Ein Bär mit Verstand: „Pooh’s Corner“, Harry Rowohlts gesammelte Kolumnen

Von Bernd Berke

Es gibt sie – jene höhere Weisheit. die sich hinter trudelndem Unsinn verbirgt. Zu ihren Großmeistern zählt Harry Rowohlt. Das ist einer, der spürbar immer viel, viel mehr weiß, als er hinschreibt. Und eben das verleiht seinen Sätzen einen ganz besonderen Drall.

In seiner Kolumne „Pooh’s Corner – Meinungen eines Bären von geringem Verstand“, hat Rowohlt einen scheinbar nonchalanten, ja gelegentlich regelrecht „besoffenen“ Stil in der Wochenzeitung „Die Zeit“ zur Reife gebracht. Diese sprachlichen Aus- und Abschweifungen liegen jetzt, ergänzt um einige Essays und Filmkritiken, gesammelt vor. Das wurde aber auch mächtig Zeit!

Harry Rowohlt, namentlich erkennbar ein Sproß der berühmten Verleger-Familie, ist ein Querschädel und Originalkopf, der seine kleinen und großen Besessenheiten pflegt: vor allem die Liebe zum Trinker-Paradies Irland und zu dessen größtem Autor neben James Joyce, Flann O’Brien (den Rowohlt kongenial übersetzt hat); sodann sein Kultbuch von Kindheit an, „Pu der Bär“ („Winnie the Pooh“ von A. A. Milne, 1926), das der Kolumne den Titel gab.

Rowohlts Texte sind von schönster Gelassenheit, geschrieben mit feinem Ohr für jene Neben- und Zwischentöne, auf die es ankommt, doch jeder sich aufblähenden Schwerdenkerei abhold. Sie können mit Leichtigkeit hierhin und dorthin schlingern und allerlei Hintersinn am Wegesrand aufsammeln.

Der Fuchs und das Trinkerlied

Herrlich die überraschende Kombinatorik, mit der Rowohlt das Entlegenste zusammenholt und miteinander zünden läßt. Pröbchen gefällig? „Wenn wir zum Beispiel eine Flasche öffnen und zügig einschenken, hören wir—.“ Es folgt ein Notenbild, das sogar stimmt (selber testen!) und das wiederum genau den Anfangstakten von „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ entspricht. Rowohlts souveräne Schlußfolgemng: Das sei also nachweislich kein Jägerlied, sondern ein Trinklied…

Und wie war das noch mit Alzheimer? „Früher, wenn man sich keinen Namen merken konnte, hieß das vergeßlich. Inzwischen heißt das Alzheimer. Und wieder muß man sich einen Namen merken.“ Prägnanter kann man es nicht sagen.

Ähnlich gut wie „Pooh’s Corner“ sind übrigens die Filmkritiken, was sich gerade in der Zusammenschau erweist. Rowohlt schreibt ganz, ganz knappe Rezensionen. Ach, was! Es sind eben gar keine Rezensionen im üblichen Sinne, sondern Plaudereien haarscharf am Inhalt der Filme entlang oder gar daran vorbei. Und trotzdem, o Wunder, trifft er das (Un-)Wesen der jeweiligen Filme bis ins Herz. Das schaffen die meisten mit der zehnfachen Zeilenzahl nicht!

Und wer hat sich schon mal so schön flapsig aus einem Text und vom Leser verabschiedet wie Harry Rowohlt? Zitat: „Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die bis hierher gelesen haben. Ich weiß, was in Ihnen vorgeht. Ich habe es auch satt.“

Harry Rowohlt: „Pooh’s Corner“. Haffmans Verlag, Zürich. 272 Seiten. 28,50 DM.




Der kinderleichte Traum von einer besseren Welt – Jean Giraudoux‘ „Die Irre von Chaillot“ in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Ein paar Kapitalisten wollen halb Paris abreißen, um vermeintliche Ölquellen auszubeuten. Doch die Erd- und Menschenschinder werden in eine tödliche Falle gelockt – und schon ist die Welt ein für allemal befreit. So simpel geht das in Jean Giraudoux‘ Stück „Die Irre von Chaillot“, das in Wuppertal Premiere hatte.

Selten wird der Zweiakter gespielt. Er ist schwer in den Griff zu bekommen. Ziemlich diffus wirkt das Figureninventar zwischen windigen Geldsäcken und Gestalten aus jener niederen Gegenwelt der Clochards und der „irren“ Frauen. Die sind hier natürlich im höheren Sinn die einzig Vernünftigen, weil am mißlichen Zustand der Welt irre geworden. Das Stück hegt eine verstiegene Hoffnung auf rebellische Randgruppen.

In Wuppertal (Regie: Kresimir Dolencic) verklammert man das Ganze zunächst mit einer Art Revueform samt Gesangsauftritten. Die Atmosphäre: so etwa zwischen Bahnhofs-Wartesaal und „Dreigroschenoper“, also zerfasert. Dennoch gelingt es, das Figurenspektrum in Fassung zu halten. Die Schauspieler stellen auf herrlich leicht scheinende Art zumindest lose, assoziative Zusammenhänge her. Wie hat doch dieses Ensemble im Lauf der letzten Jahre gewonnen!

Von Erich Fried gibt es das Gedicht ,„Die Maßnahmen“. Dort heißt es lapidar: „…Die Feinde werden geschlachtet / Die Welt wird freundlich – Die Bösen werden geschlachtet / Die Welt wird gut.“ Ähnlich kindertrotzig, wundergläubig (und totalitär) geht es zu, wenn die „Irre“ (schmetterlingsbunt: Ingeborg Wolff) ihr Tribunal über die etwas groteske Crew der Kapitalisten abhält und sie mit einem angeblichen Ölvorkommen in die Kanalisation lockt, wo die Herrschaften verenden müssen.

Giraudoux hat das Stück 1943 geschrieben, mitten im Kriege und wohl in wahnwitzig lachender Verzweiflung über die deutsche Besatzung. Daraus mag sich die „irre“ Hoffnung herleiten, die vielleicht auch die Befreiung von den Nazis auf phantastische Weise vorwegnimmt.

So schwebt die ganze Sache denn auch etwas traumverloren dahin. Aber das naive Träumen wird doch gelegentlich noch erlaubt sein. Es könnte dieser Abend recht gut unter biblischem Motto stehen: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder… denn ihrer ist das Himmelreich“.

Tatsächlich befördert die Bühnen-Hydraulik am Ende die irre Weltenretterin samt Anhang in himmlische Höhen, während aus dem Orkus die totgeglaubten Besitzenden doch wieder auftauchen, die Mäuler voller Geld gestopft. Aus der Traum: Hienieden, so muß man fürchten, bleibt Mammon König.

Nächste Vorstellungen: 26. und 28. Dez.; 2.. 9. und 15. Januar.

 




Auf der Suche nach dem Gleichgewicht – Cees Nootebooms „Der Buddha hinter dem Bretterzaun“

Von Bernd Berke

Cees Nooteboom muß man, spätestens seit der letzten Buchmesse, als er mitsamt der niederiändisch-flämischen Literatur im Mittelpunkt stand, kaum noch vorstellen. Er gilt als Kandidat für den Literaturnobelpreis, sein Buch „Rituale“ steht seit Monaten auf der Bestsellerliste. Jetzt liegt eine neue Erzählung von ihm vor.

In „Der Buddha hinter dem Bretterzaun“ beweist er seine Meisterschaft an einem Thema, das man nicht mehr für prosatauglich gehalten hätte. Denn über Thailands Hauptstadt Bangkok, so meinte man, ist doch in mehr oder minder seriösen Reportagen schon alles gesagt worden.

Nooteboom läßt einen Reisenden durch die Metropole streifen und gleich der im Titel erwähnten Figur begegnen. Hinter jenem Bretterzaun belebt sich „ein dicker Woolworth-Buddha, zwanzigstes Jahrhundert…“ Der öffnet dem Reisenden die Augen: Nicht sofort alles aufschreiben (und damit abhaken), sondern den Fluß des Geschehens erleben, heißt die Devise.

In der chaotischen Stadt prallt scheinbar Unvereinbares aufeinander: z. B. traditionell gelebter Buddhismus und Sex-Industrie. „Versöhn‘ die Bilder“, lautet eine ins Paradoxe zielende Aufforderung des Zaun-Buddhas. Auf der Suche nach Gleichgewicht (nicht nach satter Zufriedenheit) zwischen den Widersprüchen befindet der Reisende: „Die Welt ist eine bittere Waage.“ Und er weist vorschnelle Moral-Urteile von sich: „Vergiß doch mal, daß du aus Europa bist. Hier sind die Huren Engel…“

Hier also geht vielleicht zusammen, was in Europa nicht ginge. Nur muß man anders reisen, anders wahrnehmen lernen. Nootebooms Reisender versucht es und merkt: Hier läßt sich sogar die Vielfalt vorhandener Waren, anders als im Westen, als Kultur erfahren. Hier gibt es ein Behagen in der Menge. Und es gibt das Glück einfachen Tuns. Die Fülle der Eindrücke übersteigt das Vermögen der Sprache. Zitat: „Einen Ozean kann man nicht aufschreiben.“

Der Mensch, so heißt es an einer Stelle, werde im Buddhismus nur als „Durchgangsstation“ für ein überpersönliches „Karma“ begriffen, auch kenne das Thailändische kein Wort für „Ich“. Und so wird auch der Reisende zum Strom, der alles in sich einfließen läßt: Götter und Gold, fremdartige Worte, Zeremonien, Sitten.

Ein schmales, aber „großes“ Buch: über das Reisen, das Fremdsein und die Wege der wirklichen Erfahrung.

Cees Nooteboom:, Der Buddha hinter dem Bretterzaun“. Erzählung. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/Main. 85 S., 19,80 DM.




Weltgeist in der Erbsensuppe – Ernst Jüngers privatisierende Tagebücher „Siebzig verweht III“

Von Bernd Berke

Ernst Jünger ist der wohl umstrittenste deutsche Autor des Jahrhunderts. Sein Frühwerk („In Stahlgewittern“) half heftig mit bei der geistigen Aushöhlung der Weimarer Republik. Zwar hat er sich dann nicht direkt mit den Nationalsozialisten eingelassen, sich aber stets in deutschnationalen Kreisen bewegt. Jetzt liegt der dritte Band seiner Tagebücher „Siebzig verweht“ vor. Erbauungs-Lektüre für «Rechtsausleger“?

Jünger geriet in der NS-Diktatur (wegen „Auf den Marmorklippen“, 1939) gar in Gefahr. doch hat er allzeit mächtige Beschützer gehabt. Niemand anderer als Hitler hat Jünger vor Verfolgung durch den Blutrichter Roland Freisler bewahrt. Diesen durch Dokumente gestützten Sachverhalt teilt Jünger in seinem Tagebuch spürbar bewegt mit.

Der Garten und die Insekten

Trotz aller Bedenken dürfte Jünger, der bald 99 wird und somit ein deutsches Jahrhundert überblickt, als Zeitzeuge auf seine Art unentbehrlich sein. Wird er dieser Stellung im Tagebuch gerecht? Nun, eigentlich privatisiert er lieber, als daß er sich noch auf Zeitfragen einließe.

Die jetzt erschienenen Aufzeichnungen reichen vom l. Januar 1981 bis zum 28. Dezember 1985. In diese Zeit fällt u. a. die strittige Verleihung Goethe-Preises an Jünger. Da ergreift er ausgiebig die Gelegenheit, sich als wegen seiner Gesinnung unschuldig „Verfolgten“ darzustellen. Er stellt sich dabei gar in eine historische Reihe mit den Juden (Seite 247), was eine unglaubliche Verzerrung ist.

Seine gelegentlichen Treffen mit Kohl und Mitterrand erwähnt er nur beiläufig. Den Hauptteil der Notizen bilden indes private Ereignisse: Reisen, besonders auf Mittelmeerinseln und nach Paris; der Lauf der Jahreszeiten in seinem Garten zu Wilflingen (Schwäbisehe Alb); gelegentlich eitle Wiedergaben von Briefen seiner Freunde und Anhänger – und immer wieder seine Hauptleidenschaft, die Entomologie, sprich Insektenkunde. Über rare Käfer freut sich Jünger königlich.

Zudem denkt er nicht mehr in Jahren, sondern in Zeitaltern. Demnach stehen wir vor „dem Übergang in eine Feuerwelt“ (z. B. wegen der Kernfusion), die einen „Weltstaat“ ratsam erscheinen lasse, womit sich Jünger immerhin von nationalistischen Phantasmen entfernt. Rückblickend ringt er sich ja sogar zu folgender Ansicht durch: „Mit der Linken wären wir ohne Zweifel besser gefahren…“

Tunnelblick auf neuere Litratur

Allerdings ist Jünger erzkonservativ und elitär geblieben, was kluge Gedanken selbstverständlich nicht ausschließt. Doch schon die Sprache ist manchmal verräterisch. Das ist ein Soldat nicht etwa gefallen oder gar verreckt, sondern „vor Metz geblieben“ (Seite 503). Wie nobel.

Schließlich fasziniert ihn der prekäre Zuchtwahl-Gcdanke, nur anders gewendet: Wenn „Dekadenz und Barbarentum“ sich paarten, könne Fruchtbares entstehen… Wie er denn überhaupt dazu neigt, Gesellschaftliches unter biologischen Vorzeichen zu sehen. Und Jünger gerät oft ins Nebulös-Esoterische. Auch seine oft gerühmte Sprache wird dann manchmal ungelenk. Da raunt er von einer „titanischen Welt“, die eine neue Magie der Technik freisetze und neue Menschen zeuge, da sinniert er übers Wassermann-Zeitalter.

Manchmal wird es unfreiwillig lächerlich, so etwa wenn er den waltenden Weltgeist sogar noch auf seinem Suppenteller erblickt. Zitat Seite 446: „In einer Erbsensuppe gibt es weder Zahlen noch Individuen mehr. Die Erbsen sind mehr oder weniger deformiert… Das könnte der Zustand sein, den wir erreicht haben.“

Von seiner weltenthobenen Warte aus nimmt Jünger kaum Gegenwarts-Autoren wahr. Er nennt praktisch nur Bestseller von Umberto Eco („Der Name der Rose“) und Patrick Süskind („Das Parfüm“). Kein Böll, kein Grass, kein Walser. Welch ein Tunnelblick!

Ernst Jünger: „Siebzig verweht III“. Tagebücher. Verlag Klett-Cotta. 594 S., 68 DM.




Singselig und sturzvital – die „Kinks“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Da kommt er, solo mit Gitarre: Ray Davies (49). Er stimmt gleich den Song „A Well Respected Man“ an. Ist ja auch wahr: Seit 30 Jahren ist er mit seinen „Kinks“ auf der Szene. Das ist mehr als respektabel.

Davies beginnt in der nicht ganz ausverkauften Westfalenhalle II mit einem Medley bejahrter Erfolgstitel, das Sommerstück „Sunny Afternoon“ natürlich inklusive. Ray Davies reißt diese Hits nur kurz an. Vielleicht hat er sie sich leid gespielt. Aber sie gehören halt nicht nur dazu, sondern sind auch nachher Kern des Programms – und der Mann freut sich ersichtlich, sein Publikum mit solchen Erinnerungen in den Griff zu bekommen.

Seit 30 Jahren im Rock-Geschäft

Um 30 Jahre unverdrossen in Sachen Rock unterwegs zu sein, braucht man zweierlei: Besessenheit, aber auch so etwas wie Disziplin, um nicht irgendwann abzusacken. Ray Davies genießt es jedenfalls immer noch, wenn die alten Refrains mitgesungen werden. Oft hält er sein Mikrofon in die vorderen Reihen, so als sollten alle beteiligt sein.

Nach dem nostalgischen Einstieg kommt die Band hinzu, natürlich nicht mehr die Ur-Formation. Aber Rays Bruder Dave Davies („Death of a Clown“) ist immer noch dabei. Die zwei sind seit Jahrzehnten aufeinander eingespielt, so daß der Rest der Gruppe – Jim Rodford, lan Gibbons und Bob Henrit – völlig zurücktritt und dienende Funktionen übernimmt. Sie rollen sozusagen den Sound-Teppich für Ray Davies aus.

Manche Metaller ins Abseits gespielt

„Give the people what they want“ scheint man sich – einem Plattentitel folgend – gedacht zu haben: Man präsentiert sich eineinhalb Stunden lang vornehmlich als Hardrock-Band, die jene singselige „Rockpalast-Stimmung“ bedient. Energisch spielt man tatsächlich noch so manche Jüngelchen aus Heavy-Formationen ins Abseits. Dies den Scherzkeksen ins Stammbuch, die behaupten, zu den „Kinks“ könnten nur noch Leute mit Rheumadecken hingehen. Zugegeben, im Publikum sind angegraute Jahrgänge in der Mehrheit. Aber was heißt das schon.

Melodische Feinheiten und die zum Teil kritischen Texte gehen ziemlich unter. Die Leute hören, zumal in einer Samstagnacht, eben lieber solche „Kracher“ wie „You Really Got Me“, „All Day and All of the Night“, „Low Budget“ oder „Phobia“. Die sind aus dem Urstoff des Rock, hämmernd, treibend, fordernd, im Grunde immer optimistisch. Ein sturzvitaler Song wie „Till the End of the Day“ kann einen aufmöbeln für einen ganzen Tag.

Doch das Beste des Abends war sicherlich die furiose Hymne der Widerspenstigen: „I’m not Like Ev’rybody Else“ („Ich bin nicht wie jeder andere“). Man sang’s im Hallenchore mit. Naja, ein Widerspruch ist’s schon, massenhaft ganz anders sein zu wollen. Aber Schwamm drüber. Schön war es doch.

Ärgerlich nur die langweilige Vorgruppe „Katrina and the Waves“. Ein Lied klingt wie das andere, und alle wie eins. Die werden bis in alle Ewigkeit Vorgruppe bleiben.




Die Vermessung des Menschen – Oskar Schlemmers „Folkwang-Zyklus“ und Artverwandtes in Essen

Von Bernd Berke

Essen. Also sprach der Künstler anno 1930 im Hörfunk: „Wenn erst einmal der Fernseher da sein wird, eröffnen sich auch uns Perspektiven, die gar nicht abzusehen sind… Dann können auch wir uns an die Masse des Volkes wenden.“

Der grandiose Optimist war Oskar Schlemmer (1888-1943). Anlaß seines denkwürdigen Funkauftritts war just jener Werkzyklus, der jetzt im Essener Museum Folkwang gezeigt wird.

Schlemmers „Folkwang-Zyklus“ war Ergebnis eines Ende 1927 gestarteten Wettbewerbs zur Ausgestaltung des Museums mit Wandbildern. Für den damaligen Folkwang-Direktor Ernst Gosebruch stand freilich der Sieger von Anfang an fest: Oskar Schlemmer. Dabei waren die Mitbewerber, Erich Heckel und Willi Baumeister, kaum weniger hochkarätig. In Essen kann man einige ihrer Entwürfe mit denen Schlemmers vergleichen.

