Fröhlicher Ritt durch Ibsens traurigen Text – Carsten Bodinus inszeniert „Die Wildente“ in Oberhausen

Von Bernd Berke

Oberhausen. Die kleine Hedvig hakt sich mit den Beinen an die Treppe und schaukelt kopfüber. Ein Bild der kindlichen Unschuld, bedroht von Sturzgefahr. Von Zeit zu Zeit dringen Stimmen wie aus der Tiefe herein und rufen ihren Namen. Sind’s böse Geister?

Ja, etwas gespenstisch ist es schon, wenn man, wie Regisseur Carsten Bodinus am Theater Oberhausen, Henrik Ibsens „Wildente“ völlig vom ersten Akt befreit. Schnapp! Damit ist die gesellschaftliche Sphäre getilgt, verschwunden also die Einbettung des Geschehens. Bodinus hat das Stück auf familiäre Vorgänge verengt, hat ein Psychodrama der Lebenslügen daraus gemacht – und dessen Parodie geliefert.

Fotograf Ekdal (beleibter Gemütsmensch: Gerhard Fehn) lebt in den Tag hinein. Der Faulpelz faselt von einer lukrativen Erfindung, die er „demnächst“ machen werde. Seine treusorgende Gattin Gina (Elenor Holder) hält ihm alle banalen Sorgen vom Hals, der pflegeleichte Opa (Dieter Oberholz) süppelt nur ein bißchen, und die fast 14jährige Tochter Hedvig (Jacqueline Roussety) ist kreuzbrav. Umgeben von lauter sanften Sand-Farbtönen (Bühne: Robert Ebeling) sonnen sie sich im kleinen Glück. Gemeinsam spielen sie ein naiv-harmonisches Blockflötenliedchen. Trautes Heim, niedliches Theater.

Doch Ekdal verdankt sein halbwegs auskömmliches Dasein nur dem Ortspatriarchen, Grubenbesitzer Werle (Hartmut Stanke). Der schanzt Gina insgeheim Geld zu, denn er hat mal was mit der Frau gehabt und dabei wohl auch Hedvig gezeugt. All das erfährt Ekdal von Werles verbittertem Sohn Grcgers (Germain Wagner).

Ein Fall von Tugend-Terror

Miesmacher Gregers stakst schwarz gewandet durch die Szenerie. Er verkörpert das bedingungslose „Rechtschaffenheits-Fieber“, wie es bei Ibsen heißt. Hartnäckig verfolgte Idee: Wenn Ekdal alles wisse, könne er endlich dem reinen Ideal zustreben, seine „gefallene“ Frau gnädig verzeihend zu sich emporheben. Heute würde man so etwas Tugend-Terror nennen.

Die Sympathie des Regisseurs wendet sich denn auch Ekdal zu. Eine Parteinahme fast wie im Kindertheater. Geradezu liebevoll geht Bodinus mit der Männerfigur um, die ihrer Illusionen so schändlich beraubt wurde. Als Ekdal schon zornbebend seine Familie verlassen will, hält er inne angesichts einer leckeren Mahlzeit, die seine Frau rasch bereitet hat. Er ist hin- und hergerissen zwischen Idealismus und Appetit. Man muß ihn einfach bedauern.

Zu sonderlichem Feinsinn versteht sich die Inszenierung nicht. Sie gleicht einem fröhli- chen Ritt durch Ibsens Text und bekümmert sich nicht groß darum, ob er das wohl aushält. Im großen und ganzen macht es freilich Spaß, dabei zuzusehen. Denn gespielt wird mit blanker Lust und achtbarem Können. Nur: Es ist nicht immer Ibsen, was da gegeben wird, sondern auch schon mal Klamotte.

Gelegentlich scheint der Umgang mit der Vorlage allzu sorglos. Oder ist es etwa doch Hinterlist, wenn diese Aufführung gewisse Schwächen und Eigenheiten des Stückes auf fast schon unerhörte Art hervortreibt? Die symbolische Überfrachtung der auf Ekdals Dachboden gehaltenen Wildente und des Blindheits-Motivs ward selten so deutlich. Und wie hohl tönen hier die pathetischen Männersprüche!

Weitere Termine: 3., 19. und 25. Februar. 0208/85 780.




Ein Maler sucht die himmlischen Sphären – Werkschau über Maurice Denis in Köln

Von Bernd Berke

Köln. Hochmodern sein und zugleich lammfromm – ob sich das wohl vereinbaren läßt? Der französische Künstler Maurice Denis (1870-1943) hat es zumindest nach Kräften versucht. Mit avantgardistischen Mitteln hat er religiöse Visionen auf Leinwand und Zeichenpapier gebracht – fast wie ein mittelalterlicher Meister. Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum zeigt nun die größte deutsche Retrospektive seit Jahrzehnten.

„Mädchen, die Engeln gleichen“ heißt ein Bild von 1892. Es ist ein programmatischer Titel. Denn Denis bezieht Motive aus seiner unmittelbaren Umgebung, lädt sie aber mit christlicher Inbrunst dermaßen auf, daß sie sich (auch farblich) ins Ätherische und Durchsichtige verflüchtigen. So werden aus Mädchen gläserne, hauchzarte Wesen mit Hang zum Höheren, nicht mehr so recht von dieser Welt.

Sind’s zur Heiligkeit aufgestiegene Menschen oder zur Erde herabgestiegene Himmelsbewohnerinnen? Mal dies. mal jenes. Am spannendsten sind jedenfalls die Bilder, mit denen Denis die Mitte zwischen beiden Sphären findet. Dann gehen Sehertum und künstlerischer Zukunftsdrang tatsächlich eine enge Verbindung ein.

Eine Labsal für Konservative

Die Bibel ist allgegenwärtig: Malt Denis einen Weinberg, so ist es allemal der Weinberg des Herrn; zeigt er eine Frau mit einem Fisch in der Hand, so ist wohl unterschwellig die wundersame Speisung der Fünftausend mitgemeint.

Konservativen Gemütern dürfte diese Ausstellung eine Labsal sein. Denn hier werden die rechtgläubigen Mysterien ausgiebig gefeiert – mit allen Heiligen, Seligen, Priestern und braven Chorknaben. Auch die gute alte Kleinfamilie wird als Keimzelle des guten Lebens nahezu vergöttert.

Doch Maurice Denis bediente sich keiner altbackenen Mittel. Inhaltlich orientiert er sich zwar an Vorbildern wie Fra Angelico. Doch im Spannungsfeld zwischen Jugendstil und Symbolismus, im Gefolge von Paul Gauguin und angeregt von japanischer Kunst, verwendet Denis auch extreme Bildformate, riskiert kühne Ausschnitte und setzt vor allem die Farben so frei ein wie Gefühle. Berühmt sein Satz, daß ein Bild, noch bevor es „eine nackte Frau oder irgendeine Anekdote darstellt – vor allen Dingen eine Fläche ist, die mit (…) Farben bedeckt ist.“

Die mystische Ernte einbringen

So kommt es, daß übersinnlich-grünliche Schatten auf die Gesichter der Mädchen geraten. Daß Farben so gründlich ausbleichen, als wollten sie sich ins Nichts auflösen. Menschen und Dinge sind nicht mehr sie selbst, sie werden – auf einem Bild ganz ausdrücklich – geradezu mondsüchtig, fügen sich zu schwerelosen Reigen. So bringt Denis die „Mystische Ernte“ (Werktitel) ein. Phasenweise ist es ein einziges großes Offenbaren, Erwählen und Erwecken. Auch künstlerisch gehörte Denis ja einer Gruppierung an, die sich „Nabis“ (Propheten) nannte und Kult mit sich trieb.

Das Übermaß an Frömmigkeit wirkt beim Rundgang nicht nur erhebend, sondern manchmal auch erdrückend. Da freut man sich richtig, wenn man gewahr wird, daß Denis sich zuweilen auch mal einige verschmitzte Bilder gestattete. Beim Malen seiner Bade- und Strandszenen scheint er sich von den Anstrengungen und Prüfungen des Glaubens erholt zu haben.

Maurice Denis. Werkschau. Köln, Wallraf-Richartz-Museum (am Hauptbahnhof). Bis 2. April. Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr. Eintritt 10 DM. Katalog 49 DM.




Geduldig wie ein Gärtner die Kunst wachsen lassen – Walter Witteks Stahlskulpturen und Bilder im Ostwall-Museum

Von Bernd Berke

Dortmund. Zwei Tonnen wiegt der verwitterte Stahlwürfel, aber er schwebt in der Luft. Aus dem Boden ragt eine beängstigend geschärfte und polierte Spitze. Sie scheint nur darauf zu warten, daß der Kubus herunterfällt. Wäre das ein brutales Aufspießen! Doch es wird nicht geschehen. Vor der Hängung des Würfels hat man im Dortmunder Ostwall-Museum die Statik eingehend überprüft.

Es bleibt aber ein diffuses Gefühl der Bedrohung, wenn man sich unter diese Installation des Künstlers Walter Wittek (51) begibt. Steckt diese Furcht in einem selbst, oder verbirgt sie sich im Kunstwerk? Jedenfalls springt sie vom Objekt auf den Betrachter über – wie eine Elektrizität, die einem die Nackenhärchen aufrichtet.

Eine Fülle von Hintergedanken

Doch Wittek will uns eigentlich keine Angst einjagen. Eine andere Arbeit mit den gleichen Material-Zutaten wirkt ganz feierlich: Diesmal wird die Stahlspitze vom verrosteten Rechteck ummantelt und behütet. Das Ganze steht in einer halbrunden Nische und ähnelt einem Altar. Wiederum anders aufgestellt, können diese Stahlskulpturen aber auch Gedanken an Raketen oder Projektile nahelegen.

Oder sie setzen ökologischen Nebensinn frei. Das Arrangement mit dem Titel „Endlager“ soll gar demnächst tatsächlich in einem solchen versenkt werden. Wittek will die Teile in die Atomstätte von Ahaus bringen, von der er befürchtet, dass sie insgeheim als Endlager geplant sei. Drunten könnten die Stücke verstrahlen und selbstverständlich nie mehr ausgestellt werden. Die Aktion wäre nur via Monitor zu besichtigen.

Zwischen Endlager und Erdmittelpunkt

Hinter Witteks Arbeiten stehen überhaupt jede Menge Hintergedanken. Natürlich in erster Linie künstlerische Überlegungen (etwa zum Gegensatz zwischen Last und Leichtigkeit), aber auch philosophisch inspirierte Vorstellungen.

Die diversen Stahlspitzen, die er in Dortmund postiert hat, bedeuten auch den „Nabel der Welt“. Hintergrund ist eine antike, im Apollontempel zu Delphi als sogenannter „Omphalos“ (Wortverwandtschaft: Phallus, also das männliche Glied) Gestalt gewordene Idee der alten Griechen, es müsse einen Erdmittelpunkt geben. Schon damals hatte das einen mystischen Beigeschmack, denn es war allenfalls eine Sache für Eingeweihte. Solche absichtlich herbeigeführten Unschärfen durchziehen Witteks Werke. Sie scheinen eben jenes verborgene Zentrum zu umkreisen, von dem wir höchstens noch eine Ahnung besitzen.

Ganz konkrete Erlebnisse kommen als Anstöße hinzu: Als Kind erlebte Wittek in Dortmund den Bau des „Florian“-Fernsehturms, dessen Silhouette abends manchmal vom Stahlwerk her überglüht wurde. Auch daher also eine Vorliebe fürs Ragende und der Hang zum Stahl.

Schöpfungen mit Staub und Rost

Dieser Künstler ist kein Mystifax, er arbeitet durchaus handfest. In enger Kooperation mit einem Betrieb, der sonst Druckwalzen herstellt, entwirft er an seinem Wohnort Vreden (bei Borken) die stählernen Plastiken. Wittek, der vor seinem Nürnberger Kunststudium eine Lehre als Stahlgraveur absolvierte, versteht eine ganze Menge vom Handwerk. Und er hat immense Geduld. Auf das Werden seiner „Staub-Bilder“, die gleichfalls in Dortmund zu sehen sind, hat er rund zehn Jahre gewartet. So lange hat es nämlich gedauert, bis sich die Flocken der Zeit so aufs Papier gelegt und verwischt hatten, daß die Fläche geheimnisvoll grau meliert aussah.

Keine Spur vom schnellebigen, geldgierigen Kunstbetrieb. Wittek sieht langmütig zu, wie die Dinge allmählich entstehen und wachsen. Oder er wartet ab, wie sie Patina ansetzen und vergehen; wie zum Beispiel Stahl auf die Dauer rostet und dann auch für rotbräunliche Stempel-Abdrücke auf Bildern taugt. Zwischendurch wird der Rost sogar regelmäßig mit Wasser begossen. Im Garten der Kunst gedeihen eben auch solche „Pflanzen“.

Walter Wittek. Stahlskulpturen. Staub- und Rost-Bilder. 29. Januar bis 12. März. Museum am Ostwall, Dortmund. Di-So 10-17 Uhr. Katalog 30 DM.

 

 

 

 

 




Als die große Wut verraucht war – Bilder des Expressionisten Ludwig Meidner

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Caféhauser waren für den Künstler Ludwig Meidner nicht nur gemütliche Orte. Manche Leute, die er dort beobachtet hat, wandeln sich im karikaturistischen Zerrspiegel zu bedrohlichen Wesen, zeigen gar tierhafte Fratzen. War Meidner ein Menschenhasser?

Meidner, 1884 in der schlesischen Provinz geboren, zog 1905 ins brodelnde Berlin. Er entwickelte sich zur „Nachteule“. Allzu gesellig verhielt sich der als Kauz geltende Mann zwar auch hier nicht, doch fand er in jenen Kneipen und Cafés eine allabendliche Heimstatt. Die Tasse Kaffee kostete nur 5 Pfennige, nachbestellen mußte man nicht. Da saß der zeitlebens mittellose Meidner also gut und billig im Warmen. Es blieben noch ein paar Groschen übrig fürs eine oder andere Glas Rotwein.

In der Kunsthalle Recklinghausen sieht man nun in 85 Beispielen, was er in der typischen Caféhaus-Mischung aus Einsamkeit und Bohème skizziert hat. Besonders am Vorabend und während des Ersten Weltkriegs wird der Strich des überzeugten Pazifisten aggressiv, es zucken zornige Blitze aus den Zeichnungen und Graphiken. Da hocken etwa die verhaßten „Stützen“ der spätwilhelminischen Gesellschaft salbadernd am Stammtisch, einer reckt seinen Schweinskopf.

Zerknitterte Zeitungsseiten

Wenige andere deutsche Künstler dieses Jahrhunderts (außer Max Beckmann) haben so oft ihr eigenes Gesicht dargestellt: Auch Meidners Selbstbildnisse kommen mit expressionistischem Furor daher. Selbst eine Zeitung, hinter der sich sein mißtrauischer Blick hervorwagt, ist heftig zerknittert, als falle auch sie der allgemeinen Zersplitterung anheim. Die Welt ist aus den Fugen; Menschengruppen geraten in einen Sog, der sie in die Hölle zu reißen scheint.

Doch dann die Umkehr: Kaum war Meidner mit solchen Bildern bekannt geworden, da wurde er ruhiger und wollte – nach all dem irrlichternden Nachtgewölk – nun auch mal die Tagseiten des Daseins hervorkehren.

Selbst als die Nazis den Juden Meidner ins Londoner Exil getrieben hatten, stieg die alte Wut nicht wieder auf. Die Stadt an der Themse mißfiel ihm: Er war von seiner geliebten deutschen Sprache isoliert, kannte kaum eine Menschenseele – und die Pubs waren halt keine Caféhäuser.

Da er sich Ölfarben nicht leisten konnte, malte er Aquarelle. Das Themenspektrum ist ähnlich wie ehedem, doch die Umsetzung völlig anders. Denn Meidner verankert seine Visionen nun kaum noch in gesellschaftlicher Realität, sondern verliert sich ins Allegorische und Anekdotische. Wie Mahnungen aus Erbauungsbüchern sehen nun etliche Bilder aus. Ein allgemeiner und somit unscharfer Ekel vor einer gierig-geilen Welt hat den Künstler erfaßt. Die Sexualität zeigt er als Sündenpfuhl. Es war in den prüden 50er Jahren.

Erst 1953 kehrte er dauerhaft nach Deutschland zurück, wo ihn die Kunstwelt nicht mehr wahrnahm, zumal er sich dem damaligen Trend zur Abstraktion verweigerte. Es war just die Kunsthalle Recklinghausen, die ihn der Vergessenheit entriß: 1963, drei Jahre vor seinem Tod, bekam Meidner in der Revierstadt seine erste große Nachkriegs-Ausstellung.

Ludwig Meidner: Straßen und Cafés. Kunsthalle Recklinghausen (am Hauptbahnhof). Bis 12. Februar (Di-So 10-18 Uhr).




Auf Bildern die Welt erahnen – Emil Schumacher in der Galerie Utermann

Von Bernd Berke

Dortmund. Wundersamer Schmelzprozeß: Moderne Form und Urbildnis, Figur und Abstraktion werden nahezu eins. Derlei in ein Bildgeviert zu zwingen, ohne daß es von Widersprochen zerrissen wird, dazu gehört ein großer Künstler. Ein solcher ist Emil Schumacher.

Auch wenn man schon einige Ausstellungen des 82jährigen Hageners gesehen hat, gerät man doch stets aufs neue ins Staunen, so auch jetzt in der Dortmunder Galerie Utermann. Wie dieses Alterswerk nichts an ästhetischer Spannkraft verliert, sondern gar zu neuen Ufern strebt – es ist phänomenal und zeugt von ungebrochenem Lebensdrang.

20 Gouachen (Arbeiten mit deckenden Wasserfarben) aus den letzten drei Jahren und 30 Graphiken seit 1972 sind zu sehen. Das Spektrum der Kaufpreise reicht von 1700 DM bis 46000 DM. Erschwinglich? Ansichtssache beim Blick in den Geldbeutel.

Schumacher nähert sich in den letzten Jahren wieder dem Gegenständlichen, ohne jedoch im landläufigen Sinne realistisch zu werden. Es schimmern im heftigen Flecht- und Linienwerk zunehmend Verweise auf die äußerlich sichtbare Welt auf. Sie engen freilich die Phantasie nicht ein, sondern beflügeln sie. Gar manches kann man vermuten, doch die Ahnung weht einen nur an wie ein Hauch: Hier meint man, einige alpine Berggipfel zu erkennen, dort eine Wüste mit Beduinenzelten, ein andermal karstige Hügel, hin und wieder ein Pferd – oder jene Leitersprossen, die in freie Himmelshöhen zu führen scheinen und die Fläche ins Unendliche öffnen. Wie denn überhaupt der Widerstreit offener und sich schließender Formen diese Bilder strukturiert. Alles in allem: ein Kosmos wie aus vorgeschichtlicher Zeit, mitten ins Jetzt verpflanzt.

Die Farben wirken, als habe Schumacher sie aus tiefen Schichten gewonnen, mit bloßen Händen aus dem Erdreich gegraben. Oft muß man an Höhlenzeichnungen denken. So selbstverständlich sind die Bilder da, als hätte es sie immer schon gegeben.

Emil Schumacher. Galerie Utermann, Dortmund, Betenstraße 12. Eröffnung heute, 25. Jan., 19 Uhr (in Anwesenheit des Künstlers) – Bis 25. Feb, Di-Fr 9-13 und 14-18 Uhr, Sa 9-13 Uhr.




