Triumph für die Muse des Theaters – „Das Gleichgewicht“ von Botho Strauß in Salzburg uraufgeführt

Von Bernd Berke

Salzburg. Selten dürfte ein neuerer Theatertext so sehr aufs Wort belauert worden sein. Botho Strauß, immer schon zuständig für die „neueste Stimmung im Westen“, hatte vor einigen Monaten im „Spiegel“ seinen „anschwellenden Bocksgesang“ angestimmt und dabei mit brandgefährlichen Begriffen zwischen Blut, Boden und Kampfesehre gespielt. Desto mißtrauischer lauschte man jetzt bei den Salzburger Festspielen der Uraufführung seines Stückes „Das Gleichgewicht“.

Strauß ist hier ganz auf seiner eigenen Höhe. Zwischen allerlei Phantom-Liebe und versickernden menschlichen Beziehungen entfaltet er ein weites Panorama der Verluste. Verschleiert und verspiegelt: der zauberische Bühnenraum von Karl-Ernst Herrmann. Ähnlich ätherisch wie das Doppel-Leben jener Lilly Groth (Jutta Lampe). Nach einem Jahr der Trennung auf Probe von ihrem Mann, der in Australien Ökonomie lehrte, hat sie sich offenbar in eine eingebildete Zweit-Beziehung zu dem Rockmusiker Jacques le Coeur hineingesteigert. Ein zweites Leben neben dem ersten – nur so findet sie Halt und inneres Gleichgewicht.

Diese empfindliche, jederzeit bedrohte Ökonomie des Glücks spiegelt Strauß nun auf den verschiedensten Ebenen der Gesellschaft. Das Spektrum reicht vom verwahrlosten Milieu einer S-Bahn-Unterwelt (mit Rolltreppen abwärts) über eine von Spekulanten zum Abriß freigegebene Berliner Ladenzeile bis in die Vorräume der Macht. Auch sprachlich wird das Höchste mit dem Niedersten kunstvoll verwoben und verworren. Von Slapstick und Kabarett bis zum goetheschen Tonfall reicht das Spektrum, vielfältig wie das unübersichtliche Leben selbst. Ein ungeheuer reiches Stück, Strauß‘ größte Tat seit „Groß und Klein“.

Wir werden es gewiß noch in vielen anderen Inszenierungen erleben, doch schwerlich in einer besseren als jener von Luc Bondy. Ganz gleich, ob der Text in seltenen Sekunden zu raunen, zu dröhnen oder sich allzu weit zu erheben droht  – die Regie hat ihn vor jedem Abgleiten bewahrt. Auch das ein wunderbares Gleichgewicht. Und überhaupt klingt Strauß ja im Drama, im abwägenden, gegeneinander austarierten Dialog, allemal humaner als im hochfahrenden Monolog seiner Essays.

„Der Aufstand der Reinheit“

Hier, im Theater, verzeiht man auch eine Vision wie die von der „Säuberung durch Engelsstimmen“ und vom „Aufstand der Reinheit“, der alle Drogensüchtigen aus unseren Städten vertreiben müsse. Denn solche Sätze sind eingebettet ins Geflecht von Gegenstimmen.

Und welch ein Ensemble kann Bondy aufbieten, wahrhaft festspielwürdig! Jutta Lampe als „Lilly“ in all ihrer zarten Durchsichtigkeit, Brüchigkeit, Bedrängnis – und doch stark wie eine Heldin. Der majestätisch beruhigte Christoph (Martin Benrath), ihr Ehemann mit seiner Gleichgewichts-Philosophie des buddhistisch inspirierten Bogenschießens, des rechten Moments losgelöster Anspannung von Pfeil und Sehne. Sodann die phantastische Kirsten Dene (oh, alte Bochumer Peymann-Zeit!) und Martin Schwab als benachbarte Lädcheninhaber mit ihrer seit 15 Jahren unentschiedenen Buffo-Liebe. Selbst Nebenrollen sind mit Spielmagiern wie Fritz Lichtenhahn und Hans-Peter Hallwachs besetzt.

Man möchte schwelgen. Und es befällt einen der innige Wunsch, das Theater möge aus solcher Höhe nie mehr in den faden Alltag zurückfallen. Dann hätte sich alle Diskussion um seine Bedeutung erledigt. Die Muse Thalia würde triumphieren.

Brausenden, rauschenden Beifall gab es nach annähernd vier Stunden. Im Publikum saßen, neben zahlreicher Kultur-Prominenz, auch Leute wie der Chef der Deutschen Bundesbahn. Vielleicht ist auch er, für seinen Job, auf der Suche nach dem „Gleichgewicht“…




Neil Young am Rhein: Rock unter dem Regenbogen

Von Bernd Berke

Köln. Manchmal gibt es in Rockkonzerten überirdische Momente. So auch im Kölner „Tanzbrunnen“ am Ufer des Rheins, als Neil Young den alten Hit „Helpless“ anstimmt. Just bei den ersten Takten zieht ein prachtvoller Regenbogen über der Open-air-Szenerie auf. Da geht ein ergriffenes Raunen durchs Publikum.

Doch Neil Young ist durchaus von dieser Welt. Das drückt er schon mit seiner Kleidung aus. Im karierten Hemd tritt er in Köln auf. Derlei äußere Schlichtheit ist allemal sympathischer als die Eskapaden der Glamour-Boys des Rock. Worauf es ankommt: Musikalisch ist er den allermeisten turmhoch überlegen. Keiner außer Bob Dylan (aber der wirkt heute ausgebrannt) hat ein ähnlich breites Repertoire so guter Songs, keiner bleibt sich auch im ständigen Stilwandel so treu. kaum einer ist mit und ohne Verstärker gleich stark.

Die Vielzahl seiner Lieder hat nur einen winzigen Nachteil: Beim Live-Konzert wird es immer ein paar Dutzend Songs geben, die man auch noch gern gehört hätte. Doch den ganzen Neil Young wird man an einem Abend nie erleben – immer „nur“ den, der spontan beschließt, was er spielt und wie er es interpretiert.

In Köln bringt er kaum aktuelle Stücke, die Reise führt weit zurück in die Vergangenheit Stationen sind Klassiker wie „Needle and the Damage Done“ „Southern Man“ und „Like a Hurricane“. Spätestens bei einer neueren Nummer wie „Love to burn“, die er seinerzeit mit „Crazy Horse“ einspielte, fällt auf, daß „Booker T. & the MG’S“, mit denen er jetzt auf Tour ist, nicht ganz die aggressive Schärfe der Plattenversion erreichen.

Young & Co. liefern zwei pausenlose Stunden lang verdammt ehrliche Arbeit ab. Auf Distanz verliert sich ein Teil der Wirkung. Erst wenn man sich der Bühne nähert und sieht, wie Neil Young sich in jeden Ton und jeden Griff „hineinkniet“, springt der Funke über. Dann kann diese Musik fast so etwas wie Heimat und Bleibe sein. Und zugleich – wunderbares Paradox – eine Musik, die wie kaum eine andere zum Aufbruch, zum Immer-weiter-Gehen anstiftet. Das alles läßt sich nicht auf einen fest umrissenen Fankreis eingrenzen. Auch im „Tanzbrunnen“ sind sie alle vertreten – vom Schickimicki bis zu den Versehrten und Verwahrlosten diverser Szenen, „Normalos“ inbegriffen.

Natürlich werden lautstark Zugaben gefordert und gegeben: Das gute alte „Dock of the Bay“ von Otis Reading und Dylans „All along the Watchtower“. Vielleicht würde man an dieser Stelle noch lieber weitere Young-Kompositionen hören. Doch was soll’s. Jeder Song, den Young sich vornimmt, wird zum Young-Song. Zum Ausklang gibt es noch etwas zum Mitsingen, die Hymne „Keep on Rocking in the Free World“. Und damit verabschiedet sich der Kanadier auch schon aus Deutschland. Nur in Bad Mergentheim und Köln ist er aufgetreten. Ein seltsamer Tourneeplan.




Doppelte Urangst des Schriftstellers – Schrecken der Leere und der Überfülle in Paul Austers „Die Erfindung der Einsamkeit“

Von Bernd Berke

Es ist ein Standardthema der Literatur: Wenn die Eltern sterben, treibt es Schriftsteller in die Krise, drängt es sie zur Selbstschau: Wie bin ich geworden, was ich bin? Der Weg führt dann durch (Un-)Tiefen der Kindheit.

Der US-Autor Paul Auster findet in seiner Erinnerung einen Vater, der sich allen entzogen hat, der gar kein Innenleben zu haben schien, bei dem man ihn hätte „packen“ können. Einen Menschen, der immer fühllos abwesend zu sein schien: „Die Welt ist für ihn wohl ein ferner Ort gewesen, ein Ort, den er nie richtig hat betreten können…“

Das Unterfangen, sich auf die Spuren eines solch undeutlichen Menschen zu setzen, scheint von vornherein zum Scheitern verdammt. Gewiß, Auster (bzw. der Ich-Erzähler) kann ein paar Eigenschaften oder Verhaltensweisen benennen: des Vaters jüdische Herkunft, seine Emigration aus Österreich, seinen Immobilien-Job im Clan-Verbund mit den Brüdern, seine Arbeits- und Sparwut usw. Doch all das fügt sich nicht zum Bilde. Es erwacht eine Urangst des Schriftstellers: Versagt die Sprache vor dem Leben? „Porträts eines Unsichtbaren“ heißt dieser erste Teil des Buches. Das Bedürfnis, den verstorbenen Vater schreibend herbeizubeschwören, führt zur Resignation. Zitat: „… der leere Wahn, irgend etwas über irgend jemanden sagen zu wollen.“

Der zweite Teil heißt „Das Buch der Erinnerung“. Wir sehen den Autor in erbärmlicher Schreib-Einsamkeit, unbehaust in einer kalten Bruchbude in New York. Da setzt wiederum einer, dessen Vater gestorben und dessen Ehe gescheitert ist, das Puzzle seines Lebens zusammen. Je mehr der Erinnerungsstrom fließt, desto mehr häufen sich „Zufälle“, unterschwellige Anklänge: Alles reimt sich aufeinander, alles hängt zusammen, jedes Geschehen scheint eine Anspielung auf ein anderes Geschehen (gewesen) zu sein. Ist das tröstlich oder bedrohlich?

Die Phantasie bevölkert das einsame Zimmer bis zur Überfülle mit persönlichen Erinnerungen und Zitaten aus der Geistesgeschichte. Doch auch diese beinahe wahllose Fülle von Gedächtnis führt, wie anfangs die Leere angesichts des Vater-Porträts, in die Resignation des Schreibenden: „Nie wird die Feder sich schnell genug bewegen können, um jedes Wort aufzuschreiben, das im Raum der Erinnerung entdeckt wurde. Manches ist für immer verloren… Und über nichts davon kann man irgend sicher sein.“ Vergeblichkeit, wohin man blickt!

Entstanden in den späten 70er Jahren und 1982 in den USA erschienen, wird das Buch hierzulande an jene „nachgereicht“, die von Austers Romanen wie „Im Land der letzten Dinge“ angetan waren. Der Autor hat wohl versucht, eine Lebens- und Schreibkrise zu überwinden. Diese Selbsttherapie wird für den Leser jedoch nie penetrant. Und sie bildet das Fundament seiner Romane.

Paul Auster: „Die Erfindung der Einsamkeit“. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Rowohlt. 256 S., 36DM.




„Darüber reden“: Julian Barnes schickt drei Menschen auf den Markt der Liebe

Von Bernd Berke

Ein Mann heiratet. Dann spannt ihm sein bester Freund die Frau aus und ehelicht sie seinerseits. Kein weltbewegendes Geschehen, wenn man es kühl betrachtet.

Doch kann ein solcher Vorgang bekanntlich die größten Bestürzungen auslösen. Dann wird man vielleicht fieberhaft dies tun: „Darüber reden“. So heißt das neue Buch von Julian Barnes, einem Autor, der seit „Flauberts Papagei“ und „Eine Geschichte der Welt in zehneinhalb Kapiteln“ auch bei uns immer stärker beachtet wird.

Auf 263 Seiten breitet Barnes die Liebeswehen seiner Figuren aus. Alles in direkter Rede, so als sprächen die handelnden/erleidenden Personen den Leser direkt an, als bäten sie ihn um „objektive“ Zeugenschaft und Beistand. Oder wenden sie sich gar an eine Art „höhere Instanz“, die ein Urteil sprechen soll? Jedenfalls fühlt man sich sofort aufgenommen in den kleinen Kreis, man wird sogleich ins Vertrauen gezogen.

Barnes weiß eben sehr, ja beinahe zu gut, wie man Leser ködert. Er schreibt hinreißend, überrollt einen geradezu mit seinem Stil, der gleichsam perlt und prickelt. Da erzählt einer ebenso „süffig“ wie etwa John Irving.

Die drei Hauptpersonen: Stuart, ein stocksteifer Bankmensch; sein Freund Oliver, genialischer Hallodri – und das Objekt ihrer gemeinsamen Begierde, die Gemälde-Restauratorin Gillian. Barnes deutet an: So wie Gillian verborgene Schichten alter Bilder sichtbar macht, so kehrt die Liebe nach und nach immer andere Schichten der Persönlichkeit hervor.

Alle drei reden ganz verschieden und wandelbar. Stuart wirkt zunächst tapsig und naiv, dann kommen seine unterdrückte Wut und sogar Durchtriebenheit zum Vorschein. Oliver steigert sich eingangs in selbstverliebte Sprachräusche, wird aber kleinlaut, als er sich in Gillian verliebt. Und Gillian redet am Anfang ganz knapp und nüchtern, bevor sie sich zunehmend erhitzt.

Der Leser weiß immer etwas mehr als dieses Trio (zumal weitere Personen ihn mit Zusatzinformationen versorgen) und kann mit einer Mischung aus Besorgnis und Vergnügen ihre seelischen Irrungen und Wirrungen verfolgen: Drei Helden des Alltags, gesegnet und gepeinigt mit dem ganzen Plunder des menschlichen Innenlebens. Auch wenn rings die Computer blinken und alles voraus“ berechnen – in der Liebe ist ja bisweilen jede(r) hilflos wie ein Kind.

Ein Buch ohne „Moral“. Zwar dreht es sich auch um solche Fragen: Was kann die Ehe heute noch bedeuten? Ist wirkliche Liebe zu dritt oder viert möglich? Wie steht es mit dem Verhältnis von Liebe, Sex und Geld? Doch das ganze Geschehen „dreht“ sich halt wie ein Karussell, spielerisch und bunt. Wenn man denn schon Essenzen aus diesem Buch ziehen will, so könnten sie etwa so lauten: Weder gegen die Liebe noch gegen ihren Verlust vermag man etwas.

Endlos könnte man eben „darüber reden“, wie sie einen gnadenlos erwischt und verläßt. Zu Zeiten hitzig – und doch im Grunde tief ernüchtert. Denn offenbar folgen ja all unsere‘ Gefühle nur den grausamen Konkurrenz-Gesetzen eines Marktes…

Staunenswert die Übersetzung. Hier hat man den nicht gar so häufigen Fall, daß ein fremdsprachig verfaßtes Buch so frisch klingt, als sei es gleich auf Deutsch geschrieben worden.

Julian Barnes: „Darüber reden“. Aus dem Englischen von Gertrude Krueger. Haffmans Verlag. 263 Seiten. 36 DM.




Kirchenkunst: Gottes Bild wurde immer menschlicher – Prunkvolle Ausstellung „Imagination des Unsichtbaren“ in Münster

Von Bernd Berke

Münster. „Du sollt dir kein Bildnis machen.“ Ein ehernes Gebot aus früher Christenzeit. Wie prunkend sich später die Katholische Kirche darüber hinweggesetzt und der menschlichen Bilderlust nachgegeben hat, zeigt die Ausstellung „Imagination des Unsichtbaren“ in Münster.

Anlaß der durch Fülle und Pracht überwältigenden Schau ist das 1200-jährige Stadtjubiläum Münsters. Präsentiert werden rund 700 religiöse Kunstwerke, die seit der Zeit des ersten Münsteraner Bischofs Liudger (Amtsübernahme im Jahr 805) für das Bistum entstanden sind. Vielfach handelt es sich um sonst unzugängliche Leihgaben aus den Schätzen westfälischer Pfarreien. Doch das wohl kostbarste Exponat, das Stundenbuch der Katharina von Kleve (um 1440), kommt aus New York.

Aus dem religiösen Kontext gelöst, wird alles Augenschmaus: Kreuze aus purem Golde, wundervolle Altarbilder und Heiligen-Statuen, reich verzierte Handschriften, liturgische Gerätschaften, Monstranzen, Reliquien-Behältnisse und allerlei sonstiges Ornat.

Gleichsam im Zeitraffer läßt sich der Wandel des Gottesbildes in der Kunst nachvollziehen. In der Romanik wurde Christus noch als unnahbarer Weltenrichter dargestellt, in der Gotik betonte man seine Leidensgeschichte, wodurch auch irdisch-menschliches Mitgefühl ins Spiel kam. Im Barock ging es dann vollends sinnlich zu. Viele Künstler sahen Jesus nun als schönen, ja athletischen Mann, was zugleich als Ausdruck geistiger Vollkommenheit galt. War die Vorstellung von Gott bis dahin allgemeingültig, so wich sie in späteren Jahrhunderten einem bunten Pluralismus. Gott sah so aus, wie das Individuum es wollte.

Man findet in dieser Ausstellung nicht nur Kunst aus Westfalen. Auch auswärtige Künstler, etwa aus Augsburg oder Nürnberg, bekamen kirchliche Aufträge aus dem Bistum Münster. Die Westfalen wiederum nahmen Einflüsse aus Flandern oder Brabant auf. Wo so reger Austausch herrscht, stellen sich Phasen der Kunstblüte ein. Ausstellungsleiter Dr. Géza Jászai ist überzeugt, daß Westfalen sich in Sachen religiöser Kunst nicht hinter Zentren wie Prag oder Salzburg verbergen muß.

Wer zählt die Stücke, nennt die Namen? Man sollte keine Hierarchie der Werke aufstellen, es kommt hier vornehmlich auf ihr Zusammenwirken an. Regionalgeschichtlich ist sicher die Muttergottes aus Lünen (St. Marien-Kirche, um 1250) interessante, aber wer wollte sie einem Borghorster Kreuzreliquiar (um 1050), einem kunstvoll ornamentierten Münsteraner Taufbecken (um 1345) oder Heinrich Brabenders letzter Skulptur (Apostel Petrus und Paulus) vorziehen?

Selbst Atheisten dürfte hier so etwas wie Andacht anwandeln. Und auch wer nur noch in Zahlen denken kann, mag sich immerhin klarmachen, daß christliche Werte zumindest in materieller Hinsicht nicht geschwunden sind.

„Imagination des Unsichtbaren“ – 1200 Jahre Kunst im Bistum Münster. Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster (Domplatz). 13. Juni bis 31. Oktober. Tägl. außer montags 10-18 Uhr. Eintritt 6 DM, zweibändiger Katalog 60 DM.




Frank Sinatra: Hymnen aus dem Herzen von Amerika

Von Bernd Berke

Dortmund. Seine Stimme ist etwas brüchig geworden. Doch er hat’s noch: Feeling für den Swing. Ausstrahlung. Draht zum Publikum. Frank Sinatra gab in der nicht ausverkauften Dortmunder Westfalenhalle ein bewegendes Konzert zum Auftakt seiner wohl letzten Deutschland-Tournee.

Wer die Halle sonst eher durch Rockkonzerte kennt, sieht es mit Staunen: Die Seitenwandungen sind mit weißem Tuch verhüllt, die Ordnungskräfte bleiben so gut wie unsichtbar. Tumulte muß bei dieser Gala niemand fürchten. Die Leute (von 20 bis 70, mit Schwerpunkt bei mittleren Semestern) haben sich extra fein gemacht und benehmen sich respektvoll, wie es einem älteren Herrn gebührt.