„Die jungmännliche Bewegung“

Schlemmer war seinerzeit in Geldnöten. Und so stürzte er sich geradezu in die Essener Arbeit. Er gab sich ungeheure Mühe, um den Wandfries in der zentralen Museums-Rotunde zu gestalten, in deren Zentrum George Minnes Brunnen mit Knabenfiguren (1898) installiert war. Das vorgegebene Thema für die Wandbilder lautete, für heutige Ohren reichlich altfränkisch klingend: „Die jungmännliche Bewegung“. Man könnte das etwa mit Gymnastik oder Sport gleichsetzen.

Doch Schlemmer faßte das Thema viel weiter. Ihm ging es um das Verhältnis zwischen menschlicher Figur und Raum überhaupt. In Essen kann man nun anhand von 180 Arbeiten die Entstehungs-Phasen nachvollziehen. Erst nach vielen Vorstudien und drei Fassungen des Zyklus‘ rang sich Schlemmer zur gültigen Formulierung durch. Das Projekt glich anfangs einer grundlegenden Vermessung des menschlichen Körpers und seiner Bewegungen – in der Tradition eines Dürer oder Leonardo.

Typisierte Figurinen

Resultat sind keine Menschen mit individuellen Zügen, sondern typisierte, abgerundete Figurinen. Diese Jünglinge werden so paßgenau in geometrisch gefaßte Räume gespannt, daß sie mit ihrer Umgebung verschmelzen. Und der Bildraum steht dabei für den ganzen Kosmos.

Zum Vergleich werden in Essen Schlemmer-Gemälde aus der gleichen Zeit gezeigt. Bemerkenswert auch hier, wie präzise er seine Figuren gruppiert und – oft an Treppengeländern entlang – hintereinander staffelt, so daß man meint: Anders kann es gar nicht sein, es darf sich um keinen Millimeter verschieben. Gelegentlich stellt Schlemmer die Figuren in eine quasi surrealistische Schachbrettwelt hinein („Frauenschule“), die bereits an de Chirico gemahnt.

Werke in alle Winde zerstreut

Die historisch aufschlußreichste Abteilung folgt am Ende des Rundgangs. Schlemmer hatte schon 1933 seine Folkwang-Arbeiten wieder abgehängt. Der neue FolkwangChef Klaus Graf von Baudissin paßte sich dem braunen Zeitgeist an und schrieb 1934 eilfertig einen neuen Wettbewerb aus, an dem sich 240 Künstler beteiligten. Unter ihnen auch der Westfale Fritz Winter, der erstaunlich abstrakte Arbeiten einreichte und sogar in die Endausscheidung vordrang.

Es war damals eben noch nicht so recht ausgemacht, ob sich die NS-Machthaber der Avantgarde bedienen oder ob sie sie verfemen würden. Doch das Blatt wendete sich dann rasch, wie man weiß: Werke Schlemmers wurden beschlagnahmt, in alle Winde zerstreut und zum Teil im Bombenhagel des Krieges zerstört…

Oskar Schlemmer: Folkwang-Zyklus / Malerei um 1930. Museum Folkwang, Essen. 12. Dez. 1993 bis 13. Feb. 1994. Tägl. außer Mo. 10-18 Uhr, Do. 10-21 Uhr. Eintritt 5 DM. Zweibändiger Katalog 42 DM.




Mit Haußmann soll es fröhlich werden – Ab 1995 dürfte sich am Bochumer Theater einiges ändern

Von Bernd Berke

Bochum. ,lch bin ein fröhlicher Mensch“, sagt Leander Haußmann von sich. Und das werde sich im Spielplan auswirken, wenn er 1995 die Leitung des Bochumer Schauspielhauses übernehme. Doch auch bei ihm. so der 34-jährige, werde nicht ganzjährig Theater-Karneval herrschen. Er werde als Kontrast zu sich selbst auch Regisseure engagieren, die eher spröde inszenieren.

Haußmann hat gerade zähe Verhandlungen mit Bochums Kulturdezernentin Dr. Ute Ganaris hinter sich: „Es war richtig anstrengend.“ Doch erfahrene Kollegen wie etwa der frühere Bochumer Schauspielchef Claus Peymann oder Jürgen Flimm hätten ihm dringend raten, sofort alles durchzufechten: „Was du jetzt nicht erreichst, kriegst du später nie mehr.“

Vertrag noch nicht ganz sicher

Haußmann läßt durchblicken, daß er vor allem gewisse Nachbesserungen am maroden technischen Apparat zur Bedingung macht, bevor er den Vertrag unterzeichnet. Auf städtischer Seite müssen noch Kultur- und Finanzausschuß zustimmen, bevor im Februar 1994 der Rat Haußmanns Engagement endgültig absegnet. Trotzdem wurde Haußmann gestern der Presse schon quasi als Bochumer Errungenschaft vorgestellt. Der gebürtige Quedlinburger, aufgewachsen in Ostberlin, gelobte, er werde im Revier kein hochherrschaftliches Intendanten-Theater veranstalten, sondern alles auf die Schauspieler ausrichten. Und Schauspieler seien nun mal meist Komödianten.

Haußmann weckt also die Hoffnung, daß (nach den oft düsteren Visionen seines amtierenden Vorgängers Frank-Patrick Steckel) auf Bochums Bühne mal wieder bunt-sprühende Funken schlagen. Ja, er habe einige Produktionen in Bochum gesehen. Wie fand er’s? Nun ja, Steckel mache es dem Publikum nicht leicht, fordere viel Konzentration. Es fehle derzeit ein Gegengewicht, alles gehe zu sehr in diese eine Richtung. Doch das Ensemble sei hervorragend.

Peymanns Augen glänzten verklärt

Trotzdem werde er, Haußmann, viele Schauspieler mitbringen, so daß einige andere gehen müßten. So sei das eben am Theater. Es lägen ihm schon viele Schauspieler-Bewerbungen für Bochum vor („Auch von namhaften Leuten“), wie man ihn denn überhaupt um seine neue Aufgabe zu beneiden scheine. Auch Claus Peymanns Augen hätten verklärt geglänzt, als er mit ihm über Bochum sprach.

In Sachen Platzausnutzung verzeichnet Bochum seit Jahren Schwund. Haußmann selbstbewußt: Erfolge seien doch im voraus berechenbar. Wenn man etwa „Romeo und Julia“ auf den Spielplan setze, strömten die Menschen nur so ins Theater. Jedoch: „Auch Flops müssen erlaubt sein.“ Er sei nicht nur dazu da, „um das Haus vollzumachen“, sondern wolle auch mal sperrige Experimente ermöglichen.

Gagensumme soll erhalten bleiben

Kulturdezementin Canaris machte klar, daß das Gagen-Volumen fürs Schauspiel in Bochum möglichst nicht verringert werden soll – auch dies eine Bedingung von Haußmann. Allerdings, so Frau Canaris, wisse man nicht, wie sich die Stadt-Finanzen entwickeln. Die Gagensumme pro Saison beträgt 9,5 Mio. DM. Wenn freilich Leander Haußmann 1995 antritt, wird es bereits rund l Million weniger sein, denn man spart ja mit Steckels Weggang Reinhild Hoffmanns Tanztruppe ein. Dazu wollte sich Haußmann nicht äußern. Er verstehe zu wenig von Tanztheater…

Ansonsten schätzt er auch schon mal deutliche Worte. Wie er denn mit Kritikern auskomme? „Eigentlich gut.“ Aber neulich habe mal einer geschrieben, er, Haußmann, sei die fröhlichste Regie-Null Deutschlands. Haußmann: „Dem hätte ich am liebsten eins in die Fresse gehauen.“




Chaot der Rockmusik – Zum Tod von Frank Zappa

Von Bernd Berke

Das Poster, das den verzottelten Kerl auf der Toilette zeigte, hing fast überall, wo man rebellisch gestimmt war. Es war eine Ikone der 60er Jahre. Und der Titel seines ersten Albums „Freak out“ (etwa: Brich aus!) wurde zum Schlachtruf der Aufsässigen. Der Rockmusiker Frank Zappa, Symbolfigur einer ganzen Generation und Inbegriff des Underground, ist tot. Mit nur 52 Jahren starb er an Prostatakrebs.

Erst gestern früh wurde die traurige Nachricht bekannt, und die Agenturen verbreiteten sie mit dem Dringlichkeits-Vermerk „Vorrang“. Zappa starb bereits am Samstag in Los Angeles, am Sonntag wurde er schon im engsten Kreise von Freunden und Angehörigen beigesetzt. Seine Familie, Frau und vier Kinder, teilte lapidar mit, er sei nun „zu seiner letzten Reise aufgebrochen“. Vielleicht ist er ja nun in jener anderen Welt auf Tournee und logiert in einem jener „200 Motels“, die er einst besang und im Film zeigte.

„Kein Akkord ist häßlich genug…“

„Kein Akkord ist häßlich genug, um all die Scheußlichkeiten zu kommentieren, die von _ der Regierung in unserem Namen verübt werden“, befand Zappa zur Zeit des Vietnam-Krieges. Er soll schon als kleiner Junge gegen seines Vaters Arbeit in der Rüstungsindustrie protestiert haben, indem er tagelang eine Gasmaske trug. Mag das auch fromme Freak-Legende sein, so hielt sich Zappa später doch an die Sache mit den Akkorden. Keiner (außer vielleicht Jimi Hendrix konnte der Bühnen-Elektronik so nervenzerfetzende Kreischtöne entlocken und so chaotisch erscheinende Klang-Collagen basteln wie Zappa.

Impulse aus neuer E-Musik und Free Jazz

Das ging nur, wenn man andere künstlerische Fixpunkte hatte als lediglich die Rockmusik. Bei Zappa waren es Komponisten moderner E-Musik wie Strawinsky, John Cage und Edgar Varese, aber auch der Free Jazz. Ob man ihn bei solchen Grenzgängen zwischen den musikalischen Welten für ein Genie oder einen Scharlatan hielt, war ihm letztlich schnurz. So viel Sarkasmus wie seine Kritiker brachte er allemal auf. Übrigens hat er bis zuletzt verbissen gearbeitet und gegen seine Krankheit angekämpft: Im Frühjahr ’94 wird die kurz vor seinem Tod fertiggestellte Platte „Civilization: Phase III“ erscheinen.

Symbolische Massaker auf der Bühne

Berühmt wurde der am 21. Dezember 1940 in Baltimore/Maryland (USA) als Sohn sizilianischer Einwanderer geborene Zappa anfangs vor allem als Provokateur von speziellen Gnaden. Da ließ er von der Bühne herab Stofftiere ins Publikum ejakulieren, verübte symbolische Massaker an Baby-Puppen und lieferte obszöne Songtexte ab, in denen schmutzige „Four-Letter-Words“ reihenweise vorkamen. Wäre er tatsächlich in den Wahlkampf um die US-Präsidentschaft gezogen, wie er es einmal vorhatte, man hätte Amerika nicht wiedererkannt. Jedenfalls machten die rabiaten Auftritte ihn und seine Band „The Mothers of Invention“ zu Kultfiguren. Daß musikalisch eine ganze Menge Originalität dahinter steckte, merkten anfangs nur wenige.

Vermarktung – nicht ohne Zynismus

Doch auch der wildeste Freak kommt in die Jahre und möchte noch ein wenig abkassieren. So wurde Zappa in den 80er Jahren zum zynisch-gewieften Vermarkter. Auch seine Kinder spannte er ein. Kaum konnten sie singen, mußten sie vors Mikro, kaum konnten sie etwas kritzeln, gab es die Motive auf T-Shirt in Zappas Postversand. Und manchmal verstieg er sich in seiner Provokationslust auch ins Unsägliche, etwa indem er Spezial-KZ’s empfahl, um lasche Musiker auf Vordermann zu bringen…

Irgendwie hatte Grace Slick, die Sängerin von „Jefferson Airplane“ wohl schon recht, als sie mal über Zappa sagte: „Er ist das intelligenteste Arschloch, das ich je getroffen habe.“ Zappa selbst hätte gegen solche Sätze in seinem Nachruf wohl nichts einzuwenden gehabt.

 




Wenn alle Witze heillos vergiftet sind – „Comedians“ von Trevor Griffiths im Dortmunder Schauspiel

Von Bernd Berke

Dortmund. Was ist eigentlich Komik? Typisch deutsche Grübelfrage, nicht wahr? Doch in diesem Fall stellt sie der Engländer Trevor Griffiths. Sein 1975 verfaßtes Stück „Comedians“ („Komiker)“ hatte jetzt in Dortmund Premiere.

Das Studio im Schauspielhaus ist eine karge Schulklasse. Ab und zu poltert der Hausmeister (Günther Hüttmann) herein, um herumzumaulen oder den Kaktus zu gießen. Gibt es Tristeres auf Erden? Doch hier bekommen sechs Männer Abendunterricht in Sachen Witz. Alle schlagen sich sonst mit Gelegenheitsjobs durch. Eine Komiker-Karriere, und sei es in Kneipen, wäre die Chance. Folglich herrscht bissige Konkurrenz. Die Luft knistert von Brutalität, die nur notdürftig in Scherze verpackt wird. Der Stoff, aus dem die Witze sind, ist vergiftet.

Dann betritt der Lehrer Eddie Waters (Horst Westphal) die Szene, ehedem „Lachbombe“ vom Dienst, jetzt aber von Resignation zerknittert. Er predigt trotzdem schöne Ideale. Komik müsse die Wahrheit über den Menschen sagen, alles andere sei Verrat. Doch, oh weh: Der mächtige Prüfer Challenor (Lordschaft der Lachverwaltung: Heinz Ostermann), der Waters‘ Humorklasse begutachten soll, ist ganz anderer Ansicht. Der meint, mit Komik müsse man der dummen Masse zur Flucht aus dem Alltag verhelfen. Koste es, was es wolle.

Dann wird das Publikum ins Erdgeschoß gebeten. Man hat das Bistro zu einem Variété umgebaut. Hier legen die sechs Prüflinge los – und siehe da: Sie haben sich (bis auf einen, der aus Rebellion die Haßkappe „aufsetzt) an Challenors Zynismus angepaßt, haben ihre dürftigen Nummern noch fieberhaft umgestülpt, um einen Job zu bekommen. Nun lassen sie rassistische Witze vom Stapel, oder sie koddern sexuelle Derbheiten heraus. Die Spottverse auf eine gewisse „Frau Motze“ reimen sich…

Nur für üble Scherze gibt es einen Job

Hernach wandern die Zuschauer nochmals – zurück ins Studio. Dort werden die Urteile gefällt. Challenor gibt natürlich den miesesten Possenreißern die Verträge. Folgt ein angepappter Schluß, in dem man erfährt, wie Eddie Waters der Humor abhanden kam, als er nach Kriegsende das zerstörte Dresden und das KZ Buchenwald sah und dabei auch noch „einen Ständer“ hatte…

Der Abend bereitet allseits große Pein – Schauspielern wie Zuschauern. Die Darsteller müssen (das Stück will es ja so) zweieinhalb Stunden lang üble Witze zum besten geben, Rohrkrepierer allesamt. Schwerstarbeit: So zu tun, als würde man jede Pointe todsicher versauen. Es verlangt schauspielerische Selbst-Kasteiung von Kai Hufnagel, Günter Burchert, Frank Voß, Christian Tasche, Alexander Mulheim und Jürgen Uter. Respekt! Doch ihre Mühen übersteigen den Ertrag.

Lachlustige Zuschauer, die sich vom Titel locken lassen, erleiden eine todtraurige Komik, die gnadenlos zu Markte zieht. Da bleibt einem das Lachen nicht nur im Halse stecken, da kommt gelegentlich blanke Wut auf. Wollte Regisseur Johannes Zametzer das wirklich erreichen?

Danach kann man stundenlang keinen Witz mehr hören. Und man fragt sich benommen: Wie weit muß ein Stück jene Verhältnisse abbilden, die es doch wohl beklagen will?




Kühne Kunst-Pläne in einer alten Villa – Ahlen verdankt sein neues Museum einem Industriellen

Von Bernd Berke

Ahlen. Diese Geschichte könnte beinahe im kulturellen Schlaraffenland spielen: Da überläßt ein Industrieller dem Kunstverein „seiner“ Stadt eine dreistöckige, geräumige Gründerzeitvilla und sorgt auch noch für den kostspieligen Umbau zum Museum. Im westfälischen Ahlen ist die Geschichte, die in rigiden Spar-Zeiten märchenhaft klingt, wahr geworden.

„Kunstmuseum Ahlen“ nennt man das schmucke Haus an der Weststraße jetzt stolz. Der Unternehmer Theodor F. Leifeld hat den 1882 errichteten Bau dem Kunstverein Ahlen zur Verfügung gestellt – vorerst bis Ende 1996. Man will halt erst einmal sehen, wie sich die Sache anläßt. Doch vor dem Haus entsteht bereits ein kleiner Skulpturengarten. Und eigentlich denkt man auch schon an weiteren Ausbau.

Der Kunstverein, der mit aktuellen Werken weiterhin die Stadtgalerie „bespielt“, möchte in seinem neuen Domizil zunächst ein Museum mit ständiger Sammlung aus der klassischen Moderne einrichten – und dann vielleicht sogar noch eine kleine Kunsthalle für Wechselausstellungen daneben stellen. Wahrlich ehrgeizige Pläne in der „Provinz“. Dem Kunstverein (Vorsitz: Walter Rinke) kommt diese Aufbruchstimmung zugute. Binnen Jahresfrist ist die Zahl der Mitglieder von 80 auf 132 gestiegen.

Auch die Auftakt-Schau im neuen Hause läßt hoffen, daß der Ehrgeiz nicht bodenlos ist. Denn man hat eine kompakte, recht aufschlußreiche Präsentation zum Thema „Bauhaus“ zusammengetragen, mit einigen Originalwerken von Größen wie Klee, Schlemmer, Feininger, Moholy-Nagy und Kandinsky. Sie alle waren Lehrmeister am „Bauhaus“ (Weimar / Dessau / Berlin), das besonders in den 20er Jahren mit der Kunst auch eine umfassende Reform des Alltags anstrebte.

Zum Vergleich zeigt man in Ahlen auch Arbeiten von damaligen Bauhaus-Schülern. Es sind Belege für die Wirksamkeit einer Lehre, deren Verästelungen bis in die Nachkriegszeit reichen und sogar „unser aller Kunst-Unterricht in der Schule beeinflußt haben“, wie Ausstellungsleiter Burkhard Leismann meint. Auch westfälische Ausläufer der Bauhaus-Richtung (Fritz Winter, Fritz Levedag) werden dargestellt.

Das Spektrum der Ausstellung ist breit und reicht von Tafelbildern und Fotografie über Architektur-Modelle und Lampen-Entwürfe bis hin zu Sitzmöbeln – all das im nüchternen, auf praktische Funktion ausgerichteten Bauhaus-Geist. Zuweilen staunt man, wie kühn und weit „damals“ vorausgedacht wurde. Das Bauhaus setzte Wegmarken, auf die man sich erst heute wieder besinnt.

Die Ahlener warten zudem mit einer Überraschung auf. Sie konnten einige Stücke aus einer hochkarätigen Heidelberger Privatsammlung auswählen, die selbst in der Fachweit weithin unbekannt ist.

