Bayerischer Suff im alten Griechenland – Stücketage beginnen mit Herbert Achternbuschs „Der letzte Gast“

Von Bernd Berke

Mülheim/Ruhr. Nein, der „Nabel der Kultur-Welt“ ist Mülheim gewiß nicht. Dieses (von manchen keck beanspruchte) Prädikat wies auch Hans-Georg Specht, Oberbürgermeister der Stadt, in aller Bescheidenheit zurück, als er jetzt die Mülheimer Theatertage eröffnete.

Doch immerhin steht nun gleichsam wieder ein Wanderpokal des deutschen Feuilleton-Betriebs an der Ruhr. Denn zum 21. Mal geht es beim allzeit interessanten Dramatikerwettbewerb ums beste neue deutsche Stück.

Der Aufgalopp der Inszenierungen begann mit A wie Achternbusch, Herbert. Der hat mit seinem Drama „Letzter Gast“ sozusagen bayerische Kneipenatmosphäre ins klassische Griechenland verpflanzt. Treffen sich also ein alter Ägypter, ein Grieche und der Wirt, („zugroaster“ Römer) in einem Lokal zu Hellas. An der ägäischen Bucht ist das Bier grün, es verfehlt aber seine Wirkung nicht. Und wenn hernach der lebensgefährliche „Selbstgebrannte“ zum Einsatz kommt, zucken gar Blitze über die Bühne, die schlagartige alkoholische Hirnzertrümmerung signalisieren.

Und so salbadern sie denn auch, einer nach dem anderen seinen delirierenden Monolog abliefernd. Groteske Parodie auf die altgriechische Kunst der Rede und des Dialogs? Mag sein. Zwölf Lokalrunden werden binnen zwei Stunden Spielzeit geschmissen, und jede wird eingeläutet wie ein Boxkampf.

Wie viele Hügel hat das antike Rom? Ist die Erde eine Scheibe oder eine Kugel? Wie wäre es, wenn die Menschen statt der vielen Götter nur noch einen einzigen verehren? All das und noch vieles mehr wird beredet am promillo-philosophischen Stammtisch, der später – welch sinnfälliger Kommentar zum Stück – im überquellenden Theaterschaum versinkt.

Auftritt der Tierkopf-Götter und des kleinen Krokodils

In Alexander Langs Einrichtung (Münchner Kammerspiele) wird dem verbalen Wirrwarr mit Fez und Karneval Genüge getan. Da defilieren die ägyptischen Tierkopf-Gottheiten (Horus, Anubis & Co.) stumm und gravitätisch durch die Szenerie, da rennen bayerische Polizisten samt Nikolaus hinterdrein, und überm Tresen, der an einen Altarschrein erinnert (schönes Bühnenbild: Caroline Neven Du Mont), reckt auch schon mal ein kleines Spielzeugkrokodil sein Haupt. Tri-Tra-Trullala.

Autor Achternbusch scheint sich stets auf die Gnade des frühesten Einfalls verlassen zu haben. Schreib’s halt gleich hin, ‘s ist sowieso egal. Geradezu verschwenderisch gut muten demgegenüber die schauspielerischen Leistungen an. Thomas Holtzmann als vierschrötiger Wirt, Michael von Au als tuntiger Grieche Semel, Regisseur „Alexander Lang selbst als stocksteifer Ägypter Ptah und Jörg Hube als lachender „letzter Gast“ Thukydides – das ist schon ein Ensemble, auch mit Trinksprüchen aller Ehren wert.

Sechs weitere Autoren und ihre Stücke sind noch im Wettbewerb. Man wird sehen, wem am Schluß zugeprostet wird.




Für jede Laune das passende Kleid – Ausstellung in Herne zeigt künstlerische Mode-Phantasien

Von Bernd Berke

Herne. Kleidet sich so die Dame von Welt? Zwei Plastiktrichter betonen barsch die Brustform; die Taille wird von Trinkstrohhalmen und ausgerissenen Autoscheibenwischern auch nicht gerade sanft umschmeichelt. Und auf dem Kopf trägt diese seltsame Frau einen umgestülpten Blumenkorb mit zwei angepappten roten Stöckelschuhen. So kann sie sich nirgendwo sehen lassen. Doch. Im Museum.

Denn die skurrile Dame ist ein Kunstwerk. „Haut und Hülle“ heißt ihre Ausstellungs-Station in Herne. Untertitel: „Künstler machen Kleidung“. Das beschriebene Wesen ist eine Skulptur von Achim Hundhausen (32) aus Bergisch-Gladbach. An anderen Puppen hat dieser Künstler erprobt, wie es wohl aussieht, wenn wir den sprichwörtlichen Gürtel mal ganz eng schnallen müssen – mit Phantasie-Kleidung aus Mülltüten und zerfetzten Kunststoffbechern.

Gleichsam als Ikone der Gattung hängt Joseph Beuys berühmter Filzanzug (Exemplar von 1970) erhöht im Raume. Ringsum gruppieren sich, durch kein striktes Konzept-Korsett eingezwängt, die verschiedensten Formen der künstlerisch inspirierten Haute Couture.

Die in Schwerte geborene, heute in Köln lebende Rosemarie Trockel hat einen „Schizo-Pullover“ mit zwei Halsöffnungen gestrickt. Qual der Wahl: Durch welchen Ausguck schauen wir denn heute in die Welt?

Ulrike Kessl aus Düsseldorf fertigt – aus lauter transparenten Klebebandstreifen – sackartig verdickte Kleider-Grundformen und füllt sie mit Erde. Ein Verweis auf die Vergänglichkeit alles Körperlichen?

Hineinschlüpfen und sich wohlfühlen?

Anne Jendritzko, früher schon mal als Ausstatterin an der Dortmunder Oper und Kostümdesignerin der Schrillnudel Hella von Sinnen tätig, appliziert ihren Modellen veritable Aufbauten, zum Beispiel aus Neonröhren und TV-Bildschirmen. Es schwillt der Leib vor lauter Plunder.

Julia Baur (Reutlingen) hat ein überdimensionales Nesselhemd mit geschätzter Ärmelspannweite von zehn Metern geschneidert. Schlüpft man wie ausdrücklich erwünscht darunter, so fühlt man sich, als stünde man in einem Zelt. Paßt und hat Luft.

Barbara Schimmel (Köln / Dortmund) stellt 40 kleine Figuren auf, die nach gemischten Gefühlen („unsinnig-gekräuselt“, „windig-gewagt“ usw.) gewandet sind. Altbekannte Wechselwirkung: Kleider erzeugen seelische Stimmungen. Oder, anders gewendet: Eine vorhandene Laune kann durch „Klamotten“ ausgedrückt werden.

Es scheint so, als tummelten sich mehrheitlich Frauen auf dieser speziellen künstlerischen Szene. Doch siehe da: Just die Kreationen eines Mannes, des 1992 verstorbenen Herners Kai Wunderlich, kommen den Einfällen „richtiger“ Modeschöpfer am nächsten. Ein wenig verrückt, aber durchaus tragbar. Fast wie in Mailand oder Paris.

„Haut und Hülle“. Herne, Flottmann-Hallen (Flottmannstraße). Bis 23, Juni, geöffnet Di-So 14-20 Uhr.




Piraten bei Windstille – Matthias Zschokkes Stück „Brut“ im Dortmunder Schauspielhaus

Von Bernd Berke

Dortmund. Piraten? Hey-Ho, mit denen geht’s wild übers Meer. Wenn man nur dran denkt, hat die Phantasie schon Wind in den Segeln. Doch was sind das nur für Freibeuter, die wir in der Dortmunder Inszenierung von Matthias Zschokkes Seestück „Brut“ kennenlernen?

Mag sein, daß sie alle möglichen Abenteuer schon hinter sich haben, aber das muß lang her sein. Nun sitzen sie, mitsamt ihrer Kapitänin Tristana Nunez (Ines Burkhardt), die nicht mehr auf blutige Taten, sondern auf passende Worte sinnt, in irgendeinem gottverdammten karibischen Dschungel fest. Wenn sie später doch noch in See stechen, so fahren sie mit ihrem blinden Steuermann Azor (Günther Hüttmann) im Kreise, immer und immer wieder. In ihren Sätzen tauchen Formeln auf wie „Immer dasselbe“ und „Wir sind alle überflüssig“. Folglich sind die ständigen Pläne des Navigators Hornigold Glaser (Andreas Weissert) allemal sinnlos.

Gezückter Dolch und abgebissener Finger

Dabei scheint doch alles zu passieren, was zu einem Piratenstück gehört: Es kommt schon mal ein Sturm auf, es gibt Gefangene wie jenen Dichter Julio Sloop (Michael Fuchs), der an Bord in einen Mastkäfig gesperrt wird. Wir sehen Prügeleien, es werden Dolche gezückt, dem Schiffskoch Caflisch (Heinz Ostermann) wird ein Finger abgebissen, und Ermordete wirft man über die Reling ins Meer. Wie sagt doch das als Jüngling namens Selkirk verkleidete, allseits heillos begehrte Mädchen (Wiebke Mauss): „Ich bin zum Entern hier, nicht zum Denken!“ Na, also.

Aber nichts geschieht hier richtig. Es ist immer nur ein „Als-ob“ und hat keine Konsequenzen. Nicht nur das hölzerne Schiff (Bühne: Karin Fritz), auch die Handlung strudelt im Kreise. Unauflösliches Gemisch widersprüchlicher Emotionen: Es wird nicht etwa geküßt oder geschlagen, man müßte schon paradoxe Worte wie Kußschlagen und Liebmorden dafür erfinden. Und man könnte Zschokkes 1988 uraufgeführten Text als typisches Werk der „Postmoderne“ bezeichnen, sprich: Er besteht vornehmlich aus Mythen-Plünderung, Zitaten und Simulation, es herrscht darin die Windstille am vermeintlichen Ende der Historie.

Beschwörung der ewigen Wiederkehr

In Dortmund kann man dies unerschrocken, streckenweise auch mit Behagen über sich ergehen lassen; als fast filmisch „geschnittene“ Nummernfolge (Regie: Clemens Bechtel), die öfter Witz aus dem Kontrast der Sprachebenen schlägt. Da werden z. B. Piraten-Fragen wie unter Angestellten abgehandelt: Wenn Selkirk das Schlepptau zum Beuteschiff kappt, wird er/sie nicht etwa sieben Tage bei Wasser und Brot an den Mast gehängt, sondern vom Offizier Hallwax (Heinz Kloss) brav gebeten, sich doch nächstens besser mit dem Anführer abzusprechen.

Doch als (wie aus dem Traumreich) eine Fürstin (Siham Mosleh) auf den Planken erscheint, hört man orientalisch-beredsame Schmeichelei. Dann wieder macht sich Beckettsche Sprachlosigkeit breit. Insofern ist’s ein wechselvoller, hin und wieder auch sprachschöner Text. Er gibt sich gelegentlich naiv, ist aber wohl ziemlich durchtrieben. Schon der Titel „Brut“ ist ja nicht eindeutig: Spricht man ihn deutsch aus, so denkt man ans Brüten oder an verhaßte Nachkommenschaft, sagt man’s französisch („brüh“), so bedeutet es „roh“.

Mit seiner Beschwörung ewiger Wiederkehr setzt sich das Stück aber doch frühzeitig selbst matt. Und so bringt es ein engagiertes, aber notgedrungen etwas ratloses Ensemble gerade mal dahin, unser Interesse eben wachzuhalten. Es dämmert halt so dahin. Und dies ist nicht die Schuld der Schauspieler.

Ungewohnt dürrer, rasch verebbender Premierenbeifall.

Termine: 19. April, 4., 5., 8., Mai, jeweils 19.30 Uhr. Karten: 0231 / 16 30 41.




Im Gewimmel der Ideen funkelt die Lebensweisheit – Bisher unveröffentlichte Texte von Jean Paul

Von Bernd Berke

Welch ein literarischer Schatzfund! Mit dem „Ideen-Gewimmel“ aus dem Nachlaß des Goethe-Zeitgenossen Jean Paul Friedrich Richter (1763-1825) wird dieser große Romanautor („Titan“, „Die unsichtbare Loge“. „Flegeljahre“), 171 Jahre nach seinem Tod, endlich auch als wortmächtiger Aphoristiker sichtbar.

Außer Georg Christoph Lichtenbergs „Sudelbüchern“ dürfte es keine ebenbürtige Sammlung von knapp gefaßten, in allen Facetten funkelnden Einfällen geben. Für die Herausgeber Thomas Wirtz und Kurt Wölfel war es keine leichte Aufgabe, diesen Strom von Texten zu kanalisieren. Demnächst sollen sechs weitere Bände erscheinen. Auch dann wäre erst ein Fünftel des riesigen Nachlasses von rund 40 000 Heftblättern publik.

40 000 Seiten lange nicht beachtet

Daß bisher nichts davon erschienen ist, hat mit den Wirren des Jahrhunderts zu tun: Herausgeber Eduard Berend mußte 1938 Deutschland verlassen, weil er als Jude verfolgt wurde. 1958 gelangten die Manuskripte, zuvor russisches Kriegs-Beutegut, nach Ost-Berlin zurück, wo sie den SED-Ideologen nicht gefielen und daher unbeachtet blieben. Manche Ideen blühten später in Jean Pauls Romanen, andere stehen unvermittelt als spontane Eingebungen da. Doch stets löst der Autor sein Ziel ein: „Der deutschen Sprache die Zunge lösen.“

An Goethe kam damals keiner vorbei. Im „Ideen-Gewimmel“ erfährt man, wie sich der Provinzbewohner (Meiningen, Coburg, Bayreuth) und oft einsame Schreibtischmensch am repräsentablen Weimarer Klassiker mal innerlich aufgerichtet, mal (auf)gerieben hat.

Maschinen, die Maschinen erfinden

Offenbar hat der Mann nur für die Literatur gelebt: „Oft weiß ich kaum, was ich eigentlich aus mir machen soll als Bücher.“ Haben die Herausgeber auch die Schreib-Eigenarten in ursprünglicher Form belassen (was das Lesen gelegentlich erschwert), so muten die Inhalte doch vielfach modern an. Jean Paul macht sich z. B. Gedanken darüber, ob man antike Hühnereier nach vielen hundert Jahren ausbrüten und die Tiere dann untersuchen könne, oder er sieht voraus, daß es Maschinen geben werde, die ihrerseits Maschinen erfinden…

Oft verdichtet sich resignativ getönte Lebensweisheit: „In der Jugend will man sonderbarer erscheinen als man ist, im Alter weniger sonderbar als man ist.“ Und ein Grundgesetz humanen Handelns lautet in Originalschreibweise so: „Nichts solte uns wohlthätiger machen als der Gedanke, daß wir diese-Welt nie mehr betreten und daß wir einige schöne Spuren zurüklassen sollen. Wie wenn du auf einen Tag in den Abendstern versetzt würdest und nie wieder: würdest du dort zerreissen und niedertreten?“

Dieser Schriftsteller hat sich für alles Erdenkliche interessiert: Er hat Herrscher und Fürsten gebrandmarkt, theologische Überlegungen angestellt, aber auch über Geschlechterkampf, Natur, Jahreslauf und Wetterzustände philosophiert. Dabei lugt schon mal der sehnsüchtige „Romantiker“ hervor: „Es gibt keinen Frühling, nur Frühlingstage, ja Abende – Ein Abend hat dem Herzen alles gesagt“. Dann wieder äußert er sich mit hintersinnigem Witz. Über die Ehe: „Das Paradies verlieren und den Paradiesvogel behalten.“ Über Mediziner: „Der Arzt und der Sargmacher verhalten sich wie der Vogelsteller und der Vogelbauermacher.“ Und übers Zölibat: „Wir müßten verhungern, wenn es unter den Gewächsen viele Nonnen gäbe.“

Zuerst den Wein, dann den Kaffee

Jean Paul war eben kein Freund der Enthaltsamkeit, er hat auch dem Alkohol zugesprochen, um sich in kontrollierten Schaffensrausch zu versetzen. Motto: „Entwirf bei Wein, exekutiere bei Kaffee.“

Prächtig, daß man just jetzt auch Jean Pauls sonstige Dichtungen zum günstigen Preis bekommt: Der „Zweitausendeins“-Verlag hat soeben die erstmals 1961 erschienene Hanser-Ausgabe der „Sämtlichen Werke“ (Herausgeber: Walter Höllerer, Norbert Miller) neu aufgelegt. Eine Fundgrube ist gar nichts dagegen.

Jean Paul: „Ideen-GewimmeI“. Texte und Aufzeichnungen aus dem unveröffentlichten Nachlaß. Eichborn-Verlag, 301 Seiten, fester Einband, 44 DM.

Jean Paul: „Sämtliche Werke“ in 10 Bänden. Verlag Zweitausendeins. Komplett 199 DM.

 




Das Ekel von Datteln und andere Übeltäter – Gespräch mit dem Dortmunder „grafit“-Verleger Rutger Booß

Von Bernd Berke

Tatort: Dortmund. Mit dem Umzug aus dem Vorort Wellinghofen ins Stadtzentrum unterstreicht Rutger Booß den Anspruch, daß sein „grafit“-Verlag bis zum Jahr 2000 das führende Haus für deutschsprachige Krimis werden soll. Die WR sprach mit ihm über seinen Job und über die Krimi-Szene.

Wann und wie sind Sie Verleger geworden?

Rutger Booß: In der Buchbranche arbeite ich schon seit 1974 – zunächst als Lektor beim Dortmunder „Weltkreis“-Verlag, dann in der Zentrale einer linken Buchhandelskette und bei Pahl-Rugenstein in Köln. Als dort die Sparte Belletristik eingestellt wurde, stand ich plötzlich mit 45 Jahren ohne Arbeitsplatz da. In dieser Not habe ich mit meinem bißchen Geld meinem Ex-Arbeitgeber ein paar Autorenrechte abgekauft und mich selbständig gemacht. Das war ein großes Risiko, aber auch eine Chance, die man nur einmal im Leben bekommt. Jedenfalls ist so im Mai 1989 der „grafit“-Verlag entstanden.

Wie kam es eigentlich zu dem Namen „grafit“?

Booß: Den hat der Krimiautor Werner Schmitz erfunden. Der hatte beobachtet, daß die meisten Kleinverlage pompös-bombastische Namen tragen, die großen und erfolgreichen aber meist ganz kurze und griffige, höchstens zweisilbige. Leute, die nur unseren Namen kennen, stellen sich jetzt einen viel größeren Verlag vor.

Apropos Größe: Wie wollen Sie in vier Jahren Marktführer bei deutschsprachigen Krimis werden?

Booß: Da haben wir gute Aussichten. Zu den fünf Spitzenreitern auf diesem Gebiet gehören wir wohl schon.

Wen müssen Sie denn noch überholen bei ihrem Marsch an die Tabellenspitze?

Booß: Es gibt gar nicht so furchtbar viel Konkurrenz: Diogenes liegt noch vorn, dahinter folgen Rowohlt, Heyne, Goldmann. Die großen Verlage bestreiten ihr Krimi-Programm vorwiegend mit englischen und amerikanischen Autoren. In diesen Ländern ist das Genre viel weiter entwickelt als bei uns, wo der Kriminalroman erst seit den 60er Jahren ernstgenommen wird; seit Hansjörg Martin, -ky und Fred Breinersdorfer schreiben.

Viele Ihrer Bücher spielen in dieser Region. Warum ist das Ruhrgebiet eine so ergiebige Krimi-Landschaft?

Booß: Ich glaube, es liegt an der Zerstörung alter Strukturen, also der Titanen Stahl und Bergbau. Die massiven wirtschaftlichen Umbrüche bilden den Hintergrund vieler Ruhrgebiets-Krimis, speziell bei unserem Autorenduo Leo P. Ard und Reinhard Junge. Denken Sie nur an „Das Ekel von Datteln“.

Wie wichtig ist für Sie die Politik im Krimi?

Booß: Naja, das große Vorbild vieler deutscher Autoren sind natürlich die Schweden Sjöwall/Wahlöö und ihre „Kommissar Beck“-Geschichten. Wir haben die politischen Botschaften im Laufe der Zeit reduziert, denn sie sind für Spannungsliteratur eher gefährlich. Zunächst muß immer die Story stimmen. Wenn Politik hinzukommt, ist es in Ordnung.