Wer aber hat nur vorher das häßliche Gerücht aufgebracht, der 77 jährige Sinatra werde gleichsam auf die Bühne getragen und dann am Barhocker festgeschnallt? Nichts da! Er bestreitet fast seinen gesamten 75-Minuten-Auftritt im Stehen. Hilfe nimmt er nur für sein Gedächtnis in Anspruch. Wer will es ihm ankreiden? Auf Bildschirmen laufen die Texte in großer Schrift mit. Auch ist Sinatra schon mal der Name eines Komponisten oder Arrangeurs entfallen. Da hilft der Chef der Big Band – niemand anderes als Sohn Frank Sinatra junior – gerne mit Zurufen aus.

Noch einmal „Strangers in the Night“

Doch wie „Frankie-Boy“ seine immer noch virile Stimme einsetzt, wie er mit sparsamen Gesten gewisse Zeilen unterstreicht und in der Riesenhalle intime Nachtbar-Atmosphäre aufkommen läßt, das macht ihm so keiner nach.

Natürlich singt er seine Millionenseller, allen voran die ganz großen Drei: „Strangers in the Night“, „New York“ und, als Schlußtitel, „My Way“. Jeder Song eine Hymne für sich. Amerika pur, unverdünnter Whisky, reine Goldnuggets. Bei „Mack the Knife“ (Mackie Messer) von Brecht/Weill legt er sich ins Zeug, daß man beinahe Angst bekommt. Und wenn „The Voice“ Melodien von Cole Porter anstimmt, wird auch dessen Geist lebendig.

Nicht zu vergessen diese lakonischen Ansagen und Bewegungen eines Mannes, der alle Höhen und Tiefen erlebt hat und nun nicht mehr viele Worte machen muß. Wenn Sinatra sich auf der Bühne eine Zigarette anzündet, ist das eine kleine Festlichkeit, beiläufiges Zitat zur eigenen Legende. Andere brauchen gigantische Lightshows, um über die Rampe zu kommen. Sinatra braucht hin und wieder nur ein Feuerzeug.

Starker Rückhalt ist die Big Band, die das Publikum zu Beginn mit dem eminent begabten Jazz-Gitarristen und Sänger John Pizzarelli einstimmt. Auch Sinatra kann sich dann auf die 24 Musiker in jeder Sekunde verlassen. In der diesmal sehr ordentlichen Akustik der Halle kommen etwa die Bläsersätze glasklar, schmetternd und schneidend an. Da bedauern es manche nur, daß sie so still eingepfercht sitzen müssen bei solch tanzbarer Musik.

Sinatra lobt die Halle. Er kenne kaum eine bessere Konzert-Arena. Besonders wichtig: ringsum gebe es viele „Saloons“. Das Publikum lobt zehnfach zurück. Immer wieder gibt es standing ovations. Am Schluß, als er die Bühne verläßt wie für immer, stehen besonders einigen „Ladies“ die Tränen in den Augen. Wie singt Frankie doch: „I got you under my Skin“. That’s it. Ein Abschied, der unter die Haut geht.




Fremdling auf der Erde – Bilder von Auguste Chabaud in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Paris behagte ihm nicht, in der Provence fühlte er sich auch nicht wohl. Auguste Chabaud (1882-1955) war ein Fremdling auf Erden. Jetzt zeigt das Wuppertaler Von der Heydt-Museum eine große Retrospektive mit 120 Ölbildern und 100 Zeichnungen – Wiederentdeckung einer vergessenen Nuance der Moderne.

Die Franzosen haben den Beginn der Chabaud-Renaissance verschlafen. Zwar richteten sie ihm 1992 in Graveson (bei Avignon) ein Museum ein, doch da hatte längst der Bochumer Galerist Alexander von Berswordt-Wallrabe die Bedeutung Chabauds erkannt und den Anstoß für die jetzige Schau gegeben.

In seinen besten Jahren, etwa um 1907, war Chabaud ein Meister der kühnen optischen Raffung: ein paar Striche, ein Auge – fertig war die Schafherde. Ein roter Hotelflur, zwei Türen, unter denen ein schmaler Lichtstrahl hervorscheint, ein Fuß auf der Treppe – ein Bild der Einsamkeit. Geradezu tolldreist auch die Draufsichten nach Art von Luftbildern, etwa auf Kampfarenen.

1899 war Chabaud aus seiner südfranzösischen Heimat nach Paris gezogen. Die Stadt, von der so viele schwärmen, gefiel ihm nicht. Mächtig muß er sich fortgesehnt haben. Immer wieder malt und zeichnet er jene kleinen und großen Fluchten: abfahrende Züge und in unbestimmte Fernen gleitende Seine-Schiffe, dazu Brücken, die immer aus dem Bild und damit aus der Gegenwart herausführen. Auch das nächtliche Paris mit seinen sexuellen Lockungen hat ihn wohl mehr gequält. Kokotten und Bordellszenen zeigt er in bedrohlich gleißendem Rot.

Und dann Südfrankreich. Welches Lodern, welche Helligkeit haben van Gogh, Matisse oder Bonnard dort gesehen! Nichts davon bei Chabaud. Fast immer lastet ein gewitterschwerer Himmel auf den Szenen des Landlebens, die wenigen Menschen huschen dahin wie Geprügelte.

Vielleicht lag es auch an den Umständen. 1917 hatte sich sein Vater das Leben genommen. Auguste mußte nicht nur den Bauernhof der Familie bewirtschaften, sondem auch acht Kinder ernähren. Als Greis hat er dann seinen Frieden mit der Welt geschlossen. Künstlerisch hat ihm das geschadet. Leider sogar rückwirkend, denn Chabaud machte sich über ältere Bilder her, um sie zu verbessern. Doch er hat sie verwässert.

Auguste Chabaud. Von der Heydt-Museum. Wuppertal (Turmhof 8). 30. Mai bis 18. Juli. Di-So 10-17, Do 10-21 Uhr. Katalog 45 DM.




Das Abendland endet auf dem Herrenklo – Dramen von Marlene Streeruwitz und Volker Braun bei „Stücke ’93“

Von Bernd Berke

Mülheim. Es war fast wie im Fußballstadion, wenn die eigene Elf gar nichts zustande bringt. „Aufhören-Aufhören!“-Rufe dröhnten durch die Mülheimer Stadthalle, etwa ein Viertel des Publikums suchte während der Darbietung das Weite. Marlene Streeruwitz‘ Drama „New York. New York.“ lag beim Wettbewerb „Stücke ’93“ am Rande des Theaterskandals.

Schauplatz ist eine Wiener Herrentoilette, in die auch zahlreiche Damen strömen. Das Personal besteht vornehmlich aus Nutten, Strichern und anderen Gestrandeten. Wir werden Zeugen ungebrochener Gewalt. Da schlägt etwa der Zuhälter eine Dirne blutig. Anschließend vergreifen sich andere Toilettenbesucher an ihr und schleifen die Schwerverletzte halbnackt über die Bühne. Dann taucht eine japanische Reisegruppe auf. Eigentlich wollen sie ja das historische Klo besichtigen, auf dem schon Kaiser Franz Joseph huldvoll seine Notdurft verrichtet haben soll. Doch dann nutzen sie wieselnd die Gelegenheit und fotografieren die Mißhandlung der Frau.

In diesem Stile geht es zwei pausenlose Stunden lang weiter. Jens-Daniel Herzogs Inszenierung (Münchner Kammerspiele) führt nur bizarre Zustände am Rande der Gesellschaft vor Augen, verweigert jederlei Sinngebung. Wie im abgedroschensten naturalistischen Drama wird alles in quälender Echtzeit durchlitten. Auch wenn die alte Toilettenfrau Horvath (Heide von Strombeck), die bei all dem Geschehen strickend dasitzt wie eine Höllenwächterin, einmal die Emailschüsseln reinigt, sehen wir das ungekürzt.

Welche Kultur-Mafia steckt wohl dahinter?

Irgendwann denkt man: Welche Kultur-Mafia hat nur dieses Werk in die Auswahl zum besten Stück des Jahres bugsiert? Natürlich sollte man sich an diesem Punkt sogleich selbstkritisch fragen, woher das Unbehagen kommt. Liegt’s daran, daß man so hilflos im Sessel sitzt, jeglicher Gewalt optisch ausgeliefert? Und warum erträgt man Abbilder der Realität in den Fernsehnachrichten so viel kühler?

Doch derlei Gedanken machen das jammervolle Abort-Stück, das aus unerfindlichen Gründen mit Mythen aus Antike und Hollywood-Kino durchsetzt ist, kaum besser. Diese Mythen werden mit in den apokalyptischen Orkus gezogen: Spülung betätigen und weg mit dem ganzen Abendland. Wenn denn Marlene Streeruwitz als große Hoffnung des deutschsprachigen Theaters gilt, so lasset uns verzagen!

Theater auf dein Rückzug – das gilt auch für Volker Brauns „Iphigenie in Freiheit“. Der Ex-DDR-Autor trauert dem zweiten deutschen Staat oder einer verbesserten Neuauflage desselben nach. Er verdeutlicht seine Resignation in einem Kalauer: „Wir sind das Volk“ habe es einst geheißen, jetzt nur noch: „Ich bin Volker.“ Rette sich, wer kann – vor der Wiedervereinigung. Doch da ist keine Rettung, nur Vereinzelung; so auch bei jener Iphigenie, die gleichsam an den Westen verhökert wird und darüber bittere Klage erhebt.

Das Staatstheater Cottbus (Regie: Karlheinz Liefers) müht sich, den wie eine Ursuppe wirkenden Text zu gliedern. Die Chorpassagen erinnern in ihrem Stakkato an Agitprop. Doch das Ensemble steht auch für individuelle Sprechkultur. Trotzdem: Viel mehr, als diesen an der Bühne vorbei geschriebenen Text zu Gehör zu bringen, vermag man nicht.

Nun folgen beim Mülheimer Wettbewerb noch Stücke von Peter Handke, Dea Loher und Rainald Götz. Hoffen wir also darauf.

 




Die Kinder der Revolte machen bruchlos weiter – Das legendäre „Living Theatre“ bei den Ruhrfestspielen

Von Bernd Berke

Recklinghausen. So kann man’s machen: Auf der Hinfahrt zum Theater den Cassettenrecorder oder Walkman mit Musik der 60er Jahre laden. Mit Stones, Doors, Velvet Underground & Co. Dann ist man emotional ungefähr da, wo das „Living Theatre“ noch heute leibt und lebt: mitten in den Jahren der Revolte.

Die Kinder dieser Zeit machen bruchlos weiter, als sei seit jenen 60ern nichts geschehen. Diesen Eindruck, von dem man nicht recht weiß, ob man ihn verheißungsvoll oder befremdlich finden soll, nimmt man aus Recklinghausen mit. Dort tritt die legendäre New Yorker Theatertruppe bei den Ruhrfestspielen auf. Steckbrief: 1951 von Julian Beck (†) und Judith Malina gegründet, in den 60er Jahren d a s freie Theater überhaupt und eine Mutter der Alternativ-Szene. „Paradise Now“ hieß das bekannteste Projekt, der Aufschrei einer Generation.

Das neue Stück „Rules of Civility“ (etwa: Anstandsregeln) entstand durch Zufall. Bei einem Ausflug kam die Gruppe, die bis heute als Kommune zusammenlebt, in ein Nationalmuseum. Man fand dort eine Broschüre über den US-Gründervater George Washington (1732-1799). Der vermeintliche Erz-Demokrat hatte in 110 Regeln dargelegt, wie er sich das rechte Leben vorstellte. Essenz: Immer schön Respekt vor den Höhergestellten haben. Und immer saubere Fingernägel vorzeigen.

Sonnenklar, daß ein solches Korsett den Nachfahren von ’68 mißfällt. Das „Living Theatre“ zeigt nun, mit recht simplen darstellerischen Mitteln, wie solche Regeln, wenn sie von Menschen gegen Menschen durchgesetzt werden, direkt den menschlichen Körper betreffen, ihn gewaltsam einschnüren, zurichten, zurechtbiegen.

Sie sind so naiv und so schrecklich sympathisch

Die Darsteller schwärmen auch, nach ihrer Gewohnheit, ins Publikum aus und rufen damit Angstlust im Parkett hervor. Alle 110 Paragraphen werden in der englischsprachigen Aufführung zitiert und musikalisch unterlegt, der Präsidenten-Patriarch betritt als Doppel-Figur (Erwachsener und Kind) die Bühne. Hauptrequisit ist eine Ananas, die als Zeichen für Kolonialismus herhält.

Es wäre leicht, sich ironisch über die Sache herzumachen, so naiv bezieht das „Living Theatre“ George Washington auf die Gegenwart. Dessen Regeln, so ruft man uns inbrünstig von der Bühne aus zu, seien Regeln des Krieges — aus ihnen ableitbar sei Amerikas fatale Weltpolizistenrolle. Und alles, was sie uns gezeigt haben, sagen sie auch noch viele Male: All‘ diese Regeln müsse man brechen, dann werde die Welt besser.

Schön war’s ja: Wir alle benehmen uns spontan — und alsbald herrscht Frieden. Man möchte dem „Living Theatre“ seine Botschaft gerne glauben. Die Truppe ist so mit sich im Reinen, geradeaus und ehrlich. Sie sind gewiß nicht die besten Schauspieler, aber sie sind schrecklich sympathisch.

Im Grunde vollführt man ein Schattenboxen gegen Washington. Seine strikten Benimmregeln sind eh längst außer Kraft. Ja, vielleicht brauchen wir gar das Gegenteil: Mehr statt weniger Form im Zusammenleben. Wenn auch nicht im stocksteifen Sinne Knigges oder Washingtons.

Aber der Schluß ist stark: Da ziehen die Leute von „Living Theatre“ in einer Lichterprozession mit dem Publikum ins Freie – zur stillen Meditation. Rund ums „Depot“ hört man nun Vogelstimmen in der Abenddämmerung. Wer weiß: Vielleicht wird doch noch alles, alles gut…




…doch Heidegger stieg durchs Gebirge – Elfriede Jelineks „Totenauberg“ bei den Mülheimer Stücketagen

Von Bernd Berke

Mülheim. Vor dem Juhnke-Rummel * hatten die Mülheimer Stücketage mit Elfriede Jelineks „Totenauberg“ begonnen, einem Drama über den Philosophen Martin Heidegger (1889-1976). Der war ein Brocken aus Granit.

In seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ genügte ihm der Begriff „Sein“ keineswegs. Er erfand z. B. auch noch „das Seiend“ und „die Seiendheit“ hinzu. Hut ab vor Elfriede Jelinek, weil sie – in Nachvollzug und Parodie – solchem Kauderwelsch eine poetische Sprache abgewann. „Totenauberg“, hier in der Fassung des Wiener Burgtheaters (Akademietheater) zu sehen, bezieht sich im Titel auf Heideggers Denkerklause im schwäbischen Todtnauberg. Derlei Wortspiele prägen den Text. Er stellt Heideggers Sprechblasen auf seine Weise so wirksam unter Verdacht wie 1964 Theodor W.Adornos Abrechnung („Jargon der Eigentlichkeit“).

Mehr noch. Das Stück konfrontiert den greisen Philosophen, der sich als Freiburger Uni-Rektor emsig mit den Nazis einließ (der Geistesriese als Moralzwerg), mit der jüdischen Denkerin Hannah Arendt. Die war als junges Mädchen in Heidegger verliebt – und wurde 1933 ins Exil getrieben, just als Heidegger seine großdeutsche Erweckung erlebte.

Trotzdem ist das Stück keine Heidegger-Schelte, sondern eine graue Litanei. Ein Alptraum aus Worten. Frau Jelinek versetzt die langen Monologe mit Passagen über furchtbar-fruchtbare Mutterschaft, Tötung „ungesunden“ Lebens, Tourismus, Naturzerstörung, Heimat, Fremde und Exil. Da tun sich Wunden auf, die auch in der Gegenwart nicht verheilt sind.

Österreichs Alpen bilden die Kulisse. Die Schauspieler müssen auch wirklich Text-Berge bewältigen, die Regisseur Manfred Karge freilich (bis an den Rand des Zulässigen) abgetragen hat. Hätte er nicht ein so großartiges Ensemble (u. a. Martin Schwab, Therese Affolter, Lore Brunner), wäre jeder Gag eine Qual. Das Ganze ist nicht für die Spielpraxis geschrieben, es ist eine harsche Herausforderung an die Bühne. Aber Jelineks kunstvolle Sprache will nicht nur gelesen, sondern gesprochen und gehört sein. Also doch eine Theatersache, wenn auch eine sperrige.

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* Juhnke-Rummel: Peter Turrinis Stück „Alpenglühen“ konnte in Mülheim nur als Lesung aufgeführt werden, weil Hauptdarsteller Harald Juhnke kurzfristig ausfiel… (darüber berichtete der WR-Kollege Rolf Pfeiffer).




Leergepumptes Herzensbett – Jeanette Wintersons schwülstiger Liebesroman „Auf den Körper geschrieben“

Von Bernd Berke

Lassen wir Jeanette Winterson und ihre Übersetzerin für sich selbst sprechen.

Seite 89: „Sie wölbt ihren Körper wie eine Katze, die sich streckt. Sie drückt mir ihre Muschel ins Gesicht wie ein Füllen am Gatter.“ Hei!

Seite 100: „Sie küßte mich, und in ihrem Kuß lag die Komplexität der Leidenschaft… Ich war schüchtern wie ein ungezähmtes Fohlen.“ Mh!

Seite 124: „Ein Schatz war uns in die Hände gefallen, und der Schatz waren wir selbst füreinander.“ Aha!

Seite 138: „Ich will kein Kissen, ich will dein lebendiges, atmendes Fleisch.“ Ja, wer würde da schon ein Kissen vorziehen?

Seite 160: „Die körperliche Erinnerung tappt durch die Tür herein, die der Geist zu versiegeln trachtete.“ Wie bitte?

Seite 227: „In dem leergepumpten, ausgetrockneten Bett meines Herzens…“ Man sieht sie direkt vor sich, diese Schlafstatt. Vermutlich eine Luftmatratze.

Genug der Zitate. Man könnte sie, in ähnlicher Stilblüten-Güte, seitenweise fortsetzen.

Das Buch „Auf den Körper geschrieben“ (armer wehrloser Körper) kreist, wie man schon ahnt, um Liebe. Und ist es auch sonst elend geheimnislos, so läßt es doch über einen Umstand rätseln: Ist die Erzählerfigur, die da reihenweise Frauen erobert und dann stammelnd einer ganz großen Leidenschaft zu einer krebskranken Arztgattin anheimfällt, Männlein oder Weiblein? Da an keiner Stelle „penetriert“ wird und die Autorin bekennende Lesbierin ist, darf man getrost von Möglichkeit Nummer zwei ausgehen. Doch im Grunde ist auch das nicht interessant. Denn ganz gleich, um welche Ausprägung von Liebe es hier geht – sie wird unter Schwulst begraben. Nichts, aber auch gar nichts gegen einen großen Roman über lesbische Liebe. Aber vieles gegen derlei haltloses Geschreibsel.

Als „kluges, rätselhaftes, erotisches Buch“ preist der Verlag das Werk der britischen Bestseller-Autorin. an, die nun offenbar alle literarischen Skrupel fahren läßt. Man bekommt direkt Angst vor Frevel, wenn sie große Vorbilder wie Shakespeare oder das biblische Hohelied der Liebe aufgreift.

Auch die Übersetzung scheint ihren Teil zum Unglück beigetragen zu haben. Kostprobe: „War es um die verlorene Verbindung zu den Großen und Würdigen der Gesellschaft.oder war es um ihre Tochter?“ Ja, um was wird es denn wohl gewesen sein?

Hat das Lektorat des Fischer-Verlages geschlafen?

