Die Psyche ist nur noch eine ferne Erinnerung – Fritz Marquardt inszeniert Ibsens „Klein Eyolf“ in Bochum

Von Bernd Berke

Bochum. Der Ehrgeiz, es mit kaum noch spielbaren Stücken dennoch zu versuchen, regiert derzeit den Bochumer Spielplan. Nachdem Frank Patrick Steckel „Die Nibelungen“ von Hebbel auf die Bühne gestemmt hat, inszenierte nun DDR-Regisseur Fritz Marquardt „Klein Eyolf“, ein von mancherlei Symbolismen durchwabertes Spätwerk Henrik Ibsens.

„Klein Eyolf“ ist ein neunjähriger Junge, gehbehindert durch die Verantwortungslosigkeit der Eltern, Alfred und Rita Allmers (Eyolf fiel vom Wickeltisch, da sie es miteinander trieben). Als er nun im Fjord ertrinkt (die „Rattenjungfer“ soll ihn hineingelockt haben), brodelt das Thema „Verantwortung“ ehebedrohend hoch, hinzu kommt – in Gestalt von Alfreds (Halb)-Schwester Asta – inzestuöse Verlockung. Am Schluß läßt Ibsen sein Ehepaar gipfelwärts blicken und sich zur menschlichen Verantwortung bekennen. Bis dahin sind viele düstere Dialoge zu absolvieren.

Sich auf verquere Psycho-Symbolik naiv einzulassen, geht nicht mehr, Naturalismus auf voll möblierter Bühne noch weniger. Marquardt und sein Bühnenbildner Karl Kneidl verpacken den ersten Akt gleichsam in Plastik (halbhohe Plexiglasbande vorn, Folie hinten) und „frieren ihn ein“.

Alle Gesten sind wie abgestorben

Das gesamte Gesten-Repertoire (Ibsens Regieanweisungen) stirbt ab. Statt Händedruck, Umarmungen und Zuwendungen, die ja die wirklichen Beziehungen in diesem Stück auch nur kaschieren, herrscht Gefühlseiszeit. Wie fremdgesteuert rucken die Personen über die Bühne, und zwar allzu offensichtlich, sogleich einem verborgenen Gesetz größtmöglicher Blick-Abirrung gehorchend, sich aneinander vorbeidrückend wie Nicht-Vorhandene und-meist tonlos redend, mitunter grotesk ausbrechend – ohne Umschweife die kommunikative „Null-Lösung“ ansteuernd. Immer wieder ist davon die Rede, daß man seine Gefühle, den Partner, ja sich selbst mit niemandem teilen könne. Das erledigt sich hier quasi auf mathematischem Wege. „Null“ ist nicht teilbar.

Das Stück wirkt wie skelettiert, zudem – als sei die allgemeine Katastrophe schon geschehen – auch bar jeder individuellen Psychologie, die nur wie ferne Erinnerung durchschimmert. Desto befremdlicher wirken altbackene Worte wie etwa „Lusthaus“.

„Und nichts, um das Leben zu füllen“

Zum zweiten Akt fällt der Vorhang wie eine Guillotine herab. Das glänzende Parkett, auf dem sich zuvor Rita als fühllose Luxusfrau rekelte, ist aufgebrochen: Erdschollen-Verwerfung nach dem Beben. „Jetzt sitze ich hier in Wohlstand und Herrlichkeit“, wähnte Alfred anfangs. Damit ist es jetzt ganz vorbei, fortan geht es nur noch darum: „Das Leben, ja! Und nichts, um das Leben zu füllen“. So ist hier am Ende Rita Entschluß, Kinder zu sich zu holen, Verantwortung zu übernehmen, nur die verzweifelte Absicht, die große Leere zu füllen. Kein Gipfel ist da in Sicht.

Jochen Tovote spielt den schwächlichen Allmers mit abstrusen Gefühlsaufwallungen, Hedi Kriegeskotte als „Rita“ ist gleichermaßen unterkühlt in Lust und Trauer, Hildegard Kuhlenberg als „Asta“ gibt ihrer Figur noch die meisten individuellen Züge, Ivo Dolder als Ingenieur und Straßenbauer „Borghejm“ sorgt mit seinem trockenen Lob des Zubetonierens für Lacher, Ulrike Schloemer als „Rattenjungfer“ ist hexenhaft grell, wie aus einem Kinderstück herbeigesprungen.




Sammler Buchheim wettert weiter gegen die Stadt Duisburg – Buch über „Expressionisten-Sandal“ vorgestellt

Von Bernd Berke

Duisburg. „Beamtenbanausen“ und „kommunale Schweinehunde“ hocken „in ihrer Wagenburg“ und verhindern die Kultur; mit ihnen über Kunst zu sprechen, gleicht einem Dialog „mit Brunnenfröschen über den Ozean“.

Wer redet denn so? Ganz richtig, es ist Lothar-Günther Buchheim, der Kunstsammler, der Duisburgs Lehmbruck-Museum seine unschätzbar wertvolle Expressionisten-Sammlung entzogen hat und jetzt vor Ort ein Buch über seine Erfahrungen mit der Stadt vorstellte („Das Museum in den Wolken“. Albrecht Knaus-Verlag).

Die Schimpfkanonade vermittelte einen Eindruck vom Rohmanuskript, das Buchheim „dreimal überarbeitet und gemildert“ hat. Mit etlichen Verbalinjurien, bei denen er auch das Wort „Schmutz-Presse“ nicht vergaß, kam Buchheim den Erwartungen von Teilen des Publikums im Audimax der Duisburger Universität entgegen. Eingeladen hatte der AStA (Allgemeiner Studenten-Ausschuß), denn Buchheim ist Ehrendoktor der Uni und Lehrbeauftragter für Kunst. Viele waren gekommen, um Buchheim als „Poltergeist“ wider das „Duisburger Bilderbuch-Beispiel“ von Kunstfeindlichkeit zu erleben.

Wer freilich erwartet hatte, daß Vertreter der Stadt Buchheims „barocker“ Strafpredigt direkt Paroli bieten würden, sah sich enttäuscht. Durch die Abwesenheit seiner Kontrahenten geriet Buchheims Abrechnung leider zum ungebremsten Monolog, Diskussionswillige wurden unter Hinweis auf ihre „Kenntnismängel“ abgefertigt. Es war aber eine „kontrollierte Raserei“, der sich Buchheim überließ: Er nahm sich, juristisch wohl gut beraten, doch sehr in acht und verknüpfte an keiner Stelle eine Beleidigung mit konkreten Namen.

Auch sonst gab’s kaum präzise Aussagen. Wer unbedingt will, darf weiter rätseln, ob das sprichwörtliche Tischtuch zwischen dem Sammler und der Stadt vollends zerschnitten ist. Zwar drohte Buchheim, nur noch per Anwalt mit der Stadt Duisburg zu verkehren (in welcher Angelegenheit?), doch dann teilte er mit, er habe noch jetzt von seinem Duisburger Hotel aus (vergebens) versucht, Kontakt mit Stadtvertretern aufzunehmen.

Buchheim: .„Ein Wort vom Oberbürgermeister hätte genügt, und ich wäre mit meiner Sammlung zurückgekehrt“. Wie dies Zauberwort hätte lauten müssen, verriet er nicht. Von Anfang an, so Buchheim, sei man in Duisburg nur „geil“ auf Kunstbesitz gewesen, ohne auf die Vision vom Zusammenhang der Kollektion einzugehen. Buchheim: „Die wollten mich nur von meinem Eigenturn trennen“. Der Anbau, entworfen von seinem Intimfeind Manfred Lehmbruck, sei völlig ungeeignet für diese Sammlung und zeige, daß man es nur auf die Museumserweiterung und nicht auf eine angemessene Präsentation der Expressionisten angelegt habe.

Am Rande der Veranstaltung wurde bekannt, daß Anhänger des freien Duisburger Kulturzentrums „Eschhaus“, dem die Stadt den Mietvertrag gekündigt hat, durch eine kurze (Dach)-Besetzung des Lehmbruck-Museums ein weiteres Kapitel im lokalen Kulturkampf aufschlugen.




Konflikte aus der Ferne: Adelheid Müther inszeniert Hebbels „Maria Magdalena“

Von Bernd Berke

Wuppertal. Friedrich Hebbels „Maria Magdalena“ ist weniger ein Schau-Spiel als ein Sprach- und Denkstück, das in der stickigen Enge rigoroser Moral nicht theatralisch bildreich erblüht, sondern in oft doppeldeutigen, ja fast sphinxhaften Redefiguren befangen bleibt, die mehr Gefühle verbergen als erhellen.

Auch der Konflikt – eine „Affäre“ mit Schwangerschaftsfolge, aber ohne Ehe-Absicherung bedeutet unweigerlich den gesellschaftlichen Tod – liegt uns fern. Adelheid Müthers sehenswerte Wuppertaler Inszenierung des (klein)-bürgerlichen Trauerspiels läßt denn auch keine falsche Nähe aufkommen. Am Beginn und am Schluß erklingen kurze Opern-Ausschnitte – ein „Rahmen“, der das Stück wie ein museales Bild einfaßt und „wegrückt“. Auch vor dem Pathos tragischer Tode hütet man sich. Gestorben wird da ganz achtlos und beiläufig; ein oder zwei bewußt überkünstelte Gesten, dann ist es geschehen.

Gleich beim ersten Auftritt des strengen Familienvaters und Tischlermeisters Anton (Gerd Mayen) ist das Verhängnis für seine Tochter, die „Sünderin und Büßerin“ Klara (daher das biblische „Maria Magdalena“), absehbar. Mayen spielt einen alten Patriarchen, der sogleich die Stühle im Haus zu fürchterlich steriler Ordnung zurechtrückt. Mit jeder Bewegung schafft er einen Raum und eine Atmosphäre um sich, als befinde man sich schon im Totenreich. Verbliebene Gefühlsregungen (so, wenn er seine Frau und Tochter eigentlich streicheln möchte) verbietet er sich mit ruckhaftem Zurückweichen. Der kümmerliche Rest von Zärtlichkeit verbindet sich mit seiner Handwerksehre: Liebevoll streicht er über den Holztisch, den er selbst angefertigt hat.

Sabine Schwanz als Klara wirkt gerade nicht hinfällig, devot und bußfertig, sondern bis zum Schluß eher gesund, realistisch und entschlußkräftig. Sie geht in den Tod, weil sie sich das genau überlegt hat, nicht kopflos. Ihr Bruder Karl (herausragend: Holger Scharnberg), der aus dem muffigen Elternhaus ausbrechen will, tritt als Mischung aus frühem Aussteiger und „Penner“ mit Weinflasche und zerknittertem Mantel auf. Uns Zweckrationalisten von heute am nächsten steht jedoch der Verführer „Leonhard“ (Gregor D. Höppner), der sonst oft als ausgemachter Schurke die Bühne betrat, hier jedoch durchaus „vernünftig“ für sein Fortkommen sorgt. Nicht abgründig böse ist er, allenfalls angekränkelt von Karriere-Blässe. Nicht nur hier erreicht die Deutung eine zeitgerechte Dimension, und zwar ohne vordergründig-brachiale Aktualisierung.

Die zum Zuschauerraum hin abschüssige, sparsam möblierte Holzdielen-Bühne (Lilot Hegi), auf der der zeichenhaft angedeutete Hauseingang windschief steht, als sei er allen Elementen schutzlos ausgeliefert, ist die schiefe Ebene, auf der gleichsam das Schicksal sich beschleunigen kann.

Es gab verdienten Beifall für Regie und Ensemble.




Die breite Straße des Realismus – Querschnitt durch die DDR-Kunst in Bonn

Von Bernd Berke

Bonn. Der DDR-Maler Bernhard Heisig stand gestern im Mittelpunkt des Interesses, als in der NRW-Landesvertretung an der Bonner Dahlmannstraße die Ausstellung „Menschenbilder – Kunst aus der DDR“ (bis 16. Januar ’87 in Bonn) vorgestellt wurde, die heute von Ministerpräsident Johannes Rau eröffnet wird.

Heisig hat Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt auf dessen Wunsch für die „Kanzlergalerie“ im Bundeskanzleramt porträtiert. Ein Schmidt-Porträt ist nun Blickfang der Ausstellung, ein weiteres wurde gestern im Kanzleramt übergeben. Es ist das künstlerisch höchstrangige offizielle Kanzlerporträt, vergleichbar allenfalls mit Oskar Kokoschkas Adenauer-Bildnis, das freilich seinerzeit keinen amtlichen Beifall fand.

Heisig hat sich nicht vom Klischee des „Machers“ Schmidt blenden lassen, er hat den Menschen hinter dem Image gesucht, und dieser Mensch strahlt vor allem wache Nachdenklichkeit aus. Beschaulich kann es aber bei den Porträt-Sitzungen nicht zugegangen sein. Heisig zur WR: „Schmidt steckte voller Ungeduld und bewegte sich dauernd. Ich mußte sein Gesicht auswendig lernen“. Ob er auch Helmut Kohl, einen (höchst unwahrscheinlichen) Auftrag vorausgesetzt, malen würde? Heisig: „Das ist keine Frage politischer Sympathien. Es gibt Gesichter, die macht man, und es gibt Gesiebter, die macht man nicht.“

Es war sicher kein Zufall, daß Schmidt einen renommierten DDR-Künstler beauftragte. Die Ausstellung „Menschenbilder“, ein Querschnitt durch vier Jahrzehnte DDR-Kunst, macht nämlich deutlich, daß im zweiten deutschen Staat die realistische und also auch die Bildnis-Tradition nie abgerissen sind. Das „Menschenbild“ war immer gegenwärtig. Von plattem sozialistischem Realismus kann aber längst nicht mehr die Rede sein, der „Bitterfelder Weg“ (Einschwörung der Kunst auf den Sozialismus im Jahr 1959) ist zur breiten Straße geworden. In der DDR haben sich ganz unterschiedliche Realismen entfaltet, auch solche, die Brüche, Risse und Krisenphänomene darstellen.

Günther Einert, NRW-Mînister für Bundesangelegenheiten und Hausherr der Landesvertretung, wies stolz auf die museumsreife Qualität der (von DDR-Seite nicht behinderten) Auswahl hin. Die Ausstellung umfaßt weit über 100 Werke von 14 DDR-Künstlern. Die Crème der DDR-Kunst ist vertreten, neben Heisig u. a. Wolfgang Mattheuer, Arno Rink, Willi Sitte und (der 1906 in Arnsberg geborene) Fritz Cremer, der das Mahnmal für das KZ Buchenwald schuf.

Der Ausstellungsort Bonn signalisiert politische Bedeutung (Stichwort: Kulturabkommen). Diesen Aspekt betonte gestern der stellvertretende Kulturminister der DDR, Dietmar Keller, der die Brücke vom Realismus in der Kunst zum Realismus zum Realismus in den politischen Beziehungen schlug. Ab 8. Februar 1987 kommt die Ausstellung ins Westfälische Landesmuseum in Münster.




Ganz im Dienst von Brecht – Hansgünther Heyme inszeniert die „Dreigroschenoper“ in Essen

Von Bernd Berke

Essen. Krach mitden Brecht-Erben bekam Hansgünther Heyme vor rund elf Jahren, als er die „Dreigroschenoper“ (die bekanntlich den Räuber als Bürger zeigt und den Umkehrschluß nahelegt) zum Fallbeilspiel für den Aufstieg des Nationalsozialismus ummünzen wollte. Solche Konflikte stehen jetzt bestimmt nicht ins Haus. Heymes Essener Inszenierung fällt gerade durch Unauffälligkeit des Zugriffs auf, es ist eine „dienende Einrichtung“, ohne krampfhafte Deutungshuberei und ohne Zeitgeistereien wie bei Jürgen Flimm, der das Stück 1983 in die fünfziger Jahre verlegte.

„Seinem“ Bert Brecht nimmt Heyme eben doch mehr ab als Schiller, welchem er mit Vorliebe „nachhilft“. Dabei enthält die „Dreigroschenoper“ aus heutiger Sicht fast ebenso geflügelte Worte (vom Fressen, das vor der Moral kommt bis hin zu den Verhältnissen, die nicht „so“ sind) wie etwa der „Tell“. Die „Dreigroschenoper“ ist in erhebliche historische Distanz gerückt. Heymes lnszenierung, die ihrer Vorlage offenkundig vertraut und in dieser Art schon vor Jahr und Tag denkbar gewesen wäre, stellt diesen Abstand kaum dar.

Mit einem durchschnittlichen Ensemble würde solche Behutsamkeit vielleicht Langeweile auslösen. Doch in Essen agieren die meisten Schauspieler exzellent, woran natürlich auch Heymes Figurenführung ihren Anteil hat. Wolfgang Robert als Bettlerkönig „Peachum“, das Elend und seine Bedingungen vorführend wie ein Zirkusdirektor, aber immer wieder gezielt aus seiner Rolle fallend und sie brechtisch „vorzeigend“ – das ist eine Spitzenleistung. Gleichfalls sehenswert: Franz Boehm als „Macheath“, eine Mischung aus Kraftmaxe und Gigolo mit jenem leicht blasierten Zug ins „Höhere“, sowie Volker K. Bauer als Polizeichef „Tiger-Brown“, eine umwerfende Kugelbauch-Karikatur der (Ohn)macht.

Auch sonst gibt es keine nenneswerten Schwachstelle im Ensemble. Bedernswert, was Peter Kaghanovitch („Münz-Matthias“) oder Inge Andersen (Lucy) noch aus ihren Nebenrollen machen. Mit Kurt Weills Musik (Einrichtung: Alfons Nowacki) gibt es ebenfalls keine Instrumentierungs- unxl Stilexperimente, sie bewegt sich im Rahmen des Tradierten und Erwartbaren. Einige Songs („Pollys“ Lied der Seeräuberjenny) kommen nicht recht über die Rampe, andere („Kanonensong“) zählen zu den Höhepunkten der Aufführung.

Im Bühnenbild (großflächige Verhängungen mit armutsgrauem Tuch oder Showflitter-Folie) prangt ein Gestell, das mittels Leuchtröhren Bert Brechts-Gesicht samt Zigarre stilisiert, als blicke der Meister wohlgefällig auf die Inszenierung. Eine weitere Funktion hat dieser monströse Aufbau wohl nicht.

