Ein Jahr nach Schließung der Rundschau-Redaktion: Die Folgen schmerzen noch!

Heute ist es genau ein Jahr her: Am 15. Januar 2013 verkündete die Geschäftsführung der WAZ-Mediengruppe (heute Funke-Gruppe) das „Aus“ für die gesamte Redaktion der Westfälischen Rundschau (WR) in Dortmund. Und natürlich sind die Folgen dieser brachialen Entscheidung noch längst nicht ausgestanden; weder die persönlichen noch die (medien)politischen.

Manche Kolleginnen und Kollegen, die damals Knall auf Fall ihren Job verloren haben, sind anderweitig untergekommen, vor allem in Pressestellen; meistenteils unter finanziellen Einbußen, aber immerhin.

Andere versuchen, sich mit Umschulungen oder mit Gründerprojekten aller Art durchzuschlagen – vom Blog über die Spezialzeitschrift bis hin zur eigenen Kneipe. Von glücklichen Einzelfällen abgesehen, dürfte hier die bisherige Gewinn- und Verlustbilanz im Schnitt noch betrüblicher aussehen.

Wieder andere stehen gänzlich vor dem Nichts.

Das schienen noch Zeiten zu sein: Titelblatt-Ausriss einer umfangreichen Sonderbeilage zum 60jährigen Bestehen der Westfälischen Rundschau.

Das schienen noch Zeiten zu sein: Titelblatt-Ausriss einer umfangreichen Sonderbeilage zum 60jährigen Bestehen der Westfälischen Rundschau, erschienen im März 2006.

Mit Gehaltsfortzahlungen gemäß Kündigungsfrist oder auch Abfindungen (von denen die freien Mitarbeiter des Blattes nur träumen können) kann man sich eine Zeit über Wasser halten, aber irgendwann sind auch diese Mittel aufgebraucht. Besonders die Jüngeren sollten dann dringlich einen anderen Weg ins Berufsleben gefunden haben. Dazu kann man nach wie vor nur alles Gute wünschen!

Kein Wunder jedoch, dass die anfängliche Solidarität alsbald an vielen Stellen gebröckelt ist. Zwar trifft und hilft man einander noch hie und da. Doch muss in erster Linie jede(r) sehen, wo er/sie bleibt. Diese leider nur zu verständliche Haltung hat sich schon recht früh abgezeichnet. Man möchte seufzen.

Erst recht hat die Empörung außerhalb der Kollegenschaft nach einiger Zeit spürbar nachgelassen. Man beachte beispielsweise die wachsende Windstille auf den diversen Soli-Seiten im Internet. Die Leute haben ihre eigenen Sorgen.

Obwohl der Umgang mit der WR-Redaktion bundesweit immer noch beispiellos ist, sind seither etliche andere Themen in den Vordergrund gerückt. Auf diesen Vergessens-Effekt hat sicherlich auch die Funke-Geschäftsführung bauen können.

Die Presselandschaft in Dortmund und der Region ist jedenfalls wirklich spürbar verarmt. Beispielsweise haben es die Ruhrnachrichten nicht mehr nötig, mit verstärkten Anstrengungen auf etwaige Konkurrenz zu reagieren. Das schlägt sich nicht nur im gelegentlichen Nachlassen der journalistischen Qualität nieder, sondern generell in den Debatten, die etwa in Dortmund (nicht) geführt werden. Hier kann man studieren, wie ungut sich ein lokales Quasi-Monopol in einer der größten Städte der Republik auswirkt; ein Lehrstück und ein reiches Betätigungsfeld für den Studiengang Journalistik an der örtlichen Hochschule…

Neuerdings war zu lesen, dass Funke-Geschäftsführer Christian Nienhaus, der die Schließung der WR-Redaktion an vorderster Front vorangetrieben und vertreten hat, die Gruppe wohl verlassen wird. Seine Abfindung wird gewiss für alle Lebenszeit reichen.




Der große Überdruss: Mankells nachgereichter Wallander-Krimi „Mord im Herbst“

Schon lange hat Kurt Wallander zwei, nein eigentlich drei Wünsche: ein Haus auf dem Lande, einen Hund und, er wagt es kaum zu formulieren, eine Frau, die ihn, den oft griesgrämigen Polizisten aus Ystad, liebt und ihm behilflich ist, die Tücken des Alters zu ertragen.

Seine erste Ehefrau hat ihn schon lange verlassen. Mit seiner Tochter wechselt er, obwohl sie noch immer bei ihm wohnt, kaum zwei Worte am Tag. Jetzt, wo die Herbststürme über die hügelige Landschaft von Schonen peitschen und Wallander in seinen knackenden Knochen spürt, dass der Winter seines Lebens nicht mehr fern ist, will er dringend noch einmal seinem tristen Dasein einen letzten neuen Dreh geben.

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Aber als der Kommissar hinausfährt und ein zum Verkauf stehendes Haus besichtigt, stolpert er im Garten über eine skelettierte Hand, die aus dem Boden ragt. Die sofort anrückenden Kollegen finden, als sie den Garten umgraben, die Überreste von zwei Leichen, die seit vielen Jahren dort vergraben waren. Statt Ruhe in ländlicher Idylle erwartet Wallander also doch nur wieder harte Arbeit.

Ein neuer Fall also. Hatte nicht Henning Mankell vor einigen Jahren behauptet, „Der Feind im Schatten“ sei definitiv der letzte Roman über den schwedischen Polizisten Kurt Wallander? Und waren dabei nicht, während Wallander sich im Gestrüpp einer politischen Affäre fast verlor, am Horizont die ersten Anzeichen einer Demenz erkennbar und war nicht das Abtauchen in das endgültige Vergessen nur noch eine Frage weniger Monate oder Jahre?

Für Wallander gibt es keine Rettung, daran wird sich wohl nichts ändern. Denn der Roman „Mord im Herbst“ ist chronologisch vor dem letzten Wallander-Krimi angesiedelt, spielt im Jahre 2002 und wurde bereits 2004 veröffentlicht. Allerdings bislang nur in den Niederlanden. Henning Mankell hatte den Plot eigens für eine Aktion geschrieben, bei der jeder holländische Leser, der in einem bestimmten Monat einen Kriminalroman kauft, noch ein weiteres Buch gratis dazu bekommt.

Deutsche Fernsehzuschauer werden trotzdem das Gefühl haben, die Geschichte irgendwie zu kennen: Denn der – im Gegensatz zu allen anderen Wallander-Krimis – eher schmale Roman wurde heftig geplündert und diente später der BBC als Grundlage für ein Drehbuch zu einem Film mit Kenneth Branagh in der Rolle des Kurt Wallander. Aber Vorsicht: Die TV-Version von „Ein Mord im Herbst“ hat sich nur ein paar Ideen herausgeklaubt, bei der Suche nach der Wahrheit, der Identität der Opfer und des Mörders geht der Roman ganz andere Wege. Diese Wege sind verschlungen und reichen weit in die Vergangenheit zurück. In die Zeit, als der Zweite Weltkrieg sich dem Ende zuneigte und auch in Schweden, wo viele Flüchtlinge strandeten, die nirgends registriert wurden und die gelegentlich auch auf Nimmerwiedersehen spurlos verschwanden, das reinste Chaos herrschte.

Der Fall selbst ist nicht besonders spektakulär und im Grunde durch hartnäckige Routinearbeit und staubige Archiv-Recherchen zu lösen. Die Würze und Spannung des Romans besteht diesmal eher in seiner gedanklichen Klarheit und sprachlichen Verknappung. Während Mankell sich sonst gelegentlich selbstverliebt in Details verliert und die Wallander-Romane mit falschen Fährten und zwischenmenschlichen Problemen gehörig aufplustert, konzentriert er sich hier ganz auf die spröde Gedankenwelt des muffeligen Kommissars.

Deutlich spürbar ist, dass Wallander vieler Alltäglichkeiten überdrüssig ist und bald keine Lust mehr haben wird, den Rest seines verkorksten Lebens mit Mordermittlungen zu verbringen. Am Ende des melancholischen Buches ist der Mörder zwar bekannt. Aber der Winter ist vollends nach Schonen gekommen. Ein Haus, einen Hund und eine Frau hat Wallander immer noch nicht.

Henning Mankell: „Mord im Herbst“. Ein Fall für Kurt Wallander. Mit einem Nachwort des Autors. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2013, 143 Seiten, 15,90 Euro.




Dachdecker-Humor

Zufälle gibt’s! Gestern bekam ich gleich zwei Kostproben des deutschen Dachdecker-Humors. In derselben Straße. Von zwei verschiedenen Betrieben.

Und das kam so:

An einer Straßenecke hatten die Dachdecker der Firma A ihre Lastkraftwagen beidseitig so postiert, dass man mühsam manövrieren musste, um in der Mitte durchzukommen. Wer aber beschreibt mein Entsetzen… Nein, anders. Als ich mich behutsam durchmogle, sehe ich plötzlich im linken Rückspiegel das schmerzverzerrte Gesicht eines Mannes, der laut jaulend auf einem Bein hüpft. Verdammt! Bin ich dem tatsächlich über den Fuß gefahren? Mit welch unabsehbaren Folgen?

Fast ist nicht ganz, Gans ist keine Ente... (Foto: Bernd Berke)

Fast ist nicht ganz, Gans ist keine Ente… (Foto: Bernd Berke)

Für eineinhalb bis drei Sekunden habe ich tatsächlich so etwas befürchtet. Es war ja so eng an der Stelle. Was, wenn ich jetzt das Steuer vor Schreck verrissen hätte? Doch da sehe ich auch schon, dass der „Verletzte“ sich nunmehr vor Lachen biegt und auf die Schenkel klopft. Seine Kollegen röhren derweil aus vollem Halse.

Welch eine fidele Truppe! Welch ein zündender Scherz! Vielleicht simulieren sie sonst tödliche Stürze vom Dach und weiden sich am etwaigen Entsetzen der Passanten? Ich weiß es nicht, empfehle aber das Forschungsfeld zur nachhaltigen Bearbeitung, künftigen Generationen zu Nutz‘ und Frommen.

Doch damit nicht genug. Wenige Stunden später hat die Firma B an der nächsten Einmündung ihre Gerüste aufgebaut. Und siehe da: Die Aufschrift (siehe erschütterndes fotografisches Dokument) kündet gleichfalls von mächtig sprühender Witzeslaune, die mit kaum verhohlener Deckhengst-Attitüde beinahe an gewisse Rohrreiniger-Slogans heranreicht. Und das will was heißen.




Dem Himmel ganz nah: Martin Heckmanns` „Es wird einmal“ in Bochum uraufgeführt

Foto: Thomas Aurin

Foto: Thomas Aurin

Wer sich schon einmal an einem Theater beworben hat, fühlt sich sofort erinnert: Kurze Begrüßung durch eine hektische Assistentin, dann stundenlanges Warten in der Kantine. Danach eine Referentin knapp vor dem Burn-Out, die einem das gleiche Schicksal in Aussicht stellt, falls „Er“ sich für einen entscheiden sollte.

Dann wieder Kantine, drei Cola, erster Weißwein, weiter warten, Schauspieler in Maske kommen rein, Vorstellung fängt gleich an. Chefdramaturgin: „Er“ sei manchmal sehr schwierig, ob man da gute Nerven habe? „Er“ wolle einen vielleicht später noch kennenlernen, ob man nochmal kurz in der Kantine? Zweiter Weißwein, dritter Weißwein, Anruf: Heute werde es leider nichts mehr mit „Ihm“, vielleicht morgen…Schauspieler kommen rein, Vorstellung ist aus, Absacker, Vorhang.

Nein, die Szene stammt nicht aus Martin Heckmanns neuem Stück „Es wird einmal“, das jetzt am Bochumer Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Sie ist selbst erlebt, doch das Anfangsszenario auf der Bühne ist ähnlich und die Satire geht in die gleiche Richtung: Zwei Schauspieler haben eine Einladung zum Vorsprechen bei „Obermann“ bekommen und begegnen sich auf einer leeren Probebühne. Sie treffen die namenlose Hospitantin (Kristina Peters), sie werden kujoniert von einer übermotivierten Assistentin (Minna Wündrich), sie treten in Konkurrenz mit einer Schauspiel-Kollegin (Therese Dörr) und verlieben sich in sie, sie zeigen viel Seele und geben alles: Doch „Obermann“ treffen sie nie.

Das ist fein und böse beobachtet, sprachlich brillant und doch erschöpft sich Heckmanns Text in der Inszenierung des Bochumer Intendanten Anselm Weber keineswegs in einer Satire über den Theaterbetrieb. Denn „Es wird einmal“ ist zugleich eine moderne Fassung des „Jedermann“. Die Bewerbung um eine unbekannte Rolle in einem unbekannten Stück ist zugleich eine Allegorie auf das Leben. Der Text muss erst noch geschrieben werden, die Konsequenzen des Handelns sind nicht immer klar.

