Einöden der Historie – Werkschau von Anselm Kiefer in Düsseldorf

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Jahrgang 1945, und schon eine nennenswerte Werk-Rückschau – Anselm Kiefer, Schüler des einstweilen noch berühmteren Joseph Beuys, ist schon ein Jemand in der Kunstwelt. 50 Gemälde, zumeist in den Kiefer-typischen Riesenformaten, dazu 100 Aquarelle, Gouachen und Buchobjekte zeigt jetzt die Düsseldorfer Kunsthalle (bis 5. Mai, Katalog 30 DM).

Kiefer bezieht seine Stoffe teilweise aus heiklen Bezirken: Germanische Mythen, deren Umformung durch Richard Wagner, „hehre“ Historie: Auf einem Bild namens „Wege der Weltweisheit“ werden führende Köpfe deutscher Geistesgeschichte zu einem mythischen Reigen rund um eine Feuerstelle arrangiert: Dichter und Denker, die (Kiefer zufolge) die „Hermannschlacht“ des Cheruskers immer wieder zum Zentrum nationaler Identifikation gemacht haben.

Gegen Kiefer ist wiederholt der Vorwurf erhoben worden, „faschistische Kunst“ zu produzieren. Auch mir fällt es schwer, unmittelbare und entschiedene Brechungen des skizzierten Themenkreises auszumachen. Vielleicht ist Kiefers Kunst tatsächlich faschistisch (miß)deutbar. Große Vorsicht ist aber geboten, wendet sich Kiefer doch z. B. auch frei nach Theodor Fontane dem „Märkischen Sand“ oder biblischen Motiven zu. Außerdem sollte zu denken geben, daß gerade israelische und französische Aussteller weniger Berührungsangst zeigen: Jerusalem und Paris sind weitere Stationen der Retrospektive.

Auf dem Bild „Vater, Sohn, Heiliger Geist“: drei Stühle, von lodernden Flammen besetzt. Auch auf zahlreichen anderen Bildern wiederkehrend: Feuer, leerer, erdfarbener Raum, zur Mitte zentriert, den Betrachter gleichsam dorthin „einsaugend“.

Weiteres Schlüsselwerk: „Malerei dcr verbrannten Erde“ – eine Palette schwebt in versengter Landschaft. Auch hier, wie so oft bei Kiefer, hingeworfene Schriftzüge. Sie schweben in menschenleeren Räumen oder verlassenem Gelände, durchziehen (u.a. mittels Ankokeln der Bildoberfläche) aufgerauhte, verwüstete Landschaftsformationen. Endzeitbilder einer Einöde, welche die Geschichte hinterlassen und aus der sich der Mensch verabschiedet hat?




Sechs NRW-Museen zeigen „Westdeutschen Impuls“ – Kunst und Design im Rhein- und Ruhrgebiet nach 1900

Von Bernd Berke

Im Westen. Vom „Museum der gescheiterten Hoffnungen“ war die Rede, und Johann Heinrich Müller, Direktor des Hagener Osthaus-Museums, sah bestätigt, daß „Kunst seit jeher in politischen Sackgassen endet.“ Eine Pressekonferenz mit Molltönen: Dabei lautet der Titel des gestern in Essen vorgestellten Ausstellungsprojekts von sechs NRW-Museen selbstbewußt: „Der westdeutsche Impuls.“

Die insgesamt 1,1 Mio. DM teure Gemeinschaftsaktion von Museen in Hagen, Wuppertal, Essen, Düsseldorf, Krefeld und Köln soll künstlerische Anregungen und deren Umsetzungen in Architektur, Industrie und Handwerk darstellen, die zwischen 1900 und 1914 im Land an Rhein und Ruhr besonders ausgesprägt waren. Nur wenige Relikte haben „überlebt“, von der Aufbruchstimmung ganz zu schweigen. Darauf bezogen sich die eingangs zitierten Aussagen.

Der Anstoß kam vom Essener Folkwang-Museum, das heute große Teile der Sammlungen von Karl Ernst Osthaus beherbergt. So rankte sich das ursprüngliche Konzept auch um den Hagener Bankierssohn Osthaus, der um 1900 (umgerechnet) 60 Mio. DM erbte und vor allem in die Kunst „steckte“. Leitidee: dem Leben im industriellen Raum durch Verschönerung der Alltagsgegenstände Weihe zu verleihen. Von Osthaus und „seinem Architekten Henri van de Velde gingen „Impulse“ zu einem „Gesamtkunstwerk“ aus, das sich sogar auf eine umfassende Regionalplanung für das Revier erstrecken sollte – eine Keimzelle für den 1920 gegründeten Ruhrsiedlungsverband und für Ideen, die später vom „Bauhaus“ weitergeführt wurden.

Das Essener Konzept erweiterte sich. Das Ergebnis ist kaum überschaubar. „Von der Teekanne bis zur Schwebebahn; von Picasso bis zur Keksdose“ – so könnte man pointieren. Die einzelnen Schwerpunkte:

  • Hagen (Osthaus-Museum und „Hohenhof): Dokumente zur Sammlertätigkeit von Karl Ernst Osthaus, der Hagen nach 1900 zu einem Stützpunkt der Avantgarde machte; Mobiliar, das sich Osthaus im Jugendstil entwerfen ließ.
  • Wuppertal (Von der Heydt-Museum): Dokumente zur Schwebebahn, dem zukunftsweisenden Verkehrsmittel jener Zeit; Ideen zu einer funktionellen „Architektur ohne Ornament“ und Beispiele für die damals in Elberfeld und Barmen geleistete Vermittlung vorausweisender Kunst (z. B. 1911 weltweit der erste Picasso-Ankauf für ein Museum).
  • Essen (Museum Folkwang): Dokumente zur Siedlung Margarethenhöhe, Paradebeispiel für „Gartenstadt“-Konzepte; Industriedesign, das seinerzeit deutschen Waren auf die Weltmärkte verhelfen sollte, wodurch Bestrebungen, dem Alltag etwas „Kunstschönes“ zu verleihen, oft mit imperialistischen Unterströmungen in Berührung kamen.
  • Düsseldorf (Kunstmuseum): Peter Behrens und seine Entwicklung vom Jugendstilkünstler zum Industrie-Designer; „Sonderbund“ -Ausstellungen 1909-1911.
  • Köln (Kunstverein): Dokumentation zum „Werkbund“ (Gründung von Künstlern und Industriellen).
  • Krefeld (Kaiser Wilhelm-Museum): Erstmals eine geschlossene Präsentation der 1923 aus Hagen erworbenen Teile der Osthaus-Sammlung.
  • Sämtliche Ausstellungen beginnen an diesem Wochenende und dauern – je nach Lokalität – bis Mitte oder Ende Mai bzw. Mitte Juni. Der Katalog (6 Bände) kostet komplett 125 DM, einzeln je 25 DM.



Tisa von der Schulenburg: Skizzen zum Leben der Bergarbeiter

Von Bernd Berke

Essen. „Heute läßt man mich nicht mehr runter“, bedauert Tisa von der Schulenburg (80), daß sie nicht mehr in Bergwerke einfahren darf. Und man glaubt ihr, daß ihr die damit verbundenen Strapazen wenig ausmachen würden. Im Essener Ruhrlandmuseum, bei der Vorstellung ihres neuen Buchs „Meine dunklen Brüder“ (Herder-Verlag, Freiburg, 80 Seiten, 6,90 DM), wirkt sie beileibe nicht wie eine 80-Jährige.

Unerläßlich sind einige Stichworte zu ihrer Biographie: 1903 als Offizierstochter Elisabeth („Tisa“) Gräfin von der Schulenburg geboren; Kunststudien in Berlin und Paris, Begegnungen mit Bert Brecht, Heinrich Mann, dem Bildhauer Henry Moore und anderen bedeutenden Künstlern. 1933 folgt sie ihrem jüdischen Mann ins britische Exil, wo sie erstmals Szenen aus dem Bergarbeiterleben zeichnet. 1938 kehrt sie nach Deutschland zurück, arbeitet aktiv im Widerstand gegen die Nazis mit; 1947 wird sie Zeitungskorrespondentin im Ruhrgebiet, seit 1950 lebt sie als „Schwester Paula“ im Ursulinenkloster in Dorsten.

Ihr neues Buch enthält Berichte und Zeichnungen aus dem Umkreis des Bergarbeiteriebens in Großbritannien (30er Jahre) und im Ruhrgebiet (1947-1960). 40 Originale dieser Zeichnungen sind – leider nur bis zum Freitag – im Ruhrlandmuseum zu sehen: einfache, aber höchst ausdrucksvolle Skizzen in der Tradition von Käthe Kollwitz. Detailtreu, aber nicht detailversessen. Von der schweren Arbeit gebeugte Gestalten, illusionslos und doch mitfühlend festgehalten. Adolf Schmidt, Vorsitzender der IG Bergbau und Energie (IGBE), schrieb das Buchvorwort. Kernsatz: „Ich schätze an ihr besonders, daß sie den Schritt aus dem elfenbeinernen Turm der Kunst herausgewagt hat und sich mit dem arbeitenden Menschen befaßt.“

Für den Herbst kündigt ihr Verlag bereits das nächste Buch Tisa von der Schulenburgs an: In „Umkehr in die Freiheit“ wird sie ihre Erfahrungen mit dem Ordensleben darstellen.




„Filmland NRW“ lockt mit Mammutprogramm in zehn Städten

Von Bernd Berke

Im Westen. Mit einem Paket von 78 Filmen geht jetzt die Veranstaltung „Filmland NRW“ bis zum Jahresende auf eine Tournee durch zehn Städte.

Gestartet wird der massive Einsatz des heimischen Films am 21. März in Münster; vom 27. April bis 10. Mai macht die Musterschau in Essen Station, zwischen dem 17. und 25. September ist sie in Dortmund. Spielstätten sind örtliche Programmkinos, Museen oder Volkshochschulen.

Noch nie wurde ein so breites Spektrum des hiesigen Filmschaffens in so kompakter Form präsentiert – vom Zweiminuten-Streifen bis zum abendfüllenden Beitrag sind alle Längen und Genres vertreten. Kurze „Kulturfilme“ aus den 50er und 60er Jahren sind ebenso im Angebot wie politische Animationsfilme der Landeszentrale für politische Bildüng, Kinder- und Jugendfilme, Preisträger der Oberhausener Kurzfilmtage und Spielfilme aus den Jahren 1958 bis 1984 (z. B. Winkelmanns „Abfahrer“, Ulrich Schamonis „Alle Jahre wieder“, Herbert Veselys „Das Brot der frühen Jahre“).

Der Beginn der Zelluloid-Rundreise markiert zugleich den Start für das Projekt „Kultur NRW ’84 – Beispiele für Vielfalt“, das in den kommenden Monaten über 30 Veranstaltungen aus allen Bereichen landesweit koordiniert bzw. aus der Taufe hebt (u.a.: Autorentreffen in Lüdenscheid, Kulturmesse in Unna, Laienmusikfest in Bad Berleburg). Landeszuschuß für den kulturellen Kraftakt: 4,3 Mio. DM.

Als eine unter 30 Veranstaltungen nimmt sich „Filmland NRW“ mit einem Zuschußtopf von 300 000 DM fast noch bescheiden aus. Immerhin soll aber jeder der zehn Veranstaltungsorte heben dem allgemeinen Filmpaket seine ganz spezielle Erstaufführung erleben. In Münster wird etwa Muschas „Decoder“ gezeigt (der freilich schon im Jungen Forum der Berlinale lief), in Köln steigt die Premiere von „Der Sprinter“ des Bochumer Filmemachers Christoph Böll.

Zum Beiprogramm gehören jeweils Diskussionen mit Filmemachern und Gauklerspiele rund um das „Kinomobil“, das für die Kinder- und Jugendfilme auf Reklamefahrt geht. Auf Einzelheiten zum Thema Filmförderung in NRW wollte sich Dr. Joachim Klinger, Filmreferent im Kultusministerium, bei der gestrigen Vorstellung des „Filmland“-Projektes in Düsseldorf nicht einlassen: „Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe“. Zur Erinnerung: Nachdem NRW in den 50er Jahren bundesweit beispielhaft förderte, muß man sich nun sputen, den Anschluß an die anderen Bundesländer zurückzugewinnen, denn erst seit September 1981 gibt es in NRW wieder eine Landesfilmförderung.




An der Grenze zur Klamotte – Friedrich Wolfs „Koritke“

Von Bernd Berke

Wuppertal. „Kunst ist Waffe!“ Mit Stücken, die dieser Parole zu Bühnenwirksamkeit verhelfen sollten, war Friedrich Wolf (1888-1953; das Programmheft verrät so gut wie nichts über ihn) einer der meistdiskutierten Arbeiter-Schriftsteller der Weimarer Republik.

Wolf, im Brotberuf Arzt, ab 1928 Mitglied der KPD, schrieb nach expressionistischen „Oh-Mensch“-Anfängen Agitprop-Stücke immer reineren Wassers. In Wuppertal, wo man jetzt Wolfs „(Die Zeche zahlt) Koritke“ (Regie: Dieter Reible) ausgrub, kam freilich ein grundbiederes Stück auf die Bühne. Arbeitertheater hart an der Grenze zur Klamotte.

Allerdings hat bereits der Text deutliche Schwächen, so zum Beispiel die aus heutiger Sicht überaus dick aufgetragehe Symbolik des Oben und Unten, die überdies um Begriffe wie „Blut“ und „Licht“ kreist. Sprachlich steht dazu ein abgehackter Telegrammstil in seltsamem Kontrast.

Inhaltlich dreht sich alles um Mia, die mit Vater Koritke und Stiefmutter in einem Kellerloch haust. Doch dann wird sie allenthalben „entdeckt“: Fabrikdirektor Lomm (wie sich später herausstellt: Mias eigentlicher Vater) will aus ihr eine propere Chefsekretärin machen; der Student Miltiz jubiliert über ihre tänzerische Begabung, mit der sie gewiß „hinauf ans Licht“ kommen werde; Koritke und die Industrielle Lis Benz schließen sich ihm an. Ein jeder will sie nach seinem Bilde formen.

Doch halt! Erst kommt, frei nach Brecht, das Fressen, dann die Kunst. Die Tanzausbildung kostet Geld, und das ist bei Direktor Lomm zu holen: Vom Platin-Diebstahl bis zum Mordversuch – fortan ist der Mann seiner Habe und seines Lebens nicht mehr sicher. Am Schluß bleibt jedoch Koritke auf der Strecke.

Wo immer Wolf Zähne (sprich: Klassenverhältnisse) zeigt, da hat man sie ihm in Wuppertal „gezogen“. Einzig Norbert Kentrup als muskulöser Proletarier, der sich als Rausschmeißer und Ringer verdingt, ließ etwas von den Triebkräften ahnen, die auch Friedrich Wolf bewegt haben mögen. Kentrup setzte Wolfs Forderung, das Theater solle auch „Muskelentladung, Akrobatik, Gymnastik“ sein, überzeugend um und gab auch verhaltenere Szenen intensiv. Während Andrea Witt als „Die Koritkin“ und Gerd Mayen als Direktor Lomm solide spielten, war Noemi Steuer mit ihrer zentralen Rolle nach meiner Ansicht überfordert.

Ob Rena Liebenow (hier als Industrielle Lis Benz) sich danach drängt, Boulevardstil zu spielen, ob die Regie es ihr abverlangte oder ob sie gar nicht anders kann – sie selbst mag es am besten wissen. Zu diesem Stück paßt es jedenfalls nicht – ihr stets verbindliches Lächeln, das vielleicht „Ist ja alles halb so schlimm“ besagen soll. Dazu Alexander Pelz als Student Miltiz. Nun ja. Ob er Jubel oder Trauer mimt, man weiß jedenfalls sofort genau, was gemeint ist. Weniger Nachdruck wäre mehr. Franz Träger als Filmregisseur trat so auf, wie Klein Mäxchen sich früher einen solchen vorgestellt hat.

Die Bühneneinrichtungen (Peter Werner) verrieten immensen Aufwand, sie huldigen wenigstens keinem platten Abbildungs-Naturalismus. Zwar getreulich nachgebautes Interieur zeigend, werden sie doch so hingestellt, daß keine falsche Illusion aufkommt. Rundum bleibt die Bühnentechnik sichtbar.

Der Beifall, mächtig angeheizt von strategisch verteilt sitzenden „Freunden des Hauses“, war beinahe frenetisch. Als das Regie-Team sich auf der Bühne zeigte, ertönten auch vereinzelte Buh-Rufe.




