Wechselbäder zwischen Revolte und Schunkellied – Lokalrevue „Oh, du mein Wuppertal“ uraufgeführt

Von Bernd Berke

Wuppertal. „Oh, du mein Wuppertal“ heißt die Revue. „Ach, du meine Güte!“, könnte man antworten. Denn schier alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde für diese (andernorts kaum nachspielbare) Uraufführung im Wuppertaler Schauspielhaus gleichsam „eingemeindet“. Stellenweise wuchs sich das zu einem monströsen Panoptikum der Beliebigkeit aus.

Worauf herauf? Sollte es eine Polit-Revue sein – mit jenen Texten von Ernesto Cardenal (dessen Bücher in einem Wuppertaler Verlag erscheinen) und Heinrich Böll (der 1966 die Eröffnungsrede im Wuppertaler Schauspielhaus hielt)? Oder ein Abend mit karnevalsreifen „Vertällches“, dargeboten vom Orts-Original Hans „Ötte“ Geib? Oder gar doch ein poetischer Abend mit Lyrik der Wuppertalerin Else Lasker-Schüler? Oder eine trunkene Liebeserklärung an Stadt und Region mit dem „Bergischen Heimatlied“ und Songs à la „Mädel, fahr mit mir Schwebebahn“? Ja, das alles, auf Ehr‘, das gab es – und noch mehr.

Sicher: In einer Revue mag es drunter und drüber gehen. Aber irgend ein lenkender Sinn und Fingerspitzengefühl sollten doch erkennbar sein. Cardenals Revolutionsgedichte, ein Punk-Ballett („Schade, daß Beton nicht brennt“) – und dann ein Schunkellied zum Mitsingen, das geht einfach nicht zusammen. Das sind mehrere Programme. So gemixt, wird das Ernste schnell harmlos, das Heitere infam.

Die Textsammler Wolf Jürgen Brehm, Ulrich Greiff (auch Regie) und Lothar Schwab mochten, so scheint es, kein Archiv auslassen. Fleißig haben sie noch den letzten Winkel nach lokal Verwertbarem durchkämmt. Sicherlich habensie noch Funde in petto, die der Revue aufhelfen können. Es gab nämlich auch so schon durchaus gute Ansätze. Besonders vor der Pause ließen einige geschickt zusammengestellle Texte aufhorchen. Goethes Besuch in Elberfeld etwa (1774 beim Literaten Jung-Stilling) und des „Dichterfürsten“ vernichtende Kritik an pfäffischer Frömmeiei daselbst. Sodann der erhellende Bezug zu einem Brief von Friedrich Engels, der sich exakt demselben Thema widmete. Zuvor, auch dies eine Funken schlagende Zusammenfügung, Immermanns Notiz über Pferde, die seinen „Hamlet“ störten, sowie die Überleitung zu den heutigen Tierversuchen eines Chemieriesen am Ort.

Die Umsetzung: Schwierig, weil Ulrich Greiff so vieles, was auseinanderstrebte, Schlag auf Schlag auf die Bühne bringen mußte. Ein Wechselbad. Die Technik mußte sozusagen Himmel und Hölle in Bewegung setzen, Massenbilder (bühnenfüllend: Wuppertaler Jugend) wechselten abrupt mit intimen Szenen. Notdürftige Klammer war das Anfangs- und Schlußbild (Bühne: Rosemarie Krines) mit Showflitter auf Schwebebahnmasten. Sechs Profi-Schauspieler „vertrugen“ sich recht gut mit Tanzgruppe und Laiendarstellern Die Musik-Band gehörte zu den Pluspunkten.

Übrigens: Von einem aus Wuppertal stammenden Kanzlerkandidaten war auch die Rede. Der, niemand anders als der bibelfeste Johannes Rau, saß im Publikum und nahm vergnügt die (auf Bonn gemünzten) Ratschläge aus den Büchern „Salomo“ und „Jesus Sirach“ zur Kenntnis.




VS-Kongreß mit erbitterten Grabenkämpfen – bedenkliche Fraktionsbildung in Berlin

Von Bernd Berke

Berlin. Sekunden, nachdem Wahlkommissionsleiter Josef Reding (Dortmund) verkündet hatte, daß Hans-Peter Bleuel erneut zum Vorsitzenden des Verbandes Deutscher Schriftsteiler (VS) gewählt sei, stürmte am frühen Samstagabend Berlins VS-Vorsitzender Hans Christoph Buch ans Mikrofon: „Meine Berufsehre als Schriftsteiler erlaubt es mir nicht, noch länger Mitglied in diesem Verband zu bleiben!“

Ihm auf dem Fuße folgten Hans Christian Kirsch, Vorsitzender des Landesbezirks Rheinland-Pfalz, der sein Amt zur Verfügung stellte, und Karin Struck, die in äußerster Verbitterung ihren Austritt aus dem VS erwog. Beginn einer von vielen befürchteten neuen Austrittswelle? Der Anfang vom Ende des VS?

Am gestrigen Schlußtag des Kongresses blieben alle Berliner Delegierten einschließlich Bleuels unterlegener Gegenkandidatin Anna Jonas, der Versammlung fern. Schlechter Stil, wahrlich.

Die Berliner „Rebellen“ und ihre Anhänger (im nichtstimmberechtigten Autoren-Publikum weitaus zahlreicher vertreten als unter den Delegierten) konnten die redlich, aber blaß wirkende Anna Jonas nicht gegen Bleuels stramme Fraktion durchsetzen. Nicht einmal mehr den sprichwörtlichen Fuß haben die Opponenten in der Vorstandstür, denn Ex-DDR-Autor Erich Loest lehnte es strikt ab, dem Gremium ein weiteres Mal unter Bleuels Vorsitz anzugehören.

Neben den Stellvertretern Max von der Grün und Jochen Kelter gehören dem neuen Vorstand als Beisitzer an: Gert von Paczensky, Lenelotte von Bodmer, Wolf Peter Schnetz und Angela Hoffmann – eher ein Funktionärs- als ein AutorenVorstand, sagen die Kritiker.

Bleuel wankte, aber er fiel nicht. Der Mann, dem niemand routinierte Könnerschaft in gewerkschaftlicher Kleinarbeit bestreiten kann, der aber besonders in Fragen des Ost-West-Verhältnisses nicht immer instinktsicher handelte und mit seinem bisherigen Vorstand nicht zurechtkam, saß alle Angriffe gegen seine Amtsführung aus. Auf seine Gefolgschaft, besonders aus Bayern, konnte er sich einmal mehr verlassen.

Literarischer Verein oder Gewerkschaft?

Einig waren sich wohl alle Kongreßteilnehmer in der Bestürzung über das Niveu der vorangegangenen Auseinandersetzungeii. Martin Walsers Worte von der „fraktionierten Lächerlichkeit“, von den Fraktionen, die offenbar die Phantasie völlig verdrängt hätten, bezogen sich auf die von zahlreichen Tiefschlägen begleiteten Debatten (Bleuel wurde gar Organisations-Stalinismus vorgeworfen). Auch Max von der Grün befand: Das Niveau einer Sitzung in seinem Dortmunder Vorort-Verein sei höher als das dieses Schriftsteller-Kongresses.

Zwei panische Versuche, Bleuel in letzter Minute doch noch einen literarisch hochrenommierten Integrationskandidaten entgegenzusetzen, scheiterten kläglich. Martin Walser, als Notkandidat gegen drohende Spaltungstendenzen „aus dem Hut gezaubert“, hatte zu diesem Zeitpunkt (kurz nach seiner besagten Rede) den Kongreß bereits mit unbekanntem Ziel verlassen. Und: Trotz des tosenden Beifalls, der sie zum Podium begleitete und sie wohl zu einer Kandidatur bewegen sollte, mochte sich Ingeborg Drewitz, 1984 von der Fraktion um Bleuel und Bemt Engelmann ausgebootet, nicht noch einmal derart düpieren lassen. Schließlich fand Angela Hoffmanns Versuch, eine Art „Frauenliste“ zu präsentieren („Mindestens 50 Prozent Frauen in den Vorstand!“) bei den 46 Delegierten keine Mehrheit.

Karin Struck, die neben Ingeborg Drewitz und Anna Jonas auf dieser Frauenliste hätte stehen sollen, hatte zuvor noch einmal ein Hauptthema des Kongresses zur Sprache gebracht: die nach ihrer Ansicht unter literarisch-ästhetischen Gesichtspunkten gänzlich unterbelichtete Zusammensetzung der Verbandsspitze. Sie, Karin Struck, habe nichts gegen Sachbuchautoren, aber: „Die Poesie ist das Herz der Literatur. Darum muß einPoet an die Spitze.“ Die bisher praktizierte Art von politischem Schulterschluß zerstöre jedoch jede Poesie und treibe alle sensiblen Autoren aus dem Verband. Dem hielt Bernt Engelmann entgegen: „Wir sind kein literarischer Verein, sondern eine Gewerkschaft!“

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Kommentar

Schriftstellerverband vor Austrittswelle

Schwerer Schaden

Der Verband Deutscher Schriftsteller (VS), gegründet 1969, ist „im Jahre 1 nach Böll“ in der größten Gefahr seit seinem Bestehen. Auf dem Berliner Schriftsteller-Kongreß waren weit und breit keine literarisch renommierten Kandidaten oder Kandidatinnen in Sicht, die die mühselige Kleinarbeit der längst fälligen Integration streitender Fraktionen auf sich nehmen wollten.

Unerbittlich wie nie zuvor stehen sie sich gegenüber: Hie Hans-Peter Bleuel, alter und neuer Bundesvorsifzender samt Gefolge, aus taktischen Erwägungen oft zu problematischen Kompromissen mit DDR-Sprachregelungen neirgend, dort die Sympathisanten des Berliner Landesbezirks, der – nicht zuletzt durch den Zustrom ehemaliger DDR-Autoren – in Menschenrechtsfragen sensibler geworden ist.

Da Baleuels Linie nunmehr für weitere drei Jahre das Feld überlassen bleibt, ist eine weitere Austrittswelle zu befürchten, die der Verband nicht ohne schweren Schaden verkraften wird.

In der angestrebten Medien-Gewerkschaft wird das Gewicht der rund 2400 VS-Autoren nicht nur nach ihrer relativ geringen Zahl, sondern vielleicht noch mehr nach bekannten Namen bemessen werden. Das Austritts-Alphabet reicht aber jetzt schon von Achternbusch bis Zwerenz. Und es ist noch keineswegs ausgemacht, ob Günter Grass, der wegen einer Auslandsreise dem Kongreß fernblieb, noch im VS bleiben wird. Wenn aber die Interessenvertretung der Autoren dermaßen geschwächt, ja gespalten wird, so kann-dies niemandem gleichgültig sein, , dem an der literarischen Kultur dieses Landes liegt.

                                                                                                                       Bernd Berke

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Max von der Grün: Ärger mit der Frau

(bke) Max von der Grün, bekannter Dortmunder Schriftsteller, wurde am Wochenende in Berlin zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden des Verbands Deutscher Schriftsteller (VS) gewählt (siehe auch Bericht auf Seite Kultur).

Von der Grün, der auf Drängen des NRW-Landesbezirks überraschend kandidierte und der einzige prominente Autor im neuen VS-Bundesvorstand ist, gestern in Berlin zur WR: „Jetzt werd‘ ich sicher Ärger mit meiner Frau bekommen, denn das Amt kostet sehr viel Zeit.“

Der Autor, der im Mai 60 Jahre alt wird, war von Kollegen gar gebeten worden, für den Bundesvorsitz zu kandidieren, was er jedoch ablehnte. Von der Grün: „Wenn ich in dieser Eigenschaft bei einem Ministerium hätte vorsprechen müssen, hätte ich eine Allergie bekommen.“ Von der Grün präsidierte gestern erstmals dem Bundeskongreß und hatte dabei noch kleine Probleme mit komplizierten Satzungs- und Geschäftsordnungsverfahren. Schon vor seiner Wahl hatte er allerdings gesagt: „Ich bin auch in meinem jetzigen Alter noch lernfähig.“




Wiederwahl von Bleuel kann eine Austrittswelle auslösen – Beim Schriftsteller-Kongreß in Berlin knistert es hörbar

Von Bernd Berke

Berlin. Die Berliner „Rebellen“ im Verband Deutscher Schriftsteller (VS) haben den VS-Bundesvorsitzenden Hans-Peter Bleuel offenbar aus dem Tritt gebracht. Noch immer ist nicht klar, ob Bleuel auf dem Schriftsteller-Kongreß, der gestern in Berlin begann, wieder für dieses Amt kandidiert.

Bleuel gestern zur WR: „Ich warte erst die Aussprache über die Geschäftsberichte ab.“ Diese Aussprache aber findet, vor den mit Spannung erwarteten Vorstands-Neuwahlen, erst am heutigen Samstag statt. Schon zu Kongreß-Auftakt knisterte es hörbar. Bleuel schalt in seinem Geschäftsund Tätigkeitsbericht die „selbstgefälligen Untätigkeitsberichte“ mehrerer Vorstandskollegen und griff dabei vor allem den Ex-DDR-Autor Erich Loest an, der wiederum in seinem Bericht gegen Bleuel vom Leder zog.

Bleuel beschränkte sich ansonsten darauf, seine mühselige Kleinarbeit als „bescheidener Praktiker“ in tarifpolitischen Fragen herauszustreichen, nahm aber immerhin den Berliner VS-Landesbezirk gegen Vorwürfe aus der Sowjetunion in Schutz – freilich nicht ohne einige Seitenhiebe gegen dessen Vorsitzenden Hans-Christoph Buch. Dieser wiederum zitierte in einem kurzen Grußwort „zahlreiche Nachwuchsautoren“, die dem VS erst gar nicht mehr beitreten wollten und wünschte sich – einen sprachlich mißglückten Bleuel-Satz süffisant zitierend – einen „arbeitenderen Bundesvorstand“ als den jetzigen.

Der Kongreß birgt in der Tat reichlich Zündstoff. Auf einen quasi sportlichen Nenner gebracht hieße die Paarung also Berlin gegen Bayern (samt jeweiligen Gefolge in den anderen Landesverbänden). Doch das „Heimspiel“ der Berliner „Rebellen“ (im Rathaus Schöneberg) hat ernste Hintergründe. Sollte der Münchner VS-Vorsitzende Hans-Peter Bleuel tatsächlich kandidieren und mehr Delegiertenstimmen bekommen als die Berliner Gegenkandidatin Anna Jonas, droht wohl eine weitere Austrittswelle, droht vielleicht sogar die Spaltung der Organisation. Auch für den umgekehrten Fall stehen vermutlich langwierige Querelen ins Haus.

Bereitwillig auf offizielle DDR-Positionen eingelassen

Woher aber jetzt noch die dringend benötigten Kompromisse nehmen? Die Vorstands-Unsitte, sich aus taktisch friedenspolitischen Erwägungen allzu bereitwillig auf offizielle DDR-Positionen einzulassen, hat unter dem Ex-Vorsitzenden Bernt Engelmann hohe, unter Bleuel immerhin noch sichtbare Wellen geschlagen. In letzter Zeit haben die Berliner Opponenten um Hans Christoph Buch, Anna Jonas und Günter Grass einen weiteren Schauplatz der Auseinandersetzungen eröffnet. Es dreht sich dabei um die Frage, ob der VS nur rein gewerkschaftliche Interessenvertretung oder auch eine literarische Größe zu sein habe. Die Berliner, mehrheitlich Belletristen, sehen sich von, wie sie ihn abwertend nennen, dem „Sachbuchautor“ Bleuel samt Anhang nicht repräsentiert. Hans-Christoph Buch verstieg sich gar zu dem beinahe wendeverdächtigen Geraune von dichterischen „Genies“, die endlich wieder zu Ehren kommen müßten.

Kühlere Köpfe bewahrten im Vorfeld des Kongreßes Erich Loest, der gewerkschaftliche und literarische Arbeit gleichrangig behandelt sehen will, und F. C. Delius, der das vielzitierte Böll-Wort von der nötigen „Einigkeit der Einzelgänger“ aufgriff, die jedoch keine Parteigänger werden dürften. Gemeinsam für den Erhalt und Ausbau der Rechte zu sorgen, sich aber weder eine politische noch eine literarische Linie vorschreiben zu lassen – selbst diese Formel dürfte nicht unbedingt konsensfähig sein.




Wenn der Erzähldienst zu den Kindern kommt – Dortmunder Projekt am Start

Von Bernd Berke

Dortmund. Es war einmal: Großmütter erzählten ihren Enkeln Märchen oder Erlebnisse aus dem eigenen Erfahrungsschatz. So ähnlich könnte es, ja soll es auch im Video-Zeitalter wieder sein. Bruno Knust und seine Mitstreiter von „Bruno’s Bunte Bühne“ (Standort: Dortmund) erhalten vom Bundesbildungsministerium Zuschlag und Zuschuß (24 500 DM) für ein Projekt, das den nostalgischen Zustand wiederbeleben soll.

Leute „ab 50 Jahre“ (Knust: „Je älter, desto lieber“) sollen, nach professioneller Anleitung, möglichst selbsterlebte Geschichten in Kindergärten, Kinderkliniken und ähnlichen Einrichtungen erzählen oder (noch besser) vorspielen.