Gott, falls es ihn gibt, lässt sich nicht blicken, nur manchmal hat man das Gefühl, er schaue von oben zu – wie Obermann. „Zufall ist das Pseudonym Gottes, wenn er nicht unterschreiben will“, heißt das in der Sprache Heckmanns und die namenlose Hospitantin schlüpft mit umgeschnallten Engelsflügelchen in die Rolle des Zufalls. Ansonsten sind sie und die intendantenhörige Assistentin Dora als balletttanzende Skelette zu sehen, ein Memento Mori für den älteren Schauspieler Hermann Schwinder (Günter Alt) und den Jüngeren Martin Neumann (Matthias Kelle), der sich mit der Rolle des Jedermann noch nicht anfreunden kann.

Foto: Thomas Aurin

Foto: Thomas Aurin

Denn eigentlich schimpft Neumann/Jedermann sich Performancekünstler und als solcher möchte er dem Theater wieder gesellschaftliche Bedeutung verleihen: „Wir thematisieren den Raum und die Institutionen, die Abhängigkeitsverhältnisse, in denen wir uns bewegen, auch wenn wir uns jetzt hier bewerben, um Anerkennung von Unbekannten.“ Statt dessen wird er als nackter Mann über die Bühne gejagt (was Matthias Kelle so großartig verletzlich absolviert, dass man fast Mitleid mit ihm hat) und bekommt am Schluss eine Plastiktüte von Sinn&Leffers als Unterhose verpasst.

„Das Problem mit nackten Männerkörpern auf der Bühne ist allerdings, dass sich die Aufmerksamkeit des Betrachters meist auf einen Punkt fokussiert“, dichtet Heckmanns und der Punkt geht an ihn, denn der Satz hat nichts Banales, entlarvt er doch die Blickrichtung der Zuschauer in den letzten zehn Minuten. Ein Beweis dafür, dass „Es wird einmal“ klug und vielschichtig gebaut ist und mit Leichtigkeit zwischen den letzten und den oberflächlichsten Dingen oszilliert.

Es entsteht tatsächlich ein „kleines Bochumer Welttheater“, das die Figuren mit existenziellen Fragen von Leben und Tod konfrontiert. Es entlarvt die theaterbetriebseigene Hybris, die Bühne für das Leben zu nehmen und bekräftigt sie zugleich. Denn was sind wir sonst, als Spieler auf einer Lebensbühne? Die nicht wissen, wann und wie sie abtreten müssen? Die nicht wissen, ob ihnen die große Liebe bevorsteht oder die große Verletzung? Die nicht merken, ob Ihnen jemand zusieht oder ob das eigene Schicksal Leuten wie „Obermann“ nicht völlig gleichgültig ist. „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“ – das gewichtige Luther-Zitat fungiert als Motto, aber drückt das Dramolett nicht nieder; es verleiht ihm eine Tiefendimension und lässt Raum für Ironie. Denn auf dem Theater sollte man das Leben leicht nehmen, sonst kann man nicht mitspielen.

Foto: Thomas Aurin

Foto: Thomas Aurin

Unbedingt lobenswert daher die Schauspieler: Günter Alt gibt den älteren Mimen koboldhaft und traurig zugleich. Er hat viel gesehen, viel ertragen und er braucht verdammt nochmal diesen Job. Bei Obermann spielte er auch den dritten Engel von links oder Helmut Kohl, egal. Er muckt nicht mal auf, als am Ende offen bleibt, ob er jetzt stirbt oder engagiert wird – aber vielleicht kommt das ja auch auf dasselbe raus. Minna Wündrich spielt die Assistentin Dora so zickenhaft-intellektuell-überheblich, dass es eine wahre Freude ist und ihre Neigung zum Sadismus gegenüber der namenlosen Hospitantin, die in einer Ohrfeige mündet, wurde auch schon öfter am Stadttheater beobachtet. Kristina Peters wiederrum verleiht diesem bedauernswerten Geschöpf eine charmante Note und viel Spielwitz. Naiv und poetisch legt Therese Dörr die Sophie Sikora an, eine Darstellerin aus der Fußgängerzone, die natürlich auch zaubern kann. Der verkopfte Neumann, gespielt von Matthias Kelle, zeigt zum Schluss Herz und ansonsten nackte Haut (s.o.). Und der Regisseur? Schwierig, jetzt so einen „Obermann“ zu loben, nur soviel: Er vertraut auf dezente Weise dem Text und stülpt ihm nicht allzu viel über, was der Sache gut tut.

Zuletzt eine Frage an den Ausstatter Hermann Feuchter: Das Bühnenbild ist dem „Meeting“–Room des Land-Art Künstlers-James Turrell nachempfunden, zu sehen im MoMA PS1 in Brooklyn, NYC. An den Wänden des leeren Raums verläuft eine durchgehende Sitzbank, durch ein rechteckiges Loch in der Decke kann man den freien Himmel sehen. Fast eine halbe Stunde saß ich letzten Sommer dort und ruhte meine Füße aus, es war sehr friedlich. In Bochum ist dieses Loch allerdings rund und der Himmel eine Projektion. Also doch alles nur Illusion im Theater? Warum nicht gleich die Decke der Kammerspiele durchstoßen und dem Himmel ein wenig näher kommen? Doch was sollen die doofen Fragen, meint Heckmanns: „Kann das Theater nicht einmal aufhören Fragen zu stellen und stattdessen eine Antwort geben?“

Infos und Karten:
www.schauspielhausbochum.de




Herr K. in der Puppenkiste: „Amerika“ am Schauspiel Köln

Foto: Sandra Then

Foto: Sandra Then

„Bienvenue, willkommen, welcome“ ruft der Conférencier. Aber er begrüßt nicht die Zuschauer im Kabarett, sondern im „großen Theater von Oklahoma“. Und das steht in Amerika, genauer gesagt in Kafkas „Amerika“, dem unvollendeten Roman, den jetzt das Schauspiel Köln auf die Bühne brachte.

Das Werk wurde postum 1927 veröffentlicht. Kafka schrieb zwischen 1911 und 1914 an dem „road movie“ über Karl Roßmann, der in die USA auswandert, aber nicht sein Glück macht, sondern von Menschen, Umständen und dem Schicksal herumgeschubst wird und schließlich – heute würde man sagen – Praktikant im Theater von Oklahoma wird, das „jeden gebrauchen kann“.

Das Bezaubernde an Moritz Sostmanns Inszenierung ist nun, dass sein Karl von einer Puppe dargestellt wird: Fragil, mit traurigem Gesichtsausdruck, Intellektuellenbrille und Matrosenanzug tragen die Schauspieler dem kleinen Karl auf der Bühne umher, leihen ihm ihre Stimmen und steuern seine Bewegungen. So wird die Macht der anderen über den armen Auswanderer sofort augenfällig, er ist ihr Spielzeug, ihr Werk. Seine Zartheit weckt Beschützerinstinkte, aber verführt auch dazu, ihm übel mitzuspielen, weil er so wehrlos wirkt.

Puppen- und Menschenspiel greifen dabei ineinander über, verschränken sich und geraten zu einer Einheit, die eine äußerst poetische Atmosphäre hervorruft. Man spürt, dass das Ensemble ein harmonisches Team ist: Johannes Benecke, Bruno Cathomas, Philipp Plessmann und Magda Lena Schlott tragen und treiben Karl durch die Handlung, verwandeln sich fortwährend in verschiedene Figuren, die ihm begegnen und die „neue Welt“ erzählen, in die es den Europäer verschlagen hat.

Die Beschleunigung und Technisierung des modernen Lebens wird durch Videoprojektionen (Hannes Hesse) sinnfällig, in den sozialen Beziehungen herrscht ein vom Kapitalismus geprägtes Nützlichkeitsdenken, eine freundliche und zugleich oberflächliche Brutalität. Sostmann betont diesen Zug durch einen überbordenden Humor, der jedem Schauspieler Gelegenheit gibt, die Rampensau rauszulassen, was teilweise in slapstickartigen Szenen mündet. Dabei ist dieses Lachen auch ein Lachen über Karl: Eines, das seine moralischen Prinzipien hinwegwischt und verhöhnt, eines, das deutlich macht, dass Karls Tempo und die Uhren der neuen Zeit ganz und gar nicht synchron laufen.

So kippt das Gelächter um in Traurigkeit und Melancholie, in ein Entsetzen über Menschen, die andere wie Puppen (Hagen Tilp) herumschubsen. Herr K. ist leider eine davon.

Infos, Karten und Termine:
http://www.schauspielkoeln.de/spielplan/premieren/amerika/




Serena Frome statt James Bond – Ian McEwans Geheimdienstroman „Honig“

Ian McEwan ist jemand, der noch die wildesten oder auch trockensten Vorgänge im süffig fließenden Plauderton darzustellen vermag, ein Erzähler von hohen Graden der Unterhaltsamkeit. Die gehörige Substanz wird dabei quasi nebenher und subkutan verabreicht.

Diesmal heißt seine Hauptfigur Serena Frome. Die junge Frau stammt aus einem stocknüchternen, stocksteifen anglikanischen Bischfoshaus in der englischen Provinz. Selbst die gesellschaftlichen Bewegungen der 60er Jahre kommen dort nur äußerst gedämpft an. Aus eher unerfindlichen Beweggründen studiert Serena Mathematik, liest aber nebenher wahllos alle möglichen und unmöglichen Romane.

9783257603415

Durch eine ziemlich bizarre Abfolge diverser Liebschaften rutscht sie unversehens in den britischen Geheimdienst MI 5 hinein, als bessere Hilfskraft und „Tippse“. Frauen können dort schon mal gar nichts werden, es herrscht eine undurchdringliche, noch kolonialistisch getönte Herren-Hierarchie. Doch zwischen Pflichtbewusstsein und Verdruss trottet Serena jeden Tag brav ins Büro. Wenn das kein Anti-James-Bond ist! Denkt man aber ans heutige Treiben der Geheimdienste im virtuellen Raum, so ist es fast schon wieder ein bisschen nostalgisch.

Englische Krisen der 70er Jahre

McEwan zeichnet ringsum die gesellschaftlichen Spannungsfelder der 70er Jahre auf sehr lebendige Weise nach – vom traditionellem Cambridge-Milieu bis zum „Swinging London“. Alles noch sehr britisch. Doch gleichzeitig sind derlei Kategorien auch in Auflösung begriffen. Geradezu schlingernd steuert der Roman auf die Jahre 1973/74 zu, die das Königreich mit Energiekrise, Massenstreiks und zeitweise 20prozentiger Inflation in schwere See führten.

Beim Geheimdienst MI 5 bilden sich unterdessen neue Schwerpunkte heraus. Zwar operiert man selbstverständlich noch mit antikommunistischer Stoßrichtung im „Kalten Krieg“, doch wendet man sich auch schon verstärkt gegen den Terror der irischen IRA.

Kulturförderung undercover

Der eigentliche Clou ist aber die Aktion mit dem Codenamen „Honig“: Man legt ein Kulturförderprogramm auf, mit dem insgeheim etwa konservative Schriftsteller finanziell unterstützt werden sollen. Für diesen Nebenschauplatz im Kampf der Ideen hat man auch die Romanleserin Serena auserkoren, die den Autor Tom Haley betreuen soll. Von dem bekommen wir zwischendurch gleich mehrere Kurzgeschichten zu lesen, als hätte McEwan noch reichlich Überschuss in seinem Füllhorn der Einfälle gehabt. Freilich segeln diese Storys auch am Rande der Kolportage daher (was sie im Kontext des Romans umso glaubhafter erscheinen lässt).

Natürlich verliebt sich Serena in Haley. Da gleichzeitig ihr „Ex“ namens Max den Einsatz steuert, kommt Eifersuchts-Würze ins wirre Spiel. Wird Serena etwa verfolgt, wenn sie Haley im Badeort Brighton trifft? Und wer verrät dem „Guardian“ schließlich die Hintergründe des Autorenpreises, den Haley erhalten hat? Ein Schriftsteller mit Kontakt zum Geheimdienst dürfte beim Lesepublikum für alle Zeiten erledigt sein. Ein harter Schlagschatten fällt auch aufs womöglich korrupte Verlagwesen, um nicht zu sagen auf den gesamten Kulturbetrieb.

Doch damit nicht genug. Ian McEwan schuldet dem erfahrenen Leser, der es gern verschachtelt mag, ja noch die kunstreich gewobene Meta-Ebene. Also führt er uns virtuos vor, wie alles vorher Erzählte im anderen Sinne zur ungeahnten Fiktion gerät. Es ist gleichsam die (nicht unbedingt notwendige) Kür zur bravourös erfüllten Pflicht. Vielleicht hat McEwan dabei in erster Linie an literarische Preisrichter gedacht.

Ian McEwan: „Honig“. Roman. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich. 463 Seiten. 22,90 €.