Und die Sprache?

Booß: Ich meine schon, daß wir uns literarisch über dem Durchschnitt bewegen. Wir haben’s aber sehr gerne, wenn es ein bißchen schnoddrig und witzig zugeht. Gegen ausgiebige Gewaltdarstellungen habe ich hingegen eine Menge einzuwenden.

Wer liest Ihre Bücher?

Booß: Bei Krimis hat man keine fest umrissene Zielgruppe. Es geht quer durch alle Berufe und Schichten. Und es gibt eine interessante Untersuchung vom letzten Herbst, die besagt: Je weiter links einer politisch steht, desto mehr Krimis liest er. CDU-Wähler lesen am wenigsten Krimis.

Gibt es Autorennachwuchs? Bekommen Sie viele Manuskripte?

Booß: O, ja! Durchschnittlich etwa 200 im Jahr. Die modernen Textverarbeitungs-Systeme haben die Hemmschwelle für Autoren offenbar gesenkt. Manche Texte sehen äußerlich bildschön aus, sind aber inhaltlich Schrott. Aber wir haben auch einige Autoren durch „unverlangt eingesandte Manuskripte“ entdeckt.

Welche Auflagen erzielen Sie?

Booß: Unsere Renner waren der „Eifel-Blues“ mit 34.000 Exemplaren und „Das Ekel von Datteln“ mit 33.000. Wenn wir von einem Buch 4000 Stück verkaufen, werden wir nicht reich, aber es rechnet sich.




Wenn das Lächeln gefriert – 31 chinesische Gegenwartskünstler in Bonn

Von Bernd Berke

Bonn. Künstler aus dem „Land des Lächelns“ zeigen die Zähne. Und das darf man wörtlich nehmen. Bemerkenswert, daß einige der 31 chinesischen Gegenwartskünstler, deren Bilder jetzt in Bonn gezeigt werden, das gleiche Thema aufgreifen: die traditionelle Erziehung zur dauerhaft guten Miene, mit der man klaglos und ohne Gesichtsverlust private (oder auch politische) Schande hinnehmen soll.

Doch auf diesen Gemälden ist das Lächeln gefroren, verzerrt zum Haifisch-Grinsen oder bizarr gesteigert zum zynischen Gelächter über die Zustände. Und noch ein Thema kehrt in auffallend vielen Bildern wieder: schwebende Menschen. Sind s erträumte Flüge in eine Ungewisse Zukunft? Und falls ja: Wunsch- oder Alpträume?

Kreuz und quer durch die Provinzen

Neun Wochen waren der Chef des Bonner Kunstmuseums, Prof. Dieter Ronte, der TV-Kulturfilmer Walter Smerling und ihre chinesischen Begleiter im „Reich der Mitte“ unterwegs, kreuz und quer durch die Provinzen. Bei ihrer Kunst-Auswahl haben die Herren nicht mit offiziellen Stellen Chinas zusammengearbeitet, aber auch nicht gegen sie. Sie haben sich vor allem auf die Sachkenntnis von chinesischen Akademie-Professoren und Kunstkritikern gestützt. So kam man zu einer gediegenen, punktuell auch aufregenden Schau.

Die beteiligten Akademiker führen eine Doppelexistenz: Sie unterrichten – nach streng festgesetzten Regeln – herkömmliche Techniken wie Kalligraphie (Schönschrift), daneben aber produzieren oder fördern sie Kunst, die von Dissidenten stammen könnte.

Trotzdem bereitete die vorübergehende Ausfuhr nach Deutschland keine Probleme. Alles, was nicht älter als 150 Jahre ist, darf anstandslos die chinesischen Grenzen passieren. Die mit 150 Öl-Bildern heimgekehrten Museumsleute sprechen gar von einer „erstaunlichen Freizügigkeit“ in China. Haben sich denn alle geirrt, die die Menschenrechte in China verletzt sehen?

Bestimmt nicht. Zwar erlaubt das chinesische Regime listig die private Kunstschöpfung jedweder Richtung, doch werden kritische Bilder eben nie öffentlich gezeigt. Es gilt weiter die Doktrin des wirklichkeitsfernen Sozialistischen „Realismus“ asiatischer Spielart.

In bisher beispielloser Breite vereint die Schau aktuelle Künstler aus verschiedenen Regionen Chinas. Man hat Wert darauf gelegt, keine Exilkünstler einzuladen, sondern nur solche, die in der Volksrepublik leben. Daß es ausschließlich Männer sind, liegt wohl just daran, daß Frauen im chinesischen Kulturleben noch kaum eine Rolle spielen.

Mao ist nur noch ein Papiertiger

Diese Künstler also geben entschieden individuelle Antworten auf die Zeitläufte. Und doch scheinen sich einige Themen generell aufzudrängen, vor allem das Einsickern westlicher Produkte und Lebensstile ins wirtschaftlich sich öffnende Land. Sonnenklar wird dies bei Zhang Gong aus Peking, dessen ratloser Rotarmist umstellt ist von lauter kapitalistischen Marken-Emblemen sowie einer Armee aus Andy Warhols Marilyn-Monroe Reproduktionen.

In dieser gewandelten Welt ist der einstmals „große Vorsitzende“ Mao Tse-Tung, umrißhaft zu erahnen auf Bildern des Xue Song, nur noch eine anonyme Silhouette, ein bloßer „Papiertiger“. Und etliche Darstellungen, die auf die Chinesische Mauer anspielen, lassen an einen Gefängniswall denken.

Manche Künstler nehmen, als Nachfahren der amerikanischen Pop Art (deren Einfluß in China derzeit abklingt), auch schon die Schattenseiten der Konsum-Freiheiten wahr. Nicht nur Zeng Fanzhi führt (in einer „Masken-Serie“) Fratzen großstädtischer Entfremdung vor. Song Yonghong brandmarkt die Langeweile im Luxus, und Wei Guangoing enthüllt die sexuellen Oberflächenreize der Reklame im Kontrast zu alten erotischen Holzschnitten. Bilder einer neuen Unübersichtlichkeit.

„China!“ – Zeitgenössische Malerei. Kunstmuseum Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 2 („Museumsmeile“). Di-So 10-18 Uhr, Katalog 39,50 DM.

 

 




Ganz einfach durch die Lüfte schweben – Paul Austers neuer Roman „Mr. Vertigo“

Von Bernd Berke

„Da habe ich es zum erstenmal getan… Ganz langsam hob sich mein Körper… Ich war nicht weit vom Boden höchstens ungefähr eine Handbreit – , aber dort hielt ich mich ohne Mühe.“ Staunend stammelt dies ein kleiner Junge namens Wait. Er hat soeben einen Menschheitstraum verwirklicht: Fliegen aus eigener Kraft, ohne Hilfe von Maschinen.

Er ist nicht etwa ein Gaukler oder Scharlatan, sondern überwindet wirklich die Grenzen der Physik. Doch welch einen dornenreichen Weg hat der Ich-Erzähler in Paul Austers Roman „Mr. Vertigo“ bis dahin zurücklegen müssen! Sein Lehrmeister, der geheimnisumwitterte „Mister Yehudi“, hatte den vogelfreien Neunjährigen 1924 in St. Louis von der Straße aufgelesen und dann in Kansas jahrelangen Torturen unterworfen.

Harte Strecke bis zur Leichtigkeit

Wait, der eigentlich viel lieber Boogie hören und Baseball spielen möchte, lebt dort – völlig isoliert von Altersgenossen – in einer Art Minderheiten-Kommune. Yehudi selbst ist ungarischer Jude. Hinzu kommen eine alte Indianerin und ein behindertes farbiges Genie namens Äsop. Diese Gemeinschaft wirkt wie ein Humus für das Außerordentliche.

33 Stufen des Bewußtseins, so Yehudi, müsse Wait überwinden, um sein Ich zu reinigen und die nötige Trance zu gewinnen. Brutale Methoden: Wait muß schuften bis zum Umfallen, er wird geprügelt, wird lebendig eingebuddelt, und Yehudi amputiert ihm ohne Narkose einen Finger. Mit einer seltsamen Mixtur aus Verzweiflung und Schnoddrigkeit quittiert Wait diese Qualen. Später wird er den strengen Meister verehren, denn der hat ihn durch Heulen und Zähneklappern auf den Pfad der wundersamen Leichtigkeit geführt.

Eines Tages ist es nämlich soweit: Wait hebt wirklich ab. Alsbald vollführt er Saltos und besteigt imaginäre Treppen in den Lüften. Und der Meister geht mit dem Wunderknaben auf triumphale Tournee.

Schutzgeldkassierer in Chicago

Paul Auster, zuletzt als Drehbuchautor des exzellenten Films „Smoke“ erfolgreich, hat auch mit „Mr. Vertigo“ einen Stoff gleichsam aus dem Nichts gewoben. War dort der verwehende Rauch das Medium des Lebens, so ist es hier die schiere Luft. Auch den neuen Roman kann man sich gut und gerne verfilmt vorstellen: Schon die Tournee durch die US-Provinz der 20er Jahre ist gesättigt mit bildkräftiger Atmosphäre. Und bevor Wait das Schweben wegen ungeheurer Kopfschmerzen aufgeben muß (sein Preis für den Sieg über die Schwerkraft), fügt Auster noch eine Kriminalgeschichte (Entführung Waits und Lösegeldforderung durch dessen Onkel) hinzu.

Auch damit nicht genug: Nach dem Ende seiner Flugkarriere, das mit der Weltwirtschaftskrise („Schwarzer Freitag“) zusammenfällt und sozusagen die bessere alte Zeit beschließt, verdingt sich Wait in den Jahren der Alkohol-Prohibition ganz erdenschwer und bodennah als Schutzgeldkassierer bzw. Nachtclubbetreiber der Mafia von Chicago. Das Lokal heißt sinnigerweise „Mr. Vertigo“, übersetzt etwa: „Herr Höhenangst“.

Alle Fühler ausgestreckt

Auster verästelt die Handlung derart, als wolle er lauter kleine Fühler ausstrecken, um jeden Aspekt des damaligen Amerika zu ertasten. Dabei scheint ihm zuweilen die Autoren-Herrschaft zu entgleiten, es weht ihn hierhin und dorthin, als fliege er tatsächlich haltlos durch sein Werk.

Am Schluß läßt Auster mal eben rund fünfzig weitere Lebensjahre Waits im Zeitraffer abschnurren. Da franst die Story vollends aus. Der Autor hat uns endgültig schwindelig geschrieben. Gespannt und willig ist man all dem Auf und Ab, ist man all den Windungen dieses Romans gefolgt.

Und am Schluß erfährt man, daß doch eigentlich jeder Mensch das Zeug zum Fliegen habe. Na schön. Worauf warten wir noch? Legen wir das Buch beiseite. Breiten wir die Schwingen aus.

Paul Auster: „Mr. Vertigo“. Roman. Übersetzt von Werner Schmitz. Rowohlt-Verlag. 319 Seiten. 34,80 DM.




Bazillus der Begabung – die Dortmunder Fotografen-Familie Angenendt

Von Bernd Berke

Dortmund. Wenn eine Familie über drei Generationen beachtliche Fotografen hervorbringt, wird man hellhörig. „Einen Bazillus oder irgend etwas mit den Genen“ vermutet Rudolf Angenendt als Ursache für die fortgepflanzte Begabung.

Aber es waren auch Patriarchen im Spiel. Rudolf Angenendt (Jahrgang 1924) kam zur Fotografie, weil ihn sein Vater Erich (1894-1962) rabiat dazu gezwungen hat. Und Rudolfs Sohn Christian Angenendt (geboren 1956) geriet – nach abgeschlossenem Germanistik-Studium – in die Fänge des Dortmunder Foto-Professors und Fach-Despoten Pan Walther. Da konnte auch er nicht mehr anders.

Arbeiten von Großvater, Vater und Sohn sind jetzt im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte (Hansastraße) vereint. Und da zeigt sich, daß in der Lichtbildner-Dynastie Angenendt, die aus Hamm kam und dann in Dortmund ansässig wurde, nicht durchweg ein- und derselbe Geist geherrscht hat.

Großvater Erich widmete sich noch vorwiegend Motiven aus der herkömmlichen Schwerindustrie. Bewunderung für imposante Technik rund um Kohle und Stahl spricht aus diesen Bildern. Vielfach gerinnt diese Sicht zu prototypischen „Ikonen“ des Ruhrgebiets früherer Zeiten. Die Aufnahmen sind so formbewußt gestaltet, daß sie der Gefahr einer Glorifizierung des industriellen Heldenlebens entgehen.

Rudolf Angenendt ging zwar auch unter Tage, um dort ungewöhnliche Farbaufnahmen anzufertigen, doch interessierten ihn später vor allem grundlegende chemische und physikalische Prozesse, die er mit aufwendigen Verfahren in Forschungslabors fotografisch festhielt. So gelangen ihm erstaunliche Bilder von Wärme- und Kälteströmen oder von den Wallungen des Chlorgases. Verblüffende Erkenntnis: In den Naturgesetzen waltet eine verborgene Ästhetik, die gewissen Formen der abstrakten Kunst nahe kommt.

Auch Christian, der Jüngste, hat sich für seine Diplomarbeit in einem Hüttenwerk umgetan. Doch er spürt zwischen den Hochöfen lauter Zeichen des Verfalls auf. Wie er denn überhaupt einen wachen Sinn für Verletzungen der Dinge hat. Wenn er etwa zersprungene Flaschen oder abgeblätterte Farben zeigt, schwingt Wehmut mit über den Zustand der Welt.

Bis 14. April. Tägl. außer Mo. 10-17 Uhr, Katalog 49 DM.




Im Räderwerk der Korruption – Stefan Zweigs „Volpone“ nach Ben Jonson im Dortmunder Schauspiel

Von Bernd Berke

Dortmund. Schöne Frucht der Vergeßlichkeit: Als Stefan Zweig 1927 Urlaub in Südfrankreich machte, wollte er den „Volpone“ des Ben Jonson (1572-1637) übersetzen. Doch die englische Originalausgabe fehlte im Gepäck. Zweig machte sich an eine freie Nachdichtung – und so haben wir im Deutschen eine gar muntere Commedia über die Folgen der Habsucht. Die Rarität ist jetzt im Dortmunder Theater zu besichtigen.

„Eine lieblose Komödie“ nennt Zweig seine Bearbeitung von „Ben Jonsons Volpone“. Lieblos, weil keine glücklichen Paare sich finden – und weil sich eh alles um Neid und Gier dreht. In Volpones Villa (sparsam effektive Bühnenbilder: Thomas Gabriel) sind die Wände gülden, sie triefen aber, als klebe das Blut der Ausgeplünderten daran.

Volpone ist ledig, kinderlos und reich. Er hörtet etliches Gold und Zechinen in seiner Truhe. Und er macht sich einen Hauptspaß daraus, den Todkranken zu mimen. Denn so lockt er allerlei Erbschleicher an, die – nach einem günstigen Testament lechzend –Vorleistungen in Form von Gaben und „Freundschafts“-Diensten erbringen. Treten sie an sein vermeintliches Sterbelager, stöhnt und zittert Volpone sich was zurecht, sind sie fort, so springt er auf und freut sich, die Trottel genasführt zu haben.

Claus Dieter Clausnitzer als Volpone (zu Deutsch: „Fuchs“) zeigt sehr prägnant das barocke Behagen in solcher Bosheit, aber auch das als baldige Umspringen in erneuten Unmut. Seine Freude am gelungenen Betrug währt nie lang. Wie die anderen immer unverschämter nach seinem Besitz grapschen, so drängt seine Sucht, sie allesamt zu düpieren, ins immer Größere und Gröbere – und er zwingt seinen Diener Mosca, stets neue Teufeleien ins Werk zu setzen. Bis das Ganze gerichtsnotorisch wird.

Es ist, als lasse Clausnitzer andeutungsweise auch andere Rollen durchscheinen: Brechts sinnlichen „Galileo Galilei“ und – eingedenk der Fremdheit des reichen Levantiners Volpone in Venedig – wohl auch Shakespeares jüdischen Kaufmann von Venedig, den „Shylock“. So vielschichtig und so hintergründig kann man also den Volpone anlegen.

Rundherum genießt man süffige Typen-Komödie (Regie: Alexander Seer). Die Erbschleicher tragen Tiernamen des Fabelreichs und sind doch kenntliche Gesellen: Winkeladvokat Voltore („Geier“, Günter Burchert) zuckt wie eine mechanische Marionette seiner Gier. Der in eine braune Strickjacke gezwängte, in gelben Schuhen watschelnde Kaufmann und eifersüchtige Haustyrann Corvino („Rabe“, Jürgen Uter), der klapprige alte Wucherer Corbaccio („Habicht“, Andreas Weissert) sowie die verhurte, breitmäulig-ordinäre Canina („Kaninchen“, Felicitas Wolff) entstammen gleichfalls dem Kabinett drastischer Komik.

Mosca („Schmeißfliege“, Jörg Ratjen), beweglichste Figur, muß lediglich an den richtigen Strippen ziehen, schon sind diese Leute bereit, ihre Kinder und Frauen für Mammon zu opfern: „Corbaccios Sproß Leone („Löwe“, Thomas Klenk) wird flugs enterbt, Corvinos tugendsame Gattin Colomba („Taube“, Stephanie Japp) dem Volpone als Gunstbeweis zugeführt. Der Mensch – ein berechenbares Räderwerk der Korruption.

Schön herausgearbeitet sind die Rollen-Details. Auch wer gerade nicht spricht, spielt seinen Part gestisch konzentriert weiter. Aufschlußreich die Legierungen der Gefühle, wenn etwa Volpone mitten im Husten lachen muß oder bei Corbaccio der Hang zum Golde und die Geilheit ineins fallen, als er ein kostbares Geschmeide am Busen Caninas erblickt. Pralles Theater, prächtiger Beifall.

Termine: 6., 7., 15. und 16. Februar, jeweils 19.30 Uhr. Karten: (0231) 16 30 41.




Expedition zu den Grenzen der Farbe – Malerei von Raimund Girke in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Manchmal erfaßt den Künstler Raimund Girke (65) eine diebische kleine Freude, wenn er in Biographien gewisser Kollegen solche Sätze liest: „Bekannt durch Installationen. Malt seit 1992 wieder.“ – „Dann lache ich leise in mich hinein“, gesteht Girke. Und warum?

Der Documenta-Teilnehmer ist – durch alle Jahre und Moden hindurch – nicht vom Tafelbild abgekommen. Niemals hat er Installationen oder Objekte verfertigt, obwohl dies auf dem Markt schnellen Gewinn abgeworfen hätte. Nun sind die anderen scharenweise reumütig auf den Pfad der Tradition zurückgekehrt. Auf diesem Königsweg ist Girke den meisten längst enteilt.

Mit welch rarer Konsequenz sich Girke treu geblieben ist, gerade indem er sich mit weiser Selbstbeschränkung weiterentwickelt hat, belegt eine Werkschau mit 43 Arbeiten im Wuppertaler Von der Heydt-Museum.

Leicht konsumierbar sind solche Bilder nicht. Beim raschen Rundgang dürfte man nur Abstufungen von Grau und Weiß wahrnehmen und sich düpiert fühlen.

Tatsächlich ist dieser Künstler ein „Fundamentalist“, der den Schwingungen einiger besonderer Farben und Tönungen ohne Unterlaß nachspürt. Und so entlockt er dem Weiß ungeahnt spirituelle Licht- und Schatten-Wirkungen, führt er das Grau bis an die Grenze beseelter Stille und schichtet Schwarz oder Blau zu lodernden Wallungen.

In der zunächst schlicht scheinenden Reinheit des Malens verbirgt sich meditative Fülle. Girkes Ziel: „Mit ganz wenig Farbe sehr farbig wirken.“ Und: „Dabei lieber auf hohem Niveau scheitern als sich auf niedrigem zufriedengeben.“

Auf einem Bild von 1953, noch aus der Studienzeit, sind spätere Elemente schon beisammen: die vermeintlich frei fließende, aber doch streng gegliederte Fläche; die Pinselführung, die zuweilen an einen Schriftverlauf erinnert; die fernen Anklänge an natürliche Figurationen wie Wellenschlag oder Gesteinsmassen.