Als Schlußchoral hat Heyme erwartungsgemäß die Fassung von 1948 gewählt, in der pathetisch zum Sturm gegen die großen Räuber, sprich Kapitalisten, aufgerufen wird. Wenn die graue Masse der Bettler, über die man zuvor buchstäblich hinweggeschritten ist, sich erhebt und diesen Choral anstimmt, klingt das viel zu emphatisch, siegesgewiß und bruchlos.

Verdient war der frenetische Beifall, in dem ein paar kraftvolle Buhs für den Regisseur Heyme untergingen.




Farben und Formen erklingen wie Musikstücke – Kunsthalle Recklinghausen zeigt Arbeiten ihres früheren Leiters Thomas Grochowiak

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Anstöße zur Kunst findet Thomas Grochowiak auch auf überraschenden Umwegen. Mehrmals kam es vor, daß er die durchschimmernde Farbverteilung auf der Rückseite seiner Bilder kompositorisch gelungener und inspirierender fand als die Schauseite. Also drehte er die Arbeiten um und zäumte die Sache sozusagen umgekehrt auf. Daß so und anders unter Grochowiaks Händen lebendig-spontane, aber keine pure Zufallskunst entsteht, macht jetzt die Werkschau „Reflexionen“ in der Kunsthalle Recklinghausen (2.-30. November) deutlich.

Zwei wichtige Quellen seines Schaffens gaben der Retrospektive den Untertitel „Bilder wie Musik und Reisebilder“. Bildunterschriften wie „Im Fluß der Zeichen und Strukturen“ oder „Im Dickicht der Rhythmen“ sind Programm: Musikalische Strukturen sind der stark rhythmisierten, informellen Bildsprache Grochowiaks von jeher verwandt und einbeschrieben. Subtile Strukturanklänge sind es auch, nicht etwa leichthin „ablesbare“ Umsetzungen musikalischer Abläufe, die Reiz und Wesen dieser Bilder ausmachen.

Bei Arbeiten, die z. B. von Haydns „Schöpfung“ oder Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ angeregt wurden, scheinen zwar sprachliche Assoziationen und Naturvorstellungen auf die Sprünge zu helfen, doch bleibt immer ein weiter Freiraum für die Phantasie des Betrachters. Es gibt da Arbeiten, die wirklich „wie“ Musik sind, zum Beispiel das befreiend-heitere Bild, das mit Schumanns „Frühlingssinfonie“ in hauchzartem Zusammenklang steht.

Vergleichbar wirken Grochowiaks Reisebilder aus Holland, Spanien, Italien und China. Einerseits scheint die gegenstandsabstinente, „absolute“ Malerei Vorstellungen Raum zu geben, die mit Worten gar nicht beschreib- und begreifbar sind, andererseits meint man, etwa in den Spanien-Bildern, die Sonnenflut des Landes mit Händen greifen zu können. Insofern sind diese Bilder „konkreter“, als wenn jemand eine naturalistische Sonne gemalt hätte.

Den nachhaltigsten Eindruck scheint bei Grochowiak die aufstörende Fremdheit Chinas hinterlassen zu haben: Von femöstlichen Schriftzeichen abgeleitete Elemente finden sich auch noch auf den später entstandenen Italien-Bildern.

Mit dieser Ausstellung kehrt der 71jährige Grochowiak, Mitgründer der Ruhrfestspiele und lange Leiter der Kunsthalle Recklinghausen, nochmals triumphal an den Ort seines früheren Wirkens zurück. Und er bringt gleich noch Geschenke für das Museum mit: zwei Vorzeichnungen zu seinem Ölbild „Der Fördermaschinist“.




„documenta 8″: Zurück zur historischen Bedeuteung – Konzept für die Weltkunstschau im Sommer ‘87 steht

Von Bernd Berke

Kassel. Grob gesagt: In den 70er Jahren hat die Kunst in theorielastigen „Selbstgesprächen“ ihre eigenen Mittel erwogen, in den frühen 80ern drängte sie mal wieder nach unverfälschtem Ausdruck. Und heute? „Die Kunst gewinnt wieder eine neue historische und soziale Dimension“ – mit dieser griffigen Formel versuchte gestern Manfred Schneckenburger, künstlerischer Leiter der „documenta 8″, sein Konzept für die „d 8″ zu umreißen.

Nicht Wahrnehmung und/oder deren Kritik, sondern Erinnerung stehe auf der Tagesordnung. Die „wilden“ Zeiten, so könnte man folgern, sind also vorbei; gefragt sind wieder Künstler, die sich in irgendeiner Form mit Gesellschaft und Geschichte auseinandersetzen.

Vom 12. Juni bis zum 20.September 1987 soll die Kunstwelt wieder nach Kassel blicken, um womöglich die neuesten Stimmungen im Westen zu orten. Keinen Stil will Schneckenburger auf der „documenta“ in den Vordergrund stellen, denn eine dominierende Richtung sei derzeit gar nicht auszumachen. Auch soll es keine Gliederung nach Themen und Gattungen geben, sondern jedes Werk „soll ein Kraftfeld sein“, die Schau als ganzes ein vielfältiger „Erlebnisraum“ (Schneckenburger). Ansprüche, die derzeit noch im luftleerenRaum stehen und natürlich erst durch die Ausstellung eingelöst werden können.

Fest steht: Es werden weniger Künstler zum Zuge kommen als je zuvor bei einer„documenta“. Schneckenburger nannte gestern die Zahl 120, zu denen noch rund 20 Designer kommen sollen. Dem Design und der Architektur soll diesmal ein besonderes Gewicht zukommen. So werden einige prominente Museums Architekten Gelegenheit erhalten, in „szenischen Inszenierungen“ ihre Vorstellungen vom „idealen Museum“ umzusetzen. Der Museumsbau gilt dabei als die beispielhafte Bauaufgabe der 80er Jahre.

Nachdem die „documenta 7″ in großen Teilen der Parole „Es wird wieder gemalt“ gefolgt war, sollen diesmal auch Skulpturen verstärkt präsent sein. Auf diesem Feld ist u. a. „Kritik an der verbauten Stadt“ angesagt. So soll etwa Richard Serra Kassels fehlende Urbanitat künstlerisch „kommentieren“. Weitere Schwerpunkte: „Performance“ (Grenzgebiet zur darstellenden Kunst) und Videokunst sollen nicht mehr nur Garnierung, sondern „Hauptgerichte“sein.

Gibt es auch keine Aufteilung nach Themen, so ist doch geplant, „schwergewichtige“ von „heiterer und spielerischer“ Kunst abzugrenzen, etwa dem Schema von E- und U-Musik entsprechend. Das weite Spannungsfeld zwisehen Mythos und Politik soll im „Museum Fridericianum“ erlebbar werden. Risiken wie Pathos und Monumentalität will Schneckenburger hier ganz bewußt eingehen. Immerhin nannte er einige Namen: Joseph Beuys, Anselm Kiefer, Robert Longo, aber auch „documenta-Neulinge“ wie Antony Gormley, Astrid Klein und Marie-Jo Lafontaine. Zum Leidwesen (nicht nur) Schneckenburgers verliert das „Fridericianum“, das zur Zeit zum ständigen Museum umgebaut wird, seinen unfertigen Charakter, mithin eine kunstförderliche Aura.

In der Orangerie und im Auepark soll es eher verspielt, mitunter auch ironisch und sogar dekorativ zugehen. Hier solfen u. a. Wechselwirkungen zwischen Kunst, Architektur und Design dargestellt werden.

350 000 bis 400 000 Besucher erhofft sich die „documenta GmbH“ (Etat: 7,15 Mio. DM). Damit die kulturbeflissenen Gäste aus aller Welt sich auch im abendlichen Kassel nicht langweilen, wird das Staatstheater seine Saison eigens um drei Wochen verlängern.




Wenn die Bundeswehr „Gesellschaft“ spielt – Stefan Dähnerts Stück „Herbstball“ uraufgeführt

Von Bernd Berke

Wuppertal. Ein Theaterstück über die Bundeswehr – das tat wirklich not. Bemerkenswert, daß erst jetzt eins auf die Bühne kommt: „Herbstball“, geschrieben vom 25jährigen Stefan Dähnert, wurde am Samstag gleichzeitig in Wuppertal und Köln uraufgeführt.

Dähnert, Sohn eines Offiziers und selbst als „Kasernenkind“ aufgewachsen, verfährt nach erprobter Manier: Jedwede Ideologie läßt sich am besten da entlarven, wo man die Zügel schießen läßt, nämlich im Freizeitbereich. Also führt er uns auf besagten Herbstball im Offizierskasino, wo Alkohol die Zunge löst und die Gegenwart von Damen auch das „Thema Nummer eins“ ins Spiel bringt.

Bei dieser Festivität kann es natürlich nicht so subtil abgezirkelt zugehen wie etwa im Paare-Passanten-Reigen von Botho Strauß‘ „Trilogie des Wiedersehens“. Dähnerts Militär-Party ist schrill, grell und grotesk; am Ende des zweiten Teils rinnen gar Urin und Erbrochenes über die verheerend zugerichtete Bühne. Die stetige Steigerung des „Säuischen“ bleibt aber eine der wenigen „Entwicklungslinien“ in diesem Stück, das seltsam unstrukturiert und wie in einem Zug hingeschrieben wirkt. Es fehlen einfach die Spannungsbögen, die den Zuschauer drei Stunden lang in Atem halten könnten. Versuche, diesem Mangel (z. B. durch die Jagd auf einen Deserteur) abzuhelfen, bleiben schüchtern.

Der fast aphoristische, knappe Zugriff scheint hingegen Dähnerts Sache zu sein. Einzelne Passagen, messerscharfe Merksätze manchmal, weisen ihn als unerbittlichen Beobachter und Zuhörer aus. Die besten Szenen hat „Herbstball“ im ersten Teil, wenn noch nicht alles unterschiedslos in der Orgie ersäuft, sondern im geläufigen Party-Plausch die latente Gefàhrlichkeit reaktionärer Gesinnungen und Verhaltensweisen gerade erst durchschimmert. Ganz verkorkst ist aber die Schlußszene, in der ein idyllisches „Heimat-Konzept“ (Rekrut sehnt sich nach der Weinlese) als Gegenbild entworfen wird.

So desolat sieht Dähnert die Bundeswehr: Sie ist schizophren, weil auf etwas wartend, was nicht eintreten soll – auf den Ernstfall nämlich. Und: Sie ist immer noch von der Gesellschaft isoliert, quasi in der Wiederbewaffnungs-Zeit der 50er Jahre steckengeblieben. „Gesellschaft“ wird da eben nur gespielt, am deutlichsten bei Gelegenheiten wie diesem herbstlichen Ball. Gerade der enthüllt aber letztlich den Urgrund aus sexueller Verklemmung, Kampflust und Chaos.

Gastregisseurin Barbara Bilabel hat ein Gespür für Dähnerts grelle Bilder. Sie inszeniert in Wuppertal fast „filmisch“, in Totalen und Nahaufnahmen sozusagen: Sie wechselt zwischen dem Blick auf die ganze Party-Gruppe und intimeren Perspektiven, für die jeweils Einzelfiguren und Paare nach vorn „gezerrt“, vorgeführt und schließlich wieder in die Gruppe „zurückgestoßen“ werden. So wird das Stück wenigstens teilweise gerettet. Das gelungene Bühnenbild (Roger von Moellendorf) zitiert mit Clubsesseln und Bartresen die 50er Jahre.

Unter den Darstellem vor allem zwei, die einem den erforderlichen Schauer über den Rücken jagen: Horst Fassel als Oberst und – neu in Wuppertal – Andreas Peckelsen als Major.




In fünf Fabrikhallen wird Revier-Kultur produziert – „Flottmann“-Eröffnung am Wochenende in Herne

Von Bernd Berke

Herne. Alle Künste unter einern Dach – dieser Wunsch ist ab sofort auch in Herne, das bislang eher den Stiefkindern der Revierszene zuzurechnen war, keine Utopie mehr. „Flott nach Flottmann“ heißt der saloppe Slogan. Gemeint sind die Flottmann-Hallen, denkmalgeschützte Jugendstilarchitektur aus dem Jahr 1908 und ehemalige Fabrikgebäude. Früher wurde hier vor allem Bergmannsgerät hergestellt.

Ein flott laufendes Männchen mit Bohrhammer wurde denn auch zum Signet der neuen Einrichtung erkoren. Am heutigen Samstag (ab 16 Uhr) und Sonntag (ab 11 Uhr) – jeweils Ende offen – wird die Kulturschmiede mit großem Zirkus-, Theater- und Musikprogramm ihrer vielfältigen Bestimmung übergeben.

Der Komplex am Südrand Hernes umfaßt insgesamt fünf Hallen. Die Hallen 1 und 2 sind für vor allem Ausstellungen reserviert. Besonders freut dies den Leiter des örtlichen Emschertalmuseums, Dr. Alexander von Knorre, der hier, anders als im angestammten und beengten Hause, auch einmal größere Objekte vorzeigen kann. Den Auftakt machen elf Bildhauer aus dem Ruhrgebiet. „Skulptur Ruhr“ dauert bis zum 16. November und zeigt dreidimensionale, zumeist revierspezifische Arbeiten, vor allem künstlerische Auseinandersetzungen mit Massenprodunkten und industriellen Werkstoffen wie Metall.

Halle 3 soll – mit rund 250 Sitzplätzen – vor allem als feste Spielstätte für Willi Thomczyks „Theater Kohlenpott“ dienen, aber auch Gastspiele anderer (freier) Truppen sind geplant. Der Theater-Etat für 1987 beträgt 50000 DM („Kohlenpott“) plus 25 000 DM (Gastspielbetrieb). Konzerte, so u.a. eine Jazz- und eine Folk-Reihe, sollen gleichfalls Besucher in Halle 3 locken. Die Hallen 4 und 5 schließlich stehen u. a. für Breitensport und Spiel, eventuell für größere Kulturveranstaltungen zur Verfügung.

Umbaukosten von 3,4 Mio. DM (davon 2,2 Mio. Landeszuschüsse) waren erforderlich, um ehemalige Versandhallen, Schmiede und Schlosserei zu einem Kultur- und Begegnungszentrum umzubauen, das seine industrielle Vergangenheit ganz bewußt nicht unter den Scheffel stellt. Kein schnieker, aufpolierter Kulturpalast also, sondern ein durchweg robust sich gebender Bau, wie geschaffen für das anvisierte Zielpublikum der 16- bis 30jährigen, die – so wünscht man sich – möglichst aus der gesamten Region hierher strömen sollen. Der Programmbeirat (Vertreter der Stadt und Künstler) hat sich einiges vorgenommen: 22 Veranstaltungen sollen noch in diesem Jahr über die Bühne gehen, im nächsten Jahr sollen es rund 120 sein. Ein Kraftakt, ja ein Kunststück, auf das man ziemlich gespannt, sein darf – bei einem Gesamt-Jahresetat von gerade mal 95.000DM…

Mit Rock-Veranstaltungen gehobener Lautstärke wird man übrigens nicht aufwarten können. Die Hallen liegen nämlich mitten in einem Wohngebiet, und schon der Umzug der Flottmann-Fabrik von hier in ein Gewerbegebiet erfolgte 1983 vor allem aus Lärmschutzgründen.

Aus dem Raum Dortmund ist die Fabrik z. B. über die A 43 (Richtung Recklinghausen), Abfahrt Bochum-Riemke, dann Bochumer Straße in Richtung Herne, zu erreichen. Auf der rechten Seite, kurz hinter der Stadtgrenze Bochum/Herne, geht’s zur Flottmannstraße.




Das Mädchen-Pensionat von Theben – Aischylos in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Wer das „siebentorige Theben“ erbaut hat, ist spätestens seit Bert Brechts Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“ kein großes Geheimnis mehr: Nicht Herrscher waren es (die ließen bauen), sondern das gemeine Volk. Von jenen, die die Stadt hernach in tödliche Gefahr brachten, handelt Aischylos um 467 v. Chr. uraufgeführtes Stück „Die Sieben gegen Theben“, mit dem das Wuppertaler Theater jetzt die neue Saison eröffnete.

Auf dem Geschlecht von Eteokles und Polyneikes, den Söhnen des Ödipus, lastet der Fluch der Götter. Die Brüder haben eine Art „Rotations-System“ vereinbart: Jeder soll abwechselnd ein Jahr in Theben regieren. Doch – und damit setzt die Tragödie ein – Eteokles verweigert die Übergabe der Herrschaft und läßt die Stadt verbarrikadieren.

Von allem abgehoben, sitzt – in Ulrich Greiffs Wuppertaler Inszenierung – Gregor Höppner als „Eteokles“ auf einem hohen Metallgerüst; ein Usurpator, der sich ums Niedere nicht kümmert und in luftiger Höhe Kriegs- und Machtpläne schmiedet. Zu Beginn trägt eine graue Schar von Männern, wort- und also widerspruchslos gehorsam, Steine über die Bühne: Vorbereitungen zur großen Schlacht.

Widerstand formiert sich allein im zwölfstimmigen Chor der „thebanischen Jungfrauen“. Mit Klagen und Anrufungen der Götter (und Göttinnen!) wollen die Mädchen Eteokles von seinen Kriegsplänen abbringen. Daß dies Unterfangen vergeblich sein muß, wird in Wuppertal schmerzlich klar, wirken doch die Chorpassagen hier nur selten aufrüttelnd, sondern eher wie die Aufsage-Übungen einer Schulklasse. Man spürt manchmal förmlich, wie die Gruppe die Taktzeiten der Sprechpausen innerlich mitzählt, um dann gemeinsam wieder einzusetzen. Gewiß stecken viel Fleiß und Disziplin dahinter, aber ein Theater-Ereignis ist das nicht.

Anfangs, vor der Katastrophe des gegenseitigen Brudermords, wird da auch noch gestrickt und gekichert, so daß man sich in einem Mädchen-Pensionat wähnt. Und nun gar: Als hantierten sie mit Bauklötzen, setzen sie kurz vor der Pause Schachteln zu immer wieder stürzenden Türmen aufeinander. Symbolhandlung für die Nutzlosigkeit von Geduld oder eher ein hilfloser Einfalt der Regie?