Mit dieser ldee, die jetzt in einen bundesweit ausgerichteten Modellversuch mündet, hatte die „Bunte Bühne“ unter 170 Bewerbern beste Karten. Nicht weniger als fünfmal tagte die Jury. Nur 25 Projekte (neun in NRW) wurden finanzieller Beihilfe für würdig befunden – im Rahmen eines Förderprogramms, das im Auftrag des Bildungsministeriums vom Remscheider Institut für Bildung und Kultur betreut wird. Grundbedingung: Künstler sollen wegweisend mit „Normalbürgern“ und/oder sozialen Einrichtungen zusammenarbeiten.

Und so geht’s in Uortmund mit dem Projekt „Spielen und Erzählen“ los: Am 5. März um 14 Uhr treffen sich alle, die Kindern etwas erzählen, vorlesen oder theatralisch vorführen wollen, im Dortmunder Keuning-Haus, dessen Mitarbeiter sich auch im weiteren Verlauf an dem Vorhaben beteiligen wollen: Sodann werden die interessantesten Geschichten aufgeschrieben und dabei auf Erzählspannung oder Bühnentauglichkeit „getrimmt“. In einem weiteren Schritt wird der „Tourneeplan“ aufgestellt. Bereits ins Visier gefaßte Auftrittsorte sind zum Beispiel vier Kinderhäuser der Jugendhilfe in Unna.

Den Erzählern werden Spesen ersetzt, Gage gibt’s nicht. Bis in den Mai hinein sollen etwa 20 „Erzähl-Einsätze“ erfolgen, hernach soll es im Idealfall zu festen Erzähl-Patenschaften kommen. Denkbar wäre ferner gar ein Geschichten-Service, der auf Bestellung auch Kindergeburtstage beleben könnte.

Hartmut Hoffmeister, Knusts Partner bei „Bruno’s Bunte Bühne“, erhofft sich vor allem „Mutmachgeschichten“, die eng mit der Region zu tun haben: „Vielleicht erweist sich das Revier dabei als Märchenland. Es muß ja nicht gleich um Könige und Prinzessinnen gehen. Auch der Kohlenhändler und der Milchmann geben Erzählstoff her.“ Sollten sich derlei Erwartungen als trügerisch erweisen, hat man notfalls einige Märchen aus dem überlieferten Hausschatz in petto.




An den Rändern von New York – Bilder von Rainer Fetting im Folkwang-Museum

Von Bernd Berke

Wie New York auf Vincent van Gogh gewirkt hätte, ist schwerlich zu ermitteln. Wie aber Rainer Fetting, der sich seit Beginn seiner steilen Karriere (bis in maltechnische Details hinein) mit van Gogh identifiziert, die Weltmetropole wahrnimmt, läßt sich jetzt im Essener Folkwang-Museum nachvollziehen (bis 2. März, Katalog 25 DM).

Fetting (Jahrgang 1949) zog 1981 von Berlin nach New York und begab sich – auch darin seinem großen Vorbild ähnelnd – an die Stätten der Außenseiter, begab sich somit selbst in eine Außenseiterposition. New York mit den Augen des ewig (und niemals richtig) Ankommenden, New York von „ganz außen“, von der Peripherie her gesehen – das ist denn auch die Hauptlinie seiner Bilder seit 1983, die nun erstmals in Europa gezeigt werden.

Die früheste Arbeit, „New York Painter“, zeigt einen mit heftigster Gebärde gemalten, flammend roten Mann, der mit seiner Palette in Eroberer-Haltung antritt. Solch draufgängerische Aggression verflüchtigtsich in der folgenden Zeit. Nicht mitten ins tosende Stadtleben hinein führen die weiteren Bilder, sondern – wie von einer starken Abstoßungskraft dorthin gedrängt – an die äußersten Ränder.

Der „Manhattan Acrobat“ vollführt einen grotesk einsamen Tanz weit vor der Silhouette des Empire State Building. Noch viel weiter hinaus führt der Rückzugsweg, hin zu gottverlassenen Schiffsanlegestellen, wo einst die Einwanderer ins Land kamen. Immer wieder schieben sich die Piers gewaltig in den Vordergrand, als suche der Fremde nach einem Anhaltspunkt und traue sich doch nicht heran. Die Stadt liegt in verschleierter Ferne. Sie gibt nur noch die Kulisse ab für starkfarbige Gefühlsaufwallungen, ist nur noch vager Anlaß für den verselbständigten Malprozeß.

Immer wieder vereinsamte, meist schutzlos nackte Mensehen, dann rätselhaft-düstere Geschehnisse. In einem Farbengewitter aus Rot und Gelb liegt eine entblößte schwarze Figur mit verzerrten GIiedmaßen vor einem Hydranten. Opfer eines Verbrechens? Im finsteren U-Bahn-Schacht steht ein Stuhl, darauf – es ist „Halloween“, also Zeit für Mummenschanz – liegt eine aufgedunsene Maske, eine Art Schweinsgesicht. Eine ähnliche Mischung aus Geheimnis, Bedrohlichkeit und Lächerlichkeit auch auf dem U-Bahn-Bild „Monster in Subway“: Eine Frankenstein-Gestalt, vielleicht aber auch nur ein verirrter Szene-Freak. eilt aus dem Dunkel auf den Betrachter zu.

Fetting, der sich seit seinen Berliner „Mauerbildern“, die die Bewegung der „Neuen Wilden“ mitbegründeten, im Sog New Yorks enorm weiterentwickelt hat, findet eine kraftvoll-expressive Bildsprache für das Gefühlschaos des von der Millionenstadt ausgespieenen Einzelnen.

Sanftere Gegenbilder entstanden auf Jamaika. Freilich, das Stadtthema beflügelt Fetting wohl doch zu reiferer Gestaltung. Die „Jamaican Cow“ (Kuh auf Jamaika) wirkt nämlich wie aus dem Reiseprospekt abgemalt.




Bilder aus Trauer und Spontanität – Künstler der Region stellen in Recklinghausen aus

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Wie in der großen weiten Kunstwelt, so auch in und um Recklinghausen: „Es wird wieder gemalt“. Tafelbilder mit figürlichen Motiven sind allerwärts auf dem „Vormarsch“.

So könnte, im Vergleich zur letzten größeren Ausstellung des „Vestischen Künstlerbundes“ (1981), ein Fazit zur Schau „Zeit Stand Ort“ lauten, die jetzt – als erfreulich anregender Beitrag zum 750jährigen Jubiläum der Stadt – in der Kunsthalle Recklinghausen gezeigt wird (bis 25. Februar; Clou: Wer den 5 DM teuren Katalog kauft, nimmt an einer Graphik-Verlosung teil).

Ärger gab’s im Vorfeld – wie immer, wenn eine Jury zugelangt hat. 75 Künstler wollten teilnehmen, nur 44 dürfen. Die allermeisten wohnen in Recklinghausen und Umgebung oder sind hier geboren. Eine Ausstellung, die derart das künstlerische Schaffen einer Region dokumentiert, kann weder einheitliche Spitzenqualität bieten noch unter einern Einheitsthema stehen. Also sieht man vielerlei Facetten, sieht man (mehrheitlich) Bemerkenswertes neben (vereinzelten) Belanglosigkeiten.

Eindrucksvolle Beispiele: Siegfried Danguillier aus Gelsenkirchen erzeugt in Mischtechnik verwitterte, geheimnisumwitterte Schriften, die aus einer versunkenen Kultur zu stammen scheinen. Der in Herten lebende Türke Iskender Gider collagiert auf Pergament monumentale „Kämpfer“-Figuren, die sich in einsamer Aggressivität selbst zu zerstören scheinen. Rolf Glasmeier (Gelsenkirchen) zeigt mit der Fotoserie „Schattenspiel“ huschende Visionen vom Verlust des Menschenbilds, während Martin Grothusmann (Recklinghausen) sich gleich auf die Maschinenwelt konzentriert, indem er Rotationsmaschinen und Webstühle in expressiv gemalter Bewegung vorführt.

Von Wolfgang Wendker gibt es Relikte der Marler „Feuerrad“-Aktion zu sehen, mit der er Konzept und Obsession einer „Reise“ durch einen imaginär-geistigen Raum weiterverfolgt. Heinz Wieck (Haltern) postiert fünf Stahlblechquadrate dergestalt, daß „Veränderung durch Schwerkraft“ (Titel) erlebbar wird.

Weit weniger zwingend wirken die, in vergleichbarer Machart schon anderwärts gezeigten Fotos der Industrielandschaft (Ferdinand Ullrich) oder die nicht unpathetischen Bergmanns-Bilder von Lüben Stoeff. Wie spannend man heute mit dem Montan-Thema umgehen kann, zeigt hingegen Werner Thiel (Gelsenkirchen) mit seiner „Installation von Fundstücken aus dem Bergbau“ – ein intensives Trauer-Sinnbild vom Ende einer langen Revier-Ära.

Aktionen sollen die Schau zusätzlich mit Leben erfüllen: Am Eröffnungstag (gestern, 11 Uhr) entstanden zu Fre-Jazz-Klängen spontane Bilder in einem „Kunst-Käfig“, und Iskender Gider bannte Besueher auf Sofort-Fotos, die er hernach verfremdete und der Ausstellung einverleibte.




Neue Grenzen zwischen Kunst und Leben – zum Tod von Joseph Beuys

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Wenn einer einem toten Hasen die Bilder einer Ausstellung erklärt; wenn einer Waschpulver in ein Klavier schüttet oder eine „Honigpumpe“ baut – ist er dann Vorbote eines neuen „magischen Zeitalters“ oder ein Scharlatan? Das haben sich viele gefragt, die mit der Kunst von Joseph Beuys konfrontiert wurden. Seinem Werk widerfuhren Huldigung, aggressive Abwehr, amüsiertes Gelächter, bares Unverständnis.

Des Rätels Lösung ist denkbar einfach, fast so schlicht, wie manche Beuys-Objekte (die meist nur im Zusammenhang mit vorangegangenen Aktionen verständlich sind): Es i s t Kunst, die sich aber, weil sie die Grenzmarken zwischen Kunst und Leben irritierend neu gesetzt hat, nicht kurzerhand erschließt.

Als der am 12. Mai 1921 in Kleve geborene Kaufmannssohn, am 12. Januar 1986 – es war sein letzter öffentlicher Auftritt – den Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg entgegennahm, trug er natürlich den Filzhut, sein „Markenzeichen“. Filz und Fett waren Grundstoffe vieler seiner Arheiten. Filz, das bedeutet (auch menschliche) Wärme, deren Speicherung zumal. Fett steht gleichfalls für ein energiespeicherndes Prinzip.

Vorratshaltung zum Überwintern in kalten Zeiten, Aufbrechen bankrotter Rationalität, Schaffung neuer Mythen – so könnte man die Ziele schlagwortartig skizzieren. Nicht nur Beuys‘ naturwissenschaftliche Studien fuhrten zu solchen Ausdrucksmitteln, sondern vor allem jenes Urerlebnis des Jahres 1942, als der Stuka-Flieger Beuys über sowjetischem Gebiet abstürzte, von Einheimischen gerettet und dabei in Filzdecken gehüllt wurde.

Ein Star des Marktes und der Medien

Beuys, ab 1949 als Schüler von Ewald Mataré an der Düsseldorfer Kunstakademie, war auch ein Star des Marktes und der Medien. Ein von ihm mit Filz beklebter Flügel, 1967 für 10.000 DM verkauft, war einem Käufer 1974 schon 200.000 DM wert. Zusammen mit Andy Warhol führte Beuys denn auch bald eine imaginäre „Weltrangliste“ höchstdotierter Künstler an. Bei Gelegenheit seiner zuletzt raren Auftritte, wie etwa bei der Düsseldorfer Ausstellung „Von hier aus“, bildeten sich sogleich Trauben von Presse- und Fernsehleuten um ihn.

Zuweilen hatte es komische Qualität, wie seine Kunst sich dem Leben näherte, mit ihm in (oft produktive) Reibung geriet: Die Geschichte von den Reinmachfrauen, die aus einer Beuys-Badewanne die Heftpflaster entfernten und die Wanne gründlich schrubbten, erheiterte die Kunstwelt.

Entlassung durch Johannes Rau

Ernstere Schlagzeilen machte seine Entlassung als Lehrer an der Düsseldorfer Kunstakademie, an der er seit 1961 tätig war und bis zu 350 Schüler betreute, die heute zum großen Teil die Szene bestimmen. Im Oktober 1972 kündigte der damalige NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau Beuys‘ Vertrag fristlos, weil der mit abgewiesenen Bewerbern die Akademie besetzt hatte. Der Rechtsstreit dauerte bis 1978.

1974 gründete er, zusammen mit seinem Freund Heinrich Böll, die „Freie internationale Hochschule für Kreativität“. Grundlage war Beuys‘ Bekenntnis: „Jeder Mensch ist ein Künstler“.

1979 richtete das New Yorker Guggenheim-Museum Beuys als erstem lebenden deutschen Künstler eine umfassende Retrospektive aus, womit er endgültig zum Klassiker der Spätmoderne wurde. Beuys betätigte sich mit großer Beharrlichkeit auch auf politischem Feld. 1967 war er bei der Gründung der „Deutschen Studentenpartei“ dabei, 1972 rief er die „Organisation für direkte Demokratie“ ins Leben, 1976 die „Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher“. 1980 war er Bundestagskandidat für die „Grünen , von denen er sich jedoch jüngst wieder distanzierte.




Oberhausen: Schwimmbad soll Kulturzentrum mit Theater und Kino werden – Privater Verein treibt einmaliges Projekt voran

Von Bernd Berke

Oberhausen. Fast 400 Zuschauer sitzen im Schwimmbecken und schauen gespannt aufwärts. Droben, im Bereich der Startblöcke, wird nämlich Theater gespielt.

So oder ähnlich könnte es bald aussehen, wenn es nach einem privaten Verein geht, der in Oberhausen etwas Einmaliges vorantreiben will: Das stillgelegte Ebertbad (Baujahr 1896) soll zum Kulturpalast mit festen Spielstätten furs Theater (TIP) und Stadtkino sowie Zentrum für zahlreiche weitere Aktivitäten werden.

Die Kultur soll also keinesfalls „baden gehen“ – im Gegenteil. Und: Das Riesenprojekt soll die finanzschwache Stadt keinen Pfennig kosten. Durch Teilverkauf des Grundstücks bei Erhalt des Schwimmbads käme die Kommune gar zu Geld.

Der Verein, erst im Dezember ’85 gegründet, hat bereits ein vorläufiges Nutzungskonzept entworfen. Man will unbedingt verhindern, daß kommerzielle Interessenten das Schwimmbad erwerben und dann eventuell sogar abreißen. Beim „Verein Ebertbad e. V.“ rechnet man sich gute Chancen aus, sitzen doch (u. a. neben renommierten Architekten) Angehörige aller Ratsfraktionen (SPD, CDU, „Bunte Liste“) in seinen Reihen. Vereinsvorsitzender Michael Groschek, Mitglied der SPD-Ratsfraktion, nennt drei Möglichkeiten:

• Die optimale Lösung würde voraussetzen, daß für den theatertauglichen Umbau des Schwimmbades Mittel aus dem NRW-Städtebauministerium (Minister: Christoph Zöpel) fließen. Mindestbedarf: 120 000 DM. In der Tat existiert ein 40-Millionen-Topf „für beispielhafte Umnutzungen“ im Kultur- und Freizeitbereich. Heute sollen erste Vorgespräche mit einem Zöpel-Referenten beginnen.

• Die Normal-Lösung sieht vor, daß sich das TIP (Theater im Pott) mit seinem eigenen Etat sowie der Gastronomie- und Saunabereich mit ihren Erlösen jeweils selbst „tragen“, so daß auch keine Folgekosten auf die Stadt zukämen. Neueste Variante: Eine große Mülheimer Tanzschule bekundet ernsthaftes Interesse, einen Trakt zu kaufen.

• Bei einer „Notlösung“ (an eine „Null-Lösung“ mag man gar nicht denken) würde man zähneknirschend mit kommerziellen Nutzern kooperieren müssen.

Bis zum 15. Februar will jedenfalls der Verein der Oberhausener Stadtverwaltung ein ausgefeiltes Konzept samt Wirtschaftlichkeitsberechnung vorlegen. Vorüberlegun— gen lassen ein wahrhaft buntes Treiben erwarten. Prof. Roland Günther („Bunte-Liste“) vom Vereinsvorstand glaubt, daß man zahlreiche Kulturformen „durcheinanderwirbeln“ müsse, um dem Kulturgetto zu entrinnen. Neben Kino, Theater und Tanz schweben ihm und seinen Mitstreitem u. a. vor: eine „Traumgrotten“-Landschaft im Gewölbe unter dem Schwimmbecken, ein Miniatur-Theatermuseum (in den früheren Umkleidekabinen!), eine Theaterschule, eine Buchhandlung, Studios für lokalen Rundfunk (Voraussetzung: Neues Landesmediengesetz) und für Sprühfans sogar eine „Sprayer“-Wand im Hof. Kurz: Oberhausen soll eine „Theater-Vision“ (Günther) selten gekannten Ausmaßes erleben.