„Westzeit“ bei WDR 2: Das eine oder andere Risiko auf dem Boulevard

Von Bernd Berke

Boulevard ist nicht gleich Boulevard. Es gibt Prachtstraßen, aber auch heruntergekommene Zeilen. Achtung, kurvige Überleitung: Auch im Radio ist nicht jedes Boulevard-Programrn gleich.

Die seit 2. Januar täglich aus Dortmund landesweit gesendete „Westzeit“ (WDR 2, Hörfunk) hatte einen ziemlich schlechten Start erwischt, wie man jetzt – nach zweieinhalb Wochen – deutlicher erkennt: Das bunte Magazin ist teilweise besser, als es anfangs zu werden drohte.

Sicher: Vieles gerät nach wie vor herzlich belanglos und ist kaum geeignet, daß man länger konzentriert hinhört (was auch nicht das Ziel dieser Sendeform ist). Besonders gewisse Rubriken könnten kritische Revision vertragen. Ärgerlich ist etwa das Gebaren der Psychologin, die immer erst verständnisvoll „Mhh, mh!“ murmelt, den Ratsuchenden dann doch recht barsch das Wort abschneidet und schließlich – oh Wunder! – meist eine psychologische Behandlung empfiehlt. Auch wenn beim „Radio-Flirt“ gestammelt und gekichert wird, fühlt man sich nicht gerade königlich unter halten. Und warum muß eigentlich allüberall Jörg Kachelmann das Wetter verkünden? Hat der Mensch ein Monopol auf Wind und Wolken?

Doch allmählich zeigt sich, daß in der „Westzeit“ auch originelle und ernste Themen eine Chance haben. Auch sie werden freilich oft im (inzwischen leider funküblichen) Kurzweil-Tempo abgehandelt. Ab und zu schaut auch schon mal eine waschechte Nachricht heraus. Oder man riskiert Dinge, die ein Privatradio nie wagen wurde. Im Prinzip gut so! Doch das geht gelegentlich daneben, wie etwa bei jener Live-Schaltung zu einer Pferde-Operation. Das Leben des Tieres war nicht mehr zu retten, man hörte seine letzten Röchler durchs Beatmungsgerät. Das wird manchen Zuhörern Tränen in die Augen getrieben haben.

Sabine Brandi, die in der letzten Woche als Moderatorin an der Reihe war, hat ihre Sache recht gut gemacht. Auch ihr rutscht schon mal der muntere Tonfall aus, doch sie fängt sich geschickt. Die stets Kalauern aufgelegte Flapsigkeit, die Manfred Breuckmann vor sich herträgt (Ungefähr so: „Gestern hab‘ ich beim Inder Knoblauch gegessen. Kommen Sie dem Radio nicht zu nahe.“) dürfte nicht jedermanns Geschmack sein.

Die Musikauswahl (viele „Oldies“) finde ich nicht schlecht, ihre Grenzen aber sind eng. Entdeckungen wird man hier nie machen können. Und es wird ganz schön viel „gedudelt“. Man vergleiche die Brutto-Sendezeit mit dem, was netto (nach Abzug der Musik) geliefert wird…




Kleine Wunder – im Dortmunder „Luna“-Varieté

Charlie Chaplin in Dortmund? Quatsch! Stimmt natürlich nicht. Aber es gibt doch eine täuschend ähnliche „Wiedergeburt“.

„Chaplin“ ist ein Highlight im neuen Programm des Dortmunder „Luna“-Varietés. Knapp ein Jahr gibt es diese Stätte der schönen, so schwer erarbeiteten Leichtigkeit. Man mag sie nicht mehr missen.

Zurück zu Charlie: Hinter dem steckt der Schweizer Angel Emah. Der hat nicht nur das Aussehen, sondern auch die Bewegungsabläufe des weltberühmten Vorbilds bis ins Allerkleinste studiert. Was er im neuen Programm „Comedy? Varieté!“ zeigt, erscheint zunächst banal, ist aber subtil. Er holt sich Freiwillige aus dem Publikum und verwandelt sie mit sanfter Gewalt auf offener Bühne. Dem einen wird eine liebevolle Rasur verpaßt, dem anderen ein Toupet auf den Kopf gedrückt, dann werden die Jacken ausgetauscht usw. Nachher ist alles etwas schräg, aus der Ordnung gebracht- und der gewöhnliche Alltag wie weggepustet. Komische Poesie mit anarchistischer Würze.

Kleine Balance-Wunder vollbringt der Kanadier mit dem Künstlernamen „Mr. Pepper“. Er scheint die physikalischen Gesetze zu überlisten, indem er sich so fragile Brettergerüste baut, daß man meint, es müsse im Nu alles in sich zusammenstürzen. Doch dann steht der Mann plötzlich obenauf – und langt bis an die Spitze des Eiffelturm-Modells heran, das er hier aufstellen will.

Viel wäre zu erzählen von einem solchen Abend, dessen Reiz darin besteht, daß man dem Zauber so nah sitzt. Von den Einrad-Kunststücken des Italieners Paolo Bogino könnte man schwärmen, die waghalsige Sprungbrett-Akrobatik des rumänischen „Trio Valentino“ müßte man rühmen. Auch was Sandy Sun (Frankreich) am Trapez und die Spanierin Consuello Reyes beim Jonglieren vollbringen, zählt zur Sonderklasse.

Der einzige deutsche Mitwirkende, Conférencier Werner Rausch, verhaspelte sich zur Premiere ein paarmal. Gar nicht schlimm. Sobald er zeigen darf, was er sonst noch kann (nämlich jonglieren), redet er plötzlich mit sicherer Zunge. Auch er also: Körpermensch, kein Mundwerker.

Nächste Vorstellungen im „Luna“ (Dortmund, Harkortstraße 57a): 14.,15., 18., 19. Jan., 20 Uhr (sonntags auch 15.30 Uhr). Telefon: 0231/77 31 96.




Stundenlang Geplänkel – die neue „Westzeit“ im WDR 2-Hörfunk

Das soll sie also sein – die vielbeschrieene „Hörfunk-Reform“ des WDR. Seit gestern wirken die Radiowellen 2 und 5 wie umgekrempelt.

Immerhin: Das „Morgenmagazin“ (WDR 2, Hörfunk) beginnt jetzt hundefrüh (kurz nach 5), ist aber noch halbwegs vertraut. Nur daß man jetzt den Trend zum Single mitmacht: Ein(e) Moderator(in) ist allein. Das verhindert manch pfiffigen Studio-Dialog, wie er früher üblich war.

Wenn man aber zwischen 9 und 12 Uhr die neue Sendung „Westzeit“ (WDR 2, Hörfunk) einschaltet, traut man den eigenen Ohren kaum. Man erkennt „seinen“ WDR gar nicht mehr wieder.

Zunächst hieß es Kurbeln und Suchen. Am Anfang bekam ich Regional-Kurznachrichten vom Niederrhein. Der Anruf bei der gepriesenen WDR-Infonummer (0130/2722) brachte erst die maschinelle Ansage „Kein ISDN möglich“, danach“ war ständig besetzt. Na, prima! Übrigens: Die korrekte WDR 2-Frequenz für Dortmund lautet 87.8 MHz.

Mit „Westzeit“ (live aus dem Landesstudio Dortmund) begibt sich der WDR drei Stunden lang auf den ach so bunten Boulevard – wie ein x-beliebiger Privatkanal. Die Hörer werden mit lauter nichtigen Kleinigkeiten gefüttert. Gestern waren das: Mini-„Frühstück“ mit Jürgen von der Lippe, Rätselecke, ungeduldig wirkende Psychologin im Studio („Rufen Sie an – Vorname genügt“). Dazu etwas Wetter-Geplänkel und viel, viel Musik mit vorgeprägter, strikt eingehaltener „Farbe“. Das bei weitem Interessanteste waren, nicht nur wegen des Schnees, die eingestreuten Verkehrshinweise.

Bisher tummelten sich ab 9.05 Uhr auf der gleichen Welle die allzeit betroffenen Minderheiten jeder Couleur (was sie nun auf WDR Radio 5 tun dürfen). Das ist zuweilen grausam gewesen. Doch die ebenso bodenlos gutgelaunte wie belanglose „Westzeit“ ist, zumindest in der gestrigen Verfassung, keine ernsthafte Alternative.




Blutrünstiges aus dem Soziallabor – Jürgen Bosse inszeniert Edward Bonds „Ollys Gefängnis“ in Essen

Von Bernd Berke

Essen. Klingt wie eine jener mysteriösen, weil arg verkürzten Mord-Meldungen auf bunten Seiten: „Weil sie eine Tasse Tee nicht trinken wollte, hat Mike X. seine Tochter Sheila erdrosselt.“ In Edward Bonds neuem Stück „Ollys Gefängnis“ erfährt man, wie es dazu kommen konnte. Aber ist man danach schlauer?

In Jürgen Bosses Essener Inszenierung sitzt jene Sheila (Jennifer Caron) bereits bei laufendem Fernsehgerät im Spießbürger-Zimmer auf der Bühne, wenn sich der Zuschauerraum allmählich füllt. Doch sie schaut gar nicht hin; weder aufs TV-Programm (Comedy-Shows) noch auf ihren Vater Mike (Matthias Kniesbeck).

Der Witwer hat sich rührend bemüht, hat für die Tochter gekocht und gebügelt, will nun auch mal ein paar Takte mit ihr reden. Doch so sehr er auch schnurrt, säuselt, bettelt, brüllt oder droht – sie bleibt stumm und stiert nur vor sich hin. Und den Tee will sie auch nicht trinken. Da rastet er schließlich aus und erwürgt sie. Das sonstige Repertoire der menschlichen Annäherung war halt ausgeschöpft. Psycho-Experiment vorerst beendet.

Danach verwischt Mike nicht etwa die Spuren der Untat, sondern fällt in einen Dämmerschlaf. Als die Wohnungsklingel ihn nach Stunden weckt, hat er seine Tat glatt „vergessen“. Später, als er im Knast seine Strafe verbüßt, passiert ihm erneut etwas Seltsames. Wiederum ist es, als sei er aus der Zeit gefallen: Er will sich umbringen und hat seinen Strick schon geknüpft, da muß er noch mal pinkeln. Als er von der Toilette zurückkommt, hängt schon ein Mithäftling in der Schlinge, der es eiliger hatte mit dem Ableben.

Ein Sozial-Report mit aufgepfropften Alptraumszenen? Schonungsloser Realismus, der sich dann doch ins Unfaßbare hochstemmen will? Dies und leider noch mehr. Denn Edward Bond unterlegt dem Ganzen noch eine müßige These. Im Original heißt das Stück „Ollys Prison“, sprich „All is Prison“. Merke also: Nicht nur im Gefängnis ist man eingesperrt, sondern auch in sich selbst, ins Schicksal, in die Einsamkeit der eigenen Wohnung usw. Wie zum Mitsingen: „Das gaaanze Leben ist ein Knast“.

Und so sehen wir denn, wie sich die Figuren – ob als Täter oder Opfer – in diesem Drama unglückselig miteinander verketten und einander im Gitter der Gewaltsamkeit gefangen halten. All das gipfelt in einer Schock-Szene mit dem titelgebenden „Olly“. Der logiert – typische Verquickung – bei der Mutter seines früheren Peinigers, welcher sich (siehe oben) im Knast erhängt hat. Nun wird ihm mit bloßem Finger das noch verbliebene Auge aus dem Kopf geschält. Man sieht dies auf Bildschirmen vervielfacht. Theater à la Horror-Video. Soll man nun über mediale Verstärkung von Gewalt nachdenken?

Mit blutverschmiertem Gesicht kriecht jedenfalls der seines Augenlichts beraubte „Olly“ (Michael Schütz) über die Bühne und stammelt immerzu: „Ich seh‘ nichts.“ Woraufhin Mike nochmals die finale Moral verkündet, ein jeder sei in sich eingekerkert. Nun aber Vorhang zu!

Man müht sich in Essen redlich. dem kruden Text tiefere Bedeutung einzuhauchen. Die Schauspieler können diesen Soziallabor-Traktat, das aus der Retorte zu stammen scheint, nicht so recht beglaubigen. Es wirkt alles wie zufällig hergestellt und herbeigezwungen. Bosses Regie erschöpft sich meist in vorschnellen Effekten. Da erklingen zwar immer mal wieder apokalyptische Stampf-Geräusche, auf daß man erschrecke. Doch wirklich erschüttert wird man nicht. Nur hin und wieder schockiert.

Weitere Vorstellungen: 28. Dez. / 14. und 27. Jan. – Karten: 0201/8122-200.




Geschichte ist wie ein flüchtiger Duft – John Updikes „Erinnerungen an die Zeit unter Ford“

Von Bernd Berke

Wie riecht Geschichte, wie schmeckt sie, wie fühlt sie sich an? Wie nähert man sich ihr mit allen Sinnen, ohne den großmächtigen Abstraktionen der Haupt- und Staatsakte aufzusitzen?

Solche Fragen bewegen den Geschichtsprofessor Alfred C. Clayton, den Ich-Erzähler im neuen Roman von John Updike. Auf Anfrage einer historischen Kommission soll sich Clayton an die Präsidentschaft von Gerald Ford (Amtszeit 1974-77) erinnern. Doch seine Antwort fällt anders aus, als es die stockseriösen Herren wohl erwartet haben. Für Clayton besteht die Ära Ford nämlich weniger aus großer Politik, als aus seinen eigenen Privatgeschichten. Gerade dort, so findet er, weht mehr vom Geist der Epoche als im öffentlichen Leben.

Die Essenz der Ford-Ära liegt für Clayton z. B. im unverwechselbaren Duft. Zeitgenössische Schnupper-Szene an der Uni: „Das Aroma von hundert jungen Mädchen, die plappernd, kauend, an Strohhalmen saugend auf den Sofas und Sesseln hingerekelt lagen (…) dieser Duft ist ein Zugang zur Wahrheit, zur historischen Wahrheit.“

Evolution des Geschlechtsverkehrs

Updike gibt natürlich wieder der Sexualität breiten Raum. Im Hinblick auf Fords Präsidentschaft skizziert er etwa eine Art „Geschichte des Geschlechtsverkehrs“ zwischen den 1950er und den 1970er Jahren – von unsäglicher Prüderie bis zum gleichfalls öden Orgasmuszwang vor dem Aids-Schock. Updike erweist sich einmal mehr als fintenreicher Großmeister des Bettlakens. Kein anderer weit und breit, der Sex so fruchtig darstellt.

Jener Prof. Clayton erzählt nicht nur sein Leben (Trennung von Ehefrau Norma samt Kindern, Hinwendung zu diversen Geliebten), sondern unterlegt eine zeitliche Vergleichs-Folie. Denn sein frustriert abgebrochenes Hauptwerk handelt von einem früheren, nach landläufigen Maßstäben glücklosen Präsidenten der Staaten, James Buchanan (im Amt 1857-1861). Dessen Epoche und die von Ford werden im ständigen Wechsel gleichsam aneinander gerieben. Auch hier will Clayton intime Beziehungen als historischen Kern herausschälen.

Was gestern war, ist trügerisch

Er muß freilich resignieren: Der zeitliche Abstand und die vielen Lehrmeinungen haben längst das Eigentliche überlagert. Das Gestern ist unfaßbar geworden: „Die Vergangenheit ist ebenso trügerisch wie die Zukunft, und wir existieren benommen in der Gegenwart…“

Noch in Maria Carlssons sehr eingängiger Übersetzung ist der Stilwechsel spürbar: Während die 1970er Jahre bewußt schnoddrig erzählt werden, fließt der Wortstrom durchs 19. Jahrhundert behäbiger, vielleicht aber auch humaner, dem Gang menschlicher Dinge angemessen.

Für deutsche Leser nicht ganz leicht zu verdauen sind zahlreiche Details aus der Zeit Buchanans, der sich zwischen Befürwortern und Gegnern der Sklaverei aufrieb und die Staaten in den Bürgerkrieg schlittern ließ.

Wie also begreift man Historie? Ihre flüchtigen Geschehnisse scheinen ja schnell vom Winde verweht. Updikes/Claytons Schlußsatz nach 425 Seiten: „Je länger ich über die Zeit unter Ford nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, daß ich mich an nichts erinnere.“

John Updike: „Erinnerungen an die Zeit unter Ford“. Roman. Aus dem Englischen von Maria Carlsson. Rowohlt. 425 Seiten. 45 DM.




Die Welt muß noch entdeckt werden: Peter Handkes „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ – eine Expedition auf 1066 Seiten

Von Bernd Berke

Peter Handke ist ein hochtrabender Autor, und dicke Bücher sind stets langweilig. So weit die Vorurteile. Kann denn ein Handke-Buch mit 1066 Seiten spannend sein?

Daß sich in Handkes Riesenroman „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ nicht viel begibt, kann nur behaupten, wer Action-Maßstäbe anlegt. Man fühlt sich alsbald aufgehoben in der strömenden Ruhe des langen Erzähl-Flusses. Passendes und weitgehend eingelöstes Handke-Zitate: .„Obwohl sich nichts tat, ging es hoch her.“ Oder auch: „Was für ein Erlebnis, und wie es einen aufweckt, eine Spannung aus nichts und wieder nichts.“

Ein Vorort als Mittelpunkt

Handkes Ich-Erzähler, der Schriftsteller Gregor Keuschnig, wohnt – nach Trennung von seiner Frau – draußen in einer buchtförmigen Pariser Vorstadt. Straßen und Wälder, Häuser und Menschen, die anderen nichtssagend vorkommen mögen, werden ihm zum aufregenden Mittelpunkt des Lebens. Gerade in diesem Abseits sind seine Sinne geschärfter als im brodelnden Zentrum der Stadt. Hellwach für alle Erscheinungen, schildert er winzigste Beobachtungen aus der Umgegend. Die Welt will bemerkt“ sein. Dann sieht sie plötzlich ganz anders aus.

Entscheidend sind Nachhall und Rhythmus des Erzählens. Entsprechen sie den Vorfällen, dann werden Schreiben und sonstiges Tun womöglich eins, wie Ein- und Ausatmen oder wie das noch ganz beseelte Erzählen eines Kindes. So das vielfach umkreiste Ziel.

Sicher: Beobachtungen in der Vorort-Natur geraten gelegentlich in die Nähe schierer Tier- und Pflanzenidyllen. Doch das hat mit „Gartenlaube“ oder Hermann Löns rein gar nichts zu tun. Denn Handkes grundsätzliche, stets sprungbereite Skepsis („Was ist überhaupt erzählbar?“) setzt die nötigen Brüche und Gegen-Akzente.

Versessen auf Wirklichkeit

Erfindet Handke etwa das Schreiben noch einmal? Er unternimmt jedenfalls dies: Wie weitsichtige Biologen die Gene bedrohter Arten sammeln und für spätere Zeit einlagern, so ähnlich soll Sprache hier die geglückten Momente aufbewahren. Jene Augenblicke, in denen ein ungeahnt schöner Zusammenhang zwischen Menschen, Orten und Zeiten aufblitzt.

Schreiben als Versuch, lohnende Bruchstücke der Weit zu retten. Kein geringes Abenteuer. Wie denn auch die Lektüre dieses Buches, mit dem man bei menschlichem Lesetempo gut vierzehn Tage zu ringen hat, einer Expedition gleichkommt. Wer sagt denn, heißt es einmal, daß die Erde wirklich schon entdeckt ist?