Jeanette Winterson: „Auf den Körper geschrieben“. Roman. Aus dem Englischen von Stephanie Schaffer-de Vries. S. Fischer Verlag. 236 S., 36 DM.




Was rund um den Turm von Babylon geschah – Münsteraner Ausstellung über die biblisch berüchtigte Stadt

Von Bernd Berke

Münster. Wer gelegentlich Reggae-Songs hört, kennt die Formel: Viele politisch bewußte Schwarze verwenden heute das Wort „Babylon“ als Schlüsselbegriff, der die Verderbnis der ganzen westlich-weißen Kultur meint. Das Stadt-Bild aus der Bibel wirkt mächtig bis in unsere Tage weiter. Jetzt rankt sich die archäologische Ausstellung „Wiedererstehendes Babylon“ in Münster um Legende und Wirklichkeit des berühmten Turmbaus zu Babel.

Die Wissenschaft weiß heute ziemlich genau Bescheid über den Turm, mit dem laut Bibel (Buch „Genesis“) überhebliche Menschen so hoch hinaus wollten, daß sich zur Strafe ihre Sprache verwirrte. Der historische Bau aus der Zeit Nebukadnezars (604-562 v. Chr.) hatte eine Grundfläche von etwa 90 mal 90 Metern. Man kann die Kantenlänge einer Seite sogar zentimetergenau mit 92,13 m angeben. Die Höhe dürfte rund 90 Meter betragen haben. Ein Modell in der Münsteraner Ausstellung gibt den neuesten Stand der Forschung wieder. Aber auch einige künstlerische Phantasien über den Turmbau sind zu sehen.

Der Koloß ist von Fronarbeitern errichtet worden, darunter auch Juden. Später wurde er mehrfach geschleift und überbaut. Im obersten Geschoß des frühen Wolkenkratzers befanden sich Kulträume, u. a. ausgestattet mit einem goldenen Bett, in dem der König an hohen Feiertagen der obersten Priesterin beiwohnte — eine religiöse Zeremonie der Fruchtbarkeit…

Doch nicht nur über den Turm gibt die Ausstellung Auskunft, sondern auch über einige Aspekte babylonischen  Alltags. Leitlinie der in Berlin entwickelten, aber mit rund 80 Exponaten aus westfälischen Sammlungen angereicherten Schau, sind die 1898 begonnenen Ausgrabungen der deutsehen Orient-Gesellschaft. Damaliger Zeithorizont: Die Deutsehen wollten, wie leider auch auf anderen Gebieten, „Weltgeltung“ erlangen, indem sie mit dem Louvre und dem British Museum gleichzogen.

Zur Münsteraner Schau mit ihren 235 Original-Exponaten gehören z. B. Schminktöpfe, Münzen, mühsam zusammengesetzte Scherben (Löwen-und Drachen-Darstellungen für einen Prozessionsweg) oder Keilschrift-Tafeln. Kurios: ein Täfelchen mit ganz verschlungenen Strichen. Die scheinbar nur ornamentalen Schlangenlinien sind in Wahrheit Lehrbeispiele für Gedärme-Lagen, nach denen man per Eingeweideschau die Zukunft prophezeite.

Zurück in die Gegenwart: Babylon liegt auf dem Gebiet des heutigen Irak. Bis 1978 ließen die Irakis auch internationale Grabungsteams zu, seither machen sie allein weiter. Die Sache gilt als nationale Aufgabe im Sinne Saddam Husseins, der sich gern als Erbe  einer Weltkultur sähe. Im Golfkrieg von 1991 sei, so Münsters Museumsleiter Dr. Harald Polenz, die Gegend von Babylon nicht betroffen gewesen.

„Wiedererstehendes Babylon“. Westfälisches Museum für Archäologie, Münster, Rothenburg 30 (Nähe Domplatz). 16. Mai bis 22. August. Tägl. außer Mo. 10-18 Uhr. Begleitheft 15 DM.




Literatur im Zeichen der Zahlenmystik – ein großer Roman dieser Zeit

Dieser Roman kommt mit enzyklopädischem Anspruch daher: Von Aach (Allgäu) bis Zyfflich (Niederrhein) will er Sein und Wesen der deutschen Nation faßbar machen. Das Titelbild – ein fast fertiges Puzzle dieses Landes – signalisiert ein spielerisches Element, doch enthält es auch einen subtilen Verweis auf Grübelzwang.

Das Leitmotiv einer anderen deutschen (Un-)Tugend wird hier auch schon früh angeschlagen: „alphabetisch geordnet“, heißt es da. Nur: Im Laufe der Lektüre wird klar, daß auch labyrinthisches Chaos in diesem Kosmos Platz hat. Der Autor, von dem wir hier den ersehnten Roman unserer Generation haben, bleibt ungenannt. Wie viele der ganz Großen {Shakespeare, Thomas Pynchon) tritt er hinter sein Oeuvre zurück und bleibt selbst eine Rätselfigur. Er geht mitunter sehr behutsam vor. Zitat Seite 395, aus dem furiosen Kapitel „Dortmund“: „Am Ostheck 44309 – Am Ostpark 44143 – Am Overhagen 44319″.

Die Wahrheit wird umschmeichelt

Also nicht gleich „Im“, sonder „Am“, später manchmal auch „Zum“. Keine faustische Suche nach der Weltformel, sondern vorsichtige Annäherung an die Gegenstände. Literatur der kleinen Schritte. Bewußtsein, daß nicht alles sagbar ist. Wahrheit wird nicht im Sturm erobert, sondern umschmeichelt.

Fast im selben Atemzug bezieht sich der Autor (oder: die Autorin?) auf eine machtvolle Tradition aus Bibel und Mittelalter: Zahlenmystik! Symbolkräftig die fünfstelligen Ziffern – scheinbar präzise und doch abstrakt, losgelöst von allem Wirklichen. Wann hat man zuletzt so sparsame und lakonische Prosa genießen dürfen?

Ganz im Sinne der Post-Moderne

„Das Postleitzahlenbuch“ (Verlag Postdienst — Deutsche Bundespost, 986 Seiten) ist in der deutschen Nachkriegsliteratur bestenfalls mit Monumentalwerken wie Arno Schmidts „Zettels Traum“ zu vergleichen. Ganz im Sinne der Post-Moderne sammelt es, scheinbar unterschiedslos, historische Bestände aus allen Epochen ein – von der Luthergasse über die Goethestraße bis zum Adenauerplatz.

Zugleich will der Autor Kunst und Leben innig verbinden. Kein Rückzug in den Elfenbeinturm, sondern festes Vertrauen auf alltägliche Anwendbarkeit von Literatur. Man kann dieses Buch auch in froher Runde nutzen, für Ratespiele etwa. Besonders Teil zwei — weit ausgreifender historischer Exkurs im Gewand eines Straßenverzeichnisses von 209 Gemeinden — bietet hierfür unschätzbare Materialien. Wo existiert noch eine Karl-Marx-Straße? Gibt es mehr Goethe- oder mehr Schillerstraßen? Und dann das „Ortsteileverzeichnis“. Zitat: „Kreuzberg — Schöneberg — Tiergarten“. Welche Fülle von Assoziationen in diesem Dreiklang!

Durchweg herrscht zeitgemäßes Verständnis von Literatur: Der Text ist nur ein Angebot, der Rezipient (sprich: Leser) muß es bei der Lektüre vollenden. Konsequent wird dies hier durchgehalten —bis zum Schluß, wo man unter der Überschrift „Ihr persönliches Postleitzahlenbuch“ Raum für eigene Kreativität findet.

                                                                                                                Bernd Berke




Jannis Kounellis: Die Kunst erhebt sich aus der Asche

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Wir sind hier nicht in der Luxus-Abteilung: Drahtgitter, verschmutzte Leinensäcke, rostender Stahl, nackte Glühbirnen. Bruchstücke von Kohle. Bei Jannis Kounellis scheint die Kunst beinahe buchstäblich in Sack und Asche zu gehen.

Ist Kounellis ein Büßer inmitten der genußsüchtigen Konsumwelt, eine asketische Gegenfigur etwa zu Andy Warhol, dem Schöpfer der schicken Oberflächen; hingegen ein Bruder des Herrn Joseph Beuys mit Fett und Filz?

Der weltbekannte Kounellis, dem die Ruhrfestspiele jetzt eine große Einzelausstellung widmen, stammt aus Piräus/Athen. Seit vielen Jahren lebt er in Rom. Zeugnisse der Antike umgeben ihn, seit er die Augen aufschlug. Vielleicht wirken deshalb manchmal die Materialien, die er benutzt, als seien sie aus vagen Vorzeiten übrig geblieben, als habe keine Künstlerhand sie je berührt.

Doch gewiß hat das alles mit uns zu tun und gehört ganz ins Heute: Da steht etwa ein schlichtes Eisenbett, belegt mit staubigen Decken. Eine Asyl-Szenerie? Nur nicht vorschnell das Naheliegende hinzudenken. All das will erst einmal ausgiebig betrachtet sein. Freilich: Schräg gegenüber hängen einige ausgebeulte Mäntel. Tatsächlich könnte es also um das Thema Bleibe und Flucht gehen. Doch Vorsicht! Kounellis entwirft keine bildhaften Situationen, um damit etwas zu kommentieren. Er baut Energiefelder. Und in denen erhebt sich die Kunst, die doch in Sack und Asche zu gehen schien, zuweilen wie ein Phönix.

Kohlestücke, sorgsam nach Größe mit Drähten eingefaßt, hängen von der Decke herab. Rätselhaftes Rudel. Was von ganz unten, tief aus dem Bauch der Erde kommt, schwebt plötzlich über dem Betrachter. Dann findet man Kohle auf Stahlplatten wieder. Das „schwarze Gold“ ist nun so angeordnet, daß es wie eine urtümliche Schrift wirkt: ein Stück – ein Wort; zwei oder drei Stücke – ein Satz.

Kohle und Stahl. Da war doch was? Tatsächlich hat sich Kounellis vor dieser Ausstellung im Ruhrgebiet umgetan. Und tatsächlich passen diese Montan-Materialien wie angegossen zu seiner „arte povera“, jener „armen Kunst“ also, die sich mit unscheinbaren Stoffen begnügt. Es ist, als habe er von jeher damit gearbeitet. Mehr noch: Die Kunsthalle Recklinghausen, ehemaliger Weltkriegs-Bunker, eignet sich in ihrer etwas rohen Anti-Architektur hervorragend gerade für diese Ausstellung. Kounellis hat sogar dafür gesorgt, daß nachträgliche Einbauten, Ecken und Kanten in der Kunsthalle wieder entfernt wurden.

Erstmals geben die Ruhrfestspiele einem einzelnen Künstler solch breiten Raum. Das war eine weise Entscheidung. Denn Werke von Kounellis kommen erst wirklich zur Geltung, wenn sie ungestört einen ganzen Ort „besetzen“ und durchdringen können.

Jannis Kounellis. Kunstausstellung der Ruhrfestspiele. Kunsthalle Recklinghausen. 2. Mai bis 11. Juli. Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-17 Uhr. Katalog 35 DM.




Durch die Hölle in das sittsame Leben – Graphik von Hogarth und Chodowiecki in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Die Tugend kann man den Menschen auf zweierlei Art beibringen: Entweder malt man die Freuden sittsamen Lebens aufs Schönste aus (und flunkert dabei notfalls ein bißchen) – oder aber man läßt die Leute tief in den Höllenschlund des Lasters blicken, auf daß sie womöglich zurückschrecken.

William Hogarth (1697-1764) hat den zweiten Weg gewählt und damit allzeit gute Geschäfte gemacht. Als Raubdrucke seiner Bilder überhand nahmen, setzte er sogar ein frühes Copyright durch.

Nehmen wir Hogarths Radierungszyklus „Die Stufen der Grausamkeit“ als Extrembeispiel. Schon im ersten Bild quälen einige Rabauken Katzen und Hunde. Die weitere Beschreibung ersparen wir uns. Weiter als das vierte Bild gehen wohl auch Horrorvideos nicht. Ein gravierender Unterschied: Hogarth wollte den heilsamen Schock, durch Schreckensbilder wollte er gerade die Moral befördern. Aus heutiger Sicht könnte man argwöhnen: Hier haben einen Künstler schon die ersten Zweifel an der Aufklärung und ihrem Menschenvertrauen beschlichen.

Die Kunsthalle in Wuppertal-Barmen verknüpft ihren Überblick zu Hogarths Graphik mit Blättern von Daniel Chodowiecki (1726-1801), gleichfalls aus Eigenbesitz. Rund 370 „Sittenbilder des 18. Jahrhunderts“ (Titel der Schau) sind zu sehen.

Chodowiecki, gefragter Buchillustrator und mit Goethe bestens bekannt, ist weit weniger drastisch als Hogarth, ja seine Arbeiten wirken vergleichsweise lieblich. Derlei Unterschiede spiegeln nicht zuletzt den Entwicklungsstand der Metropolen London und Berlin. Während an der Themse schon damals ein „heißes Pflaster“ war, ging es an der Spree idyllisch zu.

Zurück zu Hogarth, denn das Laster ist – gestehen wir’s nur – zumindest optisch weitaus ergiebiger. Da wird in einer Blätterfolge etwa der verwerfliche Lebensweg einer Dirne nachgezeichnet, dann der eines unverbesserlichen Wüstlings („The Rake’s Progress“). Drohend reckt sich der Zeigefinger empor: Zum Schluß landen alle diese Sünder(innen) entweder im Gefängnis oder im Irrenhaus, duellieren sich oder verüben Selbstmord.

Ob Saufgelage (Hogarth rät zum Bier, um die Schnapssucht auszutreiben), miese Wahlkampf-Schlacht oder „Unzucht“ mancher Sorte – Hogarth hat bildnerisch wenig ausgelassen. Fast möchte man seine Stiche und Radierungen (in Anlehnung an jenes umstrittene Fernseh-Genre) „Reality-Papers“ nennen. Doch seine Wirklichkeit ist nicht so platt, er hat sie mit zahllosen symbolischen und formalen Querverweisen überhöht. Noch in der wildesten Orgie stecken klassische Bildmuster etwa von Raffael oder Leonardo. Das alles summiert sich oft zu einer barocken Detailfülle. Charakteristisch die fast karikierende Verzerrung, die Hogarth zu einem Vorläufer von Goya, Grosz und Dix macht — und letztlich sogar zu einem der „Väter“ des Comic-Strips.

Auch Chodowiecki war ein Voyeur sondergleichen. Selbst in Gesellschaft zog er sich lieber an den Rand zurück und zeichnete heimlich die Leute, manchmal gar durch Schlüssellöcher. Auch so ein Wirklichkeits-Verrückter also. Doch er bekam natürlich nur zu sehen, was da war: Beinahe rührend anmutende Versuche des Bürgertums, sich tugendsam gegen den verwilderten Adel abzugrenzen.

Erstaunlich übrigens, daß es all diese Arbeiten in Wuppertal gibt. Sie stammen aus Sammlungen örtlicher Bürger. Kürzlich hat das Museum Museum die Bestände ergänzen können.

„Sittenbilder des 18. Jahrhunderts“ (Graphik von William Hogarth und Daniel Chodowiecki). Kunsthalle Wuppertal-Barmen, Geschwister-Scholl-Platz. Bis 11. Juli, Di-So 10-17, Do 10-21 Uhr.

 




„Die Natur spielt immer mit“ – Dortmunder Freilichtbühne wird 40 Jahre alt

Von Bernd Berke

Dortmund. „Die Natur spielt immer mit.“ Ein Grund- und Merksatz für alle Freilichtbühnen. Nicht nur Wetter-Kapriolen sind gemeint. Es passiert auch schon mal, daß unverhofft ein Hase über die Szene rennt oder daß gar ein veritables Rindvieh mitten in einer Liebesszene unromantischen Laut gibt. Alles schon geschehen auf der Naturbühne Hohensyburg, im südlichen Grüngürtel Dortmunds. Doch Fuchs und Hase sagen sich hier nicht immer einsam gute Nacht: Mit 37 000 Besuchern verzeichnete man in der letzten Saison ein Hoch in der Bühnengeschichte. Und die währt jetzt 40 Jahre.

So fing es an: Im Frühjahr ’53 brachte man das Stück „Wetterleuchten auf Sigiburg“ heraus, ein auf Dortmund bezogenes, heutzutage wohl schwerlich nachspielbares Germanen-Spektakel mit Flügelhelmen und allem Drum und Dran. Seitdem gab’s insgesamt 65 Stücke und 940 Aufführungen zu sehen. Die „1000″ erreicht man noch in diesem Jahr.

Bühnenbilder und Ausstattung waren anfangs noch sehr bescheiden. Meist mußten die Baumwipfel als Kulisse reichen, manchmal brachte einer von zu Hause ein paar Requisiten mit. Übrigens: Einer gehört jetzt noch zum 160-köpfigen Ensemble, der die Anfänge schon erlebt hat: Erwin Oeke, heute 73 Jahre alt. Das nennt man Treue.

Plötzlich „Grips“ statt Grimm

Zeitgeist machte sich vor allem beim Kindertheater bemerkbar. Selbst das Rumoren um 1968 hatte hier ein fernes Echo. Plötzlich spielte man „Grips“ statt Grimm; es war keine Zeit für Märchen, sondern für Wahrheiten, wie sie eben das muntere Berliner Grips-Theater verbreitete. Im Erwachsenentheater blieb man hingegen (bundesweit) beim üblichen Repertoire zwischen „Charleys Tante“ und Shakespeares oder Molières Komödien.

Provokationen wie Handkes „Publikumsbeschimpfung“ wird man hier nie riskieren. Zugkräftig muß es schon sein, denn der Etat muß eingespielt werden. Die Naturbühne erhält pro Saison 5000 DM städtischen Zuschuß – und das bei Produktionskosten von rund 50 000 DM pro Stück. Da ist es schon fast ein Wagnis, wenn hier (für 1994 fest geplant) Anton Tschechows „Onkel Wanja“ auf den Spielplan kommt.

Vorerst aber denkt man an a die Saison ’93. Sie beginnt am 20. Mai mit Shakespeares „Wie es euch gefällt“ . Für Kinder gibt es, als deutsche Erstaufführung, die Dramatisierung von Astrid Lindgrens „Die Kinder von Bullerbü“.

Molière auf Ruhrdeutsch? Geht nicht…

Seit 1985 leitet Frank Kantereit die Geschicke der Naturbühne, zuweilen mit strenger Hand. Erst neulich, so erzählt er, habe er zwei Darsteller „entlassen“, die ihren Text auch nach mehrfacher Mahnung nicht auswendig konnten. Doch das ist die Ausnahme. Praktisch alle 160 Mitstreiter, sozial und vom Alter her gut gemixt, sind mit Begeisterung bei der Sache  – allesamt ehrenamtlich.

Dabei haben sie’s nicht leicht: In Dortmund benutzt man z. B. keine tragbaren Mikrophone beim Spiel. Starke Stimmen sind gefragt, die sich auch gegen ein unruhiges Kinderpublikum behaupten können. Apropos Sprechkultur: Auch da, so sagt Frank Kantereit, schließe er keine Kompromisse. Kommen Anfänger mit reviertypischem Akzent, so knöpft er sie sich vor: „Ruhrdeutsch bei Molière – das geht einfach nicht!“ Und was findet er schlimmer als einen Totalverriß? Kantereit: „Wenn jemand gönnerhaft sagt: Es war halt ganz nett.“




„New York – ein einziger großer Fluß voll Fusel“ – Henry Millers „Verrückte Lust“ nach über sechs Jahrzehnten erschienen

Von Bernd Berke

„Sein Blick verharrte auf Vanyas langem Gänsehals, der wie eine Leier bebte. So weich und glatt, ihr Hals. Weich wie Lamahaar.“ — Gänse, Leier, Lama? Da reitet einer geradezu auf den Sprachbildern, hierhin und dorthin.