Was das Projekt für eine Revierstadt außerdem bedeuten könnte, erläutert Michael Groschek: Da Arbeitslosigkeit oft soziale Isolation und somit kulturelle Verarmung nach sich ziehe, könne hier ein Gegenzeichen gesetzt werden, auf daß „die ökonomische Krise nicht noch auf weitere Bereiche übergreift“. Drängt Roland Günther: „Im April sollten wir anfangen.“




Horváths Nazis als Hampelmänner

Von Bernd Berke

Wuppertal. Das Stammlokal der Republikaner ist Schauplatz politischer Machtkämpfe. Die NS-Horden haben hier schon mehr als nur den Fuß in der Tür. Ausgerechnet hier wollen sie ihren „Deutschen Tag“ begießen. Noch dazu an }enem Abend, an dem auch die „Italienische Nacht“ der Demokraten steigen soll. Besorgt um seinen Schweinebraten-Absatz, gibt der Wirt allen eine Zusage.

Kaum haben die Nazis ihre Krüge geleert, heißt es also hastig die Tischfähnchen auswechseln (schwarzweiß-rot raus, schwarz-rotgold rein) – und schon wiegen sich die Demokraten in der Illusion, es „denen wieder mal gezeigt zu haben“.

Ödön von Horváths „Italienische Nacht“, uraufgeführt 1931, gehört auf die Spielpläne. Marx ohne Freud ging schon damals nicht mehr: Das Stück erhellt die innige Verschränkung von Politik und Privatleben; es spürt im Freizeitbereich politisch bestimmte Strukturen, in der Politik wiederum das Wirken der Sexualtriebe auf, stellt auch noch die Volksfrontidee sowie die Unterdrückung der Frauen zur Diskussion – und bleibt bei all dem unterhaltsam.

In Petra Dannenhöfers Wuppertaler Inszenierung werden die sieben Szenen so statuarisch durchgespielt, als müsse man illustrierend nachstellen, was eigentlich ganz fern ist. Vielleicht gäbe das ein Zeichen für gesellschaftliche Erstarrung, wären da nicht das gefällige Bühnenbild (Alois Galle), in das sich sogar die NS-Embleme eher dekorativ einfügen, und die durchweg etwas brave Spielweise.

Nur in der ersten Szene (da spielen die Republikaner selbstzufrieden Karten – und sitzen im Keller, während droben die Nazis marschieren) wird nennenswerte Bedrohung spürbar. Die Nazis erweisen sich nachher als lächerliche, offenbar gar nicht so gefährliche Hampelmänner, die etwa mit heruntergerutschter Hose dem Kaiserdenkmal einen „deutschen Gruß“ entbieten. So preiswert ist Klamauk zu haben.

Möchtegern-„Führer“ allenthalben, auch auf der Gegenseite. So wollte es wohl auch Horváth. Ob deshalb aber der Proletarier Martin (Gregor Höppner) gleich ein solches Arbeiterdenkmal von anno dazumal abgeben muß? Die Hände stets tief in die Taschen versenkt, nur die Daumen draußen, einwärts zur Körpermitte weisend – wenn das keine sexuelle Nebenbedeutung hat! Dazu, schon glaubhafter, der Stadtrat als protzender Schwächling (Gerd Mayen) und der drauflos philosophierende „Betz“ (Günther Delarue).

Das meiste wirkt auf mich entschärft, geglättet, letzten Endes versöhnlich. Besonders einige Paar-Szenen, über Gebühr ins „Intime“ abgehoben, haben etwas von schmachtender Penetranz.

Von zahlreichen Schlußvarianten hat man diese gewählt: Als Antwort auf die selbstgefällige Behauptung, die Demokratie könne nunmehr wieder „ruhig schlafen“, ertönt ein ironisches „Gut‘ Nacht“! Aber auch das klingt hier, als wolle man den Zuschauern eine gute Heimfahrt und angenehme Bettruhe wünschen.




Hansgünther Heyme will in Essen „Verkrustungen aufbrechen“ – Neuer Schauspieldirektor stellt seine Pläne vor

Von Bernd Berke

Essen. Es war viel von Strategie die Rede, als Essens neuer Schauspieldirektor Hansgünther Hemye gestern seine Spielplan-Vorstellungen für die Zeit bis Ende 1987 unterbreitete. Die Spielstätten- und Finanzlage erzwinge vorerst reduzierte Saisonplanungen. Gerade dies, so Heyme, wolle man nutzen, um profilierteres Programm zu machen.

Wer die heftigen Diskussionen um Heyme-Projekte an seinem vormaligen Wirkungsstätten Köln und Stuttgart verfolgt hat, ahnt, daß es dabei nicht zuletzt um politisch aufstörende, Utopie einfordernde Akzentsetzungen geht.

Die nächste Essener Premiere (9. Januar ’86) ist noch eine (leicht variierte) Übernahme aus der Stuttgarter Zeit, Heymes Inszenierung von Lessings „Nathan“. Am 26. Januar folgt Athol Fugards „Die Insel“. Ein neues Doppelprojekt, Heyme inszeniert selbst, hat am 16. März Premiere: Schillers „Iphigenie in Aulis“, „ein weimarisierter Euripides“ (Heyme) sowie „Die Troerinnen“ des Euripides werden am Premierentag hintereinander, später auch schon mal separat aufgeführt.

Erstmals am 23. April kommt „Alles beim Alten – Alles in Ordnung“ auf die Bühne: Unter Heymes Leitung werden vornehmlich Lessing-Texte gespielt, die – unter bewußtem Bezugauf den Skandal umFaßbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“ – von Juden handeln. Die Produktion soll „Verkrustungen aufbrechen“, so daß man sich eventuell zur Jahreswende 1987/88 direkt an den Faßbinder-Text wagen könne (was Heyme zur Zeit für nicht opportun hält).

Für die Spielzeit 1986/87 plant Heyme u. a. Christoph Heins „Cromwell“ (erstmals außerhalb der DDR), Brechts „Dreigroschenoper“ (es wäre Heymes erste „Wiederbeschäftigung“ mit Brecht seit rund zehn Jahren), Heiner Müllers „Mauser“ und „Bildbeschreibung“, Tschechows „Kirschgarten“ und – als deutsche Erstaufführung – David Hares „Map of the World“, ein Stück über UNESCO und Nord-Süd-Konflikte.

Heyme wiederholte nachdrücklich seine Forderungen: Erhalt und später Umbau des jetzigen Opernhauses fürs Schauspiel, mehr Geld, Mitsprache bei der Mützel-Nachfolge. Andernfalls werde seine Ära in Essen vorzeitig enden.




„Welttheater“ auf nur einem Kontinent

Von Bernd Berke

Was ist davon zu halten: Wenn ein Band schon „Welttheater“ heißt – und ganze Kulturkreise wie Ostasien, Indien oder Südamerika werden überhaupt nicht berücksichtigt; wenn das Buch (nach Auflagen in den 60er Jahren) vollständig umgeschrieben, aktualisiert worden ist – und es fehlen vollständig die „freien Truppen“, sogar jene von Format und Wirkkraft des „Living Theater“, des „Squat Theater“, von „La Mama“. Was davon zu halten ist? Die Verfasser scheinen ein ganz schön elitäres Verständnis von Theater zu haben!

Die „großen“ Bühnen der Bundesrepublik, der DDR, besstenfalls noch Englands, Frankreichs, Italiens beherrschen alles – und was „groß“ ist, versucht Henning Rischbieter, rühriger Mitherausgeber dieses Wälzers (unlängst legte er ein „Theaterlexikon“ bei Orell & Füssli vor), schon seit langem auch in seiner Fachzeitschrift „Theater heute“ zu bestimmen. Dortmund, unter vielen anderen Städten, ist nach solchem Verständnis ein weißer Fleck auf der Theaterlandkarte, ein Nicht-Ort sozusagen. Selbst Claus Peymanns Bochumer Ära rangiert unter „ferner liefen“, während seine Stuttgarter Zeit noch Gnade findet. Ganz erstaunlich, daß auch Theater-Großtaten von Ariane Mnouchkine oder Robert Wilson nicht vorkommen.

Der Band lebt von überquellender Bebilderung. Höhepunkte zahlloser Inszenierungen werden, auf meist packenden- Fotos, dokumentiert. Die Textbeiträge stammen zum Teil von Kritikerpäpsten wie Hellmuth Karasek und Joachim Kaiser. Sie referieren nicht, sondern wagen – vom Verriß bis zur Hymne – Wertungen, was ein Vorzug ist. Aufs Ganze gesehen, ergibt sich eine Mixtur aus Bilderbuch, Theatergeschichte, Schauspielführer und Lexikon (dafür ist freilich das Register zu dünn geraten, es fehlen etwa Orts- und Schauspielernamen).

Die meisten Stücke werden inhaltlich nur knapp umrissen, deutlicher wird hingegen ihr Sinnpotential für Inszenierungen bloßgelegt. Effekt: Die Dramen erscheinen eher als „Rohmaterial“ im Sinne des Regietheaters, das mit den Vorlagen frei verfährt. Eine Glaubensfrage.

Henning Rischbieter / Jan Berg (Hrsg:): Welttheater. Westermann-Verlag, Braunschweig, Großformat, 496 Seiten, 98 DM




Ansichten aus „24 Stunden Ruhrgebiet“ im großen Buch der Zufälle

Von Bernd Berke

Mit Pauken und Trompeten hatte der Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR), der den Anstoß zur groß angelegten „Belichtung des Reviers“ gegeben hatte, dieses Buch schon Monate vor dem Erscheinen angekündigt. Eins ist klar: Es ist das Revierbuch dieses Herbstes, an dem die meisten, nämlich 72 Fotografen aus aller Welt, beteiligt sind. Und es ist das Revierbuch, dessen Fotos in der kürzesten Frist, nämlich am 24. Mai 1985 zwischen 0 und 24 Uhr, entstanden sind.

Jedoch: Spektakuläre Rekorde allein reichen nicht aus. „Das Fotoereignis“ – so lautet der stolze Untertitel des Bandes. Kein Zweifel, es finden sich unter den 600 Ablichtungen zahlreiche gelungene, sogar der eine oder andere Geniestreich. Im Ganzen aber hat der Zufall die Oberhand behalten – und das ist auch kein Wunder bei 72 so unterschiedlichen Fotografen-Temperamenten, kein Wunder auch, weil die meisten ohne näheren Bezug, sozusagen „unvorbereitet, wie sie sich hatten“, aufs Revier gestoßen sind (bzw. gestoßen wurden).

Immerhin sorgen derlei Zufall und Spontanität auch dafür, daß eine breite Palette des Lebens im Revier erfaßt wird. Durch Industrie zerstörte Teile der Landschaft werden nicht schamhaft bemäntelt, die Arbeitswelt zwischen Kohle und Computer spielt ihre gebührende Rolle, die Freizeit zwischen Disco, Schrebergarten, Fußballplatz und Freibad ebenso.

Vor allem einige Menschenbilder prägen sich ein. Hier hatte die Spontanität wirklich ihr Gutes: Es gab kaum Zeit für Vorbereitungen und damit kaum Gelegenheit, Szenen oder Porträts auszuklügeln und zu „stellen“. Menschen des Reviers (Arbeiter, Künstler, Hausfrauen, Schüler, Politiker, Wirtschaftsführer) scheinen sich den von auswärts angereisten Fotografen unmittelbarer erschlossen zu haben als das oft verwirrend strukturlose Konglomerat der Stadtlandschaft.

„24 Stunden Ruhrgebiet“. Reise- und Verkehrsverlag, München, 280 S., ca. 600 (meist farbige) Fotos. Begleittexte von Ralf Lehmann. 98 DM.




Was Vaganten auf die Straße treibt

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Die Herrschenden „mit der Zunge zu durchbohren“, sei Sache der Vaganten. So heißt es an zentraler Stelle der neuen Ruhrfestspiel-Produktion „Vaganten Leben“ (Regie: Bernd Köhler) über die fahrenden Spielleute. Gar so bohrend ist es denn aber doch nicht geworden.

Im ..Malersaal“ des „Depots“, vergleichbar einer Kneipe, bestellt man noch Getränke, da setzt unvermittelt an drei Tischen anschwellendes Gemurmel ein. Es sind schon die ersten drei von 15 Texten dieses Programms. Weil sie gleichzeitig und also durcheinander gesprochen werden, versteht – je nach Lage des Sitzplatzes – jeder Besucher etwas anderes. Stichworte beschädigten Lebens fallen – von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Ausbeutung, Erniedrigung ist da die Rede.

Die Worte verweben sich vage, als erlausche man sie an Nebentischen im Lokal, zu einer Ahnung von biographischen Katastrophen. Dergestalt, das macht der folgende, schon auf der kleinen Bühne gesprochene Text von Dario Fo klar, sind die Verhältnisse, die die Vaganten überhaupt erst auf die Straße treiben. Keine Romantik also, sondern härteste Realität.

Es handelt sich hier nicht um die (gemeinhin als „Vaganten“ bezeichneten) Theologieschüler des 11. bis 13. Jahrhunderts, die mit Texten und Liedern voller Lebens- und Liebeslust sowie drastischer Kirchenkritik durch die Lande zogen. Schade, denn es gibt z. B. vom „Archipoeta“ („Erzpoet“) neue Übersetzungen, die so frech und frisch klingen, als wären sie erst in den Revolten unseres Jahrhunderts entstanden.

In Recklinghausen widmet man sich den mehr oder weniger legitimen Nachfolgern des „Archipoeta“. Natürlich sind Lieder von François Villon dabei – keine Entdeckung mehr. Den größten Teil des Programms, das Texte aus den Jahren zwischen 1447 und 1982 (!) versammelt, nimmt Dario Fo ein. Gleich zweimal gar vernimmt man aus seiner Feder stammende Witzeleien über Päpste, als sei im Vatikan noch immer die ärgste Form von Herrschaft beheimatet.

Neben einigen anonymen Texten, etwa dem märchenhaften „Der größte Räuber im Lande“, erklingt auch das altvertraute „Nur nicht aus Liebe weinen“, ein Fremdkörper in diesem Zusammenhang.

Umgesetzt wird das vom Darsteller-Trio (Ursel Schmilz, Nedim Hazar und Heinz Kloss) als Unterhaltung, die nur hier und da bissig wird. Anstöße, blitzartig Erhellendes oder Überraschendes sind Mangelware.

Übrigens: Die intensiven Vorstudien im real existierenden Penner- und Strichermilieu, die einen Darsteller (die WR berichtete) sogar kurz in Polizeigewahrsam brachten, wären für diese Produktion nicht nötig gewesen. So wörtlich muß man Naturalismus nicht verstehen.




Art Cologne: US-Galerien zeigen Köln die „kalte Schulter“

Von Bernd Berke

Köln. Die Amerikaner zeigen dem Kölner Kunstmarkt „Art Cologne“ die kalte Schulter. Vor Jahresfrist mit einer US-Sonderschau noch heftigst umworben, bleiben die Galeristen von jenseits des Atlantiks diesmal drüben. Eine einzige US-Galerie hat sich nach Köln „verirrt“, um hier am nach wie vor weltgrößten Markt für internationale Kunst des 20. Jahrhunderts teilzunehmen.

Gerhard F. Reinz, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Galerien, räumte gestern freimütigein, die Aktion des Jahres 1984 habe „überhaupt nicht gefruchtet“.

Doch auch so kann der Markt, dessen Macher mit – wie könnte es anders sein – „gedämpftem Optimismus“ der Verkaufserfolge harren, wieder mit achtbaren Zahlen aufwarten: 165 Galerien aus zwölf Ländern offerieren Kunst aller Stilarten. Übrigens ist erstmals der staatliche Kunsthandel der DDR (mit Arbeiten des auch bei uns bekannten Wolfgang Mattheuer) in Köln vertreten.

Die Vielfalt ist größer geworden: Zuletzt waren vornehmlich die sogenannten „Neuen Wilden“ über Gebühr in den Vordergrund des Angebots geraten. Nun aber wirkt das Gesetz des Marktes: Verkaufen verlangt tuurusgemäße Trendwenden, die dem Kunden wechselnden Appetit auf anderes machen. Eine solche Wende zeichnet sich jetzt in Umrissen ab; sie deutet zaghaft in Richtung der 50er und 60er lahre, deren Kunst diesmal wieder stärker vertreten ist – beispielsweise mit Werken von Emil Schumacher, Fritz Winter und Ernst Wilhelm Nay.

Auch das Förderprogramm für noch nicht arrivierte Künstler, mittlerweile zum sechsten Mal im Rahmenprogramm des Kunstmarkts, weist nicht mehr eindeutig in Richtung spontan-heftiger Ausdruckskunst. Kalkulierte Spiele mit Wahrnehmung und Assoziationen bekommen – auch an den Ständen wichtiger Galerien – wieder mehr Gewicht, sogar ausgeklügelte Formen der Konzeptkunst sowie alte und neue Ansätze zu einem kritischen Realismus kommen wieder zu ihrem Recht. Spektakulär und kostspielig: Arbeiten wie Robert Delauneys „Blumen vor dem Regenbogen“ (Kostenpunkt 520 000 DM). Aber auch für unter 1000 DM kann man schon fündig werden.

Abweichend von der Tradition, stellt diesmal kein Museum Spitzenstücke seiner Sammlung vor. Statt dessen hat der Bonner Ausstellungsmaeher Prof. Klaus Honnef eine Sonderschau aufgebaut, die dem Besucher zahllose ..Realitätsfallen“ (Honnef) stellen will. Es geht um Fotografie und um die Frage, die so alt ist wie dieses Medium: Geben Fotos die Wirklichkeit wieder oder sind sie nur Inszenierungen derselben? Kunst, die sich mit dieser Frage auseinandersetzt, wird mit der „am ehrlichsten inszenierenden Fotografie“ (Honnef), nämlich Lichtbildem für die Modewerbung konfrontiert.