Aus der sorgsam gehüteten, der Außenwelt jedoch zugewandten Distanz seines Vororts, schildert Gregor Keuschnig auch die Reisen und Lebenswege einiger Freunde bzw. er träumt sie einfühlsam-„seherisch“ herbei. So weitet sich der Horizont des denkbar wclthaltigen und auf Wirklichkeit (oder deren wahrhaftige Empfindung) geradezu versessenen Romans.

Deutschland nach dem Bürgerkrieg

Der Reigen der Schauplatze reicht vom deutschen Fußballstadion bis buchstäblich in die innere Mongolei. Jene reisenden Freunde wirken – auf ihren Wegen durch so viele Länder – wie einsame Pioniere einer künftigen Art der Wahrnehmung; jeder auf seine besondere Weise, alle aber als im besten Sinne „Unfertige“.

Es gibt derzeit nur ganz wenige literarische Anstrengungen, in denen so sehr das Dasein aller Welt gewürdigt wird, in denen erst einmal alles Geltung bekommt, ohne daß sich verkrustete Meinungen in den Vordergrund schieben.

Die „Niemandsbucht“ ist nicht nur ein Wander-, Wandlungs- und Bildungsroman in Fortschreibung von Goethes „Wilhelm Meister“-Tradition, sondern auch eine Zukunftsreise. Im Jahr 1997 spiele die Geschichte, heißt es zu Beginn. Deutschland habe soeben einen Bürgerkrieg aller gegen alle überstanden und könne sich nun endlich neu und stimmiger als je zuvor finden. Auch von einer Genesung Jugoslawiens wird geträumt. Verrückte Einfälle? Wortwörtlich genommen, ja. Doch hier sind es Bilder der gespaltenen, vielleicht aber heilbaren Welt.

Peter Handke: „Mein Jahr in der Niemandsbucht“. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/Main. 1066 Seiten. 78 DM.




Der herbe Charme verfallener Fabriken – Industrie-Fotos von Bernd und Hilla Becher in Münster

Von Bernd Berke

Münster. Ist es Sturheit oder Konsequenz? Seit über 30 Jahren fotografieren Bernd und Hilla Becher immer und immer wieder Industriebauten. Sie werden nicht müde, die Relikte einer versinkenden Arbeitsweit im Bilde festzuhalten.

Ein immenses Werk hat sich angehäuft, aus dem das Westfälische Landesmuseum in Münster – trotz beachtlicher Stellfläche – nur kleine Ausschnitte vorzeigen kann.

Bernd Becher (Jahrgang 1931) ist in Siegen aufgewachsen, ganz nah bei einem Hochofen. Der häßlich-erhabene Anblick hat ihn wohl fürs Leben geprägt. 1957 gab er die Malerei auf, weil er industrielle Motive möglichst emotionslos wiedergeben wollte. Vor-Bilder waren unterkühlt sachliche Fotos, die er in Betriebsbüros gesehen hatte. Seine Frau Hilla (geboren 1935), gelernte Lichtbildnerin, besaß Ausrüstung und technisches Wissen.

Am Aufnahmeverfahren hat sich seither so gut wie nichts geändert. Auch blieb es bis heute bei schwarz-weißen Abzügen, auf daß keine Farbe von Umriß und Gestalt ablenke. Schon der rötliche Schimmer von Mennige auf Stahlgerüsten wäre den Bechers zu bunt.

Es geht also nüchtern zu, wenn sie durch die Industriereviere reisen, um Zechen- und Wassertürme, Fabrikhallen, Hochöfen, Gasbehälter oder Kohlesilos aufs Bild zu bannen. Vieles existiert nicht mehr, anderes verwittert oder dient – schick restauriert – anderen Zwecken. Derlei Verfälschungen interessieren Bernd und Hilla Becher nicht. Sie suchen auch keine Besonderheiten, sondern Durchschnittsbauten.

Internationales Formenvokabular

In Münster sind die Aufnahmen meist zu Sechser- oder Neuner-Serien gruppiert, so daß haarfeine Vergleiche zwischen jeweils ähnlichen Bautypen möglich sind. Hier wird der Blick geschult: Was unterscheidet Siegerländer Fabrikhallen von einem Pendant in Belgien oder in den USA? Gibt es formale Entsprechungen zwischen Werksfassaden in Dortmund und Eisenhüttenstadt? Ja, es gibt sie. Man entdeckt überraschende Gemeinsamkeiten über Grenzen hinweg. Kühles Ingenieurs- und Kommerz-Kalkül schuf ein weltweit gültiges Formenvokabular, das (je nach Region) variiert wurde. Und das Motiv-Spektrum reicht vom herbbrutalen Charme nackter Stahlskelette bis zu reich verzierten Imponier-Fassaden. Auch die Geld-Religion brauchte „Kathedralen“.

Ostdeutsche Industriebauten fehlten bis 1989 im Repertoire der Bechers ganz. So sehr sie sich auch mühten, sie bekamen in der DDR keine Aufnahme-Genehmigungen. Die SED fürchtete sich vor Spionage. Als hätte man dort vorbildliche Fabriken sehen können…

Bernd und Hilla Becher: „Typologien“. Westfälisches Landesmuseum“, Münster; Domplatz. 11. Dezember bis 29. Jan. 1995, tägl. außer Mo 10-18 Uhr. Begleitbuch: 48 DM.




Gags direkt aus der Tüte – Comödie Bochum mit dem Lustspiel „Endlich allein“

Von Bernd Berke

Bochum. Furchtbar, diese Nesthocker! Da wähnen die Eltern, sie hätten ihre Sprößlinge zu selbständigen Menschen erzogen und atmen bei deren Auszug schon dankbar auf: „Endlich allein!“ Doch kaum hat der mittlerweile 20- bis 30jährige Nachwuchs die ersten Problemchen mit Ehe oder Job, da kehrt er mit allen Ansprüchen ins traute Heim zurück. „Sie sind wie die Yo-Yos“, stöhnt die Mutter.

Kleine, im Grunde schrecklich harmlose Sticheleien zwischen den Generationen ergeben ein rechtes Familienprogramm fürs Boulevardtheater. Kein Wunder also, daß die erst seit ein paar Wochen auf dem Theatermarkt agierende „Comödie Bochum“ nun Lawrence Romans Lustspiel „Endlich allein“ (Regie: Gerhard Mohr) als bereits dritte Premiere auf den Plan setzt.

Sieben Türen sieht man auf der Bühne. In einer Komödie, in der es alsbald zünden und womöglich krachen soll, sind das schon die Hauptrequisiten auf der schlicht-realistischen Szene. Da erscheinen die Kontrahenten zum jeweils (un)passendsten Moment im Holzgeviert, und wenn sie sich erregen, werfen sie besagte Türen stets heftig zu. Manchmal geht es nur noch „klapp-klapp-klapp“ im kalifornischen Heim der Butlers. Denn die drei Söhne flattern samt weiblichem Logis-Gast nach Belieben ein und aus. Und immer schrillt ein Telefon.

Der Beginn wirkt trotzdem schleppend. Inge Marschall als Mutter Butler scheint für ihre Rolle nur eine einzige klagende Tonlage zu finden, sie spielt sich erst ganz langsam etwas wärmer. Hilfreich ist dabei sicherlich die (allerdings von Lauheit bedrohte) Routine eines Henning Gissel, der den Vater gibt. Zwischen unbeschwerter Munterkeit und trotteliger Frühvergreisung ziehen Stefan Hoßfeld, Rainer Kleinespel und Jörg Kernbach als Sohnes-Trio die Register, die nette junge Schauspieler halt so „drauf“ haben.

Zuweilen knackt es dabei leise im dramaturgischen Gebälk. Doch sie retten sich auch über kleine Sinnlücken hinweg, denn leicht ist der schnelle Instant-Gag zur Hand, gleichsam aus der Tüte gezaubert. Ist von einem Tölpel die Rede, läuft jener sogleich vor die Wand und schreit .„Aua!“ Doch wer eine schon nahezu unverschämt strahlende Schönheit wie Arzu Ermen (als Hausgast „Janie“) im Ensemble hat, braucht sich um optische Schwerpunkte kaum Sorgen zu machen.

Das Stück ist recht solide gebaut und daher zum Standardwerk der leichten Muse avanciert. Es enthält auch in Maßen nachdenkliche Passagen, die für eine Bühne des .„Comödien“-Zuschnitts fast schon zu lang dauern. Für (nicht subventionierte) Eintrittspreise um die 50 DM will die lachlustige Comödien-Kundschaft keine Weltverdüsterung sehen, wie sie Frank-Patrick Steckels Bochumer Schauspielhaus so nachdrücklich erzeugt.

Von wegen „Endlich allein“: Bühnenchef Jochen Schroeder muß sich nicht einsam fühlen, denn sein Haus verbucht derzeit eine regelmäßige Platzausnutzung von über 80 Prozent. Davon träumt Steckel. Wenn freilich demnächst der unbekümmerte Spaß-Regisseur Leander Haußmann das Schauspielhaus übernimmt, wird es – kein Paradox – ernste Frohsinns-Konkurrenz am Orte geben.

Comödie Bochum (Ostring 25, Nähe Hauptbahnhof). Weitere Vorstellungen von „Endlich allein“: Bis 8. Januar ’95, täglich außer montags, jeweils 20 Uhr.




Rote Herzchen und Blue Jeans – eine prächtige Musical-Revue im Berliner Theater des Westens

Von Bernd Berke

Berlin. Oh, Italiens Himmel über deutschen Camping-Zelten! Knallrote Herzchen leuchten am Firmament, bunte Sternchen blinken dazu und dann erklingt mit vollem Schmelz das Lied von den „Capri-Fischern“.

Das ist Kitsch von der grandios-inbrünstigen Sorte, stilsicher überzeichnet. So gefällt er auch Leuten, die ihn sonst verteufeln. Szenen dieser Güte erlebt man in der am Samstag uraufgeführten Berliner Musical-Revue „Blue Jeans“ zuhauf.

Die schwungvolle, musikalisch und tänzerisch nahezu perfekt dargebotene Tour durch deutschen Zeitgeist der 50er Jahre (Buch und Regie: Jürg Burth, Ko-Autor Ulf Dietrich) ist, wie bei derlei Stücken handelsüblich, einfach gestrickt. Lisa Neumann und Frank Karsuntke verloben sich mit heftiger Billigung ihrer Eltern. Denn Usas Vater besitzt das einzige Kaufhaus der Kleinstadt, Franks Erzeuger ist Baustadtrat, der auch schon mal eine strittige Erweiterung genehmigen oder die Konkurrenz vom Orte fernhalten kann. Beide schwimmen also dank wechselseitiger Korruption auf den Wellenkämmen des Wirtschaftswunders. Da bietet sich eine familiäre Verknüpfung geradezu an. Doch es gibt auch noch Tom, den KFZ-Mechaniker in Blue Jeans und mit Schmalztolle, der Lisa mitsamt seinem Motorrad mächtig imponiert.

Facetten der Adenauer-Zeit

Lisas Hin und Her zwischen gehobenem Spießermilieu der Adenauer-Zeit und dem wilden Tanz der Freiheit ist der einzige, vielleicht etwas zu schmale Handlungs- und Spannungsbogen, der natürlich zum Schluß in eine denn doch allseits genehme Heiratslösung führt.

Um die wenigen „Hänger“ gleich abzuhaken: Die Bühne ist zuweilen übervölkert, man sieht dann den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Nicht alle sind stimmlich ganz disponiert, es gibt einen Teilausfall. Dafür kann Angelika Milster als Neumanns Frau um so mehr glänzen. Die hat eine Stimme – fast schon zu gut fürs Musical.

Die Prüderie hat keine Chance

„Unterwegs“ hat man erheblich mehr gesehen als nur ein paar läppische Teenagerträume. Und wie liebevoll, wie selbstironisch ist das alles in Szene gesetzt und gespielt!

Da liest etwa „Fräulein Schlösser“ (umwerfend, herrlich halbschräg: Sylvia Wintergrün), die Haushälterin der Kaufhaus-Neumanns, aus einem prüden Benimmbuch der 50er Jahre vor, während ein US-Boy sie gierig bedrängt. Sie zitiert auf Deutsch die Anstandsregeln und versucht sich in deren Sinne zu wehren, indes er auf Englisch intimste Wünsche hechelt, denen sie sich dann doch nicht versagen kann. Herrliches Kontrastbild, das die bigotte Sexualmoral jener Jahre einfängt und doch köstlich unterhaltsam bleibt. Man lacht sich schlapp.

So auch, wenn wiederum jenes Fräulein beim Staubsaugen den alten Gassenhauer „Ein Schiff wird kommen“ trällert – und durch leicht variierte Wiederholung einer einzigen Zeile das ganze Hausfrauenelend samt verkorksten Sehnsüchten aufscheinen läßt.

In der eingangs erwähnten Campingszene will Vater Neumann (fernsehbekannt: Siegfried W. Kernen) „den Itakern mal zeigen, wie ein deutsches Zeit gebaut wird.“ Dann kommandiert er beim Aufstellen herum, und es schwingt viel von der soldatischen Untugend gerade erst überstandener Katastrophen mit. Auch hier der frappierende Einklang von Zerstreuung und Fassung von Gedanken. Kein Musical von Naiven für Ahnungslose, aber auch keine dürre Belehrung von Bärbeißigen für Humorlose. Prächtig so!

Bis 31. Dez. im Berliner «Theater des Westens“ (Nähe Ku‘ Damm), tägl. außer mo. 20 Uhr, So. 18 Uhr (Tickets von 18.- bis 86.- unter 030/88 22 888).




An der Krippe hat Kritik kaum Platz – Schau in Telgte erstreckt sich nun über zwei Museen

Von Bernd Berke

Telgte. Was haben Krippen mit Krimis gemeinsam? Mindestens dies: Ein relativ enges Schema von Figuren und Handlungen reizt zur Variation. Begrenzung regt die Phantasie an. Beweise in Hülle und Fülle bietet die nun auf mehr als verdoppelter Fläche ausgebreitete Sammlung des Heimathauses/Krippenmuseums im Wallfahrtsort Telgte bei Münster.

Das zweifache, weit und breit einzigartige Museum erweist sich als Publikumsmagnet: Schon fast 30000 Besucher waren seit der Eröffnung des Neubaus da – und die liegt erst zwei Wochen zurück.

Als sie gegen Ende des 16. Jahrhunderts in Deutschland gebräuchlich wurden, waren Weihnachtskrippen eine kirchliche Werbeaktion. Schlaue Jesuiten entdeckten im Zuge der Gegenreformation (als der Katholizismus wieder die Oberhand gewinnen wollte) die Wirksamkeit emotionaler Bibel-Inszenierung. Hatte es zuvor praktisch nur Tafelbilder zum Thema Jesu Geburt gegeben, so waren die dreidimensionalen Krippen damals ein fortschrittliches Medium – so, als würde man heute religiöse Videoclips oder Computerspiele kreieren.

In seinem schönen Neubau aus Ibbenbürener Sandstein (Architekt: der renommierte Josef-Paul Kleihues) kann man die Entwicklung der Krippe jetzt breit auffächern. Besonders liebevoll werden kostbare Stücke aus Westfalen präsentiert, so etwa nach Art von Buddelschiffen in Flaschen hineinpraktizierte Krippenszenen aus dem Sauerland.

Übrigens: Die Heiligen drei Könige (Kaspar, Melchior, Balthasar) gehörten nicht von Anfang an zum festen Personal, sie fanden erst im Lauf der Zeit ihren Platz – und sind neuerdings wieder auf dem Rückzug, denn Krippenbauer konzentrieren sich heutzutage meist ganz auf die Kleinfamilie aus Maria, Joseph und Jesus. Ja, manchmal tritt Maria gar schon als „Alleinerziehende“ auf.

Viel Schnitzwerk fürs wohlige Gefühl

Die Fülle der Exponate rundet sich jedenfalls zu einer Geschichte des Weihnachtsfestes überhaupt, das erst gegen Ende des bürgerlichen 19. Jahrhunderts seine uns bekannte Form annahm – samt Familienseligkeit, aber auch Konsumzwang.

Während im Neubau die alten Sachen gezeigt werden, sieht man im Altbau – na, logisch – die neuen: Seit 1934 dokumentiert man in Telgte auch das jeweils aktuelle Krippenschaffen in Sonderausstellungen. Heuer sieht man (neben dem umfangreichen Dauerbestand) bis zum 28. Januar 1995 die 54. Schau. Nachdem zuletzt öfter provozierende Arbeiten gezeigt wurden (etwa Punker-Figuren nebst Ochs und Esel oder Messer, Gabel und Löffel statt der biblischen Gestalten), so bequemt sich die große Mehrzahl der Künstler nun wieder zur Konvention. Eine mit Wohlstandsmüll absichtlich verunzierte Öko-Krippe ragt schon als einsames Mahnmal heraus.

Ansonsten gibt es viel bemühtes Schnitzwerk, auf daß einem schön heimelig zumute werde. Redlich-gemütvolle Gebrauchskunst wollen wohl die meisten Besucher sehen – und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Ist ja auch wahr: „Kritische Krippen“ oder Abstraktionen haben nur im Umfeld braver Darstellungen ihren Sinn. Wenn sie überwiegen würden, wär’s fad.

Die ganze Vielfalt der Krippenproduktion zeigt sich in der internationalen Abteilung. Jedes denkbare Material wird verwendet. In Südafrika entstand die Muschelkrippe, in Alaska eine aus Walfischknochen. In Peru treibt man’s so bunt und üppig wie im Barock. Und der Krippenbauer aus Tansania läßt die Könige nicht mit Weihrauch, Gold und Myrrhe dem Jesuskind huldigen, sondern mit Feldfrüchten. Ein Medizinmann, der gleichfalls dazugehört, sieht’s mit Wohlgefallen. Ein friedsames Gruppenbild.

Museum Heimathaus Münsterland und Krippenmuseum. 48291 Telgte bei Münster, Herrenstraße 1. (Tel.: 02504/931 20). Geöffnet Di.-So. 10-18Uhr (24., 25., 31. Dez. geschlossen). Eintritt 4 DM, Kinder u. Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt.




Emigrant zwischen Entsetzen und Idylle – Bilder von Oskar Kokoschka in Bielefeld

Von Bernd Berke

Bielefeld. Auch wenn man gern lebt, wo man lebt, wird einem manchmal die eigene Welt zu eng. Dann muß man hinaus ins Weite. Man kann den Reisedrang des Künstlers Oskar Kokoschka (1886-1980) also verstehen, der schon in jungen Jahren aus der vermeintlichen Starre Wiens ins damals so bewegte Berlin flüchtete und den es dann auch in Dresden nicht hielt.

Seine späteren Fluchten (nach Prag und London) wurden ihm allerdings von den Nazis aufgezwungen. Doch Kokoschka wurde mit der Situation seelisch besser fertig als andere Emigranten. Vor allem um diese Zeit geht es jetzt in einer Ausstellung der Bielefelder Kunsthalle.

In den frühen 30er Jahren ergeht sich Kokoschka noch in schieren Idyllen: „Mädchen mit Blumen“, „Mädchen mit Gans im Korb“, „Mutter und Kind“ – Motive und Ausführung könnten einem Hausbuch deutscher Innerlichkeit entnommen sein. Unverkennbar der Hang, die Farbe im Wortsinne „dick aufzutragen“. Es wirkt, als sei der Künstler noch etwas unsicher gewesen und als habe er dieses Manko mit selbstbewußten Gebärden überspielen wollen.

