„Heartbreakers“ – die Aufbruchstimmung der frühen Beat-Jahre

Von Bernd Berke

Im Westen. 1966. Beim Stones-Konzert sind „die Brocken geflogen“. Eine Gruppe von Jugendlichen landet auf der Polizeiwache. Ein Beamter wagt es, Stones-Boß Mick Jagger zu beleidigen: „Warum wackelt dieser ,Mick Jäger‘ immer so mit dem Arsch? Hat der Hämorrhoiden oder ist der schwul?“ Das stößt den Jugendlichen übler auf als alle sonstigen Repressalien. Im Nu gleicht die Wache einem Tollhaus.

Die ersten Szenen von Peter F. Bringmanns neuem Film „Heartbreakers“ (Herzensbrecher) zeigen gleich, wo’s langgeht: Musik, so die nicht ganz abwegige Botschaft dieses Films, war in jenen Jahren, als gerade Who, Animals und Rolling Stones erste Ruhmeshöhen erklommen hatten, das, was die Welt der Jugendlichen im Innersten zusammenhielt.

Vor allem Dank der Tatsache, daß hier jugendliche Laiendarsteller agieren, kommt viel von der damaligen Atmosphäre zum Ausdruck: Beengtheit gleichermaßen wie die aus ihr resulitierende aggressive Aufbruchstimmung.

Die Story über eine Amateur-Beat-Band, die im Ruhrpott „alles niederbügeln“ will, zielt gleichermaßen auf die heute etwa 30- bis 35jährigen, denen vor Nostalgie der eine oder andere Schauer über den Rücken laufen wird, wie auf 14- bis 18-jährige. Ganz bewußt haben Bringmann und Drehbuchautor Matthias Seelig („Theo gegen den Rest der Welt“) Signale in den Film eingebaut, die beide Altersgruppen zur Identifikation auffordern: Die mittleren sechziger Jahre sind nicht nur in Gestalt von alten Automodellen präsent. Einiges gemahnt andeutungsweise auch an die Gegenwart, so zum Beispiel die „no future“-Attitüden des Bandleaders Freytag.

So schwankt der Film an einigen Stellen etwas unentschlossen zwischen dem Vorhaben, eine fast schon historische Stimmung zu dokumentieren und dem Ansinnen, den dazugehörigen Gefühlen neue Aktualität zu verleihen. Die Liebesgeschichte zwischen Freytag und Lisa wirkt leider sehr konventionell und wie nachträglich aufgepfropft. Gut hingegen die Kontraste zwischen Beat-Fieber und dem immer wieder als Kontrast am Rande erscheinenden Beharrungsvermögen der Revier-Umwelt mit Bergmanns-Skat, Männergesangsverein, Rumba-Tanzstunde und Kleingarten.




Von einer hartnäckigen Linde und blitzschnellen „Blumen-Uhren“ – Kreis Kleve will weg vom Negativ-Image des „Schnellen Brüters“

Von Bernd Berke

Der Kreis Kleve hat Image-Sorgen. Allzu häufig, so meinen Offentlichkeitsarbeiter vom Niederrhein, hat allein der „Schnelle Brüter“ für (eher unrühmliche) Schlagzeilen gesorgt. Den Ruf des bloßen Sammelplatzes für Großdemonstrationen zu korrigieren, war denn auch der Zweck einer Pressefahrt, die das Amt für Wirtschaftsförderung des Kreises an der deutsch-niederländischen Grenze veranstaltete. Tenor: „Wir haben mehr zu bieten als teure Großtechnologie.“ Hier einige Eindrücke:

Wer auf dem Marktplatz von Kalkar steht, hat historischen Boden unter den Füßen. Die Pflastersteine sind dieselben, über die die Altvorderen im 16. Jahrhundert schritten. In jener Zeit wurde auch die ehrwürdige Gerichtslinde gepflanzt, die noch heute den Stadtmittelpunkt ziert. Eigentlich sollte der Baum schon längst gegen einen jüngeren „Nachfolger“ ausgetauscht werden, doch dank der Künste eines Nürnberger „Wunderdoktors“, der alljährlich heilsame Emulsion in den Stamm injiziert, hält sich die Linde immer noch.

Wenige Kilometer von diesem spätmittelalterlichen Idyll entfernt entsteht jenes Bauwerk, das nach Ansicht seiner Befürworter den Weg ins Jahr 2000 markiert: der „Schnelle Brüter“. Kalkars Stadtdirektor Rainer Jürgenliemk hält viel von dem Milliarden-Projekt, und das ist aus seinem Blickwinkel auch ganz verständlich, bringt doch der Koloß von Kalkar schon lange vor seiner Inbetriebnahme (frühestens 1986) einiges fürs Stadtsäckel. Rund ein Viertel der gesamten Gewerbesteuereinnahmen Kalkars kämen bereits jetzt von der Betreibergesellschaft des Nuklearriesen, die damit der bei weitem größte Steuerzahler des Städtchens sei – und das, obwohl von hier noch kein Kilowatt elektrischer Energie geflossen ist.

Kein Wunder also, daß der Verwaltungschef Proteste gegen das Mammut-Vorhaben beiseite wischt: „Die Bevölkerung unseres Kreises ist sowieso zu 95 Prozent neutral in dieser Angelegenheit“, meint er. Demonstranten kämen überwiegend von weither. Der „Brüter“ schaffe zunächst etwa 140, später dann 200 Arbeitsplätze. Stille Hoffnung: Jetzt könne sich Kalkar sozusagen am eigenen Schopfe aus dem Sumpf des Gemeinde-Defizits ziehen.

Rings um den neu 12 000 Einwohner-Ort Straelen findet man die dichteste Konzentration von Gewächshäusern im gesamten Bundesgebiet. Straelen selbst ist Schauplatz eines besonders farbenreichen Spektakels. Hier findet täglich die größte bundesdeutsche Blumenauktion statt. Etwa 15 Prozent aller in Westdeutschland umgesetzten Schnittblumen gehen hier den Weg vom Züchter zum Händler. Der Laie kann die hektische Auktion (1400 Verkäufe pro Stunde!) erst richtig verfolgen, wenn er sich mit den Geheimnissen der Straelener „Blumenuhren“ vertraut gemacht hat. Das sind zwei zifferblattähnliche elektronische Anzeigetafeln, die die wichtigsten Fakten zum Versteigerungsgeschehen innerhalb von Sekundenbruchteilen anzeigen. Für Statistiker: auf dem Straelener Versteigerungs-Großmarkt werden pro Jahretwa 250 MillionenEinzelblumen (Stiele) angeliefert, davon z. B. 30 Millionen Rosen.

Der sagenhafte Lohengrin würde vermutlich wohlgefällig nicken, wenn er von seiner Stammburg in Kleve heute das Land überblicken und eine weitere Attraktion des Niederrheins sehen könnte. Ein bei Wandervögeln beliebter Rheinarm von fast 5 Kilometer Länge, der zu versanden drohte, wurde mit einem Saugbagger entschlammt und führt jetzt wieder sauerstoffhaltiges Wasser. Das zwischen Emmerich und Rees gelegene Areal bietet nun etwa 60 000 Wildgänsen aus dem hohen Norden ein ideales Winterquartier.

Perfekte Fliesen aus Emmerich riefen Fälscher auf den Plan

Auch hochwertiges Kunsthandwerk kommt aus dem Kreis Kleve. Eine Keramik-Manufaktur in Emmerich hat neuerdings Fliesen und Kacheln im Programm, die originalgetreu nach alten Motiven handbemalt werden. Sogar die Haarrisse der Vorlagen werden nachgeahmt. In limitierter Auflage und mit Echtheitszertifikat ausgestattet, sind die Stücke zu begehrten Sammelobjekten geworden. Sorgen bereitet den Herstellern allenfalls die eigene Perfektion: die Fliesen sind so täuschend „auf alt gemacht“, daß Fälscher schon das Emmericher Firmenzeichen abschmirgelten und die dekorativen Produkte als „echte Antiquitäten“ zu Phantasiepreisen unter die Leute brachten.

Der Wallfahrtsort Kevelaer ist Sitz einer der bedeutendsten Werkstätten für Glasmalerei ganzen Bundesgebiet. Das Unternehmen hat sogar das althergebrachte, verbriefte Recht, sich mit dem Beinamen „päpstliche Hofglasmalerei“ zu schmücken. Jeder Arbeitsgang wird hier noch von Hand ausgeführt. Die Farbpalette läßt kaum Wünsche offen. Mehrere tausend Farbwerte in allen denk- und kaum noch sichtbaren Abstufungen sind als koloriertes Glas lieferbar. Ergebnisse sind weltweit zu besichtigen. In die Weltfriedenskirehe Hiroshimas wurden ebenso in Kevelaer gestaltete Fenster eingesetzt, wie in die Dome zu Trier und Köln. Besonders hat man sich auf die Restaurierung unersetzlichen alten Glases verlegt.

Vom Kunsthandwerk zur Kleinkunst:. Heinz Bömler (35) aus Goch ist Herr über die wohl kleinste fahrende Puppenbühne weit und breit. Das Mini-Theater wurde in einen Speditionswagen aus dem Jahr 1913 eingebaut, auf dessen 9 Bänken bis zu 50 Kinder Platz finden. Gezogen von einem DDR-Uralt-Traktor rollt die Wanderbühne von Ort zu Ort.

Zu nennen wären etwa noch die supermoderne Zuckerfabrik Appeldorn, in der täglich 5000 Tonnen Rüben verarbeitet werden oder das Niederrheinische Museum für Volkskunde und Kulturgeschichte in Kevelaer mit seiner umfangreichen Spielzeug-Sammlung.

Es mangelt also nicht an Attraktionen und Kuriositäten im Kreis Kleve, die den „Schnellen Brüter“ freilich nicht ganz vergessen machen können.

Nähere Informationen gibt’s bei der Kreisverwaltung Kleve, Amt für Fremdenverkehr, Postfach 1507, 4190 Kleve (Tel.: 02821/85340).

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(Sonderseite „Bilder und Berichte“)




Wenig Raum für Gespräche – Dortmunder Michael Braun mit neuer Jugend-Talkshow

Von Bernd Berke

Jetzt ist die „Neue Deutsche Welle“ kurz vor ihrem Abebben noch in eine Programmform geschwappt, die noch nicht Infiziert war: in die Talkshow. So wirkte jedenfalls die erste Folge von „Jugend: Ohne Titel“, der Serie, die künftig alle 14 Tage samstags gesendet wird. Ein endgültiger Titel wird noch gesucht.

Zwar gibt es noch eine Couch (wie beim seligen „Kölner Treff‘), doch hat das sonstige Drumherum eher mit Elektronik-Spielen oder Comics zu tun. Mittenmang Michael Braun, Talkmaster und Dortmunder Filmemacher. Er gibt sich smart und locker, und könnte mit dieser Mischung aus „Altrocker Udo Lindenberg“ und „Jungdynamiker Thomas Gottschalk“ bei Jugendlichen richtig liegen.

Wirkliche Gespräche fanden jedoch nicht statt. Andreas Dorau, Vertreter eben jener „Neuen Deutschen Welle“, gab nur coole Sprüche von sich. Es klaffte schon eine veritable Generationslücke zwischen ihm und Michael Braun, der immerhin versuchte, die eine oder andere „linke“ Polit-Anspielung unterzubringen. Durchaus „locker vom Hocker“, versteht sich.

Über das Talk-Schicksal des zweiten Gastes war schon entschieden, bevor er überhaupt die Szene betrat: Hermann Josef Richter, CDU-Fraktionsvorsitzender und „Punkerschreck“ aus Wuppertal, wäre vom Publikum wohl schon allein wegen seiner äußeren ‚Erscheinung ausgebuht worden. Da er zudem eine restriktive „Straßensatzung“ verteidigte, die im Zweifelsfall Wuppertals Innenstadt veröden ließe, durfte er nach Herzenslust attackiert werden. Das war billig zu haben und sinnlos genug, denn weder hörten ihm die Jugendlichen zu, noch er den Jugendlichen. Die Differenzen waren einfach zu groß, als daß sie in einem 10-Minuten-Schnack auch nur hätten angetippt werden können. Eine halbe Stunde Sendezeit, noch dazu unterbrochen durch Live-Musik (diesmal die Dortmunder „Ace Cats“), setzt einem Meinungsaustausch eben enge Grenzen.




Premiere für die „Aktuelle Stunde“: Mehr Verpackung als Inhalt?

Köln. „Wir sind nicht unzufrieden“, sagte Werner Sonne auf Anfrage der WR über die Premiere der „Aktuellen Stunde“ im Westdeutschen Fernsehen. „Die Sendung war nicht repräsentativ wegen der Vorstellung, aber die sonst enthaltenen Elemente sahen so aus, wie sie aussehen sollten. Natürlich kann man inhaltlich und auch bei der Form noch immer etwas verbessern.“ Eine Einteilung nach Landesteilen werde es nicht geben. Die Sendung werden je nach den Ereignissen gestaltet.

WR-Redakteur Bernd Berke beurteilt die beiden ersten Ausgaben so:

Es mag Ungerechtigkeiten mit sich bringen, das neue WDR-III-Nachrichtenmagazin „Aktuelle Stunde“ gleich beim Start unter die Lupe zu nehmen. Volltönend genug aber haben die Macher in Werbespots vorab ihren „Straßenfeger“ hochgejubelt.

Die erste Viertelstunde verstrich gespenstisch: Sämtliche Beteiligten zogen in schier endloser Reihe durchs Bild. Wenn dies auch nur in der Startsendung vorkam, so ließ der Beginn doch schon ahnen, was für diese „news Show“ prägend sein dürfte: übermäßige Personalisierung nach US-Muster. Das (erstrebenswerte?) US-Vorbild wurde dennoch nicht erreicht. Es fehlte jene, letztlich wohl unnachahmliche, Mixtur aus absoluter Professionalität und Hemdsärmligkeit.

Die vielbeschworene lockere Stimmung wollte nicht aufkommen. Möglicherweise lag’s nur amP remieren-Fieber. Deshalb kann man auch über kleine Pannen hinwegsehen. Wichtiger der Gesamteindruck: Optische Elemente rückten in den Vordergrund, so daß man sich nur schwer auf den gesprochenen Text konzentrieren konnte.

Eigentlicher Dreh-und Angelpunkt der Sendung soll die Regionalberichterstattung sein. Der (rheinlandlastige) Regionalblock der Auftaktsendung enthielt jedoch nur einen wirklich aktuellen Bericht („Privatschulfinanzierung“). Die Beiträge über den Traberchampion und das Tanzforum waren wohl vor allem der schönen Bilder wegen – edle Pferde, hübsche Balletteusen – ins Programm gerutscht. Zu befürchten steht, daß hier (nicht nur) kulturelle Themen so pittoresk präsentiert werden, daß die Inhalte verblassen.

Bei all dem hielt sich das Moderatorenpaar (Sigi Harreis, Werner Sonne) recht gut. Peinlich nur, wie Sigi Harreis einen Jugendlichen von der Straße weg ins Studio zerrte, um ihm die neue Sendung aufzuschwatzen. Ernst Huberty mit seinem Sportquiz, ganz Sonnyboy, strahlte, als habe er soeben Helmut Kohl die Kanzlerschaft abgerungen. Eine Pärodie seiner selbst: Chris Howland mit dem albernen Wetterbericht.

Erstes Fazit (mit Vorsicht zu genießen): die Verpackung könnte wichtiger werden als die „Ware“ Nachricht. Hoffentlich erweist sie sich nicht auf Dauer als Mogelpackung.

Schon besser: die zweite Ausgabe der „Aktuellen Stunde“ gestern Abend. Tatsächlich etwas mehr Aktualität, mehr Kritisches, mehr „regionaler Stallgeruch“, auch wenn erneut der rheinische Teil des Landes besser wegkam. Diesmal war es nicht zweimal Köln, wie am Montag, sondern zweimal Bonn. Aber vielleicht gibt sich das mit der Zeit. Beim Bridge-Bericht lag der Regionalbezug nur in der bloßen geographischen Lage des Ortes: Es wurde halt in Bad Salzuflen gespielt – und nicht auf der britischen Insel.

Der journalistische Alltag ist, wohl auch beschleunigt durch Ernüchterung nach der anfänglichen Hochstimmung, eingekehrt. Keine Rede mehr vom „Straßenfeger“. Allein Chris Howland war noch alberner als bei der Premiere. Wenigstens machte er diesmal deutlich, wann es sich um Tagesrückblicke und wann es sich um Wetter-Prognosen handelte.




Bühnen-Effekte aus der Trickkiste – Wuppertaler Premiere „Alice im Wunderland“

Von Bernd Berke

Wuppertal. Im Wunderland der Theater-Effekte glaubte man sich zeitweise zu befinden, und das war gar nicht verwunderlich: Auf dem Programm der Wuppertaler Bühnen stand schließlich die Premiere von „Alice im Wunderland“.

John V. Baer und Götz Burger zeichneten für Dramatisierung und Inszenierung der Geschichte verantwortlich. Lewis Carrolls 1864 für ein Kind geschriebene Erzählung ist – wie so vieles, was Kindern in Buchform angedient wird – eigentlich eine hochintellektuelle Spielerei. Da geht es zum Beispiel um Überlappungen von Traum und Wirklichkeit. Mathematik- und Logik-Dozent Carroll konnte sein Metier kaum verleugnen. Sein Welterfolg behandelt – im Gewand des Märchens – Probleme der Wahrnehmung, der Identität und der Erkenntnis, die bisweilen zu aberwitzigem Nonsens vorangetrieben werden.

Sehr zweifelhaft, ob die etwa fünf- bis achtjährigen Kinder, die einen Großteil des Wuppertaler Premierenpublikums ausmachten, sich an solchem philosophischen und psychologischen Stoff laben können. Sie wurden aber durch optische „Zaubereien“, zuweilen an Effekthascherei grenzende Licht- und Kulissenspiele und sehr phantasievolle Kostüme entschädigt. Gerd Rohde (Bühnenbild) und Gralf-Edzard Habben (Kostüme) griffen ganz tief in ihre Trickkiste. Zwisehen stroboskop-zerhackten, unwirklichen Szenen und üppigen Blumenarrangements konnte man sich so richtig sattsehen. Mit der Ausstattung der Szenen hielt man sich eng an die in der Taschenbuchausgabe abgedruckten Illustrationen von John Tenniel.

Die zehnjährige Kirsten Bartholmai in der Titelrolle (sie wird sich im Lauf der Zeit mit Nadine Kettler abwechseln) verband kindliche Spontanität mit erstaunlicher Textsicherheit. Aus dem Ensemble jemanden besonders hervorheben, wäre ungerecht, da die Gruppenszenen mit grotesken Tierfiguren eben auf gemeinsamer Leistung basieren.

Immerhin fiel Michael Wittenborn auf, der als Frosch-Lakai bzw. als Hutmacher sein Talent zur slapstickreifen Darstellung entfaltete. Meist gerieten die Gruppenszenen recht lebendig. Allzu lebendig für manche. Bei einer Tanzeinlage rief ein Junge aus dem Publikum: „Ich dachte, wir wär’n im Theater und nicht in der Disco“.

Lediglich zwei Szenen (die mit dem „ewigen Fünf-UhrTee“ und die mit der „falschen Suppenschildkröte“) zogen sich zäh dahin. Viele Kinder begannen hier unruhig auf ihren Stühlen zu rutschen, manche murrten auch. Die Gesamtspieldauer von zwei Stunden verlangte ihnen eh viel Geduld ab.

Bemerkung am Rande: Das Programmplakat bringt nur reichlich hochgestochene Texte für Erwachsene – vom Essay Christian Enzensbergers bis hin zum Zitat des Surrealisten Breton. Was sollen Kinder, für die diese Aufführung doch gedacht ist, damit anfangen?




Wenn sich die Künstler drängeln – Die „Nacht der Lieder“ des ZDF in der Westfalenhalle

Von Bernd Berke

Dortmund. Weniger wäre wieder einmal mehr gewesen. Die „ZDF-Nacht der Lieder“ in der nicht ganz gefüllten Westfalenhalle bot nicht weniger als zehn Programmpunkte, die sich – im steten Wechsel zwisehen zwei Bühnen – schier endlos von 16 Uhr bis nach 2 Uhr früh hinzogen. Das macht bei einem Vorverkaufspreis von 25 DM schlappe 2,50 DM pro Gruppe. Wo gibt’s das schon?