19. Internationaler Kunstmarkt „Art Cologne“, Rheinhallen des Kölner Messegeländes, 14. bis 20. November, tägl. 11-20 Uhr.




Kraftvolle Explosionen auf der Leinwand – Werke von Lovis Corinth im Essener Folkwang-Museum

Von Bernd Berke

Essen. Was hat man Lovis Corinth (1858-1925) nicht schon alles nachgesagt: Der Berliner Kunstwelt seiner Epoche galt er zuvörderst als Impressionist, den NS-Kunstscharfrichtern als „entartet“. Dann, in den 50er Jahren, fand man seine Bilder „zu gegenständlich“, hernach wurde er als „Klassiker“ in luftleere Regionen verbannt. Jetzt will, mit einer Zusammenstellung von 85 Gemälden und 50 Graphiken aus allen Schaffensperioden, das Essener Folkwang-Museum eine Neubewertung des vor 60 Jahren gestorbenen Ostpreußen einleiten.

Chance wie Gefahr, dieses Werk auch jetzt von der Dignität gegenwärtiger Strömungen zeugen zu lassen, liegen nah. Unter dem Blickwinkel der heftigen Figuration unserer Jahre ist man in der Tat schnell geneigt, Corinth als „wildes Kraftgenie“ zum Bürgen und Vorläufer des Jetzt zu erklären.

Zweifellos hat Corinth stets kraftvoll, ja aggressiv wider seine Zeit angemalt. Kampfbereit, sozusagen „auf dem Sprung“ wirkt er auch auf zahlreichen seiner Selbstbildnisse, so 1907 auf dem „Selbstporträt mit Glas“, welch letzteres er dem Betrachter entgegenschleudern zu wollen scheint. Man ahnt: Das ist kein bloßes Gebaren, keine Attitüde, es ist – entschlossene Pinselführung unterstreicht es – Ausdruck wirklicher Seelenenergie.

Auch die Landschaften tragen bei näherem Hinsehen diese Handschrift; sie sind explosive Entäußerungen, Projektionen verschiedener Stimmungslagen – dem Expressionismus darin wohl näher als dem Impressionismus; und sie tendieren („Walchensee. Mondnacht“, 1920) mitunter auch schon zur reinen Farbkomposition.

Fern jeder Akademiehörigkeit wagte sich Corinth auch an verwegen anmutende Themen, so an die Darstellung einer „Königsberger Marzipantorte“ (1924) oder auch an blutrot-rohe Szenen wie „Im Schlachthaus“ (1883) und „Fleischerladen“ (1913).

Mythologische Szenen gar, die der Akademietradition heilig waren, füllte Corinth mit berstendem Alltagsleben. So sind etwa die „Heimkehrenden Bacchantinnen“ (1898) eine derb-komische Zecherschar, und die „Gefangennahme Simsons“ (1907) gemahnt in ihrem unmittelbaren Blick, in ihrer Gewaltsamkeit an Caravaggio.

Einige Spitzenwerke („Ecce Homo“, „Der rote Christus“) fehlen aus konservatorischen oder sonstigen verleihpolitischen Gründen. Man verschmerzt es leicht, sind doch – Museen aus aller Welt zeigten sich großzügig – von Zdenek Felix und seinen Mitarbeitern viele, auch weniger bekannte Spitzenwerke nach Essen geholt worden (Gesamtversicherungswert: 18 Mio. DM).

Der Katalog ist ein Bonbon für sich: Sämtliche (!) Gemälde sind ganzseitig in Farbe wiedergegeben, vier Aufsätze entschlüsseln Aspekte des Werks – und das alles in der Ausstellung für 36 DM, im Buchhandel für 78 DM.

Die Ausstellung dauert bis zum 12. Januar ’86 und ist danach nur noch in München (Hypo-Kunsthalle) zu sehen.




Duisburg: Weltbekannte Kunst nun öfter „daheim“ – Lehmbruck-Museum gibt Einblicke in Eigenbesitz

Von Bernd Berke

Duisburg. Von nun an sollen endlich auch die Duisburger erfahren, welche Schätze „ihr“ Lehmbruck-Museum birgt. Das Haus, durch Spezialisierung auf Skulpturen und seine Verleihfreudigkeit längst international renommiert, will die durch alle Welt „gereisten“ Sammlungsbestände künftig öfter aus den Magazinen holen, um sie den Einheimischen zu zeigen. Das verspricht Museumsdirektor Christoph Brockhaus. Einige Spitzenwerke der Klassischen Moderne erhalten sogar einen ständigen Ausstellungsplatz.

Vor fast genau 60 Jahren hatte August Hoff, Duisburgs Museumsleiter bis 1933, intensiv mit dem Aufbau der Sammlung begonnen und besonders Lehmbrucks Oeuvre an Duisburg gebunden. Seit 1964 hat man in Duisburg keinen nennenswerten Einblick in die eigene Sammlung gegeben. Jetzt (3. November bis 19. Januar) macht–- als Musterfall für die Zukunft – die Ausstellung „Meisterwerke internationaler Plastik des 20. Jahrhunderts“ diesem Zustand ein Ende. Etwa 180 plastische Arheiten (von 700) können gezeigt werden: eine Parforce-Tour durch nahezu alle „Strategien“ der Dreidimensionalität in diesem Jahrhundert.

Der Blick trifft auf keine Stellwand. Dadurch ergeben sich Durch-Sichten, Kontexte. Zudem erlebt man, vor dem Hintergrund von Zeichnungen und Graphik der jeweiligen Künstler, in den plastischen Arbeiten gleichsam noch einmal die „Geburt der dritten Dimension“.

Berühmte Namen: Von Wihelm Lehmbruck, Ernst Barlach und Käthe Kollwitz über Brancusi, Giacometti, Magritte und Dalí bis hin zu Christo, Tinguely, Daniel Spoerri und Norbert Kricke reicht das Spektrum. Doch ist dies keine Anhäufung nach Maßgabe von Prominenz und Marktwert. Sinnvoll zusammengestellte Werk-Gruppen haben allemal Vorrang vor einer endlosen Namensliste. Dafür nimmt man auch Sprünge in Kauf, die sich wegen fehlender „Bindeglieder“ ergeben.

Am Beginn des Rundgangs: der Schwerpunkt „Expressionismus“. Die „Mutter mit Zwillingen“ von Käthe Kollwitz, der „Zecher“ von Ernst Barlach, eine „Panther“-Figur von Franz Marc. Über den Kubismus (u. a. Henri Laurens), den russischen Konstruktivismus (u. a. Rodtschenko) und den Surrealismus (Dalí, Magritte) gelangt man schließlich zu Beispielen des „Neuen Realismus“ und zu einer jener (wahn)witzigen Maschinen Tinguelys, in deren Gestänge ein Gartenzwerg blitzschnell um die eigene Achse rotiert.

Den Schlußakzent setzen deutsche Arbeiten seit 1945. Besonders herausgestellt: Norbert Krickes klare Linienführungen, abgesetzt vom gleichzeitigen informellen Hauptstrom. Erstmals wird in Duisburg auch der Porträtkopf „Arthur Schopenhauer“ gezeigt, 1922 geschaffen von dem Bernhard Hoetger aus Hörde (heute Dortmund). Das Museum hat die Büste quasi in letzter Minute vor dem Verkauf in die USA retten können.




„Hohn der Angst“: Gag-Potential weidlich ausgeschöpft

Von Bernd Berke

Wuppertal. Auf die rundum weiß verhangene Bühne wird ein gigantischer Lastwagen (Marke: Fiat) gewuchtet. Das Riesenspielzeug enthält sämtliche Bühnenaufbauten für die kommenden Szenen. So gebiert der Blech-„Bauch“ des Konzerns die ganze Farce.

Um Fiat-Boß Agnelli geht es in Dario Fos „Hohn der Angst“. Scheinbar von Terroristen entführt, ist Agnelli ausgerechnet von einem seiner stramm kommunistischen Arbeiter, Antonio, gerettet und in der Klinik abgeliefert worden. Während Antonio sich aus Angst vor allgemeiner Hatz versteckt, wird das zur Unkenntlichkeit zerschundene Gesicht Agnellis nach dem Paßbild des Arbeiters chirurgisch modelliert. Das Foto steckte in der Jacke, die Antonio ihm vor dem Krankenhaus überwarf. Der Herr als Doppelgänger des Knechts – das Verwechslungsspiel kann beginnen.

In der Wuppertaler Aufführung (Regie: Helmut Palitsch) wird das kaum zu verfehlende Gag-Potential weidlich ausgeschöpft. Das Unterhaltungspensum, kein Zweifel, wird absolviert. Leider nicht immer im wünschenswerten Wahnsinns-Tempo, sondern gelegentlich breit und genüßlich auswalzend. Immerhin gelingen besonders nach der Pause einige Szenen, in denen heller Irrsinn wetterleuchtet.

Auf Sparflamme flackert hingegen das Feuer politischer Provokation. Wir sind eben nicht im Italien des Jahres 1981, als Fos Stück nach dem Mord an Aldo Moro die Gemüter erhitzte. Wir sind auch nicht auf dem Volksfest oder im Kneipensaal, den eigentlichen Orten für Fos dröhnenden Klamauk. Und wer macht sich denn noch, im ordentlich bestuhlten Stadttheater, so viele Illusionen, daß es nötig erscheint, mehrfach die Fiktion des Theaters zu betonen, wie dies hier geschieht (die Souffleuse kräht extra laut das Stichwort heraus, demonstrativ wird aus leerer Flasche eingeschenkt).

Bernd Kuschmann ist letztlich in jeder Rolle jungenhaft sympathisch. So auch hier als Antonio und „Doppelgänger“ Agnelli, die er zu undeutlich voneinander absetzt. Das Ensemble chargiert nach Kräften, die freilich nicht allen in gleichem Maße gegeben sind. Viele Faxen bleiben purer Selbstzweck.




Schon in den Trümmern begann die Verdrängung – Bonn: Große Ausstellung über Kunst und Kultur der Nachkriegszeit im Westen

Von Bernd Berke

Bonn. Nein, wirklich „lebendig“ kann die Nachkriegszeit natürlich nicht wieder werden – auch nicht durch eine Ausstellung großen Kalibers. Auch nicht, wenn deren Macher unter erdenklichen Mühen über 800 Exponate aus den Jahren 1945 bis 1952 aufgetrieben haben. Die Schau „Aus den Trümmern – Kunst und Kultur in Rheinland und Westfalen“ startet heute im Rheinischen Landesmuseum Bonn (bis 8. Dezember).

Ein Ford Taunus G 73 A Spezial („der mit dem Buckel“) fällt im Foyer zuerst auf. Das Gefährt steht zugleich für die Probleme des Ausstellungsteams, das unter Leitung von Professor Klaus Honnef wahre „Archäologenarbeit“ zu leisten hatte. Nicht einmal die Ford-Werke nämlich konnten mit einem solchen Fahrzeug dienen. Ein Privatmann sorgte für Abhilfe. Der Oldtimer aus einer Zeit, die noch so nah zu sein scheint, allen Moden zum trotz jedoch durch notorische „Erinnerungsfaulheit“ (Klaus Honnef) Lichtjahre entfernt liegt, steht auch für den halbherzigen Versuch, die vielen künstlerisch durchgestalteten Exponate um einige Alltagstupfer zu ergänzen.

Deutlich wird die Durchdringung immerhin im Bereich der Architektur-Dokumentation. Kein Wunder, verschränken sich auf diesem Gebiet doch ohnehin Politik, Kunst und Alltag am innigsten. Jedenfalls zeigt diese Abteilung mit Fotos, Plänen und Modellen etwas sehr Beklemmendes, nämlich, daß viele deutsehe Architekten ihre (während der Bombennächte verfertigten) Pläne nach 1945 nur aus der Schublade holen mußten, um – teils unverdrossen, teils modifiziert – ungute Traditionen des Monumentalismus fortzuführen. Es werden aber auch die Sünden der Gegenströmung des rein funktionalen Bauens deutlich.

Das Ruhrgebiet kommt leider etwas knapp weg. Immerhin sieht man u. a. auch das Originalmodell der (1952 in neuer Form wiedererrichteten) Dortmunder Westfalenhalle. Auch wird (doch da tat man dem Revier zu viel „Ehre“ an) ein von verlogener Heimeligkeit triefendes Wohnambiente der 50er Jahre als Ausfluß des „Gelsenkirchener Barock“ vorgeführt – als ob es diesen Wohnstil nur in hiesigen Breiten gegeben hätte.

Beschämend kurz kommt im zweiten Stock die Mode jener Jahre. Es folgt allerdings eine hervorragend bestückte Fotografie-Abteilung. Kinder beim Ringelreihen auf dem Trümmergrundstück; Volksfest mit Riesenrad zwischen Ruinen; Kölner Karneval gleich nach der Kriegskatastrophe. Bodenloser Frohsinn mitten im Jammer? Legitimes Ausbrechen von Lebensfreude? Beginn der Verdrängung, die bis heute nachwirkt?

Die Leitfiguren der Nachkriegskunst, hier jeweils mit wenigen Bildern vertreten, sind schnell benannt: E. W. Nay, Fritz Winter, Emil Schumacher, K. O. Götz, Ewald Mataré, Gerhard Marcks. Symptomatischer aber scheinen mir drei andere Arbeiten: Erstens Wilhelm Schmurrs „Frühlingsstilleben“ (1944) – eine karge „Inventur“ wie in Günter Eichs gleichnamigem Gedicht; viel ist den Menschen nicht geblieben. Zweitens Walter Icks‘ Selbstbildnis vor einer Trümmerlandschaft (1946): Melancholischer Versuch einer Selbstvergewisserung nach dem großen Desaster. Drittens: Leo Breuers „Bahnhof Paris-Ost“ (1951), ein kaum verhüllter Anklang an Piet Mondrian, Wiederanknüpfung an die internationale Moderne.

Die Ausstellung wandert: 26.1.-23. 3.1986 Kunstmuseum Düsseldorf, 12.4.-31.5.1986 Museum Bochum. Der Katalog (fertig erst Ende November) kostet 52 DM.




Kultur soll die Städte retten – 28 NRW-Kommunen starteten Kampagne „Kultur 90″ mit Expertenanhörung

Von Bernd Berke

Essen. Die 90er Jahre könnten, wenn nicht rechtzeitig und entschlossen gegengesteuert wird, unerquicklich werden: Immer mehr Technik, immer mehr Umweltgifte, immer mehr Fernsehkanäle – und immer weniger Arbeitsplätze.

Vor diesem düsteren Szenario wollen sich unter anderem jene 28 NRW-Städte zwischen Aachen und Bielefeld retten, die sich gestern bei einem Hearing (Anhörung) auf dem Essener Messegelände von Experten – mehrheitlich Professoren verschiedenster Fachrichtungen – den Ist-Zustand erläutern und Zukunftsperspektiven abstecken ließen.

Die erhofften Retterinnen“ vor den kommenden Übeln sinnentleerter Freizeit und bedenkenlosen Konsums heißen „Kultur“ und „Kreativität“. So firmierte das gestrige Hearing denn auch unter dem Motto „Kultur 90″. Es war der Auftakt zu einer Vielzahl von Veranstaltungen und Aktionen in den beteiligten Städten, von denen man sich eine Beispielsammlung für künftige Kulturarbeit erhofft. 1987 sollen die Ergebnisse der Kultur-Kampagne bei einer weiteren Anhörung in Essen ausgewertet werden.

Die in ihrem Umfang wohl beispiellose (wenn auch bislang zwangsläufig wenig konkretisierte) Unternehmung, die vom in Wuppertal ansässigen Kultursekretariat koordiniert wird, fährt sozusagen zweigleisig: Einerseits soll mit wissenschaftlicher Rückendeckung den kommunalen Entscheidungsträgern die Dringlichkeit höherer Kulturetats vor Augen geführt werden (zum Vergleich: in Frankfurt sind derzeit rund 11 Prozent des Stadtsäckels für Kultur bestimmt, im Revier zwischen 2,8 und 4,6 Prozent).

Neben der finanziellen Ausweitung des Sektors soll überhaupt der ganze Kulturbegriff erweitert werden: Nicht nur „Repräsentations“- und „Alternativ“-Kultur spielen da eine Rolle, sondern es sollen z. B. auch kulturträchtige Aspekte von Umwelt, Spiel, Sport und Gesundheit ebenso einbezogen werden wie Medien, Technik, Wirtschaft(sförderung), Mäzenatentum und Vereinswesen.

Die einzelnen Themen (Muster: „Kultur & Technik“, „Kultur & Jugend“ usw.) wurden mittlerweile auf die Städte verteilt, deren Kulturämter bei der Auswahl mitwir,kten. BeispieIe: In Dortmund soll man sich vorrangig ums Generalthema „Kultur & Alltag“ kümmern, Unna zeichnet für „Kultur & Kleinstadt“ verantwortlich, Hagen widmet sich dem Bereich „Kultur & Spiel, Sport“, Siegen hat sich „Kultur & Freie Gruppen“ ausgesucht, Witten erkundet Zusammenhänge zwischen „Kultur & Gesundheit“, in Köln sollen Wechselwirkungen zwischen „Kultur & Geld“ dingfest gemacht werden, Bochum sondiert unterdessen das verwandte Thema „Kultur & Wirtschaft“.