Als er vor den NS-Machthabern, die ihn auf der schrecklichen Liste „Entarteter“ Künstler führten, nach Prag emigrierte, gewann sein Werk nicht sogleich an Schärfe. In der „goldenen Stadt“ widmete er sich ausgiebig dem Genre des Stadtporträts und suchte dabei nicht Hinterhöfe auf, sondern bevorzugte Postkarten-Perspektiven auf die Moldau, deren Ufer von Türmen und Brücken gesäumt wurden.

Manche Arbeiten durchflutet noch weiches Impressionisten-Licht, dann jedoch steht man vor „Prag – Blick von der Villa Kramár“ (1934/35). Hier hat sich die Szenerie gewandelt, der Himmel über Prag erscheint schrundig aufgerissen, als stünde das Jüngste Gericht bevor. Aus den Farben ist jede Lieblichkeit gewichen wie Blutröte aus einem entsetzten Gesicht.

Das „rote Ei“ und die Politik

Doch Kokoschka ist kein ausschließlicher Künder des Unheils geworden. Er schildert weiterhin auch die hellen Seiten des Lebens. Bilder wie „Nymphe“ und „Aktstudie“ (1938) belegen es. Vier Jahre bleibt er in Prag. 1938 kann er gerade noch vor den anrückenden deutschen Truppen nach London flüchten. Erneut malt er dort Stadtansichten, nur daß es diesmal die Themse ist, die unter den Brücken hindurch fließt. Machtvoll gehen die Blicke von oben herab in die Ferne, als schaue ein Herrscher auf seine Ländereien.

In London findet Kokoschka dennoch zu einer für ihn ganz neuen Ausdrucksform: der politischen Allegorie, also der bildhaften Darstellung sprachlicher Begriffe. Da steht etwa eine absurde Tischgesellschaft, bei der „Das rote Ei“ (1940/41) auf dem Teller liegt, für die Machenschaften beim „Münchner Abkommen“, mit dem England – zum Schaden der Tschechoslowakei – Hitler „besänftigen“ wollte.

Kokoschka greift nun häufig auf karikaturistische Mittel zurück, was seinen späteren Porträts zugute kommen wird: Er hat Illusionen verloren und kommt der inneren Wahrheit näher.

Oskar Kokoschka. Emigrantenleben – Prag und London, 1934-1953. Kunsthalle Bielefeld. 20. November bis 19. Februar 1995. Katalog 59 DM.




Der letzte Rest von Zuversicht – Wilhelm Genazinos „Die Obdachlosigkeit der Fische“

Von Bernd Berke

„Lange konnte ich es nicht aushalten, dann drückte sich ein furchtbares Gemisch meine Kehle hoch, ein Gemisch aus bitterer Kraftlosigkeit und absoluter Glücksverfehlung“. Ein typischer Satz aus Wilhelm Genazinos Prosaband „Die Obdachlosigkeit der Fische“.

In einer Art Tagebuch häuft eine Lehrerin ihre Depressionen an. Ihre Ängste scheinen längst keine realen Anlässe mehr zu haben, sie heften sich an alles und jedes. Diese vor der Zeit gealterte Frau in den Vierzigern durchstreift, wenn sie sich denn hinaus traut, ihre Umgebung geradezu in dem innigen Wunsch nach Leid. Sie grast Stadt und Land nach beunruhigenden Seltsamkeiten ab. Alsbald fragt man sich: Ist diese Bemitleidenswerte noch in der Lage zu unterrichten?

Nur Resignation und ein flaumweiches Nachgebenwollen liest man heraus, wenn die Lehrerin lauter Verluste verbucht, lauter Vor-Zeichen von Wahn und Tod. Im Bus sitzen nur verhärmte, ärmliche Leute – furchtbar. In der Bäckerei flirten aufgekratzte Verkäuferinnen mit den Kunden – schrecklich peinlich. Auf der Kirmes blickt ein kleines Mädchen so eigenartig – unerträglich. So geht es weiter und weiter. Nichts kann genügen. Auch die seit Jahren bewußt auf Sparflamme gehaltene Beziehung zu einem Manne nicht. Und die Schule ist eh nur eine Zwangsanstalt.

Immer wieder finden die Gedanken der Frau ihren Fluchtpunkt in der Nachkriegskindheit zwischen Ruinen. Da gab es die stumm erduldeten Annäherungsversuche der Jungen, überhaupt die ständige Verstrickung ins Unechte. Wie sie das ausgehalten hat? Indem sie zum Beispiel weidende Schafe anblickte oder sich durch sonstige Zufälle ablenken ließ. Nur in solcher Absichtslosigkeit, die ihr in höchster Not zur Hilfe kommt, liegt eine letzte Ahnung von Glück und Gnade. Dies Spurenelement kann sie vielleicht auch jetzt retten. O, vage Zuversicht!

Ein Buch mit „Wirkung im Bauch“, das bei Lesern vielleicht sogar innere Kräfte freisetzt: Man möchte nämlich immerzu aufbegehren gegen diese Todtraurigkeit, möchte wütend werden oder der Erzählenden wenigstens einen Rest von Revolte wünschen.

Wilhelm Genazino: „Die Obdachlosigkeit der Fische“. Rowohlt. 124 Seiten, 32 DM.

 

 




Die Kunst des Kaufens – „Art Cologne“ mit 323 Galerien aus 22 Ländern

Von Bernd Berke

Köln. Bündigen Bescheid gab die Dortmunder Galerie Utermann den Veranstaltern der Kölner Kunstmesse „Art Cologne“. Die hatten wissen wollen. was die Teilnehmer der Messe erwarten. Utermanns Antwort: „Neue Kontakte. Gute Geschäfte.“ Das dürfte im Kern für alle 323 Galerien aus 22 Ländern gelten, die diesmal dabei sind.

Utermann kann tatsächlich auf ein besonders gutes Geschäft hoffen, hat man doch eines der spektakulärsten Angebote parat, nämlich vier Jahresmappen der expressionistischen Künstlergruppe „Brücke“ (Heckel, Kirchner u. a.) aus den Jahren 1909-1912 – eine Rarität sondergleichen. So haben sich, dem Vernehmen nach, auch schon ein US-Museum und ein solventer Privatsammler dafür interessiert. Nach Möglichkeit sollen die Mappen nur komplett veräußert werden. Der Preis soll sich nahe der Ein-Millionen-Grenze bewegen. Die Blätter sollen nicht sofort an den Käufer ausgehändigt, sondern zuvor noch in Dortmund gezeigt werden.

Wahrend Utermann und die Galerie Friedrich die Dortmunder Farben vertreten, ist aus ganz Südwestfalen nur eine einzige Galerie präsent, nämlich Friebe aus Lüdenscheid. Erst 1989 gegründet, hat diese Galerie seit drei Jahren ihren Platz auf der „Art Cologne“ und spürt längst die wohltuende Werbewirkung. Denn seither hat man einen Bekanntheitsgrad erlangt, der auch schon mal Käufer aus München oder Hamburg ins Sauerland pilgern läßt. Auch Friebe lockt mit recht prominenten Künstlernamen, so etwa Reiner Ruthenbeck oder Raimund Girke. Bis zu 30000 DM pro Arbeit kann man hier ausgeben, kleinere Stücke kommen deutlich billiger.

Kritik an den Kriterien ruhiggestellt

Überhaupt lohnt ein Messebesuch auch dann, wenn man nicht mit prallem Portefeuille gesegnet ist. Die preiswertesten Stücke sind für rund 100 bis 200 DM zu haben. Dafür freilich kann man keine berühmten Namen erwarten, sondern muß auf Spürsinn setzen. Das war ja schon früher so. Hätte man etwa vor vielen, vielen Jahren ein kleineres Format des Hagener Künstlers Emil Schumacher günstig erworben, so würde man heute freudig Preise um 200 000 DM registrieren, wie sie jetzt auf der Messe verlangt werden. Immerhin: Eine Farblithographie des auch nicht ganz unbekannten E. W. Nay schlägt bei Vömel (Düsseldorf) mit „nur“ 2500 Mark zu Buche.

Der Bundesverband Deutscher Galerien e. V., Veranstalter der „ArtCologne“, hat diesmal zu einem probaten Mittel gegriffen, Kritik im Keime ruhigzustellen. Hatten sich noch im Vorjahr – unter dem anklagenden Titel „Unfair“ – einige „aus Qualitätsgründen“ abgelehnte Galeristen separat vorgestellt, so dürfen sie diesmal mitmachen.

Fast schon vergessen ist der Streit um die Teilnahme der Galerie Gabrielle Pizzi (Melbourne), die u. a. Kunst australischer Ureinwohner (Aborigenes) offeriert. Ursprünglich hatte der Galerienverband den Australiern eine Absage erteilt, weil die Aborigine-Bilder eher Folklore denn Kunst seien. Daraufhin wurde gar der Vorwurf des Rassismus laut. Nun ist Pizzi dabei, weil – so die geschickte Wendung der Veranstalter – die australische Auswahl erheblich besser sei als 1993. Bloß keinen Streit riskieren. Es könnte die Geschäfte stören.

„Art Cologne“ – 28. Internationaler Kunstmarkt. Köln-Deutz, Messegelände (Hallen 1, 2, 3 und 5. Vom 10. bis 16. November; tägl. 11-20 Uhr. Tageskarte 15 DM, Messekatalog 15 DM.




Komik zwischen Heulen und Zähneklappern – Frank-Patrick Steckels großartige Inszenierung von „Warten auf Godot“

Von Bernd Berke

Bochum. Auf der schmutzigbraunen Halde stehen die zwei berühmtesten Landstreicher der Theatergeschichte. Der eine nestelt an seinem Schuh, er stöhnt und ächzt dabei. Der andere pult geistesabwesend in seiner Nase. Es könnte immer so bleiben. Denn Wladimir und Estragon haben nichts zu tun, nur dies eine: „Warten auf Godot“.

Der Kerl, von dem in Samuel Becketts Stück die Rede 1st, kommt bekanntlich nie. Doch die Theaterzuschauer tun es seit Jahrzehnten den beiden Hauptgestalten gleich. Sie warten immer wieder mit. Vielleicht entschlüsselt sich ja doch eines Tages auf irgend einer Bühne dieser Welt, wer dieser „Godot“ ist?

Diese Hoffnung kann man fahren lassen. Becketts längst sprichwörtlich gewordener Klassiker stellt unablässig Paradoxe auf, revidiert sich ständig selbst, spiegelt sich immer wieder seitenverkehrt. Eindeutigkeit ist hier nicht zu haben. Eher schon unauflösliche Widersprüche, an denen man sich ewig abarbeiten könnte. Ähnliche Denk-Treibsätze gibt es in manchen fernöstlichen Weisheitslehren.

Wenn Hausherr Frank-Patrick Steckel das Stück nun in Bochum auf die Bühne bringt, weiß er natürlich, welch‘ unübertreffliches Material für Schauspieler er da handhabt. Auch der kürzlich verstorbene Heinz Rühmann hat mit diesem Text einen seiner allerbesten Auftritte gehabt.

Inmitten des Elends steckt bei Beckett das Clowneske. Man könnte es vorschnell verschenken und eine Inszenierung aufs rein Komödiantische gründen. Nicht so bei Steckel. Der sucht, wie von ihm nicht anders zu erwarten, die ernste Auseinandersetzung – und kommt schließlich doch bei komischen Momenten an.

Zirkusnummer mit Herr und Knecht

Auch die Herr-und-Knecht-Zirkusnummer mit Pozzo (Wolf Redl) und Lucky (Michael Weber) wirkt zunächst mal todtraurig, ehe sie dann doch grausame Heiterkeit freisetzt. Das Lachhafte wird aber eben nicht schon an der Oberfläche gesucht und gefunden, sondern erst im Bodensatz der Verzweiflung, unter Heulen und Zähneklappern. Das ist diesem Stück angemessen.

Stecke! hat gewissermaßen einige Dehnungsfugen eingebaut, auf daß wir am eigenen Leibe das Warten erfahren. Einmal heißt es im Text: „Laß uns ein wenig schweigen.“ Und dann tun sie es, viele Minuten lang. Ein andermal essen Wladimir (Oliver Nägele) und Estragon (Armin Rohde) ausgiebig ihre absurden gelben Rüben, ohne daß sonst etwas geschieht. Nur allerbeste Schauspieler können solche Szenen in spannender Schwebe halten. Hier geschieht das kleine Wunder.

Inszenierung und Darstellung ergreifen den Text nicht kurzum, sondern umkreisen ihn, pendeln um seinen vielfältigen (Un-)Sinn herum. So erreichen sie weit mehr, als wenn sie schnurgerade den Worten nachliefen.

Körperspiel bis in die Haarspitzen

Bewundernswert auch die Körperbeherrschung der Schauspieler, sie reicht sozusagen bis in die Haarspitzen. Wie etwa „Lucky“ sich durch sein geknechtetes Dasein zittert, wie er als Gedanken-Maschine seine abstrusen Theoriefetzen herausschleudert – das ist kein bloßes Kabinettstück, sondern zuinnerst erfaßt und durchlitten. Wenn Lucky die im Kontext dieses Stückes so sinnlosen Lebens-Tröstungen wie etwa Sport (zumal Tennis) aufzählt, dann ist unsere Fitneß-Gesellschaft ins Mark getroffen.

Die sinnfälligen Kostüme i müssen erwähnt werden, dazu das ebenso aussagekräftige wie spieldienliche Bühnenbild (beides: Susanne Raschig) und jene minimalistische Musik (Carlos Farinas), welche die Szenen kaum merklich einfärbt. Gemeinsam ist allen Be- standteilen: Nichts drängt sich auf; alles existiert einfach, als könne es gar nicht anders sein.

Machtvoller und verdienter Premierenbeifall für Darsteller und Regie. Der „Godot“ ist Steckels größte Tat seit Jahren.

Weitere Aufführungen: 19. und 27. Okt, 5. und 6. Nov. (0234/3333-142).




Geisterbahn der traurigen Puppen – Bonner Bundeskunsthalle zeigt die Todesahnungen der Schweizerin Eva Aeppli

Von Bernd Berke

Bonn. Zuerst kommt man an Schädelstätten vorbei. Mal vereinigen sich die Totenköpfe zum reißenden Fluß. dann grinsen sie frech oder tanzen einen makabren Tango. Ein Alptraum? Eine Ausstellung!

Gegen Ende der 60er Jahre hat die Schweizerin Eva Aeppli (geboren 1925) begonnen, solche Totentanz-Visionen mit handgenähten Puppen auszudrücken. Die haben zwar – im Vergleich zu den gemalten Gebeinen – ein wenig „Fleisch“ (sprich: Stoff) angesetzt, wirken aber ebenfalls so ausgemergelt, als wollten sie gleich ins Grab sinken. Solche todessüchtigen Puppen hat man noch nirgendwo gesehen. Kein Spielzeug.

Die Bundeskunsthalle in Bonn widmet Eva Aeppli eine bemerkenswerte Werkübersicht. Über jeder einzelnen Arbeit könnte die christliche „Vanitas“-Formel stehen – die Erinnerung daran, daß wir alle jederzeit aus dem Leben gerissen werden können. Es sind also Variationen auf ein altes Thema der Künste.

Die Puppengestalten sind stets so angeordnet, daß sie den Blick des Betrachters aus schrägen Winkeln „einfangen“. Unweigerlich erschrickt man. In einer großen Installation sitzen 13 Figuren an einem langen Tisch – ähnlich wie beim biblischen Abendmahl, aber ohne jegliche Speise. Man kommt nicht an dieser Tafel vorüber, ohne das verhärmte Elend in leeren Augenhöhlen wahrzunehmen, ohne auch sarkastisch starrende Blicke der erschlafften Puppen zu spüren, so als wollten diese Hinfälligen sagen: „Warte, du bist auch bald an der Reihe“. Die Kleiderfarben – schmutzig dunkles Violett, verwaschene Oliv- und Orangetöne – verstärken die Todesahnung.

Chorgesang oder kollektiver Schrei?

Hat man dies alles hinter sich gebracht, so steht man plötzlich wie gebannt vor der geballten Macht von 48 überlebensgroßen, völlig schwarz gewandeten Puppen, die ihre Münder zum Chorgesang (oder zum kollektiven Schrei?) weit aufgerissen haben. Ein monumentales, grandioses Schreckbild.

Es gibt scheinbar ruhigere Stationen im Rundgang, den man als Geisterbahn oder gar als Kreuzweg auffassen könnte. Eva Aeppli hat die Planeten und die Tierkreiszeichen als vergoldete Häupter, als Bronze- oder Stoff-Gesichter gestaltet und sie auf Podeste gestellt. Erhaben und feierlich wirken diese astronomischen und astrologischen Kopf-Serien. Doch nur von weitem: Tritt man näher heran, so bemerkt man auch hier: vernähte Antlitze, wie nach schweren Operationen, verquollene Schädelformen, verzerrte Münder, gebrochene Augen.

Schließlich „Les Amoureux“ (Die Liebenden) von 1988/89. Zwei nun offenbar wirklich harmlose Figuren. Doch wenn man weiß, daß Eva Aeppli hier ihren Ehemann, den inzwischen verstorbenen Künstler Jean Tinguely, in trauter Zweisamkeit mit seiner nicht minder berühmten Kollegin Niki de Saint Phalle darstellt, verspürt man erneut einen Schauder. Sie zeigt ja das Glück der eigenen Rivalin! Ein Bild des erotischen Wechsels, bei dem sie selbst zurückbleibt, nur noch zuschaut und nachgestaltet. Und doch wird kein Bannfluch daraus, sondern ein gefaßter Blick ins Unvermeidliche.

Eva Aeppli – Bundeskunsthalle Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 4 – Bis 15. Januar 1995, Di-So 10-19 Uhr. Eintritt 8 DM (ermäßigt 4 DM). Katalog 35 DM.




„Die Welt ist doch eine Scheibe“ – Oder werden die Bücher bald aus der Steckdose kommen?

Von Bernd Berke

Frankfurt. „Die Welt ist doch eine Scheibe“. Dieser Spruch führt nicht zurück ins Mittelalter, als die Kugelgestalt der Erde noch unbekannt war. Er soll in eine goldene Medienzukunft weisen. Denn mit dem Reklame-Satz ist die Datenscheibe CD-Rom gemeint, die mehr denn je die Diskussion auf der Buchmesse beherrscht.

Es scheint, als sei die Messe-Premiere der elektronischen Lesemedien im letzten Jahr nur Vorgeplänkel gewesen, als dämmere den Verlagen erst jetzt die Tragweite der neuen Technik. Und schon preschen Leute vor, die behaupten, die CD-Rom sei nur ein Behelf. In einigen Jahren werde das „Buch“ direkt aus der Steckdose kommen – aus prall gefüllten Wissens-Banken via „Daten-Highway“.

Was ist auf den Silberlingen wirklich drauf?

Zukunftsmusik. Wer jetzt schon ein CD-Rom-Laufwerk sein eigen nennt, wird noch nicht immer helle Freude an den Platten haben. Bevor man ihn nicht kauft und verwendet, kann man einem „Silberling“ nicht ansehen, was wirklich drauf ist. So sind auch die Gründe für die enormen Preisunterschiede (ca. 30 DM bis 200 DM pro Scheibe mit einer Speicherkapazität von bis zu 600 Megabyte) zunächst nicht ersichtlich.

