Die Kunst strebt nach Unendlichkeit – Rolf Nolden und Norbert Kricke im Ahlener Museum

Von Bernd Berke

Ahlen. Viele Künstler hüllen sich in melancholisches Schweigen, wenn sie etwas über ihre Arbeit sagen sollen. Weil die Kunst für sich selbst sprechen soll. Vielleicht meinen sie auch, daß wir sie sowieso nicht verstehen. Es gibt aber auch solche, deren Rede in eigener Sache überfließt. Zu ihnen zählt Rolf Nolden, der jetzt vom Kunstmuseum Ahlen präsentiert wird.

Man muß sich die Situation vorstellen: Nolden hat die Ausstellung eigenhändig aufgebaut, rund 14 Tage lang. In dieser Phase war er nahezu allein mit den leeren Räumlichkeiten. Bis alles so war, wie er es wollte, hat er immer und immer wieder Feinabstimmungen von Form, Farbe und Material vorgenommen, hat Fluchtlinien, Perspektiven, Horizonte und Blickachsen neu ausgerichtet. Denn dasselbe Kunstwerk wirkt in jedem Raume anders.

Auf diese stillen Exerzitien folgt die Eröffnungs-Pressekonferenz – und nun darf Nolden endlich mitteile, woran ihm gelegen ist. Da sprudelt es aus ihm heraus. Da zitiert er Denker wie Descartes, Kant, Albert Einstein oder Stephen Hawking und diverse Kunstrichtungen als Kronzeugen. Auch erzählt er von seinem Zimmernachbarn während c des Studiums, jenem angehenden Chemiker, der sich mit vielgestaltigen Kristallbildungen befaßte.

Diagonal in die vierte Dimension

All das führt Nolden stets zu seinem Kerngedanken zurück: Kunst könne uns geistig in die vierte Dimension, könne uns letztlich in die Unendlichkeit führen. Der Titel der Ausstellung deutet an, daß auch keine Zeitgrenzen gelten: „Vergegenkunft“ – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft also, in einem Wort geballt.

Und wie gelangt man zur womöglich befreienden Endlosigkeit? Einer gängigen These zufolge ist die Diagonale ein Königsweg. Und so gehört denn auch die ausgreifende, den Raum organisierende und über ihn hinaus weisende Schrägung zu den bevorzugten Mitteln des Rolf Nolden. Auf dieser Basis erhebt sich – in Tafelbild und Skulptur – eine Vielfalt von Ausdrucksformen. Denn schier endlos ist die Anzahl der Kombinationen, wenn Linien einander durchkreuzen, ins Leere laufen, in Flugbewegung zu geraten scheinen oder in erhabener Ruhe ihren Zielpunkt finden. Erfahrung, Formbewußtsein und Überlegungen zu Maß und Zahl sind unerläßlich, damit ein solcher Ansatz einerseits variabel bleibt und andererseits nicht ins Chaos der Beliebigkeit trudelt.

Noch weiter fächert sich Noldens Skala auf, wenn man bedenkt, mit welchen Materialien er arbeitet. Er baut beispielsweise einen seitwärts pfeilfömig zugespitzten Turm aus dünnen Glasscheiben, eigentlich fragil wie ein Kartenhaus und doch von monumentaler Standfestigkeit. Dann kombiniert er in Quadern und Säulen das grünlich schimmernde Glas mit Ummantelungen aus Stahl – Dialog zwischen Durchlässigkeit und Dichte. Oder er legt eine Kunst-„Pipeline“ mit Röhrenstücken in ausgeklügelter Abfolge der Proportionen. Auch dies kann man sich verlängert vorstellen – eben bis ins Unendliche.

Flankiert wird die Nolden-Schau durch eine Gruppe zeichnerischer Arbeiten von Norbert Kricke (1922-1984). Ganz grob gesagt: Was Nolden die Diagonale ist, war Kricke die gebogene Linie, die er sich als unendliche Menge von bewegten Punkten dachte. Oft wirken die Krümmungen wie Abbilder mikroskopischer oder atomarer Verläufe. Auch hier also der Drang, sich einer verborgenen Dimension zu nähern.

Kricke, der zeitlebens mindestens 40 000 Zeichnungen schuf, hat zu grandioser Reduktion gefunden. Manche Blätter zeigen nur noch eine einzige Linie, die freilich nicht achtlos gestrichelt worden ist, sondern nur so und nicht anders ihren Weg nehmen darf.

Rolf Nolden/Norbert Kricke. Kunstmuseum Ahlen, Weststraße 98. 02382 / 91 83 0. Bis 26. Oktober, Di/Do 15-18 Uhr, Mi/Fr 15-19 Uhr, Sa/So 10-18 Uhr. Eintritt 5 DM.




Auch das Theater braucht einen Libero – Gespräch mit dem WLT-Intendanten Harald F. Petermichl

Von Bernd Berke

Castrop-Rauxel. Das Westfälische Landestheater (WLT) behält seinen Sitz auf absehbare Zeit in Castrop-Rauxel. Von einem Umzug nach Iserlohn ist derzeit nicht mehr die Rede. Das – und einiges mehr – erfuhr die WR im Gespräch mit dem WLT-lntendanten Harald F. Petermichl (40).

Der gebürtige Bayer und bekennende Fußballfan arbeitet seit 1991 am WLT. Er ist nach dem Weggang seines Ko-Direktors Norbert Kronisch (der Intendant in Osnabrück wurde) alleiniger Leiter der Bühne. Petermichl steckt mitten in den Vorbereitungen zur Saison, die am 6. September mit „Der eingebildete Kranke“ beginnt.

Was ändert sich beim WLT, nachdem Sie Solo-Intendant geworden sind?

Harald F. Petermichl: Ich würde meine ganze bisherige, Arbeit in Frage stellen, wenn ich sagen würde: „Ab jetzt machen wir alles ganz anders.“ Wir haben offenbar eine recht gute Mischung gefunden – zunehmend auch für jüngere Zuschauer. Wir sind beim WLT ein eingespieltes Team – wie eine Fußballmannschaft.

Und Sie sind der Mittelstürmer?

Petermichl: Eigentlich sollte ich Libero sein. Immer da stehen, wo’s brennt.

Apropos brennen. Wie steht s mit den Finanzen?

Petermichl: Die Zuschüsse sind seit 1994 nicht mehr erhöht worden. Vom Land gibt es 4.2 Millionen Maik, vom Landschaftsverband um die 800.000, von der Stadt Castrop-Rauxel 325.000 und von den 16 Mitgliedsstädten unseres Trägervereins insgesamt rund 90.000 Mark. Die bekommen dann auch Rabatt, wenn sie unsere Stücke buchen.

Wie wirkt sich das Einfrieren der Subventionen aus?

Petermichl: Die Preise steigen, und wir müssen rundum sparen. Aber jetzt sind wirklich alle Reserven aufgebraucht. Schon ein Prozent Tariferhöhung bedeutet: Wir haben 50.000 Mark im Jahr weniger. Um so betrüblicher, daß manche Kommunen gleichfalls sparen und ihre Gastspiel-Buchungen reduzieren. Manche buchen nur noch unsere Revue. Da bekommen die Zuschauer ein ganz falsches Bild von unserer Arbeit. Als ob wir ein Revuetheater wären!

Eine Versuchung, nur noch gängige Stücke anzubieten?

Petermichl: Es ist halt eine Mischkalkulation. Zwei bis drei Stucke müssen sich gut verkaufen, dann kann man sich auch ein paar riskantere leisten, zum Beispiel diesmal George Taboris „Weisman und Rotgesicht“. Wenn man nur noch auf die Kasse schielt, geht auch der Spaß flöten.

Sie gastieren häufig in Südwestfalen. Was ist denn eigentlich aus dem Plan worden, daß Ihre Bühne dort einen neuen Standort bekommt und ins Parktheater Iserlohn umzieht?

Petermichl: Im Moment liegt das auf Eis. Es wird seit fast zwei Jahren zwar irrsinnig viel drüber gesprochen, doch es gab immer nur unverbindliche Absichtserklärungen. Es liegt bis heute kein konkretes Angebot aus Iserlohn vor, dem man entnehmen kann: Wenn wir da hingehen würden, dann hätten wir die und die Vorteile. Außerdem herrscht bei uns keine große Begeisterung über einen eventuellen Umzug. Die Schauspieler sind es ja gewohnt, alle zwei bis drei Jahre woanders hinzuziehen. Doch die Leute aus Technik und Verwaltung fühlen sich an Castrop-Rauxel gebunden; Es ist ja auch ein guter Standort für uns, das Verhältnis zur Stadtverwaltung ist bestens. Wir bespielen Orte im ganzen Land, und da liegen wir hier ziemlich zentral.

Was steht auf dem neuen Spielplan?

Petermichl: Zwei markante Beispiele: Als klassisches Stück haben wir Schillers ..Kabale und Liebe“ im Programm, als musikalische Produktion die „Urlaubsrevue“, eine unterhaltsame Geschichte des Reisens von der Kutsche bis zum Flugzeug, garniert mit vielen populären Liedern.

Sie selbst proben zur Zeit Michael Endes „Jim Knopf“. Ist Kindertheater bei Ihnen Chefsache?

Petermichl: Nun, das hat auch mit meiner Biographie zu tun. Ich komme vom Kinder- und Jugendtheater her, und ich halte es einfach für eine wichtige Sparte. Es ist die einzige Theaterform, mit der man noch alle sozialen Schichten erreicht. Wenn der Intendant das Kinderstück macht, ist das auch ein Zeichen.




Zum Schluß bleibt noch die Altersmilde – Robert Gernhardts „Lichte Gedichte“

Von Bernd Berke

„Ist der Mensch nicht mehr im Bilde, / bleibt ihm noch die Altersmilde.“ Klingt fast nach Wilhelm Busch, ist aber von Robert Gernhardt.

Der Dichter (Jahrgang 1937), in den 60er Jahren Mitbegründer der „Neuen Frankfurter Schule“ subtil-parodistischen Humors, gilt längst als einer der wichtigen deutschen Schriftsteller dieser Zeit. In seinem neuen Lyrikband geht es denn auch um die allzeit großen Themen der Literatur – Liebe, Tod und Vergänglichkeit. Gernhardts nach wie vor sprungbereiter Witz hat eine tiefere Grundierung erhalten als ehedem.

Acht Kapitel hat das Buch. Es beginnt mit Lust- und Liebesdingen sowie elegischen Bemerkungen zur (schwindenden) Natur. Kunstsinnige Betrachtungen, Reise-und Alltags-Impressionen schließen sich an. Auch sportliche Momente eines Boris Becker, die erhabene Häßlichkeit eines Recklinghäuser Hotels oder das montägliche Unbehagen im fast menschenleeren Möbelhaus werden besungen.

Die Schlußteile („endlich“, „herzlich“) aber handeln vom nahenden Alter und vom Tode: „Das Leben ist ein Fenster / in dem du kurz erscheinst.“ Unmittelbarer Anlaß war eine Bypass-Operation, der sich Gernhardt unterziehen mußte. Aus dem lyrischen Tagebuch des Krankenhaus-Aufenthaltes: „So nach und nach bleiben / ich und mein Körper / allein.“

Hier bereitet der Reim keine Pein

Robert Gernhardt orientiert sich an alten Traditionen der Gattung. Er zählt zu den ganz wenigen Gegenwartsautoren, deren Gedichte sich reimen und sich dennoch nicht verstaubt anhören. Im virtuosen Spiel mit Sprachebenen läßt Gernhardt etwa den hohen Ton in kalkulierte Kalauer abstürzen und somit anders nachhallen: menschlicher, herzensnäher. So gewinnt er der Überlieferung unverhoffte Töne ab. Und man merkt, daß dieser Autor auch Maler ist, so fein unterscheidet er Farben und Licht in ihren Nuancen.

Das „Klinik-Lied“ geht so: „So lieg ich hier / und denke mir / mein Teil zu manchen Dingen: / Nicht alles muß gelingen / Du mußt’s nicht immer bringen. / Du mußt nicht immer siegen. / Nur laß dir eins beibiegen: / Beim Aufdernaseliegen / gib bitte nicht den Heitern – / versag nicht auch beim Scheitern.“ Ein sprachliches Kleinod, in seiner bewußt hergestellten Holprigkeit auch rhythmisch durchdacht. Es schöpft aus dem Verzagen eine weise Gelassenheit.

Resignation schleicht sich nicht nur in den persönlichen Bereich. Auch der Zustand der Welt ist beklagenswert: „Kaum atmest du wegen der Eichen auf / da gehn schon die ersten Kastanien drauf / Natur.. . / Kaum erholt sich dein Land von der Trockenheit / da macht sich bereits wieder Hochwasser breit / Natur“.

…doch nichts im Portemonnaie

Und der Kulturbetrieb? Hurtig wechselnde Moden, Dichternamen als schnellverderbliche Handels-Ware: „Eine Zeitlang war Peter Handke das Thema / Dann war auf einmal Durs Grünbein das Thema / Im Grunde war keiner der beiden das Thema / Das Thema war immer: Erfolg.“ Selbst der wird oft schäbig vergütet. Gernhardt entwirft den Beschwerdebrief des verschuldeten Picasso an den Kunsthändler Kahnweiler: „Erst hab ich blau in blau gemalt / Sie haben äußerst mau gezahlt. / Dann hab ich s mit Rosé versucht / doch nichts im Portemonnaie verbucht. / Nun wären also Kuben dran – / Sie schaffen nicht mal Tuben ran…“

Zum Menschentrost gibt es gottlob die Dinge, die keinen Überdruß dulden. Beispiels^ weise das – freilich auch schmerzliche – Liebes-Begehren („Freundinnen im Speisewagen“) oder die schöne Dauer des Beisammenseins: „Schneiden und Scheiden“ zeigt das stets bedrohte, aber unbedingt bewahrenswerte Idyll eines Paares beim gemeinsamen Pflaumenschneiden:
„Man kann beim Entkernen Gefühle erleben, / die schlichtweg erheben. / Zum Beispiel das, nicht allein zu sein / Dann das Gefühl, zu zwein zu sein. / Sowie die Gewißheit: Was immer ihr tut – es wird gut…“ Da vernimmt man eine fast volksliedhafte Einfachheit (nicht Naivität!), die schlichtweg berührt.

Robert Gernhardt: „Lichte Gedichte“. Haffmans Verlag. 263 Seiten. 36 DM.




Wer die Träume der Kindheit festhält… – Einzigartiges Museum der Jugendwerke in Halle/Westfalen

Von Bernd Berke

Halle/Westfalen. Als Hannah zarte drei Jahre alt war, kritzelte sie die zerbrechliche Gestalt eines kleinen Mädchens aufs Blatt. Es hat ein gesundes und ein ganz verschattetes, offenbar verletztes Auge. Viele Jahre später kannte man Hannah Höch als dadaistische Künstlerin. Nun zeichnete sie beispielsweise eine „Maschinenfrau“ mit metallischer Brust und – einem genau so verletzten Auge. Träume oder Besessenheiten aus der Kindheit festzuhalten – ein Kennzeichen des Genies?

Sinnliche Studien zu dieser Frage lassen sich im ostwestfälischen Idyll betreiben: Am schmucken Kirchplatz zu Halle (bei Bielefeld) erhebt sich ein 750 Jahre altes Haus mit wunderschön winkligen Räumen und knarrenden Stiegen, das ehedem Kloster und Gefängnis war. Heute beherbergt es das weltweit einzigartige, kürzlich zehn Jahre alt gewordene „Museum für Kindheits- und Jugendwerke bedeutender Künstler“.

Lebenslange Arbeit am selben Motiv

Erste (unglaublich inspirierte) Stricheleien eines Paul Klee sind hier ebenso zu bewundern wie beispielsweise die Kindheits-Einfälle des Ernst Fuchs, jenes Wieners also, der sich immer gern mit markanten Mützen zeigt. Schon als kleiner Junge hat er Figuren am liebsten mit solchen Kopfbedeckungen gezeichnet – sogar dem Elefanten setzte er eine auf. Als er dies Bild in Halle wiedersah, kamen ihm die Tränen. Tiefer Einblick in den kaum veränderlichen Kern des eigenen „Ich“…

Museumsleiterin Ursula Blaschke erforscht solche lebenslangen Motiv-Wiederholungen akribisch, sind sie doch Schlüssel zum späteren Werk – und eine Art Echtheitsbeweis: Motive, die eine(r) schon als Kind ganz innig aufgegriffen hat, können nachher schwerlich marktgängige „Maschen“ sein.

Frau Blaschke glaubt, daß man das wirkliche Genie schon bei Dreijährigen erkennen könne: „Picasso oder Paul Klee haben in diesem Alter völlig anders gezeichnet als andere Kinder.“ Tatsächlich zeigen Klees früheste Tierfiguren schon etwas vom sanften Humor des reifen Werks, und auch die Spiralform – Sinnbild für Unendlichkeit – hat er schon als Knabe mit Vorliebe gepflegt.

Die stolzen Eltern bewahren alles auf

Klees Vater hat die Bilder des Filius beschriftet, datiert und aufgehoben. Überhaupt sind es häufig die stolzen Eltern, die diese Bilder für die Nachwelt erhalten. Museumsleiterin Blaschke hat viele Kontakte zu Nachfahren berühmter Künstler geknüpft, so daß sie etliche Dauerleihgaben bekommt, die andere vergebens erflehen.

„Keimlinge der großen Kunst“ nennt Frau Blaschke solche frühen bildnerischen Äußerungen: Ernst Ludwig Kirchner brachte schon mit vier Jahren einen Mann mit Zigarette und blauem Anzug zu Papier – Vorwegnahme eines expressionistischen Bildes. Otto Dix malte mit zehn Jahren nahezu museumswürdige Stilleben, Konrad Felixmüller wagte sich im selben Alter an große Ölgemälde.

Wenn Ursula Blaschke durch die Sammlung führt, ist das ein Erlebnis, so sehr ist die mit Engelszungen begabte Frau von ihrer Mission überzeugt: „Ich möchte, daß die Menschen durch Kunst beseelt werden“, sagt sie. Ganz gleich, ob sieben Punks aus Berlin erscheinen (die erst mal beruhigt werden müssen), ob sich eine Gruppe von Pfarrern aus dem Sauerland oder der Bundespräsident samt Gefolge ansagen: Zum Abschluß der Rundgänge setzt man sich still im Kreise hin. Und nun soll sich jeder sein inneres „Traum-Bild“ ausmalen, das die Ausstellung in ihm ausgelöst hat. Vielleicht kommt mancher dabei einem Geheimnis seiner Kindheit auf die Fährte. Der lebendige Atem der Kunst ist hier ohnehin ganz nah zu spüren.

Museum für Kindheits- und Jugendwerke bedeutender Künstler. Halle / Westfalen, Kirchplatz 3. Wechselnde Sonderausstellungen. Geöffnet Do bis So 10 bis 17 Uhr, Di/Mi nach Voranmeldung (05201 / 1 03 33). Über die Autobahn A 2, Abfahrt Rheda-Wiedenbrück, dann der Beschilderung nach Halle bzw. zum dortigen Gerry-Weber-Stadion folgen.

 




Ein Mann sucht seine Frauenformel – Matthias Polityckis „Weiberroman“

Von Bernd Berke

«Wie sollte man dermaßen viel Frau aushalten? Wo man doch erst 21 war und sich nach einem Mädchen sehnte“, seufzt Gregor Schattschneider. Jaja, da gibt es Unterschiede. Gerade weil Gregor, Held in Matthias Polityckis „Weiberroman“, ständig im Gefühls-Chaos steckt, hält er formal auf Ordnung im Seelen- und Hormon-Haushalt: Er stellt lauter Frauen-Hitlisten auf, und einmal tastet er sich gar zu einer „Frauenformel“ vor, gegen die Einsteins Relativitätstheorie oder Heisenbergs Weltformel Kinkerlitzchen sind.

Gregor in drei Lebensphasen: Anfang der 70er Jahre erleben wir seine Pubertätsnöte in Lengerich (Münsterland), gegen Ende der Dekade studiert er in Wien – und ausgangs der 80er Jahre begegnen wir dem Taugenichts, der mit 32 Jahren immer noch kein Examen zuwege gebracht hat, in Stuttgart. Wie soll er auch sein Uni-Studium abschließen, wo er doch als Hauptfach das „Studium der Weiber“ gewählt hat?

Jugendliebe im Münsterland

1972 in Lengerich taucht eines Tages „Die Neue“ in der Foto-AG auf: Kristina heiß sie! Bisher haben die Jungs aus dem Gymnasium nur verächtlich von „den Weibern“ geredet, jetzt plötzlich beginnen sie von solchen Mädchen zu schwärmen. Herrlich nun die Detailmalerei, mit der Politycki eine Jugend in der damaligen Provinz schildert.

Es war die Zeit, da man in Parka und Jeans herumschlurfte, in der man samstags den Billigplattenspieler „Hit Master“ anwarf, um (per Mikrofon) die neuesten Rock-Scheiben aufzunehmen. Wehe, wenn plötzlich die Eltern ins Zimmer taperten. Dann war – wie symbolträchtig – die Aufnahme von Led Zeppelins „Stairway to Heaven“ (Treppe zum Himmel) wieder hin.