Angenommen, es handelte sich um einen großen, der Sprache mächtigen Autor, läßt das Zitat auf zitternde Erregung schließen. Dieser Jemand heißt Henry Miller. Was nicht alle Tage vorkommt: Von dem 1980 gestorbenen Autor ist jetzt ein bislang nur dem Hörensagen nach bekannter Roman erstmals auf Deutsch erschienen. Ein frühes Werk, geschrieben im Jahre 1927, als der literarische „Spätstarter“ Miller aber auch schon 36 Jahre alt war.

Das Manuskript von „Verrückte Lust“ (Originaltitel sogar: „Crazy Cock“, also ein direkter Bezug aufs männliche Geschlechtsorgan) galt zunächst als verschollen und war dann über Jahrzehnte unbeachtet geblieben — bis man es 1991 in den USA edierte.

Die eingangs erwähnte Erregung ist nur zum Teil sexueller Natur. Überhaupt dürften Leute, die zu Millers Büchern der „Stellen“ wegen greifen, von diesem enttäuscht sein. Für seine Verhältnisse geradezu schamhaft, bricht der Urheber solcher Tabuknacker wie „Wendekreis des Steinbocks“ oder der „Sexus/Plexus/Nexus“-Trilogie, sogar seine Schilderungen unvermittelt ab, wenn sie dem Höhepunkt zustreben. Kein schlechter Kunstgriff, ist doch sein Thema auch die Unentschiedenheit des Begehrens.

Drei Menschen, im Grunde jeder für sich allein, unterwegs von nirgendwo nach nirgendwohin. Sie prallen aufeinander – fast wie vordem einsam kreisende Planeten bei einer Katastrophe im All. Unheilvoll sind sie alsbald ineinander verkeilt: Tony Bring, erfolgloser Schriftsteller, seine schöne Gefährtin Hildred und die geheimnisvolle, zwittrig wirkende Vanya. Sie alle brauchen und hassen einander. Beides zur gleichen Zeit. Und sie kommen nicht voneinander los.

Die Geschichte spielt im New Yorker Viertel Greenwich Village, das Miller als schmutzige Karikatur einer Bohème, als Filiale der „Großen Hure Babylon“ beschreibt: „New York war ein einziger großer Fluß voll Fusel.“ Und so treibt man sich denn auch hauptsachlich in übelsten Spelunken herum. In einer solchen arbeitet Hildred als Bedienung. Vor allem aber bestreitet sie ihren und Tonys Lebensunterhalt von Gefälligkeiten schmieriger Kavaliere, sprich: Sie prostituiert sich (was man aber nur in Andeutungen erfährt).

Zugleich entsteht zwischen Hildred und Vanya eine Beziehung, die einer lesbischen sehr ähnlich sieht. Tony schreit und tobt und will die ganze Wahrheit hören. Doch die quälende Ungewißheit bleibt, ja sie steigert sich zur Höllenqual. In einer seltsamen Höhle vegetiert das Trio mit- und gegeneinander dahin, einer Höhle, die die geradezu erschreckend-verschlingend kreative Vanya über und über mit ihren obszönen Kunstwerken ausgemalt hat. Eine geschlossene Anstalt, in die kaum einmal Tageslicht dringt: Irrsinn zu dritt, Schreie und Flüstern. Und wie etwa – gar nicht so gewagter Vergleich – bei Tschechows „Drei Schwestern“ das ferne Moskau zum erträumten, nie erreichten Inbild geglückten Lebens wird, so hier das noch fernere Paris.

Zwischendurch erwähnt Miller immer wieder den Lauf der Jahreszeiten, was dem Geschehen eine Art Naturnotwendigkeit verleiht. Zudem wirken die Figuren wie riesenhaft gemeißelt, unentrinnbar und überlebensgroß. Miller bezieht seine Bilder vornehmlich aus Religion und Biologie, aus Himmel und Blutbahn. Bisweilen schäumt seine Prosa auf zu atemlosen Aufzählungen, so als wolle er lauter starke Behauptungen hochtürmen. Befremdliches Großsprechertum. Sprache als Droge, vielleicht auch Sprache durch Drogen. Jedenfalls hat es bei der Lektüre streckenweise etwas Zermürbendes.

Ein recht unterschwelliges Geheimthema des Romans ist übrigens die Angst vor Begleiterscheinungen weiblicher Emanzipation. Fast moralinsauer bemerkt der Erzähler zum Beispiel, daß nun auch Frauen sich in Kneipen mit sexuellen Erlebnissen brüsten.

Noch mehr erschrickt man freilich über einen verborgenen Antisemitismus. Man stelle einmal alle Äußerungen zusammen, in denen hier von Juden die Rede ist – und wäge den Tonfall.

Vielleicht ist es ja so: Dem Eifersüchtigen, dem Verlassenen kommt alles beschmutzt und nichtig vor. Miller hat in „Verrückte Lust“, noch ziemlich roh bebauen und literarisch noch nicht auf später erstiegenen Höhen, die Niederungen seiner Ehe mit June Smith verarbeitet, die vorübergehend mit einer Lesbierin „durchbrannte“. Es war dies der größte anzunehmende Liebesunfall. Gegen einen männlichen Rivalen hätte er ja antreten können, aber wie denn gegen ein Weib kämpfen?

Henry Miller: „Verrückte Lust“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Dirk van Gunsteren. Goldmann-Verlag. 244 Seite und 12 Seiten Nachwort von Mary V. Dearborn. 36 DM.

 




Rituale wie in einer Familienserie – Seit fünf Jahren gibt es das „Literarische Quartett“

Vieles, vieles wandelt sich auf dieser Welt, doch es gibt sie noch: die letzten Rituale. Zum Exempel „Das literarische Quartett“ (ZDF. 22.15 Uhr).

Zugegeben: Als die Sendung vor fünf Jahren – am 25. März 1988 – erstmals ins Programm kam, konnte man sich schon über die Unverfrorenheit ärgern, mit der MarcelReich-Ranicki etwa gleich seine Lieblingsautorin Ulla Hahn auf den Schild hob. Doch im Lauf der Zeit zeigte sich, daß es gerade jene krähende Chuzpe und unverwüstliche Selbstgewißheit des Literatur-„Papstes“ ist, von der diese Sendereihe lebt.

Manchen Versatzstücken, die todsicher in jeder Folge auftauchen, fiebert man direkt entgegen: Wann wird Marcel heute wieder ausrufen, daß ihn das Leben ganzer Kontinente – egal, ob Amerika, Asien oder Afrika – „nicht interessiert“, sondern nur, ob dort „gut geschrrrrieben“ wird? Wann wird er wieder lauthals verkünden, daß er sich bei einer Lektüre furchtbar gelangweilt habe? Wann hat er Sigrid Löffler so weit, daß Verbitterung ihre Mundwinkel umspielt? Und wann wird er dem „Buben“ Hellmuth Karasek wieder einen auf die Nuß geben?

Die Mischung aus festgefahrenem Ritual und Resten von Gruppendynamik ist das eigentliche Phänomen des „Quartetts“. Reich-Ranicki, Karasek und Löffler sind inzwischen so aufeinander eingespielt, sie haben eine so lange gemeinsame Profilierungsgeschichte, daß ihre Konflikte denen einer langlebigen Familienserie gleichen.

Schriller war es zur Gründerzeit, als Jürgen Busche den idealen Prügelknaben für die drei anderen abgab. Ein ums andere Mal mußte er sich literarisch belehren lassen und blickte dann drein wie ein armer Tropf. Fehlte nur noch das „Busche, setzen! Fünf!“ Echte Fans trauern diesen kultischen Szenen bis heute nach.

Seit Busche entnervt ausstieg, bittet man wechselnde Gäste als „Nummer vier“ hinzu, die manchmal so frech sind, Widerworte zu geben. Jedenfalls wäre es töricht zu verlangen, die Runde möge sich nur auf die Bücher konzentrieren. Der Spaß wäre glatt halbiert.

Für eine letztlich doch recht anspruchsvolle Kulturreihe ist die Sendung sehr erfolgreich. Man hat jetzt sechs statt wie zuvor vier Termine pro Jahr. Mindestens eine Million Leute schalten zur späteren Abendstunde regelmäßig ein. Bei den Verlagen gilt eine Berücksichtigung im „Quartett“ (gleichgültig, ob Huldigung oder Verriß) als höchst erstrebenswert. Werke, die man sich hier vorknöpfte, waren am nächsten Tag oft „Renner“ in den Läden.

Also bis zum Abend, an dessen Ende es unfehlbar wieder heißt: „Und also sehen wir betroffen: Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

                                                                                                                  Bernd Berke




Rhetorik ist mehr als nur Wortgeklingel – Zum 70. Geburtstag von Walter Jens

Zur alten Feuilleton-Zeit galt die Theaterkritik alles, die Fernsehkritik fast nichts. Das hat sich geändert. Maßstäbe für die TV-Renzension als achtbares Genre hat als einer der ersten Professor Walter Jens gesetzt, der viele Jahre lang in der Wochenzeitung „Die Zeit“ (unter dem Pseudonym „Momos“) das Bildschirmgeschehen kritisch begleitete. Es ist nicht das geringste Verdienst des Mannes, der heute 70 Jahre alt wird.

In seiner Wahlheimatstadt Tübingen hatte der Sohn eines Hamburger Bankiers bis 1988 den Lehrstuhl für Rhetorik inne. Das Wort „Rhetorik“ hat hierzulande einen schlechten Klang. Man argwöhnt, es gehe nur um schönes Wortgeklingel. Jedoch: Die Kunst der wohlgesetzten Rede zu veredeln und zu verbreiten – welch‘ eine notwendige Anstrengung in einem Land wie Deutschland. Man muß nur eine durchschnittliche öffentliche Ansprache hören und weiß Bescheid.

Als jemand, der wahrlich gut sprechen kann, hört sich Jens – verzeihliche menschliche Schwäche – recht gerne selbst reden, er genießt eben seinen eigenen Vortrag. Auch den Wohlmeinenden kommt er dann manchmal etwas penetrant vor, wie ein Besserwisser und Oberlehrer. Damit muß und kann er leben.

Es ging und geht Jens nie um die bloße Form der Rede. sondern um Inhalte. Er ist wohl das, was man einen Radikaldemokraten nennt. Viele beklagen oder bejubeln den „Tod der Aufklärung“. Doch Jens besteht darauf, daß die moralischen und freiheitlichen Ansprüche der Aufklärung endlich eingelöst werden. Oft hat er sich mit unbequemen Anmerkungen zu Politik und Kultur in der Bundesrepublik zu Wort gemeldet; manchen zum Verdruß, anderen zur Labsal.

„Feldzüge eines Republikaners“ heißt eines seiner Bücher. Manchmal beläßt er es (ähnlich wie seinerzeit Heinrich Böll) nicht beim verbalen Widerstand, sondern zieht handelnd zu Felde: So war der überzeugte Pazifist 1984 bei der Sitzblockade vor dem US-Raketendepot in Mutlangen dabei. Und so verbarg er US-Soldaten, die nicht am Golfkrieg teilnehmen wollten, in seiner Wohnung. Eine Haltung, die selbst dann Respekt abnötigt, wenn man seine Meinung nicht teilt. Sie ist mit persönlichem Risiko verbunden.

Der hochdekorierte Jens (Lessing-Preis, Heine-Preis usw.) hat den Acker der Sprache allseits gepflügt: Er ist nicht nur Redner, sondern auch Schriftsteller, Literaturhistoriker, Rezensent und Übersetzer. Mit dem Weggefährten Hans Küng, dem kritischen Katholiken, arbeitet der Protestant Jens seit Jahren an einer zeitgemäßen Übertragung des Neuen Testaments.

Auch im gesetzteren Alter ist Walter Jens kein bißchen leise. So empörte er sich kürzlich über einen Beitrag der Zeitschrift „Sinn und Form“, herausgegeben von der immer noch selbständigen Ostberliner Akademie der Künste. Dort hatte man unkommentiert einige Passagen aus Tagebüchern von Ernst Jünger gedruckt. Schon beim bloßen Namen des oft als kriegslüstern gescholtenen Autors von „In Stahlgewittern“ muß Jens rot gesehen haben. Er las den Abdruck als „gefährliches Symptom“ einer neuen nationalkonservativen Strömung und einer „unheiligen Allianz“. Seine Befürchtung: Die deutschen Intellektuellen könnten sich wieder einmal dubiosen Autoritäten hingeben. Man darf das nicht einfach als Hirngespinst abtun, da doch selbst ein Mann wie der Dramatiker Botho Strauß den Weltgeist neuerdings wieder „rechts“ wehen sieht.

Als Präsident der Berliner West-Akademie der Künste ist Walter Jens auch in die Wirren der deutschen Vereinigung geraten. In der Stasi-Debatte empfahl er, auch nach den Teil-Bekenntnissen von Christa Wolf und Heiner Müller, „Behutsamkeit, Nachsicht und Erbarmen“. Er meinte damit kein Verleugnen, sondern schlichte Menschlichkeit.

                                                                                                            Bernd Berke




Farce von der Liebe und ihrer taktischen Abwehr – Amélie Niermeyer inszeniert Goethes „Clavigo“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Schwankende Gestalt: „Der Seiltänzer“ von Paul Klee ziert das Dortmunder Programmheft zu Goethes „Clavigo“. Auch dieser Karrierist am Königshofe von Madrid ist artistisch biegsam und neigt sich – je nach Gelegenheit – wechselhaft zu allen Seiten, um ja nicht abzustürzen.

Ein Mädchen wie Marie könnte auf seinem Weg dort oben nur hinderlich sein. Also verläßt er sie. Doch er hat ein offenes Ohr für Überredungskünste: Also kehrt er zu ihr zurück, wenn ihr Bruder Beaumarchais darauf drängt – und verrät sie dann erneut, weil sein Freund Carlos es so will. Wo Clavigo auch geht und steht, er ruft den Leuten zu: „Ich bin der Eurige“. Ha! Ist das nun eine Tragödie, oder ist es eine Farce?

Wohl eher eine Farce, scheint Regisseurin Amélie Niermeyer zu finden. Sogleich stürmen Clavigo (Michael Ehnert) und Carlos (Frank Voß) herein. Sie liebkosen ihr druckfrisches Zeitungs-Blättchen, das „alle Weiber bezaubem“ werde. Zwei schöne Hallodris haben wir da, fast bis aufs Haar ununterscheidbar. Yuppies bei Hofe, verantwortungslose Selbst-Genießer. Doch man wird sehen: Auch die anderen Menschlein sind nicht viel besser. Carlos, sonst oft nur Bösewicht und Einflüsterei, ist hier eher die zweite Seele in Clavigos Brust.

Seltsam leichtlebige Schwestern

Nun aber dreht sich die aufrecht stehende riesige Zylinderform (zweckdienliches Bühnenbild, abwechselnd eng und weit: Alexander Müller-Elmau) und gibt den Blick in ihr Gehäuse frei: Es ist die Sphäre der verlassenen Marie (Eleonore Bircher), ihrer Schwester Sophie (Katharina Abt) und ihres Schwagers Guilbert (Otmar Schrott). Auch hier spielt man seltsam leichtlebig vor sich hin, kratzt ein wenig auf der Geige, tanzt und kichert sogar. Etwas grotesk und uhrwerkartig ist das sicherlich, doch soll dies ein Haus des Leidens sein? Wenn hier von Liebesschmerz geredet wird, wirkt er wie an-gedichtet, wie bloßer Affekt, nervöses Gebaren. Marie muß denn auch von den Ihren zum vermeintlichen Glück geprügelt werden. Wenn sie später stirbt, hat das vielleicht damit zu tun – und weniger mit Liebesleid. Weder bei Clavigo noch bei Marie kann es mit der Liebe weit her sein. Sie gerinnt zu Ansprüchen und deren taktischer Abwehr.

Und dann erst Maries Bruder Beaumarchais (Kai Hufnagel): Wie der hereinsaust und seine Kreise zieht! Ein wildgewordener Möchtegern-Napoleon, wie frisch aus einem Irrenwitz entsprungen, schnarrt er diktatorisch seinen Rachedurst heraus. Weh denen, die sich von so einem „helfen“ lassen! Man fürchtet schon, nun beginne die große Goethe-Verulkung. Doch das ist nicht wahr: Es folgt ja die großartige, innige Überredungs-Szene, in der Carlos den Clavigo wieder „umdreht“, den er schon zu verlieren drohte. Da fallen die höfischen Perücken.

Zum Schluß rafft es alle dahin

Bei Goethe sterben nur Marie und Clavigo, in Dortmund rafft es im Schlußbild alle dahin. Nur Clavigo überlebt und ruft sämtlichen Toten zu: „Ich bin der Eurige!“ Triumph des Opportunisten über Leichenbergen? Doch so spielerisch sind sie gestorben, daß sie gewiß gleich wieder aufstehen und ihre Intrigen von vorn abschnurren lassen könnten.

Die Inszenierung, von der man nie recht weiß, ob sie den Wallungen ihrer Figuren nur ironisch mißtraut oder ob sie auch echten Gefühlen nachtrauert, überzeugt – aufs Ganze gesehen – durch ihre unverkrampft zupackende Art, ein homogenes Ensemble, prägnante Kostüme (Jasmin Andreae) und gleichermaßen dezente wie eingängige Musik-Überleitungen (Michael Nyman). Jammerschade, daß eine ersichtlich begabte Regisseurin wie Frau Niermeyer Dortmund schon wieder den Rücken kehrt und gen München zieht.

(nächste Vorstellungen: 6. und 19. März)




Fluch der Werktreue: „Wessis“ sind ganz aus trockenem Holz – Hamburger Inszenierung macht Hochhuth kenntlich

Von Bernd Berke

Hamburg. Wir Wessis sind furchtbare Wesen, eine Landplage, fast wie die Heuschrecken. Alles luchsen wir unseren Brüdern und Schwestern im Osten Deutschlands ab: die fruchtbarsten Obstplantagen, um dort Golfplätze für die Schickeria anzulegen; die tollsten Hotels, damit unsere Bonzen in den umliegenden Wäldern auf die Jagd gehen können.

Natürlich zahlen wir den Ossis nur Spottpreise, um nachher unseren großen Reibach zu machen. Und den Ex DDR-Bürgern bleiben dann nur noch zwei Möglichkeiten: gewaltsamer Widerstand oder Selbstmord.

Hat „Motzki“; die Seiten gewechselt? Schimpft er jetzt auf das Westpack statt auf die „Zonen-Dödels“? Ach was! Der Autor mit dem eingleisigen Weltbild (mögliches Motto: „Bonn und die Treuhand sind an allem schuld“) ist einer unserer bekanntesten Dramatiker: Rolf Hochhuth.

Spätestens jetzt müßten alle Theaterfans und sogar Hochhuth selbst dem Regisseur Einar Schleef dankbar sein, denn der hatte vor rund zwei Wochen in Berlin Hochhuths „Wessis in Weimar“ gar gnädig verhüllt, indem er so gut wie nichts vom Originaltext übrig ließ. Der erboste Hochhuth ließ verlauten, nun setze er alle Hoffnungen auf die Version des Hamburger Ernst-Deutsch-Theaters. So galt die Inszenierung des Schweizers Yves Jansen als die „eigentliche“ Uraufführung – und selten dürften sich so viele Kritiker in das als bieder verschriene Haus am Mundsburger Damm verirrt haben.

Monströs detailversessen

Regisseur Jansen hatte etliche Kürzungen in Aussicht gestellt, doch leider hat er uns diesen Liebesdienst nicht im wünschenswerten Umfang erwiesen. Also wird denn – Fluch der Werktreue – Hochhuths monströs-datailversessener Text erstmals in all seiner Hölzernheit auf das Publikum losgelassen. Immerhin blieb eine Szene erspart, in der Ministerin Leutheusser-Schnarrenberger mit Erich Honecker auftreten sollte.