Girke arbeitet vorzugsweise seriell, stellt also Gruppen von verwandten Arbeiten zusammen. Wenn sie – wie in Wuppertal – sinnvoll gehängt werden, so ergeben sich optische „Übersprünge“ von Bild zu Bild, als walte da ein Magnetismus. Titel wie „Gleichmaß“, „Schweigen“ oder „Ruhiger Ablauf“ stimmen auf geduldige Betrachtung ein.

Fernöstliche Philosophie (Lao-Tse) ist eine Quelle dieser Kunst. Girke hat sich aber auch eingehend mit Genies der delikaten Farbbehandlung wie Tizian, C. D. Friedrich und Cézanne befaßt. Große Tradition, wenn sie zeitgenössisch anverwandelt wird, geht ihm allemal über Trends. Wer will ihm da widersprechen?

Bis 31. März im Von der Heydt-Museum (Wuppertal, Turmhof 8). Di-So 10-17 Uhr, Do 10-21 Uhr. Katalog 45 DM.

 




Ein Roman, so üppig wie tropische Blüten – John Updikes Buch „Brasilien“

Von Bernd Berke

Welch eine unglaubliche Geschichte: Da trifft ein schwarzer Junge aus den Favelas (Elendsvierteln) von Rio ein weißes Mädchen aus reichem Hause an der Copacabana. Sogleich schläft sie mit ihm und verläßt den ganzen gewohnten Luxus, um von Luft und Liebe zu leben. Auf der Flucht vor den brutalen Schergen ihres Vaters, eines hohen Diplomaten, ziehen Tristao und Isabel kreuz und quer durch Brasilien.

Ebenso erstaunlich ist, daß gerade John Updike diese erhitzte Romeo-und-Julia-Variante erzählt. Wollte der vielgerühmte Chronist der USMittelschicht mit seinem Roman „Brasilien“ etwa bewußt eine neue Kennmarke in seinem Werk setzen? Hat ihn einfach die Exotik der Schauplätze gereizt? Oder ist dieses Brasilien gar ein Gleichnis?

Updike treibt sein ungleiches und doch so verschworenes Liebespaar zwischen 1966 und 1988 durch das ganze Riesenland und durch mancherlei Unbill. Stationen des langen Liebes-, Lust- und Leidensweges sind Rio, Sao Paulo, Brasilia, Mato Grosso und entlegene Dschungelgebiete.

Gelegentlich muß Tristao mit einer in der Hosennaht verborgenen Rasierklinge hinlangen, um sich seiner Haut zu wehren. Zwischendurch werden dem Paar zwei Kinder geboren, fast wie die von Herodes verfolgte Heilige Familie ziehen sie da durch die Einöde. Später werden die Kinder von blutrünstigen Indianern geraubt. Unwiederbringlich.

Tristao schuftet als Fließbandarbeiter bei VW do Brasil, versucht sein Glück als Goldgräber und verdingt sich auch schon mal als Disco-Türsteher, während die in Elite-SchuIen erzogene Isabel als Näherin oder Hure tätig wird. Am liebsten aber greift sie für ihre oft extremen Liebesspiele auf Tristaos „Yamswurzel“ zurück. So naturpoetisch benennt Updike das Geschlechtsorgan seines männlichen Heiden. Er läßt sich keine Gelegenheit entgehen, eine seiner großen Stärken auszuspielen: die genüßliche Beschreibung von Sex in seiner Vielfalt.

Keine Lust mehr auf bürgerliche Langeweile

Doch der Autor will natürlich mehr. Er faltet die ganze neuere Geschichte Brasiliens (zwischen Militärregime, studentischem Aufbegehren, wirtschaftlichem Wildwuchs und galoppierender Inflation) vor uns aus. Er sucht auch in die tieferen Schichten der Mentalität vorzudringen und entdeckt darin eine vital-sprudelnde Mischung aus Schwermut und Leichtsinn.

Die Odyssee der bedingungslos Liebenden erweist sich auch als Zeitreise zu den Ursprüngen des Landes. Mysteriöser Scheitelpunkt der Geschichte ist jenes Traumzeit-Ritual, dem sich Isabel bei einem Schamanen im Dschungel unterwirft. Dessen Magie bewirkt, daß sie und Tristao die Hautfarbe tauschen: Sie wird schwarz, ihr Geliebter weiß und damit vollends karrieretauglich. Die uralten Zauber-Praktiken rufen die Vision einer multikulturellen Gesellschaft hervor, in der einer den anderen aus der Erfahrung seines Lebens heraus toleriert oder sogar liebt wie sich selbst.

All das konnte Updike in der Tat schwerlich mit einer US-Story beglaubigen. Er deutet ja an einer Stelle selbst an, warum er sich auf ein ganz anderes Gelände begeben hat: „Die Banalität, die bunt maskierte Langeweile des bürgerlichen Lebens – sie läßt den Geschichtenerzähler verstummen.“

Und verstummt ist Updike hier sicherlich nicht, ganz im Gegenteil: Phantasie, Sprache und manchmal auch ein etwas hohl tönendes Pathos wuchern in diesem Roman so üppig wie tropische Blüten.

John Updike: „Brasilien“. Roman. Rowohlt-Verlag. 316 Seiten, 42 DM.

 




Giftiger Wein von den netten alten Damen – „Arsen und Spitzenhäubchen“ im Hagener Theater

Von Bernd Berke

Hagen. Wenn in Hagen, wo sonst Musiktheater und Ballett auf dem Plan stehen, einmal ein Sprechstück gegeben wird. so sind keine Experimente gefragt. Dann muß entweder bürgerlich gediegene Bildung oder leichte Unterhaltungskost her. Die Serienmord-Farce „Arsen und Spitzenhäubchen“ von Joseph Kesselring erfüllt die zweite Bedingung.

Die beiden liebenswerten alten Damen Martha und Abby Brewster (Erica Pilari, Malwine Moeller) könnten wohl keiner Fliege etwas zuleide tun. Zu schade, daß die zwölf einsamen Herren, denen sie mit vergiftetem Holunderwein „aus Barmherzigkeit“ den Garaus gemacht haben, keine Fliegen gewesen sind. Zwölfe hat auch der Neffe Jonathan (Intendant Peter Pietzsch höchstpersönlich) auf dem Kerbholz, nur daß dieser vierschrötige Kerl mit dem Frankenstein-Gesicht (mißlungene Operation) die Leichen bei einer Hetzjagd um die halbe Welt hinterlassen hat. Daheim, so lernen wir in der Schule des Makabren, ist sogar das Morden am gemütlichsten.

Und auch noch effektiver: Am Ende ziehen die Ladys mit 13:12 Toten an die Tabellenspitze, während Jonathan im Knast schmort. Dessen harmlos verrückter Bruder Teddy (Jean Schmiede), der sich für den US-Präsident Roosevelt hält und im Keller seinen Panama-Kanal gräbt, sowie der nervöse Theaterkritiker Mortimer (Axel Friese) sind weitere Arten im Zoo der Verstörten.

Hier gibt es keine Neudeutung und keine Abgründe

Der Broadway-Erfolg von 1941 ist mittlerweile leicht angestaubt, und in Hagen gibt man sich keine übermäßige Mühe, ihn etwa zu entstauben. Wir sehen, was wir kennen: Schon die herkömmliche, naturalistisch eingerichtete Komödienbühne (Peter Umbach) mit den vielen Türen fürs Hereinplatzen im (un)günstigsten und damit lachdienlichsten Moment, ist von altbackener Solidität.

Regisseur Peter Schütze hat keine sonderlich subtilen Spielchen im Sinn. In absurde Abgründe blickt man da nicht. Wenn man überhaupt erschrickt, dann mit wohligem Schauder. Gespielt wird mit bravem Bemühen. Die Gesten sind nicht immer fein austariert, manchmal wird ziemlich gefuchtelt und gedröhnt, um das Gelächter gleichsam herbeizuzwingen.

Alles in allem war s dennoch eine ganz sympathische Veranstaltung, die mit freundlichem Beifall quittiert wurde. Und niemand mußte grübeln: Was wollten uns die Theaterleute damit sagen?

Unfreiwillige Dreingabe zwischendurch: Zweimal mußte während der Premiere der Vorhang kurz zugezogen werden, weil auf der Bühne die Elektrik ihren Dienst versagte. Und im Programmheft wird einem Optiker für die bloße Leihgabe einer einzigen Brille gedankt. Ist das Theater denn schon so arm dran?

Termine: 30. Januar, 10., 21., 26., 27., 28. Februar. Karten: (02331) 207-3218.




Die Posen des jungen Werther – Joachim Meyerhoff im Einpersonen-Stück nach Goethe

Von Bernd Berke

Dortmund. Leuchtenden Blicks betritt der junge Mann die Bühne. Er schaut aus dem Fenster, labt sich am Anblick der Natur. Später wird die Liebe noch mehr Glanz in seine Augen bringen. Doch am Ende flackert der Wahn in den Pupillen. So sind „Die Leiden des jungen Werther“. Aber sind sie es wirklich?

Ist es wirklich noch Goethes Briefroman, der im Studio des Dortmunder Theaters in einer Ein-Mann-Produktion verkörpert wird? Joachim Meyerhoff firmiert als Regisseur, Bühnenbildner und Solodarsteller. Respekt vor seinem Mut! Er hat wohl weitgehend ohne Widerhall gearbeitet. Oh, einsames Spiel, passend zum Liebesweh…

Werthers unerfüllte Sehnsucht nach der schönen Lotte, die bereits dem braven Albert versprochen ist, hat nicht nur literarisch Epoche gemacht. Damals, im „Sturm und Drang“, wurden seine Stulpenstiefel, die blaue Jacke mit gelber Weste Mode – und auch sein Selbstmord wurde vielfach nachgeahmt.

Betrifft einen das noch? Wenn man je heftig verliebt gewesen ist: Ja. Und wie! Denn es ist ein reicher, ein unerschöpflicher Text. Meyerhoff“ traut Goethe offenbar nicht ganz über den Weg. Tatsächlich kann man den „Werther“ ja nicht mehr bruchlos spielen. Seine Briefe an den fernen Freund Wilhelm gerinnen hier – in sinnvoll gekürzter Form – zu Selbstgesprächen. Per Dia-Projektion wird jeweils ein Kernsatz des kommenden Abschnitts angezeigt. Dann flammt das zuvor erstorbene Licht wieder auf. Es bewirkt ein stetiges Auf- und Abtauchen der Figur.

Ein Herz pulsiert elektrisch

Und so sehen wir diesen „Werther“, wie er sich behutsam (und manchmal mit einem Anflug von Ironie) an die wunderschöne Sprache herantastet, wie er die Worte wägt, Stuhl und Tisch versuchsweise hin und her rückt. Es ist, als überlege er noch, wie er sich zum Text stellen soll. Mal nimmt er probehalber den Gestus eines Kongreßredners ein, mal hängt er sich an die Wand wie gekreuzigt, oder er reitet zitternd auf dem Stuhle. Solche gesuchten Haltungen erstarren leicht zu Posen. Und manchmal wird es seltsam komisch. Wenn Werther sagt, er habe Lottens Auge gesucht, so wühlt er in den Jackentaschen. Doch es gibt auch gelungene Szenen: Der anfangs glückliche Werther etwa, im beseelten Umgang mit den Requisiten, die er spielerisch leicht handhabt.

Man darf sich aber den „Werther“ leidenschaftlicher vorstellen, drängender, fiebriger. Gewiß: Auch der Dortmunder Werther zeigt eine Leidensmiene vor, windet und krampft sich in sich selbst hinein, spricht verzweifelt dem Rotwein zu. Doch das meiste scheint eher vom kühlen Hirn gesteuert zu sein, nicht so sehr vom heißen Herzen. Ein solches hängt nur als knallrotes Dekorationsstück in der Luft und pulsiert elektrisch.

Weitere Termine: 30. und 31. Januar. 3., 4., 16. und 17. Februar, jeweils 20 Uhr. Karten: 0231 / 16 30 41.




Ruhrfestspiele: Theaterzauber zum Jubiläum – Mit Piccoli, Robert Wilson, Peter Brook

Von Bernd Berke

Hamburg/Recklinghausen. Mit berühmten Namen lockt Hansgünther Heyme, künstlerischer Leiter der Ruhrfestspiele, zur Jubiläumssaison 1996. Wenn die Festspiele 50 Jahre alt werden, kommen u. a. Bühnen-Koryphäen wie die Regisseure Robert Wilson und Peter Brook sowie der Schauspieler Michel Piccoli nach Recklinghausen.

Heyme selbst sorgt für die große Eigeninszenierung (Shakespeares „Was ihr wollt“) und spielt dabei gar selbst den Haushofmeister „Malvolio“. Nach dieser Premiere (4. Mai) wird zur rauschenden Ballnacht gebeten.

Heyme stellte das Programm in Hamburg vor und brachte dem Chef des Deutschen Schauspielhauses, Frank Baumbauer, zwei mit Schleifchen versehene Briketts als Gastgeschenk mit. Denn im Austausch zwischen Ruhr und Alster hatte vor einem halben Jahrhundert alles mit dem schwarzen Gold begonnen.

Es begann in einem harten Winter

Der Gründungsmythos: Unter großem persönlichen Risiko (Verstoß gegen Vorschriften der britischen Militärregierung) lieferten Recklinghäuser Bergleute im Winter 1946/47 den frierenden Hamburger Schauspielern wärmende Kohle. Die Mimen revanchierten sich mit Vorstellungen im Revier, und daraus erwuchsen allmählich die Ruhrfestspiele. Ein umfangreiches Buch und eine Sonderbriefmarke sollen ebenso an die glorreiche Festspiel-Historie erinnern wie ein von Alfred Biolek moderierter Abend in Recklinghausen.

Von seinem Jubiläumsprogramm ist Heyme so überzeugt, daß er tollkühn „allen schwachsinnigen Musical-Produktionen“ zwischen Bochum und Duisburg den Kampf ansagt. Immerhin hat er mit dem Bertelsmann-Verlag einen neuen Sponsor gewinnen können. Als absolutes Highlight stellte Heyme „La malade de la mort“ (Die Krankheit Tod) heraus. Der US-Theaterzauberer Robert Wilson wird dieses Stück von Marguerite Duras in Szene setzen, Kino-Berühmtheit Michel Piccoli spielt jenen alternden Mann, der sich für einige Nächte ein Mädchen kauft.

Gar nicht heimliche Liebe zu Lausanne

Lausanne scheint Heymes gar nicht mehr so heimliche Lieblingsstadt in Sachen Theater zu sein. Nicht nur Wilsons Inszenierung ist eine Koproduktion mit dem Théâtre Vidy-Lausanne, sondern auch Peter Brooks Deutung der „Glücklichen Tage“ von Samuel Beckett sowie zwei weitere Heyme-Inszenierungen: Goethes „Iphigenie auf Tauris“ (wird nahe der Recklinghäuser Zeche König Ludwig in einem Zeit gespielt, anschließend gibt’s Erbsensuppe beim Schein von Grubenlampen) und Sophokles‘ „Antigone“ als Wiederaufnahme.

Und nochmals Lausanne als Quellgebiet: Maurice Béjart kommt mit seiner Truppe zur Welt-Uraufführung des Tanzstücks „Messe für die heutige Zeit“. Vorgesehene Gastspiele beim „Europäischen Festival“ (Motto diesmal: „Kunst ist der Motor jeder Kultur“): Schillers „Don Carlos“ (Regie: Anselm Weber, Deutsches Schauspielhaus), George Taboris Inszenierung seines Stücks „Die Massenmörderin und ihre Freunde“ aus Wien, ein Fassbinder-Projekt aus Strasbourg und „Fura dels Baus“ aus Barcelona mit dem Stück „Manes“ um Geburt, Sex und Tod.

Komplette Programme, Kartenbestellungen (ab sofort): Ruhrfestspiele. Otto-Burrmeister-Allee 1. 45657 Recklinghausen. (023 61) 91 84 40.




Stets ritterlich zu den Schriftstellern – Gesammelte Kritiken und Essays von Sigrid Löffler

Von Bernd Berke

Schon oft hat uns Sigrid Löffler Genugtuung und manchmal auch Vergnügen bereitet, wenn sie mit ironisch oder beleidigt gekräuselten Lippen den Herrschaften Reich-Ranicki und Karasek im „Literarischen Quartett“ des ZDF klug Paroli bot. Nun sind ihre Zeitungs-Kritiken, Glossen, Porträts und Essays als Sammelband erschienen. Gleichfalls ein geistiges Vergnügen?

Zunächst einmal erfährt man aus ihrem Buch einiges übers österreichische Innenleben, von der bedrohlich rechtslastigen „Verhaiderung der Republik“ bis hin zum allffälligen „Kulturkampf“ um Burgtheaterchef Claus Peymann sowie – bester Text im ganzen Buch – dessen im Zorn aus Wien geschiedenen Schauspielerstar Gert Voss.

Autoren wohnen meist sehr schön

Doch damit hat es längst nicht sein Bewenden. Denn Frau Löffler unternimmt etliche schöne Reisen, um ihre Lieblingsautor(inn)en in Augenschein zu nehmen. Sie sucht den empfindsamenKünder Peter Handke in dessen Pariser Domizil auf, jettet zur „Meinungsmaschine“ Susan Sontag nach New York, stattet den Schriftstellerinnen Antonia S. Byatt und Ruth Rendell Visiten in England ab. Beneidenswert.

Gemessen an solchem Aufwand, wirken die Resultate zuweilen etwas brav. Sigrid Löffler will den Verehrten eben nicht wehtun. Einfühlsam schildert sie schon die jeweiligen Wohnungen, so als erwäge sie, sich selbst dort niederlassen. Die etwas geduckte Haltung droht den kritischen Blick zu trüben.

Andererseits entstehen aus der Sympathie einige Porträts, die uns die Autoren wirklich näherbringen. Mehrmals nimmt man sich bei der Löffler-Lektüre fest vor: Von dem oder jener müßtet du doch mal (wieder) etwas lesen. Umso besser, wenn die Ansätze originell sind – wie beim Aufsatz über Martin Walser, der im professionellen und familiären Verhältnis zu seinen vier Töchtern (zwei Schauspielerinnen, zwei Schriftstellerinnen) ungewohnte Seiten zeigt.

Gelegentlich widmet sich Sigrid Löffler auch den vom Literaturbetrieb „vergessenen“ oder sonstwie randständigen Gestalten wie W. G. Sebald oder auch Peter Hacks, der seit der „Wende“ allgemein totgeschwiegen wird, weil er sich höchst verwegen zur alten Ulbricht-DDR bekennt und die Honecker-Ära schon als Niedergang des wahren Sozialismus begreift.

Auf der sicheren Seite

Gern nimmt Frau Löffler Autoren gegen das Gros der bösen Kritik in Schutz, z. B. Günter Grass und Peter Handke. In solchen Fällen wirkt sie geradezu ritterlich. Beinahe unnötig zu sagen, daß sie politisch immer den Aufrechten angehört. Maßvoller Linksliberalismus. der jeden mißverständlichen Zungenschlag sensibel meidet, dazu eine Spur von unverfänglicher Frauenbewegtheit. Mit solchen edlen Grundhaltungen steht sie stets auf der sicheren Seite, ist aber nicht durchweg gegen Anflüge gepflegter Langeweile gefeit. Es fehlt hier und da eine Prise von Provokation, die hellhörig machen würde.

Sprachlich fällt dies auf: Hat sie einmal einen vermeintlich besonders treffenden Ausdruck gefunden, so verwendet Sigrid Löffler ihn hartnäckig und unverwandelt weiter, auch wenn es dann schon mal unschön scheppert. So beharrt sie auf der Charakterisierung „intellektueller Pop-Star“ für Susan Sontag oder reitet auf Lieblingsworten wie „zugange“ und „angesagt“ herum.

Vor Klischees ist sie nicht immer sicher: Da nennt sie Wolfgang Kresnik kurzum einen „Tanz-Berserker“ und verknüpft – in einer Tirade gegen Wegwerf-Journalismus – das Wort „Blattmacher“ sogleich mit „Plattmacher“. Am Zeitmangel lag es nicht: Sie hat die Beiträge fürs Buch überarbeitet.

Doch alles in allem: Sie schreibt meist einen recht lockeren, eingängigen und verständlichen Stil. Das ist bei Kritikern ihres seriösen Ranges wahrhaftig keine Selbstverständlichkeit.