Der Autor versteht es wunderbar, in diese örtlich und zeitlich präzis verankerte Geschichte den Verlauf einer ersten Liebe einzuflechten – stets ironisch gebrochen und daher höchst glaubhaft.

Um jeden Blick wird gezittert

All die unsichere Zeichen-Deuterei, bei der vor jedem Blick der Angebeteten gezittert wird. Dann aber auch die Jungmänner-Ausflüge nach Osnabrück, wo die Stripperin Larissa auftritt, erstes Exemplar der nächsten erotischen Stufe, Vollweib nämlich.

Richtig auf den Frauen-Trip kommt unser Gregor erst in Wien. „Am Plüschrand der Ereignisse“ (welch‘ schöne Formulierung) spricht ihn im „Popclub“ eine gewisse Tania an – für den Wohngemeinschafts-Freak eigentlich eine unmögliche Ziege im weißen Overall und silbernen Stiefeletten. Die Zahnarzthelferin mit Wiener Dialekt scheint strohdoof zu sein. Wie sich Gregor vor seinen Kumpanen schämt, wenn sie den Mund auftut! Doch Tania hat andere Qualitäten. Bei dieser Gelegenheit müssen wir allerdings verraten, daß der Autor alle „Stellen“ geschwärzt hat. Wie überaus gemein…

„Was will uns dieses Playmate sagen?“

Groteske Quälerei einer ungleichen Beziehung: Gregors Lavieren zwischen fleischlicher Lust und geistiger Abneigung bereitet unbändiges Lesevergnügen. Klar, daß nebenher mancher Seitensprung und Kneipenzüge mit finalem Vollsuff fällig sind. Auch absolviert man im trauten Macho-Kreis „Playboy“ Seminare und analysiert die Aufklappseiten: „Was will uns dieses Playmate sagen?“

Nicht nur wegen solcher Ablenkungen erreicht die Aufregung um den „Deutschen Herbst“ der RAF-Attentate Gregor in Wien nur gedämpft. Politycki (Jahrgang 1955) porträtiert seine und Gregors Generation, die zwischen APO und Punk geistig heimatlos bleibt, als ziemlich unpolitisch. Zieht mal eine Demo vorbei, macht man sich über Rechtschreibfehler auf den Transparenten lustig.

Muskulöses Mädchen aus der Metzgerei

In Stuttgart läßt sich Gregor von der Chefstewardess Katarina aushalten, einer kühlen Schönen im Designer-Schick der neonbeleuchteten 80er Jahre. Nach fünf Jahren geht Gregor dieses Outfit so auf die Nerven, daß er ins andere Extrem fällt und sich der erbarmungswürdig schwäbelnden Metzgerei-Verkäuferin Karla („Mensch, kapiersch des ned, i ben schwanger!“) in die muskulösen Arme wirft. Im komischen Kontrast der beiden Frauen steckt viel vom zwiespältigcn Zeitgeist der 80er.

Pfiff bekommt das Buch auch durch Polityckis Maskierung als Autor. Er läßt „Ecki“, einen Freund Gregors, als Herausgeber einer Ausgabe des „Weiberromans“ auftreten, der eigentlich von Gregor stamme. Immer wieder mäkelt dieser Ecki in Fußnoten am Inhalt hemm. So nimmt man Kritikern den Wind aus den Segeln; Dabei war’s hier doch gar nicht nötig.

Matthias Politycki: „Weiberroman“. Luchterhand. 421 Seiten. 44 DM.




Zutritt in ein Zauberland – Werkschau des 95-jährigen Woldemar Winkler in Hamm

Von Bernd Berke

Hamm. Es fällt „Diamantregen über Aschenputtels Goldschuh“, oder man begeht die „Muschelzeremonie unterm Baldachin“. Doch wenn man „Erinnerung in Schweigen vergräbt“, erschrickt man vielleicht vor den „Zerpeitschten Ausgeburten des Fieberreichs“. Die Bilder-Titel des Woldemar Winkler (95) hören sich an wie poetische Parolen für den Einlaß in ein Traum- und Zauberland. Solche Sphären lernt man jetzt im Hammer Gustav-Lübcke-Museum kennen.

Winkler, der aus der Nähe von Dresden stammt und seit 1949 bei Gütersloh lebt, war bereits in den frühen 1920er Jahren künstlerisch tätig – im gedanklichen Sog eines André Breton, der im Surrealistischen Manifest (1924) zum Aufspüren geheimer Entsprechungen zwischen entferntesten Dingen aufrief. Winkler orientierte sich zudem an Paul Klee und Wassilv Kandinsky. Sie forderten, daß die Kunst nicht mehr das Sichtbare zeigen, sondern Verborgenes erst sichtbar machen sollte. So heißt denn auch ein Bild WoldemarWinklers ganz programmatisch: „Halte die Augen geschlossen, wenn Du mehr sehen willst“. Und die ganze Ausstellung bekam folglich den Titel „Begegnung mit dem Unsichtbaren“.

166 Werke aus den Jahren von 1920 bis 1996 sind in Hamm zu sehen. 1924 porträtiert sich der damals 22jährige noch realistisch als proletarischer Typus mit Schiebermütze, der einem Text von Brecht entstiegen zu sein scheint. Collagiert ist dieses Selbstbildnis mit einem eingeklebten Zeitungsausschnitt, der sich mit den Jahrzehnten tief ins Bild eingesogen hat und nun wie gemalt wirkt. Presse-Ausrisse, auch inhaltlich ganz gezielt ausgewählt, hat Winkler oft in seine Werke eingefügt. Ein Mann, der die Zeitläufte beachtet, aber in seiner Kunst weit darüber hinaus gelangt.

Verwandlung der Fundstücke

Woldemar Winkler ist Sammler: Fundstücke aller Art, mal im Rohzustand belassen, mal formbewußt bearbeitet, sind Grundlage seiner Arbeit. Ein Vitrinenschrank in der Ausstellung läßt vage ahnen, wie sehr Winklers Haus damit angefüllt sein muß – mit besonderen Blättern, Wurzeln, Zweigen, Steinen, Muscheln, aber auch Eierkartons, Gliedmaßen von Puppen, Packpapier und tausend anderen Sachen. In Winklers Kunst werden sie zu Zeichen einer ins Übersinnliche driftenden Welt. Da wird der Eierkarton plötzlich zum Tiergesicht und der scheinbar leblose Stein zum mythischen Ur-Zeichen. Figuren, die aus dem Unbewußten aufsteigen. Um solche Wandlungen glaubhaft zu gestalten, muß man wohl auch im Wortsinne „Seher“ sein.

In all den Jahren kein Stilbruch

In der Fläche bändigen lassen sich viele dieser Material-Eruptionen nicht. Also häufen sich Gegenstände und Bemalungen vielfach zu sogenannten Assemblagen (etwa: „An- ‚ Sammlungen“), die in gläsernen Schaukästen dreidimensional dargeboten werden.

Einen heftigen Stilbruch hat es in all den Jahrzehnten eigentlich nie gegeben, nahezu sämtliche Werke atmen gleichen Geist. Doch dieser Zusammenhang wirkt keineswegs eintönig, denn Winkler läßt seine Fundsachen zu immer wieder neuen Formen anwachsen. Ein Grundzug der Winklerschen Phantasien ist übrigens erotischer Natur – nicht von der zotigen Art freilich, sondern im Sinne einer vom heiligen Eros beflügelten Aneignung der vielfältigen Formenwelt. Ein Agavenblatt reckt sich unter dem Titel „Stachelwege der Lust“ in die Höhe.

Lange auf den Erfolg gewartet

Anders als etwa der Hagener Emil Schumacher (84), der im Vergleich zu Winkler eine halbe Generation jünger ist und schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg mit informellen Bildern Erfolg hatte, mußte der Gütersloher lange auf Anerkennung warten. Inzwischen aber gibt es dort eine Winkler-Stiftung, betrieben von der Sparkasse, die auch die Werkschau in Hamm gesponsert hat. Und man muß es als besonderes Ereignis werten, daß der Künstler zur Eröffnung (Sonntag, 11.30 Uhr) erscheinen will.

Woldemar Winkler – „Begegnung mit dem Unsichtbaren“. Gustav Lübcke Museum, Hamm (Neue Bahnhofstraße 9 – Tel. 02381 / 17 57 01). 3. August (Eröffnung 11.30 Uhr) bis 21. September. Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr, Mo geschlossen. Eintritt 3 DM. Katalog 30 DM.




Kunst aus dem Geiste der Unordnung – „Gefährdetes Gleichgewicht“ in der Bochumer „Galerie m“

Von Bernd Berke

Bochum. Häuser und Straßen zerfließen, vom Himmel regnen Bäume herab. Natur und Zivilisation werden in einen Strudel hineingerissen. 1919 malte Chaim Soutine diese in völliger Auflösung begriffene „Landschaft bei Gagnes“. Das Bild ist wie ein erster Grundakkord zur Ausstellung in der renommierten Bochumer „Galerie m“: „Gefährdetes Gleichgewicht“.

Galerist Alexander von Berswordt-Wallrabe (54) spürt in hochkarätigen Werken aus eigenen Beständen und einigen Leihgaben einem allgemeinen Muster in der Kunst dieses Jahrhunderts nach: Der Ausstellungstitel meint verlorene Balance und Verunsicherung auf allen Ebenen, in vielfältigen Formen und vor allem: Verformungen.

Erlesen schon der Auftakt: Chaim Soutine und Lovis Corinth leiten gegenständlich zum Thema hin. Auch Edvard Munch („Zwei Menschen“) gehört noch in diese Abteilung. Er malte eine Szene abgrundtiefer Fremdheit zwischen Mann und Frau, und der Franzose Auguste Chabaud zeigt in depressivem Rostrot einen gähnend leeren Hotelflur, auf dessen Treppe man gerade noch einen menschlichen Fuß verschwinden sieht. Im Wortsinne bestürzende Einsamkeit. Offenbar bleibt nur die hastige Flucht. Aber wohin?

Als werde es nie wieder Gewißheit geben

Ist man derart eingestimmt und auf unsicheres Gelände geführt worden, fällt auch das Verständnis der abstrakten Arbeiten leichter. Den Übergang markiert die „Große Meditation“ (1936) von Alexej Jawlensky, eine düstere Struktur, erst bei näherem Hinsehen als Ur-Form eines leidenden Gesichts erkennbar. Sodann Josef Albers: Er läßt 1940 mehrfach den Buchstaben „X“ übers Bildgeviert paradieren („Marching X“); ganz behutsam, aber dann doch nachhaltig verstörend ist hier jedwede Linie aus dem Lot gerückt. Gefährdetes Gleichgewicht eben.

In seiner „Struttura pulsante“ (pulsierende Struktur) variiert Gianni Colombo das Thema anno 1960 mit maschineller Hilfe: Ein Motor treibt Dutzende von Styropor-Quadern an, die sich durch eine Art Zufallsgenerator verschieben und knarzend aneinander reiben. Bevor das Kunstwerk erstmals in Betrieb gesetzt wurde, herrschte Gleichmaß. Seitdem aber bringt die Arbeit aus sich selbst immer neue Chaos-Varianten hervor – sozusagen eine fortwährende Geburt der „Unordnung“. Und nun ist es, als könne nie wieder Ruhe einkehren, als werde es nie wieder Gewißheit geben.

Auch die Zahlen halten keinen Trost bereit

Das irritierende Flimmern von Op-art-Kompositionen (Victor Vasarely, Bridget Riley) spielt die Grundidee brüchig gewordener Sicherheiten ebenso durch wie François Morellets witziges Schieflage-Experiment mit Rahmen und Hängung eines Bildes oder eine arithmetisch ausgeklügelte Bodenplastik von David Rabinovitch, die ihre Bedrohlichkeit aus dem Fundus der Mathematik erzeugt. Auch die scheinbar objektiven Zahlen bergen mithin keinen sicheren Trost mehr. Im Gegenteil.

Unübertreffliche Formfindungen jenseits jeder Beliebigkeit sind schließlich jene Skulpturen des Amerikaners Richard Serra, der in Deutschland just durch die „Galerie m“ bekannt wurde. Das „Kartenhaus“ aus mehreren Bleiplatten, ganz fragil ausbalanciert: Mahnmal einer gerade noch abgewendeten, aber stets gegenwärtigen Gefährdung. Eine tonnenschwere Stahlplatte im Innenhof, an einer Seite leicht abgesenkt, bekam den Titel „Tod“. Aus dem mächtigen Quader quillt leise, aber unabweisbar eine tiefe Trauer über Vergänglichkeit.

„Gefährdetes Gleichgewicht“. – „Galerie m“, Bochum, Nevelstraße (Haus Weitmar). Tel. 0234 / 4 39 97. Bis 10. September Mi, Fr, Sa. 17-19 Uhr und nach Vereinbarung. Katalog (Richter-Verlag, Düsseldorf) 28 DM.




Die reine Gegenwart genießen – „Ein kurzes Buch über die Liebe“ von Jochen Schimmang

Von Bernd Berke

Der Erzähler geht so gern durch Kölns urige Quartiere. Dermaßen ans Herz gewachsen ist ihm sein „Veedel“, daß er sogar „Touristen aus anderen Teilen der Stadt“ mißtrauisch beäugt. Manchmal sucht er Kinos und noch öfter Kneipen auf. Und da er langsam in die Jahre kommt, schaut immer sehnsüchtiger den jungen Frauen nach.

„Ein kurzes Buch über die Liebe“, immerhin 45 Kapitel und 316 Seiten lang, hat der Kölner Autor Jochen Schimmang geschrieben. Hauptperson ist ein nicht sehr erfolgreicher Schriftsteller. Der belauscht anfangs im Straßenlokal ein junges Paar, dessen Liebe zu erkalten beginnt. So darf es eben nicht kommen, sagt er sich.

Die Probe aufs eigene Exempel bleibt ihm nicht erspart: Denn bald begegnet dieser Literat der jungen Vera, die mit dem Arzt Dr. Rüben verheiratet ist. Bei einer Autorenlesung sehen sie einander zum ersten Mal – und sind rasch ein heimliches Paar. Von Liebe wollen sie indes niemals reden. Sie vereinbaren statt dessen nebulös, einander „Gefühl und Härte“ zu geben und nehmen sich vor, ohne Ansprüche die erotische Gegenwart zu genießen.

Ein Bescheidwisser erzählt

Zu dumm nur, daß Vera die Frau seines Lebens zu sein scheint. So sehr wächst die Zuneigung, daß man einander gar nicht mehr verändern will. Hier hat sich Schimmang eine große Aufgabe gestellt: Nicht frühzeitiges Scheitern, sondern anhaltendes Glück zu schildern.

Schließlich aber die Schattenseite: Im Liebestaumel schmelzen alle selbstverordneten Regeln dahin, und dem zuvor auf seine Bindungslosigkeit bedachten Mann kommt der Satz „Ich will dich heiraten“ in den Sinn. Das kann nicht gutgehen…

Vom Erzähler vermittelt das Buch ein Doppelgesicht. Einerseits legt er es auf Ehrlichkeit an und gibt auch böse Phantasien zu, andererseits prunkt er mit seiner geballten Kennerschaft.

Unter dem Bescheidwisser-Gehabe leidet mitunter auch die Gabe zu genauer Beobachtung. In weniger inspirierten Passagen schrumpft das Erzählen zum bloßen Feststellen und Erwähnen, zum umständlichen Erörtern oder haltlosen Ausplaudern. Dann sieht es ganz so aus, als entspringe die Geschichte just dem etwas ungalanten „Geständniszwang“, von dem im Buch öfter die Rede ist.

Jochen Schimmang: „Ein kurzes Buch über die Liebe“. Roman. Verlag Schöffling & Co., 316 Seiten, 39,80 DM.




„Verunglückte Spaziergänge“ und mehr von der Video-Künstlerin Katharina Wibmer im Marler „Glaskasten“

Von Bernd Berke

Marl. Betritt man die Ausstellungsräume im Untergeschoß des Marler Skulpturenmuseums „Glaskasten“, so findet man nahezu völlig leere Flächen vor. Auf der Fensterbank steht ein im Baumarkt gekaufter Gartenzwerg in bunter Reihe mit Hase, Frosch und Huhn – Kitsch aus Keramik. Ansonsten stapeln sich hie und da ein paar Videorecorder und Bildschirme. Öde und langweilig? Abwarten.

Denn wenn die Bildschirme erst einmal zu flimmern beginnen, kommt gespenstisches Leben in die Räume: Katharina Wibmer (31) aus Gräfelfing stellt hier aus. Im Vorjahr hat sie den 7. Marler Video-Kunstpreis bekommen, und es ist gute Tradition, daß der (ansonsten undotierten) Auszeichnung eine Würdigung im ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ und eine Einzel-Präsentation im „Glaskasten“ folgen.

Im aus Ziegeln gemauerten Halbrund befinden sich fünf TV-Geräte, an der Stirnwand hängt ein, großer Projektionsschirm. Mitten in dieser Installation sitzend, macht der Besucher Bekanntschaft mit einer verstörenden Fremdheit.

Denn Katharina Wibmer zeigt hier sechs Szenen-Abläufe, in denen sie sich – optisch stark verzerrt – durch eine verfremdete Natur bewegt. Hier erscheint der im Gras absurd auf der Stelle tretende Fuß klumpig-riesengroß, daneben das mit dem Fischaugen-Objektiv aufgenommene, ganz verlegen und verloren wirkende Gesicht oder der ins Monströse angeschwollene Hals. Momente eines gleichermaßen faszinierenden wie erschreckenden Körperteil-Theaters, das vom Unbehagen angesichts des Da-Seins in der verbliebenen Natur zu handeln scheint.

Künstlerin tritt in Distanz zu sich selbst

Die Künstlerin spricht von einer Ansammlung „verunglückter Spaziergänge“. Sie tritt bei solchen Arbeiten in Distanz zu sich selbst, nennt sich als Kunst-Figur „Franzi“ und behandelt sich wie eine Art Puppe oder Marionette. Signale der Entfremdung.

Einige Meter weiter stehen drei Bildschirme nebeneinander. Nun beginnt ein ruckhaftes Erscheinen und Verschwinden der Bilder – ähnlich wie bei jenen Orangen, Zitronen und Erdbeeren in den Sichtfenstern „einarmiger Banditen“. Hier sind es allerdings keine Früchte, sondern das Gesicht der Künstlerin, eine Pistole und eine Narrentröte. Es kommt zu abstrusen (Un-)Gleichzeitigkeiten, Begegnungen und Abstoßungen. Alles wird gerüttelt und geschüttelt. Dazu ertönen knarzende Geräusche. Der ratternde Automatismus wirkt zwischendurch wie Slapstick, man lacht unwillkürlich. Und doch ist auch hier die maschinenhafte Fremdheit und Fremdbestimmung des Körpers unterschwelliges Thema.

Niedliche Natur ist nicht mehr möglich

In weiteren Installationen hetzen diverse Spielzeuge irrwitzig über eine Batterie von Monitoren – oder man kann im „Weltmobil“ selbst mit vielfachem Überschalltempo über einen Bildschirm-Globus sausen. Trotz rasanter Tempi ist für diese auf den ersten Blick unscheinbare Ausstellung Zeit und Muße nötig. Damit die geheimen Strukturen der Arbeiten halbwegs erkennbar werden, muß man erst (anregende) Seh-Arbeit leisten.

Standfotos dokumentieren weitere, in Marl nicht vorgeführte Videoarbeiten. Und der eingangs erwähnte Gartenzwerg in Tierbegleitung? Nun, der flankiert die Arbeit mit den Natur-Spaziergängen und steht wohl für eine naive Niedlichkeit der Naturaneignung, die eigentlich längst nicht mehr möglich ist.

Marl, Skulpturenmuseum „Glaskasten“, Creiler Platz (am Zentrum „Marler Stern“ / Rathaus). Bis 24. August. Di-So 10-18 Uhr. Statt eines Kataloges gibt es für 25 DM eine Videokassette mit Arbeiten der Künstlerin, dazu ein Info-Beiheft.




Der Abschied vom alten Plunder – „Wien um 1900″ im Wuppertaler Museum

Von Bernd Berke

Wuppertal. Auf kostbare Art wird man in dieser Ausstellung empfangen. Geht man die Treppe hinauf, schaut man schräg von unten auf ein Damenbildnis: In sattem Purpurrot leuchtet Hans Makarts Porträt der Dora Fournier-Gabillon. Ihr Kleid sieht sündhaft teuer aus. Wenn man genauer hinschaut, entdeckt man aber Risse im Gemälde. Der Künstler selbst hat wütend darauf eingedroschen, als ihn die Dargestellte nicht heiraten mochte.

Wie sich die Kunst. in „Wien um 1900″ (Ausstellungstitel) von solch opulenten Salonbildern zum ornamentalen Jugendstil und schließlich zum Expressionismus entwickelte, das kann man nun im Wuppertaler Von der Heydt-Museum studieren, in einer klug konzentrierten Schau mit Porträts und Interieurs, ergänzt durch kunstvoll gestaltete Möbelstücke und Gebrauchsgegenstände jener Epoche.