Einstweilen liegen nur grobe Leitlinien, aber keine detaillierten Pläne für einzelne Veranstaltungen vor, die diesen Erkundungen dienlich sein sollen. Auch die Finanzierung des Großprojekts ist noch nicht ganz geklärt. Ratsentscheidungen in den einzelnen Städten sind abzuwarten. Das Wuppertaler Kultursekretariat wird gewiß sein Scherflein beisteuern, außerdem will man bei bestimmten Themen die einschlägigen Landesministerien ansprechen.

Ein Kraftakt also, von dem man allerdings nur in Umrissen weiß, wie er sich entwickelt. Dr. Karl Richter, Leiter des Kultursekretariats, bemühte denn auch den Begriff der „Utopie“: Man befinde sich nun „im Vorfeld der Möglichkeiten“. Schon jetzt aber müßten die Kommunen begreifen, daß die Kultur „ins Zentrum der Politik rücken“ müsse.




Notizen von der Buchmesse

Ein heimlicher „Starautor* der Frankfurter Buchmesse ist – Johann Wolfgang von Goethe. Üppige neue Werkausgaben beim Suhrkamp-Ableger „Deutscher Klassiker Verlag sowie bei Hanser wurden in der Geburtsstadt des „Dichterfürsten“ vorgestellt und markieren einen allgemeinen Trend zur Klassik.

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Der Farbband „24 Stunden Ruhrgebiet“, für den auf Anregung des Kommunalverbands Ruhr (KVR) Dutzende von Fotografen aus aller Welt an ein und demselben Tag im Revier Station machten, liegt in wenigen Tagen beim Verlag Reise und Verkehr, München, vor. Erster Eindruck beim Durchblättern eines Vorausexemplars: Die Vielfalt des Revierlebens kommt, entsprechend den sehr verschiedenen Temperamenten der beteiligten Fotografen, durchaus zum Vorschein.

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Seit seiner Gründung vor fünf Jahren ist der kleine Siegener „Machwerk-Verlag“ dabei: „Für uns ist die Teilnahme Pflicht und die Kontakte sind lebenswichtig“, sagen die Siegener Büchermacher.

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Der Stand des Bhagwan-Verlags „Rajneesh Services“ liegt zumeist still und verlassen da. Vor kurzem wäre das wohl noch undenkbar gewesen.

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.Außerdem bin ich lang genug, um drüber wegzugucken“ – Kanzler Kohl bei seinem gestrigen Messerundgang über den Besuchertrubel (Allein gestern 50 000 Leute).

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Die Immunschwäche AIDS läßt auch die Buchbranche nicht ruhen. Der R. S. Schulz Verlag aus Percha/Starnberger See vermeldet stolz zwei vergriffene Auflagen eines AIDS-Bandes (20-000 Stück) und kündigt eine Loseblattsammlung zum Thema an.

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Während einige südamerikanische Länder (u.a. Peru, Uruguay) aus Finanzgründen diesmal nicht auf der Messe vertreten sind, ist Nordkorea zum ersten Mal dabei. Das Angebot besteht praktisch ausschließlich aus Schriften des „Großen Vorsitzenden“ Kim Il Sung, um den in Nordkorea auch sonst ein beispielloser Personenkult betrieben wird.

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„Trank erstmals 1957…lebt in Essen“ – so preist der neue Schweizer Verlag mit dem schönen Namen „Narziß & Ego“ einen seiner Autoren an.

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Auch beim Erfinden von Buchtiteln sind manche Verlage nicht kleinlich. Durch geradezu weltumspannende Allgemeinheit frappierende Beispiele: „Alles – und noch viel mehr“ sowie „Über Gott und die Welt“ (letzterer Titel ziert den neuen Band von Umberto Eco bei Hanser).

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Die Publikationen der Gruppe „Internationale Ärzte für die Verhütung eines Atomkrieges“, die den Friedensnobelpreis bekommt, waren gestern auf der Messe stark gefragt.

                                                                                                                 Bernd Berke




Europas Autoren rücken zusammen – Thema auf der Frankfurter Buchmesse

Von Bernd Berke

Frankfurt. „Europa“ ist ein wichtiges Stichwort auf dieser 37. Frankfurter Buchmesse. In den Eröffnungsansprachen von Jack Lang und Bundesminister Bangemann spielte es eine zentrale Rolle. Gestern griff es auch Hans-Peter Bleuel, Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) auf einer Pressekonferenz im Rahmen der Buchmesse auf.

Europas Autoren schließen sich, so Bleuel, immer enger zusammen, um gemeinsam für ihre Rechte einzutreten. Bleuel kündigte einen „europäischen Schriftsteller-Kongreß“ für den 15. bis 19. Dezember in Bergneustadt an, an dem Vertreter von 27 westeuropäischen Verbänden teilnehmen sollen.

Abseits stehen dabei die Autoren aus osteuropäischen Ländem. Bleuel scheint hier Illusionen aufgegeben zu haben. Gespräche, die er jüngst mit Schriftstellern in Moskau geführt habe, seien „hart, zäh und stockend“ verlaufen. Vollends auf taube Ohren sei er mit der Frage nach dem Schicksal und dem Befinden von Andrej Sacharow gestoßen. Sacharow sei doch gar nicht Mitglied im sowjetischen Schriftstellerverband, beschied man den VS-Vorsitzenden kühl.

Klagen aber auch über bundesdeutsche Verhältnisse: Die neuen Medien bieten Bleuel zufolge kaum ernsthafte Arbeitsmöglichkeiten für Autoren, außerdem sei gerade hier die Honorarmoral unterentwickelt. Überhaupt sei auch die Urheberrechtsnovelle vom 1. Juli dieses Jahres unzureichend, da Behörden und gewerbliche Wirtschaft weiterhin ohne Urheber-Obolus kopieren dürften. Düstere Aussichteh auch im Rundfunkbereich, wo Kulturprogramme reihenweise gekürzt würden. Einzig und allein manche Kommunen seien mit Literaturpreisen, Literaturbüros und Förderungsmaßnahmen kulturpolitisch erfreulich aktiv.

Wenn nicht alles täuscht, müßten dieser Buchmesse gute Geschäfte folgen, sind doch alle (spöttisch sogenannten) „Großschriftsteller“ (vom Verstorbenen Heinrich Böll über Lenz, Walser, Härtling, Bernhard bis hin zu Simmel und Konsalik) mit neuen Büchern in einer Fülle vertreten wie seit langem nicht mehr. Einer ganz speziellen Welle könnte man das Etikett Kanzlerliteratur geben. Jugenderinnerungen von Helmut Kohl, sowie einige Bücher über Kohl – teils ernster, teils spöttischer Art – füllen inzwisehen ganze Regalmeter. Aber auch Neuerscheinungen über Helmut Schmidt (und von Willy Brandt) fallen auf.

Daß erstmals extra für Graphikeditionen und Kunstbuchverlage eine eigene Halle eingerichtet wurde, wirkt wie eine etwas künstliche Abtrennung vom Belletristik-Programm. Eine Rückkehr zum Mischkonzept früherer Jahre wäre für 1986 wünschenswert. Wenig Risikofreude übrigens: Mit Picasso, Miró und Chagall hört die moderne Kunst in den allermeisten Fällen schon auf.




Comic-Känguruh soll neue Leselust wecken – Zeltstadt auf der Frankfurter Buchmesse

Aus Frankfurt berichtet
Bernd Berke

Frankfurt. Ein Begriff, den man sonst eher vom Tourismus her kennt, soll jetzt auch zum Zauberwort in der Buchbranche werden: „Animation“. Anregung zum Lesen tut not.

Das „Zentrum Leseförderung“, die kleine, erstmals eingerichtete Zeltstadt auf der Frankfurter Buchmesse, fordert im Zeichen eines Comic-Känguruhs dazu auf, als Leser „große Sprünge zu machen“. „Im Beutel“ hat das Känguruh jede Menge Mitmach-Aktionen, mit denen vor allem bei Kindern und Jugendlichen Leselust geweckt werden soll.

Den Nachwuchs zum Lesen verlocken sollen vor allem Wechselspiele zwischen Texten und Bildern, ohne die man eben nicht mehr auskommt. Da werden zum Beispiel Texte theatralisch umgesetzt, Bilder mit Texten versehen, oder zu Texten passende Bilder erfunden und gemalt. Der Zweck heiligt viele Mittel: Eine der 35 Leseförderungs-Organisationen, deren Aktivitäten hier in geballter Form zusammenwirken, ist – man höre und staune – der Philatelistenverband, der anhand von Dichterporträts auf Briefmarken die Texte der Abgebildeten zur Debatte stellt. Etwas abseitig zwar, aber vielleicht lohnt auch solch ein Versuch.

Im Zelt nebenan produzierten Kinder schon gestern unter fachkundiger Anleitung munter ein eigenes Buch – vom Schreiben der Texte über Satz und Druck bis hin zum Verfahren der Buchbindung. Dagegen wirken Werbemaßnahmen wie Autorenlesungen, die gleichfalls in den Zelten stattfinden, geradezu konventionell. So wie es gestern den Anschein hatte, wurden die Aktionen in Saus und Braus in Anspruch genommen. Wer allerdings von dem Aktionsspektakel genug hatte, konnte sich in die „Lesehöhle“, sozusagen dem Zielpunkt aller Aktionen, zurückziehen.

All diese Anstrengungen, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit rund 200000 DM bezuschußt, begründet Klaus Kluge vom Börsenverein (und zugleich Chef in den Zeiten) damit, daß Lesen (Umfragen zufolge) von einer wachsenden Zahl von Menschen als die reinste Mühsal empfunden werde. Kluge nennt auch als Ziel der Aktionen: „Wir wollen, daß Lesen wieder Spaß macht!“ Einige Stände sind leider nur gut gemeint, aber nicht sehr gut gemacht: Sie beschränken sich auf die Ausgabe von Auswahllisten für Jugendliteratur. Schade auch, daß die (sicher auch notwendige) Leseförderung für Erwachsene viel zu kurz kommt. Der Volkshochschulverband, der seine Alphabetisierungs-Kampagne hatte vorstellen wollen, sagte kurzfristig ab.

DDR-Verlage mit Partnern in Österreich

Wohl weniger Probleme mit neuen Medien und ihren Folgen sowie mit der Leseförderung hat sicher die DDR. Dort ist das Problem eigentlich umgekehrt: Genügend Lesestoff zu produzieren und vorhandene Spielräume zu erweitern. Wie gestern auf einer Pressekonferenz der DDR-Verlage verlautete, werden in Kürze auch Umberto Ecos Bestseller „Der Name der Rose“ sowie vermutlich auch weitere Arbeiten des Philosophen Ernst Bloch in der DDR erscheinen. Zusammen mit Österreich will die DDR außerdem eine gemeinsame „österreichische Bibliothek“ mit literarischen Werken aus Vergangenheit und Gegenwart herausbringen. Das jedenfalls kündigten Verlagsvertreter aus Ost-Berlin gestern an. Darüber hinaus sollen in nächster Zeit Bücher von Autoren veröffentlicht werden, die früher in der DDR lebten. Dazu gehören Titel von Günter Kunert und Sarah Kirsch. Als Lizenzausgaben verlegt die DDR auch Werke von Botho Strauß, Siegfried Lenz, Martin Walser, Rolf Hochhuth und August Kühn. Zur Auswahl der Texte wurde betont, es sei wichtig, daß die einzelnen Arbeiten in das „Pro und Contra der literarischen Debatte paßten“.




Lesen als „Gehirn-Jogging“ gegen die Flut der Bilder – Frankfurter Buchmesse: Branche in der Defensive

Aus Frankfurt berichtet
Bernd Berke

Frankfurt. „Zum Wachstum verdammt“ – so sieht Messedirektor Peter Weidhaas die Frankfurter Buchmesse, die heute zum 37. Mal ihre Pforten öffnet und natürlich wieder mit neuen Rekordzahlen aufwartet. 6598 Verlage aus 77 Ländern präsentieren bis zum 14. Oktober 320000 Titel, davon über 90000 Neuerscheinungen.

Trotz der imponierenden Zahlen: Das Buch ist ganz offenkundig arg in die Defensive geraten. Daher wird unter anderem erstmals ein „Zentrum Leseförderung“ als „Antwort auf die neuen Medien“ eingerichtet, wie es Günther Christiansen, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, gestern bei der Eröffnungspressekonferenz formulierte. In der „Leseförderungs“-Zeltstadt sollen rund 40 einschlägige Initiativen (von „Das lesende Klassenzimmer“ bis zum Zeitungsverlegerverband) fürs Lesen aktiv werden. Eine „Zweiklassengesellschaft“ von Lesern und Nichtlesern, so befürchtet Ulrich Wechsler, Aufsichtsratsvorsitzender der Messegesellschaft, könnte heraufdämmern, wenn nicht aktiver für das Buch geworben werde. Wechsler empfahl das Lesen als „Gehirn-Jogging“, mit dem man Herrschaft über die allgegenwärtige Bilderflut erlangen könne.

Verlage wollen den Markt sichern

Eher vorsichtig gab sich Günther Christiansen. Zwar wolle man es nicht „bei apokalyptischen Tönen bewenden lassen“, doch, so gestand er zu,  es gehe nunmehr um die „existentielle Zukunft“ der Verlage und des Buchhandels sowie um „Marktsicherung“. Umsatzzuwächse von rund sechs Prozent in den ersten acht Monaten dieses Jähres geben allerdings Anlaß zu vorsichtigem Optimismus.

„Man stelle sich vor, über die Bildschirme würde nur die Realität flimmern!“ Mit diesen Worten unterstrich Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann gestern Abend die Bedeutung der Kultur in seiner Eröffnungsansprache zur Buchmesse. Kultur als Realitätsflucht? Das denn doch nicht. Das Buch, so Bangemann, helfe vor allem, den „technischen Fortschritt auch geistig“ zu bewältigen. Und: „Ein Wirtschaftsminister darf sich den kulturellen Werten und Strömungen nicht entziehen, Kunst und Kultur einerseits, Wirtschaft andererseits erhalten und beleben sich wechselseitig.“ Gleichzeitig sprach sich Bangemann allerdings für eine stärkere Förderung der europäischen audiovisuellen Programmindustrie aus. Ob die Buchmesse dafür der rechte Anlaß ist, sei dahingestellt.

Recht deutlich schälen sich schon bei einem flüchtigen ersten Messerundgang Trends heraus: Bücher zum 150. Eisenbahnjubiläum, zum Jahr der Musik und – wohl ein längerfristiger Trend – zu den Schönheiten deutscher Landschaften werdenbesonders auffällig postiert. Weiterhin bemerkenswert: Video wird nur noch sehr dezent als Präsentationshilfe eingesetzt, beziehungsweise fällt es kaum noch als Fremdkörper auf.

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Kommentar

Die Angst der Verlage vor den bunten Bildern

Lesen – egal, was?

Buchhandel und Verlage gehen in Abwehrstellung gegen die immer größere elektronische Bilderflut. Kassandra-Rufe über den Zerfall der Lesekultur gehören zwar seit jeher zum kulturkritischen Begleitprogramm der Buchmesse. Jetzt aber scheint es nicht mehr um feinsinnige Auseinandersetzungen zu gehen, sondern schlicht und einfach „ums Eingemachte“. Eine wirkliche Angst vor übermächtiger Konkurrenz durch Fernsehen und Video ist spürbar.

Auffallend ist, daß nun gar nicht mehr eine bestimmte Lesekultur gefordert wird, sondern Lesen überhaupt und in jeder Form. Das zeugt sicher von größerem Realismus und Pragmatismus. Man will eben niemandem vorschreiben, was Niveau zu sein hat. Es zeugt aber wohl auch von der Defensive, in die die Buchmacher und Verkäufer geraten sind.

Von „Marktsicherung“ ist die Rede, also von dem, was am Markt noch durchsetzbar ist. Eine durchweg solide, vielleicht konservative Position, die von Inhalten absehen zu können glaubt. Dabei kommt es, so könnte man entgegenhalten doch auch ein bißchen darauf an, welche Bücher gelesen werden. Wichtig ist nicht nur, d a ß, sondern auch w i e man mit ihnen umgeht.

Bernd Berke, z. Z. Frankfurt




Lothar Kampmanns souveräne Kurzel – scheidender Dortmunder Kunstprofessor stellt aus

Von Bernd Berke

Dortmund. Mit dem Kohlenzug fuhr Lothar Kampmann 1946 von Dortmund nach Hamburg, um dort eine Theateraufführung zu sehen. Auf der Reise durchs zerstörte Deutschland entstanden Zeichnungen, die das düstere Menschenelend jener Zeit ahnen lassen: „Die Blinden“, „Die Tauben“, „Die Stummen“. Die drei Blätter setzen jetzt starke Akzente bei einer Ausstellung im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte.

Zeichnungen und Kleinplastik des langjährigen Dortmunder Kunstprofessors Kampmann (der 60jährige erhielt am Donnerstag seine Ruhestandsurkunde) aus den Jahren 1945-85 sind zu sehen. Alle 160 Exponate stammen aus Kampmanns Atelier-„Schubladen“.

Bevorzugt arbeitet Kampmann mit Rohrfeder und Tusche. Geradezu „manisch“ (so er selbst) stellt er zum einmal gefundenen Thema serienweise Variationen her, „bis ich mir die Feder untertan gemacht habe“. In diesem Stadium „sitzt“ jeder Strich. Manche Zeichnung ist dann, so der Künstler, „in einer Minute fertig“.

