sich erst nach der Einheit zur Kenntlichkeit entwickelt hat“…

Das lyrische Ich fühlt sich „halb von Leuten überrannt und halb alleine“, so heißt es im neuen Gedichtband. Aus einer schmerzlich empfundenen aber lustvoll gehaltenen Außenseiter-Position heraus dichtet er funkenschlagend fort. Kaum zu überhören ist Alters-Melancholie, sind Entsetzen aber auch höhere Heiterkeit angesichts der verflossenen Lebensjahre: „…alte Männer merken sich“ / junge Mädchen / Jahr um Jahr ein Stück verstärkt, / leider bleiben selber unbemerkt“.

 

Peter Rühmkorf kommt am Dienstag, 16. November (19.30 Uhr), zu einer Lesung ins Dortmunder Harenberg City Center. Infos: 0231/9056-166.




Verklärter Blick ins Jenseits – Werkschau über den Schweizer Ferdinand Hodler in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Wahrheit geht vor Schönheit. So lautete ein Leitspruch des Malers Ferdinand Hodler (1853-1918), doch er hielt sich nicht immer daran. Tatsächlich wirken manche seiner Bilder etwas derb, ja ungeschlacht. Doch mindestens eben so sehr liebte er die andächtigen Motive, den verklärten Blick in ätherische Unendlichkeit. Wuppertals Von der Heydt-Museum zeigt in seiner Werkschau mit rund 140 Arbeiten beide Seiten des Schweizers.

Hodler stammte aus ärmsten Verhältnissen. Vor Beginn seiner Künstlerlaufbahn posierte er für Fotografien im geliehenen Anzug und im kurzzeitig gemieteten Atelier. Beides konnte er sich noch nicht dauerhaft leisten, doch er probte schon mal die großen Gesten eines Arrivierten.

Schon in jungen Jahren Waise geworden, musste er später oft genug erleben, wie der Tod ihm geliebte Frauen, Geschwister oder Kinder wegnahm. Vielleicht hat ihm seine tiefe Frömmigkeit, die sich in etlichen Motiven („Die Andacht“, „Anbetung“) Bahn bricht, darüber hinweg geholfen.

Eine zarte Elegie überstrahlt die großen Gesten

Doch zutiefst empfundene Freude am Hier und Jetzt wird man bei ihm vergebens suchen. In die fünf „Lebensmüden“ (nach 1893) konnte er sich offenbar einfühlen. Überhaupt zielt der Sinn des Malers aufs Jenseitige. Die Landschaftsbilder mit ihren endlos weiten Horizonten lassen es schon ahnen. Gelegentlich deutet Hodler auch die Erdkrümmung an, was wohl bedeutet: Die ganze Welt, das ganze Sein sind hier gemeint. Schwebende Wolken werden oft in regelrechten Flug-Formationen so angeordnet, als stammten sie aus einer besonderen Serien-Herstellung. Natur als künstliches Arrangement. Hodler selbst hat sich als „Symbolist“ begriffen.

Die Trauer um eine verstorbene Schwester hat Hodler im „Bildnis Louise-Delphine Duchosal“ (Schwester eines Freundes) mit eingefangen. Das Mädchen blickt so traumverloren, als schaue es aus dem diesseitigen Dasein hinaus. In der Hand hält sie eine kleine weiße, fast verwelkte Blume. Eine zarte Elegie, die manche allzu großen Gesten („Der Redner“), bei denen übrigens auch NS-Künstler ihre Anleihen machten, still überstrahlt.

Holzfäller-Motiv für Geldscheine

Intim, ohne jedes Auftrumpfen auch dies: Seine französische Geliebte Valentine hat er 1914 auf dem Sterbebett gemalt. Ihr zu Füßen schweben drei Rosenblüten. Ansonsten verblasst das Bild vorwiegend in Kalkweiß, es ist von den Farben des Lebens entleert.

Unter dem Einfluß des Jugendstils hat Hodler seine Kompositionen vielfach ornamental angelegt oder choreographiert wie einen Tanz: Vier emphatisch schreitende Frauen sollen „Die Empfindung“ (1901/02) versinnbildlichen. Man fühlt sich an einen Reigen gefühlsseliger Eurythmie erinnert. Zierde und Geziertheit gehen ineinander über.

Je erfolgreicher Hodler wurde, desto monumentaler seine Motive. Dies wiederum zog offizielle Repräsentations-Aufträge für Wandgemälde nach sich (Beispiel: „Der Auserwählte“ im Hagener Hohenhof).

Hodler entwarf auch Vorlagen für Schweizer Geldscheine: Sein machtvoll mit der Axt ausholender Holzfäller und ein die Sense schwingender Landmann waren allerdings zum Arger des Künstlers auf den Banknoten kaum wiederzuerkennen.

24. Okt. 1999 bis 3. Januar 2000. Di-So 11-18, Do 11-20 Uhr. Katalog 42 DM.




Gebremster Freiheitsdrang – Holk Freytag inszeniert Goethes „Egmont“ in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. „Freiheit und Privilegien, Freiheit und Privilegien!“ So skandiert das Volk seine Forderungen. Die drei Darsteller, die es in Wuppertal verkörpern, schlagen dabei rhythmisch auf die Spielfläche. Sie wirken wie infantile Tyrannen. Doch wenn sich Abgesandte, der Obrigkeit blicken lassen, kuschen die Bürger sogleich. Dann pfeifen sie auf die Freiheit, und es bleibt das Bangen um ihre Privilegien.

Solch einen Verrat der Ideale an die Interessen soll’s in der Geschichte des Bürgertums des Öfteren gegeben haben. In Holk Freytags Wuppertaler Inszenierung des Goethe-Klassikers „Egmont“ wird man mit einer Farce daran erinnert. Doch ansonsten geht es gemessener zu.

Die Niederlande ächzen unter spanischer Fremdherrschaft. Statthalter Graf Egmont (historisch: 1522-1568) steht für gewisse Hoffnungen auf Selbstbestimmung. Es gärt im Volk. Doch an Egmont statuiert man ein Exempel: Am Ende wird er auf Herzog Albas Geheiß öffentlich hingerichtet.

Der Wuppertaler Egmont (Martin Bringmann) strahlt kein Charisma aus, er wirkt eher wie ein lavierender Liberaler. Das Volk, das jeder Parole nachläuft, lässt ihn denn auch mit seinem etwas faden Freiheitsdrang sehr bald allein. Trotzdem scheint dieser Egmont kaum Konflikte mit sich auszutragen. Edelmut von Anfang an – nicht sonderlich aufregend.

Kulturelle Dosis mit Beethoven erhöht

Das in ihn verliebte Klärchen (Tessa Mittelstaedt) gebärdet sich naiv, sie achtet wohl mehr auf Egmonts Insignien gräflichen Glanzes als auf seine politischen Worte. Nun die Majestätsbeleidigung: Goethes Stück ergeht sich streckenweise im steifen Austausch von Thesen. Manche Figuren erscheinen wie stillgestellt, von Leidenschaft befreit oder auch geläutert. Einiges von dieser marmornen Glätte bleibt an der Wuppertaler Aufführung haften. Sie ist recht gediegen, stellt den (gekürzten) Text in großer Klarheit vor uns hin, gefällt auch durch solide Sprachbehandlung und prächtige Kostüme. Doch eine Dringlichkeit, diese Tragödie jetzt zu spielen, wird nicht so recht erkennbar.

Auf der schräg in den Raum ragenden Spielfläche (Bühne: Wolf Münzner) prangt das Bild eines namenlosen flämischen Meisters, es zeigt eine spanische Königskrönung. Aus dem Stütz-Gestänge unter dieser großen Platte rappeln sich die Figuren hervor wie aus einem Kellergewölbe der Historie. Später tut sich ein Spalt auf in diesem Bild; ein Riss in der Welt, den man dieser Inszenierung sonst kaum anmerkt.

Die eigentliche Bühne wird eingenommen vom Sinfonieorchester Wuppertal (Leitung: Stefan Klieme). Das erhöht die kulturelle Dosis: Goethes Drama wird – einer früheren Tradition folgend – durch Beethovens „Egmont“-Musik ergänzt und beglänzt. Es erhebt die Seele. Das Freiheitsbegehren scheint in den Tönen inniger aufgehoben als im Text.

Termine: 23., 24.0kt; 15., 17. Dez. – 0202/569 4444.




Das Phänomen des deutschen Tennisclubs – Dieter Hildebrandts Buch über den weißen Sport

Von Bernd Berke

Frankfurt. Auch der Kabarettist Dieter Hildebrandt („Scheibenwischer“) zählt zu den Autoren, die auf der Buchmesse eine Novität vorstellen. Im Rahmen der dtv-Taschenbuchreihe „Philosophie der Passionen“ hat er seine Leidenschaft für den Tennissport beschrieben. Die Westfälische Rundschau sprach mit ihm darüber – und übers Kabarett.

Warum kommt aus Ihrer Feder ein Buch über Tennis?

Dieter Hildebrandt: Da gab es diese Buchreihe. Dem Verlag fiel ein, mich anzurufen, ob ich auch eine Leidenschaft hätte. Ich war so leichtfertig zu sagen: Ja, Tennis. Sie haben mich darin bestärkt, ich habe mich überreden lassen. Und ich wusste ja auch schon, worüber ich schreiben wollte: Über ein Segment unseres Gesellschaftslebens – die Tennisclubs. Man kann die deutsche Geschichte schließlich auch aus dieser Perspektive betrachten.

Also ist es weniger ein Sport- als ein Gesellschaftsbuch?

Hildebrandt: Genau. Es ist doch hochinteressant, was auf den Tennisplätzen so passiert. Welche Gemeinheiten, welche Boshaftigkeiten! Und was für ein gesellschaftlicher Sud auf den Terrassen, in den Cafeterias von Tennis-Clubs… Und wenn man zurückblickt, findet man in München einen Club, der schon im Jahre 1935 verkündet hat, er sei als erster deutscher Tennisverein „judenfrei“…

Aber der Sport fasziniert Sie trotz allem?

Hildebrandt: Unbedingt. Besonders in der Zeit, als Steffi Graf und Boris Becker so gut waren. Ich war mehrmals als Zuschauer in Wimbledon. Für John McEnroe gegen Björn Borg habe ich sogar Theaterkarten verfallen lassen. Aber mich fasziniert auch der alte Sportsgeist eines Gottfried von Cramm, der einen Wimbledon-Sieg verschenkte, weil er so ehrlich war. Und das Publikum damals! Sie haben noch nicht gejohlt und gekreischt wie beim Rock-Konzert. Inzwischen hat sich das Ganze im Fernsehen ja auch totgesendet.

Kurzer Themenschwenk in Ihr eigentliches Gebiet: Hat es das Kabarett unter Schröder schwerer als unter Kohl?

Hildebrandt: Nein, überhaupt nicht. Sie machen ja die gleiche Politik. Diese neue Regierung ist so schnell alt geworden. Ein Kabarett-Thema könnte sein, wie der Kanzler sich an der Macht festklammert. Oder ob er irgendwann die Vertrauensfrage stellt und sagt: Das war wohl nichts mit uns. Aber haben Sie schon mal einen Politiker gesehen, der sagt: Ich habe mich geirrt?

Und ein Streit wie der zwischen Oskar Lafontaine und Günter Grass? Gibt der etwas her?

Hildebrandt: Naja, wenn man an dem Abend auftritt, benutzt man das für ein paar Pointen. Aber es ist nichts von Dauer. Grass ist eben manchmal unwirsch.




Buchesse als Rummelplatz der Auflagen-Giganten – die Auftritte des Literaturnobelpreisträgers Grass und des Kritiker-Papstes Reich-Ranicki

Aus Frankfurt berichtet Bernd Berke

Auftritt der Auflagen-Giganten gestern auf der Frankfurter Buchmesse: Zuerst begab sich Literaturnobelpreisträger Günter Grass vor die Presse, dann wurde sein kritischer Widersacher Marcel Reich-Ranicki am Verlagsstand umlagert wie ein Popstar.

Grass‘ noble Geste: Damit über seiner eigenen Auszeichnung der „Alternative Nobelpreis“ nicht etwa vergessen werde, stand er gemeinsam mit dessen Träger, dem SPD-Bundestagsabgeordneten Hermann Scheer, Rede und Antwort. Scheer setzt sich seit Jahren unermüdlich für die Sonnenenergie ein. Beide befanden, Grass habe die nahende ökologische Katastrophe seinem Roman „Die Rättin“ visionär geahnt.

So inständig man auch über Sonnenenergie als Abhilfe reden wollte, die Frage nach dem roten Tuch der SPD, Oskar Lafontaine, ließ sich einfach nicht vermeiden. Der hatte – wie berichtet – am Mittwoch auf der Buchmesse wissen lassen, seine Freundschaft mit Grass sei „belastbar“. Doch Grass blieb bei seiner „Kündigung“: Lafontaine habe sich der Partei gegenüber „jämmerlich und erbärmlich“ verhalten.

Lafontaine soll endlich „die Klappe halten“

Da Lafontaine von allen Ämtern zurückgetreten sei, in denen er etwas hätte bewegen können, müsse er nunmehr wirklich „die Klappe halten“. Grass ist freilich Realist: „Ob es ihm gelingt, wage ich zu bezweifeln“. Lafontaine sei gewiss begabt, er habe immer mal wieder sehr richtige Dinge gesagt, es fehle ihm aber seit jeher an Geduld. „Dann folgt er wieder anderen Einfällen, und sein neuestes Thema ist nur noch er selbst…“ Außerdem sei Sonnenenergie wichtiger als all dies.

Grass beklagte den Hang zur Mystifizierung und zum nahezu priesterhaften „Sehertum“, der sich in der Literatur wieder breitmache – bis hin zur vom Philosophen Peter Sloterdijk angestoßenen Debatte um die Gentechnik. Hier werde eine Abkehr vom Erbe der Aufklärung sichtbar. Ein Schriftsteller müsse „in der Zeit stehen“. Es kennzeichne den wahren Autor, dass er schreiben müsse, dass er nicht umhin könne, persönlichen Verlust-Erfahrungen zu Welt-Erfahrungen gerinnen zu lassen.

Gute Schriftsteller erkennt man an den Zumutungen

Am Abend zuvor hatte Grass beim Empfang am dtv-Verlagsstand ein Ärgernis benannt: Jungen deutschen Autoren werde von der Kritik immer öfter empfohlen, sie sollten das Publikum mehr unterhalten. Das reiche beileibe nicht aus, so Grass: „Einen guten Schriftsteller erkennt man vor allem an den Zumutungen“. Und auf die einigermaßen müßige Frage, wer nach seiner Meinung im Jahre 2000 den Literaturnobelpreis bekommen werde: „Ach, das weiß ich auch nicht. Die Chinesen wären mal an der Reihe. Die haben sehr gute Autoren.“

Böse Zungen nennen es „Lunger-Journalismus“. Was damit gemeint ist? Nun, beispielsweise stundenlang vor dem Kanzleramt stehen, um einen Kernsatz von Schröder zu erhaschen. Fast so erging’s einem, als man gestern zu Marcel Reich-Ranicki vordringen wollte. Chaotisch war der Stand von DVA umlagert, wo er die Memoiren „Mein Leben“ herausgebracht hat.

Ein Mikrofon fand sich nicht, nur jeweils acht bis zehn Leute konnten ihm lauschen. Ohne wüstes Drängeln ging’s nicht ab. Manchen reichte im Geschiebe schon die vage Impression („Ich habe seine Glatze gesehen, ich geh‘ wieder“). Postwendend reagierte Reich-Ranicki auf Grass‘ Äußerung, Zumutungen seien in der Literatur wichtiger als Unterhaltung. „Im Grunde richtig, aber in Deutschland falsch, ganz falsch!“ rief er aus. Hierzulande muteten die meisten Autoren den Lesern unentwegt etwas zu, verstünden es aber nicht zu unterhalten.

 




Goethe, Grass und Görner im Rucksack – ein Rundgang durch die Hallen der Frankfurter Buchmesse

Aus Frankfurt berichtet Bernd Berke

Der Buchmesse-Rundgang gerät an manchen Stellen ins Stocken. Nicht nur, weil die Leute blättern oder einen Schwatz halten wollen, sondern weil Menschenknäuel rund um die Hochprominenz die schmalen Wege verengen. Beispielsweise gestern am Econ-Stand. War Oskar Lafontaine mal wieder da? Nein, nein, nicht immer nur er! Manfred Krug gab sich die Ehre des Signierens.

Schöne Anblicke: Nebenan verteilte eine Dame im Brautkleid Rosen, derweil stehen zwei Nonnen ganz dicht beim „Kommissar Stöver“, der heuer „66 Gedichte“ präsentiert. Von hinten ruft ein Zaungast: „Der sieht aber schlecht aus.“ Nun ja: Krug war nicht eigens „in der Maske“, ihm ist’s warm unter den Scheinwerfern.

Beim Durchzwängen merkt man, wie viele Besucher die unvermeidlichen Rucksäcke tragen. Das kostet Platz. Gewagte Überleitung: In diesen Beuteln steckt oft viel drin, in den Büchern mitunter auch. Beispielsweise im Brockhaus-Lexikon „Multimedial 2000″, das auf drei CD-Rom-Scheiben 89 000 Stichworte bietet und jederzeit übers Internet aktualisiert werden kann. Zu vielen Schlagwortcn bekommt man noch „Links“ (Verbindungen zu anderen Internet-Adressen), wo man beim Durchklicken noch mehr erfährt – weit übers Lexikon hinaus.

Die Belletristik treibt zwar oft die schönsten Blüten am Bücherbaum, doch die meisten Regale sind mit Ratgebern gefüllt. Es findet sich alles, womit man gesund, reich, schön und glücklich werden soll.