Auf der Suche nach heilsamen Giften

Holla! Der Kulturkanal 3Sat lockt uns mit kraftvollen Titeln wie die Boulevardzeitung mit den großen Lettern: „Hitlers Museen – Die Jagd nach den Nazi-Schätzen“ wurde jetzt (nach den Münchner Kunst-Sensationsfunden) kurzfristig ins Programm gerückt. Dafür musste die ähnlich vollmundig benannte Sendung „Dschungelcamp für Homöopathen“ nach hinten rücken.

An Stelle der Forscher, die – auf der Suche nach neuen medizinischen Wirkstoffen – beschwerliche Reisen in den Regenwald unternehmen, wäre man über den „Dschungelcamp“-Vergleich wohl nicht gerade entzückt. Er zieht das ganze Projekt ein wenig ins Halbseidene. Aber wie war das noch: Mit Speck fängt man Mäuse.

Schlangen, Vogelspinnen und anderes Getier

Der Film selbst war hingegen alles andere als spektakulär, sondern wirkte durchaus bedächtig. Das Motto hätte gut und gerne lauten können: Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss.

Pharmazeut Robert Müntz (re.) und der einheimische Guide Orlando haben eine giftige Ameise gefangen. (© ZDF/ORF/seagull Film/Katrin Filenius)

Pharmazeut Robert Müntz (re.) und der einheimische Guide Orlando haben eine giftige Ameise gefangen. (© ZDF/ORF/seagull Film/Katrin Filenius)

Man begleitete den Pharmazeuten Robert Müntz und den Arzt Jan Scholten auf ihren Expeditionen durchs Amazonasgebiet von Peru. Ein einheimischer, des Englischen kundiger Führer zeigte ihnen allerlei Getier, vorwiegend der giftigen Art. Zitteraal, giftige Tausendfüßler und Riesenameisen, Vogelspinnen, Taranteln, Fledermäuse, Ochsenfrösche und natürlich etliche Giftschlangen. „Schönes Tier“, sagte Müntz beim Anblick fast aller dieser Kreaturen. Nun ja. Das ist wohl Ansichtssache.

Der furchtlose Robert Müntz entlockte den Tieren Proben ihrer jeweils spezifischen Giftstoffe, die (entsprechend zerrieben, gelöst und dosiert) eventuell als hochwirksame Arzneien taugen. Dass Müntz dabei auch nicht ganz ungefährliche Selbstversuche betreibt, nötigt Respekt ab. Der Mann lebt für seine Wissenschaft. Und wer weiß, ob nicht ein paar wegweisende Entdeckungen daraus hervorgehen.

Für kritische Fragen blieb kein Platz

Die beiden Forscher schworen aufs naturnahe Leben und auf die Homöopathie, die den Menschen – im Gegensatz zur Schulmedizin – als Ganzes betrachte, ebenso preiswert wie umweltfreundlich sei und weder Patente noch sonderliche Profite ermögliche. Es wird schon einige Wahrheit daran sein, doch hier klang es allzu unwidersprochen.

Eine etwaige Gegenstimme war nicht zu vernehmen. Offenbar hatte sich das Filmteam um Katrin und Götz Filenius mit den Forschern angefreundet, man stellte also keine skeptischen oder kritischen Fragen, erhob erst recht keinerlei Widerspruch. Dass Teams der Pharmakonzerne sehr wohl in den entlegensten Winkeln unterwegs sind, um irgendwann lukrative Patente und Exklusivrechte zu beanspruchen, kam in dieser heilen Homöopathenwelt nicht vor.




„Der Parasit“: Komödie zum Saisonauftakt am Düsseldorfer Schauspielhaus

Die Büromöbel stehen noch halbausgepackt auf Plastikfolie, das Vorzimmer des Ministers sieht in prekärer Pressspanoptik aus wie die neuen Räumlichkeiten eines IT-Startups: Ach, und da wird auch schon der erste gefeuert. Buchstäblich auf die Straße geworfen wird der arme Teufel mit der Nerd-Brille, weil sein Kindheitsfreund Selicour (Florian Jahr) ihn ganz übel ausgebootet hat. Doch La Roche (Christian Ehrich) ist nicht das einzige Opfer des „Parasiten“, im Laufe der nächsten anderthalb Stunden bringt der eiskalte Karrierist Selicour noch einige Kollegen zu Fall – bis er selber stürzt.

Foto: Kurt Michel/pixelio

Foto: Kurt Michel/pixelio

Zum Saisonauftakt zeigt das Düsseldorfer Schauspielhaus die von Friedrich Schiller übersetzte französische Komödie „Der Parasit“ im kleinen Haus. Regisseur Nurkan Erpulat hat die Schillersche Bearbeitung von 1803 in die Gegenwart geholt und inszeniert Bürotypen von heute beim Mobben und Gemobbtwerden. Das allerdings mit pointensicherem Rhythmusgefühl, exzellenten Schauspielern und treffendem Witz, so dass ein fluffiger Abend von leichter Hand dabei herauskommt. Als wäre noch Sommer.

Der smarte Selicour im feingestreiften Anzug mit rosa Innenfutter ist zunächst einmal ein Kommunikationsgenie und verkörpert das Klischee eines Marketing-Fritzen, wie sie heutzutage in Wirtschaft, Kultur und Politik sphärenübergreifend herumhampeln. Er quatscht mit jedem, kann mit der Mutter des Ministers (Verena Reichhardt) ebensogut wie mit jenem selbst und empfindet das durchaus als seinen Verdienst: Networking muss man eben beherrschen, wenn man Karriere machen will und wer die richtige Performance nicht drauf hat, bleibt halt auf der Strecke, das ist ja nicht sein Problem.

Außerdem ist der Parasit ziemlich gut im Delegieren, auch das muss ein Manager können. So luchst er dem braven, langgedienten Beamten Firmin (Dirk Ossig) das Memorandum ab, das er abends abliefern muss und gibt es als seines aus. Mal ehrlich, machen Chefs das nicht immer? Da ihm fürs Songschreiben das Gefühl fehlt, bequatscht er den scheuen Retro-Hippie Karl (Marian Kindermann), sein Liedchen abzutreten, mit dem die Tochter des Ministers (Patrizia Wapinska) bezirzt werden soll. Na, und? Er bringt ihn ja auch groß raus auf der Party und Copyright ist sowieso passé.

In dieser Lesart wird die Rache, auf die die Betrogenen sinnen, fast schon unverständlich, da das ganze System das Parasitentum ohnehin zur Norm erhoben hat. Wer soll sich noch moralisch über Schleimerei und üble Tricks entrüsten, wenn das sowieso alle machen (sollen)? Zumal auch der Bling Bling-Minister Narbonne (Moritz Führmann), mal im Tennis-Dress, mal in Reiterkluft, mehr an sportlichen Events als an irgendwelchen Regierungsgeschäften interessiert ist. Klar, hat er lieber Leute um sich, die seinen Lebensstil kopieren als solche Aktenfresser, die ihn an die eigene Pflichtvergessenheit gemahnen. Da stinkt der Fisch vom Kopfe her.

Foto: Sassi/pixelio

Foto: Sassi/pixelio

Für alle Sozialromantiker, die die Gesetze des Marktes und ihrer (verantwortungslosen) Akteure noch nicht begriffen haben, gibt’s aber im Schauspielhaus den guten alten Schiller-Schluss. Mittels List der rechtschaffenen Leute wird der Parasit überführt und der gerechten Strafe zugeführt. Die Welt hat einen Smartie weniger. Blöd nur, dass die immer so bunt nachwachsen.

Infos und Karten:
www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 




„Deutschlands neue Slums“: TV-Reportage über das Elend in Dortmund und Bulgarien

„Deutschlands neue Slums“ hieß die gerade mal halbstündige Reportage im ARD-Programm. Da wird es ja wohl weitläufig von Ost nach West und von Nord nach Süd gegangen sein? Weit gefehlt! Das WDR-Team um „Monitor“-Redakteurin Isabel Schayani und Autor Esat Mogul machte einzig und allein in der Dortmunder Nordstadt Station, um zu zeigen, wie vor allem Bulgaren und Rumänen unter menschenunwürdigen Bedingungen hausen.

Mag sein, dass diese Betrachtungsweise etwas einseitig gewichtet war. Doch die Empörung in der verbliebenen Dortmunder Tageszeitung ist höchstens im Ansatz berechtigt. Das Image der Stadt und der Stadtverwaltung, die inzwischen immerhin gelegentlich an Brennpunkten eingreift, ist angesichts der unbestreitbar desolaten Gesamtlage nur zweitrangig. Wenn ab 1. Januar 2014 die komplette Freizügigkeit zwischen Deutschland, Bulgarien und Rumänien herrscht, werden sich solche Probleme wohl in einigen Großstädten enorm verschärfen.

Bulgaren in der Dortmunder Nordstadt - auf der Suche nach einem Quartier für die Nacht. (Bild: © WDR)

Bulgaren in der Dortmunder Nordstadt – auf der Suche nach einem Quartier für die Nacht. (Bild: © WDR)

Für exorbitante Beträge, die auf dem örtlichen „Arbeiterstrich“ erst einmal wieder hereingeholt sein wollen, werden in etlichen Dortmunder Nordstadt-Häusern bloße Matratzenlager, manchmal gar nur Pappunterlagen in maroden und völlig verdreckten Häusern als Schlafplätze an Armutsflüchtlinge vermietet. Derweil nehmen die offiziellen Notunterkünfte, so hat es den Anschein, auch bei bitterer Winterkälte keine Menschen aus Bulgarien oder Rumänien auf. Den Rest regelt der wildwüchsige, private Markt „ganz unten“. Für eine schlichte 50-Quadratmeter-Wohnung, hoffnungslos überbelegt mit 8 Menschen, lassen sich so monatlich 1600 (!) Euro Miete erzielen. Normal wären etwa 330 Euro.

Es drängt sich die Frage auf, wer an solchen Verhältnissen verdient. Diese Fährte wurde in der Reportage aufgenommen, die an manchen Stellen Empathie und Betroffenheit erkennen ließ. Die Fernsehleute stießen an allen Ecken und Enden immer wieder auf einen türkischen Mann mit Goldkettchen, der wie ein gewiefter „Pate“, Patriarch oder Schutzherr der Nordstadt erschien, aber natürlich jegliche ungute Absicht weit von sich wies. Fragt man ihn selbst, so hilft er, wo er nur kann…

Wie schlimm das Elend ist, das die Menschen trotz aller Widrigkeiten nach Deutschland und Dortmund treibt, erwies sich bei einer Fahrt nach Stolipinowo (Bulgarien). Rund 3000 Leute aus diesem Ort, so hieß es, lebten zumindest zeitweise in Dortmund. Wenn man da überhaupt von „Leben“ sprechen kann. Jedenfalls ist es kaum zu fassen, welche wahrhaftigen Slums in dem EU-Mitgliedsland Bulgarien wuchern. Vor allem Roma vegetieren dort unter Bedingungen, wie man sie nur in der „Dritten Welt“ vermutet hätte. Da erscheinen selbst die übelsten Häuser der Dortmunder Nordstadt als Linderung des Elends. Übrigens war jener besagte „Schutzherr“ auch in Stolipinowo anzutreffen – rein zufällig auf Besuch bei Freunden.

Die Suche nach womöglich mitverantwortlichen Nordstadt-Hausbesitzern führte auf verschlungenen Wegen zu dänischen Investoren, die ebenso wenig preisgeben wollten wie Schalke-Präsident Clemens Tönnies, in dessen gigantischer Fleischfabrik zu Rheda-Wiedenbrück zahlreiche Kolonnen aus Bulgarien und Rumänien auf der Basis von Werkverträgen schuften – allerdings keine Roma, die kommen nicht einmal an solche Jobs heran. Wohl kaum ein deutscher Arbeitnehmer würde mit den Schweinezerlegern tauschen wollen. Akkord-Arbeitszeiten zwischen 12 und 15 Stunden seien vielfach die Regel, hieß es in der TV-Reportage. Auch das wird natürlich offiziell bestritten. Tatsache ist, dass die deutsche Wirtschaft in Bulgarien und Rumänien von neuen Absatzmärkten profitiert und dort billige Arbeitskräfte rekrutieren kann.

Eine halbe Stunde war für das komplexe Geflecht bei weitem zu wenig, vieles konnte nur knapp angerissen werden. Insofern kann man nachvollziehen, dass nicht noch in weiteren deutschen Städten gedreht worden ist. Dennoch: Vielleicht hätte sich dann das Bild noch etwas differenziert und mehr Tiefenschärfe gewonnen. Das Thema muss jedenfalls gründlich weiter verfolgt werden.




Viel Porto fürs Schneckentempo: Wie die Deutsche Post Bücher befördert

Immer nur auf der Deutschen Bahn herumzuhacken, das ist doch öde. Zwischendurch muss man auch mal auf die Telekom oder auf die Deutsche Post einsticheln. Wohlan denn!