Aber auch die Gegenrechnung hat einiges für sich: zehn Gruppen, das bedeutet neunUmbaupausen; es bedeutet, daß jede Formation nur kurz auftreten und sich nicht richtig entfalten kann; es bedeutet, daß das Publikum über eine Marathondistanz von 10 Stunden ausharren und diesmal – wollte es nicht um die ersten Gruppen geprellt werden – wochentags zur frühen Nachmittagsstunde auf der Matte stehen mußte. Schließlich dürfte es auch dem gewieftesten Veranstalter schwerfallen, zehn Auftritte zusammenzustellen, die mehr miteinander zu tun haben, als daß jeweils Stimmen und Instrumente erklingen. „Lieder“ ist ein sehr dehnbarer Begriff.

Ein eindeutiger Glanzpunkt, wie ihn vor Jahresfrist Angela Branduardi setzte, fehlte diesmal. Es gab freilich auch keine „Ausfälle“. Randy Newman, der zynische Beschreiber US-amerikanischen Spießerlebens, dessen Live-Auftritte so rar sind, konnte einem leid tun. Die große Halle war sicher nicht das richtige Forum für seine Lieder, die intimere Atmosphäre brauchen. Newman war denn auch der einzige, dem keine Zugabe abgefordert wurde. Zuvor hatte Stefan Waggershausen, seit Beginn seiner Plattenkarriere erstmals auf der Bühne, ein passables Live-Debüt gegeben. Die holländischen „Bots“ mühten sich, mit ihren friedensbewegten Liedern die allmählich sattsam bekannten Rituale („Aufstehn!“) auszulösen.

Sally Oldfields Gruppe bot wohltuend entspannte und entspannende Musik. Zu später Stunde folgten die drei Auftritte, die am meisten umjubelt wurden: Chris de Burgh, Wolfgang Ambros und der Italiener Lucio Dalla brachten den lang entbehrten Schwung in die Halle. Dallas Anlage war freilich so großzügig ausgesteuert, daß man in Lautsprechemähe das große Ohrenflattem bekam. Seine Titel, so mitreißend sie auch sind, weisen sämtlich ein Einheitsstrickmuster auf. Nach Mitternacht erzeugte „Zupfgeigenhansel“ mit leiseren Folkloretönen noch einmal „alternative Nestwärme“, bevor Klaus Lage & Druck für Kehraus-Klang in der schon halbleeren Arena sorgten.

Das ZDF sendet Ausschnitte aus dem Konzert am 26. März




Rock-Reader umfaßt 259 Bands des Reviers

Von Bernd Berke y

Essen. Eine Dortmunder Rockgruppe hatte sich gerade aufgelöst, da kam ein Anruf vom Verein „pro ruhrgebiet“: Man wolle ein Handbuch über die Musiker der Ruhr-Szene herausgeben. Fixe Reaktion der Dortmunder Band: „Was? Das Buch erscheint? Dann machen wir doch weiter!“

Mit solch‘ hochgesteckten Erwartungen sahen Teile der „Szene“ jener Neuerscheinung entgegen, die gestern in Essen vorgestellt wurde: „Ruhr Szene Rock & Lieder im Ruhrgebiet“, so der offizielle Titel des 208 Seiten starken Readers, stellt 259 Gruppen mit annähernd 1000 Musikern vor, die zwischen Duisburg und Hamm beheimatet sind. Das Buch soll, im Gefolge des Dortmunder Treffens „Marktplatz Ruhrszene“, sowohl den Kontakt der Musiker untereinander als auch Verbindungen zwischen Konzertveranstaltern und Bands erleichtern.

Wolfgang Rühl, Geschäftsführer von pro ruhrgebiet e. V. , hofft, daß der Band darüber hinaus von zahlreichen Musikfans erworben wird: Der Verkaufserlös (Traumziel: 50 000 DM Überschuß bei einer Auflage von 10 000 Stück) bildet nämlich zugleich den Grundstock für einen neuen Künstlerfonds, aus dem junge Talente im Revier gefördert werden sollen. Rühl: „Wir wollen zum Beispiel Ausfallbürgschaften bei riskanten Platten-Produktionen geben“. Der Fonds solle allerdings kein „Selbstbedienungsladen“ für fianzschwache Musiker werden, die weiterhin ein gewisses Eigenrisiko tragen müßten. Hat eine geförderte Platte großen Erfolg, soll ein bestimmter Anteil (man spricht von 50 Pfennig bis 1 DM pro verkaufter Scheibe) in den Fonds zurückfließen, sozusagen als „Dankeschön“ für die Investitionshilfe.

Das Handbuch der Musikszene ist alphabetisch aufgebaut und präsentiert Selbstdarstellungen der Bands. Die „große Qualitätslatte“ habe man seitens der Herausgeber nicht angelegt. Dieter Zienau, der die Buchredaktion leitete: „Unsere Recherchen waren nur zum Teil ergiebig“. Man schätze die Dunkelziffer der noch nicht erfaßten Bands auf etwa 1000. Die große Fluktuation – allein 68 Bands lösten sich während der Recherchen auf oder gaben sich neue Namen – zwang zu höchster Aktualität. Redaktionsschluß war der 1. Dezember.

Wolfgang Rühl sieht optimistisch in die Zukunft. „Die nächste Auflage wird bestimmt doppelt so dick“. Außerdem sollen in absehbarer Zeit vergleichbare Nachschlagewerke über freie Theatergruppen und Kleinkunst im Revier erscheinen.

Das neue Buch (14.80 DM) ist zu beziehen über den Kommunalverband Ruhrgebiet, Kronprinzenstraße 35, 4300 Essen 1.




Nur ein leiser Hauch von Logik – Weiterer „Tatort“ mit Götz George als Schimanski

Von Bernd Berke

Nicht gerade nachsichtig ging der neueste „Tatort“ („Kuscheltiere“, ARD) mit der bundesdeutschen Wirklichkeit um. Das Drehbuch stammte von einem Niederländer (Chiem van Houweninge) und legte etwa einem Amsterdamer Kommissar den an ruppige deutsche Kollegen gerichteten Satz in den Mund: „W i r leben hier in einem Rechtsstaat!“

Auch sonst kam vieles vor, was faul ist im Staate: ein Mediziner, der mit auffallender Begeisterung Worte wie „Volksgesundheit“ hervorstieß, die danach in der Boulevardpresse auftauchten. Bürger, die, weil ein asiatisches Kind in Duisburg an Typhus gestorben war, gleich alle „Kanaken“ außer Landes wünschten und denunzierten. Schließlich die Adoptionspraxis: „Intim-Schnüffelei“ der Behörden treibe Ehepaare so weit, daß die sich lieber zum „Stückpreis“ von 30 000 DM bei kriminellen Vermittlern Kinder aus der Dritten Welt reservieren lassen.

Neben all dem verblaßte der eigentliche Kriminalfall, den Horst Schimanski (Götz George) zu lösen hatte. Der einzige Hauch kriminalistischer „Kombination“ bestand darin, daß Schimanski beim Anblick eines Hundepärchens einen asiatischen Doppelnamen entwirren und dahinter Zwillinge ausmachen konnte. Ansonsten verließ er sich, trinkfest und frauenheldisch wie gewohnt, auf das, was nun einmal am besten zu ihm paßt, nämlich auf mehr oder weniger legale Aktionen.

Dabei kamen, wenn es auch an Schlüssigkeit mangelte, immerhin einige schwungvolle Szenen zustande. Richtig langweilig wurde es nie, aber auch nicht wirklich interessant oder gar fesselnd. Krimifans haben ja in letzter Zeit gelernt, die Ansprüche an „Tatort“ herunterzuschrauben und in Sachen Logik nur noch Mindestanforderungen zu stellen.

Mit größerer Spannung erwarte ich jetzt allerdings die nächste „Tatort“-Folge mit Schimanski. Es sah zum Schluß fast so aus, als sei der rüde Kommissar nunmehr stolzer Ersatzvater eines Mädchens aus Hongkong. Ob er das Kind demnächst immer ins Präsidium mitnimmt?




„The Wall“: Mitreißende Bilderfluten

Von Bernd Berke

Die britische Rockgruppe „Pink Floyd“ war mit ihrer Show „The Wall“ („Die Mauer“) 1981 auf Tournee. Es erschienen das dazugehörigen Platten-Album (Auflage 12 Millionen) und ein einschlägiges Buch. Nun wird das Spektakel auf Zelluloid vermarktet. Ab morgen kann man das Ergebnis in den Kinos sehen. Dann läuft der Film „The Wall“ an, in Breitwandformat und Dolby-Stereo versteht sich.

Regisseur Alan Parker hat laut Presseheft nur ein einziges „Wall“-Konzert von „Pink Floyd“ gesehen, jenes in der Dortmunder Westfalenhalle. „The Wall“ ist als Film aber kein Produkt geworden, das die Bühnenshow nochmals originalnah für die Kinozuschauer reproduziert. Parker ließ sich vielmehr von der Musik dazu inspirieren, die Geschichte des von Eltern und Erziehern „kaputt“ gemachten Rockstars Pink (Bob Geldof) neu zu gestalten. Dabei ist ein mitreißender Film entstanden.

Parker hat nach dem Drehbuch von „Pink-Floyd“-Chef Roger Waters in 16-wöchiger Dreharbeit einen opulenten Augenschmaus angerichtet. Spielfilmelemente wechseln mit aufregend choreographierten, wortlosen Szenen, zwischendurch gibt es fulminante Trickfilmeinlagen. Stets gilt: die Bilder schmiegen sich eng an den Ablauf der Musikstücke. Der Sound strukturiert das Geschehen. Meist bedeutet das (vor allem zerstörerische) Aktion und ein ungeheuer hohes Tempo. Die Alptraumgestalten, die Pink halluziniert, verkörpern Visionen ziellosen Hasses. Endlich zerbirst die „Mauer“, die der Frustrierte um sich aufgebaut hat – Symbol für psychische Panzerungen. Am Ende steht – tja, was eigentlich? – Befreiung und/oder Irrsinn.

Man müßte den Film eigentlich viermal sehen (was wohl nur altgediente „Pink-Floyd“ Fans ihrem Geldbeutel zumuten werden): einmal, um die Bilderflut zu bewältigen, von der man sofort in Bann gezogen wird, als gerate man selbst in den Strudel des Geschehens. Ein zweites Mal, um die Musik zu genießen. Ein drittes Mal, um den Gehalt der Texte wahrzunehmen, die als deutsche Untertitel laufen und ständig von den Bildern ablenken. Ein viertes Mal schließlich, um das alles zusammen auf sich wirken zu lassen.

Gerade weil der Streifen die Sinne also vielfach bestürmt, beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Man wird nämlich nicht nur in Anspruch, sondem auch gefangengenommen von diesem Werk des ehemaligen Werbefilmers Parker. Für eigene Phantasie bleibt kein Platz. Das Stakkato der Bilder tenorisiert oft mehr, als daß es anregt. Genau darauf spekuliert der Film wohl auch: daß der Zuschauer sich ausliefert und nur noch aufnahmebereiter Konsument ist.




Neil Young – Besuch aus der Zukunft

Von Bernd Berke

Köln. Neil Young-Fans in Dortmund und Umgebung dürfen sich auf das Gastspiel des 36-jährigen Kanadiers am kommenden Montag in der Westfalenhalle freuen. Doch die Freude wird nicht ungetrübt bleiben. „Testfall Köln“: Das Publikum in der ausverkauften Deutzer Sporthalle erlebte schmerzhafte musikalische „Wechselbäder“. Young hat eine denkbar unglückliche Auswahl aus einem riesigen Repertoire getroffen.

Das Programm zerfällt in drei Teile: Neil Young solo, mit akustischer Gitarre und Mundharmonika oder allein am Klavier. Melancholische Balladen und Country-Songs: „Old Man“, „The Needle and the Damage Done“, „Comes a Time“, „Sugar Mountain“. Unverwechselbare Lieder, manche beinahe „zum Heulen schön“. Genau das ist die Musik, die keiner besser macht als Young, und deshalb waren die 5000 in die Halle gekommen. Der orkanartige Beifall nach den leiseren Nummern ließ nicht den mindesten Zweifel.

Auch der zweiten Stilrichtung kann man noch manchen Reiz abgewinnen: die Begleitband, aus der Youngs langjähriger Weggenosse Nils Lofgren (Gitarre) und „Crazy Horse“-Drummer Ralph Molina hervorragen, liefert ein solides Klangfundament für Youngs Ausflüge in die Gefilde des Blues und Rock. Traumhaft das Zusammenspiel von Young und Lofgren bei Nummern wie „Like a Hurricane“, „Southern Man“ und „Out of the Blue / Into the Black“.

Zwischendurch aber immer wieder – und das veranlaßte die Fans zu lauten Buh-Rufen –einige der jüngsten Kompositionen Youngs: Dutzendware für Diskotheken, mit elektronischer Stimmverzerrung. Frostige Grüße aus der „Computerwelt“. Natürlich ist es legitim, wenn ein Musiker neue Stilmittel erproben will. Als Disco-Musiker ist Young aber einer unter vielen – und bei weitem nicht derbeste.

Solche unbedarften Schöpfungen ins Programm einzustreuen, grenzt überdies an „Vorspiegelung falscher Tatsachen“. Kaum jemand im Publikum hatte wohl mit solcher Art von Berieselung gerechnet. Sollte das der Neil Young der Zukunft sein, müßte er sich andere Zuhörer suchen. Schließlich die Plazierung! Wenn eine dieser monotonen Nummern unvermittelt hinter das leise „After the Goldrush“ gestellt wird, muß man an Youngs vielgerühmter Sensibilität zweifeln.

Wenn Young es nur über sich brächte, für den Dortmunder Auftritt die Disco-Einlagen zu streichen – die Westfalenhalle wäre am 11. Oktober (Karten gibt’s noch) Schauplatz eines der besten Konzerte der letzten Jahre!




Forum für mutige Freizeit-Autoren – Literaturzeitschriften im Ruhrgebiet

Titelseite der WR-Wochenendbeilage vom 2. Oktober 1982 mit Fotos von Bodo Goeke.

Von Bernd Berke (Text) und Bodo Goeke (Fotos)

Sie heißen „Spinatwachtel“, „Gießkanne“, „Schmankerl“ und „Galgenvogel“, nennen sich „Perlen vor die Säue“ oder auch „Geil & Fröhlich“. Die exotisch, versponnen, witzig oder provozierend titulierten Literaturzeitschriften – links ein Blick in die Redaktion des Essener Blattes „Schreibheft“ – sind Ausdruck einer Entwicklung, die in den letzten Jahren immer deutlicher zutage trat: Die Zahl der „Freizeitdichter“ nimmt stetig zu.

Auf dem Hamburger „Literatrubel“ beschwerten sich unlängst schon einige Berufs-Autoren über die unliebsame Konkurrenz und mahnten, man solle wieder mehr auf Qualität – was immer das heißen mag – achten. Etwa 200 kleine und kleinste Literaturzeitschriften teilen sich den höchst unübersichtlichen Markt des deutschsprachigen Raums. Viele dieser Druckwerke decken heute im weitesten Sinne das „alternative“ Themenspektrum ab, und ein Großteil stellt sich in den nächsten Tagen auf der Frankfurter „Gegenbuchmesse“ vor.

Die meisten Hefte vegetieren bei Auflagen von einigen hundert Stück dahin und sind Zuschußunternehmen. Daß in den jeweiligen Vorworten über die Finanzmisere geklagt wird, gehört schon zum Standard. Pleiten und Neugründungen sind an der Tagesordnung. Die wenigsten dieser Zeitschriften existieren über die ersten paar Nummern hinaus.

Selbst Josef Wintjes vom Literarischen Informationszentrum in Bottrop, seit 13 Jahren gewissenhafter Sammler aller Informationen aus der Szene, hat den Überblick verloren: Dennoch ist sein Büro (4250 Bottrop, Böckenhoffstraße 7, Tel.: 02041/ 20568, Anruf erwünscht‘) noch immer die wichtigste Anlaufstelle für alle, die mit Literaturzeitschriften zu tun haben (wollen).

Wie sieht die Lage im Ruhrrevier aus? „Wer sich länger als zwei Jahre halten kann, ist schon fast „etabliert'“, sagt einer, der sich bestens auskennt. Ulrich Homann gibt seit März 1977 in Essen das „Schreibheft“ (Auflage: ca. 1500, hauptsächlich Abonnements) heraus, dessen neunzehnte Ausgabe vor zwei Monaten erschien. Gemeinsam mit Norbert Wehr und Ulrich Bienek wollte er eigentlich ein Forum für alle Bevölkerungskreise schaffen, fiir jene zahllosen Zeitgenossen, die ansonsten nur für die berühmte „Schublade“ schreiben. Es brach eine wahre Flut von Texten über die Essener herein: Für eine Ausgabe schickten Freizeitautoren sage und schreibe 1500 Texte an das Herausgeberteam. Theoretisch hätte man schon mit diesem Schub für einige Jahre ausgesorgt. Höchstens 40 Beiträge finden in einer Ausgabe Platz. Zähneknirschend zog man die Konsequenz, legte seither strenge Maßstäbe an und verfiel dabei ins andere Extrem. Die letzten „Schreibhefte“ lesen sich wie hochkarätige Veröffentlichungen eines Spitzenverlags. Fast nur noch bundesweit bekannte Autoren, die bereits publiziert haben, sind vertreten, darunter etwa Eckhard Henscheid, Christoph Derschau, Walter Höllerer, Hans Christoph Buch.

Aus Kostengründen bekommt kein „Schreibheft“-Autor Honorar, weswegen es schon einigen Ärger mit erbosten Zulieferern gab. Ulrich Homann, mittlerweile sogar hauptberuflich als Zeitschriftenmacher tätig: „Wir sind leider ziemlich elitär geworden. Ich finde das nicht gut. Zur Zeit diskutieren wir, ob wir uns nicht wieder dem breiteren Publikum öffnen und auch Nicht-Profis schreiben lassen sollten“. Für Unverdrossene: Manuskripte können an den Verlag Homann & Wehr, Oberdorfstraße 53/55, 4300 Essen l (ab Dezember 1982: Stockenberger Straße 13-15, 4300 Essen 1), geschickt werden. Allerdings sollte man vorsichtshalber Rückporto beilegen.

Sind die Träume der späten 60er und frühen 70er Jahre, Zeitschriften zu machen, die die „Schwellenangst“ vor der Literatur senken, ausgeträumt? InBochum wurde 1979 ein Versuch gestartet, der diese Befürchtung widerlegen sollte. Die Leute, die dort den „Angler“ gründeten, kamen rein zufällig in einer Kneipe aufs Thema Literatur. Einer verriert schamhaft: „Ich schreibe in meiner Freizeit Gedichte“ und staunte nicht schlecht, als er vernahm, daß an der Theke noch andere standen, die ebenso verborgene  Dichterexistenzen führten.

Der Entschluß, sich mit Lyrik, Kurzgeschichten und Graphik gemeinsam an die Öffentlichkeit zu wagen, war schnell gefaßt. Doris Nickel: „Wir haben uns ganz heftig angagiert, haben Lesungen veranstaltet, haben Flugblätter verteilt, auf denen stand: ,Leute, schreibt!'“ Verblüffendes Ergebnis dieser Anstrengungen: Es kamen kaum Texte zusammen. Man hatte Mühe, die ersten Nummern (jeweils etwa 40 Seiten, Auflagen zwischen 500 und 1200 Stück, die vor allem im Handverkauf abgesetzt wurden) zu füllen.

Kaum zu glauben, wenn man die Manuskriptstapel sieht, die bei den Essener „Schreibheften“ eingingen. Doris Nickel: „Besonders Frauen waren kaum vertreten. Wahrscheinlich schreiben viele Frauen private Tagebücher, die sie nicht für veröffentlichungsreif halten, während Männer ihre eher politischen Texte gedruckt sehen wollen.“ Besonders gefreut hat sich Doris Nickel deshalb über die Texte einer 82-jährigen Frau, die nach Teilnahme an einem VHS-Schreibkurs dem „Angler“ literarische Betrachtungen über Alterseinsamkeit schickte. Gerade diese Blätter waren allerdings Anlaß für Streit in der „Angler“-Gruppe. Hie Vertreter einer politischen Linie, da jene, die auch „private“ Texte zulassen wollten, die ja keinesfalls unpolitisch sein müssen. Der Streit flackerte im Lauf der Zeit immer wieder auf – mit gleichen Fronten. Einige sprangen schließlich ab.

Der „Angler“ wird heute von einer Gruppe gemacht, die sich an jedem zweiten Montag eines Monats um 20 Uhr im Bochumer „Rotthaus“ trifft. Mit der angestrebten Volksnähe war es nicht so einfach. Die Verfasser der „Angler“-Beiträge sind fast ausnahmslos Studenten, oft auch noch solche der Germanistik. Lotte Ebers, die in der neuen Gruppe mitwirkt: „Wir haben immer noch Probleme, an gute Texte und Graphiken heranzukommen. Übrigens ist uns der Kontakt zu den Autoren sehr wichtig.“ Doris Nickel von der ehemaligen „Angler“-Gruppe plant unterdessen die Gründung einer neuen Zeitschrift und sucht ebenfalls Leute, die mitmachen. Kontakadresse: 463 Bochum, Karl-Friedrich-Straße 91.