Erst beim Gebrauch kommt der Aha-Effekt: Wenn Verlage bis zu 2 Mio. DM pro CD-Rom investiert haben (nur noch im internationalen Verbund sinnvoll), ist der Nutzeffekt ungleich größer als bei unausgereiften Produkten: Nicht überall, wo „interaktiv“ draufsteht, ist’s auch drin.

Eins steht fest, man kann es beim Ausprobieren der Geräte an sich selbst und an anderen wahrnehmen – nicht die leicht verschleierten oder gar verklärten Blicke der Leser selbst von trivialeren Druckwerken, sondern fiebrig irrende Pupillen. Denn die elektronische Art des „Lesens“ züchtet Ungeduld. Allein die Apparatur diktiert das Tempo – und das ist bei komplizierten Anwendungen oft noch schleppend.

Vom Lexikon bis zur „Pussy-Parade“

Unterdessen herrscht in Messehalle 1 ein etwas anderes Getriebe als zwischen den Buchständen. Auf Anbieterseite überwiegen smarte Business-Typen. Interessenten sind vor allem Kids und Jugendliche, die ganz unbefangen die neuen Medien ausprobieren. In Frankfurt werden aber inzwischen auch die Vorteile der Druckmedien wieder zaghaft erwähnt – erster Katzenjammer nach der CD-Euphorie?

Jedenfalls schält sich die Erkenntnis heraus, daß man nicht einfach Gedrucktes auf Platte übertragen dürfe, sondern eigenständige Inhalte entwickeln müsse. Dazu hat sich die Verlagsgruppe Brockhaus/Meyer/Duden/Langenscheidt, wie in Frankfurt verkündet wurde, mit dem Software-Konzern Microsoft verbündet. Es ballt sich was zusammen. Und die Zukunftsschmiede mögen weder für die Buchpreisbindung garantieren noch für exklusiven Vertrieb über den Buchhandel. Die Branche steht vor einem Verdrängungswettbewerb.

Während Brockhaus und einige andere wirklich frappierende Lexikonprojekte hervorgebracht haben, ist das anderwärts mit Inhalten so eine Sache. Vieles tötet eher die Phantasie oder gehört in die Spielhalle. Und schon sieht man auch CD-Programme der schäbigen Art, z. B. eine Sammlung von computeranimierten Szenarien aus den Weltkriegen. Auch Beate Uhse hat die Hände nicht oder genauer: ganz entschieden in den Schoß gelegt. Ihre Sex-Fabrik ist mit einer Reihe von Scheiben vertreten, u. a. mit einer „Pussy-Parade“. Wenn das Gutenberg wüßte.

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Kommentar

Elektronik auf Frankfurter Messe auf dem Vormarsch

Das Buch im Computer

Etwa fünf bis 18 Prozent des Geschäfts mit dem Lesen, so gestern die Veranstalter der Frankfurter Buchmesse, könnten zur Jahrtausendwende mit elektronischer Ware abgewickelt werden. Die Spannbreite dieser Schätzung ist enorm. Schon deshalb läßt sie auf große Unsicherheit schließen. So richtig scheint man immer noch nicht zu wissen, auf was man sich da im Buchhandel eingelassen hat.

Doch die Geister, die man rief – man wird sie gewiß nicht mehr los. Der Buchmarkt ist ohne die Daten-Scheiben mit ihrem immensen Fassungsvermögen nicht mehr denkbar. Sie erobern auch jetzt schon auf der Messe immer mehr Raum und Aufmerksamkeit. Also muß man – wohl oder übel – mitmischen, will man den wirtschaftlichen Anschluß nicht verlieren.

Eher wie Beschwörung hört es sich an, wenn man darauf pocht, die „Inhalte“ würden gerade jetzt immer wichtiger. Buchverleger, so verkünden die Verbands-Funktionäre mit stolzgeschwellter Brust, hielten schließlich die Rechte an fast allem, was auf CD-Rom und anderen Datenträgern publiziert wird. Die stille und manchmal auch laut als Gewißheit verkaufte Hoffnung: Die Verleger würden diese „immer wichtigeren“ Inhalte schon nicht verkommen lassen.

Schon das kann man teilweise bezweifeln. Nicht jeder Verlag wird von edlen kulturellen Motiven geleitet. Zudem dürften sich schon bald große Elektronik- und Unterhaltungskonzerne lukrativer Datenrechte bemächtigen. Und denen ist es piepegal, was konsumiert wird. Hauptsache, es wird kräftig gekauft.

Bernd Berke, z. Zt. Frankfurt

(Kommentar erschienen 5. Oktober 1994)

 




Im Schattenreich der Lüste – Ausstellungen über Toulouse-Lautrec und Hopper in Bremen

Von Bernd Berke

Bremen. Die Dame hat ihre Lippen ganz leicht gekräuselt und gestülpt. Zeichen einer bloßen Augenblickslaune? Nicht, wenn einer wie Henri de Toulouse-Lautrec hingeschaut hat. Sein Blatt „In den Vierzigern“ fängt den Zustand einer ranzig gewordenen Ehe in der unscheinbaren und doch vielsagenden Mimik eines Moments ein.

234 Lithographien umfaßt die großartige Ausstellung der Kunsthalle Bremen: Da sind sie alle beisammen – die verderbten Königinnen der Nacht, die etwas schäbigen Priesterinnen der Gier, dazu ihre Kunden und Kavaliere, zumeist fettwanstige Wüstlinge. Manche der Frauen wirken, als seien sie – nach vielerlei Ausschweifung – tief in ihrer Seele über alles Weltliche und Männliche erhaben.

Fasziniert und und angewidert

Das Panoptikum der „Pariser Nächte“ zwischen 1890 und 1901 zeigt keineswegs unvermischte Lebensfreude, sondern auch die Schatten der Lüste. Toulouse-Lautrec (1864-1901), der seit Kindheit krüppel- und zwergenhafte Mann, war als teilnehmender Beobachter in den Pariser Etablissements wohl zugleich fasziniert und angewidert vom sündigen Leben.

Um 1890 hatte ToulouseLautrec seinen unverkennbaren Stil längst gefunden. In der Kunsthalle plagt man sich daher nicht mit dem sinnlosen Unterfangen ab, Entwicklungslinien nachzuzeichnen. Man hat die Arbeiten stattdessen nach „Schauplätzen“ gruppiert: Theater- und Chanson-Bühnen, Vergnügungslokale, Bordelle usw.

Die Plakate von Toulouse-Lautrec gehören zum bildlichen Allgemeingut. Angeregt von japanischen Farbholzschnitten, hat der Franzose einen so souveränen Umgang mit menschlichen Silhouetten, formaler Staffelung, entschlossener Linienführung und Schriftzügen erlangt, daß die Wirkung bis heute anhält. Ob er nun Sensationen im „Moulin Rouge“, Auftritte von Größen wie Aristide Bruant und Jane Avril oder Theaterprogramme ankündigt – es sind stets, wenn es so etwas wie Analogie zu Ohrwürmern gäbe, „Augenwürmer“.

Nicht minder herrlich auch die vielen kleineren, oft skizzenhaften Blätter. Sie wirken unterschwellig, aber ebenso nachhaltig. Da ist zum einen das variantenreiche Licht- und Schattenspiel, besonders um die Augenpartien. Umschattete Blicke, rastlos, unbefriedigt, übernächtigt. Toulouse-Lautrec hat die erotischen Strategien der Näherung und der Lockung, aber auch der Abwehr, der Verstoßung und des Verwelkens unglaublich genau eingefangen. Gelegentlich findet er zu großer formaler Kühnheit. So etwa, wenn er eine in Paris gastierende amerikanische Tänzerin „nur“ als furiose Farbwolke darstellt. Der Wirbel mit Seidenschleier wirkt beinahe abstrakt.

Hoppers Denkmäler der Einsamkeit

Wenn man in Bremen ist, sollte man sich keinesfalls eine zweite Ausstellung entgehen lassen: druckgraphische Werke des Amerikaners Edward Hopper (1882-1968) im Kunstforum am Markt. Die Radierungen, Zeichnungen und Aquarelle des mittlerweile sehr populären Hopper stammen aus dem Whitney Museum of American Art.

Starker Kontrast zu Toulouse-Lautrec: Nach dessen bevölkerten Metropolen-Szenen sieht man nun Meer, Weite, Stadtwüste, vereinzelte Menschen. Hier sind die Nächte nicht gleißend, sondern funzelig. „Somewhere in France“ heißt, beinahe programmatisch, ein Bild – irgendwo in Frankreich. In einem solchen „Irgendwo“ verlieren sich Hoppers Figuren immerzu. Bei ihm ist der Mensch mit sich und seinen unerfüllten Sehnsüchten allein, selbst Gebäude wirken wie einsame Monolithen.

Elegischer Hang zum Unerreichbaren findet Ausdruck in ziellosen Passagen, Bootsfahrten in endlose Weite und Bahnstrecken, die ins Nichts zu führen scheinen. Unvergeßlich, wie intensiv Hopper die Körper zu wechselnden Tageszeiten herausmodelliert – wie unumstößliche Denkmäler des Alleinseins:‘

Toulouse-Lautrec: „Pariser Nächte“. Kunsthalle Bremen (Am Wall 207). Bis 22. Januar 1995. Di-So 10-20 Uhr. Eintritt Sa/So 15 DM. Wochentags 12 DM. Katalog 48 DM.

Edward Hopper: „Night Shadows“. Bremen, Kunstforum am Markt (Langenstr. 2 / Nähe Rathaus). Bis 30. November. Di/Mi 10-18, Do 10-21, Fr-So 10-18 Uhr. Eintritt 10 DM.




Dortmunds etwas andere Buchmesse – Schau mit 3000 Bänden im Harenberg City-Center

Von Bernd Berke

Dortmund. Wir alle kennen den Reklamespruch aus dem Fernsehen. Hier die von Schleichwerbung bereinigte Fassung: „Für die einen ist es ,Mh-mh‘, für die anderen ist es die längste Praline der Welt“. Die Formel ist auf ein neues Kulturereignis anwendbar: Für die einen ist es eine Bücherschau, für die anderen ist es die „1. Dortmunder Buchmesse“… Mal ehrlich, verdient sie diesen Namen?

Lokalstolz beiseite. Wenn man nüchtern Zahlen vergleicht, wird schon einiges klar: Die Veranstaltung im City-Center des Dortmunder Harenberg-Verlages präsentiert jetzt rund 3000 Bücher, in der nächsten Woche werden auf der Frankfurter Buchmesse (an der Harenberg seit Jahren nicht mehr teilnimmt) etwa 320.000 Bände gezeigt. In Dortmund sind etwas über 200 deutschsprachige Verlage vertreten, hinzu kommen Anbieter von Kalendern und Datenscheiben (CD-Rom); am Main werden fast 8600 Aussteller aus aller Welt Geschäfte machen, die elektronischen Lese-Medien werden eine ganze Halle füllen.

Auch fehlen in Dortmund das internationale Flair und der schwunghafte Handel mit Lizenzen – das, was zu einer Großmesse gehört. Also: Erst kommt Frankfurt, dann lange nichts. Dann Leipzig, dann wieder lange nichts. Dann vielleicht Dortmund. Die Dortmunder Schau erspart also keineswegs die Reise nach Frankfurt, sie hat aber durchaus ihre Berechtigung. Hier herrscht nicht der Massenandrang, der vom Schmökern abhält. Also kann man in relativer Ruhe blättern – und die Lektüre auch gleich ordern. Denn nahezu alle Dortmunder Buchhandlungen machen mit, und sie haben eine Bestelltheke eingerichtet.

Das ist überhaupt eine herausragende Fähigkeit des Verlegers Bodo Harenberg und seiner Mitarbeiter: viele Leute unter einen Hut zu bringen. So sorgt er bereits mit einer Autoren-Lesereihe für mehr Furore als manch städtisches Kultur-Unterfangen. Und so kamen zur Eröffnungs-Gala der „1. Dortmunder Buchmesse“ praktisch alle, die Rang und Namen haben im (Kultur)-Leben der Stadt.

„Dortmunder Initial“ für Andrzej Szczypiorski

Sie kamen auch zu Ehren des polnischen Autors Andrzej Szczypiorski („Die schöne Frau Seidenman“), der im Rahmen der Gala einen neuen Literaturpreis, das „Dortmunder Initial“, entgegennahm. Die vom örtlichen Buchhandel gestiftete Auszeichnung sagte Szczypiorski, der vor fünf Jahren bereits den Dortmunder NellySachs-Preis erhalten hatte, sichtlich zu. Der grundsympathische Herr küßte die Trophäe, nannte Dortmund seine temporäre „Hauptstadt der Kultur“ und bedankte sich mit einer Lesung aus seinem „Selbstporträt mit Frau“.

Zuvor hatte Verleger Bodo Harenberg ein „Plädoyer für das Buch“ gehalten und „Freispruch“ für alle Leser beantragt. Als Gegengewicht zur „Einminuten-Kultur“ elektronischer Medien werde das Buch wieder an Bedeutung gewinnen, hofft Harenberg. Nun, auch sein Verlag lebt vielfach von bebilderten Info-Happen zum schnellen geistigen Verzehr. Was ja nicht verkehrt sein muß. Information verlangt eben Tempo.

Zurück zur „Buchmesse“. Die etwa 3000 Titel wurden auf Anforderung von den Verlagen nach Dortmund geschickt. Die wichtigsten Häuser sind dabei, wenn auch zum Teil mit schmalen Kontingenten. Man sieht ’94er-Neuerscheinungen aus der Frühjahrs- und Herbst-Produktion. Auf allzu spezielle Sachbücher wurde verzichtet.

Die Auswahlkriterien sind nicht recht ersichtlich, im Zweifel hatte wohl das Populäre Vorrang. Sortiert hat man nach Sachgruppen. Der größte Sektor heißt „Unterhaltung“. Dabei sind in der Hast ein paar fragwürdige Zuordnungen unterlaufen. So liegen Bücher des Romanciers Gerhard Köpf oder des als „Götterliebling“ gehandelten ostdeutschen Lyrikers Durs Grünbein gleich neben solchen von Heinz G. Konsalik. So fließend sind die Grenzen ja nun auch wieder nicht. Daß Bücher von Bertelsmann (dorthin verkaufte Harenberg seine „Chronik“-Edition) und Harenberg selbst ein kleines bißchen mehr auffallen als andere – wer will es dem Hausherren des City-Centers verdenken?

„1. Dortmunder Buchmesse“. Harenberg City-Center, Königswall 21. Bis 2. Oktober, tägl. 10-19 Uhr.




Dieser „Woyzeck“ sollte sich mal um die Papiertiger kümmern – Jürgen Bosse inszeniert Büchners Stück in Essen

Von Bernd Berke

Essen. Die Bühne ist grau, und das Spiel dauert 90 Minuten. Am Ende steht es bei Büchners „Woyzeck“ im Essener Grillo-Theater gewissermaßen immer noch unentschieden. War’s denn spannend?

Woyzeck wird bekanntlich von Militär und Medizin mißbraucht, seiner Menschenwürde schändlich beraubt. Am Ende treibt ihn seine Geliebte Marie in mörderische Eifersucht hinein. Kein Hund möchte so leben. Das immer noch verstörende Stück von 1836/37 deutet auf Greuel des 20. Jahrhunderts weit voraus.

Doch in Essen, wo sich zum Saisonauftakt Schauspielchef Jürgen Bosse des fragmentarischen Dramas annimmt, ist es offenbar halb so schlimm. Der klobige Woyzeck (Matthias Kniesbeck) muß, so scheint es, weniger leiden. Denn rings um diesen Riesenkerl gibt es hier nur Popanze und Papiertiger. Der Doktor (Klaus-Peter Wilhelm), der Woyzeck aus „wissenschaftlichen“ Gründen ausschließlich mit Erbsenkost traktiert, kommt als lachhafter Wicht daher, als Karikatur eines wahnwitzigen Forschers.

Auch der Hauptmann (Claus Boysen), der Woyzeck strammstehen läßt, ermuntert hier eher zur medizinischen Diagnose: Als Asthmatiker mit Überfettung und Bluthochdruck, ja vielleicht sogar Infarktgefährdung, ist er dem Kollaps viel näher als sein Opfer. Hoffentlich ist er in der richtigen Krankenkasse.

Auf der üblichen Bühnenschräge

Es sieht überhaupt so aus, als müsse – seltsame Umkehrung – Woyzeck seine Peiniger schonend behandeln und sich als eine Art Pfleger um sie kümmern. Wenn alle Machthaber so harmlos wären, wären die Woyzecks dieser Welt besser dran.

Bleibt als Grund für den Untergang noch das barfüßige Vollweib Marie (Tatjana Clasing), das mit dem schmucken Tambourmajor turtelt und damit Woyzeck zur Weißglut bringt. Mit der plötzlichen Zwangsläufigkeit einer altbekannten Moritat findet nunmehr alles sein blutiges Ende. Woyzeck sticht zu wie auf dem Schlachthof, das Finale ist vollbracht.

Auf der theaterüblichen Bühnenschräge erlebt man das Geschehen wie ein allmähliches Steigen und Sinken der Figuren. Konturenschärfe und Spannkräfte gewinnen dieseSzenen kaum. Der Stoff wird nicht entschlossen gefaßt, man läßt ihn halbherzig dahingleiten. Nicht so sehr Zerrissenheit, die man doch wohl zeigen wollte, sondern Zerfaserung ist allenthalben zu spüren. Auch die Schauspieler wecken jeweils nur für Momente tieferes Interesse, dann ist es schon wieder vorbei. Büchners Sprachmacht kommt gleichfalls nur verdünnt zum Ausdruck.

Trotz des relativ kurzen Durchgangs von eineinhalb Stunden kann es einem so vorkommen, als bringe man etliche Zeit hin. Als hätten sie den Text nur deshalb gekürzt, um die verbliebenen Einzelteile desto behäbiger auszurollen. Wie gesagt, es ging unentschieden aus. Ob Regisseur, Schauspieler oder Publikum – keiner muß sich nun furchtbar grämen. Aber gewonnen hat auch keiner.

Weitere Aufführungen: 3. und 12. Okt. (0201/8122 172).




Auf übermalten Bildern sieht man mehr – Arnulf Rainer, sein „Markenzeichen“ und die brachialen Witzbolde von Wien

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Solche Kapriolen schlägt der Kunstbetrieb: Da hat Arnulf Rainer sich zum Markenzeichen erkoren, fremde Bilder zu übertünchen – und dann kommen just in seiner Heimatstadt Wien schurkische Scherzkekse daher, die seine längst teuer gehandelten Übermalungen ihrerseits übermalen. Jetzt sind 64 Arbeiten Rainers in Recklinghausen zu sehen – willkommene Lehrstücke zu einer Geschichte, die sich wie ein Witz anhört.

Arnulf Rainer (Jahrgang 1929) ist nicht irgendein vom Markt gehätschelter Schmierfink, der sich über die Sachen anderer Leute hermacht und sie wahllos zukleistert. Die Übermalung ist zunächst sein probates Mittel, die in der Malerei seit jeher grassierende Angst vor der leeren Leinwand zu überspringen. Außerdem verwendet Rainer als Bildgrund fast immer Reproduktionen, z. B. von Fotos oder alten Stichen. Die wird er ja wohl noch bepinseln dürfen!