Der Prozeß ist anhand einiger Exponate sehr gut zu verfolgen. Sind zu Beginn einer Serie die Figuren meist noch filigran ausgearbeitet, so werden sie dann immer kürzel- und zeichenhafter umrissen. In ihrer souveränen, lakonischen „Selbstverständlichkeit“ erinnern diese Blätter zuweilen an japanische Tuschzeichnungen. So zeigen etwa zwei Arbeiten aus der Serie „Schaukeln“ nur noch schwindelerregende Bewegungsmuster.

Im Mittelpunkt von Kampmanns Schaffen steht die menschliche Figur, besagte Blätter von 1946 deuteten die Richtung bereits an. Landschaften und Gegenstände dienen nur als Staffage. Kampmanns Serie „Liebesbilder“ ist ein neuerer Beleg.

Der Kampmann-Überblick wird am Sonntag um 11 Uhr eröffnet und dauert bis 3. November. Vielleicht profitiert er von der Magnetwirkung der „Aktfoto“-Ausstellung im selben Hause (nach knapp einer Woche fast 10 000 Besucher).

Übrigens: Lothar Kampmann, der in Kamen-Methler ein Atelier und eine Schmiede hat, will auch im Ruhestand nicht rosten. Gegenwärtig entwirft er im Auftrag der Stadt Kamen das Konzept für eine kommunale Kunstschule, die Handwerkslehrlingen eine künstlerische Zusatzqualifikation vermitteln soll.




Markenzeichen Thomas Gottschalk

„Ich stelle mich: Thomas Gottschalk“ (WDF, 20.15 Uhr)

Nicht „Ich stelle mich“ hätte diese erste Ausgabe nach der Sommerpause heißen sollen, sondern „Ich stelle mich d a r!“ Ja, dieser Thomas Gottschalk war wirklich zu kregel, zu gewieft und routiniert für Claus Hinrich Casdorff! Letzterer stellte, wenn er denn mal in seiner Sendung zu Wort kam, sauertöpfisch-moralisierende Fragen, die Tausendsassa Gottschalk jeweils schnell mit ein paar lockeren Sprüchen wegwischen konnte. Das „Streit“-Gespräch mit dem Kölner Generalvikar geriet dann vollends zur Farce. Es endete in gegenseitigem Schulterklopfen und Lobhudelei. Gottschalk ist in der Lage, seine wenigen Ansichten so harmlos vorzubringen, daß ihm keiner so richtig böse sein kann.

Immerhin wissen wir nun, daß der jungenhafte Liebling der Nation (tatsächliches Alter: 35 Jahre) einen erklecklichen Frank-Elstner-Komplex demonstrativ vor sich herträgt, daß er nicht als oberflächlich gelten mag (es aber doch sein muß – die Einschaltquoten-Philosophie, der er selbst huldigt, will es halt so) und einen Regierungs-Mix mit Helmut Schmidt, Gerhard Stoltenberg und Otto Schily für wünschbar hält.

Einerseits bekannte sich Gottschalk mit Freuden zu seinem Unterhaltungstalent. Andererseits wollte er dieses Bild zurechtrücken, wollte er mit Macht zeigen, daß er auch ein nachdenklicher Mensch ist. Es zeigte sich schnell, daß ihm ausnahmslos jedes Thema zur flockigen Selbstdarstellung gerinnt. Er ist ein Markenzeichen seiner selbst geworden –  und davon kommt er so bald nicht los.

Bernd Berke




Querschnitt durchs Werk von Fritz Winter in drei Museen

Von Bernd Berke

Hamm/Ahlen. Der Beginn seiner Laufbahn war geradezu traumhaft: Fritz Winter, geboren am 22. September 1905 in Altenbögge bei Hamm als Sohn eines westfälischen Bergmanns, bewarb sich 1927 an der damals wichtigsten Kunstschule Deutschlands, dem Bauhaus in Dessau, wo so berühmte Lehrer wie Paul Klee, Josef Albers und Wassilij Kandinsky wirkten. Winter, der seine Jugend in Ahlen/Westfalen verbrachte und auch selbst im Bergbau gearbeitet hatte, war mit seinen 15 eingereichten Zeichnungen erfolgreich.

In den 50er Jahren wurde er international bekannt und mit zahlreichen Preisen bedacht. Nun werden dem 1976 gestorbenen Künstler, der jetzt 80 Jahre alt geworden wäre, in Hamm und Ahlen gleich drei parallele Ausstellungen gewidmet. Das Gustav-Lübcke-Museum in Hamm zeigt bis 27. Oktober das Frühwerk (1926-1945), das von Winters Nichte Helga Gausling geleitete Ahlener Fritz-Winter-Haus präsentiert seine Arbeiten zwischen 1949 und 1970 (bis 15.12.) und das Ahlener Heimatmuseum die weithin unbekannt gebliebenen Filzstiftzeichnungen seit 1970 (bis 27.10.). Wohl selten war ein derart umfassender Querschnitt durch Winters Werk beisammen. Die frühen Arbeiten werden in Hamm gar erstmals in dieser Geschlossenheit gezeigt.

Winter neigte schon früh zur Abstraktion vom Gegenständlichen, ja er nahm sogar schon lange vor dem Krieg die farbpoetischen Tendenzen vorweg, die in den 50er Jahren unter den Begriffen „Informel“ und „Tachismus“ die Szene beherrschten. Ganz gegenstandsfrei arbeitete Winter allerdings kaum. Zumeist gestaltete er eine kristalline, pflanzen- oder erdhafte Formweit, die sich auf subtile Weise doch wieder auf Natur-Urbilder bezieht.

Winters Weg führte – über eine wohl notwendige formaIe Distanzierung vom übermächtigen Bauhaus-Vorbild Klee – nach Jahren auch in eine dem Lehrer verwandte Richtung (Beispiel: „Spannung zwischen zwei Rot“, 1932). Sein Werk blieb aber letztlich durchweg eigenständig. Dies gilt besonders für einen der Höhepunkte seines Schaffens, die Serie „Triebkräfte der Erde“ (1945), die in der katastrophalen Schlußphase des 2. Weltkrieges (Winter war von den Nazis als„entartet“ verfemt und mit Berufsverbot belegt worden) in einem Akt wohl beispiellosen Aufbäumens so etwas wie eine lichte, rauschhaft-„religiöse“ Gegenwelt der Hoffnung evozieren.

Teile der drei Ausstellungen (Gesamtkatalog 32 DM) kommen Anfang 1986 auch ins Siegener „Haus Seel“.




Die Bühne, das monströse Wahnsystem – Thomas Bernhards „Theatermacher“ in Bochum

Von Bernd Berke

Bochum. Ein fast dreistündiger Wahnwitz-Monolog, eine qualvoll in sich selbst kreisende, alles unterschleifende Haß-Litanei gegen die rundum „widerwärtige“, „absurde“, „perverse“ Welt, unter besonderer Berücksichtigung der kunstfeindlichen „Eiterbeule Österreich“ – das muß ein Stück von Bernhard sein.

Thomas Bernhards „Der Theatermacher“, in Claus Peymanns Inszenierung jüngst zu Salzburg uraufgeführt (die WR berichtete), war am Samstag erstmals an Peymanns Noch-Wirkungsstätte Bochum zu sehen. Und wenn sich auch die zahlreich wiederholten Bösartigkeiten gegen das Alpenvolk hier abstrakter ausnehmen als eben beispielsweise in Salzburg, so sind doch immerhin große Teile des Bochumer Publikums durch langjährige Aufführungspraxis „Bernhard-geschult“. Verständnisbereitschaft, ja streckenweise auch Nachsicht für diesen eher schwachen Text sind denn auch nötig.

„Der Theatermacher“ Bruscon (Traugott Buhre), der sich gern in einem Atemzug mit Shakespeare und Goethe nennt, ist mal wieder in der hinterletzten Provinz gelandet. Die von ihm tyrannisch geführte Familientruppe (Gattin mit Dauerhusten, zwei Kinder zwischen natürlicher Widerspenstigkeit und andressierter Unterwürfigkeit) soll Bruscons monströse Welthistorien-Komödie „Rad der Geschichte“ im schmutzstarrenden Saal der Dorfkaschemme von Utzbach aufführen. Hochfliegende Ideen treffen auf widrigste Umstände. Da liegt die Wut auf alles Wirkliche nah. Bruscon unterwirft jegliche Realität seiner gigantischen Schmieren-Dramaturgie, will alles seiner Scheinwelt einverleiben. Er formt alles zum künstlichen Zeichen, zum Anlaß für Theatralik.

Der Wirt (hervorragend als fast stummer Widerpart: Hugo Lindinger), ein Alltagstölpel aus solcher Sicht, wird flugs zum bühnentauglichen Opfer eines „Pächterschicksals“ umschwadroniert. Jedes Ausstattungsstück muß millimetergenau nach Bruscons Willen plaziert werden – er setzt die Zeichen oder läßt sie setzen. Was nicht in dieses Wahnsystem, das letztlich in Theatervernichtung mündet, integrierbar ist, wie der nahebei stinkende Schweinestall und dito Misthaufen, wird verbal niedergemetzelt.

Traugott Bahre gestaltet seine Rolle wie ein überlebensgroßes Monument. Kirsten Dene hustet und keucht sich geradezu virtuos durch ihre wortlose Rolle, Josefin Platt als „Tochter Sarah“ und Martin Schwab als „Sohn Ferruccio“ sind Musterbilder der Gespaltenheit. Aus diesem scheinbar nur nörgeligen Stück so viel herauszuholen, ist bewundernswert. Darsteller (besonders Buhre und Lindinger) und Regisseur Peymann bekamen verdientermaßen einen donnernden Schlußapplaus.




Zwischen Erotik und Erniedrigung – umfangreiche Aktfoto-Schau in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Der nackte Menschenkörper vor der Kamera. In allen denkbaren Posen, Verfremdungen, Freiheiten und Zwängen; kultiviert, erhöht, aber auch vergewaltigt.

Von der Erotik bis zur Erniedrigung, vom Bild mit Kunstanspruch bis zum Kommerz-Reißer reicht das Spektrum der Ausstellung „Das Aktfoto“, die jetzt – nach langen und zähen Verhandlungen – im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte zu sehen ist. Höchstwahrscheinlich wird dies die einzige Station nördlich der Mainlinie bleiben. Die Schau, die besonders in München Furore machte (die WR berichtete ausführlich) und nun via Frankfurt und Wien ins Revier kommt, dürfte, trügen nicht alle Sinne, wohl die bestbesuchte Ausstellung dieses Jahres in Dortmund werden. Ob sich, wie in München geschehen, auch hier Besucher vor den Bildern ihrer Textilien entledigen, bleibt abzuwarten.

Pornographie hinter einer Stellwand

2000 Exponate waren in München zu sehen. Für Dortmund wählte Dr. Jörn Christiansen rund 700 Bilder aus. Christiansen beabsichtigt eine Konzentration aufs Wesentliche, einen gerafften historischen Überblick sowie ein Kaleidoskop verschiedener Themen und Funktionsbereiche (z. B.: der nackte Körper auf Daguerreotypien, im Umfeld der FKK- und Body Building-Bewegung, des Journalismus und der Werbung). In einer verschwiegenen Ecke, hinter einer Tafel, die Jugendliche unter 18 vor dem Zutritt warnt, finden sich auch einige Beispiele für pornographische Lichtbilder.

Zusammenhänge und Querbezüge dieser ungünstig auf drei Etagen verteilten Ausstellung muß man sich erst erschließen. Fachkundige Führungen und eine Diaschau sollen dieses Problem mildern. Die Ausstellung dauert vom 21. September bis zum 8. Dezember. Der eigens für Dortmund erweiterte Katalog kostet 39 DM.




„Dantons Tod“: Die Revolution als Kasperltheater

Von Bernd Berke

Wuppertal. „Dantons Tod“ ist von der ersten Szene an eine Tatsache, die nur noch nicht ganz eingetreten ist.

Der ehedem revolutionäre Melancholiker verbirgt sich vor der elenden Schreckensherrschaft Robespierres unter Julies weißem Rock – und der ist schon ein symbolisches Leichentuch. Mit Georg Büchners Stück, dessen Untertitel „Die Revolution frißt ihre Kinder“ lauten könnte, eröffnete das Wuppertaler Schauspielhaus die neue Spielzeit.

Von „Revolution“ ist nichts mehr zu spüren in Ulrich Greiffs Inszenierung. Robespierres Guillotinen-Terror, im Namen einer genußfeindlichen „Tugend“ rasend geworden, hat nicht nur die politische Vernunft, sondern die ganze Realität ausgelöscht. Simon (Holger Schamberg) hockt, dem Publikum zugewandt, wie ein Shakespearscher Narr in seinem Souffleurkasten und pocht – zum Ersten, zum Zweiten, zum Letzten – die Stationen des Unaufhaltsamen ab. Ausverkauf der Utopie.

Die Bühne (Einrichtung: Wolf Münzner) ist diagonal geteilt. Vom rechts spielen sich die traumwandlerischen Szenen aus Dantons Sphäre ab, hinten links gibt ein zweiter Vorhang sodann den Blick aufs „Volk von Paris“ frei. Rund 160 Statisten nennt das Programmheft. Sie haben keinen echten Aktionsraum, sondern verharren meist auf einer riesigen schwarzgrauen Treppe, die schräg in die Bühne hineinragt und so beengend ist, wie das ganze Konzept dieser Aufführung.

Dieses Volk ist in erster Linie tumbes „Beifallsvieh“, die Revolution ein Kasperltheater: Wer immer von den Führern „Seid ihr auf meiner Seite?“ ruft, kann alsbald mit einem vielstimmigen „Ja“ rechnen.

Alles nur Traum und Theater also. Und so erlebt man auch Szenen künstlicher Erstarrung, die nur hin und wieder weiterrücken, um dann gleich wieder einzurasten. Triebkräfte gibt es da nicht. Alles, was geschieht, „geschieht eben“.

Die Revolution ist längst keine mehr. Danton soll geopfert werden, um das hungernde Volk noch einmal anzustacheln. Heiner Stadelmann spielt den „Danton“ als schwerblütigen Fatalisten, der seinen letzten Antrieb, die Früchte der politischen Umwälzung genußreich zu verzehren, freilich nicht recht glaubhaft machen kann. Lebendig darf er nicht sein, nur kurze Augenblicke des Aufloderns kann er zeigen. Eine schwierige Rolle. Siegfried Maschek gibt Dantons Widersacher Robespierre als vereinsamten Demagogen. Insgesamt bietet das Ensemble eine geschlossene Leistung. Ohne schlimme Schwachpunkte, aber auch ohne Szenen, die wirklich betroffen machen könnten. Trotzdem: orkanartiger Beifall.




Operettenhaft: Stück über Katastrophe auf Zeche Radbod

Von Bernd Berke

Hamm. Der 12. November 1908 war einer der schwärzesten Tage in der Geschichte des Revierbergbaus. Um 4.20 Uhr früh kostete eine gewaltige Schlagwetter-Explosion 350 Bergleute das Leben. Ort der Katastrophe: Zeche Radbod in Bockum-Hövel, dem heutigen Hammer Ortsteil.

Alfons Nowackis Revier-Ballade „Auf in den Westen, wo schwarz ist das Gold“ macht den schrecklichen Vorgang, an dem Bergwerksbosse die Hauptschuld trugen, zum Dreh- und Angelpunkt eines Ruhrgebiets-BiIderbogens mit Szenen aus dem Alltag der „Kumpel“.

Im Schatten der Unglückszeche von 1908, nämlich im Saalbau Bockum-Hövel, hatte am Freitagabend die Inszenierung des Westfälischen Landestheaters (WLT) Premiere. Sei es, daß die Castroper Truppe die Werbetrommel zu leise rührte, sei es, daß Frei-Haus-Unglücke im Fernsehen sich heute mehr aufdrängen als die Vorgeschichte der eigenen Region – die Veranstaltung fand jedenfalls vor halbleeren Rängen statt.

Nowackis Stück birgt Gefahren. Hauptsächlich die, in Revierkitsch zu verfallen. Dagegen ließe sich anspielen: derb, direkt, aggressiv. Bernd Krzistetzkos WLT-Einstudierung wirkt – ganz im Gegensatz zur Essener Uraufführung im Januar 1984 – über weite Strecken operettenhaft.

Die Geschichte einer polnischen Familie, die zu Beginn des Jahrhunderts mit goldenen Verheißungen ins Revier gelockt wird und dort zwischen Ausbeutung und Ausländerfeindlichkeit heimisch werden muß, wird – alles in allem – zu gefällig vorgetragen. Immerhin gibt es Szenen des Innehaltens, bei denen Zorn und Trauer aufblitzen. Bevor sich solche Momente wirklich verdichten können, ist jedoch oft schon das nächste schmissige Lied angestimmt.

Episode bleibt auch jene Gerichtsszene, die man neu hinzugefügt hat und in der die Ursachen der Radbod-Katastrophe ganz im Sinne der Unternehmerseite unter den Tisch gekehrt werden. Der Ausgang freilich steht schon beim ersten Wort fest, und zwar nicht im Brechtschen Sinn, so daß nun etwa das „Wie“ dieser Ungeheuerlichkeit schärfer hervortreten würde. Vielmehr schnurrt die Szene spannungslos ab, statt daß sie entwickelt wird und Bruchstellen offenlegen kann.