Einmal mehr kann Wuppertal (in Kooperation mit Museen in Wien und Amsterdam) erlesene Namen aufbieten: Klimt, Kokoschka und Schiele sind mit prägnanten Arbeiten vertreten.

Daß es besagter Malerfürst Makart mit praller Fülle hielt, beweist ein Blick in sein Atelier. Eduard Charlemont hat diesen mit allerlei Plunder vollgepfropften Raum um 1880 gemalt. Auch Makarts malerischer Dekorations-Entwurf fürs Schlafzimmer der Kaiserin Elisabeth („Sissi“) ist mit historisierender Prachtentfaltung überladen.

Doch gekrönte Häupter waren schon nicht mehr die einzigen Herrscher. Das bürgerliche Zeitalter hatte längst begönnen. Und so wirkt Gustav Klimts Bild der in hauchzarten Stoff gehüllten Unternehmergattin Sonja Knips (1898) kaum minder kostbar als Makarts monarchische Schwelgereien, wenngleich schon viel klarer im Aufbau.

Malerische Erforschung des Seelenlebens

Ein besonderes Stück ist Broncia Koller-Pinells „Sitzende“ (1907). Die Künstlerin hat diesen Frauenakt ganz ohne laszive Zwischentöne gestaltet, es geht um Körperlichkeit, wie sie eben ist. Eine Besinnung aufs „Eigentliche“.

Nun richtet sich der Blick zunehmend aufs Innenleben. Zunächst erkennt man diesen Perspektivenwechsel auf den Familienbildnissen: Des Künstlers kleine Welt und trautes Heim. Intime Interieurs, zumal die sanft bläulich gehaltenen eines Carl Moll, strömen Ruhe aus.

So friedlich bleibt es nicht. Denn es folgen Selbstbildnisse. Hier schaut man vollends nach innen, in die Untiefen der Seelen. Koloman Moser stellt sich 1916 als Märtyrer dar, was auch genereller Kommentar zur Lage der Künstler sein dürfte. Egon Schiele verleiht dem Verleger Eduard Kosmack (1910), der hypnotisch begabt gewesen sein soll, bereits durch die gepreßte Körperhaltung etwas Explosives, mühsam Gebändigtes.

Richard Gerstls Doppelporträt der „Schwestern Karoline und Pauline Frey“ hat sich weit vom bloßen Abbildungs-Realismus entfernt und wirkt gerade deshalb eindringlich. Mit subtilen Andeutungen hat der Maler die Charaktere der beiden Schwestern bloßgelegt. Erschütternd: Gerstls Selbstbildnis als lachender Mann. Bald darauf hat sich der Künstler das Leben genommen. Was er uns zeigt, ist das letzte Lachen eines Verzweifelten.

Wien um 1900 – Der Blick nach innen“. Von der Heydt-Museum, Wuppertal (Elberfeld, Turmhof 8). Bis 5. Oktober. Di-So 10-17 Uhr, Do 10-21 Uhr. Katalog 39 DM.

 




Sabbel, Babbel, Schnüß und Goschen – Nützlich und vergnüglich zugleich: Das neue „Wörterbuch deutscher Dialekte“

Von Bernd Berke

Deutschlands geographische Fläche ist vergleichsweise klein. Da sollten eigentlich alle Mitglieder der Sprachgemeinschaft einander leicht verstehen. Sollte man theoretisch meinen. Doch wir alle wissen, daß es ganz anders sein kann. Wenn ein Bayer oder Ostfriese so richtig in ihrem Dialekt loslegen, verstehen andere Landsleute fast nichts mehr. Ein wenig Abhilfe schafft vielleicht das neue „Wörterbuch deutscher Dialekte“.

Am interessantesten ist wohl der mittlere Teil des Buches. Hier findet man das, was die Fachleute eine Synopse nennen. Auf deutsch: eine direkte tabellarische Gegenüberstellung der Ausdrücke aus zehn deutschen Hauptdialekten (wobei das Westfälische dem Westniederdeutschen zugeschlagen wird). Insgesamt 292 hochdeutsche Stichwörter und ihre jeweiligen Dialekt-Ausformungen werden erfaßt.

Man glaubt es kaum, welche herrliche Vielfalt entsteht, wenn all diese Mundarten ins Spiel kommen. Für eine einzige Sache hat jeder dieser zehn Dialekte oft sechs oder sieben verschiedene Worte. Etliche (wie etwa „Gaudi“ aus dem Bayerischen) haben via Radio und Fernsehen längst Eingang in die allgemeine Umgangssprache gefunden.

Gar viele Ausdrücke für Brötchen und Beule

Daß das „Brötchen“ nicht überall so genannt wird, ist einigermaßen bekannt. Dieses Backwerk heißt um Berlin herum Schrippe, in Bayern verlangt man Semmeln, in einem bestimmten Teil Bayerns allerdings auch Kipfeln, im Schwäbischen sagt man „Weck“, in Hamburg und Schleswig-Holstein beißt man ins „Rundstück“. Hauptsache knusprig.

Wahrend ein Wort wie „arbeiten“ fast im ganzen deutschen Sprachraum verwendet wird (nur Schwaben und Franken bevorzugen „schaffen“, Revierbürger auch schon mal „malochen“), wird etwa die Beule fast hinter jeder Autobahnabfahrt anders genannt: Knuppe, Knust und Brusche heißt sie in nordwestlichen Gegenden, Horn und Hübel in Sachsen, Knörzchen und Kneul in Hessen, Bühl oder Dotz im Rheinland, Bause und Baber im Pfälzischen, Binkel bei den Bayern. Und das ist nur eine winzige Auswahl der in diesem Falle oft spöttisch-schadenfroh gemeinten Begriffe.

Südlich der Weißwurstlinie wird’s deftig

Noch deftiger wird es bei der Wendung „Halt den Mund“. Im Nordwesten soll man Maul, Schnute, Sabbel oder Babbel halten, in Sachsen Gusche oder Labbe, im Rheinland die Schnüß – und in Bayern klingt s erst richtig derb: „Holt dei Fotzen.“ Wahlweise darf man dort auch die Pappen oder Goschen schließen.

Kurz und gut: Bei diesem Lexikon halten sich Nutzen und Sprachvergnügen aufs schönste die Waage. Und es bietet noch weitaus mehr als eine allgemeine Einführung, Übersichtskarten und besagte synchrone Wortlisten. In einem weiteren Teil werden die Dialekt-Wortschätze nach 15 Sachgruppen aus allen Lebensbereichen (Haus und Wohnung, Kleidung, Natur usw.) unterteilt. Und schließlich kann man eine ganze Menge Sprichwörter und Redewendungen kreuz und quer durch die Dialekt-Regionen miteinander vergleichen.

Allein die meist kernigen Sprüche, die dem „Volksmund“ beispielsweise zu einem Tier wie der Ziege oder einem Ort wie der Kneipe entschlüpft sind, füllen hier jeweils mehrere Seiten. Süffiges Beispiel aus dem Rheinland: „En deer Pint vekiire nuur Schnapsüüle“. Einen solchen Satz muß man sich natürlich ganz breit und genüßlich gesprochen vorstellen. Wie trocken hört sich im Vergleich die Übersetzung an: „In diesem Lokal verkehren nur Schnaps-Eulen“.

Ulrich Knoop: „Wörterbuch deutscher Dialekte“. Bertelsmann Lexikon Verlag. 478 Seiten. 69,90 DM.




Schöne Sauferei des Nebels – Ein Buch gegen den Zeitgeist: Über den Zusammenhang von Tabak und Kultur

Von Bernd Berke

Wo findet man das sonst noch? Ein Buch, das sich eindeutig f ü r den Rauchgenuß erwärmt und dazu solche Sätze ins Feld führt: „Ich behandle das Leben als etwas Unangenehmes, über das man durch Rauchen hinwegkommen kann.“ Dies gestand einst der Dichter Robert Musil.

Ähnlich denken und fühlen die meisten Menschen, die in dem Buch vorkommen: „Auf leichten Flügeln ins Land der Phantasie – Tabak und Kultur“ heißt das Werk wider den Zeitgeist. Mit Freude an der Sache und anekdotischer Würze beschreibt der Autor Detlef Bluhm zunächst, wie Christoph Columbus das Kraut bei den Indianern vorfand und nach Europa brachte. Passendes Zitat vom Edel-Feuilletonisten Victor Auburtin: „Die Indianer haben das Tabakrauchen erfunden, welches die größte aller Erfindungen ist und der einzige wirkliche Kulturfortschritt seit Anbeginn der Zeit.“ Welch‘ nette kleine Übertreibung. Jedenfalls meint auch Bluhm, daß Rauchen die Phantasie anrege.

Als man fürs Qualmen ausgepeitscht wurde

Die „Sauferei des Nebels“, wie das Rauchen poetisch genannt wurde, wird durch die Epochen begleitet. Mal war das Schnupfen oder Kauen des Tabaks gesellschaftsfähig, mal galten Zigarre oder Pfeife als schick – und schließlich (Zeit ist kostbar) die kurzlebige Zigarette. Aufgerollt werden auch die dem Staatssäckel so dienliche Erfindung der Tabaksteuer und die erschröckliche Historie der Rauchverbote: Zeitweilig stand im alten Persien und China die Todesstrafe auf Verstöße, in Moskau blieb es anno 1643 beim Auspeitschen oder Naseaufschlitzen. Damit verglichen, sind die puritanischen Bemühungen in den heutigen USA, wo neuerdings selbst Hinrichtungs-Kandidaten die letzten Lungenzüge verweigert wurden, ein Nichts.

Nikotin galt lange als Heilmittel

Rauch-Zeichen waren immer auch gesellschaftliche Signale, besonders in der bürgerlichen Revolution von 1848 und in den 1920er Jahren beim Emanzipations-Prozeß der Frauen. Übrigens: Um 1910 gab es 20 000 Zigarettenmarken in Deutschland, und die Ärzte hielten Nikotin lange Zeit für ein Heilmittel.

Man hört zumal von geistiger Hochprominenz, die fast durchweg dem Tabak frönte in Klammern nennen wir jeweils das Sterbealter: Karl Marx (64), Sigmund Freud (82) und Albert Einstein (76) taten es oft und gern. Über alle Gräben hinweg haben auch diese Autoren eines gemeinsam: Charles Dickens (58), Thomas Mann (80), Bert Brecht (58), Jean-Paul Sartre (74), Georges Simenon (86) und Max Frisch (79) – um nur wenige zu nennen – pafften, was die Lungen hielten. Der Tenor Enrico Caruso (48) erwirkte eine Sondererlaubnis fürs Zigarrenrauchen hinter der Bühne, der Filmregisseur Luis Buñuel (83) war ein ebenso fanatischer Raucher wie sein Kollege Orson Welles (70). Von Humphrey Bogart ganz zu schweigen.

Der ungekrönte König aller Raucher

Als ungekrönter König aller Raucher gilt freilich Italo Svevo („Zeno Cosini“, „Ein Mann wird älter“), der seinem Laster viele Texte widmete, immer wieder aufhören wollte, es nie schaffte – und den inneren Kämpfen eine ganze Philosophie des Qualmens abgewann. Goethe war jedoch ein Spielverderber. Wenn Schiller bei ihm rauchen wollte, mußte er vor die Tür gehen.

Goethe wußte vielleicht nicht, was ihm entging. Wie sprach doch Thomas Mann durch Hans Castorps Mund im „Zauberberg“: „Ich verstehe es nicht, wie jemand nicht rauchen kann, – er bringt sich doch, sozusagen, um des Lebens bestes Teil und jedenfalls um ein ganz eminentes Vergnügen! Wenn ich aufwache, so freue ich mich, daß ich tagsüber werde rauchen dürfen…“

Detlef Bluhm: „Auf leichten Flügeln ins Land der Phantasie – Tabak und Kultur“. Transit-Verlag, Berlin. 160 Seiten. 34 DM.




Wie der Mensch entschwindet – Die Leidens-Bilder des Tom Wood in Schloß Cappenberg

Von Bernd Berke

Selm-Cappenberg. Man fühlt sich seltsam verunsichert, wenn man die Bilder des Briten Tom Wood betrachtet. Genau das ist beabsichtigt.

Wood (Jahrgang 1955) spürt dem universellen Schmerz nach, der aus der fragilen Identität des Menschen herrührt. So jedenfalls beschreibt er selbst seinen künstlerischen Antrieb.

Eine der großformatigen Arbeiten, die jetzt als Deutschland-Premiere im Cappenberger Schloß gezeigt werden, ist in Los Angeles entstanden, und zwar kurz vor dem letzten größeren kalifornischen Erdbeben. Als Wood wieder daheim in Halifax (West Yorkshire / England) war und die schlimmen Nachrichten aus den USA vernahm, überarbeitete er das Bild. Ein einsamer Mensch wird jetzt geradezu von blauen Farbwogen überflutet; Sinnbild einer allzeit brüchigen, jederzeit bedrohten Existenz. „Corpus“ heißt die Ausstellung, und man denkt vielleicht auch an „Corpus Christi“, mithin ans überzeitliche Leid.

Immer wieder solche Szenen: Menschenfiguren werden verschluckt, verschlungen oder zumindest gefährlich eingehüllt von diffusen Farb-Erscheinungen. Flüchtige Wesen vergehen in weiten Wüsteneien, entschwinden in Rauch oder Nebel, verschwimmen in den Wassern. Die untröstlichsten Werke schuf Wood nach dem Tod seiner Mutter, den er als vollkommen sinnlos empfunden hat. Nun richten umherirrende Gestalten den leeren Blick nur noch nach innen, auf verzweifelter Suche nach einem Ausweg.

Katholische Liturgie als Theatralik

Wie eine sarkastisch-fröhliche Bejahung von Absurdität wirken hingegen die Gemälde, die von religiösen Stoffen inspiriert wurden. Wood gehört nicht der Anglikanischen Kirche an, sondern ist katholisch. Als Kind war er Meßdiener. Liturgische Rituale vor teilweise leeren Kirchenbänken habe er irgendwann als grandiose Theatralik empfunden, sagt er heute. Seine gemalten Visionen von Heiligen (St. Anselm etwa stellt sich vor, wie er einst durch einen stürzenden Stuhl zu Tode kommen wird) wirken denn auch wie Bühnen-Inszenierungen.

Man mag sich an Symbolismus erinnert fühlen, hier und da auch an die verzerrten Leidensgesichter eines Francis Bacon. Derlei Vergleiche sind jedoch nutzlos. Jeder soll seinen eigenen Zugang finden. „Ich stelle nur Fragen, die Antworten geben die Betrachter“, sagt Wood.

„Corpus“ – Bilder von Tom Wood. Schloß Cappenberg in Selm. Bis 14. Sept, täglich außer Mo 10-17 Uhr. Eintritt frei, Katalogheft 18 DM.




Warnung vor der „gelben Gefahr“ – Roman zur Übernahme Hongkongs durch China: „Kowloon Tong“ von Paul Theroux

Von Bernd Berke

Ab heute gehört die brodelnde Finanzmetropole Hongkong zur kommunistischen Volksrepublik China. Das historische Ereignis zwischen Bangen und Hoffen erschöpft sich nicht nur in Tagesnachrichten. Auch der Roman zum „Chinese takeaway“ liegt auf deutsch vor: „Kowloon Tong“ von Paul Theroux.

Theroux ist nicht irgendwer. Sein Buch „Mosquito Coast“ wurde 1986 von Peter Weir erfolgreich verfilmt, die Hauptrolle spielte Harrison Ford. Der Amerikaner Theroux, immer für einen Bestseller gut, zählt zu den großen Fernreisenden unter den Schriftstellern – ähnlich wie Cees Nooteboom oder der so früh verstorbene Bruce Chatwin. Auch in Hongkong kennt der weitläufige Mann sich bestens aus. Und so läßt er denn auch immer wieder Detailwissen über örtliche Gepflogenheiten einfließen, vorzugsweise über den Umgang mit Sex, Essen und Alkohol.

Wo der Geist der Kolonialzeit weht

In Hongkongs Viertel Kowloon Tong (etwa: „Teich der neun Drachen“) lebt Neville Mullard, genannt Bunt. Der ; inzwischen 43jährige ist als Sohn britischer Eltern in Hongkong aufgewachsen und hat soeben die traditionsreiche Textilfirma geerbt, die sein Vater mit einem nach Hongkong geflohenen Chinesen aufgebaut hatte. „Imperial Stitching“ heißt die Fabrik, die vor allem Aufnäher für Clubjacken und Livreen herstellt –very british. Der kolonialistische Geist ist hier noch rege.

Doch die Vorzeichen der Übernahme sind deutlich: Etliche Leute fahren über die Grenze und kaufen Immobilien in China, von dort wiederum strömen Heerscharen von Huren nach Hongkong, und viele Menschen besorgen sich anderwärts den Zweitpaß, um die Stadt jederzeit verlassen zu können. „Und man konnte nichts tun. Es war wie ein Tiefdruckgebiet, das Hongkong demnächst überziehen sollte“, heißt es einmal.

Herr Hung ist nur am Anfang höflich

Bunt, der jede Veränderung im Leben haßt, wohnt noch bei seiner königstreuen Mutter Betty, fährt den alten Rover, lauscht noch dem uralten britischen Radiogerät. Wie ein Uhrwerk absolviert er die Aufsicht über die Fabrik – und frequentiert verstohlen diverse Bordelle. Eines Tages aber wird alles anders. Da wird er mit einem Chinesen namens Hung konfrontiert. Der bietet ihm an, die florierende Fabrik zu kaufen. Bunt lehnt empört ab.

Hung läßt bald die höfliche Maske fallen. Es stellt sich heraus, daß er ein hohes Tier beim rotchinesischen Militär ist und schon mal das Terrain in Hongkong arrondiert. Die Fabrikfläche wird für eine Kaserne gebraucht. Hung kreist Bunt ein, indem er dessen Priyatleben ausspioniert. Bald hat er auch herausgefunden, daß Bunt sich eine Stickerin seiner Fabrik als heimliche Geliebte hält. Der Druck wird immer stärker, gewaltsamer.

Eine Welt der Dominanz-Verhältnisse

Theroux schildert eine Welt der Dominanz-Verhältnisse: Die Mutter herrscht über den Sohn, der gebietet via Geldbeutel über die Huren, während China sich allmählich Hongkong untertan macht. Sexuelle Obsessionen und Politik verschmelzen bedrohlich.

Der Autor plustert allerdings jenen Hung mit allen Mitteln zum überlebensgroßen Haß-Popanz auf und gibt sich überhaupt der Angst vor der „gelben Gefahr“ bedenklich bruchlos hin: „Für die Chinesen war die Welt ein einziger Spucknapf. – „Ganz China war eine Geheimgesellschaft“. – „.. .alle waren sich einig, daß China ein einziger Alptraum war“. Solche Sätze häufen sich vor allem im Schlußteil. Woran man sieht, daß weite Reisen nicht unbedingt zur Völkerverständigung führen, sondern manchmal die Abneigungen erst recht verfestigen.

Paul Theroux: „Kowloon Tong“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Erica Ruetz. Hoffmann und Campe. 254 Seiten. 38 DM.




Dieses Leben, das die Menschen zermalmt – „Der Pianist“: Drei Erzählungen von Viktorija Tokarjewa

Von Bernd Berke

Will man erfahren, was entschlackter Stil ist, so sollte man die Erzählungen der Russin Viktorija Tokarjewa lesen. Mit ein paar prägnanten Skizzen-Strichen ist die Erzählsituation aufgebaut – und schon befindet man sich mittendrin.

Drei Erzählungen enthält ihr Band „Der Pianist“. In der Titel-Geschichte geht es um jenen Klaviervirtuosen Mesjazew, dessen Familienleben desolat verläuft. Nach einer Deutschlandtournee gerät er vollends in die Sinnkrise und kommt in ein Sanatorium. Dort lernt er die Vamp-Frau Ljulja kennen und (mitten im Schnee) körperlich lieben, wobei Eierlikör über ihren Pelzmantel rinnt – Bild einer Sinnlichkeit, die haltlos alles besudelt.

Eine verzehrende Sucht nach dem ganz anderen Leben bricht sich düster Bahn. Drang nach Freiheit und zugleich die Angst vor davor vereinen sich zu einem fatalen Gemisch. Die Episode führt nach und nach zur völligen Zerstörung des familiären Restzusammenhalts. Was bleibt, ist Melancholie. Dieser Zerfall spiegelt die mehr als mißliche gesellschaftliche Lage in Rußland, wobei die wenigen Polit-Einsprengsel zuweilen fatal klingen, so als seien Dissidenten in erster Linie Defätisten und als bedeute Demokratie vor allem Schrankenlosigkeit.

, Kosmische Liebe“ zeigt wiederum zwei tief vereinzelte Menschen, die sich für kurze Zeit ineinander festkrallen: Jelissejew, Fotograf einer Filmcrew, und seine Kollegin Lena, deren Mann gerade gestorben ist. Beide Lebensläufe werden im Fortgang ihrer kurzen und heftigen Beziehung wie im Brennspiegel eingefangen. Wir hören von allseits nutzlos verkümmernden Talenten, von Alkoholismus, Bindungsunfähigkeit und einem Selbstmordversuch. Alle leiden unter einem Leben, das die Menschen nach und nach zermalmt. Erneut stehen Einzelschicksale fürs große Ganze. Schale Lockungen des Westens werden in Kontrast gesetzt zur althergebrachten russischen Seelentiefe.