Der Sammler hat das Jahrhundert gern „komplett“

Die meisten Verlage haben irgendetwas zum Thema „Millennium“ im Programm, es ist eben die hohe Zeit der Rückblicke. Der Büchersammler hat das Jahrhundert gern „komplett“. Danach sehen und lesen wir weiter. Doch wer einmal mit Sachbüchern Tagesumsatz macht, schmückt sich auch gern mit der schönen Literatur, mit Dichtung „für die Ewigkeit“. Bestes Beispiel ist DuMont. Mit ihrer noch recht jungen belletristischen Reihe zählen sie schon zur Creme.

Wer einen Grass hat, zeigt ihn deutlich vor – in erster Linie Steidl und der Deutsche Taschenbuchverlag. Auch Goethe „zieht“ – zumal bei den „Hörbüchern“: I.utz Görners Gedicht-Rezitationen und der „Faust“ mit Gründgens stehen auf den beiden obersten Plätzen der akustischen Hitliste.

„Picknick mit Eckermann“

Auch Kochbuchverlage sind in diesem Jahr gern „Zu Gast bei Goethe“. Gelegentlich darf’s auch schon mal ein „Picknick mit Eckermann“ sein, Goethes Vertrautem der späten Jahre. Unterdessen bietet der Leipziger Miniaturbuch-Verlag Goethes „Faust I“ im Streichholzschachtel-Format. Das spart etwas von dem Platz ein, den die Rucksäcke kosten…

Manche Verlagskojen wirken traurig. Ein einziger Autor sitzt melancholisch herum. Andere hingegen geben sich triumphal, es sind die großen Gemischtwarenläden, die jedem etwas bieten: Bertelsmann besetzt eine ganze Standlandschaft; die Gruppe Droemer/Weltbild braucht turmartige Lichtsäulen, um all die Verlage zu nennen, die zu ihr gehören. Wer hat, der hat.

Über das Gastland Ungarn, das sich in der Halle 3 gediegen präsentiert, hat der Autor Peter Esterhazy Wesentliches gesagt: Man sei literarisch eine Weltmacht geworden, aber in der so besonderen Sprache eingekerkert. Wohl wahr. Die Übersetzer sind nicht zu beneiden. Bleibt der Rat: Achten Sie in der Buchhandlung Ihres Vertrauens auf die Ungarn – auf Namen wie György Dalos, Imre Kertesz, Laszlo Krasznahorkai, György Konrad, Terezia Mora und all die anderen.

Frankfurter Buchmesse: Bis einschl. heute (Freitag) nur für Fachpublikum. Samstag/Sonntag (9-18.30 Uhr) für alle zugänglich. Tageskarte 12 DM. Messekatalog mit CD-Rom und allen Adressen 45 DM.




„Ich tauge nicht für die Wirklichkeit“ – Gespräch mit Renan Demirkan, nicht nur über ihren neuen Roman

Von Bernd Berke

Frankfurt. Länger nichts mehr von der Schauspielerin Renan Demirkan gesehen oder gehört? Kein Wunder: Die film- und fernsehbekannte Frau, die von 1982 bis 1984 zum Dortmunder Theaterensemble gehörte und jetzt bei Köln lebt, hat sich eine Zeit lang ihrem zweiten Beruf gewidmet und ihren dritten Roman geschrieben.

Nach „Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker“ und „Die Frau mit Bart“ erschien jetzt bei Kiepenheuer & Witsch die durchaus nicht problemfreie Liebesgeschichte „Es wird Diamanten regnen vom Himmel“. Die WR traf Renan Demirkan am Verlagsstand bei der Frankfurter Buchmesse.

Warum muss Ihre Heldin, die allein erziehende Tanztherapeutin Rosa, in ihren Vierzigern ausgerechnet einen Porschefahrer lieben lernen? Und hat diese Frau autobiographische Züge?

Renan Demirkan: Ich komme drin vor in der Rosa, aber ich bin es nicht. Von autobiographischen Momenten können Sie bei mir immer ausgehen. Auch ich bin beispielsweise allein erziehend, bin in diesem Alter. Zentrales Thema des Romans ist die Sehnsucht. In meinem Alter wird der Alltag zum absurden Hindernisrennen auf dem Weg zum Glück, weil die Verpflichtungen so enorm gewachsen sind – durch Kinder, durch den Job. Und und und.

Und dieser Rick, der Mann mit dem Porsche?

Demirkan: Ich wollte zwei ganz unterschiedliche Charaktere haben. Rosa, die Moralistin, die Engagierte – und Rick, der Oberflächliche, der Zyniker. Doch die Sehnsucht der beiden ist dann doch die gleiche. Mich hat interessiert: Wie begegnet man sich ab einem bestimmten Alter? Wie sehen solche Anfänge aus? Ich bin jetzt fast 20 Jahre Schauspielerin. Was mich am Leben gehalten hat und die Lust bewahrt hat, ist, dass ich immer wieder neu anfangen wollte. Egal, wie schmerzlich die persönliche Situation war.

Gibt es denn immer nur Neubeginn? Nichts von Dauer?

Demirkan: Bitte fragen Sie mich diese Frage nicht! Ich kann immer nur vom Scheitern berichten. Ich bin immer weggegangen. Immer. Ich habe es nicht geschafft. Sonst würde ich nicht über Sehnsucht schreiben. Dieses verdammte Glück, dieser Ausnahmezustand. Ich musste mich sogar zwingen, das Buch halbwegs hoffnungsvoll enden zu lassen.

Wollen Sie vom Schauspielberuf Abschied nehmen?

Demirkan: Nee, nee. Es gibt da ein Fernsehspielprojekt mit dem WDR. Für mich ist von der Bühne zum Schreiben kein sehr großer Sprung. Beides gehört zu meiner schlimmen Sehnsucht nach inszenierten Welten. Ich tauge nicht besonders für die „wirkliche“ Wirklichkeit. Ich brauche größtmögliche Freiheit. Als Schauspielerin darf ich alles sein und bin doch innerhalb des Stückes durch die Rolle geschützt. Auch das Schreiben habe ich für mich entdeckt als eine Form des Beschütztwerdens, des Aufgehobenseins.

Erinnern Sie sich noch an Ihre Zeit am Dortmunder Theater?

Demirkan: Oh ja! Ich weiß noch gut, wie ich gewohnt habe: Saarlandstraße, Ecke Ruhrallee, unterm Dach, 90 Stufen hoch jeden Tag. Ich weiß noch genau, was ich gespielt habe. Am schönsten war Tschechows „Onkel Wanja“, da war ich die „Sonja“. Und Adolf Winkelmann hat mich da für meinen ersten Kinofilm „Super“ geholt. Es war eine wichtige Zeit. Ich hab‘ nur gute Erinnerungen.




Fragen zu den Honoraren mag Lafontaine überhaupt nicht – Buchpremiere von „Das Herz schlägt links“ im Frankfurter Saal „Harmonie“

Von Bernd Berke

Frankfurt. Es klang wie Ironie: Ausgerechnet den Saal mit dem Namen „Harmonie“ hatte der Econ-Verlag auf der Frankfurter Buchmesse reserviert, damit Oskar Lafontaine endlich offiziell sein schon vor Erscheinen heftig diskutiertes Buch „Das Herz schlägt links“ vorstellen konnte.

Zu vielen Hunderten waren die Journalisten gekommen, und sie rissen den Verlagsleuten das Buch förmlich aus den Händen, just weil Lafontaine eben nicht in Harmonie mit der SPD lebt. Dutzende von Kamerateams suchten ein Bild des Tages einzufangen. Für Minuten schwebte während der Pressekonferenz ein herzförmiger roter Luftballon durch den Raum. Wer wollte, konnte darin ein Symbol sehen.

Ob Lafontaine auf dem bevorstehenden SPD-Parteitag in Berlin eine Rede halten und Gerhard Schröder die Leviten lesen wolle? „Warten wir erst mal ab, ob ich überhaupt dazu eingeladen werde“, meinte der Kanzler-Kritiker, lächelnd wie eine Sphinx. „Im vertretbaren Rahmen“ werde er auch künftig an Parteiveranstaltungen teilnehmen, lässt der Ex-Vorsitzende wissen. „Aber auf Jobsuche bin ich nicht. Keine Sorge. Ich habe genug zu tun“.

„Die wollten mir einen reinwürgen“

Natürlich erhebt sich auch die Frage, was er denn sage zum barschen Ausruf des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass („Halt’s Maul, Oskar, trink deinen Rotwein“). Lafontaine: „Den zweiten Teil des Rats werde ich gern befolgen, den ersten nicht.“ Es sei schon erstaunlich, wenn ein Schriftsteller anderen den Mund verbieten wolle. Doch dann, halbwegs versöhnlich: „Meine Freundschaft ist belastbar. Vielleicht denkt Grass ja noch einmal nach…“

Viel dünnhäutiger reagiert er, wenn nach seinen Vorabdruck- und Autorenhonoraren gefragt wird. „Wer hat Sie hierher bestellt?“, fertigt er einen ab, der dazu etwas wissen will. Lafontaine wittert eine gezielte Medien-Kampagne: „Die Meute wollte mir einen reinwürgen.“ Mit dem Buch selbst habe sich noch niemand sachlich auseinander gesetzt, die Debatte darüber müsse erst noch beginnen. Stattdessen reite man auf den Honoraren herum. Lafontaine: „Soziale Gerechtigkeit entsteht nicht dadurch, dass jemand auf seine Einkünfte verzichtet.“

Kein gutes Haar am Schröder-Blair-Papier

Zuvor hatte er einzelne Buchkapitel knapp erläutert. Er bekräftigte seine Kritik am „Schröder-Blair-Papier“, das sich an der Sprache des Marketings und der Werbung orientiere. Das „gedankenlose Geschwätz“ von der Flexibilität des Arbeitsmarkts, könne er nicht mehr ertragen. Menschen seien nicht so verfügbar wie Kapital. Und auch dieses soll möglichst gebändigt werden: Die Finanzströme bedürften der ordnenden Hand des Staates. Ex-Kanzler Helmut Schmidt denke ebenso.

Auf die Leitideen des Humanismus und der Aufklärung dürfe man aus wirtschaftlichen Gründen nicht verzichten. Überhaupt: Unter der von Schröders Regierung beschworenen „Modernisierung“ verstehe er, Lafontaine, jedenfalls nicht einen Wettlauf um Sozialabbau, sondern um ökologische Erneuerung, Gleichberechtigung der Frauen und dergleichen.

In der ganzen Finanzdebatte solle man die weiter bestehenden Lasten der deutschen Vereinigung nicht vergessen, findet Lafontaine. Nur dürfe man die entsprechenden Defizite nicht bei Rentnern und Arbeitslosen eintreiben. Und er ließ auch durchblicken, wie er dem Staat das fehlende Geld verschaffen würde: „Deutschland hat immer noch eine der niedrigsten Steuerquoten in Europa.“

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Der Beitrag stand am 14. Oktober 1999 im Politikteil der Westfälischen Rundschau.




Die Melancholie des Hofnarren – Meisterwerke aus dem Prado in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen

Von Bernd Berke

Bonn. Als Diego Velázquez um 1640 den Kriegsgott Mars malte, sah er keinen machtvollen Herrn über Tod und Leben vor sich, sondern einen erschöpften Fußsoldaten, der all der Kämpfe müde zu sein scheint. Das Bild setzt einen von vielen Glanzpunkten jener Ausstellung, mit der jetzt das berühmte „Prado“-Museum aus Madrid einen Teil seiner Sammlungen in der Bonner Bundeskunsthalle vorstellt.

Hervorgegangen sind die überreichen Prado-Bestände aus den königlichen Sammlungen Spaniens. Die Bonner Schau konzentriert sich auf die Zeit Philipps IV. Unter dessen Regentschaft machte Velázquez nicht nur als Höfling und vor allem Hofmaler Karriere, sondern durfte (gleichsam als Kurator) die Kunstsammlung des Monarchen gezielt ergänzen. Sein erlesener Geschmack prägt also bis heute die Schatzkammern in Madrid.

Die dortigen Depots sind mittlerweile dermaßen gefüllt, dass der Prado erweitert und die Sammlung umgeschichtet wird. Diesem Umstand verdanken wir die Bonner Auswahl. Erst ein einziges Mal waren größere Teile der Sammlung außer Landes gegangen, und zwar zwangsweise: 1939, während des Spanischen Bürgerkriegs, wurden Kunstwerke zum Schütze nach Genf ausgelagert.

Velázquez, Rubens, Lorrain, Poussin…

Man protzt in Bonn nicht mit Masse, es sind 68 Werke zu sehen. Aber welche! Allein sechs Ölgemälde von Velázquez, dazu etliches von Peter Paul Rubens, Claude Lorrain, Nicolas Poussin und Francisco de Zurbarán. Hinzu kommen einige Künstler, die sich mit wechselndem Geschick an Velázquez orientierten.

Ein Meisterstück, das durch unmittelbare Konfrontation Mitleid weckt, ist Velazquez‘ Bildnis „Der Hofnarr Sebastián de Morra“. Der kleinwüchsige Mann diente damals zur Belustigung bei Hofe. Doch der Maler löst ihn aus diesem Zusammenhang und zeigt seine tiefe Melancholie. Man blickt ins Gesicht des Opfers der derben Spässe. Ein geradezu unwiderstehlicher Appell, die Würde zu wahren.

Überwältigend sodann die fleischlichen Dramen von Rubens, der stets den dynamischsten Augenblick der Mythen erfasst. Seine nackte Glücksgöttin „Fortuna“ (um 1636) taumelt auf einer zerbrechlichen Glaskugel. Puren Horror hinterlässt der rasende Gott „Saturn“ (1636), der eines seiner Kinder frißt, er reißt ihm mit bloßen Zähnen einen Fetzen aus der Brust. Irrsinniger Grund: Es ward ihm prophezeit, dass der Nachwuchs ihn vom Thron stürzen werde. Erschütternder lässt sich blutige Machtgier nicht darstellen. In den uralten Mythen steckt eben mancherlei.

Der lachende und der weinende Philosoph

Eine besondere Qualität der Ausstellung liegt darin, dass viele Bilder erstmals seit langem wieder in ihrem ursprünglichen Zusammenhang gezeigt werden, was im Prado selbst zuletzt nicht möglich war. Wie sehr sich das auswirkt, sieht man etwa anhand der beiden Denker, die Rubens imaginiert hat: „Demokrit, der lachende Philosoph“, der offenbar ein gutes Tröpfchen nicht verabscheut, und „Heraklit, der weinende Philosoph“, hängen nun als Sinnbilder grundverschiedener Gemütszustände beisammen.

Von ganz anderer, unendlich beruhigter Art sind die idealen Landschaften des Claude Lorrain. Zu grandioser, erhabener Weite öffnet sich der blassrot schimmernde Horizont, vor dem „Tobias und der Erzengel“ (1639) sich nahezu verlieren.

Nicht alle 68 Werke sind gleich stark, wie denn auch! Beispiel: Während Velázquez die Vorliebe seiner Zeit fürs Bizarre mit dem geschilderten Hofnarren ins Gegenteil kehrte, hat Juan Carreno de Miranda ein dickes kleines Mädchen als „Die nackte Mißgestalt“ (1680) nur noch als Objekt zur Schau gestellt.

Museo del Prado zu Gast in der Bundeskunsthalle Bonn (Museumsmeile, Friedrich-Ebert-AIlee 4). Bis 23. Januar 2000. Di/Mi 10-21, Do-So 10-19, Fr nur für Gruppen ab 9 Uhr. Eintritt 10 DM (ermäßigt 5 DM). Katalog 49 DM.




Siepmann-Retrospektive: Freiheit im Gerüst

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Heinrich Siepmann war immer ein ungemein stetiger und fleißiger Künstler. Allein 1220 Ölgemälde umfasst das Werkverzeichnis, das jetzt zur Retrospektive in Recklinghausen vorgelegt wird.

Kürzlich litt der 94jährige an einer Lungenentzündung – und was tat er? Er zeichnete im Krankenbett einige ganz wunderbare Pastelle. Gewiss trug das Schaffen zur Genesung bei: Am Sonntag will Siepmann zur Eröffnung seiner Werkschau in die Kunsthalle kommen.

In der so folgenreichen Künstlergruppe „junger westen“, die sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg formierte, tat sich Siepmann u. a. mit dem vor wenigen Tagen verstorbenen Hagener Maler Emil Schumacher und mit Gustav Deppe zusammen, der am 1. September dieses Jahres starb. Nun ist Siepmann, neben Thomas Grochowiak, einer der letzten lebenden Zeitzeugen des damaligen Aufbruchs.

Fenster-Bilder als frühe Vorläufer

Ganz anders als Emil Schumacher, von dem zur Erinnerung drei Bilder der Schau vorangestellt sind, hat sich Siepmann niemals dem Abenteuer der freien Gestik verschrieben. Vielleicht ist es just eine psychologische Grundfrage, welchen Weg man in der Gegenstandsferne wählt: Siepmann jedenfalls bedurfte stets der geometrischen „Gerüste“, die seine Arbeiten in Form halten.

Frühe Vorläufer waren jene „Fenster-Bilder“, also Ausblicke durch Rahmungen, die die Architektonik des Bildgevierts bestimmten. Daraus wurden alsbald abstrakte Linien und Balken, die Siepmann mit dem Lineal zog, dann aber doch malerisch ausfüllte. Nicht leblose Farbflächen erstrecken sich hier, sondern solche, denen man die Machart, die Spuren der Arbeit ansieht. Keine seelenlose Fabrikation, sondern Werk der Hände.