Hang zur Hysterie: Roberto Ciulli inszeniert Tschechows „Möwe“ in Mülheim

Von Bernd Berke

Mülheim. Saison für „Die Möwe“. Am nächsten Wochenende kommt eine Inszenierung von Anton Tschechows Künstlerdrama in München heraus, an diesem Wochenende hatte es Premieren in Augsburg und in Mülheim (Regie: Roberto Ciulli). Das Theater an der Ruhr liegt mit der Wahl des Stücks offenbar im Trend.

Zu Beginn völlige Dunkelheit. dann Scheinwerfer auf einen schweren roten Vorhang, der zwischen Metallgerüsten hängt. Davor, dem Zuschauerrum abgewandt, sieben Stühle. Nach und nach lassen sich die Protagonisten, zugleich Zuschauer eines „Stücks im Stück“, darauf nieder: Die aufgedrehte, sich gegen das Altem sträubende Bühnendiva Irina, die wie ein Kind (oder: ein Besitz, ein Ding) hereingetragen wird von ihrem Liebhaber, dem vielgelesenen Schriftsteller Trigorin; dann Irinas Sohn Konstantin Treplev, Trigorins Kunst verwerfend, mit eigenen Schreibversuchen aber Gelächter hervorrufend; ferner Irinas Bruder, ein Arzt, ein Lehrer, ein Gutsverwalter, die Alkoholikerin Mascha und schließlich die verwundbare „Möwe“ Nina (gute Besetzung: Veronika Bayer), die Opfer Trigorins werden wird.

Eine Wartezimmersituation also, sinnreiche Vergegenwärtigung des für Tschechow-Personal typischen, ziellosen Wartens. In einer späteren Szene liegen die Schauspieler, todweiß geschminkt, so unterm Vorhang, daß nur ihre kalkigen Gesichter unterm Saum hervorlugen. Unbeweglichkeit, Starre, verfehltes Leben. Ein Theaterbild von Becketts Gnaden. So weit, so eindrucksvoll. Aber: Weil gleich alle Personen auf der Bühne versammelt sind und ihre – im Text zu Einzelszenen parzellierten – Dialoge jeweils in Gegenwart der anderen absolvieren, wird das filigrane Beziehungsgeflecht zu entschieden, zu kraftvoll gebündelt. Der elegische Grundton der Vorlage wird übertönt.

Löst sich endlich jemand aus den langen, oft genug funktionsarmen Schweigepausen (Spieldauer: drei Stunden), so gerät das vor allem bei zwei Figuren gleich zur expressiven Selbstdarstellung, zur schrillen, unvermittelten Ausrufung: Gordana Kossanovic als Irina spielt um entscheidende Grade zu überdreht. Hysterisch geht sie mit eitlen Kapricen schwanger, doch da ist – Scheinschwangerschaft eben – viel heiße Luft.

Hannes Hellmann als ihr Sohn Konstantin steht dem kaum nach. Unzulänglicher Prophet eines Traumtheaters, der er laut Text zu sein hätte, krächzt er seine Sätze lautstark heraus, als wolle er sie nur loswerden und nichts damit ausdrücken. Beide zusammen begraben sie die prekäre Mutter-Sohn-Beziehung unter ihrem Schwall.

Zweifellos wohnt Tschechows Figuren eine Neigung zum Ausbruch, zur Hysterie inne. Diese latent vorhandende Prägung aber als Quintessenz hervortreten zu lassen, rührt nach meiner Meinung an die Substanz des Stücks.

Ciullis Experiment mit Tschechow fördert viele richtige Ansätze zutage. Die Aufführung krankt aber daran, daß allzu forsch abstrahiert und überbetont wird. Das gilt auch für die Langeweile des russischen (in Mülheim eher ortlosen) Landlebens: Statt daß sie mit Bedeutung aufgeladen wird, wird sie durch Zerdehnung verdoppelt.




Duisburg schickt dreidimensionale Kunst auf Weltreise

Von Bernd Berke

Duisburg. Die Treppe zum Hauptraum hinuntergehend, sieht man die Spitze eines metallischen Geschosses auf sich gerichtet. Das überdimensionale Projektil steckt in einer zersplitterten Holzsäule. Es hätte sonst genau den Betrachter getroffen. Man ist „ganz knapp noch einmal davongekommen“.

Das Objekt stammt vom 1936 in Gelsenkirchen geborenen Wolfgang Liesen, heißt „Umformer Nr. XVII“ und gehört zur gestern im Duisburger Lehmbruck-Museum eröffneten Ausstellung „Dreidimensional – aktuelle Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland“ (bis 23. April).

Die 68 Bildhauerarbeiten und Objekte (flankiert von 120 Zeichnungen derselben 40 Künstler) gehen nach der Duisburger Ausstellung für volle acht Jahre als „Botschafter“ in Sachen Kunst auf Weltreise. Das in Stuttgart ansässige Institut für Auslandsbeziehungen, Zweig des auswärtigen Amtes in Bonn, läßt die Werke dann in fünf Container verpacken und verschiffen. Stationen: Tokio und Städte u. a. in Korea, Indien, Australien sowie Südamerika.

In Anlehnung an den Ausstellungstitel kann festgestellt werden: Die dritte Dimension ist, nachdem besonders in den 60er Jahren horizontale, flache Bodenplastiken dominierten. mit Vorstößen in die Vertikale „wiedererobert“ worden. Das lassen zumindest die in Duisburg gezeigten, von einer Fachjury ausgewählten Objekte vermuten, die einen repräsentativen Querschnitt durch die aktuelle Kunst darstellen sollen.

Eine weitere Akzentverschiebung bei den Arbeiten, die von Künstlern der Jahrgänge zwischen 1920 und 1952 stammen und fast ausnahmslos in den letzten fünf Jahren entstanden, bezieht sich auf die Wahl der Materialien. Industriell vorgefertigte Stoffe und Teile sind eindeutig von naturnäheren, wie zum Beispiel Holz, Stein und Textil zurückgedrängt worden.

Die Gestaltungsformen sind jedoch so verschieden und subjektiv geprägt, daß der Querschnitt ein fast vollständiges Kompendium der Bearbeitungstechniken illustrieren könnte. Beispiele: Franz Bernhard versetzt ein klobiges Konstrukt aus Holz und Eisen in spielerische, scheinbare Bewegung (Titel: „Tänzerisch“); Otto Boll hängt an kaum sichtbaren Fäden einen hauchdünn sich verjüngenden Stahl- und Aluminiumbogen auf, der wie aus einer anderen Welt herniederzuschweben scheint; Timm Ulrichs hat „Schlemihls Stuhl“ entworfen – ein irritierendes Spiel mit dem Schatten.




Experte: „Löwen-Evangeliar“ wird Ausstellungen nicht schadlos überstehen – Vorschlag: „Lieber eine Kopie zeigen“

Von Bernd Berke

Bremen. Gerhard Knoll schlägt Alarm: „Das Evangeliar Heinrichs des Löwen wies bereits beim Kauf deutliche Schäden auf. Um das zu merken, muß ich nur flüchtig die Abbildung im Auktionskatalog ansehen.“ Schlimmer noch: Wenn das „teuerste Buch der Welt“ demnächst – wie beabsichtigt – an mehreren Ausstellungsorten gezeigt werden sollte, werde es „wohl noch weit schwereren Schaden nehmen“.

Gerhard Knoll ist Leiter der Handschriftenabteilung und der Restaurierungswerkstatt der Bremer Uni-Bibliothek. Der Experte ist über Zustand und Erhaltung der im Dezember 1983 für 32 Millionen Mark bei „Sotheby’s“ in London ersteigerten mittelalterlichen Handschrift besorgt.

Knoll, der ausdrücklich „nur als Privatperson zitiert werden“ mag, gestern zur WR: „Falls das Original gezeigt wird, gibt es einen spektakulären Zuschauerandrang. Keine Klimaanlage verkraftet das.“ Stücke wie das Evangeliar seien aber höchst klimaempfindlich; das Pergamentpapier vertrage kaum Temperatur-Schwankungen. Die großen Wittelsbacher- und Staufer-Ausstellungen hätten zum Beispiel eindeutig Schadspuren an den Exponaten hinterlassen.

Allein die Beleuchtung setze den im Mittelalter aufgetragenen Farben mächtig zu. Gerhard Knoll: „Ganz übel wird es, wenn ein Stück auf Tournee geht. An jedem Ort herrschen andere Bedingungen.“ Das teure Evangeliar werde dann einem klimatischen „Wechselbad“ ausgesetzt. Vermutliche Folge: „Die Handschrift wäre ein für allemal dahin, denn es gibt für solche Stücke noch immer keine erfolgversprechenden Restaurierungs-Methoden.“

Knoll fürchtet, daß Politiker, die die Ersteigerung des Evangeliars veranlaßt haben, solche Warnungen in den Wind schlagen werden: „Die Herren werden ihre kulturelle Großtat gebührend feiern und die Handschrift möglichst oft herzeigen wollen“, schwant es dem Fachmann. Knolls Vorschlag: Schnellstens ein Faksimile (getreue Nachbildung) erstellen, damit Wissenschaftler sich an die Auswertung begeben könneu. Und weiter: „Mit einem Faksimile könnte man auch schöne Ausstellungen machen.“ Zu behaupten, der Steuerzahler habe ein Recht, das Original zu besichtigen, sei unsinnig. Knoll: „Der Steuerzahler finanziert so manches – und bekommt es dann nie zu sehen.“

Den Einwand, daß etwa das Land Bayern seinen Anteil am Kaufpreis sperren könnte, sollte das Original nicht auf seinem Boden zu sehen sein, läßt Knoll nicht gelten: „Da wird sich eben zeigen, ob ein kulturpolitischer Propaganda-Effekt höher bewertet wird als die Erhaltung eines historischen Dokuments.“

Knoll, der sich wegen seiner kritischen Anmerkungen an seinem Wohnort Bremen schon mit einer Gegendarstellung in der örtlichen Presse hat auseinandersetzen müssen, schätzt den Wert des Heinrichs-Evangeliars auch in dessen gegenwärtigem Zustand eher zurückhaltend ein: „Es gibt qualitätvollere Evangeliare.“ Der für das „Löwen“-Evangeliar gezahlte hohe Auktionspreis bringe jedenfalls „den ganzen Markt durcheinander“. Daraus schöpft Knoll allerdings auch eine schwache Hoffnung: „Vielleicht muß die Versicherungssumme so hoch angesetzt werden, daß man doch auf mehrere Ausstellungen verzichtet.“




Täglich vier Stunden lokales Fernsehen – Projektleiter Erdmann Linde zum Dortmunder Kabelpilotversuch

Der neue Leiter des Kabelprojekts Dortmund, Erdmann Linde (zweiter von links), im Gespräch mit den Rundschau-Redakteuren Bernd Berke, Johann Wohlgemuth und Dieter Rosenkranz (von links nach rechts). (WR-Bild: Franz Luthe)

Von Bernd Berke und Johann Wohlgemuth

Dortmund. Spätestens zur Jahresmitte 1985 wird in Dortmund ein neues Funk- und Fernsehzeitalter beginnen. Bei einem Besuch der WR-Redaktion nannte Erdmann Linde, künftiger Leiter des Dortmunder Kabelpilotprojekts, seine Vorstellungen zu der bis 1988 dauernden Versuchsphase.

Folgende Programme sollen nach Lindes Angaben ins Kabelnetz eingespeist werden:

  •  ARD und ZDF in verbesserter Qualität, ein Querschnitt durch die verschiedenen Dritten Programme, dazu der „ZDF-Musikkanal“;
  • Ein lokales Fernsehen (täglich bis zu 4 Stunden);
  • Sogenannte „Spartenprogramme“ auf insgesamt vier Kanälen, d. h. zum Beispiel bis zu 14 Stunden täglich ausschließlich Sportsendungen, Kultur oder Bildung;
  • Ein „Offener Kanal“, in dem alle Bürger eigene Sendungen unterbringen können;
  • Ein lokales Hörfunkprogramm, das auch ohne Kabel empfangen werden kann;
  • Ein Kabel- oder Videotext-Informationsdienst mit bis zu 3000 „Seiten“.

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„Wir brauchen nicht mehr Denver-Clan“

„Mehr ,Denver-Clan‘ brauchen wir nicht!“ So umriß der neue Projektleiter für das Kabel-Pilotprogramm in Dortmund, Erdmann Linde, der von seiner Berufung „völlig überrascht“ war, seine Leitlinie zu den Programm-Inhalten. Da das Dortmunder Projekt im Gegensatz zu den anderen Kabelprojekten (Mannheim/Ludwigshafen, München, Berlin) unter dem Dach des Westdeutschen Rundfunks (WDR) öffentlich-rechtlich organisiert sei und ganz ohne Werbung auskommen werde, müsse man weniger Rücksichten nehmen. Der Zwang, etwa durch redaktionelle Beiträge ein „passendes Umfeld“ zur Werbung zu schaffen, entfalle.

Linde räumte ein. daß für das lokale TV-Programm noch zeitliche„Nischen“ gesucht werden müßten, da man nicht mit der ARD-„Tagesschau“ oder anderen Standardsendungen konkurrieren könne. Aktuelle Berichte und Kommentare würden ebenso zum Lokal-TV gehören wie der tägliche Veranstaltungskalender. Programm-Lücken könnten mit Auftragsproduktionen oder aus dem just von der ARD erworbenen Spielfilm-Paket der MGM/UA (Metro-Goldwyn-Mayer / United Artists) gefüllt werden. Linde: „Auch Dortmund profitiert also von diesem Millionen-Einkauf.“ Damit werde die Leistungsfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Systems auch im Rahmen des Kabelprojekts bewiesen. Klaus Katz, der Linde als Programmdirektor des Dortmunder Kabelprojekts zur Seite stehen wird (dazu als Technischer Direktor: Herbert Schude), denke außerdem über ein Konzept für regelmäßige lokale Live-Sendungen nach, bei denen das Publikum mitwirken kann. Auch Linde erhofft sich davon eine Belebung: „Wir wollen ja niemanden zum Dauerfernsehen animieren, sondern zu Gesprächen und Aktivitäten anregen“.

Die „Spartenprogramme“ werden nicht allen (Wunschzahl: bis zu 30.000) Teilnehmern, sondern gegen Aufpreis nur einigen von ihnen ins Haus geliefert. Ohne Zusatzdecoder werden diese Spezialsendungen nicht zu empfangen sein. Lindes Ideen am Beispiel eines reinen „Sport-Kanals“: Übertragungen der Auswärtsspiele des örtlichen Bundesliga-Clubs Borussia Dortmund, wobei vorher mit dem DFB geredet werden müsse, oder auch zeitversetzte Ausstrahlungen von Sportsendungen anderer Anstalten, damit Schichtarbeiter nichts versäumen. Als Zulieferer für einen „Bildungs-Kanal“ könnten örtliche Weiterbildungseinrichtungen auftreten. Auch an spezielle Politik- bzw. Kulturprogramme werde gedacht.

„Offener Kanal“: Vom Ständchen bis zur Bürgerinitiative

Selbst senden können die Zuschauer via „Offenen Kanal“, dessen genaue Ausgestaltung noch erarbeitet werden muß. Im Gesetz über den Kabelversuch in Dortmund sind allerdings eindeutige Vorgaben schon formuliert. Strafrechtliche Unbedenklichkeit vorausgesetzt, soll hier niemand ein Blatt vor den Mund nehmen müssen. Wenn sich viele Interessenten melden, werden ihre Beiträge numeriert und in eine „Warteschlange“ eingereiht. Probleme, die noch zu klären sind: Höchstdauer der Einzelbeiträge; ausgewogenes Verhältnis zwischen Gruppen- und Einzelbeiträgen. Ansonsten aber sieht Erdmann Linde gerade im „Offenen Kanal“ den Versuch, ein inhaltlich nicht ausgewogenes Programm zu testen. Von Verlautbarungen einer Bürgerinitiative bis hin zum TV-Ständchen zu Omas Geburtstag wird alles erlaubt sein. Bei der Produktion werden Fachleute im Studio als Medienhelfer zur Verfügung stehen. Auch die sogenannte Infrastruktur (Kameras, Tonmaschinen und dergleichen) soll gegen geringe Gebühr den Nutzern „ausgeliehen“ werden können.