„Löffelweise Kaviar“ gibt es in der gleichnamigen Abschluß-Erzählung. Nick, nicht mehr ganz junges Schauspieltalent aus England, ist soeben von seiner Frau verlassen worden. Ein 83jähriger Milliardär bietet ihm nun die vermeintliche Chance seines Lebens: Nick soll mit ihm in dessen russische Heimat reisen und sich dort – gegen Bezahlung – stellvertretend für den siechen Greis kulinarisch und erotisch amüsieren.

Geldsegen und noch dazu Genuß sofort? Nein, es ist ein perfider Teufelspakt. Denn Nick muß wirklich alle Wünsche des Alten erfüllen, beispielsweise Kaviar buchstäblich fressen bis zum Erbrechen. Auch seine neue Liebe wird zerstört, als die Frau von der beschämenden Vereinbarung erfährt. Da fühlt sie sich als sexuelles Versuchsobjekt. Ein literarisch überzeugender, manchmal gar überwältigender Band. Wenn nur diese ideologischen Spurenelemente nicht wären…

Viktorija Tokarjewa: „Der Pianist“. Erzählungen. Diogenes. 167 Seiten. 34 DM.

 




Den Fallensteller kann man niemals fangen – Das irrlichternde Werk von Sigmar Polke in der Bonner Bundeskunsthalle

Von Bernd Berke

Bonn. Der Mann ist verknallt in Bilder mit Raster-Pünktchen: „Ich liebe alle Punkte, mit vielen Punkten bin ich verheiratet. Ich möchte, daß alle Punkte glücklich sind. Ich bin auch ein Punkt.“ Hier setzen wir wirklich mal einen Punkt und fragen: Redet da einer, der nicht ganz bei Verstand ist? Oh, nein. Da spricht ein irrlichternder Ironiker. Und einer der wichtigsten deutschen Gegenwartskünstler. Name: Sigmar Polke. Geboren 1941.

Bonns Bundeskunsthalle richtet ihm die bisher größte Retrospektive aus – mit rund 220 Arbeiten aus allen Schaffensphasen seit 1962, noch dazu fast lauter Großformate. Da darf man seine Augen schätzungsweise über etliche tausend Quadratmeter Kunst schweifen lassen.

Auf Polke, der sein Faible für flimmernde Raster listig mit Kurzsichtigkeit „erklärt“, könnte Bert Brechts berühmter Satz zutreffen: „In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen.“ Polke selbst hat der Schau den Titel gegeben: „Die drei Lügen der Malerei“. Bereits das dürfte eine Falle sein. Es gibt ja viel mehr Lügen – und Wahrheiten.

Schon als Gerhard Richters Mitstreiter in der losen Gruppierung „Kapitalistischer Realismus“ machte sich Polke in den 60er Jahren sowohl über die Pop-Art als auch über den Sozialistischen Realismus lustig. So ist es bis heute: Geistig rastlos, schlägt er ständig neue Haken, entwischt stets, ist schon wieder ganz woanders.

Wenn nicht einmal die Farben Bestand haben

Manchmal freut sich Polke, wenn seine Bilder allmählich schwinden. Er benutzt Materialien wie Silberjodid oder Ruß auf Glas, deren Spuren sich verwischen. Er verwendet Pigmente, die sich bei wechselnder Temperatur wie das sprichwörtliche Chamäleon verhalten. Nicht einmal der Farbwert hat also Bestand.

Festlegung auf einen Stil ist Polke sowieso ein Greuel. Und er macht keinen Unterschied zwischen erhaben und trivial. Daher kann auch alles der Inspiration dienen. Polke verbindet in ein und demselben Bild naturgetreuen Realismus und Karikatur. Er verknüpft afrikanische Plastik mit niedlichen Bambi-Figuren, er umgibt den Umriß des berühmten Dürer’schen Hasen – als sei s ein einziger Abwasch – mit den Karo-Mustern von Trockentüchern. Wie er denn überhaupt seine Bilder oft mit endlos reproduzierbaren Mustern unterlegt oder überblendet: Tapeten, Kacheln, Stoffbahnen. Und seltsam: Was auch immer er sich anverwandelt, es gerät unter seinen Händen wahrhaftig zur Kunst. Wie bei jenem Midas, dem alles zu Gold wurde, was er berührte.

Der Schamane hat s auch mit der Politik

Zuweilen gebärdet sich Polke, der in den 1970ern gelegentlich rauschhafte Farbschlieren-Bilder unter Drogeneinfluß erzeugt hat, auch schon mal als Schamane. Höhere Wesen hätten ihm befohlen, keine Blumen, sondern Flamingos zu malen, heißt es neben einem Bild, das – Flamingos zeigt. Auf Schautafeln dokumentiert Polke die Resultate „telepathischer Sitzungen“ mit Künstlern früherer Zeiten: „Absender Max Klinger – Empfänger Sigmar Polke“.

Freilich: Auch über solche Anwandlungen mokiert er sich wieder – und malt auf einmal „politische“ Bilder über Flüchtlingslager und Tropenwälder. Doch der hintersinnige Fallensteller ist erneut zugange: Während die Mysterien unterschwellige Ironie enthalten, ist in den Polit-Schinken unversehens Magie am Werk, so etwa, wenn das Raster-Bildnis des früheren US-Präsidenten Reagan dank mehrerer Kopien langsam vergeht, als sei der Mann ein Opfer des nuklearen Schreckens geworden.

Sigmar Polke. Die drei Lügen der Malerei. Bundeskunsthalle Bonn (Museumsmeile). 7. Juni bis 12. Oktober. Di und Mi 10 bis 21 Uhr, Do bis So 10-19 Uhr. Eintritt 8 DM. Katalog 78 DM.

 




Theater kann ein schönes Abenteuer sein – Zum 60. von Claus Peymann

Von Bernd Berke

Es war die „Publikumsbeschimpfung“, mit der Claus Peymann erstmals weithin Aufsehen erregte. Doch der Regisseur, der 1966 Peter Handkes Stück im Frankfurter Theater am Turm uraufführte, hat sich eigentlich nie mit den Zuschauern, sondern viel lieber mit Politikern angelegt. Morgen wird Peymann, noch Intendant der Wiener „Burg“, ab 1999 dann Chef des Berliner Ensembles, 60 Jahre alt.

Theaterkundige Revierbewohner trauern natürlich besonders Peymanns Bochumer Ära (1979 bis 1986) nach. Als er nach Wien wechselte, gab es sogar Leute, die für seine Premieren bis an die Donau pilgerten – ganz ähnlich, wie ihm Anhänger aus Stuttgart (wo er von 1974 bis 1979 als Schauspieldirektor arbeitete) nach Bochum nachgereist waren.

Peymann hat vermeintlich staubtrockenen Klassikern wie Goethes „Iphigenie“ frisches Leben eingehaucht. Stücke, die man für gar nicht mehr spielbar hielt, etwa Kleists „Hermannsschlacht“, gerieten unter seiner Ägide zu aufregenden Abenteuern. Doch das Theater verdankt Peymann auch wegweisende Uraufführungen, zumal der Stücke von Thomas Bernhard („Vor dem Ruhestand“, „Minetti“ , „Ritter, Dene, Voss“) und Peter Handke („Der Ritt über den Bodensee“, „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“).

Trunken vor lauter Spielfreude

Ohne grandiose Schauspieler wie Gert Voss, Kirsten Dene, Traugott Buhre oder Martin Schwab, wäre Peymann wohl nicht erklärter Favorit der Feuilletons geworden. Doch eine seiner größten Leistungen besteht ja just darin, hochkarätige Ensembles zusammengeführt, inspiriert und lange beieinander gehalten zu haben. Peymanns oft herrlich spieltrunkener Inszenierungsstil war nie „Regietheater“ in dem Sinne, daß die Darstellet durch starre Konzepte an den Rand gedrängt worden wären.

Feinde hat er sich auch gemacht. Als er in Stuttgart Spenden für die zahnärztliche Behandlung der inhaftierten RAF-Terroristin Gudrun Ensslin sammelte, kam es zum politischen Eklat. Mißtrauisch empfing man ihn später auch in Wien. Österreichs Kulturkonservative fürchteten, der „Piefke“ Peymann (Sohn eines Bremer Studienrats) werde die Traditionen am Burgtheater gefährden.

Immerhin: Er hob die Preise für bessere Plätze drastisch an und verbilligte die anderen. Das galt besonders der giftigen Wiener Presse schon als sozialistische Untat. Doch als Peymann das Publikum mit grandiosen Inszenierungen wie „Richard III.“ von Shakespeare auf seine Seite zog, konnte man ihm nicht mehr so viel anhaben. Nun wagte er es auch, im November 1988 (zum 100jährigen Bestehen des Burgtheaters) Thomas Bernhards „Heldenplatz“ auf die Bühne zu bringen, jenes Stück, in dem die NS-lastige Historie des Hauses bohrend zur Sprache kam.

Im „Heldenplatz“-Umfeld kam es gar zu einer Art Regierungskrise in Wien. So etwas gibt es eben nur in Österreich, wo Theater und Oper eine geradezu staatsbildende Rolle spielen wie sonst wohl nirgendwo auf der Welt. Vielleicht wird Peymann einen Hauch dieser Atmosphäre im nüchternen Berlin vermissen.




Hossa und der tiefere Sinn – Das Buch „Schlager, die wir nie vergessen“ deutet populäres Sangesgut

Von Bernd Berke

Peter Kraus zählte zu den zaghaften Vorboten sexueller Freizügigkeit. Freddy Quinn („Junge, komm bald wieder“) formulierte, wie später nur noch Heintje („Mama“), in wenigen Zeilen die geballten Müttersorgen der Nation. Drafi Deutscher („Marmor, Stein und Eisen bricht“) stand – im Vorfeld des rebellischen Jahres 1968 – für wachsende Aufruhrstimmung. Daß sich aus prägnanten Liedern Zeitgeist pur destillieren läßt, erfährt man in dem neuen Buch „Schlager, die wir nie vergessen“. Keine Schande, wenn man beim Lesen mitsummt.

Nicht weniger als 34 Autoren, darunter Koryphäen wie Eckhard Henscheid, Robert Gernhardt und Brigitte Kronauer, machen sich – in zumeist erhellenden Kurzbeiträgen – über 57 Interpreten und deren markanteste Titel her. Die tönende Chronik der Republik beginnt mit Rudi Schurickes Schmachtfetzen „Capri-Fischer“ (Version von 1946) und reicht bis zu den Gruppen „Ideal“ und „Trio“ (ihr Singsang „Da da da“ wird als Ausdruck unbekümmerter Postmoderne gedeutet) sowie Herbert Grönemeyers „Männer“-Song von 1984.

Wer sich nur lustig machen will…

Es zeigt sich, daß ironischer Umgang mit dem Thema zwar ratsam ist, daß aber jene Autoren die ergiebigsten Beiträge liefern, die den Schlager bis zu einem gewissen Punkt halbwegs ernst nehmen. Wer sich von vornherein nur lustig machen oder kulturkritisch dozieren will, kann diesen Massenprodukten auch nicht ablauschen, was in ihnen steckt. Selbst hinter einem unscheinbaren Ausruf wie „Hossa“ (Rex Gildo in „Fiesta Mexicana“) verbirgt sich ja zuweilen tragisches Geschick.

Gelegentlich wird allzu weit ausgeholt: Johannes John nennt „Ein Bett im Kornfeld“ von Jürgen Drews (1976) einen Nachläufer der Anakreontik (idyllisch-erotische „Schäferlyrik“) des Rokoko, ja, er schlägt noch einen Haken zum mittelalterlichen Dichter Hartmann von Aue und dessen Wortschöpfung vom „Verligen“, das die Hauptbeschäftigung amourös reger Faulpelze präzis bezeichnete. In der waghalsig erreichten Zielkurve heißt es schließlich, Drews habe mit seinem Lied die alte Burschenherrlichkeit bedient und neckisches „Verbal-Petting“ betrieben. Nun ja.

Sozialpädagogisches Anliegen

Da leuchtet es schon eher ein, wenn Gus Backus („Da sprach der alte Häuptling der Indianer“, 1961) als typische Figur der Amerikanisierung und zugleich als deren bubenhafter Parodist herauspräpariert wird. Nachvollziehbar auch, daß Juliane Werding („Am Tag, als Conny Gramer starb“, 1972) dem Schlager mit „sozialpädagogischem Anliegen“ jene Bresche schlug, in die dann auch Gitte oder Udo Jürgens springen konnten. Ganz naheliegend ist es gar, das Schaffen von Nicole („Ein bißchen Frieden“, 1982) im Zusammenhang der damals erstarkten Friedensbewegung gegen die NATO-Nachrüstung zu betrachten.

Wenn der Erfolg einer Daliah Lavi („Willst du mit mir gehn?“) auch mit dem Willen zur Wiedergutmachung an den Juden erklärt wird, spürt man ein gewisses Unbehagen – vielleicht deshalb, weil etwas „dran“ ist? Freilich: Wencke Myhres „Beiß nicht gleich in jeden Apfel“, das just 1966 zu Beginn der Großen Koalition zwischen CDU und SPD herauskam, als heimliche Warnung vor dem „Sozialismus“ zu interpretieren, erfordert Phantasie. Und wer hätte gedacht, daß Peter Alexander mit „Hier ist ein Mensch“ (1970) die Fackel der ursprünglich linken Utopie vom aufrechten Gang der Gattung weiter getragen hat?

Vico Torrianis kleine Ferkelei

Eine Hoch-Zeit des deutschsprachigen Schlägers waren natürlich die 50er Jahre. Damals wurde den Wirtschaftswunder-Deutschen jede Spielart von Fernweh und Exotik angedient. Caterina Valente sang beispielsweise 1957 „Wo meine Sonne scheint“, und wenn man dem Autor Dieter Bartetzko glaubt, so lenkte der Text – die historische Stunde erkennend – ungute deutsche Eroberungs-Gelüste ganz geschickt in sozialverträgliche Reiselust um.

Wie auch in der Reklame, so traten sexuelle Rollenklischees im Schlager der 50er klar zutage. Zudem war auch das populäre Sangesgut ausgesprochen prüde und verdruckst. Desto größer die Freude nachfraglichen Enthüllens: Peter von Matt stellt klar, daß es in Vico Torrianis so harmlos klingendem „Kalkutta liegt am Ganges“ letztlich nur „um das Eine“ gegangen sei, gleichsam hinter vorgehaltener Hand sei gar von einer Erektion die verschämte Rede gewesen. Doch die kleine Ferkelei verbarg sich hinter Jux-Wortspielen. Auf ähnliche Weise entsteht übrigens auch große Dichtung.

„Schlager, die wir nie vergessen“. Verlag Reclam Leipzig. 292 Seiten. 19 DM.

 

 

 




Kunst soll wirken wie ein Nackenschlag – Werkschau über Bruce Nauman in Wolfsburg

Von Bernd Berke

Wolfsburg. Mal ehrlich: Was hat Wolfsburg schon zu bieten? Das gigantische VW-Werk, gewiß. Aber in dessen Schatten ducken sich ein barackenartiger Bahnhof und eine beklagenswert öde Innenstadt. Ausgerechnet hier soll ein Juwel der deutschen Kulturlandschaft zu finden sein? Aber ja!

Das imposante Kunstmuseum Wolfsburg, im Grundriß etwas größer als ein Fußballfeld, verfügt über finanzielle Mittel, von denen man andernorts höchstens träumt. Jetzt bietet man mit einer Schau über den US-Künstler Bruce Nauman erneut ein Ereignis der Sonderklasse.

Während etliche Häuser in den Metropolen mit jährlichen Ankaufsetats von nicht einmal 100 000 Mark (ein Witz angesichts der Kunstmarkt-Preise) wirtschaften, schöpft man in Wolfsburg aus dem Vollen. Das erst vor drei Jahren eröffnete Museum hat bereits umfangreiche Eigenbestände angehäuft. Ständig kauft man namhafte Werke hinzu: Hier ein Bild von Andy Warhol oder Anselm Kiefer, da einen Kunst-Iglu von Mario Merz oder eine Video-Installation von Nam June Paik.

Mit öffentlichen Mitteln ist das nicht zu schaffen, sondern nur mit einer reich ausgestatteten Privatstiftung, die vor allem aus Vermögensanteilen am Volkswagen-Versicherungsdienst (VVD) gespeist wird. Hier dürfte der alte VW-Werbeslogan zutreffen}: „Da weiß man, was man hat.“

Weiter nach Paris und London

Die Nauman-Schau, die in Wolfsburg Premiere hat, teilt man sich mit ersten Adressen. Sie wandert ins Pariser Centre Pompidou und in die Londoner Hayward Gallery. Kunsthallenchef Gijs van Tuyl und sein Team haben eine Ausstellung von seltener Suggestionskraft inszeniert. Der Rundgang ist schneckenförmig angelegt, auf daß man erst hinausfinde, nachdem man ins Zentrum vorgedrungen ist.

Das ist ganz im Sinne Naumans. Er gibt dem Betrachter gern die Wege vor. So schickt er ihn etwa in einen nur 50 Zentimeter schmalen, viele Meter langen Raumschlauch, an dessen Ende man seinem eigenen elektronischen Abbild begegnet. Ein andermal kann man sich – dank eines ausgeklügelten Kamera-Aufbaus – beim Gang um ein Karree selbst hinter den Ecken verschwinden und gleichzeitig die Leute hinter einem auftauchen sehen. Seltsame Zeit-Verschiebung.

Schon in den 70er Jahren hat Nauman (Jahrgang 1941) mit der damals noch ganz neuen Video-Technik experimentiert, seither hat er alle Feinheiten ausgelotet. Ein Kunstwerk solle sein wie „ein Schlag in den Nacken“, es solle umweglos aufs körperliche Befinden einwirken. So lautet ein immer wieder eingelöstes Bekenntnis Naumans, des Stamm-Teilnehmers der documenta, der sich seit zehn Jahren vom Kunstbetrieb zurückgezogen hat, keine Interviews mehr gibt und lieber in New Mexico Pferde züchtet.

Inspiriert von Cage und Beckett

Drei abgedunkelte Räume mit TV-Bildschirmen, auf denen menschliche Köpfe rotieren. Sie stammeln unaufhörlich Lautfolgen wie „Okay-okay-okay“ oder auch nur „Mh-mh-mh“. Man fühlt sich in dieses kreiselnde Wahn-System eingesperrt und faßt sich unwillkürlich an den Hals: Dreht der sich auch schon? Kurz darauf gerät man vor das Videowerk „A poke in the eye“ (etwa: Ein Stoß ins Auge). Ganz langsam tastet die Kamera ein Gesicht porengenau ab und irrt immer wieder zu den Augen hin. Zumal wenn man den Titel vorher kennt, erfaßt einen ein Gefühl der Bedrohung als Kitzel in der Magengrube. Solche Regungen hat der Künstler wohl nicht nur an sich selbst erprobt, sondern auch kühl vorausberechnet.

Der einstige MathematikStudent ließ sich von Wiederholungs- und Montage-Strukturen etwa in Werken des Komponisten John Cage, des Schriftstellers Samuel Beckett oder des Filmregisseurs Jean-Luc Godard anregen.

Viele Installationen sind höchst komplex, sie beziehen z. B. Neonlicht, Texte oder Klänge ein. Man muß es erleben. Und man wird in eine Art Trance zwischen Irritation und Meditation geraten.

Kunstmuseum Wolfsburg, Porschestraße 53 (Tel: 05361 / 266 966). Ausstellung Bruce Nauman bis 28. September. Di 11-20 Uhr, Mi-So 11-18 Uhr. Eintritt 7 DM. Katalog 45 DM.




Zimmerschlacht nach Lust und Laune – Jürgen Kruse inszeniert Andreas Marbers „Rimbaud in Eisenhüttenstadt“

Von Bernd Berke

Bochum. „Blöööd ist es auf der Welt zu sein / Sagt die Biene zu dem Stachelschwein.“ Welch eine Gaudi, wenn diese Schläger-Verballhornung auf der Bochumer Kammerspiel-Bühne gegrölt wird. Mittendrin ruft Intendant Leander Haußmann, der sich als „Rimbaud in Eisenhüttenstadt“ (Regie: Jürgen Kruse) diesmal auch Titeldarsteller-Ehren gönnt, ins Publikum: „Und nun alle! Auch die Kritiker, die sollen ihre Stifte mal loslassen!“ Von wegen.

Rimbaud also. Dieser „wilde“ französische Dichter (1854-1891), dem schon früh die Lyrik nicht mehr genügte und den es hinaustrieb ins Unbedingte. Sodann ausgerechnet Eisenhüttenstadt, aus dem Boden gestampfte Industrieansiedlung der früheren DDR, Inbegriff genormter Enge zwischen Plattenbauten. Mit solch gegensätzlichen Gewürzen hat Andreas Marber (Jahrgang 61, Hausdramaturg in Bochum) sein Stück abgeschmeckt. Jürgen Kruse setzt den Text mit allen erreichbaren Mitteln und im wegwerfenden Gestus aggressiven Angewidertseins unter Dampf.