Da sitzen also Leute auf der Plantage und reden. Dann sitzt da einer in der Badewanne und redet. Ferner sitzt einer am Schreibtisch und redet, redet, redet – zunächst ins Diktiergerät, dann in den Telefonhörer. Und sie alle reden nicht wie Menschen von Fleisch und Blut, sondern wie bierernste Leitartikler. So ist denn auf der Bühne auch immer mal wieder eine Zeitung zur Hand, aus der emsig zitiert werden kann. Hochhuth war wieder immens fleißig, das muß man ihm lassen. Stets nennt er – in bandwurmartigen Nebensatz-Einschüben – Daten, Zahlen, Namen und notfalls auch Uhrzeiten, als wolle er seinen Text rundum absichern. Ein erzdeutscher Schriftsteller.

Stocksteif, kreuzbrav und unbeholfen

Nichts gegen eine ordentliche Buchhaltung. Doch Hochhuth, seit rund 30 Jahren im dramatischen Geschäft, vermag seine Recherchen kaum in theaterwirksame Szenen zu gießen. So zynisch es klingt: Man ist schon fast dankbar, wenn hier einmal ein ehrlicher Selbstmord begangen wird. Die Szene „Philemon und Baucis“, in der ein altes, von der Treuhand schmählich ausgestrickstes Ost-Ehepaar den Freitod durch den Strick wählt, ist die einzige, in der so etwas wie menschliches Schicksal aufscheint. Vor allem der Schauspielerin Ingrid Stein sei Dank für diesen kleinen Lichtblick.

An diesem stocksteifen Text, der nur notdürftig mit Kalauern aufgelockert wird, hätten sich wohl selbst die besten Regisseure und Schauspieler die Zähne ausgebissen. Es machte die Sache also kaum schlimmer, daß Jansens Regie und die meisten Darsteller kreuzbrav bis unbeholfen wirkten. Es brachte diesen Text im Grunde nur zur vollen Kenntlichkeit. Kein Wunder, daß es am Schluß des Dramas lichterloh brennt. Das ganze Ding ist ja trocken wie Zunder.




Einsichten über das Ruhrgebiet – „Mittendrin“ mit Roland Kirbach

Von Bernd Berke

Nach dem Erfolg seiner lesenswerten Reportagen unter dem Titel „Revier-Besichtigung“ kommt der neue Band von Roland Kirbach bereits in aufwendigerer Ausstattung heraus – mit festem Einband statt als Paperback. Erneut handelt es sich um gesammelte Berichte aus dem Ruhrgebiet.

Kirbach (37), NRW-Korrespondent der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“, ist gebürtiger Schwabe und lebt erst seit 1981 an der Ruhr. Vielleicht hat er sich gerade deshalb einen unverschleierten Blick auf hiesige Verhältnisse bewahrt. Als jemand, der hier aufgewachsen ist, findet man sich in Kirbachs Beobachtungen nicht nur wieder, sondern gewinnt einige neue Einsichten über seine Heimatregion.

Neben Pflichtberichten, die aber immer einen gewissen Pfiff und Recherche-Tiefgang haben (so etwa über die Bauausstellung Emscher-Park oder das Giganten-Projekt „Neue Mitte Oberhausen“) gibt es auch immer wieder originellere Themen, z. B. einen vergleichenden Streifzug durch die Zoos im Ruhrgebiet oder eine „Innenansicht“ der Wohnungsnot am Beispiel eines Hauses in der Dortmunder Nordstadt.

Nicht alle Reportagen sind gleich stark (wie könnte das auch sein), doch ein wirklich achtbares Niveau hält Kirbach von der ersten bis zur letzten Zeile. Vor allem aber schreibt er stets mit kritischer Zuneigung zu Land und Leuten.

Das Revier wird weder bejubelt noch verunglimpft, der Autor ist – so gut das nur geht – der Wahrheit über diese Gegend und ihre Menschen auf der Spur.

Roland Kirbach: ..Mittendrin. Innenansichten des Ruhrgebiets“. Bouvier Verlag, Bonn/Berlin. 266 Seiten. 38 DM.




„Sprachtelefon“ weiß Rat: Wo muß das nächste Komma stehen?

Von Bernd Berke

Im Westen. Wo setze ich bloß das nächste Komma? Schreibt man dieses Wort nun klein und zusammen? Muß es hier „daß“ oder „das“ heißen? Was ist ein „Schalander“?

Fragen über Fragen zur deutschen Sprache. Doch jetzt kann Ratsuchenden geholfen werden, denn ab nächsten Montag gibt’s ja in Essen das „Sprachtelefon“, die erste Einrichtung dieser Art im Revier. Am Apparat meldet sich Evangelia Karagiannakis (30), in Deutschland geborene Tochter griechischer Eltern. Zweisprachig aufgewachsen, wurde sie so wortbewußt, daß sie in Bonn Germanistik studierte. Nun betreut sie – vorerst als ABM-Kraft – das Sprachtelefon. Schon in der Testphase, als die Rufnummer noch kaum bekannt war, läutete es sehr oft.

Die eingangs genannten Zweifelsfragen wurden wirklich schon gestellt. Die meisten Anrufer saßen gerade vor ihren Texten und wußten nicht mehr weiter. Da konnte die Germanistin also gleichsam „Erste Hilfe“ leisten. Sekretärinnen riefen ebenso an wie Werbetexter, Lehrer, Studenten und Journalisten.

Die wahrhaft kniffligen Fragen hatten freilich wißbegierige Privatleute. Bei jenem geheimnisvollen „Schalander“ mußte auch Frau Karagiannakis, die sonst meist aus dem Stegreif antworten kann, erst einige Bücher wälzen. Sie fand, daß es sich um das Fachwort für den Pausenraum einer Brauerei handelt. Andere Anrufer fahndeten nach der Quelle einer Redensart („einen Bären aufbinden“) oder wollten zum Beispiel wissen: „Stimmt es, daß es im Deutsehen nur vier Wörter gibt, die auf -nf enden?“

Normierte Hochsprache erst durch Radio und Fernsehen verbreitet

Initiator des Sprachtelefons ist der Essener Germanistik-Professor Karl-Diefer Bünting, der 1990 (in seinem Buch „Grammatik null Problemo“) den zotteligen Fernsehstar Alf als Deutschlehrer einsetzte. Bünting erinnert daran, daß die normierte Hochsprache erst wirklich weit verbreitet sei, seit es Radio und Fernsehen gibt. Zwar sei der Duden bei der Rechtschreibung maßgeblich, nicht aber in Sachen Grammatik. Ob etwa das Wörtchen „wegen“ mit Dativ oder Genitiv einhergehe, darüber streiten sich die Experten. Die immer wieder diskutierte Sprachreform – generelle Kleinschreibung – läßt Bünting kalt: „Auch dann werden wir nicht arbeitslos.“

Unterdessen überlegt der Professor schon, wie er weiteres Geld für sein Sprachtelefon auftreiben kann. Eine Möglichkeit: Die Sache könnte mit einer einschlägigen Buchedition verknüpft werden.

Gar nicht so abwegiger Tipp: Vielleicht sollte die Bundespost/Telekom als Sponsorin auftreten. Schließlich wird sie nicht schlecht am Sprachtelefon verdienen.

Sprachtelefon: 02 01/183-42 55. Ab Montag, 15. Februar. Wochentags 10—12.30 Uhr, donnerstags zusätzlich 14-16 Uhr. Alle Auskünfte am Sprachtelefon sind kostenlos.

 




Solche Farben können einen Menschen ändern – Zur grandiosen Cézanne-Ausstellung in Tübingen

Von Bernd Berke

Tübingen. Am Ende scheint diese Frau eine wächserne Maske zu tragen. Immer mehr, von Bild zu Bild, hat sich ihr Gesicht verhärtet. Die Liebe des Malers zum Modell erkaltet zusehends. Auch als Betrachter friert man ein wenig vor diesen eisig-objektiven Porträts.

Die Schrecknisse des genauen Blicks – auch dafür steht das Lebenswerk von Paul Cézanne (1839-1906), der seine Geliebte und spätere Frau Hortense Fiquet derart ansah. In einer grandiosen Überblicksausstellung – seit Paris anno 1936 (!) ist es die umfassendste überhaupt – wird sein malerisches Oeuvre jetzt von der Kunsthalle Tübingen präsentiert.

Kunsthallen-Chef Götz Adriani hat die millionenschwere Schau auch errechnet, nicht nur finanziell: Jedes Genre (ob Landschaft, Porträt, Badeszenen oder Stilleben) ist fast exakt mit dem Prozent-Anteil vertreten, den es im Gesamtwerk einnimmt. Adriani will damit verzerrten Gesamteindrücken vorbeugen. Doch vor allem hat er, der 1978 an gleicher Stelle Cézannes Zeichnungen und 1982 die Aquarelle zeigen konnte, erneut Leihgeber aus aller Welt zu beispielloser Großzügigkeit bewegt. Die 97 Gemälde aus den Jahren 1865 bis 1906 sind fraglos die Krönung der Tübinger Cézanne-Trilogie. Viele Arbeiten waren noch nie in Deutschland zu bewundern, und Schwabens idyllische Uni-Stadt ist die einzige Station. Gründe genug, um auch von weither anzureisen.

War er im Grunde phantasielos?

Cézanne war der wohl wirksamste Geburtshelfer der Moderne überhaupt, obwohl er ein erzkonservativer Traditionalist (und sogar ein schlimmer Antisemit) gewesen ist. Manet, Renoir, Matisse und Picasso besaßen Bilder von ihm. Doch während beim unerschöpflichen Picasso plötzlicher „Wurf“ und Genieblitz kennzeichnend sind, hat sich Cézanne alles mühsam erarbeitet. Seine Bilder wirken wie erkämpft und gebändigt. Oft hat er künstliche Blumen als Vorlage benutzt, denn er malte so langsam, daß die natürlichen vor der Zeit verwelkt wären. Ohne dauerhafte Vorlage ging er selten zu Werke. Adriani: „Im Grunde war Cézanne phantasielos.“

Anfangs überwiegt noch das Erotisch-Anekdotische: Beim Nacktbaden überraschte Frauen oder jener „Nachmittag in Neapel“ – ein schwarzer Diener eilt einem lustvollen Paar zur kulinarischen Hilfe. Unschwer ist das Vorbild Delacroix („Algerische Frauen im Harem“) zu erkennen, dessen Farbskala Cézanne sich zunächst ebenso anverwandelt wie etwa die Dramatik eines Goya (im Bild „Der Mord“, sozusagen einer Vorform des Reality-Fernsehens) oder die Lichtregie eines Caravaggio.

Ein großartiges Selbstporträt von 1875 zeigt dann, wie ernst es um den Meister stand: Da ist er, jener barsche Blick, die unterkühlte Objektivität des von der Mitwelt (einschließlich des Schulfreundes Emile Zola) Enttäuschten und Verkannten. Man meint es mit Händen greifen zu können, obwohl Cèzanne überhaupt nicht psychologisiert. Es ist einfach eine Sache der Farben. Sie sprechen für sich, sie sprechen miteinander. Sie sagen viel. Der Dichter Rilke schrieb seinerzeit gar, es sei, „als ob diese Farben einem die Unentschlossenheit abnähmen ein für allemal“.

Die Gestalten sind einfach da

Auch für die anderen Porträts gilt: Die Gestalten tun oder wollen eigentlich nichts, kein Beiwerk lenkt von ihnen ab; sie sind schlicht ganz und vollends da. Und dann die Landschaften. Mal eng und dunkel unter den Gewölben von Baumkronen, mal endlos weit und ins gleißende Licht der Provence getaucht. Es ist wie Ein- und Ausatmen. Mit kurzen, quer gesetzten Pinselstrichen baut Cézanne die Naturszenen wie Puzzles oder Mosaiken auf. Das Bild erwächst aus kleinen Farbflächen. Im Detail abstrakt und wildwüchsig, sind sie im Ganzen auf wunderbare Weise „richtig“. Man denkt und fühlt: So und nicht anders.

Auch in den Stilleben gibt Cézanne Zentralperspektive und Raumflucht auf, läßt jedem Punkt des Bildes die gleiche Bedeutung angedeihen. Alles tritt rundum überdeutlich hervor und kippt gleichsam auf den Betrachter zu wie eine zweite Natur, die die erste noch überbieten will.

In den Badeszenen versuchte Cézanne eine in Wahrheit längst verlorene Einheit zwischen Mensch und Natur wieder „herbeizumalen“, sie in der Kunst zu retten. Es war eine Arbeit für Jahrzehnte, die immer nur annähernd gelingen konnte. Aber welch eine geradezu heroische Anstrengung steht dahinter!

Paul Cézanne. Gemälde. Kunsthalle Tübingen, Philosophenweg 76. Ab sofort bis 2. Mai (tägl. außer montags 10-20 Uhr). Katalog in der Ausstellung 39 DM (im Buchhandel 86 DM).




Die Spuren sämtlicher Fehltritte – „Der Hofmeister“ von Jakob Michael Reinhold Lenz in Bochum

Von Bernd Berke

Bochums Schauspiel ist derzeit mehr im Gerede als im Gespräch. Streit gab’s zwischen Bühnenchef FrankPatrick Steckel und Regisseur Benjamin Korn. Es ging um die Molière-Inszenierung „Der Menschenfeind“, die Stecket an sich zog und die am 30. Januar herauskommen soll. Im Fachblatt „Theater heute“ posaunte Korn alles aus und warf Steckel geistigen Diebstahl vor. Kurz zuvor hatte die Frankfurter Allgemeine („Bochum am Boden“) den gesunkenen Standard der Revierbühne beklagt.

Doch neben Querelen gibt es in Bochum zuweilen auch Premieren. Am Samstag hob sich der Vorhang für Jakob Michael Reinhold Lenz‘ „Der Hofmeister – oder Vorteile der Privaterziehung“.

Das 1778 uraufgeführte Stück des „Sturm und Drang“ entstand, als der Adel bereits geistig mit dem Bürgertum konkurrieren mußte, die Standesschranken aber noch nicht gefallen waren. Dieser Widerspruch gerinnt zur Tragikomödie.

Titelfigur ist der junge Hofmeister (sprich: bürgerlicher Privatlehrer für Adelskinder) namens Läuffer, der die Tochter eines Majors schwängert, worauf die Welt der Väter in Wallung gerät. Doch die Altvorderen sind schon reichlich zahnlos. Alles schnurrt in ein erkünsteltes Happy-End hinein, wo jedem die Seine beschieden ist.

Nichts vom rastlosen Schauplatzwechsel der Vorlage: Der von Andrea Schmidt-Futterer gestaltete Spielort in Bochum ist ganz einheitlich. Gefängnis, in dem man rasend wird; hermetisches Geviert, begrenzt von starrer Säulen-Architektur. Man mag da an faschistische Imponierbauten denken. Blutrot ist der Boden, darauf Unmengen von Papierschnitzeln. Jeder Schritt hinterläßt hier Spuren, im Laufe des Abends entsteht so eine Art Bild unter den Füßen der Figuren. Doch was heißt „Schritt“? Der aufrechte Gang ist niemandem gegeben. Da wird geschlurft, gewankt, gehinkt. Lauter Fehl-Tritte.

Haltlos unterwegs sind diese Menschen. Manchmal betreten sie mit gepackten Koffern die Bühne. Der Hofmeister (Michael Weber) wirkt in schäbiger Kleidung wie jener Heimkehrer (nun gar: ,Asyl-Bewerber“?) Beckmann aus Borcherts Nachkriegsdrama „Draußen vor der Tür“. Auch den vermeintlich glückhaften Schluß können diese Gestalten nicht goutieren. Sie finden sich halt damit ab.

Im Mittelpunkt der Bochumer Fassung stehen die Väter, Geheimrat von Berg (Georg- Martin Bode) und sein Bruder, der Major (Oliver Nägele). Angesichts des Skandals („Es gibt keine Familie mehr“) wahrt der Geheimrat krampfhaft die Statur, während der Major verwahrlost und dem lachenden Wahnsinn anheimfällt.

Schauspielerisch ebenso hervorzuheben: Michael Weber macht das Optimum aus dem kurzen Auftritt des alten Predigers Läuffer, Christian Ebert verleiht dem Schulmeister Wenzeslaus bizarres Profil.

Über dreieinhalb Stunden Spieldauer trägt das zaghafte Konzept der Regie jedoch nicht. Dringend erwünscht wäre ein Durchbruch, ein Riß, meinetwegen ein gewaltsamer Zugriff. Nur die monströse Selbstkastration Läuffers sorgt blutreich für einen ganz kurzen Schock. Ein Verfremdungs-Versuch à la Brecht – die Darsteller treten aus ihren Rollen heraus und sagen die Szenen selbst an – steht isoliert für sich.

Die Frage, warum man dieses Stück jetzt spielen muß, konnte die etwas blasse und museale Veranstaltung nicht beantworten. Regisseur Urs Troller hörte einige Buhrufe.

Die nächste Vorstellung folgt erst am 31. Januar.




Wie kommt die Kunst zur Autobahn? Ein kleines Lehrstück in mehreren Akten

Ein paar Kunstwerke entlang der Autobahn aufstellen – nichts einfacher als das. Von wegen! Der Dortmunder Bildhauer Dr. Bernd Moenikes (37) kann da ganz andere Geschichten erzählen. Eine solche Sache kann schier endlos dauern. Ein kleines Lehrstück in mehreren Akten, Ende offen.

Es begann vor etwa drei Jahren – so genau weiß das Moenikes schon gar nicht mehr. Damals hatte er die Idee zum Projekt „Crossing“ (Kreuzung): Wenn Leute nicht ins Museum gehen, muß die Kunst eben zu ihnen kommen. Zum Beispiel auf die Autobahn. Geeignetes Aktionsfeld, so befand Moenikes nach Testfahrten, sei der Strang A 430 (B1/A 44) sowie die A 1. Beide Linien kreuzen einander. Grenzpunkte sollten der Anschluß Dortmund-West, das Kreuz Werl, das Kamener und Westhofener Kreuz sein.

Moenikes, bereits mit Umweltkunst-Aktionen („Tanz auf dem Müll“) hervorgetreten, dachte angesichts der Asphaltbänder und Blechlawinen nicht von ungefähr auch an einen leidensreichen Kreuzweg. Doch andererseits sehnte er lange Staus beinahe schon herbei, denn dann hätten die Menschen ausgiebig Gelegenheit, an den zwölf Stationen des Kreuzwegs Holzskulpturen zu sehen…

„Man braucht Beziehungen“

Doch zunächst mußte „das Umfeld sondiert werden“ (Moenikes). Mehrmals ging’s zum Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), der für die Sicherheit hiesiger Autobahnen zuständig ist. Im Prinzip, so Moenikes, hatte man dort nichts gegen die Skulpturen, wollte aber natürlich bei der Standortwahl mitreden.

Komplizierter wurde es, als Moenikes beim Kultusministerium in Düsseldorf vorsprach. Der Dortmunder erkannte: „Man braucht Beziehungen.“ Die Referenten fragten geradezu begierig nach Namen. Sie zeigten sich von der Idee angetan, gaben sich aber finanziell zugeknöpft. Bevor man Zuschüsse zu dem auf mindestens 500 000 DM geschätzten Vorhaben zusage, wolle man (aus Sicht des Ministeriums nur zu verständlich) ein präzises Konzept sehen, samt Teilnehmerliste und möglichst fertigen Probestücken. Das aber hieß: Moenikes hätte erhebliche Vorleistungen erbringen müssen, denn kein halbwegs prominenter Künstler hätte gratis und auf Verdacht gearbeitet.

Sponsoren haben, um Sponsoren zu finden

Einer der nächsten Wege führte zum Leiter des Dortmunder Ostwall-Museums, Dr. Ingo Bartsch. Auch der fand die Idee gut und nannte gleich hochkarätige Künstlernamen: Magdalena Jetelova, Stephan Balkenhol, Jiri Hilmar, Dani Karavan, Thomas Schütte, Claus Bury, Wilfried Hagebölling – allesamt mögliche Teilnehmer, allesamt Bekannte von Bart&ch. Der Museumsmann versprach, Kontakte zu vermitteln, falls Geld vorhanden wäre. Der Ostwall-Etat ist schmal.