Kunst-Museum Ahlen (Weststraße 98 / Tel.: 02382/3511): „Das Bauhaus – Gestaltung für ein modernes Leben“. Ab 5. Dezember (Einlaß am Eröffnungstag: 14 Uhr) bis 6. Februar 1994. Di-Fr 15-18 Uhr, Do 15-20. Sa/So 11-18 Uhr). Eintritt 3 DM; ermäßigt 1 DM. Katalog 30 DM.




Aids macht auch Künstler hilflos – Hagen: Bilder und Objekte zum Thema Immunschwäche

Von Bernd Berke

Hagen. In einer Ecke des Museums erhebt sich ein Hügel aus lauter Bonbons. Die Info-Tafel verkündet: Jene leckeren Kleinigkeiten wiegen zusammen so viel wie ein abgemagerter Aids-Kranker. Symbolisch dürfen die Besucher den Mann gleichsam weiter schrumpfen lassen, indem sie je ein Bonbon wegnehmen. Welch ein Kurzschluß zwischen Tod und Genuß!

Ist das nun eine eindringliche Mahnung oder schlicht eine Geschmacklosigkeit? Diese Frage kann man sich in der Hagener Ausstellung „Thema: Aids“ ständig stellen.

Hagen ist einzige deutsche Station der Schau, die aus Oslo kommt und praktisch nur Aids-Kunst aus den USA versammelt. Dort ist die Diskussion weiter fortgeschritten und hat ganz offenbar Künstler animiert, sich weniger um ästhetische Werte als um die korrekte Behandlung sozialer Fragen zu kümmern. Wie prekär und zuweilen peinlich derlei beflissene Trauerarbeit sein kann, hat kürzlich Fritz J. Raddatz in der „Zeit“ für die Literatur dargelegt. Manche seiner Bedenken können wohl auf bildnerisches Schaffen übertragen werden.

Symbol, laß nach!

Man schaue sich an. wie etwa Barton Benes das Thema unter sich begräbt: Erst zeigt er Fixernadeln als Molotow-Cocktails, dann setzt er eine Dornenkrone daneben. Symbol, laß nach! Fast untrügliches Zeichen für ästhetische Hilflosigkeit: Einige Künstler brauchen enorm viele Schriftzeichen und Worte, um ihr Anliegen zu verdeutlichen. Schier endlose Listen mit Namen von Aids-Toten sind ein weiteres Mittel, das sich längst abgenutzt hat. Da hilft es auch nichts, wenn die Kolumnen in goldenen Lettern präsentiert werden, als solle das Ableben durch Aids veredelt werden.

Hilflosigkeit liegt dem Thema natürlich nahe. Sie trägt denn auch humane Züge. Davon zeugen etwa die vielen Foto-Sequenzen über körperlichen Verfall. Nur muß man dies nicht unbedingt Kunst nennen, sondern engagierte Dokumentation. Andere nehmen das Thema unter Lupe und Mikroskop: womöglich infektiöses Ejakulat in verfremdender Großaufnahme, desgleichen Blut, Zellen, Viren.

Bundeszentrale als Förderer

Man ist dankbar für verzweifelt-sarkastische Schlenker. so etwa bei jenen zunächst verdeckten GIücksspiel-Karten, die hernach die Konterfeis von Aids-Toten vorweisen. Fast jede Karte ein Verlust, nur ein paar Joker haben gewonnen. Ein Blatt zeigt den Kopf von Keith Haring, der vor einigen Jahren an Aids starb. Sein titelloser Beitrag von 1988, eine Art Virus-Labyrinth als schwarzweißes Riesenformat, zählt zu den besseren Arbeiten.

Im Seitenkabinett sieht man Aids-Aufklärungsplakate aus aller Welt, im Vorraum ebenso gut gemeinte Beiträge der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die das Projekt fördert und als „positive Strategie“ preist. Kann Kunst strategisch wertvoll sein?

Thema: Aids“. Osthaus-Museum, Hagen. Ab sofort bis 9. Januar 1994. Tägl. außer Mo 11-18, Do 11-20, So 11-18 Uhr.




Im Bett mit Karl Marx – „Die Verkündigung oder: Friedrich, du bist ein Engel“ in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Der olle Karl Marx räkelt sich im Ehebett. Neben ihm liegt seine liebe Frau. Sie erdrückt ihn mit ihrer Fürsorge, sie hält ihn dauernd vom Schreiben und – na, sowas! – vom Fremdgehen ab. Und wenn seine Feder doch mal kratzt, ruft sie gleich; .„Was schreibst du da?“ Bedauernswerter Marx? Im Gegenteil.

„Die Verkündigung oder: Friedrich, du bist ein Engel“, jetzt in Wuppertal als deutsche Erstaufführung zu sehen (Regie: Hans-Christian Seeger), zeigt uns Karl Marx zwei, Stunden lang im Nachtgewand, doch nicht im Büßerhemd: Dieser Mann ist, ganz ungebrochen, ein Patriarch, der mit Frau und Geliebter nach männlichem Belieben umspringt.

Autor Milan Uhde ist, politisch besehen, kein Geringer. Er ist tschechischer Parlamentspräsident. Die Handlung seines Stückes fußt auf einer durch die Forschung weitgehend verbürgten Episode: Marx (der im Stück – Scherz, laß nach! – „Karl-Max“ heißt) schwängerte anno 1850 im Londoner Exil seine Haushälterin Helene Demuth (im Stück: Leni), während sein Eheweib, die kränkelnde dreifache Mutter Jenny (hier: Beni), im Nebenzimmer schlief. Genosse und „Geldesel“ Friedrich Engels übernahm offiziell die Verantwortung für das Malheur – nicht aber für das Kind, das flugs weggegeben wurde, sprich: Außen hui mit Befreiung der Arbeiterklasse, drinnen pfui mit sexistischer Unterdrückung. Sozialisten als bürgerliche Unholde. Merke: Das konnte ja nichts werden mit der Utopie, wenn sie schon so begonnen hat.

Traumspiel mit schauriger Komik

Milan Uhde ist zu klug, um diese mißliche Geschichte einfach nachzuerzählen. Er hat ein Traum- und Schauerspiel mit komödiantischen Zwischentönen geschrieben, bei dem sich Leni verzweifelt in der Themse ertränkt und später als Wiedergängerin in Marx‘ verstaubter Armutsbude herumgeistert. Auch erwürgt Marx seine Frau, weil sie einige Manuskripte verbrannt hat. Diese Tat wird ebenfalls von Engels bemäntelt und bleibt folgenlos. Die herzlichste Umarmung des ganzen Abends ist denn auch keine zwischen Mann und Frau, sondern jene männerbündische zwischen Marx und Engels, als die frohe Botschaft vom Generalstreik in der Zeitung steht.

Marx, durch die jüngste Geschichte eh schon ausgezogen bis aufs Hemd, wird noch einmal ganz intim bloßgestellt, einmal schwenkt er gar wie ein Dorftrottel den Nachttopf. Hier und da ist das halbwegs komisch. Aber: War das denn wirklich noch nötig?

Immerhin gibt’s recht schmackhaftes Rollenfutter, angesiedelt irgendwo zwischen Hauptmannschem Ernst und Loriot-verwandter Komik. Viel mehr als die Wuppertaler wird man aus dem Stück wohl nicht herausholen können. Denn sie machen das allesamt recht gut: Gerd Mayen als väterlich sich gebender Märchenerzähler und Lügenbold Marx, mit gelegentlichen Vulgär-Ausbrüchen; Rena Liebenow als praktisch-lebenskluge Ehefrau, aber auch Nervensäge, die sein Theoriegebäude im Nu zerbröseln läßt; Franz Trager als nicht nur vom Rationalismus trunkener Engels und schließlich Andrea Witt als das Liebesgespenst Leni.




Das Prinzip Hoffnung prägt die Kulturpolitik – Dezernenten von 25 Kommunen tagten

Von Bernd Berke

Krefeld. Seitdem das Land Nordrhein-Westfalen an der Kultur spart, rücken die Städte enger zusammen. Immer öfter wird bei Veranstaltungen kooperiert, was die Finanzen schont. Schaltstelle ist das Wuppertaler Sekretariat für gemeinsame Kulturarbeit. Doch auch dort wird jetzt der Rotstift angesetzt.

Gestern versammelten sich die Kulturdezernenten aller 25 Mitgliedsstädte des Sekretariats in der idyllischen Krefelder Villa „Haus Greiffenhorst“. Was sie zu bereden hatten, war weniger behaglich. Der Vorsitzende dieses Kreises, Dortmunds Kulturdezernent Dr. Gerhard Langemeyer, sagte, den Kernbestand an gemeinsamen Veranstaltungen wolle man retten, doch man werde „fundamental nachdenken“ und Opfer bringen müssen. Sprich: Nicht alle Festivals und Austauschprogramme des Sekretariats sind gesichert.

Langemeyer erinnerte an die Alarm-Parole der letzten Städtetags-Konferenz: „Städte in Not“. Beispiel Dortmund: 10 Prozent weniger Landeszuschüsse für die Kultur schon in diesem Jahr, das bedeute ein Minus von 400 000 Mark. Man werde vor allem bei Gastspielen kürzer treten müssen. Im nächsten Jahr werde alles wohl noch schlimmer kommen.

Sekretariats-Leiter Dr. Dietmar N. Schmidt meinte, die Kulturdezernenten hätten zwar nicht durchweg „in Molltönen geredet“. Doch als er ein bereits gedrucktes Programm-Faltblatt gemeinsamer Aktivitäten der Städte vorstellte, tat er’s nicht ohne Vorbehalte: „Ich gehe davon aus, daß es stattfindet“, hieß die vorsichtige Standardformel bei nahezu allen Tanz-, Musik- und Theater-Festivals.

Ganz exakt konnte Schmidt den Geldschwund seines Sekretariats zwar nicht beziffern. Doch es dürfte sich um eine runde Million DM handeln – bei etwa 15 Millionen Gesamtvolumen, in denen allerdings auch schon private Sponsorenmittel enthalten sind. Schmidt findet die Kürzung der Landesmittel „schizophren“, da die Städte doch gerade durch jene Zusammenarbeit sparen könnten, die nun geringer gefördert werde. Man sei, so Schmidt etwas geknickt, „kalt erwischt worden“.

Krefelds Kulturdezernent Roland Schneider beschwor unterdessen die solidarische Schicksalsgemeinschaft der Kommunen. Konkurrenz zwischen den Städten dürfe in diesen schweren Zeiten nicht mehr im Vordergrund stehen.




Ein Kerl, zerklüftet wie eine Fjordküste – Frank-Patrick Steckels strenge Inszenierung von Ibsens Rarität „Brand“ in Bochum

Von Bernd Berke

Bochum. „Alles oder nichts!“ Unerbittlicher Leitsatz von Henrik Ibsens Dramenheld „Brand“. Halbheiten duldet er nicht. Lauheiten verzeiht er nicht. Ein strenger Patron. Hausherr Frank-Patrick Steckel hat ihn auf die Bochumer Bühne gestellt. War auch er wieder streng mit dem Publikum?

Steckel stemmt erneut einen dramatischen Monolithen. Eine einzige deutsche Inszenierung (1974 in Heidelberg) hat das 1865 von Ibsen in Italien verfaßte „dramatische Gedicht“ in den letzten vierzig Jahren erlebt. Ibsen wollte von Süden aus den Norwegern die Leviten lesen. Und auch Steckel nimmt die Zuschauer in die Zucht, man amüsiert sich bei ihm nicht zu Tode. Weit über vier Stunden hat man auszuharren. Der Brocken steht erratisch in der Landschaft. Das ist eine Qual, aber auch eine widerständige Qualität.

Dieser Pfarrer und seltsame Prediger ist jedem Kompromiß abhold. Er opfert sie samt und sonders hin, die nicht ihren ganzen Besitz und notfalls ihr Leben für seine hochfahrende Gottmenschen-Idee hingeben wollen: seinen Jugendfreund Ejnar, seine Mutter, sein Kind, seine Frau, seine Kirche.

Derlei fürchterliche Unbeirrbarkeit steigert zwar das Drama, läßt aber keine Entwicklung zu. Die Musik (Elena Chernin), schier unaufhörlicher Sirenensang, deutet es an: Es geht immer in eine Richtung – von Anfang an schnurstracks auf vermeintliche Gipfel der Utopie, in Wahrheit aber auf den Abgrund zu. Da kichert der Troll. Ibsen selbst hat dramatische Knoten später ungleich wirksamer geschürzt.

Vier Darsteller verkörpern die Titelfigur

Die Übermenschen-Last wird in Bochum auf vier Schultern verteilt. Nacheinander spielen Stephan Ullrich, Ulrich Wiggers, Jochen Tovote und Oliver Nägele den stets pechschwarz gekleideten Brand. Die Abfolge hat weniger mit dem Alterungsprozeß als damit zu tun, daß die Figur zerklüftet ist wie eine Fjordküste. An den Schnittstellen, beim Darstellerwechsel, tritt Brand gleichsam neben sich selbst. Ein undeutlicher, charakterlich schillernder Kerl, seiner Willensmacht zum Trotz.

Die Inszenierung schält splittrige Widersprüche heraus: Mal ist Brand ein eisig-einsamer Gottsucher, dann ein von allen guten Geistern verlassener Sekten-Guru. Da verdammt er mannhaft den landläufigen Durchschnitt; doch schnell erschrickt man darüber, in welch totalitäres Gebaren diese Überhebung führt. Gegen Schluß kehrt Brand gar den Sozialrevolutionär hervor.

„Als ob’s das Reich der Freiheit wär’…“

Gespielt wird die Übersetzung von Christian Morgenstern. Mit seinen Reimen haben die Darsteller zu kämpfen. Zuweilen wirkt diese Sprache heute komisch, sie klappert und knittelt vor sich hin. Man hätte eine Menge streichen können. Etliches wiederholt sich, nur leicht variiert. Freilich gibt es auch Stellen, an denen man aufhorcht: „Als ob’s das Reich der Freiheit wär‘ / Lief das Volk des Herrn in Horden / Der Wohlstandslüge hinterher.“ Hat da gerade jemand „Ostdeutschland“ gesagt?

Doch gottlob haben die Bochumer das Stück nicht mit Gewalt in die Gegenwart gezerrt. Sie behandeln es sorgsam, als legten sie eine Fundstätte frei. Zudem dürfen wir uns an einem grandiosen Bühnenbild (Andrea Schmidt-Futterer) sattsehen, einer ins Un- endliche weisenden Eiswüste, dann und wann verdüstert und verengt. Und nicht zuletzt: Die Darsteller, nehmt alles nur in allem, sind auf der Höhe. Neben dem Brand-Quartett besonders zu nennen: Martina Krauel als Brands somnambule Frau Agnes.

Brand hätte das Ganze nicht gefallen, denn es ist halt weder alles noch nichts. Aber es ist durchaus etwas!




Die Lust am Weibe und die Angst dabei – „Picassos letzte Bilder“ in der Kunsthalle Bielefeld

Von Bernd Berke

Bielefeld. Der Mann war 1966 immerhin schon 85 Jahre alt und hatte eine schwere Operation hinter sich. Doch kaum war er halbwegs genesen, ergriff auch schon wieder seine alte Passion von ihm Besitz: die Lust am Weibe, vermischt mit allerlei Angst. Und natürlich die unbändige, unerschöpfliche Lust an der Kunst. Der Mann hieß Pablo Picasso.

„Picassos letzte Bilder“ aus den Jahren 1966 bis 1972 präsentiert jetzt die Bielefelder Kunsthalle. Das Institut kann an eine spezielle Tradition anknüpfen. In den letzten Jahren zeigte man die Ausstellungen „Picassos Todesthemen“, „Picassos Klassizismus“ und „Picassos Surrealismus“. Doch von Übersättigung kann keine Rede sein. In diesem Werk lassen sich eben immer wieder neue Aspekte freilegen.

Nun also das bildnerische Finale eines reichen Lebens. Und es ist groß und vital wie je zuvor. Treibende Themen: ewige Lockung und tiefe Kluft zwischen den Geschlechtern. Selbst „Der Kuß“ (1969) bewirkt eine .schreckliche Verformung der Gesichter, er ist ein gewaltsamer Akt. Und sogar die „Blumenvase auf einem Tisch“ (1969) ist nicht so harmlos. Auch dieses Bild handelt von geschlechtlicher Wirrnis, wenn auch im botanischen Gewande.

Andere Arbeiten sind dafür deutlich, bewegen sich im Grenzgelände der Pornographie. Keineswegs nur zu zweit gesellt man sich da. Picassos letzte Gefährtin soll schamhaft einige Blätter vernichtet haben. Wie eine Wunde klafft vielfach das Geschlecht der Frau, zum bedrohlichen Verschlingen bereit. Oft ärmlich hingegen das männliche Pendant. Um eine Formulierung von Hans Magnus Enzensberger zu verwenden: „Eine Hutzel zwischen den Beinen.“

Keine „Waffengleichheit“ der Geschlechter

Hier herrscht offenbar rundweg keine „Waffengleichheit“ zwischen den Geschlechtern. Ob als erotische Gespielin oder als Mutter – die Frau scheint stets übermächtig. Welch eine Verrenkung des Mannes beim „Ständchen“ (1967) für das begehrte Mädchen. Scheint ganz so, als mache er sich zum Narren, um ihre Gunst zu erringen. Und manchmal gerät dann der vermeintliche Herr der Schöpfung in Harnisch: Der „Mann mit Helm und Schwert“ hat sich gewappnet – gegen die Versuchung?

Die Körperlichkeit gibt sich angriffslustig. Die Leiber sind nach vorn, zum Betrachter hin gekippt und gleichsam aufgeklappt wie offene Bücher. Wovor also fürchten sich jene Porträt-Gesichter mit den weit aufgerissenen Augen? Haben sie Angst vor dem offenen Schlund, in dem sich auch der Tod verbergen könnte?

Vielfältig die Farbpalette: erstaunlich das aggressive Fleisch- und Flammen-Rot. Anderes wird ins Schwärzeste getaucht. Wechselbäder. Heftige Stimmungsumschwünge. Auch im Alter hat Picasso davor keine Ruhe. Nicht auszumalen, wenn er die Kunst nicht hätte! Doch so wird aus der sexuellen Bedrängnis ein Kraftquell, der lebendig hält.

Die Bielefelder Auswahl umfaßt rund 40 Gemälde, 20 Zeichnungen und einige Lithographien. Nicht mit Masse, sondern mit erlesener Qualität wolle man prunken, so Kunsthallen-Direktor Ulrich Weisner. Das etwa 1,7 Mio. DM teure Unternehmen sei eine finanzielle „Zitterpartie“. Fast entschuldigend fügt Weisner an, selbst in Zeiten wie diesen müsse man wohl solche kostspieligen Ausstellungen wagen. Wohin sind wir geraten, daß man für Picasso um Verzeihung bitten muß, als handele es sich um ungebührlichen Luxus?