Wer nicht live auf Sendung geht, sondern eine Videoaufzeichnung bringen will, trägt die Materialkosten. Das Band bleibt Eigentum des Produzenten und geht nach einer gewissen Lagerungszeit auch wieder in seinen Besitz über. Allerdings kann es durchaus möglich sein, daß in Verhandlungen auch andere Möglichkeiten gesucht werden. Denn es ist durchaus vorstellbar, daß man solche privaten Bänder für spätere Dokumentationen auch im Kabel-Studio gebrauchen kann. Die Nutzer des offenen Kanals haben jedoch keinen Anspruch auf ein Honorar, wenn ihre Bänder ausgestrahlt werden.

Noch größere Erwartungen, was den „Offenen Kanal“ betrifft, setzt Erdmann Linde in den dafür vorbehaltenen Teil des auch ohne Kabelanschluß empfangbaren lokalen Hörfunkprogramms: „Mit einem einfachen Kassetten-Rekorder ist jeder dabei!“ Für den Lokalfunk plane man im übrigen eine Mischung aus Wort- und Musikbeiträgen, suche aber noch nach neuen Sendeformen, die sich von den herkömmlichen Magazinen abheben.

Zur personellen Ausstattung sagte Linde, das Kabelprojekt (Zentrale: Ehemalige Bergschule Dortmund) werde, „wenn wir voll auf Sendung sind“, rund 150 Mitarbeiter beschäftigen, darunter 50 Redakteure. Dienstherr werde vermutlich der WDR sein. Bei Einstellungen solle auf engere Bindungen an Dortmund Wert gelegt werden. Die Mitarbeiter würden teilweise bis 1988 befristete Verträge bekommen, zum Teil aber auch solche mit Garantieklauseln auf spätere Übernahme. Als mit „vielen Rechten ausgestattetes Organ“ werde ein 27köpfiger Projektrat die Testphase begleiten.

 

 




Aus den Schatzkammern Perus – Villa Hügel zeigt: „Kunst und Kultur im Lande der Inka“

Von Bernd Berke

Essen. Museen in aller Welt wollten diese unermeßlichen Schätze zeigen. Doch Washington, London, Brüssel und andere Metropolen müssen auf dieses Ausstellungsereignis verzichten: „Peru durch die Jahrtausende“, ein überwältigender Querschnitt durch „Kunst und Kultur im Lande der Inka“ und die bei weitem größte, außerhalb des Ursprungslands gezeigte Ausstellung über den Andenstaat, ist (nach Station in Oberösterreich) ab heute in der Essener „Villa Hügel“ zu bewundern.

Mit dieser Schau wollen die Peruaner für Forschungshilfe aus den deutschsprachigen Staaten danken. Kaum zu erwarten, daß in unseren Breiten jemals wieder ein so umfassender, repräsentativer Überblick zu diesem Thema gezeigt werden kann.

Die Ausstellung umfaßt weit über 3000 Jahre peruanische Kulturgeschichte – von den ersten Anfängen der Zivilisation (etwa 2300 v. Chr.) über die großen Kulturen der Vor-Inka-Zeit (Chavin, Frias, Nazca usw.) und Zeugnisse des legendenumwobenen, doch relativ kurzlebigen Inka-Reichs seilst (ab etwa 1200 n. Chr.), bis hin zur Zeit der Eroberung Perus durch die spanischen Konquistadoren, die übrigens die meisten Goldschätze einschmolzen (16. Jhdt. n. Chr.). Ein Ausblick auf heutige Probleme Perus rundet die Ausstellung ab.

Allein 540 Kostbarkeiten stammen aus peruanischen Sammlungen. Sie werden ergänzt durch Exponate aus den wichtigsten deutschen Völkerkundemuseen. Insgesamt sind über 800 Stücke ausgestellt. Nicht nur Laien, auch Fachleute werden jetzt laut Ausstellungsorganisator Dr. Ferdinand Anders (Klosterneuburg, Österreich) von Lehrmeinungen oder Legenden Abschied nehmen müssen (apropos: auch Erich von Däniken, der immer noch behauptet, in der Vorzeit seien „Außerirdische“ in Südamerika gewesen, fand sich gestern zur Vorbesichtigung ein). Neueste Grabungskampagnen in Peru, so Dr. Anders, ließen in Kürze sensationelle Aufschlüsse erwarten.

Die wichtigsten Ausstellungsstücke können hier nicht annähernd aufgezählt werden. Am überraschendsten: ein silbernes Kleinod, das immer noch als Taufschale verwendet wird, und zwar in der Nicolaikirche in Siegen! Das am höchsten versicherte Stück ist indes die „Venus von Frias“, das wertvollste peruanische Einzelstück aus Gold (22 Karat) überhaupt.

Es beginnt mit Streiflichtern zur Landeskunde, gefolgt von Figurinen mit historischen Trachten. Derart eingestimmt, kann man chronologisch Kunst- und Handwerksgegenstände (oder auch: durch Bandagierung spitz gemachte Schädel usw.) der verschiedensten Epochen Revue passieren lassen.

Drastische Sexualdarstellungen stehen neben bizarren Statuetten verkrüppelter Menschen oder Szenen, die Priester beim Menschenopfer zeigen. Stelen und Obelisken sind als Kopien zu sehen. Mit einfachen Mitteln wird größtmögliche Ausdruckswirkung erzielt: Dies belegen zahlreiche Keramik-Arbeiten in unglaublich fein abgestuften Pastelltönen, von großen Fertigkeiten zeugende Metallarbeiten oder auch ein Poncho aus bunten Vogelfedern.

„Peru durch die Jahrtausende“. Villa Hügel, Essen. 29. Februar bis 30. Juni, Katalog 32 DM. Tägl- außer Mo. 10-18 Uhr, ab 16. April 10-19 Uhr (auch montags).




Neue Kulturstiftung Ruhr will das Revier auch im Ausland zum Begriff machen

Von Bernd Berke

Essen. Einen Chirurgen benötige die Kultur des Ruhrgebiets zwar keineswegs, „wohl aber immer wieder frische Blutzufuhr“. So bildhaft begrüßte Ministerpräsident Johannes Rau gestern in der Essener Villa Hügel den Start eines hocheingeschätzten Projekts: Seit gestern gibt es die „Kulturstiftung Ruhr“, die laut Satzung alle überörtlichen Maßnahmen fördern soll, die geeignet sind, das Revier als „einheitliche Kulturlandschaft von Rang“ im In- und Ausland darzustellen.

Die Initiative ging von der Krupp-Stiftung und ihrem Kuratoriumsvorsitzenden Berthold Beitz aus. Die Stiftung bringt in den nächsten zehn Jahren je 1 Million DM in die Kulturstiftung Ruhr“ ein. Prof. Paul Vogt, Direktor des Essener Folkwang-Museums und neben Beitz im Vorstand der Stiftung, umriß die Förderungs-Aufgaben der neuen Institution wie folgt:

  • Aus- und Weiterbildung eines qualifizierten künstlerischen Nachwuchses
  • Dokumentation herausragender ruhrgebietsspezifischer Ereignisse
  • Unterstützung von Pilotprojekten mit besonderer Bedeutung für das Ruhrgebiet
  • Ausstellungen oder ähnliche Veranstaltungen, die Maßstäbe für das Kulturleben im Revier setzen können und dessen internationales Ansehen fördern.

Wie gestern weiter mitgeteilt wurde, werden erste Projekte im Sommer dieses Jahres spruchreif. Einzelheiten wurden noch nicht verraten.

NRW-Kultusminister Hans Schwier gab sich in Essen zuversichtlich. Kulturförderung sei indirekt auch Wirtschaftsförderung. Mit Blick auf den Landeshaushalt meinte Schwier, man habe endlich die „Talsohle erreicht“ und werde sie durchschreiten, indem man künftig auch im Kulturbereich wieder schrittweise aufgestocken werde. Bei diesem Normalisierungsprozeß, so Johannes Rau, könnten private Initiativen wie die soeben gegründete Stiftung wichtige „Signalwirkung“ haben und öffentliche Anstrengungen beflügeln. Insofern sehe er in der Stiftung nicht nur einen Geldgeber, sondern auch einen „Hoffnungs-Stifter“. Kultur werde gerade in sozial weniger rosigen, zur Resignation neigenden Zeiten zur „Lebensfrage“. Das Revier sei eben nicht nur eine Region der Arbeit, sondern zähle zu den wichtigsten Kulturzentren der Welt.

Ein Wermutstropfen fiel gestern dennoch in den Freudenbecher. Berthold Beitz beklagte die nach seiner Ansicht kleinlichen Richtlinien des deutschen Stiftungsrechts. Ursprünglich habe man die „Kulturstiftung Ruhr“ mit einem Grundkapital von 10 Millionen DM ausstatten wollen. Dies sei aus steuerlichen Gründen nicht möglich gewesen. Nun müsse man den Betrag auf zehn Jahre verteilen, was enormen Zinsverlust bedeute. Beitz drastisch: Es sei steuerlich einfacher, afrikanische Fußballer zu fördern als einheimische Kultur. Um das Mindestkapital aufzubringen, griff Beitz in die Privatschatulle. Betrag: 100 000 DM. Da die Stiftung sich als „Sammelbecken“ verstehe, könne jedermann sein Scherflein beitragen.




Gute Geschäfts beim Weltuntergang

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Was auf der Erde vorgeht, mißfällt der übrigen Planetengemeinschaft. Ein Ungeziefer namens „Mensch“ soll sich auf dem blauen Ball eingenistet haben und nichts als Unfug treiben. Also beschließen Venus, Mars und Saturn unter Vorsitz der Sonne, einen vorbeisausenden Kometen auf die Erde zu hetzen, auf daß der unbotmäßige blaue Planet untergehe. Der Komet aber verliebt sich beim Anflug in sein Opfer und dreht im letzten Moment ab.

„Der Weltuntergang“, am Sonntagabend vom Ensemble der Ruhrfestspiele im ehemaligen Straßenbahndepot Recklinghausen aufgeführt, stammt von einem Autor, der jetzt allenthalben wiederentdeckt wird: Jura Soyfer, 1912 in Charkow als Sohn eines jüdischen Industriellen geboren, Emigration nach Wien, in den 20er Jahren einer der wichtigsten Satiriker in Österreich, 1939 im KZ Buchenwald mit 26 Jahren an Typhus gestorben.

Soyfers Weltuntergangs-Visionen, seinerzeit durch den Faschismus heraufbeschworen, sind für Recklinghausen aktualisiert worden. Nicht mehr die Hitlerei, sondern die Weltmächte und ihre Atomwaffenarsenale, so muß man wohl interpretieren, stellen nunmehr die virulenteste Bedrohung der Menschheit dar.

Nach dem planetarischen Vorspiel geht es um die Reaktionen, die die Entdeckung des herannahenden Kometen hienieden auslöst. Professor Guck ortet die Katastrophe als erster und findet gar ein Mittel, sie abzuwenden, doch davon will niemand etwas wissen. im Gegenteil: Es herrscht „business as usual“, die Geschäfte gehen besser denn je, es werden fleißig „Weltuntergangs-Anleihen“ gezeichnet, die Sorgen der Politiker und Diplomaten müssen sich somit nur noch auf die Erhaltung der freien Marktwirtschaft, der heimischen Wahlkreise und ihrer Tennisplätze richten.

Ein Prediger beschwört unterdessen eindringlich das nahende Ende, ruft zur Umkehr auf und offeriert dann Hosenknöpfe, die jegliches Inferno überstehen sollen. Und auch die Journalisten bekommen ihr Fett ab. Nicht das drohende Ende der Menschheit macht die Reporterin nervös, sondern der Drucktermin für ein Extrablatt, das 5 Minuten vor dem großen Knall erscheinen soll.

Das allgemeine Chaos wird adäquat in Szene gesetzt (Bearbeitung und Regie: Bernd Köhler). Die Zuschauer, wie auf zwei Stadiontribünen einander gegenübersitzend, zwischen, neben und über denen sich das Spiel als Musik-Revue der großen Dekadenz entfaltet, müssen ständig die Sitzhaltung wechseln. Schlagartig verlagert sich das Geschehen auf immer andere Spielflächen, dehnt sich auch schon mal auf die ganze Halle aus. Im Prinzip ist es sinnvoll, gerade dieses Stück nicht in einer herkömmlichen „Guckkastenbühne“ zu spielen. Im generellen Szenen- und Schauplatzwechsel gehen jedoch einige verhaltenere Szenen unter.

Die schauspielerischen Leistungen überzeugen. Heinz Kloss und Meinhart Zanger tun sich besonders hervor, speziell in einer gemeinsamen Szene als deutscher und amerikanischer Diplomat. Jürgen Mikol als Professor Guck vermeidet zu recht, einen spleenigen Wissenschaftler darzustellen. Seine Gesangseinlagen sind jedoch kein Ohrenschmaus.




„Die Gleichschaltung der Bilder“ – Pressefotos in der NS-Zeit

Von Bernd Berke

Essen. Mal wurde dem Göring der Schmerbauch wegretuschiert, mal ein Foto, das Hitler mit Brille zeigte, nicht freigegeben. Doch meist bedurfte es solch eindeutiger Manipulationen gar nicht: „Die Gleichschaltung der Bilder“ – so der Titel einer jetzt in Essen eröffneten Ausstellung mit Pressefotos – erfolgte ab 1933 vielfach ohne große Reibungsverluste.

Die Originale und Reproduktionen aus Illustrierten sollen ausschnittweise die Art der journalistischen Bildberichterstattung zwischen 1930 und 1936 dokumentieren. Die Exponate, zusammengestellt vom „Berliner Forschungsprojekt zur Geschichte der Pressefotografie“, waren bisher nur an der Spree zu sehen.

Die begrenzte Auswahl kann nur Schlaglichter auf die Problematik werfen. Zuweilen vermißt man ausführlichere, erläuternde Texte. Dennoch ahnt man, daß die faschistischen Machthaber zwar im Oktober 1933 mit dem „Schriftleitergesetz“ die wenigen noch widersetzlichen Presseorgane ins Joch zwangen, sich im Großen und Ganzen aber auf die Selbstzensur der Journalisten verlassen konnten. Zudem wachte ein 23-jähriger SS-Mann als dilettierender Foto-Amateur gleich zum Leiter der Bildpressestelle im Propagandaministerium befördert, mit zwölf Hilfswilligen in der Pressemetropole Berlin über die Einhaltung der Zensur.

Illustriertenfotos, vor der Glanzzeit des Tonfilms wohl das schlagkräftigste Medium, erlebten in den letzten Jahren der Weimarer Republik ihre eigentliche Blütezeit. Doch von wenigen Ausnahmen abgesehen, kaprizierte man sich schon vor 1933 auf Harmlosigkeiten oder auf vermeintlich unpolitische Sensations-Bebilderung, so daß der Übergang zu den „Kraft-durchFreude“-Illustrationen der NS-Jahre fast nahtlos erfolgen konnte. Außerdem: Durch neue Textzeilen konnte ein und dasselbe Bild einen genehmen Sinn erhalten.

Prof. Diethard Kerbs, Leiter des Projekts Pressefotografie, sucht nach weiterem Belegmaterial (Kontaktadresse: Schillerstraße 10, 1000 Berlin 12). Dies sei umso notwendiger, als die größten Bilddienste sehr einseitig archiviert hätten. Kerbs: „Vom Vorzeige-Militär Mackensen gibt es noch Hunderte von Fotos, von Carl von Ossietzky nur einige wenige.“

„Die Gleichschaltung der Bilder“. Pressefotografie 1930-36. Alte Synagoge, Essen, Alfredistraße, bis 11. März.




Als russische Malerei noch zur Avantgarde gehörte

Von Bernd Berke

Köln. Vergleiche drängen sich auf. Man glaubt fast jede Phase dessen wiederzuerkennen, was sich zu Beginn unseres Jahrhunderts in der westeuropäischen Kunst bewegt hat. Man steht aber vor Bildern russischer Künstler.

Daß diese – im Gegensatz zu heute – zwischen den 1890er Jahren und dem Vorabend der Russischen Revolution keinen Vergleich mit ihren französischen oder deutschen Zeitgenossen zu scheuen brauchten, zeigt die Ausstellung „Meisterwerke russischer Malerei“, die gestern von Botschafter Waldimir Semjonow in der Kölner Kunsthalle eröffnet wurde.