Da habe ich doch vorhin eine Büchersendung zum Postamt gebracht. Aufregend, nicht wahr? Was ich freilich bisher nicht gewusst habe: Wenn man auf die Büchersendung auch „Büchersendung“ draufschreibt (Voraussetzung: Sie muss dann mit einem schnellen Griff zu öffnen sein – Gibt’s da etwa Stichproben auf den Inhalt?) und redlich sein ermäßigtes Porto bezahlt, verwirkt man damit die Aussicht auf normale Beförderung.

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Vollends abstrus wird der Vorgang, weil – wie man mir am Schalter erläuterte – der Postbote am Zielort die Sachen herausfischt, die mit ermäßigtem Porto versehen sind, um sie für den nächsten oder übernächsten Tag beiseite zu legen.

Das heißt, der Zusteller macht sich eigens Sortierarbeit, um hernach etwas n i c h t gleich weiterzubefördern. Nach dem Verständnis der Post (offiziell ein Dax-Unternehmen, im Wesenskern noch immer eine Behörde) handelt es sich bei Büchersendungen quasi um unterbezahlte Fracht. Die wird nur dann einigermaßen zügig zugestellt, wenn im Bezirk sonst nicht viel anliegt.

Aus dem Tagebuch einer Schnecke: Während sich die Post seit Jahr und Tag viel auf ihre Formel „E plus 1“ (Sendung soll einen Tag nach Einlieferung am Bestimmungsort ausgehändigt werden) zugutehält, können solche Büchersendungen in Deutschland bis zu vier (!) Werktage unterwegs sein oder genauer gesagt: vor allem herumliegen.

So ist das also, wenn die Post einem die Gnade einer Ermäßigung gewährt. Dann signalisiert sie einem: Du verschickst ja nur Bücher. Ist doch zweitrangig, wann die ankommen.

Nachtrag am 27. August 2013 / Helvetische Episode

Als ich die vorherigen Absätze geschrieben habe, wusste ich noch gar nicht, was wirklich teuer und langwierig ist.

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Heute habe ich ein Buch in die Schweiz versendet. Die Adressatin hatte per Überweisung 10 Euro fürs Porto vorgelegt, was ich überreichlich fand. Bei der Post wurde ich eines Schlechteren belehrt. Dort wollte man mir für das knapp über 1 Kilogramm schwere Päckchen 15,90 Euro (!) abknöpfen. Nach langem Hin und Her schlugen sie in ihren Bestimmungen nach und boten an, eine internationale Büchersendung für 11 Euro auf den Weg zu bringen – allerdings wiederum mit der Maßgabe, dass dies ja eigentlich „unterbezahlt“ sei und daher eventuell langsamer ausgeliefert werde.

Und jetzt ratet, wie lange eine solche Sendung ins Nachbarland Schweiz unterwegs sein kann. 3 Tage? 5 Tage? 7 Tage? 10 Tage?

Alles falsch. Bis zu 14 Tage! Und dafür wollen sie 11 Euro haben.

Halten zu Gnaden, aber: Die spinnen, die Postler!




Springer, die WAZ und der ganz große Deal

Ich bin so stolz, ein Ruhri zu sein. Jetzt noch ein bisschen stolzer als bisher schon. Denn wir haben jetzt bald das „führende nationale Medienhaus“, falls das Kartellamt nicht doch noch etwas gegen den gigantischen Deal zwischen Springer und WAZ/Funke-Mediengruppe einzuwenden hat.

Woher die WAZ-Leute auf einmal blanke 920 Millionen Euro hernehmen, wo sie doch angeblich so sehr unter den Verlusten geächzt haben, die beispielsweise die Westfälische Rundschau verursacht haben soll? Diesen Batzen kann man doch nicht mit der Einsparung von ein paar Hundert Journalisten und sonstigen Mitarbeitern verdient haben, oder? Und wurde da nicht gemunkelt, dass die Banken angeblich Druck auf Petra Grotkamp ausüben, die Mehrheitseignerin der WAZ-Gruppe, die für ihre zusätzlich erworbenen Anteile einen namhaften Kredit aufgenommen hat?

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Hört sich irgendwie verzweifelt und doch schlau an, was Springer macht: Printmarken an die offenbar auf schiere Größe versessene WAZ-Gruppe verkaufen, so lange es überhaupt noch ordentlich Geld bringt. Das riecht nach Schlussverkauf und so gar nicht nach Zukunft.

Kaum auszudenken, dass etwa „Hör Zu“, „Hamburger Abendblatt“, „Berliner Morgenpost“ und ein ganzes Paket von Programm- und Frauenzeitschriften künftig von Essen aus gemanagt werden. Ob Axel „Cäsar“ Springer sich nun im Grabe umdreht? Eine kuriose Pointe, Jahrzehnte nach den heftigen Anti-Springer-Demonstrationen um 1968. „Enteignet Springer“, riefen sie damals bei der Apo. Wahrlich, es waren andere Zeiten.

Welch eine Vorstellung zudem, dass die Essener bald weite Teile der Republik mit ihrer speziellen Vorstellung von Qualitätsjournalismus beglücken werden. Welch eine Aussicht für die Redaktionen der betroffenen Blätter, die künftig wohl erfahren, wie Personalpolitik nach Essener Art betrieben wird. Sparsam. Ganz sparsam. Höchst sparsam.

Soll man jetzt noch gespannt sein, wie das alles weiter geht?

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Ausführliche Berichte und Analysen: http://www.sueddeutsche.de/medien/zeitungen-und-zeitschriften-an-funke-gruppe-springer-verkauft-sein-erbe-1.1731053

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/axel-springer-verlag-verkauft-printprodukte-analyse-der-strategie-a-913107.html




Ödnis im Zeichen der Löschblattwiege: Walter E. Richartz’ „Büroroman“ – wiedergelesen

„Zu jedem Schreibtisch gehört die Schreibgarnitur aus Bakelit. Sie besteht aus Schale, Notizzettelkästchen und Löschblattwiege.“

Das klingt ja allerliebst nostalgisch. Tatsächlich entstammt die knappe Schilderung dem „Büroroman“ von Walter E. Richartz (1927-1980), der 1976 herauskam und heute noch als Taschenbuch greifbar ist.

Welch ein zeitlicher Abstand! Damals wurden gerade die ersten Versuche mit EDV (Elektonische Datenverarbeitung) unternommen. Sie scheinen zunächst nur nebulös am Horizont dieses Romans auf. Doch gegen Schluss kosten sie die ersten Arbeitsplätze. Von Fax, Handys oder gar Internet ganz zu schweigen. Gerade deshalb ist es interessant, dieses Buch wieder einmal hervorzuholen. Welche Signaturen sind seither für immer verschwunden und was zählt womöglich zum Langzeitbestand des bundesdeutschen Bürolebens?

Richartz

Wir lernen vor allem Herrn Kuhlwein, Frau Klatt und Fräulein Mauler (so sagten manche damals noch) kennen, die sich in Frankfurt am Main ein Büro im zehnten Stockwerk teilen. Wir lernen sie genauer kennen, als uns lieb ist. In ihrer Kostenkontroll-Abteilung vollzieht sich höllisch das Immergleiche, ein monotones, erbärmlich reduziertes, quasi kästchenförmiges Leben, ein oft biestiges Schweigen zum Terror der kleinen Geräusche, allenfalls lau gewürzt von kleinen gegenseitigen Bosheiten.

Absoluter Stillstand um 15.10 Uhr

Durch einen mikroskopischen Blick auf die (kaum) verstreichende Zeit – um 15.10 Uhr ist absoluter Stillstand erreicht, der Feierabend scheint ferner denn je – lässt uns Richartz am ungemein zähflüssigen Alltag des Büros teilnehmen. Hin und wieder muss man grinsen, doch wohl ziemlich müde und gequält. Allein zu lesen, wie überaus penibel Herr Kuhlwein eine Orange schält, um sie hernach umständlich zu verzehren, könnte einen schier rasend machen. Wer jemals regelmäßig in einem Büro gearbeitet hat, kennt solche marternden Szenen wahrscheinlich zur Genüge.

Was in der Produktionsabteilungen des Unternehmens namens DRAMAG (soll der Name etwa auf Dramen hindeuten?) überhaupt hergestellt wird, wissen die Büro-Angestellten gar nicht so genau. Sie schmoren, teilweise seit Jahrzehnten, im eigenen Saft.

Willkommener Unglücksfall

Immerhin wird die Ödnis manchmal unterbrochen: Der freilich immergleiche Kantinengang sorgt für scheinbare Bewegung, Hitzewellen oder Regenfluten liefern kurzzeitig Gesprächsstoff, Rituale vor und nach dem Urlaub bringen sogar für Minuten einen Schuss Übermut ins ewiggleiche Getriebe.

Vor solchem Hintergrund wird bereits der Besuch einer Ex-Kollegin, die offenbar glücklich geheiratet hat (soll man’s ihr denn glauben und gönnen?), zum mittelgroßen Ereignis. Und als bei Sturm beinahe ein Fensterputzer von der Hochhausfassade abstürzt, erfasst die ganze Firma endlich ein Hauch von Dramatik, die gleichsam der seelischen Hygiene zugute kommt. Denn nach der kleinen Katastrophe herrscht für kurze Zeit eine ungeahnte Aufgeräumtheit.

In der Äbbelwoi-Hölle

Durch die erwähnte Frau Klatt kommt punktuell jene hessische Mundart ins Spiel, deren Äbbelwoi-Abgründe einen schon seit den Zeiten von „Babba Hesselbach“ oder dem „Blauen Bock“ schaudern lassen. Damals, auf einem ersten Gipfel der RAF-Terrorfahndungen, hörte sich das dann schon mal so an: „Dene geheert der Kopp ab, geheert dene.“

Kurzum: Bis hierhin haben wir einen Roman gelesen, der seine armseligen Gestalten vor allem mit parodistischen Mitteln kenntlich macht. Weder die dynamischen Chefs noch der Gewerkschafter auf der Betriebsversammlung entgehen dem satirisch überzeichnenden Zugriff.

Doch dann vollzieht sich mittendrin ein unerfindlicher Umschwung. Auf einmal wird besonders den drei Figuren im zehnten Stock Verständnis entgegen gebracht. Plötzlich werden sie nicht nur von außen, sondern von innen her betrachtet. Ihre Beweggründe werden nunmehr ernst genommen. Ihre kleinen Träume, ihre legitimen Sehnsüchte, ihre Verletzungen, ihre bestürzende Einsamkeit und ihre Tragik finden Beachtung.

Hatte es vorher den Anschein, als mache sich der Autor durchweg lustig, so werden nun die Lebensgeschichten sorgsam abgewogen und gewürdigt. Nun gut. Menschlicher ist das allemal. Aber wie verträgt es sich mit dem Duktus der ersten Hälfte des Romans? Gar nicht. Das Ganze wirkt leider ziemlich zwittrig.

Bis zur letzten Büroklammer

Den Schluss, der wiederum im nüchternen Gewande daherkommt, bildet eine „Inventur“, in deren Verlauf alle Gegenstände im Büro verzeichnet werden – bis hin zur letzten Büroklammer. Mit all den Dingen und ihren Tücken sind auch so manche Worte verschwunden. Die Akten von damals sind eh längst geschreddert worden. Die letzten Gedankenblitze erhellen auf schwer übertreffliche Art die Phänomenologie der Neonlampe.

Trotz gewisser Schwächen in der Konstruktion kann Richartz’ Roman als markanter Vorläufer gelten. Bis dahin war das Alltagsleben der Angestellten allenfalls ein Nebenthema der Literatur gewesen. Der wunderbare Kritiker Georg Hensel schrieb damals sehr richtig in der FAZ: „Kühn pflanzt Richartz die Fahne des Erstbesteigers in einem Büro-Hochhaus auf.“

Es war sicherlich kein Zufall, sondern ein Zeichen der Zeitreife, dass in den folgenden Jahren 1977, 1978 und 1979 Wilhelm Genazinos „Abschaffel“-Trilogie erschien, die das Dasein der Angestellten vollends zum Stoff erhob und in allen Facetten ausleuchtete. Genazino, der die Romanhandlung übrigens ebenfalls in Frankfurt ansiedelte, zählt heute zu den ganz Großen unserer Literatur. Ob er vielleicht anfangs die eine oder andere Anregung aus dem „Büroroman“ des leider so früh verstorbenen Richartz empfangen hat?

Walter E. Richartz: „Büroroman“. Diogenes Taschenbuch. 274 Seiten. 9,90 Euro.




Heute Außenseiter, morgen Hoffnungsträger: Tuomas Kyrös Roman „Bettler und Hase“

Wenn eine Geschichte von einem rumänischen Roma als Hauptfigur handelt, der sein Land verlässt, um in der Ferne sein Glück zu versuchen, dann scheint der Ablauf schon irgendwie programmiert zu sein. Der Emigrant wird sich schwer tun, womöglich scheitern und am Ende auf der Verliererstraße landen.