Außerdem unterlegt der Künstler seinen Bildern nicht etwa rechteckige Standard-Gerüste, sondern bringt die Ursprungs-Berechnung – immer wieder neu, immer wieder anders –  behutsam aus der Balance. Ganz leicht aus der Lot- oder Waagerechten gekippte Linien dynamisieren das Bild, erzeugen ästhetische Spannungszustände zwischen (meist vorherrschender) Planung und einer Ahnung von Chaos. Denn Ordnung allein wäre nur das halbe Leben.

Siepmanns bemerkenswert reichhaltige Farbpalette vergegenwärtigt man sich am besten anhand der feinstens nuancierten Weiß-Abstufungen. Doch auch das Rot taucht in mancherlei Schattierungen und Mischformen auf. Auf diese Weise gewinnen die Werke an Räumlichkeit und Tiefe.

Das Spiel darf heiter sein

Rund 70 Gemälde und 40 Collagen (vorzugsweise mit Wellpappe, Tapetenresten und Büttenpapier) von 1947 bis heute sind zu sehen. In seinen neuesten Arbeiten, etwa bei den eingangs erwähnten Pastellen vom Krankenlager, lockert sich die vormals manchmal doch etwas strenge Konstruktion.

Es scheint so, als habe Siepmann in seinen Neunzigern (am 30. November wird er 95) noch einmal eine ungeahnte Freiheit des heiteren Spiels entdeckt. Dies sehend, freut man sich mit. Denn man kann sich hinzu denken, dass niemals aller Tage Abend sein muss. Besser noch: Ein Stück davon kann man sich bewahren. Das Museum gibt nämlich die Pastelle zum Freundschaftspreis von je 400 DM ab.

Heinrich Siepmann. Retrospektive. Kunsthalle Recklinghausen (am Hauptbahnhof / Tel. 02361/501931). 10. Oktober bis 28. November, Di bis So 10-18 Uhr. Katalog (komplettes Werkverzeichnis) 148 DM.




Mühsam gebändigte Bestie – Werner Herzogs Film „Mein liebster Feind“ über Klaus Kinski

Von Bernd Berke

Mit dem 1991 gestorbenen Klaus Kinski hat Werner Herzog fünf Kinofilme gedreht. Kinski dürfte dabei Hunderte von Tobsuchtsanfällen ausgelebt haben. Er hat Herzog oft schier zur Verzweiflung getrieben, aber auch immer wieder zutiefst gerührt.

Solch einen Berserker kann man schwerlich vergessen. Werner Herzog erinnert sich so plastisch und drastisch, dass er seiner schwierigen Beziehung zum Hyper-Egomanen Kinski einen aufwühlenden Film widmen konnte: „Mein liebster Feind“.

Der Regisseur hat noch einmal die Stätten der meist wüsten Begegnungen mit Kinski aufgesucht. Dort erzählt er uns davon. In Archiv-Ausschnitten sehen wir sodann Kinski auf seiner wahnwitzigen „Jesus-Tournee“, in etlichen Filmszenen und bei den Drehs zu „Aguirre – Der Zorn Gottes“, „Fitzcarraldo“, „Nosferatu“, „Woyzeck“ und „Cobra Verde“.

Im südamerikanischen Dschungel herrschten ohnehin chaotische Bedingungen. Noch dazu drohte der durch Winzigkeiten beleidigte Kinski häufig, die Brocken ganz hinzuschmeißen. Herzog bellte einmal zurück: „Wenn du jetzt gehst, erschieße ich dich“. Heute sagt er: „Manchmal fehlt mir Kinski“.

Es liegt zuinnerst an dieser Hassliebe, dass man jetzt noch spürt, welche flammende Energie diese Filme Kinskis Präsenz verdanken. Herzog vermochte genau dieses unstete, gefährliche Flackern aus dem Schauspieler herauszuholen. Eine mühsam gebändigte Bestie.

Manchmal lief die Kamera damals weiter, wenn Kinski zwischen den Szenen immer wieder ausrastete, wild herumschrie, Mitwirkende beschimpfte oder gnadenlos schlug. Er war wohl wirklich so ungeheuer verletzlich, reizbar und aggressiv (oder schlichtweg „verrückt“?), wie es das Klischee besagt.

„Jeder Mensch ist ein Abgrund“

Als Kinski sich einmal bis zur Erschöpfung ausgetobt hat („Ihr Idioten, ihr Arschlöcher…“), sagt Herzogs Erinnerungs-Stimme aus dem Off: Dies sei ein vergleichsweise milder Anfall gewesen. Oha! Tatsächlich trugen sich beide gelegentlich mit ernsthaften Gedanken, einander umzubringen. Zwei Todfreunde, wenn man so will. Herzog, auch er auf seine (ungleich stillere) Art ein besessener Grenzgänger, bestätigt also die umlaufenden Kinski-Klischees, sucht sie aber dann zu durchbrechen.

In Gesprächen mit Eva Mattes (die im „Woyzeck“ die Marie spielte) und Claudia Cardinale (Kinski-Partnerin in „Fitzcarraldo“) wird klar, dass die Furie Kinski auch entspannte, einfühlsame, ja geradezu hilflos zärtliche Seiten hatte. Nur konnte die Stimmung von einer Sekunde zur anderen wieder umschlagen. „Jeder Mensch ist ein Abgrund“, fauchte Kinski – Georg Büchners Text gemäß – im „Woyzeck“. Er wußte wirklich, wovon er sprach.

„Wir waren bereit, miteinander unterzugehen“, sagt Herzog mit gepresster Stimme über sich und Kinski. Für ihn habe immer nur gezählt, was im Kino zu sehen war. Die Filme seien viel wichtiger als die Personen. Alle Qualen werden da nebensächlich. Herzogs Film zeigt uns nicht die graue Asche, sondern das anhaltende Nachglühen solcher Obsessionen.




Günter Grass: Streitbar ist der Geist – Der deutsche Schriftsteller erhält in diesem Jahr den Literaturnobelpreis

Von Bernd Berke

Seit so vielen Jahren stand Günter Grass immer wieder ganz oben auf den Favoritenlisten, wenn es an die Vergabe des Literaturnobelpreises ging. Nun endlich ist es so weit: Grass, der bereits 1959 mit der „Blechtrommel“ seinen wohl nachhaltigsten Bucherfolg hatte, wurde vom schwedischen Komitee auserkoren.

Noch vor wenigen Tagen, am 19. September, hatte Grass (auch auf Einladung der Westfälischen Rundschau) in Dortmund aus seinem neuen Buch „Mein Jahrhundert“ vorgelesen. Dabei wirkte er so vital und entspannt, als wüsste er schon Bescheid…

Selbst der „Kritikerpapst“ Marcel Reich-Ranicki bedauert längst, dass er Grass‘ „Blechtrommel“-Roman seinerzeit weit unterschätzt habe. Wenn man jetzt in Reich-Ranickis gerade erschienenen Lebenserinnerungen die Schilderung seiner allerersten Begegnung mit Grass liest, so spürt man die starke Ausstrahlung, ja das Charisma, das Grass schon damals besessen haben muss. Als junger Mann kam er seinerzeit auf Besuch nach Warschau. Furchterregend sollen seine Augen geblitzt haben, und der Mann wirkte offenbar ein wenig trunken. Wahrscheinlich lag es just daran, dass er sich seinerzeit an die Arbeit zur „Blechtrommel“ begeben hatte. Ein Wort-Besessener, trunken von Sprache.

Neben der geradezu barock ausufernden, lebensprallen und grotesken Schelmen-Geschichte des kleinwüchsigen Blechtrommlers Oskar Matzerath, die die furchtbare deutsche Vergangenheit aus der Zwergen- und Irrenhaus-Perspektive unerhört scharf insAuge fasste, sind die Novelle „Katz und Maus“ (1961) und der Roman „Hundejahre“(1963) jene Werke, die Grass schon früh in den Rang einer „Galionsfigur“ der deutschen Literatur erhoben.

Mit der Ausprägung der deutschen Einheit gehadert

Grass hat, in stärkerem Maße als etwa Heinrich Böll, stets die Fähigkeit besessen, Kontroversen um sein Werk und seine Person hervorzurufen. Gut in Erinnerung ist noch jeher heftige, weit in den politischen Raum ausgreifende Streit um seinen Roman „Ein weites Feld“ (1995).

Grass hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er von der vereinnahmenden Art, mit der der Westteil Deutschlands 1989/90 die Vereinigung der Nation betrieb, nichts hält. Noch kürzlich hat er mit Martin Walser darüber gestritten. Grass über die Ausprägung der Einheit: „Es liegt immer noch kein Segen drauf.“

Grass war übrigens alles andere als ein Freund der „realsozialistischen“ DDR. Den Arbeiteraufstand gegen das SED-Regime hatte er 1953 mit eigenen Augen verfolgt. 1966 wurde sein darauf fußendes Theaterstück „Die Plebejer proben den Aufstand“ uraufgeführt, in dem auch die zwiespältige Rolle Bertolt Brechts unter die Lupe kam. Das verzieh ihm die offizielle DDR erst 1987. Grass verließ zudem den Schriftstellerverband VS, weil er dessen Solidarität mit verfolgten DDR-Kollegen vermisste.

Häufig mischte er sich politisch ein

Immer wieder hat sich Grass, darin ein Erbe der Aufklärungs-Tradition, mehr oder weniger geschickt in die Politik eingemischt. Die Zahl der Aufrufe und Resolutionen, die seine Unterschrift tragen, dürfte Legion sein. Für Willy Brandt ging der entschiedene Pazifist auf SPD-Wahlkampftour. Das haben ihm viele konservative Geister auf ewig übel genommen. Als die SPD 1992 dem strittigen Asylkompromiss zustimmte, kehrte er der Partei allerdings den Rücken.

Politischer Unmut schlug sich vielfach auch in Beurteilungen seiner weiteren Werke nieder. Manche Kritiker behaupteten, Grass‘ politische Engagement mindere seine ästhetische Potenz. Diese Denkfigur hat sich zum Vorurteil verfestigt. Bücher wie „örtlich betäubt“ (1969), „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ (1972), „Der Butt“ (1977),„Kopfgeburten“ (1980), „Die Rättin“ (1986), „Zunge zeigen“ (1988) und „Unkenrufe“ (1992) litten jedoch nur bedingt darunter, denn die breite Leserschaft blieb Grass treu.

Der am 1. Oktober 1927 in Danzig geborene Günter Grass, der seiner Heimatstadt einen Platz auf der literarischen Weltkarte sicherte, wirkte anfangs als Bildhauer. Auch ist er ein begabter Zeichner und Grafiker. Famoser Zufall: Noch bis zum 7. Oktober ist im Dortmunder Harenberg City Center eine Auswahl seiner Aquarelle und Lithographien zu sehen. Eine Ausstellung, die nun gleichsam besonders geadelt erscheint.

Ein Gefühl der Entwurzelung

Literarisch hatte sich Grass zunächst mit Lyrik und Kurzprosa hervorgetan. „Die Vorzüge der Windhühner“ hieß 1956 seine erste Veröffentlichung. Bereits 1955 hatte er sein Debüt bei der legendären „Gruppe 47″.

Grass, dessen Werke früher bei Luchterhand herauskamen und heute im Göttinger Steidl Verlag erscheinen, hat einmal gesagt, er empfinde sich immer noch als Mensch ohne Heimat, als Flüchtling: „Ich habe nirgendwo Wurzeln geschlagen“. So zog und trieb es ihn von Düsseldorf nach Paris, Berlin, für einige Monate gar nach Indien und zuletzt nach Lübeck, in die Vaterstadt von Thomas Mann und Willy Brandt. An Repräsentations-Wirkung kommt er – spätestens seit dem gestrigen NobelpreisEntscheid – nun wohl einem Thomas Mann gleich. Als sein literarisches Vorbild aber hat er stets Alfred Döblin („Berlin Alexanderplatz“) genannt.

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Kommentar

Längst überfällig

 

So ist manchmal das Leben: Da hatte Günter Grass gestern die Nachricht erhalten, dass man ihm endlich den lange erwarteten Literaturnobelpreis zuerkannt hatte – und dann musste er mittags zum Zahnarzt. Doch er wird es verschmerzt haben.

Das Stockholmer Nobelpreiskomitee hat eine längst überfällige Wahl getroffen. Grass repräsentiert wie kein zweiter lebender Schriftsteller den Aufbrach der deutschen Nachkriegsliteratur. Sein 1959 erschienener Roman „Die Blechtrommel“ wirkte in jenen Jahren befreiend. Auf einmal wehte wieder ein Hauch von Weltliteratur durch das Land.

Wie schon oft, so hat das Komitee auch diesmal einen eminent politischen Schriftsteiler gekürt. Sicher: Wenn Grass sich in die Zeitläufte einmischt, muss man mit seinen Positionen nicht immer einverstanden sein.

Heraus aus dem Elfenbeinturm

Grundsätzlich aber ist es wünschenswert, dass Autoren, speziell jene vom Range eines Günter Grass, nicht im Elfenbeinturm verharren, sondern sich gelegentlich beteiligen am Streit der Welt. Sie sind nicht selten in der Lage, einen anderen Ton in die Debatte zu bringen. Und es schadet ihrer poetischen Produktion keineswegs, wenn sie sich auf politischem Felde auskennen. Die strikte Grenzziehung zwischen beiden Bereichen ist ein altes deutsches Leiden.

Nun gratulieren sie alle – auch wenn sie schon mal mit Grass gehadert haben. Es ist gar zu schön, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder Zeit gefunden hat, um „alles“ von Grass zu lesen. Welcher andere Autor kann das von sich behaupten?

Die kulturellen Wissenslücken

Die Auszeichnung für Grass schmücke die ganze deutsche Kultur, hieß es gestern mehrfach. Diese EinSchätzung ist mit Vorsicht zu genießen. Denn tags zuvor hatte ein Umfrage-Ergebnis ans Licht gebracht, dass es um das kulturelle Wissen – gelinde gesagt – nicht gut bestellt ist. Viele Deutsche kennen beispielsweise Goethes „Faust“ oder Leonardos Bild „Mona Lisa“ nicht.

Es ist ein wenig wie mit dem Spitzen- und dem Breitensport. Wenn alle nur zuschauen, wie einige wenige Höchstleistungen erbringen, so ist es doch etwas betrüblich. Nun muss ja nicht jeder gleich dichten. Aber etwas häufiger lesen dürfte schon sein. Beispielsweise die Bücher von Grass. Machen wir’s dem Kanzler nach.

                                                                                                                       Bernd Berke




Den Verrat an der Liebe im kühlen Rückblick betrachten – Harold Pinters Stück „Betrogen“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Über die vielfach verwahrlosten Liebesdinge kann man sich aufregen. Man kann sie aber auch erst einmal nüchtern registrieren – wie beispielsweise Harold Pinter 1978 mit seinem Stück „Betrogen“. Heinz Kreidls Dortmunder Inszenierung behält den kühl feststellenden Gestus der Vorlage bei.

Emma betrügt ihren Mann Robert mit dessen bestem Freund Jerry. Der wiederum ahnt jahrelang nicht, dass Robert eingeweiht ist. Und Emma erfährt erst spät, dass ihrem Mann die unverbrüchliche Männer-Freundschaft im Grunde wichtiger ist als die Ehe. So stehen sie am Ende alle als Betrogene da.

Digitale Jahreszahlen

Doch was heißt hier „Ende“? Pinter hat einen simplen aber effektvollen Kunstgriff angewendet: Sein Stück beginnt mit dem Schluss und arbeitet sich – Szene für Szene –  zum Anfang zurück. So weiß man schnell, was aus all den Beteuerungen geworden ist: Lug und Trug. Umso mehr kann man sich auf das „Wie“ konzentrieren.

In Digitalziffern leuchtet die Jahreszahl „1999″ über der von Peter Schulz gestalteten Bühne. Beim gegenwärtigen Ende fängt es an: Emma (Silvia Fink) trifft noch einmal ihren Ex-Liebhaber Jerry (Jürgen Hartmann) am Stehtisch eines kargen Bistros. Doch sie haben sich nichts mehr zu sagen. Sehr genau zeigen die beiden Darsteller die schmerzliche Anspannung der häufigen Gesprächspausen, das Leiden an der leeren Banalität des Geredes. Was von der Liebe übrig blieb, ist außer Unbehagen so gut wie nichts. Selbst die Erinnerung schwindet.

Die Mechanik des Geschehens

Die Drehbühne als Rad der Zeit: Szenische Rücksprünge führen in die Jahre 1997 bis 1990. Man kann dabei ein leichtes Schwindelgefühl bekommen. Kühl, kühler, am kühlsten: Auf dem Schreibtisch vor einer Aluminium-Jalousie spielt Ehemann Robert (Marcus Off) Schach mit sich selbst. Zug um Zug und ziemlich sachlich erörtern er und Jerry den Tatbestand des fortgesetzten erotischen Betruges. Aufwallungen hat man recht rasch wieder im Griff. Das Gespräch kann sich bald den jungen Autoren zuwenden, die der Verleger Robert und der Agent Jerry betreuen. Und überhaupt: Man sollte halt mal wieder zusammen Squash spielen…

Wir sehen Emma und Jerry im gemieteten, gerade mit dem Nötigsten möblierten Liebesnest. Wahre Leidenschaft ist es selbst damals nicht gewesen. Wir erleben Emma und Robert auf Reisen im Hotel. Früher sind sie in Venedig aufgeblüht, jetzt nur noch in ehelicher Routine befangen; erstarrt und aufgewühlt zugleich, verwundbar durch jedes Wort, jeden Blick des anderen.

Die Inszenierung, durchweg sehr solide, betont die widerstandslos ablaufende Mechanik der Vorgänge, sie zeigt das Geschehen von der Oberfläche her, ohne oberflächlich zu geraten. Manchmal gleicht das Leben eben einem Boulevardstück. Die Abgründe kann man sich selbst ausmalen.