Es wird – zumal vor der Pause – im Publikum oft gelacht, freilich vielfach kopfschüttelnd, wenn sich etwa Rimbaud Kokain via Staubsaugerrohr in die Nase zieht oder das Überraschungsei einen Präser enthält. Sachen gibt’s…

Stilsicher versiffte Behausung

Die gut dreistündige Zimmerschlacht (hoher Sudelfaktor mit Bier- und Blutspritzern) spielt sich in der stilsicher versifften Einraum-Behausung Rimbauds ab. Dieser ostdeutsche Anarcho-Rebell der Nach-Wendezeit, der auf die reichen Westler schimpft und „vergossene Worte“ des Ostens bewahren will, lebt an seiner Endstation. Mit allen hat er Streit: Die „Süddeutsche Zeitung“ mochte seine zynische Hymne auf Michael Jacksons Kinderschändungen nicht abdrucken. Und in der Stadtbücherei hat man ihm Hausverbot erteilt, als er dort entnervt das „Kochbuch der Anne Frank“ verlangte…

Nun tänzelt auch noch sein schwuler Gespiele Dr. Martin Wolf (Komödiant von Gnaden: Torsten Ranft) aus dem evangelischen Predigerseminar zu Wittenberg herbei, um sich im lachhaften Jargon der Selbsterfahrung von Rimbaud zu trennen – vage Reminiszenz an die historische Dichter-Liebe zwischen Rimbaud und Paul Verlaine, außerdem Gelegenheit zu derben Antiklerikal-Scherzchen („Sinn-Hode“ statt „Synode“).

Derweil irrt Rimbauds hirnkranke Frau mit Namen Vera Vernunft (Annika Kuhl) umher und produziert kleine Sprechopern der Vergeßlichkeit: „Oh, oh, oh – Weil, weil, weil…“ Ihre weitgehend stumm-verzweifelte Rolle wird in Erinnerung bleiben.

Zwischen Aufwallung und Achselzucken

Später gesellt sich eine Kammerjägerin (Henriette Thimig) hinzu, früher bei der Stasi, die auf anderer Ebene mit der „Schädlingsbekämpfung“ fortfährt. Auch wankt hin und wieder eine Riesen-Ratte über die Bühne. Schließlich erscheint ein Mann im weißen Kittel (Marquard Bohm), den man angesichts all dessen erwarten durfte. Als Vera kurzerhand aus dem Fenster springt, brüllt Rimbaud wie am Spieß, doch plötzlich verstummt er und holt sich ein Pils aus dem Kühlschrank.

Derlei willkürliche Abfolge von Aufwallung und Achselzucken bildet ein Grundmuster. Theater nach dem schieren Lustprinzip: Wo Jürgen Kruse „Bock“ hatte, hat er rotzig etwas hin-inszeniert. Zuweilen hat das gleichsam dreckigen Charme.

Leander Haußmann muß wenig Filigranarbeit leisten, er kann sich just austoben mit gehörigem Talent zur Raserei. Die gesamte Darbietung folgt quasi der Rimbaud’sehen Chaos-Regel. Sie könnte jederzeit enden, aber auch immer so weitergehen.

Natürlich öffnet Jürgen Kruse wieder den Plattenschrank. Er beweist exzellenten Spürsinn für starke Rock-Titel und absolut schräge Schläger. Das ganz andere Musiktheater im Revier.

Im nicht frenetischen Beifall ertönten auch Buhrufe.

Termine: 29. Mai, 18. Juni. Karten: 0234/3333-111.




Vom Königsthron hinab ins Schulungshotel – Peter Handke und Susanne Schneider bei den Mülheimer Stücketagen

Von Bernd Berke

Mülheim. „Heute ein König!“ schallt es uns aus einer Pils-Werbung entgegen. „Künftig ein König!“ rufen uns die Dramatiker Botho Strauß und Peter Handke zu. Ihre neuen Stücke sorgten für den wahrhaft majestätischen Auftakt der Theatertage in Mülheim. Dann freilich ging’s steil hinab in die Niederungen des ökonomischen Alltags. Susanne Schneiders „Wir Verkäufer“ war der dritte von acht Beiträgen im Wettbewerb.

Nachdem in Botho Strauß „Ithaka“ der alte Odysseus sein Königtum blutrünstig zurückerobert hatte, bekamen es die Zuschauer mit Handkes monarchischen Phantasien zu tun: Das Frankfurter Schauspiel gastierte mit „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“. Schon der Titel läßt ahnen, daß Handkes Sprache gleichsam wallt wie ein Königsgewand. Wohltönend und vielschichtig ist Handkes Sage aus der abgelegenen Enklave, der ein neuer König ein ewig währendes Gesetz allumfassenden Friedens (darunter tut man’s nicht mehr) geben soll. Claus Peymann hatte seine Darsteller bei der Wiener Uraufführung durch eine Art Feenmärchen tändeln lassen. Die Figuren der Frankfurter Fassung (Regie: Hans Hollmann) staksen indes stocksteif einher.

Den Vorhang zu und alle Fragen offen

Im Mittelgrund der stets düsteren Bühne baumelt geometrisch geordnetes Gestänge. Ästhetische Avantgarde der 50er Jahre. Dies gilt auch für die maßvoll neutönerische Musik, die immer wieder erklingt. In dieser Inszenierung mit ihren stur-schematischen Auf- und Abgängen wenig inspirierter Darsteller hat man nicht einmal den Umgang mit dem Vorhang rationell gelöst: Zuweilen wird für eine Fünfzehn-Sekunden-Szene eigens langwierig zu- und dann wieder aufgezogen. Warten ist das halbe Leben.

„Verstanden?“ fragte Handkes Wander-Erzählerin mehrmals textgemäß in die Publikumsrunde. „No!“ schallte es in Mülheim aus vielen Mündem zurück. Tatsächlich ist es schwer, in diesem Drama den Faden zu finden. Anhand der Frankfurter Darbietung scheint es sogar aussichtlos.

Schneeberg soll soziale Kälte anzeigen

Den roten Faden sah man in „Wir Verkäufer“ um so schneller. Denn die Stuttgarter Autorin Susanne Schneider, die in der Gast-Inszenierung (Badisches Staatstheater Karlsruhe) auch Regie führt, gibt über weite Strecken mit biederem Realismus den Ablauf einer Verkaufsschulung wieder, die eine Westfirma arbeitslos gewordenen Ostdeutschen angedeihen läßt. Schmerzlich beigebracht werden den „Ossis“ in diesem kapitalistischen Fegefeuer die Psychotricks des Verhökerns. In den Schulungspausen gibt’s Kummersuff, Karaoke-Singsang und natürlich Fragmente aus beschädigten Ost-Biographien.

Video-Aufnahmen von echten Schulungen dienten der Autorin als Anregung. Wie Fertigteile baut sie aus der DDR überkommene Redewendungen („Fakt ist.. ..“, „…hat Weltniveau“) ein. Auch sonst kommt einem vieles reichlich bekannt vor. Und es hätte schon um 1990 exakt so geschrieben werden können. Heute wirkt es abgestanden. Daß gar ein immer höher werdender Schneeberg rund ums Schulungshotel als Sinnbild für wachsende soziale Kälte herhalten muß, ist kläglich. Rar sind die Szenen-Momente, in denen das deutsch-deutsche Elend sich wenigstens halbwegs verdichtet.

Dank der großartigen Münchner Inszenierung muß derzeit Botho Strauß „Ithaka“-Text favorisiert werden. Man darf aber wohl die Prognose riskieren: Strauß wird den Preis trotzdem partout nicht bekommen, und zwar wegen politischer Bedenken. Außerdem folgen bis zum 6. Juni ja noch fünf konkurrierende Stück, darunter die von Elfriede Jelinek und Urs Widmer.




Jüdisches Museum Westfalen: Die Würde der Tradition

Von Bernd Berke

Dorsten. Es ist nicht ganz leicht, das „Jüdische Museum Westfalen“ zu finden. Ein Hinweisschild erblickt man in Dorsten erst dann, wenn man die umgebaute alte Villa an der Julius-Ambrunn-Straße auch schon vor sich sieht. Und obwohl die Stadt ja nicht allzu groß ist, scheinen die wenigsten Einwohner den richtigen Weg weisen zu können.

Ein bißchen traurig ist dies lokale Schattendasein schon. Aber das Museum, weit und breit das einzige seiner Art, setzt ohnehin mehr auf Fernwirkung. Zumal aus den Niederlanden kommen häufig Besucher hierher, aber auch aus den USA und Israel.

Vor fast genau fünf Jahren wurde die Stätte der Erinnerung vom örtlichen „Verein für jüdische Geschichte und Religion“ begründet. Stadt und Land bezahlten den Ausbau des Domizils und trugen Betriebskosten. Die Betreuung der wertvollen Exponate muß dennoch weitgehend ehrenamtlich geleistet werden.

Einen Sammelschwerpunkt bilden kostbare jüdische Kultgeräte zu den Feiern im Jahreskreislauf. Größte Aufmerksamkeit gilt der Geschichte jüdischen Lebens in Westfalen. Torarollen, Bücher und Bilder sieht man hier ebenso wie etwa silberne Speisenbehältnisse zu bestimmten Festtagen.

Ein erschütternder Fund füllt einen Weidenkorb im Erdgeschoß: jene Sammlung von Büchern, die vor einigen Jahren auf einem Dachboden in Bottrop gefunden wurden. Diese Bücher haben jüdischen Familien gehört, die in Konzentrationslager deportiert wurden. Ausführlich dokumentiert man die Entwicklung des Antisemitismus, der im Mittelalter bereits Wurzeln geschlagen hatte.

Das Museum befaßt sich vornehmlich mit der Historie des Judentums, weniger mit Israels gegenwärtiger Entwicklung. Es dominiert die Würde des althergebrachten Kultes und damit die orthodoxe Lesart. In dieses Konzept fügt sich nun die bis 15. Juni dauernde Ausstellung des Künstlers Uri Shaked aus Tel Aviv ein. Seine „Bilder zu den jüdischen Festtagen“ erzählen, in scheinbar „naivem“ Duktus und frohen hellen Farben, von Menschen, die aus ihrer Religion heitere Hoffnung schöpfen. Die Gesichter aller Figuren, auch wenn sie in Rückenansicht gezeigt werden, sind stets dem Betrachter zugewandt. Es wirkt wie eine Einladung zur Teilhabe.

Jüdisches Museum Westfalen. Dorsten, Julius-Ambrunn-Straße 1 (in Bahnhofsnähe an der A 223). Tel. 02362/45 279. Di-Fr 10-12 und 15-18 Uhr, So 14-17 Uhr. Eintritt 5 DM. Bestandskatalog 280 Seiten, 38 DM.

 




Mitteilungen aus der Studierstube – Patricia Dunckers hitziger Roman „Die Germanistin“

Von Bernd Berke

Eigentlich fängt dieser Roman vielversprechend an: Angetrieben von einer mysteriösen Germanistin, begibt sich der Ich-Erzähler, ein junger Romanistik-Student aus Cambridge, auf die Suche nach dem Menschen, der hinter seinem Examensthema steckt.

Er schreibt seine Abschlußarbeit über den französischen Autor Paul Michel, von dem er natürlich alles mehrfach gelesen hat. Wie sich erweist, ist Paul Michel nicht nur ein Mann, dem schrankenlose Freiheit über alles geht, er ist zudem offensiv und selbstbewußt schwul – und eines Tages hat man ihn wegen einiger Gewalt-Eskapaden in eine Irrenanstalt eingewiesen. Die Germanistin findet: Man muß den Mann da herausholen, ihn retten. Und sie schickt den Studenten vor.

Der also reist – in Patricia Dunckers Roman „Die Germanistin“ – von England nach Frankreich und dringt bis zu diesem Paul Michel vor, der von 1947 bis 1984 wirklich gelebt hat, zwischenzeitlich als kommende Größe der französischen Literatur galt, dann für verrückt erklärt wurde und an Aids gestorben ist.

Schwülstige Schwärmerei

Michels wirrer Blick und das aggressive Benehmen machen dem Studenten zunächst angst, doch schon bald freunden sich die beiden an. Resultat: Paul Michel wird aus der geschlossenen Anstalt entlassen, bekommt immer öfter Freigang und darf schließlich mit dem Studenten durch Südfrankreich reisen. Natürlich vermittelt all das dem Studenten ein ganz neues Lebensgefühl, so daß die Autorin ausgiebig Gelegenheit bekommt, über die Beziehung zwischen ihren beiden Helden wie eine törichte Jungfer in schwülstige Schwärmerei zu geraten.

Fragt sich nur noch: Welches Interesse hatte die Germanistin an all den Fährnissen? Mit dieser Frage hält die Autorin das Interesse wenigstens auf Sparflamme. Ihre Figuren aber bleiben blutleere Phantome, ihre Szenen wirken meist geschmäcklerisch arrangiert und zurechtgebogen.

Zudem muß man sich durch viel angelesenes Zeug quälen, durch kaum entschlackten Archiv-Stoff und Mitteilungen aus der Studierstube, um zu den wenigen anschaulichenPassagen zu gelangen. Ein Roman-Konstrukt aus dem Elfenbeinturm der literaturwissenschaftlichen Fachwelt, künstlich erhitzt mit einer ständig beschworenen, aber nie beglaubigten Sehnsucht nach dem „wirklichen Leben“.

Die stärksten Stellen stammen von fremder Feder. Es sind Real-Zitate aus dem Briefwechsel zwischen Paul Michel und dem französischen Denker Michel Foucault, der den Jüngeren als seinen einzigen wahrhaftigen Leser schätzte und zugleich fürchtete. Um dieses innige Autor-Leser-Verhältnis kreisen auch Patricia Dunckers heiße Hoffnungen. Ach, wie vergebens!

Patricia Duncker: „Die Germanistin“. Roman. Berlin Verlag. 235 Seiten, 38 DM.

 




Lebensbilanz mit Verlusten – Sibylle Mulots Roman „Das Horoskop“

Von Bernd Berke

Mit seinem Roman „Netzkarte“ ließ uns einst Sten Nadolny teilhaben an einer Fahrt kreuz und quer durchs Netz der deutschen Bahn. Natürlich kam es dabei vor allem auf die menschlichen Begegnungen an. Auch Sibylle Mulot schildert in ihrem Buch „Das Horoskop“ den Verlauf einer langen Bahnfahrt. Wieder geht es um eine Bekanntschaft, die die Ich-Erzählerin schließt.

Der Weg führt von Basel nach Paris. Eine ausgedehnte Strecke, auf der wir nach und nach einiges über jene verhalten elegante Mitreisende Edit erfahren, die ihre Kindheit in Ungarn und Wien verbracht hat, Solotänzerin gewesen ist und einen französischen Fabrikanten geheiratet hat. Zu ihm kehrt sie jetzt zurück, nachdem sie ihre todkranke Mutter besucht hat. Und sie hat eine ganze Tasche voller Marzipan im Gepäck, die sie ängstlich durch den Zoll schmuggelt.

Was diese Frau innerlich beschäftigt: Ihr Sohn, für den sie doch – in offenbar grandios vergeblicher Liebesmüh – all das Schöne Marzipan besorgt hat, hat seit vielen Jahren jeden Kontakt mit ihr abgebrochen, ohne jeden zwingenden äußeren Anlaß, aber gewiß mit inneren Beweggründen. Edit kennt mithin weder ihre Schwiegertochter noch ihre Enkelkinder. Dieser Verlustposten ihrer Lebensbilanz setzt ihr so zu, daß sie schon eine Wahrsagerin aufgesucht und ihr Horoskop nach Wiedersehens-Chancen befragt hat.

Familie als Keim des Übels und der Hoffnung

Kunstvoll verknüpft Sibylle Mulot die Fensterblicke auf die vorbeiziehende Landschaft mit der allmählich sich abzeichnenden, zum Teil verdorrten „Landschaft“ dieses Frauenlebens. Als schließlich Paris in Sichtweite kommt und die Häuser immer dichter beieinander stehen, verdichtet sich auch das imaginierte Netz der familiären Bezüge und Beziehungen.

Und der Blick weitet sich ins Allgemeinere: Am Beispiel der gelinde verzweifelten, aber unverdrossen ihre Glücksansprüche behauptenden Edit lernt man, wie sehr die Menschen seelisch an ihre Familien gekettet sind, auch und gerade wenn Beziehungen – als seien es Bahnstrecken – „stillgelegt“ zu sein scheinen. Familie als Keim des Übels und der Hoffnung.

Die Ich-Erzählerin, leider immer eine Spur überlegter als ihre Mitreisende (was dem Buch gelegentlich eine etwas besserwisserische Note verleiht), wehrt sich innerlich gegen Edits Anspruch auf den Sohn und versucht, sich in die Lage von Kindern zu versetzen, die ihren Eltern ein für allemal Adieu sagen. Einerseits herrscht allseits Wahlfreiheit in den Beziehungen, andererseits strebt jeder Mensch nach Sicherheit und Halt. Gefühle sind Widersprüche, sie folgen keiner Logik und sind oft furchtbar ungerecht.

Ein elegischer Ton zieht sich durch diese Erzählung. Mit der Ankunft des Zuges tritt – nicht so paradox, wie es klingt – jene Überraschung ein, die man als Leser die ganze Zeit über erwartet hat. Doch vielleicht setzt erst mit dieser Ankunft die Wirkung dieses Buches ein.

Sibylle Mulot: „Das Horoskop“. Diogenes-Verlag, 125 Seiten. 29,90 DM.




Die guten Götter werden schon für Frieden sorgen – Botho Strauß‘ „Ithaka“ als Auftakt zu den Stücketagen

Von Bernd Berke

Mülheim. Nein, ein Festival im üblichen Sinne sind die Mülheimer Theatertage diesmal nicht. Der Wettbewerb neuer deutschsprachiger Stücke zieht sich – als eher lose Folge von acht Gastspielen – über fast vier Wochen bis zum 6. Juni hin. Von gewisser Dauer war schon der Auftakt am Sonntag Abend. Die Münchner Kammerspiele gingen mit Botho Strauß‘ Antiken-Anverwandlung „Ithaka“ (Regie: Dieter Dom) an die Startlinie. Und das hieß: viereinhalb Spielstunden mit Odysseus. Doch es war nicht die berühmte Irrfahrt.

Odysseus (Bruno Ganz) ist bei Strauß, der sich in vielen mythologischen Details an die Vorlage von Homer hält, bereits nach Ithaka heimgekehrt. Eine üble Rotte von Freiern belagert Odysseus‘ Gattin Penelope (Gisela Stein), die mächtige Kummerspeck-Schwarten angesetzt hat und sich auch damit die Zudringlichen vom Leibe zu halten sucht.

Genußsucht, Sport und Prahlerei

Unterdessen ist das gesamte Gemeinwesen verkommen. Es fehlt eben der Herrscher, einer, der – salopp gesprochen – in diesem Saustall aufräumt. Statt dessen regieren, wie es einmal bündig heißt, „Genußsucht, Sport, Prahlerei“. Scheinbar gelassen, doch innerlich zornbebend, hört sich der als Bettler verkleidete Odysseus all die Schreckensbotschaften an. Und dann handelt er…

Zu diesem Sachverhalt hat Botho Strauß ein geradezu klassisch-formbewußtes Stück gedrechselt. Es kommt einem so vor. als habe er – wie so viele Autoren vor ihm – just bei den „Alten“, sprich in der Antike anknüpfen wollen, um dort Halt und Heilsamkeit zu finden, die nach seinem Empfinden der heillosen Gegenwart abhanden gekommen sind. Man hat aus dem Text überdies herauslesen wollen, daß sich der Autor nach einer Führer-Figur sehne. Unsinn!

Denn nachdem Odysseus die versammelten Freier im Bogenschießen gedemütigt (Wetten, daß der Held zwölf Äxte auf einen Streich mit dem Pfeile trifft?) und sodann samt lüsternen Mägden niedergemetzelt hat, erhebt sich ja erst die eigentliche Frage: Was kommt nach solch blutigem Sieg? Eine fundamentalistische Diktatur? In diesem Falle müssen es die allerhöchsten Mächte richten: Zeus und Pallas Athene („Girlie“ aus dem Götterhimmel: Sibylle Canonica) sorgen für Frieden im Lande – und dafür, daß das Volk alle vorherigen Untaten vergißt. Wortwörtliches Resultat: „Herrscher und Untertanen lieben einander wie früher. Daraus erwachsen Wohlstand und Fülle des Friedens den Menschen.“ Naiv anmutende und etwas prekäre Gründungslegende, fürwahr.