Doch Vatanescu ist da doch von ganz anderem Schlag, was natürlich daran liegt, dass sein Erschaffer, der finnische Autor Tuomas Kyrö, hintersinnig, ironisch und zugleich humorvoll zu erzählen weiß.

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Schon das Motiv, das den Roma bewegt, sich außer Landes zu begeben, scheint recht schräg zu sein, will er doch Geld verdienen, um seinem Sohn Stollenschuhe kaufen zu können. Ob es denn da wohl nichts Wichtigeres gibt, als ausgerechnet einen solchen Sportartikel, mag man sich als Leser fragen. Zumal der Preis, den Vatanescu schon zu Beginn des Abenteuers zu bezahlen hat, äußerst hoch ist, begibt er sich doch in die Fänge der russischen Mafia. Nur die verspricht ihm, in ein gelobtes Land des Westens zu gelangen.

Der Roma findet sich schließlich in der finnischen Hauptstadt Helsinki wieder und zwar in einer Behausung, die ihm ein Drogen- und Menschenhändler zuweist. Doch Vatanescu wäre nicht Vatanescu, wenn er sich mit seinem Schicksal einfach abfinden würde. Ihm gelingt es auszubüxen. Damit aber noch nicht genug: Jener Igor, der ihn in einem Wohnwagen eingepfercht hatte, soll seines Lebens nicht mehr froh werden, war doch die Flucht eines gewissen Roma aus Rumänien ein Fanal für viele andere, die unter Igors Knute standen, dem Beispiel zu folgen.

Für Vatanescu beginnt eine Zeit des Vagabundierens, in der er Finnland von ganz anderen Seiten kennenlernen soll. Er trifft auf vietnamesische Einwanderer, die ein Restaurant eröffnet haben, auf einen glücklosen Magier und auf einen echten Haudegen, der ihn zum Saunieren einlädt. Doch wie sich Vatanescu auch drehen und wenden mag, seine neue Heimat will ihm doch fremd bleiben – bis er irgendwann zu spüren meint, was den gemeinen Finnen wohl am ehesten antreibt, nämlich die eigene Schaffenskraft, die tägliche Arbeit.

Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf gewinnt er erst das Vertrauen eines Vertrauten des Ministerpräsidenten und schließlich das des Politikers selbst, der längst amtsmüde geworden ist. Und urplötzlich ist dem Einwanderer Vatanescu der Durchmarsch gelungen, gilt er doch fortan als „Thronfolger“ in einer politischen Gruppierung, die den schönen Namen trägt „Partei der gewöhnlichen Menschen“. Einen politischen Hoffnungsträger zeichnet vor allem aus, dass er neu ist und Schläue mit sich bringt, von Wissen oder Sachverstand spricht Autor Tuomas Kyrö eher nicht.

Das Buch lebt von kuriosen Szenen. Zu ihnen gehört der Moment, als der Rumäne seinen Begleiter findet. Er rettet einem Hasen, der von mehreren Jungen gejagt wird, das Leben, indem er ihn in seine Jacke springen lässt. Vatanescu weiß zu dem Zeitpunkt schon, was es heißt, auf der Flucht zu sein. Von brillanter Situationskomik geprägt ist die Passage, als er einem Arbeitsvermittler gegenübersitzt und plötzlich sein Hase, den er versteckt hält, loshoppeln will. Einem Büromenschen können da schon mal mehr als nur die Gesichtszüge entgleiten.

Gerade in der Debatte um Sinti und Roma kann das Buch von Tuomas Kyrö zu neuen Denkansätzen beitragen, werden doch Klischees und gesellschaftliche Normen amüsant und erfrischend hinterfragt.

Tuomas Kyrö: „Bettler und Hase“. Roman. Verlag Hoffmann und Campe, 320 Seiten, 19,99 Euro.




Rauchzeichen, später: Andreas Rossmann erkundet das Ruhrgebiet

Andreas Rossmann, Foto: Anna Wolfinger

Andreas Rossmann, Foto: Anna Wolfinger

Sein Revier beginnt hinter der Ruhrtalbrücke, von auswärts mit dem Auto kommend. Hier fährt der NRW-Feuilletonkorrespondent in einen wichtigen Sektor seines Berichtsgebiets ein. Kunst und Kultur dieser Region sind Gegenstand seiner Reportagen und Rezensionen, die er seit über 20 Jahren für die FAZ verfasst. Nun hat Andreas Rossmann eine Auswahl davon unter dem Titel „Der Rauch verbindet die Städte nicht mehr“ als Buch im Verlag der Buchhandlung Walther König herausgebracht.

Der „Reiseführer fürs Handschuhfach“ ist illustriert mit Schwarzweiß-Fotografien aus dem Archiv von Barbara Klemm, entstanden zwischen 1974 und 1999, die dem Paperback einen eigenwilligen Retro-Charme verleihen. Gegliedert ist der Band nach Städten von B wie Bochum bis W wie Waltrop. Selbst versierte Ruhrgebietsbewohner können beim Nachbarn noch Neues entdecken.

„Der Rauch verbindet die Städte“ schrieb Joseph Roth 1926, doch seit er sich zum großen Teil in frische Luft aufgelöst hat, wo ist da das verbindende Element dieser zerklüfteten, postindustriellen und mit zahlreichen Kulturinstitutionen besiedelten Region? Was macht sie aus und wo scheitert sie? Mit großer Sympathie für ihre rauen Seiten und einem Scharfblick, der sich nicht scheut, zwischen Qualität und Kitsch zu unterscheiden, beschreibt Rossmann auf seiner Expedition im Land der aufgegebenen Fördertürme und Industriebrachen die Auswirkungen des vielbemühten Strukturwandels auf die kulturelle Identität des Ruhrgebiets.

Wenn es sein muss, macht sich der Kritiker auch zu Fuß auf den Weg, um auf Halden zu klettern oder Landmarken abzuwandern: „Oben angekommen, sieht der Wanderer sich einem unbekannten Ort ausgesetzt. Doch erst im dialektischen Umschlag vollendet sich die Kunst der Landmarke: Sobald der Besucher dem Hochpunkt, den sie einnimmt, den Rücken kehrt, eröffnet sich ihm ein Panorama des Ruhrgebiets, das auf den nur von hier aus möglichen zweiten Blick seine Zerrissenheit und Unfertigkeit, sein Pathos und seine Grandeur offenbart: Seine ,andere‘ Schönheit“, schreibt Rossmann.

Die Textstelle zeigt, was das Buch ausmacht: Der intellektuell-literarische Blick auf eine Kunst, bei der sich der Ruhrgebietsmensch oft weigert, sie als seine eigene oder für ihn geschaffene wahrzunehmen. Die er mitunter misstrauisch beäugt wie beispielsweise Serge Spitzers Spirale auf dem Kennedyplatz in Essen, die viele Bürger „weg haben“ wollten, weil sie sie hässlich fanden. Nach dem Motto: Das alte Eisen, da haben wir früher mit malocht, das soll jetzt Kunst sein?

So führt denn auch Rossmanns Lesung im Lehmbruck-Museum in Duisburg unweigerlich zu einer Diskussion unter den Zuhörern um das Selbstverständnis des Reviers und seiner Bewohner. Ist es nicht Zeit, endlich mit dem Montanindustrie-Kitsch Schluss zu machen? Ein Zuhörer fragt: Warum werde nicht mal die Architektur der Ruhruniversität Bochum als einem der größten Arbeitgeber der Stadt gewürdigt statt immer Zeche Zollverein, die überall als mediales Wahrzeichen herhalten müsse? So regiere das Klischee, das auf die Vergangenheit verweise und Auseinandersetzung mit dem tatsächlichen Strukturwandel in der Gegenwart verhindere.

„Warum wohnen Sie eigentlich nicht im Ruhrgebiet, sondern in Köln?“, möchte eine andere Zuhörerin von Rossmann wissen. Sie selbst ist gebürtige Kölnerin, die es unfreiwillig ins Revier verschlagen hat. Der Autor begründet dies mit seinen Anfangszeiten als Kultur-Kritiker, als er sich strategisch günstig zum WDR positionieren wollte. Einer seiner ersten Ruhrgebietsbesuche führte ihn allerdings zu einem Bewerbungsgespräch als Dramaturg ans Theater Dortmund. „Die haben mich zum Glück aber nicht genommen“, gibt er selbstironisch zu.

Doch vielleicht ist ja gerade eine Fernbeziehung in diesem Fall nicht das schlechteste: Mit ein wenig Abstand liebt es sich neugieriger, man teilt nicht den langweiligen, zuweilen schäbigen und profanen Alltag. Die angebetete „Metropole“ bleibt interessant, ihre Veränderungen aufregend, ihre Kapriolen energiestiftend – vor allem, wenn man sich schon so lange kennt.

Andreas Rossmann: „Der Rauch verbindet die Städte nicht mehr. Ruhrgebiet: Orte, Bauten, Szenen. Mit Photographien von Barbara Klemm. Verlag der Buchhandlung Walther König, 260 Seiten, 14,80 Euro




Ein Monat mit den Ruhrnachrichten

Vor einigen Wochen habe ich mich an dieser Stelle von meinem langjährigen Abo der „Westfälischen Rundschau“ verabschiedet, weil diese Geisterzeitung keine eigene Redaktion mehr hat. Im April, der sich nun dem Ende zuneigt, habe ich ein Monats-Probeabo der Ruhrnachrichten (RN) bezogen. Ich werde es nicht in einen regulären Bezug übergehen lassen. Und warum nicht?

Ohne ins Detail einzelner Beiträge gehen zu können, sei eine Begründung gewagt. Vorab noch dies: Es geht hier nicht um Kollegenschelte, sondern um (Auswirkungen von) Strukturen.

P1060109Der Dortmunder Lokalteil (der seit Anfang Februar auch in der „Rundschau“ zu finden ist) mag angehen. Sie versuchen, „nah am Leser“ zu sein, wie es so schön heißt. Freilich bekommt man jetzt über Wochen hinweg den Eindruck, dass dort die tägliche Anspannung nachgelassen hat. Die RN haben am Ort keine Tageszeitungs-Konkurrenz mehr, können also hin und wieder die Zügel schleifen lassen.

In dieser Stadt und ihrem Umland muss jetzt jeder, der öffentlich wirken will, sich – noch mehr als vordem – mit den Ruhr Nachrichten gut stellen. Im Gegenzug geht diese eher CDU-geneigte Zeitung aber auch meist nicht allzu kritisch mit jenen um, die das Sagen haben. Niemand, und hätte er noch so ein edles Anliegen, kann ihnen mehr so kommen: „Wenn Sie es nicht bringen, dann gehe ich eben zur Konkurrenz…“

Auch habe ich mir glaubhaft sagen lassen, dass einzelne RN-Redakteure nun auf ziemlich hohem Ross sitzen, was etwa den Umgang mit Veranstaltern angeht. In einer Quasi-Monopolstellung glauben manche wohl, dass sie es sich halt erlauben können.

Die eigentliche Schwäche der Ruhrnachrichten ist allerdings der (über)regionale Haupt- oder Mantelteil. Es gibt Tage, da stammen gefühlte oder auch gezählte 70 bis 80 Prozent der Nachrichten und Berichte von den Agenturen dpa oder AFP. Das heißt, sie werden eben nicht in Dortmund recherchiert und geschrieben, sondern hier nur aufbereitet und zusammengestellt, gelegentlich auch kommentiert. So wirft sich die offenbar unterbesetzte Mantelredaktion nicht gerade häufig mit eigenen Schwerpunkten und Akzenten in die Bresche. Eine Ausnahme bildet die ansonsten allenfalls mittelprächtige Kulturseite. Hier wartet man überwiegend mit Eigenbeiträgen auf.

Nach dem Kraut- und Rüben-Prinzip

Die Verteilung im Blatt scheint – beginnend mit einer oft chaotisch layouteten Titelseite – vielfach dem Kraut-und-Rüben-Prinzip zu folgen. Man hat es versäumt, das Erscheinungsbild behutsam zu modernisieren und zu ordnen. Jetzt verspürt man wohl erst recht keinen Druck mehr, dies kostspielig nachzuholen.

P1060111Bei den Aufmachern auf der Titelseite ist die Redaktion zuweilen nicht allzu wählerisch. Tiefpunkt in den letzten Wochen war in der Ausgabe vom 9. April ein lieblos zusammengeschusterter, höchst redundanter Textaufmacher übers Wetter („Jetzt kommt der Frühling“), in dem gleich mehrfach zeilenschinderisch betont wurde, dass Regen der Preis für höhere Temperaturen sein werde. Zeitungen, die etwas auf sich halten, fangen ein solches Thema vorne lieber mit einem guten Bild auf und bringen einen etwaigen längeren Text im Inneren. Weiteres Beispiel ähnlichen Kalibers: Am 17. April wurden Rangeleien zwischen BVB-Fans um Tickets fürs Heimspiel gegen Madrid zum Aufmacher der ersten Seite.