Sigrid Löffler: Kritiken – Portraits – Glossen. Deuticke-Verlag. 271 Seiten, 39,80 DM.




Diese besondere Art der Zuneigung – „Nelly & Monsieur Arnaud“ von Claude Sautet

Von Bernd Berke

In den neueren Filmen von Claude Sautet geht es um das knappe Scheitern der Liebe. Das Augenmerk gilt dem Prozeß, in dessen Verlauf Mann und Frau einander um Haaresbreite verfehlen. Unerbittlich ist dabei die Zeit: Eben wäre es vielleicht noch die Liebe gewesen, jetzt ist es ein anderes, ganz eng verwandtes (aber eben verwandeltes) Gefühl. So ging es in „Ein Herz im Winter“, so geht es in „Nelly & Monsieur Arnaud“.

Die beiden Hauptpersonen sind eine junge Frau, die sich gerade von ihrem Mann getrennt hat, und ein älterer Herr, vormals Richter in den französischen Kolonien, der seit längerem allein wohnt und nun biographische Bilanz ziehen, aufs Wesentliche zusteuern will: Er möchte seine Memoiren als Buch herausbringen.

Arnaud ist also drauf und dran, sich an die Welt zu wenden, während Nelly gerade in sich geht und ihr Seelenleben zu ordnen sucht. Zwei Lebensmomente mit Schnitt- und Kreuzungspunkten. Das folgende Spiel aus Näherung und Distanz ist hier schon im Keim angelegt. Nelly (die berückend schöne Emmanuelle Béart) hat Schulden und sucht einen Job, Arnaud (Michel Serrault) ist vermögend und braucht eine Schreibkraft, die seine Erinnerungen tippt. Wie passend! Also gibt er ihr schon mal 30 000 Francs extra und engagiert sie gegen weitere Bezahlung. Ein leiser Hauch von Prostitution umweht diesen Tauschakt im Café, jenem beliebten Ort der Balance zwischen Öffentlichkeit und Intimät.

Zunächst sind es Arbeitstreffen, nachmittags in Arnauds gediegener Wohnung. Aber wer könnte einer Nelly lange widerstehen? Schon ihr Augenaufschlag, wenn sie an Arnauds Computer sitzt – auch Maler wie Vermeer oder Renoir hätten sich wohl in diesen Anblick verliebt.

Nach und nach rinnt also in die tägliche Gewohnheit ein beiderseits anschwellendes Interesse aneinander, untergründige Erotik Inbegriffen. Auch als Zuschauer empfindet man es bald als grob und störend, wenn die anderen Menschen in diese sich mehr und mehr verwebende Zweisamkeit hereinplatzen – ob nun besuchsweise oder am Telefon.

Der noble Herr wird plötzlich richtig eifersüchtig

Als Nelly gar vom Verleger, der Arnauds Erinnerungen herausbringen soll, recht irdisch umworben wird, ziehen Wolken auf: Arnaud mag sich zwar keine Eifersucht eingestehen, er strengt sich an, eine lebenslang eingeübte noble Haltung zu bewahren. Doch dann bricht es – für einige Augenblicke – umso heftiger aus ihm hervor.

Die Beziehung, so mag es scheinen, bleibt ungelebte Möglichkeit. Oder sollte sie sich doch schon kostbar erfüllt haben, auch und gerade ohne sexuelle Vollbringung? Es bleibt in der Schwebe. Am Ende jedenfalls begibt sich Arnaud mit seiner wieder aufgetauchten Frau auf eine jahrelange Weltreise.

Wir sehen noch, wie Nelly und er erstmals wieder verschiedene Wege gehen. Sie tragen ihre „ganze Geschichte“ noch sichtbar als töricht-schöne Verwirrung in den Köpfen, halten noch einmal inne und sind schon bleibender Erinnerung gewiß. Dann schreiten sie zögernd ins „Leben danach“.

Sautet läßt sich völlig auf die Gesichter und Gesten seiner Schauspieler ein, die Kamera erfaßt jede zuckenden Mundwinkel in Großaufnahme. Dabei entsteht ein psychologisch feinstens gesponnener, geradezu zärtlicher Film, der allen Nuancen einer besonderen Zuneigung innig nachspürt.




Im Land der erloschenen Seelen – Zwei Einakter von Tennessee Williams in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Wenn Figuren von Tennessee Williams die Bühne betreten, sind ihre Lebens-Hoffnungen meist schon erloschen, und wir erleben nur noch das Nachglimmen ihrer versengten Seelen. „Etwas Unausgesprochenes“ (Stücktitel) lastet dann bleischwer auf den Gemütern.

In Wuppertal hat Regisseur Holk Freytag diesen Einakter mit „Plötzlich letzten Sommer“ verknüpft – ein seit der Doppel-Uraufführung (1958) gängiges Verfahren. So gerät auch der Übergang zwischen beiden Dramen wundersam fließend. Auch das karge, atmosphärisch stimmige Bühnen-Arrangement im Foyer (mit knarzigen Korbstühlen und einer hell angestrahlten Rose) bleibt gleich.

Im Kerzenlicht beginnt „Etwas Unausgesprochenes“, jene Einsamkeits-Etüde für zwei Personen und ein Telefon. Es scheint, als müßten Miss Cornelia Scott (Rena Liebenow) und Grace (Eike Gercken), die seit 15 Jahren zu zweit unter einem Dach wohnen, einander so vertraut sein wie innere Stimmen.

Doch in Wahrheit herrscht knisternde Befremdung zwischen ihnen. In der Schwebe bleibt, ob Cornelia sich einst eine lesbische Beziehung zu Grace erträumt hat. Das ganze Verhältnis ist derart unklar, daß sich all das Verschwiegene in einer nur mühsam gebändigten Aufgeregtheit der beiden Frauen Bahn brechen will. Die eine wirkt dabei burschikos, die andere zerbrechlich wie Glas, doch beide sind nervlich zerrüttet.

Die zwei Schauspielerinnen tupfen das alles sozusagen nur hin, wozu große Disziplin gehört. Nichts wirkt exaltiert, man ahnt nur andeutungsweise die Halbschatten der Seele, die ungesunde Selbstbeschränkung dieser Menschen, die immer etwas ganz heiß herbeiwünschen, es aber zugleich hartnäckig leugnen und verbergen.

Rena Liebenow spielt auch eine Hauptrolle in „Plötzlich letzten Sommer“. Nun ist sie Mrs. Venable, Mutter des verstorbenen Dekadenz-Lvrikers Sebastian, mit dem sie an den elegantesten Orten „wie Skulpturen gemeißelte Tage“ erlebt hat. Sie glaubt zumindest fest daran.

Dramaturgie aus dem Dampfkessel

Das mit den Skulpturen könnte von Rilke stammen, doch ansonsten ist es schwächerer Williams: hitzige Sprachbilder, überfrachtete Psychologie, Dramaturgie im Dampfkessel.

Mrs. Venable ist jedenfalls zutiefst verletzt, weil Sebastian die letzte Sommerreise seines Lebens nicht mit ihr, sondern mit der jungen Catharine (Eike Gercken) gemacht hat. Nun will sie Catharine die Schuld am Tod des Sohnes anlasten, sie sodann für verrückt erklären lassen und einer gefährlichen Hirnoperation bei Dr. Cukrowicz (Hans-Christian Seegcr) zuführen. Schrecklich genug.

Doch was die junge Frau im Diagnose-Gespräch dem Arzt erzählt, ist mindestens ebenso schlimm: Sebastian habe in den Armutsvierteln der Knabenliebe gefrönt und sei am Ende von einer Jungenschar geradezu kannibalisch zerfetzt worden. Ist es Fieberwahn oder Wahrheit?

Die Regie setzt Musikuntermalung (bis hin zur Gregorianik) und schließlich auch Halleffekte ein, um die Weite des Seelenlandes zu ermessen. Sinnfällig wird gezeigt, wie die Figuren auseinanderdriften, jede auf ihren eigenen Stern. Großartig Eike Gercken, deren Schilderungen auch ohne tonale Zutaten bedrückend bildkräftig im Raum stehen.

Termine: 11., 17., 25. Januar, jeweils 19.30 Uhr. Karten: 0202/563 44 44.




Wenn die Gespenster aus den Grüften der Geschichte steigen – „Der Blick des Odysseus“ von Theo Angelopoulos

Von Bernd Berke

Theo Angelopoulos ist ein Mann der Grenzbezirke. Seine Filme spielen meist im leeren Niemandsland zwischen den Staaten, gleichsam auf äußerstem Vorposten am Saum unserer Zeit. Auch „Der Blick des Odysseus“ scheint sich in unbestimmte Fernen zu richten. Doch er hat ein Ziel.

Der antike Mythenheld tritt hier als griechischer Filmemacher mit dem Kürzelnamen „A“ in Erscheinung. Dieser kehrt aus dem US-Exil heim und begibt sich auf die Suche nach den sagenhaften Filmen der Brüder Manakis vom Beginn des Jahrhunderts. „A“ will auf den uralten Zelluloidstreifen „die Unschuld“ der Bilder wiederfinden.

Klingt etwas anstrengend. Und tatsächlich gibt es ja kaum einen Regisseur, der mit höherem Kunstanspruch daherkommt als Angelopoulos. Doch seine flehentliche Odyssee hat durchaus reale, wenn auch schwer faßbare Hintergründe: die seit dem Zusammenbruch des Kommunismus aus den Grüften der Geschichte aufsteigenden Gespenster.

Zu Beginn gerät der Filmemacher in einen furchterregenden Fackelzug dumpfer religiöser Fundamentalisten. Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus, so erfährt man auf der dreistündigen Suchreise durch Europas Südosten, werden solche totgeglaubten Geister wieder schrecklich wach – Jugoslawien ist nur das krasseste Beispiel.

Dorthin, nach Sarajevo, führt die Fahrt am Schluß, und eine nur erahnbare Erschießungsszene im dichten Nebel raubt einem vollends den Atem. Darin stecken mehr Andacht und Mitleiden als in jedem Nachrichtenbild des Krieges. In Sarajevo findet „A“ auch jenen alten Mann, der die ersehnten Filmdosen verwahrt, ihren Inhalt aber mangels richtiger Emulsion immer noch nicht entwickeln kann. Ein Spannungsmoment.

Angelopoulos unternimmt seine Suchreise mit betörend langsamen Bildern. Die meisten Einstellungen dauern just bis zu dem Moment, in dem sich das Auge daran „gesättigt“ hat. Beispiel: Viele, viele Minuten lang wird die mit einem Kran vollbrachte Demontage einer riesigen Lenin-Statue gezeigt, sodann deren Verschiffung. Und siehe da: Man gewinnt der vermeintlich so statischen Szenerie immer wieder neue grandiose Ansichten ab. Es sind Denkbilder. Zudem haben alle Augenblicke – wie ein Zaubergeflecht – ganz innig miteinander zu tun, jeder spiegelt und erweitert den anderen.

Wenn „A“ (ruhige Kraft: Harvey Keitel) auf seiner sonst so einsamen Irrfahrt verschiedenen Frauen begegnet, so ist das wie eine mehrfache Prüfung im Märchen. So, als dürfe er seine Suche erst nach diesen Etappen fortsetzen. Überall ist Exil: Mit der Hauptfigur ziehen wir, ebenso verunsichert wie fasziniert, durch Orte größtmöglicher Verlassenheit und Fremde, an denen nur noch die nationalistischen Dämonen der europäischen Historie zu hausen scheinen. Gegen derlei Phantome aus dem Vorkriegs-Kontinent muß die Reinheit der Bilder wiedergewonnen und gegen die Abstumpfung mobilisiert werden. Eine Rettungstat also, eines Helden würdig.




Bilder wie lockende Früchte – Essener Retrospektive zum Werk von Félix Vallotton

Von Bernd Berke

Essen. Mit Superlativen sollte man vorsichtig sein. Trotzdem: In Essen ist jetzt die weit und breit wohl schönste Kunstausstellung des Jahres zu sehen. Zumindest im Ruhrgebiet hat es heuer nichts gegeben, was der Essener Retrospektive über Félix Vallotton gleichgekommen wäre.

Vallotton wurde 1865 in Lausanne geboren. Zwar kam er schon 1882 nach Paris, doch dort malte er anfangs noch nach Schweizer Art: Alpen-Motive, gelegentlich auch mit weidenden Kühen. Mag sein, daß die Franzosen dies ein bißchen rückständig gefunden haben. Alsbald jedenfalls verlegte sich Vallotton auf Porträts, mit denen man im wohlhabenden Paris mehr Geld verdienen konnte. Daraus erwuchs ein erster Gipfel in Vallottons Schaffen: Intérieurs, also Bildnisse, deren Gefühlswerte mit atemberaubender Genauigkeit von Zimmern und deren Einrichtung bestimmt werden. Es ist, als atmeten diese Bilder ihre Stimmungen leise aus.

Vielsagender Hut auf dem Stuhl

Wie konnte dieser Mann die Stofflichkeit erfassen und betörend sinnlich wiedergeben! Im „Bildnis der Eltern“ (1886) glaubt man den samtenen Sesselbezug mit Händen greifen zu können, so haarfein ist er gemalt. Wunderliche Versteckspiele, die eigentlich Enthüllungen waren: Auf dem Gemälde „Der Besuch“ (1887) ist kein lebendes Wesen zu sehen. Nur ein Hut liegt auf dem Stuhl. Und doch ist der ganze, unterschwellig erotische Charakter der Visite im Requisit atmosphärisch eingefangen.

In der Graphik, die gleichfalls mit herausragenden Beispielen vertreten ist, erprobte Vallotton die Wirkung flächiger Darstellung. Von der Figürlichkeit ließ er sich durch derlei Experimente nicht abbringen. Nach und nach schmolzen freilich alle überflüssigen Details weg, und Vallotton gelangte zu einer prägnanten Formensprache, in der die gezeigten Menschen und Dinge nur noch sie selbst zu sein scheinen – ganz ungestört und doppelt wirklich. Wie Früchte, die unmittelbar vor einem liegen und in die man sogleich hineinbeißen kann.

So rinnt denn der Sand wie ein Urbild jeden Sandes, und das Gebirgsmassiv wird zur reinen Struktur, zum allzeit gültigen Zeichen. Die prallen Akte scheinen majestätisch aus den Rahmungen steigen zu wollen. Für Momente vergißt man, daß diese Bilder aus Ölfarbe und Leinwand bestehen.

Ausflüge bis ins Traumreich

In Vallottons Universum haben etliche Stilrichtungen Platz. Manche Landschaften sind symbolistisch behaucht, späte Aktbilder haben die Neue Sachlichkeit angeregt, wieder andere Werke deuten voraus auf surrealistische Traumwelten oder gar auf die abgründige Leere in den Entfremdungs-Szenen eines Edward Hopper. Drei badende Frauen scheinen in einer Art Teersuppe zu versinken, ein Rückenakt im giftgrünen Wasser und vor schwarzblauem Himmel wirkt wie ein monumentales Phantom der Körperlichkeit. Solch visionäre Kunst stößt Pforten der Wahrnehmung auf. Weiche Drogen fürs Auge.

Museum Folkwang, Essen (Goethestraße). 26. November bis 18. Februar 96. Di.-So. 10-18 Uhr, Do. 10-21 Uhr. Mo. geschlossen. Eintritt 10 DM, Katalog 39 DM.




Im „Faust“ wird mit der Maus geblättert – Wie sich Goethes Weltendrama auf einer CD-Rom liest

Von Bernd Berke

Heute legen wir ’ne heiße Scheibe auf: Goethes „Faust“. Dabei geht’s nicht etwa um eine neue Punkgruppe, die sich frech den klassischen Namen anmaßt, sondern um Johann Wolfgang höchstselbst. Dessen Weltendrama ist jetzt auf einer silbernen Datenplatte (CD-Rom) erschienen.

Entsprechendes Laufwerk vorausgesetzt, kann man entweder ein Suchprogramm oder den kompletten „Faust I“ mit allen Begleittexten und sonstigen Zutaten auf die Computer-Festplatte holen. Letzteres kostet freilich mit happigen 8 Megabyte fast so viel Speicherplatz wie das gesamte „Windows“-System (Version 3.1), also die kleinen Bildfenster zum Anklicken mit der Maus.

Und was hat man davon? Nun, bestimmt keine gemütliche Lektüre zum Kaminfeuer. Die Seiten erscheinen mit einer gelbgrau melierten „Tapete“ hinterlegt. Hübschhäßlich.

Man blättert mit dem Mauszeiger. Dieser verwandelt sich zwar nicht in eine Faust (haha), wohl aber in ein kleines Händchen, das auf vor- und rückwärts gespitzte Symbol-Dreiecke deutet. Mit der richtigen Hand in einem richtigen Buch geht’s schneller, vom sinnlichen Gefühl beim wirklichen Blättern ganz zu schweigen. Jedenfalls könnte einem angesichts der flimmrigen Texte schon dieses „Faust“-Zitat einfallen: „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten…“

Wo der Hund begraben liegt

Aber die Computer-Ausgabe hat mehr zu bieten. Bestimmte Goethe-Sätze kann man z. B. so ansteuern, daß sich Fenster mit punktgenauen Erläuterungen öffnen. Früher hat man in den Fußnoten oder den Erläuterungen am Ende eines Bandes nachgesehen, nun gräbt man eben direkt unter der Text-Oberfläche. Sodann kann man sich, wenn einem der Sinn danach steht, müßige Späße erlauben: zum Beispiel nachsehen, in welcher Zeile zum ersten Mal Gretchen erwähnt wird und wo sie dann wieder auftaucht. Diese Statistik wollten wir immer schon mal aufstellen. Wir haben uns nur nicht getraut.

Außerdem merkt sich das System die zuletzt aufgeschlagene Seite und kniffelt – wie niedlich! – eine virtuelle Büroklammer an den Rand. Apropos Rand: Wo man ehedem vielleicht seine Anmerkungen hingekritzelt hat, kann man nun ein elektronisches Notizkärtchen aufrufen und seine Ergüsse darauf plazieren. Gepriesen sei der Fortschritt!

Noch’n Test: Wo kommt im „Faust“ das Wort „Hund“ vor? Suchfunktion starten – und man erfährt es. Stelle für Stelle. Erster Fundort: Seite 13 mit dem Zitat „Es möchte kein Hund so länger leben.“ Freilich interpretiert das Programm die Tiergattung doch recht eigenwillig und zeigt später ganz stolz „hund-ert“ oder sogar „gesc-h u n d-en“ vor. Liegt also auch da des Pudels Kern?

„Da steh‘ ich nun, ich armer Tor…“

All das hätte man notfalls ohne Computer bewältigt. Doch auf der (übrigens erstaunlich preiswerten) CD-Rom ertönen an einigen Stellen auch noch Schauspielerstimmen, die Textpassagen auf Abruf vorlesen. Und ein paar kleine Bildchen von alten Theaterzetteln, Goethes Handschrift usw. gibt’s obendrein.

So etwas nennt man heutzutage wohl mutimedial. Es könnte aber auch noch Leute geben, die ihr nüchternes Fazit aus dem „Faust“ beziehen: „Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“

Goethe: „Faust I“. CD-Rom im Reclam-Verlag (14,90 DM). In derselben Reihe: Kafka „Die Verwandlung“, Storm „Der Schimmelreiter“, Lessing „Nathan der Weise“, Schiller „Wilhelm Tell“ u. a.




Die Dame darf sich am Manne emporranken – Münster: „Als die Frauen sanft und engelsgleich waren“

Von Bernd Berke

Münster. Der Ausstellungstitel zergeht auf der Zunge: „Als die Frauen sanft und engelsgleich waren“. Doch Vorsicht! Ein wenig emanzipatorische Absicht steckt schon dahinter, wenn nun in Münster Porträts der Aufklärung und des Biedermeier gezeigt werden.

Diesmal geht es im Landesmuseum weniger um künstlerische Spitzenqualität (obgleich auch die punktuell vorhanden ist), sondern um sozialpsychologische Aussagekraft: In so manchem Bildnis treusorgender Gattinnen und Mütter oder träumender Jungfrauen läßt es sich lesen wie in Büchern. Beispiel: Ein Bräutigam steht vor einem Baumstamm, seine Herzensdame umgibt sich mit Efeu. Will heißen: Sie darf sich hingebungsvoll an ihm emporranken.