Die Großtat des Bruno Ganz

In Dieter Dorns Inszenierung wirkt all das jedoch so, wie es ja wohl auch gemeint sein dürfte: human und manchmal gar von heiterer (Selbst)-Ironie beseelt. Zumal der wunderbare Bruno Ganz als Odysseus nimmt Strauß‘ Sprache alles Gravitätische, läßt ihr gleichwohl den edlen Klang – und macht sie zugleich faßbar. Eine Großtat sondergleichen. Im Zentrum der dramatischen Aufmerksamkeit steht außerdem das Paar Odysseus-Penelope, das einander endlos zu verfehlen droht. Ein altes Strauß-Motiv.

Zu sehen war ein Spitzenprodukt deutschen Qualitäts-Theaters, ästhetisch völlig auf der Höhe, S-Klasse sozusagen. Und damit ein verheißungsvoller Auftakt für die Stücketage, die mit ihren Blicken über den regionalen Tellerrand alljährlich das vielleicht sachkundigste Publikum im Revier versammeln.

Der Beitrag des nächsten Edel-Dichters folgt am kommenden Samstag: Dann wird das Frankfurter Schauspiel mit Peter Handkes „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“ auftreten. Die Zuschauer sind gewappnet und gerüstet.




In der Steppe vom Sandkorn erzählen – Peter Handkes Roman vom Abenteuer der Wahrnehmung

Von Bernd Berke

Peter Handke scheint die Ödnis zu lieben. Nachdem er seinen Lesern zuletzt das Langstrecken-Exerzitium „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ auferlegte, siedelt er auch seine neue Hauptfigur im Niemandsland an, wo kaum etwas von wahrer Empfindung ablenkt. Jener Apotheker von Taxham (Flecken bei Salzburg) wohnt in einer „Zwickelwelt“ zwischen Bahnlinie, Flughafen und Autobahn-Tangenten. Dort, wo die Ausläufer der Technik in spärlichen Bewuchs übergehen.

Dieser Apotheker wird als unauffälliger, aber „uneingemeindeter“ Mensch beschrieben. Mit seiner Frau lebt er in gütlicher Abgrenzung, die Kinder sind aus dem Haus, vielleicht hat er sie gar vertrieben. Der Mann fühlt sich mal aufgehoben, mal aber auch gefährdet in seinem Alleinsein. Doch der Erzähler will ihm das Geheimnis nicht entreißen: „Keine Erklärungen, keine Begründungen, in der Schwebe lassen „, heißt es einmal. Wie ein Aufbruch ins Ungefähre klingt ja auch der Titel: „In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus.“

Handke unterlegt seine Geschichte mit dem Prägemuster mittelalterlicher Abenteuer-Epen. Eine Art Prüfung hat auch der Apotheker zu bestehen. Er wird zum „Gezeichneten“, indem er ein dunkles Wundmal auf der Stirn trägt – vielleicht das Signal todbringender Krankheit, vielleicht aber auch der Verheißung. Jedenfalls verläßt er nun sein Haus und gerät in eine rätselhafte, verwunschen wirkende Welt. Zugleich verstummt er, um desto genauer zu schauen und zu hören. Zum Beispiel auf eine furiose Grundsatz-Rede über die tiefe Feindschaft zwischen Mann und Frau.

Ein fruchtbares Verirren, ein neues Maßnehmen

Zwischendurch wird er von zwei Desperados begleitet, einem ehemaligen Ski-As und einem Dichter. Ein seltsam dahertaumelndes Slapstick-Trio. Die ganze Reise aber erweist sich – wie könnte es bei Handke anders sein – als „fruchtbares Verirren“, als Gelegenheit zum neuen Maßnehmen an der Welt, an der Wunderkammer namens Wirklichkeit.

In der „Nachtwindstadt“ Santa Fe ereignet sich ein prachtvolles Fest mit faszinierenden Ritualen. Rotten eines völlig fühllosen Menschenschlages drohen im Landstrich die Oberhand zu gewinnen. Schließlich treibt es den Apotheker, diesen Abenteurer der Wahrnehmung, als Eremiten in eine Steppe hinaus. Die Schilderung dieser Wüstenei zwischen den Städten, an deren Rändern wahnwitzige Extremsportlcr aufkreuzen, ist vollends grandios. So aufregend kann Ödland sein, wenn jeder Flügelschlag eines Vogels und jedes Sandkorn, jeder Vorgeschmack und Nachklang so innig erzählt werden.

Der Dichter soll reden wie ein Bergsteiger am Seil

Staunenswert, wie Peter Handke unscheinbarste oder fremdartigste Erscheinungen mit größtmöglicher sprachlicher Einfühlung faßt. So gerüstet, kann er sich mit seinen Figuren erneut auf ferne Vorposten hinauswagen und so zusagen dem Niemandsland Neuland abgewinnen. Ob es auch fruchtbar ist?

Wo aber dieser Erzähler nichts weiß, da stellt er keine Behauptungen auf, sondern tastet sich fragend an die Dinge heran. Das eben unterscheidet Handke etwa von Botho Strauß. Er handelt nicht mit Meinungen, sondern mit Wahrnehmungen. Pures Erzählen der Gegenwart, das Schwerste von allem, ist ihm genug.

Bezeichnender Satz: „So dichten, wie Bergsteiger miteinander reden, während sie am Seil hängen“. Kein überflüssiges Wort also. Freudig bestätigende, knappe Feststellungen wie „Ja. So ist es.“ sind Zielpunkte solchen Schreibens, das freilich allzeit bedroht ist, auf schwindelerregender Anhöhe nur noch in sich selbst zu kreisen.

Peter Handke: „In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus“. Roman. Suhrkamp-Verlag. 316 Seiten. 48 DM.




Ausblick ins Wunderbare – Neues Programm im Dortmunder „Luna“-Varieté

Von Bernd Berke

Dortmund. Wohin nimmt man Besuch von außerhalb mit, wenn man zeigen will, daß Dortmund eine „richtige Großstadt“ ist? Vielleicht ins Westfalenstadion. Doch es ist nicht immer Samstag, und Borussia-Karten sind rar. Na, dann eben in die Westfalenhalle. Oder aber: ins Variété „Luna“! So etwas hat beileibe nicht jede Gemeinde. Und dort gibt’s jetzt auch noch ein knackfrisches Programm.

„Live aus dem Luna“ lautet das Motto. Allabendlich kommen sogar die Typen eines (aktiven) Fernsehsenders, der die Show ausstrahlt und aufgekratzte Stimmung verlangt. Zwei schrille Regie-Helferinnen zeigen dem Publikum auf Täfelchen, was zu tun ist: „Applaus total!“ oder „Ausflippen!“ Wie es bei manchen echten Sendern eben so zugeht.

Das Variété hat gut spotten. Denn die Konkurrenz solcher TV-Mätzchen braucht man nicht zu fürchten. Die Zuschauer haben hier alles ganz nah vor Augen. Und nebenbei liegt das Genre auch im Trend des internationalen Theaters, das sich immer mehr circensische Elemente einverleibt.

Was also gibt es live zu sehen? Zum Beispiel das „Duo Nico“ aus Prag. Der junge Mann nimmt einen Dolch in den Mund und balanciert Trinkgläser auf dieses Messers schmaler Schneide. Wenn er den Dolch Spitze auf Spitze mit einem Schwert setzt und mit den wackligen Waffen gefährlich herumturnt, stockt dem Publikum der Atem. Seine Partnerin zeigt später, wie irrwitzig sie Dutzende von fluoreszierenden Hula-Hoop-Reifen kreisen lassen kann. Schön fürs Auge, hart für die Hüfte.

Triumph über die läppische Schwerkraft

Die beiden „Perris“ aus Rom führen Balanceakte an den Grenzen der Physik vor. So überaus schräg „klebt“ die Artistin droben an der Leiter, daß einem ein Sturz viel wahrscheinlicher vorkommt als das Gelingen. Toller Triumph über die scheinbar läppische Schwerkraft.

Für die komische Note sorgen – neben dem Berliner Conférencier Michael Genähr, der mit trockenem Charme durchs Programm führt – diesmal die „Stepinskis“. Die zwei Damen werden als VHS-Kursteilnehmerinnen aus Sprockhövel vorgestellt, kommen aber in Wahrheit auch von der Spree und sind natürlich alles andere als blutige Anfängerinnen. Bei ihren Stepptanz-Nummern gucken sie so begnadet blöd aus der Wäsche, daß man fast vergißt, wieviel Können in ihrer Darbietung steckt.

Fürs Übersinnliche sorgt der Bühnenzauberer Patrick Droude aus Paris. Sein Auftritt mit morbidem Beigeschmack ist ästhetisch so ausgeklügelt, daß er auch einen Weltstar „magischen“ Theaters wie Robert Wilson begeistern müßte. Eine Metallkugel, die wundersames Eigenleben entwickelt, und eine kerzengerade im Raume schwebende Frau – sie erscheinen nicht wie bloße Tricks, sondern wie Ausblicke ins wahrhaft Unerklärliche.

Übrigens: Zu einem Nonsens-Quiz werden jeweils zwei Leute aus dem Publikum auf die Bühne geholt. Bei der Premiere hat’s auch mich erwischt. Doch davon kein Wort mehr.

Luna-Varieté. Dortmund-Hombruch. Harkortstraße 57 a (Tel. 0231 / 77 31 96). Bis 29. Juni, Mi-Fr 20.00 Uhr, Sa 20 und 23 Uhr, So 15 und 19 Uhr.




So wienerisch hat’s hier noch nie geklungen – Großer Andrang zur Lesung von Ernst Jandl in Dortmund

Von Bernd Berke

So wienerisch hat es hier wohl noch nie geklungen. Der österreichische Dichter Ernst Jandl (71) trug bei seinem allerersten Leseauftritt in Dortmund lauter „Stanzen“ vor – Vierzeiler in alpenländischer Kunst-Mundart. Noch einer der verständlichsten Verse: „wissd bled samma r olle / owa so bled samma ned“.

Man hätte es ahnen können: Jandls famose Laut-Dichtungen haben schon andernorts Menschenmengen mobilisiert. So war s denn auch in Dortmund. Die Schlange im Museum für Kunst und Kulturgeschichte wand sich von der Rotunde im ersten Stock bis hinunter zur Hansastraße. Nach einigem Geschiebe kamen schließlich auch die Leute ‚rein, die nicht wohlweislich Karten reserviert hatten.

Jandl tat ihnen allen jedoch nicht den Gefallen, seine bekannten Zugnummern wie „Ottos Mops“ oder den Verwechslungs-Klassiker mit „lechts und rinks“ vorzutragen. Statt dessen also die Stanzen. Nach Art von Schnaderhüpferln, jenen Spottliedern mit abschließendem Jodler, täuschen diese Gedichte einen herzhaft volkstümlichen Tonfall vor. Aber die Inhalte! Alles , andere als gemütlich.

Körperlicher Verfall und Geschlechtsmerkmale

Jandls Alterswerk kreist vornehmlich um den nahenden Tod und körperlichen Verfall. Beispiel verzweifelter Komik und komischer Verzweiflung: „meine fiass schdeng im fuassboad / mei zahnbiaschdl schdeggd ma r im mäu / und dazwischen schauri zua / wia rosch in fafäu.“ Übersetzung wohl überflüssig.

Bei Teilen des Publikums machte sich vor der Pause schon mal ein wenig Unmut breit, weil Jandl viele drastische Zeilen über körperliche Ausscheidungen und – fast schon, besessen – über sekundäre Geschlechtsmerkmale wie „Dutteln“ verfaßt hat. Doch im Dialekt klang’s nahezu nett. Der Unmut gab sich also. Und die eisten lauschten Jandls Versen geradezu ergeben und ergriffen, um nur ja keine Feinheit zu verpassen. Schließlich hatte man ja auch 12 DM Eintritt berappt.

Doch was soll’s. Jandl ist unbezahlbar und unverwechselbar. Nicht zu vergessen: Jandl wurde vom Ziehharmonika-Spieler Erich Meixner begleitet. Der verlieh den Texten noch eine zusätzliche Dimension. Man konnte so recht „nachschmecken“, daß gar manche Strophe von Jandl wohl beim Heurigen entstanden sein muß.

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(wegen eines Druckerstreiks im Dortmunder Lokalteil der Westfälischen Rundschau)

 




Autoren sollen die Schulbänke drücken – NRW-Literaturrat wagt neuen Vorstoß

Von Bernd Berke

Im Westen. Wenn es um Aus- und Weiterbildung von Schriftstellern geht, spielen derzeit zwei südwestfälische Orte in den Überlegungen des NRW-Literaturrates eine besondere Rolle.

Die „April-Akademie“, kürzlich von der Wiener Schule für Dichtung in Lüdenscheid abgeschlossen (die WR berichtete), gilt als ein Modellfall. Und die Fernuni Hagen könnte (mit ihren landesweit 29 Anlaufstellen) eines Tages Zentrale einer allseits gut erreichbaren Autoren-Hochschule werden.

Der Literaturrat ist Sprachrohr für rund 30 Institutionen – vom Schriftstellerverband (VS) bis zu den Verlagen und Buchhandlungen. Der Vorsitzende Dr. Eugen Gerritz hält nicht viel vom literarischen Geniekult. Bildende Künstler, Schauspieler und Musiker würden von Meistern ihres Faches ausgebildet, Schriftsteller aber werkelten allein vor sich hin, oft auch ohne Hilfe von kompetenten Verlagslektoren. Selbst Goethe, so das Paradebeispiel, sei sich nicht zu schade gewesen, in Leipzig eine Art Autorenschule zu besuchen. Ausnahmeschriftsteller wie Nabokov hätten Kurse abgehalten.

Bessere Bestseller angepeilt

Überhaupt sei das Feld anderswo viel besser bestellt: In den USA habe fast jeder Autor handwerklichen Schliff an einer Hochschule bekommen. Bei uns aber stecke die Literatur in „selbstverschuldeter Isolation“. An Schulen und Unis gehe es fast nur um Deutung, nicht ums Verfassen von Texten. Daraus folgt die trübe Aussicht: „Germanisten produzieren immer wieder Germanisten.“

Bei näherer Betrachtung betrifft Gerritz‘ Plädoyer für eine geregelte Autorenausbildung freilich nicht so sehr die Spitzenprodukte der Zunft, sondern eher die Qualität des breiten Text-Ausstoßes. „Ich möchte, daß wir bessere Bestseller bekommen“, präzisiert Gerritz. Ernstzunehmende Autoren im publikumswirksamen Sektor kämen heute fast nur aus den angelsächsischen Ländern. Außerdem erhofft sich der Literaturrat von ausgebildeten Autoren spezielle Fertigkeiten, zum Beispiel mehr professionelle Drehbücher für Film und Fernsehen, gekonntere Opern-Libretti, Schlager- und Musical-Texte. Jeder hört tagtäglich, daß in diesen Bereichen besonders viel im Argen liegt.

Gerritz will jetzt seine „10 Thesen gegen die Isolation der Literatur unter den Künsten“ in Einzelgesprächen und bei Fachtagungen den Kulturpolitikern schmackhaft machen. Auch Einrichtungen wie die Fernuni Hagen, der Dortmunder Studiengang Journalistik oder die von Rundfunkanstalten in Köln betriebene „Schreibschule e. V.“ sollen in die Debatte einbezogen werden. Gerritz zuversichtlich: „Heute geht es nicht mehr darum, ob man Literatur lehren kann, sondern nur noch: wie!“




Was die Walnuß der Eiche erzählt – Botho Strauß und sein Tagebuch „Die Fehler des Kopisten“

Von Bernd Berke

Botho Strauß ist beileibe nicht der erste Autor des Jahrhunderts, der aus der Stadt flüchtet. um innere Einkehr auf dem Lande zu finden. Aber er ist derzeit der Bekannteste. Ihn zog’s aus dem brodelnden Berlin in die Weiten der ostdeutschen Uckermark, eine Gegend „unter dem ärmsten Himmelsstrich“. Dort hat er sich und seinem Sohn Diu ein Haus bauen lassen, dort schrieb er sein neues Buch „Die Fehler des Kopisten“. Ist es das Dokument einer Flucht aus Zeit und Welt?

Also schreibt Strauß, auf einsamer Warte der Natur ansichtig: „Und die Eiche sagt, was das Rauschen der Walnuß ihr eingab.“ Oder auch: „Die Goldammern rasten in der Eiche. Ihr einfältiger Staccatoruf: Wie wie wie / hab ich dich lieb.“ Solche Sätze klingen fast nach Biedermeier und Gartenlaube; als wäre der Autor, der doch wie kaum ein anderer fähig ist zur trennschärfsten Wahrnehmung und Formulierung, selbst gern unterwegs zu einer grandiosen Einfalt angesichts dessen, was von der Schöpfung übrig ist.

Eines Tages kommt die „digitale Magie“

Andererseits sinnt er mit einigem Tiefgang nach über das verwehende Bild des Menschen zwischen Internet und Biotechnologie. Erst von einem nach-technischen Zeitalter erhofft er sich so etwas wie „digitale Magie“. Zwiespalt, Wirrnis oder höhere Weisheit: Einerseits registriert Strauß die (gescheiterten) Ost-Biographien im Dorfe. Sieht er jedoch einen Hirten, ist jener gleich Bote der Mythenwelt.

Nach „Salto rückwärts“ sieht in diesen Tagebuch-AufZeichnungen manche Passage aus. Nicht mit dem bitterernsten Furor seines vielfach mißverstandenen (weil mißverstehbaren) „Anschwellenden Bockgesangs“ predigt er hier die Rückkehr zu Mythos, Ritual und Kulthandlung, sondern manchmal geradezu entspannt, doch mit leiser Dringlichkeît, immer wieder aphoristisch zugespitzt: „Jedes Tabu ist besser als ein zerstörtes.“

Mit dem Papst einer Meinung

Seinen Fimmel für rare Fremdworte („mnemogene Reize“) hätschelt Strauß weiterhin und beschädigt damit seine Sprache. Daß er gern entlegene Lektüre zur geistigen Abgrenzung heranzieht, läßt solch eine Hinleitung ahnen: „Reck-Melleczewen zitiert das von Ortega angeführte Wort Hermann Weyls …“ Das vernimmt vielleicht mancher ebenso ehrfürchtig wie diese Redewendung: „Mit Aristoteles und dem Papst teile ich die Überzeugung, daß …“ Bescheidener und wahrhaftiger klingt dies: „Es ist kein Kunststück, aus jeder Masse Eliten zu züchten. Wohl aber ist es eins, die Verblödung in der Breitenausdehnung zu begrenzen.“

Einschulung führt ins Verderben

Mit dem Papst teilt Strauß übrigens manche Meinung. Schärfste Verwünschungen schleudert er gegen Marx und Brecht. Er geißelt die „pornographische Rundumbetreuung“ des Bürgers, die unweigerlich zu realen Perversionen wie Kindesmißbrauch führe. Seinen kleinen Sohn, der – von Strauß nahezu vergöttert – als bewegendes Zentrum all dieser Notizen fungiert, mag der Dichter nicht im Geiste kritischen Mißtrauens aufwachsen sehen, sondern in Glauben und Gebet.

Nüchterne demokratische Erziehung ist Strauß ein Greuel. Dius Einschulung kann aus solchem Blickwinkel nur ins allmähliche Verderben naturhaft-guter Anlagen führen. Strauß als später Nachfahre Jean-Jacques Rousseaus. Viel lieber sähe er seinen Jungen (und also die Welt) mit althergebrachten Formen des Kampfes, der Trauer und des Glücks vertraut. Formlosigkeit, aus der jegliche Gewalt hervorgehe, sei das Grundübel dieser Epoche. Und unser aller Leben? „So viel Vorgeschmack auf die Hölle. So wenig Nachgeschmack vom Paradies.“

Das Elend der Zeitgenossenschaft

Gegen gängiges Psycho-Gewäsch zieht Strauß zu Felde, gegen mediale Verseuchung und Zeitgenossenschaft überhaupt. Und er, der „Ungesellige“, der die Menge („die schnell bewegten Fleischklumpen“) abgründig verachtet, aber schönste Worte für Freude und Leiden im Angesicht einzelner Menschen findet, seufzt über den üblichen Umgang: „Irgendwann wird man der alltäglichen Durchtriebenheit müde.“

Wolkenzug, Tiere und Pflanzen der Uckermark bergen Trost, wecken aber auch brennende Sehnsucht. Vom „Einstweh“ nach Kindheit und Vergangenheit ergriffen, wird der Autor ganz schwebenden Sinnes oder wunderbar hellsichtig. Wie mitfühlend er das Dahinschwinden alter Menschen beschreibt! Als Beobachter und Diagnostiker, der sich bewußt weit außerhalb der Zeitströmung ansiedelt, bleibt Strauß unentbehrlich. Doch seinen Therapie-Angeboten mag man nicht immer trauen.

Botho Strauß: „Die Fehler des Kopisten“. Hanser. 208 S., 34 DM.




Fünf Minuten nach dem Abendmahl ist alles ganz anders – Cappenberg zeigt Kunst aus dem Atelier von Tiepolo

Von Bernd Berke

Selm-Cappenberg. Man muß nur den richtigen Zeitpunkt erwischen. Beispielsweise das biblische Abendmahl einmal nicht in vollem Gange zeigen, wenn Jesus und seine Jünger noch bei Tische versammelt sind, sondern – die Situation fünf Minuten danach. Da ist Bewegung in die sonst so gravitätische Szenerie geraten. Man sieht gerade noch, wie einer aus dem Räume eilt, die Tafel wird derweil bereits abgeräumt und gesäubert.