Es gibt plausiblere Ideen: Etwa in der Szene, in der Eteokles vom „Boden“ redet, der zu verteidigen sei, dann aber erst vom Gerüst herabsteigen und drunten eine Luke öffnen muß, um an Thebens Erde zu geraten. Da wird bildhaft deutlich, wie absurd weit sich der Mann von den Realitäten entfernt hat. Aus dem Mittelmaß ragt auch Holger Scharnberg als „Späher“ heraus, der Eteokles die Stärke der anrückenden Feinde ausmalt. Scharnberg macht daraus ein Kabinettstück nach Art Shakespear’scher Narren.




Bochumer Bergbau-Museum entdeckt die Ökologie – Erweiterungsbau für 13 Millionen DM fertig

Von Bernd Berke

Bochum. An der Ökologie kommen auch technische Museen nicht mehr vorbei: In seinem „Erweiterungsbau Süd“, der am Freitag eingeweiht wird, hat das Deutsche Bergbau-Museum Bochum die wohl wichtigste neue Abteilung der Umwelt-Beeinflussung durch den Bergbau gewidmet.

Schon 1556 hatte der Vorfahr aller Bergbau-Theorien, Georg Agricola, geargwöhnt: „Durch das Schürfen nach Erz werden die Felder verwüstet“. Nun dokumentiert also auch das Bergbau-Museum die Geschichte der Bergschäden, des Landschaftsverbrauchs und der „Altlasten“. Ein Grund dafür sind wohl die Legitimationsnöte im Zuge der (häufig befehdeten) Nordwanderung des Revierbergbaus. Da das Museum (Träger: Westfälische Berggewerkschaftskasse und Stadt Bochum) dem Montanwesen naturgemäß zugetan ist, werden zwar Umweltschäden registriert, aber Erfolge wie Entschwefelung und Neubegrünung von Halden stehen doch im Mittelpunkt.

In dem Erweiterungsbau, der nach Plänen des Architekten Kurt Peter Kremer in vier Jahren Bauzeit für 13 Millionen DM entstand, geht man teilweise originelle Wege, um die Sinne des Besuchers anzusprechen. So soll demnächst zum Thema „Altlasten“ ein echtes Stück verseuchter Erde in einem Glaskasten ausgestellt werden, so daß man die einzelnen Schichten plastisch vor sich haben wird. In einer weiteren Abteilung, die sich Problemen der Arbeitssicherheit im Bergwerk zuwendet, finden sich auch Gegenstände, die bei Unglücken eine Rolle gespielt haben: eine zerbrochene Grubenlampe (Radbod-Katastrophe 1908), ein Schuh, in den man einem eingeschlossenen Bergmann durch ein Notloch flüssige Nahrung träufelte – und ein Etui. dem ein unvorsichtiger Kumpel jene Zigarette entnahm, mit der er 1934 in Böhmen eine tödliche Grubenexplosion auslöste.

Das auffälligste Ausstellungsstück ist aber zweifellos jene Dampfmaschine von 1799 (die älteste erhaltene in Westdeutschland), die im Lichthof drei Stockwerke hoch emporragt. Bis 1932 arbeitete der Gigant in der SoIeförderung auf der Saline Königsborn bei Unna und verbrauchte riesige Mengen Kohle. Es sind weitgehend noch die (restaurierten) Originalteile, die nun in Bochum zu sehen sind. Am verblüffendsten sind wohl die Maschinensäulen, die antiken griechischen Vorbildern nachempfunden worden sind – ein industrieller „Klassiker“ in jedem Sinne also.

Eigentlicher Anstoß für den Neubau war das Fehlen eines akzeptablen Restaurants fürs Publikum (1985: 430 000 Besucher). Also enthält der neue Trakt, neben 2500 qm zusätzlicher Ausstellungsfläche, Depots, Werkstätten, Hörsaal und Seminarraum auch eine Cefeteria mit rund 130 Plätzen. Besucherfreundlich soll es auch am 27. und 28. September zugehen. An beiden Tagen ist der Eintritt frei.




Theatermacher im nächtlichen Medienkäfig

Von Bernd Berke

Selbst hartgesottene Bühnenfans – andere dürften kaum ausgeharrt haben – verspürten da wohl eine gewisse Mattigkeit: Die erstmals anberaumte ARD-„Theaternacht“, jene Diskussion von Regisseuren, Darstellern und Kritikern zum Saisonauftakt, zog sich bis nachts gegen 1.40 Uhr hin.

Die Beteiligten (u.a. Hans Neuenfels, Arie Zinger, Heiner Müller, Eva Mattes, Ivan Nagel, Jürgen Flimm) saßen in einem Studio, das jedem Geschmack spottete – auf allerlei Gestühl vom Manager-Drehsessel bis zum „antiken“ Sofa, dazwischen eine Batterie von Monitoren. So viel zur ästhetischen Aufbereitung der Sendung, in der sich etwa die ausgeklügelten Bühnenbilder in den Filmeinspielungen (wichtige Szenen der letzten Theatersaison) wie Fremdkörper ausnahmen. Überhaupt wurde deutlich, daß die Theaterleute sich gleichsam in einem „Medienkäfig“ befanden, in dem ihre spontanere und direktere Art, mit der Wirklichkeit umzugehen, kaum Platz hat.

NDR-Redakteur Gerd Kairat und seine beiden Mit-Moderatoren, die Kritiker Hellmuth Karasek (geschmeidig-verbindlich) und Peter Iden (um Worte ringend und stets die Endzeit im düsteren Blick) hatten der Runde kein griffiges Thema vorgegeben. Da standen Stichworte wie Bedrohung (Tschernobyl), Liebe und Veränderung unvermittelt im Raum – und daraus sollte sich dann eine Diskussion entwickeln. Erstaunlich genug, daß tatsächlich eine in Gang kam, die sich jedoch gottlob auch wiederholt in anderen, konkreteren Bahnen bewegte.

Es wurden die Fragen angeschnitten, die eh die Theaterdiskussion bestimmen: Ob man die „heiße Ware“ der Gegenwartsdramatik veräußern oder sich an sperrigen Klassikern abarbeiten solle; ob man ganz einfach mit Lust spielen dürfe oder immer erst seine historische Position zu überdenken habe, usw.

„Gag“ am Rande: Eva Mattes sah sich genötigt, die Schauspieler gegen Heiner Müllers Vorwurf zu verteidigen, sie nähmen beim heutigen Theater „zu viel Raum“ ein. Vom „Spitzentrio“ des deutschsprachigen Theaters war Claus Peymann (grantig) nur per Monitor gegenwärtig, Peter Stein und Peter Zadek waren nicht erschienen: letzterer wohl mit gutem Grund, hätte er doch vermutlich wegen dringenden Verdachts auf Förderung des Boulevard-Trends auf der Anklagebank gesessen.




Kunst zum Wohle der Kommune – Recklinghausen zeigt seinen Eigenbesitz

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Wenn eine Stadt 750 Jahre alt wird, dann müssen auch die Kulturinstitute zeigen, wie und womit sie das Wohl der Kommune gemehrt haben. In diesem Sinne präsentiert die Kunsthalle Recklinghausen jetzt (bis 19. Oktober) einen Querschnitt durch den Eigenbesitz.

1927, damals noch im „Vestischen Museum“, begann man in Recklinghausen systematisch zeitgenössische Kunst zu sammeln. Aus diesen Anfängen ist eine achtbare Kollektion von insgesamt rund 250 Gemälden, 120 Skulpturen und Objekten sowie 3000 Handzeichnungen und Druckgraphiken geworden. Noch weit mehr wären es, hätten nicht die lokalen NS-Kunstfeinde nach 1933 große Teile der Sammlungen geplündert und zerstört.

Die jetzt getroffene Auswahl aus dem (zum Leidwesen von Museumsleiterin Brigitte Kaul über die ganze Stadt verstreuten) Magazinen kann sich gleichwohl sehen lassen: Arbeiten von Käthe Kollwitz und Christian Rohlfs, um 1927 erworben, waren frühester Kristallisationspunkt der Sammlung. Wie es sich für ein Museum dieser Größenordnung gehört, wurde auch in der Folgezeit nicht wahllos geprunkt, sondern es wurden – der Not wie der Vernunft gehorchend – sinnvolle Schwerpunkte gebildet.

Besonders die Museumsdirektoren Franz Große-Perdekamp und Thomas Grochowiak stellten nach dem Zweiten Weltkrieg die Weichen. Es war ihre Idee, den Bunker am Hauptbahnhof zur Kunsthalle umzufunktionieren. Außerdem sorgten sie dafür, daß zahlreiche Arbeiten der Gruppe „Junger Westen“ (Gustav Deppe, Ernst Hermanns, Emil Schumacher, Heinrich Siepmann, Thomas Grochowiak) in Recklinghausen heimisch wurden. Auch das „Informel“ der 50er Jahre ist mit Bildern von Hann Trier, K. O. Götz und Fritz Winter nennens- und sehenswert dokumentiert.

Weitere Sammlungs-Schwerpunkte bilden die holländische Szene der 50er Jahre, Arbeiten der Kunstpreisträger „Junger Westen“ (u. a. Horst Antes, Gerhard Richter) sowie – bundesweit bedeutsam – Objekte der kinetischen Kunst, u. a. von der Gruppe „Zero“ (Mack, Uecker, Piene), die denn auch bei der jetzigen Ausstellung große Teile des 2. Obergeschosses einnehmen. In diesem Stockwerk sollen fortan, kontinuierlich wechselnd, weitere Teile des Eigenbesitzes gezeigt werden.

Zur Ausstellung erscheint kein Katalog, doch kürzlich kam im Verlag Aurel Bongers ein voluminöser Band (Preis 144 DM) heraus, der die Bestände aller Museen in Recklinghausen vorstellt.




Den Verbiesterten nützt keine Kunst – Woody Allens Film „Hannah und ihre Schwestern“

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Um es gleich vorwegzunehmen: In seinem neuen Film „Hannah und ihre Schwestern“ (Bundesstart: 2. Oktober) spielt Woody Allen – im Gegensatz zu „Purple Rose of Cairo“ – wieder selbst mit, und er ist ganz der Alte.

Hannah, Lee und Holly heißt das Schwesterntrio, das zwischen drei US-typischen Truthahn-Schlemmereien zum „Thanksgiving Day“ (also zwei Jahre lang) sich im Netz der Beziehungsprobleme verfängt. Hannah (Mia Farrow), die Besonnene, strahlt so viel innere Kraft aus, daß ihr Mann Elliot (Michael Caine) sich mal wieder nach einem süßen, hilfsbedürftigen Mädchen sehnt, das in einer Beziehung weniger „gibt“ als „nimmt“. Dies Wesen findet er in Hannahs Schwester Lee (Barbara Hershey), die wiederum ihrem total verbitterten Mann entfliehen will, einem in Weltabgewandtheit und Lebensekel versinkenden Künstler. Die dritte Schwester heißt Holly (Dianne Wiest) und verdingt sich mal als Chefin bei einem Partyservice, mal als freischwebende Show-Existenz. Aus dem nämlichen Gewerbe kommt Mickey (Woody Allen), Neurotiker und Hypochonder von Graden, derwiederum in erster Ehe mit Hannah verheiratet war. Welch ein Reigen!

Es ist wie verhext: Man faßt sich, man läßt sich, nichts will sich wirklich zueinander finden. Eine langwierige „Schule des Glücks“, in der es vor allern um Klärung und Erprobung der eigenen Bedürfnisse geht: Hannah muß erst entdecken, daß sie überhaupt Wünsche zugeben darf, Lee muß herausfinden, welche sie hat, und Holly muß ihre allzu hoch gesteckten Erwartungen erst auf Alltagsniveau schrauben. Den Männern ergeht es ähnlich. Daß solche Auseinandersetzungen trotz Film-Happy-End nie aufhören, lassen Seitenblicke auf die streitbaren Eltern Hannahs ahnen. Die zerzausen einander nach -zig Jahren Ehe immer noch.

Der erlösende Schluß kommt nicht von ungefähr, sondern erst, nachdem Mickey (Allen) sich aus Selbstmordgedanken emporgearbeitet hat und – anläßlich eines „Marx-Brothers“-Films – erkennt, daß es zunächst auf eine allgemeine Lebensbejahung ankommt, bevor Probleme gewälzt werden. Fazit: Den Verbiesterten, wie Frederick, nützen weder Kunst noch Erkenntnis.

Natürlich zitiert Allen in diesem (mit Musik von Oper bis Jazz und Rock garnierten) Film wieder Philosophen, natürlich treibt er seine Scherze mit sexuellen Frustrationen, auch schwebt er wieder in Todesängsten (Verdacht auf Gehirntumor) und begibt sich auf verzweifelte Gott- und Sinnsuche. Doch wie leicht und menschlich, wie so gar nicht verquält ist dies alles.

Und: Allen beweist erneut seine Fähigkeit, genau die richtigen Darsteller zum rechten Zeitpunkt aufeinandertreffen zu lassen∞ solche, zwischen denen es „knistert“ oder zwischen denen sich etwas unvergleichlich befreiend löst.




Cappenberg zeigt Kunst des Orients

Von Bernd Berke

Cappenberg. Zuerst Cappenberg, dann Berlin – mit dieser Ausstellungs-Folge warten jetzt erstmals die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Kreis Unna auf. Noch bevor „Verborgene Schätze“ (Titel der Schau) islamischer Kunst an der Spree vorgezeigt werden, sind die 329 Exponate im Schloß Cappenberg zu sehen (bis 23. November), und das, obwohl sie dem weltberühmten „Musèum für Islamische Kunst“ in Berlin gehören. Doch dort waren sie in der Studiensammlung nur Fachleuten zugänglich.

Die ältesten Stücke stammen aus dem 8. Jahrhundert n. Chr., die „jüngsten“ aus dem 19. Jahrhundert. Woll- oder Seidenteppiche aus der Türkei, Persien und dem Kaukasus machen, vielfach als ehrwürdig gealterte Fragmente, einen Großteil der Präsentation aus. Experten unterscheiden türkische und persische Teppiche an unterschiedlicher Kolorierung (Türkei: kraftvollere Farben) und Motivik, außerdem gibt es einen spezifisch türkischen Knüpfknoten. Die Stücke entstammten ursprünglich ganz unterschiedlich strukturierten Werkstätten. Zu unterscheiden ist dörfliche Handarbeit von Produkten aus Hof- und städtischen Manufakturen.

Schmuck, Waffen, Kult- und Alltagsgerät aus dem ganzen islamischen Kulturräum füllen die Vitrinen. Sie stammen u. a. aus Ägypten, Iran, Irak und Syrien, aber auch – ehedem Vorposten islamischer Kultur – ausSpanien und Indien. Sinnfällige Exponate sind etwa ein Kinderhemd aus dem 13. Jahrhundert und ein türkischer Leuchter aus der gleichen Zeit, der mit „höfischen“ Szenen illustriert ist, die zeigen, wie sich’s die Herrschenden damals wohlsein ließen – beim Gelage mit Musikbegleitung, bei Polo-Spiel und Falkenjagd.

Beispiele der hochentwickelten Buchkunst bezeugen, daß die islamische Kultur der abendländischen lange Zeit überlegen war. So erzeugte man im Orient Papier bereits im 9. Jahrhundert, in unseren Breiten arbeiteten Papiermühlen erst rund 500 Jahre später.

In Cappenberg sträubt man sich auch diesmal gegen jede noch so behutsame Ausstellungs-„Architektur“. Wände und Vitrinen müssen reichen. Die Innensansicht des Schlosses soll nicht verfälscht werden. Auch Didaktik, belehrende Hinführung zu den Ausstellungsstücken also, scheint im Schloß weiterhin verpönt zu sein. Man sollte also entweder an den sonntäglichen Führungen teilnehmen oder sich, auch wenn’s der Geldbörse wehtut, mit dem 25 DM teuren Katalog ausrüsten, um wirklich etwas von der Ausstellung zu haben – außer bloßer Augenlust.




Wunderbare Rettung der verletzten Bilder – Neuere Arbeiten des Hagener Altmeisters Emil Schumacher in Mülheim

Von Bernd Berke

Mülheim. Auf der Bildfläche herrscht, so scheint es, das schiere Chaos. Alle einzelnen Formen sind verletzt, zerstört. Da ist keine Linie, die einen „schönen“ oder auch nur regelmäßigen Verlauf nach herkömmlichem Verständnis niinmt. Sogar die Signatur des Künstlers wirkt oftmals, als sei sie vor lauter Verzweiflung zerflattert oder zerrissen. Trotzdem, und dies kommt einer unverhofften „Rettung“ der Bilder gleich, wird eine „höhere“, wenn auch sehr brüchige Ordnung sichtbar.

Die Rede ist von neuesten Arbeiten eines Altmeisters Emil Schumacher, Jahrgang 1912, in Hagen lebend, schöpferisch wie eh und je. Jetzt zeigt das Städtische Museum Mülheim („Alte Post“ am Viktoriaplatz, bis 12. Oktober, di-so 11-17 Uhr, Katalog 15 DM) eine Auswahl seiner Gouachen und Ölbilder. Ab 23. Januar 1987 wird diese Ausstellung in der Städtischen Galerie Lüdenscheid zu sehen sein.

Bilder beginne er, als ob er gegen eine imaginäre Mauer angehe, hat Schumacher einmal geäußert. Tatsächlich zeigen all seine Werke Spuren eines inneren Kampfes, man spürt Widerstände und deren Überwindung. Nie aber sind die Arbeiten bloßer Ausdruck eines seelischen Ereignisses, sie bleiben – aller Emotion zum Trotz – „komponierte“ Bilder. Die vorherrschenden Töne: erdhaftes Braun, blaue Schattierungen. Tendenzen zur Monochromie (Einfarbigkeit) stehen hier aber nicht für Experimente mit der Modulation dieser Farben, sondern für äußerste Konzentration. Die Farben werden gleichsam zur Materie, erscheinen mitunter als Erhebungen und Verwerfungen auf dem Bildgrund. Dagegen setzt Schumacher scheinbar ungefüge lineare Strukturen, die dem Ganzen dennoch auf wunderbare Weise „Halt“ geben. Und dies ist eben das Erstaunliche: daß diese Bilder „verhalten“ wirken, obgleich ihnen große Zerstörungskräfte innewohnen.

Vor Schumachers (oft titellosen) Bildern kann man, so man mag, den Assoziationen freien Lauf lassen. Man glaubt vielleicht, Menschenumrisse zu erkennen, Ruinen, Tiere oder Landschaften. Diese Kunst ist offen für vielerlei Vorstellungen. Für eine Deutung freilich eignen sich derlei Einfälle kaum. Diese Bilder wollen als Bilder angeschaut werden, nicht als Abbilder.