Zugleich verfiel Moenikes auf die Idee, vor dem großen Autobahn-Projekt eine Schau von Planskizzen und beispielhaften Skulpturen am Ostwall zu veranstalten, die weit weniger, nämlich rund 20 000 DM, kosten und Sponsoren aufmerksam machen sollte. Doch auch diese 20 000 DM (angesichts der klingenden Namen viel zu niedrig angesetzt) wollen aufgetrieben sein. Also: Um Sponsoren zu finden, muß man schon Sponsoren haben.

Moenikes denkt an einen Ostwall-Termin im Jahr 1993, was Bartsch auf Befragen weit von sich weist: „Bis 1995 sind wir ausgebucht!“ Außerdem sei „Crossing“ ganz und gar kein Ostwall-Projekt. Er, Bartsch, habe lediglich ideelle Hilfe in Aussicht gestellt.

Ein Scheck über gerade mal 100 Mark

Auf dem Umweg über eine Münsteraner Kulturstiftung hat sich laut Moenikes kürzlich immerhin eine Holzfirma gefunden, die das Material stellen will — doch auch dazu müßte die Aktion bereits laufen. Also weiter auf Sponsoren-Suche, deren Gesetze Moenikes erst ganz allmählich kennenlernte. Der Verein „pro ruhrgebiet“ etwa habe ihn zwischendurch „monatelang vertröstet“ (Moenikes) und dann abgewunken. Weitere potentielle Förderer wollten abwarten, was die anderen machen.

Gleichwohl will Moenikes die Flucht nach vorn antreten: „Jetzt kommt der Endspurt.“ Er verschickte eine ganze Reihe von Projekt-Infos an Firmen, denen er bereits die mögliche Zahl der werbewirksamen Medien-Kontakte und sogar das Verkehrsaufkommen auf besagten Autobahn-Abschnitten vorrechnet. Der umweltkritische Ansatz ist unterdessen etwas unter die Räder geraten. Für eine autofeindliche Aktion fänden sich eben kaum potente Sponsoren.

Derzeit kommen erste Antworten auf Moenikes‘ Briefe. Eine Dortmunder Kunststoff-Firma sagte 2000 DM für die vielleicht ganz illusorische Ostwall-Vorschau zu, ein Bauunternehmen schickte einen Scheck über gerade mal 100 DM, den Moenikes enttäuscht zurücksandte. Resignation? Moenikes ist frustriert, will sich aber nicht unterkriegen lassen: „Wenn die Sache jetzt nicht läuft, belebe ich sie vielleicht irgendwann mal wieder.“




Der Fernsehapparat ist ein seltsames Haustier – Ausstellung zeigt den Umgang mit der „Glotze“ als Ritual

Von Bernd Berke

Essen. Erst stand er verschämt an der Wand und mochte seine häßliche Kehrseite nicht zeigen. Dann rückte er immer mehr in die Mitte des Zimmers, wurde rundum ansehnlicher, ja manchmal fast so schön wie eine Skulptur. Doch demnächst wird er sich wieder an die Wand klammern, denn dann wird er superflach und riesengroß sein. Die Rede ist vom Fernsehapparat, der sich in den letzten 40 Jahren kreuz und quer durchs Wohnzimmer bewegt hat – wahrlich ein geheimnisvolles „Haustier“.

Mit seiner neuen Ausstellung will das Essener Design-Zentrum Nordrhein-Westfalen uns das alltägliche Gerät wieder ein wenig fremd machen. Man hat die vielbeschworene „Exotik des Alltags“ im Sinn und möchte den Umgang mit der „Glotze“ etwa so zeigen, wie ein Völkerkundler magische Rituale beschreibt.

Kopfschmerzen mit der TV-Lupe

Tatsächlich gibt es auf diesem Gebiet die seltsamsten Dinge: War es etwa nicht exotisch, daß manche Leute sich früher ein kleines TV-Gerät kauften, das Bild dann mit einer Fernseh-Lupe aufblähten oder mit monotonen Farbfolien Pseudo-Color genießen wollten? Nun, zumindest war es kopfschmerzträchtig, denn das flimmernde Zeilenraster wucherte natürlich mit. Nicht weniger merkwürdig, daß heute offenbar recht viele Leute einem absurden Hobby frönen: Sie stieren ohne Decoder in den verschlüsselten Pay-TV-Kanal „Premiere“ und lassen bei verzerrten Bildfetzen ihre Entzifferungs-Phantasie spielen: Was mag da wohl laufen?

Die Essener Schau macht klar, wie sehr das Fernsehen den Alltag durchdrungen hat: Kaum noch ein Kinderspiel ohne optische oder inhaltliche Bezüge zum TV. Postkarten in Bildschirmform. Plattencover, deren Stars gleich vom Fernseher abfotografiert wurden. Sodann eine Flut von Werbegeschenken („Giveaways“) vor allem der Privatkanäle – die Tagesschau auf der Streichholzschachtel, das Logo der neuesten RTL-Produktion auf T-Shirts. Und auch das gemeine Knabbergebäck mutierte ja irgendwann zur „Telebar“-Schachtel mit fernsehgerecht unterteilten Häppchen.

Anheimelnde Runde am Nierentisch

In den 50er Jahren ging’s anheimelnd zu, da war Fernsehen tatsächlich noch Heim-Kino, man saß in gebannter Runde mit der halben Nachbarschaft zusammen. In Essen ist eine komplette Fernsehstube von damals aufgebaut, mit wuchtiger Truhe, Tulpenlampen, Nierentisch und CocktaiI-Sesseln. Ja, so war es.

Und wie wird es sein? Natürlich multimedial. Der Fernseher ist bald nur noch Durchgangsstation, ein Gerät unter vielen, allseits verkabelt und vernetzt. In der Abteilung „Zukunft“ dürfen die Besucher übrigens auch elektronisch mitspielen. Da wird man wohl die Kids finden.

Wandelbar bleiben die Gerate sowieso. Da „verkleiden“ sich die Apparate als Motorradhelm oder gar als aufgeschlagenes Buch. Damit man vor lauter Wechselfieber nicht gleich das ganze Gerät wegwirft, gibt es Designer-Rahmen, mit denen die „Kiste“ jeden Tag anders aussieht.

Apropos wegwerfen. Das muß nicht sein. Selbst ein verkohltes Gerät kann nämlich ausstellungstauglich sein. In Essen ist solch ein Exemplar zu sehen, von der Hitze grotesk verformt. Man hat es übrigens eigens zerstört, sozusagen mit viel Liebe – bei 250 Grad im Emailofen. Zur Nachahmung keinesfalls empfohlen!

„Unser Fernsehen! Vom Pantoffelkino zum Home-Terminal“. Design-Zentrum NRW. Essen, Hindenburgstr. 25-27. 16. Dezember 1992 bis 31. Januar 1993. Geöffnet Di.-Fr. 10-18 Uhr, Sa. 10-16.30 Uhr.

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(in ähnlicher Form auch in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 23. Dezember 1993)




Bis an die Grenzen der Sichtbarkeit – Bilder und Neon-Arbeiten von Günter Dohr in Lüdenscheid, Wilnsdorf (und Dortmund)

Von Bernd Berke

Lüdenscheid/Wilnsdorf. „Es werde Licht!“ dachte Günter Dohr, als er 1969 mit zehn Kollegen den gesamten „Ruhrschnellweg“ zwischen Duisburg und Dortmund künstlerisch markieren wollte. Doch der Neon-Künstler und all die anderen kamen damals nicht zum Zuge. Das weltweit einmalige Projekt wurde, aus Gründen der Verkehrssicherheit, politisch gebremst.

Der in Duisburg lebende Dohr (56) indessen ist dem flüchtigen Wesen des Lichts treu geblieben. In der Stadtgalerie Lüdenscheid wird jetzt ein Ausschnitt aus seiner neuesten Produktion gezeigt: Licht-Malerei, die aufs Innigste mit seinen Neon-Objekten zu tun hat.

Mit Acrylfarbe in den Tönen „Lascaux Oxidschwarz“ und „Titanweiß“ erzielt Dohr eine Vielfalt von Wirkungen, die sich keinesfalls in buchstäblichem Schwarz-Weiß erschöpfen. Die lichten Erscheinungen, mit Wasser schlierenhaft aufgehellt, schimmern zuweilen nicht nur in allen Graustufen, sondern auch bräunlich oder bläulich. Es ist. als entstiegen diese Farben dem puren Nichts.

Bekanntlich sind weder Schwarz noch Weiß veritable Farben, sondern eigentlich Rand- und Grenzphänomene der Sichtbarkeit. Genau da liegt ein geheimes Zentrum dieser Bildwelt, die sich dem Blick zugleich anbietet und sanft entzieht. Sehen oder Nichtsehen – das ist hier die Frage! Freilich: Nicht als Entscheidung pro oder kontra, sondern als gleitender Prozeß mit Zwischentönen.

Dohrs Bilder entstehen spontan, gleichsam in einem Anlauf. Da muß man vorher ziemlich genau wissen, was man will. Kalkül (und technisches Know-how) stecken noch deutlicher in Dohrs Neon-Objekten. Die ambitionierte Jordan Galerie in Wilnsdorf (bei Siegen) wirkt seit Mitte des Jahres in der Diaspora, fernab von allen Kunstzentren. Hier wird ein kleiner Querschnitt durch Dohrs Arbeiten der letzten Jahre gezeigt – willkommene Ergänzung zur Lüdenscheider Schau. Beispiel: Eine Neon-Installation im Gartenhaus bietet sich dem Betrachter immer wieder anders dar – von außen als einheitliche Farbfläche, von innen als Energiefeld im Widerstreit.

Überhaupt war es das Jahr des Günter Dohr. Gelsenkirchens Museum hat ihm eine Retrospektive ausgerichtet. Derzeit sind auch an zwei Dortmunder Stätten Dohr-Arheiten zu sehen: im Technologiezentrum und in der Galerie Voss (jeweils bis 20. Dezember).

Günter Dohr. Bilder 1992 – Städtische Galerie Lüdenscheid (Alte Rathausstraße). Ab sofort bis 17. Januar 1993, tägl. außer Mo. 11-18, Do. 11-20 Uhr // Günter Dohr: „Licht“, Jordan Galerie, Wilnsdorf/Siegerland (Breitenbachsfeld 7). Ab sofort bis 24. Januar 1993. Mi-Fr 12-18, So 10-13 Uhr.




Wer hat Angst vor der Freiheit der Farben? Arbeiten von Hartwig Kompa am Dortmunder Ostwall

Von Bernd Berke

Dortmund. Blau, blau, blau. Rot, rot, rot, rot. Gelb, gelb, gelb. – Kein hypermodernes Gedicht und auch kein Gestammel. Sondern so präsentiert sich (von links nach rechts „gelesen“) eine zehnteilige Farb-Installation im Lichthof des Dortmunder Ostwall-Museums. Erhaben und weiträumig wirkt sie, wie beinahe alles, was in diesem schönsten Teil des Gebäudes bislang zu sehen war.

Der Oberhausener Hartwig Kompa (Jahrgang 1947) befaßt sich seit fast 20 Jahren mit Farb-„Untersuchungen“, wie er es nennt. Zunächst ging er expressiv zu Werke, dann immer verhaltener, beinahe bescheiden den Ausdruckswerten der Farben folgend. Wichtig ist nicht eine Theorie von Wirkung und Wahrnehmung, Kompa will die Farben vielmehr in der Praxis auf die Probe stellen. Vertikale Rechtecke sind, weil sie körperlicher wirken als liegende, sein bevorzugtes Format.

Fast keine der 35 (zumeist mehrteiligen) Arbeiten aus den Jahren 1985-1992, die Kompa jetzt am Ostwall zeigt, trägt einen Titel. Eine Farbe ist eine Farbe. Man soll an nichts denken, sich an nichts erinnern. Man soll schauen, die Sinne schärfen, auch kleinste Wandlungen wahrnehmen. Eine Ausstellung also, für die man hellwach sein muß.

Ungebundene Pigmente

Auf den allerersten Blick erschließt sich nichts. Da sieht man beispielsweise in einem Raum nur verschiedene Blautöne. Wenn man aber verweilt, wird klar, auf wie viele Kleinigkeiten es hier ankommt: auf Höhen, Abfolgen und Abstände, auf das Spiel der Schatten zwischen den Bildern. Vor allem aber auf die Dicke der Bildträger, die man so richtig erst von der Seite her wahrnimmt. Ein und dieselbe Farbe wirkt bei derlei Variationen schon ganz anders; wie sehr unterscheiden sich erst ihre Nuancen!

Die Farbe ist frei. Buchstäblich. Denn Kompa verwendet ungebundene Pigmente in Pulverform. Das bedeutet: Die Farbmaterie ist ganz da, ganz gegenwärtig und greifbar (trotzdem gilt natürlich Berührungsverbot). Als Grundierung benutzt der Künstler feinste Metallspäne (Eisensinter), die sich auf der rauhen Leinwand festhaken. Auch der Untergrund verwandelt die Energie der Farbe. Das wird besonders augenfällig, wenn Kompa seriell arbeitet.

Noch einmal zurück zur Installation im Lichthof. Vor einiger Zeit lief in den Kinos Heiko Schiers Film „Wer hat Angst vor Rot-gelb-blau?“ Das Lichtspiel um Künstler und Kunstmarkt bezog sich auf Barnett Newmans Farb-Bild gleichen Titels, das traurige Berühmtheit durch ein irrsinniges Attentat erlangte. Im Dortmunder Lichthof leuchten nun eben jene Farben: Rot, gelb, blau. Wer hat Angst?

Hartwig Kompa – „Primär Farbe“. Museum am Ostwall, Dortmund. Ab Sonntag, 13. Dezember (Eröffnung 11.30 Uhr) bis 17. Januar 1993. Di. bis So. 10- 18 Uhr. Katalog 30 DM.




Ganz Dortmund gab sich dem Vergnügen hin – Üppige Ausstellung zur Freizeit-Geschichte

Von Bernd Berke

Dortmund. Hereinspaziert, hereinspaziert! Ganz Dortmund gibt sich dem Vergnügen hin. Die einen wandern ins Grüne, die anderen schlendern durch elegante Passagen; nachmittags geht’s ins (fast) original Wienerische Caféhaus — und abends ins Theater oder Varieté.

Natürlich war es nicht ganz so. Nicht jeder konnte sich alles leisten. Und außerdem ist es so lange her, daß es jetzt ins Museum kommt: Das Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte hat – für seine bislang größte Präsentation – rund 800 Exponate zusammengetragen. Sie sollen davon zeugen, wie die Dortmunder zwischen 1870 und 1939 ihre oft karge Freizeit verbrachten.

Freizeit gleich Vergnügen? Diese Rechnung geht nicht bruchlos auf. Hinter den knallbunten Kulissen von Zirkus, Jahrmarkt oder Lunapark gab es schon zu Kaisers Zeiten Freizeit-Streß. Und mancher Spaß war reichlich bizarr. Da ließen sich unsere Altvorderen etwa auf der Kirmes freiwillig leichte Stromstöße verpassen – welch‘ fröhliche Wissenschaft… Vor allem aber setzte früh die Kommerzialisierung der Freizeit ein. Verkaufs- und Spielautomaten von anno dazumal beweisen es. An dem Modell „Hopp-Hopp“ konnte man (durchaus stadttypisch) Biermarken gewinnen.

Die üppig bestückte und teilweise drangvoll eng gestellte Schau „umarmt“ ihr Thema gleichsam von allen Seiten: Um das Vorort-Freibad Froschloch geht es ebenso wie um luxuriöse Warenhäuser und Hotels; die Westfalenhalle (Sechstagerennen) spielt ebenso eine Rolle wie die berüchtigte Linienstraße, Dortmunds Zeile der käuflichen Liebe. Auch einige alte Radios werden gezeigt. Man hörte halt in der Freizeit Funk.

Beim Anblick von Fotos und Programmblättern der großen alten Varietés befällt zumindest den eingesessenen Dortmunder Wehmut: Wo ist diese Eleganz geblieben? Zu Schutt und Asche ist sie geworden – im Zweiten Weltkrieg. Jahre zuvor hatten sich die Nationalsozialisten schon der Freizeit bemächtigt. Besonders interessant ist der Fall des Marionettentheaters Kastner. Der Bayer hatte sich mit seiner Puppenbühne in Dortmund niedergelassen und spielte zwar keine Blut-, aber Boden-Stücke. Das kam den Nazis gelegen. Die spannten Kastner für ihre KfF-Belustigungen („Kraft durch Freude“) ein. Freizeit als Ablenkung vom gesellschaftlichen Elend. Nicht minderen Dienst genommen wurde das Dortmunder „Haus der Kunst“.

Freizeit war auch eine Klassenfrage. Während der Proletarier sich aufs Fahrrad schwang, nahm der Bonze beispielsweise in der kapitalen „Horch“-Limousine Platz – eines der auffälligsten Exponate neben dem imposanten „Kaiserpanorama“.

Freizeit war, das Wort sagt es ja, eben auch eine Zeit-Frage. Auf einem Podest voller Uhren wird dem Besucher allerdings kaum klar, daß erst die Einteilung der Zeit, die Abgrenzung von Arbeit und Muße den Begriff „Freizeit“ hervorbrachte.

Rundum gelungen ist die Schau nicht. Obwohl der Bühnenbildner Gerd Herr hie und da für schöne „Inszenierungen“ gesorgt hat, gibt es auch ein paar ärmlich wirkende Ecken. Daß man etwa einige Reihen alter Kinostühle vor ein Großfoto aus einem Harold-Lloyd-Streifen stellt, bleibt weit hinter einer entsprechenden Installation in der thematisch vergleichbaren Essener Ausstellung „Viel Vergnügen“ (Ruhrlandmuseum, bis 12. April ’93) zurück.

Ansonsten haben die Dortmunder eine ungleich größere Fülle zu bieten, in der jeder etwas für sich findet. Und im Ganzen ist die Sache höchst sehenswert. Deshalb, wie gesagt: Hereinspaziert!

„8 Stunden sind kein Tag“. Freizeit und Vergnügen in der Industriestadt Dortmund 1870 bis 1939 – Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund (Eingang Königswall). Ab sofort bis 4. Juli 1993. Di-So. 10-18 Uhr – Umfangreiches Begleitprogramm mit Aufführungen, Diskussionen usw. (Info: [02 31] 5 02 55 22). Eintritt 6 DM, ermäßigt 3 DM. Katalog mit 360 Seiten 49 DM.




Prag zwischen „Tutti Frutti“ und ambitioniertem Theater

Von Bernd Berke

Prag. Die Theater in Prag kämpfen, ähnlich wie jene in den neuen Bundesländern, mit Zuschauerschwund. Manche Vorstellungen werden gar mangels Masse kurz vor Beginn abgesagt – wiederum eine Anti-Werbung, die die letzten Getreuen vergrault. Seit die Tschechen unbeschränkt reisen und fast wie im Westen einkaufen können, aber auch härter arbeiten müssen, herrscht im Theaterparkett oft gähnende Leere.

Zudem bannt der TV-Kanal „OK 3″, der einen Verschnitt gratis überlassener westlicher Produkte (auch „Tutti Frutti“ von RTL) sendet, viele Leute in den heimischen Fernsehsessel. „OK 3″ ist Vorhut und Schnupperware für das demnächst startende Privatfernsehen.

Noch haben sogar die Theaterleute, die jetzt auf Einladung der Ruhrfestspiele in Prag deutschen Journalisten ihre Situation schilderten, eine Illusion: Das Privat-TV werde zwar anfangs seicht sein, nach einer gewissen Frist aber auch Kultur bringen. Wenn man sieht, was „OK 3″ schon jetzt an sexuellen Gewagtheiten anbietet, beschleichen einen da arge Zweifel.