Vor allem aber: Wenn Arnulf Rainer ein Bild übermalt hat, dann ist es nicht einfach unter Farbe verschwunden, sondern tritt auf wundersame Weise meist deutlicher zutage. Verbergen heißt zeigen. Beispiel: „Königsee“. Eine Postkartenidylle der tausendfach gesehenen Art, man guckt gar nicht mehr richtig hin. Wenn diese Landschaft aber zwischen Rainers Farbströmungen schemenhaft auftaucht, bekommt sie eine flirrende, fast übernatürliche Aura.

Auch Christus am Kreuz ist durch die Jahrhunderte zu einer Art Klischee geworden, man nimmt seine Leiden kaum noch wahr. Wenn Arnulf Rainer in wilder Manier durch die religiöse Szenerie gefahren ist, wird sie wieder zur spannungsvollen Provokation. Ähnliche Wandlung erfahren jene gesichtslos-anonymen Bilder von Katastrophen wie etwa Schiffs-Unglücken.

Eine weitere Bilderserie in Recklinghausen zeigt Übermalungen von (relativ harmlosen) erotischen Fotos. Auch hier herrscht das Verdeutlichungs-Prinzip: Massenware und billiger Abklatsch lebt durch Nachbehandlung neu auf, das Immergleiche wird durch den Akt des Malens zum Einmaligen.

Arnulf Rainer arbeitet in erregten, expressiv und explosiv gestimmten Seelenzuständcn. Früher hat er sich mit Alkohol, Drogen und Tabletten befeuert. Doch diese Zeiten sind lange vorüber. Er hat gewissermaßen Routine in Sachen Ekstase erlangt. Mit den Jahren ist er auch formal treffsicher geworden. Deshalb muß er nicht mehr so viel Mißratenes abtun wie ehedem.

Meist sucht er den ganz direkten Weg vom Körper zur Leinwand, gelegentlich läßt er auch Pinsel oder Spachtel beiseite und malt mit schmerzenden Fingern auf die immer rissigere Leinwand. Dann rinnt schon mal echtes Blut aufs Bild…

Vorbilder des Schaffensrausches mit getrübtem Bewußtsein hat Rainer in bildnerischen Entäußerungen von Geisteskranken gesucht. Er hat solche Arbeiten gesammelt. Unter dem Titel „Outsiders“ (Außenseiter) werden Werke aus dieser Kollektion – parallel zu Rainers Kunsthallen-Schau – im Vestischen Museum gezeigt. Es sind Seelen-Schreckbilder, die ohne Selbstkontrolle zum Ausdruck finden.

Arnulf Rainer. Kunsthalle Recklinghausen, am Hauptbahnhof / „Outsiders“ – Bilder von Geisteskranken. Vestisches Museum, Recklinghausen, Hohenzollernstr. 12 – Beide Ausstellungen: 18. September bis 6. November, di-fr 10-18 Uhr, sa/so 11-17 Uhr. Kataloge 35 bzw. 15 DM.




Konkursrichter über das eigene Leben – „Die Sache mit dem Hund“ von Lars Gustafsson

Von Bernd Berke

Konkursrichter lenken für gewöhnlich die (Lebens)-Pleiten anderer Leute in juristische Bahnen. In Lars Gustafssons neuem Buch „Die Sache mit dem Hund“ muß ein solcher Richter über die eigene Biographie befinden.

Der Ich-Erzähler lebt, wie übrigens der schwedische Autor seit Jahren auch, bei Austin (Texas/USA). Er steht kurz vor seiner Pensionierung und hat somit Anlaß zur Zwischenbilanz. Von seiner Frau, die dem Alkoholismus zuneigt, lebt er in gemessener Alltagsdistanz. In ihrer beider Haus am Strom, der manchmal bedrohlich über die Ufer tritt, erlebt er buchstäblich den Fluß der Zeit. Während dies allmähliche Verrinnen die Stimmung des Buches elegisch grundiert, kommt es zu deutlicheren Konflikten.

Der rätselhafte Tod des vor langer Zeit aus Holland zugewanderten Nachbarn und Philosophie-Professors Van de Rouwers bringt es an den Tag: Der Denker, seit vielen Jahren ein Leitstern des Konkursrichters, war nicht als Widerstandskämpfer gegen die Nazis in die USA emigriert, sondern ganz im Gegenteil, weil er den NS-Rassismus durch Zeitungsartikel unterstützt hatte.

„Die Grausamkeit hat große Reserven“

Für den Konkursrichter bricht eine Welt zusammen: An einem solchen Unmenschen hatte er sich geistig orientiert! Nach seinen Gerichtssitzungen streunt der Konkursrichter nun durch fremde Gegenden und versucht, mit sich ins Reine zu kommen. Wir erfahren zudem, daß er in wütender Aufwallung einen anderen Streuner, nämlich einen Hund, erschlagen hat – diese „Sache mit dem Hund“ bringt seine Gedanken noch weiter aus dem gewohnten Gleis. Ein Satz, der vielfach aufgegriffen wird, rückt dies in die existentielle Dimension: „Die Grausamkeit hat große Reserven“, sinniert der Richter – und findet plötzlich überall Beispiele des in der Welt waltenden Bösen. Auch bei sich selbst.

Gustafsson siedelt sein in ganz kurze Streiflicht-Kapitel unterteiltes Buch in einer seltsam zwiespältigen Atmosphäre an. Einerseits geht das texanische Kleinstadtleben seinen Kriechgang täglicher Korruption, andererseits dämmert „political correctness“ herauf, jene stets sprungbreite moralische Empörung im Namen aller möglichen Minderheiten. Weder das eine noch das andere „schmeckt“ dem Richter, eigentlich fühlt er sich durchweg unbehaglich. Konkurs eines Lebens – oder einfach die mürrische Einsicht, mit zunehmendem Alter immer mehr „von gestern“ zu sein? Jedenfalls ein Buch, das einen so schnell nicht in Ruhe läßt.

Das allmählich nachlassende Gedächtnis des Richters spiegelt sich in häufigen Wiederholungen von Satz- und Sinnfetzen, so als wisse die Hauptfigur gar nicht mehr so recht, was sie bereits berichtet hat. Zugleich sorgt dies Stilmittel für erhellende Querbezüge. Gustafsson erzählt in täuschend leichtem Plauderton mit jener großen Gelassenheit, die man von ihm kennt und die so schätzenswert ist.

Lars Gustafsson: „Die Sache mit dem Hund“. Roman. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Hanser Verlag, München, 240 Seiten, 34 DM.




Die weichen Früchte des Zorns – Karikaturen von Marie Marcks in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Ihre erste Karikatur hat sie in einer Schulstunde angefertigt – ein Zerrbild des Lehrers, der stets in SA-Uniform zum Unterricht erschien. Die Sache flog auf. Marie Marcks mußte bekennen. Doch der Pauker reagierte andere als befürchtet: „Darf ich die Zeichnung behalten?“ fragte er fast kleinlaut. Für einen Moment vergaß er, daß er Nazi war.

Marie Marçks (72) ist heute längst eine der bekanntesten Karikaturistinnen der Republik. Die zitierte Geschichte hat sie gestern im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte erzählt. Dort ist nun ihre bislang größte Einzelausstellung mit rund 300 Bildern zu sehen.

Kurz nachdem Krieg hat sie sich noch am damals übermächtigen Vorbild Saul Steinberg orientiert. Damals waren ihre Arbeiten noch etwas starr. Später kam die Kehrtwende, vielleicht angeregt vom poetischen Franzosen Sempé. Ihren seither typischen Zeichenstrich erkennt man sogleich, er ist von zahllosen Zeitungsabdrucken her vertraut: Die Figuren sind immer leicht verwackelt und verwabbelt. Wimmelig wirkt auch die Spruchblasen-Schrift. Sieht so aus, als wolle Marie Marcks die Gedanken ein klein wenig aufschütteln.

Menschenfreundlicher Zartsinn

Dem Fehlen scharfer Konturen entspricht menschenfreundlicher Zartsinn. Selbst wenn Marie Marcks sich Zorn-Themen wie dem Aufkeimen rechtsradikaler Gedankensaat widmet, verhärtet sich ihr Gestus kaum. Überhaupt setzt sie ihre Pointen sanft, nicht schneidend oder schlagend. Weiches Wasser bricht den Stein. Ist das „frauenspezifisch“? Jedenfalls ist es sympathisch. Und es schließt gelegentliche Bitternis nicht aus, etwa wenn eine Rentnerin nach entbehrungsreichem Frauenleben samt Rollstuhl brutal in den Orkus gestoßen wird. Sie hat ja ihren Dienst an der Männerwelt getan …

Marie Marcks hat oft Themen entdeckt, die erst später im Schwange waren. Schon seit Beginn der 70er Jahre geißelt sie die schleichende bzw. rasende Umweltvernichtung. Auch in Sachen Gleichberechtigung hat sie zur zeichnerischen Vorhut gehört. Doch es ist kein biestiger Feminismus, der sich da Ausdruck verschafft. Eher könnte man von einem behutsam-ironischen Zurechtrücken zementierter Geschlechter-Verhältnisse sprechen. Da zieht z.B. plötzlich mal die Frau den verblüfften Mann aus und säuselt: „Wie schön du bist!“ So macht man Machos kirre. Oder eine trinkfeste Dame ruft fröhlich „Prost, die Herren!“ – jene aber liegen längst beduselt unterm Tisch.

Fünf Kinder hat Marie Marcks großgezogen. Dabei hat sie auch ihre Themen aufgespürt. Denn weil sie genau hinsah, konnte sie im Familienalltag das wirklich Politische früher entdecken als Leute, die nur auf Tagesschau und Parteienwesen achten.

Marie Marcks: „Prost, die Herren!“ – Zeichnungen/Karikaturen. Dortmund, Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Hansastraße. Bis 30. Okt., Di. bis So. 10-17 Uhr. Eintritt 4 DM, Buch 29.80 DM.




Jedes Fundstück kann zur Kunst beitragen – Arbeiten von Helga Hanisch in Siegen

Von Bernd Berke

Siegen. „Die Süße“ blickt ganz treuherzig. Zwar hat sie eiserne Augen, doch dies hätte man ihr denn doch nicht zugetraut: Ihr Rumpf besteht aus dem hölzernen Griff eines Gewehrs. Ist sie gar nicht so friedfertig?

Das widersprüchliche Mädchen steht in der neuen Ausstellung des Siegener Kunstvereins. Helga Hanisch (40) gibt ihren Bildern, Objekten und Installationen eben gern Titel, die im Kontrast zum Augenschein stehen.

Sie gehört zur Menschengattung der Sammler: „Ich hebe buchstäblich alles auf.“ Einen wahren Schrottplatz habe sie bei sich daheim im Kunst-Bahnhof Dingden (nahe Bocholt) angehäuft. Manche Dinge blieben jahrelang unbenutzt liegen – bis plötzlich ein Ideenfunke auf sie übersprang.

Das Kind muß natürlich auch einen Namen haben: „Packing Art“ nennt Frau Hanisch ihr Verfahren, die Funde zusammenzufügen, sie (wohlüberlegt) zueinander zu packen. Überdies sind verwittertes Pack-Papier und Kartonagen ihre liebsten Materialen. In Bildcollagen einklebt, bekommen die bräunlichen Fetzen eine eigentümliche Aura von Wehmut über vergehende Zeit. Dies ist eines der Hauptthemen von Helga Hanisch. Sie greift es wieder und wieder auf: in der Bilderserie „Zeitläufer“, im „Hausarchiv“ mit alten Fotos und in der Abfolge von wortwörtlich zu nehmenden „Beziehungs-Kisten“, die von erster Liebeswallung bis zum Hausbau und zum Kinderkriegen führen.

Gartenzwerg und Schuß-Projektile

Aus den vorgefundenen Gegenständen – neuerdings z. B. auch Hühnerknochen und Plastikteile – entstehen also recht inspirierte, oft unterschwellig koboldhafte Bilder und Figuren. Der „Schwere Junge“ etwa hält einem ein metallisch vergitterten Gesicht hin – es könnte einen beengten Horizont darstellen, aber auch auf den Knast anspielen. Oder das hölzerne Hahnenwesen, das sich ebenso krampfhaft wie pathetisch reckt und dem Titel „Der aufrechte Gang“ eher hohnspricht.

Aktuell gemünzt und leider etwas vordergründig ist eine Installation mit Gartenzwerg, gesiebtem Mutterboden und lauter eingepflanzten Schuß-Projektilen. Sie heißt „Die Saat geht auf“ und soll vor dem Gewaltpotential eines bieder maskiertem Rechtsradikalismus warnen. Gut gemeint ist es bestimmt.

Überzeugender das mehrteilige Großbild „Wall Puzzle“. Sechs Rahmen sind nur zum Teil collagenhaft gefüllt und so gefügt, daß sie Durchblicke auf die nackte Wand erlauben. Ein schönes Augenspiel. Verschmitzte Geister wie Hanischs Vorbild Kurt Schwitters würden wohlgefällig lächeln.

Helga Hanisch: „Packing Art“. Kunstverein Siegen, Villa Waldrich (Hohler Weg 1). Bis 2. Oktober, Di-So 15-19/Uhr, So 10-13 Uhr. Katalog 13 DM.




Kritiker-Clan ist sich einig: Manche Theater im Revier gibt’s gar nicht

„Ruhrgebiet – Randgebiet“. So könnte der Negativ-Slogan zur neuen Kritikerumfrage der Fachzeitschrift „Theater heute“ lauten. Denn bei der Frage nach den besten Leistungen der letzten Saison existiert das Revier praktisch nicht.

Nur Karsten Schiffers Bochumer Produktion „Brennende Finsternis“ wird im Jahresheft mehrfach lobend erwähnt – und das wohl auch nur, weil sie beim Berliner Theatertreffen zu begutachten war. Eine Produktion mit Schauspielschülern als einzige Zierde einer ganzen Region. Das ist eine schallende Ohrfeige für alle hiesigen Theatermacher.

Schlimmer noch: In einem Extra-Beitrag über die NRW-Theater werden Dortmund, Essen und das Westfälische Landestheater gleich völlig übergangen. Sind es Phantom-Bühnen? Da kann Roberto Ciulli (Mülheim) beinahe noch von Glück sagen, denn seine Arbeit wird immerhin als Ärgernis zur Kenntnis genommen. Und über Frank-Patrick Steckel (Bochum) wird wenigstens festgestellt, daß bei ihm die Luft ‚raus sei. Glückwunsch!

Die Umfrage-Tabellen weisen das Deutsche Schauspielhaus zu Hamburg als Spitzenreiter der theatralischen Bundesliga aus. Tusch für die Nordlichter! Doch schaut man sich die Listen genauer an, ahnt man Verabredungen. Der Kritiker-Clan ist sich weitgehend einig.

Die ehedem hochgejubelten Münchner Kammerspiele etwa hat man nahezu einmütig verbannt. Dafür wird eine Kinderei wie Karin Beiers Düsseldorfer „Romeo und Julia“-Inszenierung vielstimmig zum Welttheater erklärt. Und zwei Herrschaften zeigen sich eitel angetan von einer absoluten Rarität in Londoner „Theatre de Complicité“. Ach, würden sie sich doch einmal in wirklich exotische Weltwinkel trauen. Ins Ruhrgebiet zum Beispiel.




In der Studierstube steckt die ganze Welt – Duisburger Ausstellung über den Kartographen Mercator

Von Bernd Berke

Duisburg. Es gab einen Mann in Duisburg, der setzte kaum einmal den Fuß vor die Tore der Stadt – und kannte die Gestalt der Erde doch genauer als jeder Zeitgenosse. Seine Reisen machte er im Kopf.

Mercator war’s, der große Kartograph, der in seiner Werkstatt das Gesicht der Welt so exakt zeichnete wie keiner zuvor. Am 2. Dezember 1594 – vor rund 400 Jahren – ist er in Duisburg gestorben. Jetzt erinnert die Stadt mit einer Ausstellung an den berühmten Bürger.

Eigentlich hieß der 1512 in Rupelmonde (Ostflandern) geborene Mann Gerard Cremer, doch damals war es unter Wissenschaftlern Brauch, sich altsprachliche Namen zu geben. Folglich nannte er sich Mercator (lateinisch für Krämer/ Händler), was ja auch viel würdiger klingt.

Anno 1552 zog er nach Duisburg um, damals Flecken mit 3500 Einwohnern. Doch bald kannte die Fachwelt den Namen des Städtchens, in dem Mercator seine produktivste Zeit verlebte. Hier fertigte er unschätzbar wichtige Karten, Globen und Atlanten. Er verwies das ptolemäische Weltbild endgültig ins Reich der Fabel. Und das Wort „Atlas“ für eine Ansammlung von Landkarten hat er auch geprägt.

In Duisburg sind diese Schöpfungen nun zu sehen: vor allem prachtvolle Weltkugeln (die damals im Doppelpack mit Himmelsgloben verkauft wurden), dazu jene fein ziselierten Pläne mit einer eigens entwickelten Schrift – von der Duisburger Stadtansicht über Karten einzelner Länder und Kontinente bis hin zu den Umrissen der gesamten Erde. Sogar eine herzförmige Weltansicht schuf der kundige Meister. Wahrscheinlich war’s eine Liebeserklärung an seine Frau. Mögliches Motto: Du bist die Welt für mich.

Schönheit der Technik, poetischer Wert

Die Ausstellung präsentiert außerdem kostbare Instrumente wie etwa Astrolabien, die Mercator und seine Söhne selbst hergestellt haben. Auch andere Präzisionsgeräte, die er oder Zunftgenossen benutzt haben, wirken heute so anheimelnd, daß man sich in eine damalige Studierstube zurücksehnen könnte. So schön hat Technik einmal sein können!

Die liebevolle Ausgestaltung der Karten ist Labsal für die Augen. Noch mehr verblüfft aber die relative Genauigkeit, die in der Ausstellung selbst den Vergleich mit Satellitenfotos vom Erdenrund einigermaßen aushält. Mercator hat nämlich nicht mehr viele Fehler gemacht. Dabei hatte man doch überhaupt erst kurz vor seiner Zeit definitiv festgestellt, daß unser Planet eine Kugel ist. Mercator korrespondierte mit vielen Reisenden und Forschern. Er ließ sich allerhand Lagedaten übermitteln.

Das Geschäftsgeheimnis des wohlhabenden Mannes aber war die Mercator-Projektion, mit der der studierte Mathematiker und Philosoph Krümmungslinien in die Fläche übertrug. In Duisburg führt ein Computer bildwirksam vor, wie das funktioniert. Übrigens: Seeleute richten sich im Prinzip noch heute nach Navigationsregeln, die auf Mercator zurückgehen. Noch dazu haben solche alten Karten poetischen Wert. Sie sind mit Wappen und allerlei Figurenbeiwerk aufs Schönste geschmückt, und wir können sie – gerade wegen ihrer Unschärfen – auch als Phantasien einer anderen Welt wahrnehmen.

Gerhard Mercator – Europa und die Welt. Kultur- und Stadthistorisches Museum Duisburg. Johannes-Corputius-Platz (am Innenhaften, Nähe Rathaus). Bis 3. Januar 1995. Di, Do, Sa 10-17 Uhr, Mi 10-16. So 11-17 Uhr. Eintritt 5 DM, Begleitbuch 48 DM.




Bitteres Märchen zwischen Kloake und Herrgottswinkel – Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. „Bis zu den Achselhaaren“ langt das Mariedl in die Kloschüsseln hinein. Verstopfungen zu beseitigen, das ist ihr dreckiger Job. Sie ist mächtig stolz, daß sie alles ohne Gummihandschuhe erledigt.