Gerade die Gouachen (Malerei mit deckenden Wasserfarben) zeigen den Entstehungsprozeß beinahe brutal unverhüllt. Bei dieser Technik läßt sich (im Gegensatz zu Ölbildern) kaum etwas zurücknehmen oder zurückhalten.

Schumacher, einer der wichtigsten Vertreter des sogenannten „Informel“, war nie in Mode, drängte sich niemandem auf, hing keiner Richtung sklavisch an. Dennoch gab es, unabhängig von den wechselnden Konjunkturen, seit denKrieg immer wieder wichtige Ausstellungen seiner Werke, so daß er auch nie in Vergessenheit geriet – ein Umstand, der auch für die Ausstellungsmacher spricht.




Lachnummern aus der Menschheitsgeschichte – Roland Rebers „Merlin“ beim Theaterpathologischen Institut in Lünen

Von Bernd Berke

Lünen. Irgendwo zwischen Zeit und Ewigkeit steht ein Gitter. Davor lümmelt sich „Merlin“ (Joe Bausch), seines Zeichens keltischer Zauberer, in den Sessel. Ein Greis in Morgenrock und langen Unterhosen, verschmitztes Einstein-Gesicht.

In Roland Rebers „Merlin“-Projekt, das am Samstag vom „Theaterpathologischen Institut“ (TPI) im Lüner Hilpert-Theater erstaufgefiihrt wurde, ist diese Titelfigur der unsterbliche Geist, der (wenn er nicht gerade über sein intergalaktisches Radio die neuestenRock-Hits sendet) die Historie mit weltbewegenden Ideen infiziert, die allemal in Katastrophen enden.

Es erscheinen einige von Merlins früheren Opfern: Die vor lauter Lustverzicht mannstoll gewordene Lysistrata (Ute Meisenheimer); der sagenhafte König „Artus“ (Jochen Nickel), über die mißlungene Gralssuche zeternd; die schamhafte Jungfrau Jeanne d’Arc (Fee Sachse), die die Holzzweige ihres Scheiterhaufens wie ein Röckchen trägt, und Robespierre (Frank Holz), ein Klugschwätzer sondergleichen. Sie alle sind auf Erden im Dienste von Ideen gescheitert. Nun sind sie Lachnummem, die mit ihren Klischees hausieren und vor Stammtisch-Zoten nicht zurückschrecken. Vollends in den Gefilden der Farce bewegen sie sich, als Robespierre den anderen das Ritual scheindemokratischer Abstimmungen beibringt. So weit das leidlich lustigeund schauspielerisch noch tragbare Geschichts-Kabarett.

Als ganz gewöhnliche Leute, diesen Plan rückt „Merlin“ dann endlich heraus, sollen die vier ins Leben zurückkehren – zwecks „Projekt ’68“, also APO-Zeit. Folgt ein Umbaupausen-Film über Vorfahrtregeln im Verkehr. Dann führt uns Reber – aber „volle Kanne – in die rebellischen Spätsechziger: dicker Joint, Che-Guevara-Poster, dümmliches Gelaber von sexueller Revolution und – Theater im Theater – lachhafte Proben für ein „proletarisches“ Stück. Soll man denken, es hätten damals nur Vollidioten die Szene beherrscht? Wirklich auseinandergesetzt hat sich der Stücke-Schreiber Roland Reber mit seinem Thema offenbar kaum – er wäre ohnehin reichlich spät dran.

Nachdem Reber das, was er für die „68er“ hält, gründlich niedergemäht hat, treibt er einige Darsteller (Auftritt: die Beziehungsgeschädigte; die Terroristin) doch noch in „große“ Tiefsinns-Monologe hinein – etwa des Inhalts, daß, gleichsam von Lysistrata bis Dutschke, der Einzelmensch unter Ideengebäuden sich krümmte, was aber nicht sein soll. Welch eine Erkenntnis! Am Schluß taucht „Merlin“ wieder auf und krächzt „We shall overcome“. Das ganze Ideentheater könnte also von vorn beginnen? Nein, danke!

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Leserbriefe

„WR-Kritiker fiel offenbar Haßgefühlen zum Opfer“

Betr.: WR-Bericht „Lachnummern aus der Menschheitsgeschichte“

Wenn Ihre Mitarbeiter und Ihre Zeitungsich schon überregional mit theaterspezifischen Themen auseinandersetzen, kann man als Leser ja wohl ein Mindestmaß an Objektivität und Sachkenntnis erwarten. Dieser oben genannte Artikel läßt aber eindeutig den Schluß zu, daß Herr Berke sich von dem Stück persönlich angegriffen fühlte und deshalb auf ein rhetorisch so niedriges Niveau abgesunken ist.

Im übrigen ist festzustellen, daß die lokale Berichterstattung sich von der überregionalen deutlich nach oben hin abhebt. Es gibt also noch Leute mit Sachverstand. Gott sei Dank! Klaudia Witt, Lünen

Eigentlich lohnt es sich nicht, über die Berichterstattung Ihres Mitarbeiters Bernd Berke Worte zu verlieren. Dieser primitive Schreibstil erreicht bzw. übertrifft noch einen Bild-Zeitungs-Journalismus. Herr Berke muß bei seiner Berichterstattung in seiner Arroganz außerdem wohl Haßgefühlen gegen Roland Reber zum Opfer gefallen sein.

Ulla und Eugen Zymner, Olfen




Kölns gewaltiger Museums-Zwilling: „Innenleben“ versöhnt auch die Kritiker – Johannes Rau eröffnet am Samstag den „Wallraf-Richartz/Ludwig“-Neubau

Von Bernd Berke

Köln. Der Rhein, der Dom, der neue Böll-Platz, das Römisch-Germanische Museum – und nun der gigantische, 278 Millionen DM teure Museumszwilling „Wallraf-Richartz/Ludwig“, der am kommenden Samstag von NRW-Ministerpräsident Rau eröffnet wird. Welche andere Stadt kann auf so engem Raum ein so markantes Ensemble vorweisen?

Der Neubau gilt Fürsprechern als „Kunst-Kathedrale“, Kritikern als „Kunst-Container“. Kölns Museumsleute sind jedenfalls stolz, und ein Aachener ist womöglich noch stolzer: Westdeutschlands Kunstammler Nummer 1, der Schokoladenfabrikant Peter Ludwig, dessen Stiftungen das neue Museum zum Großteil füllen, strahlte gestern Genugtuung aus: „Ich bin mehr als zufrieden“.

In der Tat: Während bei einem eher kantigen Charakter wie dem Sammler Lothar-Günther Buchheim eine Schenkung nach der anderen in Katzenjammer endet, läuft es beim jovialen Ludwig wie am Schnürchen. Bereits viermal ist der Mann nun auf Museen namentlich verewigt. Am Rande der Veranstaltung dementierte Ludwig übrigens ein Gerücht der letzten Wochen, daß nämlich der (seinerzeit bei NS-Größen wohlgelittene) Bildhauer Arno Breker dem neuen Museum eine Ludwig-Porträtbüste andienen sollte. Ludwig sprach sich gleichwohl dafür aus, daß die Museen der Bundesrepublik endlich ihre Berührungsangst vor NS-Kunst aufgeben sollten.

Ansonsten hielt sich Ludwig beidergestrigen Pressevorstellung des Baues vornehm zurück und ließ andere die Leistung der Kölner Architekten Peter Busmann und Godfrid Haberer preisen. Prof. Hugo Borger, Generaldirektor der Kölner Museen, betonte, die durch Bürgerstiftungen entstandenen Sammlungen des neuen Doppelmuseums (das auch die neue Philharmonie beherbergt) seien in Fülle und Qualität „nur noch mit staatlichen Sammlungen vergleichbar“.

Vom Mittelalter bis zur Pop Art

Kölns OB Norbert Bürger räumte zwar ein, der mit silbrigem Titanzink (mit der Zeit wird’s mausgrau) verkleidete Bau verstelle aus einigen Blickwinkeln den Dom. Dessen Pracht komme aber nun insgesamt stärker zur Geltung. Was immer man von der architektonischen Lösung halten mag – die „Inhalte“ des „Wallraf-Richartz/Ludwig“-Museums versöhnen. Beide Museen können nun bis zu 50 Prozent mehr Exponate als zuvor zeigen, nämlich jeweils rund ein Drittel der Bestände.

Der Rundgang mutet denn auch fast an, als blättere man in einer Kunstgeschichte. Von berühmten Altarmalereien des Mittelalters über Weltkunstwerke wie Rembrandts Selbstporträt von 1665 und markante Beispiele für sämtliche „Ismen“ des 20. Jahrhunderts bis zu Schlüsselwerken der Pop Art reicht das wahrhaft überwältigende Spektrum.

Beinahe wie in einem Warenhaus, das durch Raumstrategie in alle Abteilungen lockt, sind die Geschosse des „Wallraf“-Bereichs (Kunst von 1300 bis 1900) und der „Ludwig“-Teil (ab 1900) so verschachtelt, daß etwa der Pop-Art-Fan zwangsläufig auch an Flügelaltären aus dem Mittelalter vorbeikommt, die hier – eine Besonderheit – zum Teil frei im Raum stehen und von beiden Seiten zu bewundern sind.

Eröffnung am 6. September (Einlaß fürs Publikum um 13 Uhr, mit großem Ansturm ist zu rechnen). Bis 14.9. freier Eintritt, danach 3 DM. Öffnungszeiten: Di-Do 10-20, Fr-So 10-18 Uhr, mittw. geschlossen.

 

Ausstellungs-Start mit Paukenschlägen

(bke) Der Betrieb in den 1000 qm großen Wechselausstellungs-Räumen des neuen Kölner Museumszwillings beginnt gleich mit mehreren „Paukenschlägen“. Der US-betonten Sammlungsstruktur des Ludwig-Museums entsprechend, zeigt dieses die Schau „Amerika-Europa (Geschichte einer Faszination)“ (7. September bis 30. Novemver, Katalog 35 DM). Anhand erlesener Arbeiten von rund 100 Künstlern aus den letzten vierzig Jahren werden die wechselseitigen Anziehungs-, aber auch Abstoßungskräfte zwischen Kunstauffassungen diesseits und jenseits des Atlantik deutlich. Siegfried Gohr, Chef des „Ludwig-Museums“, verglich den Prozeß mit der Verästelung eines Baumes, in dem aber immer wieder einige Zweige in die gleiche Richtung streben.

Die Amerika-Ausstellung wird übrigens von einem US-Kreditkartenunternehmen gesponsert, das bei der gestrigen Vorbesichtigung denn auch häufig und heftig genug genannt wurde. Eins ist klar: Ohne Sponsoren geht so gut wie nicht mehr in Sachen Sonderausstellungen, stehen doch allen acht (!) städtischen Museen Kölns derzeit insgesamt nur 600 000 DM pro Jahr für Ankaufe zur Verfügung. Wahrlich ein Mißverhältnis zu den Neubaukosten!

Mit „Meisterzeichnungen von Leonardo (da Vinci) bis zu Rodin“ (7. September bis 16. November) steigt das Wallraf-Richartz-Museum in den Ausstellungsalltag ein. Die Absicht: generelle und historische Aspekte der Zeichnung als eines außerordentlich lebendigen Mediums vorzuführen. Dabei gerät die aus Wissenschaftsehrgeiz geborene Akribie der Ranaissance ebenso ins Blickfeld wie Faustskizzen moderner Künstler.

Für die kommenden Jahre (die Vorplanungen reichen bereits bis 1991) sind im Kölner Neubau teilweise sensationelIe Kunstschauen zu erwarten. So soll es unter anderem große Überblicke zum Werk von Rubens, von Miró und von Max Ernst geben. Die Miró-Ausstellung wird schon für 1987 angekündigt. Weitere Präsentationen im nächsten Jahr werden Per Kirkeby und Cy Twombly gewidmet sein.




Der kalte Traum des Mittdreißigers „Manfred K.“ – Performance zu „Maskenball“ von Harald Weiss ging zeitweise im Regen unter

Von Bernd Berke

Hamm. Strömender Regen im Hammer Maximilianpark. Vor einem künstlichen Teich stehen Kinderwagen, mit toten Blättern gefüllt. Eine bizarre Gruppe, ganz in Schwarz gekleidet, betritt eine Beton-Plattform im Innenkreis des Gewässers.

Die Gesten gefrieren wie auf einer Fotografie, dann folgt ein allgemeines Zurechtmachen, Lockern und Lächeln, das erneut erstirbt, usw. Schließlich zerstreut sich die Gruppe und schwärmt aus. Einer hält eine flammende Predigt, ein anderer zückt spitzelhaft-verstohlen ein Notizbuch, ein dritter trägt mit fahrigen Gesten einen Kassettenrecorder umher.

Dann geht nichts mehr. Petrus mag an diesem Abend keine Performance, der Rest des, simultanen Aktionstheater-Prologs zu Harald Weiss‘ „Maskenball (Vergib mir meine Träume)“ fällt ins Wasser, nachfolgendes Stück findet im Saale, genauer in der ehemaligen Waschkaue der Zeche Maximilian statt.

Endlich, nach einer Stunde Pause (in der die im Park weit verstreuten Requisiten eingesammelt und getrocknet worden sind) beginnt, zwischen Bistro-Stühlen, abschüssigem Steinwall und bildlos flimmerndem TV-Gerät, der Traum des Mittdreißigers „Manfred K.“ in 16 Bildern.

„Manfred“, er steckt voller Lebensangst und bewegt sich linkisch durch das Geschehen, schleppt nur kümmerliche Fetzen einer „Biographie“ mit sich herum, die sich zu Floskein („Eigentlich bin ich ganz verträglich“) verfestigt haben. Anfangs will er denn auch seine Träume aussperren, mit einem Schlüssel hetzt er herum, um alle Türen zu verschließen. Doch die Figuren, Frauen vor allem, dringen durch alle Fugen und beginnen ihr Eigenleben in Szenen wie „Maskenball“, „Party“, „Ausbruch“ oder „Hetzjagd“.

Die eng mit dem Geschehen verwobene Minimal-Musik von Harald Weiss (Komposition und Regie), vielfach ein bloßes Anschwellen, Hinschmelzen oder Daherplätscheren einer kaum differenzierten Tonfolge, ist von kühler Perfektion. Den Kontrast bilden Gefühlsausbrüche der menschlichen Stimme: Vom Atemhauch über Winseln und gestammelte Silbenstücke bis zum Schrei reichen die Modulationen.

Für diese sinnlichen Entäußerungen stehen vor allem die weiblichen Figuren, während der „letzte Mann“ (Szenentitel) sich ihnen im Caféhaus lediglich mit schweinischen Absichten nähert. Zu den phasenweise gefrierenden Zeitlupengesten kommen Synchronstimmen vom Tonband, das immer wieder abgebremst wird, so daß die Worte brummelnd in Schweigen übergehen. Das Gerede wirkt lachhaft verloren zwischen lauter Leere.

Die ganze Darstellung strahlt eine fremde Kälte aus, auch die komischen Effekte sind gänzlich durchkalkuliert, nichts bleibt dem Zufall überlassen. Die Traumwelt ist gleichsam eingezäunt. Sie war, so zeigt sich, nur eine Fernsehpause.




Zwischen der verordneten und der innigen Trauer – Arbeiten von Joseph Enseling im Stadtmuseum Düsseldorf

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Eine Brunnenfigur in der Essener Muster-Gartenstadt „Margarethenhöhe“ stammt von ihm, ein Ehrenmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges in Unna gleichfalls. Die Ruhrkohle AG besitzt mehrere seiner Skulpturen, und auch auf verschiedenen Revier-Zechen und Friedhöfen stehen oder standen solche Statuen.

Wer ist der „große Unbekannte“? Der Bildhauer Joseph Enseling (1886-1957), gebürtiger Coesfelder, der jedoch vor allem im Revier Spuren hinterließ. Aus Anlaß seines 100. Geburtstags zeigt Düsseldorfs Stadtmuseum (Bäckerstraße 7-9) die allererste Enseling-Einzelausstellung (bis 5. Oktober). Der Katalog (20 DM) enthält auch ein erstes Werkverzeichnis, das 150 Arbeiten umfaßt.

Enseling war wichtigen Kunstgruppierungen des beginnenden 20. Jahrhunderts verbunden, gehörte zum Umkreis des „Jungen Rheinland“, lehrte an der Kunstgewerbeschule Essen (spätere Folkwangschule). Wie viele andere Künstler, die damals entscheidende Impulse erhielten, legte auch der gelernte Schreiner Enseling vor allem Wert auf handwerkliche Grundlagen.

Übrigens: Selbst u. a. bei Aristide Maillol „in die Schule gegangen“, war Enseling ab 1946 Lehrer an Düsseldorfs Kunstakademie. Auch ein gewisser Joseph Beuys lauschte dort seinen Vorträgen…

Von 1916-18, also noch mitten im Ersten Weltkrieg, war Enseling in Münster Gestaltungsberater in Sachen Ehrenmäler und verlegte sich selbst auf dieses Genre. Hinzu kamen Monumente der Arbeit im Ruhrgebiet, wie jener riesige „Eisenhüttenmann“ (1939), der heute in der Mannesmann-Zentrale in Düsseldorf steht und sich fürs Museum als zu schwergewichtig erwies.

Bei den rund 50 Exponaten in Düsseldorf fallt durchgehend die solide Gestaltung auf. Weniges, darunter eine Hindenburg-Porträtbüste, weckt ungute Assoziationen. Die Arbeiterdarstellungen vermitteln oft eine seltsame Spannung zwischen Heroismus und „klassischer“ Schlichtheit. Am gegenwärtigsten wirken jene Skulpturen, die nicht eine öffentlich ausgestellte oder verordnete Denkmals-Trauer, sondern innigere Formen des Gedenkens verkörpern. Beispiel: die „Trauernde Frau“, ein Essener Privatgrabmal.




Halluzinationen des Alltags – die Bildwelt von Karl Horst Hödicke

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Der Alltag steckt voller Mythen, Märchen und Magie. Und: Gerade in den unscheinbarsten Banalitäten kündigen sich die schlimmsten Katastrophen an. Oder ist es doch umgekehrt? Erweist sich als harmlos, was katastrophal schien?