Während in einschlägigen Handbüchern die russische Kunst eher als Randphänomen abgehandelt wird, entsteht beim Betrachten der in Köln gezeigten 72 Werke von 34 Künstlern (darunter auch Chagall, Kandinsky, Malewitsch) eher der Eindruck eines intensiven, gesamteuropäischen Austauschs: Matisse und der Futurist Marinetti trugen 1911 und 1913 ihre Kunstauffassungen in Rußland vor, die russischen Künstler wiederum reisten häufig nach Westeuropa oder ließen sich (Kandinsky) sogar dort nieder.

Die in Köln gezeigten Bilder, ansonsten im „Staatlichen Russischen Museum“ (Leningrad) und der Tretjakow-Galerie (Moskau) zu sehen, repräsentieren nahezu sämtliche Strömungen der Klassischen Moderne – vom lichtflutenden Impressionismus bis hin zum Futurismus und zum Suprematismus, bei dem die russische Avantgarde sich mit Malewitsch sogar an die „Spitze“ der Moderne setzte.

Wahlverwandtschaften zuhauf: Natalia Gontscharowas „Bauern, Äpfel auflesend“ von 1911 erinnern in der monumentalen Figuration stark an Picasso-Bilder aus derselben Zeit, ihr „Radfahrer“ von 1913 entstand im Geiste des Futurismus. Qualitativ fällt dagegen Michail Wrubel, dem Vernehmen nach heute Lieblingsmaler der Sowjetbürger, ab.

Wie der Generaldirektor der Kölner Museen, Prof. Hugo Borger, mitteilte, findet der Austausch UdSSR – Köln mehrfache Fortsetzung. Zuerst wird ein Großteil der Bestände des Römisch-Germanischen Museums im Moskauer Puschkin-Museum und in der Leningrader „Eremitage“ gezeigt, gegen Ende des Jahres 1984 gehen Teile der Ludwig-Sammlung und 1985 Exponate des Wallraf-Richartz-Museums auf die Reise.

„Meisterwerke russischer Malerei“. Josef-HaubrichKunsthalle Köln, 7. Februar bis 25. März, geöffnet tägl. 10 bis 17 Uhr, di/fr 10 bis 20 Uhr, Katalog 16 DM.




Faszination technischer Formen – Zeichnungen und Aquarelle von Fernand Léger in Münster

Von Bernd Berke

Münster. Der denkbar größte Gegensatz zu einem Schlüsselbund? Das ist die „Mona Lisa“; befand zumindest der französische Künstler Fernand Léger (1881-1955) – und brachte beides zusammen zu Papier.

Daß Léger, der neben Braque und Picasso (gleichfalls Jahrgang 1881) als einer der wichtigsten Kubisten gilt, auch schon mal derart surrealistisch verfuhr, ist eine – nicht die einzige – Erkenntnis, die jetzt eine Ausstellung im Münsteraner Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte vermittelt.

Zur willkürlichen „Mona-Lisa“-Kombination findet sich in Münster eine Vorstudie, wie denn überhaupt das zeichnerische Werk im Vordergrund steht. Daneben werden Gouachen und Aquarelle gezeigt, insgesamt über 100 Exponate aus allen Werkphasen. Ausgespart bleiben nur die impressionistischen Anfänge Légers. Nicht ohne Grund, denn er selbst hat sich schon frühzeitig von dieser Stilrichtung losgesagt.

Durch die chronologische Hängung der Blätter lassen sich schulbuchmäßig Einflüsse ausmachen. Zunächst die immer entschiedenere Abstraktion in der kubistischen Phase nach 1907. Unverwechselbar werden Légers Arbeiten erst nach dem 1. Weltkrieg, dem ersten hauptsächlich „maschinell“ geführten Krieg. Die kubistisch-geometrischen „Bausteine““werden immer stärker von der Faszination durch technische Gebilde geprägt, nähern sich wieder der Gegenständlichkeit. Léger war nicht der Technik hörig, sondern verschmolz F o r m-Teilchen der mechanisierten Welt zu einer neuen, gegenwartsnahen Bildsprache.

Die Objekte verselbständigen sich, greifen aufs Menschenbild über. In „Der Tanz“ (1919) oder „Akrobaten“ (um 1920) verschlingen sich die Körper wie ineinandergreifende Teile von Apparaten. In zahlreichen „Objektzeichnungen“ aus den 30er Jahren sind die maschinellen Formen sozusagen „unter sich“ oder bilden Gegensatzpaare mit organischen Formen: Die „Komposition mit Blatt“ (1928/30) stellt die erstarrten Umrisse eines Baumblatts neben ein technisch anmutendes Gebilde, das aber in schönster Weise funktions- und „sinnlos“ erscheint.

In den 40er Jahren findet Léger zu einer ganz eigenen Figürlichkeit. Monumentale, mit vermeintlich „naivem“ Strich rundlich konturierte Figuren stellen Szenen aus der Welt der arbeitenden Menschen dar. Doch Léger konzentriert sich auf deren „Sonntagswelt“, die frei ist von Unterdrückung und in der die Menschen im „Kollektiv“ aufgehoben sind – Bilder einer Utopie.

Fernand Léger. Westfälisches Landesmuseum, Münster, Domplatz 10. Vom 5. Februar bis 18. März. Katalog 25 DM, Plakat 5 DM.




Das Revier als Heimat und Hölle – Ruhrgebiets-Ballade „Auf in den Westen, wo schwarz ist das Gold…“

Von Bernd Berke

Essen. „Rote Erde – Land unserer Träume, rauchende Schlote sind unsere Bäume“. Der Liedtext von Wilhelm Steffens, den das sechsköpfige „Schauspiel-Mobil“ der Essener Bühnen vorträgt, könnte als bloße Revier-Romantik mißdeutet werden. Und tatsächlich enthält Alfons Nowackis Ruhrgebiets-Ballade „Auf in den Westen, wo schwarz ist das Gold…“, am Samstag im Essener Ruhrlandmuseum uraufgeführt, auch solche Anklänge.

Die musikalisch untermalte Textcollage aus Originalzitaten (Dokumente und Bergmanns-Dichtung) zeigt, daß das Revier seit seiner Geburtsstunde auch Heimat ist – Heimat, die jedoch zur Hölle werden kann: Am 12. November 1908 starben auf der Bockum-Höveler Zeche „Radbod“ 350 Bergleute. Es hätten weit weniger sein können, hätten sich nicht die Bergwerksbosse dazu entschlossen, die Rettungsarbeiten vorzeitig abzubrechen und den Schacht luftdicht zu verschließen, um Sachwerte vor einer drohenden Explosion zu retten. Auf diese Katastrophe kommt die „Ballade“ immer wieder zurück.

In sieben dichtgefügten Szenen aus den Gründerjahren des Reviers – schauspielerisch fesselnd dargeboten – wird deutlich: Der Tod im Bergwerk ist allgegenwärtig, er prägt die Menschen, die im Pütt arbeiten. Der harte Alltag läßt die an Goldgräber-Mentalität appellierenden Verlockungen, die das Revier anfangs verheißen hat, schnell vergessen.

Die Produktion hat auch ihre Schattenseiten: Die Texte, die Alfons Nowacki zusammengestellt hat, tendieren leider vielfach zu einer gewissen Heroisierung des Bergmanns als eines Helden, der dem Tod täglich ins Auge sieht. Zwar kommen auch ironisch-drastische Darstellungen der Ausbeutungsverhältnisse vor, doch die Tatsache, daß sich die Arbeiterschaft dagegen organisiert hat, wird äußerst stiefmütterlich behandelt. Wehmut dominiert über Gebühr.

Zehnmal wird die (trotzdem sehenswerte) „Ballade“ im Ruhrlandmuseum gezeigt, danach gastiert man in der „Zeche Carl“ und geht schließlich auf Tournee durchs Revier.




Welt im Wartezustand – Werke von Ricardo Stein in Dortmund und Bochum

Van Bernd Berke

Dortmund/Bochum. Dortmunds Ostwall-Museum und das Museum Bochum, vor langen Jahren in einen ,,Museumskampf um die Sammlung Gröppel verstrickt, arbeiten jetzt einträchtig zusammen. Die gemeinsame Anstrengung beider Häuser läßt mit der Doppelausstellung ,,Isaac Ricardo Stein“ zwei Revierstädte in Sachen Kunst eng aneinanderrücken.

Wahrend Bochum etwa 160 Zeichnungen des 1951 in Freiburg geborenen jüdischen Künstlers zeigt, sind in Dortmund 80 Öl- und und Aquarell-Bilder zu sehen – zusammen ein repräsentativer Querschnitt durch das Werk des jungen Autodidakten Ricardo Stein, der schon erfolgreich in Paris, Bremen, Freiburg und Israel (von wo aus die Revier-Expositionen angeboten wurden) ausstellte. Die Dortmunder Ausstellung wird am Sonntag um 15 Uhr von NRW-Ministerpräsident Rau eröffnet.

Besonders in den früheren Werken gehören jüdische Überlieferung und kabbalistische Zahlenmystik unmittelbar zum Inventar. Eine Periode verhaltener Farbgebung aus Brauntönen und wie aus geheimer Quelle leuchtenden Gelb-Gold-Schattierungen wechselt mit plakativ and aggressiv kolorierten Bildern. Einige Motive werden immer wieder aufgegriffen: Die Heilige Schrift, Ziffern und hebräische Zeichen, das Judentum symbolisierende siebenarmige Leuchter oder Davidssterne, aber auch eincollagierte Geldscheine oder (Kindheitserinnerung) Spielzeug und das Motiv der Maske, somit die Verhüllung seelischer Not. Solche Requisiten werden miteinander zu (nicht immer kraft- und sinnvoll strukturierten) Ensembles verwoben. Zahlreiche Bildtitel, wie ,,Zerstörung“, ,,Selbstzerstörung“, ,,Verzweiflung“, ,,Enge“ oder ,,Irrenhaus“ suggerieren pure Unterbittlichkeit.

Darstellungen aus dem Bereich des Zirkus‘, der Maskerade, heben diesen Eindruck teilweise wieder auf: Sie zeigen den Künstler a u c h als Darsteller des Leidens. Dem irritierenden Zwischenzustand entspricht ein für Ricardo Stein typischer Bildaufbau. Vielfach geraten Objekte wie Personen in eine gleichsam schwerelose Schräglage – Häuser scheinen zu schlingern und zu kentern oder stehen sogar auf dem Kopf. Stein malte, wie ein Bild von 1963 im (dürftig geratenen) Katalog belegt, schon als 12Jähriger die Dinge meist kopfüber, also einige Zeit vor dem dafür bekannt gewordenen Georg Baselitz. Der Schlüssel hierfür findet sich in der jüdischen Tradition, nach der der messianische Erlöser dann kommt, wenn die Welt ,,sich umgedreht hat“. Ricardo Steins Bilder schildern eine Welt, die die Erlösung braucht, also eine Welt im Wartezustand.

Anhand der in Bochum gezeigten, in geradezu erdrückender Dichte gehängten Zeichnungen, lassen sich ähnliche Entwicklungen verfolgen. Eigentümlich, wie Weglassen und drastische Darstellungen nebeneinander stehen. Besonders bei einer Serie von Aktzeichnungen wird dies deutlich. Figuren, eingefangen in autistisch anmutenden Verrenkungen, starren an sich herab. Wo das Geschlechtsteil sein müßte, ist entweder Leere oder im Gegenteil eine überdeutliche, schreiende Wiedergabe des Geschlechtsmerkmals.Ein Anzeichen für starke Gemütsschwankungen: Die Angst ist entweder gar nicht da, oder sie wird herausgeschrien.

Ostwall-Museum Dortmund und Museum Bochum, Kortumstraße 147: ,,Isaac Ricardo Stein“. Gemälde in Dortmund (29.1. bis 11.3.), Zeichnungen in Bochum(28.1.bis 11.3.)




Revier-Lexikon ist nicht durchweg zuverlässig

Von Bernd Berke

Wer hat schon immer parat, daß der Schauspieler Heinz Drache in Essen geboren ist, daß Rudolf Platte aus Dortmund und der Groß-Verleger Gerd Bucerius aus Hamm stammt?

Und weiter: daß es schon 1925 ein Rundfunk-Landesstudio in Dortmund gab, daß in Bochum 1863 eine Shakespeare-Gesellschaft gegründet wurde, daß es im Revier ungefähr 4200 Sportplätze gibt, daß Sigi Held 422 Bundesliga-Einsätze für Borussia Dortmund bestritt?

Für alle, die schon immer besser übers Ruhrgebiet Bescheid wissen wollten, sollte es eine neue Informationsquelle und Gedächtnisstütze sein: das „Revier-Lexikon“ (326 Seiten, 24,80 DM), natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit und im Bielefelder Univers-Verlag erschienen. Von Aake (Frachtschiff der Ruhrschiffahrt im 18. und 19. Jahrhundert) bis Zymzicke („schnippische Person“) – der Band soll in (zu) knapper Form über Landschaft, Wirtschaft, Kultur, Sport, Städte und Menschen dieser Region Auskunft geben. Warum ist eigentlich bisher noch niemand auf diese Idee gekommen?

Auf einem anderen Blatt steht, wie der Einfall verwirklicht wurde. Herausgeber Alfred Lau, Ulrich Krause, leitender Redakteur, und ihr Team haben leider auch den begrenzten Rahmen nicht immer zur Zufriedenheit gefüllt. Die krause Mischung aus brauchbaren Informationen und schludrig aufbereiteten Stichwortartikeln läßt zwar hie und da Lesevergnügen aufkommen, aber es bleibt eher beim Vergnügen der unverbindlichen Art. Wäre man weniger gutwillig, könnte man sagen, daß hier die Grenzen zwischen seriöser Lexikondarstellung und unterhaltenden Teilen reichlich fließend sind.

Mit der Zuverlässigkeit, die man billigerweise gerade von einem Buch verlangen darf, das sich „Lexikon“ nennt, hapert es an zahlreichen Stellen. Nicht nur viele der mitgeteilten „Fakten“ über die Zeitungslandschaft des Reviers (bis hin zu Geburtsdaten) sind grundfalsch. Unsinnig z. B. auch die Behauptung, es habe im Mittelater „Schwerter aus Schwerte“, also Waffenschmieden in der Ruhrstadt gegeben. Solche groben Schnitzer sind einfach ärgerlich. Sie machen auch mißtrauisch gegenüber Informationen, die sich nicht unmittelbar nachprüfen lassen. Vor einer eventuellen zweiten Auflage muß dringend korrigiert werden. In der derzeitigen Form ist das Buch sein Geld nicht wert.

Im selben Verlag ist auch ein „Kleiner Kunst- und Kulturführer Ruhrgebiet“ (14,80 DM) erschienen. Durch die Beschränkung aufs Thema Kulturkann Autor Alfred Wolf mehr in die Details gehen als die Redaktion des „Revier-Lexikons“. Alphabetisch nach Städten geordnet, erweist sich der 144-Seiten-Band als nützlicher Führer durch den wahren „Dschungel“ an kulturellen Begebenheiten und Institutionen an Ruhr und Emscher. Dankenswerterweise werden nicht nur die „klassischen“ Sparten berücksichtigt, sondern auch Kabarett, „Alternativ“-Theater oder Rockmusik.




Der Tod im Werk Picassos

Von Bernd Berke

Bielefeld. 40 Intercity-Minuten von Dortmund entfernt, bietet sich ab Sonntag eine allerletzte Gelegenheit, wichtige Werke von Pablo Picasso ohne großen Reiseaufwand zu sehen.

Ab 1985, wenn das Picasso-Museum in Paris fertig ist, werden zahlreiche Arbeiten aus dem Atelier des 1973 gestorbenen Spaniers, die der französische Fiskus statt einer Erbschaftssteuer „kassierte“, für immer an der Seine bleiben. Diese Aussicht erzeugt eine Art „Torschlußpanik“ und beschert der bis 29. Januar dauernden Düsseldorfer Ausstellung der Picasso-Skulpturen Besucherrekorde; nun zieht Bielefeld mit „Picasso Todesthemen“ nach.