Selbst erlauchte Geister des 18. und 19. Jahrhunderts mochten von Gleichberechtigung nichts hören. Schiller dichtete im „Lied von der Glocke“: „Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben“ und befand, daß drinnen die „züchtige Hausfrau“ walte. Johann Gottfried Herder ließ gar wissen, krähenden Hennen und lesenden Frauen gehörten die Hälse umgedreht. Wen wundert es da, daß weit weniger bekannte Maler jener Zeit schon die Kinder ins Schema einfügten: Der Bub pflanzt triumphierend eine Siegesfahne auf, das treuherzige Mädel hält sich an seiner Spielpuppe fest.

Die Lesende sitzt im weichen Licht

Na schön, ein bißchen schlechtes Gewissen macht man(n) sich heutzutage schon draus – doch es ist schwer, sich dem Liebreiz vieler Darstellungen zu entziehen. Wenn etwa Luise Seidler mit den zarten Schwestern „Pauline und Melanie“ (um 1829) wehmutsvoll in die Ferne schaut oder Caroline von der Embde ein „Lesendes Mädchen am Fenster“ (1850) sitzen läßt, von weichem Licht umflort und sinnend, so ist dies eben auf Erden herabgekommene Himmelsschönheit. Wenn man die erst einmal genossen hat, so mag später noch über Rollenzuweisungen gegrübelt werden.

Ausstellungsmacherin Hildegard Westhoff-Krummacher ist nicht mit biestigem Feminismus, sondern mit heiterem Interesse an die Sache herangegangen. Sie hat z. B. festgestellt, daß im Gefolge Jean-Jacques Rousseaus („Zurück zur Natur“) auch Maler den Frauen die Mutterschaft schmackhaft machen wollten. So tritt das naturhafte bürgerliche Weib der lüsternen Adligen entgegen. Letztere klimpert zwar mit kostbarem Geschmeide, aber die „wahre Frau“ schmückt sich mit Sprößlingen…

Hausherr macht sich zum Narren

Die zur Erbauung des Hausherrn versammelte Familie ist gängiger Themen-Standard. Doch wenn Johann Peter Hasenclever die Bildformel in „Der achtzigste Geburtstag“ (1849) aufgreift, wirkt der im gloriosen Lichtkegel hockende Ehrenmann wie ein armer Narr in seinem Patriarchen-Glück. Da erhebt sich schließlich doch die Frage, ob nicht auch die Männer gelitten haben. Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt.

Selbst Details wie die Haartraçht sind wichtig. Während Frauen Zumeist brave Mittelscheitel trugen, wischte sich selbst der Halbglatzen-Herr noch ein paar dynamische Strähnen in die Stirnpartie. Na, wenn es dem Selbstbewußtsein gedient hat…

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster (Domplatz). 19. Nov. bis 11. Feb. 1996. Täglich außer montags 10-18 Uhr. Katalog 45 DM.

 

 




Suche nach der höheren Wahrheit – Werkschau über Kasimir Malewitsch im Kölner Museum Ludwig

Von Bernd Berke

Köln. Ganz eigene Wege geht die Kunst, mit Polit-Floskeln ist sie nicht zu begreifen. Kann man ein Gemälde schlankweg „konservativ“ oder „fortschrittlich“ nennen? Nein. Auch die Werke von Kasimir Malewitsch (1878-1933) lassen ahnen, wie sehr solche Worte ins mehrdeutige Flimmern geraten müssen.

Malewitsch gilt als Heros der Moderne. Mit seinem aus geometrischen Elementen gefügten, sogenannten Suprematismus wollte er von einer „höheren“ Wahrheit hinter der sichtbaren Wirklichkeit künden. Doch eine famose Werkschau im Kölner Ludwig-Museum untermauert jetzt die These, daß Malewitsch dabei aus uralten Quellen schöpfte: Er orientierte sich am Bildaufbau und am Farbschema frommer russischer Ikonen.

Szenen aus dem einfachen Leben

In seiner Frühzeit hatte der in Kiew geborene Künstler nahezu alle gängigen Stile erprobt. Um 1903 gefiel er als Impressionist und malte belebte Prachtboulevards. Zwischendurch gab er sich als ätherischer Symbolist oder wob Jugendstil-Ornamente. Dann wieder gestaltete er Szenen des einfachen Lebens und der frohen Tätigkeit („Dielenbohnerer“, 1911).

Der Umschwung vollzieht sich, als Malewitsch Bühnenbild und Kostüme für die Oper „Sieg über die Sonne“ (1913) entwirft. Seine futuristischen Szenen-Phantasien entspringen dem Geist der Geschwindigkeit und der Geometrie, sie sind entschieden stilisiert und typisiert, ebenso wie die Figurinen, also die Gestalt-Umrisse der Darsteller. Es tritt auf: der wie im Windkanal funktionsgerecht umgeformte Mensch des technischen Zeitalters. Im Gefolge der Sowjet-Revolution stand solcher Umbau des Körpers dann vollends für utopische Heilserwartung.

Als Formexperimente verpönt waren

Auch Malewitsch, ansonsten ein höchst eigensinniger Mensch, läßt sich von der revolutionären Stimmung mitreißen. Er glaubt – wie so viele andere – den Zeitgeist mitlenken zu können. Welch eine fatale Illusion! Offiziell erwünscht waren zunehmend der „Sozialistische Realismus“ und die Glorifizierung heldenhafter Proletarier, verpönt die Form-Experimente.

Doch in den frühen 20er Jahren hat Malewitsch noch Gelegenheit, sein Formenvokabular aus Kreuzen, einfarbigen Quadraten, Ellipsen und Rechtecken durchzubuchstabieren. Wieder und wieder dreht und wendete er solche Elemente, gruppiert sie immer neu. Kunst aus dem Baukasten.

Zurück zu den Anfängen

Wirklich aufregend wird die Schau mit dem Spätwerk Malewitschs. 1927 hatte er die einzige Auslandsreise seines Lebens, die ihn nach Berlin führte, aus bis heute ungeklärten Umständen abgebrochen und war nach Moskau zurückgekehrt. Große Teile seines Werkes ließ er an der Spree zurück. Wollte Malewitsch diesen Verlust vielleicht wettmachen, indem er malerisch zu seiner Frühzeit zurückkehrte und Bilder bäuerlichen Lebens malte? Und: War die Wiederkehr der Gegenständlichkeit am Ende konservativ oder progressiv?

Was den Kunsthistorikern zu schaffen macht: Malewitsch datierte diese Arbeiten listig auf den Beginn des Jahrhunderts zurück. So tragen sie denn auch in Köln teilweise ratlose Aufschriften wie „Schnitterinnen – 1909/10 o d e r nach 1927.

Verblüffend die Kombinatorik, mit der Malewitsch nun die Richtungen zusammenzwingt: So vereint er Porträts im Renaissance-Stil mit grell modernistisch leuchtenden Grundfarben. Bemerkenswert auch jene gesichtslosen Wesen, die wie Schneiderpuppen aussehen. Man könnte sie heute gar als Kritik am anonym gewordenen sozialistischen Menschen verstehen. Doch falls der Künstler es so gemeint hat, hat er seine Absicht gut maskiert…

Bis 28. Januar im Museum Ludwig, Köln (am Dom). Di.-Fr. 10-18Uhr, Sa./So. 11-18. Mo. geschlossen. Katalog: 48 DM.




Durst-Erlebnis zwischen Lippe und Glasesrand – Luigi Pirandellos „Sechs Personen suchen einen Autor“ in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Auf der Bühne sieht’s ja aus wie in einem Speditionslager. Für Luigi Pirandellos modernen Klassiker „Sechs Personen suchen einen Autor“ (Regie: Paolo Magelli – Bühne: Jean Bauer) hat man in Wuppertal allerlei Gerümpel aus dem Möbel-Fundus in die Szenerie gestellt. Das Theater handelt von sich selbst und führt seine Mittel vor, auch die angestaubten.

In eine Schauspielprobe platzen jene sechs Personen, ein loser Verbund mit skandalös-inzestuöser und selbstmörderischer Vorgeschichte. Irgendein Schriftsteller, dem diese Figuren eingefallen sind, hat sie nicht ins Bühnenleben entlassen wollen. Nun geistern sie herum und wollen ihr Drama auf eigene Faust dem Theater andienen.

Der unnachgiebige Zergliederer Pirandello zeigt das Skelett eines möglichen, jedoch immer wieder in Frage gestellten und letztlich verweigerten Stückes. Im Spiegelkabinett von Schein und Sein glimmt alsbald die betrübliche Erkenntnis auf: Das Leben kann es nicht mit dem Theater aufnehmen, weil es nicht zur fest umrissenen Form findet; und das Theater kann sich erst recht nicht mit dem wahren Leben anlegen, weil es den eigentlich ungestalteten Rohstoff zu sehr auf konstruierten Sinn und Wirkung hin stilisiert.

Kompliziert genug: Schauspieler stellen auf der Bühne eine Handvoll typisierter Schauspieler (Diva, Trottel, Naivchen, Zampano) dar, andere Schauspieler die Gruppe der gespenstischen Lebe-Wesen. Ein Theaterdirektor (Nikolaus Kinsky) versucht das Chaos zu regieren, was sich doch dem künstlerischen Zugriff hartnäckig entzieht.

Für die Zuschauer ist’s ein ständiges Durst-Erlebnis zwischen Lippe und Glasesrand. So trocken kann Theater sich geben, wenn es seine eigenen Grundlagen untersucht, statt buchstäblich wie ums Leben zu spielen, spielen, spielen.

Doch so ausgedörrt wie in Wuppertal müßte es nicht sein. Schon die Eingangsszene, wenn die Schauspieler zur Probe hereinschlendern, wäre gewiß plastischer und auch komischer zu haben. Allem erkennbaren Bemühen und Vermögen der Schauspieler zum Trotz, wirkt das „Geschehen“ (wenn man es denn beherzt so nennen will) über weite Passagen diffus, gelegentlich auch konfus. Es ist aber auch unmenschlich schwer, einen Text zu spielen, der ganz bewußt immerzu kurz vor der Stück-Werdung innehält.

Friederike Tiefenbacher in der Rolle der Stieftochter, die als Hure im Hinterzimmer eines Hutsalons dem Vater (Horst Fassel) als Kunden begegnet, trifft die richtige Melange zwischen lasziver Verdorbenheit und verletzter Tugend. Wenn das Schauspieler-Trüppchen ihre und die weiteren Tragödien nachzustellen sucht, rutscht man freilich – gegen den ausdrücklichen Willen von Signore Luigi Pirandello – zu sehr ins Parodistische ab. Aus der doch so fragilen Bordellszene wird da nahezu ein gestisch angedeuteter Brutalporno. Eine Selbstkritik des Theaters, das heutzutage manchmal mit Schock-Effekten die Leute locken will?

Es gibt aber auch frappierende szenische Einfälle. Beispiel: Wenn etwa eine Passage aus lauter gesprochenen Ziffernfolgen (Sie: „21-22?“ – Er: ,,76!“) entwickelt wird, so spürt man einiges vom typisch theatralischen Schwebezustand zwischen verzweifelter Sinnproduktion und zungenfertig vorgetragener Absurdität.

Termine: 15., 17., 18., 19. und 22. Nov. (letzte Vorstellung), jeweils 19.30 Uhr (Karten: Tel. 0202/5634444).




Kinderbücher für alle „Menschen im Aufbruch“ – Inge Meyer-Dietrich erhält den 10. Literaturpreis Ruhrgebiet

Von Bernd Berke

Im Westen. Erstmals bekommt eine Kinderbuchautorin den Literaturpreis Ruhrgebiet: Inge Meyer-Dietrich (51) darf sich über die Aufwertung ihrer oft schmählich vernachlässigten Sparte freuen.

Die Preisträgerin stammt aus dem Sauerland. Sie wurde in Altena geboren, wuchs in Bochum auf und lebt heute in Gelsenkirchen-Buer. Kinderbücher („Plascha“, „Rote Kirschen“) lägen ihr am Herzen, weil sie so gern „Menschen im Aufbruch“ schildere, sagte die dreifache Mutter gestern. Die Auszeichnung, vormals an so bekannte Autoren wie Max von der Grün und Josef Reding vergeben, ist mit 15 000 DM datiert. Inge Meyer-Dietrich setzte sich gegen 34 andere Nominierungen durch, u. a. mit Geschichten über die gelungene Integration polnischer Kinder im Revier.

Für die beiden mit je 5000 DM gepolsterten Förderpreise waren diesmal satirische Texte gefragt. Die Jury bewertete 159 Einsendungen. Es kristallisierte sich übrigens kein Thementrend heraus: Scharf gespottet wird über alles und jedes, ob über Höhen der Politik oder Niederungen des Privatlebens – beziehungsweise umgekehrt.

Ein Förderpreis geht nach Dortmund: Ulla Diekneite (38) ist bisher als Mitglied des Kabarett-Duos „Extra 2″ (mit Conny Reisberg) hervorgetreten. Für den Wettbewerb verfaßte sie jene Kurzgeschichte über eine junge Frau, die verzweifelt einen Job sucht und der die abenteuerlichsten Qualifikationen abverlangt werden.

Jury bescheinigt sich selbst „gute Fischzüge“

Mit dem 28jährigen Studenten Thomas Brandt (Dusseldorf) kürte man außerdem einen Neuling im Kulturbetrieb. Sein Text handelt von einem ebenso fiktiven wie findigen Reisebüro, das Autobahn-Staus im Revier als Abenteuerurlaube anbietet. Brandt, der gerade über seiner Magisterarbeit brütet: „Wissenschaft ist mir eigentlich zu trocken. Ich erfinde lieber etwas.“

Der Revier-Literaturpreis, ausgelobt vom Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR), wird zum 10. Mal vergeben. Vor drei Jahren wurde der Betrag für den Hauptpreis um 5000 DM erhöht. Heute ist man froh, wenn man ihn erhalten kann. Jurymitglied Volker W. Dcgener findet, daß man immer wieder „gute Fischzüge“ gemacht habe. Einige der früheren Förderpreisträger hätten sich zumindest in literarischen Nischen eingerichtet.

Schließlich wurde auch wieder die alte Klage über das Fehlen eines großen Belletristik-Verlages im Revier erhoben. Nur ein leuchtendes Beispiel wußte man zu nennen: „Grafit“ (Dortmund) habe sich im Krimifach bundesweites Renommee verschafft. Das kann doch nicht alles gewesen sein .. .




Häßliche Armut, Schönheit der Kunst – „ArmutsZeugnisse“ im Dortmunder Ostwall-Museum

Von Bernd Berke

Dortmund. Wenn Künstler die Armut darstellen, können sie leicht in eine Falle tappen. Denn jedes bißchen „Zuviel“ an schöner Linie, an ausgeklügelter Form und Ästhetik wird diesem Thema nicht mehr gerecht. Die Ausstellung „ArmutsZeugnisse“ im Dortmunder Ostwall-Museum enthält viele Beispiele für Balancen und Abstürze auf dem schmalen Grat.

Der vom Dortmunder Fritz-Hüser-Institut für Arbeiterliteratur konzipierte (und von einigen Unternehmen gesponserte) Überblick belegt, daß Armut nach der Jahrhundertwende und in den 20er Jahren ein zentrales Feld der Kunst gewesen ist. In der NS-Zeit wurde das Thema unterdrückt, und im Wirtschaftswunder-Optimismus der 50er Jahre wollte niemand mehr daran erinnert werden.

Zu Zilles Zeiten war’s noch nicht so kompliziert

Erst mit den Krisen der 80er Jahre kam das soziale Menetekel erneut auf. Doch nun werden kaum noch direkte Darstellungen riskiert. Auf abstrakten Farb- und Formenwerten – so etwa bei Felix Droese – lasten nun Inhalt und Ausdruck. Dies erweist sich zuweilen als Überfrachtung. Gelegentlich müssen Schriftzüge im Bild das Thema erst benennen. Andere Künstler retten sich in distanzierte Ironie. Ist Armut am Ende gar nicht mehr künstlerisch zeigbar?

Zu Zeiten eines Heinrich Zille und einer Käthe Kollwitz, mit denen der Rundgang beginnt, schien alles einfacher zu sein. Zille gewährt Einblicke ins vielzitierte Milljöh, die jedoch jetzt als eine Art Folklore verkostet werden könnten. Und schwächere Arbeiten der Kollwitz wirken aus heutiger Perspektive leicht bittersüßlich, wie auf bloße Rührung angelegt. Das kann man von George Grosz und Otto Dix nicht behaupten. Sie zeigen die grotesken Fratzen und Phantome der Armut mit anklagender, immer noch schmerzhafter Deutlichkeit. In der Neuen Sachlichkeit weicht derlei Vehemenz dann wieder einer unterkühlten Glätte.

Auf interessante Nebenwege führt ein Raum mit Eigenbesitz des Hüser-Institutes. Hier sieht man Bilder der sogenannten „Vagabunden“ um Hans Tombrock. Generell gilt: Ein karger Holzschnitt sagt über Hunger, Ausbeutung und Wohnungsnot oft mehr als ein Ölbild. Denn schon mit der Farbe kann die Beschönigung beginnen.

Ein spezielles Exponat sind Teile jener gerichtlich umstrittenen „Klagemauer“, die ein Obdachloser vor Jahren auf der Kölner Domplatte errichtet hat. Das Erscheinen dieser Vielzahl von Papp- und Papierstücken (mit handschriftlichen Aufrufen gegen Elend und Krieg) in einem Museum zeigt nochmals den Zwiespalt: Dokumente eines Notstandes, in der Freizeit konsumierbar.

„ArmutsZeugnisse“. Dortmund. Museum am Ostwall. 5. Nov. bis 31. Dezember, Di-So 10-17 Uhr. Eintritt 4 DM (ermäßigt 1 DM). Katalog 38 DM.




Aus Lust und Liebe wird rohe Gewalt – Düsseldorf: Karin Beier inszeniert „Sommernachtstraum“ in neun Sprachen

Von Bernd Berke

Düsseldorf. In grauer Vorzeit wurden alle Wesen in eine männliche und eine weibliche Hälfte geteilt. Seitdem, so will es der griechische Mythos, gibt es die Sehnsucht nach Vereinigung. Und irgendwann fiel die Menschheit in babylonische Sprachverwirrung. Seither, so steht’s in der Bibel, ringen wir um Verständigung. Karin Beiers Düsseldorfer „Sommernachtstraum“-lnszenierung handelt von den Folgen beider Ur-Trennungen.

In neun bunt durcheinander gewirbelten Sprachen wird Shakespeares Stück vom internationalen Ensemble gespielt: Italienisch, Englisch, Französisch, Hebräisch, Ungarisch, Polnisch, Bulgarisch, Russisch und Deutsch.

Man muß sich erst an den schwindelerregenden Wechsel der Idiome gewöhnen. Doch die so verschiedenen Sprachmelodien verleihen dem Text musikalische Qualität, als spielten da diverse Instrumente eines Orchesters; schrille Mißklänge inbegriffen. Denn die Figuren und ihre Sprachen hetzen einander auch schon mal mit nationalistischen Untertönen. Jedes Wort birgt Gefahr.

Wenn die Körper zu reden beginnen

Vor allem aber: Shakespeares unverwüstliche Liebes-Wirrnis. mit der man auf der Bühne so manches wilde Phantasie-Abenteuer riskieren darf, wird im polyglotten Chaos ungeheuer körperbetont dargeboten. Wie im Urlaub: Menschen, die einander sonst nicht verstehen, reden mit Händen und Füßen. Hier erlebt man hochgezüchtete Kunstformen solcher Bemühungen. Sie münden mal in tanztheatralische Figuren à la Pina Bausch, mal in die vollends famosen Clownerien des (beileibe nicht nur) komischen Handwerker-Haufens, der hier mit Bohrmaschinen zum Satyrspiel antritt. Über den aufgebockten Bühnenboden, in den allerlei Falltüren eingelassen sind, werden nur hie und da ein paar Tücher gespannt und drapiert. Schon kann es losgehen mit der Ideenflut, mit unbändigem Spaß und blutigem Ernst.