Aus dem Ensemble ragen Rose Hegenscheidt und Moritz Dürr deutlich heraus, die ahnen lassen, daß in Nowackis durchschnittlichem Stück dennoch Sprengstoff steckt.




„Ehrenrettung“ für den Graphiker Marc Chagall – Münster legt Schwerpunkt auf Frühwerk

Von Bernd Berke

Münster. Der im März 1985 verstorbene Marc Chagall hat sich in seinem graphischen Spätwerk oft nur noch spannungslos-süßlich selbst zitiert. Es fällt schwer, dies zu schreiben: Auf seine alten Tage hat Chagall manche Belanglosigkeit zu Papier gebracht. Zudem tauchen immer häufiger „wilde“, nicht autorisierte Nachdrucke auf.

Jetzt präsentiert das Westfälische Landesmuseum in Münster rund 300 graphische Arbeiten Chagalls, und just zu diesem Zeitpunkt steigt ein örtliches Kaufhaus massiv in den Kommerz mit Chagall-Drucken ein.

Chagalls graphisches Spätwerk rangiert im Urteil der Fachwelt niedrig. Gleichviel, ob den Experten vielleicht gerade die außerordentliche Popularität des Chagall’schen Figurenkosmos verdächtig ist – das Landesmuseum versucht sich nun sozusagen an einer „Ehrenrettung“, indem es den Schwerpunkt aufs graphische Frühwerk legt, das noch vor lauter unverbrauchter Fabulierlust sprüht.

Ernst-Gerhard Güse, der die Auswahl für Münster zusammenstellte: „Wir haben viel aussortieren müssen, weil es einfach nicht unseren Qualitätsvorstellungen entsprach.“ Chagall, der Weltkünstler – ein Stümper? Das nun doch nicht! Was für Münster ausgesucht wurde, reicht allemal für einen Platz in der Kunstgeschichte.

Im Mittelpunkt stehen große Graphikzyklen, die zwar nicht vollständig, aber in beachtlichen Anteilen zu sehen sind. Am Beginn: Chagalls Illustrationen zu seiner Autobiographie „Mein Leben“ von 1922, die auf’Anregung des Berliner Galeristen Paul Cassirer entstanden, durch den Chagall überhaupt erst (mit 35 Jahren!) auf die Möglichkeiten der Graphik aufmerksam wurde. Diese Radierungen zeigen noch ganz die dörfliche Welt, in der Chagall aufwuchs. Dichtung und Wahrheit verfließen aufs Herrlichste ineinander. Da sitzt etwa auf dem Blatt „Haus des Großvaters“ selbiger rittlings auf dem Dach – und Chagall behauptete in seiner Biographie, dies sei tatsachlich so vorgefallen.

Der Graphiker Chagall widmete sich vor allem Illustrationen dichterischer Vorlagen, zuerst (1923) zum satirischen Gogol-Roman „Die toten Seelen“. Gogol zeigt sich in diesem Werk als Meister der gekonnten Abschweifung, und Chagall kommt es genau auf jene „Nebensachen“ an, die die Atmosphäre ausmachen. Die Gogol’sche Sozialkritik blendet er allerdings weitgehend aus. Es folgen Illustrationen zu La Fontaines Tierfabeln. Chagall, zuvor mit leichter Linienführung arbeitend, bündelt und schraffiert, findet seinen unverwechselbaren Stil. Zugleich verdeutlicht die La Fontaine-Serie sein Heimischwerden im französischen Kulturkreis. Weiterhin sehenswert: Illustrationen zu „1001 Nacht“(„Arabische Nächte“), Bilder zum Alten Testament und Farblithographien zu Longus‘ klassischem Roman „Daphnis und Chloe“.




Filmteam „belagert“ alte Burg in Lüdinghausen

Von Bernd Berke

Lüdinghausen. So eine Aufregung hat das Städtchen Liidinghausen schon lange nicht mehr erlebt. 1958 wurde dort das letzte nennenswerte Kinofilm-Team gesichtet – jetzt, volle 27 Jahre später, hat sich gleich ein ganzer Schwärm von Prominenz auf der Burg Vischering eingefunden, um dort die entscheidenden Szerien für Hans Christoph Blumenbergs neuen Streifen „Der Sommer des Samurai“ abzudrehen.

Dabei: Conny Froboess, erstmals seit den 50er Jahren („Conny und Peter machen Musik“) wieder mit Peter Kraus vor der Kamera; dazu Nadja Tiller, die auch schon seit zehn Jahren an keinem Kinoprojekt mehr mitgewirkt hat, Hans Peter Hallwachs (der „Fabian“ von Wolf Gremm) und Wojciech Pszoniak (der „Robespierre“ im „Danton“-Film Andrzej Wajdas). Auch auf der Besetzungsliste: Hannelore Hoger und Volker Lechtenbrink.

Verzweifelt hatte das 40köpfige Filmteam eine Burg gesucht, in der sich der exzentrische „Krall“, eine der Negativfiguren dieses Fantasy-Films, so richtig wild-romantisch verschanzen kann. Da der Streifen in Hamburg spielt, hielt man zunächst im norddeutschen Raum nach trutzigen Gemäuern Ausschau. Vergebens. Schließlich wurde man im Westfälischen fündig. Produzent Michael Bittins: „Burg Vischering ist genau das Richtige für uns!“

Der Festungsbau aus dem 13. Jahrhundert, auch schon mal als „Westeuropas schönste Wasserrundburg“ apostrophiert, ist nun Schauplatz des Schlußkampfes in einem Film, dessen Inhalt phantastisch anmutet: In Hamburg geht ein Phantom um, das an den Orten seiner Untaten japanische Schriftzeichen hinterläßt. Star-Reporterin Christiane Land (Conny Froboess) setzt sich auf die Fährte einer Verschwörung, deren Wurzeln bis ins japanische Mittelalter zurückreichen. Hauptbösewicht: besagter Lord Krall Wojciech Pszoniak).

Die Lüdinghauser Szenen des 110-Minuten-Films spielen hauptsächlich im Rittersaal und im Innenhof. Handzettel klärten die Bevölkerung über die neuzeitliche „Belagerung“, ihrer Burg auf. Besonders ältere Jahrgänge wurden hellhörig, als sie merkten, daß hier Stars wie Nadja Tiller agierten. Nadja Tiller ist es auch, die in einer spektakulären Szene durch eine „chemische Dampfschleuse“ in die Burg kommt. Sie ist als „Expertin für Intrigen“ Krall zu Diensten.

Blumenbergs zweiter Film (nach seinen in den Kinos glücklosen „Tausend Augen“) ist mit einem Budget von 2,2 Mio. DM ausgestattet. 637000 DM stammen  aus Kultur- und Wirtschaftsförderungsmitteln der Hansestadt Hamburg, 750000 DM vom Ko-Produzenten ZDF. Im Frühjahr ’86 soll das Werk mit 30 bis 50 Kopien in die Kinos kommen, ab 1988 ins Fernsehen.

Daß Conny Froboess und Peter Kraus (diesmal als Barkeeper) nach 25 Jahren wieder einmal vereint auf der Leinwand auftauchen, war, so jedenfalls Produzent Bittins, „nie als Werbegag gedacht“. „Conny und Peter“, seit ihrer Jugendzeit auch privat befreundet, hätten im Gegenteil .Ängste gehabt“, daß der Film ins falsche Fahrwasser geraten könne. Auf die Verleihwerbung für den Film darf man somit sehr gespannt sein…

 




Evangeliar Heinrichs des Löwen in Braunschweig – teuerstes Kunstwerk der Welt erstmals ausgestellt

Von Bernd Berke

Braunschweig. Heinrich der Löwe (1129 bis 1195) bekommt jetzt in Braunschweig „Personenschutz“. Zwei Polizeibeamte flankierten schon gestern die Vitrine mit dem teuersten Kunstwerk der Welt – dem am 6. Dezember 1983 in London für rund 32 Millionen DM ersteigerten „Evangeliar Heinrichs des Löwen“. Jetzt, genauer ab Samstag, wird das kostbare Stück, um dessen Finanzierung es seinerzeit so viele Querelen gab, erstmals der breiten Öffentlichkeit gezeigt.

Grandioser Rahmen ist die niedersächsische Landesausstellung „Stadt im Wandel“ im Braunschweigischen Landesmuseum (Vieweghaus) und in der Burg Dankwarderode (dort befindet sich das Evangeliar). Sie zeigt mit weit über 1100 Exponaten einen überwältigenden Querschnitt durch Alltag, Kunst und Kultur zwischen 1150 und 1650 im norddeutsehen Raum.

Das um 1175 herum entstandene „Löwen“-Evangeliar, dessen Präsentation nicht die einzige, wohl aber die hervorstechende Sensation dieser Schau ist, wird hier in breiter Darstellung des Zeithintergrunds, als Dokument einer – das Wort sei gestattet – „Wende“ der deutschen Geschichte vorgeführt.

Da das Evangeliar ein (seinerzeit dem braunschweigischen Dom gestiftetes) Buch ist, können nur zwei der 31 Farbbilder aufgeschlagen gezeigt werden. Das wohl wichtigste zeigt die Krönung Heinrichs des Löwen unmittelbar durch Gottes Hand – wobei die beauftragte Werkstatt des Benediktinermönchs Heriman kurzerhand überging, daß Heinrichs Vetter, Friedrich I. (Barbarossa), dazumal Kaiser war.

Die seit 1979 vorbereitete, 10 Millionen DM teure Ausstellung als Ganzes ist natürlich auch aller Rede wert. Noch nie wurden beispielsweise so viele religiöse Kunstwerke aus Norddeutschland zusammengetragen wie hier. Leihgaben aus aller Welt, darunter auch ein Bronzekruzifix (1120) aus dem Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte, machen es möglich.

Vom Spitzenkunstwerk bis zur scheinbaren Banalität (Dokumentation der Wasserversorgung einer mittelalterlichen Stadt) wird hier ein denkbar breites Panorama der Entwicklung von den frühen Stadtgründungen bis zur Zeit des Westfälischen Friedens ausgebreitet.

Hier ein grober Überblick: Sechs Abteilungen gliedern die riesige Fülle der Exponate. Am Beginn steht die Entwicklung der Städte, die wiederum in sieben Stadttypen untergliedert ist. Für diesen Teil wurden eigens einige Stadtmodelle neu gebaut. Alte Ansichten und Stiche veranschaulichen die zeitgenössische Sicht. Auch gemalte Szenen der christlichen Heilsgeschichte verraten manches über die Struktur mittelalterlicher Städte, da die Künstler das biblische Geschehen oftmals in ihre eigenen Umgebung verlegten.

Die zweite Abteilung gewährt einen Einblick in „Haus und Familie“. Ganze Ensembles, so die Wohnung eines Zinngießers aus Göttingen, vermitteln hier greifbares Ambiente. Hausrat, Kleidung und Schmuck sind weitere Stichworte dieser Abteilung. Aber auch Phänomene wie der Pesttod und Armut der Bevölkerung werden nicht ausgespart.

„Frömmigkeit und Bildung“: Vom Wallfahrts- und Pilgerwesen bis hin zum Tintenfaß wird das ganze Feld der zunächst kirchlich geprägten, dann zunehmend weltlichen Bildung abgeschritten. Für Revierbewohner interessant: Der Bergbau im Harz ist einer der Schwerpunkte der Abteilung „Handwerk und Handel“. Werkzeuge, Planzeichnungen und Produkte runden das Bild aus diesem Lebensbereich ab.

Die Abteilung „Rathaus und Politik“ widmet sich Bereichen wie Archivführung und Justiz, zeigt aber auch prachtvolles Ratssilber. Endpunkt und wohl auch Höhepunkt ist schließlich die „kirchliche Kunst des Mittelalters“. Reliquienbehälter, spätgotische Skulpturen, Ausstattungen von Altären und Buchmalereien des 12. und 13. Jahrhunderts sind hier zu finden.

Die Ausstellung dauert bis zum 29. November (täglich 10 bis 19 Uhr, freitags 10 bis 22 Uhr). Zwei Katalogbände 75 DM / zwei Aufsatzbände 61 DM / Kurzführer 10 DM.




Die sinnlichen Körperstudien des Henri Laurens

Von Bernd Berke

Wuppertal. Der „Kleinen Musikantin“ wächst das Instrument schier aus dem Körper heraus. Ihr Arm formt sich zum Rahmen einer Leier, deren Saiten wie Haare aus dem Mädchenkopf sprießen. So sinnlich, ganz in ihre Körperlichkeit eingesponnen und ohne alle intellektuelle Überformung, erscheinen die Skulpturen des Henri Laurens.

Laurens (1885-1954), an dessen Werk jetzt mit einer beachtlichen Retrospektive im Wuppertaler Von der Heydt-Museum erinnert wird, gehört zu den ganz Großen in der Bildhauerei dieses Jahrhunderts. So unaufdringlich wie seine Skulpturen war er jedoch auch selbst: Der Arbeitersohn, der nach einer Dekorateurslehre als Steinmetz arbeitete, blieb klaglos im Schatten seiner berühmten Freunde, darunter Pablo Picasso, Juan Gris und Georges Braque. Von diesem „Dreigestirn des Kubismus nahm er natürlich Anregungen auf. Zunächst zeichnerisch, dann in Reliefs und Plastiken bildet er die aufgesplitterte Perspektive der Kubisten nach. Das ganze „Inventar“ kubistischer Bilder ist da versammelt, freilich immer mit einem – mitunter beinahe leichtfertigen – Zug ins  Spielerische.

Sehr bald löste sich Laurens denn auch von seinen Vorbildern. Seine Figuren gewinnen zunehmend an Fülle und Rundung, sie schwellen gleichsam lustbetont an. Vor allem mit seinen zahlreichen Frauengestalten gelingt es Laurens, die unterschiedlichsten Stimmungslagen als Körperausdruck hervortreten zu lassen. Die voluminöse „Große Badende“ (1947) vermittelt mit herbem Charme das Behagen eines Sommertages, „Die Woge“ (1932) ist gleichermaßen Studie über Meeresbewegung und Frauengestalt.

In Wuppertal ist nachzuvollziehen, wie Laurens seine formalen Erfindungen immer wieder überprüft hat, indem er viele Motive als Zeichnung, als kleine und als große Plastik (rund 50 Skulpturen, vornehmlich Bronzen und Terrakotten, sind zu sehen) variierte.

Museumsleiterin Dr. Sabine Fehlemann hat die Ausstellung, die schon in Hannover gezeigt wurde, unter finanziellen Mühen nach Wuppertal geholt und um einige Akzente verändert. Sie legt großes Gewicht aufs zeichnerische und graphische Werk von Laurens. Interessant sind vor allem die (beharrlich auf antike, nicht aber auf christliehe Themen zurückgreifenden) Buchillustrationen, etwa zu Homers „Odyssee“. Viele Zeichnungen, oft traumhaft zielsicher in wenigen Schwüngen „hingeworfen“, streifen lustvoll die Grenze zur Karikatur.

Henri Laurens, Von der Heydt-Museum Wuppertal, bis 22.9. (mi-so 10-17 Uhr, di 10-21 Uhr), Katalog 38 DM.




Gegenbilder zur Adenauer-Ära – Werke von Ernst Wilhelm Nay in Münster

Von Bernd Berke

Münster. Was den Marktwert anbelangt, könnte man Ernst Wilhelm Nay plakativ als „Joseph Beuys der 50er Jahre“ bezeichnen. Er gehörte seinerzeit zum „festen Stamm“ der Kasseler documenta, auch auf der Kunst-Biennale in Venedig war er vertreten.

Mittlerweile, nachdem einige Dutzend Stile, Moden und -ismen an der Kunstwelt vorübergerollt sind, ist er zwar nicht in Vergessenheit, wohl aber an die Ränder des Erinnerns geraten. Diesem Zustand will jetzt, mit subjektiv-eigenwilligen Akzenten, eine Ausstellung des Kunstvereins Münster abhelfen.

Ausschließlich aus privaten Sammlungen stammen die 48 Bilder, die einen Querschnitt durch alle Werkphasen (1932 bis in Nays Todesjahr 1968) geben. Zu verfolgen ist ein beständiges Ringen um eine quasi „musikalische“ Rhythmisierung und Öffnung der Bildfläche durch einen zunehmend stärkeren Eigenwert der Farb-Komposition.

Bildtitel wie „Schwarze Rhythmen rot zu grau“ (1952), „Tanzende Perlen“ (1953), „Swing“ (1953) und „Rondo“ (1958) deuten in Richtung musikalischer Ausdruckswerte. Welch ein Widerspruch zum glatten Perfektionswillen der damaligen „Wirtschaftswunder-Kapitäne“, welche Gegenbilder zu den Einengungsversuchen der Adenauer-Ara!

Der Vergleich mit der Musik ist natürlich eine Hilfskonstruktion, die dem Ungegenständlichen eine gewisse Faßbarkeit abgewinnen soll. Zeitweise, vor allem nach Mitte der 50er Jahre, löste sich Nay vollkommen von figurativ-gegenständlichen Formen, die hingegen in seinen „Scheiben“- und „Augen-Bildem“ wieder präsent sind.