Händeringend Sponsoren suchen

Früher hat der sozialistische Staat die Theaterschulden stillschweigend beglichen. Nun sucht man händeringend Sponsoren. Denn nun müssen die Bühnen (wie bei uns) mit Subventionen auskommen, die nicht mehr steigen. Ganz im Gegensatz zu den Preisen. In den Geschäften am Prachtboulevard Wenzelsplatz muß man inzwischen nahezu soviel Geld auf den Tisch legen wie in Deutschland – und das bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von rund 4200 Kronen (etwa 250 DM) in der Hauptstadt.

Nur Theater, die ganz besondere Qualität bieten oder sich gekonnt auf „Marktlücken“ spezialisieren, halten sich in diesem Umfeld gut. Die berühmte „Laterna Magika“ etwa hat keine Probleme, ihr Haus zu füllen. Freilich sind die Besucher zum großen Teil Touristen, vor allem aus Deutschland.

Wo man alles darf, wird es schnell beliebig

Bis zur sanften Revolution anno 1989 war es in der damaligen CSSR verboten, „dekadente“ Dramen von Beckett oder lonesco zu spielen, für den Erwerb der Aufführungsrechte an anderen West-Stücken fehlten Devisen. Jetzt kann man schier alles auf die Bühne bringen. Und da liegt das Problem. Denn wo man alles darf, wird vieles unverbindlich. Dafür hat das Publikum eine feine Antenne.

Da hilft es gar nichts, sich an die tschechische Tradition des psychologischen Theaters (Tschechow-Pflege bis zum Überdruß) zu klammern. Doch mit allzu wilden Experimenten darf man den Tschechen auch noch nicht kommen, sind sie doch durch die jahrzehntelange Isolation auf ästhetische Wagnisse kaum vorbereitet. Und eine kompetente Theaterkritik, die an Neuerungen heranführen könnte, entwickelt sich erst jetzt ganz allmählich.

Die Opern verzeichnen zwar einen etwas besseren Besuch als die Sprechtheater, doch man steckt auch hier noch tief in Konventionen. Außerdem können die Tschechen ihre besten Sänger nie im eigenen Lande erleben. Die Gagen, die diese Stars verlangen, werden nur in Westeuropa, Japan und Amerika bezahlt.

Und so spielt man tapfer nach dem Prinzip Hoffnung. Oder man trauert jener Hoch-Zeit des Theaters im Jahre 1989 nach. Damals gehörten die Bühnen zu den Zentren des Aufbegehrens. Es ist, als sei das schon Jahrzehnte her.

 




Ruhrfestspiele: Zurück zur Utopie von 1968 – Hansgünther Heyme stellt Programm in Prag vor

Aus Prag berichtet Bernd Berke

Auch im Spätherbst ist Prag eine wunderschöne, aber oft neblige Stadt. Nebulös und ungewiß auch die nahe Zukunft: In weniger als einem Monat wird Prag die Metropole eines neuen Staates sein, der Tschechischen Republik. Die Slowaken gehen dann eigene Wege. Wird es gutgehen?

Das entsprechende Hickhack um Besitzstände (bis hin zum Streit um einzelne Kunstwerke), ist jedenfalls derzeit d a s Gesprächsthema an der Moldau. Selbst die schlimmen Nachrichten über deutsche Rechtsradikale dringen bislang eher gedämpft in die goldene Stadt.

Hierher also hatte Ruhrfestspiel-Chef Hansgünther Heyme gebeten, um seine Festival-Pläne für 1993 zu erläutern. Warum an die Moldau und nicht an die Ruhr? Nun, man versteht sich ja seit ein paar Jahren als Europäisches Festival. Zweiter Grund: der jäh beendete „Prager Frühling“ vor fast 25 Jahren. Denn das Jahr 1968 spielt in Heymes Plänen für 1993 eine tragende Rolle. Schließlich gehören Gastspiele von Prager Bühnen zum Programmgerüst. Und Vaclav Havel, so hofft man, übernimmt die Schirmherrschaft.

Bedeutet das Ende des Realsozialismus auch das Ende aller Utopien? Nicht für Heyme! Im Gegenteil: Er möchte am liebsten die Antriebskräfte des rebellischen Jahres 1968 wieder mobilisieren. Die damalige Aufbruchstimmung ist Schwerpunkt, wenn auch nicht durchgehende Leitlinie der Festspiele ’93.

Odysseus als ruheloser Intellektueller

Die Kunstausstellung der Festspiele wird eine Zeitgeist-Schau über 1968. Heyme selbst steuert seine Inszenierung „Heimkehr des Odysseus“ (nach Homer) bei. Odysseus, so ein Regiegedanke, ist Prototyp des ruhelosen Intellektuellen, wie er auch um ’68 aktiv gewesen sein könnte. Außerdem plant Heyme die Uraufführung eines Textes von Gaston Salvatore, in dem dieser einstige Mitstreiter Rudi Dutschkes die APO-Vergangenheit „aufarbeiten“ soll. Beide Stücke sind Koproduktionen mit Heymes neuer Wirkungsstätte Bremen.

Auch Johann Kresnik, Chef des Bremer Tanztheaters, ist dabei: Seine „Wendewut“-Choreographie basiert auf einem politischen Text von Günter Gaus über die deutsche Vereinigung. Doch schnell zurück nach Prag: Friedrich Dürrenmatt hatte „Minotaurus“ seinerzeit eigens für das weltberühmte Prager Theater „Laterna Magika“ verfaßt. Nur der Regisseur Milan Svoboda könne diesen Prosatext angemessen auf die Bühne bringen, befand der Schweizer Autor. So geschah es. Svoboda verzichtet weitgehend auf Sprache und setzt den Geist des Textes in magische Bilder um. Er kommt mit seinem multimedialen Spektakel zu den Ruhrfestspielen.

Trotz Unterdrückung an Idealen festhalten

Deutlicher sind die Bezüge zu 1968 bei der zweiten tschechischen Produktion. „Laute Einsamkeit“ von Bohumil Hrabal hatte beim „Theater am Geländer“ bereits 1983 Premiere. Obwohl bis zur „samtenen Revolution“ des Jahres 1989 nicht dafür geworben werden durfte und auch keine einzige Kritik erschien, sprach sich das Ereignis herum und kam auf über 300 Vorstellungen. Hrabals Text behandelt die Frage, wie man trotz Unterdrückung an seinen Idealen festhalten kann.

Der Programmüberblick verspricht weitere Bühnen-Genüsse: Andrea Breth zeigt ihre Berliner Version von Gorkis „Nachtasyl“. Aus New York reist das legendäre „Living Theatre“ an und spielt – erstmals in Europa – „Rules of Civility“. Vorlage ist hier ein Text von George Washington zum Thema Demokratie.

Das spanische Totaltheater „La Fura dels Baus“, das schon 1991 bei den Festspielen Furore machte, kommt mit einer neuen Produktion wieder. Mittlerweile ist die Truppe aus Barcelona durch die Gestaltung der Olympia-Eröffnungsfeier zu weltweiter Berühmtheit gelangt. Gute Bekannte in Recklinghausen sind auch Maurice Béjart und seine Tanzcompagnie aus Lausanne. Diesmal führen sie „Cinema – Cinema“ auf, eine Hommage an die Filmregisseure Fritz Lang, Pasolini und Godard zu Musikstücken von Verdi, Bartók und Schönberg.

Sogar das Musical „Anything Goes“ (Alles ist möglich) feiert Wiederauferstehung. Heyme hatte Cole Porters Werk vor Jahresfrist als publikumsträchtige Eigenproduktion bringen wollen, war mit diesem Vorhaben aber gescheitert. 1993 kommt „Anything Goes“ als eingekauftes Gastspiel vom Berliner Theater des Westens. Na, bitte. Fast alles ist möglich.




Die Freiheit der Kunst kann zur Ratlosigkeit führen – Ausstellung „Das offene Bild“ in Münster

Von Bernd Berke

Münster. „Sobald man darüber redet, wird die Sache richtig kompliziert“, befürchtet Erich Franz. Doch unbefangen und mit wortlosem Wohlgefallen kann man die Schau, die er für das Münsteraner Landesmuseum zusammengestellt hat, eben auch nicht betrachten. „Das offene Bild“ heißt sie, und sie soll mit rund 200 Beispielen von 80 europäischen Künstlern zeigen, wie man sich nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr von fixen und fertigen Bild-Aussagen verabschiedet hat.

Genau das macht die Deutung neuerer Kunst so schwierig, denn auch sie ist ja seither ins Offene – und häufig genug wohl auch ins gänzliche Belieben des Betrachters gestellt. Weniger eine Schau zum Schwelgen also, eher eine zum Kopfzerbrechen, sattsam mit theoretischer Fracht beladen.

Viele Wege führen zum offeneu Bild. Ein paar Beispiele nur: Bei Gerhard Hoehme schlängeln sich zaghaft kleine Tentakeln aus der geschlossenen Bildfläche heraus. Wolf Vostell öffnet Plakatbilder, indem er ihre Außenhaut verletzt. Patrick Saytours aufgehängte Tücher werden erst durch ihre Gegenwart im Museum zur Kunst ernannt. Ihr regelmäßiges, ja eintöniges Muster könnte sich unendlich, also weit über das eigentliche Bild hinaus fortsetzen.

Und weiter: Bei Blinky Palermo sind die Teile eines Bildes gleichsam explodiert – und finden sich als Einzelstücke wieder, über die Wand verstreut und in ein neues Spannungsverhältnis zueinander gebracht. Daniel Spoerri wiederum bannt mit Klebstoff ein ganzes Heimwerker-Stilleben samt Bohrer auf eine Platte – das Bild als Wirklichkeit, die Wirklichkeit als Bild.

Pures Material oder Entmaterialisierung

Zwei Grundstrategien zeichnen sich ab: Manche Künstler (wie etwa Jean Dubuffet) lassen das Bild als pures Material zur Geltung kommen, sie häufen beispielsweise die Farbe zu fingerdicken, ertastbaren Landschaften auf oder stellen gleich vollends unbehandelte Leinwände aus. Andere (wie Günther Uecker oder Lucio Fontana) erproben umgekehrt die Ent-Materialisierung, indem sie flüchtige Vorgänge wie Schatten- und Lichtreflexe oder den Prozeß des Herstellens und Betrachtens (Fluxus-Kunst) einbeziehen. Sie alle sprengen den Rahmen, vormals ein Gütezeichen der (Ab-)Geschlossenheit. Wenn in Münster dennoch einige Bilder gerahmt oder hinter Glas gezeigt werden, so hat das ausschließlich konservatorische Gründe.

Planvolle Kompositionen, souverän gestaltete Beziehungen zwischen Figur und Grund – solche akademischen Erlesenheiten gehören der Vergangenheit an. Statt dessen begegnen wir hier entgrenzten Phänomenen wie Struktur und Materie. Das Bild wird zu einer Art Körper, es will im Grunde gar nichts mehr aussagen und darstellen, sondern ist einfach da, um sich selbst zu zeigen: Hier hänge ich und kann nicht anders. Vertrackt genug! Katalog-Erwerb und/oder Teilnahme an einer Führung sind denn bei dieser Ausstellung auch ratsam, eine Video-Einführung hilft ebenfalls weiter.

Doch vielleicht entspricht eine gewisse Ratlosigkeit dieser Schau sogar am besten, denn auch die Kunst scheint ja vor lauter Freiheiten selbst immer unsicherer geworden zu sein.

„Das offene Bild“. Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster. Bis 7. Februar 1993. Tägl. außer Mo. 10-18 Uhr. Katalog 48 DM.




Die vielen Meinungen und das Erlernen des Abschieds – Markus Werners Roman „Bis bald“

Von Bernd Berke

Allein in Tunesien, dem ganzen Elend des Pauschaltourismus auch noch als Single ausgeliefert, bekam Hatt seinen Herzanfall. Nun, schon daheim auf dem Krankenlager, erzählt er seine Leidensgeschichte.

Wie in so vielen Romanen, spielt auch hier die Trennung von einer Frau die zentrale Rolle, dazu der Tod des Sohnes, der an einem Hirntumor gestorben ist. „Ein Unstern“, so der Ich-Erzähler, sei über seinem Leben aufgegangen.

Doch vor allem steckt die Geschichte anfangs voller Meinungen und Ansichten über alles und jedes. Das schwankt ganz sonderbar zwischen heiligem Zorn, aphoristischer Dichte und haltloser Geschwätzigkeit. Da gibt es Haßtiraden gegen die Schweiz im allgemeinen und Geschäftsleute im besonderen. Da kritisiert dieser Hatt neumodische Sitzmöbel, äußert sich zur Gleichberechtigung, zieht gegen den „Terror der Nichtraucher“ zu Felde und gibt obendrein Geheimtipps für den Urlaub (Blockhaus in Finnland). Einer, der so viel zu meinen hat, muß doch wohl mächtig am Leben hängen. Der sagt dann immer „Bis bald!“ und kann von nichts Abschied nehmen.

„Die Welt ist unhaltbar“

Außerdem laboriert der Denkmalpfleger offenbar an beruflicher Prägung. Wo er geht und steht, will er auch gestrige, vermeintlich authentische Formen des Lebens behüten. Doch nichts läßt sich festhalten, alles zerrinnt – und das ist schrecklich: „Die Welt ist unhaltbar“ – so lautet denn auch ein Lieblingssatz dieses von der Gegenwart versehrten Menschen. Also doch einer, der sich insgeheim nach Tod und Erlösung sehnt?

Dringlichkeit bekommen all die sprunghaften Gedanken, wenn man erfährt, daß Hatt die ganze Zeit auf einen Anruf aus der Klinik wartet: Die Ärzte wollen ihm ein neues Herz einpflanzen und warten ihrerseits nur noch auf ein geeignetes Transplantat. Seine Gedanken kreisen um dieses Warten. Die unentschiedene, existentiell angespannte Situation zwingt ihn zur Konzentration aufs Wesentliche, auch zum Erlernen des Abschieds. Zunächst gleichsam probehalber, dann ganz konkret.

Von der Operationsliste streichen

Ganz am Ende ringt sich Hatt zu einem wahrlich lebenswichtigen Entschluß durch: Er läßt sich von der Operationsliste streichen, läßt also sein Leben los und erfährt dadurch eine seltsame Leichtigkeit des Seins. Von seinen allfälligen Meinungen hat er sich längst verabschiedet. Ob er sterben muß, erfahren wir nicht mehr.

Thematisch und sprachlich ist Markus Werners Roman „Bis bald“ ein sehr achtbares Werk. Vielleicht ist es hie und da ein wenig zu kostbar und hochgestochen geraten. Manches hätte man sich noch lakonischer gewünscht. Doch das sind Bagatell-Unfälle, ja eigentlich nicht einmal das.

Gelegentlich durchsetzt mit schweizerdeutschen Ausdrücken („Währschaft“), erinnert das Buch ganz nebenher auch an den Reichtum, den die deutschsprachige Literatur der Auffächerung in östlich-westlich bundesdeutsche, österreichische und schweizerische Varianten samt Regionalstilen (und Sonderformen wie dem Rumäniendeutschen) verdankt. Wie armselig wäre es doch, schrieben sie nur zwischen Flensburg und Freiburg in dieser Sprache.

Markus Werner: „Bis bald“. Roman. Residenz Verlag. 224 Seiten, 39 DM.

 




Mit Leichtigkeit über das Leben hinwegtanzen – Bilder von August Macke in der Kunsthalle Emden

Von Bernd Berke

Emden. Die Frau näht. Auf dem Porträt ist sie ganz in sich versunken. Sie blickt nicht auf. Doch man sieht sogleich: Zu ihr muß der Künstler ein ganz inniges Verhältnis gehabt haben. In der bloßen Linienführung liegt unendlich viel Zärtlichkeit. Tatsächlich: Die Frau, die wir da sehen, ist August Mackes Elisabeth, eine „Sandkastenliebe“, die er später geheiratet hat.

So ist es meistens. Mackes Bilder bringen tiefen Frieden, bringen Schönheit ohne Beschwernis. Daher wohl auch die fulminanten Ausstellungs-Erfolge – zuletzt vor ein paar Jahren in Münster, als sich Hunderttausende durchs Landesmuseum schlängelten. Sollte in Emden, wo man nun mit Macke erneut einen „Gesang von der Schönheit der Dinge“ (Ausstellungstitel) anstimmt, auch nur halb so viel Andrang herrschen, so wäre die Infrastruktur der ostfriesischen Kleinstadt überfordert.

176 Zeichnungen und Aquarelle sind zu sehen. Bei Macke sind Papierarbeiten eine Hauptsache. In seinem tragisch kurzen Leben (1887 bis 1914, als er im Ersten Weltkrieg fiel) hat der gebürtige Mescheder, der meist in Bonn wohnte, über 10 000 Blätter geschaffen. Wo er ging und stand, skizzierte er seine Eindrucke – mit Bleistift, Kohle, Kreide, Tusche, Aquarellfarben. Wo andere ein bis zwei Worte notiert hätten, brachte er ein Bild hervor.

Das schwankende Glück beim Seiltanz

Einige Arbeiten werden in Emden sogar erstmals gezeigt. Noch nie ausgestellt war z. B. jenes in frohen Farben rotierende „Karussell“ (1912) mit Kindern. Ganz wunderbar leicht hingetupft, verrät das kleine Bildchen noch Mackes Hang zum Impressionismus. Über das Leben „leicht hinwegzutanzen“, wie er einmal schrieb – das war Mackes Vorstellung vom Glück. Die thematisch statt chronologisch gegliederte Schau widmet den Tanzbildern eine eigene Abteilung. Doch diese Feier der Lebensfreude hat ihre Schattenseite. Denn ein anderes Lieblingsthema ist der Seiltanz – und damit das schwankende, stets bedrohten Glück.

Daß er das Leben lieber mit hellem Blick ansah, zeigen Mackes Bilder über Spaziergänger. Auch hier nimmt der Künstler das Leben ganz leicht, wie im Vorübergehen. Ein Dix oder Grosz hätten hier sicherlich ätzende Kritik am städtischen Sündenbabel geübt. Wenn aber Macke vorzugsweise elegante Damen an Schaufenstern entlang flanieren läßt, werden lichte Sehnsuchts-Bilder daraus. Von Konsumterror keine Spur.

Doch seicht oder weltfremd war Macke nicht. Stellt er etwa zwei Frauen und einen Mann ins Bild, so herrscht da auch schon mal eine Spannung, in die man sich eine dramatische Dreiecksgeschichte hineindenken kann.

Durch Stickvorlagen zur Abstraktion

Die Kunst-Avantgarde seiner Zeit hat er sehr genau wahrgenommen. Davon zeugt seine bildliche „Persiflage den Blauen Reiter“. Er hat sich gelegentlich auch abstrakten Tendenzen zugewandt. Bemerkenswert, daß Macke mit eher biederen Vorlagen zu Stickarbeiten, die eine vereinfachte, flächige Formensprache erforderten, auf den Pfad der Abstraktion geriet.

Doch er kehrt immer wieder zum Figürlichen zurück, ja er entwickelt im Laufe der Zeit ein Standard-Repertoire. Beinahe wie Spielsteine werden immer wieder ähnliche Personen-Umrisse in verschiedene Bilder gesetzt. Fast könnte man dies als Beschränkung (miß)verstehen.

Spätestens während der berühmten Tunis-Reise (zusammen mit Klee und Moilliet) befreit sich Macke vollends von formalen Grenzen: „Die Farbe hat mich!“ rief er damals begeistert aus und empfand sich erst jetzt ganz und gar als Künstler. Und wahrhaftig: Die Leuchtkraft der Farben ist nun überirdisch.