Domenico Tiepolo hatte diese skurrile Idee anno 1743, als derlei Bilder Leuten von strenger Denkungsart noch als lästerlich gelten konnten. Jener Domenico war einer der begabten Söhne des ungleich berühmteren Spätbarock-Meisters Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770). Dem Venezianer und seinem straff organisierten Atelier, in dem Söhne und sonstige Schüler je nach Auftragslage eingesetzt wurden, ist nun eine bemerkenswerte Ausstellung im Schloß Cappenberg gewidmet.

Kreativer Wirrwarr der Studienblätter

Gezeigt werden 108 Zeichnungen und Druckgraphiken aus dem Berliner Bestand der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die abermals Cappenberg als ihr bevorzugtes „Schaufenster“ in NRW nutzt. Betreut hat die Schau Dr. Hein-Thomas Schulze Altcappenberg, der damit – der Nachname läßt es ahnen – an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt.

Tiepolo, von dem es z. B. in Würzburg und Udine grandiose Deckenfresken gibt, tritt mit den bescheideneren Bildformaten natürlich nicht als Gigant in Erscheinung. Gleichwohl erkennt man den Genius auch in der kleinen Form, so etwa im kreativen Wirrwarr der Studienblätter. Ein Novum in der Kunstgeschichte war seinerzeit, daß der experimentierfreudige Tiepolo seriell arbeitete und bestimmten Motiven Dutzende von Varianten und Ausdruckswerten abgewann. So zeichnete er von der Heiligen Familie nicht weniger als 75 Fassungen. Mal wird das Wunder der Geburt Christi betont, dann wieder die Durchschnittsfamilie hervorgehoben oder gar ein parodistischer Strich riskiert.

Auch eine Kreuzabnahme zeigt Tiepolo dermaßen gewagt von unten her, daß Jesus hilflos verrenkt aussieht. Es war bereits die Ära der Aufklärung, der dogmatische Glaube begann zu schwinden. Tiepolos Welt ist denn auch nicht mehr felsenfest, sondern – in Scherzi und Capriccios – aus den Fugen geraten. Die vom Philosophen Jürgen Habermas für unsere Zeit diagnostizierte „neue Unübersichtlichkeit“ – es gab sie wohl schon damals. Jedenfalls haben Tiepolos gelegentlich radikale Darstellungen auch Goya beeinflußt.

Schräge Typen im gierigen Venedig

Besonders interessant sind Skizzen und Studien für Tiepolos große Deckengemälde. Der Künstler erprobt hier, fast einem Werbestrategen vergleichbar, ebenso phantasievoll wie rationell die optischen Wirkungsmöglichkeiten, die er später nur noch „abrufen“ muß. Tiepolo zeigt Figuren aus Bibel und Mythologie in extremer, manchmal nahezu abstrakter Untersicht, ganz so, als erblicke man sie mit zurückgelegtem Kopf an der Decke. Früher hat man Tiepolo einmal vorgeworfen, er übertreibe auf diese Weise Nasenlöcher und Fußsohlen seiner Gestalten. Heute schätzt man die kunstvolle Verzerrung. Mit famosem Kalkül plant Tiepolo bei seinen Deckenstudien zudem unfehlbare „Blickfänger“ ein, zum Beispiel geweitete Augen, die direkt auf den Betrachter gerichtet sind.

Ob bei Skizzen oder ausgeführten Arbeiten: Tiepolo erzielt stets eine lichte Plastizität, die verblüfft. Seine Söhne Domenico und Lorenzo sind, wie sich in Cappenberg feststellen läßt, mehr als nur bemühte Schüler. Zumal Lorenzos Karikaturen von schrägen Typen, die damals das polizeistaatlich stickige, aber unterschwellig lust- und lebensgierige Venedig bevölkerten, sind fürwahr kleine Geniestreiche.

„Kalkül und Phantasie“ – Giovanni Battista Tiepolo und sein Atelier. Schloß Cappenberg (Selm-Cappenberg). Bis 22. Juni. Di-So 10 bis 17.30 Uhr. Eintritt frei, Katalog 25 DM.




Auf der Klippe zum Tod – Die Irland-Bilderzyklen von K. H. Hödicke in der Kunsthalle Wuppertal-Barmen

Von Bernd Berke

Wuppertal. Grenz-Erfahrungen haben den Maler K. H. Hödicke von jeher inspiriert. Als Berlin noch in zwei Hälften zerfallen war, hatte der renommierte Anreger der „Neuen Wilden“ ein Atelier in einer Stadtwüstenei direkt an der Mauer, so daß er in den Ostteil blicken konnte. Seit 1981 verbringt er jeden Sommer im geteilten Irland. Dort sind jene Bilderzyklen entstanden, die jetzt das Wuppertaler Von der Heydt-Museum präsentiert.

Was gibt es in der einsamen zerklüfteten Gegend von Connemara im Nordwesten der Insel zu sehen? Nun, der Motivkanon ist auf eine Weise begrenzt, die das innere Erleben bereichert. Gerade in der faszinierenden Kargheit kann sich der Künstler, nicht abgelenkt durch grelle Vielfalt, um so intensiver mit den Nuancen des Sichtbaren und mit dem eigentlichen Malvorgang befassen.

Die Vielfalt der Schafe

Salopp gesagt: Wer beispielsweise immer wieder Schafe zeigt, kann Schafe immer wieder anders zeigen. Die Tiere treten tatsächlich auf etwa der Hälfte der rund 80 ausgestellten Bilder in Erscheinung. Es scheint so, als habe Hödicke die Schwankungen seiner seelischen Befindlichkeit in den wolligen Wesen dargestellt. Mal trotten die Schafe ruhig als Gruppe daher, mal stehen sie einzeln da wie Monumente, oder ihre Gestalt blitzt nur auf wie eine Karikatur des Kreatürlichen. Andere werden zu Markte gebracht und verkauft, wieder andere als blutige Opfertiere dargebracht. Auf einigen Arbeiten rücken die hohlen Schädel toter Lämmer ganz in den Vordergrund und fügen sich zu düsteren Ornamenten an der Grenze zur Abstraktion.

Häufig wiederkehrende Motive in dieser raun (und übrigens völlig frauenlosen) Welt sind auch die Vegetation – und Kneipenszenen, freilich nicht aus touristischem Blickwinkel gesehen, sondern stets existentiell verdichtet. Die Bilder aus den Pubs wirken seltsam dumpf und bedrückend. Hödicke zeigt triste Ansichten des Trunks: Von Wind und Wetter, Lebenssorgen und Alkohol gegerbte Gesichter, einsam aufragende Gläser, eine Anzahl von Beinen auf Barhockern, unter denen ein Hund vor sich hin stiert.

Feuerrote Fuchsien

Ein in seiner ganzen Gestik unterschwellig aggressives Musikanten-Bild aus diesem Zyklus greift – lautmalerisch verballhornt – einen irischen Werbeslogan gegen Alkohol auf, der auch zum Ausstellungstitel wurde: „Havapaintamilkaday“, entzerrt und übersetzt etwa: Trinke täglich einen Pint (ca. einen halben Liter) Milch. Vertrackte Anspielung: „Pint“ wird von den Iren etwa wie wie „Paint“ ausgesprochen – und das wiederum heißt malen. Das tägliche Bild – ein Lebens-Mittel des Künstlers.

In der westirischen Pflanzenwelt haben es Hödicke besonders die feuerroten Fuchsien angetan. Mit ihnen und mit roten Lampions feiert er wahre Orgien glühender Farbigkeit. Eingefaßt in bedrohliches Schwarz, werden die Blüten zu Fanalen eines Lebens auf der Klippe zum Tode. Einer leuchtenden Fuchsienhecke gibt er den Untertitel „Wo sind die Heckenschützen?“ Ganz so, als sei die Naturschönheit durch den (nord)irischen Konflikt vergiftet.

Des weiteren sehen wir Grenzzäune und Pfosten, Stacheldraht, einen bildfüllenden tiefbraunen Torf-Abstich oder zwei Männer, die ein Boot tragen. Einfache Dinge, einfaches Tun. Fast wie in archaischen Zeiten.

K. H. Hödicke – „Havapaintamilkaday“ – Irland-Bilder 1981-1996. Kunsthalle Wuppertal- Barmen, Geschwister-Scholl-Platz. 20. April bis 1. Juni. Di-So 10-17 Uhr. Katalog 39 DM.




Neugierige Leute in fremden Badezimmern – Max Goldts erzkomische Kolumnen unter dem Buchtitel „Ä“

Von Bernd Berke

Mit eminent komischen Kolumnen im Satireblatt „Titanic“ ergötzt Max Goldt allmonatlich jene Leute, die er gern liebevoll als „Lesefröschchen“ anredet. Das Buch mit dem ergreifenden Titel „Ä“ versammelt Goldts neuere Beiträge.

Mit dem inflationär verwendeten Begriff „Kult“ sollte man vorsichtig sein. Aber Max Goldt wird es sich gefallen lassen müssen, daß man seiner Schreibe dieses Etikett aufpappt. Für solche blitzenden Nebenbei-Beobachtungen, die Goldt hundertfach zufallen, muß man eben wahre Muße und wachen Geist besitzen: daß im deutschen Fernsehen für alles geworben wird, aber nimmer für Salz; daß kein Mensch mal die Courage hat, die übliche Dekorations-Ananas am Frühstücksbüffet im Hotel aufzufuttern; daß ökologisch behauchte Schickis gern zum Edel-Bio-Türken gehen und sich dort mit „Grüß dich, Mehmet“ anbiedern.

Halsbrecherische Überleitungen

Wer, außer eben Max Goldt, wagt es schon, aus den Untiefen des täglichen Leben geschürfte Wahrheiten so gelassen auszusprechen: „Fast jeder, der in einer fremden Wohnung aufs Klo geht, macht das Badezimmerschränkchen auf und guckt, was drin ist.“ Und dann, diskret ins Naßraum-Detail gehend: „Resttröpfchengetränkte Klofußumpuschelungen sind nicht sehr hübsch.“

Goldt, der mit zuweilen halsbrecherischen Überleitungen durchs Gelände seiner Einfälle kurvt, hat ein feines Gespür für verschrobene Alltags-Komik. Von gängigen Meinungen läßt er sich dabei nie beirren. Und er schreibt gleichsam das intime Kollektiv-Tagebuch- seiner Generation mit: Wer, der heute so etwa zwischen 30 und 50 ist, hätte als Schüler denn etwa nicht die wöchentlichen Hitparaden („bis Rang 50″) in seine Schulhefte gepinnt? Aber kaum einer gibt‘s zu. Und bei folgenden Sätzen zu den tiefen Gräben von damals, ja, da weht einen doch das ganze Pennäler-Elend wieder an: „Ich war katholisch-Pelikan-Nesquick. Bei Kindern, die evangelisch-Geha-Kaba waren, roch es anders…“

Das Verhalten von lästigen Fetengästen weiß Goldt so trefflich zu skizzieren wie die gelangweilte Art des Personals in „Szene“-Kneipen. Die „Beschriftung der Bevölkerung“ (Texte auf Jacken und T-Shirts) entgeht ihm ebenso wenig wie der Witz am Warensortiment von Aldi. Wer je im ländlichen Schwaben war, wird vielleicht diese üble Übertreibung genießen: „Aus jedem Fenster blickt eine gute Hutzelantin mit kartoffelverdreckten Händen, die Arme auf ein Sofakissen gelagert. Im Hintergrund…ein Kanarienvogel oder sonst ein Zwitschikus…“

Wie man Deutsche in Paris erkennt

Gerade in Klischees stecken, wenn man sie so umstülpt wie Max Goldt, leuchtende Erkenntnisse. Was schwatzen die Leute denn schon im Internet? Mutmaßlich so etwas: „Was ist deine Levis-Größe? – 32/32 – Toll, ich habe auch 32/32, da können wir uns doch treffen, wenn du mal in Lüdenscheid bist.“

Und woran erkennt man deutsche Touristlnnen in Paris? Meistens „daran, daß sie sich um die Straßenmusikanten am Centre Pompidou scharen, mit dem Kopf wackeln und mit um den Po gebundenenPullovern ekstatisch tanzen… Die Deutschen müssen immer zeigen, wie unverkrampft sie sind, und ihre Ich-bin-die-Desirée-aus-Tübingen-und-habe-soviel-Körpergefühl-wie-der-gesamte-Senegal-Show abziehen.“ Ertappt!

Max Goldt: „Ä“. Kolumnen. 204 Seiten, 32 DM.




Wo man trinkt, da läßt sich’s dichten: „Wasser genügt nicht“ – Gasthausgedichte von Johannes Kühn

Von Bernd Berke

Seltsam, daß ein Ort, an dem so viel Freizeit hingebracht wird, nicht mehr poetische Texte hervorruft. Die Kneipe ist hierzulande nahezu dichtungsfreies Gelände.

Wo ist sie geblieben, die Tradition sinnenfroher Trinklieder? Ein Ire würde über derlei verbale Abstinenz nur den Kopf schütteln. Doch jetzt scheint endlich Abhilfe zu nahen: „Wasser genügt nicht“ nennt Johannes Kühn seinen Band mit Gasthausgedichten.

Kühn ist Stammgast in einem saarländischen Dorfausschank. Vom Ecktisch aus, den Stoß Papier vor sich, beobachtet der Lyriker das tägliche Treiben in diesem sozialen Biotop. Sein Gedichtband beginnt mit litaneihaften Einladungen des Wirtes, doch bitteschön an Tisch oder Tresen Platz zu nehmen. Ein therapeutisches Angebot mit pekuniären Triebkräften, denn verdienen will er auch, der gute Mann. Den Durst der Kundschaft würde er am liebsten herbeihexen:

„Seid ihr zu kurz gekommen / im Leben? Tretet ein bei mir! / Ich habe Gläser aus Kristall / mit langen Stielen. / Und was hineinkommt, das stammt / aus Weinbergen, / in die im Sommer / die rasenden Sonnentage springen, / die Trauben unter Blättern zu beglühn. / Sie blasen Flammen über jede Dolde.“

Zeilen von bezwingender Rhythmik und satter Sprachkraft, weit über den unmittelbaren Anlaß hinaus. Und es sind ja auch keine bloßen Kneipenlieder, sondern es ist der Blick auf die Welt aus besonderer Perspektive, gleichsam die optisch Brechung des großen Ganzen in jenem Glase, das vor dem Dichter steht. Denkt man an Oden von Friedrich Hölderlin, liegt man nicht so falsch. Den nämlich verehrt Kühn als Lehrmeister. Und in seinen allerbesten Momenten kommt er ihm nah.

Im Verlauf des Bandes wird das zuweilen komische, zumeist jedoch tragische Typen-Panoptikum vorgeführt, das sich im Wirtshaus einfindet. Wir hören von elend lauten Schwätzern, Sturzbetrunkenen, einsam vor sich hin sabbernden Gestalten. Manches gerinnt zur Genre-Szene wie auf alten Gemälden.

Ohne ein Wort Dialekt zu schreiben, vermittelt Kühn den anheimelnden, im Grunde aber stets etwas stumpfen und herb-säuerlichen Geschmack einer Region, die offenbar von wachsender Armut geprägt ist. Die Rest-Idylle dieses abgelegenen Winkels, in dem gelegentlich noch Schafhirten den Weg kreuzen, ist allzeit bedroht. Es ist, als seien manche Menschen, die hier auftauchen, die letzten ihrer Art, und als wolle der Dichter auch sie bewahren, indem er gegen das rasche Dahinschwinden von Natur, Geborgenheit und Heimat anschreibt. Angesichts gefällter Dorfbäume heißt es resignierend:

„Was brauchen wir? / Nur die Maschine, / die Sägemehl / zurückstanzt / zu einem Prachtbaum… Keinen Grashalm kann der Mensch bis heut erschaffen.“

Auch im Gasthaus entgeht man, allen Beschwörungen des Wirtes zum Trotz, nicht immer den Gedanken an die Ungastlichkeit der Welt. Und doch spendet die Kneipe als ein Ort der Zuflucht Hoffnung

„Zufrieden wird man nicht mit Morden, / doch mit Bier.“ Wie wahr, wie wahr.

Johannes Kühn: „Wasser genügt nicht“. Gasthausgedichte. Hanser Verlag. 132 S., 26 DM.

 




Marilyn Monroe und die Liaison mit dem Unglück – Neuer Deutungsversuch über ihre Ehe mit Arthur Miller

Von Bernd Berke

Es gibt diese exorbitanten Beziehungen, in denen Gefühlslagen ihrer Zeit in Liebesdingen zum Ausdruck kommen und dann von vielen, vielen Menschen nachgeträumt werden. Auch dann, wenn es eigentlich Alpträume sind. Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn, Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, John Lennon und Yoko Ono hatten solch beispielhafte Verhältnisse – oder auch Marilyn Monroe und Arthur Miller.

Aus exemplarischen Verbindungen zwischen berühmten Männern und Frauen bestreitet Rowohlt Berlin eine ganze Buchreihe. Jetzt ist Christa Maerkers Band zur Liaison Monroe/Miller erschienen.

Schon die Zeitgenossen, allen voran die Presse, sehen in der Verbindung zwischen dem Hollywood-Star und dem Dramatiker („Tod eines Handlungsreisenden“, „Hexenjagd“) eine geradezu mythische Qualität und bringen es auf die gemeine Formel: „Kopf heiratet Körper“. Die Autorin Christa Maerker sucht dies (wie so manche Biographen vor ihr) zu entkräften, wo sie nur kann. Sie schildert Marilyn Monroe als hypersensible junge Frau, die als Kind zwischen wechselnden Pflegeeltern und Heimen hin und her geschubst wurde.

Rilke-Lektüre in den Drehpausen

Ihr Vater hatte sich aus dem Staub gemacht, die Mutter war dauerhaft psychisch krank. Sarkastisch gesagt: Allerbeste Voraussetzungen für eine negative Muster-Biographie, für fortwährendes Unglück, das sich in der Ehe mit dem etwas unterbelichteten Ex-Baseballstar Joe DiMaggio Bahn bricht.

Die darstellerisch überaus begabte Marilyn (bürgerlich: Norma Jeane Mortenson), die sich völlig verwandelt, sobald sie nur in ein Kameraauge blickt, liest in den Drehpausen z. B. Rilke-Gedichte und straft damit das Klischee vom blonden Dummchen offenbar Lügen. Oder ist es nur ein Fall von verzweifelter Ambition, gar von Persönlichkeits-Spaltung? Im Gefolge der Psychologin Alice Miller entdeckt Christa Maerker in Marilyns Lebenslauf jedenfalls das „Drama des begabten Kindes“.

In Hollywood zählt vor allem Marilyns leiblich-weibliche Erscheinung. Dabei will sie eben kein Kurvenstar sein, sondern unbedingt ernsthafte Rollen spielen. Welch eine Schmach, daß ausgerechnet der sonst so stockseriöse Laurence Olivier sie beim ersten Augenschein ein „süßes kleines Ding“ nennt und sich sofort verknallt. Auch er also…

Der ideale Ersatzvater?

Sie sehnt sich danach, das Star-Gehabe abzulegen und – es sind die 50er Jahre – endlich für einen Mann kochen, putzen und waschen zu dürfen. All den Rollen-Zwiespalt bekämpft sie mit Alkohol, Tabletten, flüchtigen Liebschaften.

Geradezu magnetisch bewegen sich alsdann die Lebenslinien von Marilyn und Arthur Miller aufeinander zu. Miller schien, so befindet Christa Maerker, der ideale Ersatzvater für Marilyn zu sein, sie habe ihn „Daddy“ genannt. Freilich wird das frische Eheglück schon 1956 getrübt, weil (so die Deutung) beide „zu hoch geträumt“, weil sie zuviel Erlösung voneinander erwartet hätten. Bis 1962 quälen sich die zwei dahin, Marilyn tröstete sich mehr schlecht als recht mit Yves Montand, mit John F. Kennedy und anderen.

Vor lauter Liebe das Atmen vergessen

Christa Maerker kann gar nicht umhin, sich aus vorhandenem Material zu bedienen, zumal aus Millers Autobiographie „Zeitkurven“ und Donald Spotos Marilyn-Biographie. Man kann es ihr kaum verübeln, daß sie parteilich aus Frauenperspektive schreibt (im Zweifel immer für Marilyn) und Arthur Miller jede klitzekleine Verfehlung vorrechnet.

Gelegentlich stochert Frau Maerker etwas ratlos in den Quellen herum und kramt diverse psychologische Erklärungsmuster hervor, dann wieder gibt sie sich allwissend, als sei sie stets dabei gewesen. Über Marilyns erste Begegnung mit Miller schreibt sie: „Als Marilyn seine Hand berührt, vergißt sie zu atmen… Marilyn Monroe hält die Luft an, schüchtern, ängstlich, hoffnungsvoll und beseelt, und Arthur Miller stößt sie in einem Erleichterungsseufzer aus.“

Trotz Solcher Schwächen versteht es Christa Maerker, das Interesse an ihrer Darstellung wachzuhalten. Kein Wunder. Von vielfältig schillernden Phänomenen wie Marilyn Monroe wird man noch sehr lange reden und raunen.