Ohne Requisiten kämen diese Figuren wohl gar nicht aus. Seltsam verhaken sich ihre Sätze ineinander. Sie kreisen um sich selbst und kommen nicht recht voran. In dieser Wortnot hält man sich an den Gegenständen fest, als müsse man sich so des Daseins vergewissern: Ein Ball, aus dem die Luft entwichen ist, eine Schachfigur, ein Frauenschuh, eine Melone, ein Buch, ein Weinglas, Zigaretten, ein Stück Stoff. Vielleicht sind ja wenigstens diese Dinge verlässlich.

Termine: 30. September, 2., 26.. und 27. Oktober. Karten: 0231/502 72 22.




Willkommen im Land der Gespenster – Leander Haußmann inszeniert Ibsens „John Gabriel Borkman“ in Bochum

Von Bernd Berke

Bochum. Dumpfe Schritte hallen aus dem Zimmer oben. Auf und ab, auf und ab. Da stapft er umher, der frühere Bankdirektor John Gabriel Borkman, dieser einsame Wolf. Man hat ihn des Betruges überführt und abserviert. Seither hat er sich nicht blicken lassen, hat acht Jahre in Klausur verbracht und krude Phantasien ausgebrütet („Wir Ausnahmemenschen“). Doch das ganze Unglück ist noch nicht heraus. Erst jetzt wird es in Henrik Ibsens Stück enthüllt.

Vor vielen Jahren hat Borkman – der Karriere wegen – die Frau seines Lebens von sich gewiesen. Statt Ella hat er aus purem Opportunismus deren Schwester Gunhild geheiratet. Davon hat sich keine der drei Seelen mehr erholt. Es war ein Mord am Geist der Liebe. In Leander Haußmanns Bochumer Inszenierung des innigen Gesprächs-Dramas macht sich folglich die Eiszeit breit.

Nur noch das Versäumte betrauern

Die Bühne (Franz Havemann) ist anfangs vollgestellt mit staubigem Mobiliar. Man spürt, wie die Menschen, die in diesem Raum allmählich erstarren, körperlich eingezwängt werden durch lauter Plunder und Lasten der Vergangenheit. Die Zeit des Tuns ist längst vorüber, die Figuren können nur noch bitterlich dem Ungenügen nachsinnen.

Wenn die Schwestern Ella (Traute Hoess) und Gunhild (Margit Carstensen) einander hier nach vielen Jahren erstmals wieder begegnen, so ist auch jedes Wort anstößig. Jede Bemerkung enthält Sprengstoff. Denn Ella hat John Gabriel Borkmans und Gunhilds Sohn Erhard großgezogen, und nun – von tödlicher Krankheit bedroht – möchte sie ihn für den kleinen Rest ihres Lebens noch einmal zu sich nehmen. Die Mutter wiederum will ihn auch nie wieder loslassen.

Die Rivalinnen von einst haben ein Ersatz-Streitfeld gefunden. So zerren sie beiderseits an ihm und zehren von ihm. Erhard (Andreas Pietschmann) soll zur Linderung der Leiden herhalten, er soll alle Enttäuschungen tilgen. Dabei will der Student doch unbeschwert seine Jugend genießen. Einmal japst und rülpst er herum, um sich Luft zu verschaffen in der ihm zugemuteten Enge. Einer der ganz wenigen billig verjuxten Momente.

Das schmerzliche Verwehen der Zeit

Der junge Mann wirkt fahrig, haltlos, nervös. Das Scheitern ist auch ihm schon eingeschrieben. Unrettbar verpfuschtes Dasein allenthalben. Haußmann beweist haarfeines Gespür fürs schmerzliche Verwehen der Zeit. Obwohl er und die SchauSpieler (vor allem Peter Rauch als Hilfsschreiber Foldal – mehr als ein Kabinettstück!) dem Text komödiantische Facetten abgewinnen, bleibt der Grundton doch elegisch. Einmal bedecken angegilbte Zeitungsseiten den Fußboden. Ein Sinnbild all der vergeudeten Tage, Wochen, Jahre.

Die Schwestern sind – durchaus sinnvoll – etwas „gegen den Strich“ besetzt. Traute Hoess sieht robuster aus, als es die Rolle eigentlich zulässt, Margit Carstensen hingegen beklagenswert verhärmt. Ihr früherer „Sieg“ (die Heirat) blieb ohne Ertrag. Ebenso wie Borkman (Ezard Haußmann, der sein Elend im schlaksigen Konversationston vorzeigt) lassen die Schwestern sich nie ganz von Emotionen hinreißen (was verteufelt schwer zu spielen ist). Es ist, als gebe es da eine Bremsvorrichtung.

Die wahren Gefühle sind eben längst erstorben und wohl auch erstickt unter kitschigen Erwartungen: Ella findet gar die Muße, ein blinkendes Eiffelturm-Modell auf den Tisch zu wuchten, als Erhard seine Geliebte Fany (Maren Eggert) vorstellt, mit der er vor all dem flüchten will. Dazu ertönt der Schläger „Ganz Paris träumt von der Liebe“.

Bei eisiger Kälte ins Nirgendwo

Es sind Szenen von grotesker Art, die jederzeit in eine böse Endlos-Schleife eingefädelt werden könnten, in furchtbar-komisch verewigte Wiederholungen à la Thomas Bernhard oder Samuel Beckett.

Gegen Ende brechen Borkman und Ella bei eisiger Kälte ins Nirgendwo auf. Die mit Hub und Schub vielbewegte Bühne ist nun beinahe leer. Schneewehen vernebeln den Blick wie im Traum, und es huschen trollhafte Geister herbei. Bereits im Jenseits angelangt, schneidet Borkman ihnen Grimassen. Schließlich sagt er belustigt: „Schön hier bei euch.“ – Willkommen im Gespensterland!

Furioser Premieren-Applaus.

Termine: 25., 26. Sept; 3., 8. Okt. Karten: 0234/3333-111.




Eine schrille Zicke namens Iphigenie: Durchs Wasser patschen und Worte hervorwürgen – Wie Regisseur Volker Lösch mit Goethe umspringt

Von Bernd Berke

Essen. Im Essener Theatercafé trug eine Kellnerin zur Premiere ein T-Shirt mit der offensiven Aufschrift „Zicke“. Doch wer hätte gedacht, dass dieses Wort hernach auf der Bühne so konkrete Gestalt annehmen würde? Da gebärdete sich Goethes „Iphigenie auf Tauris“ als kreischiges Furienwesen. Überhaupt wurde Goethe im Zerrspiegel gezeigt.

„Wasser – Der Film“. So etwas gab’s vor einigen Jahren mal im Kino. Jetzt haben wir gleichsam „Wasser – Das Stück“. Denn Volker Löschs barsche Inszenierung des Goethe-Klassikers führt uns in einen ringsum turmhoch eingemauerten Bezirk. Dort tut sich vor dem Sockel, auf dem Iphigenie als Diana-Priesterin waltet, ein Planschbecken auf, in dem die Darsteller fortan immer wieder herumpatschen.

Mit Goethe an den Baggersee

Iphigenies Bruder Orest taucht einmal sogar minutenlang unter. Bei allem Staunen über die sportlich-technische Leistung (Atemgerät unter der Oberfläche?): Da ersäuft jeder Sinn. Es tobt sich ein blosses Körpertheater aus, dem der Text nur noch ein vager Anlass zu sein scheint. Mit Goethe an den Baggersee…

Beim Dichter ist Iphigenie, die sich aus dem Barbarenstaat des Königs Thoas nach Griechenland zurücksehnt, eine sanftmütig Leidende. Sie hat Thoas überredet, die Menschenopfer am Altar der Göttin Diana abzuschaffen. Überhaupt steht sie für eine Abkehr von wilden Rache-Mythen, von hin und her wogenden Geschwister-, Gatten- und Elternmorden in des Tantalus‘ Geschlecht. Unter Gefahr für Leib und Leben scheut sie schließlich gar die Lüge, die ihr und ihrem Bruder Orest zur Flucht vor Thoas‘ wachsendem Zorn verhelfen könnte. Derlei Lauterkeit und Edelmut galten schon Goethe selbst als „verteufelt humanistisch“.

Vulgäre Psychopathologie

Nun aber die Essener „Iphigenie“, die von Hannah Schröder verkörpert wird. Sie nölt, jault und quiekt dermaßen drauflos, dass man sich fragt, warum Thoas diese – mit Verlaub – Zîcke zur Frau nehmen will. Thoas (Claus Boysen) tappt wie ein trüber, tumber Tanzbär einher. Er und Iphigenie würgen vielfach einzelne Worte und Sätze hervor, brechen sie brachial aus dem Verstext heraus, als seien sie nicht mehr sagbar. Dabei ist es doch nur unsäglich, was man hier mit der Vorlage anstellt!

Orest (Benjamin Morik) und sein Gefährte Pylades (Denis Petkovic) kommen als offenbar schwules Duo wie zwei Preisboxer daher. Mit seinem Schwesterlein darf Orest auch schon mal hospitalistisch schaukeln. Vulgäre Psychopathologie der Sagenwelt.

Damit sie wach bleiben, werden die Zuschauer nach jeder Szene mit Missionen traktiert und von der Bühne her grell angestrahlt. Am Schluss ahnt man auch, warum sich Iphigenie so schrill benimmt – wegen der argen Männerwelt. Thoas, bei Goethe am Ende zur Friedfertigkeit überredet, brüllt hier sein finales „Lebt wohl!“ nur widerwillig heraus. Orest und Pylades gefallen sich beim stummen Nachspiel in bewaffneten Posen, während Iphigenie verzweifelt ein Schlupfloch in jener großen Mauer sucht. Die Männer sind eben nicht friedensfähig, und daran leiden auf ewig die Frauen. Dachten wir’s uns doch…

Termine: 24. Sept., 1. und 2. Okt. Karten: 0201 /8122-200. 




Günter Grass: Der Gesichte ein Gesicht geben – Dortmunder Lese-Auftritt mit dem Buch „Mein Jahrhundert“

Von Bernd Berke

Dortmund. Rekordandrang zur „Kultur im Tortenstück“ im Dortmunder Harenberg City Center: Als Günter Grass gestern aus seinem Buch „Mein Jahrhundert“ las, lauschten ihm über 500 Menschen andächtig. Wäre mehr Platz gewesen, so wären gewiss doppelt so viele gekommen.

Zuerst fielen die Farben auf: Nicht nur, weil zugleich eine Ausstellung mit Grass‘ Lithographien und seinen farbenfrohen Original-Aquarellen zum Buch eröffnet wurde. Grass, mit dunkelgelbem Jackett und Weste angetan, erquickte sich auf dem Lesepodium aus einem Glase, das einen guten Rotwein darbot. Auch das ist Kultur.

Ein gemütlicher Frühschoppen also? Keineswegs. Der 71-Jährige hatte am Abend zuvor in Köln gelesen und hatte gestern noch einen Auftritt in Duisburg vor sich. Dortmund war freilich nicht nur das mittägliche Zwischenspiel, sondern ein Ereignis für sich. Hierher kam Grass auf Einladung der Westfälischen Rundschau, des Harenberg Centers und der Buchhandlung Krüger.

Offen gesprochen: Wir haben das „Jahrhundert“-Buch vor einigen Wochen nicht allzu günstig rezensiert. Und ich meine weiterhin, dass es nicht der ganze große Wurf des Autors geworden ist. Wahr ist aber auch: Beim Vorlesen, zumal durch Grass selbst, gewinnen die Texte ganz enorm.

Mit beinahe sprudelnder Lebendigkeit las Grass ein Dutzend Jahres-Episoden. Er trug die Geschichten fast wie ein Schauspieler vor, unterstrich die Worte durch Gesten. So wurden manche Gestalten, die sich aus den Tiefen des meist schrecklichen deutschen Jahrhunderts schwankend nahten, greifbar. Man verstand, was das heißt: der Geschichte ein Gesicht geben.

So etwa jene tanzfreudige Frau von 1921, die einen Brief an Kurt Tucholsky schreibt; der Galerist, der 1933 schaudernd den Nazi-Aufmarsch zur „Machtergreifung“ erlebt; die Kinder, unter ihnen der kleine Günter Grass, die 1937 „an der Pissbude“ auf dem Schulhof den spanischen Bürgerkrieg nachspielen. Oder die Trümmerfrau von 1946, die Dichter Brecht und Benn am Grabe Kleists, anno 1956; Willy Brandts historischer Kniefall 1970 in Warschau, der sogar einen konservativen Journalisten beeindruckt. Ein Text, der die Zuhörer besonders bewegte. Herzliches Lachen dann über jenen Opa, der sich 1978 plötzlich den Punkern anschließt. Doch auch da gab’s einen politischen Hintersinn.

Applaus zwischen den Episoden, Riesenbeifall am Schluss. Den Blumenstrauß, den er bekam, reichte Grass sogleich an seine Schwester Waltraut weiter. Die wohnt nahebei – in Lüdenscheid. Dann ging’s zum Signieren, wobei Grass, Pfeife rauchend, auch Sonderwünsche („Schreiben Sie bitte: ,Für Hans-Jürgen“‚) erfüllte. Auch hier ein frappierender Andrang. Man dachte schon, die Schlange höret nimmer auf…




Satelliten über dem Kuhstall – Hagen: NS-Kunst mit bäuerlicher Wirklichkeit konfrontiert

Von Bernd Berke

Hagen. Osthaus-Museumsleiter Dr. Michael Fehr ist kein Freund des Augenschmauses ohne Hintersinn. Lieber zeigt er Bilder-Folgen, die Gedankenspiele anregen. Darauf zielt auch die Schau „Landschaft und bäuerliches Leben in Südwestfalen“ ab.

Ausgangspunkt sind jene Bilder, die zwischen 1938 und 1944 in den Hagener Museums-Fundus eingingen und seit Kriegsende aus gutem Grund im Depot blieben. Quelle der Ankäufe waren seinerzeit die „Großen Sauerländischen Frühjahrsausstellungen“. Dort gab es Kunst, die den NS-Machthabern genehm war: Bruchlos wurde der Mythos vom treudeutschen Landmann bedient. Das war verlogen, denn gerade in jener Zeit wurde die Rationalisierung bäuerlicher Betriebe vorangetrieben.

Das Schlagwort „Nazi-Kunst“ trifft nur bedingt. Nicht alle diese Werke, die vielfach tradierte Formen aufgreifen, sind gleich schlecht. Ja, es ergeben sich gelegentlich gar ästhetische Anklänge an Arbeiten etwa einer Käthe Kollwitz, die als Kontrast gezeigt werden. Doch bei Kollwitz ist bäuerliche Arbeit kein heroischer Akt für Blut und Boden, sondern irdische Mühsal. Und wenn ein Ewald Mataré ein Rind zur Skulptur formt, so. kommt die behutsame Abstraktion dem Wesen des Tieres ungleich näher als jene muskulösen Wunder-Viecher der meisten NS-Maler.

Der beherrschende Blick von oben

Minder begabte Künstler hielten sich oft an die Überlieferung eines von oben herab beherrschenden Blicks auf die Landschaft. Gespenstisch, wie diese Sicht heute technisch auf den Begriff gebracht wird: Man sieht einen Lehrfilm zur Satelliten-Navigation, mit der aus dem All sämtliche Anbaugebiete der EU metergenau kontrolliert werden. Eine Museumswand ist mit Formularen tapeziert, die ein Bauer heute ausfüllen muss. Sein Hauptarbeitsplatz ist nicht der (automatisierte) Kuhstall, sondern der Computer. Der- Dortmunder Landwirt Erhard Freudenberger, der die Schau mitgestaltet hat, bestätigt es seufzend.

Nicht nur die ausgestellten Schulbücher und Schautafeln lassen es ahnen: Trotz aller Technik wird unsere Vorstellung immer noch vom Rösslein geprägt, das der Bauer im Märzen anspanne. Mit solch grotesken Bewusstseins-Verspätungen geht man am besten ironisch um. Der Künstler Bernd Gutzeit (vormals Karikaturist der WR) hat es getan. Seine raumgreifende Installation mit ausgestopften Tieren und allerlei altem bäuerlichem Gerät lässt uns schmunzeln, aber auch wehmütig spüren, dass diese Welt längst im Meer der Zeit versunken ist.

Osthaus-Museum. Hochstraße 73. Vom 19. Sept. bis 31. Okt.




Pubertäts-Hölle in Rauch und Flammen – Marius von Mayenburgs „Feuergesicht“ in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Tierquälerei, Inzest mit der geistig wirren Schwester, vielfache Brandstiftung, Elternmord. Wenn in Marius von Mayenburgs Stück „Feuergesicht“, das jetzt in Wuppertal Premiere hatte, am Ende alles in Flammen aufgeht, hat die Hauptfigur Kurt ihr Vernichtungswerk getan.

Kurt, dieser Rebell ohne konkreten Grund, findet Welt und Menschen ganz pauschal zum Kotzen. Schon seine Geburt glaubt er als Geisterbahnfahrt erlebt zu haben. Nun, da er seine Pubertät durchleidet, will er sich – typisches Zitat – „rauskappen aus den Verbindungen und einzeln werden, raus mit den fremden Gedanken und alles dicht machen, nach außen keine Fühler mehr, nur noch Waffen, wie eine Qualle…“ Zurüstungen eines Amokläufers.

Mayenburg mag’s sprachlich heftig. Steigt Kurt mit seiner Schwester Olga ins Bett, so sieht er sich gleich „auf dem Matratzenrand detonieren“. Gemach! Von Anfang an steht der Text dermaßen unter Dampf, dass man etliche Ventile öffnen müsste. Mayenburg berauscht sich verbal an Phänomenen und Phantomen der Gewalt. Er scheut indes die Mühen der Herleitung.