Karin Beier beweist, auch unter erschwerten Bedingungen der vielen Zungenschläge, ihr enormes Geschick im Umgang mit Schauspielern. Gelegentlich wirkt das Ensemble wie ins absolute Spielglück „freigelassen“; mag die Szene denn rollen, wohin sie auch will. So bekümmert man sich auch nicht allzu sehr um integren Text, sondern dichtet munter hinzu und borgt Zeichen auch aus trivialen Bereichen (Comics, Kino, Fernsehen, Horror).

Zupackende Frauen und hilflose Männer

Elfenkönig Oberon und Athens Herrscher Theseus werden hier vom selben Manne gespielt (Paolo Calabresi mit perlendem Parlando). Er ist Doppel-Regent im Tages- wie im Traumreich (durch das der Puck in Damenschuhen stöckelt) und präsentiert die Szenen wie ein Impresario.

Unnachgiebig enthüllt werden zumal die Demütigungen und Gewaltakte, die aus Liebe und Lust erwachsen. Die Frauen werden heftig handgreiflich in ihrer Liebessucht, sie reißen den Männern geradezu Hemd und Hosen runter. Dies macht die Herren so hilflos, daß sie sich in Aggression flüchten. Jedwede erotische Anziehung endet als brutale Abstoßung, gewaltsames Mitschleifen, Schlagen oder Würgen. Dunkle, unbeherrschbare Macht der Triebe. Liebe oder Haß? Es scheint fast egal zu sein. Oh, jammervolles Begehren. Gegen solche Härten werden – wie poetische Wunschbilder – jene hauchzarten Szenen gesetzt, durch die von fernher leise ein magisches „Kling-Klang“ zu wehen scheint.

Phänomenal, wie sich Karin Beier eine gleichsam kindliche Sicht bewahrt hat. Manchmal wähnt man sich auf dem Spielplatz. Dann setzt es z.B. Pitsche-Patsche-Ohrfeigen, und alle tummeln sich mit heißen Köpfen und Geschrei. Doch derlei wunderliche Alberei kann sogleich in untröstliche Trauer übergehen – wie ein lachlustiger Kindertag in plötzliche Tränen.

Termine: 3., 4., 5., 18. Nov. Karten: 0211/36 99 11.

 




Seelenhauch zwischen Himmel und Erde – „Jenseits der Wolken“ von Antonioni und Wenders

Von Bernd Berke

Hinter jedem Kinobild verbirgt sich eines, das der Wahrheit näher kommt. Dahinter steckt wieder eins, nochmals authentischer. Und so fort. Doch die volle Wahrheit hat noch kein Mensch je gesehen. So sinniert ein Regisseur (John Malkovich) in „Jenseits der Wolken“, dem Gemeinschaftswerk von Michelangelo Antonioni und Wim Wenders. Ein akuter Fall von Tiefsinn?

Gelegentlich beschleicht einen der Gedanke, dieses Opus schwebe als körperloser Seelenhauch zwischen Himmel und Erde. Gut vorstellbar, daß dies ein Anteil von Wim Wenders ist, der ja stets den wahren, den kaum noch faßbaren Empfindungen nachspürt. Wenders ist dem Altmeister Antonioni (83), der seit einem Schlaganfall künstlerisch geschwiegen hat, beim Herstellen dieses Vermächtnisses wohl erheblich zur Hand gegangen. Die Buchvorlage freilich stammt von dem Italiener.

Der Film besteht aus vier Episoden, die ein vielteiliges Sinn-Puzzle bilden.Nomadische Phantasie-Streifzüge des besagten Regisseurs führen durchs unwegsame Gelände der Geschlechter.

Zuerst begegnen sich ein Mann und eine Frau im italienischen Provinzhotel. Innig ersehnen sie eine Liebesnacht und meiden sie doch. Erneuter Verzicht, als sie sich zwei Jahre später durch Fügung wiedertreffen: Der Mann, offenbar Vorbote (oder gar Apostel?) einer neuen Keuschheit, nimmt vom Liebeslager Reißaus: Er wolle sich die Gefühle, von denen er nun angefüllt sei, nicht durch schnöden physischen Vollzug rauben lassen. Zuvor hat das umwölkte Paar ausgiebig philosophische Sätze miteinander getauscht. Nun steht sie am Fenster und schaut ihm traurig nach. Im Comic würde es hier heißen: „Seufz!“

Die tiefen Blicke der Vatermörderin

Den unbehausten Regisseur zieht’s in die nächste Stadt: von Ferrara nach Portofino. Dort, vor elegischer Küsten-Kulisse, fasziniert ihn ein Ladenmädchen (Sophie Marceau). Ihre tiefen, tiefen Blicke! Da verrät sie ihm, daß sie vor Jahresfrist ihren Vater ermordet habe. Mit zwölf Messerstichen. Dieser Anzahl, die sich nach dem Empfinden des Regisseurs so unwirklich anhört und doch so verflucht wahrhaftig ist, wird nahezu biblische Bedeutung beigemessen.

Sodann trägt es uns weiter nach Paris. Dort erleben wir ein facettenreiches Rondo der Trennungen und des Findens neuer Partner. Auslöserin ist ein junges Mädchen, das einen Ehemann in mittleren Jahren der Gattin (Fanny Ardant) abspenstig macht. Schließlich geht in Aix-en-Provence ein lebenslustiger Filou einem ätherisch lächelnden Mädchen bis in die Kirche nach. Doch sie muß ihn enttäuschen: Tags darauf wird sie, nur noch eine Braut Christi, als Nonne ins Kloster gehen. Noch so eine keusche Gestalt.

Höhere Sphären der Vergeistigung

An zentraler Stelle wird jene Geschichte von den Indios erzählt, die mitten auf dem Wege verharren, um erst einmal „auf ihre Seelen zu warten“. So wird denn auch die Handlung getragen von melancholischer Verweigerung jeglichen schnellen Zugriffs im Leben. Auch weibliche Nacktheit sieht in solchen Zusammenhängen verletzlich aus, als dürfe sie nur bei Strafe der Trivialität angetastet werden.

Trotz alledem ist’s nicht nur fromme Liturgie, sondern auch Kino. Viele (Über)-Empfindlichkeiten gehen wirklich in den Bildern und im sensiblen Spiel der Darsteller auf. So verströmt das Ganze denn doch eine gewisse ruhige Kraft. Sie entspringt wohl höheren Sphären der Vergeistigung. Möglich, daß man sich unbeschwerter fühlt, wenn man hiernach aus dem Kino kommt. Fast wie auf Wolken.




Geschmacklich aufs Glatteis – Streckenweise unsägliches Musical „Asyl“ in Krefeld

Von Bernd Berke

Krefeld. Selten begibt sich ein Theater so aufs Glatteis wie jetzt die Vereinigten Bühnen in Krefeld/Mönchengladbach: Sie spielen zum bitterernsten Thema Asyl – ein Musical.

Es war bestimmt alles bestens gemeint. Man wollte sich an den landläufigen Musical-Boom anhängen und dabei kritische Inhalte „transportieren“. Lag das nicht nah? Doch nach der Krefelder Uraufführung von „Asyl“ (Text: Olaf Baumann, Musik: Stephan Benger) kann man sich fragen: Was hätte ferner gelegen als dies?

Erzählt wird die Geschichte des jungen Schwarzen Manuel Makumba, der aus afrikanischer Bürgerkriegsnot nach Deutschland flüchtet und um Asyl bittet. Mit einer freiheitlich-demokratischen Samba wird er „willkommen“ geheißen, doch dann lernt er den schmutzigen „Behörden-Blues“ kennen.

„Hungersnot und Pestilenz / kosten deine Existenz“

Der Anfang spielt noch in Afrika. Da ertönt der Song „Hungersnot und Pestilenz / kosten deine Existenz“. Unbekümmerter Reim, fürwahr. Satirisch soll es sein, unfreiwillig zynisch ist es geworden.

Natürlich verfallen nachher die deutschen Amtspersonen sofort in militärisches Gehabe. Derlei Klischees drängen sich wie von selbst auf, denn die rockbetonten Liednummern zählen nur zur Pop-Handelsware Klasse B.

Es gibt auch stimmig-grimmige Szenen: jene etwa, in der Makumba amtlicherseits in einen Müllcontainer gepfercht wird, um den sich alsbald die „linken Freunde“ scharen. Stimm- und gesinnungsstark lassen sie „Multikulti“ hochleben. Ins absurde Tänzchen mischen sich auch türkische Müllmänner.

„Dem Asylanten, dem geht’s gut…“

Wenn jedoch die zunehmend faschistischen Sprüche, mit denen Makumba in Deutschland gepeinigt wird, in ebenso schmissige Rock-Rhythmen gegossen werden wie die grundgute Gegenmischung, so wirkt das – wohl oder übel – als Anreiz zum Mitklatschen, dem manche im Publikum prompt erliegen. Auch sie wollen nichts Böses, es hat sie eben mitgerissen: „Dem Asylanten, dem geht’s gut / Den packt nie die Arbeitswut“. Welch ein Hit.

Mit der Figur des Makumba (stimmlich passabel: Dennis Durant) hat man sich zudem einen edlen Vorzeige-Schwarzen zurechtgebogen. Er ist fraglos der beste Mensch weit und breit. Wie zum Lohne sorgen zwei groteske Amor-Putten mit ihren Pfeilen dafür, daß er und die „Vorstadt-Perle“ Katharina füreinander entflammen…

Je engagierter hier gespielt wird, desto näher gerät man durch schiere Innigkeit an den Rand der Geschmacklosigkeit. Am Schluß freilich, wenn die bräunlichen Horden (in Trainingsanzügen und mit am Hintern „festgewachsenen“ Bar-Säuferhockern) in einer schrecklichen Walpurgisnacht „den Neger abfackeln“ wollen, gewinnt die Inszenierung (Matthias David) momentweise etwas von jener Dringlichkeit, die ihr über weite Strecken fehlt.

Weitere Termine: 1., 9., 12., 14., 18. November. Karten: Theater Krefeld (Theaterplatz 3): 021 51/805-1 25.




Gefährlich lockt das Weib – Frankfurt: Groß angelegte Kunstschau zur Erotik in der Wiener Moderne

Von Bernd Berke

Frankfurt. Wie haben sich diese Herren mit dem Bildnis der Frau abgeplagt! Sie war ihnen die gefährlich lockende Sirene, das animalische Wesen oder die rätselhafte Sphinx. „Sehnsucht nach Glück“ heißt eine großartige Frankfurter Ausstellung zur Wiener Moderne der letzten Jahrhundertwende. Wo aber ist das Glück?

Zentralfiguren der umfangreichen, mit Raritäten gespickten und aus allen Weltteilen zusammengetragenen Schau (rund 200 Exponate) sind Gustav Klimt und Egon Schiele. Zudem wird der Umkreis der 1897 gegründeten „Secession“ einbezogen, mit deren Wirken die (gleichfalls in Beispielen gezeigte) akademisch-bombastische Salonkunst von „Malerfürsten“ wie Hans Makart überwunden werden sollte. Spitzenwerke von internationalen Gästen der damaligen Gruppenausstellungen (z. B. Edvard Munch) runden das pralle Zeitbild ab.

Auf eigenen Pfaden unterwegs

Die Frankfurter Auswahl ist im Zusammenklang mit dem Österreich-Schwerpunkt der Buchmesse entstanden. Und siehe da, es verhält sich ähnlich wie auf dem Felde der Literatur: Auch die bildenden Künstler des Alpenlandes haben sich ihre speziellen Pfade zur Moderne gebahnt. Mit Schubladenbegriffen wie Symbolismus und Jugendstil ist dies schwerlich zu fassen.

In der Schirn-Kunsthalle hat man gut daran getan, die Beweisführung nicht ausufern zu lassen, sondern sich auf ein Thema zu konzentrieren – eben die Darstellung von Eros und Sexualität.

Obwohl die Grundformel eigentlich „Kunst plus Weib gleich Lebensglück“ lauten sollte, erbeben die meisten Werke in lasziven Angst-Lust-Phantasien vor der Frau. Das Weib erscheint fast immer im Rollenschema zwischen Hure und Madonna. Kein Zweifel allerdings, daß gerade aus derlei seelischen Verkantungen und Zerklüftungen mitreißende Kunst erwachsen ist.

Gustav Klimt läßt einige nackte Damen als stumme und gänzlich anonyme „Goldfische“ (1901/02) durchs erotische Bassin schwimmen. Nach historisierenden Anfängen mit plüschig wucherndem Dekor, erobert sich Klimt mit dem Bildnis der „Sonja Knips“ (1898) buchstäblich neuen Freiraum, denn er beläßt eine große leere Fläche neben der eleganten Frauenfigur. Alsbald wird er solche Felder mit Ornamenten füllen – ein Weg in die Abstraktion. Schlüsselbild für diese Entwicklung ist „Pallas Athene“ (1898), die damals mit ihrer in Goldflitter eingefaßten, unerbittlich fordernden Erotik für Skandale sorgte. Gipfelwerk einer zum Sprechen gebrachten Ornamentik ist „Die Jungfrau“ (1913), sogkräftige Zusammenschau der Stufen von Unschuld und „Sünde“.

Der Mann als Opfer seiner Triebe

Dem Manne bleibt in solchen Szenarien und (jeweils anders abgestuft) in denen etlicher Zeitgenossen (u. a. Oskar Kokoschka, Lovis Corinth, Fernand Khnopff) meist nur die Rolle eines an den Rand gedrängten Voyeurs, eines hilflosen Opfers der Triebe. Tödlicher Akt des Verderbens: Max Klingers nixenhafte „Sirene“ (1895) reißt ihren Partner ins wild wogende Meerwasser der Lüste. Es wirkt wie ein verzweifelter Gegenangriff, wenn Egon Schiele das Fleisch der Frauen zeigt, als sei es gegeißelt worden. Vollends auf die Nachtseite treibt der mit exquisiten Tuschfederzeichnungen vertretene Alfred Kubin das Thema. Er wirbelt den dunklen Bodensatz der sexuellen Alpträume auf.

Die Summe des Unglücks und der gescheiterten Ansprüche, Kunst und Leben zu versöhnen, verrät sich in den Selbstporträts. Besonders angesichts der hochmütig-verkrampften Abwehrposen, mit denen sich Egon Schiele selbst vergegenwärtigt hat, kann einen das Frösteln erfassen.

„Wiens Aufbruch in die Moderne“. Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Main (Römerberg). Bis 3. Dezember, tägl. außer montags 10-19 Uhr. Mi/Do 10-22 Uhr. Katalog 49 DM.




Rauchzeichen der Seele – Wayne Wangs Film „Smoke“

Von Bernd Berke

Was wiegt eigentlich der Rauch einer Zigarette? Schwer zu sagen. Da könnte man sich ebensogut gut fragen, wie gewichtig eigentlich die menschliche Seele sei.

In Wayne Wangs neuem Film ‚ „Smoke“ (Drehbuch vom New Yorker Romancier Paul Auster) gerät das Leben beinahe unmerklich auf die Feinwaage. Zentrum des zunächst ganz zerstreut und episodisch wirkenden Erzähl-Kosmos, der jedoch insgeheim von sinnreich verknüpften Zufällen gelenkt wird, ist ein kleiner Tabakladen in Brooklyn.

Hier trifft man sich, quatscht ein bißchen über dies und das. hier kauft man seinen Rauchbedarf. Der leicht zerknautscht wirkende Auggie (Harvey Keitel), der hinter der Theke steht, ist der gute, wenn auch gelegentlich etwas mürrische Geist: Sozialhelfer, Weltweiser, Philosoph. All dies. Und ein herzhafter Mensch obendrein.

Auggie hegt eine archivarische Leidenschaft: Jeden Morgen, pünktlich um 9 Uhr, geht er zur anderen Straßenseite ‚rüber, baut sein Stativ auf und fotografiert den Laden. Über 4000 Bilder hat er schon in Alben gesammelt.

Was täglich unbemerkt geschieht

Gleichen sich diese Zufalls-Schnappschüsse wie ein Ei dem anderen? Ansichtssache. Auggie findet, es seien Sinnbilder dessen, was tagtäglich überall auf Erden geschieht und was man sonst kaum bemerkt. Unscheinbares menschliches Treiben und vergehende Zeit sind darin eingefangen. Manchmal auch bedeutend mehr: Eines Abends entdeckt der Zigarren-Kunde und Schriftsteller Paul (William Hurt), dem Auggie die Alben zeigt, seine Frau auf einem der Fotos. Paul bekommt einen Weinkrampf, denn sie ist inzwischen bei einem Überfall erschössen worden – mit ihrem Baby im Bauch,

Als schwebe die Handlung auf spiraligen Rauchschwaden hin und her, ist fortan oft von Verlusten und Wiederkehr die Rede. Auggies Ex-Freundin Ruby taucht nach 18 Jahren auf und erbettelt Geld für eine angeblich gemeinsame Tochter, die schwanger und dem Rauschgift Crack verfallen sei. Ein schwarzer Jugendlicher begibt sich auf den Weg zu seinem lang vermißten Vater. Suche nach verlorener Zeit, nach entbehrtem Zusammenhang. Da wird auch schon mal biographisch geflunkert. Wer keinen Halt mehr hat, denkt sich einen aus. Der Film ist gesättigt mit lauter kleinen Geschichten, die daraus entspringen.

Versteht sich, daß durchweg geraucht wird, was die Lunge hält. Schon darin ist’s ein Werk gegen den amerikanischen Trend zur Abstinenz. Vor allem aber zeigt Wayne Wang eine engelhafte Geduld beim Aufspüren von Nuancen, beim Beobachten von Gesichtern und Gesten. Kurz: Bei der Herstellung von Wahrhaftigkeit.

„Smoke“ hüllt den Zuschauer ein wie sanfter Rauch: schwerelos und doch von etlichem Gewicht.




Die artige Avantgarde – Wuppertals Museum zeigt Ausstellung über Worpsweder Künstlerkolonie

Von Bernd Berke

Wuppertal. Idyllen, wohin man auch blickt: Die Bäuerin stillt am Ackersrande ihr Kind. Der Pfarrer hält eine Andacht im Freien – und alle lauschen demutsvoll. Die alte Märchenerzählerin spinnt Geschichten aus, die Kleinen bleiben ganz brav dabei. Es herrscht, so scheint es, tiefer Frieden im Land.

Der Eindruck von artigen, frommen und tugendsamen Zeiten läßt kaum den Gedanken aufkommen, daß die berühmte Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen, in der solche Bilder entstanden sind, bei den Zeitgenossen als ein Posten der Moderne gegolten hat. Paßt das denn zusammen: heile Welt der Ackerkrume und avantgardistischer Anspruch?

Unverfälschte Natur gesucht

Otto Modersohn, Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck und Hans am Ende wollten, nach dem Beispiel französischer Freiluftmaler, in möglichst unverfälschter Naturnähe leben und diesem Hochgefühl bildlichen Ausdruck verleihen. Eine in Bremen zusammengestellte, beachtliche Ausstellung im Wuppertaler Von der Heydt-Museum erinnert jetzt an diesen Künstlerkreis, der anno 1895 – vor genau 100 Jahren – mit seinen Beiträgen zur Mammut-Ausstellung im Münchner Glaspalast (1931 abgebrannter Prachtbau) den triumphalen „Durchbruch“ erfuhr.

Bemerkenswert: Hätten die Worpsweder damals in München nicht im Kontext von lauter konservativen Akademiemalern ausgestellt, sondern bei der freimütigen „Sezession“, so wäre wohl kaum eine Differenz aufgefallen. So aber bemerkten Kritik und Publikum den Unterschied sogleich und priesen ihn.

Weiterer Coup, um am Kunstmarkt zu reüssieren, waren die Riesenformate, die sogleich alle Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen und auf den ersten Blick imponieren sollten. Fritz Mackensens „Gottesdienst im Freien“ (1895) war beispielsweise so großflächig geraten, daß der Künstler das Bild in der wärmeren Jahreszeit lieber nicht im Atelier ließ, sondern draußen an eine Friedhofsmauer lehnte. In Wuppertal sieht man eine etwas kleinere Vorstudie.