Christa Maerker: Marilyn Monroe / Arthur Miller (Reihe „Paare“). Illustriert mit Schwarzweiß-Fotos. Rowohlt Berlin. 186 Seiten, 34 DM.




Nicht als Sau geboren, sondern zur Sau gemacht – Marie Darrieussecq und ihr erstaunliches Roman-Debüt „Schweinerei“

Von Bernd Berke

Wie schreibt man Bestseller? Schwer zu sagen. Aber ein Grundrezept scheint es zu geben: Man habe eine markante Idee, die sich auf dem Markt der Möglichkeiten behauptet. Sodann verbeiße man sich in den Einfall und treibe ihn auf die Spitze.

In Patrick Süskinds „Das Parfüm“ taugte das feine Geruchsempfinden der Hauptperson als besonderes Markenzeichen, in Sten Nadolnys „Die Entdeckung der Langsamkeit“ die besondere Zeit-Erfahrung des Heiden – und bei Marie Darrieussecq ist es nun eine junge Frau, die sich in ein Schwein verwandelt. Figuren, die man sich ein für allemal merkt.

Die namenlose Ich-Erzählerin des Romans „Schweinerei“ ist anfangs so attraktiv, daß es die meisten Männer mit ihr treiben wollen. Überall stellen ihr schmierige Typen nach: in der Metro, vor der Kabine im Schwimmbad und am Arbeitsplatz. Aus Not hat sie jenen Job bei einer Kosmetikfirma angenommen. Für einen Hungerlohn (gezahlt in Euros, denn man schreibt das Jahr 1999) ist sie dort im Hinterzimmer der vorwiegend perversen männlichen Kundschaft zu Willen.

Sie ist also sozusagen von lauter maskulinen Ferkeln umstellt, die sie zur Sau machen und mutiert allmählich wirklich zum Schwein, so als wüchse sich ihre verzweifelte Opferrolle zur Groteske aus. Es ist wie ein stummer, drastischer Protest: Zuerst wird ihre Haut seltsam rosig, dann wird sie immer fetter, bekommt Borsten und grunzt.

Mörderische Diktatur der Tierhasser

Immer gebieterischer meldet sich sodann die Lust auf Trüffel und rohe Kartoffeln, es wachsen Zitzen statt der Brüste – und schließlich wird ihr sauwohl zumute, wenn sie sich im Schlamm suhlt. Menschliche und tierische Empfindungen mischen sich qualvoll. Doch solche Zwischenzustände scheinen – in unmenschlichen Zeiten – am Ende auch eine Perspektive des Überdauerns zu eröffnen.

Die Metamorphose schützt allerdings nicht völlig vor der gierigen Männerwelt: Auch mit dieser „Miss Piggy“ wollen manche Herren ihr schmutziges Vergnügen haben. Und dann bricht auch noch eine fürchterliche Diktatur der Tier- und Naturhasser aus, deren Schergen die Silvesternacht aufs Jahr 2000 mit blutigen Sex- und Ekel-Orgien begehen. Ein bißchen Orwell, ein bißchen Marquis de Sade. Apokalypse allenthalben.

Marie Darrieussecq (geboren 1969), deren Romanerstling 1996 in Frankreich der Millionenerfolg war, schlägt sofort jenes stets etwas gehetzt wirkende Erzähltempo an, das sie bis zum Schluß durchhält. Sie wechselt nie den Gang, fährt geradeaus und in Kurven immer gleich schnell.

Ein machtvoller Mitteilungsdrang wird hier spürbar, ein sprachlicher Sog, der vielleicht kommende literarische Großtaten ankündigt. Doch diesmal braucht die Autorin noch viel zu viele Worte, um nur ja all die Einzelheiten des körperlichen Wandels ihrer Anti-Heldin zu beglaubigen. Überdies hat sie Mühe, solche Äußerlichkeiten mit inneren Vorgängen zu verknüpfen.

Die Hauptfigur ist naiv und damit immun gegen so manche Zumutung. Noch die viehischsten Taten nimmt sie achselzuckend zur Kenntnis. Als sie sieht, wie eine andere Frau nach einer massenhaften Vergewaltigung hingerichtet wird, heißt es über den Mörder lapidar: „Da war ich doch enttäuscht von ihm.“ Hinter solchen Bemerkungen verbirgt sich bodenlose Bitterkeit über eine Welt, die immerzu aus Tätern und Opfern besteht.

Marie Darrieussecq: „Schweinerei“. Roman. Übersetzt von Frank Heibert. Carl Hanser Verlag, 151 Seiten. 34 DM.




Zum Geist des Theaters gehört auch der Streit – Bochumer Ausstellung über Bühnenbilder von Gunilla Palmstierna-Weiss

Von Bernd Berke

Bochum. Schon mit 14 Jahren hat sie literarische Texte von Felix Timmermans aus dem Flämischen ins Schwedische übersetzt und als Buch publiziert. Zur gleichen Zeit betätigte sie sich als beachtliche Bildhauerin. Von der doppelten Liebe zur Literatur und zum Bildnerischen, die sich alsbald im Theater bündelte, ist diese Frau bis heute beseelt. Gunilla Palmstierna-Weiss, Witwe des berühmten Autors Peter Weiss, müßte es gar nicht betonen: „Ich bin keine Berufs-Witwe. Ich bin berufstätig.“

Jetzt stellt die Schwedin im Museum Bochum ihre bühnenbildnerischen Arbeiten aus. Zu sehen sind vor allem exakte Modelle – im Puppenstubenformat, freilich auf staunenswertem Kunstniveau. Frau Palmstierna-Weiss (Jahrgang 1928) ist selbstbewußt genug, um sich als Ko-Regisseurin solcher Größen wie Ingmar Bergman oder Peter Brook zu begreifen. Auch mit Fritz Kortner, Hans Lietzau und vielen anderen hat sie zusammengearbeitet.

Bestechende formale Klarheit

Wenn sie vom Werden gewisser Inszenierungen erzählt, begreift man, daß Theater nicht zuletzt aus Streit-Prozessen hervorgeht. Ohne Krach hinter den Kulissen ist wahre Produktivität kaum zu haben. Zumal mit Ingmar Bergman hat sich Frau Palmstierna-Weiss besonders gern auseinandergesetzt. Oft mußte nicht sie nachgeben, sondern er.

Die Bühnenbilder, Theaterplakate und Kostüm-Figurinen füllen in Bochum eine weitläufige Etage. Die Arbeiten bestechen sogleich durch entschiedene formale Reduktion und Klarheit. Nichts wuchert hier ohne Sinn, alle Elemente verweisen auf den Geist des Stückes. Gerade deshalb haften solche Schöpfungen mehr im Gedächtnis als jeder aufdringliche Firlefanz, weil sie dem ästhetischen Ganzen dienen und zuinnerst mit dem jeweiligen Stück verknüpft sind. Das ist heutzutage schon eine bemerkenswerte Qualität.

Bertolt Brechts Kreidekreis auf dem Fußballfeld

Auf bestimmte Stücke ist Gunilla Palmstierna immer wieder zurückgekommen: Fünfmal hat sie Strindbergs „Fräulein Julie“ bildnerisch gedeutet, gleichfalls fünfmal auch seinen „Totentanz“. Natürlich hat sie auch die Werke ihres Mannes („Trotzki im Exil“, „Die Ermittlung“, „Gesang vom Lusitanischen Popanz“ usw.) des öfteren ausgestattet.

Ihre Einfälle sind nicht weit hergeholt, sondern zwingend: Mozarts „Figaro“ rückt Frau Palmstierna-Weiss mit strenger Bauhaus-Ästhetik zuleibe, Lorcas „Bluthochzeit“ begeht sie mit Anspielungen auf Francisco Goya, für Shakespeares „Was ihr wollt“ stellt sie ein elisabethanisches Theater auf die Szenerie, Brechts „Kaukasischer Kreidekreis“ wird zum Anstoßkreis eines Fußballfeldes – und für Peter Weiss‘ „Der neue Prozeß“ collagiert sie Tafeln aus Reportagefotos mit Ausschnitten aus Gemälden von Hieronymus Bosch – Sinnbilder der Hölle auf Erden.

Farbiger Abglanz des einstigen Bühnenlebens

Die Bochumer Ausstellung wirkt so durchdacht und stimmig, daß sie (unerfüllbare) Lust auf die zugehörigen Inszenierungen weckt. Wie schade, daß es die höchstens noch als Filmaufzeichnungen gibt, daß Theater so flüchtig ist: „ Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze…“

Immerhin haben wir in Bochum einen farbigen Abglanz des einstigen Bühnenlebens. Und wir erfahren sehr sinnlich, welch enorme Bedeutung Farbskala und Lichtführung für die Stimmungswerte einer Regiearbeit haben. Gunilla Palmstierna stuft alle Bühnen- und Kostümelemente genau aufeinander ab. Farbtabellen, die an komplizierte Stundenpläne erinnern, zeugen von dieser Feinarbeit. Und wie grundlegend sich ein Bühnenbild durch wechselnde Beleuchtung verändert, das kann man als Besucher mit dem Dimmer-Schalter an einem Modell selbst ausprobieren. Es werde Licht…

Gunilla Palmstierna-Weiss. Bis 6. April im Museum Bochum, Kortumstraße 147. Di/Do/Fr/Sa 11-17, Mi 11-20 Uhr, So 11-18 Uhr, Mo geschlossen. Katalog 18 DM.




Kultur muß bohrende Fragen stellen – August Everding in Dortmund: Musicals sind nur „Amüsemang“

Von Bernd Berke

Dortmund. Die dichte Bühnen-Landschaft des Reviers findet er einfach großartig. Daß man hier gelegentlich zwei Varianten derselben Oper in zwei benachbarten Städten sehen könne, sei doch eine Gnade. Dies sagt einer, der es wohl wissen muß: August Everding, Generalintendant der Bayerischen Staatstheater, Präsident des Deutschen Bühnenvereins und Inhaber vieler anderer ehrenvoller Kulturämter. Gestern weilte der gebürtige Bottroper – „erstmals seit 30 Jahren“ – in Dortmund.

Bei einer Pressekonferenz im Dortmunder Harenberg City-Center, wo er am Abend aus seinem Buch „Zur Sache, wenn’s beliebt“ las. machte sich der ungebrochen vitale und redegewandte Everding (nächtliche Schlafzeit: vier Stunden) abermals für öffentlich geförderte Kultur stark. Er verstehe gut das Unterhaltungsbedürfnis und den Run aufs Musical, er selbst inszeniere hin und wieder ein solches. Aber wirkliche „Kultur“ sei das alles nicht – und auch kein echtes Amüsement, sondern, wie der Berliner schnoddrig sage, bestenfalls „Amüsemang“. Nach einem Musicalabend „sind alle Fragen gelöst und alles ist befriedet“. Kultur müsse hingegen bohrende Fragen stellen, müsse eine Art Unfrieden stiften. Dies werde eine Produktion, die ohne öffentliches Geld wirtschaften müsse, niemals riskieren.

Mit einem halben Liter Wasser durch die ganze Wüste

Subventionen tun also not. Everding kennt die Zahlen, kennt die Verhältnisse genau: „Private Sponsoren geben jährlich 550 Mio. DM für Kultur. Bund, Länder und Gemeinden wenden pro Jahr 15 Millarden DM dafür auf – ungleich mehr also, aber nur „gerade mal ein Prozent des Bruttosozialprodukts.“ Sollte dieser Betrag gekappt werden, dürfe sich Deutschland nicht mehr Kulturnation nennen.

Irreführend sei schon die landesübliche Wortwahl. Everding: „Es ist ganz falsch, wenn man sagt, die Theater sollten „sparen“. Sparen könne im Grunde nur, wer zuviel Geld habe. Beim Theater komme man sich aber inzwischen so vor, als müsse man „mit einem halben Liter Wasser durch die ganze Wüste gehen.“ Und wie soll es dann richtig heißen? Everding: „Wir können nicht sparen, sondern uns höchstens noch mehr einschränken.“

Berliner Größenwahn? – „Ich bleibe in München!“

Einschränken? Ja, beispielsweise durch Theaterfusionen, wie es sie landauf landab immer häufiger gibt. Everding sieht darin freilich kein Allheilmittel. Eine Kooperation wie bei der Rheinoper Düsseldorf / Duisburg habe sich bewährt, beim neu gebildeten „Schillertheater“ (Wuppertal und Gelsenkirchen) müsse man die Entwicklung abwarten. Grundsätzlich gelte: „Jedes Stadttheater ist erhaltenswert, der Vielfalt wegen.“

Everding nahm in Dortmund auch zu neuesten Gerüchten Stellung, die Wiens Burgtheater-Intendant Claus Peymann – wie berichtet – in einem „Spiegel^-Gespräch aufgebracht hatte. Everding, so hatte Peymann lanciert, sei weit und breit der einzige Mann, der ein gigantisches Berliner „National-Theater“ der Zukunft leiten könne und der (im Verein mit Berlins Kultursenator Radunski) auch gezielt darauf hin arbeite.

August Everding stellte gestern klar: „Ich bleibe in München!“ Eine Zusammenfassung der Berliner Bühnen unter dem Dach eines National-Theaters wäre nach seiner Meinung sowieso Größenwahn. Everding allergisch: „Wenn ich schon das Wort ,national‘ höre…“




Wo man fürs Theater den roten Teppich ausrollt – „Helios“-Truppe zieht von Köln nach Hamm

Von Bernd Berke

Hamm. Ein kultureller Vorgang von Seltenheitswert: Da siedelt eine Bühne aus der Metropole Köln an den östlichen Rand des Reviers um und wird im bisher theaterlosen Hamm bald über eine eigene Spielstätte verfügen.

Die Rede ist vom „Helios“-Theater, benannt nach dem altgriechischen Sonnengott. In Köln hielt es die 14köpfige Truppe nicht mehr, weil sie inmitten der kulturellen Fülle am Rhein nicht mehr sonderlich auffiel und weil, so findet „Helios“-Chefin Barbara Kölling, die dortige Kommunalpolitik den freien Theatern kein gutes Pflaster bereite.

Ganz anders in der Provinz. In Hamm, wo bislang nur Tourneebühnen Station machten, rollt man den „Helios‘-Leuten, allesamt ausgebildete Profis, den roten Teppich aus und behandelt sie fast wie ein Stadttheater. Durch Umschichtungen im Etat gelang das Kunststück: 100.000 DM pro Jahr, etwa ein Viertel des Gesamtbedarfs, erhält die Gruppe von der Kommune, die zudem den VHS-Bürgersaal theatertauglich umbaut. Hinzu kommen Landeszuschüsse und Sponsorengeld.

„Helios“ soll in Hamm pro Jahr zwei bis drei Premieren herausbringen und künftig von hier aus Gastspiel-Tourneen starten. Enge Kooperation ist mit den Städten Unna, Kamen und Lünen vorgesehen, aber auch Arnsberg zählt zur Dauerkundschaft. Mit derlei Regionalbezug sieht man sich selbst gar als „Modellfall (Kölling), was auch die Geldgeber beim Land zur Großzügigkeit bewogen habe. Dazu beigetragen hat wohl auch der Ruf der Gruppe, die bei etlichen Festivals (wie etwa dem Dortmunder „Theaterzwang“) aufgetreten ist.

Weil die „Helios“-Produktionen landes- und bundesweit offeriert werden, konkurriert die Gruppe direkt mit dem Westfälischen Landestheater (WLT), das seine Fäden von Castrop-Rauxel aus zieht. Und was wird bei „Helios“ gespielt? Vorzugsweise eine eigenwillige Mischung aus (zumeist selbstverfaßten) Texten, Tanz und Musik. Für Kinder hat man stets etwas im Angebot. Doch die neueste Eigenschöpfung handelt von einer „starken Frau“ der Historie, der Nobelpreisträgerin Marie Curie. Die Hammer Premiere am 1. März ist bereits ausverkauft. Ein gutes Omen.

Infos/Karten: Kulturamt Hamm 02381 / 17 55 55.

 




Handke im Sonnenschein – Claus Peymann inszeniert „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“ am Wiener Burgtheater

Von Bernd Berke

Wien. Auf der Bühne des Burgtheaters war am Samstag viel von Vorfrühlings-Hoffnung die Rede. Und als die Uraufführung von Peter Handkes „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“ nach vier Stunden vorüber war, funkelte eitel Sonnenschein: Der Dichter, sonst allen Auftritten vor der Menge abhold, kobolzte – nach kurzer Verlegenheitsfrist – mit Regisseur Claus Peymann vor dem frenetisch jubelnden Publikum.

Zwei Herren, die schon einige Kapitel Theatergeschichte geschrieben haben, benahmen sich für ein paar Sekunden wie zwei fröhliche kleine Knaben.

Kein Gegenwartsautor, ausgenommen Botho Strauß, hat sich so sehr dem weihevollen Ton verschrieben wie Handke. Auch im neuen Stück spricht er oftmals wie ein Seher oder Prediger. Dies wird wieder Scharen von Spottdrosseln auf den Marktplatz rufen. Doch nach Peymanns Uraufführung werden sie’s nicht leicht haben.

Schwere Passagen wirken federleicht

Denn der hat vorgebaut. Er hat mit seinem Ensemble diesem hie und da zum monologischen Vortrag neigenden Text wundersames Bühnenleben eingehaucht. Ohne ironisch zu denunzieren oder die Sache herabzustufen, läßt er selbst schwerste Passagen federleicht und gelöst erscheinen.

Schutt- und Aschelandschaft, schräg zum Zuschauerraum hin gekippt (Bühnenbild: Achim Freyer): Dies ist die namenlose, lang isolierte, dann von fremder Macht kriegerisch unterworfene Enklave. Man hat schon gerätselt, welche Ländereien Handke meint. Österreich, von Deutschland beherrscht? Anspielungen auf Ex-Jugoslawien? Halten wir’s mit Goethe: Wer den Dichter will verstehen, muß in Dichters Lande gehen.

Verheißungsvolle Augenblicke sammeln

In der Enklave, die später aufblüht, lebt ein Volk, das in seine Niederlagen immer vertieft und vernarrt war, das nie einen Helden oder nennenswerte Historie hervorgebracht hat. Fruchtbarer, gleichsam jungfräulicher Humus also für völligen Neubeginn. Und damit ein Nährboden für das fortwährende Projekt des Peter Handke: Durchs wahrhafte, gänzlich unvoreingenommene Anschauen der Dinge Raum, Ziel und Maß zu gewinnen für ein würdigeres Erdendasein. Dies sind denn auch „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“: beständiges Ansammeln verheißungsvoller Dinge und Augenblicke, um, wenn schon nicht gleich zum Sinn, so doch vorderhand zum „Nicht-Unsinn des Lebens“ (Stückzitat) vorzudringen.

Zwei merkwürdige Helden, die in der Enklave geboren werden, sollen die neue Ära ins Werk setzen: die Vettern Pablo (Gert Voss), stets drangvoll kampf- und siegbereit, und Felipe (Johann Adam Oest), ein ewig fröhlicher Versager. Jeder hat seinen Teil der Wahrheit. Der eine pulvert auf, der andere besänftigt. Grandios, wie Voss und Oest diese eher als Prinzipien entworfenen Wesen als Charaktere von Fleisch und Blut gestalten.

Das weitere Personal wirkt wie ein fernes Nachglühen praller Shakespeare-Welten: Die Erzählerin (Anne Bennent), als holde Elfe im regenbogenfarbenen Röckchen, mit taubeglänzter Sprache und träumerischen Gesten alle beschwingend; ein Idiot (Urs Hefti) als gelegentlich weiser Narr; das durch eine einzige Figur dargestellte Volk (Martin Schwab), allergisch gegen Botschaften, mit bescheidenem Wohlstand zufrieden…

Zwischen Drachen und Fabeltieren

Sprachmächtiges Künden, aber auch Clownerie wechseln mit Passagen wortloser Begebenheiten, bei denen das „ganz Andere“ als Möglichkeit aufscheint. In der herrlich wandelbaren Szenerie, in der Drachen aufsteigen, Vögel fleuchen oder Fabeltiere einherziehen, entfaltet sich ein kaum erschöpfliches Denk- und Sinn-Spiel, ein eigentümlicher Sagen- und Legendenstoff von neuem, unerhörtem Königtum und Gesetzgebung zum ewigen Frieden.

Lauscht man genau, hat freilich schon Handke selbst dem Pathos immer wieder die Spitze geknickt. Das „Königsdrama“ (Untertitel) handelt weniger von Gekrönten als vom Königsweg zur befriedeten Menschlichkeit. Es ist von hier und jetzt, auch wenn es entschieden übers „Heute“ hinaus will. Und jene allzeit die Enklavenbewohner bedrohende „Raumverdränger-Rotte“, die mit „1-D-Brillen“ und Echo-Saugern alle räumlichen oder zeitlichen Staffelungen (und damit jede Sehnsucht) von der Erde tilgen will, kann man sich gut als Vorhut einer entseelten, technisch-virtuellen Zukunft vorstellen.