„Picassos letzte Bilder“. Kunsthalle Bielefeld. Artur-Ladebeck.-Str. 5 – 0521/51 24 79). Bis 30. Januar 1994. Tägl. außer Mo 11-18, Do 11.21 Uhr, Sa 10-18 Uhr. Katalog 59 DM. Eintritt 10 DM, ermäßigt 5 DM, freitags freier Eintritt.




Wenn Leselust sich mit der Lust am Bild vereint – Niederländische Malerei des Goldenen Zeitalters in der Frankfurter Schirn

Von Bernd Berke

Frankfurt. Die vier biblischen Evangelisten als „Literarisches Quartett“: Auf Jan van Bijlerts Gemälde beugen sie sich gemeinsam über ein Buch. Der Text bringt sie buchstäblich in Bewegung. Ihre Mienen sind gespannt. Das Geschriebene scheint eine lebhafte Debatte auszulösen. Ist das die vielbeschworene Leselust?

Ganz anders „Der Einsiedler“ des Adriaen van Ostade. Still in sich versunken sitzt der Greis da mit seinem Buch. Ein schwacher Schein aus dem Nirgendwo schimmert um sein Haupt – ein Geisteslicht in der Einsamkeit.

Bilder von Lesenden, entstanden im Goldenen Zeitalter der niederländischen Malkunst, versammelt jetzt eine herausragende Frankfurter Ausstellung mit dem nicht ganz zutreffenden Titel „Leselust“. Der Titel führt schon deshalb ein wenig in die Irre, weil eine ganze Abteilung den Vanitas-Darstellungen gewidmet ist, also der Vergänglichkeit des irdischen Lebens. Grundinventar auf diesen Bildern: ein Buch, ein Schädel. Beim Totenkopf ist eben auch die Leselust ans Ende gelangt.

Mal Gemeinschaft, mal Abgeschiedenheit

Die Schau zeigt, wie vielfältig Bücher (und Briefe) als sprechende Requisiten in der Malerei des 17. Jahrhunderts eingesetzt wurden. Einige Lehrmeister-Schüler-Szenen betonen den erzieherischen Aspekt, religiöse Bilder den der plötzlichen Erleuchtung. Bei Frans Hals‘ Porträts bekommen Bücher den Charakter von bürgerlichen Emblemen, Innungs-Zeichen, Statussymbolen.

Mal stiften die Bücher Gemeinschaft (wie bei den erwähnten Evangelisten), mal führen sie tief ins Alleinsein und an den Rand der Verschrobenheit (so etwa Quiringh van Brekelenkams „Lesender Eremit“), als sei Lesen ein bizarrer Zeitvertreib für darob halb erblindete alte Männer. Oder aber die wahre Lesewut mündet ins besessene Spezialistentum der Gelehrten. Und oft sorgt das Flackern des zum Lesen benötigten Kerzenlichtes für dramatische Effekte.

In den zahlreichen Szenen von Briefleser(inne)n geht es zumeist, wenn auch vorwiegend diskret dargeboten, um erotische Inhalte. Das Glühen der Wangen bei der Lektüre verrät es, und auch die sonstige Körpersprache ist beredt. Beim Liebesbrief erreicht wortwörtliche Lese-Lust ihren Gipfel.

Die Kunst der Augentäuschung

Die Ausstellung wartet mit einigen Spitzenstücken auf: „Das briefschreibende Mädchen“ von Vermeer van Delft, jene junge Frau im unnachahmlich sanften Licht und mit dem unvergeßlichen Blick, zählt gewiß dazu. Desgleichen Rembrandts „Alte lesende Frau“, die – von mattem Goldschimmer umglänzt – in ihrer Hinwendung nahezu körperlich eins wird mit ihrem Buch.

Doch man findet auch veritable Überraschungen. Irritierend zumal die Bilder von Cornelius Biltius, der vielfach „nur“ eine Art Pinnwand mit Briefen, Zetteln und anderen Klein-Utensilien zeigt. Diese Kunst der Augentäuschung mutet ebenso modern an wie Jan van der Heydens „Zimmerecke mit Raritäten“, deren Zusammenstellung schon eine fast postmoderne Kombinatorik zu verraten scheint.

Vollends verblüffend: Cornelius Norbertus Gijsbrcchts hat um 1670 (!) mit aufs Motiv zurechtgeschnittenen Bildformaten („Zwei Wandtaschen“) gearbeitet. So etwas galt dann fast dreihundert Jahre später (unter dem Begriff „shaped canvas“) als letzter Schrei…

„Leselust“. Niederländische Malerei des Goldenen Zeitalters. Schirn-Kunsthalle, Frankfurt (direkt am Römerberg). Bis 2. Januar 1994. Mo 14-18, Di-Fr 10-22, Sa/So 10-19 Uhr. Eintritt: Wochentags 9, Sonntags 6 DM. Katalog 49 DM.




In der kleinen Messekoje spürt „Grafit“ den Trend zum Krimi – Verlag aus Dortmund-Hörde auf dem Frankfurter Büchermarkt

Von Bernd Berke

Wie ist das eigentlich – als Kleinverlag unter 8403 Ausstellern der Frankfurter Buchmesse um Aufmerksamkeit zu buhlen? Nun, unter Umständen gar nicht so schlimm.

Rutger Booß, Gründer und Eigner des Grafit-Verlages in Dortmund-Hörde, der sich vor allem auf Revier-Krimis und Hotelführer spezialisiert hat, ist mit dem Messeverlauf zufrieden. Zwar sagt er: „Eine Teilnähme ist so kostspielig, daß sie sich für uns kaum rechnet.“ Doch die Kontakte, die hier geknüpft werden können, sind im Grunde nicht bezahlbar. Allein in der Zeit, als die WR den Stand besuchte, wurden gleich mehrere Projekte angeregt, darunter eine Krimi-Nacht der VHS in Bottrop mit Beteiligung von Grafit-Autoren.

Seit etwa dreieinhalb Jahren gibt es den Verlag. Inzwischen kann Booß samt zwei Mitarbeitern davon leben. Und es stellen sich auch größere Erfolge ein. So hat der Deutsche Taschenbuchverlag (dtv) mehrfach wegen Lizenzen angeklopft, und kürzlich hat Grafit dem ZDF die Verfilmungsrechte an einem Münsterland-Krimi verkaufen können. Allmählich, so scheint es, weiß man auch außerhalb des Ruhrgebiets mit dem Namen Grafit etwas anfangen. Doch nach wie vor verkaufen die Dortmunder den Löwenanteil des Programms rund um Ruhr und Emscher.

Mit der Lage seines Messestandes ist Booß nicht so glücklich. Man ist mit der kleinen Koje zwischen lauter anderen Kleinverlagen gelandet. Durch diese Zeile fließen nicht gerade die großen Publikumsströme. Doch das, so Booß, werde durch einen noch verstärkten Trend zum deutschsprachigen Krimi mehr als wettgemacht: „Diese Sparte läuft spürbar besser als 1992.“ Unterdessen hat man auch die neuesten Zeitzeichen erkannt und ist zusätzlich in der Messehalle 1 vertreten – bei den elektronischen Büchern; freilich nur als Anbieter von Urheberrechten. Grafit sucht nämlich einen Partner, der die Daten seiner Hotelführer auf CDs überspielt.




Moderne Zeiten: Das Lesen wird zum Videospiel – Impressionen auf der Frankfurter Buchmesse

Von Bernd Berke

Frankfurt. Ein kleiner Blick ins Lexikon gefällig? Schauen Wir mal unter „V“ wie Vulkan nach. Da steht jede Menge. Welcher Berg wann Lava ausgespien hat usw. Aber das wollen wir jetzt auch vorgeführt bekommen.

Kein Problem. Wir rollen die kleine Computer-Maus so hin und her, daß ein Bildschirm-Pfeil auf das entsprechende Symbol zeigt, machen einmal kurz „Klick“ mit der Taste – und schon sehen wir den tätigen Ätna oder Vesuv. Natürlich unterlegt mit dem entsprechenden Katastrophen-Sound.

So sieht die elektronische Zukunft des Buches ungefähr aus, und sie hat schon begonnen. Demnächst auch bei Ihrem Buchhändler: Auf Disketten oder CDs (CD-Rom) gebannte, nach Belieben multimedial mixbare Informationen (Texte, Bilder, Töne) machen dasLesen zum Grenzfall zwischen Lektüre und Videospiel.

Auf der Frankfurter Buchmesse füllen die 170 Anbieter zwar noch keine komplette Halle, aber immerhin eine weitläufige Etage, die eher an die Computermesse CeBit erinnert. Hier tummeln sich viele Kinder und Jugendliche, die all die schönen neuen Sachen unbefangen ausprobieren.

Mitten im Gewühl liegt ein Forum, in dem Seminare für Buchhändler und Verlagsleute abgehalten werden. Just hier schickt sich eine Yuppie-Fraktion des Buchhandels an, den Kollegen das elektronische Spielzeug schmackhaft zu machen. Die smarten Dozenten reden schnittig von „nice to have“-Produkten (Sachen, die man ganz gern mal hätte), von „Infotainment“ und „Edutainment“ (unterhaltsame Information bzw. Lernen).

Keine Lust zum Buchstabieren

Süffisant werden Techniken des Kundenfangs erläutert: „Wo man die Abspielgeräte kauft, da kauft man auch die Software.“ Diesen Markt dürfe man keinesfalls an Kaufhäuser und Computerhändler verlieren. Man könne zur Einstimmung ja schon mal Software-Abende im Buchgeschäft veranstalten: „Die Kunden zahlen sogar Eintritt dafür.“

Der Buchhandel, so predigen die Zukunftsjünger, solle sich jedenfalls endlich damit abfinden, daß die meisten Leute keine rechte Lust mehr zum altbackenen Lesen haben. Der Kunde wolle spielen, er brauche Animation. Und sie führen auch gleich vor, was sie meinen – selbstverständlich mit einem Elektro-Buch zum Modethema Dinosaurier. „Jetzt laden wir uns einen Brontosaurus“, heißt so was im Computerdeutsch. Und sogleich sieht man das liebe Tierchen, kann man ausgewählte Details „anklicken“. Auch Trickfilme stecken im Programm. Man erlebt z. B., wie ein herzzerreißend brüllender Dino bei der Jagd erlegt wird. Action zählt.

Überhaupt muß man befürchten, daß die neue Technik teilweise beherzt mit trivialen Inhalten gefüttert wird. Sicher, da gibt es sehr nützliche Dinge wie alle möglichen Lexika und Wörterbücher, gefahrlose Chemie-Experimente auf dem Bildschirm, umfangreiche Fußball-Statistiken zum beliebigen Umsortieren, elektronische Kochbücher (in denen man das fertige Menü schon betrachten kann, Karten und Reiseführer in nie gekannter optischer Ausführlichkeit.

Vereinzelt findet man auch schöne Literatur: Shakespeares Gesamtwerk paßt auf eine einzige CD. Don Quixote kommt, Tod der lesenden Phantasie, mit Text und Animation daher. Dabei ist es doch wichtig, sich nur vorzustellen, wie er mit dem Windmühlenflügeln kämpft. Aber solche Reisen durch den eigenen Kopf werden einem hier nicht gestattet. Kulturpessimisten befürchten bereits, demnächst müsse man Goethes „Werther“ beim Selbstmord zugucken…

Etwas, mulmig wird einem schon bei den Kinder-Bildschirmbüchern. Mit sogenannten „interaktiven“ Ausgaben (CD-I) können die Kids gar eine Geschichte nach Gutdünken unterbrechen und nach Wunsch immer wieder anders ablaufen lassen. Haben da die Eltern mit ihren Gutenacht-Geschichten überhaupt noch eine Chance?




Baukasten des Alltags – Allan Wexler in Hagen

Von Bernd Berke

Hagen. Hier steht ein Plastikbecher, dort liegen hunderte von Zahnstochern. Und nun kommt einer auf diese Idee: Wie bastele ich aus den Hölzchen Halterungen für das unscheinbare Trinkgefäß?

Abenteuerlich komplizierte und komische Konstruktionen kommen dabei heraus, wenn sich der Amerikaner Allan Wexler der Aufgabe annimmt – bis hin zum abstrusen Türmchen, in dessen Zinnen majestätisch der Becher ruht.

Die Sache hat ihren Witz, aber beileibe nicht nur das. Wexler, ein Grenzgänger zwischen Architektur, Design und freier Kunst, macht mit seinen Phantasie-Bauten Alltagsdinge fremd und damit auf kuriose Art bewußt. Seine Hagener Ausstellung ist eine bemerkenswerte Deutschland-Premiere.

Zwar hat der Mann Architektur studiert, aber praktisch nie ein Haus entworfen, das dann auch gebaut wurde. Ein Hauptgrund, so sagt er, war die Protest-Stimmung zur Zeit des Vietnamkrieges. Ihm und seinen Freunden sei es damals eben nicht um Auf bau gegangen, sondern um neue Denk-Konzepte, mithin um „Abriß“ des Herkömmlichen.

Also nimmt er, bis heute, die Dinge lieber mit Lust auseinander. Beispielsweise eine Kaffeemaschine, die er säuberlich in alle Einzelteile zerlegt hat und in einer Art Baukasten präsentiert – mitsamt der fotografischen Anleitung, wie man den Apparat in 51 Arbeitsschritten wieder zusammenfügen kann. Seine kleinen hölzernen Modelle von Häusern oder Badezimmern wären auch in Baugröße schwerlich bewohnbar, sie gehören ins Reich der Freiheit. Da ist mal das Innere nach außen gestülpt, da wuchern winzig witzige Details, da finden sich an allen Ecken und Enden kleine Überraschungen. Das weckt Entdeckerfreude beim Betrachter, und auch der Künstler scheint seinen Spaß gehabt zu haben.

Ersparen wir uns das Schwerdenkertum über Dekonstruktion und Postmoderne – Richtungen, mit denen Wexler spielerisch umgeht – und schauen wir uns lieber noch seinen Eßtisch an. Der steht auf einer schiefen Ebene, alle Tassen und Teller würden rutschen oder umkippen, hätte nicht Wexler mit lauter untergeschobenen Keilen und mit Hilfe von Wasserwaagen das Ganze wieder notdürftig ins Lot gebracht. Welch eine brüchige, fragile „Normalität“!

Allan Wexler. Osthaus-Museum, Hagen (Hochstraße 73). 2. Okt. bis 21. Nov. Di, Mi, Fr und Sa/So 11-18, Do 11-20 Uhr. Katalog 30 DM.




In der Bundesliga des Theaters spielt das Ruhrgebiet nicht mit

Von Bernd Berke

Allherbstlich wird sie mit Spannung erwartet: die Jahresumfrage des Magazins „Theater heute“. Welche Sprechbühnen gehören in die „Bundesliga“, wer steigt ab, wer steigt auf? Geht es nach dem Urteil der befragten 40 Kritiker, so war es in der letzten Saison um die Theater des Ruhrgebiets so schlecht bestellt wie lange nicht mehr.

Zwar verteilt man bei „Theater heute“ noch keine symbolischen Masken wie Kochlöffel, doch man ist der Hitlisten-Manie immerhin so weit verfallen, daß man arglos „Die Sieger“ ausruft. Bester Schauspieler: Jürgen Holtz (keineswegs nur als „Motzki“); beste Schauspielerin: Kirsten Dene (an Peymanns Burgtheater); bester Regisseur: Luc Bondy. Frank Castorfs Berliner Volksbühne steht als „Theater des Jahres“ auf Platz eins. In dieser Rubrik (Gesamtleitung einer Bühne) mochte nur noch ein Unverdrossener überhaupt ein Revier-Theater nennen – ein einsames Stimmchen erhebt sich für Roberto Ciullis Mülheimer Theater an der Ruhr. Das war’s dann auch schon.

Ansonsten taucht die Region nur mit ganz wenigen Einzelleistungen auf. In der Sparte „Beste Inszenierungen“ wird, als revierweit einzige, immerhin viermal Jürgen Goschs Bochumer Handke-Einrichtung „Die Stunde da wir nichts voneinander wußten“ nominiert. Die Tat eines Gastregisseurs also, während man z.B. den Namen des Bochumer Noch-Schauspielchefs Frank-Patrick Steckel vergeblich sucht. In Sachen Bühnenbild/Kostüme werden immerhin Andrea Schmidt-Futterer, Dieter Hacker und Kazuko Watanabe für Bochumer Produktionen erwähnt.

Noch finsterer sieht es offenbar bei den Schauspielern aus. Nur ein Name aus dem gesamten Ruhrgebiet taucht überhaupt auf, und auch das nur einmal: Matthias Kniesbeck (als „Othello“ in Oberhausen).

Gnädigerweise hat man das Revier wenigstens in der Spalte „Beste/r Nachwuchskünstler/in“ nicht ganz vergessen. Und hier ist denn auch, neben der Bochumer Schauspielerin Judith Rosmair, endlich und erstmals Dortmund vertreten, freilich durch die Regisseurin Amelie Niermeyer (für ihre „Lysistrata“), die man leider längst nach München hat ziehen lassen.

Tja, warum ist Frau Niermeyer wohl an die Isar gegangen? Wohl auch, weil sie dort überregional eher wahrgenommen wird als in Dortmund. Denn die Nichtberücksichtigung im Jahrbuch von „Theater heute“ hat nicht immer mit Mangel an Qualität zu tun, sondern vielfach damit, daß die 40 Kunstrichter die Abstecher gescheut haben. Sprich: Was sie nicht kennen, können sie auch nicht nennen. Was bleibt? Immerhin zwei Zukunftshoffnungen: die kommende Ära Leander Haußmann in Bochum und Jürgen Bosse in Essen.




Neues Gustav-Lübcke-Museum mit Luft und Licht für die Kunst – Zur Eröffnung in Hamm: Schau über ägyptischen Totenkult

Von Bernd Berke

Hamm. Mit einer weit ausladenden und doch sanften Schwingung, fast wie ein riesiger Konzertflügel, ragt der Bau in die sonst recht gesichtslose City. Welch ein Gewinn für eine Mittelstadt wie Hamm! Um ihr neues Gustav-Lübcke-Museum nach Entwürfen der dänischen Architekten Bo und Wohlert dürften die Westfalen überall beneidet werden. Der Neid wird wohl vorhalten, denn dies dürfte für lange Zeit der letzte große Museumsneubau in der Region bleiben.

36 Millionen DM hat das Haus gekostet. Um die Pläne, die bis ins Jahr 1981 zurückdatieren, wurde zäh gerungen. Die „Kulturfraktion“ aller Parteien hat den städtischen Finanzexperten sogar noch Luxus abgetrotzt. So durfte man zur Außenverkleidung Marmor statt Sandstein nehmen.

Das Kunst-Domizil ist deutlich lichter und luftiger geworden als das zehn Jahre alte Museum Bochum, das von denselben Architekten stammt. Gewisse Elemente finden sich zwar auch in Hamm wieder: die lange Rampe etwa, über die man in die obere Etage flanieren kann. Doch was in Bochum ein wenig beengt wirkt, ist hier zum allseits offenen Haus geraten. Nirgendwo stößt man auf verwinkelte Ecken, nirgendwo auf verschlossene Türen. Und im zweiten Stock mit seinen neuartig konstruierten Oberlichtern wird die Tageshelle staunenswert kunstfreundlich gefiltert.