Ein Besuch in Emden lohnt (abgesehen von Macke-Ausstellung und Seeluft) allein wegen der Kunsthalle. Da hat Henry Nannen, bekanntlich zu besten Zeiten des „Stern“-Magazins dessen Chefredakteur, seiner Heimatstadt mehr als ein Kleinod gestiftet.

August Macke: „Gesang von der Schönheit der Dinge“. Kunsthalle Emden / Ostfriesland. 8. November bis 7. Februar 1993. Di 10-20, Mi/Do/Fr 10-17 Uhr, Sa/So 11-17 Uhr. Katalof 42 DM. Anschließend geht die Ausstellung nach Ulm und Bonn (dort Mai bis Juli ’93).




Eduard und die Liebe zu Frauen und Mäusen – Peter Schneiders amüsanter Roman „Paarungen“

Von Bernd Berke

Eduard ist Naturwissenschaftler, also rechnet er nach: Im statistischen Schnitt ist eine Liebesbeziehung in seiner Generation „nach drei Jahren, einhundertsiebenundsechzig Tagen und zwei Stunden“ vorbei.

Eduard ist aber auch eine Spielernatur. Also wettet er mit seinen Kumpanen aus der Szenekneipe „tent“, Theo und André: Wer hält wohl am längsten mit seiner jetzigen Freundin durch? So kommt Peter Schneiders Roman „Paarungen“ in munteren Gang – und führt durch herrlich-schreckliche Liebes-Labyrinthe. Denn es bleibt nicht bei der strengen Monogamie.

Im ganzen Roman wirkt ein „Spaltpilz“. Diesen Namen bekommt eine mysteriöse Figur, die immer mal wieder durch die Handlung geistert und vom Nachtseiten-Romantiker E. T. A. Hoffmann stammen könnte. Zudem spielt das Buch im noch gespaltenen Berlin – und dort grassiert der Trennungsvirus, der jede Liebe kleinkriegt, ganz besonders heftig.

Groteske Balance zwischen Freiheit und Bindung

Peter Schneider seziert die vermeintlich ach so freien und in Wahrheit doch so verkorksten Lebensformen der alten „68er“-Rebellen mit haarfeiner Ironie, ohne seine Personen menschlich zu denunzieren. Sie sind ja in wirklichen Nöten. Und doch ist es auch zum Lachen. Die Liebeshändel jener Leute, die heute so etwa zwischen 40 und 50 sind, enden in grotesken Balanceakten zwischen Freiheit und Bindung. Am Ende geht man fast so verdruckst fremd, wie es die verhaßten Väter einst getan haben.

Auch politisch ist man {schon vor der DDR-„Wende“) mächtig ins Trudeln geraten. So ist etwa Eduard im Bio-Labor dem Erreger der Multiplen Sklerose auf der Spur, träumt schon vom Nobelpreis und braucht nur noch eine einzige Versuchs-Maus, die er – als sei’s eine Figur von Goethe – zärtlich „Lotte“ nennt; wie denn überhaupt auch der Name Eduard auf Goethe verweisen könnte. Doch zurück zur Maus: Der vormals ungebrochen „Linke“ ist überaus entsetzt, als studentische Öko-Anarchisten das liebe Tierchen befreien. Wie er da plötzlich die Jugend und ihren missionarischen Eifer haßt! Und wie da eine Sehnsucht nach Einvernehmen mit seinen Eltern aufkommt! Das wiederum bringt die ganze schöne und früher so glasklare Sicht auf die Zeit des Faschismus durcheinander.

Handlinie mit zwei verräterischen Abzweigungen

Doch vor allem gerät Eduard in die erotische Mangel. Es tritt genau das ein, was eine bulgarische Handleserin ihm prophezeit. Seine Liebeslinie mit zwei Abzweigungen bedeutet: erwiderte Zuneigung zu drei Frauen. Die heißen Klara, Jenny und Laura. Und obwohl Eduard doch laut Laborbefund fast zeugungsunfähig sein soll, sind plötzlich zwei von ihnen schwanger – und die dritte, ehedem seine „Feste“, ist tödlich beleidigt.

Eduards Kumpanen es nicht viel besser. Eigentlich haben sie alle ihre Wette verloren. Mitunter kommen sie sich – fast der Labormaus vergleichbar – wie Versuchspersonen in einem großen Liebesexperiment mit ungewissem Ausgang vor. Eine ganze Generation, so eine Essenz der Geschichte, versagt vor den großen, dauerhaften Gefühlen. Und doch: So ganz tot ist auch die Utopie von einer lebbaren Mehrfach-Liebe ohne Ausschließlichkeit noch nicht.

Man findet in diesen Jahren nur selten deutsche Romane, die etlichen Tiefgang und Amüsement, die Zeit- und Seelenschau so unangestrengt verbinden. Klug gewählt hat Schneider Eduards Biologen-Beruf. Das bringt nämlich eine weitere Stärke des Autors ins Spiel: die essayistische Form. So sind seine Überlegungen zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Gesellschaft schon für sich lesenswert. Und er hat sie so stilsicher in den Romanverlauf eingefügt, daß sie gar nicht wie Fremdkörper wirken.

Peter Schneider: „Paarungen“. Roman. Rowohlt Berlin, 345 Seiten, 38 DM.




Zwischen Kassenbrille und „Schmetterling“ – Geschichte der Sehhilfen im Stadtmuseum Iserlohn

Von Bernd Berke

Iserlohn. Erst legte man Lupen („Sehsteine“) auf Bücher oder Schriften und beugte sich mühsam darüber. Später hielt man sich Sehhilfen als Lorgnons vor die Augen, was immer etwas hochmütig, indigniert und eitel wirkte. Dann drückte man zwei Bügel seitlich ans Gesicht. Da konnte „das Ding“ leicht herunterfallen. Doch endlich kam einer auf die grandiose Idee, diese Bügel umzubiegen und hinter die Ohren zu klemmen. Manche Erfindungen dauern eben etwas länger.

Auch vermeintlich simple Dinge wie Brillen haben ihre Vor- und Kultur-Geschichte. In einer Ausstellung unter dem sinnigen Motto „Gefaßten Blicks“ dokumentiert jetzt das Stadtmuseum Iserlohn das „Brillentragen und Brillendesign in der Nachkriegszeit“ (Untertitel). 177 Exponate markieren den Weg von der medizinischen Zweckmäßigkeit bis zur Mode von heute, wo die Brillenindustrie den Damen am liebsten je zehn Stück verpassen möchte – zu jedem Kleid eine.

Auf Schaubildern wird nicht nur die Brille in Karikatur und Werbung vorgeführt. Man verfolgt auch die Ur-Historie der „Nasenfahrräder“, die erst mit Einführung der Schulpflicht zum Massenartikel wurden, bis ins 13. Jahrhundert zurück. Am anderen Ende der Zeitachse geht die Schau bis zum Jahr 1991. Allein das Nachkriegsspektrum reicht von der gewöhnlichen Kassenbrille bis zum schrillen, von Hollywood-Stars inspirierten „Schmetterlings“-Design.

Direkt nach dem Krieg hatten die Deutschen natürlich erst einmal anderes zu besorgen als schicke Brillen. Hatten bis dato Metalle als Rahmenmaterial dominiert, war man nun schon froh, wenn man ein Gestell aus Zelluloid bekam. Der Haken an der Sache war nur: Zelluloid brannte verteufelt schnell. Manche Brillenträger, die mit Feuer in Berührung kamen, spürten es schmerzhaft und buchstäblich fassungslos. Eine kleine Revolution war es daher, als in den 50er Jahren das Material Optyl (Kunstharz) aufkam, das nicht mehr entflammte.

Jene 50er Jahre bilden den Schwerpunkt der Iserlohner Ausstellung. Optischer Blickfang im Treppenhaus ist ein herrlich „schräges“ Großfoto von den drei Siegerinnen im Wettstreit um die „Miß Brille“ (1961). Die drei Grazien sind nichts dagegen.

Die Vitrinen und vor allem ein genau rekonstruiertes Optiker-Schaufenster aus den 50ern bergen so manches schöne und beredte Original – von der über und über mit Edelsteinen besetzten Luxusbrille bis zum herzförmigen Exemplar, das zu ausgiebigen Augenflirts einlud.

Die Leute vom Westfälischen Museumsamt in Münster, die die Schau  zusammengestellt haben (mit Leihgaben von Firmen und Privatsammlern), können viele Geschichten zu ihrem Thema erzählen. So deuten etwa besonders dicke Fassungen meist auf Machtansprüche des Trägers hin. Da kann man sein Gegenüber bedrohlich wie ein alter Uhu angucken. Beispiel: Helmut Kohl, der auf dem Weg zur Macht mit einer breitrandigen Imponierbrille daherkam – bis Imageberater dem Kanzler, der das Gehabe nun nicht mehr nötig hatte, ein filigranes Modell verordneten.

„Gefaßten Blicks. Brillentragen und Brillendesign in der Nachkriegszeit“. Stadtmuseum Iserlohn (Fritz-Kühn-Platz 1). Ab sofort bis 29. November. Di-So 10-17 Uhr, Do 10-19 Uhr. Katalog: 140 Seiten/200 Abb. – Die Schau kommt später u. a. nach Schmallenberg, Unna und Bergkamen.




Joan Hoet und die „Oase von Schwerte“ – Diskussion mit dem documenta-Chef in der Ruhrstadt

Von Bernd Berke

Schwerte. Wenn das kein Lob aus berufenem Munde ist: Als „Oase in der Stadt“ hat Jan Hoet, Chef der vor einem Monat beendeten documenta, den rührigen Schwerter Kunstverein bezeichnet.

Hoet gab sich am Mittwoch abend in der Ruhrstadt die Ehre – und viele, viele kamen. Gleich zweimal mußte das Publikum in einen jeweils größeren Raum wechseln, bevor die Diskussion über Gegenwartskunst beginnen konnte.

Vom documenta-Dauerstreß ein wenig erholt, ging Hoet vor allem mit der Kunstkritik hart ins Gericht, die die Kasseler Schau überwiegend „verrissen“ hatte. Jawohl, er fühle sich „irritiert und verletzt“, bekannte Hoet. Nur wenige Rezensenten hätten die Schau als das genommen, was sie gewesen sei: als „offenes Feld“. Statt jedes Werk individuell zu betrachten, habe man nur gängige Positionen bestätigt sehen wollen. Hoet kulinarisch: „Die documenta war ein großes Gastmahl. Es gab auch geschmolzene Butter. Aber in Deutschland mag man nur harte Butter.“ Außerdem seien die Künstler sehr zufrieden mit der documenta. Darauf komme es an. Und 609.000 Besucher anzulocken, das solle erst einmal jemand nachmachen.

Leidenschaftlich wandte sich Hoet gegen jede vorschnelle Systematik in der Kunstbeurteilung: „Am besten ist es, wenn man so hinguckt, als ob man gar nichts wüßte“, meinte er unter beifälligem Nicken der Zuhörer. Überhaupt erntete er recht wenig Widerspruch. Eigentlich wurden ihm nur ein paar Künstlernamen entgegengehalten, die nicht auf der documenta vertreten waren – Einwände, die Hoet ziemlich leicht entkräften konnte. Immerhin entwickelte sich eine kurze Debatte über Kitsch und Zynismus in der Kunstszene.

Hoet ging aber auch auf einen ganz aktuellen Vorwurf ein. Viele hatten die letzte Ausgabe der ZDF-„Aspekte“ gesehen. Dort war behauptet worden, seit Ende der documenta würden einige in Kassel gezeigte Werke verschrottet. Hoet fuhr angesichts solcher „Unterstellungen“ aus der Haut. Nichts werde verschrottet. Im Gegenteil: Einiges sei verkauft, manches bleibe in Kassel. Lediglich „die Tapete mit den Ameisen“ sei abgerissen worden. Die aber existiere als Druckwerk vielfach.

Übrigens: Indirekt verdankt Schwertes Kunstverein seine Gründung dem belgischen Ausstellungsmacher. Vor einigen Jahren überzeugte ein Besuch in Hoets legendärer Ausstellung „Chambres d’amis“ (die in Genter Privatwohnungen stattfand) eine Gruppe aus Schwerte so sehr, daß man beschloß: Jetzt muß ein Kunstverein her!




Jetzt werden auch Schriftsteller im Revier gesponsert – Initiativkreis Ruhrgebiet finanziert neue Lesereihe

Von Bernd Berke

Im Westen. Neues vom hochkarätigen Sponsorenzirkel der Revier-Wirtschaft: Der „Initiativkreis Ruhrgebiet“ steigt jetzt auch in die Literaturförderung ein. Vom 3. bis zum 27. November gibt es erstmals die Lesereihe „Poesie und Prosa – Junge Literatur im Ruhrgebiet“, die in neun Städten (darunter Dortmund und Unna) Station macht. Falls sie jetzt Erfolg hat, soll die Veranstaltung künftig alle zwei Jahre über die Bühne gehen.

„Ein Beweis dafür, daß der Initiativkreis nicht nur Glanz- und Glamour-Veranstaltungen wie Operngalas finanziert.“ So wertete Dr. Konrad Schilling das Engagement. Schilling, vormals Kulturdezernent von Duisburg, ist jetzt Kulturbeauftragter des Vereins „pro Ruhrgebiet“, der den Initiativkreis unterstützt.

16 Autoren aus dem Revier werden mit „Poesie und Prosa“ aller Genres (von der Jugendliteratur bis zum Krimi) vorgestellt. Bibliotheken und Literaturbüros der Region machten Vorschläge für die Namensliste. Hobby- und Arbeiterliteratur hat man ebenso „aussortiert“ wie Prominenz: Max von der Grün und Josef Reding sind beispielsweise nicht dabei.

Die 16, die nun in den einzelnen Städten (meist paarweise und nach Geschlechterparität) an den Lesestart gehen, haben allesamt schon Bücher herausgebracht, sind aber nur halbwegs arriviert. Kaum einer kann von seiner Literatur leben. Mitorganisator Gerd Herholz vom Literaturbüro Gladbeck: „Ein einzelner Autor hat es hier schon schwer, in der Nachbarstadt bekannt zu werden.“ Die Bündelung der Kräfte durch „Poesie und Prosa“ könne da Abhilfe schaffen.

Schwerpunkt in Dortmund

Schreibkünste scheinen besonders in Dortmund zu gedeihen: Mit Thomas Kamphusmann, Thomas Kade, Ewa Gust, Bettina Rolfes und Jürgen Wiersch lebt fast ein Drittel der beteiligten Autoren in dieser Stadt. Hinzu kommt die Krimi-Autorin Sabine Deitmer, die einen Leseabend moderiert. Überhaupt bleiben die Autoren nicht auf sich allein gestellt. Jeder Abend wird nicht nur moderiert, sondern auch musikalisch umrahmt.

Bringt die Literaturszene des Reviers genügend guten Nachwuchs hervor, um auch 1994 und 1996 „Poesie und Prosa“ angemessen zu besetzen? Gerd Herholz ist skeptisch: „Warten wir’s ab.“ Konrad Schilling hingegen meint: „In zwei Jahren werden wir die Qual der Wahl haben.“

Für „Nachwuchs“ will man schon diesmal ganz konkret sorgen: Am 27. November beendet ein „Stimmengewirr“ in Mülheim an der Ruhr die Literaturtage. So heißt die öffentliche Abschlußlesung eines Lyrik-Workshops, der von Hannelies Taschau und Thomas Rosenlöcher betreut wird.

Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist kostenlos. Der Initiativkreis wendet für das Projekt rund 125 000 DM auf.

Auskünfte und Programmfaltblätter bei: Initiativkreis Ruhrgebiet 0201/266 96 18 oder Stadt- und Landesbibliothek Dortmund 0231/502-3225 oder: Unna, Lindenbrauerei 02303/27 10 97.




Vom heiligen Recht auf Asyl bis zur großen Fremdenangst – Hans Magnus Enzensbergers Buch „Die große Wanderung“

Von Bernd Berke

Hat man von Hans Magnus Enzensberger schon einmal eine langweilige Seite gelesen? Wohl kaum. Er läßt von jeher seine Gedanken auch stilistisch funkeln. Doch paßt diese Leichtfüßigkeit auch zu jedem Thema? Paßt sie beispielsweise zur Asylpolitik?

Enzensbergers neuer Text „Die große Wanderung“ durchmißt auf bloß 76 Seiten eine imposante Gedankenstrecke. Geschrieben nach Hoyerswerda, aber vor Rostock und den Folgen, handelt das Buch in 33 kurzen Kapiteln von der weltweiten, nach des Autors Ansicht bei uns erst in Rinnsalen spürbaren großen Völkerwanderung, die den anonymen, aber unentrinnbar mächtigen Kapitalströmen rund um den Erdball folge.

Die Deutschen dürften sich, so stellt Enzensberger gleich klar, keinen Illusionen hingeben: Sie seien, bedingt durch geographische Mittellage und geschichtliche Verwerfungen, eh schon immer ein äußerst bunt gemixtes Völkchen gewesen. Von „Deutschtum“ keine Spur.

Negativer Beigeschmack seit der viktorianischen Ära

Enzensberger stellt ganz sachliche Erwägungen zur Asylpolitik im Hinblick auf Staatsfinanzen, Arbeitsmarkt und Bevölkerungsentwicklung an. Er unternimmt einen knappen Streifzug durch die Geschichte des Asyls seit der griechischen Antike (als die Gewährung von Zuflucht ein sakraler Brauch war) und meint, daß eine Unterscheidung zwischen politisch Verfolgten und Elendsflüchtlingen dem uralten Grundgedanken des Asyls widerspreche. Außerdem sei drückendes wirtschaftliches Elend ein ebenso massiver Grund zur Flucht wie Verfolgung. Negativen Beigeschmack habe das Wort Asyl überhaupt erst in der bigotten viktorianischen Ära bekommen, als man sich über Trinker- und Obdachlosen-Asyle empört habe.

Doch dann folgt, was „Linken“ nicht schmecken dürfte: Enzensberger äußert ein gewisses Verständnis für jene, die sich vom Zustrom der Asylbewerber bedroht fühlen. Fremde zunächst einmal instinktiv abzulehnen, sei menschliches Allgemeingut, befindet der Autor – und schildert als Beispiel jene wohlbekannte Szene aus dem Eisenbahnabteil, wo jeder neu Zugestiegene erst einmal unwillkürlich mit Mißtrauen behandelt werde – bis dann der nächste Neuankömmling die unbewußte Abwehr der „Eingesessenen“ auf sich zieht… Nur: Praktisch jeder ist halt irgendwann einmal Neuankömmling (gewesen).

Kritik an einer „Diskriminierung der Mehrheit“

Enzensberger geißelt auch jenen hilflosen Anti-Rassismus, der nur das seitenverkehrte Abziehbild des Rassismus sei, den er zu bekämpfen vorgebe. Hier drohe die Gefahr einer Verniedlichung (die jeden Ausländer zum edlen Gast stilisiere) und einer „Diskriminierung der Mehrheit“. Und: Multikulturelle Projekte seien zu oft gescheitert, um noch als Utopie durchgehen zu können.

Man mag Enzensberger vorwerfen, daß er mit scheinbar unbeteiligter Geläufigkeit über ein (tod-)ernstes Thema parliere. Daß er es an leidenschaftlicher, entschiedener Parteinahme fehlen lasse. Am Schluß holt er das übrigens nach, mit einem nun doch flammenden Appell an die Politiker, die endlich das staatliche Gewaltmonopol gegen rechtsradikale Umtriebe ergreifen müßten.

Doch fertige Lösungen bietet Enzensberger nicht an. Es geht ihm wohl vor allem darum, überhaupt erst einmal Denkblockaden aufzubrechen, manches besinnungslose Geschwätz der Tagespolitik zu relativieren. Er tut es mit unverwechselbarer Stimme.

Hans Magnus Enzensberger: „Die große Wanderung – 33 Markierungen“. Suhrkamp. 76 Seiten. 19,80 DM.