Picassos Gesamtwerk gilt als Ausdruck eines eher heiter gestimmten Naturells. Dieses Klischee muß spätestens jetzt in einigen Nuancen korrigiert werden. Ist auch der Tod kein zentrales Thema, so prägt er doch immer wieder Schlüsselwerke der verschiedenen Schaffens-Phasen, die jeweils Krisen in der Biographie Picassos zugeordnet werden können. Nicht immer wird das so deutlich wie bei der Darstellung von Menschen- oder Tierschädeln, bei blutigen Stierkampfszenen oder Bildern, die Gewalt („Raub der Sabinerinnen“, 1962) bzw. Mord („Frau mit Dolch. Der Tod Marats“, 1931) ausdrücklich zum Inhalt haben. Vielfach erweisen sich schon „harmlose“ Stilleben mit Kerzen (letztere als symbolische Lebenslichter) als subtile künstlerische Variationen zum Todesthema.

Auch die geschlechtliche Vereinigung gehört in die Randbezirke des Todes, indem beispielsweise der Moment der höchsten Lust als „kleiner Tod“ dargestellt wird oder unheilvolle Verstrickungen zwischen „männlichem und weiblichem Prinzip“ der Bildidee zugrunde liegen – so etwa bei „Katze und Hahn“ von 1953: Die (weibliche) Katze reißt dem toten Hahn Fleischstücke aus der Brust.

Die Ausstellung versammelt Picasso-Gemälde, Zeichnungen und Graphiken von 1899 bis 1962, darunter als wohl wertvollstes Werk die „Kreuzigung“ (1930). Während die Sterbeszenen der frühen Ölskizzen sich noch auf traditionelle Bildlichkeit stützten, entwickelte Picasso später eine immer eigenständigere, in ihrer Prägnanz geniale Zeichensprache.

„Picasso. Todesthemen“. Kunsthalle Bielefeld, bis 1.4. Katalog 42 DM.




Geld bewegt den Kunstbetrieb: Mäzene und Besitzer machten 1983 die meisten Schlagzeilen

Auch 1983 hatte der Kunstbetrieb oft mehr mit „Betrieb“ als mit Kunst zu tun. Nicht so sehr um Stilrichtungen und Werke drehte sich das Medienkarussell, als vielmehr um Mäzene und Erlöse.

Einer der Höhepunkte war die Ersteigerung des Evangeliars Heinrichs des Löwen für satte 32,5 Millionen DM am 7. Dezember bei Sotheby’s in London. Ob und wieviel die Welfen dabei mitkassieren, wird diskret verschwiegen. Der Verdacht, daß mit knappen öffentlichen Geldern ein marodes Fürstenhaus saniert wird, drängt sich auf.

Offener liegen die Vorgänge um Watteaus Rokoko-Gemälde „Einschiffung nach Cythera“ zutage. Als Hohenzollern-Prinz Louis Ferdinand für das Liebesinsel-Bild stolze 15 Millionen DM verlangte, widrigenfalls das Bild außerhalb Berlins verkauft werden könne, löste das eine Spendenwelle aus. Just zu Weihnachten waren 5 Mio. DM beisammen, so daß der Bund und Berlin jeweils mit dem gleichen Betrag als Retter beispringen können.

Nicht nur adelige Kunstbesitzer, auch bürgerliche Mäzene machten von sich reden. Der Aachener Schoko-Fabrikant Peter Ludwig veräußerte im März eine Kollektion mittelalterlicher Handschriften ans steinreiche Getty-Museum in Malibu/Kalifornien. Kölner Museumsleute fielen aus allen Wolken, hatten sie doch den Verkaufswert durch wissenschaftliche Bearbeitung gesteigert und fest damit rechnet, die Sammlung in der Domstadt halten zu können.

Günstiger scheint sich unterdessen die Liaison zwischen Lothar Günter Buchheim und Duisburg zu entwickeln. Der Stadtrat beschloß, dem Lehmbruck-Museum einen 11-Millionen-Bau anzugliedern, der für die Buchheimsche Expressionisten-Sammlung bestimmt ist – Pilgerstätte für Kunstliebhaber, aber auch ein zu Lebzeiten errichtetes Monument für den Stifter…

Im Revier war es ein Jahr der neuen Museen

Duisburg kommt 1986 dran, aber schon 1983 war ein denkwürdiges Jahr, was Museen im Revier betrifft: Das Museum Bochum eröffnete im Oktober einen Erweiterungsbau, in Essen wachsen Folkwang- und Ruhrland-Museum Zug um Zug, in Dortmund wurde am 26. November das Museum für Kunst und Kulturgeschichte eingeweiht. In Köln wehte der Richtkranz über dem Neubau des Wallraf-Richartz/Ludwig-Museums, Wuppertal hob ein Technikmuseum aus der Taufe – Keimzelle für ein „Historisches Zentrum“.

1983 war zwar ein Jahr der Museen, weniger ein Jahr der weltbewegenden Ausstellungen. In NRW dürften in Düsseldorf (das im Kunstmarkt-Gerangel Köln unterlag) noch die gewichtigsten präsentiert worden sein: im Januar die Matisse-Retrospektive, im Mai der voluminöse „Hang zum Gesamtkunstwerk“, im Dezember die Picasso-Skulpturen. Doch auch das Westfälische Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster wartete mit bemerkenswerten Ausstellungen auf, u.a. mit der „Tunis-Reise“ von Macke, Klee und Moilliet, die allein über 100000 Besucher anzog. Das Museum Folkwang in Essen setzte mit Erich Heckel und der „Sammlung FER“ erneut Maßstäbe fürs Revier.

Wenn denn überhaupt Trends auszumachen sind, so vielleicht – als Gegenbewegang zur mehr national gewichteten Strömung der „Neuen Wilden“ – eine Rückbesinnung auf die USA als Hauptland neuester Kunst. Die Düsseldorfer Kunsthalle zeigte „New York Now“, das Rheinische Landesmuseum in Bonn „Back to the USA“.

Auf den nationalen bzw. regionalen Aspekt heben zwei Großprojekte ab, die für 1984 angekündigt werden. Unter Regie der Arbeitsgemeinschaft deutscher Kunstvereine wachsen im Sommer 46 Städte zu einer „Kunstlandschaft Bundesrepublik“ zusammen, in der jede Region ihr Eigengewicht behält. Elitärer gibt sich die von einem finanziell wohlbestallten Düsseldorfer Verein geplante „Neue Deutsche Kunst“, mit der man im Herbst ’84 in Düsseldorf ausschließlich deutsche Spitzenleistungen vorführen will.

Auf nationale Elite scheint sich auch Bundesinnenminister Zimmermann zu kaprizieren. Was er beim Film mit neuen Förderungsrichtlinien zu verhunzen droht, hat – stimmen die Befürchtungen von Museumsexperten – Entsprechungen: Bundeskunsthalle raus, Gedenktempel nach Walhalla-Art rein.

Bleibt die Hoffnung, daß Kunst und Künstler sich nicht vereinnahmen lassen und standhaft bleiben – wie der „Zürcher Sprayer“ Harald Nägeli, der weiter mit seiner Auslieferung an die Schweiz rechnen muß und (gottlob) eine Dozentenstelle in Wiesbaden ablehnte.




Bert Brecht seziert und kenntlich gemacht – Pina Bauschs Tanzabend „Die sieben Todsünden“

Von Bernd Berke

Wuppertal. Wer geglaubt hat, „seinen“ Brecht genau zu kennen, kann ihn jetzt anders, nämlich noch genauer kennenlemen. Kaum jemand hat, wie der als „Frauenverbraucher“ selbst notorische „B.B.“, derart illusionslos und präzise Zusammenhänge zwischen Besitzverhältnissen und Sexualität formuliert. Und wie ließen sich die Gesten solcher, in Geld- und Werteinheiten abzurechnenden Tauschverhältnisse ausdrücklicher darstellen als im Tanz? Pina Bauschs Brecht-Tanzabend „Die sieben Todsünden“ stand schon 1976 bis 1979 auf den Spielplänen. Er erlebte nun eine glanzvolle Wiederaufnahme.

Das Ensemble – Pina Bausch arbeitet seit 10 Jahren in Wuppertal – „schreibt“ zugleich seine eigene Geschichte nach, aber auch fort. Die Rekonstruktion der Erstfassung gerät nicht zur faden Reprise, sondern gewinnt im neuen Zugriff neue Unmittelbarkeit.

„Die sieben Todsünden der Kleinbürger“, von Brecht (Musik: Kurt Weill) als Ballett gedacht, schildert die profitable Zurichtung eines Menschen. Anna I (Ann Höling), nüchtern planend, deformiert ihre sexuell attraktive, „unvernünftige“ Schwester Anna II (Josephine Ann Endicott) auf Geheiß der Familie – hier ein sonores Männer-Quartett – zur Ware für den Geschlechter-Markt. Der „weiße Hintern“ soll Geld einbringen, von dem ein Haus gebaut werden soll. Im Verlauf der Objektwerdung verkehren sich die vom Christentum gebrandmarkten „Todsünden“ zu Tugenden. Nicht Faulheit ist von Übel, sondern nur Faulheit im Begehen des Unrechts; Käuflichkeit ist nicht länger verwerflich, sondern nötig usw. So sind die Verhältnisse – und sie hinterlassen Spuren.

Pina Bausch setzt hier geradezu mikrochirurgisch an, seziert und isoliert kleinste gestische Einheiten sexueller Inbesitznahme, die in dichter Reibung vorgeführt werden. Die serielle Struktur fügt sich zu traumatischen Szenen. Da „nimmt“ man sich die Frau, indem man etwa ihr Hinterteil zigfach im Gewaltrhythmus hin- und herreißt. Anna II, vermessen, gewogen wie Fleisch und für brauchbar befunden, umgeben von lauter Charaktermasken, windet sich bis in die Zehenspitzen, wird durch und durch geschüttelt von den Zumutungen ihrer „Käufer“.

Der zweite Teil dessen, was man wohl einen „großen Abend“ nennt, ist eine Art Brecht-Revue. Hervorragend vorgetragene Songs, u.a. aus der „Dreigroschenoper“ und „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, bilden den Ausgangspunkt für grelle Travestie, aber auch für hauchzart seelenzerstäubende Szenen. Auch hier wird man ganz Auge für diverse Erbärmlichkeiten aus dem Umgang der Geschlechter.

Erniedrigt und beleidigt: Die Frauen – abhängig, anhänglich, ichlos und kaum einmal selbst (auf)begehrend. Ein Mann (Erich Leukert) nähert sich als „Gottes Stellvertreter“, verheißt im Singsang „Fürchtet euch nicht“ Trost und Rettung, bevor er über „Sie“ (Beatrice Libonati) herfällt. Zwei Erlebnisse unter vielen: Das Lied von der Unzulänglichkeit („Der Mensch lebt durch den Kopf…“), gesungen und getanzt in zeitlupenhafter Dehnung, oder das zum schrillen Quartett verdoppelte Eifersuchts-Duett aus der „Dreigroschenoper“. Obwohl man an Brecht auch (selbst)ironisch herangeht, werden seine Texte nicht denunziert. Sie werden – mit Brecht zu reden – „kenntlicher“.

Im tosenden Schlußbeifall, der gewiß 10 Minuten dauerte, zeigte sich Pina Bausch nur widerstrebend im Kreis des Ensembles.




46 Städte sollen zur „Kunstlandschaft Bundesrepublik“ zusammenwachsen

Von Bernd Berke

Im Westen. Das hat es noch nie gegeben: Gleich 46 Städte schicken sich an, im Juni/Juli 1984 zur „Kunstlandschaft Bundesrepublik“ zusammenzuwachsen.

Unter diesem Titel wird, parallel an Orten im gesamten Bundesgebiet, ein Querschnitt durch die einheimische Kunstszene gezeigt, und zwar nach dem Tauschprinzip: So zeigt Berlin Kunst aus dem Ruhrgebiet und Westfalen, Köln präsentiert die „Szene München“, München wiederum Objekte aus Frankfurt, Münster nimmt sich die Arbeiten aus Niedersachsen vor usw.

Das gigantische Projekt, mit einem vermutlichen Aufwand von 1,5 Mio. DM noch vergleichsweise preisgünstig, wurde von der erst 1980 gegründeten Arbeitsgemeinschaft deutscher Kunstvereine (AdKV) ins Leben gerufen. Von 90 Kunstvereinen beteiligen sich 46, unter anderem der noch relativ junge Kunstverein in Siegen sowie die Pendants aus Wuppertal und Münster. AdKV-Vorsitzender Dr. Wulf Herzogenrath: „Gerade Kunstvereine in kleineren Städten bekommen wichtige Impulse.“ Von den Großstädten fehlen mangels intakter Kunstvereine jene des Reviers, aber auch das Saarland, die Pfalz und Nürnberg sind nicht vertreten.

Im Gegensatz zum millionenschweren Düsseldorfer Projekt, mit dem „Westkunst“-Macher Kasper König beauftragt wurde (die WR berichte), betont „Kunstlandschaft“ die regionale Vielfalt, läßt den höchst unterschiedlichen „Szenen“ ihr Eigengewicht. Außerdem soll nicht nur die Marktelite vorgestellt werden, sondern auch vielversprechende Talente.

Pro Region – es kristallisierten sich zehn Schwerpunktgebiete heraus – sollen etwa 35 Künstler, insgesamt also etwa 350 junge Künstler ab Jahrgang 1940 mit jeweils bis zu sieben aktuellen Werken vertreten sein. Je nach örtlicher Tradition und Beschaffenheit der Ausstellungsräume gliedert sich das Projekt auch nach Gattungen. So sollen zum Beispiel im Schloß Brühl Skulpturen gezeigt werden, während Köln Malerei präsentiert, Hamburg Raum-Installationen berücksichtigt und Wilhelmshaven Foto- und Video-Kunst in den Vordergrund stellt. Extra in NRW: Wenn die hiesige Kunst von ihren „Gastspielen“ heimkehrt, folgt im Herbst ’84 eine Präsentation in der Halle Münsterland.

Wulf Herzogenrath, der gestern in Köln vor Journalisten das Konzept umriß, wertet die Fülle der Ausstellungen als „regional, aber nicht provinziell.“ Diese Leitlinie sei der Struktur der bundesdeutschen Kulturlandschaft mit ihren vielen Zentren angemessen.

Umfangreich wie die Ausstellungen, verspricht auch der Katalog zu werden. Er soll nicht weniger als elf Bände umfassen, jedem Künstler vier Seiten widmen und an allen Ausstellungsplätzen sowohl in Einzelbänden als auch im Paket erhältlich sein.




Kunst mit Kopfsalat und Bett – Sammlung FER im Folkwang-Museum

Essen. Auf dem Fußboden liegen Carl Andres „64 Scheiben aus Blei“, grau in grau, unscheinbar. Schräg gegenüber entfalten sich desto auffälliger die Farborgien des „Neuen Wilden“ Peter Bömmels. Bewußt grell hat das FolkwangMuseum in seiner Neuen Galerie solche Gegensätze hervortreten lassen.

Die „Werke aus der Sammlung FER“ – die Abkürzung steht für die Initialen des Tablettenfabrikanten und Kunstsammlers Friedrich Erwin Rentschler – werden hier zum ersten (und für lange Zeit zum letzten) Mal öffentlich gezeigt. Eine ganz seltene Möglichkeit also, etwa 70 beispielhafte Werke der allerjüngsten Kunst aus Europa und den USA zu sehen, die schon bald wieder in der privaten „Versenkung“ verschwinden werden.

Wenn es auch nicht nach jedermanns Geschmack sein dürfte, auf einen Streich mit völlig verschiedenen Kunstrichtungen konfrontiert zu werden, so lassen sich doch exemplarisch einige Grundlinien der Entwicklung vom Beginn der 60er Jahre bis zur Gegenwart verfolgen. 35 Künstler sind vertreten. Vieles ist „vom Feinsten“, was der Kunstmarkt zu bieten hat.

Es beginnt mit Zeichnungen von Joseph Beuys aus den frühen 60er Jahren, geht weiter mit Beispielen der Minimal Art (z.B. vier je einen Kubikmeter große Messingwürfel von Donald Judd) und wird fortgesetzt mit Werken der sogenannten „Arte Povera“, bei der „ärmlich“ anmutende Alltagsmaterialien zu neuen, überraschenden und symbolischen Zusammenhängen verwoben werden – so etwa ein Bettgestell von Jannis Kounellis, aus dem mittels Gaskocher eine Flamme schlägt. Bemerkenswert auch eine Arbeit von Giovanni Anselmo, deren zwei Granitblöcke so locker mit Draht zusammengehalten werden, daß als notdürftige Polsterung ein Kopfsalat dienen muß, weleher nach ein paar Tagen fault und das ganze Objekt auseinanderfallen läßt.