Die Eltern sind nur Popanze

Auch fehlt jede ernstliche Gegenkraft. Kurts Eltern sind nur Popanze. Der Vater (Hans Richter) liest sabbernd Hurenmord-Berichte in der Zeitung, die Mutter (Andrea Witt) drischt derweil hohle Sozialhelfer-Phrasen. Kurts Tun verweigert sich jeder Erklärung, doch der Mutter gilt das Feuerlegen als „Hilfeschrei“ des armen, armen Sohnes. Derlei familiäre Karikaturen lassen sich gar leicht denunzieren. Für solche Spiegelfechterei bräuchte man kein schweres Schwert.

Doch Mayenburg (27) gebärdet sich als Wüterich, ständig schreit er Feurio, Zeter und Mordio. Wohl nur ein ganz junges Regieteam wie jetzt in Wuppertal kann dem spatpubertären Furor dieses flackernden Sturm- und Drang-Elaborats halbwegs beikommen. Anja Niemann (Regie) und Birgit Stoessel (Ausstattung) lassen den in Dutzende von Mini-Szenen zersplitterten Text rasant losrattern, so als solle möglichst schnell ein Ende erreicht werden.

Mit Nuancen muß man sich hier eh nicht aufhalten. Der hitzige Sud aus Horror und grauslicher Komik strebt rasch strudelnd dem Ausguss zu. Ein Tisch, ein Tuch, karge Stühle, weiß gestrichene Bierflaschen, leere Papierfetzen – so ist die Vorhölle des Nichts „möbliert“. Bloß keine Umstände.

Vor eine weiße Wand starren

Montiert wird die Szenenfolge nicht mit barschen Blenden, sondern mit geschmeidigen Übergängen zwischen den Sequenzen, durch die jener mit Punkerfrisur versehene Kurt (Christian Doll) selbst etwas ratlos pöbelt und trudelt, während seine in sich gekehrte Schwester (Martina Reichert) ein paar innigere Szenen still rasenden Wahns zeigen darf.

Am Ende ist man weder schlauer noch sonderlich „betroffen“. Man hat nicht tief in den Abgrund geblickt, sondern in sinnlose Leere gestarrt wie vor eine weiße Wand. Auch eine Erfahrung. Aber was kommt danach?

Die nächsten Termine: 15., 19., 22. September im Pavillon der Kulturinsel Kluse (direkt neben dem Schauspielhaus).




Goethe zum Schmökern und Staunen – eine Bücherschau zum 250. Geburtstag des Dichters

Von Bernd Berke

„Rätin, er lebt!“ soll seine Großmutter erleichtert der Mutter zugerufen haben, als er endlich den ersten Schrei tat. „Mehr Licht!“ hat er angeblich selbst geflüstert, als er 1832 starb. Sozusagen zwischen den beiden Momenten verfasste er seine allzeit, aber immer wieder anders gültigen Klassiker vom „Werther“ bis zum „Faust“. Die WR hat einen stattlichen Stapel neuer Bücher über Goethe gesichtet.

Der muntere Knabe guckt oben aus dem Fenster. Doch was tut er denn da? Lachend wirft er Tassen und Teller aufs Straßenpflaster. Klirr! Drunten stehen Leute und feuern ihn an: «Mehr! Mehr!“ Das schöne Familien-Geschirr…

Die Szene, die Goethe selbst in seinen Lebenserinnerungen „Dichtung und Wahrheit“ beschreibt, trug sich in seiner Vaterstadt Frankfurt am Main zu – und kann jetzt auch im Comic-Strip betrachtet werden. Das Leben des Dichterfürsten in bunten Bildchen mit Sprechblasen? Ja, wenn es der Leseförderung dient. Das Goethe-Institut und die Stiftung Lesen haben sich in die Edition eingeklinkt. Folglich tauchen keine Kürzel wie „Ächz“ oder „Sabber“ auf, sondern vornehmlich edle Originaltexte des Olympiers („Zum Sehen geboren“ / „Zum Schauen bestellt“, Ehapa Verlag, 2 Bände, je 52 Seiten, je 19,80 DM).

Mit „Goethe – Sein Leben in Bildern und Texten“ (Insel Verlag, 414 S. Großformat, 39,80 DM) kann man visuell in die damalige Ära eintauchen: So also hat Goethes Puppentheater ausgesehen, so sein Geburtshaus und so die Stadt Frankfurt zur fraglichen Zeit.

Zwei weitere Bildbände widmen sich dem Zeichner und Kunstkenner. Erstaunlich preiswert: „Goethe und die Kunst“ (Hatje, 644 S., 49,80 DM). Hier werden auch Themen wie „Wolkenstudien der Goethezeit“ aufgegriffen. Und man lernt, dass Goethe wichtige Künstler seiner Zeit wie Turner oder Goya praktisch ignoriert hat. Er war eben auch nur ein Mensch. Freilich einer, der fleißig zeichnete und von dem 2700 Blätter erhalten sind. Etliche stellt das Buch „Goethe. Der Zeichner und Maler“ (Callwey, 208 S., 99,90 DM) vor. Stets spürbar: die Freude am prallen Blühen der Natur.

„Goethes äußere Erscheinung“ (Insel-Taschenbuch. 200 S., 27,80 DM) besteht aus vielen Goethe-Porträts und Eindrücken der Zeitgenossen. So schrieb der Mime Wilhelm Iffland: Goethe hat einen Adlerblick, der nicht zu ertragen ist.“ Und Freund Friedrich Schiller bemerkte: „Er ist von mittlerer Größe, trägt sich steif und geht auch so; sein Gesicht ist verschlossen, aber sein Auge sehr ausdrucksvoll.. .“

Viele wollen Goethe ans Leder. So wurde ausgerechnet der so oft in weibliche Wesen Vernarrte als schwul „geoutet“, als Rabenvater oder politischer Reaktionär gebrandmarkt. Hier setzt auch dieses Buch an: W. Daniel Wilson „Das Goethe-Tabu“ (dtv, 414 S., 24,90 DM),

Wilson möchte partout beweisen, dass Goethe als Geheimrat in Weimar ein perfides Spitzelsystem aufgebaut habe, welches sich nicht nur gegen Studenten, sondern auch gegen Autorenkollegen wie Herder und Fichte gerichtet habe. Zudem habe er gnadenlos junge Burschen als Soldaten außer Landes verkauft. Just das Gegenteil liest Ekkehart Krippendorf aus den Quellen heraus: In „Goethe. Politik gegen den Zeitgeist“ (Insel. 232 S., 44 DM) würdigt er den Dichter als Förderer der Toleranz und der Abrüstungspolitik.

Federn lässt der Mythos des Dichters wiederum im Roman von Hugo Schultz: „Goethes Mord. Der Seelenmord an J. M. R. Lenz“ (Edition Isele, Eggingen. 441 S, 44 DM). Hier wird ein Verhalten beleuchtet, das Goethe nicht gerade sympathisch macht. Kaum einen seiner Zeitgenossen ließ er neben sich gelten. Besagten Dichter Lenz hat er ebenso kühl abblitzen lassen wie Heinrich Heine, Heinrich von Kleist oder Jean Paul – wahrlich keine zweitklassigen Schreiberlinge.

Ein wenig ins andere Extrem verfällt Gertrud Fussenegger in „Goethe – Sein Leben für Kinder erzählt (Lentz-Verlag/Herbig, München. 224 S., 24.90 DM). Hier ist sozusagen jede Zeile von Dankbarkeit erfüllt. Aber der Text klingt durchaus kindgerecht und gaukelt kein Wissen vor, das wir Heutigen nicht haben können. Der historische Abstand wird nicht verkleistert, sondern mit Würde gewahrt.

„Hat er, oder hat er nicht – und wann mit welcher?“

Wer sich ausgiebig mit Dichters Erdenwallen befassen will, greift vielleicht zu den Wälzern von Nicholas Boyle: „Goethe“ (Verlag C. H. Beck. Band 1: 1749-1790. 884 S., 78 DM / Band 2: 1790-1803, 1115 S., 88 DM). Der Brite geht wirklich in die Einzelheiten. Einen dritten Band ähnlichen Kalibers will er noch nachreichen. Bemerkenswert übrigens, dass Sigrid Damm: „Christiane und Goethe“ (Insel, 49,80 DM), eine intensive biographische Erkundung über Goethe und seine Frau Christiane Vulpius, seit Wochen die Sachbuch-Bestsellerliste anführt.

Falls man es lieber knapp und alphabetisch sortiert mag, erwirbt man das „Taschenlexikon Goethe“ (Piper, 316 S., 16,90 DM). Der Text gibt sich flockig. Unter dem Stichwort „Frauen“ erhebt sich die Frage: „Hat er, oder hat er nicht – und wann mit welcher?“ Hehe!

Nähern wir uns den Texten des Meisters selbst: „Verweile doch“ (Insel, 512 S.. 39.80 DM) heißt eine Auswahl von 111 Goethe-Gedichten mit Interpretationen. Ausgerechnet Marcel Reich-Ranicki knöpft sich Goethes berühmte Kritikerschelte vor… „Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent“. Reich-Ranickis bezeichnender Befund: Das sei Volksverhetzung…

Dass auch Genies nicht immer auf einsamer Höhe stehen, lässt die schmale Kollektion „Goethes schlechteste Gedichte“ (Residenz-Verlag, 95 S., 19.80 DM) ahnen. Die Herausgeber haben hier vor allem auf‘ Gelegenheitslyrik (zu Geburtstagen, Jubiläen usw.) zurückgegriffen, die Goethe nebenbei aus dem Handgelenk schüttelte. Kostprobe: „Die Welt ist ein Sardellen-Salat / Er schmeckt uns früh, er schmeckt uns spat“. Nun ja. Gemein ist’s, solche lässlichen Sünden zu sammeln.

Ungleich ernsthafter gehen die Herausgeber der auf 40 Bände angelegten Gesamtausgabe vor. Soeben erschienen: „Goethes ästhetische Schriften 1816-20. Über Kunst und Altertum 1-11″ (Deutscher Klassiker Verlag. 1622 S., 198 DM). Titel und Preis lassen ahnen, dass wir es hier mit einem Monument penibler Germanistik zu tun haben. Die Erläuterungen beginnen bereits auf Seite 617, umfassen also rund 1000 Seiten und erdrücken Goethes Worte nahezu.

Auf Reisen war meistens ein Diener dabei

Eigentlich unglaublich: Für 99,90 DM kann man 22 Bände Goethe („Berliner Ausgabe“) nebst wichtigen Briefen, den Gesprächen mit seinem Vertrauten Eckermann und 120 Artikel aus dem Goethe-Handbuch erwerben. Allerdings nicht zum gemütlichen Schmökern, denn es handelt sich um einen Daten-Silberling für den Computer. Mit Suchfunktionen kann man z. B. herausfinden, an welchen Stellen Goethe etwa Worte wie „Liebe“ oder „Italien“ verwendet hat. Um den elektronischen Kraftakt „Goethe – Zeit, Leben, Werk“ (CD-Rom, 99,90 DM) mit Textmassen, Bildern und Tönen zu bestehen, haben sich die Verlage Metzler, Aufbau und Schroedel mit dem Südwestrundfunk (SWR) und der Stiftung Weimarer Klassik vereint.

Goethe unterwegs, Goethe als Feinschmecker – auf dem Buchmarkt gibt’s alles: „Goethe auf Reisen“ (Weltbild, 144 S., 39,90 DM) verknüpft den historischen Rückblick mit Reisetipps für heute. Goethes Touren waren weit beschwerlicher als unsere, er hatte aber meist einen Diener dabei.

Goethe war also ein Genießer, der sich manche Mühsal abnehmen lassen konnte. „Zu Gast bei Goethe“ (Wilh. Heyne Verlag, 215 S., 68DM) fuhrt uns an den Tisch des Lukullikers, der „Welsches Huhn mit Trüffeln“ oder  „Leipziger Allerlei mit Krebsen“ verzehrte. 40 Rezepte aus der Weimarer Hofküche kann man nachbrutzeln.

Der Dichter hasste Hunde und Raucher

Zum Schluss zwei besonders originelle Bücher. „Goethes merkwürdige Wörter“ (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 216 S., 58 DM) macht anhand von über 1000 Begriffen bewusst, wie weit wir uns sprachlich von Goethes Epoche entfernt haben. Der Blumenliebhaber hieß bei ihm noch „Blumist“, für Pedanterie schrieb er „Kahlmäuserei“. Sagte er „Geilheit“, meinte er Übermut und „Dreistigkeit“ bedeutete ihm Zuversicht. Ein gar schönes Museum der deutschen Sprache.

Angriffslustig gehen Oliver Maria Schmidt und J. W. Jonas in „Gute Güte, Göthe!“(Haffmans-Verlag, 220 S., 24 DM) zu Werke. Unter der Überschrift „bebende Bärte“ werden Goethe-Deuter der verflossenen Jahrhunderte dem Gelächter preisgegeben: lauter salbungsvolle Rechthaber und Erbsenzähler der komischsten Sorte. Welch eine herrliche Realsatire zur Wirkungsgeschichte Goethes!

Schmunzelnd lernen wir hier auch Goethes Abneigungen kennen: Der leidenschaftliche Weintrinker hasste Hunde, Raucher, Brillen, Lärm, Sauerkraut und das „Zerknaupeln“ (Kneten) von Kerzenwachs. Außerdem gab er geliehene Bücher nie zurück. Dem Haffmans-Band entnehmen wir das passende Schlusswort, ein Zitat von Walter Benjamin aus dem Jahr 1932 (100. Todestag Goethes): „Jedes in diesem Jahr über Goethe eingesparte Wort ist ein Segen“. Schon gut. Wir schweigen.

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Der Text stand am 28. August 1999 in der Wochenendbeilage der Westfälischen Rundschau.




Die neuen Zeichen am Himmel – Überblick zum Spätwerk von Joan Miró in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Die Sonnenfinsternis hätten wir nun also recht glücklich hinter uns gebracht. Doch halt! Schon gibt es neue Himmelszeichen. Sogar ein völlig verfinstertes Zentralgestirn, aus dem dunkle Tropfen herabfallen, gibt es nun im Museum am Ostwall zu sehen. Es gehört – man glaubt es kaum – zu einer „schwarzen Serie“ von jenem Joan Miró, dessen Werke uns doch stets so froh und bunt erschienen sind. In Dortmund aber will man uns eben den „anderen Miró“ zeigen.

Die rund 60 Gemälde, 23 Skulpturen und 40 Grafiken, die in Dortmund präsentiert werden, stammen aus den Jahren 1966 bis 1981. Es geht also um das Spätwerk des 1893 in Barcelona geborenen und 1983 in Palma de Mallorca gestorbenen Künstlers. In dieser Dichte und Breite war das Altersschaffen in Deutschland bislang nicht zu sehen.

Lust auf „Mord an der Malerei“

Miró vollzog einen teilweise entschiedenen Bruch mit jenen liebenswerten Bildern, die zahllose Kalenderblätter oder auch T-Shirts zieren und die man sich (mal ehrlich!) schon ein wenig leidgesehen hat. Wecken sie auch vielfach freudige Gefühle, so hätte man’s doch gern auch mal etwas heftiger, sperriger. Das kann man haben. Jetzt in Dortmund.

Schon in den 30er Jahren war Miró, der die Ländereien des Kubismus und des Surrealismus durchschritten hatte, die Arbeit an der Staffelei zur Qual geworden. Am liebsten hätte er „die Malerei ermorden“ wollen. Ein Grund für die Wut war wohl auch die ärmliche Enge seiner Wohnung in Paris. Ein großes Atelier mußte her, dann konnte man vielleicht endlich aufatmen und von vorn beginnen…

Miró fand sein ersehntes Refugium 1954 auf Mallorca, damals noch eine ruhige, von Touristenmassen verschonte Insel ohne scheußlichen „Ballermann“. Statt dessen gab’s dort noch 77 Kürbissorten.

Erotik als Quelle des Schöpferischen

1956 ließ sich der Katalane auf Mallorca ein geräumiges Atelier nach seinen Wünschen errichten. So groß war es geraten, daß den Künstler anfangs eine Angst vor gähnender Leere befallen haben muss. Er hortete nun allerlei Fundstücke – rostige Nägel, leere Dosen, interessant geformte Steine. Hinzu kommen einfache Bildträger wie Sackleinen oder billiges Holz. Eine Kunst, die nicht stolz triumphiert, sondern so wirkt, als wolle sie wieder am Nullpunkt anfangen.

Manche der vorgefundenen Objekte wurden hernach Bestandteile von Bronze-Skulpturen. Ein Hammer, an passender Stelle eingefügt in eine Figur („Personnage“, 1971), kann auf diese Art auch schon mal obszön wirken.

Überhaupt finden sich in der Dortmunder Schau etliche Beispiele für die erotische und somit schöpferische Anverwandlung der Welt. Sexualität ist ein reich sprudelnder Quell dieser schwebenden, kreisenden, gärenden, pulsierenden, sich gleichsam unaufhörlich selbst gebärenden Symbolsprache Mirós, die der Musik so eng verwandt ist, wie es Malerei nur sein kann.

Ein zweiter Born sind eben jene kosmisch inspirierten Zeichen, von denen anfangs die Rede war. Diese sozusagen planetarische Traumwelt wird bevölkert und durchhuscht von vielerlei irrlichternden Gestalten. Da die meisten Bilder keinen Titel tragen, sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt. Kichernde Kobolde treiben da ihr Wesen, aber auch bedrohliche Phantome.