„Durchbruch für diese Stadt“

Prof. Jürgen Gramke vom Sponsorenzirkel „Initiativkreis Ruhrgebiet“ legte denn auch nationale Maßstäbe an. um das Werk als „Durchbrach für diese Stadt“ zu preisen. Der Initiativkreis hat folglich in seine Schatullen gegriffen und die Eröffnungs-Ausstellung mitfinanziert. Was wenige wissen: Hamm verfügt über die größte ägyptologische Sammlung von NRW. Um diese Bestände gruppiert sich die Premierenschau – vor allem mit Leihgaben aus dem Roemer- und Pelizaeus-Museum zu Hildesheim.

„Ägypten – Geheimnis der Grabkammern“ versammelt etwa 300 Exponate aus 3000 Jahren Totenkult. Da die alten Ägypter fest an ein Fortleben im Jenseits glaubten, handelt es sich vor allem um Grabbeigaben, die den Verstorbenen eine bekömmliche Existenz über den Tod hinaus sichern sollten. Neben Nahrungsgefäßen für die Todesreise gab es sogar hilfreich-magische Figürchen, die den Sterblichen in jener anderen Weit die lästige Arbeit abnehmen mußten. Ein Höhepunkt der Ausstellung ist die fotomechanisch reproduzierte Grabkammer des Bürgermeisters Sennefer von Theben. Das dreidimensionale Schaustück hat schon einige Tourneen hinter sich.

Keine geringen Folgekosten

Mag die Eröffnungsschau auch sehenswert sein und mag auch die Hammer Sammlung (Schwerpunkte: Informel-Malerei, Stadtgeschichte) nun erstmals richtig zur Geltung kommen, so bleiben doch offene Fragen. Wie sieht es z. B. mit den Folgekosten aus? Eine Stadt wie Frankfurt, die sich in besseren Zeiten reihenweise neue Museen zulegte, verzweifelt heute daran. In Hamm kommen durch das Museum zwei Mio. DM jährliche Kosten auf die Kommune zu.

Oberstadtdirektor Dieter Kraemer ließ durchblicken, daß das Museum durch gewieftes Marketing einen Großteil dieser Lasten selbst ausgleichen soll. Für die Eröffnungsschau kalkuliert Museumsleiterin Ellen Schwinzer mit bis zu 60 000 Besuchern, für künftige Vorhaben im Schnitt mit 30 000. Das zeugt nicht gerade von Pessimismus.

Neues Gustav-Lübcke-Museum. Hamm, Bahnhofstraße 9. Tel. 02381/17 25 24. Eröffnungsschau „Ägypten – Geheimnis der Grabkammern“. 26. September bis 27. Februar 1994 (Eintritt 8 DM, Grundkatalog 28 DM, dreibändig 58 DM).

 




Das Theater muß rigoros abspecken: „Letzte Vorstellung“ von Gerhard Stadelmaier – das passende Buch zur Krise

Von Bernd Berke

Das Berliner Schiller-Theater schließt in wenigen Tagen. weitere Häuser stehen gewiß „auf der Kippe“. Was tun? Wann, wenn nicht jetzt: Nachdenken über unsere Theater-Landschaft, und zwar ohne Tabus. Daß derlei gründliche Revision in Zeiten der finanziellen Nöte noch unterhaltsam sein kann, beweist Gerhard Stadelmaier mit seinem Buch „Letzte Vorstellung“.

Stadelmaier ist Theaterkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). In ihre Diensten hat er so viele Vorstellungen erlebt, daß sein Urteil nicht so sehr aus Anmaßung, sondern aus Anschauung hervorgeht. Und man ist nicht ganz abgeneigt, ihm zu glauben, wenn er behauptet: Deutsches Theater, das ist furchtbar oft eine un-sinnliche, weil kopf- und apparatelastige Veranstaltung.

Blecheimer auf schräggestellter Bühne

Fast möchte man meinen, Stadelmaier habe im Laufe der Jahre einen Haß aufs Theater entwickelt, so fulminant zieht er über seine Macher her, durchleuchtet er seine diversen Köpfe: beispielsweise die mittlerweile etwas angegraute Crew der stilprägenden Regisseure („Machtköpfe“), die denkwütigen Dramaturgen („Schwellköpfe“), die vom Regietheater gebeutelten Schauspieler („Geisterköpfe“), die aus dem Theater verbannten Gegenwartsautoren („Papierköpfe“) – und jene grandiosen Geldverpulverer namens Bühnenbildner, bei denen es immer noch ein bißchen Goldauflage mehr sein darf und die doch als Hauptrequisit in den letzten Jahren nicht viel mehr ersonnen hätten als jenen notorischen Blecheimer auf schräggestellter Bühne mit Wassergraben…

Der landläufige Abonnent, der eine Art neurotische Ehe mit „seinem“ Theater führe, kommt gleichfalls zur Sprache. Stadelmaier schont jedoch auch das eigene Metier nicht. Der Kritiker, so Stadelmaier, sei jenes seltsam ratlose Wesen mit dem Leuchtkugelschreiber, das im Theater aus Prinzip niemals lacht. Ein Typus sehe so aus: „Er sitzt, meist schon ein älterer Herr, oft mit grauem Bart, in Reihe vier auf Platz achtzig und notiert Adjektive, die in seinen Kritiken in Klammern nach einem Doppelpunkt wieder auftauchen.“ Etwa so: „(Renate-Yolinde Müller-Frauenschuh: ein reizendes Kammerkätzchen)“.

Gewerkschaften aus dem Hause jagen

Und noch nicht genug der Schelte. Stadelmaier treibt sich auch in deutschen Foyers herum. Er findet dort (im Gegensatz zu anderen Ländern) ebenso fade wie maßlos überteuerte Pausen-Büffets; dazu langweilige Büchertische und gähnende Garderobe-Frauen, die jedoch draußen vor der Saaltür selten etwas Nennenswertes versäumen. Wohin man auch blickt: Genuß vergällt!

Die ganze Misere, so befindet Stadelmaier, hänge letztlich mit dem „Wasserkopf“ (sprich: Verwaltung und Technik) zusammen. Er plädiert zwar gegen besinnungslose Bühnen-Privatisierung, aber für den rigorosen Abbau aller Dinge und Verhältnisse, die nicht unmittelbar mit dem Spiel zu tun haben: „Das ganze Theatersystem müßte mit leichterem Gepäck marschieren.“ Und weiter: Weg vom teuren Gemischtwarenladen eines lustlos ständig präsent gehaltenen Repertoires, hin zum durchgängigen Spiel weniger, dafür sorgfältig einstudierter Produktionen.

Sein letztes Rezept wird bestimmt nicht jedermann gefallen und mag auch mit Stadelmaiers großbürgerlich orientierter Zeitung zusammenhängen. Es müsse der heimliche Traum aller Theaterleute erfüllt werden: „die Gewerkschaften aus dem Theater zu schmeißen“. Die komplizierten Tarif-Regelungen erstickten jede Phantasie, weil es z.B. „dem Regieassistenten verboten ist, als Stuhlabräumer einzuspringen, auch wenn das dem Fortgang der Probe nützlich wäre, man aber so lange warten muß, bis der zuständige Bühnenarbeiter seinen Pausenzeit beendet hat.“

Sicher, dieser Autor ist polemisch. Für eine witzige Formulierung biegt er notfalls die Wahrheit auch schon mal etwas zurecht. Doch das ist als Denkanstoß legitim, spricht er doch vom Theater wie ein Liebhaber – wenn auch ein enttäuschter, etliche Male um sein Vergnügen betrogener. Und so einer darf gelegentlich zürnen. Zumal, wenn der Schimpf die Szene so schlagartîg erhellt.

Gerhard Stadelmaier: „Letzte Vorstellung“. Eichborn Verlag, Frankfurt/Main (Reihe „Die andere Bibliothek“). 299 Seiten, 44DM.




Nostalgie und brauner Zucker – Musical-Gastspiel in Recklinghausen

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Der Broadway verläuft mitten durchs Ruhrgebiet: Zumindest am vergangenen Wochenende schien es so: „Cabaret“ in Dortmund, „Bubbling Brown Sugar“ in Recklinghausen – und in Bochum dampft unverdrossen der „Starlight Express“. Musicals allerorten in Ruhr Town.

Im Recklinghäuser Festspielhaus erlebte man zwar „nur“ das dreitägige Gastspiel im Zuge einer Europa-Tournee, dafür aber ein extrafeines. Der „Brodelnde braune Zucker“ ward in den Niederlanden angerührt und zur furiosen Mélange aufgekocht. Keine Original-Broadway-Produktion also, aber besetzt mit vielen Darstellern von der New Yorker Amüsiermeile.

„Bubbling Brown Sugar“ unternimmt eine Reise in die große Zeit des schwarzen Viertels Harlem. Die nur notdürftig mit Handlungsfädchen verknüpfte Nummernrevue führt vor allem durch die tosenden Nightclubs der 20er und 30er Jahre. Ausgiebig läßt sie Jazz- und Bluesklassiker aus dieser Ära wiederaufleben. Duke Ellington ist sozusagen der Schutzheilige.

Nostalgie ist natürlich mit im Spiel. Einige ältere Leute, die jene goldene Epoche noch miterlebt haben, sind die leicht wehmütig gestimmten Animateure auf der Fahrt ins schwarze Lebensgefühl, das sich hier zumal in unbändiger Freude an swingenden Rhythmen äußert. Derlei Freude steckt an, gerade weil sie sich ein wenig naiv gibt.

Regisseur und Choreograph Billy Wilson inszeniert ohne überflüssigen Aufwand. Eine einfache Showtreppe und geschickte Lichtführung reichen aus, um Sänger und Tänzer zur Geltung kommen zu lassen.

Die 17köpfige Company erweist sich als eine Art „Dream Team“ nach Art von US-Basketballern: Jedes Zuspiel kommt an und wird traumhaft sicher verwandelt. Und sei alles noch so hart erarbeitet, man läßt sich nichts anmerken. Keep Smiling: Strahlend lächeln sie noch bei der schwierigsten Ton- oder Schrittfolge. Auch musikalisch (Bandleader: Steve Galloway) erhebt sich die Darbietung über jeden Zweifel. So überzeugt man auch Musical-Muffel.

Als Top-Star des Abends war Kimberly Harris angekündigt. Tatsächlich machte sie ihre Sache als „Young Irene“ prachtvoll. Doch eine andere war eindeutig Liebling des Publikums: Capathia Jenkins als stattliche „Gospel Lady“. Ihr Können und ihr hinreißendes Temperament würde man liebend gern auch bei einem Soloabend bewundern.




Einen Turm bis in die Wolken bauen – Wladimir Tatlin: Der Künstler und die russische Revolution

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Einen Turm bis in die Wolken bauen oder auf einem geflügelten Fahrrad durch die Lüfte segeln – solche übermenschlichen Träume weckte die Sowjet-Revolution bei dem Künstler Wladimir Tatlin (1885-1953). Die Düsseldorfer Kunsthalle zeigt als „Weltpremiere“ (Direktor Jürgen Harten) eine umfangreiche Werkschau des Russen.

Große Überraschung: Tatlin, der doch weithin als Bannerträger der Revolution galt, hat – bis auf eine recht begrenzte Phase – vorwiegend konventionell gearbeitet. In seiner Frühzeit versenkte er sich in Blumen-Stilleben, vertrat dann heftig Positionen der Moderne, wandte sich aber schon nach einigen Jahren wieder Porträts und Landschaften zu. Es war offenbar eine erzwungene Anpassung an die Zeitläufte: Kühne Traum-Konstruktionen waren im erstarrten Sowjet-Reich nicht mehr genehm. Sie hätten die Menschen daran erinnern können, daß das Leben viel Besseres zu bieten hat als aschgrauen kommunistischen Alltag oder gar finsteren Stalinismus.

Im Vor- und Umfeld der Revolution ergießt sich Tatlins Kunst geradezu in die erhoffte Zukunft hinein. Selbst eine Aktdarstellung („Weibliches Modell“, 1913) wird in jener Phase zum Fanal: Der Frauenleib schraubt sich dynamisch und selbstgewiß in den Raum – körperliche Vorform jenes Turms zu Ehren der „III. Internationale“, der Tatlin berühmt gemacht hat.

Optimismus oder Anmaßung?

Das schneckenförmige, himmelstürmende Gebilde, in Düsseldorf als Rekonstruktion zu sehen, sollte zum Ruhme des Sozialismus 400 Meter in die Höhe ragen, ist aber nie gebaut worden. Es wäre vielleicht eine Art zweiter Turm zu Babel geworden, Zeichen eines grandiosen Optimismus, der in Anmaßung umschlagen kann.

Bewegliche Teile im Turm sollten sich nach bestimmten Zeitmaßen drehen – wie bei einer gigantischen Uhr, die dem Menschengeschlecht anzeigte, daß die Stunde der Befreiung vom Kapitalismus geschlagen hatte. Eine Kunst, geboren auch aus dem Geiste der Physik, gedacht für ein „wissenschaftliches Zeitalter“. Von Ideologie einmal abgesehen, kann man sich der formalen Faszination auch heute nur schwer entziehen.

Ähnlich bemerkenswert auch das Luftfahrrad, das Tatlin nach sich selbst benannte („Letatlin“) und mit Gebrauchsanweisungen versah. Auch diese Erfindung zeugt davon, daß der „neue Mensch“ über die Wolken hinaus zu den Sternen strebt. Wie war das noch mit Dädalus und Ikarus: Gab es da nicht einige Pannen? Turm und Fahrrad bilden das optische Zentrum, jedoch nicht das Schwergewicht der Schau. Die zahlreichen Bühnenbild-Entwürfe belegen, daß Tatlin über enorme szenische Vorstellungskraft verfügte.

Typisierungen fürs Theater

Seine gezeichneten Figurinen, Anschauungsmaterial für Theaterrollen, stehen für eine entschiedene Typisierung, die freilich böswillig auch schon wieder als Entindividualisierung im Sinne eines gesichtslosen Kollektivismus mißdeutet werden könnte. Ganz anders die Porträts im späteren Werk: Hier bekommt der Einzelmensch sein Antlitz wieder zurück.

Tatlin hatte seine liebe Not mit den Sachwaltern der kommunistischen Kunstlehre. Arbeiten wie seine „Konterreliefs“ aus Holz, Metall und Schnüren, die aus der Bildfläche hervortraten und als Objekte in den Raum vorstießen, waren den Herrschaften nicht realistisch geschweige denn heroisch genug. Trotzdem halten manche nun der Kunsthalle vor, „in diesen Zeiten“ einen Kommunisten zu präsentieren. Kommentar überflüssig.

Eine stille Sensation verbirgt sich hinter der Ausstellung. Im Vorfeld wurde enorme Forschungsarbeit geleistet. Listete das bisher größte Werkverzeichnis nur 50 gesicherte Tatlin-Arbeiten auf, so sind es nun über 1300. Davon sind in Düsseldorf rund 320 zu sehen.

Wladimir Tatlin. Retrospektive. Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4. Di-So 11-18 Uhr. Eintritt 10 DM, Katalog 39 DM.




Der Autor als Fabelwesen oder: Roman aus der Datenbank – Ulrich Holbeins Suada „Warum zeugst du mich nicht?“

Von Bernd Berke

Ist Ulrich Holbein ein Mensch oder eine Datenbank? Zu jedwedem Thema hat dieser Autor eine Flut von passenden Zitaten aus der gesamten Weltliteratur parat. So einen Kerl hat die deutsche Literatur lange nicht mehr gesehen.

Ist dieses Fabelwesen, 1954 in Erfurt geboren, jetzt in Nordhessen lebend, Deutschlands (post)modernster oder nur sein modischster Schriftsteiler, ein Gegenwarts-Kasper ohne weiteren Tiefgang?

Holbein nimmt praktisch sämtliche Einwürfe, die seinen Roman „Warum zeugst du mich nicht?“ betreffen könnten, in diesem selbst vorweg. Er hat seine eigene Kritik mitgeschrieben, aber auch die Lobhudelei auf sich selbst. Ein äußerst schwieriger Patron also. Stets mit dem Hirn schon eine Windung weiter, eine Ebene höher, so scheint es. Wie der Igel, der den Hasen immer schon zurufen kann: „Ick bün all hier“.

Kein Thema und alle Themen zugleich

Der Titel spielt sowohl auf die Zeugung eines Kindes als auch auf die Schaffung eines literarischen Werkes an. Die beiden Themenfelder werden vielfach übereinander geblendet und mit vielen Dutzend anderen derart versetzt, daß man von einem uferlosen, ja ozeanischen (ein Holbein-Lieblingswort) Buch sprechen kann. Es hat kein Thema, und es hat möglicherweise alle. Das schadet dem Fortgang des Romans ebenso wie Holbeins ungeheure Belesenheit. Diese veranlaßt ihn immer wieder zu bandwurmartigen Aufzählungen im Imponiergestus, als wolle er sagen: „Seht her, was ich euch noch zu bieten habe!“

Schon die Einleitung ist eine Suada des Größenwahns, bei der der Autor nur mühsam in eine Erzählerrolle schlüpft. Dieser Erzähler behauptet frechweg, er sei über alle Literatur zwischen Homer, Shakespeare, Goethe, Botho (gemeint: Botho Strauß) und Bodo (gemeint: Bodo Kirchhoff) weit, weit erhaben. Auch sein Psychoanalytiker ist längst durchschaut: So einem Durchblicker ist nun wahrlich auf Erden nicht zu helfen.

Uferlose Aufzählung statt Erzählung

Aufzählung statt Erzählung, das ist Holbeins größtes Leiden. Und wenn er denn einmal ins Erzählen gerät, so wird es schnell ziellos bizarr, so etwa beim Streifzug durch einen Sexshop der Zukunft, beim blutigen Vernichtungsfeldzug gegen seine eigenen Figuren (Metzelei per ComputerLöschtaste), bei seinen sarkastischen Exkursen in fernöstliche Heilslehren.

Ein gewisses Vergnügen an solchen Dingen trübt er allemal selbst, indem er schlichtweg überdreht. Holbein hat Mühe, seine Ideenfülle stilistisch zu bändigen. Er geht mit seinen Stoffen nicht ökonomisch um, er verschleudert sie en masse. Das Deutsch, das er schreibt, ist eben nicht von jener Edelgüte à la Handke oder Botho Strauß. Und: Seine Figuren bleiben seelenlos.

Holbein ist überdies ein Autor, dem man ständig mißtrauen muß. Führt er einen nicht andauernd hinters Licht? Das mag ja produktiv sein. Aber ist er nicht auch völlig scham- und herzlos, so wie er erzählt? So ganz ohne jede Überzeugung, wie einer, der sozusagen überhaupt keine Verwandten kennt? Da bewegt sich einer haltlos durchs Reich der Sprache, der offenbar immer nur mit Buchstaben umgegangen ist. Ein brillanter Essayist, der sich aufs Terrain des Romans verirrt hat.

Aber, wie gesagt: All diese Einwände sind dem Manne bewußt. Wie soll man ihm nur beikommen?