Jürgen Kramer, Gelsenkirchener Maler, ließ am Anfang (1978) „wahllos jeden erreichbaren Text drucken“, wollte dann aber keine Kompromisse mehr eingehen. Seine Zeitschritt „Die 80er Jahre“ wendet sich jetzt – in dieser Ausschließlichkeit ein Unikum im Ruhrgebiet – bewußt nur an eierlesenen Kreis von Avantgarde-Künstlern. Die Tendenz – weg vom größeren Leserkreis, hin zum hohen Qualitätsanspruch – ist noch drastischer als bei den erwähnten Blättern aus Essen und Bochum. Ein Teil der etwa 1000 Exemplare (Startauflage vor vier Jahren: 200 Stück) kursiert in Frankreich, England, Italien und den USA. Kramer verabscheut Wiederholungen: „Jedes Heft sieht völlig anders aus, nur der Titel bleibt.“ Wer Schreibproben schicken wolle, könne das tun (Jürgen Kramer, Postfach 1142, 465 Gelsenkirchen). Jedoch: „Die Abdruckchancen halten sich in Grenzen“. Auch Jürgen Kramer muß einen Teil der Druckkosten aus eigener Tasche finanzieren.

Wenig ermutigendes Fazit: Zumindest im Ruhrgebiet sind die Möglichkeiten dafür, daß Geschriebenes aus der Schublade an die Öffentlichkeit gelangt, zur Zeit noch dünn gesät.

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„Darüber spricht man nicht“: Mit erprobtem Stück gegen neue Prüderie

Von Bernd Berke

Dortmund. „Darüber spricht man nicht“ ist ein Stück, bei dem Aktionen und Reaktionen der Zuschauer genauso wichtig sind, wie die Arbeit der Darsteller. Ein ruhiges Publikum würde jede Aufführung mißraten lassen. Weil aber das Kindertheater in Dortmund das spontanste Publikum hat, konnte gar nicht viel „anbrennen“.

Um Platz fürs Mitspielen zu schaffen, war man ins Dietrich-Keuning-Haus umgezogen, dessen Saal mehr Bewegungsfreiheit bietet, als das Theater am Ostwall. Das annähernd zehn Jahre alte Stück der „Roten Grütze“, steht gerade rechtzeitig auf dem Spieplan. Da sich allenthalben eine neue Prüderie breitzumachen droht, hat der Stoff kaum etwas von seiner Bedeutung verloren; es überrascht heute höchstens der fröhliche Optimismus der Vorlage. Die Spielhandlung dreht sich ums „Liebhaben und Streicheln, ums Schmusen und Anfassen, ums Kindermachen und Kinderkriegen“ (Programmheft) und vor allem darum, daß man offen über alles reden sollte.

Die über 100 Kinder, die zur Samstagspremiere (Inszenierung: Klaus D. Leubner) gekommen waren, brachten sicherlich unterschiedliches Vorwissen mit. Trotzdem waren, vor allem bei den Kleineren, im Verlauf des Stücks die Fortschritte unverkennbar. Nach anfänglicher Scheu äußerten sie sich – mit einer Ausnahme kurz vor der Pause – zunehmend unbefangener. Ein Verdienst der Schauspieler, die für die entsprechende Atmosphäre sorgten. Übervorsichtige hatten schon vor der Aufführung Unsauberes gewittert. Zur Beruhigung: Den Kindern wird keine Information aufgedrängt, es wird vielmehr in einem Frage- und Antwortspiel auf ihre Bedürfnisse eingegangen.




Die Logik der Kernkraft-Freunde – Hildebrandts „Scheibenwischer“ zur Atomenergie

Von Bernd Berke

Dieter Hildebrandt läßt sich nicht beirren. Allen Anfeindngen zum Trotz, hat er mit der neuesten Ausgabe von „Scheibenwischer“ (ARD) in die gleiche Kerbe gehauen wie mit seiner schon legendären Sendung über den Rhein-Main-Donau-Kanal. Diesmal ging es um Kemkraftwerke, und siehe da: Die Namen einiger bayerischer Politiker, die schon in der Kanal-Sendung in wenig schmeichelhaften Zusammenhang aufgetaucht waren, standen erneut im Mittelpunkt. Unnachahmlich Gerhard Polt, der durch die simple mehrfache Nennung des bayerischen Sozialministers die Lachmuskeln reizte.

Hildebrandt sagte eingangs, er habe sich ganz fest vorgenommen, endlich mal „hemmungslos positiv“ über Atomkraft zu sprechen. Polt und Gisela Schneeberger sollten – als Werbekolonne der Stromerzeuger – dabei Hilfestellung leisten. Klar, daß ihnen die hinrissigsten „Argumente“ in den Mund gelegt wurden, die Hildebrandts gute Vorsätze mitunter ins Wanken brachten.

Kein echter Vertreter der Pro-Kernkraft-Linie würde zwar so ohne Umschweife und zynisch seine Meinung vertreten, doch wurde durch satirische Übertreibung manches deutlich, was sonst im beschönigenden Wortgeklingel untergeht. Absurder Gipfel der vermeintlichen Atomstrom-Propaganda: Berechnungen, die darauf hinausliefen, daß der Stromverbrauch zwar sinke, der Bedarf aber steige. Ein logischer Bruch, fürwahr! Er entstand daraus, daß die Bedarfsprognosen der Stromproduzenten als über jeden Zweifel erhaben dargestellt wurden.

Schade, ewig schade, daß Hildebrandt und seine Mitstreiter nicht ausführlicher auf die jüngsten Ereignisse in Bonn eingingen. Bereits die Titulierung des wechselfreudigen FDP-Vorsitzenden Genscher als „Doppelstecker“ und das Wortspiel mit der „Wandelhalle des Bundestags“ ließen ahnen, welches Bravourstück daraus hätte werden können. Gerade durch die Bonner Wechselspiele hat jedoch auch das gewählte Thema „Energiepolitik“ neue Aktualität erlangt.




TV-Team auf Kurzbesuch in Dortmund: Kulturabbau im „Pott“? Nichts wie hin!

Daß ein Kulturmagazin einmal ein paar Minuten fürs Revier, gar für Dortmund, übrig hat, ist verwunderlich genug. Kann man in so einem Fall nicht fast darauf wetten, daß von Düsternis, sozusagen von „Ruß am Kulturhimmel“ zu berichten ist? Aber ja! Dortmunds Schauspiel ist in Gefahr – das Team von „Aspekte“ (ZDF) wird hellhörig: N o c h weniger Kultur im „Pott“? Nichts wie hin!

Kein Einwand, hätten sich die Mainzer des Themas wirklich angenommen. Doch was die TV-Leute mit diesem Beitrag boten, war Kürze ohne Würze. Keine hinreichende Beschreibung der Probleme, schon gar keine fundierte Stellungnahme. Da huschte die Kamera mal fix über den oder jenen Zeitungsausschnitt, da ließ man Oberspielleiter Roland Gall nur sekundenlang zu Wort kommen, vollführte einen gelungenen Schwenk übers Große Haus – und damit hatte es sich dann auch schon. D e n „Aspekte“-Beitrag möchte ich sehen, der die Schließung auch nur eines einzigen größeren Sprechtheaters in München und Berlin ähnlich salopp abhandelt!

Fehlte nur noch, daß Moderator Alexander U. Martens das Kürzestfilmchen kommentierte. Schlimm nur: er tat’s wirklich! Die Dortmunder Vorgänge seien „bedauernswert“, doch die Stadt ächze halt unter Defizit und habe „über 10 Prozent“ Arbeitslose. Basta! Das hörte sich an, als seien „die“ Dortmunder schuld an der Misere, als sollten sie gefälligst ohne Murren den harten, angeblich unvermeidlichen Schnitt tun. Als habe es vor allem deshalb Arbeitsplatz-Verluste gegeben, weil in Dortmund Theater gespielt wurde. Daß bei Schließung der Sprechbühne ebenfalls Arbeitsplätze verschwinden, hielt Martens erst gar nicht für erwähnenswert. Auch weniger Greifbares – Stichwort „kulturelle Verödung“ – findet er offenbar halb so wild.

Näher am Zeitgeist wähnte sich der Moderator wohl gleich zu Beginn der „Aspekte“-Ausgabe. Im Gespräch mit Martens durfte der „Neokonservative“ Gerd Klaus Kaltenbrunner drauflos schwadronieren. Die Deutschen seien ein Kulturvolk – und das schon „seit 1000 Jahren“. Man möchte hinzufügen: Wenigstens eine Unterbrechung gab’s schon – und für die waren auch „1000 Jahre“ vorgesehen.                  Bernd Berke

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Leserbrief

Betr.: TV-Team auf Kurzbesuch in Dortmund

Auf den Beitrag „TV-Team auf Kurzbesuch in Dortmund: Kulturabbau im „Pott“? Nichts wie hin!“ von Bernd Berke in der Westfälischen Rundschau vom 20. September muß ich antworten, denn selten habe ich einen Bericht gelesen, der so durch Voreingenommenheit getrübt war. Herr Berke unterstellt, wir würden über das Ruhrgebiet nur berichten, wenn „Ruß am Kulturhimmel“ zu konstatieren sei. Wenn er unsere Sendüng besser kennen würde, würde er wissen, wie oft wir aus dem Revier – einschließlich einer 45minütigen Schwerpunkt-Sendung – berichtet haben. Daß dabei allerdings öfter vom Bochumer Theater oder von Kulturaktivitäten in Kamen oder Unna die Rede war als vom Dortmunder Schauspiel, liegt nicht an uns.

Der „Aspekte“-Bericht zu Dortmund war zweieinhalb Minuten lang – gewiß ein Kurzbericht als erste Information über eine Absicht. Ist das journalistisch nicht legitim? Wir werden auf das Thema schon noch zurückkommen. Wo aber sind in München oder Berlin bereits Sprechtheater geschlossen worden, über die wir hätten berichten können? Und ist das in Dortmund schon beschlossene Sache – Fakt oder Absicht?

Ganz schlimm ist, wie Herr Berke die Äußerungen meines Kollegen Martens zu dem Kurzbeitrag interpretiert. Aus dem Hinweis auf die schwierige wirtschaftliche Situation in Dortmund abzuleiten, wir hätten gemeint, die Dortmunder seien selbst schuld an ihrer Misere, ist ebenso absurd, wie die Unterstellung, wir würden eine Theaterschließung „halb so schlimm“ finden.                          Dr. Dieter Schwarzenau, „Aspekte“-Redaktion

 




Der Prinz als Privatmann und ein vielbeschäftigter Kammerherr – „Emilia Galotti“ in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Die erste Schauspielpremiere der neuen Saison in Wuppertal, Lessings Trauerspiel „Emilia Galotti“, entfachte im Zuschauerraum beinahe mehr „Theater“ als auf der Bühne.

Einige Theaterbesucher auf den hinteren Rängen forderten vehement, die Schauspieler möchten doch lauter reden. Von den empörten Vorderreihen niedergezischelt, erhöhten die Hinterreihen die Phonstärke (Gebrüllter Dialog: „Ich will hören!“ – „Dann kauf Dir doch ’nen Fernseher!“) – immer mitten in den Vortrag der Darsteller hinein. Dabei hätte es solcher Aktivitäten gar nicht mehr bedurft, um die Schauspieler aus dem Konzept zu bringen. Wie ich finde, waren die meisten Darsteller ohnehin aus dem Konzept, und dieses Konzept ließ seinerseits zu wünschen übrig.

Die Rollen der Dienerschaft und des bezahlten Mörders Angelo. blieben in dieser Aufführung ausgespart. Offenbar wollte sich die Regie (Jörn van Dyck, Wuppertals neuer Schauspielleiter) ganz auf den Konflikt zwischen Adel und Bürgertum konzentrieren. Doch der Prinz (Metin Yenal), der von seinem Kammerherrn Marinelli (Peter Hommen) in übelste Intrigen hineingezogen wird, trat hier gar nicht als Vertreter einer Gesellschaftsschicht auf, sondern als Bruder Leichtfuß, der ab und zu Gewissensbisse bekommt, als Bohemien und als „Windbeutel“, der alle paar Sekunden einer anderen Stimmung unterworfen ist. Gleich die erste Szene zeigt ihn im Bett und nicht, wie von Lessing vorgesehen, am Arbeitstisch. Betont wird mithin die private Sphäre, ausgeblendet die des öffentlichen Einflusses. Daß der Prinz sich auch in einem gesellschaftlichen Dilemma zwischen Liebe, also bürgerlichem Lebensgefühl und seiner Rolle als Landesherr befindet, wurde an kaum einer Stelle deutlich; geschweige denn, daß versucht worden wäre, diesen Konflikt und die sich um ihn rankenden Machtverhältnisse für Menschen des 20. Jahrhunderts transparent zu machen.

Eine glatte Fehlbesetzung ist Anke Siefken als Emilia, die überhaupt nicht so wirkt, als könne sie sich vom Prinzen verführen lassen. Rena Liebenow als Emilias Mutter hatte ebenfalls zu kämpfen. Stellte sie Gefühlsausbrüche dar, so merkte man deutlich, wie sie erst Anlauf nehmen mußte. Ein dramaturgischer Fehlgriff überdies, daß Camilla Rota, der im Originaltext dem Prinzen ein Todesurteil vorlegt und vor übereilter Unterschrift warnt, in der Wuppertaler Fassung nicht vorkommt. Stattdessen wurden die mahnenden Worte kurzerhand in den Text Marinellis eingebaut, dessen Charakter dadurch einen humanen Zug bekommt, der vom Stück her nicht zu rechtfertigen ist. Überhaupt ist die Figur, die von Peter Hommen mit erkennbarer Anstrengung dargestellt wird, überfrachtet. Marinelli muß in Wuppertal auch noch sämtliche Aufgaben der Dienerschaft wahrnehmen.

Immerhin ragten Bernd Schäfer als Odoardo, Claudia Amm als Orsina und Michael Wittenborn als Appiani durch solide Leistungen aus dem Ensemble heraus. Sie sorgten dafür, daß trotz des verunglückten Ansatzes streckenweise doch eine akzeptable Aufführung zustande kam. Auch das Bühnenbild von Dietrich Schoras war nicht aufregend, sondern allenfalls gefällig. Wirklich packend war das Gesamtergebnis an keiner Stelle. Verhaltener bis herzlicher Beifall am Schluß belohnte die Bemühungen der Darsteller. Unüberhörbar jedoch auch einige Buhrufe, als der Regisseur sich zeigte.




Timothy Leary als Star eines Treffens im Hochsauerland – Kritik am westlichen Denksystem

Von Bernd Berke

Dortmund/Willingen. Timothy Leary, in den 60er Jahren durch sein Eintreten für die Droge LSD weltweit bekannt gewordener US-Professor, weilt derzeit im Sauerland! Anlaß ist ein Kongreß in Willingen bei Brilon, der sich damit befaßt, Geist, Seele und Leib durch Körperübungen in Einklang zu bringen.

Seit dem letzten Wochenende vertiefen sich Jm Hotel ..Sauerland-Stern“ etwa 170 Teilnehmer (Gebühr: rund 600 DM, ohne Hotelkosten) ins Thema. Einer von ihnen ist der Dortmunder Schauspieler Ruedi Gerber (25), bekannt durch sein Programm „Spiwit of Spwingtime“. Er hofft, in dem abgeschiedenen Hotel neue Anregungen für Darstellungformen jenseits des Stadttheaterbetriebs zu bekommen.

Timothy Leary regte ihn allerdings eher auf als an. Ruedi Gerber: „Er hat nur unverbindlich gequasselt“. Beeindruckt zeigt sich Gerber hingegen von der Eröffnungsfeier des Treffens, die etwas anders verlief als herkömmliche Festivitäten. Unter Leitung der 62jährigen amerikanischen Tänzerin Anna Halprin (früher beim San Franciscan Dancer’s Workshop) geriet die Veranstaltung zu einer Art Happening der Körper- und Selbsterfahrung. Hotelleitung und Gäste, die mit dem Kongreß nichts zu tun haben, sollen dem Vernehmen nach entgeistert gewesen sein, als die Teilnehmer des Treffens mit Ästen aus dem sauerländischen Forst im großen Hotelsaal anrückten.

All das hat einen ernsten Hintergrund. Die Teilnehmer sind durchaus seriöse Leute, Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter von 25 Jahren an aufwärts. Alle gemeinsam vertreten die Auffassung, daß die westliche Vorstellung von Wissenschaft, die ausschließlich das Denken beansprucht, überholt ist. Daher beschäftigen sie sich in Willingen etwa mit Fragen des Körperausdrucks und vorwissenschaftlieher Heilkunst.

Ruedi Gerber: „Auch auf der Bühne geht es um menschliche Beziehungen, besonders beim improvisierten Spielen, das ich bevorzuge. Diese Beziehungen haben viel mit dem Körper zu tun“ . Gerber plant schon sein nächstes Projekt. Da er in Willingen einen engen Mitarbeiter des bekannten englischen Psychiaters Ronald D. Laing traf, will er Laing für eine szenische Umsetzung von dessen Gedichten (Titel: „Liebst Du mich?“) nach Dortmund holen.

Der Veranstalter des Willinger Treffens, (ein „Europäisches Forum für Humanwissenschaften“ mit Sitz in Stuttgart) kündigt ein weiteres Meeting an. 1983 sollen in München so illustre Leute wie die Regisseure Federico Fellini und Werner Schroeter sowie die Schriftstellerin Doris Lessing erscheinen.




Polizist debütiert als Romanautor – Reinhard Bottländer erzählt die Geschichte einer Flucht

Von Bernd Berke

Im Revier. Als „Kind des Ruhrgebiets“ bezeichnet er sich, als einen, der „aus ganz einfachen Verhältnissen kommt“. Sein Vater war Bergmann in Bochum, Reinhard Bottländer selbst ist Polizist geworden – und Schriftsteller.

In diesen Tagen erscheint im Recklinghäuser Georg Bitter Verlag sein erster Roman: „Konrad oder die lange Flucht“. Für die Geschichte eines 15jährigen, der aus dem Erziehungsheim flieht und der auch „draußen“ nur mit den Randgruppen der Gesellschaft Kontakt bekommt, konnte der 34jährige Autor manche der Erfahrungen verwenden, die er in der Fahndungsabteilung der Bochumer Kripo machte.

Bottländer, der seit kurzem in Dortmund wohnt und hier für den höheren Polizeidienst büffelt, debütierte 1979 mit einer Sammlung von Kurzgeschichten aus dem Polizeialltag. Hans Sigismund von Buch, Lektor des Bitter-Verlags, griff damals sofort zu, obwohl der Autor noch völlig unbekannt war. Von Buch: „Über die Polizei wird sonst fast nur Kritisches veröffentlicht. Hier schilderte endlich mal einer die Sache von der anderen Seite aus.“ Bottländer über die Reaktion seiner Kollegen: „Manche waren neidisch, aber die meisten fanden es gut, daß einer von uns die Wirklichkeit darstellt. Sonst kennt man ja nur superkluge und erbarmungslose Fahnder vom Schlage eines Jerry Cotton.“

Dennoch: Reinhard Bottländer möchte auf Dauer weg vom Image des „schreibenden Polizisten“. Deshalb habe er sich bei seinem neuen Buch auch sehr mit einschlägigen Szenen zurückgehalten: „Da fährt praktisch nur einmal ein Streifenwagen vorbei.“ Stattdessen habe er versucht, die menschlich-psychologische Seite eines gescheiterten Lebens zu schildern. Bottländer: „Ich will keinen Täter entschuldigen, aber hinter jedem Verbrechen steht eine Geschichte, die nicht einfach mit einer Festnahme erledigt ist.“

Kann sich der Vater zweier Kinder vorstellen, einmal die Uniform an den Nagel zu hängen und nur noch zu schreiben? Bottländer: „Das Risiko will ich meiner Familie noch nicht zumuten. Vielleicht, wenn ich 52 Jahre alt bin und Anspruch auf eine höhere Pension habe.“




Archäologen wollen nun in Südwestfalen gründlicher graben – Neuer „Vorposten“ in Olpe

Von Bernd Berke

Olpe. Trotz Verknappung der Finanzmittel soll jetzt die archäologische Tätigkeit in Südwestfalen, vor allem im Märkisehen Kreis, im Hochsauerlandkreis und im Kreis Olpe, vorangetrieben werden. Auf dem Weg zu diesem Ziel ist man seit gestern einen Schritt weiter: Eine neue Außenstelle des Westfälischen Museums für Archäologie wurde in Olpe eingeweiht. Das Institut soll den gesamten Regierungsbezirk Arnsberg betreuen.