Den Moment des Schocks einfrieren

Von „Schocks“, die seine Produktion anregten, hat Joan Miró einmal gesprochen. Solche Anstöße konnten von allem ausgehen; von einem rasenden Auto oder einem Staubkorn. Bisweilen, so zeigt die (von Tayfun Belgin aus den Beständen der Miró-Stiftung auf Mallorca nach Belieben getroffene) Dortmunder Auswahl, bleiben diese Schocks im Spätwerk geradezu brutal präsent. Ganz so, als habe der Künstler den Schreck des allerersten Augenblicks bewahrt und eingefroren.

Selbst in der eher lieblich angelegten Serie „Allegro vivace“ gibt es ein Bild mit dem Titel „Der Raub“. Eine andere Arbeit heißt „Rette sich, wer kann“, und eine bebend „Eifersüchtige“ scheint vor lauter Leid explodieren zu wollen.

Wohlig umsonnte Altersmilde zeigt sich hier kaum, sondern Furcht und Schrecken treten oft fratzenhaft hervor. Oder auch der schiere Zorn, woher auch immer rührend. Wenn es dann einmal heiterer zugeht, kann man sich doppelt darüber freuen. Weil es der Finsternis abgerungen ist.

14. August bis 14. November. Museum am Ostwall, Dortmund. Eintritt 13 DM, Katalog 45 DM.




Die Welt wird zur Falle – Der geniale Filmregisseur Alfred Hitchcock wurde vor 100 Jahren geboren

Von Bernd Berke

Lange Sequenzen, ja ganze Filme von Alfred Hitchcock spielen auf engstem Raum – auf einem kleinen Boot, in einem einzigen Zimmer. Hier kann sich die Angst ganz dicht an die Figuren drängen, sie allseits umfangen. Auch für die Kino-Zuschauer gibt es kein Entrinnen vor der Spannung. Hitchcock, morgen vor hundert Jahren geboren, hat die menschlichen Abgründe zutiefst ausgelotet.

Der räumlichen Reduzierung entspricht in seinen Filmen oft die körperliche Fragmentierung. So sind, besonders im mörderischen Moment, Täter wie Opfer nur in Partikeln zu sehen – zitternde Hand, starrer Hals, geweitetes Auge. Am berühmtesten wurden die atemlos und klingenscharf gegeneinander gesetzten Schnitte in der Duschszene von „Psycho“. Wahrscheinlich hat Hitchcocks Frau, die Cutterin und Drehbuchautorin Alma Reville, hier ihren Einfluss ausgeübt. Die Szene weckt jedenfalls so archaische Ängste wie etwa die ganz allmählich sich zu ungeheurer Dunkelheit ansammelnde Bedrohung durch „Die Vögel“.

Sexuelle Obsessionen

Der streng katholisch erzogene Hitchcbck, der äußerlich so harmlos, so schnubbelig-wabbelig wirkte, dürfte in seinem Werk auch verborgene sexuelle Obsessionen verarbeitet haben. „Das Fenster zum Hof“ handelt natürlich vom Voyeurismus. Der Meister selbst brachte ausdrücklich „Vertigo“ mit Nekrophilie und „Marnie“ mit Fetischismus in Verbindung. Zudem treibt Hitchcock mit Vorliebe Blondinen (Grace Kelly, Ingrid Bergman, Kim Novak, Tippi Hedren, sogar die biedere Doris Day) als Opfer durch alle Schluchten des Schreckens.

Freilich kommen sexuell aufgeladene Themen (auch wegen der damals rigiden Zensur) stets raffiniert verhüllt und unterschwellig zur eminent filmischen Sprache, die meist auch ohne Tonspur aussagekräftig bliebe. Gerade deshalb wirken die Szenen umso wuchtiger nach, zumal Hitchcock keine entlastende „Moral der Geschichte“ liefert.

Erschütterung der Identität

Nachhaltige Erschütterung der Identität ist ein weiteres Gravitationszentrum. Vielfach werden Menschen verwechselt und geraten unversehens in den Teufelskreis von Schuld und Sühne. Niemand ist, was er zu sein vorgibt, die Welt wird zum Hinterhalt, zur Falle. Der eigene Ehemann scheint – wie Cary Grant in „Verdacht“ – mörderische Absichten zu haben, doch auch das ist nicht gewiss. Es bleibt lange in der Schwebe.

Zwei Begriffe gingen dank Hitchcock in die Cineasten-Sprache ein: Suspense und MacGuffin. Beispiel für Suspense: Jemand trägt unwissentlich eine Bombe bei sich. Bei Hitchcock weiß das Publikum immer mehr als der Held, nämlich dass und wann die Ladung explodieren wird. Derweil bewegt sich die Figur völlig ahnungslos und redet belangloses Zeug. Daraus erwächst eine schier unerträgliche Dehnung der Zeit. Bis heute spricht man, wenn etwa ein Fußballspiel auf Messers Schneide steht, vom Krimi à la Hitchcock.

MacGuffins sind jene unscheinbaren, oft mit hinterhältigem Humor eingeschleusten Vorwände, die eine Geschichte anstoßen und später gar keine Rolle mehr spielen. In „Psycho“ stiehlt Janet Leigh anfangs ihrem Chef 40.000 Dollar, die hernach völlig unwichtig und quasi nebenher „entsorgt“ werden.

Die Franzosen huldigten ihm

Bis dahin eher als ordentlicher, kommerziell erfolgreicher Filmhandwerker gewertet, wurde Hitchcock seit Ende der 50er Jahre recht eigentlich erst von den französischen Filmemachem der „Nouvelle vague“ entdeckt. Eric Rohmer, Claude Chabrol, Jacques Rivette und François Truffaut huldigten dem Briten. Truffaut, dessen vielstündige Interviews unter dem Titel „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ zum filmkundlichen Wegweiser wurden, hat gelegentlich Kamerapositionen und Schnittfolgen seines Idols detailliert nachgeahmt.

Truffaut, der oft zur eigenen Inspiration tagelang Hitchcock-Filme angeschaut hat, stellte ihn neben die Allergrößten: Hitchcoçk sei ein genialer „Künstler der Angst“ in der Nachfolge eines Edgar Allan Poe oder Franz Kafka. Und weiter: „Ihre Mission ist es, uns an ihren Ängsten teilhaben zu lassen. Dadurch helfen sie uns, uns besser zu verstehen“.




Der Mensch ist dem Menschen ein Rätsel – Claude Chabrols Film „Die Farbe der Lüge“

Von Bernd Berke

Im Wald liegt die Leiche der zehnjährigen Eloise. Das Mädchen ist erwürgt worden. Kurz vor ihrem Tod hat sie einen Zeichenkursus besucht. Kein Wunder, dass die Kommissarin zuerst den Lehrer verdächtigt.

So geradlinig beginnt Claude Chabrols „Die Farbe der Lüge“, doch dabei bleibt es nicht. Der Altmeister aus Frankreich verstrickt seine Figuren (und die Zuschauer) in ein dichtes, bald kaum noch durchschaubares Gespinst der Verstellungen.

Lügen, so erfahren wir bei dieser faszinierend kühlen filmischen Feldforschung in der bretonischen Provinz, können Menschen auf verschiedenste Art; etwa, indem sie wortreich die Wahrheit umkurven, indem sie das Wesentliche verschweigen – oder durch bewusste Maskierung ihrer wirklichen Absichten. Ja, nicht einmal Offenheit hilft weiter: „Wenn man sagt, was man denkt, ist es auch nicht die Wahrheit. Das wäre zu einfach“, heißt es einmal.

Eine Kommissarin aus dem Nirgendwo

Die Lüge ist hier so allgemein wie ein unentrinnbares Element, das durch alle Beteiligten hindurchflutet. Besagter Zeichenlehrer René (Jacques Gamblin) lebt mit Viviane (unaufdringlich präsent wie stets: Sandrine Bonnaire) zusammen. Spürbar wird die Kraft, die die beiden gegen alle Widrigkeiten verbindet. Doch im Grunde sind sie füreinander ebenso undurchschaubar wie alle anderen Personen: Der Mensch ist dem Menschen ein Rätsel, und das Leben erweist sich als Abfolge bloßer Mutmaßungen – ganz wie die Ermittlungen zum Kriminalfall.

René, ohnehin in einer künstlerischen Schaffenskrise, knickt unter dem ungeheuren Mordverdacht seelisch ein. Die Eltern melden nach und nach ihre Kinder aus seinem Kursus ab. Man weiß ja nie…

Folgenlos rauschende Fernsehbilder, wabernder Nebel

Um sich nicht vollends in Renés Depression hineinziehen zu lassen, lenkt sich Viviane ein wenig, aber nicht sexuell mit Desmot (Antoine de Caunes) ab. Dieser bisweilen lachhaft eingebildete Schriftsteller, charmanter Schwadroneur mit häufigen TV-Auftritten und Frauengeschichten, will sich auch schon mal mit gefälschten Zitaten wichtig machen. Zudem ist er, wie sich später herausstellt, offenbar an einem Handel mit gestohlenen Kunstwerken beteiligt.

Optische Entsprechungen solcher Ungewißheit sind jene folgenlos vorbeirauschenden Fernsehbilder, vor denen die Figuren vielfach mit starrem Blick sitzen; und dieser Nebel, der in schwarzblauer Nacht durch die zerklüftete Küstenlandschaft wabert. Die Kommissarin (Valeria Bruni-Tedeschi) wirkt eigenschaftslos, als sei sie aus dem Nirgendwo hergekommen. Auch sie greift zur Lüge. Die Befragung eines Verdächtigen zeichnet sie mit dem Bandgerät auf, obwohl sie das Gegenteil versprochen hat.

Der Mädchenmord und ein weiterer werden schließlich zwar Tätern zugeordnet, doch nicht wirklich aufgeklärt. Und der Film nimmt mit einem unübersetzbaren Sprach-Anklang am Ende eine Wendung ins nahezu Surreale. René, nunmehr vollends verdüstert, sieht sich selbst schon an der Schwelle zum Totenreich. Viviane, die bis hierher treulich zu ihm hält, ruft mehrfach seinen Namen, und im Französischen hört es sich genau so an wie „renée“ (wiedergeboren). Ist es die Kraft der Liebe, die selbst die Lüge und den Tod überwinden kann?




„Die Ehe – das sind zwei Geschichten“ / Neuer Roman des Büchner-Preisträgers Arnold Stadler

Von Bernd Berke

Figuren in deutschen Romanen haben oft viel Zeit, über sich und ihr Leiden an der Welt nachzudenken. So auch in „Ein hinreissender Schrotthändler“, dem neuen Werk des kürzlich gekürten Büchner-Preisträgers Arnold Stadler. Sein ichschwacher Erzähler, dem kein eigener Name gegeben wird, ist ein mit 45 Jahren früh pensionierter Geschichtslehrer.

Die Ehe dieses Mannes, der mit einer Ärztin liiert ist, tröpfelt sozusagen nur noch dahin. Der Resignierende redet davon, als gehe es um Konjunkturdaten: „… die Ehe war ohnehin eine krisengeschüttelte Branche, die krisengeschüttelte Branche schlechthin…“ Kinder hat man sowieso nicht in die Welt gesetzt. Auch dazu äußert der Enttäuschte seine düstere Meinung: „Für meine Person wollte ich keinen sogenannten Stammhalter. Damit sie nachher auf dem Kindergeburtstag streiten und Krieg spielen und .sich umbringen wollen?“

Fremder Schönling in Trainingshose

Eigentlich kein Wunder, daß Gattin Gabi abtrünnig wird, sobald der Schönling Adrian auftaucht. Wie aus dem Boden gewachsen, steht dieser Asylbewerber eines Tages in seiner Adidas-Hose vor der Tür. Fortan geistert diese Kunstfigur wie ein Phantom durch die Handlung. Gelegentlich würgt er den Hausherrn und verlangt Geld. Trotzdem adoptieren sie ihn. Die einfachste Lösung. So kann er hier bleiben und die Ehefrau beglücken. Man findet sich mit allem ab, denn man ist ja finanziell „saniert“ und fährt seinen Benz. Ein gut wattiertes Unglück also.

Allmählich aber wächst beim Erzähler denn doch ein Gefühl nachhaltiger Entfremdung: „Meine Frau, und ich: das sind zwei Geschichten unter einem Dach, von denen ich nur die eine kenne.“

Anlässlich einer Beerdigung treibt ihn das Weh weg aus dem Wohnort Köln und hin in seine alte, hassgeliebte Hinterwäldler-Heimat, über die er mit seiner Frau (hochnäsige Hamburgerin) nie wirklich hat sprechen können: Kreenheinstetten bei Meßkirch.

Und nun weitet sich der Roman zum eindringlichen, aber gleichwohl köstlich unterhaltsamen Lamento über Kindheits-, Sprach- und Heimatverlust.

„Die Heimat wird immer weniger“ lautet eine Kapitel-Überschrift. In der Tat ist die ehedem hinterletzte, aber anheimelnd gewesene Provinz jetzt durchtränkt mit dem Gift der schnöden Gegenwart. Rosemarie, seine Freundin aus der Zeit kindlicher Doktorspielchen, verdingt sich als Immobilienmaklerin, ihr Mann verhökert japanische Geländewagen. Andauernd zirpen die Handys, und einen Selbsterfahrungs-Workshop für Sexaholics (Sexsüchtige) gibt’s auch schon in Meßkirch, wo einst der Schwergewichtsdenker Martin Heidegger grübelte.

Traurigkeit hinter der Maskerade

Glaubt auch niemand mehr an Gott, so bekommt man hier doch noch eine „Seele“. So heißt die landesübliche Brezel, bei deren Anblick dem Erzähler ganz warm uns Herz wird. Wie sich einst Marcel Proust vom Duft eines Gebäcks zur „Suche nach der verlorenen Zeit“ verleiten ließ, so auch Stadler und sein Antiheld.

Arnold Stadler würzt sein Klagelied mit komischen, schrulligen, abstrusen Details. Stilistisch gibt er sich oft bewusst lässig und streut so manchen Kalauer ein. Für das Lächerliche hochnotpeinlicher Situationen hat er einen besonders wachen Sinn. Kurz und gut: Die Sache liest sich munter ‚runter.

Doch hinter solcher Maskerade springen urplötzlich Traurigkeit, ja Untröstlichkeit hervor, manchmal in unscheinbaren Nebensätzen. Das Leiden am verfehlten Leben wird durch Stadlers Komik um keinen Deut verkleinert, sondern umso greller hervorgetrieben. Und dies ist wirklich eine Kunst.

Arnold Stadler: „Ein hinreissender Schrotthändler“. Roman. DuMont Verlag. 237 Seiten.




Ein Kraftkerl mit empfindlicher Seele – Überblick zum Werk des Malers Lovis Corinth in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Durch eine grüne Tür stürzt „Der geblendete Simson“ auf den Betrachter zu. Seine Hände liegen verkrampft in eisernen Ketten, bis auf einen Schurz ist er elend nackt. Um die Augenpartie klebt ein verschmierter Verband, aus dem Blut rinnt. Eine geschundene Gestalt, die uns die ganze Wucht ihres Schmerzes entgegenschleudert.

Da behaupte noch ein Kunstlexikon, Lovis Corinth (1858-1925) sei Impressionist gewesen; nur deshalb, weil er häufig flirrendes Licht in seinen Bildern flackern ließ oder weil er manchmal unter freiem Himmel gemalt hat. Nein, dieser ausdrucksmächtige Berserker ist, wenn denn schon Stil-Schubladen geöffnet werden müssen, mindestens ebenso sehr Expressionist gewesen. Das belegen die 61 Gemälde und 70 Papier-Arbeiten, die jetzt in Wuppertal zum Werküberblick vereint sind.

Blühende Gärten als Feier des Lebens

Der auch körperlich imposante Kraftkerl war allerdings ein hochsensibler Mensch. Immer wieder hat Corinth seine seelischen Zustände in Selbstporträts fixiert. Anhand dieser gemalten Zwischenbilanzen kann man ihm einige Höhen und Tiefen nachfühlen. Auf dem letzten Selbstbildnis aus dem Todesjahr 1925 ist das Antlitz des Künstlers fast durchsichtig schmal geworden, sein Blick ist gebrochen und nach innen gerichtet. Selbst die Farben (verwaschenes Grau, bleiches Rot) haben alle Kraft eingebüßt.

Völlig anders die Bilder vom Beginn des Jahrhunderts, als der im ostpreußischen Tapiau geborene Corinth nicht nur künstlerisch im Saft stand! 1902 malte er sich selbst mit einer halbnackten, noch etwas scheu dreinschauenden Schönen. Es war Charlotte Berend, erste Elevin in Corinths 1901 gegründeter Berliner Malschule für Damen. Bald darauf wurde sie seine Ehefrau. Als sie, wie man damals wohl sagte, in „gesegnete Umstände“ kam, malte Corinth zur Lebensfeier blühende Gärten und später eine vollkommen zufrieden in sich selbst ruhende „Donna Gravida“, was just „schwangere Frau“ bedeutet.

Vorbilder Frans Hals, Manet und Cezanne

Üppig schwellende „Rubens-Leiber“ hat Corinth mit spürbarer Lust verewigt. Die ungeheure Fleischlichkeit der vierköpfigen „Frauengruppe (Freundinnen)“ von 1904 kündet von Sinnenfreude, die „Salome“ (1900) freilich von gefährlichen Begierden. Höchst delikat in der Farbbehandlung zeigt Corinth die „Dame mit Weinglas“ (1908), eines jener Bilder, die an sein großes Vorbild Frans Hals heranreichen, den er neben Cezanne und Manet am meisten verehrte, während er Monet für „schwächlich“ hielt.

Corinth befand, man dürfe die französischen Impressionisten nicht nachäffen, sondern müsse eine entschieden deutsche Kunst schaffen. Was immer dies sei, hier klingt Corinths Zungenschlag für heutige Ohren ein wenig befremdlich.