Ulrich Holbein: „Warum zeugst du mich nicht?“ Roman. Haffmans Verlag, Zürich, 262 Seiten. 36 DM.




Nur den Staatsanwalt will niemand gerne spielen – Therapie-Projekt in Eickelborn: Drogensüchtige stellen ihre Lebensgeschichte auf der Theaterbühne dar

Von Bernd Berke

Lippstadt/Eickelborn. „Rolltreppe abwärts“, „Nullouvert“. Schon solche Stücktitel deuten an, daß Theater sich in die Niederungen begibt; nach ganz unten – dorthin, wo z. B. Drogen-Karrieren enden.

Jetzt hat die Gruppe mit dem Namen „Stoffwechsel“ bereits ihr drittes Stück einstudiert. Es heißt „Popshop“. Besonderheit: Die Schauspieler sind 14 Drogenpatienten der psychiatrischen Landesklinik in Lippstadt-Eickelborn. Sie gehen in diesen Tagen sogar erstmals auf eine kleine Tournee, spielen vor Schülern und Jugendlichen. Damit die nicht eines Tages auch an irgendein schlimmes Zeug geraten.

Der Titel „Popshop“ stammt aus dem Szene-Jargon und bedeutet so viel wie „Endstation“ oder „Nichts mehr zu sagen/machen“. Die jungen Leute haben das Stück (mit Hilfe ihrer Therapeuten Günter Seidenberg und Caroline Happe) selbst verfaßt und auch das Bühnenbild erstellt. Viele Stunden haben sie dafür geopfert.

Die meisten sind Männer zwischen 20 und 30, allesamt erst seit wenigen Monaten „clean“, also noch lange nicht über den Berg der Sucht hinweg. Das Theaterspielen wurde zum Teil der Therapie. Einer sagt’s für alle: „Wir hatten endlich in unserem Leben das Gefühl, selbst mal was Sinnvolles auf die Beine zu stellen.“ Klar, „etwas zäh und mühsam“ sei die Sache anfangs gewesen. Man hatte nicht nur mit dem Text zu kämpfen, sondern auch mit sich selbst. Und mancher konnte sich zunächst mit seiner Rolle nicht anfreunden. Welcher Drogensüchtige mag schon gern einen Staatsanwalt spielen?

Der Text handelt von jenem Uwe, der aus Berlin nach Dortmund zieht und wegen eines Beschaffungsdiebstahls in den Knast kommt. In Rückblenden werden Stationen seiner Drogenkarriere beleuchtet. Dabei kommen Justiz und Sozialarbeiter nicht gerade gut weg. Essenz des Stückes: Drogensüchtige sind weniger kriminell als krank und waren vor ihren Taten selbst Opfer. So weit das Pflichtprogramm im Sinne einer liberalen Sozialpädagogik.

Doch natürlich geht es um mehr. Zum einen lernen die Drogenpatienten auf der Bühne, sich offen und ehrlich vor Publikum zu ihrer Sucht zu bekennen. Zum anderen wirken sie als Darsteller auf das junge Publikum viel glaubhafter als Profi-Schauspieler. Sie haben selbst durchlitten, was sie da spielen. Sie machen einem nichts vor. Und sie stellen sich nach jeder Aufführung der Diskussion.

Kann sein, daß sie den einen oder anderen labilen Zuschauer vom Einstieg in harte Drogen abhalten. Dies allein würde das vom Land bezuschußte Projekt rechtfertigen. Die Produktion ist jedenfalls weit entfernt vom läppischen Laienspiel. Dazu ist sie zu nah an der Wirklichkeit.

Aufführungen: 13.-16. September in Werl, Soest, Lippstadt, Beleke (vermutlich ausverkauft). 20., 24. Sept. und 27. Sept.-l. Okt. in Lippstadt-Eickelborn. jeweils 19 Uhr.




Ruhrpott-Fantasy: Vampir Müller soll den Mörder finden

Von Bernd Berke

Bochum. Auch Bücher verkaufen sich nicht mehr so leicht. Da müssen neue MarketingIdeen her, hat sich wohl der renommierte Münchner Piper-Verlag gedacht – und zur unterirdischen Roman-Präsentation mit „Vampir-Drinks“ ins Deutsche Bergbaumuseum zu Bochum eingeladen. Im Mittelpunkt des Zaubers: der Marler Autor Ludger Vortmann (24) und sein Werk „Müller – Der Ruhrpottvampir“.

Das geheimnisvolle Vampir-Gesöff, das da bereitstand, erwies sich als Sekt mit Cassis. Gag der Gags: Besucher mit bestimmten Endziffern auf ihren Blutspenderausweisen bekamen zwar nichts abgezapft, durften aber Gratis-Buchpakete nach Hause tragen. Und statt in die Gruft ging’s drei Stockwerke runter – ins Bochumer Anschauungsbergwerk.

Drunten im Stollen erleben rund hundert Leute eine kurze und überraschend normale Lesung aus dem Krimi, dürfen das Buch (12,90 DM) gleich erwerben, vom Autor signieren lassen und ihm mehr oder minder kluge Fragen stellen („Haben Sie autobiographisches Material verwendet?“). Ja, der Vampir-Detektiv sei eine Art Bruder für ihn geworden, verrät Vortmann, hauptberuflich Moderator bei einer privaten Rundfunkstation in Recklinghausen. Wenn er vorliest, gewinnt denn auch sein Buch erheblich – im Vergleich zur stillen Lektüre.

Überirdisch ist das Buch gewiß nicht. Die ganze Geschichte des fledermausigen Müller (Lieblingsgetränk außer Blut: Zimtmilch mit „Schuß“), der im Auftrag der Polizei einen mysteriösen Todesfall aufklären soll und dabei zwischen einer militanten Tierschützerfront, einer schäbigen Autowerkstatt und einer Chemiefabrik hin und her flattert, wirkt reichlich unausgegoren.

An den Nerven zerren Vortmanns Sprach-Marotten. Dialoge mit Reimzwang sind fast noch das geringste Übel. Kostprobe von vielen: „Warum macht das nicht die Polizei? Macht ihr Sommerpause? Oder ’ne Sause, vielleicht auf Hawaii?“ Vortmanns Ausdrucksweise ist mal geschraubt („Den Anruf seines Arztes hatte er unlängst erhalten“), mal schlampig („hattrickmäßig“) und produziert etliche Stilblüten.

Der Krimi spielt in einem Revier, das gewiß nicht von Image-Politikern erfunden wurde. Hier geht es noch so rußig und düster zu wie ehedem. Auch ein paar halbwegs komische Passagen bietet das Buch. Schmankerl für Dortmunder Borussen-Fans, die derzeit sonst nicht viel zu lachen haben: „Kenns du den Unneschied zwischen Schalke un ein Mistkäfa? – Sie kriegen beide einfach keine Punkte!“ Das Buch soll jedenfalls mit einer Startauflage von 8000 Stück als Originalausgabe im Taschenbuchprogramm unters Volk gebracht werden. Den Löwenanteil wird der Münchner Verlag wohl in unseren Breiten absetzen.




Am Fenster sehen Krieg und Frieden völlig anders aus – Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“

Von Bernd Berke

Uwe Timm ist ein Wanderer zwischen den Themen. In „Heißer Sommer“ gab der Autor eine Innenansicht der Studentenbewegung zur APO-Zeit, in „Der Mann auf dem Hochrad“ erzählte er eine circensisch angehauchte Geschichte aus Großvaters Epoche, in „Morenga“ schilderte er Deutschlands Kolonial-Historie. Jetzt bemäntelt er mit einem scheinbar komischen Titel ein ernstes Thema: „Die Entdeckung der Currywurst“ handelt vom Kriege und vom kleinen Widerstand.

Timms namenloser Ich-Erzähler besucht die erblindete Frau Lena Brücker, die er seit seiner Kindheit kennt, in einem Hamburger Altenheim. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg soll sie die Currywurst erfanden haben. Doch Timm spart des Rätsels Lösung auf. Am Ende erweist sich die Sache mit der Wurst als eher beiläufige Münchhausiade.

Tatsächlich hat Lena Brücker ja auch eine viel interessantere Geschichte erlebt. In den letzten Kriegstagen, als schon alles in Schutt und Asche lag, hat sie den Deserteur Bremer in ihrer Wohnung versteckt. Bremer ist verheiratet, sie ist verheiratet. Doch die Ehepartner sind in den Kriegswirren fern.

Natürlich entwickelt sich zwischen Bremer und Lena eine Liebschaft auf Zeit. Nachts das lustvolle Matratzenlager, tags die Angst vor Blockwart und Gestapo, die Bremer um ein Haar aufspüren. Er zittert um sein Leben. Nur um eines muß man sich kaum Sorgen machen. Lena Brücker arbeitet in der Lebensmittel-Verwaltung und kann dort öfter etwas beschaffen.

Deutschland im Jahre „Null“ – eine Groteske

Und plötzlich ist der Krieg vorbei. Lena Brücker schwankt zwischen Freude und Entsetzen. Einerseits: der Friede! Andererseits: Wenn Bremer in seinem Versteck davon erfährt, wird er sie verlassen und zu seiner Familie zurückkehren. Also hält sie gleichsam Zeit und Atem an – und sagt ihm nichts. Sie läßt ihm seinen Irrglauben, nun kämpfe Deutschland gemeinsam mit Briten und Amerikanern gegen die Sowjets…

Bremer, ohne Zeitung und Radio, erlebt die langsame Veränderung des Lebens nur im Blick aus dem Fenster. Diese (sozusagen kleinbürgerliche) Perspektive hat Uwe Timm geschickt gewählt. In solcher Verfremdung und Ausschnitt-Verkleinerung wirken historische Ereignisse wie das Auftauchen britischer Soldaten oder die Entstehung des Schwarzmarkts ganz anders, wie unter einer Lupe. Deutschland im „Jahre Null“ – eine Groteske.

Timm, ein solider, gelegentlich etwas zu routinierter und beflissener Erzähler, übt sich in wirksamer Bescheidenheit. Heutzutage nennen die Verlage Jedes Buch über 100 Seiten ein „Roman“. Hier gibt man sich mit der Bezeichnung „Novelle“ zufrieden. Auch sonst ist das Buch eine zwischen Elegie und Zuversicht schwankende Feier des Unscheinbaren, des Unauffälligen – zumal des kleinen Widerstands kleiner Leute im großen Krieg. Hier werden keine Heiden aufgeboten, um zu zeigen, wie widerwärtig Krieg und Naziherrschaft waren. Komische, fast chaplineske Einfälle hat der Autor. Vielleicht die schönste Stelle: Ein Koch verköstigt die Leute vom Reichsrundfunk so übel, daß sie die angeblichen Triumphe der Wehrmacht am Mikro nur noch mit Würgelauten vermeiden können.

Kein großes Buch. Das will es auch nicht sein. Aber ein lesenswertes. Und schließlich: Wer möchte denn nicht wissen, wie die Currywurst erfunden wurde?

Uwe Timm: „Die Entdeckung der Currywurst“. Kiepenheuer & Witsch. 221S., 29,80DM.




Die Wege der Begierde sind verschlungen – Erotische Grafik von Hans Bellmer im Museum Bochum

Von Bernd Berke

Bochum. Der Mensch ist eine Schlingpflanze. Im zeichnerischen Werk des Surrealisten Hans Bellmer nimmt er jedenfalls mancherlei botanische Gestalt an und windet sich so tief wie möglich in sein Gegenüber hinein. Überall möchte er hinkriechen, wenn er nur sein Ich aufgeben kann. Derlei verschlungene Wege der Begierde zeichnet jetzt eine Ausstellung in Bochum nach.

Der gebürtige Schlesier Bellmer (1902-1975) war Opfer einer sehr rigiden Erziehung. Mag sein, daß gerade deshalb seine sexuellen Phantasien hernach so explodiert sind und gelegentlich auch in sadistische Gefilde à la Marquis de Sade abschweiften.

Über die Berliner Dadaisten, über Kontakte mit George Grosz und Otto Dix führte sein Weg in den 30er Jahren nach Frankreich – ins Herzland des Surrealismus, wo seine lasziven Fotoserien von einer Auszieh-Puppe auch den Bewegungs-„Papst“ Andre Breton begeisterten. Aus dieser Zeit stammen denn auch die frühesten Vorlagen für die aus Issoudin (Frankreich) übernommene Schau.

Hier kommt eine Besonderheit ins Spiel. Tatsächlich sieht man nämlich keine einzige Arbeit, die Bellmer von eigener Hand gefertigt hat. Hintergrund: Bis in die 50er Jahre stand sein Werk unter Pornographie-Verdacht; erst um 1966 stellte sich Erfolg ein, der über verschwiegene Privatsammler-Kreise hinausreichte.

Nun stiegen die Marktpreise, und nun kam Bellmer plötzlich mit der Produktion nicht mehr nach. Da fügte es sich, daß eine junge französische Künstlerin ganz auf eigene Schöpfungen verzichtete, um nach seinen gezeichneten Vorlagen kongeniale Kupferstiche und Radierungen herzustellen. Sie hieß Cécile Reims.

Kupferstecherin Cécile Reims wurde billig abgespeist

Doch das wußte damals kaum jemand, denn der geschäftstüchtige Bellmer signierte ihre Druckgraphiken, während man die arme Cécile regelrecht vor der Kunstwelt versteckte und mit Handwerkerlohn abspeiste. Sie soll sogar Gefallen an diesem (un)heimlichen Leben gefunden haben… Erst 1979, vier Jahre nach Bellmers Tod, wurde ihr Inkognito gelüftet. Jetzt steht ihr Name auf dem Katalog, etwas kleiner als der Bellmers, aber immerhin.

Cécile Reims muß einen überaus starken Hang zu Bcllmers Künsten gehabt haben, sonst hätte sie nicht mühsam und getreulich rund 200 seiner Arbeiten mit Stichel und Nadel nachgezeichnet, von denen in Bochum 75 zu sehen sind.

Eine biegsame und wie in feuchten Träumen wandelbare Begierde sieht man da. Die Menschenleiber nehmen notfalls jederlei Gestalt und Verformung an, werden – im unaufhörlichen Reigen – zu seltsamen Gewächsen der Liebe, ja zu bloßen Ornamenten der Erotik. An Deutlichkeit und Drastik lassen die meisten Exponate nichts zu wünschen übrig. Doch all das Prangen der Geschlechtsmerkmale dient nur dem wohligen Schauer des Ich-Verlustes. Und an diesem Punkt begegnet wohl auch der abgefeimte Voyeur einem Spiegelbild sexueller Ekstase: der endgültigen Auslöschung des Ich, dem Tode.

Hans Bellmer und die Kupferstecherin Cécile Reims. Museum Bochum. Samstag, 4. September bis 10. Oktober. Mi-Fr 12-20 Uhr. Sa/So 10-18 Uhr, Mo/Di geschlossen. Katalog (in französischer Sprache mit deutschen Beiblättern) 25 DM.

 




Puppenbild am Beichtstuhl, Krücken an den Wänden – Kunst kehrt in die Kirche zurück

Von Bernd Berke

Münster. An die Wände der Lambertikirche hat jemand lauter Krücken gestellt. Im selben Gotteshauses hängt, gleich neben dem Beichtstuhl und scheinbar höchst unpassend, ein im „wilden“ Stile gemaltes Bild, auf dem Kinder mit einer zerstörten Puppe zu sehen sind. Und in der Überwasser-Kapelle hat sogar einer die Wände vollgeschrieben. Welche Frevler waren da am Werk?

Gar keine. Es geht um eine Aktion, mit der in Münster das schwierige Verhältnis zwischen Kunst und Kirche ausgelotet wird. Seit Maler und Bildhauer in die Abstraktion abgewandert sind, fanden Amtskirche und praktizierende Christen die Werke nicht mehr anschaulich genug – und damit untauglich zur Glaubensvermittlung.

Bis zum 18. Jahrhundert schienen Kunst und Kirche verschwistert, dann riß die Verbindung zusehends. Hinter dem Münsteraner Projekt „Gegenbilder“, das Arbeiten von 13 Künstlern in vier Kirchen versammelt, stehen Vertreter der beiden großen christlichen Konfessionen als Beiräte. Für die Auswahl war der Galerist und Kunstvermittler Eberhard Lüdke zuständig: „Anfangs bin ich auf Widerstand gestoßen“, bekennt er. Doch Gespräche mit den Gemeindevorständen hätten manches Mißtrauen beseitigt. Ein Begleitprogramm soll nun das Thema vertiefen. Die Kirchenbesucher werden mit Hinweistafeln eingestimmt.

Ein geschlossenes und ein allseits offenes System

Lüdke zum Kern des Problems: „Die Kirche ist ein eher geschlossenes System, die Kunst ein allseits offenes. Das erzeugt Reibung.“ Die Kunst richte ihr Augenmerk eben auf die Zersplitterung der Welt, die Kirche auf den großen Zusammenhang. Desto mehr war Lüdke überrascht, wie bereitwillig die Künstler mitwirkten; geradezu, als hätten sie auf den Anstoß gewartet und als habe das Thema in der Luft gelegen.

Auch bekanntere Größen wie Stephan Balkenhol und Tony Cragg sind dabei. Sie fertigten ihre Arbeiten eigens für Münster an, um auf räumliche Gegebenheiten einzugehen. Mischa Kuball bedient sich der Bildprojektion, Jan van Munster verpaßt dem Steinfußboden irritierende Muster, Stephan Balkenhol hat zwei nackte Holzfiguren geschnitzt: Adam und Eva. Mark Formarek stellt einen Automaten auf, der auf Knopfdruck Trostworte spendet, und Dieter Kießling hat einen Kunst-Brunnen ans Taufbecken platziert.

Norbert Rademacher stellte die erwähnten „Krücken“ auf, die sich ästhetisch in die Säulen-Ordnung der Kirche einfügen. Es sind Pilgerstöcke, also keineswegs unchristliche Gegenstände. Überhaupt ist das Wort „Gegenbilder“ nicht als Attacke zu verstehen, sondern im Sinne eines behutsam-kritischen, freundlich gestimmten Gegenübers. Ganz klar: Ausgesprochene Kirchenfeinde oder Tempelstürmer wurden gar nicht erst eingeladen.

Fragt sich, was geschieht, wenn die Ausstellung vorbei ist. Möglich, daß etwa die Schriftzüge in der Überwasserkirche übertüncht werden. Möglich auch, daß es hier und da zu Ankäufen kommt. Welche Gemeinde hat Mut?

„Gegenbilder“. Münster (Apostel-, Dominikaner-, Lamberti- und Überwasserkirche). Bis 31. Oktober, tägl. 10-18 Uhr. Katalog 20 DM. Infos/Führungen 0251/25687.




Dem alten China ins Auge blicken – Famose Dortmunder Ausstellung „Chinas Goldenes Zeitalter“

Von Bernd Berke

Dortmund. Unter einer Besucherzahl von 200.000 fängt man in Dortmund gar nicht erst zu rechnen an. Doch es ist keineswegs Größenwahn, was Macher und Förderer der großen Dortmunder Ausstellung zur Tang-Dynastie gestern an den Tag legten. Wenn es nach Bedeutung und Qualität geht, müßte „Chinas Goldenes Zeitalter“ die Erfolgs-Schätzungen tatsächlich spielend übertreffen.