Wie Dr. Bendix Trier, Direktor des in Münster ansässigen Westfälischen Museums für Archäologie, gestern in Olpe mitteilte, sind in den letzten Jahren zahlreiche archäologische „Bodendenkmäler“ für immer zerstört worden, weil Fachleute nicht schnell genug vor Ort sein und rettend eingreifen konnten. Das solle sich mit der Errichtung des Olper „Vorpostens“ bessern. Die Außenstelle am Biggesee startet mit acht Mitarbeitern, darunter zwei Wissenschaftlern und will – so ihr Leiter, Dr. Philipp Hömberg – auf dem Weg über Kreis- und Ortsheimatpfleger den Kontakt zu den vielen Hobby-Archäologen verbessern, ohne die die Experten „aufgeschmissen“ wären.

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe als Träger der neuen Einrichtung hat in diesem Jahr 4,7 Millionen DM für archäologische Zwecke im Etat. Das Land steuert noch 2 Millionen bei. Josef Sudbrock, Kulturdezernent des Landschaftsverbands: „Damit können wir nicht einmal Notgrabungen bewältigen, geschweige denn ,Lustgrabungen'“. Mit Sondermitteln des Landes (1983 drohen Streichungen) hoffe man, die Bestände zügig inventarisieren zu können.

Manchmal helfen auch Maulwürfe

Dr. Bendix Trier beschreibt das schwierige Geschäft der Archäologen: „Bodendenkmäler wie zum Beispiel urzeitliche Siedlungsreste oder Friedhöfe sind – im Gegensatz zu Baudenkmälern – nicht sichtbar.“ Manch argloser Spazierganger habe schon Scherbenreste, die Aufschlüsse über frühere Epochen erlaubt hätten, aufgeklaubt und gleich wieder fortgeworfen. Nicht immer widerfahre den Archäologen das Glück, daß ein Maulwurf das Erdreich umpflüge und Sensationen zutage fördere. Immerhin sei auch das schon vorgekommen.

Lieber setzt man freilich auf Leute wie jenen Freizeit-Sucher, der sich „wenige Quadratmeter Acker sechs Stunden lang vornimmt“. Ein soleher Mann hat laut Dr. Hömberg dafür gesorgt, daß die Fundkarte des Altkreises Wittgenstein, die noch 1974 lediglich vier Fundstellen verzeichnete, heute mit 180 Markierungspunkten übersät ist.

Hatte man bis vor kurzem angenommen, im hügeligen Sauerland sei archäologisch weit weniger zu holen als etwa im flacheren Kreis Unna, schöpft man jetzt – angespornt durch den Wittgensteiner Boom – neue Hoffnung. Dr. Hömberg nennt einen weiteren Trend: „Bisher interessierten vor allern spektakuläre Einzelfunde.“ Heute sei es wichtiger, Voraussagen darüber zu treffen, was eine bestimmte Fundstelle in der Zukunft überhaupt noch hergeben könne.

Auch mit Paragraphengestrüpp haben die Archäologen zu kämpfen. So billigt ihnen das Gesetz zwar zu, ein Bauvorhaben an kritischen Punkten für drei Tage zu stoppen. Gerät der Bauherr dadurch in Verzug, kann er aber auf Entschädigung pochen. Bislang habe man sich jedoch noch stets gütlich einigen können.




Neue Suhrkamp-Titel nur noch als Paperback – Verlag bestreitet Hardcover-Programm aus dem Archiv

Von Bernd Berke

Frankfurt. „Tragisch und unerfreulich“ findet Franz Xaver Kroetz die ganze Angelegenheit, doch er resigniert: „Ich muß mich wohl fügen.“ Grund für das Stimmungstief des bekannten Dramatikers („Stallerhof, „Wildwechsel“) ist eine Hiobsbotschaft aus dem Frankfurter Suhrkamp-Verlag. Erstmals in seiner 33jährigen Geschichte will das renommierte Haus im Frühjahr 1983 keine Neuerscheinungen in Hardcover-Ausstattung (fester Einband) herausbringen.

Stattdessen grub man vergriffene Bande aus der Zeit seit Verlagsgründung aus, um sie dem Leservolk wieder zugänglich zu machen. Dazu äußerte sich Siegfried Unseld, Leiter des Verlags, in wohltönender Beschönigung schon schriftlich: „Der Suhrkamp-Verlag hat sich mit diesem ,Weißen Programm‘ zu einem Experiment entschlossen. Es soll… Autoren wie Lesern dienen.“

Ob sich freilich die Autoren, die gerade an neuen Werken arbeiten, mit dem Nostalgie-Programm anfreunden können, darf bezweifelt werden. Immerhin ist Suhrkamp einer der ganz wenigen Verlage in der Bundesrepublik, die den Mut aufbrachten, auch neuere, experimentelle Literatur zu verlegen. Zu den Autoren des Frankfurter Unternehmens zählen Peter Handke, Thomas Bernhard, Franz Xaver Kroetz, Thomas Brasch, Martin Walser und Herbert Achternbusch – mithin ein Großteil der bundesdeutschen Schriftsteller-Elite.

Beispiel Franz Xaver Kroetz, der soeben den zweiten Teil einer Romantrilogie abgeschlossen hat. Kroetz, quasi beim Leser „im Wort“, dem ersten Teil („Der Mondscheinknecht“) eine Fortführung folgen zu lassen, zur WR: „Ich hatte mich schon so darauf gefreut, daß der Band im nächsten Frühjahr bei Suhrkamp erscheint. Daraus wird jetzt wohl nichts.“ Kroetz denkt trotzdem, nicht daran, sein Buch einem anderen Verleger anzubieten, denn bislang habe er mit der Verlagspolitik von Suhrkamp gute Erfahrungen gemacht: „Meine Bücher sind ständig im Buchhandel vorrätig und werden oft neu aufgelegt.“ Auch die Auflagenhöhen könnten sich sehen lassen.

Nachfragen bei Franz Xaver Kroetz und Karin Struck

Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld, der seinen Rückgriff auf ältere Werke von Oskar Loerke, Hermann Hesse und Wolfgang Koeppen schon vorab werbewirksam darzustellen versuchte, war nicht zu sprechen. Er befinde sich auf einer USA-Reise, hieß es. Auch sein Stellvertreter war nicht erreichbar. In „unteren“ Verlagsetagen gab man sich äußerst wortkarg. Immerhin; Der bereits von der „Frankfurter Rundschau“ erhobene Vorwurf des „künstlerischen Offenbarungseides“ sei „Quatsch“, im übrigen seien die Autoren vorher informiert worden und einverstanden gewesen. Nachfragen der WR ergaben: Franz Xaver Kroetz und Karin Struck („Klassenliebe“, „Die Mutter“) waren zum Beispiel nicht unterrichtet. Kroetz wußte nur vom Hörensagen von den Verlagsplänen, Karin Struck erfuhr es erst durch die WR („Da muß ich gleich mal meinen Lektor anrufen.“) Kroetz und Struck sind seit Jahren Suhrkamp-Autoren.

Ein Suhrkamp-Verlagsmitarbeiter salopp: „Wenn uns jetzt das ,Werk des Jahrhunderts‘ auf den Tisch flattert, werden wir es wohl doch als Hardcover veröffentlichen.“ Schließlich hoffe man, mit dem „Weißen Programm“ einen höheren Umsatz zu erzielen, als mit ehrgeizigen Neuerscheinungen. KeinWunder: Schließlich lassen sich auf diese Weise erkleckliche Autoren-Honorare einsparen.

Franz Xaver Kroetz, dessen Romanteil dem harten Kalkül zum Opfer fallen wird: „In meinern Fall hält sich aber der finanzielle Verlust in Grenzen, weil ich am meisten durch Aufführungen meiner Theaterstücke verdiene.“ Mit Galgenhumor kann Kroetz der farbloseren Neuerscheinungspalette gar noch positive Seiten abgewinnen: „Vielleicht bin ich selbst mal froh, wenn meine Bücher 20 Jahre nach Erscheinen plötzliche Neuauflagen erleben.“ Härtere Worte fallen derweil bei der Bundesgeschäftsstelle des Schriftstellerverbands (VS) in Stuttgart: „Da bekommt der Suhrkamp-Verlag wieder unverdiente Publizität.“




Fürs Taschengeld gibt es das Blutbad leihweise – Initiative: Keine brutale Video-Filme für Jugendliche

Von Bernd Berke

Im Westen. Die Godesberger Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften erhält derzeit gleich stapelweise Video-Kassetten. Die sieben festen Mitarbeiter werden sich un- glaubliche Szenen ansehen müssen: Kannibalistische Orgien, bei denen die Kamera minutenlang auf Mündern verweilt, die genüßlich Menschenfleisch schmatzen; Großaufnahmen von herausgerissenen Eingeweiden und Bilder von zahllosen anderen Greueltaten, die die Ekelschwelle überschreiten.

Die Quelle der Flut von Brutalitäten, die über die Filmbegutachter hereinbrechen wird, liegt im rheinischen Neuss. Nicht weniger als 744 Indizierungsanträge gegen gewaltverherrlichende Videofilme hat das dortige Sozialdezernat bereits an die Bonner Behörde gerichtet und ist damit bundesweit zum Vorreiter geworden. Auch das Dortmunder Jugendamt zog mittlerweile nach und machte die Prüfstelle auf einige schlimme Produkte (Herkunftsländer sind vorallem die USA und Italien) aufmerksam. Der Neusser Sozialdezernent Dr. Rolf Wiese zur WR: „Wir wollen bestimmt keine Zensurmaßnahmen veranlassen. Erwachsene sollen weiterhin sehen können, was sie für richtig halten. Daß aber Kinder und Jugendliche so etwas schon für ein paar Mark Taschengeld ausleihen können, ist ein großes Übel.“

Einem Mitarbeiter des Neusser Jugendamtes war aufgefallen, daß minderjährige Besucher im örtlichen „Haus der offenen Tür“ Video-Treffs veranstalten, die allen Jugendschutzbestimmungen Hohn sprechen. Mit dem hauseigenen Recorder und vom zusammengeworfenen Taschengeld organisieren sie regelrechte „Mutproben“ nach der Devise: Wer die meisten optischen Brutalitäten aushält, ist König der Clique…

Seither läßt der Amtmann, der aus verständlichen Gründen nicht namentlich bekannt werden möchte, Prospekte der wichtigsten Video-Produzenten an seine Privatadresse schicken und durchforstet die dort abgedruckten süffigen Inhaltsangaben nach Gewaltanpreisungen. Zuweilen standen ihm schon bei der bloßen Lektüre die Haare zu Berge.

Daß dieser Abschreckungseffekt – nicht nur bei Jugendlichen – rasch nachläßt und die Reizschwelle zusehends steigt, bestätigt aus eigener Erfahrung die stellvertretende Leiterin der Bonn-Bad Godesberger Bundesprüfstelle, Elke Monssen-Engberding: „Beim Anblick der ersten Bilder ist mir schlecht geworden. Heute könnte ich schon mein Butterbrot dabei essen.“ Keine Frage aber, daß auch sie die Video-Schocker verurteilt. Nur: Ohne genaues Hinsehen geht nichts – schon gar keine Indizierung, die den Film unter die Ladentische verbannt und gegen die der Hersteller auch Rechtsmittel einlegen kann. Die dehnbare Bestimmung lautet: Liegt der jugendgefährdende Inhalt eines Streifens „offen zutage“, so reicht die Prüfung durch ein Dreier-Gremium. In komplizierteren Fällen muß eine zwölfköpfige Gruppe ran.

Hier liegt auch ein Problem der Neusser. Dr. Wiese: „Es reicht nicht, die Indizierung zu beantragen, man muß auch die entsprechende Kassette beilegen.“ Wegen der immensen Kosten, die durch Ankauf oder Kopie der Bänder entstehen, tat man sich inzwischen mit den Jugendämtern anderer Städte zusammen. Gemeinsam zahlt sich’s leichter.

Die Neusser Initiative kann erste Erfolge verbuchen. Mehrere Videofilme wurden tatsächlich schon aus dem unbeschränkten Verkehr gezogen und sind nur noch für Interessenten über 18 erhältlich. Bis freilich der komplette Antragsschwall in Godesberg bewältigt sein wird, werden noch Monate vergehen.

Unterdessen keimt sowohl in Neuss als auch in Godesberg eine stille Hoffnung. Dr. Rolf Wiese: „Da die gesamte Videobranche durch solche Filme in Verruf gerät, nehmen wir an, daß sich dort bald eine Art Freiwillige Selbstkontrolle nach dem Muster der Kinofilm-Hersteller bildet.“ Lokale Videohändler jedenfalls hätten sich schon einsichtig gezeigt.




Haßtiraden gegen die Kunst und Vandalismus bei der Kasseler documenta 7

Van Bernd Berke

Kassel. Das Team des Hessischen Rundfunks traute den Ohren kaum. Sechs Wochen lang hatte man ein „Mecker-Tonband“ auf der Kasseler documenta postiert. Was den Funkleuten beim Abhören der Bander entgegentönte, erinnerte vielfach an längst überwunden geglaubte Zeiten. Da verschaffte sich Besucherzorn mit Haßtiraden gegen ,,entartete Kunst“ Luft. Ein wütender Zeitgenosse wünschte sich die endgültige Aktion von Joseph Beuys: der Künstler moge sich doch vom hohen Dach des Fridericianums stürzen.

Bei den markigen Worten ist es nicht geblieben. Noch nie wurden auf der im Vier-Jahre-Rhythmus stattfindenden Kunstschau dermaßen viele Schäden durch mutwillige Zerstorung angerichtet wie diesmal. Vorsichtige Schätzungen beziffern den materiellen Verlust auf annahernd 100000 DM. Spektakulärster Fall: Ein Jugendlicher ging mit dem Stock auf eine Spiegelplastik Dan Grahams los. Das Kunstwerk ist nur noch als Torso vorhanden, denn weder die documenta GmbH noch der Künstler haben die Mittel für eine Restauration. Da die Plastik unter freiem Himmel stand und nicht bewacht war, winkten auch die Versicherungen ab.

documenta-Pressesprecher Klaus Becker hält die zahlreichen Zerstörungen nicht fur das Werk einzelner Psychopathen, sondern vermutet einen allgemeinen gesellschaftlichen Trend. ,,Die Einstellung zur Gewalt 1st durchweg laxer geworden.“ Auch Gewalt gegen Personen sei auf dieser documenta bereits einige Male vorgekommen. So wurden mehrere der 80 Kasseler Wärter, die die Kunst vor Unbill schützen sollten, von aggressiven Besuchern mit Fausthieben traktiert. Ohnehin konnen die eigens angeheuerten Studenten gegen die Zerstörungswut wenig ausrichten. Fast alle Schäden werden erst bemerkt, wenn die Verursacher längst über alle Berge sind.

Pressesprecher Becker: „Ich habe zwar kein Verständnis, wohl aber eine Erklärung fur diese Vorfälle. Eine ganze Reihe von modernen Kunstwerken besteht aus Alltagsgegenständen, etwa aus Kuchengerät oder Autoschrott. Vor diesen Werken steht man mit weniger Ehrfurcht als vor einem Rembrandt-Bild und deshalb langt mancher auch schon mal eher hin.“ Hinzu komme, daß sich die documenta 7 nicht mehr allzu betrachterfreundlich gebe, sondern ganz bewußt so konzipiert sei, daß das Kunstwerk einen Teil seiner musealen Eigenständigkeit wiedererlange. An das Publikum sei erst in zweiter Linie gedacht worden. Vermutliche Folge: Der Besucher wird mit seinem Unverständnis (wer ist schon Experte für moderne Kunst) alleingelassen und dies Gefühl schlägt häufig in Angriffslust um.

Am kommenden Wochenende ist ,,Halbzeit“ bei der doumenta 7. Der 6,9-Millonen-Etat ist zwar schon jetzt überschntten, doch hofft man, das Defizit durch einen neuen Besucherrekord wettzumachen. 162 000 Menschen sahen das Sektakel schon. Da die zweite Hälfte der Ausstellung erfahrungsgemäß noch mehr Zuspruch findet, hofft man bis zum Ende (28. September) auf 350 000 bis 400 000 zahlende Gäste.

Wären die Zerstörungen nicht, so könnte man von einer recht positiven Halbzeit-Bilanz sprechen. Die internatiole Presse lobte die Ausstellung teilweise über den grünen Klee. US-Journalisten zeigten sich besonders begeistert von den Arbeiten Anselm Kiefers und stellten das KasseIer Ereignis in ihrer Wertung turmhoch über die Biennale in Venedig. Unerbittliche „Verrisse“ gab es nur in wenigen Alternativblättern, die die Exponate elitär und realitätsfern fanden. Der Großteil der Besucher interessierte sich offenbar am meisten für Malerei, weniger für neuere Kunstformen wie Aktionen und Persformance.




Diskussionsrunde zerredet gekürzten Umwelt-Film vollständig – Bernward Wembers „Vergiftet oder arbeitslos“ im ZDF

Von Bernd Berke

Selten dürfte ein TV-Film in derart zerstückelter Form ins Programm gehoben worden wie dieser: Bernward Wembers Beitrag „Vergiftet oder arbeitslos“, der für natürlichenLandbau und gegen chemische Dünge- und Vertilgungsmittel Partei ergreift, wurde gleich von zwei Diskussionen eingerahmt. Machart und Inhalt des Streifens wurden separat zerredet. Außerdem schaltete sich Redakteur Helmut Greulich mehrfach ein, um kundzutun, daß das Werk an der betreffenden Stelle gekürzt worden sei.

Zu nachtschlafener Zeit (das Ende war um 0.50 Uhr erreicht) wurde damit ein von 97 auf 60 Minuten verstümmelter Film auch noch häppchenweise ausgestrahlt, der zuvor volle zwei Jahre auf Eis gelegen hatte. Höhepunkt des Gerangels um den mißliebigen Beitrag, der den ZDF-Oberen allzu „grün“ vorkam, war ein erstmals in der bundesdeutschen Fernsehgeschichte angesetzter Zuschauertest, bei dem 100 Vorgucker den Film positiv beurteilten.

Zumindest formalv erobert Wembers Opus tatsächlich Neuland. Die Bildausschnitte, die per Tricktechnik gegeneinander versetzt und verschoben wurden, wirkten inmitten der sonstigen Bilderflut des Fernsehens geradezu erholsam. Zudem wurde der erwünschte Effekt erzielt, daß nämlich der unter anderem von Gustl Bayrhammer gesprochene Text im Einklang mit den Bildern steht. Was die pointierte Stellungnahme gegen die chemische Industrie angeht, der nichts Geringeres als die „verbrecherische“ Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen vorgeworfen wurde, mag man verschiedener Meinung sein. Keine Frage jedoch, daß diese Auffassung von weiten Kreisen der Bevölkerung geteilt wird und somit in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt dargestellt werden darf, ja muß.

Gerade das wurde Wember jedoch in der aufgezeichneten Schlußdiskussion nicht zugestanden. Peter Sweerts-Sporck, Chef eines industrienahen Chemie-Magazins, witterte „perfekte Indoktrination“. Prof. Klaus Töpfer, Umweltminister von Rheinland-Pfalz, bat beinahe händeringend um Berücksichtigung der angeblich voll wirksamen Umweltpolitik. Halbherzige Unterstützung bekam Wember nur von Christian Schütze, dem Chefredakteur einer Umwelt-Zeitschrift.

Am ärgsten gebärdete sich in der sterbenslangweiligen Debatte Hans Heiner Boelte, der als Vertreter der ZDF-Chefredaktion erschienen war. Er giftete Wember an, verstieg sich zu Vergleichen mit Nazi-Propaganda und zog sich, wenn er gerade nicht das Wort ergriff, mit unwirschen Gesten und angewiderter Miene in den Schmollwinkel zurück.




Wann und wie mag denn wohl der Russe kommen? Dortmunder Michael Braun drehte einen Bundeswehr-Film

Von Bernd Berke

Dortmund. So bereitwillig hätten sie sicherlich nicht mitgespielt, wenn sie geahnt hätten, was dabei herauskommt: Vier Wochen lang leisteten Bundeswehrkompanien in Norddeutschland dem Dortmunder Filmemacher Michael Braun jede nur erdenkliche Hilfestellung, als der mit Kamera und Mikro den Kasernenalltag einfing.