Manchmal nah an der Karikatur

Ob nun deutsch oder nicht, seine Bilder überzeugen, ja überwältigen oft – nicht zuletzt durch eine zupackende Charakterisierungs-Kunst, die gelegentlich das Karikierende streift. Angesichts der „Logenbrüder“ (1898/99), dieser trinkfreudigen Versammlung von Freimaurern, wird man schmunzeln – etwa über jenen Versicherungsmakler mit Hang zum Höheren, der verklärt gen Himmel blickt. Auch wirkt auf Corinths Porträt der damals tonangebende Kunstkritiker Julius Meier-Graefe, der dem Künstler anfangs nicht so gewogen war, ziemlich diabolisch. Und das Bildnis der betagten „Mutter Rosenhagen“ zeigt überdeutlich die Spuren des Alters. Nicht sehr galant. Wer’s idyllisch mag, wird gleichfalls fündig: Corinths Walchensee-Landschaften verströmen ein Behagen vor der Natur, das auch den Betrachter mit Ruhe erfüllt.

Lovis Corinth. Von der Heydt-Museum, Wuppertal (Elberfeld, Turmhof 8). 1. August bis 19. September. Di-So 11-18, Do 11-20 Uhr. Katalog 35 DM.




Das Leben als Mutprobe – zum 100. Geburtstag von Ernest Hemingway

Von Bernd Berke

„Es ist nicht schlimm“, sagte er. „Und Schmerzen machen einem Mann nichts.“ – Ein Zitat aus „Der Alte Mann und das Meer“. Der Tonfall ist unverkennbar. Punkt, fertig, keine Debatten. Keine Weicheier-Fragen wie „Wann ist der Mann ein Mann?“ Der Schriftsteller Ernest Hemingway hätte wohl schlicht geantwortet: „Immer.“ Und er hätte zur Bekräftigung den nächsten Whisky gekippt.

Dieser Kerl von altem Schrot und Korn wurde heute vor 100 Jahren in Oak Park (US-Staat Illinois) geboren. Die tonangebende Literaturkritik urteilt inzwischen sehr nüchtern über ihn. Maureen Dowd, Starkolumnistin der „New York Times“, behauptete gar: „Hemingway war schon eine Parodie seiner selbst, als er starb“. Und: „Zusammen mit anderen Macho-Schriftstellern wie Jack London, Irwin Shaw und Norman Mailer ist sein Werk aus der Mode gekommen.“ 1950 hatte im selben Weltblatt noch gestanden, Hemingway sei der wichtigste anglophone Autor seit Shakespeare.. .

Freizeit-lndustrie in seinem Namen

Über literarische Qualität wird kaum noch geredet, wenn der Name Hemingway fällt. Statt dessen steht er als (bröckelndes) Denkmal für ein kerniges Männerleben zwischen Hochseefischerei, Großwildjagd, Stierkampf, Kriegsreportagen und alkoholischen Exzessen. Die eine oder andere Frau gab’s als Gattin oder Geliebte auch noch –vorzugsweise demütig. Auf diesen etwas ranzigen Geschmack von Freiheit und Abenteuer, auf Hemingways „muskulösen Existentialismus“ (so der Kritiker Paul Ingendaay in der FAZ) gründet sich eine Freizeit-Industrie mit läppischen Ähnlichkeits-Wettbewerben, touristischen Routen entlang seiner Kneipen-Touren (Key West in Florida, Kuba) und Hemingway-Lizenzen für Gewehre, Füllfederhalter, Brillen oder Möbel.

Sein vielfach verfilmtes Werk, 1926 mit „The Sun Also Rises“ (deutsch „Fiesta“) beginnend und 1954 mit dem Nobelpreis für „Der Alte Mann und das Meer“ (1952) gekrönt, wird lukrativ ausgeweidet. Hemingways Söhne schustern posthum greifbare Fragmente zu schnellfertigen Büchern zusammen. Man darf vermuten, daß der alte Ernest dies ebenso gehaßt hätte wie den Umstand, daß ausgerechnet einer seiner Sprößlinge als Transvestit lebt.

Die erste Flinte mit zehn Jahren

Mit zehn Jahren bekam der Arztsohn Ernest Hemingway seine erste Jagdflinte. Das prägt. Mit 18 wurde er Reporter beim „Kansas City Star“. Die schmucklos-präzise Nachrichtensprache hat großen Einfluß auf seine späteren Bücher ausgeübt, die wiederum eine ganze Generation von Literaten geprägt haben. Hemingways knapper Stil, aus deutscher Sicht das pure Gegenteil etwa eines Thomas Mann, wurde als „Depeschen-Prosa“ bezeichnet. Tatsachlich versuchte er, jede überflüssige Emotion oder Reflexion aus seinen Romanen und Erzählungen zu verbannen. Seine besten Texte beginnen gerade deshalb wie von selbst zu funkeln. Solche Wonnen der Wortkargheit haben vielleicht die deutlichste Entsprechung in der Filmweit: Hemingway schrieb ungefähr so, wie Humphrey Bogart spielte.

Im Ersten Weltkrieg als Ambulanzfahrer schwer verletzt, verliebte sich der 19jährige Hemingway in die Krankenschwester Agnes von Kurowsky, der er in dem Roman „In einem anderen Land“ (1929) ein Andenken bewahrte. Vom „Toronto Star“ nach Paris entsandt, lernte er literarische Größen wie Gertrude Stein, Ezra Pound und F. Scott Fitzgerald kennen. Bald hörte er selbst zu den Berühmtheiten.

Stierkampf und Trunksucht

In „Tod am Nachmittag“ stilisierte Hemingway 1932 den spanischen Stierkampf zum Sinnbild menschlicher Existenz: das Dasein als unaufhörliche Mut- und Bewährungsprobe im Angesicht des Todes. „Die grünen Hügel Afrikas“ (1935) entstand nach einer Safari im damaligen Tanganjika, „Haben und Nichthaben“ (1937) war sein einziger Roman, der in Amerika spielte. Mit seiner Geliebten Martha Gellhorn zog er als Berichterstatter auf republikanischer Seite in den Spanischen Bürgerkrieg, die literarische Ausbeute hieß „Wem die Stunde schlägt“ (1940). Ins von den Deutschen befreite Paris zog er als einer der ersten US-Amerikaner ein.

Am 2. Juli 1961 erschoß sich der künstlerisch kraftlos gewordene, deprimierte und trunksüchtige Schriftsteller. War er am eigenen Männlichkeitsanspruch gescheitert? Mitten im „Kalten Krieg“ bemerkenswert: Sowohl US-Präsident John F. Kennedy als auch dessen Widersacher Fidel Castro, dem Hemingway 1959 nach der kubanischen Revolution die Ehre des Besuchs erwiesen hatte, bekundeten Trauer. Sozusagen unter Männçrn. Und noch ein Mann der politischen Tat nennt, wie man hört, „Papa Hem“ seinen Lieblingsautor: Bundeskanzler Gerhard Schröder. Aber daraus ziehen wir nun keine Schlüsse.




Hinter der Abstraktion lauert schon das Nichts – Gefühle direkt aufs Bild bringen: Werke von Jackson Pollock in Düsseldorf

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Reichlich rabiat muß er gewesen sein, der amerikanische Maler Jackson Pollock (1912-1956). Eine vom Künstler-Kollegen Willem de Kooning verbreitete Anekdote besagt, Pollock habe auf einer Party mit bloßer Faust ein Fenster eingeschlagen, um für Frischluft zu sorgen. So geht’s natürlich auch…

Bei einer schicken Vernissage pinkelte Pollock auch schon mal beherzt in den Kamin der Gastgeber. Rund elf Monate, nachdem der Filmstar James Dean tödlich mit dem Auto verunglückt war, starb auch Pollock – nur 44jährig – 1956 am Lenkrad. Er war sturzbetrunken. Ein Hollywood-Film mit Ed Harris, der im nächsten Jahr herauskommt, wird sein wildes Leben nachzeichnen. Man wundert sich nur, daß dies so spät geschieht.

Hollywood verfilmt sein wildes Leben

Solche voyeuristischen Blicke auf Dinge des Lebens und Sterbens mögen interessant sein. Doch in der Pollock-Schau der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW gilt es, nicht Grob-, sondern Feinheiten zu würdigen.

Für alle Zeiten berühmt wurde Pollock, als er ab 1947 die wohl spontanste Form der Kunst ausübte: Er ließ die Farbe vom Pinsel oder direkt aus der Tube auf die Bilder tropfen (sogenanntes „dripping“, aus dem sich Pollocks späterer Spitzname „Jack the dripper“ ergab). Im engen Atelier lagen die Bilder auf dem Boden, Pollock ging herum und ließ seinen Regungen Lauf. Im gelenkten Zufall konnten Gemütszustände ganz unmittelbar durch Körperbewegungen auf die Leinwand gebannt werden. Von diesem „action painting“ sieht man in Düsseldorf einige prachtvolle Proben.

Weitaus wichtigste Quelle der konzentrierten Auswahl (rund 50 Werke) war das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA), wo 1998 mit 150 Bildern eine große Pollock-Retrospektive zu sehen war, die an London weitergereicht wurde.

Im Kreisen der Formen der Schmerz des Kreißens

„Birth“ (Geburt) heißt ein um 1938 entstandenes Bild. Es illustriert den Vorgang des Werdens nicht, sondern drückt ihn schmerzlich aus. Im Kreisen der Formen meint man das Kreißen zu spüren. „The Flame“ (Die Flamme, ca. 1940) flackert nicht als Abbild, sondern scheint den Bildträger direkt zu versengen.

Auch die Kunst eines Pollock kam nicht voraussetzungslos zur Welt. Manche Einflüsse, etwa aus der indianischen Kunst, von Picasso oder den Surrealisten (die eine „automatische“, das Unbewußte freisetzende Bildschöpfung anstrebten), werden von Fall zu Fall deutlich.

Auch kleine Formate (Zeichnungen, Druckgraphik) entfernen sich zunehmend von erkennbarer Gegenständlichkeit. Es ist, als habe Pollock hier die seiner Ausdruckskraft gemäßen Formenvorräte gesichtet und das bildnerische Arsenal angefüllt, um es hernach zur ungeheuren Eruption zu bringen.

Galaxien einer grenzenlosen Freiheit

Bilder wie „Free Form“ (Freie Form, 1946) oder „Shimmering Substance“ (Schimmernde Substanz, 1946) sind Orgien scheinbar regelloser Linienmuster und Farbballungen. Mit grandioser Geste manifestiert sich solch neu gefundene, schier grenzenlose Freiheit in Monumentalbildern wie „Nummer 1 A“ (1948), „Nummer 31″ und „Nummer 32″ (beide 1950). Jede dieser Arbeiten entwirft radikal einen eigenen Bildkosmos. In solchen Galaxien können die Augen des Betrachters halt- und endlos schweifen.

Es war ein Gipfel, auf den Pollock die abstrakte Malerei getrieben hatte. Doch zugleich war es ein Nullpunkt, hinter dem das Nichts lauerte. Von Depressionen geplagt, verfiel er fortan in eine düstere, längst nicht mehr selbstgewisse Schwarz-Malerei. Kunst vor dem gähnenden Abgrund…

Man kann es sich schön zurechtlegen: Pollock war wie ein Komet, der leuchtend aufstieg und rasch niederging. Stoff für Legenden. Die Wahrheit sieht vermutlich anders aus, doch wer will sie kennen?

Jackson Pollock. Bis 3. Oktober in der Kunstsammlung NRW, Düsseldorf, Grabbeplatz. Eintritt 12 DM. Katalog 24 DM.




„art open“ in Essen: Mumpitz des Jahres oder mutiges Durcheinander?

Von Bernd Berke

Essen. Plakate in der Stadt? Fehlanzeige. Irgendein Hinweis am Messegelände? Nichts. So klammheimlich wollen die Veranstalter der als Weltkunstschau angepriesenen „art open“ bis zum 8. August über eine Million Besucher nach Essen locken?

Plakatflächen seien ausgebucht, hieß es gestern zur Pressekonferenz. Vielleicht hätte man sich ja frühzeitig darum kümmern müssen. Zu sehen gab’s nur wenige der angeblich 900 Kunstwerke von der Steinzeit bis heute, die man in fünf Messehallen zeigen will. Zwei Tage vor Eröffnung herrschte vielfach gähnende Leere, in etliche Bereiche wurden die Journalisten wohlweislich gar nicht geführt. Ein Katalog war auch noch nicht fertig.

Selbst ein Mikrofon, mit dem man die versammelten Berichterstatter akustisch hätte erreichen können, war nicht vorhanden. Derweil übertönte eine Voodoo-Kultgruppe aus Benin jedes unverstärkt gesprochene Wort. Das sei ein Ritus, den man nicht einfach abbrechen könne, hieß es.

Voodoo als Schwerpunkt

Voodoo ist ein, wenn nicht d e r Schwerpunkt dieser obskuren Schau. Voodoo-Figürchen durfte man also bestaunen, es folgten diverse russische Ikonen, sodann vorwiegend zweit- bis drittklassige Bilder zwischen Barock und 19./20. Jahrhundert, offenbar größtenteils aus kleineren osteuropäischen Museen geliehen, die über ein paar Devisen-Scherflein froh sein dürften.

Je ein Bild von Rubens („Gottvater, von den Evangelisten verehrt“) und El Greco („San Juan“) sollten „später“ noch eintreffen. Ist dies nun der Mumpitz des Jahres, oder kann die Regellosigkeit und billige Beliebigkeit gar befreiend wirken? Lassen wir die Antwort gnädig offen.

Von 30 auf unter 10 Mio. DM ist der Etat abgespeckt worden. Auf Veranstaltungen im Freigelände hat man völlig verzichtet, wobei man sich von der Messe Essen eh stiefmütterlich behandelt fühlt.

Verzehr soll das Finanzrisiko mindern

Dieter Walter Liedtke, Mentor des Ganzen, der unser aller Bewußtsein mit der Ausstellung und seiner simplen Kunst-Erklärungsformel erweitern will, tapste etwas ratlos durch das, was er da (nicht) angerichtet hat. Angeblich steht Liedtke für finanzielle Risiken gerade. Mit über 1 Million Besuchern (ob diese Zahl wohl je erreicht wird?) soll sich die Sache selbst tragen; bei freiem Zugang (Konzert-Eintritte kosten aber kräftig) rund um die Uhr. Gewinn bringen soll ein Verzehr von etwa 30 DM pro Kopf. Dann zahlt man für Bier oder Saft also 10 DM? Nein, gerade mal 3 DM. Höchst rätselhaft.

Der weltbekannte Ausstellungsmacher Harald Szeemann (documenta, Biennale in Venedig), nicht mehr mit der „art open“ befaßt, war gestern gleichwohl zugegen. Vieles, so Szeemann, mißfalle ihm an der Schau. Doch Liedtke selbst, der ein mutiges Durcheinander angestiftet habe, sei das eigentliche Kunstwerk; seine „Spinner-Potenz“ gehöre in ein „Museum der Obsessionen“. Da sagt’s mal einer.




Immerzu Krieg mit Pausen – Günter Grass zieht in seinem neuen Buch „Mein Jahrhundert“ Bilanz

Von Bernd Berke

Alle ziehen Bilanz, auch Günter Grass. Im letzten von 100 Texten seines Buchs „Mein Jahrhundert“ läßt er seine verstorbene Mutter auferstehen. Und also redet sie 1999: „Nun aber soll ich erzählen, wie es früher gewesen ist. Sag ich ja, Krieg war, immerzu Krieg mit Pausen dazwischen“.

Jedem Jahr des verfließenden Jahrhunderts ist im „neuen Grass“ ein kurzer Text gewidmet. Nach der Lektüre muß man glauben, dies sei in seinen Untiefen vor allem eine deutsche Epoche gewesen. Nur sporadisch schweift der Blick über die Grenzen.

Die schlimmen Zeiten beginnen gleich anno 1900, als ein bayerisches Regiment auf Kaisers Befehl ausrückt, um den Boxeraufstand in China niederzuschlagen. Als Wegmarken folgen die Weltkriege mitsamt allen Vor- und Nachwehen, mit Massenarbeitslosigkeit, Inflation, militärischer wie mentaler Aufrüstung und späteren Prozessen gegen Kriegsverbrecher, aber auch allfälligen „Kameradschaftstreffen“. Vergangenheit, die nicht vergehen will.. .

Der Erzähler ist allgegenwärtig

Grass schlüpft in allerlei Rollenprosa, mischt Fakten und Fiktion. Als allgegenwärtiger Erzähler versetzter sich in Akteure der jeweiligen Zeit hinein, bringt sich aber auch gelegentlich selbst ins historische Spiel: z. B. 1953 als Zaungast des Ostberliner Arbeiteraufstands, 1959 just als Autor der „Blechtrommel“, 1965 als SPD-Wahltrommler.

Historische Stichproben: Grass leiht seine Stimme einem Mann aus der Menge, der 1908 als Kind die flammenden Reden des Sozialisten Karl Liebknecht gehört hat. 1910 denkt eine Frau aus dem Ruhrgebiet über die Krupp-Kanone „Dicke Berta“ nach, bevor 1911 der Kaiser von einer kampfkräftigen Flotte träumt. 1933 spricht ein liberaler Galerist, der Max Liebermanns Ekel vor dem NS-Staat beschreibt.

Ernst Jünger redet mit Remarque

1937 erscheint Grass selbst als kleiner Junge, der auf dem Schulhof den Sieg des Faschisten Franco im Spanischen Bürgerkrieg nachspielt. 1946 äußert sich eine „Trümmerfrau“, 1955 will ein Häuslebauer ein Atombunker-Loch im Garten graben und stürzt hinein. 1962 hören wir jenen Glaser, der den Angeklagtenstand für den Eichmann-Prozeß gebaut hat. 1989 wirken Szenen der Maueröffnung im TV auf einen Ostberliner wie ein Kalte-Krieger-Film, 1997 bekommt das geklonte Schaf „Dolly“ seinen Auftritt.