Selten wird man eine archäologische Ausstellung finden, bei der man einer fernen Vergangenheit so direkt ins Gesicht blicken kann. Es ist kaum zu fassen, wie unmittelbar und frisch die Exponate wirken. Besonders die Gesichter der Menschenfiguren zeugen von einer vitalen Charakterisierungs-Kunst, die einen sofort gefangen nimmt. Die Kameltreiber und Reiter aus „grauer Vorzeit“ sind z. B. mit Blicken und Bewegungen dargestellt, als hätten sie gestern noch gelebt. Wenn man es nicht wüßte, würde man gar nicht glauben, daß all diese kostbaren Stücke aus der Zeit von 618 bis 907 n. Chr. stammen.

Die „Inszenierung“ der Dortmunder Schau hat das Ihre geleistet, um die Objekte ins rechte Licht zu rücken. Geradezu ein erhabenes Gefühl vermittelt jener Gipfelpunkt der Ausstellung rund um den 18 Tonnen schweren Sarkophag des altchinesischen Heerführers Li Shou. Hier hat man eine Achse gebildet, so daß die Besucher durch ein Portal auf eine steinerne Schildkröte (sie birgt die Grabinschrift) blicken. Dahinter erhebt sich machtvoll der Sarkophag.

Doch neben solch monumentalen Momenten hält der Rundgang auch viele, gleichsam intimere Situationen bereit. Man kann mit den Exponaten beinahe vertraulich werden, so geschickt sind sie zwischen den „Wänden aus Leinentüchern verteilt, die die Abfolge der 120 Prunkstücke gliedern. Einziger Nachteil: Bei großem Andrang dürfte es zwischen den zeltartig gehängten Bahnen etwas eng werden.

Die Damen waren frei – und modisch

Die Tücher sind eine dezente Anspielung auf die berühmte Seidenstraße, an deren Endpunkt die alte chinesische Hauptstadt Chang’an (heute Dortmunds Partnerstadt Xi’an) lag. Handel und Wandel entlang der Seidenstraße belegen u.a. alte Münzen und Darstellungen fremdländischer China-Gäste mit imposanten Bärten.

Von Chang’an ausgehend, erfuhr das Reich der Mitte in der Tang-Dynastie eine Blüte. die bis heute wirkt. Sogar Rockgruppen nennen sich heute in China nach Tang-Begriffen. Kein Wunder! Es war, zumindest für den Adel, eine Epoche der Freiheit. Auch Frauen lebten freizügig und selbstbewußt. Die Sache mit den eingeschnürten Krüppel-Füßchen kam erst viel später.

Doch der Mode huldigten auch die Tang-Damen. Einige herrlich farbige Stücke beweisen es. Anhand dieser Frauenfiguren kann man sogar den Wechsel der Haartrachten und Kleider studieren. Auch der Körperbau war der Mode unterworfen. Anfangs hatte man(n) es lieber schön schlank, ab dem 8. Jahrhundert dann gern etwas fülliger. Und die Spiegel, in denen sich die Schönen betrachteten, sieht man in Dortmund auch.

Spektakulärer als die Terrakotta-Schau

Famos die handwerkliche Qualität der Keramik. Makellos weißes Steinzeug ist hier zu sehen, wie es in jener Zeit schwerlich anderswo auf der Welt entstanden sein dürfte. Dazu all‘ die prachtvollen Löwen wen und Drachen, die buddhistischen Skulpturen und Schriftsäulen (Stelen) – man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Die 1990 in Dortmund gezeigte Terrakotta-Ausstellung, die eher militärische Aspekte hervorhob, war weniger spektakulär.

Wer wollte es unter diesen glücklichen Umständen den chinesischen Ausstellungs-Partnern verdenken, daß auch sie am Erfolg teilhaben wollen. Acht Prozent der Eintrittsgelder fließen ihnen zu. Außerdem bekamen sie 300 000 Dollar „Bereitstellungsgebühr“. Dafür übernahmen sie auch einen Teil der schwierigen Transportarbeiten.

Schließlich: Dortmund erhofft sich gegen starke Konkurrenz u. a. in Essen („Von Monet bis Picasso“) und Hildesheim („Bernward und die Ottonen“) von der Ausstellung erheblichen Image-Gewinn und viele Besucher von außerhalb, die Kaufkraft mitbringen.

„Chinas Goldenes Zeitalter“. Dortmund. Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Königswall 14. Ab Sonntag, 22. August. Bis 21. November. Täglich 10 bis 20 Uhr. Eintritt 12 DM. Katalog (312 Seiten) 44 DM.

 




Kunst aus Afrika in Aachen: Ganzer Kontinent in einem Topf

Von Bernd Berke

Aachen. Eine Ausstellungsserie in Aachen soll uns den unbekannten Kunst-Kontinent Afrika näherbringen. „Auf der Suche nach Afrika“ heißt das Projekt im Ludwig Forum, der kulturfreundlich umgebauten ehemaligen Schirmfabrik.

Zum Auftakt zeigt man jetzt afrikanische Gegenwartskunst. Aber was heißt schon Gegenwart? Herkömmliche Arbeiten wie Fetisch-Objekte und Masken gehören ebenso zu der Schau wie plakative Malerei gegen Kolonialismus, die der Bildwirkung offenbar nicht recht traut und sie mit Texten stützt. Bunte Werbetafeln (etwa für einen Friseursalon), „naiv“ anmutende Genrebilder und Installationen im Stile der Westkunst erweitern das Spektrum.

Viele Arbeiten thematisieren die Spannung zwischen dem Althergebrachten und dem Fortschritt westlicher Prägung direkt. Cheri Samba aus Zaire malt eine schwarze Frau, die knallbunten Träumen von Luxus nachhängt. Koffi Kouakou von der Elfenbeinküste hat einen Computer-Laptop aus dem Traditions-Werkstoff Holz geschnitzt. Trigo Piula aus dem Kongo zeigt eine Mutter, die ihrem Baby nicht die Brust gibt, dafür aber von lauter Dosennahrung multinationaler Konzerne umzingelt ist. Ihre Identität ist denn auch gespalten: Auf dem schwarzen Körper sitzt – wie aufgeschraubt – ein weißer Kopf mit blonden Haaren.

Schneeweißes Auto als Sarg

Kane Kwei aus Ghana hat kuriose Kunst-Särge in Form eines Elefanten oder gar einer Mercedes-Limousine entworfen. Das ist nicht etwa parodistisch oder im Sinne der Pop art gemeint, sondern ganz ernst. Ein schneeweißer Benz gilt in Afrika als allgemeine Pathosformel für paradiesische Zustände.

Nach der Aachener Auswahl zu urteilen, bedient sich afrikanische Kunst vorzugsweise der verständlichen, volksnäheren Formen, sie ist mehr auf Kommunikation ausgerichtet und nicht so sehr auf hypersensible Ich-Suche der Künstler. Außerdem scheint man großen Wert aufs Handwerkliche zu legen. Manchmal ist es tatsächlich goldener Boden, auf dem sich Phantasie erhebt, Aber vielfach sieht man auch bloßes Kunsthandwerk.

Auswahl in New York getroffen

Doch der teilweise unbefriedigende Eindruck hat wohl auch mit dem Auswahlverfahren zu tun. Ohne afrikanische Experten heranzuziehen (weil der Umgang mit ihnen eminent schwierig sei), hat man die Schau freihändig von New York aus zusammengestellt. In Aachen wiederum sieht man mit 89 Stücken nur einen Teil der US-Version. Das ist einfach zu wenig, zumal man praktisch den gesamten Erdteil darstellen will, ohne nach Ländern zu unterscheiden. Wenn afrikanische Museen so pauschal mit Europa umsprängen, wären Spott und Aufregung groß.

Jedenfalls: Man sollte vorsichtig sein mit seiner Einschätzung. Denn wir sehen diese Werke mit europäischen Augen. Und das wird ihnen möglicherweise gar nicht gerecht.

„Auf der Suche nach Afrika“. Ludwig Forum, Aachen (Jülicher Straße 97-109). Ab sofort bis 24. Oktober. Di/Mi 11-22 Uhr, Do/Fr/Sa/So 11-19 Uhr. Katalog in englischer Sprache

 




Am Lebensabend ist die Illusion zerstoben – B. S. Johnsons erstaunliche Altenheim-Geschichten aus neun verschiedenen Perspektiven

Von Bernd Berke

Ein Autor, der in Deutschland immer noch „entdeckt“ werden kann (und sollte), ist der Engländer B. S. Johnson (1933-1973). Verdienstvoll, daß der Schneekluth-Verlag eine Werkausgabe in sieben Bänden ediert. In diesem Zusammenhang ist nun auch der Prosaband „Lebensabend. Eine geriatrisehe Komödie“ erschienen. Und das ist ein phänomenales Buch.

Johnson läßt uns die inneren Monologe einiger Altenheim-Insassen miterleben. Die acht Greise und Greisinnen sinnen alle über den selben Zeitabschnitt des selben Tages nach, von dem man also nacheinander aus acht verschiedenen Perspektiven erfährt.

Es beginnt mit einem Essen und offenbar nervtötender Heimarbeit, die die Alten für die Hausmutter ausführen müssen (sie kleben Knallbonbons zusammen), findet einen vorläufigen Höhepunkt in einer lächerlich optimistischen Senioren-Hymne, die die Greise zu singen haben – und mündet in „Ertüchtigungs“-Spielchen (z. B. ein bizarres Rollstuhl-Wettrennen) oder einen läppisch-schlechten Scherz rund um ein Päckchen, in dem sich Hundekot befindet. All‘ das schält sich aber erst ganz allmählich aus den zumeist stockend vorgetragenen Monologen heraus.

Am Schluss redet die resolute Hausdame

Johnson zeigt nun nicht nur, wie grundverschieden die acht alten Menschen das teilweise bedrückend groteske Geschehen erleben, wie ihre Gedanken in diverse Vergangenheiten und auch Verrücktheiten abschweifen. Jeder Figur gibt der Autor genau 21 Seiten. Und er benennt vorher – wie in einem ärztlichen Bulletin – ihre geistigen und körperlichen Gebrechen. Bei einem etwas verwirrten alten Mann etwa bildet sich der Gedankengang in lauter Sinnsprüngen oder gar in großen weißen Lücken auf den Seiten ab.

In jedem Abschnitt aber erfährt man vor allem, gleichsam aus intensiver „Innenansicht“, etwas von den Leiden des Alters, von verlorenen Illusionen und zerstobenen Lebensträumen. Das Buch weitet sich zu einer ebenso tiefgründigen wie leicht vorgetragenen Studie zum Prozeß des AIterns überhaupt.

Ein weiterer Clou kommt am Schluß. Da läßt Johnson als neunte Person die Hausdame reden, die all jene Spielchen und Arbeiten veranlaßt hat und die bereits die ganze Zeit als beängstigende Figur durch die Monologe der alten Leute gegeistert ist.

Erst hier erfährt man, wie obszön ihre Veranstaltungen wirklich waren und welche Theorien über Leben, Tod und Alter sie sich dazu zurechtgelegt hat. Am Ende fragt sich der Leser durchaus irritiert: Ist sie nun eine Wohltäterin mit reichlich derben, aber erprobten Methoden – oder ist sie eine Fürstin der Vorhölle?

B. S. Johnson: „Lebensabend – Eine geriatrische Komödie“. Schneekluth Verlag. 204 Seiten. 34 DM.




Zwischen Duschvorhängen und Ententüchern – Max Goldts Glossen aus dem schrägen bundesdeutschen Alltag

Von Bernd Berke

„Seltsam, daß er nie mit diesen knochigen, verbiesterten Squash-Spieler-Typen mit ihrem Ringelpiez-Humor und ihren Kater-Garfield-Duschvorhängen konfrontiert wurde, die (…) ihre solariumsverkokelten Hände falteten und altjüngferlich flöteten: Also, ich kann auch ohne Alkohol fröhlich sein …“ – Jawohl. Man sieht sie leibhaftig vor sich, diese Leutchen!

Derlei Beobachtungen gelingen Max Goldt in seinen Glossen häufig. Der Mann ist Kolumnist des Satireblattes „Titanic“ und hat sich mit „Onkel Max‘ Kulturtagebuch“ seine Fangemeinde erschrieben. Kennzeichen an der Oberfläche: fröhlich-kreatives Chaos. Doch Goldt kann erzkomisch und ernsthaft sein, manchmal im raschen Wechsel, manchmal gar beides zugleich. Hinter jeder Satzbiegung kann es wieder um was ganz anderes gehen. Das macht die Sprache geschmeidig. Dabei denkt und schreibt er wohltuend unaufgeregt, jedem Getue abhold. Und sehr oft, besonders, wenn er sich mit „Szene“-Moden befaßt, denkt man: „Da sagt’s mal einer!“

Man lese und genieße: Wie er die allgegenwärtigen „Kulturschnorrer“ erledigt; was er über die Polit-Plänkeleien von Kabarettisten oder über die in Talkshows herumgereichten „Meinungsnutten“ denkt; wie er nervtötende Selbstdarstellungs-Rituale schwuler „Subkultur“ brandmarkt, was er z. B. von englischen Rocktexten, Silvesterfeiern, Rauchern, Volksfesten, Quittenfrüchten, schwatzhaften Kinobesuchern oder gar von „Ententuch-Matronen“ hält…

Und dann jene kleinen Pfennigs-Wahrheiten. Zitat: „Wer hat nicht schon mal in einer fremden Stadt im öden Hotelzimmer gelangweilt im Telefonbuch geblättert, um nachzuschauen, ob da vielleicht Leute mit unanständigen Nachnamen wohnen? Natürlich nur, um anschließend entrüstet zu sein über diese Bürger, die keine Anstalten machen, das behördlich ändern zu lassen.“

Auch viele Splitter ergeben ein Bild, es herrscht hier nicht das schiere Chaos. Ja, Max Goldt erscheint gar als Mann von früher Weisheit und von Grundsätzen. Er ist nicht der total „abgedrehte“ Freak, für den man ihn beim monatlichen Überfliegen seiner „Titanic“-Kolumne halten könnte.

Er läßt öfter mal durchblicken, daß er sich alles ein bißchen ruhiger, höflicher, gelassener wünscht auf der Welt. Wenn es auf dieser befriedeten Erde so kurzweilig zuginge wie in seinen Glossen, dann wäre es mächtig in Ordnung.

Max Goldt: „Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau“. Haffmans-Veriag, 302 Seiten, 28.50 DM.




Das Glimmen am Rande der Welt – „Das Piano“ von Jane Campion

Von Bernd Berke

Die meisten Filme kann man sofort miteinander beschwatzen – und dann recht schnell vergessen. Doch es gibt einige wenige, deren Erlebnis man erst einmal wirken lassen muß. bevor man Worte verliert. Zu diesen gehört „Das Piano“ von Jane Campion.

Gleich der Anfang ist gewaltig: Wann hat man einen derart heillos ausgesetzten Menschen gesehen wie jene Ada! Übers Meer ist sie nachNeuseeland gekommen, ans äußerste Ende der Welt. Die Natur spricht dort anders. Diese tosende Brandung. Diese fremden Farben. In solch unwirklicher Ferne kann Magisches geschehen, es kann sich aber auch das Tor zur Hölle öffnen. Und die erste Nacht des Wartens wird kalt sein. Ada (überragend: Holly Hunter) verbringt sie in Umarmung mit ihrer Tochter Flora. Diese Flora ist wie ihr Spiegel, später auch Zerrbild. Spiegel (und anonyme Augen) sind Leitmotive.

Erst am nächsten Morgen entwindet sich dem küstennahen Dschungel eine Gruppe von Maori, seltsam tätowierte Ureinwohner: Wesen der archaischen Traumzeit – oder doch nur Helfer des Buschfarmers Stewart? Mit diesem Mann ist Ada von ihrem Vater brieflich von Schottland aus verheiratet worden, hier draußen sieht sie ihn zum ersten Mal. Stewart (Sam Neill) hat ihr Bildnis bei sich. Doch kurz bevor sie sich begegnen, reißt er die Fotografie aus dem Rähmchen, um in den Spiegel darunter zu blicken. Ein erster kleiner Gewaltakt. Er hat ihre Würde verletzt, noch bevor er sie kennt. Jede folgende Geste des Mannes erlebt Ada als Riß. Man liest glühende Abwehr in ihren Augen und Gesten. Sie ist seit ihrer Kindheit stumm.

Am schlimmsten: Stewart will Adas Piano einfach am Strand stehenlassen. Dieses Instrument, das ist sie. Ihre Verbindung zur Welt. Verzweifelt will sie ihm das klarmachen. Doch der Mann bleibt hart. Auf dieser Ehe lastet ein Fluch.

Die Bilder sind wie Atemzüge

Vollkommen ruhig erzählt Jane Campion solche aufwühlenden Szenen. Mit kunstvollem Bedacht zeichnet sie Bilder, die geradezu ein- und ausatmen – ähnlich wie die von Michael Nyman komponierte Klaviermusik, die die Handlung durchweht.

Doch zwischendurch gibt es auch jene Seelenzustands-Bilder, bei denen man sekundenlang nicht weiß, wo oben und unten ist. Unterschwellig wachsen und wuchern die Emotionen. Im viktorianischen 19. Jahrhundert gibt es das: Hier genügt ein gewisser Lichtschein auf dem Haarflaum in der Halslinie einer Frau – und schon glimmt Leidenschaft. Sie erfaßt Stewarts Dschungel-Nachbarn Baines (Harvey Keitel), als er Ada Klavier spielen sieht. Da das Piano (durch einen Handel mit Stewart) in Baines‘ Besitz gerät, kommt es zu einer Vereinbarung: Ada kann es sich – Taste für Taste – zurückerobern, wenn sie Baines zu Willen ist.

Es geht nicht um blanken Sex. Baines will Ada beim Spielen zuschauen, dann ihre bloßen Schultern sehen. Und dann. Und dann. Sie tasten sich vor. Eros wie am unschuldigen Anbeginn, als werde all das soeben erfunden.

Das allmähliche Wachsen der Gier

Doch gerade das Allmähliche, Hauchzarte der Näherung entfacht auch in Ada ganz langsam die Gier. Und nun blickt s i e in den Spiegel…

Die späteren Eifersuchtsszenen erreichen einen Gipfel, auf dem einem schwindlig wird. Doch die stille Sensation des Films sind jene Grenzverwischungen, Durchlässigkeiten und Symbiosen zwischen den Figuren. Eine Leidenschaft spiegelt die andere, entzündet sich an ihr, bis es brennt.

Irgendwann heißt es über Ada, sie könne sprachlos Gedanken in andere Menschen hineinlegen. Sie, die Verstummte, verfügt über eine mächtige Stimme. Und diese innere Stimme trägt Ada, dicht am Rand des Todes vorbei, wieder ins Leben zurück. Grandios ist das gefilmt, wie eine Auferstehung aus den Wassern.