Braun, der in seinem mit Spielszenen durchsetzten, halbdokumentarischen Film „Es tönt der Ruf des Vaterlandes“ als Rekrut auftritt, durfte mit Billigung der Bonner Hardthöhe gar einen Schnellkurs als Panzerfahrer absolvieren und brachte es fertig, daß für sein sechsköpfiges Filmteam ein Extra-Manöver in Szene gesetzt wurde. Offenbar erwartete die neuerdings vom „Pillenknick“ gebeutelte Truppe Reklame für ihren Verteidigungsauftrag. Das fertige Produkt – alles andere als eine Werbung für den Wehrdienst – ist am kommenden Sonntag um 11.15 Uhr im ARD-Programm zu besichtigen.

Allein die Musikuntermalung, die der Major, der Michael Braun bei den Dreharbeiten als ,Aufpasser“ zur Seite stand, natürlich nicht kannte, sorgt für ironische Zwischentöne. So erklingt zur Panzerfahrt ein Song der Gruppe „Fehlfarben“: „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!“ Klar, daß auch die deutsche und die von Jimi Hendrix elektronisch verzerrte US-Hymne – an der rechten Stelle eingefügt – das martialische Geschehen kommentieren.

Meist sprechen aber bereits die Aussagen für sich, die Michael Braun Kommandeuren und einfachen Soldaten in Kurzinterviews entlockt. Da wird gerätselt, ob und wann „der Russe kommt“, und es werden eine gewisse Hilflosigkeit und Widersprüche sichtbar, sobald es um Grundsatzfragen der Verteidigung geht. Nur im Schattenriß wird schließlich ein Totalverweigerer ins Bild gerückt, der in den Untergrund abgetaucht ist und dem Filmer gesteht, er wolle lieber die ganze Erde (sprich: Natur) verteidigen, als die Bundesrepublik.

Mit „Es tönt der Ruf des Vaterlandes“ haben Michael Braun und Produzent Joachim Bernstein ihren vierteiligen Fernsehzyklus „Tempo ’82“ abgeschlossen. Die bisherigen Beiträge durchleuchteten die deutsche Rock-Szene von Peter Kraus bis Peter Maffay und das Tagwerk der Profifußballer von Borussia Dortmund. Für seinen Bundeswehr-Film erhofft sich Michael Braun trotz der ungünstigen Sendezeit eine Sehbeteiligung von zehn Prozent.




Walzermusik sollte Fans besänftigen – Zweimal Rock in der Westfalenhalle 1, mal hart, mal deutsch

Von Elias Bierdel und Bernd Berke

Dortmund. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, so wurde er am Wochenende in der Westfalenhaiïe 1 erbracht: Rock mit deutschen Texten (etwa 13 000 Zuschauer, ausverkauft) rangiert im Urteil der Fans derzeit eindeutig vor anglo-amerikanischen Hard-Rock-Formationen, die diesmal „nur“ 9000 Leute ins Hallenrund lockten.

Allseits wurde Erfreuliches vermeidet: Die Polizei nahm bei der zweitägigen Mammutschau nur einen Mann fest, der gegen das Waffengesetz verstoßen hat“te; für die Sanitätsdienste verlief die Veranstaltung normal, und die Tontechniker des ZDF sprachen von „hervorragenden Aufnahmebedingungen“. Also wird man Bei Fernsehaufzeichnungen von „Rock-Pop in Conzert“ (voraussichtliche Sendetermine: 19. Juni Hard-Rock, 10. Juli Deutsch-Rock) auch die Texte verstehen, die beim Live-Konzert nicht immer deutlich über die Rampe kamen.

(EBi) Der erste Tag des Spektakels, der harten Rock-Musik gewidmet, gewann gerade durch die kurzfristige Änderung des Programms. Vor allem die nachträglich „nominierte“ Band Jethro TulI konnte – inmitten wüster Phon-Orgien – eigene, anspruchsvollere Akzente setzen. Zuvor erwiesen sich Joan Jett & The Blackhearts als mittlerer Flop.

Bevor die Stars des Abends, die zwanzig Jahre alte Gruppe „Status Quo“, die frenetischsten Beifallsstürme einheimsten, lief über Lautsprecher Walzermusik – offenbar, um die Rockfans zu besänftigen. Eines kann man Status Quo jedenfalls nicht nachsagen: Daß es an Lautstärke mangelt. Es folgte „Heart“ mit langweilig dargebotenen Phantasielosigkeiten. Nach 2 Uhr beendete „Saxon“ das Programm. Auffälligstes Show-Requisit: ein riesiger Silbervogel, der die Fans mit blitzenden Augen fixierte.

(bke) Am zweiten Tag bestieg mit „Ideal“ die bekannteste Gruppe gleich zu Anfang eine der beiden Bühnen. Fazit: Auf Platte sind die Berliner um Annette Humpe besser. Es fehlte der „Draht“ zum Publikum. Ganz anders Wolfgangs Niedeckens BAP, die mit fetzigem Kölschrock das Publikum der 12- bis 35-jährigen zu Begeisterungsstürmen hinriß. Stärkeres wurde während der ganzen Nacht nicht mehr geboten. Bei Joachim Witt, dem „goldenen Reiter“, der wie ein Roboter über die Bühne wackelte, ähnelte ein Lied dem anderen. Sein 12minütiger Singsang vom „Herbergsvater“ ging immerhm in die Beine. Prädikat: Konsequent monoton.

Die Münchner „Spider Murphy Gang“ („Skandal im Sperrbezirk“) brachte musikalisch eher biedere, konventionelle Kost, UKW sah sich nach technischen Pannen und langer Umbaupause unter Wert verkauft. Ohnehin warteten alle nur noch auf „Extrabreit“ aus Hagen. Deren Anlage war entschieden zu laut ausgesteuert, und man hörte fast nur noch brutale Gitarrenschlachten.

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WR-Lokalteil Dortmund




Ovationen für die „Bots“ und ein Kuß für Lerryn

Von Bernd Berke

Die holländischen „Bots“, Kultgruppe der Friedensbewegung und seit ihrem Auftritt im November 1981 auch in Dortmund keine unbekannte Größe mehr, gaben in der vollbesetzten Westfalenhalle II erneut ihre musikalische Visitenkarte ab. Mit von der Partie: Der Frankfurter Liedermacher Lerryn, der nebenbei deutsche Texte für die „Bots“ schreibt, Klaus Lage mit der Rockgruppe „Druck“ und Karl-Heinz Hansen, SPD-Dissident, der Attacken gegen die Bundesregierung vortrug.

Gemeinsamer Nenner aller Mitwirkenden war der Slogan „Frieden schaffen ohne Waffen“. Die Qualität der Beiträge war unterschiedlich. Während bei Klaus Lage und „Druck“, die allerdings laut Ansage erst zweimal zusammen gespielt hatten, so gut wie nichts „über die Rampe kam“, heizten die „Bots“ dem überwiegend jugendlichen Publikum ein. In ihrem geschickt bis routiniert aufgebauten Auftritt kamen die Zugnummern („Aufsteh’n“, „Entrüstung“, „Was wollen wir trinken?“) zum Schluß und entfachten Tanzlust.

Die Gruppe ließ dabei eine erstaunliche Vielfalt musikalischer Formen erkennen: Von Folk-Anklängen bis hin zu Hard-Rock und Jazz-Rock reichte die Bandbreite. Leider verstand man, der unzureichenden Akustik wegen, nicht immer die kompletten Texte. Doch die meisten Zuschauer kannten den Wortlaut wohl ohnehin aus’wendig. So ging es dann bei der „Bots“-Darbietung eher um Solidaritätsgefühle als um kritische Neuanstöße. Die hatte zuvor Dr. Dieter Dehm alias „Lerryn“ gegeben, der sich nicht scheute, einige taktische Entscheidungen der „Grünen“ bei der Auseinandersetzung um die Frankfurter „Startbahn West“ zu kritisieren. Das freilich trug ihm den Unmut einiger Zuschauer ein, die eine klärende Richtigstellung verlangten. Lerryn erhielt aber auch den unmittelbarsten Beilfall des Abends: Als sein Lied gegen ein behindertenfeindliches Gerichtsurteil verklang, fuhr ein Rollstuhlfahrer an die Bühne heran und gab dem Liedermacher einen Kuß.

Die größten Ovationen aber wurden erwartungsgemäß den „Bots“ zuteil. Zu ihrem Lied, das zum Aufstehen ermuntert, mußte sich keiner mehr erheben, denn es standen oder tanzten schon alle. Dem Quintett wurden schließlich mehrere Zugaben abverlangt.

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200 Meter Bauzaun als Kunstwerk – und Joern Schlund träumt schon von einem Liebesbrief an der Spitze des Florianturms

Von Bernd Berke

Kassel/Dortmund. Joern Schlund (47) will dem großen Kasseler Kunstspektakel documenta die Schau stehlen. Er wird – mit finanzieller Unterstützung einer Dortmunder Firma – knapp 200 Meter Bauzaun zum gigantischen Kunstwerk umgestalten. Schlunds Aktion soll genau zehn Tage vor Eröffnung der documenta, die am 19. Juni ihre Pforten öffnet, gestartet werden und 20 Tage lang dauern. Die WR stellt das Projekt als erste Zeitung vor.

Das „Objekt“ befindet sich direkt gegenüber dem Kasseler Hauptbahnhof. Der agile Künstler und Pädagoge aus Geseke bei Paderborn wird den langen Bauzaun, hinter dem zur Zeit ein Großkaufhaus hochgezogen wird und der ansonsten als Werbefläche dient, in mühsamer Einmannarbeit bemalen. Daß er dabei mitten im Großstadtrummel agieren muß, stört den Aktionskünstler nicht. Im Gegenteil: Er ist schon gespannt auf Reaktionen aus der Bevölkerung, die er vor Ort mit einer Videokamera aufzeichnen will. Gefaßt erwartet er auch aggressive Äußerungen der Passanten. Schlund hat bereits unschöne Erfahrungen hinter sich. Bei früheren Aktionen gingen seine Produkte auch schon mal in Flammen auf.

Was wird auf den Bretterwänden zu sehen sein? Schlund hat vor, sie weiß zu bekleben und auf die so entstandene Fläche zarte Pastellfarben aufzutragen. Neben die sparsam verwendeten Farbelemente setzt er dann jeweils Worte, zu denen er durch den Philosophen Martin Heidegger inspiriert wurde. So werden den Passanten in Rie-senlettern Worte wie „Sein“ oder „Einsicht“ entgegenleuchten.

Was bezweckt Joern Schlund damit? „Die von mir gestalteten Wände dienen – im wahrsten Wortsinn – als ,Vor-Wand‘ zum Gespräch“, erläutert Schlund, der kürzlich einen Lehrauftrag der Siegener Universität, Fachbereich „Kunst und Kommunikation“, erhielt. Was er sichtbar herstelle, sei weniger wichtig als das, was sich daraus an Gesprächsmöglichkeiten ergebe. Außerdem gehe es ihm um Verunsicherung, er wolle altgewohnte Sehweisen in Frage stellen.

Traum des Künstlers: „Ich würde sehr gern an der Spitze des Dortmunder Fernsehturms ein großes Tuch befestigen, auf dem steht: ,Ich liebe dich!‘ Das wäre mit Sicherheit Stadtgespräch.“ Auf jeden Fall wolle er heraus aus der Isolation und Sicherheit des Museums“. Immerhin: Eine Aktionsidee, die sich im Musentempel verwirklichen ließe, hat Schlund auch schon parat. Er könnte sich vorstellen, mit seiner gesamten Wohnungseinrichtung in einem Museum Quartier zu nehmen, sozusagen als lebendes Ausstellungsstück. Schlund: „Ich würde da ganz normal leben, würde mir auch meine Butterbrote im Museum schmieren und nachts dort schlafen.“

Direkte Aussagen zum politischen Tagesgeschehen liegen Joern Schlund fern. Dennoch begab sich der Geseker schon des öfteren in die Konfrontation. So schrieb er zum Jahr des Kindes auf eine Plakatwand:. „Kinder sind lieb“ und auf die Rückseite „Verhaut die Kinder!“ Auf das Pflaster einer vielbefahrenen Straße pinselte er: „In hundert | Jahren gibt es keine Autos mehr.“ In beiden Fällen erntete er nicht nur Verständnis…

Schlund legt Wert darauf, daß er keinem Vorbild nacheifert: „Ich bin kein Imitator. Weder Leonardo da Vinci noch Joseph Beuys sind für mich Maßstab. Wenn Beuys sich zum Beispiel l mit Bienen befaßt, kann ich nur sagen, daß er diese Insekten nicht gepachtet hat. Ich könnte morgen eine Aktion mit Bienen machen, und es wäre doch etwas ganz anderes als bei ihm“, sagt Joern Schlund selbstbewußt. Auch wolle er nicht, wie es das Gesetz des Kunstmarkts fordert, seinen Werken und Aktionen ein ganz bestimmtes Markenzeichen aufdrücken, so daß jeder gleich erkennt: „Sieh da, ein Spätwerk von Schlund“.

Der Dortmunder Günter Stecker, dessen Firma bundesweit etwa 1500 Werbetafeln vermietet, unterstützt als Mäzen Schlunds riesige „Tafelmalerei“ in Kassel – Kostenpunkt: etwa 8000 DM). Stecker gewinnt dem Happening noch einen anderen Reiz ab: „Für mich ist das, als bekäme die Werbung einen Kuß von der Muse“.




Harlequin-Theater mit viel Spielfreude und aktuellen Ideen

Von Bernd Berke

Auf spontane Einfälle darf man schon gefaßt sein beim Dortmunder „Hand- und Fußtheater“, das jetzt im Café des Fritz-Henßler-Hauses zwei kurze Stücke unter dem Obertitel „Harlequin auf dem Pulverfaß“ zeigte. Eine hautnahe Kostprobe überbordender Spielfreude bekam einer der etwa 100 jungen Zuschauer zu spüren, als Mitspielerin Elke Drews unvermittelt durch die Reihen wuselte, sich auf seinen Rücken schwang und ihm gleichsam im Nacken saß.

Solche Lust an Bewegung war durchaus im doppelten Wortsinn zu verstehen, ging es doch in den selbstverfaßten Spielvorlagen um Probleme zweier „Bewegungen“, nämlich der für den Frieden und der für menschliches Wohnen. Dabei wurde kein auswendig gelernter Text vorgetragen, sondern im Rahmen eines lockeren Handlungsgerüsts nach Laune improvisiert. Traditionelles Element: Die Figuren (Pantalone, Brighella und Harlequin) waren dem alten italienischen Volkstheater, der Comedia dell’arte nachempfunden, hatten sich aber nunmehr mit Hochrüstung und Hausbesetzungen zu plagen.

Es machte einfach Spaß, zu sehen, wie etwa die Rüstungspolitik karikiert wurde, wie sich die eine Macht mit einem Küchenquirl bewaffnet und die andere in ihrer Angst droht, die „Wunderbombe“ einzusetzen – einen alten, übelriechenden Turnschuh. Daß in solchen, scheinbar mit Leichtigkeit vorgetragenen Szenen eine Menge Arbeit steckt, kann man als Zuschauer nur vermuten. Besonders in den pantomimischen Szenen wurde deutlich, daß hier kein lupenreines Amateur-Theater agierte. Immerhin haben Elke Drews und Bernd Witte das Hand- und Fußwerk der wortlosen Darstellung in Paris von Grund auf erlernt, während Ellen van Royen am Bochumer Puppenspielinstitut und beim Amsterdamer Narrenfestival der „Fools“ mitwirkte.

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(WR-Lokalteil Dortmund)




Botho Strauß: Erfolg ohne Medienrummel

Der von fast allen Theaterkritikern überschwenglich gelobte Autor Botho Strauß gilt zugleich als „unzugänglichster“ Schriftsteller der Gegenwart. Das einzige umfängliche Gespräch mit Strauß wurde 1979 von einer Schweizer Zeitung veröffentlicht. Jetzt konnten WR-Redakteur Bernd Berke und Marianne Hausen, freie Journalistin aus Heidelberg, den Schriftsteller in Berlin besuchen und ein längeres Gespräch mit ihm führen.

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Botho Strauß ist ohne Zweifel einer der gefragtesten deutschen Gegenwartsautoren. Nachdem viele Kritiker seine ersten Theaterstücke als „elitär“ oder schlicht als unverständlich abqualifiziert hatten, schaffte Strauß gegen Ende der 70er Jahre mit der „Trilogie des Wiedersehens“ und mit „Groß und klein“ den Durchbruch.

Seither wird dem 1944 geborenen, in Remscheid aufgewachsenen Autor in den bundesdeutschen Feuilletonspalten geradezu gehuldigt. Selbst gefürchtete Großkritiker erkoren ihn zum wichtigsten Theaterschreiber dieser Jahre. Auch Strauß‘ Prosawerke verkaufen sich bestens. „Die Widmung“, Geschichte einer Trennng, stand lange Zeit auf den Bestsellerlisten. Auch Strauß‘ neueste Prosaarbeit, der Band „Paare Passanten“, ging bereits 25 000 mal über die Ladentische – eine für belletristische Werke sehr beachtliche Zahl. So gehören denn inzwischen Strauß‘ Stücke zum festen Repertoire in- und ausländischer Bühnen. Auch im Deutschen Fernsehen wurden die „Trilogie“ sowie „Groß und klein“ schon gezeigt.

Trotz all dieser Erfolge ist Strauß einer der unbekanntesten Autoren geblichen, weil er sich sehr zurückhält, was Interviews angeht. Zahlreiche Journalisten haben vergeblich versucht, die geheime Telefonnummer des in Berlin lebenden Strauß zu erfahren und ihn zu Äußerungen zu bewegen. Erst jüngst bekam eine große deutsche Illustrierte eine Abfuhr. Strauß genehmigte der WR zwar ausdrücklich die Veröffentlichung, wollte aber nicht, daß während der Unterhaltung Notizen gemacht würden. Daher hat das Folgende den Charakter eines Gedächtnisprotokolls:

Strauß bestätigt die Vermutung. daß er, als einer unter ganz wenigen deutschen Autoren, von seinen Schreibeinkünften recht gut leben könne. Den Löwenanteil mache dabei nicht etwa der Erlös aus dem regen Verkauf der Prosabände aus. Die Einkünfte durch die Aufführungsrechte an den Stücken fielen mehr ins Gewicht.

Der Autor ist selbst ein wenig überrascht, daß seine Bücher so begehrt sind, wundert sich über den fulminanten Anfangserfolg seines Buches „Paare Passanten“, das erst seit Ende 1981 auf dem Markt ist. Daß „Die Widmung“ sich so gut verkauft habe, sei wohl dem Zufall zu verdanken. Als das Buch 1977 erschien, habe das Thema der Trennung zweier Lebensgefährten gerade Saison gehabt. Strauß: „Überhaupt prägen schnell wechselnde Modeströmungen den Literaturbetrieb. Wer zum Beispiel heute noch ein Buch über seine Beziehung zum Vater schriebe, käme entschieden zu spät“. Er selbst könne mit solch kurzlebigen Erscheinungen gar nichts anfangen und wisse, daß er im Prinzip immer für ein Minderheit schreiben werde. Gottlob werde er auch noch nie, wie etwa Günter Grass oder Heinrich Böll, von allen Leuten auf der Straße erkannt.

Tatsächlich ist Strauß dem Erfolg nie hinterhergerannt, eher hat er ihn sich hartnäckig ersessen: Als er mit seinem Germanistik-Studium nicht mehr zufrieden war, bewarb er sich bei der Fachzeitschrift „Theater heute“ um einen Ferienjob. Was sich heute in Strauß‘ Biographie wie die Beschreibung eines unglaublich leichten Einstiegs in die Theaterszene liest, war in Wirklichkeit mit einigen Frustrationen verbunden. Strauß: „Ich durfte bei ,Theater heute‘ lange Zeit so zusagen nur die Paplerkörbe leeren.“ Mehr als einmal habe ihm Henning Rischbieter, Chef des renommierten Monatsblattes, zu verstehen gegeben, wie mies seine, Strauß‘, Beiträge seien und daß man so etwas auf gar keinen Fall veröffentlichen könne. Diesen Anfechtungen zum Trotz hielt Strauß durch: „Eigentlich sollte ich nur vier Wochen in der Redaktion sitzen, aber ich blieb einfach weiter dort und niemand schickte mich weg.“ Strauß wurde mehr oder weniger „geduldet“.

Kaum aber hatte er seine ersten eigenen Werke veröffentlicht, stieg sein Ansehen auch bei der Theaterzeitschrift. Plötzlich erschienen seine Rezensionen – und schon bald galt er als einer der besten deutschen Theaterkritiker.