Grass hat einige Phasen des Jahrhunderts nicht Jahr für Jahr abgehandelt, sondern als verklammerte Fortsetzungsgeschichten. So läßt er Ernst Jünger und seinen politischen Gegenpart Erich Maria Remarque über den ganzen Ersten Weltkrieg plaudern, das Inferno des Zweiten Weltkriegs wird aus der verzerrten Perspektive eines Treffs früherer Frontberichterstatter ins Auge gefaßt.

Die Konstruktion schimmert durch

Detail-Recherchen ließ Grass von einem jungen Historiker erledigen, und offenbar hatte er die Zeittafel immer bei sich, so umständlich fügt er dies und jenes ein. Das Gerüst der Konstruktionen scheint häufig durch. Über weite Strecken liest sich das alles wie braver Schulfunk, wie ein geschichtliches Ratespiel. Elan ist kaum zu spüren.

Grass fordert den Leser nicht allzu sehr. Nach ein Paar Absätzen ist die Aufgabe jeweils umrissen. Sodann wird die Sache mit Anstand, aber ohne sonderlichen literarischen „Überschuß“ fortgeführt. Etliche erfundene Zeitzeugen scheinen dem Kern der Verhältnisse nicht näher zu kommen als ein distanzierter Beobachter.

Im Steinbruch der Geschichte

Erstaunlich unaufwendig und schmucklos kommt die Sprache daher. Fundstücke, die einen Zeitabschnitt auf den Begriff brächten, sind selten. Auch Grass‘ Aquarelle, einer Sonderausgabe beigegeben, illustrieren die Sachverhalte und Gefühlslagen nur.

Grass entwirft kein großmächtiges Panorama des Jahrhunderts, sondern ein hie und da schimmerndes Kaleidoskop ohne vorschnelle Gewißheiten. Durch Kreuz- und Querbezüge, wie etwa jene mehrfach aufgegriffene Geschichte martialischer Kopfbedeckungen (Pickelhaube, Lederkappe, Stahlhelm) gewinnt die Erzählung zuweilen etwas tieferen Atem. Doch insgesamt erleben wir ein ziemlich mühevolles „Abarbeiten“ im Steinbruch der Geschichte.

Günter Grass: „Mein Jahrhundert“. Steidl Verlag. 384 Seiten, 48 DM / Ausgabe mit Aquarellen des Autors: 416 Seiten Großformat, 98 DM (beide ab 10. Juli im Buchhandel)




Warnung vor dem Ungeist – Gerhard Schneiders Olper Sammlung mit Bildern verfemter Künstler der NS-Zeit

Von Bernd Berke

Olpe. Gerhard Schneider hat eine höchst ehrenwerte Passion: Seit rund 15 Jahren sammelt er Bilder, deren Urheber zur NS-Zeit als „entartet“ verfemt und seither vielfach vergessen wurden.

„Ich will diese Künstler nicht zu großen Heroen stilisieren, aber man muß ihnen ein würdiges Andenken bewahren“, sagt der ehemalige Lehrer, der heute in Olpe-Rhode lebt. Jetzt zeigt er abermals eine Auswahl seiner Kollektion beim Olper Kunstverein Südsauerland. Seit 1992, als man dort den ersten Querschnitt aus Schneiders Depot präsentierte, ist die Sammlung schon wieder um ein Mehrfaches angewachsen.

Leitlinie ist die „expressive Gegenständlichkeit“, doch die rund 80 Werke könnten verschiedener kaum sein. Das weite Themenspektrum reicht von lieblichen Landschaften und arglosen Porträts bis hin zu Mahnungen vor wachsendem Ungeist und zur erschütternden Darstellung von KZ-Greueln.

Gar manches, aber nicht alles lohnt unter rein künstlerischen Gesichtspunkten eine Wiederentdeckung. Wichtiger sind zuweilen die Schicksale der Bilder und der Künstler: Auf der Rückseite einer Arbeit prangt noch ein Erlaß Hitlers, der die Beschlagnahme anordnete…

Die meisten blieben „namenlos“

Die meisten Künstler sind „namenlos“, doch ein paar prominentere sind vertreten: George Grosz schuf 1933 das bittere Bild „Der Held“. Es zeigt einen Kriegsinvaliden mit Krücke. Otto Pankoks Porträt einer Zigeunerin („Hoto II“) wurde 1937 von den Nazis in der Schandausstellung „Entartete Kunst“ dem Hohn .preisgegeben.

Hans Grundig zeichnete 1938 eine Rotte jaulender Hunde, die gleichsam die ganze Weltklage gen Himmel senden. Der Dortmunder Hans Tombrock ließ einen Dämon über einer düsteren Menschenmasse erscheinen.

Gerhard Schneider befaßte sich anfangs mit alten Stichen à la Merian. Eines Tages sah er Valentin Nagels „Frau mit Schleife im Haar“. Sie faszinierte ihn so, daß er seine Sammeltätigkeit völlig anders ausrichtete – auf die Verfemten; ganz gleich, ob sie im Exil oder in der „inneren Emigration“ tätig waren.

Längst gilt Schneider bundesweit als Fachmann. So erscheint in Kürze im Wienand-Verlag ein fast 500 Seiten starker Bildband über seine Sammlung.

Kunstverein Südsauerland. Großer Saal im Kreishaus Olpe, Westfälische Str. / Vom 4. Juli bis 8. August, So bis Fr 15.30 bis 18.30 Uhr.




Wenn Rubens dem Voodoo-Kult begegnet – Wirre Pläne zu einer „Weltkunstschau“ in den Essener Messehallen

Von Bernd Berke

Essen. Vollmundiger kann man eine Schau nicht ankündigen: Die „spektakulärsten Ausstellungsräume der Welt“ würden sich ab 10. Juli in fünf Essener Messehallen für eine „kulturelle Revolution“ auftun, und zwar 24 Stunden am Tag bei freiem Eintritt.

„Erstmals“, so tönen die Veranstalter weiter, werde man bei diesem „Event“ die Entwicklung der Kunst wirklich verstehen können. Das klingt so merkwürdig wie so manches am Projekt „art open“.

Die wahrhaft simple Formel, die uns zum Verständnis aller Künste führen, ja sogar „jede Idee erklären“ soll, lautet so: „Leben (Bekanntes) + Bewußtseinserweiterung (Innovation) = Kunst“.

Aha! So einfach ist das also. Ersonnen wurde die Wunderformel vom gebürtigen Essener Dieter Walter Liedtke (54), der auf Mallorca ein kleines Museum mit Selbstgemaltem betreibt, bisher aber vor allem durch die Erfindung eines „luftgepolsterten Turnschuhs“ auffiel, was nicht unbedingt als Qualifikation für die Weltspitze der Kunst taugt.

Ungenannte „Originalwerke“

Liedtke („Alles ist Kunst“) will sich in Essen bei seiner „Weltkunstausstellung“ nicht lumpen lassen. Hier ist nur Platz für eine kleine Auswahl aus dem bisherigen Wust marktschreierischer Pressemitteilungen: angebliche „Originalkunstwerke“ von Rubens, Picasso, Dalí, Beuys und vielen anderen (wobei bisher kein einziges Werk benannt wird); eine Schau über die Steinzeit; dazu die (natürlich) „europaweit erste“ Ausstellung zum Voodoo-Kult. Rubens und Voodoo – welch eine aparte Kombination!

Doch damit längst nicht genug im Gemischtwarenladen: Talkshows („Werden wir alle zu Genies?“), Filme, Konzerte von Klassik bis Techno, die bisher nicht so arg vermißte „Weltpremiere“ des Ex-Scorpion Hermann Rarebell mit seinem „Monte Carlo Pop Orchester“ und viel anderes Zeug füllen die Programmpläne.

Erleuchtung wie in einer Sekte

Dafür bürgt als Regisseur ein gewisser Vladimir Egorov, „am 25. Juni 1953 im Ural geboren“ und Absolvent der Moskauer Zirkusschule. Der gut Mann wird so zitiert, als habe er bei einer Sekte den Weg der Erleuchtung beschritten: „Als ich von der ,art open‘ hörte, fand ich meinen Lebensinhalt in Liedtkes Kunstformel wieder.“

Wahrhaft erstaunlich: Ruhrgebiets-Kunsttalente sollen ebenso präsentiert werden wie nicht weniger als 2000 (!) internationale Künstler, die vorführen sollen, warum diese Erde liebenswert ist. Namen? Fehlanzeige. Schließlich sollen die Besucher (man rechnet ganz locker mit einer Million bis zum 8. August – aber haben Sie schon mal ein einziges „art open“-Plakat gesehen?) ihren röhrenden Hirsch gegen wahre Kunst tauschen oder im Wettstreit auf allen möglichen Gebieten selbst kreativ werden, z. B. indem sie aus abgeschnittenen Haaren Bilder und Skulpturen zaubern. Gipfel: Eine Massenhochzeit „in vier Religionen“ soll die „spirituelle“ Bedeutung der Heirat beweisen. Ganz klar: Auch die Ehe ist ein Kunstwerk.

24 Stunden am Tag – alles kostenlos?

Überdies gehen die Veranstalter mit hochkarätiger Schirmherrschaft hausieren. Spaniens Königin Sofia soll ebenso eingewilligt haben wie Michail Gorbatschow und Norbert Blüm. Der hat sich darauf eingelassen, weil er sich mit Sofia und „Gorbi“ in bester Gesellschaft wähnte. Auch der Name Harald Szeemanns, des hochrenommierten documenta- und Biennale-Machers, ziert noch die „art open“-Werbung. Doch Szeemann soll seine Zusage als Ausstellungsleiter des Bereichs Bildende Kunst bereits zurückgezogen haben. Falls es so ist, war er wohl gut beraten.

Die Messe Essen, die die Inhalte der Schau lieber nicht kommentieren mag, teilt unterdessen mit, daß laut Ordnungsamt eine 24stündige Öffnungszeit auf keinen Fall in Frage komme. Gleichwohl wird noch damit geworben. Man stelle sich vor: Versicherungssummen, Wachdienst rund um die Uhr, Anmietung der Messehallen samt Freigelände – das kostet enorm. Und dies alles bei freiem Eintritt? Man wird sehen. Und man darf zweifeln.




Gehäuftes Dichterlob aus Dortmund – Das „Literarische Quartett“ gastierte in der neuen Botta-Bibliothek

Von Bernd Berke

Dortmund. Marcel Reich-Ranicki und die Seinen gastieren mit ihrem „Literarischen Quartett“ (ZDF) für gewöhnlich an Orten, die den schönen Künsten sehr zugeneigt sind. Gern plaudern sie beispielsweise in altehrwürdigen Universitäts-Städten wie Tübingen, in der Festspielstadt Salzburg oder zur Buchmesse in Goethes Geburtsstadt Frankfurt am Main. Nun aber ließen sie sich in Dortmund herbei.

Tagelang hatte sich das ZDF-Team in der Stadt- und Landesbibliothek umgetan, hatte Beleuchtungs-Feinheiten und dergleichen geprobt. In einigen Bereichen mußte dafür gar die Ausleihe eingeschränkt werden. Aber was tut man nicht alles für die Leute vom Fernsehen. Rund 150 Besucher durften die Live-Sendung am Ort des Geschehens genießen. Schön zu sehen, wie Sigrid Löfflers Teint (Minuten vor der Sendung) noch etwas nachgepudert wurde; nett zu hören, wie sich Marcel Reich-Ranicki nach dem Zustand des Mineralwassers erkundigte…

Als alles tadellos gerichtet war, fing’s denn auch an. Mag sein, daß man sich hier von Reich-Ranicki ein paar Einleitungssätze mehr erhofft hatte als nur die schlichte Mitteilung, man befinde sich diesmal in der neuen Bibliothek zu Dortmund, die von Mario Botta entworfen wurde. Punkt. Schluß. Schon schritt man zur üblichen Buch-Behandlung. Der kulturelle Wanderzirkus auf Durchreise. Wo waren wir eigentlich gestern?

Trösten wir uns damit, daß diesmal weder der Präzeptor noch seine Mitstreiter Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler oder die Gastkritikerin Eva Demski zu Verrissen aufgelegt waren. Vielleicht hat ja die milde Stimmung auch ein ganz klein wenig am Genius loci (Geist des Ortes) gelegen?

Marcel Reich-Ranicki ist in der Runde ein vulkanisches Ereignis

Dermaßen gehäuftes, zumeist auch noch einhelliges Lob für die besprochenen Bücher hat man jedenfalls im „Quartett“ all die Jahre über wohl noch nie vernommen. Reich-Ranickis Schlußbemerkung, man sei kein verlängerter Arm der Verlags-Werbeabteilungen, schien diesmal beinahe nötig.

Sigrid Damms Abhandlung „Christiane und Goethe“? Ein Meisterwerk! Hanna Kralls „Da ist kein Fluß mehr“? Unvergleichlich! Ernst Weiß‘ „Der arme Verschwender“, James Salters „Dämmerung“, Erri de Lucas „Das Meer der Erinnerung“? Oh, allesamt auch nicht zu verachten.

Was man daheim am Fernsehgerät nicht mitbekommt: Reich-Ranicki versinkt, wenn er zwischendurch nicht gezeigt wird, immer mal wieder in eine Art Erschlaffung, in einen Dämmerschlaf, aus dem er freilich schlagartig, ja fast explosiv auffährt, sobald er das Wort ergreift. Der Mann ist schon ein vulkanisches Ereignis.

An witzigen Momenten fehlte es auch diesmal nicht. Man hätte das Publikum in der Bibliothek gar nicht, wie zuvor geschehen, eigens bitten müssen, eine lebhafte Zuhörerschaft zu sein. Der Streit, ob Goethe ein übler Opportunist gewesen sei, hatte einfach Sketch-Qualität. Hellmuth Karasek verstieg sich zur gewagten Behauptung, ein Genius, der Gedichte wie „Wanderers Nachtlied“ verfaßt habe, dürfe ruhig auch ein Fiesling gewesen sein. Und Reich-Ranickis rhythmischer, nahezu lyrischer Merksatz, als der Name des Serbien-freundlichen Dichters Peter Handke fiel, dürfte gleichfalls in die „Quartett“-Annalen eingehen: „Es wird gebeten, über Handke nicht zu reden“.




Wenn Kubas alte Männer in die Saiten greifen… – Der Film „Buena Vista Social Club“ von Wim Wenders

Von Bernd Berke

Gute Musik ist wie das Leben: Quell aller Freuden, Born jeder Traurigkeit. Mit WimWenders entdecken wir nun einen aus unserer Sicht weithin unerforschten Kontinent der Klänge. Sein Film „Buena Vista Social Club“ macht uns mit einigen kubanischen Musikern und ihrer Welt vertraut. Von Stund‘ an wird man diese Töne nicht mehr missen mögen.

Der Film gerät zum Plädoyer gegen ästhetische Nivellierung auf anglo-amerikanischen Verschnitt und gegen Jugendlichkeitswahn im PopGeschäft: Wenn diese vitalen alten Herren des „Buena Vista Social Club“, mehrheitlich zwischen 70 und 90 Jahre alt, zu singen beginnen, wenn sie in die Saiten und Tasten greifen, vergißt man alles andere. Es ist eine rare Ansammlung von Könnern, die wir einzeln und als Gruppe erleben. Ihre Lieder haben einen ganz eigenen Swing, einen speziellen Blues, besonderen Schmelz.

Vor allem aber diese Menschen: diese lebenssatt zerfurchten, wahrhaft würdevollen Gesichter eines Compay Segundo, eines Rubén Gonzalez, eines Ibrahim Ferrer, einer Omara Portuondo! Jene Mischung aus Entspanntheit, verhaltener Kraft und unbeugsamer Lebensfreude, die jeden Ton einhüllt und beglaubigt.

Diskret auf den Spuren der Könner

US-Gitarrist Ry Cooder, begnadeter Stil-Verwandlungskünstler, der die fast schon vergessenen Musiker noch einmal triumphal zusammenholte und sich zu staunenswerten Sessions mit den Kubanern zusammenfand, hat wohl daran getan, seinen Freund Wim Wenders auf diese Entdeckung aufmerksam zu machen.

Wim Wenders und sein kleines Team sind auf den Spuren des „Social Club“ durch Havanna gestreift und haben dort gleichsam den Wurzelgrund dieser Musik aufgespürt: Armut und Verfall, Volksfrömmigkeit und Stolz. In diesem Umfeld klingt alles authentisch, weil (noch) nicht nur für eine diffuse „Weltmusik“ vereinnahmt.

Wenders wahrt die Diskretion, er rückt den Musikern nicht forsch zuleibe, sondern umkreist sie mit großem Respekt. Trotz dieser Vorsicht hat man das Gefühl, dass man ihnen sehr nahe kommt.

Wir begleiten sie ins Aufnahmestudio, zu Konzerten nach Amsterdam und – Verpflanzung in eine andere Welt – in die ruhmreiche New Yorker Carnegie Hall. Es war der ganz große und zugleich letzte Auftritt dieser Formation. Wehmut schwingt im Finale mit: Wird es je wieder eine solche Musik geben? Und welch ein Erfahrungsschatz schwindet dahin, wenn diese Leute nicht mehr leben .. .

Auch dies wird im Verlauf des Films klar: Fidel Castros Kuba ist reichlich marode, die jahrzehntelange US-BlockadePolitik hat die Insel schwer getroffen. Doch die Musik, die hier gedeiht, reicht ungleich weiter und tiefer als alle Ideologien. Und wer (Achtung, Werbebotschaft!) nach diesem Film die gleichnamige, mit einem Grammy-Preis gekrönte CD verschmäht, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.