Aus dem Kriegsgebiet ins Bonner Landesmuseum: „Frühe Phöniker im Libanon“

Von Bernd Berke

Bonn. Im 14. Jahrhundert vor Christus bebte im heutigen Libanon die Erde. In einem Haus sackte der Fußboden ab, drei Bewohner stürzten in den Keller. Ein Teil ihrer Habe, damals ebenfalls unter Schutt begraben, ist (neben anderen, unschätzbar wertvollen Stücken), seit gestern in Bonn zu besichtigen.

Die Ausstellung „Frühe Phöniker im Libanon“ darf trotz ihrer Überschaubarkeit (etwa 130 Exponate) als Großereignis gelten: Seit 1963 gruben bis zu 18 Mitarbeiter im Namen des Instituts für Vor- und Frühgeschichte der Uni Saarbrücken auf dem Tell Kamid el-Loz (südlich der Straße von Beirut nach Damaskus). Sie stießen auf einem Palast, einen Tempel und sogar auf eine Art „Stadtarchiv“. Die Funde aus diesen Gebäuden werden jetzt erstmals öffentlich gezeigt.

Gäbe es den Libanonkrieg nicht, wäre eine solche Ausstellung in der Bundesrepublik undenkbar. Weil aber die Stücke in den Wirren Beiruts nicht sicher geborgen geschweige denn gezeigt werden können, übergaben die libanesischen Behörden das wertvolle Gut dem Saarbrücker Expeditionsleiter Prof. Rolf Hachmann, der es bis zu einem erhofften Friedensschluß im Nahen Osten treuhänderisch verwaltet und dann zurückgeben wird.

Was gibt es zu sehen? Funde aus der älteren Eisenzeit (etwa 1200-800 v.Chr.) und aus der Spätbronzezeit (etwa 1550-1200 v. Chr.): Schmuckgegenstände aus Elfenbein (zur Entstehungszeit gab es noch Elefanten im Grabungsgebiet); Statuetten, deren Züge weitaus lebendiger wirken als die der stilisierten ägyptischen Gegenstücke. Außerdem Gefäße aus Glas, Krüge und Öllampen aus Ton, einige elfenbeinerne Spielbretter (bevorzugtes Spiel der Phöniker unbekannt), Dosen in Entenform, Teile eines Schuppenpanzers und, und, und…

Rolf Hachmann, der in Bonn nur einen Bruchteil seines „Lebenswerks“ (17 Grabungskampagnen in 20 Jahren) zeigen kann, nimmt die Phöniker – lateinisch inspirierte Lesart: Phönizier – „in Schutz“: „Dieses Volk hat eigenständigere Formensprache entwickelt, als dies bisher geglaubt wurde. Die Phöniker haben Anregungen aus Ägypten und Mesopotanien zwar aufgenommen, aber auch weiterentwickelt.“ Die als Handelsgenies („Großversand des Mittelmeerraums“) und Erfinder der Lautschrift bekannt gewordenen Phöniker „haben auch nicht, wie man früher annahm, nur entlang der Küste gesiedelt, sondern auch im Landesinneren.“ Vermutliche Staatsform: lokale, auf kleine Siedlungen beschränkte Königtümer.

Professor Hachmann ist auch nach 20 Jahren nicht immer ungefährlicher Grabungs-Kampagnen unverdrossen: „Im März machen wir weiter, falls es die politische Lage zuläßt.“

„Frühe Phöniker im Libanon“, Rheinisches Landesmuseum Bonn, Colmantstraße, bis 22. Januar 1984 (danach u. a. in Berlin und München), Katalog 20 DM.




Traumreise zum müden Monarchen – „Insel des König Schlaf“

Von Bernd Berke

Wuppertal. Manuel lebt in einem kleinen Fischerdorf, irgendwo im Süden Europas. Seine Tante drängt ihn keifend, er solle sich den Realitäten selten, vor allem aber Schularbeiten machen. Alles, was den Jungen beschäftigt, tut sie als „spinnert“ ab.

Er aber braucht nicht einmal Phantasie, um Phantastisches zu erleben. Ein Boot wird ihm geschenkt, das ihm als „Traumschiff“ dient. Und ab geht die Reise zur „Insel des König Schlaf“. Das gleichnamige Stück des Portugiesen Norberto Avila hatte am Samstagmorgen in Wuppertal Premiere. Für die von Gerhard Kelling erstellte deutsche Fassung war es sogar eine Uraufführung.

Besagte Insel ist ein Schlaraffenland. Nur einige Probleme, die der pfiffige Gast Manuel (Boris Voland) nach und nach löst, gibt es: Der König (Heinz Voss) hat seit Monaten nicht geschlafen, dem Dr. Scharlatanski (Tjaart Potgieter) will es nicht gelingen, ein Schlafmittel zu kreieren. Dafür wird er von einer roboterhaften „Kitzelmaschine“ bestraft. Dem Flötisten Liebton (Gregor Höppner) ist eine Melodie abbanden gekommen, „Dienstag“ und „Donnerstag“ (groteskes Duo: Alexander Pelz und Hans Richter) streiten über die Zeitspanne, in der die gebratenen Tauben in die Mäuler der Insulaner zu fliegen haben –  dienstags oder donnerstags. Nach Schluß der Vorstellung bilden sich rasch Kindergruppen, die lautstark der einen oder anderen Auffassung Ausdruck verleihen…

Überhaupt geht der Nachwuchs, gut vorbereitet durch das Wuppertaler Bühnen-Projekt „Kinder erzählen ihre Träume“, so richtig mit. Beispielsweise, als der König – er hat endlich eine volle Woche durchschlafen können – der unterdessen liegengebliebenen Arbeit überdrüssig ist und Staats-Depeschen in Form von Papier-Schwalben ins Publikum wirft. Klar, daß jeder eine ergattern will und das Gerangel auf den Rängen groß ist. Und wenn, nach Manuels Rückkehr ins Dorf, die Tante seinen abenteuerlichen Bericht bezweifelt, ergreifen alle empört Partei für ihn.

Regisseurin Sylvia Richter richtete das Stück konsequent als „Traumspiel“ ein, das die von der Tante (Sabine Schwanz) vertretene, platte Realität übel aussehen läßt. Vielleicht hat ihr Carrolls „Alice im Wunderland“ als leuchtendes Beispiel vorgeschwebt. Entsprechende Freude an hintersinnigen Absurditäten vermittelt jedenfalls diese Inszenierung. Bühnenbild und Kostüme (laut Programmzettel von „Rosalie“) zeugen von greller Phantasie, die üppig ins Kraut schießt. Die Schauspieler agieren durchweg überzeugend.




Kubismus mit Überraschungen – Genfer Sammlung erstmals in Deutschland

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Daß eine vermeintlich wohlbekannte Stilrichtung in der Kunst auch nach vielen Jahrzehnten überraschende Seiten darbieten kann, belegt eine Ausstellung, die am Sonntag in Recklinghausen eröffnet wird (und bis 15. Januar 1984 dauert). „Aspekte desKubismus“ lautet der Titel – und es hängt kein einziges Bild von Picasso, Georges Braque oder Juan Gris in der Kunsthalle. Wie das?

Es geht um Maler aus mehreren europäischen Ländern, die von diesen Leitfiguren beeinflußt und „in Richtung Kubismus gedrängt“ worden sind, Die 62 Werke von 20 Künstlern entstanden 1910 bis 1935 und sind sämtlich Leihgaben des Petit Palais in Genf, das damit gleich drei Viertel seiner Kubisten-Sammlung der Recklinghäuser Kunsthalle anvertraut. Die Bilder sind erstmals außerhalb der Schweiz zu sehen.

Dem Betrachter bleiben Irritationen nicht erspart. Wer unter Kubismus – grob gesprochen – die Zusammensetzung des Bildes aus geometrischen Formen wie Würfel und Zylinder versteht, macht hier Bekanntschaft mit den Randbezirken dieser Kunstrichtung. Zahlreiche Mischformen zeigen eine erstaunlich Bandbreite dieser Kunstform, die via Paris (alle hier vertretenen Künstler haben dort zumindest vorübergehend gelebt) auch von Malern aus Rußland, Polen, Ungarn oder Rumänien aufgenommen und erprobt wurde. Diese West-Ost-Verbindung – so unter anderem die frappierende Vermengung von Ikonen-Stil und Kubismus bei Natalia Gontscharowa – zu dokumentieren, ist eines der Verdienste dieser Ausstellung.

Während die Hauptlinie des Kubismus eher durch zurückhaltende Verwendung der Farbwerte gekennzeichnet ist, finden sich.in Recklinghausen Beispiele für eine Verbindung nahezu expressiver Farbigkeit mit der geometrischen Formsprache, so etwa bei dem 1885 in Bordeaux geborenen André Lhote mit seinem plakativen Bild „Die Dirnen“ (1918) oder seiner Milieuszene „Im Hafen“ von 1912. Lhote ist überhaupt einer der interessantesten dieser Maler: Geradezu wahllos scheint er mit sämtlichen Stilen experimentiert zu haben.

Auffällig auch die „Aha-Effekte“, die Lust des Wiedererkennens. Jean Metzingers „Ballspielende Katze“ erinnert stark an Tierbilder von Franz Marc, André Lhotes „Saint Tropez“ an Landschaftsmotive von Cézanne, seine „Kubistische Landschaft“ (1919) stellt gar eine gewagte Mixtur aus impressionistischen und kubistischen Elementen dar, Jean Metzinger wiederum unternimmt kubistisch inspirierte Abestecher in den Surrealismus.

Natürlich stellt sich in diesem Zusammenhang auch die Qualitätsfrage, was die Ausstellung übrigens gerade für den Besuch von Schulklassen empfehlenswert macht. Vielfach geraten die Stilformen wirr durcheinander, werden zu Stilbrüchen, zum Beispiel, wenn ein Frauenporträt in der oberen Hälfte streng geometrisch gestaltet ist, der Spitzenbesatz des Kleidausschnitts dann aber geradezu liebevoll im Detail wiedergegeben wird. Anderes wiederum scheint so stark von den berühmten Vorbildern beeinflußt zu sein, daß man von „Plagiatversuchen“ sprechen könnte, so bei der Spanierin Maria Blanchard, die sich ganz offensichtlich für Picasso begeisterte.




Nach mancher Qual doch noch Glanzlichter – Ruhrfestspiel-Ensemble fünf Stunden lang im „Depot“

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Gleich vier neue Produktionen stellte jetzt das Ensemble der Ruhrfestspiele vor – und das erstmals in seiner neuen Spielstätte, einem ehemaligen Straßenbahndepot.

Das Depot ist ein vorzüglicher Ort fürs Theater. Es umfaßt eigentlich drei Spielstätten, so daß zur Einweihung zwei Stücke zeitlich parallel gegeben werden konnten (im „Magazin“ und in der „Werkstatt“). Das fünfstündige Mammutprogramm startete jedoch im Theatersaal des früheren Tramschuppens, und zwar mit „Prometheus und Herakles 5″ von Heiner Müller. An diesem gewichtigen Brocken hat man sich überhoben. Mag sein, daß die wahre Fließbandarbeit des Ensembles, deren erste Ergebnisse hier im Zusammenhang zu sehen waren (künftige Aufführungen erfolgen separat), einen Großteil jener Energie aufgesogen hat, die Müllers Aischylos-Bearbeitung kosten müßte.

Wolfgang Lichtensteins Inszenierung konzentrierte kaum, brachte wenig „auf den Punkt“. Im Prometheus-Teil (Hauptrolle: Bernd Köhler) mühte man sich, nicht immer sinnvermittelnd, mit Müllers hochkomplizierter, klassizistischer Sprache ab. Dann kam Herakles 5 (Meinhardt Zanger) mit Blaumann und Schutzhelm, befreite den Lichtbringer Prometheus und setzte zu einem Solo über die Reinigung des Augias-Stalls an, das wohl als Kabinettstückchen zu werten wäre, mit dem Beginn aber so gut wie nichts mehr zu tun hatte. Durch den allzu jähen Sturz auf die Alltagsebene wurden kaum fruchtbare Widersprüche aufgetan. Statt sich dialektisch zu entfalten, geriet das ganze Stück gleichsam in Schieflage.

Weiter ging’s mit „Die Wende“, einer mit Bochumer Opel-Arbeitern entwickelten Produktion, Szenen zum Thema Arbeitszeitverkürzung. Da zeitgleich „Antreten zum Doppelbeschuß“ (Produktionsleitung: Jürgen Fischer) lief, mußten sich die Besucher entscheiden. Meine Wahl fiel auf den „Doppelbeschuß“. Die Qual folgte prompt. Neckische Vergleiche gewisser Beate-Uhse-Produkte, die den Pershing-Raketen in punkto Stab-Form ähneln, mit eben jenen Atomwaffen, waren da noch das – in jeder Hinsicht – Harmloseste. Die gemeinsam mit Oberhausener Gewerkschaftern erarbeitete Szenenfolge läßt zwar hie und da „die Muskeln spielen“, erwägt gar Generalstreik gegen Stationierung, bleibt aber im Grunde bieder. Über die zentrale, immer wiedergekäute These „Kapitalismus = Krieg“, an der gewiß „etwas dran“ ist, kommt das nicht hinaus. So bleiben gut gemeinte Ansätze flach und eindimensional.

Doch noch ein versöhnender Ausklang: Im Hauptsaal beendet die 100-Minuten-Revue „Wer andern eine Grube gräbt“ (Leitung: Wolfgang Spielvogel) den Marathon. Schwachpunkte fallen hier weniger ins Gewicht. Mit insgesamt 20 „Nummern“, Texten so unterschiedlicher Autoren wie Loriot, Franz Xaver Kroetz oder Peter Alexander (seine Bergmannsschnulze „Schwarzes Gold“ wird der verdienten Lächerlichkeit preisgegeben), werden immer wieder Glanzlichter gesetzt. Vielleicht liegt in solchen Produktionen eine ganz spezielle Stärke und Zukunft des Ensembles.




Respektable „Zugabe“: Meister des 19. Jahrhunderts im neuen Dortmunder Museum

Von Bernd Berke

Dortmund. Dortmunds „Museum für Kunst und Kulturgeschichte“ kann schon zur volksfestlichen Eröffnung am Samstag (Beginn: 11 Uhr) mit einer respektablen „Zugabe“ aufwarten.

Im Zwischengeschoß des für 18 Mio. DM mit Um- und Anbau versehenen, ehemaligen Sparkassengebäudes an der Hansastraße (wir berichteten), sind bis 22. Januar Bilder französischer und niederländischer Maler aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu sehen. Die 22 Leihgaben für diese Sonderausstellung stammen aus dem Rijksmuseum Mesdag. Noch nie waren an einem Ort der Bundesrepublik so viele Werke aus der in Den Haag beherbergten Kollektion des Malers Hendrik W. Mesdag versammelt.

„…deutlicher als die Natur selbst“, lautet der Titel dieser Ausstellung. Er geht zurück auf einen bewundernden Ausspruch Vincent van Goghs, der sich wiederum auf mehrere der nun in Dortmund präsentierten Maler bezog.

Die Landschaftsbilder, Idyllen, Seestücke und Stilleben markieren Übergangsfelder zwischen realistischer und impressionistischer Darstellungsweise. Große Namen, vor allem bei den französischen Meistern: Camille Corot und Gustave Courbet beispielsweise. Maler und Sammler Mesdag spielte um 1870 eine wichtige Vermittlerrolle zwischen ihnen und den Niederländern Jozef Israels, Jacob Henricus Maris oder Anton Mauve („Haager Schule)“. Wie sie die Anregungen der Franzosen verarbeiten, läßt diese Ausstellung umrißhaft ahnen. Es ergeben sich auch Vergleichsmöglichkeiten zu Teilen der nun zu zwei Dritteln zugänglichen Eigenbestände, etwa zu Arbeiten von Max Liebermann oder Lovis Corinth.

Museumsdirektor Gerhard Langemeyer, der seinem Haus nicht nur mit dieser Schau „überregionale, ja internationale Bedeutung“ zu verschaffen hofft, will Wirbel in die nicht immer sehr an- und aufregende Dortmunder Ausstellungs-Szenerie bringen und verspricht bildhaft: „Wir machen Dampf!“ Coup zum Auftakt: Ein in Kürze erscheinender, erster Band eines Bestandskatalogs mit satten 675 Seiten, der dank knapper Verlagskalkulation im Museum nur wenig mehr als 40 DM kosten soll.