Nichts ist ohne Hinter-, Neben- und Doppelsinn in der irritierenden Bildwelt Karl Horst Hödickes. Jetzt bietet sich in Düsseldorf die Gelegenheit zu entsprechenden Rätselfragen. Die Kunstsammlung NRW zeigt mit 45 Gemälden, Skulpturen und Objekten (bis zum 21. September, Katalog 30 DM) eine Retrospektive des 48jährigen, der in den letzten Jahren zumeist als „Vater der Neuen Wilden“ gehandelt wurde – eine unzulässige Verkürzung, wie sich nun zeigt.

Hödicke widmete sich schon in den 60er Jahren der Figürlichkeit, als die meisten sich abmühten, hochfliegende Kunst-Theorien vom Ende des Tafelbilds zu „reflektieren“. Schüler des Tachisten Fred Thieler, bezog Hödicke von Beginn an die Trieb- und Fliehkräfte spontaner Malgestik mit ein. Vielfach ergab dies verblüffende Überblendungen des abstrakten und des gegenständlichen Expressionismus.

Hödicke verarbeitete vielerlei Einflüsse. Ein frühes Werk wie das dynamische Menschen- und Gestengeflecht „Am großen Fenster“ (1963) bezieht deutliche Anregungen von Max Beckmann. 1965 experimentierte er – Titel: „New York City?“ – mit Rastern à la Piet Mondrian, die er freilich ebenso eigensinnig variierte wie Picassos „Laufende Frauen am Strand“, denen er seine furiose „Vertreibung“ gegenüberstellt. Picassos schwellendes Formgefüge löst sich da vollends auf zu einem grellen, taumelnden Ausbruch. Auch Farbrinnsale, die beim Malprozeß entstanden, übertünchte Hödicke nicht.

Mit seinen Vexierbildern verspiegelter Großstadt-„Passagen“ griff Hödicke früh die Thematik der bedrohlich anonymen Metropolen auf, der er sich in den letzten Jahren wieder verstärkt zuwandte. Auf großformatigen Alltags-Halluzinationen scheinen Ur-Rituale, magische Praktiken und gefährliehe Tiere die Stadt zu erobern. Eine Frau bekommt ihre Geburtswehen mitten auf der Straße, bedroht von einem zähnebleckenden Krokodil und einem Auto, das gleichfalls wie eine Bestie wirkt.

Unter der dünnen Decke der Zivilisation brechen Dschungel und Wüste durch. Da starren offenbar hirnlose Monstren über die Berliner Mauer gen Osten (dicht vor der Mauer hat Hödicke sein Atelier – in einer Stadtödnis, die er „Wüste Gobi“ nennt). Auch die „Hausbesetzer“ (1983) werden zu sprungbereiten Bestien. Nicht denunzierend, sondern mythisch-märchenhaft auch dies: Die Gestalten sind nach dem Schema der „Bremer Stadtmusikanten“ aufgetürmt – ein für Hödicke typisches, ironisch-witziges Sinn-Spiel.

Harmlosigkeit und unterschwellige Bedrohung vermischen sich auch auf dem Bild „Telefonzelle“ (1982). Da könnte ebenso gut ein Mord verabredet wie ein Plausch gehalten werden. Und „Im Blaulicht“ (1983) fegt eine Gestalt durchs Bild, die Feuerwehrmann oder Todesbote sein könnte. Wie bei Standbildern eines Films, kann der Betrachter endlos Vorgeschichten und Fortsetzungen weiterspinnen.




Archäologen ständig auf der Flucht vor Baggern – Erfolgserlebnisse bei Ausgrabungen in Westfalen selten

Von Bernd Berke

Münster. Die Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) sitzen gehörig in der Klemme, und zwar so: Rechts will ein Bauer endlich seinen Mais anbauen, links durchwühlen Bagger – zum Wohle der Konjunktur – das Erdreich nach verwertbarem Bausand; mittenmang, auf einem schmalen Feld, graben die Wissenschaftler fieberhaft nach Zeugnissen alter Kulturen. Sie sind „auf der Flucht vor dem Bagger“ in arge Zeitbedrängnis geraten.

Dies ungute „Spielchen“ müssen Forscher derzeit wieder einmal mitmachen, und zwar im Münsteraner Stadtteil Gittrup, wo zwar mögliche Funde aus einem halben Dutzend Geschichtsperioden (von der Zeit des Neandertalers bis ins frühe Mittelalter) geortet wurden, der Hektik wegen aber nur zu Bruchteilen ans Licht befördert werden können.

Motorräder rasen über die Fundstelle

Zu allem Überfluß sitzen den Ausgräbern hier nicht nur wirtschaftliche Interessen „im Nacken“; das winzige Areal, auf dem sich die Archäologen vermutlich nur noch kurz werden betätigen dürfen, wurde auch noch von Motorradfreaks als Sandbahn mißbraucht. Kurios: Das sie für Grabungen keine Zeit mehr haben, erfahren die Fachleute meist erst durch die Schaufelarbeit der Bagger von Fundstellen. Dann ist Eile geboten.

Beklagenswerte Probleme gewiß, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe da gestern einer Schar von Pressevertretem vor Ort erläutern wollte. Man stimmte jedoch nicht nur Klagelieder an, sondern wollte auch eins der mittlerweile raren Erfolgserlebnisse vermitteln, und zwar „live“. Das ging freilich schief. Eigens um auf die Medien zu warten, hatten die Ausgräber eine Stelle noch nicht angerührt, neben der kürzlich eine bronzezeitliche Gürteldose gefunden worden war. Die Gelehrten vermuteten an dieser Stelle weitere Schätze, die aber gestern nicht zum Vorschein kamen.

Bergung „live“ ging schief 

Wer immer zuvor geargwöhnt haben mag, die Archäologen würden halt fix noch etwas verbuddeln, um es dann triumphierend zu bergen, mußte Abbitte leisten. Rund um Gittrup, wie vielerorts in Westfalen, liegen zahlreiche Stätten, die für die archäologische Auswertung bereits unwiederbringlich verloren sind. Man weiß, daß hier z. B. riesige Urnenfelder existieren müssen, doch man kommt nicht mehr an sie heran. Entweder stehen auf den rekultivierten Sandflächen schon wieder Gebäude oder es wachsen dort Pflanzen. Wollte man hier graben, bekäme man es mit den Naturschützern zu tun. Wenn’s allerdings hart auf hart kommt, wenn etwa aufschiebbare Baggerarbeiten zum Schaden einer laufenden Archäologie-Grabung vorangepeitscht werden – dann riskiert man mit guten Aussichten auch schon mal einen juristischen Streit samt verwaltungsgerichtlichem Ortstermin an der Grabungsstelle.

Wühlmäuse vor Jahrtausenden

Angesichts all dieser Probleme ist um so erstaunlicher, was die Experten aus den dürftigen Spuren herauslesen, die sie bei ihren Notgrabungen gerade noch sichern können. Walter Finke, leitender Archäologe des Regierungsbezirks Münster, weiß zum Beispiel einige (für Laien kaum wahrnehmbare) Bodenverfârbungen als Spuren eines Pfluges zu deuten, der hier im Mittelalter durch den Acker gezogen wurde. Andere, etwa fünfmarkstückgroße dunkle Flecken, geben Finke Aufschluß über Wühlmäuse oder Maulwürfe, die hier vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden durch den Boden gewuselt sind. Im Vordergrund stehen freilich Grabstätten und -Beigaben, wie die – je nach Epoche – höchst unterschiedlich geformten Urnen. Solche Funde lassen auch Rückschlüsse auf vorzeitliche Besiedlungsstrukturen zu.

Doch so sehr man sich auch müht und modernste Analysemethoden anwendet – letztlich führt man mit Spachtel, Schippe und Pinsel einen wenig aussichtsreichen Kampf gegen die „gefräßigen“ Bagger. Walter Finke ist denn auch bescheiden geworden: „Manchmal freuen wir uns schon, wenn wir vage ahnen, was uns eigentlich verlorengeht.“




Westfälisches Literaturbüro plant Autoren-Zeitung und Messe der Kleinverlage – Seit einem Jahr Beratungsdienste in Unna

Von Bernd Berke

Unna. Zu einer festen Größe im Kulturleben ist das „Westfälische Literaturbüro“ geworden, das vor einem Jahr in Unna seine Arbeit aufnahm. Kaum hat man die Anfangszeit überstanden, reifen ehrgeizige Pläne: Von der Gründung einer Literaturzeitschrift für NRW ist die Rede, von einer Messe westfälischer Kleinverlage, die 1987 in Unna aus der Taufe gehoben werden soll. Die Rundschau sprach mit den „Literaturberatern“ des Büros, Franziska Groszer und Siegfried Mrozek.

Als die beiden vor Jahresfrist die unscheinbare Dachkammer in der Kreisbücherei bezogen, stapelten sich dort längst „mehrere tausend Blatt Manuskripte“ (Mrozek) von durchweg „namenlosen“ Autoren. Es bestand also großer Bedarf nach kundiger Beratung: „Wie gut sind meine Texte? Kann ich sie veröffentlichen?“ Solche und zahllose andere Fragen wurden gestellt,

Mrozek und Groszer, die wenig von „kurzlebigen Riesenspektakeln, dafür mehr von dauerhafter Kleinarbeit halten“ (Groszer), halfen mit Erfolg. Sie betätigten sich als „Vor-Lektoren“ für Texte aus privaten Schubladen, knüpften Kontakte zu Kultur-Institutionen, vermittelten Lesungen, wirkten an Lyrik-Treffen (z. B. in Hattingen und Wetter) und ähnlichen Veranstaltungen mit, regten die Bildung lokaler Schreibgruppen an – und spielten immer mal wieder „Seelentröster“. Auch bekanntere Autoren schauen bisweilen herein, wenn sie sich „festgeschrieben“ haben.

Kein Wunder, daß die Berater kaum noch zum Schreiben eigener Texte kommen – und ihre beiden halben Stellen reichen schon gar nicht hin, dies alles zu bewältigen. Überstunden sind die Regel.

Der jüngste Schriftsteller ist erst 14 Jahre alt

Die Klientel kommt aus allen Schichten: Sie reicht vom Schlosser, der in seiner Freizeit Kurzgeschichten verfaßt, über die Hausfrau, die sich an Romanen versucht, bis hin zu Studienräten und Anwälten mit lyrischer Ader. Siegfried Mrozek: „Es gibt Leute, die fast keine Schulbildung genossen haben und trotzdem in einer ganz einfachen Sprache phantastisch erzählen können – und es gibt Deutschlehrer, die keinen lesbaren Satz zu Papier bringen“.

Frauen gehören ebenso häufig zu den Ratsuchenden wie Männer. Die überwiegende Zahl der bisher betreuten 150 Autoren ist zwischen 25 und 40 Jahre alt. Der Jüngste war gerade 14, die Ältesten über 70.

Illusionen sind generell selten, „ansonsten ziehen wir ihnen gleich den Zahn“ (Mrozek). Zwar warf auch schon mal jemand seine Blätter mit der Bemerkung auf den Tisch, dies Meisterwerk habe gefälligst in einem renommierten Verlag zu erscheinen, und auch Meinungsverschiedenheiten über die Qualität von Texten ließen das Büro schon erzittern. Doch die allermeisten schätzen ihre Veröffentlichungs-Chancen sehr realistisch ein und vertragen Kritik. Natürlich werden auch hin und wieder Kitsch-Texte eingesandt. Deren Verfasser werden nicht zum Gespräch geladen, bekommen aber aufmunternde Briefe. Das Gros aber hat nach Auffassung der Berater zumindest literarische „Substanz“.

Finanziell fehlt es hinten und vorn

Nicht nur „Einzelkämpfer“ werden beraten, auch Kommunen gehören zur Kundschaft – etwa dann, wenn (wirklich vorgekommen) kein Mensch in einer großen Stadtverwaltung so recht weiß, wie man eigentlich einen Literaturpreis ausschreibt und organisiert. Doch nur eine einzige westfälische Gemeinde, nämlich Selm, ist zahlendes Mitglied im eingetragenen Verein „Literatur-Büro“ (Vorsitzender: NRW-Umweltminister Klaus Matthiesen, „Vereinsblatt“ namens „Büroklammer“).

So mancher Stadtvertreter muß quasi „bekniet“ werden. Meist gilt, daß sich kommunale Kulturpolitiker lieber mit kostspieligen Auftritten berühmter Opernsänger schmücken als mit Literatur. Finanziell fehlt es, auch wenn NRW mit der Ausstattung seiner drei Literaturbüros (Unna, Gladbeck, Düsseldorf) bundesweit führend ist, „hinten und vorn“. Unna muß mit 75.000 DM pro Jahr auskommen, außerdem gibt es Zuschüsse und Sachleistungen der Stadt und des Kreises sowie (ganz selten) Spenden.

Künftig (erstmals am 18. September, 19.30 Uhr) veranstaltet das Büro jeden dritten Donnerstag im Monat ein Thementreffen in der Kreisbücherei Unna. Beim ersten Mal geht’s um Literatur für den Funk, im Oktober um Lyrik.

Hier die Adresse und die (neue) Telefonnummer: „Westfälisches Literaturbüro“, Am Markt 1, 4750 Unna, 02303/27 10 97. Übrigens: Das Büro steht jedermann offen, seine Dienste sind kostenlos.




Kunst aus dem Flugzeug macht den Himmel zur „unendlichen Leinwand“ – Kassel: Bestandsaufnahme der tollkühnen „Malerei im Äther“

Von Bernd Berke

Kassel. Vor der Kunst kam die Reklame: Anno 1927 war der Himmel über Deutschland voller Werbeflugzeuge, die in Riesen-„Dampf“-Lettern den Namen eines Waschmittels ans Firmament schrieben. Im August desselben Jahres stiegen (laut Bordbuch) sieben Doppeldecker des Düsseldorfer Konzerns auch über dem Ruhrgebiet auf; kaum ein Dorf in Europa blieb verschont. Das Schauspiel setzte die Massen in Erstaunen.

Selbst in Berlin guckte man so verwirrt ins Blaue, das sogar Verkehrsunfälle deswegen passierten. Wie aus den werbenden „Himmelsschreibern“ später „Himmelsmaler“, also Künstler wurden, zeigt jetzt erste größere Bestandsaufnahme überhaupt, eine Ausstellung des Kasseler Kulturamts.

Der Flug zur Kunst ging in den 60er Jahren ab, als man allenthalben die Grenzen des Museums sprengen und sich dem Alltag annähern wollte. Auf der Suche nach einer „unendlichen Leinwand“ durchpflügten etwa die Vertreter der „Land-Art“ ganze Äcker und Wüstenstriche. In diesem Umfeld kam auch die „Sky-Art“ (Himmelskunst) auf. Ältere Ahnen hat diese Kunstrichtung in den Futuristen und deren Bewunderung für grenzenlose Dynamik und Mobilität des Industriezeitalters.

Die mitunter bizarren Kondensstreifen ziviler und militärischer Donnervögel legten die Idee nahe, solche Zeichen ganz bewußt und nach ästhetischem Plan zu entwerfen. Gezeichnete Konzepte, die diese ansonsten sehr flüchtige Kunstrichtung dingfest machen, sind es vor allem, die neben vielem Foto-Dokumenten die Kasseler Schau ausmachen. Aber auch Comics sind zu sehen: Donald Duck, der Teufelskerl, bringt es – „rrroaaarrr!“ – sogar fertig, einen riesigen weißen Delphin ins Blau zu zaubern.

Die echten Himmels-Maler, das leuchtet ein, wollen „Kunst für alle“, wollen eine demokratische Kunst ohne „Schwellenangst“. Was sich „da oben“ künstlerisch tat und tut, ist in der Tat erstaunlich. Alle flugtechnisch denkbaren Figuren und Muster erschienen schon – günstige Wetterlage vorausgesetzt – am Himmel, meist von Piloten nach Künstlerplänen, seltener von tollkühnen Künstlern höchstselbst in den Äther gesetzt. Führend sind (wen wundert’s?) US-Amerikaner wie Steve Poleskie. Immerhin: Bei klarer Sicht will zur Ausstellungseröffhung am Samstag ein Deutscher (Jörg Steber aus Hamburg) seine Schleifen drehen.

Das Monopol auf Farbe haben immer noch die Militärs

Frappierend die Veränderangen, die die Himmelskunst den Bauten und Landstrichen angedeihen läßt. Durch einige richtig plazierte Himmelsstriche wirkt etwa der streng geometrisch abgezirkelte, altehrwürdige Kasseler Auepark samt Orangerie wie eine gigantische Science-Fiction-Landebahn. Oder: Der Schatten, den die dampfende Flugzeugspur zur Erde wirft, wird als „Boden-Zeichnung“ einkalkuliert. Wie Glücksräder lassen sich Steve Poleskies Konzept-Zeichnungen drehen, die gefährliche Kunst-Sturzflug-Situationen über Kasseler Gebäuden erlebbar machen.

Zahlreiche Arbeiten in der von Harald Kimpel aufgebauten Kasseler Ausstellung nehmen kritisch Bezug auf die militärische Durchdringung der Lüfte bzw. auf allfällige Vergitterung des Ausblicks (etwa durch Strommasten). Auch droben, so sieht man, ist die Freiheit eben keineswegs grenzenlos.

Apropos Militär: Luftwaffen wie die französische, die zu hohen Staatsfeiertagen die Farben der Trikolore aus Düsenmaschinen rinnen läßt, haben immer noch das Monopol auf Kolorierung am Himmel. Wie man es anstellt, daß die Farbpartikel sich nicht vom Dampf ablösen und auf entsetzte Zuschauer niederrieseln, haben die Künstler bis heute noch nicht herausbekommen. Einstweilen muß sich all ihre Kunstanstrengung also noch mit der Eigenfarbe des Himmels und draufgetupften Weiß-Effekten begnügen. Die ganz große Entfaltung der „Sky-Art“ steht daher womöglich noch bevor.

Ein Negativ-Kapitel ist der Umweltschutz. Zwar machen die Himmels-Maler inzwisehen ein großes Geheimnis aus der versprühten Mixtur, doch – so argwöhnt Ausstellungsmacher Kimpel – „ganz ohne schädliche Abgase wird es dabei wohl nicht abgehen.

Die originelle und seriöse Ausstellung (Kassel, Ständeplatz 16) dauert vom 9. August bis 14. September und ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Katalog kostet 20 DM.