Sowieso ist hier ein Filmzauber am Werk, über den man nichts Überflüssiges sagen mag. Sonst könnte das Gespinst zerreißen.




Der illusionslose Blick auf die Gewalt – „Violence Report“ von Leon Golub in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. „Gewalt gibt es immer und überall“, stellt der New Yorker Künstler Leon Golub fest. Was folgt daraus? Sollen wir, um nicht abzustumpfen, die Augen verschließen oder im Gegenteil genauer hinsehen? Golub empfiehlt mit seiner Wuppertaler Ausstellung „Violence Report“ den illusionslosen Blick.

Der Besucher geht wie durch ein Labyrinth, ständig aus dem Tritt gebracht. Denn die 31 großformatigen Bilder hängen nicht etwa an den Wänden, sondern – auf durchsichtige Plastikfolien gebannt – von der Decke herab und mitten in die Räume hinein. Solch direkte Konfrontation erzwingt Umwege. Fast wie bei Skulpturen eröffnen sich beim Umhergehen immer neue Perspektiven auf Vorder- und Rückseiten. Mehr noch: Schon ein leichter Luftzug kann die frei im Raum hängenden Bilder in gespenstische Bewegung versetzen.

Die Transparenz der Fotografien und Gemälde sorgt zudem für Durchsichten und optische Vermischung der einzelnen Motive. Die aus verschiedensten Zusammenhängen isolierten Szenen der Gewalt überlagern einander und addieren, ja multiplizieren sich zum universellen, letztlich zeitlosen Phänomen. Ist das nicht eine gefährliche, zur Resignation führende Sicht der Dinge? Ist Gewalt immer und immer wieder dieselbe, oder gibt es nicht doch Unterschiede?

„Negative Historienbilder“

Tatsächlich versteht documenta-Teilnehmer Golub (71) diese Arbeiten, die er erstmals in Europa präsentiert, als „negative Historienbilder“. Es beginnt zwar nicht mit Kain und Abel, doch eine Gewaltszene aus dem Jahr 630 v. Chr. markiert die geschichtliche Frühzeit. Politische Gewalt, Staatsterror, Folterszenen und straßenkriminelle Brachialakte fächern das Thema auf.

Golub legt Wert darauf, keinen Moment abzubilden, den man ohne weiteres dümmlich-voyeuristisch auskosten könnte. Er sucht in allen Epochen nach jenen häßlichen Schock-Sekunden, die uns womöglich stutzen und innehalten lassen. Der herrisch auf den fremden Körper gestellte Stiefel, die auf den Kopf gesetzte Pistole, das schmerzverzerrte, deformierte Gesicht, die schrecklich verrenkten Gliedmaßen. All das überlebensgroß, monumental.

Wie nehmen wir Gewalt wahr? Golub kann gar nicht anders, als die Verformung der Realität durch die Medien mitzubedenken. Mit Hilfe von Computergraphik hat er Irritationen in seine Bilder eingebaut. Sanfte Verschiebungen und Verrätselungen. Jene Bilder, die er aus Zeitungen entnommen hat, zeigen auf der Folie ihr stark vergrößertes Raster. Durchaus verfremdet kommt uns die Gewalt entgegen. Und durchaus vieldeutig. Derselbe Kopf wirkt aus dem einen Blickwinkel wie der eines rechtmäßig gestellten Verbrechers, aus dem anderen wie der eines schuldlosen Opfers. Unser Blick auf Gewalt kann jederzeit manipuliert werden.

Wer kann sagen, wie eine solche Ausstellung in den Köpfen wirkt? Vielleicht hilft sie ja, Gewalt wirklich einmal hellwach wahrzunehmen, statt sie bedenkenlos zu konsumieren.

Leon Golub: „Violence Report“. Kunsthalle Wuppertal-Barmen. Geschwister-Scholl-Platz. Bis 12. September, Di-So. 10-17 Uhr. Katalogheft 15DM.




Ohne Schweiß kein Trick – Ausstellung in Velbert erzählt die Geschichte des gezeichneten Films

Von Bernd Berke

Velbert. Wenn 140 Zeichner rund 200.000 Bilder herstellen. was kommt dann heraus? Der neue „Asterix“-Zeichentrickfilm beispielsweise, gut 90 Minuten lang. Was hinter solchen Streifen steckt, zeigt eine Ausstellung im Forum Niederberg zu Velbert.

In der kleinen Schau wird auch die Vorgeschichte des Zeichentricks aufgeblättert. Eine einfache Vorform kennt jedes Kind: Schattenspiele mit bloßen Händen bei Kerzenschein. Naja, Sie wissen schon: der Hase an der Wand, der mit den Ohren wackelt usw. Auch das Daumenkino zum raschen Durchblättern ist noch denkbar simpel.

Doch dann wird es schon technischer. Man sieht z. B. ein Motoskop. Das ist eine Art Diabetrachter, bei dem die Bilder mit einer Kurbel bewegt werden können. Gleich daneben: ein Praxinoskop. Darunter versteht man ein Rundum-Panorama für den Wohnzimmertisch, das man wie ein Karussell drehen kann. Blickt man durch eine verspiegelte Öffnung ins Innere, lernen die Einzelbilder laufen.

Mit derlei Geräten, die um die Jahrhundertwende der familiären Unterhaltung dienten, konnte man nur ganz simple Vorgänge darstellen: Vögel, die sich gerade mal schwerfällig zum Flug erhoben, oder seilchenspringende Figuren. Auf und ab, auf und ab. Mehr war nicht möglich.

Über sogenannte Schiebebilder, die berühmte „Laterna Magica“ und sekundenkurze Phasenfilme arbeitet sich der Besucher zum eigentlichen Trickfilm vor. Der erste derartige Streifen wurde am 28. Oktober 1892 in Paris vorgeführt, dauerte eine Viertelstunde und hieß „Der arme Pierrot“.

Einzelbilder werden in Galerien gehandelt

Dieses Ur-Exemplar kann man in Velbert zwar nicht bewundern. Für die Trick-Abteilung haben die Museumsleute jedoch zahlreiche Plakate und vor allem Original-Folienzeichnungen aufgetrieben, die heute zu erklecklichen Beträgen in Spezial-Galerien gehandelt werden. Oft werden sie schon bei der Filmproduktion kopiert und dann in geringen Stückzahlen gehörtet, um die Preise hoch zu halten.

Wir begegnen einer Phalanx s von niedlichen oder grotesken Trickgestalten: Zwei Geier ei- len mit einer Bahre herbei – Krankenpfleger, die uns wenig Vertrauen einflößen. Eine Maus wankt betrunken durchs Bild, vermutlich verträgt sie bei ihrem Körpergewicht nicht viel. Und dann die Prominenz: Mickey Mouse und Asterix samt Anhang, „Bernard und Bianca“, Brösels „Werner“ und „Lucky Luke“. Auch kurze Werbefilmchen in Tricktechnik zählen zum Repertoire.

Wie kompliziert die Sache ist, kann man besonders gut am Beispiel der aufwendigen TV-Trickserie „Als dieTiere den Wald verließen“ nachvollziehen. Wie viele Zeichnungen sind allein erforderlich, um den Fuchs eine kurze Wegstrecke durch den Forst ziehen zu lassen! Noch schlimmer wird’s, wenn Reineke andere Tiere trifft. Dann müssen die Bewegungsabläufe haargenau koordiniert werden. Nichts bleibt dem Zufall überlassen: Dreh- und Szenenpläne, die auch zur Ausstellung gehören, listen ebenso penibel wie für den Laien verwirrend jede szenische Sekunde auf. Immerhin: Koloriert wurde früher von Hand, heute macht es der Computer.

Wer die Einzelbilder gesehen hat, kann per Video den fertigen Film begutachten. Man sieht die Streifen nun wohl mit anderen Augen. Jeder komische oder rührende Moment hat bei der Herstellung viele Stunden Arbeit gekostet. Selten so bewußt gelacht.

„Zwölf Stunden für eine Sekunde“ – Geschichte und Herstellung des Zeichentrickfilms. Forum Niederberg, Velbert, OstStraße 20 (02051/26 22 97). Bis 26. September. Di-Fr 10-17, Sa 10-13, So 10-13 und 14-16 Uhr. Eintritt 1,50 DM. Kinder 0,50 DM. Es gibt keinen Katalog, aber ein Zeichentrick-Themenheft des Deutschen Filmmuseums (Frankfurt) für 5 DM.




Als Natur schon künstlich wurde – Deutsche Graphik der Goethezeit im Wuppertaler Museum

Von Bernd Berke

Wuppertal. „Zurück zur Natur!“ rief Jean-Jacques Rousseau. Um 1800, zur vielbeschworenen Goethezeit, folgten auch viele deutsche Künstler dem Appell. Es war fast zu spät, denn am historischen Horizont dämmerte schon die Industrialisierung herauf und drohte die Idyllen zu zerstören. Wie Graphiker des Klassizismus und der Romantik die Natur sahen, zeigt jetzt ein breiter Überblick Im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum. 260 Arbeiten aus Eigenbesitz sind zu sehen.

Das Verhältnis zur Natur muß schon damals oft recht künstlich gewesen sein. Zahllose Ideallandschaften mit all ihren pittoresk drapierten Zutaten hat es so niemals gegeben. Es waren geschönte Postkarten-Ansichten, aus lauter Versatzstücken gefügt. Hier eine antike Säule, dort ein edel, tugendsam oder heroisch aussehendes Menschlein, und im Hintergrund hatten sich derweil Wald und Flur immer hübsch nach dem goldenen Schnitt zu richten. Wirklich zu schön, um wahr zu sein.

Zudem suchten vor allem einige Romantiker in der Natur noch ganz anderes: nationale Identität etwa. Es war die Zeit, in der man z. B. die Alpen als Ort eines vermeintlich sittsamen Lebens entdeckte und in der das deutsche Mittelalter mitsamt Heldensagen in Naturkulissen verpflanzt wurde. Goethe selbst, dem viele Künstler ehrerbietig Arbeitsproben sandten, bewunderte zwar manch ein Blatt in ästhetischer Hinsicht, aber das nationale Gewese wurde dem Dichterfürsten denn doch etwas unheimlich.

Im Klassizismus wurde auch der Wüstling harmlos

Interessante Blätter sind zu sehen. Beispiele: Die „Faust“-Illustrationen des Peter von Cornelius oder die einlullenden Lieblichkeiten des Ludwig Richter. Sodann finden wir Bonaventura Genellis Zyklus ,Aus dem Leben eines Wüstlings“ (im Vergleich zu William Hogarths berühmter Serie „The Rake’s Progress“: klassizistisch geglättet und verharmlost), die idealisierten italienischen Landschaften von Joseph Anton Koch, die schon der Abstraktion zuneigende Naturmystik Philipp Otto Runges – und auch zwei Blätter von C. D. Friedrich.

Thematisch fallen die außerordentlich lebendigen Tierdarstellungen Johann Christian Reinharts etwas aus dem Rahmen. Sie verraten einen sonst seltenen Drang zum Realismus, dessen Arrangements allerdings gelegentlich unfreiwillig komisch wirken, etwa wenn naturgetreu gezeichnete Kühe oder Ziegen versonnen in künstlich hochgezüchtete Landschaften blicken.

Nicht immer ist die Natur dem Menschen gut. Bei Carl Wilhelm Kolbe („Landschaft mit groteskem Eichenbaum“) zeigt sie auch schon mal eine häßliche Fratze. Und Alfred Rethels Totentänze stehen vollends für die Nachtseiten.

Im Obergeschoß hat man eine zweite Ausstellung installiert: Zeichnungen des französischen Bildhauers Jean-Baptiste Carpeaux (1827-1876), eines Vorläufers von Auguste Rodin. Aufschlußreich der Vergleich mit den Lithographien und Kupferstichen der Goethezeit. Skizzenhaft war Carpeaux‘ Strich, nervös, zuweilen verzerrend bis zur Karikatur. Die Moderne war eben schon zum Anbeginn ein schmerzlicher Abschied von Beschönigungen.

Deutsche Graphik um 1800 – Klassizismus und Romantik / Jean-Baptiste Carpeaux. Von-der-Heydt-Museum. Wuppertal-Elberfeld (Turmhof 8). Bis 12. September. Di-So 10-17, Do 10-21 Uhr. Katalog 28 DM.




In Salzburg sieht die Erde wie eine Mozartkugel aus

Salzburg. Man muß diese Szenen gesehen haben, sonst glaubt man es kaum: Wenn im rundum beflaggten Salzburger Festspielhaus die Premierentermine anstehen, ist auf der gegenüberliegenden Straßenseite beinahe mehr los als im Foyer. Hunderte von Schaulustigen versammeln sich, um einen Blick auf Eleganz und Prominenz zu erhaschen. Dutzendfach surren die Videokameras. Etwas Abglanz für daheim hätt‘ man schon gern.

Mit der Ära von Gérard Mortier als Festspielintendant und von Peter Stein als Schauspielchef weht – gar manchen Traditionalisten zum Verdmß – ein etwas freierer Wind als zu Karajans Zeiten selig. In einer Programmzeitung wird gar die althergebrachte Kleiderordnung gelockert. Auch im Dirndl oder Trachtenjanker dürfe man erscheinen – und überhaupt: Zweckmäßig solle es sein, nicht unbedingt wie aus dem Ei gepellt. Das geht denn aber doch a bisserl zu weit. Kleider machen schließlich Leute, und die kommen denn eben doch in edlerem Tuch und mit Fliege oder Kulturstrick um den Hals. Die feinen Damen lassen derweil wie eh und je gnädigst die Klunker klimpern.

Mit glorioser Repräsentation hat Peter Stein nicht viel Sinn. Beim kleinen Umtrunk für geladene Gäste in der Pause von Shakespeares „Coriolan“ bekennt er ganz offen, wie ungern er solche Vorzeige-Termine habe. Seine Begrüßung dauert denn auch nur ein Minütchen – und schon dürfen sich versammelte Wichtigkeiten ans Sektbüffet begeben. Im Vorraum sieht man kurz darauf einen Mann mit schlohweißem Haar. Ist das nicht …? Ja, er ist es: Bundespräsident Richard von Weizsäcker, im gepflegten Gespräch mit Peter Stein. Die kulturelle Sommertour hat das Staatsoberhaupt auf dem Weg über Bayreuth hierher geführt.

Durch die kleinen Salzburger Altstadtgäßchen ergießt sich der festspiel-übliche Touristenstrom aus aller Welt. Man redet in vielen Zungen, und man redet viel über Theater. Wo sonst nimmt man Kultur so wichtig?

Doch die Kultur treibt auch seltsame Blüten. Im Mozart-Geburtshaus wollen sie für den Gang durch ein paar Zimmerchen umgerechnet 8,10 DM pro Nase einstreichen. Anschließend soll man, bittschön, das Faksimile eines Mozart-Briefs oder einer Partitur erwerben. Und überall gibt es massenhaft Mozartkugeln. Von hier aus gesehen, kehrt sich geradezu die Ordnung des Planeten um: Die Erde muß wohl eine große Mozartkugel sein.

                                                                                                                            Bernd Berke




Theater wie in Fels gehauen – Shakespeares „Coriolan“ bei den Salzburger Festspielen

Von Bernd Berke

Salzburg. Die Felsenreitschule ist der Tod jeder Differenzierung oder Innigkeit. Dieser Spielort taugt für gravitätisches Breitwandtheater. Hier kann man gleichsam Stücke in den Fels hauen, aber niemals ziselieren. Ein passender Platz also für Haupt- und Staatsaktionen wie in Shakespeares Römer-Drama „Coriolan“? Salzburg machte die Probe aufs Exempel.

„Coriolan“, so will man fast meinen, ist eigentlich gar kein „richtiger“ Shakespeare, kein umfassendes Welt-, sondern staubtrockenes Machttheater. Der Griff ins Archiv beweist es: ein durchaus ungern gespieltes Stuck. Zuletzt wagte sich vor drei Jahren Christof Nel in Basel daran, die Machtspielchen als bloßen Treppenwitz darstellend. Keine Chance gegen Hamlet, Lear & Company.

Man möchte allen und niemandem glauben: dem Volkshasser Coriolan, denn die Masse, der er vorsteht, scheint wirklich breit und dumm, beliebig lenkbares Stimmvieh. Dann aber auch dem Volke, denn dieser Coriolan ist in seinem durch militärische Erfolge gespeisten Selbstbewußtsein gar zu dreist. An wen soll man sich da halten, wem seine Zuschauerseele schenken? Das Stück markiert freilich einen historisch interessanten Moment staatlicher Rechtfertigungskrise: Wer Konsul werden will, muß das Volk um Zustimmung bitten. Doch Coriolan verhöhnt die Massen nur.

Deklamation und großspurige Gestik

Regisseurin Deborah Warner kommt aus der britischen Shakespeare-Tradition – und damit wird es vollends fatal. Übermächtig das Erbe, gegen das sie sich kaum Frechheiten erlauben darf. Also ist Deklamation gefragt, große, ja großspurige Gestik, die der Aufführungsort sowieso verlangt. Und so gerät man stracks ins klassizistisch volltönende Staatstheater der 50er Jahre. Dabei wirken die Figuren in ihren antiken Gewändern doch so zeitlos gemeißelt.

Ein Theaterwunder, nicht genug zu bestaunen, wenn in solchen Zusammenhängen doch intensive Szenen gelingen. Besonders Bruno Ganz (Coriolan) und Hans Michael Rehberg als sein Vertrauter Menenius stehen dafür ein. Doch insgesamt schleppt sich die Handlung in endloser Rede und Widerrede dahin.

Bataillone von Statisten

Ganze Bataillone von lärmenden Statisten werden für die kriegerischen Szenen zwischen Römern und Volskern aufgeboten. Wenn sie auf die in drei Ebenen postierten rostigen Stahlplatten einschlagen, gemahnt dies freilich eher an Knastrevolte denn an Völkerschlacht.

Grandios immerhin die Sprechkultur auf der kaum sprachfreundlichen Riesenbühne. Eine große alte Tragödin wie Maria Wimmer (Coriolans Mutter Volumnia) ist hier ganz in ihrem Element, und auch Bruno Ganz glänzt in dieser Hinsicht.

Schmerzlich aber vermißt man auf Dauer eine zeitgemäße Aneignung des Stoffes. Mag ja sein, daß wir am Ende aller Ideologien angelangt sind. Aber deswegen schon beinahe meinungsloses Theater, ein bloßes Auf- und Abtreten teilweise großartiger Darsteller?

Kompromißlos ist Coriolan, jedem Taktieren abhold. Ein an sich sympathischer Zug. Doch er entlädt sich in grinsender Kriegswut und blindem Volkshaß. Und das Volk brüllt beisnnungslos seinen Tod herbei: „So soll es sein“, skandiert die Menge. Im selben Rhythmus, wie sie seinerzeit riefen: „Wir sind das Volk!“ So unterschiedslos verführbar zu Krieg, Frieden und Verfolgung wären wir also? Dann gehörte ja die Demokratie samt Tribunen zum Plunder der Weltgeschichte. Eine höchst bittere Erkenntnis, wenn es denn eine wäre.