In der eigentlichen Worpsweder Gruppenphase (1894 bis 1899) kamen bei manchen Kunstbetrachtern gewisse Untertöne ins Spiel. Mit „Worpswede“, so befanden sie, schließe man endlich wieder künstlerisch zum Konkurrenten Frankreich auf, dessen Impressionisten die Szene so lange und nachhaltig beherrscht hatten. Manche Leute suchten und fanden bei den Worpswedern etwas Kerniges und „Echtes“, nicht vom französischen Raffinement Verdorbenes. Am deutschen Wesen…

Jenseits der bloßen Idylle

Gegen solche Zuweisungen konnten sich die Worpsweder schlecht wehren. In Wuppertal werden ihre Arbeiten nicht – wie sonst so oft – als Hervorbringungen einer Gruppe behandelt, denn man will die individuellen Unterschiede nicht verwischen. Also wird jedem Künstler eine eigene Raumflucht gewidmet, so daß die stilistischen Eigenheiten jeweils klar hervortreten.

Es wird zum Beispiel deutlich, daß Heinrich Vogeler die entschiedenste Neigung zu floralen Jugendstil-Ornamenten entwickelte oder daß Hans am Ende eine verspielte Vorliebe für Windmühlen-Motive hegte. Auch die Gewichtung von Figuren und Landschaften handhabt jeder ein bißchen anders. Und es gibt herrliche Landschaftsbilder in dieser Schau – mit satten Herbstfarben, geheimnisvollen Mooren und wunderbarem Wolkenspiel. Es ist eben Kunst, die über bloß naive Idyllen hinausweist.

Die Worpsweder Maler. Vom 22. Oktober 1995 bis 14. Januar 1996 im Von der Heydt-Museum, Wuppertal (Elberfeld, Turmhof 8). Di bis So 10-17 Uhr, Do 10-21 Uhr. Katalog 38 DM.

 




Jeder Dichter braucht seine eigene Legende – Gespräch mit Robert Gernhardt auf der Buchmesse

Von Bernd Berke

Frankfurt. Robert Gernhardt (57), früher von der Kritik eher als Satiriker, Parodist und erlesener Humorist behandelt, gehört seit ein paar Jahren im öffentlichen Urteil einer höheren Gewichtsklasse an und wird endlich als der ernsthafte Dichter wahrgenommen, der er (auch) ist. Ein Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse, wo sein neuer Band „Wege zu Ruhm“ (Haffmans) vorgestellt wird.

Fühlen Sie sich wohl mit Ihrem gestiegenen Ansehen bei der Kritik?

Robert Gernhardt: Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich nicht fest zugeordnet werden kann. Ich nehme mir nach wie vor die Freiheit, auch mal einen Band mit Bilderwitzen zu veröffentlichen. Die Freiheit hat nicht jeder.

Wenn ein Peter Handke zum Beispiel plötzlich Witze zeichnen würde…

Gernhardt: Ich glaube, das würde das Handke-Bild doch sehr verstören. Obwohl man als Literat immer noch mehr Möglichkeiten hat. In der Bildenden Kunst sind die Zuordnungen noch viel strenger.

In Ihren nicht durchweg ernst gemeinten Ratschlägen für angehende Schriftsteller in „Wege zu Ruhm“ haben Sie an alles gedacht, auch an die Wahl des richtigen Pseudonyms. Nach dem Klangvorbild von „Pablo Picasso“ wird z. B. scherzhaft „Igor lncasso“ erwogen, was ja schon auf erwartete Einnahmen hindeutet.

Gernhardt: Im Grunde würde ich von diesem Namen abraten. Der Künstler sollte eigentlich stets den Bedürftigen raushängen. Der Leser will in der Regel keinen satten Künstler. Zwei Sachen machen ja den Ruhm aus: das Werk und die Legende. Bei der Frage nach dem Werk habe ich mich an Georg Christoph Lichtenberg gehalten, der es in zwei Worte gefaßt hat: „Laßt’s laufen.“ Goethe hat auch seinen „Werther“ laufen lassen – und der läuft bis heute. Mein Buch handelt mehr von der Legende.

Sie empfehlen sogar, sich frühzeitig die richtige, also legendenträchtige Todesart auszusuchen.

Gernhardt: Richtig. Man stirbt besser nicht auf den Champs Elysées bei Gewitter, durch einen herabstürzenden Ast erschlagen, denn das ist Ödön von Horváth schon passiert. Es wäre also ein Plagiat. Das Lesepublikum will immer neue Legenden von Außenseiter-Künstlern.

Was passiert denn einem jungen Menschen, der Ihr Buch rundweg für bare Münze nimmt?

Gernhardt: Nun, er kann sich schon einiges zu Herzen nehmen. Zum Beispiel sollte er zusehen, daß er ausgefallene Berufe betreibt. Leichenwäscher, Nachtportier oder dergleichen.

Haben Sie so was mal gemacht?

Gernhardt: Das ist nicht so doll bei mir. Ich hab‘ mal am Tiefbau gearbeitet. Sie treffen da einen wunden Punkt. Ich sollte tatsächlich meine eigene Legende noch mal überprüfen. Einer Journalistin hab‘ ich mal untergejubelt, ich sei bei der Fremdenlegion gewesen, und sie hat’s geschrieben. Das wäre vielleicht ein Baustein für eine Legende gewesen. Oder auch, wenn man im Knast das Schreiben anfängt – wie Jean Genet.

Aber Sie werden doch der Legende zuliebe nicht in den Knast wandern wollen?

Gernhardt: Nein, nein. Aber wenn man schon mal drin ist, sollte man es nutzen. Auf jeden Fall „kommt“ Knast bei der landläufigen Kritik besser als Hauptseminar und Fortbildungskurse.

Den vielbeschworenen „großen Roman zur deutschen Einheit“ dürfen wir von Ihnen wohl nicht erwarten?

Gernhardt: Oh, nein! Den hat doch der Grass gerade geschrieben. Wenn ich eine Rolle habe im Restaurant zur deutschen Literatur, dann nicht am Fenster, sondern am Nebentisch oder im Bistro. Jawohl, ich gehöre zur „Bistro-Bande“.




Wenn die Zeit den Dichter krank macht – ein Gespräch mit Peter Rühmkorf auf der Buchmesse

Von Bernd Berke

Frankfurt. Peter Rühmkorf, 1929 in Dortmund geboren, zählt zu den versiertesten Sprach-Artisten der deutschen Literatur. Jetzt ist sein Werk „Tabu 1 – Tagebücher 1989-1991″ (Rowohlt, 624 Seiten, 54 DM) erschienen, scharfzüngige Zeitschau der „Wende“-Phase aus erschütterter linker Sicht – und bewegender Bescheid von den Leiden des Alterns. Ein Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse:

Sie Verraten in Ihrem Buch einige peinliche Dinge über Prominente. Zum Beispiel, daß der Dramatiker Rolf Hochhuth gelegentlich Selbstgespräche auf öffentlichen Toiletten führt. Ist das nicht Tratsch?

Peter Rühmkorf: Ich wollte kein Schlüsselloch-Buch schreiben. Trotzdem sind mir im Laufe der Jahre einige kleine Szenen über den Schirm gehuscht, die ich mitgenommen habe.

Am wenigsten haben Sie sich selbst geschont. Sie schildern detailliert ihre körperlichen Beschwerden.

Rühmkorf: Es kommt ja nicht nur auf den rohen Inhalt an. sondern darauf: W i e ist es gemalt? Wenn Rembrandt, der junge Dürer oder auch Horst Janssen sich selbst gezeichnet haben, wie unbarmherzig sind die mit sich umgegangen! Weil es einen berechtigt, scharf auf die übrige Welt zu blicken.

Warum die Zeit von 1989 bis 1991?

Rühmkorf: In meiner Biographie gab es bestimmte Brüche. Einen Bruch im Rücken, weil mir ’ne Bandscheibe rausflog. Dann starb mein altes Mütterchen. Und dann kam auch noch die deutsche Einheit.

Das Thema hat Sie offenbar sehr beschäftigt.

Rühmkorf: Zutiefst. Schon als die APO, die Außerparlamentarische Opposition der 60er Jahre, sich in Luftblasen auflöste, habe ich mich gefragt, wie mein Ego überhaupt noch zusammenhielt. Ähnlich war es hier.

Trügt der Eindruck, daß Sie den Prozeß der Vereinigung, den Sie als Vereinnahmung verstehen, noch schärfer kritisieren als Günter Grass?

Rühmkorf: Grass hat eine ganz andere Methode. Ich wollte zeigen: hier das Privatleben – dort der geschichtliche Horizont. Wo paßt es zusammen und wo klafft es unvereinbar? Und weil ich die Haltung zu meinem eigenen Lande bis in meinen Organismus hinein als kritisch erlebt habe, wollte ich diese Gemütslage festhalten. Ich reagierte damals auf den Zuwachs der Nation mit Verweigerungssymptomen, ich wurde krank.

Welche Rolle spielt der Rausch? Sie verzeichnen häufig ihren Alkoholkonsum oder auch Haschisch-Proben.

Rühmkorf: Ich bin ein Sucht-Charakter. Ich habe ein süchtiges Verhalten zum ganzen Leben. Ich bin auch arbeitssüchtig. Und ich habe ein Sucht-Verhältnis zum Fernsehen.

Es gibt wohl kein anderes Tagebuch, in dem Fernsehen so oft vorkommt.

Rühmkorf: Das stimmt. Ich habe hinterher fast einen Schrecken bekommen. Aber das Fernsehen hat etwas Verbindendes. Wenn ich immer nur über Leute spräche, die keiner kennt, wäre es uninteressant. Über den Schirm flimmern die bekannten Gestalten. Und: Die moderne Fernseh-Schnittechnik ist meiner literarischen Methode verwandt. Diese rasanten Abfolgen. Ähnlich ist es mit dem Tagebuch. In einem Moment sind wir in meinem Gärtchen, im nächsten auf der Bonner Bühne.

Sie sind mit Günter Grass befreundet, und Sie haben Arbeitskontakte mit dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki gepflegt. Wie haben Sie den Streit um Grass‘ Roman „Ein weites Feld“ erlebt?

Rühmkorf: Ich habe Ranicki daraufhin einen gemeinsamen Auftritt abgesagt. Ich habe ihm nicht seine Kritik im „Spiegel“ verübelt, sondern, daß er Grass im „Literarischen Quartett“ in die Nähe von Goebbels gerückt hat. Da ist für mich ein Punkt erreicht, wo alle Solidaritäten aufgekündigt werden.




Lektüre der Zukunft kommt direkt aus der Steckdose – Buchmesse: Elektronische Technik immer bedeutender

Von Bernd Berke

Frankfurt. Es ist schon erstaunlich: Mögen andere Branchen auch klagen – der Buchhandel, so scheint’s, wächst und gedeiht. Und das, obwohl man doch allenthalben den Verfall der Lesekultur beschwört. Zur Eröffnung der 47. Frankfurter Buchmesse wurden gestern die neuesten Zahlen bekannt. Danach verzeichnete man bis zum Herbst ein Umsatzplus von zwei Prozent gegenüber 1994.

Signal für den Wohlstand: Auch die Messe selbst ist nochmals angeschwollen – auf 6497 Verlage an Einzelständen (plus 2392 kollektiv präsentierte) und auf 330 000 verschiedene Bücher (davon 93 000 Neuerscheinungen). Weltmeister in der Produktion neuer Titel sind übrigens die Briten vor Deutschland und den USA.

Gewiß: Ein Teil des Geldes wird mittlerweile mit elektronischen Medien (CD-Rom) verdient. Gerhard Kurtze, Vorsteher beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, vermag aber nicht zu sagen, um welche Größenordnungen es dabei geht.

Der Computer gehört dazu

Immerhin: Rund neun Prozent der deutschen Haushalte verfügen bereits über Personalcomputer mit CD-Rom-Laufwerk, aber nur in Frankreich hat man schon exakte Statistiken zur Mediennutzung. Danach werden etwa 7,5 Prozent des Buchhandels-Umsatzes mit Multimedia-Produkten erzielt.

Doch kaum sind die silbernen Datenscheiben normaler Bestandteil der Buchmesse, da öffnet sich schon ein neues Einfallstor für die Computertechnik. Kurtze kündigte einen ersten Versuch der Verlage mit „Online“-Informationen an, der schon auf der Messe seine Premiere erlebt und Mitte 1996 zur breiteren Pilotphase ans Netz gehen soll. „German Publishing Infoline“ (GPL) heißt das Wortungetüm.

Volltexte von zu Hause aus abrufen

Dahinter verbirgt sich die Möglichkeit, per Computer von daheim oder irgendwo sonst zum Beispiel umfangreiche Buchkataloge abzurufen und elektronisch durchzublättern. Schon bald sollen sogenannte „Volltexte“ – also Inhalte ganzer Bände – durch die Leitung kommen. Solche Bücher aus der (Telefon)-Steckdose darf man dann natürlich nur gegen Nutzungsgebühr anzapfen.

Bei den herkömmlichen Büchern zwischen zwei Deckeln gibt es unterdessen ein Problem, das der Elektronik nicht droht: außerordentlich gestiegene Papierkosten, die – so bedauerten die Spitzenfunktionäre des Handels in Frankfurt – nicht mehr ohne weiteres auf die Preise aufgeschlagen werden könnten.

Bücher aus und über Österreich sind diesmal das Schwerpunktthema der Buchmesse. Erstmals wird damit ein deutschsprachiges Land besonders hervorgehoben. Doch die Autoren und Verlage aus der Alpenrepublik wollen zeigen, daß sie nicht als Sonder- und Spezialfall „deutscher“ Literaturen abgehandelt werden können, sondern einen höchst eigenständigen Beitrag zum Weltgeist leisten.

Warten auf die Preisvergabe

Festliche Krönung der Messe soll – wie in jedem Jahr – die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche sein. Doch um die Preisträgerin, die Orientalistin Annemarie Schimmel, gibt es bekanntlich heftige Debatten, die auch jetzt nicht verstummen wollen. Der Börsenverein verteidigte auch gestern die Entscheidung seiner Jury.

Die Preisvergabe stehe für die Hoffnung, einen vernünftigen Dialog mit dem Islam in Gang zu setzen und so dem Fundamentalismus gerade Einhalt zu gebieten, hieß es sinngemäß. Von wem der ursprüngliche Vorschlag kam, Frau Schimmel zu ehren, wurde nicht verraten. Gerhard Kurtze vom Börsenverein wollte nur zwei Gerüchte vom Tisch haben: Die Anregung sei weder von Bundeskanzler Kohl noch von Bundespräsident Herzog gekommen.

Frankfurter Buchmesse, 11. bis 16. Oktober für Fachbesucher (fürs allgemeine Publikum nur Samstag/Sonntag, 13. und 14. Okt.), jeweils 9 bis 18.30 Uhr. Tageskarte: 12 DM.

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KOMMENTAR

Wird die CD-Rom bald schon altmodisch sein?

Denken wir mal ein wenig voraus: Es ist gut möglich, daß wir bald nicht nur Bücher mit nostalgischen Gefühlen betrachten, sondern daß wir in naher Zukunft auch von der „guten alten CD-Rom“ reden.

Diese Datenplatten, die das Buch nicht ablösen, aber ergänzen sollen, wären nämlich dann schon wieder veraltet. wenn auf breiter Front eintritt, was gestern zum Start der Frankfurter Buchmesse als Testprojekt angekündigt wurde: Die Verlage wollen Texte. Bilder und Töne kompletter Bände per Telefonnetz („online“) zur Verfügung stellen.

Das hört sich verführerisch bequem an, hätte man doch die Möglichkeit, gegen Gebühr praktisch immer und überall auf solche Angebote zurückzugreifen. Sprich: Es gäbe keine Ladenschlußzeiten für Leser. Wäre das nicht sogar ein Zugewinn an Kultur?

Doch zugleich taucht auch ein Menetekel am Horizont auf: Während die Buchhändler sich auf die CD-Rom-Technik noch einstellen konnten, indem sie – mehr oder weniger widerstrebend – die Platten einfach mit in ihr Angebot aufnahmen, so könnten sie mit der neuen Variante ausgespielt werden. Denn das Buch, das „aus der Steckdose“ quillt, hätte eigentlich keinen Zwischenhandel mehr nötig. Der Verbraucher könnte direkt mit dem Verlag in Verbindung treten. Und dann müßte der heutige Buchhändler entweder aufgeben oder selbst zum Anbieter, zum Verleger werden.

Da droht also auf mittlere Sicht eine ganze Branche „wegzubrechen“. Die Frage ist, ob man diese Entwicklung ganz dem freien Spiel der Kräfte überlassen sollte.

Bernd Berke




Schattenspiele aus dem Geist der Zeit – Werkschau über Christian Schad in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Auch wenn einer seine Künstlerkarriere mit magisch zerrinnenden Bildern wie „Haschisch“ (1913) beginnt, kann er noch zum getreulichen Realisten werden. Derlei Ernüchterung im Lauf der Jahre widerfuhr Christian Schad (1894-1982), den man vor allem als eine Leitfigur der „Neuen Sachlichkeit“ kennt.

Freilich: Etwas schwer zu Fassendes, durchaus Rätselhaftes aus seinen Anfängen hält sich auch später als Unterströmung. Kein platter Oberflächen-Realismus also, sondern einer mit Tiefgang. Davon zeugt nun auch eine Ausstellung in der Kunsthalle Wuppertal-Barmen. Zu sehen sind 107 Arbeiten von Schad: Zeichnungen, Druckgraphik und sogenannte „Schadographien“. Darunter versteht man (vom Dadaismus inspirierte) Experimente mit Gegenstands-Abzeichnungen auf fotografischen Platten und Fotopapier. Es sind Schattenspiele aus dem irrlichternden Geist des technischen Zeitalters.

Viele dieser staunenswerten Zwitter aus menschlicher Inspiration und chemisch-physikalischem Automatismus galten lange als verschollen.

Realismus bis unter die Haut

Man hat die frühesten Schöpfungen im Nachlaß des Dadaisten Tristan Tzara entdeckt, den Christian Schad in seiner Schweizer Bohème-Zeit (um 1915-1918 in einer kriegsfreien . Oase) kennengelernt hatte. In jenen Jahren und in den Zwanzigern entstanden Schads zeichnerische Sozialreportagen aus schummrigen Nachtcafés, Bordellen und Unterwelt-Winkeln. Zumal die Erotik ist hier selten ohne Groteske zu haben. Ein Realismus bis unter die Haut. Doch nie wird Schad so ganz und gar bitterböse wie ein George Grosz oder Otto Dix. Man kann in Wuppertal direkt vergleichen, denn ein Raum mit Eigenbesitz ist eben jenen Zeitgenossen Schads gewidmet.

Die Ausstellung macht einen abrupten Sprung von den späten 20ern mitten in die 50er Jahre. Offensichtlich hat Christian Schad, der vormals in Italien den klaren Blick an Bildern Raffaels geschult hatte, in dieser langen Zwischenzeit einen gewissen künstlerischen Kraftverlust erlitten. Zur NS-Zeit n i c h t als „entartet“ verfemt und gegen seinen Willen gelegentlich sogar als mögliches Vorbild hingestellt, hatte er sich von 1935 bis 1942 völlig aus dem Kunstbetrieb zurückgezogen. Er war Kaufmann, lernte Chinesisch, betrieb Yoga. Erst ein Auftrag der Stadt Aschaffenburg zur Kopie eines mittelalterlichen Madonnen-Bildes von Grünewald, brachte Schad wieder zurück an die Staffelei.

Versuche auf dem neuen Markt

Nach dem Kriege war der mittlerweile auf Abstraktion geeichte Zeitgeist dem Realisten nicht günstig. Schads subtile kleine Porträtskizzen lassen noch den einstigen Stilbildner ahnen. Um 1960 nahm er auch die Produktion von Schadographien wieder auf. Und er stellte 1970 eine Porträt-Bilderserie her, die ganz stark an Andy Warhols Siebdruckreihen erinnert. Es wirkt, als habe er – mehr lustlos denn verzweifelt – Anschluß beim damals Marktgängigen gesucht.

Christian Schad: Zeichnungen, Graphik, Schadographien. Kunsthalle Wuppertal-Barmen (Geschwister-Scholl-Platz), Tel.: 0202/563-6231. Bis 12. November, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr. Katalog (über Schadographien) 28 DM.