In einigen Werkphasen werden die Farbwerte zusehends dynamischer, sie übersprühen und überfluten das Bildgefüge. Dann wieder, phasenweise abwechselnd mit diesen eruptiven Bildern, zwingt sich Nay zu strengerem Bildaufbau – dies allerdings nicht immer ohne Gefahr einer bloß noch dekorativen Wirkung. Die Wechselfolge gleicht einem Ein- und Ausatmen, sie gleicht Anspannung und Erleichterung, der Angst und deren Überwindung.

Neue (oder zumindest verdrängte) Erkenntnisse in Münster: Der Weg in die Gegenstandslosigkeit war schon in den 30er Jahren vorgezeichnet (als Nay den Nazis als „entartet“ galt), und die „Scheibenbilder“, mit denen Nay heute am meisten identifiziert wird (in Münster hängt nur eines aus dieser Serie), haben ihren Platz in einem viel breiteren künstlerischen Konzept.

E. W. Nay -Kunstverein Münster (im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Domplatz 10). Bis 22. September. Di.-So. 10-18 Uhr. Katalog 25 DM.




Aus den Schatzkammern der Sultane – Pracht-Schau in der Villa Hügel mit vielen Leihgaben aus der Türkei

Von Bernd Berke

Essen. Für außerordentliche Prachtentfaltung waren die Ausstellungen in der Villa Hügel seit jeher gut. Üppige Querschnitte durch fremde Kulturen sind die „Spezialität des Hauses“. In diese Tradition reiht sich nun, als insgesamt 39. Schau seit 1953, der Überblick „Türkische Kunst und Kultur aus osmanischer Zeit“ ein (bis 27. Oktober, zweibändiger Katalog 38 DM).

Mehr als 500 Leihgaben aus aller Welt sind zu sehen. Zum ersten Mal überhaupt wurden auch (bisher fürs Ausland gesperrte) Kostbarkeiten aus der Türkei freigegeben. Insgesamt 40 Prunkstücke sind Leihgaben des Museums für Islamische Kunst und des kaiserlichen Topkapi-Palastes in Istanbul.

Das Zeitspektrum reicht vom 14. Jahrhundert, als Osman I. den Grundstein für das nach ihm benannte, lange im Kampf mit christlichen Staaten befindliche Weltreich legte, bis 1922, als der letzte osmanische Sultan abgesetzt wurde. Nicht in chronologischer Folge werden die Exponate gezeigt, sondern in fünf thematischen Untergruppen:

Es beginnt ganz oben in der Gesellschaftspyramide: Die Abteilung „Der Großherr und sein Hof“ vermittelt mit Kronjuwelen, prachtvollen Gewändern, einem Sultans-Thron und Palast-Modellen einen Eindruck von Ausgestaltung und Dekoration höchster Machtentfaltung.

„Die Moschee und das religiöse Leben“ werden, so gut dies anhand von stummen Zeugen geht, in der nächsten Abteilung lebendig. Keramiken belegen einen weiträumigen Kulturaustausch bis hin nach China, Fliesen und Bronzegeräte lassen persische und ägyptische Einflüsse erkennen.

„Das Heerwesen“ wird besonders durch sogenannte „Türkenbeuten“ dokumentiert – Gegenstände, die sich abendländische Herrscher vor allem 1683 (nach der erfolglosen Türkenbelagerung vor Wien) aneigneten. Waffen wie Bogen und Speere sowie ein Wesirzelt gehören zu diesem Teil der Ausstellung. Der nächste Teil ist dem „täglichen Leben“ gewidmet. Hier sind Gegenstände versammelt, die vornehmlich bei der Mittel- und Oberschicht in Gebrauch waren – von Kosmetik-Utensilien über Musikinstrumente, Teppiche und Badetücher bis hin zu kostbarem Kaffeegeschirr und zum Brautgewand reicht die Palette.

Den Abschluß bildet ein Überblick zur Buch- und Schriftkunst, der allein einen Besuch lohnt. Ganz nebenbei werden auch noch sämtliche Münzen gezeigt, die in sieben Jahrhunderten osmanische Zahlungsmittel waren.

Figürliche Darstellungen sind, weil im Islam lange Zeit strengstes Abbildungsverbot herrschte, generell höchst selten. Umso reicher entwickelt sind pflanzenartige Ornamentformen. Faszinierend ist dabei die stilistische Einheitlichkeit, die sich, aller Vielfalt der Erfindungskraft zum Trotz, über Jahrhunderte gehalten hat. Ein Randaspekt der Schau, Einflüsse türkischer Ornamentalkunst auf Mitteleuropa, würde eine eigene Ausstellung verdienen.

Mit der Ausstellung, die seither nur geringfügig verändert wurde, war kürzlich das viel gerühmte neue Museum für Kunsthandwerk in Frankfurt eröffnet worden. Dort stahl der Rahmen, jener erstaunliche Bau des Architekten Richard Meier, den türkischen Schätzen die Hälfte der Schau. In Essen sind sie sozusagen erstmals die alleinige Hauptsache. Im Gegensatz zum lichten Frankfurter Bauwerk belassen die abgedunkelten Räume in Essen den Gegenständen eine eindrucksvolle Aura von Geheimnis.

Der „Verein Villa Hügel e. V.“, der nach dieser Großschau in die „Kulturstiftung Rühr“ eingeht, zeigt die osmanische Pracht nicht ohne Hintergedanken: Womöglich, so die stille Hoffnung und der Tenor des Grußworts von Bundesaußenminister Genscher, werde mit dieser Ausstellung die Toleranz der Deutschen gegenüber den hier lebenden Türken befördert.




Zeugnisse aus grauer Vorzeit: Auch Höhlen im Sauerland sind ergiebige Fundorte

Von Bernd Berke

Münster. Das seit 1980 gültige Denkmalschutzgesetz hat enorme Erleichterungen für die Wissenschaftler mit sich gebracht: Nicht nur historische Bauten, sondern auch zahlreiche Zeugnisse pflanzlichen und tierischen Lebens aus der Vorzeit konnten seither besser erhalten und ausgewertet werden. Diese Bilanz zog gestern in Münster der für ganz Westfalen zuständige Paläontologe des Westfälischen Museums für Archäologie, Dr. Jörg Niemeyer.

Seit 1980 gelten wichtige erdgeschichtliche Funde nämlich als „Bodendenkmäler“. So wird beispielsweise Fossilien-Findern eine Anmeldepflicht auferlegt. Wird sie eingehalten, so können sich Dr. Niemeyer und seine Mitarbeiter sofort auf den Weg „vor Ort“ machen. Sie könnten dort in dringenden Fällen sogar die Unterbrechung von Bauarbeiten veranlassen – gegen entsprechende Entschädigung. Zu diesem drastischen Mittel wurde bisher allerdings noch nie gegriffen, denn, so Niemeyer: „Damit würden wir mögliche Informanten abschrecken“.

Vor allem die zahlreichen Sand- und Kiesgruben in Westfalen gaben seit Bestehen des Gesetzes mehr her als je zuvor. Gerade Kiesgruben „konservieren“ aufgrund ihrer geologisehen Beschaffenheit prähistorisches Material außerordentlich gut. Schon mancher Grubenarbeiter lieferte wissenschaftlich interessante „Nebenprodukte“ vom Fließband weg an die Experten.

Dr. Niemeyer konnte gestern einige eindrucksvolle Kiesgruben-Funde präsentieren, darunter kapitale Mammutknochen, die Zahnreihe eines prähistorischen Riesenhirschen, das Skelettstück eines Bibers, der sich in grauer Vorzeit im damals noch feucht-sumpfigen Westfalen offenbar sehr wohl gefühlt hat. Auch Überbleibsel eines Fellnashorns kamen ans Tageslicht.

Das Alter dieser Funde schwankt zwischen 20 000 und 100 000 Jahren. Zur groben Orientierung: Vor 10 000 Jahren ging für Mitteleuropa die letzte Eiszeit zu Ende. Weitaus jüngeren Datums, vielleicht sogar erst mittelalterlich, sind jene menschlichen Schädel, die aus zwei benachbarten Kiesgruben bei Minden stammen. Einer weist einen Spalt auf, der vielleicht von einem derben Schwerthieb herrührt. All diese Funde werden demnächst ins Naturkundemuseum zu Münster wandern.

Nicht nur die (meist im Raum Minden gelegenen) Kiesgruben, sondern auch die sauerländischen Höhlen tauchen nicht selten als Fundorte in den Chroniken der Münsteraner Wissenschaftler auf. Kürzlich sind die sauerländischen Höhlen komplett aufgelistet worden. Man kam auf rund 600. Kein Wunder also, daß hier vor allem Reste von Höhlenbären gefunden wurden. Aber auch Menschenknochen, Werkzeuge und Mammut-Skelette wurden gesichert. Großes Problem Im Sauerland: Selbsternannte Höhlenforscher“, die sogar Stahltüren an den Höhleneingängen aufschweißen, um an vorzeitliche Relikte heranzukommen.




Neuer Atlas zeigt Westfalen in allen Einzelheiten – Erste Blätter sind erschienen

Von Bernd Berke

Münster. Wie hoch ist die Bettenkapazität für Touristen in Arnsberg? Wo herrscht im Sauerland „Reizklima“? An welchen Stellen in Westfalen kommen weiße Seerosen vor? l Diese und etliche andere Fragen soll der „Westfalenatlas“ beantworten, dessen erste Lieferung jetzt erschienen ist.

Mit dem „Jahrhundertwerk“, bundesweit als Kartenprojekt beispiellos, geht es langsam, aber stetig voran: Die ersten vier von 100 Blättern sind fertig. Pro Jahr sollen vier weitere hinzukommen. Bei diesem Tempo wird man das Jahr 2009 schreiben, wenn das Konvolut komplett vorliegt. Und aktualisieren will man zwischendurch auch noch.

Keine andere deutsche Gegend freilich wird dann dermaßen detailliert kartographiert sein wie Westfalen. Nahezu alle denkbaren Aspekte natürlicher, historischer und gesellschaftlicher Art sollen erfaßt werden. Das geht von der Mundartentwicklung über Siedlungsformen und Bevölkerungszahlen bis hin zur heimischen Tier- und Pflanzenwelt. Federführend ist die für dieses Mammut-Unternehmen eigens personell aufgestockte Geographische Kommission für Westfalen, die dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe untersteht.

Schon im Gründungsjahr der Kommission (1936) reiften Träume von einem derartigen Kartenwerk. Nach dem Krieg wurde die Idee wieder aufgegriffen. Zielgruppe sind vornehmlich die Schulen des Landes, deren Lehrpläne nun wieder verstärkt Bemühungen um regionalkundliches Wissen vorsehen. Die ersten Atlas-Blätter (je eine Haupt- und vier Nebenkarten, dazu Texthefte) sind von der nächsten Woche an über den Buchhandel zu beziehen. 100 Bestellungen liegen vor, die Startauflage soll 2000 Stück betragen.

Wie schwer es sein wird, wissenschaftliche Daten ganz unterschiedlicher Herkunft und Zuverlässigkeit anschaulich auf Karten darzustellen, schwante den Machern vermutlich schon, als sie versuchten, überhaupt erst einmal den Begriff „Westfalen“ einzugrenzen. Vergangene Jahrhunderte verstanden nämlich darunter ein nördlicher gelegenes Gebiet. Erst die Ausdehnung der Preußen-Provinz „Westfalen“ kommt heutigen Begriffen näher. So reichen denn die Karten auch von Oldenburg bis Marburg, wobei Westfalen als Kerngebiet hervortritt, das mit anderen Regionen eng verflochten ist.

Hier die Preise: Jahreslieferung 58 DM (im Voraus-Abonnement 46,40 DM), Einzelkarten 19,80 DM, Sonderrabatt für Schulklassen.




Cappenberger „Spontan“-Schau: Archäologische Funde aus Armenien und dem Kaukasus bergen mehr Rätsel als Erkenntnisse

Von Bernd Berke

Cappenberg. Schloß Cappenberg war eigentlich drauf und dran, sich zum achtbaren Ausstellungszentrum des Kreises Unna zu mausern: Mit den Landkarten seit Ptolemäus hat man zum Beispiel über 15 000 Besucher anlocken können. Ob solche Zahlen auch mit der (ab heute präsentierten) Schau über „Frühe Bergvölker in Armenien und im Kaukasus“ erreicht werden können, scheint mehr als fraglich. Das abgelegene Thema müßte weitaus besser für Laien aufbereitet werden, als dies jetzt geschehen ist.

Zu sehen sind archäologische Funde aus der späten Bronze- und der frühen Eisenzeit: Tierfiguren, Schmuck, Helme, Kessel, martialisch wirkende Gürtelbleche, auch ein Trinkrohr (für den Biergenuß) und ein rekonstruierter Tisch mit den Original-Bronzebeschlägen. Staunenswert ist das gewiß – wie so vieles, was aus jener Frühzeit auf uns übergekommen ist. Doch in Cappenberg muß es wohl meistenteils beim Begriffslosen Staunen bleiben. Die Funde, vorwiegend Grabbeigaben aus den gebirgigen Landstrichen zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer, sind vom Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte binnen vier Monaten „spontan“ zusammengestellt und auf Blitztournee geschickt worden, wie die Berliner Archäologin Geraldine Saherwela freimütig eingesteht.

Bezugspunkte hat man in der Eile bei Waldemar Belck, Rudolf Virchow und Hans Hermann Graf von Schweinitz gesucht – bei Deutschen also, die sich gegen Ende des letzten Jahrhunderts in Kaukasien und Armenien als Ausgräber betätigten, und zwar wenig systematisch, dafür um so mehr mit „romantischem“ Jagdinstinkt und brennender Leidenschaft. Virchow beispielsweise grub lediglich drei Tage lang nach Altertümern.

Der von solch fiebriger Sammlerleidenschaft Besessene mag von seinen Zufalls-Fundstücken kurzzeitig befriedigt werden. Der Erkenntniswert für den heutigen Ausstellungsbesucher bleibt hingegen denkbar gering. Die rund 400 Objekte aus der Zeit von ca. 1500 bis ca. 700 v. Chr. (über die Datierung streiten Experten bis heute) ist wahrlich mehr eine auf flüchtigen Augengenuß angelegte „Schau“ denn eine vermittelnde Ausstellung. Viel mehr, als daß die isoliert lebenden Bergvölker, die etwa schon sehr früh Pferde domestizierten, relativ hoch entwickelte handwerkliche Fähigkeiten besaßen, bekommt man anhand der dürftigen Winke nicht mit. Schade, wo doch das Berliner Museum nach dem russischen Eriwan eine der bedeutendsten Sammlungen armenischer und kaukasischer Zeugnisse besitzt.

Das Katalogheft (84 Seiten) kostet 9 DM, die Ausstellung dauert bis zum 4. September (täglich 10 bis 17 Uhr, Mo geschlossen). Der Eintritt ist frei.




Spukhafte Schraffuren – Werkschau über Paul Flora in Münster

Von Bernd Berke

Münster. Als Karikaturist der Wochenzeitung „Die Zeit“, auf deren Titelseite er von 1957 bis 1971 präsent war, ist er weithin bekannt geworden. In welchen kunstgeschichtlichen Zusammenhhängen Paul Flora (63) und seine filigranen Federzeichnungen stehen, macht jetzt eine Retrospektive im Westfälischen Landesmuseum Münster mit über 200 Exponaten deutlich (ab Sonntag, bis 18. August, Katalog 18 DM).

Schon die skurrilen Erfindungen der frühen Jahre – gezeigt werden Arbeiten ab 1940 – verdanken sich jener johen Kunst des Weglassens und dem lakonisch-souveränen Spiel mit Form und Linie, über die Flora später fast nach Belieben verfügte. Manche Blätter führen auf die Spur eines gewichtigen künstlerischen Ahnherrn: Paul Klee. Den Blick fürs abseitig-groteske Detail und immerwährende Todedrohung schärfte der Österreicher Flora eingestandenermaßen bei Alfred Kubin.

Aus gespinstartigen Schraffuren, deren mal akkurates, mal mal wirres Geflecht außerordentlich differenzierte Schattierungen ergibt, schichtet Flora ganze Bilder auf. Die hauchfeinen Linienkaskaden verdichten sich zu präzisen Augenblicks- und Zustands-Schilderungen. Auch wenig greifbare Phänomene wie Nebelschwaden nehmen so spukhafte Gestalt an. Und die verhaßten Militärs erscheinen da auch schon mal als pflanzlich-ornamentale Strukturen.

Floras makabre Ader tritt u. a. in seiner „Dracula“-Serie hervor, aber auch in zielsicher hingeworfenen Chaos-Studien wie dem „Eisenbahnattentat“ (1958) oder dem „Unhold als Menschenschlächter“.

Flora schritt nicht den ganzen Themenkreis der Kunst aus, sondern wählte enge Bezirke, deren bildnerische Möglichkeiten er (zuweilen obsessiv) in allen Nebenverästelungen ausschöpfte. Beispiele dafür sind eine subtile Serie über Könige, die in Sänften getragen werden, sowie sein düsteres „Markenzeichen“: der Rabe, der in ungezählten Variationen auftaucht, auch als Schnabelmaske mittelalterlicher „Pestärzte“.

Ein großer Teil der Ausstellung widmet sich natürlich den politischen Karikaturen für „Die Zeit“, deren tagesaktuelle Anlässe zwar verblaßt sind, deren formale Grundlagen und Qualitäten aber hier, im Kontext des Gesamtwerks, erst recht verblüffen.