„Da müssen wir durch – jeden Tag“

Die RN-Redaktion scheint gelegentlich froh zu sein, wenn sie meint, nicht mit Politik oder Wirtschaft „nach oben gehen“ zu müssen. Sie nutzt in diesem Sinne beinahe jede Chance. Politik ist ja auch garstig. Hauptsache, dass die im Schnitt herzlich harmlosen Glossen-Dreispalter am Fuß der Titelseite stehen und arglos milde Laune stiften. Just heute (30. April) steht da, sozusagen in eigener Sache, eine Glosse über die Flut oft bedeutungsloser Informationen, denen Journalisten ausgesetzt seien. Seufzer am Schluss: „Aber wir müssen da durch – jeden Tag“. Ach, die Kollegen tun einem leid.

Apropos BVB. Als Kennzeichen journalistischer Unabhängigkeit gilt es, sich nicht mit einer Sache gemein zu machen – ein Prinzip, gegen das in der Regionalpresse und speziell in Sportteilen häufig verstoßen wird. Die Ruhrnachrichten sind mächtig stolz darauf, als „Medienpartner“ des BVB zu firmieren und auf der Erfolgswelle des Vereins mitzuschwimmen. Ein Signal für die seit jeher enge Verbundenheit war es, dass der ehemalige RN-Sportredakteur Sascha Fligge 2012 als Pressesprecher zur Borussia gegangen ist. Schon sein Vorgänger Josef Schneck war von den Ruhr Nachrichten zum BVB gekommen. Da kann man von einer langjährigen Liaison sprechen.

Die Euphorie gänzlich verfehlt

Umso unverständlicher die RN-Titelseite vom 10. April – nach dem wahnwitzigen 3:2 gegen Málaga, das unbedingt in die Annalen des BVB eingeht. Die stocknüchterne Schlagzeile „3:2 – BVB im Halbfinale“ gibt auch nicht annähernd die euphorische Stimmungslage des Abends wieder – das müssen die Kollegen hinten im Sportteil besorgen („Wahnsinn in Schwarzgelb“). Erst einen Tag später sucht man das Versäumte auf Seite eins mühsam wettzumachen. Doch da passiert gleich der nächste Lapsus: Textaufmacher ist diesmal aus unerfindlichen Gründen die laue Vermutung, dass es eventuell „doch keinen zweiten verkaufsoffenen Adventssonntag geben“ werde. Wohlgemerkt, in der Augabe vom 11. April. Welch ein „Aufreger“…

Nach dem Anschlag beim Boston-Marathon bringt man es am 20. April fertig, das vermutlich nichtssagendste von allen verfügbaren Fotos auf die Titelseite zu stellen; noch dazu in einem unsinnigen Bildzuschnitt. Man vergleiche nur, was andere Zeitungen am selben Tag gebracht haben.

Natürlich gibt es auch gelungene Ausgaben, lesenswerte Texte, ansehnliche Bilder. Doch Tag für Tag finden sich lieblose Überschriften, die oft genug in die Irre führen und vom Text nicht gedeckt sind; Texte, die ihr Thema bei weitem nicht durchdringen und einen ratlos zurücklassen. Und immer mal wieder kommt es zu gravierenden Fehleinschätzungen. So fand sich zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Platzvergabe im NSU-Prozess auf der Titelseite nur eine dürre 11-Zeilen-Meldung.

Dauerhaftes Manko: Eine richtige Fernseh- oder gar Medienseite leisten sich die RN nicht, erst recht nicht mit rezensierenden Bestandteilen. Programmschema und Kurztipps müssen in aller Regel reichen.

Unerfahrene Mitarbeiter gesucht

Als sollte das Niveau noch gesenkt und die Blattproduktion nochmals verbilligt werden, suchten die Ruhrnachrichten am 17. April in einem treuherzigen Zweispalter des Dortmunder Lokalteils freie Mitarbeiter, die keine journalistische Erfahrung haben müssten.

Selbst wenn die WAZ jetzt weitere Stellen kürzt und auch ihren zentralen Essener Newsdesk verkleinert, wird sie doch im Vergleich mit den RN höchstwahrscheinlich immer noch den deutlich besseren Mantelteil vorweisen können. Ich sage das ganz nüchtern, ohne rasende Begeisterung.

Erst recht wird man wehmütig beim weiteren Blick zurück. Vor allem in jener Zeit, als es die „Westfälische Rundschau“ noch in voller Besetzung gab, hat die Konkurrenzlage auch in und um Dortmund das Geschäft belebt. Die WR-Redaktion hat stets einigen Ehrgeiz daran gesetzt, die Ruhr Nachrichten zu übertrumpfen – vielfach mit Erfolg. Mir scheint, dass auch die RN damals besser gewesen sind. Eine vergleichbare Ambition ist den Ruhrnachrichten heute nur noch selten anzumerken.

Andreas Rossmann schrieb denn auch am 28. Januar 2013 im Feuilleton der FAZ: „Die Schließung der Redaktion trifft Dortmund hart. Denn die WR war lange die bessere und, trotz SPD-Nähe und -Beteiligung, gegenüber der von Sozialdemokraten beherrschten Stadtverwaltung kritischere und engagiertere Zeitung.“

Triumph am regionalen Markt

Es ist doppelt betrüblich, dass in Dortmund, Lünen und Schwerte eine Zeitung wie die RN den Marktsieg davonträgt und gleichsam „triumphiert“. Man muss verlegerisch schon ziemlich ungeschickt operieren, um mit einem insgesamt besseren Produkt so zu scheitern.

Seit jeher haben die Ruhrnachrichten in Dortmund eine ungleich höhere Präsenz. Sie liegen in allen nennenswerten Geschäften aus, hatten stets mehr Familienanzeigen und Werbeprospekte als die Mitbewerber. Nur leicht übertrieben gesagt: Die RN scheinen zudem großen Wert darauf zu legen, dass in einem regelmäßigen Turnus alle Dortmunder auf Fotos im Blatt auftauchen. Leider wiegen solche scheinbar läppischen Äußerlichkeiten ziemlich schwer. Es geht nicht immer nur um hehren Journalismus.

Genug. Das war’s. Mit diesem Beitrag. Und mit dem RN-Abo. Und bitte, lieber RN-Verleger Lambert Lensing-Wolff, für dieses bescheidene kleine Consulting berechne ich nur den branchenüblichen Satz.




Rätsel der Pyramide – Umstrittene Abi-Klausur in Mathe wird nicht wiederholt

Soeben kam es über den Ticker. Die umstrittene Klausur für den Grundkurs Mathematik der diesjährigen Abiturientia wird nicht wiederholt.

NRW-Bildungsministerin Löhrmann sieht keinen Grund für eine Wiederholung oder ein Noten-Upgrade. Die Hoffnung stirbt zwar zuletzt, aber wir hatten es nicht anders erwartet. Warum auch? Schon die gestrige Abwesenheit der Ministerin, als wütende Schüler vor ihrem Ministerium demonstrierten und ihre später nachgeschobene schmallippige Erklärung, man werde die Argumente der Schüler prüfen lassen, ließen nichts anderes erahnen. Passt ja. Es ging ja nur um ein paar Chancen für so manchen, einen Numerus Clausus zu schaffen, es ging ja – zugespitzt formuliert – nur um die Zukunft unserer Kinder.

Keine Erleichterung für den Jahrgang 2013 – im Gegenteil

Von vorne. Die schriftlichen Klausuren im Abi Doppeljahrgang 2013 sind absolviert. Ich war ja klammheimlich immer davon ausgegangen, dass der Jahrgang 2013 „geschont“ wird und man es ihnen leichter machen würde als den Jahrgängen davor. Schließlich ist es das erste Jahr, in dem auch Schüler nach nur 8 Jahren Gymnasium (G8) zur Reifeprüfung antreten und die Politik mit einem guten Notendurchschnitt beweisen könnte, dass G8 leichterdings machbar ist. Damit habe ich weit gefehlt. Sehr weit gefehlt. Gut, dass ich diese irrige Annahme vorher schön für mich behalten habe. Denn leichter ist hier gar nichts in diesem Jahr.

Vorherrschender Tenor in der mir bekannten Schülerschaft vom ersten Tag an: Die Klausuren sind schwerer als in den letzten Jahren, schwerer und umfangreicher. Zugegeben, jeder Jahrgang empfindet subjektiv seine Prüfungen als „die schwersten von allen je dagewesenen und allen, die noch kommen werden“. Zur umfangreicheren Aufgabenstellung lässt sich natürlich auch sagen: Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Wenn eine Aufgabenstellung umfangreich und dezidiert ist, läuft man nicht so schnell Gefahr, in eine falsche Richtung abzudriften. Lassen wir dieses allgemeine Gefühl also unkommentiert.

Tangential zur Horizontalen verlaufende Gerade in der Rampe des BMX-Fahrers

Dann gab es ja noch die umstrittene Mathematik-Klausur. Mein Sohn und einige seiner Freunde haben diese auch geschrieben. Ihr Gefühl ist – vorsichtig ausgedrückt – mies. Die Pyramide, die eigentlich ein regelmäßiger Polyeder/Tetraeder ist, gab ihnen etliche Rätsel auf. Vor allem die Ebene mit drei Unbekannten, deren Fläche ausgerechnet werden musste. Keiner aus dem Grundkurs hat das gekonnt. Die Schüler des Leistungskurses allerdings schon. Bei denen kam das aber nicht dran. Noch schlimmer war die tangential zur Horizontalen verlaufende Gerade in der Rampe des BMX-Fahrers. Ausgebaggert werden sollte auch noch was an dieser Rampe. Dumm nur, dass das keiner berechnen konnte, weil die Formel fehlte. Und selbst wenn man vorher diese Formel hätte lernen wollen, im Tafelwerk Mathematik hätte man sie auch nicht gefunden. Die Formel bei dieser Zeitvorgabe selbst zu entwickeln hätte im übrigen auch die Leistungskurs-Schüler überfordert.

Rampe des BMX-FahrersPyramide des Grauens

 
Die Mathe-Klausur strotzte nur so von Spezialfällen, so hatte es das in den vergangenen Jahren in der Tat noch nie gegeben. Vom Oktaeder des Grauens 2008 mal abgesehen. Zudem war die Klausur in der vorgegebenen Zeit nicht zu schaffen. Mein Sohn hat eine Aufgabe, für die es 18 von 100 Punkte gab, für sich selbst zurückgestellt und hatte am Schluß noch max. 5 Minuten Zeit, diese in Angriff zu nehmen. Viele andere Schüler haben eine Aufgabe, für die es 50 von 100 Punkten gab, nicht. Und soweit reicht das Rechenvermögen auf jeden Fall, um zu wissen, bei welcher Note man damit gelandet ist. Mein Sohn hat mir erklärt: Für jede Klausur gibt es drei Gebiete, die egal in welchem Fach, berücksichtigt werden müssen. 1. Re-Organsisation: die Wiedergabe des Gelernten. 2. Transfer: Übertragung des Gelernten auf gestellte Aufgaben. 3. Eigenständiges Denken: in Mathe z.B. die Entwicklung von Formeln, die nicht gegeben sind. Für Punkt 3 hat die Zeit einfach nicht gereicht.

Die Wut richtet sich nicht gegen die Lehrer

Mich macht das Ganze auf der einen Seite traurig, aber auch noch wütender als ich vorher schon war. Ich kann auch rechnen und ich weiß, wenn nicht wenigstens eine 1 vor dem Komma steht, dann war es das mit dem Studienplatz. Ich erinnere an die Benchmark: 1,2 für Germanistik in Bochum in diesem Jahr. Die Wut der Schüler. die sich in sozialen Netzwerken und bei der gestrigen Demonstration entlud, ist berechtigt und verständlich. Die Wut richtet sich übrigens in keiner Weise gegen die Lehrer. Dort ist die Meinung einhellig: Die Lehrer haben in den vergangenen Jahren viel Einsatz gezeigt und getan, was sie konnten, um das eigentlich Unmögliche zu ermöglichen. Wir haben nachgezählt: Wenn man für alle Spezialfälle, die der Lehrplan vorsieht, auch nur eine einzige Stunde veranschlagen würde, wäre man gerade so damit durchgekommen. In G9 wohlgemerkt. Moderne pädagogische Gesichtspunkte wie „Inhalte selbst erarbeiten“ hätte man da allerdings nicht berücksichtigen können, mit der Brachialmethode „Nicht verstehen, einfach lernen“ wäre es vielleicht gegangen.