Menschen mit niedriger Ekelschwelle werden in Werner Schwabs Stück „Die Präsidentinnen“ öfter ein würgendes Gefühl in der Kehle spüren. Der Text suhlt sich in Fäkalien. Und er schraubt seine absonderlichen Ferkeleien, wie beim früh verstorbenen Fließbandschreiber Schwab (1958-1994) üblich, mit gedrechselten Formulierungen ins Existentielle hoch. Aber es sind doch nur Worte, Worte, Worte. Völlig synthetisch und daher im Grunde klinisch sauber.

In Dortmund, wo Johannes Zametzer inszeniert, spielt das Ganze dennoch im dunklen Keller der Armut – vor einer Kohlenhalde und Haufen schmutziger Wäsche (Ausstattung: Tobias Wartenberg).

Gegen die drei Personen (neben besagter Mariedl die vereinsamten Rentnerinnen Grete und Erna) ist das Hexentrio aus Shakespeares „Macbeth“ ein harmloses Kränzchen. Hier salbadern Figuren aus einem bitterbösen Märchen, debile und aufgedunsene Verzweiflungs-Clowns, die zumal den analen Kern handelsüblicher Volkstümelei (wenn Hosen rutschen und gebrunzt wird, gilt das allemal als Brüllwitz) in lauter Redespiralen umkreisen. Diese Sprache rotiert so besinnungslos wie die Waschmaschinentrommel auf der Bühne.

Fatale Fixierung aufs Hinterteil

Von Psychologen haben wir gelernt, daß allzu spezielle Fixierung auf den Hintern und seine Funktionen mit seelischer Verstopfung und Autoritätshörigkeit zu tun haben kann. Triviale Träume, die aus des armseligen Dasein herausführen sollen, und die Frömmelei eines verklemmten Katholizismus österreichisch-süddeutscher Spielart sind denn auch weitere Zutaten zur elend komischen Mixtur zwischen Kloake und Herrgottswinkel.

Man muß solch einen Text wohl nur zügig abschnurren lassen, dann setzt er schon frei, was in ihm steckt. Und man kann ihm ohne großen Schaden inszenatorisch so manches überstülpen – zwischen Anklängen an Thomas Bernhard, Beckett, Kroetz und Komödienstadl ist einiges möglich. Regisseur Zametzer baut vornehmlich auf Wahnwitz und Groteske, hinter denen man schaudernd die Abgründe ahnt.

In Dortmund läßt man das Stück nicht als Nebensache hingehen, sondern bietet das vielleicht beste Frauentrio des Hauses auf: Barbara Blümel als bigotte Betschwester Erna mit der schrillen Pelzkappe, die die keusche Liebe des gottesfürchtigen polnischen Fleischers „Wottila“ (!) herbeiphantasiert; Helga Uthmann als breitärschig-selbstgefällige Grete mit Turmfrisur und derben Sexualphantasien. Und Felicitas Wolf als von Pusteln und Kratzspuren übersäte Klo-Reinigerin Mariedl.

Mit ihrem teuflisch lieblichen Herz-Jesulein-Tonfall zerrt Mariedl am Ende all die Sehnsüchte der anderen zur nackten Wahrheit herab. In wilder Rache schneiden ihr die beiden die Zunge heraus. Die ungeschönte Wirklichkeit ist eben manchmal schwerer zu ertragen als ein stinkender Abort.




Kunstverein Dortmund will in die erste Reihe – mit Serra-Ausstellung und weiteren Vorhaben

Von Bernd Berke

Dortmund. Mit einer Ausstellung des berühmten Richard Serra will der Dortmunder Kunstverein im Sommer ’95 Furore machen. Die Schau kommt aus New York, die Stationen heißen Lissabon, Dortmund und Rom. Weltstädte unter sich?

Bisher wurde das Projekt verschwiegen behandelt, nun ist es heraus: Zumindest großformatige Zeichnungen aus neuster Produktion des Amerikaners, dessen Stahlplastik „Terminal“ ein Wahrzeichen der Bochumer City ist, werden in Dortmund zu sehen sein. Und die Chancen auf ein größeres Ereignis stehen offenbar bestens.

Der Kunstverein verhandelt derzeit mit zwei bekannten Dortmunder Institutionen, die sich beteiligen könnten. Für eine Nennung ist es noch zu früh, aber man kann schon verraten: Ein Kooperations-Partner gehört zum öffentlichen Sektor, der andere zum privaten. Falls der Dreierbund zustande kommt, dürften zum Beispiel auch einige der tonnenschweren Stahlplastiken von Serra nach Dortmund kommen.

„Es wird höchste Zeit, daß der Dortmunder Kunstverein von sich reden macht“, findet Burkhard Leismann (41), der seit einigen Monaten als Ausstellungsmacher die Geschicke lenkt. Nach Beilegung gewisser Querelen (Ablösung seiner Vorgängerin) fühlt sich Leismann nun stark genug, um den Kunstverein als unverzichtbare Ergänzung zu den örtlichen Museen und Galerien zu etablieren.

Zu Köln und Düsseldorf aufschließen

Immerhin werde dieser Kunstverein schon zehn Jahre alt (am 27. November wird im Ostwall-Museum mit prominenten Gästen gefeiert), doch die Mitgliederzahl stagniere bei etwa 500 Leuten, von denen nur etwa 100 wirklich aktiv seien: „In einer Stadt mit über 600 000 Einwohnern und mit diesem Umland muß einfach mehr drin sein“, glaubt Leismann. In vier bis fünf Jahren, so sein Ziel, müsse der Mitgliederstand deutlich gewachsen sein. Denn mit jährlich etwa 50 000 DM an Jahresbeiträgen, die man jetzt einnimmt, lassen sich keine großen Sprünge machen.

Leismann, der parallel das Ahlener Kunstmuseum betreut, träumt „als alter Dortmunder“ davon, daß der hiesige Kunstverein mit den Pendants von Düsseldorf oder Köln in einem Atemzug genannt wird. Er möchte die Kräfte und Kontakte des Kunstvereins auch für Dienstleistungen einsetzen, sprich: Man könne ganze Kulturprogramme für Unternehmen maßschneidern – gegen Bezahlung, versteht sich. Auf diese Weise ließen sich auch die schmalen Mitgliedsbeiträge aufstocken. Und wer nebenbei noch spenden will, wird ganz gewiß auch nicht abgewiesen.

Nicht nur solche Aktivitäten und die Serra-Ausstellung sollen für Belebung sorgen. Neben einer Reihe mit südamerikanischer Kunst ist auch eine originelle Aktion mit lokalem Bezug angelaufen. Der Kunstverein hat 1000 Dortmunder um die Beschreibung ihrer liebsten Wegstrecken in der Stadt gebeten, die ersten Antworten treffen gerade ein. Einige Dutzend Wege im gesamten Stadtgebiet sollen dann von einem Kölner Künstler mit Acrylfarbe markiert werden. Keine bittere Kritik an Bausünden und mißlicher Stadtplanung also, sondern ganz im Gegenteil: nachdrückliche Hinweise auf womöglich verborgene Schönheiten. So etwas entspricht Leismanns Neigung zum positiven Denken.




Durch die verstreuten Spuren einer Gedankenwelt gehen – Ulrich Langenbach und Ernst Martin Kolbe stellen in Ahlen aus

Von Bernd Berke

Ahlen. Ganz tapfer sein müssen die Besucher in der neuen Ausstellung des Ahlener Kunstmuseums. Es wird ihnen nämlich keinerlei Erklärung zuteil – nicht einmal durch Bildertitel, bei denen man sich etwas denken könnte. Und das ist pure Absicht.

„Elf versteckte Einzelheiten“ heißt die Schau von Ulrich Langenbach und Ernst Martin Kolbe. Mit dem Titel beginnt der Trugschluß, denn er soll lediglich zum konzentrierten Hinsehen ermuntern. Wie gemein!

Der Siegener Ulrich Langenbach (Jahrgang 1950) ist Autodidakt der freien Kunst, aber längst arriviert. Er verfügt über einen großen Fundus an Objekten und bringt auch viele zum Ort des Geschehens. Doch den Löwenanteil nimmt er wieder mit nach Hause. Wieso? Weil er die Sachen immer wieder anders kombiniert, je nach Raumsituation. Und weil er zwischen den Elementen so große Leerstellen läßt, daß er das meiste Material gar nicht benötigt.

Wären die Teile strikt voneinander isoliert, hätte man’s vielleicht einfacher: Die alten Fotos, kleinen Zeichnungen, Textfetzen und Reliefs sind jedoch so verteilt, daß sie „irgendwie“ zusammengehören. Man fragt sich, ob hier Zufall oder besonders listige Vorsehung waltet. Und wo ist überhaupt die Grenze des Einzelwerks? Irritierend genug: Eins geht ins andere über und besteht doch eigenwillig für sich. Alles ist, was es ist – und will wohl gar nicht mehr bedeuten, als was man sehen kann.

Man geht also mit irrendem Blick im Raum umher. Genau das ist gewollt, es könnte – so Langenbach – zur speziellen Selbst-Erfahrung führen: „Der Betrachter soll den Halt in sich selbst finden.“ Doch auch das ist nur ein Anstoß, keine Deutung. Vielleicht kommt man dem Kern näher, wenn man sich Qualitäten und Zustände (weich gegen hart, offen gegen geschlossen) vergegenwärtigt.

Oder wenn man Langenbachs Texte liest, die zwischen den Einzelteilen stecken. Manches deutet darauf hin, daß er (mit hintersinnigem Witz) auch Kindheitsreste verarbeitet. Da geht es z. B. um Zeichenlehrer oder katholische Erziehung. Eine kleine Box, so verrät Langenbach, hat mit frühen Erfahrungen im Beichtstuhl zu tun. Privatsachen? Jedenfalls sind sie wahrnehmbare Form geworden. Man kann durch die Spuren einer Gedankenwelt gehen. Ist das nichts?

Auf den ersten Blick strenger wirken die Arbeiten von Ernst Martin Kolbe. Auch er reagiert sensibel auf Ausstellungsräume. In Siegen schlief er sogar einmal zwei Nächte am Ort, bevor er sich an den Aufbau machte. Kolbe bezieht auch unscheinbare Details wie etwa Stromsteckdosen mit ein. Daraus entstehen optische Rhythmen, es ergibt sich unterschwelliges Regelmaß.

Bleibt man geduldig, wird man belohnt: Wie gut, daß man nicht gleich versteht. Dann könnte man ja sofort wieder gehen. Solche Rätsel aber halten wach. Denn sie lassen genug zu schauen und zu denken übrig.

Ulrich Langenbach / Ernst Martin Kolbe: „Elf versteckte Einzelheiten“. Kunstmuseum Ahlen, Weststraße 98. Di-Fr 15-18 Uhr, Sa./So. 10-18 Uhr.




Gemeinsam stärker: Vier NRW-Landestheater bündeln ihre Kräfte

Von Bernd Berke

Im Westen. Weiterhin getrennt spielen, aber ab sofort mit einer Stimme für sich werben wollen die vier Landestheater in NRW. Sie leisten sich ein gemeinsames PR-Büro in Düsseldorf. Entsteht da ein Theater-Kartell?

Das Bühnen-Quartett (Castrop-Rauxel, Neuss, Detmold und Dinslaken) ist vor allem zuständig für Gastspiele auf dem „flachen Land“, also für die kulturelle Versorgung von insgesamt rund 150 kleineren Orten ohne eigene Ensembles. So manche Gemeinde in Südwestfalen etwa greift gern auf Angebote des Westfälischen Landestheaters (WLT, Castrop-Rauxel) zurück.

Doch neuerdings „wird der Markt enger“, wie WLT-Intendant Herbert Hauck und Vertreter der anderen Landesbühnen gestern in Dortmund zugaben. Burkhard Mauer vom Landestheater Neuss deutete an, daß einige Kommunen im Zuge von Sparzwängen mit dem Kommerz flirten. Sie wollen nur noch Tourneetheater verpflichten, jene lieblos um ein bis zwei TV-bekannte Stars gruppierten Wandertruppen, die mit oft seichten Produktion vermeintlich hohe Platzausnutzung garantieren.

Spielpläne aus dem „Musterkoffer“

Die Landesbühnen bieten hingegen auch sperrige Stücke an. Dies wollen sie nun mit vereinten Kräften und offensiv als Erfüllung ihres Kulturauftrags vertreten. Im gemeinsamen Büro für Öffentlichkeitsarbeit und Verkauf (Tel. 0211/7118345), gelegen in Sichtweite des Kultusministeriums, von dem alle Landesbühnen Zuschüsse erhalten, nimmt die frühere Dramaturgin Claudia Scherb (31) Platz. Doch es ist kein Sitzjob. Sie soll viel unterwegs sein und mit den Kulturamtsleitern der Städte verhandeln – bis hin zur Vertragsreife. Sie wird eine Art „Musterkoffer“ mit sich führen, aus dem sie Angebote der vier Landesbühnen zu veritablen Spielplänen zusammenstellen kann. So sollen selbst kleine Orte ein tragfähiges Theater-Konzept verfolgen können, indem sie (beispielsweise) eine ganze Brecht-Reihe aus dem Baukasten einkaufen.

Das alles verlangt penible Termin-Koordination zwischen den vier beteiligten Bühnen. Und es läuft wohl auch auf eine Art „Gebietsabsprache“ hinaus, so daß man einander nicht unnötig wehtut. Die einzelnen Spielpläne werden ja sowieso schon längst im Vorfeld miteinander abgeglichen, damit nicht auf einmal alle dasselbe Stück proben. Also doch ein Abwehr-Karteil gegen das Kommerztheater? Wenn man so will, ja. Aber was wäre dagegen einzuwenden? Freilich: Das Büro bekommt nur einen Jahresetat von 150 000 DM. Ob sich damit Bäume ausreißen lassen?




„Es muß über uns kommen“: Botho Strauß‘ Miniaturen und Etüden „Wohnen Dämmern Lügen“

Von Bernd Berke

Die Mythen stecken mitten im banalen Alltag. Sogar eine „Frau in vierfarbigem Jogginganzug“ birgt ihr Geheimnis. Denn sie stößt unvermittelt Möwenschreie aus. Ihre schockierenden Liebeslaute mit Tierstimme rufen uralte, vorhistorische Zeit wach. Derlei Magie ins heutige Leben zu verpflanzen, war seit jeher ein Bedürfnis von Botho Strauß. Auch in seinem neuen Buch mit dem Trance-Titel „Wohnen Dämmern Lügen“ betreibt er die Mischung der Zeiten und versetzt uns in eine Doppelwelt.

Ob an der Supermarktkasse oder bei der schnöden Arbeit im Büro – überall kann sich hier unversehens jener Riß in der schmucklosen Hülle bloßer Gegenwart auftun und den Blick freigeben „bis in die Urnebel“. Um solch mystische Tiefenschau faßbar zu machen, spannt Strauß keinen großen Handlungsbogen, er läßt sie vielmehr in lauter Miniaturen und Etüden kurz aufglühen – aus rasch wechselnden Perspektiven und mit immer neuen Rollenentwürfen in 37 kurzen Kapiteln.

Es ist ein vielgliedriges Buch mit einprägsamen kleinen Szenen, aus denen allmählich ein Überschuß an Vision hervorgeht: Da sitzt ein Mann auf einem verlassenen Bahnhof und erwartet einen Zug, der vielleicht nie kommen wird. Da stapft ein maskierter Vater, dessen kleine Tochter beim Festumzug Magenschmerzen bekommt, in seinem grotesken Kostüm zornbebend mit ihr heimwärts. Da gibt es ein altes Übersetzer-Ehepaar, das sich nur noch der vergeblichen Suche nach dem einen, allumfassend richtigen Wort widmet. Und so weiter, dutzendfach.

Vor allem das ziellose Liebesweh jetziger Menschen, bei denen oftmals eine Person nur Durchgangsmedium auf dem Weg zu einer unerreichbaren dritten ist, bannt Strauß nicht zuletzt in Beschreibung von verqueren Körper-Haltungen, die den Kern künftiger Theaterstücke erahnen lassen.

„Worte wie Huld, Dank und Ehre in ihrer alten Ordnung“

Nach gelegentlich dunklen und hochmütig klingenden Predigten sowie sehr mißverständlichen Essays („Anschwellender Bocksgesang“), hat Strauß sich wieder spürbar den tatsächlichen Dingen des Daseins genähert.

Wort für Wort tastet er sich heran an die Umrisse eines eigentlich Unsagbaren, erkundet behutsam Neuland. Das führt – häufig in Rollenprosa, also nicht ohne weiteres zu verwechseln mit Strauß‘ eigenem Tonfall – von Niederungen der tagtäglichen Sprache, von den Wonnen der Gewöhnlichkeit bis hinauf zu quasi-religiösen Eruptionen. Da sollen dann „Worte wie Huld, Dank und Ehre in ihrer alten Ordnung“ auferstehen, da soll gar „Die Ewigkeit“ wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden, denn: „Es muß über uns kommen, aus uns selbst kommt nichts mehr.“ Man wüßte schon gern, was er mit diesem „Es“ meint.

Die ausufernde, eifernde Rede voller Erlösungssehnsucht bildet zwar das Schlußstück des Bandes, doch Strauß relativiert den reißenden Wortfluß sogleich. Er legt ihn nämlich einem Mann in den Mund. der anfangs als Streithammel aus einer Kneipe geworfen wird und der schließlich im eigenen Sprachstrom geradezu ertrinkt und kollabiert. Was also ist es gewesen: Hellsicht oder Umnachtung?

Dieser wohlige Schauer von Kostbarkeit

Gewiß: Strauß bringt nach wie vor das eine oder andere, im Übermaß pretiöse Wort unter und erntet auch mit großer Gebärde entlegene Lektürefrüchte (z.B. Hamann oder Theodor Däubler). Doch das nehmen wir bei ihm längst gelassen hin, es vermittelt ja auch diesen wohligen Schauer von Kostbarkeit – ungefähr wie seinerzeit jener Werbespruch: „Zu wissen, es ist Platin…“

Entscheidend ist aber Strauß‘ beängstigend präziser Blick auf gärende (oder: bereits vergorene) Verhältnisse, wie sie sich ergeben aus allseitiger Auslösung von verläßlichen Bindungen. Wir sehen in seinem Buch Menschen, die unentschlossen zwischen losen Familienverbänden driften oder in Resten zerfallener Wohngemeinschaften verkommen. Wir erleben entgeisterte Straßenpassanten in einem untergründig gewaltsamen „Gerade-so-eben-noch-Frieden“, der die Gesellschaft in Gleichgültigkeit erstarren läßt. Wir erfahren von lauter Getrennten, Alleinerziehenden, in ihre diversen Unglücke Versenkten. Wer würde sich da nicht nach Erlösung sehnen? Sie muß ja nicht gleich ewig währen.

Botho Strauß: „Wohnen Dämmern Lügen“. Hanser Verlag, München. 203 Seiten, 34 DM.




Ein Lebenslauf als explosive Kettenreaktion – Paul Austers Roman „Leviathan“

Von Bernd Berke

„Vor sechs Tagen hat sich im nördlichen Wisconsin ein Mann am Rande einer Straße in die Luft gesprengt.“ So explosiv läßt der Amerikaner Paul Auster seinen Roman „Leviathan“ beginnen.