Kommentar: Rücktritt in letzter Minute

Man darf aufatmen. Fürs erste wenigstens. Ins Gerede war der unglücklich operierende Bundesvorstand des Schriftstellerverbandes (VS) immer häufiger gekommen. Dauer-Querelen haben das Ansehen und letztlich auch die „Schlagkraft“ dieser Interessenvertretung der Autoren arg in Mitleidenschaft gezogen. Der Rücktritt des kompletten VS-Vorstands könnte den Weg zu einem Neubeginn freimachen.

Daß die Rücktrittsbegründung eher selbstgerecht ausfiel, war zu erwarten und spielt kaum noch eine Rolle. Zwar ist bis zur Delegiertenkonferenz im März ’84 noch manches Scharmützel zu erwarten, doch besteht Anlaß zu der Hoffnung, daß solche „Gewitter“ die geladene Atmosphäre bereinigen. Auch in einige – Engelmanns Linie zuneigende – Landesverbände dürfte nun Bewegung kommen. Vor allem, wenn im weitesten Sinne Fragen des Ost-West-Konflikts anstanden, haben Bernt Engelmann und seine Vorstandskollegen mehrfach fragwürdige Erklärungen abgegeben, für die sie nicht ohne weiteres ein „Mandat“ der Mehrheit alter 2300 VS-Mitglieder beanspruchen konnten.

Nicht nur ehemalige DDR-Autoren, von denen einige ins Fahrwasser der konservativen „Wende“ geraten waren, wurden vergrault. Spätestens nach der dubiosen „Polen-Erklärung“ und der Attacke auf Friedenspreisträger Manès Sperber drohte eine Austrittswelle, die an die Substanz des Verbandes gegangen wäre. Der Rücktritt hat wohl – in letzter Minute – eine Spaltung des Verbandes verhindert.                   Bernd Berke




„Stilles Sterben im Hinterzimmer“: Über 60 Prozent der westfälischen Museumsbestände in akuter Gefahr

Von Bernd Berke

Im Westen. 60 bis 70 Prozent der westfälischen Museumsbestände sind konservierungs-oder restaurationsbedürftig. Dies ergab eine Überprüfung in 100 von 180 öffentlichen Museen Westfalens, die der Chefrestaurator des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) jetzt abgeschlossen hat.

Bernard Korzus, Leiter des LWL-Museumsamtes, gab die Zahlen gestern in Münster bekannt und warnte: „Während ein Denkmal sichtbar verfällt, gibt es in den Museumsmagazinen ein ,stilles Sterben im Hinterzimmer‘.“

Die vergammelnden Bestände stellen auch materiell enorme Werte dar. „Es es geht um Abermillionen“ (Korzus). Bei einer gestern in Münster beendeten Tagung hochkarätiger Vertreter der Museumsbetreuung, die bundesweit für weit über 2000 Museen in öffentlicher Trägerschaft zuständig sind, kam heraus, daß Westfalen sogar vergleichsweise günstig dasteht. Obwohl die Mittel auch hier nicht reichen (LWL-Restaurierungszuschüsse: 250 000 DM im Jahr), verfällt in anderen Bundesländern das Kulturgut noch rapider.

Schon mit der bloßen Bestandserfassung liegt vieles im argen. Immerhin hält sich Westfalen auch hierbei passabel: Die Stücke aus 30 von 180 westfälischen Museen sind detailliert in einer Kartei erfaßt. Genaue Erfassung ist Voraussetzung für sinnvolle Museumspädagogik und für erste Hinweise auf Verfallserscheinungen.

Für ein beispielhaftes Projekt erhofft sich der LWL noch grünes Licht vom Land: Erstmals in einer Region der Bundesrepublik soll eine zentrale Restaurierungswerkstatt entstehen, und zwar in Gelsenkirchen. 20 Restauratoren-Planstellen und 15 Ausbildungsplätze könnten dort entstehen. Bernard Korzus: „Restaurator – ein Beruf mit Zukunft“.




Halbherzig: „Ada und Evald“ von Monika Maron in Wuppertal uraufgeführt

Von Bernd Berke

Wuppertal. Monika Maron DDR-Autorin, Jahrgang 1941, hat ein Prosastück geschrieben, einige Mono- und Dialoge hineinverwoben und das Ganze ..Ada und Evald. Ein Stück“ genannt. Wuppertals Bühnen nahmen das Titelanhängsel „Ein Stück“ wörtlich und brachten „Ada und Evald“ als Uraufführung.

Schon im Vorfeld dieses Ereignisses hatte es Auseinandersetzungen gegeben. Schauspieldirektor Dieter Reible zog, unzufrieden mit erreichten Resultaten, die Regie-und Bühnengestaltung an sich, die Premiere mußte verschoben werden. Man ahnt nun, wo die Probleme gelegen haben könnten. Das „Stück“ ist eher zum Lesen geeignet, es wirkt im Theater deplaziert.

Schriftstellerin Ada (Andrea Witt) liebt den Schriftsteller Evald (Michael Wittenborn), weil der sich ihr entzieht. Evald übertüncht seine innere Leere, indem er Weltschmerz- und Geniephantasien nachhängt. Ada will, „daß etwas passiert“, will Leben und Hoffnung, Evald werden hingegen alle Weltübel zum Anlaß für Texte, die er sich abringt. Beziehungs-Elend also, die Frau vornehmlich Opfer. Zwei (von Schauspielern dargestellte) Wachsfiguren spiegeln als „zweite Ichs“ das Titelpaar wider.

In einer mehrfach aufgegriffenen Kneipen-Szene erscheint ein Herr „X“ (Bernd Kuschmann), der den Humanismus für tot erklärt und düster über „Schuld und Geschichte“ palavert. Angeblich soll DDR-Dramatiker Heiner Müller bei dieser Figur Pate gestanden haben. Er wird’s verwinden. Ferner treten auf: die Figur „Suizi“ (Franz Träger), in Ada verliebter Selbstmordkandidat, ein versoffener Prediger (Johannes Schütz), geschwätzig das Weltende zum Neubeginn erklärend und – Berliner „Pflanze“ – die Malerin Clairchen (Rena Liebenow mit dem meisten Applaus), die in einer naturmagischen Szene mit einem Baum vermählt wird.

Das Stück hat einige lichte Momente, doch vielfach fallen nur sprachlich kraftlose Gedankenbröckchen und ausgelaugte Bilder ab. Unsäglich erscheint mir jene gereizte Szene über geraubte Wörter: „Freiheit, Sehnsucht, Hoffnung, Glück. Wir hol’n die gestohlenen Wörter zurück“, heißt es mehrfach im Chor. Dazu Ringelpiez mit Anfassen. Das provozierte höhnischen Beifall auf offener Szene.

Einige starke Einfälle (zu Beginn auf erhöhter, rundum schwarz verhangener Bühne eine Szene „in Breitwandformat“) können den insgesamt halbherzigen Zugriff der Regie nicht verhüllen. Ob dieser Text überhaupt mit Theatermitteln greifbar ist – diese Frage konnte die Uraufführung noch nicht befriedigend beantworten.

Monika Maron, über die das Programmheft sträflicherweise nichts mitteilt, und das Ensemble nahmen einen eher höflich zu nennenden, den schauspielerischen Leistungen angemessenen Durchschnittsbeifall entgegen.




Dichte Schreckmomente der Gewalt – Skulpturen von Agenore Fabbri in Duisburg

Von Bernd Berke

Duisburg. ,,Wir sind die ,Primitiven‘ des Raumzeitalters. Wir müssen noch einmal ganz von vorn beginnen.“ Der so die Umkehr zu den Ursprüngen beschwort, heißt Agenore Fabbri und ist einer der Altmeister der italienischen Bildhauerei.

Seine Werke waren in aller Welt zu sehen, wurden aber hierzulande bisher kaum zur Kenntnis genommen. So kann sich Duisburgs Wilhelm-Lehmbruck-Museum nun rühmen, mit 50 Skulpturen und 23 Zeichnungen die erste umfassende Fabbri-Retrospektive Deutschlands zusammengestellt zu haben.

Zurück zu den Anfängen – diesen Leitspruch verwirklicht Fabbri bereits bei der Wahl seines bevorzugten Materials: ,,Ton – weil er schon von den ersten Menschen verwendet wurde“, begründet der Mann, von dem sich einst sogar Pablo Picasso in der Kunst der Tonverarbeitung beraten ließ. Handfesterer Grund: Bei einer Keramikfabrik in Albisola gab es diesen Werkstoff kostenlos.

Seine Werke seien nicht im herkömmlichen Sinne schön, erklärte der 1911 geborene Bildhauer gestern bei einem Ausstellungsrundgang. Sie stellten einen Protest gegen die von Menschen ausgeübte Gewalt dar. Dazu gehören keine ebenmäßigen Formen, sondern schmerzverzerrte Gesichter. Die meisten der von Fabbri modellierten Figuren tragen deutliche Spuren von Gewalt. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen zeigen sie Verletzungen, tiefe Risse und Schnitte in der ,,Haut“. Die Haltung der meist erdfarbenen Leiber: Abwehrstellungen, verzweifelte Demutsgesten, aber auch – und dies könnte man den ,,utopischen“ Aspekt nennen – Aufbäumen und raumgreifende Bewegungen, die die unerträglich beengte Umgebung zu sprengen scheinen. Was in Fabbris Frühzeit eher sinnbildlich in Tiergestalten (Titel z.B. ,,Kriegshund“, ,,Verbrannte Katze“) gebannt ist, verdichtete Schreckmomente der Gewalt, nimmt später in Menschendarstellungen erschütternde Form an.

In den 50er Jahren, auch dafür finden sich Beispiele in Duisburg, experimentierte Fabbri mit Möglichkeiten der Abstraktion, deren Umsetzung in sehr einleuchtender und unmittelbarer Weise auf Wirkliches bezogen ist. Unter dem Eindruck von Hiroshima etwa fertigte Fabbri einen ,,Mondmenschen“ sowie apokalyptische, insektenähnliche Schauerwesen, die an Mutationen in einer atomar verseuchten Umwelt denken lassen.

Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Duisburg. Agenore Fabbri: Skulpturen / Graphiken. 16. November 1983 bis 1. Januar 1984. Di 11-20, mi bis so 11 bis 17 Uhr, montags geschlossen.




Kölner Kunstmarkt: Veranstalter geben sich optimistisch – Streit um Zukassungs-Kriterien und Standort

Von Bernd Berke

Köln. „Der Kunstmarkt expandiert wieder kräftig.“ Bogislav von Wentzel, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Deutscher Galerien, machte auf Optimismus.

Auf einer Pressekonferenz zum heutigen Start des Internationalen Kölner Kunstmarktes (bis 17. November), wischte er gestern alle, in den letzten Wochen an der Verbandsspitze geübte Kritik vom Tisch. Hatte noch tags zuvor der Bundesverband Bildender Künstler (BBK) die Messe als „nicht repräsentativ“ bezeichnet, so ging von Wentzel nun in die vollen. Der Kunstmarkt könne „die Szene deutlicher repräsentieren, als die scheinbar so großen unabhängigen Ausstellungen“ wie die „documenta“ oder die Biennale.

Dieter Ebert, Hauptgeschäftsführer der Kölner Messe- und Ausstellungs GmbH, stieß nach: „In Köln finden sie (die Besucher) alles, was ihr Herz begehrt: Kunst aller Stilrichtungen und Epochen!“ Eine Übertreibung, gelinde gesagt. Aktionskunst, Performance oder Video-Arbeiten fehlen beispielsweise.

152 Galerien (darunter eine aus Dortmund) aus acht Ländem sind auf dem Deutzer Messegelände dabei. US-Galerien glänzen – wie letztens auch in Paris und Basel – durch Abwesenheit. Die Käufer, so glaubt die Bundesverbandsspitze festgestellt zu haben,, wenden sich wieder der „Avantgarde“ zu. Im Rahmen eines Förderprogramms werden daher auch 25 noch nicht durchgesetzte Künstler vorgestellt. Weitere Sonderschau: 80 Werke (Giacometti, Yves Klein u.a.) aus dem Louisiana-Museum Humlebaek, nördlich von Kopenhagen gelegen.

Der gestern verbreitete Optimismus tut not, wird doch die Messe von mehreren Seiten attackiert. Hauptstreitpunkte sind „Zulassungkriterien“ und Standortfrage. Galeristen, die sich vom längst fallengelassenen Vorstands-„Konzept der 100″, das die Zahl der Aussteller auf eine Hundertschaft hatte begrenzen sollen, ausgebootet fühlten, probten den Aufstand.

Auch mit der Standortwahl (der Markt soll nur noch in Köln stattfinden) setzte sich der Verband in die Nesseln. Der Beschluß brachte besonders Galeristen aus dem Raum Düsseldorf auf die Barrikaden. Um die Rivalität der Rheinmetropolen doch noch zugunsten der Landeshauptstadt ausschlagen zu lassen, erzwangen sie für morgen eine außerordentliche Sitzung des Galeristenverbandes.




Vertrackter Hintersinn: Ionescos „Unterrichtsstunde“ als Jugendstück

Von Bernd Berke

Dortmund. Wo etwas eingeweiht wird, fehlen selten Künste als Dekor. So auch gestern: Zur Eröffnung einer neuen Jugendfreizeitstätte im Dortmunder Ortsteil Rahm steuerte das DO-Kindertheater sogar eine Premiere bei.

Als „Vor-Ort“-Vorstellung ‚gab’s „Die Unterrichtsstunde“ von Eugène lonesco (Inszenierung: Klaus D. Leubner). Dieses Werk eines der Vertreter des „Absurden Theaters“ als Jugendstück anzubieten, ist riskant.

Der Raum, zwischendurch leichter ohne Aufsehen zu verlassen als ein Theater, leerte sich zusehends, obwohl die unter 13-jährigen schon zuvor von Detlev Redinger hinauskomplimentiert worden waren („Vom ,Tapferen Schneiderlein‘ habt ihr mehr!“).

Ein alter Professor (Redinger zwischen Verklemmtheit und Dämonie) erteilt in seiner Wohnung Privatunterricht. Er verwickelt eine junge Schülerin (Gabriele Hintermaier) tief und tiefer in die abgründig-abstrusen Labyrinthe des Wissens. Immer aufgebrachter reagiert er auf ihre Unkenntnis in Sachen Arithmetik und „vergleichender Sprachwissenschaft“ – bis er sie am Ende erdolcht und von der Haushälterin (Erika Halm) erst zurechtgewiesen und dann an den mütterlichen Busen gedrückt wird.

Auf einer Ebene schnurrt das banal ab wie ein Uhrwerk, auf einer anderen wird es so vertrackt hintersinnig, daß z.B. manche Dreizehnjährige überfordert sein dürften. Ob sie sich von den guten schauspielerischen Leistungen fesseln lassen, bleibt daher fraglich.




Zugeständnisse an den Zeitgeist – Goldonis „Diener zweier Herren“ in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Die Handlung soll in Venedig spielen: Truffaldino, stets hungriger Diener, will Kost und Lohn verdoppeln. Also verdingt er sich bei zwei Herren zugleich. Einer von beiden ist aber kein Herr, sondern eine verkleidete Dame und in den anderen verliebt. Bis beide „sich kriegen“, sorgt Truffaldinos doppelte Dienerschaft für tollste Verwicklungen.

Zugeständnis an den Zeitgeist in Wuppertal: Carlo Goldonis „Diener zweier Herren“, Rohfassung anno 1745 (in der Überarbeitung Roberto Ciullis; Regie: Petra Dannenhöfer), wird in die 50er Jahre unseres Jahrhunderts transportiert.

„Neue“ deutsche Welle, wohin man blickt. Da kämmt man ölige Haarsträhnen mit Halbstarken-Geste nach hinten, da gibt’s – zum „Capri-Fischer Lied – den Verlobungskuß auf roter Hollywood-Schaukel, das blaßblaue Bühnenbild (Sigrid Greil) wird von Leuchtstoffröhren begrenzt, die Kostümierung (Barbara Kolodziej) ist beim Geldadel trostlos grau, bei den jüngeren Personen schrill und „punkig“. Auch Tango wird getanzt. Es verwundert beinahe, daß es im Gefolge des „Carmen“-Films nicht doch noch Flamenco geworden ist.

Die in sich weitgehend stimmige Optik erzielt vordergründige Effekte, verdichtet sich aber kaum zum einprägsamen Gesamtbild. Auch hängt sie nur lose mit der Darstellung zusammen. Der Text wird, dem oberflächlich zeitnahen Kulissenzauber zum Trotz, konventionell gegeben. Ausnahme: Holger Scharnberg (Silvio) mit sehenswerten Slapstick-Einlagen.