Von der Bildungspolitik im Stich gelassen

Mittlerweile dürfte auch dem letzten der diesjährigen Abiturienten klargeworden sein, dass sie der im Stich gelassene Jahrgang sind. Jahrelang hat man hier fahrlässig zusammengezimmerte Experimente auf dem Rücken unserer Kinder gefahren, nun sieht man das dicke Ende in Form von überfüllten Unis nahen. Und als Konsequenz stellt man Aufgaben, die kaum lösbar sind, um damit zu „sieben“ und den Notenschnitt möglichst zu drücken? Echt gute Idee. Unglaublich motivierend. So löst man das Bildungsproblem. Bundesländer dieser Nation, schaut auf NRW. Das Bundesland der einfachen Lösungen. Wenn auch nicht in Mathe.

Wir schauen jetzt nach vorne, hoffen das Beste und wünschen dem BVB heute abend mehr Glück, als es unsere Abiturienten mit der Mathe-Klausur hatten…

(Die von mir abfotografierten Skizzen zu den Aufgaben hat mein Sohn nach der Klausur aus dem Gedächtnis gezeichnet, um mir zu erklären, was so schwierig war. Ich habe überhaupt nichts verstanden, das gebe ich ehrlich zu. Fragen dazu kann ich nicht beantworten, aber gerne an den Schöpfer der Skizze weiterleiten.)




„Zügig ins Jenseits“: Kurzkrimis rund ums Bahnfahren

Zügig.CoverDer Dortmunder hat es bekanntermaßen gerne spannend – nicht nur beim Fußball. Der Spannung verschrieben hat sich folgerichtig der in der Stadt des Champions-League-Halbfinalisten ansässige Grafit Verlag, der jetzt mal wieder eine neue Sammlung von Krimi-Kurzgeschichten herausgegeben hat.

„Zügig ins Jenseits“ nimmt sich all jener an, die während des Schienenverkehrs auf die schiefe Bahn geraten sind. Ort der Geschehnisse ist im vorliegenden Band die Deutsche Bahn. Klar, denn das Unternehmen Zukunft Deutsche Bahn ist ja mehr als fahren. Und vom Wetter reden sie auch nicht. Manch einem mögen beim Anblick der bekannten Werbeslogans gelegentlich die Gesichtszüge entgleisen und mörderische Gedanken kommen.

Immer gut für einen Erregungstumult

Der Ärger über verspätete Züge, ausgefallene Klimaanlagen oder besonders uncharmante Zugbegleiter wächst sich hierzulande gerne zu bemerkenswerten Erregungstumulten aus. Fünfzehn in dem Thema bewanderte Krimiautoren sind nun auf diesen Zug aufgesprungen und quer durchs deutsche Schienennetz gereist. Mitgebracht haben sie abgefahrene Geschichten aus den Abgründen des Zugverkehrs. In dieser Anthologie bleibt keiner verschont: nicht die grölenden Fußballfans, nicht die lümmelnden Berufsjugendlichen, nicht die picknickenden Ehepaare. Auch geraten die Piccolöchen der Keglern öfter unter die Räder.

Der Autorin Nicola Förg reicht die schnarrende Stimme einer Zugbegleiterin, um die arme Frau schnellstens zur Endstation Jenseits zu expedieren. Edgar Franzmann bereitet der BO-Ru-SSI-AAA und einem Sheriff im Ruhestand einen großen Bahnhof, Ella Theiss entzündet in Hamburg eine bombige Fontäne und Stephan Hähnel liest im Beschwerdemanagement auch das Kleingedruckte.

Tempo zwischen Bummelzug und ICE

Manche Geschichten entfalten sich mit dem gemächlichen Thema eines Bummelzuges, wieder andere rasen mit dem mörderischen Tempo eines ICE auf ihr kriminelles Ende zu. Roger M. Fiedler stellt die Weichen für seinen „Zeigersprung“ auf gelungene Satire und ihm gelingt es, zu erklären, was wir immer schon wissen wollten: Theorien sind die Ursachen aller Pannen.

Auch ganz Aktuelles kommt nicht zu kurz, Welpenhändler aus Duisburg möchte man nach der Lektüre nicht unbedingt sein. Und dass die sich neu etablierende Gruppe der Samstagspendler, welche sich das Recht, am Samstag vier Mitfahrer auf ihr Monatsticket mitnehmen zu dürfen, regelmäßig versilbern lassen, nicht ungefährlich lebt, dürfte nach der Lektüre von Niklaus Schmidts Geschichte auch klar sein. Klar wird dem Leser auch so einiges Wissenswerte aus dem Streckennetz, denn als kleine Kulanz ist jeder Geschichte eine „Wussten sie schon, dass…“-Frage“ mit Antwort vorgeschaltet.

Noch eine Besonderheit: Nicht alle Geschichten sind verbrecherisch, eine erzählt von der Liebe. Für „Drück mich jetzt!“ erhielt Alexandra Trudslev den Förderpreis des Literaturpreises Ruhr, sowie sicherlich die Zustimmung vieler Leser, die sich gleich ihrer Heldin schon an störrischen Fahrkartenautomaten abgearbeitet haben.

Fazit: Ohne Zugzwang gut geeignet, sich die Zeit auf Reisen angenehm zu vertreiben und so dazu beizutragen, ein vielbeschworenes Versprechen der Deutschen Bahn einzulösen: Urlaub von Anfang an.

„Zügig ins Jenseits. Mörderische Geschichten für Bahnfahrer“. Grafit Verlag, Dortmund. 224 Seiten. 9,99 Euro.




Meine letzte „Rundschau“

So. Das war’s. Heute habe ich mein letztes Abo-Exemplar der Zeitung erhalten, die sich immer noch hartnäckig „Westfälische Rundschau“ (WR) nennt.

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Die WR lese ich seit Ende der 60er Jahre. Ununterbrochen habe ich das Blatt von 1980 bis heute bezogen, bis 2009 als „Personalstück“ für Redakteure. Auch meine Eltern haben schon die Rundschau „gehalten“, wie man es früher ausdrückte. Die konkurrierenden Ruhr-Nachrichten kamen jedenfalls all die Jahre über nicht ins Haus.

Ganz ehrlich: Allzu viel Wehmut ist nun trotzdem nicht im Spiel. Denn das, was da seit Anfang Februar geliefert wird, hat ja mit der Rundschau von früher kaum noch etwas zu tun.

Bewusst habe ich Mitte Januar, als die Entlassung der gesamten WR-Redaktion verkündet wurde, keine fristlose, sondern eine fristgerechte Kündigung an die Essener WAZ-Zentrale geschickt. Es war ja zu ahnen, dass der Konzern sonst Zicken machen würde. Mit einem hakeligen Hin und Her mochte ich meine Nerven nicht strapazieren. Außerdem wollte ich noch ein paar Wochen lang täglich beobachten, wie sich die redaktionslose Zombie-Zeitung entwickelt, also dieses abstruse Gemisch aus WAZ (Mantelteil) und Ruhr-Nachrichten (Dortmunder Lokalteil).

Der seltsamen Mixtur ohne eigenen Geist wurde immer wieder penetrant das „WR“-Mogeletikett angeheftet: „Jetzt neu in Ihrer WR“, „(XYZ) im WR-Gespräch“, „Wie die WR erfuhr“ usw. Ganz so, als sei unterdessen nichts mit der WR-Redaktion geschehen. Auch in der heutigen Ausgabe wünschen im Kleingedruckten „Verlag und Redaktion“ (welche Redaktion?) frohe Ostertage, während die Überschrift lautet: „Die WR wünscht ein frohes Osterfest“. Ich habe wirklich keine Lust mehr, mich so zum Narren halten zu lassen.

Von gelegentlichen thematischen Reibungen (Doubletten etc.) zwischen Mantel und Lokalteil wollen wir mal schweigen. Dafür, dass es hier zwischen WAZ und RN keine regelmäßigen engen Absprachen gibt, hielt sich der Widersinn noch halbwegs in Grenzen.

Bislang habe ich gedacht, dass die Ruhr-Nachrichten (RN) einen zumindest passablen oder auch recht ordentlichen Lokalteil machen. Hierauf konzentrieren sie ihre Kräfte, im Mantelteil werden hingegen vielfach Agenturtexte abgedruckt. Neuerdings bin ich auch vom Lokalen etwas ernüchtert. Mag sein, dass mir die RN-Berichte im Rundschau-Gewand schon per se missfallen. Das wäre dann teilweise mein Problem. Wahr ist aber auch, dass sie immer mal wieder absolut belanglose Geschichten grauslich hochjazzen. Eine Dortmunder Unternehmerin, die sich diversen Hollywood-Stars an den Hals wirft und mit ihnen ablichten lässt, war einen lokalen Bildaufmacher, einen länglichen Text und eine Fotostrecke „wert“. Es war nicht die einzige eklatante Fehleinschätzung.

Jetzt habe ich mich aber auch lang genug geärgert und bin froh, dass es mit dieser Osterausgabe, die von vorn bis hinten wahrlich über Gebühr mit Hasen und Eiern gefüllt ist, ein Ende hat. Die Funke-Gruppe (vormals WAZ-Gruppe), die einen kürzlich per Brief und Anruf noch bei Laune halten und als Abonnenten behalten wollte, hat es tatsächlich fertiggebracht, ausgerechnet zu Anfang April die Abo-Preise zu erhöhen – ein dilettantisches Timing, das entweder auf Panik, Konfusion oder Unverfrorenheit hindeutet.

Gewiss, ohne Widersprüche geht’s bei all dem nicht ab: Mit dem (von vielen gefassten) Entschluss, das WR-Abo zu kündigen, gefährdet man unter Umständen weitere Arbeitsplätze in der WAZ-Gruppe. Inzwischen ist ja bereits die Streichung weiterer 200 Jobs in verschiedenen Konzernbereichen angekündigt worden, die freilich anders begründet wird.

Ich möchte jedenfalls kein Unternehmen mitfinanzieren, das seine Rendite vorwiegend mit personellem Kahlschlag steigert. Wie heißt es auf der heutigen „WR“-Titelseite so schön konjunktivfrei über die jüngsten Opel-Verluste – im Zitat des unvermeidlichen Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer: „Das Argument, Kunden interessiert es nicht, ob ein Hersteller Werke schließt oder unbarmherzig mit seinen Mitarbeitern umgeht, gilt im Ruhrgebiet nicht.“ Eben.




„Die Wirklichkeit wird nicht mehr gebraucht“: Ernst-Wilhelm Händlers „Der Überlebende“

Der Ich-Erzähler bleibt namenlos. Alles andere wäre auch geradezu widersinnig. Denn der Mann steht für die kommende Überschreitung biologischer Gegebenheiten, für den Übergang der Schöpfung in eine anonyme Eiseskälte.

Die Hauptfigur in Ernst-Wilhelm Händlers Roman „Der Überlebende“ leitet das Leipziger Elektrotechnik-Werk des fiktiven US-Konzern D’Wolf, betreibt dort aber insgeheim weiter die Roboterforschung, die offiziell gestoppt worden ist. Für dieses verborgene Geisterprojekt geht er über Leichen – nicht nur im übertragenen Sinne.

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Gesichter von Menschen kann sich der seltsam seelenlose Mann ohnehin nicht merken, worauf also sollte sich ein etwaiges Mitleid beziehen? Landläufig würde man ihn vielleicht als Autisten bezeichnen. Dieser hier will gleichzeitig alle Fäden ziehen, alles unter Kontrolle behalten, über jeden Schritt von Karrierefrauen mit mysteriösen Namen wie Sondra oder Burgi unterrichtet sein.

Hat schon die Firma ein ausgeklügeltes Überwachungssystem („Total Recall“) installiert, das beispielsweise alle Konferenzen für immer aufzeichnet, so setzt der Werksleiter seinerseits eine noch lückenlosere Spionage-Apparatur drauf. Ihm entgeht – rein äußerlich – praktisch nichts. Aber kann er das Gesehene auch richtig deuten? Wie dringend bräuchte er eine Software, die alle Beziehungen unfehlbar analysiert…

Wenn er jedenfalls argwöhnt, dass die schwer erkrankte Ehefrau Maren, Freund Peter oder Tochter Greta seine Kreise stören, so müssen eben Opfer gebracht werden. In den universalen und galaktischen Dimensionen, in die er sich gedanklich so gern erhebt, spielen einzelne Menschenleben überhaupt keine Rolle. Ein kurzerhand vertauschtes Medikament, ein geschickt eingefädelter und perfide beeinflusster Boxkampf – wer will es ihm nachweisen? Er ist und bleibt „Der Überlebende“. Und um welchen Preis?