Was war das für ein Mann, der der Sprengladung zum Opfer fiel? Diese Frage umkreist das Buch. Denn der Ich-Erzähler und Schriftsteller Peter Aaron hat ihn gekannt, jenen Benjamin Sachs. Doch hat er ihn wirklich gekannt? Zitat: „Wenn es jedoch stimmen sollte, würde dies bedeuten, daß menschliches Verhalten undurchschaubar ist. Es würde bedeuten, daß niemals irgend etwas verständlich ist.“

Alles geschieht, und sei es noch so unwahrscheinlich. Immer wieder muß Peter Aaron seine Vermutungen widerrufen, wenn er – im Wettlauf mit staatlichen Stellen – das Leben von Sachs nachzeichnen will. Dessen Biographie scheint undurchschaubaren Regeln gefolgt zu sein. Es gibt in diesem Roman ständig Wendepunkte, die vom puren Zufall regiert werden. Die Mechanik dieser Zufälle wirkt jedoch so vielsagend, als habe ein großer Konzeptkünstler seine planende Hand im Spiel. Tatsächlich taucht eine Künstlerin, die mit neurotischer Beharrlichkeit in fremde Lebenslaufe eingreift und Chaos heraufbeschwört, als Maria Turner (sprechender Name: eine, die für Wendungen sorgt) auf.

Das Privatleben des Schriftstellers Sachs wird von seiner Kindheit bis zur Ära Ronald Reagan aufgefächert: seine sonderbare Ehe mit Fanny, seine schwierige Freundschaft mit dem Erzähler Aaron, sein stetes Getriebensein, seine düster-komplizierten Büßerphantasien, in denen er für alles und jedes die Verantwortung übernehmen und notfalls unter Einsatz seines Lebens Abbitte leisten will. Ein seltsamer Heiliger. Im Lauf der Erzählung wird Sachs zu einer Art Monument. Er gleicht manchmal fast seiner Lebens-Leitfigur, der Freiheitsstatue.

Sachs, der als Instanz nur den Naturapostel H. D. Thoreau gelten läßt und meint, der „Leviathan“ (apokalyptischer Drache, totalitärer Staat) namens Amerika habe alle Ideale verraten, wird in der Ellenbogen-Ära Reagan zum waidwunden Außenseiter. Ihm geschehen wildeste Dinge: Da erschlägt er in einer nahezu alttestamentarischen Situation eineu Mann, nistet sich bei dessen Witwe ein, gibt ihr jeden Tag 1000 Dollar und schläft mit ihr. Da stürzt er bei einer Party vom Dach und bricht sich beinahe das Genick – ein vertrackter Vorfall, aus dem er eine ganze Todes-Philosophie schmiedet. Schließlich driftet er in eine sonderbare Form des Terrorismus‘ ab. Ein Leben wie eine Kettenreaktion.

Paul Austers (von Werner Schmitz sehr flüssig übersetzter) Roman nimmt uns mit auf eine irritierende und spannende Such-Reise nach der Wirklichkeit eines Lebens. Eine Ankunft gibt es nicht. Aber immer neue Anläufe und Aufbrüche.

Paul Auster: „Leviathan“. Roman. Rowohlt-Verlag, Reinbek. 320 Seiten, 42 DM.




Plötzlich beginnt die Kunst sich zu regen – Werkschau des Kinetikers Pol Bury in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. So viel sichtbare Bewegung hat es im Dortmunder Ostwall-Museum wohl noch nie gegeben. Nun schnurrt es und regt sich an allen Ecken und Enden: Der Kinetik-Künstler Pol Bury und über 100 seiner Werke sind da.

Der Belgier Bury (72) gehört zu den internationalen Größen der kinetischen Richtung, die den Kunstobjekten vorzugsweise Elektromotoren einpflanzte und ihnen so die starre Ruhe austrieb. Bereits 1955 nahm er an der berühmten Pariser Schau „Le mouvement“ (Die Bewegung) teil. In Dortmund sieht man nun erstmals in gebührender Breite, was er davor geschaffen hat: surrealistische Denk-Bilder in der direkten Nachfolge eines René Magritte. Kaum war Bury vom Gedanken der Bewegung ergriffen, hörte er mit dem Malen auf, ja, er vernichtete einen großen Teil seiner Bilder. Magritte war über diesen Sinneswandel so zornig, daß er Bury nicht einmal mehr grüßte.

Die „bewegte“ Phase beginnt mit abstrakten, gegeneinander versetzten Scheiben, denen man noch mit der Hand Anstöße versetzen kann. Doch dann übernehmen Motoren, elektromagnetische oder hydraulische Vorrichtungen diese Arbeit. Und so steht der Besucher in Dortmund staunend vor Prozessen, die ohne sein Zutun ablaufen: Hier zittert ein dürres Gezweig, als streife ein sanfter Wind hindurch, dort rumpeln kantige Holzstücke aneinander vorbei, oder es ruckeln lauter Kugeln auf einer schiefen Ebene, ohne herunterzufallen – alles wie von Geisterhand.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Ein Kennmal Burys ist die „Entdeckung der Langsamkeit“. Er arbeitet weder so zupackend noch so monumental wie einst Jean Tinguely, auch wenn die größte Arbeit in Dortmund immerhin sieben Meter breit ist und 4087 bewegliche Teile umfaßt. Doch selbst in dieser Ausdehnung walten Zurückhaltung und Bescheidenheit, denn Bury betätigt die Bremse. Bewegung ja, aber nicht zu rasch. Man könnte im Trubel das Sehen verlernen. Nur wenige Objekte drehen sich daher so schnell und eindeutig, daß man es sofort wahrnimmt. Die allermeisten scheinen gemächlich abzuwarten, bis sie – an einer gar nicht vorhersehbaren Stelle – ganz plötzlich zucken. Man lauert geradezu, daß man sie dabei ertappt.

Manche Leute versetzt diese Wartestellung in meditative Ruhe, andere mögen eher ein nervöses Kribbeln verspüren und unduldsam ausrufen wollen: „Nun rühr dich doch endlich!“ Mit anderen Worten: Diese Werke taugen auch als Stimmungsbarometer. Vor allem aber als Schule der wachen Sinne.

Ist das alles berechnet, oder ist es Zufall? Pol Bury hüllt sich in Schweigen. Es ist wohl eine ausgeklügelte, seit langem erprobte Mischung aus beidem. Man könnte eine ganze Chaos-Theorie daran knüpfen. Man kann aber auch seine schiere Freude haben an der feinen Ironie, die in diesen Arbeiten mitschwingt. So etwa in den wirklich mobilen „Möbeln“, in denen es hölzern rattert, knarzt und schnarrt – lebendige Schränke, in denen buchstäblich „etwas los“ ist.

An einer anderen Stelle der Schau wird zwar nicht der Hund, wohl aber das Ei in der Pfanne verrückt. Scheinbar magische Kräfte lassen die Hühnerprodukte auf dem Metall rotieren. Und einige der Maschinchen sind sogar – auf elementarer Stufe – musikalisch, denn ihre Kräfte versetzen Saiten in Schwingung.

Vor Trivialisierung sind derlei Dinge nie ganz sicher, einzelne Einfälle sind von anderen zu billigem Kunsthandwerk herabgezerrt worden. Aber da ist es Kommerz. Bei Bury ist es ein Kosmos.

Pol Bury. Retrospektive 1939-1994. Museum am Ostwall, Dortmund. 14. August bis 16. Oktober. Di-So 10-17 Uhr. Mo geschlossen. Eintritt 4 DM. Katalog 49 DM.




Malen als verzweifelte Suche nach einem Ausweg – Arbeiten der früh verstorbenen Eva Hesse im Landesmuseum Münster

Von Bernd Berke

Münster. Die Künstlerin Eva Hesse schrieb 1964 in ihr Tagebuch: „Kein Wunder, daß ich mir Sorgen mache. Ab da zieht es mich immer wieder hinunter: Ich habe etwas an meinem Aussehen, an meiner geistigen Einstellung, an meinen Fähigkeiten auszusetzen, und am Ende bleibt gar nichts mehr von mir übrig.“

Inhalt und Tonfall erinnern ganz stark an depressive Passagen der amerikanischen Dichterin Sylvia Plath, die sich in jungen Jahren das Leben nahm. Eva Hesse war, als sie die zitierten Zeilen schrieb, eine gut aussehende 28 jährige Frau mit künstlerischer Zukunft. Doch offenbar war sie dem Unglück zugetan. Eine Ausstellung im Landesmuseum zu Münster beweist jetzt die außerordentliche bildnerische Kraft, die sich Eva Hesse selbst nicht zubilligen mochte.

Die 1936 in Hamburg geborene Eva Hesse kam 1939 mit den jüdischen Eltern ins New Yorker Exil. Sie wurde als junge Frau Schülerin des großen Josef Albers, der ihr Wesen zugleich er- und verkannte. Er vermißte das einheitliche Element in ihren Arbeiten, fand alles zu sprunghaft. Die Münsteraner Ausstellung macht deutlich: Gerade das ist eine Stärke von Eva Hesse gewesen, die 1970 mit nur 34 Jahren an einem Gehirntumor starb. Dies zu wissen tut doppelt weh, wenn man ihre Arbeiten sieht. Was hätte diese Frau noch bewegen können!

Stetige Sprünge und Risse im Werk

Die stetigen Sprünge in ihrem Werk bewahrten sie vor künstlerischen Moden. Sie paßt bis heute in keine gängige Kategorie. Eben hat man den Schock fließender Angstgesichter (Ölbilder um 1960) in ungeheuer kühnen Bildschnitten erlebt, da verblüffen (zeitgleich entstandene) Gouachen mit erlesenen Licht- und Schattenwirkungen.

Fast zeitlich parallel verläuft auch jene Phase, in der sie plötzlich so ungestüm und „wild“ malt, wie es andere erst zwanzig Jahre nach ihr – und zumeist schlechter – getan haben. Um 1963 wendet sie sich einer rätselvoll-labyrinthischen Zeichensprache mit Pfeilen und Strecken zu – Suche nach Wegen und Auswegen auf der Leinwand? Maschinenförmige Wesen, die mit pflanzlicher und sexueller Neben-Bedeutung aufgeladen zu sein scheinen, sind Kennzeichen einer weiteren Arbeitsphase.

Viele Bilder wirken, als habe die Künstlerin sie zwischendurch verzagt verworfen und als habe sie dann doch immer wieder neu angesetzt. Das unstete Element schafft nicht nur eine Kluft zwischen Werkgruppen, sondern spaltet schmerzhaft jedes einzelne Werk. Es sind Inbilder der Zerrissenheit.

Spekuliert man zuviel, wenn man sagt: Da hat eine wie besessen gemalt, die im Grunde gar nicht mehr weitermalen wollte, es aber unbedingt mußte? Selten sieht man Kunst, die auf den ersten Blick so zufällig erscheint – und die doch solche Spuren von Lebensnotwendigkeit trägt.

Jede neue Wendung in ihrem Werk ist spannend, auch der allmähliche Eintritt in die dritte Dimension, mit dem die Münsteraner Auswahl schließt. Zunächst ganz vorsichtig tasten sich Tentakel aus den Bildern heraus. Daraus entwickeln sich Skulptur-Objekte von verzweifelter Stille.

Eva Hesse. Bilder und Reliefs. Westfälisches Landesmuseum. Münster (Domplatz). 7. August bis 16. Oktober, di-so 10-18 Uhr. Katalog 49 DM.




Segen von oben – „Pink Floyd“ im Müngersdorfer Stadion

Von Bernd Berke

Köln. Sind dies Töne vom Anbeginn der Schöpfung oder aus der Zukunft? Es puckert, wummert, wabert und vibriert – und ist doch pralle Gegenwart in einer lauen Sommernacht am Rhein: „Pink Floyd“ spielt im ausverkauften Müngersdorfer Stadion.

Die leicht ergrauten Herren David Gilmour (Gitarre), Nick Mason (Drums) und Richard Wright (Keyboard), verstärkt um einige exzellente Begleitmusiker und drei gesangsstarke Tanzgirls, sind natürlich nicht einfach eine Rock-Band. „Pink Floyd“ läßt sich mal wieder – von ganzen Heerscharen hinter den Kulissen – überaus machtvoll in Szene setzen. Ihr Auftritt gleicht einer gigantischen Liturgie, dementsprechend ergriffen nehmen die 65.000 Leute ihn entgegen. So gesehen, könnten die vielen Wunderkerzen und Feuerzeuge eigentlich die ganze Zeit über leuchten. Die Musik richtet sich gar nicht unmittelbar ans Publikum, sie schwebt von hoch oben auf die Zuhörer herab, als sei sie eine Segnung.

Die Gruppe und ihre ausufernden Gerätschaften sind in einer riesigen Bühnen-Muschel geborgen, in deren Zentrum eine Scheibe wie das Auge eines höheren Wesens starrt – sie wird zur Projektionsfläche für allerlei wahnwitzige Video-Schnipsel und gleichsam interplanetarisches Flackern, dazu schießen Batterien von Laserkanonen ihre grellbunten Ladungen in den Himmel.

Am Schluß des Konzerts senkt sich der Lichtkreis wie ein Heiligenschein über die Musiker. Sie servieren (immerhin von 21 Uhr bis kurz vor Mitternacht) eine ausgetüftelte Mischung aus alten Songs und aus ihrer neuen Platte „The Division Bell“. Droht der Spannungsbogen einmal wirklich abzuflachen, werfen sie sogleich einen Klassiker in die Bresche.

Kühle Kontrolle über die Technik

Gipfel im zweiten Teil des Konzerts: „Wish You Were Here“, dessen Anfangs-Akkorde wundersam durch die Nacht gleiten und dann volltönend anschwellen. Und dann selbstverständlich jene Hymne aus „The Wall“, mit der unsterblichen Zeile „We don’t need no Education“ (Wir brauchen keine Erziehung) sowie der barschen Aufforderung an die Lehrer, die Kinder endlich in Ruhe zu lassen. Neben uns springen Eltern mit ihren Teenager-Kids auf und singen lauthals den antiautoritären Text mit. Wir kennen keine Generationen mehr, nur noch Rockfans.

Im Grunde spielt „Pink Floyd“ einen einzigen, endlosen Titel, in dem man das gleichmäßige Ein- und Ausatmen der Zeit spürt. Sie sind sich – bis hin zu den neuesten Songs – treu geblieben, sind nur immer mehr gewachsen und angeschwollen. Die Geburt der Musik aus dem Geist der Elektronik haben sie schon in ihren LSD-durchtränkten Anfängen (um 1967) vollzogen. Was seither kam, war eigentlich eher Angleichung an neue technische Möglichkeiten. Das hat sie wohl auch interessant gemacht für die nicht ganz unbekannte Wolfsburger Autofirma, die ihr meistverkauftes Modell nach einer noblen Sportart benennt. Diese Firma sponsert die Tournee und darf sich im Gegenzug werblich am Image von „Pink Floyd“ laben. Erstrebter gemeinsamer Nenner ist wohl die kühle Kontrolle über komplexe Technik und eben jene erwähnte Dauerhaftigkeit des populären Seins.

Weit weniger unter Kontrolle waren die Anfahrtswege zum Stadion. Endlose Staus rund um die Stadt, danach ein Parkplatz-Chaos sondergleichen – die Polizei hatte offensichtlich vor dem Ansturm kapituliert. Tausende von Fans erreichten das Ziel ihrer Wünsche erst nach Konzertbeginn. In Dortmund klappt so etwas in der Regel weitaus besser. Und vermutlich auch in Gelsenkirchen, wo „Pink Floyd“ am 23. August „auf Schalke“ spielen wird.




Verzerrte Wesen aus einer Welt der Ängste – Museum Bochum würdigt den Holländer Lucebert

Von Bernd Berke

Bochum. Die „Trolle“ mit den zerfließenden Gesichtern blecken gräßlich ihre Zähne. „Der letzte Romantiker“ hockt wie ein armseliges Insekt da – vielleicht ein schmutziger kleiner Bruder von Gregor Samsa, der in Franz Kafkas berühmter Erzählung „Die Verwandlung“ zum Käfer mutierte. Es sind Zerrspiegelwesen aus einer Welt der Ängste.

Aus seinen Alpträumen hervorgeholt hat sie der Holländer mit dem Künstlerpseudonym Lucebert. Bürgerlich hieß er Lucebertus Jacobus Swaanswijk. In diesem Frühjahr ist er mit 70 Jahren gestorben. Das Museum Bochum, mit dem Lucebert oft zusammengearbeitet hat, widmet seinem Gedenken nun eine Sonderausstellung. Doch die ist ein wenig betrüblich geraten. Das Bochumer Haus hat kein Geld für umfassende Retrospektiven, bedeutende Leihgaben sind unerreichbar. Die schmale Schau wird also aus Eigenbesitz bestritten, darunter rund ein Dutzend Arbeiten von Lucebert selbst.

Hinzu kommt, gleichfalls dem Depot entnommen, mehr oder weniger Verwandtes von K. O. Götz, Karel Appel, Asger Jorn und Constant. Diese Künstler bildeten mit die Lucebert die Gruppe „Cobra“, die in der Trümmerzeit nach dem Zweiten Weltkrieg am „Nullpunkt“ beginnen wollte und jeglicher Verschönerungs-Kunst abschwor. Am Horizont zeichnete sich damals die vage Hoffnung auf ein friedliches, vielstimmiges Europa ab, das die Gruppe in ihrer internationalen Zusammensetzung vorwegnahm.

Das Unbewußte frei strömen lassen

Lucebert war ebenso Dichter wie bildender Künstler, die lyrische Seite der Doppelbegabung trat sogar zuerst hervor. Zeitweise befaßte er sich intensiv mit Zen-Buddhismus und Kabbala-Mystik, war aber vor allem fasziniert von bildnerischen Äußerungen geisteskranker Menschen, wie er sie in der berühmten „Sammlung Prinzhorn“ kennengelernt hatte. Lucebert wollte, ähnlich wie die „Verrückten“ oder Kinder, das Unbewußte frei und ungehindert nach außen strömen lassen. Auf quasi magische Art sollten so die inneren Dämonen auf die Bildfläche gebannt werden – ein Akt der Reinigung.

„Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, hieß es schon bei Goya, der ja gleichfalls Kriegserfahrungen verarbeitete. Auch Luceberts monströse Riesentiere und bedrohliche Fabelwesen stammen aus dem Zentrum menschlicher Urangst. Sie scheinen ständig darauf zu lauern, den dafür nur irgend empfänglichen Betrachter wild anzuspringen. In heftiger Mal-Arbeit (mit bloßen Händen oder groben Spachteln) attackierte Lucebert die Leinwände, die so zu rissigen Kampfstätten der Selbstbefreiung wurden.

„Nur nichts Endgültiges schaffen!“ lautete eine Devise Luceberts. Die Kunst sollte niemals starr werden, sondern offen bleiben und veränderlich. Doch der documenta-TeiInehmer (1959) ließ seine Monster keinesfalls völlig der Kontrolle entgleiten. Der Stoff ist Wahn, die Formung Kunst. Zum einen maß sich Lucebert an Vorbildern (allen voran Paul Klee und einige Surrealisten), zum anderen disziplinierte er sich immer wieder selbst, indem er einige seiner Motive auch als Radierungen oder Lithographien ausführte. Da wirken sie bedeutend ruhiger, beherrschter, von handwerklicher Anstrengung überformt. Bedauerlich, daß man in Bochum nicht mehr von alledem zu sehen bekommt.

Lucebert – eine Hommage. Museum Bochum, Kortumstraße 147. Bis 11. September, täglich außer montags 10-18 Uhr. Kein Katalog.