Damit war der Weg vorgezeichnet, der später über die Dramaturgiearbeit an Peter Steins West-Berliner „Schaubühne“ zum jetzigen Status des freien Schriftstellers führte. Strauß heute: „Ich war hartnäckig und hatte außerdem Glück.“

Strauß verabscheut den Erfolgsrummel in jeder Form. So hat er zum Beispiel nie eine Vorlese-Tournee durch Buchhandlungen unternommen, obwohl er weiß, daß Buchhändler für die Verbreitung eines Werks wichtiger sind als jeder noch so einflußreiche Kritiker. Oft nämlich überschritten unschlüssige Kunden die Ladenschwelle, denen der Buchhändler etwas empfehlen müsse.

Auch zu einer anderen Einrichtung des Literaturbetriebs, den PreisverIeihungen, hat Botho Strauß kein ungebrochenes Verhältnis. Zwar nahm er bislang alle Auszeichnungen an („Täte ich das nicht, würde das eine Entwertung des Preises bedeuten, an der mir nichts liegt“), doch blieb er kürzlich einer Verleihungszeremonie fern und überwies den ihm zugedachten Geldbetrag einer Hilfsorganisation. Die Folge war eine Geisterveranstaltung. bei der zwar ein Streichquartett musizierte, bei der der geehrte Autor jedoch nicht zugegen war.

Ablehnende beschied Strauß vor kurzem auch das Ansinnen Marcel Reich-Ranickis, des gefürchteten Kritiker-„Papstes“. Reich-Ranicki habe ihn als ständigen Mitarbeiter für ein konservatives Blatt in Frankfurt gewinnen wollen. Strauß skeptisch: „Solche Kritiker bilden sich ein, man sei ihr Schützling. Irgendwann lassen sie einen dann fallen“.

Immerhin: Unter Wert verkauft sich auch Strauß nicht mehr. Sein Roman „Rumor“ wird als Taschenbuch bei Ullstein und nicht – wie bisherige Lizenzausgaben – bei dtv erscheinen, und zwar der höheren Tantiemen wegen.

Zur Zeit steht Strauß ein neues Erfolgserlebnis bevor. Sein letztes Stück, „Kalldewey“, hat in diesen Tagen in Hamburg Premiere (Regie: Niels-Peter Rudolph). Die Karten fanden reißenden Absatz. Strauß glaubt jedoch, daß die Premiere in erster Linie ein Ereignis für Intellektuelle, Kritiker und Kulturschickeria sei. Zugleich befürchtet er, daß das Stück vielleicht eine allzu schwere Aufgabe für die Schauspieler darstelle. Darin sieht er auch einen Grund dafür, daß die Uraufführung schon einmal verschoben werden mußte. Die in der Farce „Kalldewey“ als Stilmittel eingesetzte Sprache der AIternativszene habe er teilweise vor Ort erlauscht, zum Teil übertreibend hinzuerfunden, um die Essenz dieser Sprache noch deutlicher hervortreten zu lassen.

Zur Zeit schreibt Strauß an einem weiteren Theaterstück. Reichlich Material habe er schon beisammen, doch befinde sich das ganze noch in der Phase der Rohfassung. Strauß schreibt immer mehrmals von Hand vor, bevor er tippt – übrigens am liebsten auf einem alten OIivetti-ModelI, obwohl er neuerdings auch eine elektrische Maschine besitzt. Deren Geräusch zerre jedoch an seinen Nerven.

Wenn Strauß in seiner nahezu unmöblierten 190-Quadratmeter-Wohnung in der Nähe des Wittenberg-Platzes schreibt, meidet er – noch mehr als sonst – die Öffentlichkeit. Eine der wenigen .Ablenkungen“ in der Isolation ist dann die Lektüre. Dabei interessierten ihn nur wenige Gegenwartsautoren (darunter Thomas Bernhard, Peter Handke und Paul Nizon). Er bevorzugt Klassiker wie Dostojewski, Rilke und zur Zeit Musils Riesenwerk „Der Mann ohne Eigenschaften“.

Strauß, in seiner Jugend Fan von Caterina Valente und Margot Eskens, hört heute fast nur klassische Musik. Dennoch notiert er, als wir darauf zu sprechen kommen, die Namen einiger neuer deutscher Rockgruppen wie „Ideal“ und „Abwärts“. Grund: Strauß interessiert sich für die Zukunftsangst, die sich in den Texten dieser Bands ausdrückt. Freilich zweifelt er, ob diese Angst eine wirkliche Zeit- oder nur bloße Modeströmung sei.

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Erschienen in der WR-Wochenend-Beilage vom 30. Januar 1982

 




Wo Könige Märchen erzählen – Kasseler Verlag publiziert mündlich überlieferte Geschichten aus aller Welt

Von Bernd Berke

Kassel, Ortsteil Nordhausen. Ein verwitterter roter Backsteinbau. An der Mauer ein unscheinbares, verblichenes Schild: „Erich Röth Verlag“. Nichts deutet darauf hin, daß hier Schätze gehortet werden. Zwar türmen sich keine Goldbarren, aber es fauchen, fleuchen und brummen so alltagsferne Wesen wie „Der blaue Drache“, „Der Vogel Mitternacht“ und „Der Bärensohn“. Die Rede ist von Märchen und von Büchern.

Verleger Diether Röth (58), der die Edition übernahm, hat am Kasseler Stadtrand so etwas wie eine zentrale Sammelstelle für Märchen aus aller Herren Länder eingerichtet. Röths besondere Methode: Er schickt Märchensammler in sämtliche Erdteile, wo die wun- dersamen Geschichten vor Ort mit dem Tonbandgerät so aufgezeichnet werden, wie sie aus dem Mund des Erzählers kommen. Und so – natürlich ins Deutsche übersetzt – werden sie auch abgedruckt. Bei der Übertragung in unsere Sprache wird streng darauf geachtet, daß die Frische des gesprochenen Worts nicht verlorengeht. Diether Röth: „Auf diese Weise bleibt die Lebendigkeit unmittelbaren Erzählens erhalten. Das wirkt anders als der trockene Stil von Grimms Märchen.“

Schon die Untertitel der so entstandenen Bücher klingen märchenhaft-abenteuerlich. Beispiele: „Reiter auf dem Elch. Erzählt von dem Berglappen Siri Matti“; „Aura Poku. Erzählt von König Anubli und Stammesältesten“; „Das Elefantenspiel. Erzählt von Häuptling Schungwitscha“.

In dem früher in Thüringen ansässigen Kleinverlag, der heuer 60 Jahre alt wird, erscheint demnächst der fünfzigste Band der Paradereihe „Das Gesicht der Völker“. Röth, der diese Märchenkollektion als sein Lebenswerk bezeichnet, ist ein Verleger alten Schlags. Er achtet nicht so sehr auf die Rendite, sondern produziert Bücher, die ihm selbst gefallen. Die vor ein paar Jahren anbrandende Folklore-Welle kam auch den Auflagenzahlen seiner Bücher (je nach Band zwischen 3000 und 5000) zustatten. Röth: „Ich habe mich aber nie nach solchen Moden gerichtet. Originalausgaben wie meine Märchenbücher müssen ,ausreifen‘ und können nicht kurzfristig auf den Markt geworfen werden.“

Ein Medienriese ist Röths Verlag mit dieser Philosophie nicht geworden. Druckort ist – aus Kostengründen – Budapest. Diether Röth beschäftigt in seinem Unternehmen lediglich drei Halbtagskräfte. Er ist sein eigener Graphiker, sein eigener Lektor. Er entwirft die Bucheinbände selbst und erstellt die Anmerkungen am Schluß jedes Bandes in Eigenarbeit. Auch sieht er sich außerstande, den Märchensammlern die Kosten für Reisen in ferne Gefilde zu erstatten. Daher sind es oft Entwicklungshelfer oder deren Ehepartner, die nebenbei auf Märchenjagd gehen.

Beispiel Marianne Klaar. Die 75jährige Freiburgerin ist Roths Spezialistin für griechische Märchen, ganz besonders für jene, die auf den griechischen Inseln erzählt werden. Durch langjährige Beschäftigung mit den Inseldialekten wurde sie zu einer von den Einheimischen akzeptierten Gesprächspartnerin. Diether Röth: „Sie gewann das Zutrauen der einfachen Bevölkerung eher, als es einem Athener möglich wäre. Der hätte nämlich nach Meinung der Inselbewohner zu gebildet gesprochen und dadurch Distanz geschaffen.“

Auf der Zykladeninsel Lesbos angelangt, ging Marianne Klaar nicht etwa zu Bürgermeistern, um sich von ihnen die besten Märchenerzähler empfehlen zu lassen. Nicht nur Könige und Häuptlinge erzählen in fernen Ländern die Märchen, sondern auch die einfachen Leute. Marianne Klaar mischte sich also unter Volk, nahm teil an dessen Alltag. Ihr Verleger: „Bei der Zubereitung von Osterfladen stellte sie sich absichtlich so ungeschickt an, daß man sie freundlich auslachte. So entstand ganz von selbst die Stimmung, in der man zu Scherzen aufgelegt ist, in der man Schwänke zum besten gibt oder eben Märchen erzählt.

Größere Schwierigkeiten hatte Gisela Borcherding, Frau eines Entwicklungshelfers, auf ihrer Märchensuche in Afghanistan. Sie mußte nämlich erfahren, daß sich auf den Märkten zwar Berufserzähler verdingen, die ihr Geschichten für Bares preisgeben, daß sie jedoch im Nu verstummen, sobald sich ein weibliches Wesen nähert. Teilzunehmen am öffentlichen Leben, und sei es nur, indem sie dem Märchenerzähler zuhört, ist der Frau im Islam verwehrt. Gisela Borcherding wandte Sich nunmehr an ihre Nachbarin oder an umherziehende Holzsammler, die es mit der Landessitte nicht so streng hielten. Mit einem Tonbandmikrophon freilich durfte sie längst nicht allen Gewährsleuten kommen. Manchen galt derlei EIektronik als „Teufelswerk“.

Was geschieht, wenn einem Märchenerzähler das Gedächtnis einen Streich spielt und er gar nicht das im Volk Überlieferte, sondern eine spontane Variante vorträgt? Bevor Diether Röth die Sammlungen publiziert, prüft er jedes Detail. Dabei zieht er dickleibige Wälzer zu Rate, in denen praktisch alle Märchenelemente, die je bekannt wurden, erfaßt sind – insgesamt über 2000. Für Röth, der seit 30 Jahren täglich mit Märchen zu tun hat und unter anderem Völkerkunde studierte, sind die Überprüfungen meist Routinesache. Einmal stutzte jedoch auch er: Ein griechisches Märchen lag in einer so seltsamen Fassung vor, daß es lange dauerte, bis Röth hinter die Ursache kam. Der Erzähler hatte, ohne böse Absieht, ein uraltes Märchen aus Hellas mit der Handlung einer Geschichte aus „1001 Nacht“ verwoben, letztere noch dadurch verfremdet, daß er sie einem in Griechenland erschienenen Groschenheft entnommen hatte. Überhaupt werden wohl Trivialheftchen und andere Massenmedien auch in entlegenen Ländern das Sammeln unverfälschter Märchen zunehmend erschweren.

„Vielleicht bleiben uns noch 10 Jahre“, grenzt Diether Röth den Wettlauf mit Zeit und Ziviliation ein. Ganz dringend sucht er daher noch Märchen aus der Karibîk und Märchen der nordamerikanischen Indianer. Da Eile geboten ist, bat Röth die UNESCO um finanzielle Unterstützung. Die Weltorganisation lehnte jedoch ab. Röth argumentiert, daß seine Buchreihe, aus der einiges auch schon ins Russische übersetzt wurde, das Verständnis für fremde Völker fördern könne und damit ein kleiner Beitrag zur VöIkerverständigung sei.

Heftig dementiert Diether Röth hingegen die Behauptung, daß Märchen nur für Kinder geeignet seien: „Manchmal ist das Gegenteil der Fall. In einigen, sehr sittenstrengen Ländern werden die Kinder sogar hinausgeschickt, wenn die Erwachsenen einander Märchen erzählen“.

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WR-Wochenendbeilage Weihnachten 1981




Farce von Dario Fo in Dortmund: Unbequeme Fragen nach dem Tod eines Anarchisten – und scharfe Kritik am Intendanten

Von Bernd Berke

Dortmund. Mitten in der Premiere des Dario Fo-Stücks „Zufälliger Tod eines Anarchisten“ hielt Claus-Dieter Clausnitzer das Programmheft in die Höhe und rief, im ironischen Brustton der Überzeugung: „Wir haben hier doch keine Zensur!“

Die Zuschauer quittierten die Anspielung mit Beifall. Gemeint war die Entscheidung des Generalintendanten Paul Hager, eine erste Fassung des Programmhefts wegen einiger, nicht gerade polizeifreundlicher Karikaturen und wegen eines Aufsatzes aus der Feder von Peter-Paul Zahl nicht zu veröffentlichen. Schon vor der Aufführung, die sich übrigens auch Paul Hager nicht entgehen ließ, kursierten im Publikum achtseitige Sonderdrucke, herausgebracht von mehreren alternativen Stadtmagazinen, in denen (neben dem von Hager gestrichenen Zahl-Aufsatz) schärfste Angriffe gegen den Intendanten selbst zu lesen waren.

Neben all dem gab es auch noch Theater, und zwar nicht von der schlechtesten Sorte. Das vor elf Jahren entstandene Stück des Italieners Dario Fo rollt die höchst zwielichtigen „Zufälle“ auf, die sich bei polizeilichen Untersuchungen gegen einen Anarchisten häufen. Ihm wird ein Attentat zur Last gelegt, das in Wahrheit von Faschisten begangen wurde. Während eines Verhörs stürzt der fälschlicherweise Beschuldigte tödlich aus einem Fenster im vierten Stock des Polizeigebäudes: Selbstmord, Unfall, unterlassene Hilfeleistung? Diese unbequemen Fragen zu stellen, setzt Dario Fo die Figur des „Verrückten“ ein, der behende in jede Rolle schlüpfen kann, auch in die eines Untersuchungsrichters, der die Polizei aus einer Verwirrung in die andere stürzt.

Dario Fo hat eine Farce geschrieben, also kommt es nicht auf subtile Charakterzeichnung, sondem auf Situationskomik an. und die entfaltete sich vor dem überwiegend jungen Publikum im Studio der Dortmunder Bühnen bisweilen so turbulent, daß der Spielraum zu eng wurde. Aber dies ist eben der Preis für den Kontakt zwischen Darstellern und Zuschauern, wie er im Studio möglich ist.

Abgesehen von einigen Text-Unsicherheiten, die wohl dem Premierenfieber zuzuschreiben sind und in dem temporeichen Stück nicht sehr ins Gewicht fallen, präsentierte sich das Ensemble (Regie: Sebastian Bissmeier) in guter Spiellaune. Allen voran, stellenweise umwerfend komisch, Claus-Dieter Clausnitzer. Hervorzuheben auch Peter Loth als Polizeipräsident. Die weiteren Mitwirkenden (Barbara Blümel, Boris Burgstaller, Jürgen Mikol) spielten solide. Günter Hüttmann als Komissar Bertozzo fiel dagegen etwas ab. Freilich bot seine Rolle auch die geringsten Entfaltungsmöglichkeiten.

Die Meinung des Publikums: langanhaltender, herzlicher, für CIausnitzer sogar frenetischer Beifall mit vereinzelten Bravo-Rufen.




Kuriosa und Tüfteleien: Schreibmaschinen-Historie seit 1855

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Der französische Kavallerist Viry erfand 1914 eine Mini-Schreibmaschine für Notizen, die auf schwankendem Pfelrderücken zu Papier gebracht werden mußten. Zu diesem Zweck schnallte sich der Benutzer das Gerät an den Oberschenkel.

Das seltene Maschinen-Exemplar ist eines von vielen interessanten Exponaten der Ausstellung „Schreibmaschinen-Historie von 1855 bis heute“, die jetzt im Düsseldorfer Landesmuseum Volk und Wirtschaft eröffnet wurde. 127 kostbare Stücke sind zu bewundern. Einen Katalog gibt es leider nicht. Hauptleihgeber Uwe H. Breker: „Die Versicherungssumme verschlang den Etat allein“. Dafür habe man aber eine Schau zusammengestellt, wie sie die Welt in dieser Qualität noch nicht gesehen habe.

Das betagteste Modell ist ein Produkt des Musikinstrumentenbauers Charles Wheatstone aus dem Jahr 1855. Das Farbband war noch nicht erfunden, also wurde jede Type einzeln eingefärbt. Ohnehin mußte jeder Buchstabe vor erfolgreichem Tastenanschlag zunächst mit einem Zeigerrad vorgewählt werden.

Weiteres Prunkstück der Ausstellung ist die erste in Serie (150 Stück) gebaute Schreibmaschine. Die Entwicklung des dänischen Pastors Hansen, 1867 für Taubstumme konstruiert, war dermaßen teuer, das sie den damaligen Gegenwert eines kleinen Bauernhofs darstellte.

Werden in Düsseldorf auch mancherlei kurios anmutende Geräte gezeigt (bei der „Grasshopper“-Maschine von 1891 etwa schwirren die Typenhebel tatsächlich insektengleich auf die Walze –, so leuchten doch dank kluger Zusammenstellung die großen Entwicklungslinien ein. Zu nennen wäre ein jahrzehntelang ungelöstes Problem, nämlich daß man beim Tippen nicht sehen konnte, was man gerade schrieb; ein Umstand, der die aberwitzigsten Erfindertüfteleien provozierte.

Immerhin: Das Typenrad, heute als letzter Schrei für Computerausdrucke gefeiert, gab es schon im 19. Jahrhundert. Die Schau macht außerdem deutlich, daß Schreibmaschinen immer eine Art „Friedensware“ darstellten. Eine „Remington“ kam 1876 nur deshalb auf den Markt, weil der Hersteller nach Ende des US-Bürgerkriegs, mangels Nachfrage, vom Waffenschmieden auf zivile Produktion umstellen mußte. Ähnlich erging es deutschen Firmen nach dem Ersten Weltkrieg.

Abgerundet wird die Kollektion durch Postkarten, Spielzeug, Schreibmaschinen und durch Schreibmaschinenbilder des Düsseldorfer Malers Konrad Klapheck. Am 4. Oktober soll im Museum eine Büromaschinen-Tauschbörse stattfinden.

„Schreibmaschinen – Historie von 1855 bis heute“. Landesmuseum Volk und Wirtschaft, Düsseldorf, Ehrenhof 2; Eintritt: 0,50 DM; Bis 18. Oktober. Öffnungszeiten: Werktags (außer Mittwoch) 9-17 Uhr, mittwochs 9-20 Uhr, sonntags 10-18 Uhr, samstags geschlossen.




Von der Heydt-Preis fällt Sparkurs zum Opfer – Initiative will Auszeichnung retten

Von Bernd Berke

Wuppertal. Großes Entsetzen in der Wuppertaler Kulturszene: Der seit 1950 jährlich verliehene Von der Heydt-Preis (bisherige Preisträger u.a.: Heinrich Böll und die Choreographin Pina Bausch) soll diesmal nicht vergeben werden – aus Sparsamkeitsgründen.

Empfahl die Stadtverwaltung noch ein maßvolles Vorgehen, nämlich eine Reduzierung der Preissummen (bisher 10 000 DM für den Haupt-, 5000 DM für den Förderpreis), so ging die Sparkommission des Rates ans „Eingemachte“ und beschloß, den Preis in diesem Jahr ganz zu streichen. Wuppertals Kulturamtsleiter Hans-Hermann Schauerte verteidigt den harten Schnitt: „Schließlich hatten wir ein 22-Millionen-Loch im Etat.“

Ganz anderer Meinung sind die Gründer der „Initiative Kulturpreis“, die sich jetzt gebildet hat. Gründungsmitglied Peter Schmitz, selbst Künstler: „Das ist typisch. Wenn gespart werden muß, wird immer zuerst im Theater die Heizung abgedreht.“ Nach Auskunft von Schmitz zieht die Stadt Wuppertal aus dem Vermächtnis des steinreichen Ehrenbürgers Eduard von der Heydt Jahr für Jahr 400 000 DM. Schmitz findet es daher peinlich, daß der vergleichsweise geringe Betrag für den Preis angeblich nicht mehr aufgebracht werden kann, und poltert: „Man hätte die Repräsentationskosten senken sollen, die bei der Preisverleihung entstehen. Da macht die Stadt mit kaltem Buffet und Mozart-Musik doch vorwiegend Eigenreklame.“

Die „Initiative Kulturpreis“ sann auf Abhilfe und will nun eine eigene Auszeichnung vergeben. Um die zu finanzieren, hat man eine Spendenaktion gestartet. Die großzügigen Spender sollen ein Mitspracherecht erhalten, wenn der Preisträger gekürt wird. Kulturamtsleiter Schauerte ist gar nicht böse: „Ich begrüße diese private Aktion; sie nimmt uns eine Sorge ab.“ Freilich: Wenn die Idee allzu gut einschlagen sollte, könnten sich einige Sparapostel bemüßigt sehen, den Preis auch im nächsten Jahr unter den Tisch fallen zu lassen. Motto: „Die Initiative wird’s schon richten“.