Auf der Suche nach der verlorenen Kinozeit im Ruhrgebiet

Von Bernd Berke

Essen. Kinokultur im Revier – gibt’s die? Es hat sie jedenfalls gegeben, und eine „goldene Zeit“ dieses Gewerbes waren die 50er Jahre.

1952 beispielsweise gab es in einer Stadt wie Essen vierundsiebzig (!) Lichtspielhäuser, darunter das damals größte Kino Europas mit 1200 Plätzen und 40 Leuten Personal. Einen Filmfan wie den Fotografen Heiko Preller (27) befällt da leicht sa etwas wie Nostalgie. Seine Suche nach Überresten der verlorenen Kinozeit dokumentiert jetzt (bis 5. September) eine Foto-Ausstellung im Essener Ruhrland-Museum.

Prellers Farbbilder aus Essen und Dortmund („Camera“-Kino) sind in den letzten beiden Jahren entstanden. Auf eine vergleichende Konfrontation mit Fotos aus den 50er Jahren konnte er leicht verzichten, finden sich doch auch so noch einige Spuren der 50er Jahre in den heutigen Kinos. Man muß nur den Blick dafür haben; dann findet man in zahlreichen Abspielstätten des Reviers auch jetzt noch Ecken mit Tulpenlampen, nierenförmigen Theken, schneckenartigen Deckenleuchten und Clubsesseln jener Jahre. Solche Restbestände der Kinoblüte – heute zum Bedauern Prellers nur noch Durchgangsschleusen, aber keine Zutat zum Filmerlebnis – hielt der Design-Student ohne jedes Zusatzlicht fest, so daß sie nur in ihrem eigenen, fremdartigen Neonglanz erstrahlen. Kein Mensch ist da zu sehen, nur Architektur, Mobiliar, Accessoires – stumme Überbleibsel jener Jahre, als Fernsehen noch keine ernsthafte Konkurrenz furs Kino war.

Die Fotoserie zeigt auch, wie sich ganz allmählich die atmosphärischen Verluste einstellten. Vor allem Eis- und Cola-Firmen stellten die Häuser mit Plastikzeug voll. Immer häufiger kam es zu Stilbrüchen, immer öfter wurden etwa grauenhaft gefärbte Teppichböden unter die alten Möbel gelegt. Endpunkte des Verfalls: verrottende Bauten, Parzellierung in Kleinst-„Kinos“, Umbau ehemals stolzer Lichtspieltheater in rentablere Supermärkte oder gar in Tapetengeschäfte, in denen nur noch ein angestaubter Vorhang an die Vergangenheit erinnert.




Prächtiges Ägyptergrab im Schatten des Kölner Doms – Neue Technik ermöglicht millimetergenaue dreidimensionale Nachbildung der historischen Stätte

Von Bernd Berke

Köln. Die schönste Grabkammer des Alten Ägypten befindet sich jetzt gleich neben dem Kölner Dom – scheinbar jedenfalls.

Neueste Technik macht’s möglich, daß nun im Römisch-Germanischen Museum der Domstadt eine millimetergenaue, dreidimensionale und zum Verwechseln ähnliche Nachbildung des Originals vom Nil aufgestellt werden konnte, in die man hineingehen kann wie in das echte „Haus der Ewigkeit“ zu Theben. Daselbst ließ sich Sen-nefer, Bürgermeister der damaligen Metropole, um 1400 v. Chr. von den besten Künstlern seiner Zeit eine rundum phantastisch ausgemalte Grabkammer errichten.

Darstellungen altägyptischer Begräbnisritule münden da schließlich in Szenen der Wiedergeburt im Jenseits, wie sie der Osiris-Mythos geprägt hat. Auch die Decke ist ganz ausgemalt, und wie! Die Künstler haben sich – wohl ganz bewußt, auf jeden Fall meisterhaft – die zahlreichen Unebenheiten des Kalksteins zunutze gemacht und Relief-Effekte erzielt. So viele Weinranken sind da zu finden, daß man das Grab auch schon scherzhaft als „Weinlaube“ bezeichnet hat.

Zwischen all dem sieht man insgesamt 16 Mal den Bürgermeister Sen-nefer (übersetzt etwa: „Guter Bruder“), den Freund des Pharaos Amenophis II. zur Hochblütezeit Ägyptens, jeweils in Zweisamkeit mit seiner Frau Merit, die ihn auf den leuchtend farbenfrohen Abbildungen jedoch eher als eine Art göttliche Gehilfin ins Jenseits geleitet. Auch die Weinreben haben hier überhöht-symbolische Bedeutung; sie beziehen sich auf Tage „göttlicher Trunkenheit“, auf glückhafte Zustände: „Ich sitze in der Halle des Vergnügens, um mir einen guten Tag zu machen,“ lautet denn auch die Übertragung einer genußfrohen, auf Sen-nefer bezogene Hieroglyphen-Inschrift der Grabkammer.

Daß man dies alles jetzt in Köln originalgetreu bewundem kann, liegt an der Erfindung eines Fotokonzerns. Knappe Erklärung: Das Grab-Original wurde millimetergenau vermessen, dann rundum im Detail fotografiert. Durch ein spezielles Lösungsmittel konnte eine hauchdünne elastische „Bild-Haut“ gewonnen und sodann auf die Nachbildüng des Original-Gesteins übertragen werden. Selbst allerkleinste Schadstellen und Unebenheiten blieben so erhalten.

Das Verfahren gewinnt zunehmend an Bedeutung. Tausende von Touristen, die die Altertums-Denkmäler besichtigen, bedeuten – schon durch bloße Körperwärme und Atemfeuchtigkeit – eine Gefahr für die Substanz der historischen Zeugnisse. So wurde z. B. die Vorzeithöhle in Lascaux (Frankreich) fürs Publikum geschlessen und durch eine ..Reproduktion“ nach dem gleichen Verfahren „ersetzt“. So dringlich es sein mag, Kulturzeugnisse auf diese Weise zu retten, so betrüblich ist die Aussicht auf eine künftige Welt voller Duplikate und Simulationen, denen – wenn nicht mehr – so zumindest der Geist des Ursprungsorts abgeht.

Die Ausstellung, die auch einen Bogen zu Ägypten-Fotos aus der Mitte des 19. Jahrhunderts schlägt, dauert bis zum 12. Oktober und ist täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr (mittwochs/donnerstags bis 20 Uhr) geöffnet.




Picasso – der zweite Schöpfungsakt

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Bei manchem Meister der Moderne muß man längst Ausstellungen zu ganz speziellen Werk-Aspekten zusammenstellen, um noch Aufsehen zu erregen. Bei Pablo Picasso (1881-1973) ist die Kunstwelt hingegen immer noch dabei, das immense, ja schier unerschöpfliche Werk überhaupt erst einmal in seiner Breite und Fülle zu sichten.

Vor zwei Jahren war Picassos plastisches Werk das Ausstellungsereignis in der Düsseldorfer Kunsthalle. Jetzt, wiederum zusammengestellt von Kunstprofessor Werner Spies und wiederum eine Art „Offenbarung“, sind über 200 „Arbeiten auf Papier“ in der Kunstsammlung NRW zu bewundern.

Die unglaubliche Anzahl von etwa 26 000 Picasso-Zeichnungen, Gouachen, Pastellen, Aquarellen und Collagen auf Papier verzeichnen die in internationalen Inventare. Höchst gewagt wäre es also die Behauptung, hier seien, nun wirklich die allerbesten Stücke versammelt. Fest steht, daß Werner Spies Leihgeber in aller Welt bewegen konnte, wirkliche Spitzenstücke schweren Herzens auf die Reise nach Tübingen (190.000 Besucher!) und jetzt – 20 Bilder wurden ausgetauscht – nach Düsseldorf gehen zu lassen. Die Besorgnis ist verständlich: Zeichnungen von Picasso werden auf Werte um 600 000 bis 1 Mio. DM „pro Blatt geschätzt“. Spies konnte nach und nach die Bedenken ausräumen. Das „Musée Picasso“ (Paris) und das „Museum of Modern Art“ (New York) gehören ebenso zu den Leihgebern wie das „Museu Picasso“ in Barcelona. Aus Konservierungsgründen hängen die kostbaren Stücke selbstverständlich unter Glas – den Spiegeleffekt muß man in Kaufnehmen.

Die chronologisch gehängte Ausstellung reicht von ersten Akademiestudien (1894) über Picassos sogenannte „blaue“ und „rosa“ Periode, es folgen die Pionierzeit des Kubismus,, die Rückkehr zu neoklassizistischen Formen, das bisher selten gewürdigte zeichnerische Spätwerk. Ein ganzer Formen-Kosmos entfaltet sich da, ein souveränes Verfügen über zahllose Traditionen und Formen, das immer erkennbar Picassos „Handschrift“‚ trägt, sich aber auf gar keinen Stil festlegen läßt.

Die Papier-Arbeiten können bei Picasso nicht als Nebenwerke gelten, eher ist das Gegenteil der Fall: Da er seine Arbeiten immer in einer durch schöpferische Ungeduld bestimmten Zeitspanne abschloß, hat er die Zeichnungen oft detaillierter ausgeführt als Gemälde.

Ob Picasso durch Verzerrung von Körpern oder durch Farbgebung psychologisiert („Der Verrückte“, „Die Frau mit dem Raben“ – 1904); ob er einfach Freude an Licht und Bewegung ausdrückt („Gauklerfamilie“, 1905); ob er die Figuren kubistisch zerlegt („Stehender weiblicher Akt“, 1909/10) oder schwellend-klassizistische Formen typisierend gestaltet („Sitzende Frau“, 1921) – das Ergebnis wirkt stets „gültig“, fast wie ein – Urtraum des Künstlers – zweiter Schöpfungsakt.

Im zeichnerischen Werk finden sich, in einem „ewigen Experiment“ beinahe unendlich variiert, alle Techniken und Themen Picassos dicht beieinander. Nur, daß der Künstler hier fabulierfreudiger war als im Malerischen. Daraus ergeben sich, insbesondere im Spätwerk, Notate zu Picassos psychischer Befindlichkeit, manchmal gar Seelendramen. Vor allem Atelier-Situationen werden im Spätwerk wieder aufgegriffen: hier das sinnliche Modell, dort der Künstler, offenbar einer ganz anderen Welt angehörend, ganz Aufnehmender, ganz Auge. Oder sogar ein mickriger Voyeur.

14. Juni bis 27. Juli. Wegen des erwarteten Andrangs geänderte Öffnungszeiten: Täglich 10-20 Uhr, montags geschlossen. Katalog (Hatje-Verlag), 39 DM, Plakat 12 DM.




Rätselhafte Appelle an die dunkelsten Schichten der Seele – Augusto Boal inszeniert die Uraufführung von Garcia Lorcas „Das Publikum“ in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Roms Kaiser grunzt und kotzt aus vollem Halse. „Julia“ vergeht nicht vor Liebe, sondern hebt kurzerhand den Rock, windet sich dann in Sturzbächen von Pferde-Urin. Auch „Helena“ ist alles andere als klassisch, sie kommt als verruchte Salondame daher. Irgendwann leiert dann noch der Gekreuzigte seine bekanntesten Bibelsprüche herunter, und zwei elfenhafte Schwuchteln, die auf einem griechischen Säulenstumpf herumturnen, kommen – klar doch! – auch vor.

Befremdliche Dinge begeben sich im „Theater unter dem Sand“, in dem man alle Masken ablegen will, um die Untiefen der Existenz direkt auf der Bühne auszuleben. „Herr Direktor, das Publikum ist da!“ So vermeldet es der „Diener“, schon halb resignierend. Es folgt circensischer Klamauk: Vier Menschenpferdchen tänzeln trompetend herein. Hernach wird jenes „Theater unter dem Sand“ (es ist wohl dem Strand benachbart, der „unter dem Pflaster“ liegt, aber auch nah an Gräbern) entfesselt – in Federico Garcia Lorcas 1930 bis 1936 geschriebenem Stück „Das Publikum“, das jetzt uraufgeführt (!) wurde. Und zwar nicht, wie zu vermuten stünde, beim „Theaterpathologischen Institut“ Roland Rebers in Lünen, sondern bei den Städtischen Bühnen Wuppertal.

Regie (und dies kommt einer Sensation gleich) führt Augusto Boal, brasilianischer Theatermacher im Pariser Exil, bekannt durch sein „Theater der Unterdrückten“ (nicht nur) in den Slums von Sao Paulo, wegen dessen subversiver Wirkung ihn frühere Regimes verfolgten und foltern ließen.

Boal bringt in sieben rätselvollen Bildern ein surrealistisches Kaleidoskop des 1936 im spanischen Bürgerkrieg von den Falangisten erschossenen Lorca auf die Bühne, das an dunkle Tiefenschichten der Seele appellieren will, nicht an den Verstand. Es stelle nur niemand die Bedeutungsfrage, das ist zwecklos, soll zwecklos sein!

Es ist, als taumele man durch ein labyrinthisches Bild von Salvador Dalí. Verwandlungen und Metamorphosen zuhauf. Was ist Wirklichkeit, wieviel davon darf oder muß, zumal in umstürzlerischer Zeit, auf die Bretter des Theaters? Solche Fragen schälen sich immerhin schemenhaft heraus.

Lorcas Wort- und Spielarsenal des Surrealismus wirkt hie und da noch „irgendwie“ poetisch, aber doch auch angestaubt, historisch, zitathaft. Das reicht von der weidlichen Zurschaustellung jeglicher menschlicher Körperausscheidung bis zur Verknüpfung entferntester Gegenstände nach dem surrealistischen Muster jenes notorischen Regenschirms, der einer Nähmaschine auf dem Operationstisch begegnet.

Lorca meinte 1936, Zeit und Publikum seien noch nicht reif für dies Stück. Es sei ein Stück zum Auspfeifen, nicht zum Aufführen. Womöglich ist es so, vielleicht aber auch umgekehrt: Das Stück kommt um Jahrzehnte zu spät. In Wuppertal jedenfalls verließen einige Zuschauer während der Premiere fluchtartig den Raum.

Doch der Uraufführungsehrgeiz hat die Wuppertaler nun einmal geritten: Das Stück fällt ganz aus dem Rahmen des sonst eher gefälligen Schauspielplans, es paßt überhaupt nicht zur bisher erarbeiteten Spielpraxis des Ensembles, das sich denn auch mehrfach in Gefilde platter Komik retten muß. Der Exodus beim „normalen“ Abo-Publikum wird vermutlich noch weit deftiger ausfallen als bei der Premiere. Neben stellenweise aufblitzender Schauspielkunst positiv hervorzuheben: Helio Eichbauers Bühnenbild; einfach, klar, hellsichtig-zeichenhaft.




Das doppelte Gesicht der Städte im Revier – Zwei Rheinländer auf Kunstreise durchs Ruhrgebiet

Von Bernd Berke

Essen. In Hagen erstiegen sie den Bismarckturm, in Dortmund begaben sie sich auf eine Anhöhe im grünen Süden der Stadt. An solch idyllischen Flecken breiteten die Künstler Jürgen Jansen (26) und Uwe B. Eßer (26) jeweils zwei exakt gleich große Leinwände aus und malten – von „ganz weit draußen“ – Stadtansichten, in punkto Perspektive vergleichbar mit alten Stadtansichten.

Jansen nahm sich stets die linke, Eßer die rechte Hälfte des Bildes vor. Bei solcher Arbeitsteilung kam es – auf ihrer Rundreise durchs Revier im Herbst ’85 – auch schon mal zu Diskussionen, in welcher Höhe denn zum Beispiel die Horizontlinie verlaufen solle. Sie einigten sich aber immer.

Einträchtig präsentieren sie jetzt auch das künstlerische Resultat ihrer Ruhr-Tour im Lichthof der Zentrale des Kommunalverbandes Ruhrgebiet (Kronprinzenstraße 35, Essen). Die Synchronbilder, aus Zeit- und Mobilitätsgründen mit schnelltrockender Acrylfarbe ausgeführt, laufen nicht auf Einebnung von Subjektivität hinaus. Obwohl beide Künstler nebeneinander arbeiteten und ihre Teilbilder einander abglichen, kommt doch der je besondere Blick deutlich zum Vorschein. Während bei Jansen die Szenerien eher in gewittrige Atmosphäre getaucht sind, wirken ein- und dieselben Orte auf Eßlers Bildhälften lichter und klarer, ja mitunter wie Ansichten aus Südeuropa. Die Städte bekommen so eine Art Doppelgesicht.

Wie schwer und langwierig es gewesen sei, die postkartenträchtigen Aussichten aufzufinden, wollen beide Künstler mit einem Videofilm von ihrer Kunstreise dokumentieren, der ebenfalls zur Ausstellung gehört. Da besteht das Revier hauptsächlich aus Asphalt, Lärmschutzzäunen, ödem Brachland und Starkstrommasten. Gründe für die beiden gebürtigen Rheinländer, nicht ins Herz der Städte zu gehen, sondern sie aus der Distanz abzubilden? Aus der Entfernung, so zeigt sich jedenfalls, gleichen sich die Stadtsilhouetten einander an, sie vermischen sich, werden vielleicht gar zu Bildern einer einzigen übergroßen Stadt.

Außer in Hagen und Dortmund machten die Künstler u. a. noch in Haltern, Essen, Bochum-Gerthe, Hattingen, Wetter und Witten Station. Hamm und Unna freilich kamen nicht in Frage. Diese Städte boten, weil nach Ansicht der Künstler „zu flach“ gelegen, keine lohnenden Aussichtspunkte.




Künstler beklagen sich: Die neuen Museen sind zu teuer und verfehlen ihren Zweck – Diskussion mit NRW-Kultusminister Schwier

Von Bernd Berke

Münster. Mit den bejubelten neuen Museumsbauten sind Künstler offenbar gar nicht einverstanden. Ob Mönchengladbach (Abteiberg), Essen (Folkwang), Düsseldorf (Kunstsammlung NRW), Frankfurt oder Stuttgart – wirklich ausstellungstauglich seien diese Kunsttempel mitnichten.