 




In der Zeichnung zeigt sich der wahre Meister – Ausstellung in Münster reicht von Dürer bis Beuys

Von Bernd Berke

Münster. Zeichnungen gelten oft als bloße Vorstufen zu großen Ölgemälden, ja als eigentlich unfertige Kunstwerke. In Münster ist man ganz anderer Meinung. Mit der Ausstellung „Zu Ende gezeichnet“ will das Landesmuseum beweisen, daß ästhetische Abrundung und Perfektion sehr wohl auch mit dem Stift erzielt werden können.

Von Dürer über Picasso bis hin zu Beuys wartet die Schau mit rund 200 Exponaten und etlichen großen Namen auf. Alle Stücke stammen aus dem offensichtlich hervorragend bestückten Kupferstichkabinett zu Basel.

Die historische Spannweite zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert eröffnet reizvolle Vergleichsfelder. Die Geschichte schnurrt wie im Zeitraffer ab. Um 1500 war auch die Zeichenkunst ganz selbstverständlich in biblischen und mythischen Stoffen verankert, sie stand auf verläßlichem Grund. Somit war auch die Formensprache fest gefügt, denn sie spiegelte ja die weitgehend intakte kosmische Ordnung. Doch ein Bild wie Ludwig Schongauers „Vorbereitung zur Kreuzigung Christi“ muß für damalige Gemüter schockierend gewesen sein. Höchst sachlich werden hier die Instrumente zur biblischen Qual bereitet; fast so, als übe man ein ganz biederes Handwerk aus.

Kühne Ausschnitte kündigen die Moderne an

Über Berühmtheiten wie Albrecht Dürer (Bildnis des Salzburger Kardinals Matthäus Lang, um 1518), Hans Holbein den Älteren, Hans Baldung und Albrecht Altdorfer, gelangt man allmählich in die barocken Gefilde. Hier ragt natürlich ein Peter Paul Rubens (u. a.: „Die Kreuzigung Petri“, um 1638) heraus. Folgt man der chronologischen Hängung, so steht man später vor sanften romantischen Landschaften und dann – vielleicht der interessanteste Teil der Zusammenstellung – im Vorhof der Moderne.

Der Bruch kündigt sich zunächst in ganz leichten, aber schon befremdlichen Perspektiven-Verschiebungen an, in der Wahl kühner Ausschnitte. Wenn etwa der eines übertriebenen Fortschrittswahns eigentlich unverdächtige Adolph von Menzel anno 1880 den „Blick in einen besonnten Hof mit einer Frau an einer Wasserpumpe“ zeigt, so hat er die jahrhundertelang gewohnte Zentralsicht längst hinter sich gelassen. Es geht nicht mehr um Abbildung der Wirklichkeit, sondern um ihre Splitter und Essenzen. Georges Seurats „Spaziergängerin mit Sonnenschirm“ (um 1882) steht für den Übergang des festumrissenen Gegenstandes ins impressionistische Flimmern. Im Gefolge des Kubismus löst sich dann die Form vollends auf.

Spannend ist es nun zu beobachten, wie einfallsreich die Künstler seither auf den Formenschwund „geantwortet“ haben. Vielfältig und manchmal verzweifelt sind die Versuche, diesem Zustand wieder neue tragfähige Konzepte abzugewinnen. Die Skala der Möglichkeiten reicht von hauchzarten Entwürfen am Saum des Verschwindens (Wols, Cy Twombly) bis hin zu ungehobelter Kraftprotzerei („Neue Wilde“).

Die stilistische Vielfalt ist also mindestens ebenso breit wie in der Ölmalerei. Außerdem befindet man sich, indem man Zeichnungen anfertigt oder auch nur betrachtet, meist noch ein Stückchen näher am Ursprung, an der „Geburt“ der bildlichen Idee als bei geduldig ausgeführter Schönmalerei. Und: Wenn ein Künstler nicht auf der Höhe seiner Mittel wäre, so verriete sich das in der Zeichnung mitunter deutlicher, als wenn er mit Ölfarbe gar manche Schwäche überdeckt und vertuscht.

„Zu Ende gezeichnet“. Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster (Domplatz). Bis 5. November, tägl. außer montags 10-18 Uhr. Katalog 35 DM.




Wo Deutschland am schönsten war – Reise-Impressionen von William Turner in Mannheim

Von Bernd Berke

Mannheim. „Deutschland ist schön.“ So tönte es uns sonor aus einer bayerischen Bierwerbung entgegen. Im 19. Jahrhundert, als die germanischen Gegenden wohl noch viel schöner gewesen sind, muß der berühmte englische Maler William Turner ähnlich gedacht haben.

Ob der des Deutschen kaum kundige Künstler vor den Landschaften zwischen Rhein, Donau und Elbe „marvellous !“ oder „wunderbar !“ ausgerufen hat, wissen wir nicht. Wir wissen aber, daß er in der nachnapoleonischen Zeit zwischen 1817 und 1844 gleich sieben Deutschland-Reisen unternommen und dabei Hunderte von Bildern angefertigt hat. Rund 150 Beispiele, vorwiegend Zeichnungen und Aquarelle, zeigt jetzt die Mannheimer Kunsthalle. Die Ausstellung (Versicherungswert: rund 80 Millionen DM) lohnt auch weitere Wege.

Im Verbund mit dem vorzüglichen Katalog vermittelt die Schau nicht nur ein bedeutendes Stück Kunsthistorie, sondern auch eine Geschichte des Reisens. Besonders Turners erste Touren ins kleinstaatlich zersplitterte „Deutschland“ (das es damals ja noch gar nicht als einheitliches Gebilde gab) müssen beschwerlich gewesen sein: Erst 1827 fuhren Dampfschiffe auf dem Rhein.

Strapaziöse Zeiten für einen Touristen

Zuvor ruderte man, setzte Segel, oder die Boote wurden vom Ufer aus mühsam mit Pferdekraft gezogen. Die Rheinlandschaften (ab Köln südwärts) waren alsbald Turners Lieblingsrevier, später kamen vor allem die Gestade von Mosel und Neckar hinzu. Zumal die grandiose Schloßkulisse Heidelbergs hatte es dem Engländer angetan. Vergleichbar häufig hat er nur noch die imposante Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz skizziert. Auch Hamburg, Berlin, München, Nürnberg und Dresden hat sich Turner angesehen. Eigentlich hat er nur um Westfalen und Niedersachsen einen weiten Bogen gemacht.

Turner war sozusagen als Rucksacktourist mit leichtem Gepäck unterwegs, vielfach stramm zu Fuß. Also konnte er keine großen Ölbilder auf sperriger Staffelei malen, sondern füllte Skizzenbücher und aquarellierte. Aber wie! Was vielen der damaligen Kritiker „verschwommen“ vorkam, erwies sich später als genialer Vorgriff auf impressionistische Luftigkeit. Waren die frühen Bilder noch deutlich vom romantischen Zeitgeist geprägt, so befreite sich Turner Zug um Zug von solcher Beschränkung. Nun entstanden veritable Farbwunder wie etwa bei der besagten Festung Ehrenbreitstein, die im wechselnden Tageslicht gleißt und zauberisch illuminiert wird.

Goldener Frieden und Überfluß

Nach den am Ort hingehauchten Skizzen und Vorarbeiten (im Nachlaß fanden sich etwa 5000 Blätter mit deutschen Motiven) entstanden daheim in England zahlreiche Stiche und Ölbilder, von denen Mannheim ein grandioses Beispiel präsentiert: „Heidelberg“ (Öl auf Leinwand, 1844/45) ist die rückwärtsgewandte Utopie einer rauschenden Festlichkeit vor rekonstruiertem historischen Hintergrund. Ein Bild, aus dem goldener Frieden und Überfluß geradezu quellen. Ach, wenn es doch in Deutschland seither immer so gewesen wäre!

William Turner in Deutschland. Kunsthalle Mannheim (Anreise per Bahn ratsam, Fahrzeit ab Dortmund ca. 3 Stunden 45 Minuten). Ausstellung bis 14. Januar 1996 (anschließend Kunsthalle Hamburg). Geöffnet di/mi 10-17, do bis so 10-18 Uhr, montags geschlossen. Eintritt 12 DM, Katalog 49 DM.

 




Die Winnetou-Klischees muß man ganz rasch vergessen – Ausstellung über indianische Kulturen in Münster

Von Bernd Berke

Münster. Vorurteile beiseite: Wenn wir ganz allgemein von „den Indianern“ reden, dann ist es ungefähr so. als wenn sich ein Nordamerikaner sämtliche Deutschen in kurzen Lederhosen und mit Maßkrügen vorstellt. Das und noch viel mehr lernt man jetzt in einer Ausstellung des Münsteraner Naturkundemuseums.

„Prärie- und Plains-Indianer“ heißt die mit 700 Exponaten ausgesprochen umfangreiche, jedoch sinnfällig gegliederte Schau. Mit den Plains sind die großen Grasebenen gemeint. Der Überblick richtet sich auf einen riesigen Landstreifen zwischen Mississippi (Osten) und Rocky Mountains (Westen), der sich nordwärts von Texas bis ins kanadische Saskatchewan erstreckt. In diesem Gebiet konnte man einmal rund 50 Grundtypen indianischer Kulturen deutlich unterscheiden, mit Verzweigungen waren es rund 1000 Untergruppen. Um nochmals den Vergleich mit Europa heranzuziehen: Manche dieser Stämme, wie zum Beispiel Sioux, Navajo, Arapaho, Shoshoni oder Cree, hatten weit weniger miteinander gemein als etwa Deutsche, Engländer und Franzosen.

Phantasien aus dem Kinderzimmer

Die Ausstellung beginnt mit dem liebevollen Nachbau eines mitteleuropäischen Kinderzimmers, in dem so gut wie alle Indianer-Klischees versammelt sind, die durch unsere Phantasie spuken. Wir sollen uns also Winnetou & Co. aus den Köpfen schlagen. Fast ein bißchen schade, aber wünschenswert. Auch auf Zeitgeist-Varianten des Klischees, die Verehrung der „edlen Wilden“, der spirituellen Lehrmeister im ökologischen oder esoterischen Sinne, sollen wir uns am besten gar nicht erst einlassen. findet Museumsdirektor Dr. Alfred Hendricks.

Nahezu alle Medien werden genutzt, um die Botschaft zu übermitteln: Filme und Dias führen ins Thema ein, Fotoabzüge dokumentieren das Leben in den heutigen Reservaten, Pflanzen und ausgestopfte Tiere repräsentieren die natürliche, inzwischen weitgehend vernichtete Umwelt, neuere indianische Kunst läßt den Spagat zwischen Aneignung hergebrachter Traditionen und Bewußtseinswandel ahnen. Einige Werke sind eigens für diese Ausstellung entstanden, so etwa ein fünf mal fünf Meter großes Sandbild von Joe Ben Junior.

Pferde und Zelte sind nur Nostalgie

Besonders anregend sind die Installationen und Aufbauten, etwa mit authentisch eingerichteten Tipis (Sioux-Sprache für: „benutzt, um darin zu wohnen“), Zelten also, die heute freilich fast nur noch zu besonderen Festivitäten (Powwows) aufgestellt werden. Längst wohnen auch Indianer in Häusern aus Stein oder Holz. Und sie sitzen auch nur noch ganz selten auf Pferden. Die Reittiere wurden damals übrigens erst von den Spaniern nach Amerika gebracht und lösten bei den indianischen Völkern nur ganz allmählich die Hunde als bevorzugte „Transporteure“ ab.

Starke Kontraste sind ein Prinzip der ebenso gelehrsamen wie unterhaltenden Schau. Zum Thema indianische Nahrungsgewohnheiten sieht man einerseits karges Trockenfleisch und Beeren, andererseits eine Vitrine mit Hamburgern und Supermarkt-Waren. Beabsichtigter Aha-Effekt: Mit diesem wertlosen Zeug haben wir die einst so naturnahen Indianer verdorben.

Das Aha-Erlebnis mit der Glühbirne

Überhaupt wird’s stellenweise gar zu schlicht pädagogisch: Um in einen Raum zu gelangen, der von der zerstörerischen Besiedlung durch die Weißen handelt, muß man über die lebensgroße Fotografie zweier indianischer Menschen schreiten. Soll selbstverständlich heißen: Wir haben die Kultur der amerikanischen Ureinwohner mit Füßen getreten. Da sieht man geradezu die Glühbirne vor sich, mit der einem ein Licht der Erkenntnis aufgehen soll.

„Prärie- und Plains-lndianer“. Westfälisches Naturkundemuseum. Münster, Sentruper Straße 285, direkt am gut ausgeschilderten Allwetterzoo (Tel. Museum: 0251/591-05).Bis 14. April 1996, tägl. außer montags 9 bis 18 Uhr. Eintritt 5 DM, Kinder 2 DM. Gruppenführung nach Voranmeldung 30 DM. Begleitbuch zur Ausstellung soll in Kürze erscheinen.




Selbst in der Liebeslust lauert Verzweiflung – Retrospektive zum Werk von Tomi Ungerer in Oberhausen

Von Bernd Berke

Oberhausen. Wenn der Zeichner und Cartoonist Tomi Ungerer von Liebesdingen erzählt, steht immer der Tod in der Nähe. Bizarre Körpermaschinen verbohren und verschrauben sich ineinander, daß es nicht nach Lust, sondern nach Verzweiflung aussieht. Vielleicht will er uns bedeuten, daß wir in diesen Zeiten zur Liebe gar nicht fähig sind?

Überhaupt ist der gebürtige Straßburger ein Pessimist von hohen Graden. Doch er kennt, wie jetzt eine umfangreiche Retrospektive mit 360 Exponaten im Schloß Oberhausen zeigt, auch idyllische kleine Fluchten vor dem Elend der Welt.

Nach Erfolgsjahren in New York hat sich Ungerer (inzwischen 64 Jahre alt) seit einiger Zeit auf die grüne Insel Irland zurückgezogen, wo er nebenher eine kleine Schafzucht betreibt. Auf manchen Bildern träumt er nun die Utopie von Frieden und Harmonie.

Verhaßte Technik macht sich breit

Doch auch in diesen entlegenen Winkel dringt allmählich der Moloch vor, den Ungerer offenbar abgrundtief haßt: die „verfluchte Technik“. So heißt denn auch eine der sieben Abteilungen des Oberhausener Überblicks. Auf einen schlichten Nenner gebracht: Von Menschen geschaffene Mechanik und Elektronik bringen die Erde um, man ist nirgendwo mehr sicher. Da schlagen sogar Bleistifte als Raketen ein, eine riesige Sprühdose vergiftet das All, und die Weltkugel trägt bereits einen wackligen Totenkopf, wenn sie sich mit einer Spritze den „goldenen Schuß“ setzt. Wichtig: Wenn man auf die Datierungen achtet, merkt man, daß Ungerer mit solchen schwarzen Visionen kein Nachbeter, sondern ein Vorläufer der Umwelt-Bewegung war.

Manchmal nimmt Ungerer gängige Begriffe allzu wörtlich oder greift zur einfachen Übertreibung. Es sind nicht seine besten Einfälle. Wäre ja auch ein Wunder, wenn er – bei einer Produktion von bislang rund 40 000 Blättern – immer ganz auf seiner Höhe bliebe. Überzeugend ist er dann, wenn Drastik und Verbitterung unmittelbar aus der Form erwachsen und nicht aufgesetzt sind. Dies gilt etwa für Ungerers Kriegs-Bilder mit schweinsköpfigen Faschisten, blutrünstigen Generälen und weinenden Gerippen. Derlei Szenarien erinnern gelegentlich an die Tradition eines George Grosz, John Heartfield oder Otto Dix. Freilich: Deren unerbittliche Schärfe erreicht Ungerer selten. Doch er zeigt das Obszöne am Krieg, das alle sexuellen Perversionen bei weitem übersteigt.

Die Zeichen der großen Misere schleichen sich auch ins Private ein, zumal auf den Kampfplatz der Geschlechter. Sexuelle Taten wirken in Ungerers Sicht oft wie plötzlicher Wahnsinn, der alle Gepflogenheiten außer Kraft setzt. Auf solche Verrenkungen könnte sogleich der Tod folgen. Es ist dies keine Pornographie zum leichten Konsum für Voyeure, wie manche Fundi-Feministinnen wähnen.

Der Teddybär ist erstochen worden

Selbst bei den Kindern, auf die Ungerer im wirklichen Leben noch vage Zukunftshoffnung setzt, scheint nicht alles in schönster Ordnung: Ein Teddybär ist brutal mit der Schere erstochen worden; ein kleiner Junge führt die Spielkameradin am Nasenring, als sei sie ein Tanzbär – und auf einem bösen Blatt vergnügen sich die Kleinen mit Fischebraten, wobei sie sich den Nachschub aus dem heimischen Aquarium angeln.

Sind wenigstens die Tiere brav? Auch nicht immer, denn sie nehmen sich die Menschen zum Vorbild: Der Kater, der sich seine Maus aus dem Münzautomaten zieht, ist gleichfalls der teuflischen Technik verfallen.

Tomi Ungerer: „Das Spiel ist aus“ – Werkschau 1956-1995. Städt. Galerie Schloß Oberhau. sen. Konrad-Adenauer-Allee 46 Tel. 0208/825-27 23) Vom 3. September bis 29. Oktober, tägl. 10-18 Uhr. Donnerstag 10-20 Uhr, Montag geschlossen. Eintritt 6 DM, Katalog 38 DM.




Kunst aus dem Verborgenen – Erstaunliche Kostproben aus Dortmunder Privatsammlungen

Von Bernd Berke

Dortmund. Zugegeben: Einen Mäzen wie Peter Ludwig, der komplette Museen aus seinen Kunstkollektionen bestücken kann, gibt es in Dortmund nicht. Doch auch hier wachsen hochkarätige Sammlungen.

Sie werden freilich – typisch westfälisch? – nicht mit Pomp und Getöse, sondern in aller Stille zusammengetragen. Jetzt bekommt man erstmals Kostproben zu sehen. Und man reibt sich erstaunt die Augen: Solche museumsreifen Exponate stammen also aus Dortmunder Privathäusern!

Bestand reicht für eine Fortsetzung

Mit der Ausstellung „Dortmund sammelt“ gastiert die bundesweit renommierte, vor allem mit Expressionisten hervorgetretene Galerie Utermann im Harenberg City-Center. Wilfried Utermann verfügt natürlich über vielfältige Kontakte zu Kunstsammlern. Er hat Einblick in die Schätze, die – zumal durch seine eigene Präsenz am Kunstmarkt – in Dortmund vorhanden sind. Er kennt so viele Kostbarkeiten, daß er sich schon jetzt eine Fortsetzung der aktuellen Schau vorstellen kann, etwa mit einer bislang weithin unbekannten Sammlung zum 18. Jahrhundert.

Deren Besitzer bleibt ebenso ungenannt wie die sieben Dortmunder, die zur jetzigen Schau exakt 101 sehenswerte Arbeiten aus dem Umkreis des Expressionismus und der Klassischen Moderne beigesteuert haben. Umso bekannter sind die Namen der Künstler: Max Beckmann, Lyonel Feininger, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Käthe Kollwitz, August Macke, Emil Nolde, Max Pechstein, Pablo Picasso, Christian Rohlfs, Emil Schumacher.

Max Beckmanns „Blühender Garten“

Besonders von Beckmann („Blühender Garten“, 1933 / „Stilleben mit Fingerhut“, 1943) und Kirchner („Kokotten auf dem Kurfürstendamm“, 1914) sind Spitzenstücke zu sehen. Und die imponierende Liste ist nicht einmal vollständig.

Der Hausherr des City-Centers, Bodo Harenberg: .„Am liebsten würde ich diese Kunstwerke für immer hier behalten.“ Doch selbstverständlich wird die Ausstellung hernach wieder aufgeteilt und kehrt zu den sieben Eigentümern zurück. Harenberg legt Wert auf die Feststellung, daß es sich um eine doppelte Privat-Initiative handelt: die der Dortmunder Sammler und die des Dortmunder Galeristen. Man hört heraus, daß er sich ähnliches Engagement von der öffentlichen Kulturpolitik wünscht…

„Dortmund sammelt“. Ausstellung der Galerie Utermann im Harenberg City-Center, Königswall 21 (am Hauptbahnhof). 1. September bis 1. Oktober. Täglich (auch sa/so) 11-18 Uhr. Eintritt frei, Katalog 38 DM.