Inzwischen „bröckelt“ das Kuratorium zur Verleihung des Von der Heydt-Preises. Aus Protest gegen die Sparpraxis trat der in Wuppertal bekannte Ex-Chefarzt und Kunstsammler Prof. Dr. O. E. Riecker aus, um sich sogleich der „Initiative Kulturpreis“ anzuschließen.

Vielleicht beruhigen sich aber schon im nächsten Jahr die Gemüter: Wie aus dem Kulturamt zu erfahren war, ist im Haushaltsansatz für das Jahr 1982 ein Posten für den Von der Heydt-Preis vorgesehen, wenn auch noch nicht „abgesegnet“. So hoch wie ehedem werden die Preise allerdings 1982 auf keinen Fall dotiert sein.




Den Täter vor sich selbst bewahren – Auftakt zur neuen ZDF-Krimiserie „Ein Fall für zwei“

Von Bernd Berke

Im Vorspiel zur Kriminalserie „Ein Fall für zwei“, mit der das ZDF den Zuschauer im Monatsrhythmus bis mindestens 1983 beglücken will, wimmelte es von Zufällen. Erst sagt der Polizeibeamte Jupp Matula (Claus Theo Gärtner) bei einem Prozeß gegen einen Jugendlichen aus, der daraufhin eine Bewährungsstrafe erhält. Dann lernt Matula, anläßlich einer nächtlichen Ruhestörung, die fürsorgliche Schwester des Jugendlichen kennen und – bei einem weiteren überraschenden Zusammentreffen – lieben.

Doch derlei Zufälle, so konstruiert und gewollt sie auch schienen, brachten eine über weite Strecken originelle Handlung in Gang. Schon die Vorspielepisode berechtigte zu der Hoffnung, daß hier die zuletzt immer schlaffer gewordenen „Tatort“-Krimis ernstzunehmende Konkurrenz vom zweiten Kanal bekommen.

Allein die Tatsache, daß es hier weniger darum ging, den Täter dingfest zu machen, als vielmehr darum, ihn vor seiner eigenen Labilität zu bewahren, ermöglichte eine sensible Einführung in die Figuren. Dies wäre bei einer simplen Jagd auf Bösewichter kaum der Fall gewesen. Ins Blickfeld kam auch die zwiespältige Rolle der Polizei, und zwar weitaus wirksamer als im üblichen „Tatort“-Strickmuster der unverbindlichen Selbstironie. Bei Karl-Heinz Willschreis gekonntem Drehbuch hatten offenbar auch die gesellschaftskritischen schwedischen Krimi-Autoren Sjöwall/Wahlöö Pate gestanden.

Was die personelle Grundlage der gesamten Serie ausmachen wird, nämlich daß Anwalt Renz (Günter Strack) Jupp Matula als Privatdetektiv engagiert, kam am Schluß nur ganz nebenbei ins Spiel, ebenso unaufdringlich wie der ganze Film. Kleine Schwächen (warum wurde so ausführlich gezeigt, wie Laura mit Hilfe eines Plattenspielers Krach erzeugt?) übersah man daher gern. „Ein Fall für zwei“ kostet pro Episode 700000 DM, eine US-Krimifolge etwa 80 000 DM. Würde das Niveau der ersten Folge gehalten, so wäre die deutsche Produktion zwar nicht billiger, wohl aber wertvoller.




„Freie Schule“: Kinder ergreifen erstaunlich schnell die Initiative – Unterricht hat trotz Ablehnung des Kultusministeriums begonnen

Von Bernd Berke

Bochum. Die ersten Unterrichtsstunden in der „Freien Schule“ Bochum-Dahlhausen sind vorüber. Wie berichtet, begann dort am Montag – einer Ablehnung des Düsseldorfer Kultusministeriums zum Trotz – der „Schulbetrieb“. Was tat sich ini den ersten Tagen?

Die Startphase ist mit derjenigen einer Regelschule kaum vergleichbar: Die neun Jungen und Mädchen im Alter von zehn bis dreizehn Jahren bekommen in ersten Woche Gelegenheit, einander auf ungezwungene, spontane Weise kennenzulernen. Bisher an strenge Schulrituale gewöhnt, nutzten die Kinder diese Chance besonders am ersten Tag weidlich aus. Sie ergriffen sogleich Besitz von der schönen alten Villa. Gitarren und Bongotrommeln wurden ausgiebig traktiert. Wasserspritzflaschen aus dem Chemiezimmer blieben auch nicht unbeachtet.

Chaotisch ging es aber nicht zu. Bereits am zweiten Tag, am Dienstag, hatten sich die Kinder „ausgetobt“. Schon kamen erste Vorschläge von ihrer Seite. Daraus entstand das erste Projekt, eine Fahrradwerkstatt, in der die Kinder schrottreife Drahtesel wieder fahrtüchtig machen. Andere Aktivitäten: Modellieren in Ton, geminsames Kochen und Einkaufen sowie „Büroarbeiten“. Was andernorts das Schulsekretariat macht, erledigten gestern auf eigenen Wunsch zwei der Kinder: Sie legten eine Adressenkartei an.

Auch Führungen durch das in harter Eigenarbeit renovierte Haus übernehmen nicht etwa die Erwachsenen. Beim Rundgang durch die Räume meint die kleine Silke:„Mir gefällt es hier ganz gut. Nur langsam müßten wir auch mal etwas tun, etwas fürs Leben lernen. Mathematik, Englisch und so…“

Anfangs übernahmen die Mädchen das Kochen…

Die drei Mädchen, die sich gegen eine „Übermacht“ von neun Jungen behaupten müssen (worauf die Lehrer großen Wert legen), haben den ersten, erfolgreich bestandenen Konflikt schon hinter sich. Anfangs übernahmen sie, ihrer bisherigen Erziehung entsprechend, freiwillig das Kochen. Den Jungen war offenbar ganz wohl dabei, denn als es an den Abwasch ging, forderten sie, daß der auch von den Mädchen gemacht werden solle. Die aber wehrten sich energisch. Michaela sprach ihnen aus dem Herzen: „Ich tu keinen Handschlag mehr!“ Inzwischen schwingen auch die Jungen den Kochlöffel.

Henning Kese, der den Kindem demnächst Schwimm- und anderen Sportuntemcht geben wird, freut sich darüber, daß die Kinder schon erstaunlich viel Eigeninitiative entwickeln. Ein Junge wolle in Kürze sogar einen Fotokurs in eigener Regie anbieten. Trotz der vom Kultusministerium verweigerten Unterstützung seien die finanziellen Grundlagen der „Freien Schule“ für mindestens ein Jahr gesichert.

Spenden und Darlehen gingen reichlich ein, auch die alternative Berliner Organisation „Netzwerk“ beteilige sich. Dennoch werde man in der nächsten Woche Klage gegen den abschlägigen Bescheid aus Düsseldorf einreichen – beim Verwaltungsgericht Gelsenkirchen.

Henning Kese: „Da das Ministerium die Erlaubnis nicht erteilt hat, müssen die Eltern der verbleibenden zwölf Kinder mit Bußgeldbescheiden rechnen. Bevor die bezahlt werden, schöpfen wir aber alle juristischen Mittel aus.“ Grund für die Bußgelddrohung: Nach ministerieller Leseart genügen die Bochumer Kinder der Schulpflicht nicht. Durch solche Komplikationen waren die Eltern von 15 Schülern so verunsichert. daß sie ihre Sprößlinge vorsichtshalber doch auf eine Regelschule schickten.

Dennoch gibt man in Bochum nicht auf. Pläne für die nächste Zeit sind schon geschmiedet. In der kommenden Woche gibt’s eim gemeinsamen Schulausflug auf einen Bauernhof bei Göttingen. Außerdem hat man Kontakt zu Ausländerorganisationen auf genommen, weil man auch an der Aufnahme türkischer Kinder interessiert ist. Im Arbeitervorort Dahlhausen leben viele türkische Familien.

Außerdem suchen die zwei Ganztagslehrer, die mit etwa zwei Dritteln des üblichen Lehrergehalts auskommen müssen, und die sieben ehrenamtlichen Helfer noch eine Schwester-Schule in Großbritannien, damit der Englischunterricht durch Besuche auf der Insel ergänzt werden kann.




Einziger Böttcher weit und breit: Der Selmer Bernhard Böcker fertigt Fässer auf althergebrachte Art

SELM. Wetten, daß . . . Bernhard Böcker von allen Selmern den mit Abstand seltensten Beruf hat? Das Metier des 48jährigen war schon zu seiner Ausbildungszeit so rar, daß er seine Meisterprüfung vor der Handwerkskammer Münster um ein Jahr verschob, um nicht allein die hohen Prüfungsgebühren berappen zu müssen. 1960 war es dann soweit: Ein Leidensgenosse aus Emsdetten war gefunden und man teilte sich den teuren Spaß. Seither nennt sich Bernhard Böcker Böttcher-Meister.

Das Original: WR-Lokalseite Selm, Bork, Cappenberg vom 17. Juli 1981 – mit Fotos von Ingo Schlattmann

Ein Blick in die Innungsliste zeigt, daß es im gesamten Bundesgebiet nur noch 32 Böttcher gibt, von denen einige aus Altersgründen den Beruf schon lange nicht mehr ausüben. Der letzte Böttcher im benachbarten Vinnum hörte vor 15 Jahren auf. So ist Bernhard Böcker heute im weiten Umland der einzige Böttcher. Seine nächsten Kollegen arbeiten in Ahlen und Essen. In Hamburg gibt es zwar gleich drei Vertreter dieses Handwerkszweiges, doch die stellen fast nur Heringstonnen her.

Handwerk in der vierten Generation

Die immensen Kosten waren nicht das einzige Problem, vor dem Böcker schon zu Beginn seines ausgefallenen Berufsweges stand: Die ersten Lehr- und Berufsschuljahre mußte er, mangels Fachkollegen, als einziger Böttcher auf weiter Flur unter lauter Schreinern bzw. Stellmachern absolvieren. Weit mißlicher war dies: Da die Zeit für den mündlichen Teil einer Meisterprüfung unverrückbar auf sechs Stunden festgelegt war, entfielen bei nur zwei Prüflingen auf jeden drei Stunden. Böcker: „Da kam ich ganz schön ins Schwitzen!“ Doch er bestand auf Anhieb.

Wie hätte es auch anders sein sollen, da doch Bernhard Böcker die Begabung für diesen aussterbenden Zweig des Handwerks sozusagen in die Wiege gelegt wurde? Schon sein Vater erwarb 1939 den Meisterbrief in der Sparte Böttcherei: Der heute 79jährige Theodor Bäcker genießt jetzt bei seinem Sohn Bernhard am Hölterweg 48 in Selm-Bork den wohlverdienten Ruhestand. Zwei von Theodor Böckers Brüdern waren ebenfalls Böttcher, ihr Vater auch. Und dessen Vater – fast möchte man sagen: natürlich – stellte auch schon Holzgefäße her. Weiter als bis zum Urgroßvater hat Bernhard Böcker die Familiengeschichte noch nicht zurückverfolgt, doch auch so steht fest, daß Böckers die Böttcherei bereits mindestens in der vierten Generation betreiben.

Der Unterschied zum Küfer

Was macht eigentlich ein Böttcher? Bernhard Böcker zählt die Produkte auf: Bottiche, Bier-, Butter-, Pökel- und Sauerkrautfässer, Blumenkübel. Repariert hat er auch schon Schnaps- und Weinfässer, obwohl er auf hölzerne Weinbehältnisse eigentlich nicht spezialisiert ist. „Küfer“, wie sie dort genannt werden, gibt es vornehmlich im süddeutschen Raum. Der Küfer, erklärt Bernhard Böcker, ist ein Böttcher, der in der Hauptsache Weinfässer lieretellt.

Wenn Böcker auch, da nördlich der Mainlinie geschult, keine „Weinprüfung“ abgelegt hat, so kann er doch eine Reihe ausgefallener Erzeugnisse anfertigen. Da wären zum Beispiel die sogenannten „Jucken“, jene Bügel, die der Schulterform angepaßt werden und an denen man früher zu beiden Seiten die Milcheimer trug. Auch hölzerne „Stoßkerne“, die weiland bei der Herstellung von Butter Verwendung fanden, gehören zur breiten Produktpalette des Hauses Böcker.

Theodor Böcker, der das ehrbare Handwerk ausübte, als es noch weiter verbreitet war, stellte seinerzeit sogar eine Art Wärmflasche aus Holz her, die man – mit heißem Wasser gefüllt – ins Bett legen konnte.

Spezielle Schaukelwaschmaschine

Nicht ganz so originell, aber durchaus funktionsfähig und nützlich ist die Schaukelwaschmaschine, die Bernhard Böcker für den Eigenbedarf gebaut hat. Zwar mache das Waschen damit ein bißchen mehr Arbeit als mit einem programmgesteuerten Vollautomaten, doch: „Einen schonenderen Waschgang hat keine moderne Maschine zu bieten!“ Das Reinigungsinstrument besteht aus den von Böttchern bevorzugten Holzsorten: Der Rumpf ist aus Eichenholz, der Boden aus Lärchenbrettern gefertigt.

Werkzeuge eines Böttchers: Das wichtigste taucht im Innungswappen auf. Es ist der Zirkel zum Abmessen des Gefäßumfangs, der vor nicht allzu langer Zeit noch im Zollmaß statt in| Zentimetern bestimmt wurde. Die Namen der anderen Geräte hören sich im Zeitalter der Plastikgefäße geradezu exotisch an: Krummeisen, Rundschaber, Gargelkamm, Gärbhobel, Reifzieher – um nur einige zu nennen.

So entsteht ein Faß

Ein Faß entsteht: Bernhard Böcker demonstriert, wie er zunächst die einzelnen Bretter (Dauben, die später als Längsstreben den eigentlichen Faßkörperbilden; runde oder ovale Böden) zurechtsägt. Dann wird der ungefähr ein Meter lange Riesenhobel aufgebockt, so daß die Bretter auf ihm hin- und hergeschoben werden können; außerdem wird in die Dauben kurz vor beiden Enden jeweils eine „Kimme“ eingefräst, in die später die Böden passen sollen.

Nun werden auf standfestem Unterbau, dem sogenannten „Dreibock“, die ersten zwei Dauben am Boden befestigt. Jetzt werden nach und nach alle weiteren Dauben mit dem Hobel so angepaßt, daß sie sich lückenlos anfügen, bis das Faß rundum fertig ist. Danach muß noch der zweite Boden eingesetzt werden. Zuvor wurde mit dem Bohrer noch ein Spundloch angebracht. Schließlich werden die Faßreifen, die das Ganze zusammenhalten, rings um den Rumpf gelegt und festgemacht.

Nicht so exakt wie in der Fabrik

Bernhard Böcker: „In den heutigen Faßfabriken werden die Reifen maschinell angedrückt, so daß jedes Faß genau das gleiche Volumen bekommt. Dermaßen exakt kann ich das in meiner Werkstatt nicht machen.“ So passen in ein von Böcker nach althergebrachter Art fabriziertes Hektoliter-Faß einmal vielleicht 98 Liter, das andere Mal z. B. 103 Liter. Jedes Faß hat sozusagen eigenen „Charakter“, ist nicht bis ins Letzte berechenbar.

Klar, daß Böcker wegen solcher Unwägbarkeiten und vergleichsweise hoher Produktionskosten bei geringen Stückzahlen nicht mit einer perfekt ausgerüsteten Faßfabrik konkurrieren kann. Auch sind heute Aluminiumfässer gefragt. Deshalb mußte auch Bernhard Böcker sich dem Zeitgeist anpassen. Seit einigen Jahren betreibt er die Böttcherei nur noch als Nebenerwerb. Sein Betrieb firmiert heute als „Böttcherei, Waschmaschinenbau und Zimmerei“, wobei die Zimmerei, auf die er durch einen Architekten kam, zunehmend in den Vordergnmd rückte. Böcker: „Eine Knochenarbeit! Daneben ist die Böttcherei, was die körperliche Beanspruchung angeht, leicht.“ Kunden für Böttchers neue handwerkliche Dienstleistung sind die Bauern der umliegenden Ortschaften. Als Böttcher fertigt er seitdem fast nur noch Liebhaberstücke.

„Ja, die alten Zeiten. Die sind vorbei.“

Wehmut? Bernhard Böcker läßt sie sich zumindest nicht anmerken. Der betagte Theodor Böcker aber seufzt: „Ja, die alten Zeiten. Die sind vorbei. Unser Handwerk ist zu teuer geworden.“ Theodor Böcker, durch Einheirat seit 1930 in Seim ansässig, holte zu seiner Zeit, um zu sparen, das Holz noch mit dem Fahrrad in Dortmund ab.

Seine Säge betrieb er in jenen Tagen von Hand, mit Hilfe eines 1,50 Meter großen Schwungrades. Wahrend Theodor Böcker noch einen Gehilfen beschäftigte, kann Sohn Bernhard von der Böttcherei allein nicht mehr leben. Seine beiden Töchter, 11 und 12 Jahre alt, werden wohl kaum die Generationen alte Familientradition fortsetzen. Und im Waschkeller der Familie hat das Wegwerfzeitalter auch schon Einzug gehalten: Neben Bernhard Böckers Meisterstück von 1960 steht dort ein gelber Wäschekorb – aus Plastik.

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WR-Lokalteil Selm, Bork und Cappenberg vom 17. Juli 1981




Duisburg, Zentrum des Verbrechens – Erster „Tatort“ mit dem neuen WDR-Kommissar Götz George

Von Bernd Berke

Mit Götz George als neuem Kommissar versuchten die „Tatort“-Macher der ARD das angeschlagene Image der Krimiserie aufzupolieren. Eines wurde dabei auf keinen Fall aufpoliert, nämlich das Bild des Ruhrgebiets. Das Revier wurde einmal mehr als schmutzige Hinterhofregion präsentiert.

In die Geschichte von den Morden am Binnenschiffer Petschek und am türkischen Gewerkschafter Celik wurde hingegen recht viel investiert. Von den Mordtaten über wüste Schlägereien, Pistolenduelle, Haschisch und Waffenschmuggel bis zum politisch motivierten Attentat kamen so ziemlich alle denkbaren Arten von Verbrechen vor. Man fragte sich unwillkürlich, welche Schandtaten denn für die nächsten Folgen mit den Duisburger Verbrechensbekämpfern noch übrigblieben. Außerdem konnte man fast den Eindruck bekommen. als sei die Verbrechensrate in Duisburg-Ruhrort etwa so hoch wie in US-Metropolen.

Das Milieu der Hafenkneipen war offenbar ausgesucht worden, um dem Temperament Götz Georges zu entsprechen. Tatsächlich machte sich George stets dann besonders gut, wenn er eine Pinte betrat und den gewieften Zocker mimte, der auch dem Alkohol nicht abgeneigt ist und die eine oder andere Nacht „in fremden Betten“ verbringt.

Die eigentliche Krimihandlung war zwar chaotisch, aber leidlich logisch aufgebaut. In der Tat wußte man als Zuschauer mehr als der Kommissar. Das freilich bedeutete meist, daß man so gut wie nicht weiter wußte und die nächsten Aktionen der Polizei abwarten mußte, statt durch eigene Denkanstrengung dem Täter auf die Spur kommen zu können.

Nicht zu übersehen die Anspielung auf Götz Georges Vorgänger Hansjörg Felmy (alias Kommissar Haferkamp), als George sich demonstrativ vor einem Plakat die Schuhe schnürt, auf dem Felmy für eine Sofortbild-Kamera wirbt. Über die Bedeutung dieses Hinweises muß man allerdings rätseln: Sollte es ein Seitenhieb gegen Felmy sein, oder einfach ein schlichter Gag?




Erfolgreicher Arzt und Schriftsteller lernte das Alphabet mit Brezeln – Kortums „Jobsiade“ vor 180 Jahren in Dortmund erschienen

Von Bernd Berke

Wäre der Einfall mit den Brezeln nicht gewesen, so wäre Carl Arnold Kortum vielleicht niemals Schriftsteller geworden. Als Kind schien er weder Lesen noch Schreiben lernen zu wollen, bis endlich ein Student die Idee hatte, dem Jungen aus Brezeln Buchstaben zurechtzulegen.