Eleganz und Leichtigkeit – Fehlanzeige. Dafür ist schon der wuchtige Truffaldino-Darsteiler Thomas Plock nicht der Typ. So geht es eher derb zu, nach dem Muster, daß der Diener kopfüber im Wackelpudding landet. Beifall auf offener Szene bestätigt das Konzept. Einige Szenen werden zerdehnt, bis auch der letzte mögliche Gag heraus ist. „Heraus“ im doppelten Sinne. Die Sozialkritik am Schluß – der Diener und seine Geliebte bewegen sich zur Rampe, die etablierten Geldmenschen erstarren im Halbdunkel – kommt nach all dem überraschend, wirkt aufgesetzt.

Das Stück, angesiedelt zwisehen dem Stegreifspiel der Commedia dell’Arte und der Typenkomödie, gehört zum Standard-Repertoire. Vielleicht wäre eine Aufführung von Goldonis „La Guerra“ (Der Krieg) aus naheliegenden Gründen aktueller und spannender gewesen.




Gallige Spielart der Satire – „Scheibenwischer“ zur Raketenstationierung

Von Bernd Berke

Harte Zeiten für Satire. Das Grauen, das derRaketenstationierung folgen könnte, übersteigt die Phantasie. So blieb auch der „Scheibenwischer“ (Traumbesetzung Hildebrandt, Polt, Schneeberger) über weite Strecken nur der Rückgriff auf „Real-Satire“, etwa auf echte Zitate, die in ihrer Hirnrissigkeit für sich sprechen müßten, ohne daß zusätzliche Pointierung vonnöten wäre. Beispiel: Verteidigungsminister Wörners denkwürdige Einlassung, bundesdeutsche Christen würden „das Überleben verabsolutieren“, es also zu wichtig nehmen.

Feingesponnene Satire ist dem drohenden atomaren Holocaust nicht angemessen. Die gallig-makabre Spielart der Entlarvung stand daher diesmal im Vordergrund. Verbitterung über die Zeitläufte ließ wenig Raum für ausgesprochen „brillante“ Passagen. Hildebrandts Start-Solo machte denn auch eher seine Betroffenheit sichtbar. Gelöster wirkte er nur, als es um die Person des Kanzlers ging, welcher sich seit einem Jahr über denselben Witz freue – nämlich über seine Kanzlerschaft. Der tiefere Sinn und Zweck des von Gisela Schneeberger arrangierten „Essens für den Frieden“ mußte schon mächtig hervorgekitzelt werden.

Dennoch zwei Höhepunkte gegen Schluß der Live-Sendung: Hildebrandts „vertraulicher“ Appell an den DDR-Minister für Staatssicherheit, Otto Mielke, eine deutsch-deutsche Verbrüderung zuzulassen, auf daß die Supermächte nicht mehr wüßten, wohin zielen mit ihren Raketen. Nochmals eine Steigerung Gerhard Polts „auf-intensive Langzeitbeobachtung“ gestützter Vortrag darüber, wes Geistes denn nun eigentlich „der Russe“ sei. Fazit: Ein Mensch wie du und ich, der im Winter (man denke!) einen Mantel überstreift und sich selig über den Kinderwagen beugt, um dem Nachwuchs zuzulächeln.




Vergrößertes Schaufenster: Folkwang-Museum mit viel Aufwand erweitert

Von Bernd Berke

Essen. Der Westen ist erneut um eine museale Attraktion reicher. Nachdem Bochum vor Wochenfrist sein vergrößertes Museum eröffnete, Wuppertal sein „Historisches Zentrum“ vorstellte, während seit ein paar Tagen in Köln der Richtkranz über dem gigantisehen Wallraf-Richartz-Neubau schwebt und kurz bevor Dortmund das neue Museum für Kunst- und Kulturgeschichte einweiht, ist jetzt Essen an der Reihe.

Dort eröffnet heute um 16 Uhr Ministerpräsident Johannes Rau den beträchtlichen Erweiterungsbau des Folkwang-Museums. Zahlreiche Stücke aus dem Folkwang-Eigenbesitz können nun zum ersten Mal aus den Magazinen geholt werden, darunter eine wohl einmalige Auswahl von Emil Noldes Werk sowie Arbeiten, die zum Teil seit 40 Jahren nicht mehr öffentlich zu sehen waren. Auch nennenswerte Teile der vielgerühmten fotografischen Sammlung können nun einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden. Neu ist schließlich eine „Städtische Galerie“, in der vor allem junge Kunst aus dem Revier gezeigt werden soll.

Fast der gesamte Komplex, an den sich 1984 noch das im Ausbau befindliche Ruhrland-Museum anschließen wird, wurde neu gestaltet – auch der in mancherlei Hinsieht problematische Folkwang-„Altbau“ (2500 qm Ausstellungsfläche, Neubau 1900 qm) aus den 50er Jahren. Das Konzept, so Hermann Kreidt, Mitglied des Düsseldorfer Architektenteams, laufe nicht auf forcierte „Inszenierung von Kunst“ hinaus. Vielmehr habe man versucht, die bauliche Erneuerung in den Dienst der Kunst zu stellen.

Museumsdirektor Prof. Paul Vogt hat die Sammmlung seines Hauses neu geordnet, und zwar „nicht stur chronologisch, sondern hier und da auch Kontraste zwischen den Epochen betonend“ (Vogt). Im gründlich veränderten Altbau hängen die Gemälde, die zwischen den Jahren 1800 und 1960 entstanden sind. Kaum ein großer Name der Kunstgeschichte, der nicht vertreten wäre. Schwerpunkt, wie eh und je: Expressionismus.

Mit der Schwelle zum Neubautrakt überschreitet man eine Zeitschwelle. Die Kunst entfernt sich vom herkömmlichen Tafelbild, sprengt den traditionellen Rahmen. Vorläufiger Endpunkt: Beispiele für die Kunst der „Neuen Wilden“ (Immendorff, Bömmels) und ihre Rückkehr zur Malerei.

Dank flexibler Stellwände sind jederzeit Umbauten möglich. Prof. Vogts Prinzip: „Wir wollen für alle neuen Kunst-Entwicklungen gewappnet sein.“ Wenn das Essener Museums-Zentrum komplett ist, werden alles in allem 42 Mio. DM verbaut worden sein. 17 Mio. kommen vom Land, 8 Mio. von der Krupp-Stiftung, der „Rest“ von der Stadt Essen.




Bonn zeigt „Superstars“ der US-Kunstszene

Von Bernd Berke

Bonn. Düsseldorf hatte vor kurzem das Ausstellungsmotto „New York Now“ (Jetzt New York!) ausgegeben, nun schickt Bonn einen Ausruf hinterher: „Back to the USA“ (Zurück zu den USA!), heißt die üppige Präsentation US-amerikanischer Kunst der 70er und 80er Jahre, die seit gestem zu besichtigen ist.

Etwa 120 Arbeiten aus der ersten, seit ihrer Kindheit vom Medium Fernsehen geprägten US-Generation (was sich in vielen Bildern niederschlägt) sollen die in Europa entstandene Informationslücke über Kunst aus den „Staaten“ füllen. Die Exponate, auf unserem Kontinent bisher nur in Luzern gezeigt, stammen überwiegend aus US-Privatsammlungen. Prof. Klaus Honnef, einer der Ausstellungs-Macher, meint gar, nach dem Boom der 60er Jahre sei US-Kunst hierzulande „regelrecht bekämpft“ und zugunsten der einheimischen „Neuen Wilden“ verdrängt worden. Honnef: „Diese Ausstellung soll das Vorurteil widerlegen, daß die Entwicklung in den USA stehengeblieben sei.“

Unter solchen Vorzeichen sind sie denn versammelt, die Helden der Kunstszene New Yorks und anderer Städte – „Superstars“, die bereits wie Klassiker gehandelt werden: Nicholas Africano mit vordergründig trivialen, gleichwohl hintersinnigen Reliefs aus dem Alltagsleben; Richard Bosman mit Szenen, die von Kriminalfilmen inspiriert zu sein scheinen; Joyce Kozloff und andere mit Beispielen von „Pattern and Decoration“, einer bis vor kurzem noch verpönten Kunstrichtung, die stark auf dekorative Wirkung und Ornamente setzt; Robert Longo mit seiner Weiterentwicklung des Fotorealismus; Judy Pfaff mit expressiv-farbigenRauminstallationen, Kenny Scharf mit bissig-zynischen Comic-Adaptionen, dazu Graffiti-Kunst usw.

Gesamteindruck: Es herrscht keine bestimmte Richtung vor, historische Stilformen (einschließlich Pop-Art) werden ebenso ausgeschlachtet wie Medien- und Konsum-Mythen unserer Zeit. Der kleinste gemeinsame Nenner ließe sich auf ähnliche Formeln (herunter)-bringen wie jetzige Kunst made in Europa: Es wird wieder (oder: immer noch) gemalt, und zwar heftig, expressiv – und man schreckt (in den USA selbstredend noch weniger) vor Formen des Kitsches nicht zurück.

„Back to the USA“. Rheinisches Landesmuseum, Bonn, Colmantstraße 14-16, bis 15. Januar 1984. Katalog 32 DM.




Reise ins Innenleben der Natur – Tag des Improvisationstheaters in Recklinghausen

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Der Raum ist voller Menschen. Einige haben die Schuhe ausgezogen, lassen sich barfuß und mit geschlossenen Augen durch Holzkästen führen, in denen Zweige, Walderde oder Steine liegen.

Andere riechen hingebungsvoll an kleinen Fläschchen mit natürlichen und künstlichen Düften, wieder andere spielen auf einem Xylophon aus Ästen oder greifen „blind“ in aufgehängte Beutel. Inhalt: z. B. Blätter, Reiskörner, Erbsen. Partyspielchen? Selbsterfahrung? Eher Letzteres: Was sich gestem im Recklinghäuser Ruhrfestspielhaus abspielte, stand unter dem Titel „Improvisationstheater Mensch und Natur“. Ein Ziel: unmittelbare, in Theaterarbeit umsetzbare körperliche Erfahrung durch Tast- oder Geruchssinn, ohne „Umweg über den Kopf“.

Das Projekt, seit dem Frühjahr von der NRW-Landesarbeitsgemeinschaft für Spiel und Theater vorbereitet (die WR berichtete), hatte ursprünglich in eine ganze Umwelt-Theaterwoche in Recklinghausen münden sollen. Im Lauf der Zeit sprangen jedoch derart viele Amateur- und Schülergruppen ab, daß der gestrige Tag zur Präsentation der Ergebnisse ausreichte. Am Vormittag wollten nur 120 Zuschauer wissen, wie sich die Umwelt mit theatralischen Mitteln erfassen läßt, erst in den Nachmittagsstunden ging es lebhafter zu. Hermine Bredeck, Vorsitzende der Landes-AG, ist über den „Zuschußbetrieb“ trotzdem nicht enttäuscht: „Viele wollen unabhängig von uns weitermachen.“ Hauptgrund für den kargen Zuspruch ist nach ihrer Meinung die Inflation freier Theaterfestivals, die es in den letzten Jahren im Revier gegeben habe.

Den Anfang machte gestern die Theater-AG des evangelischen Gymnasiums Siegen mit ihrer „Odyssee der Vögel“ – alles, was Federn hat, flüchtet vor der rohen Menschen-Zivilisation auf eine unberührte Insel. Später luden Aktionsräume wie der zu Beginn beschriebene zum Mittun ein. Am Abend führten Gruppen aus ganz NRW (Altersdurchschnitt ca. 17 Jahre) vor, was sie in monatelanger Arbeit und unter wissenschaftlicher Hilfe eines Biologen der Landesanstalt für Ökologie zur Improvisationsreife vorangetrieben haben – so etwa eine Pantomime über die Versklavung des Mensehen durch technische Apparaturen oder eine Darstellung der Jahreszeiten in einem Garten. Vielfach stellen Menschen Pflanzen dar. Es sind Versuche, sich ins „Innenleben der Natur“ zu versetzen statt dutzendfach „vorgekaute“ Argumente der Umweltdiskussion nachzubeten. Hermine Bredeck: „Das ist erst der Anfang. Im nächsten Jahr geht’s weiter“.




Im neuen Haus behält man den Durchblick – Erweiterungsbau des Bochumer Museums

Von Bernd Berke

Bochum. „Das Prinzip Hoffnung“ lautet der Titel der ersten Ausstellung im eindrucksvoll erweiterten Museum Bochum, das gestern von NRW-Ministerpräsident Johannes Rau feierlich eröffnet wurde. Dieses Prinzip liegt wohl dem gesamten Neubau zugrunde, der von den Kopenhagener Architektur-Professoren Bo und Wohlert geplant und für 16,6 Millionen Mark an die alte Villa Marckhoff-Rosenstein gesetzt wurde.

1977 war der Beschluß, ein „neues Haus“ zu errichten, im Bochumer Kulturausschuß gefallen. Schon bald darauf wäre solch ein Wagnis,mit Sicherheit Sparerwägungen zum Opfer gefallen. Der Bau ist heute schon eine Erinnerung an bessere Zeiten.

Museumsleiter Dr. Peter Spielmann sprach gestern von einem Museum „mit menschlichen Dimensionen“, das weniger der Repräsentation als der ungezwungenen Begegnung mit der Kunst förderlich sei. Spielmann: „Alles ist möglich von der Aktion bis zur Meditation.“ Trotz des schmalen Etats für den Ankauf neuer Werke (für 1984 nur 150000 DM) glaubt man, neben dem renommierten Bochumer Schauspielhaus eine weitere Kultur-Institution von überregionalen Rang geschaffen zu haben.

Der Neubau an der Kortumstraße besticht vor allem durch Offenheit: Immer wieder bieten sich von jeder der drei Ebenen überraschende und die Kunstwerke in andere Zusammenhänge stellende Durchblicke. Ein Forum ermöglicht Musik- und Theaterdarbietungen, flexible Stellwände lassen einen den wechselnden Erfordernissen anpaßbaren Aufbau zu, Freiterrassen ermöglichen die Präsentation von Skulpturen. Während unten Kunstlicht (aber bewußt kein Neonlicht) die Exponate erhellt, fällt oben natürliche Helligkeit durch tütenförmige Aufbauten in die Ausstellungsräume und verleiht den gezeigten Werken Plastizität.

Auf über 2800 qm Ausstellungsfläche (will man alle Exponate sehen, ist der Rundgang 1 km lang) soll jeweils eine Auswahl der Eigenbestände mit immer anderen Ausstellungen konfrontiert werden. So werden Qualitäten des Eigenbesitzes in immer neue Bezüge gesetzt. Ein besonderer Akzent liegt auf Werken der osteuropäischen Kunst.

Die gestern gleichzeitig mit dem Museumsneubau eröffnete Ausstellung „Das Prinzip Hoffnung – Aspekte der Utopie in der Kunst und Kultur des 20. Jahrhunderts“ (bis 15.1.) ist dem Philosophen Ernst Bloch gewidmet, dem Autor des Buchs „Das Prinzip Hoffnung“, gewidmet. Seine Witwe Carola Bloch zählte gestern zu den Eröffnungsgästen.

Konzipiert ist die Ausstellung als Aufeinanderfolge zahlreicher „kleiner Ausstellungen“. Während man zunächst Schwierigkeiten hat, den Begriff „Hoffnung“ auf die gezeigten Werke zu beziehen, entfaltet sich nach und nach ein puzzleartig aufgebautes Panorama der neueren Kunstgeschichte, beginnend mit surealistischen und symbolistischen Arbeiten (unter anderem Munch, Max Ernst, Konrad Klapheck) über das Bochumer Spezialgebiet „Informel“ (Gerhard Hoehme, Emil Schumacher), die russische Revolutionszeit (als Rarität: Tatlins erster Entwurf des „Turms der dritten Internationale“) bis hin zu Kinderzeichnungen aus dem KZ Theresienstadt und von Computern entworfenen Bildern.

Verschiedenste, manchmal als Anklage „formulierte“ Ausprägungen von Zukunftsgewissheit werden erkennbar, auch in den dokumentarischen Beigaben, die Bürgerbeteiligung an Wohnprojekten und die Entstehung neuer Wohn-, Lebens- und Arbeitsformen zu Thema haben.