Diese Auffassung vertraten jedenfalls einige handverlesene Künstler aus NRW, die jetzt mit dem Kultusminister des Landes, Hans Schwier (SPD), in Münster über Aspekte der Kunstförderung diskutierten. Preiswertere und gleichwohl zweckmäßigere Museen hätte man errichten sollen, so die vorherrschende Meinung. Ulrich Rückriem, Konrad-von-Soest-Preisträger und wohl bekanntester Diskussionsteilnehmer auf Künstlerseite: „Vier Wände und ein Oberlicht, das würde reichen!“ Die Architekten aber hätten wohl vergessen, daß der Museumsbau der Kunst zu dienen, nicht aber sie zu überwältigen habe.

Ulrich Rückriem: Förderung schwemmt schlechte Kunst nach oben

Rückriem, Bildhauer und Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, war der vehementeste Diskutant. Gegen seinen Wortschwall kam Minister Schwier kaum an. In Sachen Kunstförderung ließ Rückriem den diskussionswilligen Minister glatt „auflaufen“. Er, Rückriem, wolle für sein Teil gar keine Förderung; ein jeder Kunstler müsse sich auf eigene Faust durchkämpfen, und überhaupt sollten staatliche Stellen die Kunst „in Ruhe lassen“. Schon jetzt könne man 90 Prozent der Kunst vergessen (Rückriem benutzte ein schlimmeres Wort), bei verstärkter Förderung werde immer noch mehr „Mist“ hochgeschwemmt. Mit dieser fast sozialdarwinistischen Position eines international Arrivierten, vertrat Rückriem das Extrem.

Rolf Glasmeier aus Gelsenkirchen hingegen verwies auf das beachtliche Kunst-Potential im Ruhrgebiet, das jenem in Köln oder Düsseldorf durchaus ebenbürtig sei, das aber eben noch nicht ausreichend gefördert werde. Dies habe sich ganz deutlich bei der Revier-Kunstaktion „Grenzüberschreitung“ gezeigt. Glasmeiers Vorstellung: Das von „Horror-Designern“ geprägte Schreckbild unserer Städte könne von Künstlern korrigiert werden. Im übrigen gehöre unbedingt eine Kunst-Akadamie ins Revier.

Den Architekten auf die Finger sehen

Eine Möglichkeit verstärkter Kunstförderung ergibt sich – kurios genug – aus den Umstand, daß die Schülerzahlen im Lande beständig sinken. Alte Schulgebäude werden Verfügbar, die Künstlern kostengünstig als Atelierhäuser überlassen werden könnten; eine Möglichkeit, die Minister Schwier ausdrücklich guthieß.

Bei allem Geldbedarf: Als Sozialhilfeempfänger möchten sich die Künstler nicht abstempeln lassen. Statt dessen halten sie Ausschau nach alternativen Berufsfeldern. So wurde zum Beispiel der Vorschlag laut, „in jedes Architektenbüro“ einen Künstler oder eine Künstlerin als Aufpasser zu setzen, der/die – auf Honorarbasis – schlimme Bausünden verhindern solle.

Architekten, die (historisch gesehen) zuerst Autonomie und Freiheit der Kunst erstritten haben, schienen denn auch für die anwesenden Künstler in vielen Punkten die Haupt-Widersacher zu sein. Jammerschade, daß kein Vertreter der geschmähten Zunft an dem Gesprach teilnahm.

Statt Künstler zu Freizeit-Animateuren oder Sozialtherapeuten zu machen, müsse der Eigenwert der Kunst gewahrt werden. Unter anderem könne man hilfreiche Dienste bei Restaurationen von Gebäuden leisten, indem man das „Umweltverbrechen“ (Rolf Glasmeier) notorischer Stilbrüche vermeidet. Dazu freilich – so Ulrich Rückriem – fehlt es den Künstlern oft an rein handwerklichem Verständnis. Rückriem: „Die sollten beim Steinmetz oder in der Schlosserei anfangen, nicht in einer Akademie“.




Heyme verlegt Schillers „Wilhelm Tell“ in die Zeit der Ruhrbesetzung

Von Bernd Berke

Essen. So wie er im Buche steht, ist Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ längst unspielbar. Und so entledigt sich denn auch Hansgünther Heymes „Tell“ (Walter Kreye) solch güldener Worte wie „Durch diese hohle Gasse muß er kommen“, ganz hastig, als lasse er eine heiße Kartoffel fallen.

Der „Tell“ verfolgt Heyme seit Mitte der 60er Jahre, zunächst in Wiesbaden, dann nach Stuttgart, jetzt bis nach Essen. Oder besser: Heyme verfolgt den „Tell“, und zwar mit Kardinalfragen aus der neueren deutschen Geschichte. Unerbittlich.

Schon bei Schiller stand ja jener Kampf der Schweizer Kantone gegen Habsburg für deutsches Mißbehagen an französischer Besatzung im Vorfeld der Befreiungskriege. Heyme verpflanzt die Handlung ins Jahr 1923, als abermals Franzosen über den Rhein kamen und diesmal das Ruhrgebiet besetzten, um sich verweigerte Reparationsleistungen zu sichern. Bei Heyme geht das anfangs nach Art des „Grand Guignol“: Wie in einer Art Kasperltheater bespringt der gallische Hahn die blonde Germania, nach dem Gewaltakt galoppieren Marionettenpferdchen auf, es züngeln Flämmchen aus Pappe.

Zur Ruhrkampf-Zeit war „Tell“ im Revier eine Symbolfigur des Widerstands. Heyme wiederum will, was bis zu einem gewissen Grad legitim ist, zeigen, daß reaktionäre Kräfte diesen Widerstand ins Nationalistische umbogen, wodurch der NS-Ideologie der Boden bereitet wurde. Ob man all dies unbedingt an Schillers Stück demonstrieren muß, bleibt die Frage.

„Tausendjähriges“ Volkserbe und „Heil“-Rufe

Aus den verschiedenen Zeit-Ebenen ergibt sich auf der Bühne des Essener Grillo-Baus eine historische Collage, die mitunter ausfranst, zum „Flickerlteppich“ wird. Heyme mag die von Schiller positiv besetzten Freiheitskämpfer durch Streichungen und neue Betonungen noch so sehr ins Zwielicht zerren, er mag noch so nachdrücklich Satzfetzen wie die vom „tausendjährigen“ Volkserbe oder „Heil“-Rufe (die ja im Stück vorkommen) hervorheben – direkte Parallelen ergeben sich nur punktuell; wo Heyme mehr will, wirkt es zwang- und thesenhaft. Freilich: Reibflächen produktiven Widerspruchs hat Heyme dem Klassiker abgewonnen. Einige Aha-Erlebnisse kommen aber allzu früh und fraglos: Der Bühnenhintergrund ist schwarz-weiß-rot; also die Farben der Deutschnationalen und der NS-Fahnen. Damit’s überdeutlich wird, gleicht das rote Feld einem Blutspritzer.

Tell ist hier der brav-blauäugige Proletarier, äußerlich von Brecht’schem Zuschnitt. Auch Heyme kann Arbeiterposen nur noch ironisch zeigen, sozialistischen Realismus parodierend. Tell ist letztlich bloßes Werkzeug der Besitzenden, die bei der bündischen Sonnenwendfeier des Rütli-Schwurs die Widerstands-Fäden ziehen – allen voran der wohlhabende Stauffacher, der hier Krupps Rolle im Ruhrkampf durchscheinen lassen muß. Teil hat folglich „blaß“ und ausnutzbar zu erscheinen, Vogt Geßler (Michael Enk) kommt als eher trockener Funktionär daher, der „edle“ Attinghausen (Karl-Heinz Pelser) als Altgeneral aus preußischem Junkertum. Der im Stück ausdrücklich als Biedermann bezeichnete Stauffacher ist hingegen Brandstifter. Dies zu zeigen, gelingt dem weitaus besten Darsteller, Wolfgang Robert, mit beachtlicher Nuancierung.




Bewegungs-Bilder aus unterirdischer Endzeit – Pina Bauschs Tanzabend II („Viktor“) uraufgeführt

Von Bernd Berke

Wuppertal. Die Erde ist nur mehr ein „umgestürzter Hafen“; Büchners mächtiges Einsamkeits-Wort aus dem „Woyzeck“ wird gesprochen. Die Bühne für Pina Bauschs „Tanzabend II“ („Viktor“) ist Todesstätte. Oder: Katakomben, Ort des allerletzten Überlebens.

Erdwälle ringsum, meterhohe Aufschüttungen; drei Stunden lang wird von droben Erdreich heruntergeschippt. Begräbnis? Wir Zuschauer – eine imaginäre vierte Erdwand liegt hinter unseren Rücken – sind mit drunten, wo „das Ungeordnete“ geschieht, wo das Unbewußte sich Bahn bricht in Wiederholungs-Ritualen aus Kindheit, Alltag und Wahnsinn. Immer wieder werden autistisch in sich selbst rasende Bewegungsabläufe von Hereinkommenden abgebremst, unterbrochen oder allmählich ruhiggestellt, wie von einem Wachpersonal.

Pina Bauschs Körpertheater, dessen „Sprache“ die Beherrschung des Tanzes voraussetzt, unternimmt, dabei oft über Gebühr sich selbst zitierend, einmal mehr alle Anstrengungen, uns fremdeste, uner-„hörte“ Bewegungs-Bilder vor Augen zu stellen. Auch hier wieder Gesten flüchtigen Begehrens, Entblößungs-Posen der Selbstverliebtheit und sexueller Herrschaftsanmaßung, die in einer Flut von Wiederholungssequenzen ausgestellt werden. Nicht auf eine wörtlich zu fassende „Aussage“, sondern auf die Bildlichkeit selbst kommt es da an. Keine zusammenhängende Geschichte, sondern die Entäußerung untergründig wirkender Bewegungs-Strukturen. Um diese Muster herum öffnen sich für den Zuschauer äußerst weite Assoziationsfelder, öffnet sich verstörende Leere, die sich – wenn überhaupt – erst in Kopf und Bauch des Betrachters füllt, die aber auch hilflos, ratlos und aggressiv machen kann.

Der Beginn (am Ende wird diese Szenenfolge wiederholt, ohne an Geheimnis verloren zu haben): Eine Frau betritt die Bühne, im knallroten Kleid, armlos wie eine antike Statue, sie lächelt „wissend“ und herausfordernd ins Publikum. Ein grelles, unerträgliches Bild, eine wohlkalkulierte „Zumutung“, ärger als eine spätere, ausdrückliche Publikums-Beschimpfung („Haut alle ab!“). Dann Teppiche: in den einen rollt man achtlos eine Frau ein, vor dem zweiten wird ein leblos liegendes Paar getraut. Die Hände werden zum Ringtausch zueinander gezwungen, die Gesichter zwecks Kuß zueinander gebogen.

Überhaupt: Tote, Halblebendige. Da versichert sich einer seines Lebensrestes, indem er – Beckett grüßt – seinen bloßen Atemhauch übers Mikrophon abläßt. Die Endzeit ist da: Zwei Steine wie Scheuklappen haltend, irrt eine Frau über die Bühne, regelmäßig hüstelnd, dann markerschütternd schreiend. Eine andere dient (sie speit Sprudel aus, den man ihr eingeflößt hat) als Waschbrunnen, weitere werden begossen wie Pflanzen. Lebendiger scheinen da jene Dinge, die mehrmals in einem irrwitzigen Vermarktungskreislauf „versteigert“ werden.

Das irritierende Stück mit seinen Bildüberblendungen entstand nach einer Rom-Reise des Ensembles. Gruppen-Prozesse haben da sicher eine Rolle gespielt, die der Zuschauer schwerlich nachvollziehen kann. Vor allem italienische Musik der 30er Jahre, „billig“ kreischend wie in einem drittklassigen Lokal, erfüllt den Raum.




Neugier auf Nachschub – Kunstkritiken von Heiner Stachelhaus

(bke) In Sachen bildende Kunst, besonders des 20. Jahrhunderts, ist Heiner Stachelhaus, Kulturredakteur der Neuen Ruhr-Zeitung (Essen), gewiß ein ausgewiesener Kenner. Schade, wenn ein solcher sein Wissen nicht ausbreitet, sondern auch in Buchform häppchenweise verabreicht – ganz so, als lasse ihn der Tageszeitungsbetrieb nicht los.

Die kurzen Ausstellungsberichte von 1963 bis 1985 unterliegen, zwischen Buchdeckel gepreßt, neuen Gesetzen. Ein Buch weckt eben gewisse Erwartungen. Da vermißt man etwas, wenn nur pointiert, wenn nur „auf den Punkt gebracht“ wird, was man gern entwickelt sähe. Doch in der Kürze liegt auch Würze: Sie macht neugierig auf „Nachschub“ und Weiterung – wird dies demnächst nachgereicht?

Auch hat man hier eine anregende kleine Beispielsammlung in Sachen Kunstkritik und in Ansätzen gar eine Chronik der NRW-Szene. Vor allem aber scheint der Autor selbst Rückschau zu halten. Auf eine Art „persönliches Erinnerungsalbum“ verweisen auch die überaus zahlreichen Fotos, die jedem Kritiken-Jahrgang vorangestellt sind: Sie zeigen meist Stachelhaus mit wechselnden Künstler(gruppe)n. War das nötig?

Zu den Kritiken selbst: Informel und „Zero“ kommen gut weg, die „Wilden“ weit weniger. Vielleicht eine Generationenfrage. Ganz obenan steht für Stachelhaus Günter Uecker (Titelbild, wie sinnig, ein von G. U. genageltes „Stachel-Haus“). Derlei Parteinahme ist mehr als legitim, sie zeichnet den Kritiker aus, wenn er so klar und lesbar seine Argumente verficht wie dieser.

Heiner Stachelhaus: „Auf den Punkt gebracht. Kunstkritiken 1963-1985″. Aurel Bongers, Recklinghausen. 24 DM




Der „Weg nach Mekka“ führt durch einen bizarren Garten der Symbole – Arno Wüstenhöfer inszenierz Athol Fugards neues Stück

Von Bernd Berke

Wuppertal. „In unserem Alter brauchen wir frisches Gemüse … Nein, nein. Sie brauchen es nicht zu waschen!“ Bemerkenswerte Bühnensätze in diesen „strahlenden“ Tagen, die vom Publikum teils mit bitterem Gelächter quittiert wurden. Die Sätze stehen, natürlich nicht auf Tschernobyl gemünzt, in Athol Fugards Stück „Der Weg nach Mekka“, das jetzt in Wuppertal seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte (Regie: Arno Wüstenhöfer).

Eine Pyramide von Spiegeln und glitzernde Glassplitter an der rückwärtigen Wand, davor Batterien von leeren Flaschen und Legionen von Kerzen, die das Ganze beizeiten illuminieren. Der Blick nach „draußen“ weist in einen bizarren Skulpturengarten, in dem morgenländische Weise, Meerjungfrauen und ein Hahnen-Mann, der mit lüstern gesenktem Schnabel seine Hose rauf- oder runterzieht, ihr steinernes Wesen treiben. Dieter Flimms beeindruckend wucherndes Bühnenbild steht über die volle Distanz des Dreipersonen-Zweiakters für das Innenleben der alten Witwe „Miss Helen“ (Ursula von Reibnitz).

Helen führt in dem südafrikanischen Halbwüsten-Nest New Bethesda seit vielen Jahren ein einsames Außenseiterleben. Ihre quer stehende Existenz paßt den calvinistisch-bigotten Buren ganz und gar nicht ins Einheitsbild. Zumal sie, mit ganzer Seele ihren „Weg nach Mekka“ suchend, eine ureigene „Religion“ hat.

Besuch kommt aber doch. Zunächst „Elsa“, junge Lehrerin aus dem fernen Kapstadt. Eine „Liberale“, die wegen ihrer Kritik an der Apartheid ständig Ärger mit der Schulbehörde hat und die in Miss Helens Leben mit Inbrunst ein politisches Widerstands-Fanal sehen möchte. Und Pfarrer Marius Byleveld (Heinz Voss), der Helen den Umzug ins Altenheim nahelegt. Ob aus Sorge um ihr Befinden oder als ausführendes Organ ihrer Gegner, bleibt in der Schwebe.

Während der Südafrikaner Fugard rassistische Herrschaft in „Master Harold und die Boys“ noch ins Zentrum rückte, liegt diese Problematik nur noch am äußersten Rand des „Wegs nach Mekka“. Freilich: Quasi-religiöse Transzendenz und entschiedene Überhöhung des Sichtbaren dominieren hier wie dort. Diesmal sind es besonders die Kerzen, deren Licht-Symbolik in immer neuen; manchmal altbacken wirkenden;Reden wortreich strapaziert wird. Sie stehen etwa dafür, daß man „sein Licht leuchten läßt“, ganz „man selbst ist“ und aus dem Dunkel findet. Mitunter wähnt man sich da in einer Selbsterfahrungsgruppe od&r in einem symbolschweren Stück von Ibsen, Strindberg oder Noren.

Die meisten dieser Klippen werden in der Wuppertaler Inszenierung glücklich umschifft. Arno Wüstenhöfer (1963-70 Intendant in Wuppértal, dann in Bremen „Entdecker“ der Tanztheater-Leitsterne Pina Bausch und Reinhild Hoffmann) erreicht dies durch eine unaufdringliche, sinnvolle Figurenführung, die auch über Längen hinwegträgt. Hervorragend die Darsteller, allen voran Ursula von Reibnitz, die es fertigbringt, die Wunschweit des „kleinen Mädchens“ in der alten Helen aufscheinen zu lassen. Dann Heinz Voss, der mit einem Schuß Komödiantik den Zwiespalt offen hält, in dem der Pfarrer steckt. Schließlich: Antje Birnbaum als zornige junge Frau „Elsa“ mit einem Anflug früher Gebrochenheit.




In der Post gibt es jetzt Kunst statt Briefmarken – Mülheim: Erster Schritt zum neuen Museumszentrum

Von Bernd Berke

Mülheim/Ruhr. Am Portal steht noch in dicken Lettern das Wort „Post“. Also geht mancher Mülheimer nach alter Gewohnheit und in dem Glauben hinein, hier sein Päckchen aufgeben oder telefonieren zu können. Dann das Erstaunen: Hier gibt es ja Kunst statt Briefmarken!