Von nun an begriff Carl Arnold schnell. Als er 1760 – mit fünfzehn Jahren – auf das Dortmunder Gymnasium kam, gehörte er bald zu den besten Schülern. In Dortmund, das er später dankbar als „Musensitz“ bezeichnete, lebte er bei seinern Onkel, in dessen Apotheke er auch gleich die Grundbegriffe der Heilkunst erlernte. Ein paar Jahre später wurde er mit einer Arbeit über Epilepsie Doktor der Medizin und ließ sich mit seiner Praxis zunächst in Mülheim (Ruhr) nieder.

Dr. Kortum war fortan ein begehrter Arzt. In einem einzigen Jahr (1768) haben sich gleich 600 Patienten von ihm behandeln lassen. Für die damalige Zeit eine schier unglaubliche Zahl. Die „Stadt“ Bochum, in der Kortum ab 1770 bis zu seinem Tod wohnte, hatte damals zum Beispiel 1500 Einwohner. Schon bald „rissen“ sich andere Städte um den jungen Arzt. So hätten die Hagener ihn gern zu ihren Bürgern gezählt. Doch Kortum blieb Bochum treu, zumal seine Frau, die er 1770 heiratete, von dort stammte.

Niemand hätte dem erfolgreichen Mediziner zu dieser Zeit einen Ruhm als Schriftsteiler prophezeit. Auch Kortum selbst mißtraute dem eigenen Schreibtalent, bezeichnete seine Versuche in dieser Richtung als „Tändelei“ und war überzeugt, besser Leute kurieren als Sätze formulieren zu können.

Sein volkstümlicher Ton entsetzte die Kritiker

Selbst das Werk, das ihm bis heute einen Platz im Lexikon und auf Straßenschildern gesichert hat, nämlich die volkstümliche „Jobsiade“, war für Kortum nur ein medizinischer Kniff: Er habe es lediglich verfaßt, um seine eigene Hypochondrie zu vertreiben. Auch seine Zeitgenossen hielten nicht allzu viel von der holprig gereimten Geschichte, die vollständig erstmals vor genau 180 Jahren bei den Gebrüdern Mallinckrodt in Dortmund erschien (der erste Teil war bereits 1784 in Hamm und Münster herausgekommen). Einige waren sogar beleidigt, weil sie sich (wohl zu Recht) in den bissig-satirischen Versen wiederzuerkennen glaubten. Kortum hatte allerdings in weiser Voraussicht den Band unter dem Pseudonym „Caspar Sachs“ in Druck gegeben.

Worum geht es in der „Jobsiade“, deren vollständiger Titel „Leben, Meinungen und Taten von Hieronymus Jobs, dem Kandidaten“ lautet? Um Jobs, den Sohn eines Ratsherren, der unbedingt Theologie studieren soll, sich dabei aber lieber geistigen Getränken als geistlichen Studien widmet. Er führt ein abenteuerliches Leben, wird Lehrer, Bettler, Schauspieler und zum Schluß Nachtwächter, verkehrt zwischendurch mit Räubern und Falschspielern und spannt obendrein einem Grundherren die Geliebte aus.

Knittelverse in der Tradition von Hans Sachs

Kurzum: AIlein die Handlung war den braven Bürgern ein Greuel. Ein Kritiker verstieg sich gar zu der Behauptung, die „Jobsiade“ sei das „Schlimmste an Literatur“, das sich überhaupt denken ließe. Die, die sich für gelehrt hielten, rümpften außerdem die Nasen über den staksigen Kittelvers, den Kortum benutzt hatte (Bekanntes Beispie: „Über diese Antwort des Kandidaten Jobses / Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes“). Der Knittelvers war zwar gerade erst durch keinen Geringeren als Goethe wieder „hoffähig“ gemacht worden, doch Kortum füllte ihn wieder mit dem nicht so fein geschliffenen Volkston des Nürnberger Schuhmachers und Dichters Hans Sachs. Breite Schichten des Volkes mochten diesen derben Ton nach wie vor. Die meisten „Gebildeten“ aber – aus ihren Reihen stammten ja die Kritiker – hatten mittlerweile andere Vorstellungen von Literatur als das Volk.

Doch, wie so viele, setzte sich auch dieses Buch gegen alle hochtrabende Kritik durch, ganz und gar freilich erst um 1850, lange nach Kortums Tod. Erst jetzt erkannten auch die „Fachleute“, daß hier einer sehr treffend die Schwächen und Marotten der Kleinbürger beschrieben hatte und daß der volkstümliche Ton dazu ganz genau paßte. Einige Jahre später wurde auch Wilhelm Busch auf die „Jobsiade“ aufmerksam und verfaßte 1874 eine Nachdichtung. Der Stoff wurde danach Grundlage einer Operette und einer Schuloper. Die „Jobsiade“ ist inzwischen in viele Sprachen übersetzt worden, so etwa ins Schwedische, Polnische, Tschechische, Holländische und Englische.

„Hernetische Gesellschaft“ für Alchimie

Außer der „Jobsiade“ hat Kortum eine Reihe medizinischer Schriften publiziert, die heute aber überholt und bestenfalls von historischem Interesse sind. So schrieb Kortum unter anderem über die Wirkung von Tee und Kaffee, über die „Brotsorten der Völker“, über Maßnahmen gegen ansteckende Krankheiten, aber auch über nichtmedizinische Themen wie Graphologie und Bienenzucht. Schließlich erforschte er mit heute noch gültigen Resultaten die Geschichte Bochums und fertigte einen Stadtplan an, auf dem jedes einzelne Haus zu sehen ist. Seine heute vielleicht aktuellste Veröffentlichung ist eine Verteidigung der naturverbundenen Lebensart der „Wilden“ gegenüber den zivilisationsgeschädigten Europäern von 1778.

Zusammen mit dem Schwerter Kollegen Dr. Bährens hat sich Kortum über die zivilisierten Menschen lustig gemacht. Die beiden gründeten eine sogenannte „Hermetische Gesellschaft“ für Alchimie (künstliche Erzeugung von Gold), waren über Jahre hinweg deren einzige Mitglieder, taten aber in Aufrufen so, als seien sie ein riesiger Verein und verliehen sogar Diplome. Das Ziel der Gesellschaft hatte Bergarzt Kortum der Region angepaßt, in der er lebte: Es galt, Gold aus Steinkohle zu gewinnen.

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WR-Halbseite „Bilder und Berichte“

 




Ein großes Dach für die Tiere – Europas erster Allwetterzoo öffnet bald seine Pforten in Münster

Von Bernd Berke (Text) und Helmut Orwat (Fotos)

Ein riesiger „Platz für Tiere“ wird am 2. Mai in Münster eröffnet. Auf einem 300 000 Quadratmeter großen Gelände wurde am Südrand der Stadt der erste Allwetterzoo Europas aus dem Boden gestampft. Damit übertrifft der Mammutzoo seinen Münsteraner „Vorgänger“, der Ende letzten Jahres seine Pforten schloß, an Fläche um das Fünffache.

Der alte Zoo beherbergte Tiere im Wert von 250 000 DM. In den neuen Käfigen, Bassins, Terrarien und Gehegen werden sich über 2000 Tiere aus aller Welt tummeln. Gegenwert: 1,15 Millionen DM. Unter den neuangeschafften Tieren sind erstmals Giraffen und Nashörner, Strauße, Seebären – und eine Gruppe von Flußpferden zählt zu den weiteren wichtigen Neuerwerbungen. Modernste Einrichtungen sollen auch sonnenverwöhnte Tiere zeugungs- und gebärfreudiger machen als in herkömmlichen Tiergärten.

Das eigentlich Neue an dem Tierparadies (Baukosten: 40 Millionen DM) aber ist dies: Unter einem 900 Meter langen überdachten Rundgang kann der Zoobesucher auch bei Schnee, Hagel und Regen an den wichtigsten Tierarten vorbeiwandern.

Der kaufmännische Direktor des Zoos, Dr. Holm Oberstadt: „Unser Zoo wird einen hohen Freizeitwert haben.“ Unter anderem hat man gleich vier große Spielplätze auf dem Tiergartengelände eingerichtet. Einen Ponyreitplatz wird man ebenso finden wie das abenteuerliche „Tarzan-Land“. Außerdem wird es – speziell für Kinder – einen „Streichel-Zoo“ geben, in dem man mit (ungefährlichen) Tierarten Hautkontakt aufnehmen kann.

Auch an Autofahrer wurde gedacht. Sie können ihr Gefährt jetzt auf einer Parkfläche mit 1000 Stellplätzen unterbringen. Wer im Zoo essen will, hat zwei Möglichkeiten: Entweder er läßt sich im Restaurant bedienen oder er verzehrt Mitgebrachtes auf einem Picknickplatz.

Der modernste Tiergarten Europas wurde 1967 geplant. Aktionen und Wettbewerbe, an denen sich viele Bürger beteiligten, machten es möglich, daß die Zoo-Aktiengesellschaft – zumeist aus Spenden – 266 Großtiere für insgesamt 625 000 DM hinzukaufen konnte. Trotzdem gab es zeitweise „dicke Luft“. Der erste Architekt, der an dem Projekt baute, wurde nach und nach immer teurer. Ein Team löste den glücklosen Mann ab, der heute einen Prozeß am Hals hat.

Probleme gab es auch mit dem Transport. Da der alte Zoo zugemacht wurde, mußten sämtliche Tiere von dort in den neuen umziehen. Dr. Helmut Reichling, wissenschaftlicher Direktor des Zoos, bei dessen Einrichtung auch Prof. Bernhard Grzimek beratend tätig war: „Am schwierigsten war es natürlich mit den Elefanten, Die haben wir erst drei Wochen lang an das Gefühl gewöhnen müssen, in einer hausgroßen Elefantenkiste angekettet zu werden, bevor wir sie mit dem Kran auf Tieflader verfrachten konnten.“

Dr. Reichling preist auch ein Erlebnis an, das man in Zoos selten hat: „Unsere Tiger sind hinter Panzerglas untergebracht. Das heißt, daß der Besucher praktisch bis auf vier Zentimeter an die Tiere herankommen kann. Dabei wird er feststellen, daß Tiger keine Schlitzaugen haben, wie oft fälschlicherweise behauptet wird.“

Eine weitere Attraktion soll im Sommer hinzukommen: ein Delphinarium. Der erste Allwetterzoo Europas kann zur Eröffnung am 2. Mai kostenlos besichtigt werden. Der alte Zoo hatte im letzten Jahr 450 000 Besucher. In den neuen, so hofft die Direktion, werden doppelt soviel Menschen strömen.

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Rundschau-Wochenendbeilage




Ein Mann ging in die Küche – Hausmann muß noch gegen Vorurteile ankämpfen

Von Bernd Berke

„Manch einer wird sagen: ,Das is’n fau-ler Hund. Schickt seine Olle Geld verdienen und macht sich selbst zu Hause schöne Tage'“, witzelt Hans-Jürgen Gräber (44). Gräber ist Hausmann.

Der gelernte landwirtschaftliche Verwalter hat sich aus dem Berufsleben zurückgezogen und führt den gemeinsamen Haushalt, während seine Frau Tanja (38) arbeitet. Und wenn sie abends das Häuschen am Waldrand von Westbevern bei Münster betritt, findet sie geordnete Verhältnisse vor. Ihr Mann hat, während sie für eine Arzneimittelfirma Arztbesuche machte, gewaschen, geputzt, gebügelt und die zweijährige Tochter Sonja aufs Beste versorgt.

Hans-Jürgen Gräber fürchtet keine Vorurteile à la „Der ist aber faul“ oder „Der steht vielleicht unter dem Pantoffel“. Beinah hätte er sich sogar einem millionenstarken TV-Publikum gestellt. Als das ZDF für seine neue Quiz-Serie „Tip“ Hausmänner suchte, meldete auch er sich. Doch die Fernsehgewaltigen fanden ein Haar in der Hausmannssuppe: Gräber zaubert in seiner Freizeit für Geld. Ein solcher Nebenverdienst ist gegen die Spielregeln.

Der verhinderte Fernsehstar hat eine geradezu abenteuerliche berufliche Vergangenheit hinter sich: Als sein Plan, Holzfällern in den kanadischen Wäldern die Haare zu schneiden und ihnen Zauberkunststücke vorzuführen, gescheitert war, schlug er sich in Warenhäusern als Marktschreier für Haarwässerchen und Kühlschränke durch. Dann erfand er gar einen neuartigen Blumendünger, den er als Selbständiger verkaufen wollte. Doch auch das ging schief.

Seine Frau Tanja, einst Kindergärtnerin, lernte er kennen, als sie direkt neben ihm ihr Reklamezelt aufschlug und für ein Konkurrenzprodukt warb. Doch nicht die Vorliebe für kuriose Jobs ist schuld an Gräbers heutigem Hausmannsdasein, sondern ein kühles Rechenexempel: Die Frau verdient mehr.

Als Magier verdingt sich Hans-Jürgen Gräber nur nebenbei: Auf Betriebsfesten und anderen Veranstaltungen läßt er seine Gattin in Kisten verschwinden, „köpft“ Hunde oder macht eine Banknote so groß wie ein Badetuch.

Frau Tanja sorgt sich nicht: „Neulich mußte ich für fünf Wochen ins Krankenhaus. Als ich den Mitpatientinnen erzählte, wer meinen Haushalt versorgt, staunten sie, daß ich da noch ruhig schlafen könne.“ Ihr Mann wehrt bescheiden ab: „Ach, das Hausmannsdasein ist doch gar nicht schwer. Schließlich habe ich ja eine Geschirrspülmaschine und einen Bügelautomaten. Und wenn ich beim Saubermachen eine Ecke ausgelassen habe, geht meine Frau da noch mal mit dem Schrubber hin.“

Erst Hausarbeit  – dann die Magie

Freunde und Nachbarn hätten zunächst ein wenig gespottet, aber „jetzt ist die Nachbarschaftshilfe hier auf dem Dorf prima“, meint Hans-Jürgen Gräber. Er, der lange Jahre in Dortmund lebte, und seine Frau, die aus Münster kommt, haben im winzigen Westbevern-Brock eine Art Einsiedlerleben begonnen. Das Häuschen im Fachwerkstil kaufte Hans-Jürgen Gräber vor acht Jahren zu einem Spottpreis. Dafür war es auch in einem derart verwilderten Zustand, daß man schon Hausmann sein mußte, um es in vielen Bastelstunden wieder herzurichten. Heute, so vermerkt Tanja Gräber stolz, „haben wir sogar fließend Wasser aus eigener Quelle“.

Was ihr Mann so in seiner Freizeit treibt, wenn er nicht gerade als „Graber-Havelock“ auf der Zauberbühne steht, ist augenfällig: Der Geräteschuppen – übervoll mit Werkzeugen – ist so groß wie das Wohnhaus. Gräbers weitere Hobbys: Gartenarbeit („Wir versorgen uns selbst mit gesundem Gemüse“), Orgelspielen („Am liebsten Musical-Melodien“) und Bogenschießen.

Seine Frau fühlt sich wohl: „Hier draußen ist die Welt wirklich noch heil. Hier ist unser Paradiesgarten Eden.“ Dann spricht sie ihrem Mann hohes Lob aus: „Er macht die Hausarbeit fabelhaft und besitzt sehr viel Phantasie im Umgang mit unserer Tochter.“ Bei der Erziehung freilich hilft sie selbst ein bißchen. Als ehemalige Kindergärtnerin muß sie’s schließlich können.

Hans-Jürgen Gräber möchte gar nichts anderes mehr sein als eben Hausmann. Erklärt seine Frau: „Er ist den Berufsstreß leid. Hier braucht er nicht nach der Uhr zu leben. Außerdem stellen wir keine großen Ansprüche.“

Dem verpaßten Fernsehauftritt trauern beide nicht weiter nach. Immerhin gab es Möchtegernkandidaten, die viel weiter am Ziel vorbeischossen. Viele meldeten sich – groteskes Mißverständnis – nicht etwa, weil sie Hausmänner waren, sondem weil sie mit Nachnamen Hausmann hießen. Das TV-Debüt hat Hans-Jürgen Gräber außerdem schon hinter sich: In der Eduard-Zimmermann-Sendung „Vorsicht Falle!“ mimte er einmal einen Bauernfänger, der mit Kartentricks die Leute übers Ohr haut.

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Rundschau-Wochenendbeilage




Singende Kinder – ebbt die Welle ab?

Von Bernd Berke

Als Heintje in die Jahre kam, gab es eine Austrittswelle: Der Dortmunder Heintje-Fanclub, einst der größte seiner Art in der Bundesrepublik, schrumpfte zusehends. Innerhalb weniger Monate kehrten über 100 Fans des holländischen Kinderstars ihrem Hörder Verein den Rücken. Im Umland machten von 29 Heintje-Clubs zehn dicht.

Dr. Riemer vom Deutschen Institut für Jugendforschung in München erklärt sich das so: „Es scheint, als könnten sich die Fans mit einem erwachsenen Heintje nicht mehr abfinden. Sie können ihre geheimen Wünsche nicht mehr auf den Jungen übertragen.“

Manager poltert gegen früheren Schützling

Heute ist man Heintje richtig böse. Manager Gerd Rothenbusch (33), der bis vor kurzem noch landauf, landab Reklame für ihn machte, poltert gegen seinen früheren Schützling los: „Den würd‘ ich nicht mehr auftreten lassen. Der hat doch genug Geld verdient, der Knabe!“ Als hätte Rothenbusch es gerochen: Einen Tag später verpatzt Heintje – angeblich von Grippe geplagt – seinen Auftritt bei der Löwenverleihung in der Westfalenhalle. Rothenbusch freut sich: „Das geschieht ihm recht. Unser Club gönnt ihm keinen Erfolg mehr. Warum muß Heintje auch so viel Malteser saufen. Klar, daß ihn das fertigmacht!“

An Heintjes Stimmbruch und an der Tatsache, daß er seinen größten Club im Stich ließ. indem er ihn nicht mehr mit Informationen versorgte, wäre beinahe der Club eingegangen. Gerade noch rechtzeitig kam Clubchef Rudolf Omnitz (18) die rettende Idee: um weiter auf der Kinderstar-Welle mitreisten zu können, nahm er die heute zwölfjährige Norwegerin Anita unter die Fittiche des 500köpfigen Clubs.

Heintje als Ersatzkind?

Das fällt auf: Der Club, der sich um Kinderstars kümmert, hat sehr viele Mitglieder über 40 Jahre. Und es gibt sogar eine Art „Dunkelziffer“. Manager Rothenbusch: „Viele Mütter und Omas lassen ihre Sprößlinge in den Club eintreten, weil sie sich schämen, es selbst zu tun.“ Den Grund kann man nur vermuten. Beim Clubtreff ruft ein älterer Mann im Überschwang: „Den Heintje, den mag ich, der ist nicht so überheblich.“ Der Mann ist nicht verheiratet, hat kein Kind. Heintje als Ersatzkind?

Jedenfalls ist der Fan etwas „hinter dem Mond“. Für seinen Club nämlich ist Heintje „gestorben“. Und schon drohen Sorgen mit dem blonden Heintje-Ersatz Anita („Schön ist es, auf der Welt zu sein“), denn auch von der kleinen Roy-Black-Partnerin hört man kaum noch etwas. Letzte Chance: Clubgründer Rudolf Omnitz will einen Blitzbesuch in ihrer norwegischen Heimat machen und sie zu neuen Aktivitäten überreden. Und wenn’s nicht klappt, ist es auch nicht schlimm.

Flexibler Fanclub: von Anita zu Jürgen Marcus

Fanclubs sind flexibel: Schon ist Rudolf Omnitz mit einem Bein aus der Kinderwelle raus. Seme Fanclubzeitung (Auflage: 3000 Stück), die einst naiv bejubelte, daß sich „unser Heintje“ eine Villa mit 26 Zimmern leisten kann und dann Anita in den Schlagerhimmel hob, feiert heute in erster Linie Jürgen Marcus („Schmetterlinge können nicht weinen“).

Auch die Schallplatten-Industrie sieht den Boom der deutsch singenden Kinderstars abflauen. Bei der Ariola-Tochter „M Records“, die den zehnjährigen „Nicki“ unter Vertrag hat, heißt es: „Wir haben keinen anderen Kinderstar mehr. Der Nicki reicht uns.“ Auf andere Weise will die Firma Bellaphon nach Worten von Manager Helmut Kersting das Problem in den Griff kriegen: „Wir werden die Fanclubs straffer organisieren.“ Kersting betreut das britische Kinderduo „James Boys“.

Wie deprimierend auch das neue Clubleben aussehen kann, läßt ein Auftritt Jürgen Marcus im Dortmunder Clublokal „Kaiser“ in Sölde vermuten: Für 25 DM Eintritt „dürfen“ die Fans über eine Stunde lang auf seinen Auftritt warten. Und dann singt er nicht etwa, sondern wünscht nur einen guten Abend. Dann muß er weiter zu Fernsehaufnahmen.

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Rundschau-Wochenendbeilage