In Mülheim soll, wie die städtische Eigenwerbung beschwingt in Aussicht stellt, nunmehr die kulturelle „Post abgehen“. Am Sonntag – Spötter reden schon vom Gründungsdatum der „Post-Moderne“ in der Ruhrstadt – wird, von 11 Uhr morgens bis tief in die Nacht, mit einem rauschenden Fest der erste Teilabschnitt der „Begegnungsstätte in der alten Post“ (über einen flotteren Namen wird nachgedacht) offiziell eingeweiht. An den früheren Postschaltern werden dann Kunstkataloge und Theaterkarten feilgeboten, und in der Halle, in der sich ehedem Pakete stapelten, hängen (erste Präsentation in der Post) rund 270 Bilder von Heinrich Zille (die WR wird auf diese Ausstellung ausführlich zurückkommen).

Schon der jetzt verfügbare Trakt des (um die Jahrhundertwende hochgezogenen) mächtig ausgreifenden Gemäuers am Viktoriaplatz sorgt für spürbare Entlastung des allzeit beengten Städtischen Museums an der Leineweberstraße. Dort kann Museumsleiterin Karin Stempel jetzt nach und nach mehr Eigenbesitz vorzeigen, beispielsweise breitere Querschnitte durch die bedeutende Expressionismus-„Sammlung Ziegler“. Die „Post“, museumstauglich umgebaut für bislang 1,4 Millionen DM, steht ab sofort für Wechselausstellungen zur Verfügung. Schwerpunkte hier: künstlerische Aussagen mit neuen Medien (Video) und Graphik.

Auch das NRW-Filmbüro, bis dato in zwei Zimmer des „Schloß Broich“ gezwängt, hat im Obergeschoß der Post einen geräumigeren Unterschlupf samt Kleinkino bekommen und muß für größere Vorhaben nicht mehr ins Kölner „Exil‘ ausweichen. Ebenfalls nicht zu verachten: Die Magnetwirkung eines privat betriebenen Bistros und eines Biergartens soll über die notorische Angst vor Museums-„Schwellen“ hinweghelfen. Auch können im Bistro, ähnlich wie im weitläufigen Foyer, Kleinkunst- und Musik-Veranstaltungen oder Diskussionen stattfinden. Überhaupt soll es in der Post nicht auf einen rein musealen Betrieb der bildenden Kunst hinauslaufen.

Und in vier bis fünf Jahren soll es noch viel besser kommen. Dann wird nämlich der Neubau der Sparkasse fertig sein, die gegenwärtig noch einen Flügel der alten Post belegt. Dann kann das Museum die mäßig geliebten Räume an der Leineweberstraße endgültig aufgeben, mit Sack und Pack in die Post umziehen und die Exponate auf 3500 Quadratmetern reiner Nutzfläche – das Dreifache des Bisherigen – ausbreiten.

Bei all dem könnten einem direkt Gedanken an Dortmund kommen, wo schon in etwa zwei Jahren das jetzige Hauptpostgebäude in unmittelbarer Nachbarschaft des Museums für Kunst und Kulturgeschichte frei wird. Auch in der Westfalenmetropole ist eine Nutzung des imposanten, unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes seit Langem im Gespräch – und noch keineswegs „vom Tisch“.




Ruhrfestspiele: Auswahl aus sechs Hamburger Museen als Loblied auf die Hansestadt

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Das Loblied einer Stadt „singt“ diesmal die Kunstausstellung der Ruhrfestspiele. Nein, nicht auf das just 750jährige Recklinghausen wird angestimmt, sondern auf „das Hoch im Norden“: Hamburg.

Künstler aus der Hansestadt waren es, die vor 40 Jahren – als geistige Gegenleistung für dringend benötigte Ruhrkohle – ihre kaum weniger begehrten kulturellen Spitzenleistungen in Recklinghausen zeigten. Der Tausch „Kunst für Kohle“ war eine Keimzelle der Ruhrfestspiele. Dafür ist man im Revier heute noch dankbar. Die Zuneigung teilt sich jetzt auch in der Ausstellung mit.

Die Kunsthalle Recklinghausen bietet (bis 29. Juni) eine Welt- und Zeitenreise in Form eines Querschnitts durch Bestände aller sechs Staatlichen Museen Hamburgs. Die dortige Kunsthalle hat z. B. ebenso Exponate beigesteuert wie das Museum für Hamburgische Geschichte und das Völkerkundemuseum. Vom Buddelschiff bis zum Picasso-Bild, von der afrikanischen Skulptur bis zu nautischen Instrumenten reicht daher die Auswahl: „Weltkunst und Kunst der Welt“ – der Ausstellungstitel könnte in etwa besagen: Via Hamburger Hafen brachten Seeleufe Kunst(handwerk) der ganzen Welt nach Deutschland. Und: In dieser Stadt wurde europäische Kunst von solchem Rang gesammelt, daß sie füglich als Menschheitserbe, als „Weltkunst“ eben, gelten kann.

Es beginnt, naheliegend, mit der Seefahrt. Eine (für Nicht-Spezialisten) etwas ermüdende Reihung von Schiffsbildern empfängt den Besucher im Erdgeschoß, flankiert von Sextanten und ähnlichem Gerät. Es folgen zumeist anheimelnde Stadt-Szenen aus Hamburgs stolzer Vergangenheit. Hier schon ein Höhepunkt der hanseatischen Rundumschau: „Abend am Uhlenhorster Fährhaus“ (1913), gemalt vom Franzosen Pierre Bonnard.

Hamburger Silber, vor allem für den Export ins zaristische Rußland kunstvoll geschmiedet, erinnert sodann an eine Glanzzeit der Elbe-Metropole. Ja, und dann kommen die ganz großen Namen. Beginnend mit 1886, als der legendäre Alfred Lichtwark die Leitung der Hamburger Kunsthalle übernahm, wird die Ankaufspolitik der seitherigen Direktoren des Instituts mit hochkarätigen Beispielen belegt. Gleichsam in „archäologischen Schichten“ kann man hier die Genese einer renommierten Kunstsammluhg verfolgen. Zu nennen wären Bilder von Max Liebermann (z.B. Porträt des Dichters Gerhart Hauptmann, 1912), von Max Ernst („Ein schöner Morgen“, 1965), Munch, Feininger, Nolde, Picasso, Oelze; dazu Objekte von Man Ray, Kienholz und Uecker.

Die geschlossenste, thematisch nicht so zerstreute Abteilung der Ausstellung versammelt expressionistische Graphik u.a. von Kirchncr, Kollwitz und Franz Marc. Im Obergeschoß beschließen völkerkundliche Streiflichter (Schwerpunkte: Afrika, Ostasien) den Rundgang.




Der 1. Mai als weltweiter Vorbote einer besseren Zukunft – Ausstellung zur internationalen Geschichte des „Kampftags“

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Daß die historische Formel von den „Arbeitern aller Länder“, die sich vereinigen sollen, nicht auf bloßem Wunschdenken beruhen könnte, schwant den Mächtigen zumindest noch an einem Tag des Jahres: Am l. Mai. Diesen Schluß soll zumindest eine Ausstellung im Foyer des Ruhrfestspielhauses nahelegen, die erstmals in dieser Breite und Fülle die internationale Geschichte und Gegenwart des „Kampftags der Arbeiter“ dokumentiert.

1979 waren, an gleicher Stätte, Plakate und Dokumente zu nationalen Aspekten des l. Mai gezeigt worden, nun hat die Berliner Neue Gesellschaft für bildende Kunst (NBK) ihr reichhaltiges Archiv (3500 Sammelstücke) zur weltumspannenden Geschichte dieses Datums geöffnet und Recklinghausen rund 200 Exponate zur Verfügung gestellt. Für die Ausstellung interessieren sich schon jetzt zahlreiche Institute im Ausland.

Ganz leicht hat es die NBK dem Deutschen Gewerkschaftsbund (neben der Stadt Recklinghausen Träger der Ruhrfestspiele) nicht gemacht: Unter den Plakaten, Fotos und Zeitungsausschnitten aus 100 Jahren (1886 proklamierte man in den USA den l. Mai als Kampftag, der dann aber vor allem für Europa Bedeutung gewann) befinden sich beispielsweise auch Dokumente aus Syrien (Maikundgebung für das palästinensische Volk) und Fotografien der Maidemonstrationen auf Kuba.

Man sieht übrigens nicht nur Bilder proletarischer Siegesgewißheit, sondern auch Belege für staatliche Repression und Dokumente der Rückschläge, die die Arbeiterbewegung hinnehmen mußte.

Interessant ist neben den politischen und gewerkschaftlichen Aspekten auch die Verzweigung der künstlerischen Traditionsstränge. Griffen die Plakatmacher zunächst noch auf bildliche Traditionen zurück, die sich in der Französischen Revolution herausgebildet hatten (barbusig in eine bessere Zukunft voranstürmende Heldinnen und dergleichen), so wurden später auch rein graphisch wirksame Lösungen gesucht und gefunden, so etwa für ein polnisches Plakat, das die aufragende Gestalt der Zahl 1 zum Blickfang macht.

Die Ausstellung wird am heutigen Volksfesttag im Rangfoyer des Festspielhauses gezeigt (ab morgen dann im Hauptfoyer) und dauert bis 27. Juni. Das Katalogbuch (ASSO-Verlag, rund 600 Abbildungen) soll in etwa zwei Wochen erscheinen.




Inszenierung der Familie auf Papier und Leinwand

Von Bernd Berke

Münster. „Familie“ – das Thema beschäftigt alle: vom häuslichen Krach und Frieden bis hin zu den zahllosen Clans, die sich im Fernsehen das Leben sauer machen. Breites Interesse dürfte also der Ausstellung im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte sicher sein, die rund 60 „Deutsche Familienbilder des 19. Jahrhunderts“ in Münster versammelt.

„Geborgen und gefangen“, so das Ausstellungsmotto, seien die Menschen im Schoß der Familie, behauptet Angelika Lorenz. Auf der Basis ihrer Doktorarbeit ist die Ausstellung entstanden. Jedoch: Auf den hier gezeigten Gemälden und Graphiken ist von dieser Doppeldeutigkeit der „Familienbande“, ist von Ironie noch wenig zu spüren. Damals galt das innige Zusammenleben der Blutsverwandten eben als naturgemäß und wurde gegen erkünstelte Imponier-Posen des Adels ins Spiel der Geschichte gebracht.

Nein, „gefangen“ wirken sie noch nicht, jene Figuren auf den Kupferstichen Daniel Chodowieckis, die in enger Verschlingung sich dem Privatglück hingeben, während daneben der Junggeselle im trostlos-kahlen Zimmer vor sich hinstiert. Das war damals kaum als Satire gemeint.

Schon im Klassizismus und in der Romantik ist „Natur“ aber nicht mehr selbstverständliches Attribut der Familie, sie muß in immer aufwendigeren Kunst-Kompositionen herbeizitiert werden. Man sieht idealische, wirklichkeitsferne Landschaften, konstruierte Staffagen und darin Menschen, z. B. „Gräfin Fries mit ihren Kindern“ (Josef Abel, 1811), die in ihren familiären Rollenzuweisungen (hier: Mütterlichkeit) heroisiert werden und wie antike Helden wirken.

Im Biedermeier, der „Hoch-Zeit“ der Familienbilder, nähern sich Landschaft und Requisiten zwar wieder der Wirklichkeit, gezeigt wird aber nur noch der enge Bereich um den heimischen Herd. Mit der Bildauswahl lassen sich Entwicklungsthesen belegen: Zum Beispiel die allmähliche Ausgliederung der Arbeitssphäre aus dem Familienbezirk sowie der gesellschaftliche Prozeß, der von der Groß- zur ideologisch hoffnungslos überfrachteten Kleinfamilie führt.

Die Zusammenstellung hat auch ihre „kulinarischen“ Seiten, so etwa Bilder von Ferdinand Georg Waldmüller, die zwar – aus heutiger Sicht – vor falscher Idylle nur so strotzen, aber schlicht und ergreifend perfekt gemalt sind.

Schließlich löst sich die Gattung der Familienbilder auf. Die Triebkräfte sind dabei wohl nicht nur innerkünstlerischer Art, die Bilder spiegeln auch reale Auflösungstendenzen der Institution Familie. Den Schlußpunkt setzt Lovis Corinths „Weihnachtsbaum“ (1913), nur noch eine – die Ungegenständlichkeit streifende – Rückenansicht zweier vereinzelter Kinder inmitten der festlichen Gaben. Hier ist die starre Inszenierung der bürgerlichen Familie mit ihren Symbolen von Natur, Besitz jung Bildung durchbrochen.

Die Ausstellung dauert vom 27. April bis 29. Juni, das Katalogbuch (Dissertation von Angelika Lorenz) kostet 29 DM.




Dortmund: Neues Büro hilft der „Freien Szene“ von NRW – Sprachrohr und Finanzierung

Von Bernd Berke

Dortmund. Noch’n Kulturbüro für Nordrhein-Westfalen: Nach den Literaten, die mit Anlaufstellen in Düsseldorf, Unna und Gladbeck bedacht wurden, und den Filmemachern, die in Mülheim ihre Zentrale bekamen, ist jetzt die „freie Szene“ der übrigen Sparten mit einer Einrichtung in Dortmund an der Reihe.

Das neue „Kulturbüro NW“ soll sich landesweit um Beratung und Förderung der „Freien“ in Sachen Theater, Musik und bildender Kunst kümmern. Träger ist die (gleichfalls in Dortmund ansässige) „Landesvereinigung für freie Kulturarbeit e. V.“, jener Dachverband der lokalen Kulturkooperative,. deren älteste seit nunmehr 12 Jahren in der Westfalenmetropole wirkt. Jochen Brockstedt, Vorsitzender des Landesverbandes, der rund 400 Künstler und Kulturgruppen vertritt, hält Dortmund für den idealen Büro-Standort: „Hier gibt es die vielfältigste freie Szene des ganzen Landes“. Dieses Argument „zog“ auch offiziell, obgleich Dortmund in unmittelbarer Nachbarschaft agile Konkurrenz erwachsen war. Unna hatte sich nämlich ebenfalls beim Kultusministerium beworben.

Das Dortmunder Büro soll den „Freien“ nicht nur zu einer vernehmlicheren Lobby-Stimme verhelfen, sondern auch zu Geld. Bisher freilich fließen die Mittel aus Düsseldorf noch spärlich. 150.000 DM sind es im Startjahr 1986 (Zum Vergleich: Die örtliche Dortmunder Kooperative verfügt im Jahr über rund 200.000 DM). Doch immerhin: Mit dem genannten Betrag können bereits sechs Projekte auf die Beine gestellt werden, darunter ein Landesrockfestival (Dortmund, im Herbst), ein Treffen „alternativer“ Blasorchester (Dortmund, zu Pfingsten), ein Straßentheaterfestival in Bielefeld und der Aachener Kulturspaß „Gaudimax“. Einstweilen „gestorben“ ist das Vorhaben, ein umfassendes Handbuch der freien Szene zu erstellen.

Jochen Brockstedt hofft, daß das neue Büro in Dortmund bald auch hauptamtlich besetzt werden kann. Vorerst wird man sich per Arbeitsbeschaffungsmaßnahme behelfen müssen. Dennoch will man das Fernziel nicht aus den Augen verlieren. Brockstedt träumt von einem „kulturpolitischen Zentrum“, das in Dortmund viele einschlägige Aktivitäten unter einem Dach versammeln soll.

Hier die Adresse der neuen Einrichtung, die übrigens auch Projekte von Nichtmitgliedern der Landesvereinigung fördern will: „Kulturbüro NW“. Ruhrallee86, 4600Dortmund 1. Tel.: (0231)12 27 45.




„Rosa Luxemburg“: Blumen für die Utopie

Von Bernd Berke

Bochum. Eigentlich liebt sie die Natur mehr als alle Parteigenossen. Eigentlich will sie ja nur unbeschwert leben. Aber die Verhältnisse, sie sind nicht so. Sie drängen Rosa Luxemburg zur Agitation, zum revolutionären Kampf mit flammendem Wort.

Jedenfalls ist dies in Margarethe von Trottas Film „Rosa Luxembürg“ der Fall, der das bewegte Leben der Sozialistin (Titelrolle: Barbara Sukowa, Kinostart morgen) von 1899 bis zu ihrer Ermordung 1919 nachzuzeichnen versucht.

Rosa, die die politischen Geschäfte nur notgedrungen und widerstrebend, dann aber um so beherzter in die Hand nimmt, friedet sogar noch in der Haft eine „Gartenlaube“ ein: Ein buntes Beet, das sie gleich neben der hohen Gefängnismauer anlegt, erinnert sie an den utopischen Zustand der Freiheit, des unbehinderten Blühens. Auch in ihrer Zelle hat sie ein schützendes „Gatter“ aus Pflanzen und Büehern errichtet.

Überhaupt steht Rosa Luxemburg bei Frau von Trotta im Zeichen der Natur, vor allem der Blumen. Rückblende in Rosas Kindheit: Sie will unbedingt die Nacht durchwachen, um zu erleben, wie die Rose auf dem Tisch erblüht. Es ist dies, so suggeriert die Szene eindringlich, bereits das unerschütterlich-aufrechte, gleichermaßen geduldige wie dringliche Zu-Warten, das sie später auf politischem Felde auszeichnen wird.

Es geht hier kaum um den historischen Widerstreit von Theorien des Sozialismus, kaum um Richtungskämpfe der damaligen Arbeiterbewegung. Andernfalls stünde der Film in diesen Tagen auch wahrhaftig sperrig in der Kino-„Landschaft“. Es rücken indes ganz andere Dinge in den Mittelpunkt, und die muten „heutig“ an: DerBlick richtet sich nämlich vornehmlich auf Rosa L. als Frau, die gemeinsam mit Clara Zetkin (Doris Schade) nicht nur gegen den Klassenfeind, sondern letztlich auch gegen die zumeist zaudernden Männer in den eigenen Reihen (August Bebel, Karl Kautsky) antreten muß.

Nur Karl Liebknecht (Otto Sander) ist kampfentschlossen, wirkt aber dann doch wie ein leichtfertiger Filou, den es mächtig, aber eher zufällig umtreibt. Zentral auch die Friedensfrage: Rosa Luxemburg im aussichtslosen Kampf gegen die vom Reichstag bewilligten Kriegskredite am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Und schließlich: Rosa Luxemburg als Liebende, die auch von so „bürgerlichen“ Gefühlen wie Eifersucht bedrängt wird.

Seine besten Szenen hat der Film aber doch in den eher politischen Passagen. Dann nämlich, wenn Barbara Sukowa vom Rednerpodium herab mit wahrhaftiger Ausstrahlung Ideen wachruft, die längst vergessen schienen.