Ernst-Wilhelm Händler, der früher selbst als mittelständischer Unternehmer tätig war und wirtschaftliche Mechanismen (so auch Firmenhierarchien, Marktstrategien und Preiskämpfe) sachkundig in die Handlung einfließen lässt, verwendet eine durchaus passende, wie aus dem Baukasten gefügte, auf Präzision versessene Sprache. Wie metallische Scharniere klirren und klacken schon die zahllosen Imperfekt-Endungen: „Du aber frösteltest. Mit der linken Hand rafftest du das Nachthemd…“ Doch die stocknüchterne, zuweilen steifleinene Genauigkeit und all das rational erscheinende Kalkül scheinen letztlich in ein dunkles Chaos zu führen; in einen Strudel hin zum Ende der Welt, wie wir sie kennen…

Fischen wir nur einige Partikel aus dem Gedankenstrom des Technikers, der ein später Nachfahre von Max Frisch „Homo Faber“ sein könnte und auch George Orwells Überwachungs-Visionen hinter sich lässt: „Wir würden es fertigbringen, die Realität zu klonen, sie würde annihiliert und durch ihre Doppelgängerin ohne Menschen ersetzt werden. Die Wirklichkeit wird nicht mehr gebraucht, sie kann verschwinden, sie muss verschwinden.“

Wesentliche Teile des Geschehens sind nur noch durchs Flimmern von Bildschirmen vermittelt – wie in der Finanz- und Börsenwelt oder vielen Bereichen der „Frei“-Zeit längst üblich. Kalkulatoren und Controller sind die verbliebenen Mächte in diesem blutleeren Getriebe. Wer womöglich über all das herrscht, steht gar nicht mehr zur Debatte. Vielleicht egal. Die einstweilen noch tapsigen, aber lernfähigen Roboter werden wohl einst alle lebendigen Wesen ersetzen, wenn nicht Einhalt geboten wird. Das ist der Erwartungshorizont dieses Romans.

Man liest den Fortgang mit einer fast widerwilligen Faszination, befremdet und fröstelnd.

Ernst-Wilhelm Händler: „Der Überlebende“. Roman. S. Fischer Verlag. 320 Seiten, 19,99 Euro.




Der Koloss wankt: Funke-Mediengruppe (WAZ) streicht abermals 200 Stellen

Es wird allmählich zur Konstante, wenn von der Funke-Mediengruppe (ehemals WAZ-Mediengruppe) die Rede ist: Man erwartet ja schon allzeit Kürzungsmaßnahmen, aber doch nicht so schnell und so drastisch, wie sie dann tatsächlich eintreten.

Die Geschäftsführung in Essen setzt jeweils auf „Überraschungs“-Effekte, für einzelne Betriebsteile auch auf ein Ende mit Schrecken – siehe die erst am 15. Januar verkündete Entlassung der kompletten Redaktion der Westfälischen Rundschau, von der rund 120 Redaktionsmitglieder und über 150 freie Mitarbeiter betroffen sind.

In den letzten Tagen und Wochen hatte man ziemlich fest mit dem „Aus“ für die Vest-Ausgabe (Kreis Recklinghausen) der WAZ gerechnet, doch nicht mit einem Kahlschlag dieses Kalibers: Abermals sollen im Konzern bis zu 200 Stellen gestrichen werden – bei Anzeigenblättern, im Anzeigenbereich und im Fotografenpool, doch auch – wohl besonders bemerkenswert – am zentralen Content Desk, der die Blätter der Gruppe mit regionalem und überregionalem Mantelstoff für die klassischen Ressorts und deren Ableger beliefert.

Der von WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz geleitete und gehegte, einst bundesweit als Modell ausposaunte Desk muss also deutlich Federn lassen – von 21 bis 24 Stellen am bislang recht ordentlich besetzten Tisch ist die Rede. Es heißt, Beobachter aus dem angeblich näheren Umfeld hätten Reitz neuerdings nachgesagt, er werde zusehends nervös und habe seine einst zur Schau gestellte Souveränität eingebüßt. Aber das ist ungeprüfte Kolportage, Kaffeesatz-Leserei, wiewohl wahrscheinlich nicht völlig ohne Anlass.

Man vermag jedenfalls kein tragendes Konzept hinter all dem hektischen Aktionismus in der Funke-Gruppe zu erkennen. Es sieht so aus, als ließe man sich dort von den Entwicklungen treiben und ins Bockshorn jagen, anstatt sie mitzugestalten. Eine treibende Kraft scheint diesmal der Discounter Aldi zu sein, der künftig offenbar auf Werbung in Tageszeitungen weitgehend verzichten will.

Auch ist von stetig sinkenden Abonnentenzahlen die Rede. Die Kündigungswelle bei der Westfälischen Rundschau, die seit 1. Februar ohne eigene Redaktion erscheint, dürfte daran derzeit einen nicht unwesentlichen Anteil haben. Zahlen hierzu gibt die Funke-Gruppe wohlweislich nicht heraus. Man wird also die objektiv ermittelten IVW-Zahlen abwarten müssen, die im nächsten Quartal genauere Auskunft geben werden.

Die Geschäftsführer der Funke-Mediengruppe (Christian Nienhaus, Manfred Braun, Thomas Ziegler) lassen unterdessen verlauten: „Wir müssen uns Freiraum für neue Produkte schaffen.“ Man darf gespannt sein, um welche Produkte es sich da handelt. Reichlich wolkig heißt es weiter, man werde „unsere starken regionalen Marken in die digitale Welt überführen“; ganz so, als sei letztere gerade erst erfunden worden. Dass man die Umbenennung in Funke-Mediengruppe als Rückgriff auf eine Familientradition verkauft, wirkt bestenfalls hilflos.

Derzeit vermag ich mir nicht recht vorzustellen, dass im Konzern genügend verlegerische Phantasie waltet, um solche Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben zu meistern. Eher verfestigt sich der Eindruck, dass der einstige Koloss ins Wanken geraten ist.




Die wunderbare Pressevielfalt nach Art des Christian Nienhaus

Hier kommt ein Beitrag aus Reihe „Was wir immer schon mal wissen wollten, aber bislang nie zu fragen wagten“: Was versteht Christian Nienhaus, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, eigentlich unter Pressevielfalt?

Was bisher geschah: Die WAZ-Gruppe hat zum 1. Februar 2013 Redaktion und freie Mitarbeiter der Westfälischen Rundschau (WR) in die Wüste geschickt. Der Titel erscheint jedoch mit fremden Inhalten weiter (Mantelteil von der WAZ, einige Lokalteile von verschiedenen Konkurrenten wie den Ruhr-Nachrichten). Die ohne eigene Redaktion operierende WR gilt zahlreichen Kritikern seither als seelenlose Zombie-Zeitung.

Jetzt veranstaltete der Hörfunksender WDR 5 im Dortmunder Harenberg Center ein „Stadtgespräch“ zum leidigen Thema (Moderation auf dem Podium: Judith Schulte-Loh, Ausstrahlung am Donnerstag, 7. März, 20:05 Uhr). Zwei Bemerkungen zwecks erhöhter Transparenz: Aus Zeitmangel war ich nicht am Ort des Geschehens, habe mir aber den Live-Stream im Internet (dankenswerter WDR-Service, jetzt als Videoaufzeichnung greifbar) angesehen. Das Bild zu diesem Text habe ich dabei vom Computerbildschirm abfotografiert.

Christian Nienhaus, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, beim WDR-Stadtgesprräch (Screenshot vom Livestream des WDR)

Christian Nienhaus, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, beim WDR-Stadtgespräch (Screenshot vom Livestream des WDR)

Zur Sache!

Viele hatten sich vor allem gefragt, was wohl der Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, Christian Nienhaus, zu Protokoll geben würde. Voilà:

Nienhaus befand, ihm gefalle die jetzige „Rundschau“ – so wörtlich – „auch ganz ordentlich“. Was findet er zum Beispiel gut? Launige Replik: „Mir gefällt ‚Günna’, den hatten wir vorher nich’…“ Das müssen wir kurz erläutern: Der Dortmunder Komiker Bruno Knust schreibt seit vielen Jahren als „Günna“ die lokale Samstags-Kolumne der Dortmunder Ruhr-Nachrichten (RN). Da die Rundschau in Dortmund jetzt von den RN lokal befüllt wird, steht eben auch der Scherzbold mit drin. Welch ein Zugewinn nach der Entlassung von 120 Redaktionsmitgliedern und über 150 freien Mitarbeitern!

27 Zeilen sollen den Unterschied machen

Allen Ernstes wollte Nienhaus es als Zeichen fortbestehender Vielfalt verstanden wissen, dass der verbliebene WR-Chefredakteur Malte Hinz von Fall zu Fall Kommentare (gestern und heute gerade mal je 27 Zeilen – Anm. des Autors) extra für die Rundschau verfasst.

Noch ein weiteres Signal für Vielfalt sieht Nienhaus: Es gebe doch im Internet ziemlich viele Blogs. Na, dann ist ja mit der Medienlanschaft alles in bester Ordnung, oder?

Nienhaus mokierte sich über die Zeiten des früheren „WAZ-Modells“ (WAZ, WR, WP und NRZ als unabhängige Zeitungen unter einem Dach). Da hätten vier Redakteure beim Fußballspiel gesessen – und jeder habe geschrieben „Flanke – Kopfball – Tor“. Außerdem habe jeweils noch einer die Hintergründe geschildert. Ach, so war das also. Demnach haben im Feuilleton wahrscheinlich auch vier Leute parallel geschrieben: „Dann sagte der Hamlet-Darsteller: ‚Sein oder Nichtsein…’“ Und ein Quartett von Politik-Kollegen hat gewiss die jüngste Merkel-Rede fast wortgleich gepriesen. Nun gut. Lassen wir die Polemik.

Wenn Tendenzschutz fragwürdig wird

Nienhaus machte ausschließlich wirtschaftliche Gründe für die Entscheidung geltend, die Rundschau-Redaktion zu entlassen. NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider, der Medienwissenschaftler Prof. Ulrich Pätzold (über die neue WR: „Mogelpackung“, „Falschmünzerei“, „Das ist keine Zeitung mehr“) und die vormalige WR-Leserbeirätin Inés Maria Jiménez versuchten hingegen immer wieder, Nienhaus an seine publizistische Verantwortung zu erinnern.

Schneider betonte, Zeitungen seien keine eben beliebige Handelsware wie Zitronen. Man könne verlangen, dass ein Verlustbringer im ansonsten gesunden Konzern auch schon mal quersubventioniert werde. Pätzold fragte, warum eine leere Hülse wie die jetzige Rundschau überhaupt noch das Verlegerprivileg des „Tendenzschutzes“ genieße. Für welche schützenswerte Tendenz stehe dieses Produkt nun eigentlich noch?

Auch aus dem Saalpublikum kamen zwischendurch einige unbequeme Fragen von Lesern und (zum Teil betroffenen) Journalisten.

„Diskretion“ in eigener Sache

Das alles ließ Nienhaus an sich abperlen und ging hin und wieder zum Angriff auf anderen Feldern über. Vor allem haderte er mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Suchmaschinen wie Google, die die Geschäftskreise der Zeitungen empfindlich störten. Dass die Medien „seines“ Hauses weder auf das WDR-Stadtgespräch hingewiesen haben noch darüber berichten werden, findet er ganz normal, denn bei Berichten in eigener Sache erlege man sich aus guten Gründen seit jeher Zurückhaltung auf. Fragt sich in diesem Falle nur noch, aus welchen zusätzlichen guten Gründen.

Übrigens: An unscheinbarer Stelle gab Nienhaus auch eine Art Versprechen, zumindest für die nähere Zukunft. In einem Nebensatz sagte er, dass Westfalenpost (WP) und Neue Ruhr/Rhein Zeitung (NRZ) nunmehr ungefährdet seien. Sein Wort in wessen Ohr auch immer.




Das Revier und der Stahl – am Anfang stand die Industrie-Spionage

Der Weltkonzern Thyssen-Krupp will sich in Europa von seinem Stahlgeschäft trennen – diese Nachricht erschreckte in den letzten Tagen nicht nur die übel betroffenen Arbeiter und Angestellten des Konzerns. Dabei gehört das Stahlkochen doch zur Kernkompetenz der Ruhrgebiets-Industrie. Oder etwa doch nicht?

Der Behlinger Hammer im Tal der Ennepe gehörte den Harkorts.

Der Behlinger Hammer im Tal der Ennepe gehörte den Harkorts.

Ein unvollständiger historischer Rückblick auf die Reviergeschichte zeigt Überraschungen: Die Familie Harkort betrieb im 18. Jahrhundert neben ihrem Werk in Haspe bereits im oberen Tal der Ennepe ein Erzbergwerk und dazu in der Nähe ein Wasser betriebenes Hammerwerk, auf dem Gebiet der heutigen Stadt Ennepetal gelegen. In dem Hammerwerk wurde verhüttetes Eisen aus der Region und aus dem Siegerland geschmiedet, denn die Stahlherstellung beherrschte man noch nicht. Erste Versuche in einer Wittener Fabrik und an anderen Orten an der Ruhr scheiterten, weil man mit Holzkohlefeuerung die für den Stahlguss erforderlichen Temperaturen nicht erreichen konnte.

Erst Friedrich Harkort, der heute als Pionier anerkannt ist, lernte durch Industriespionage in England das Puddelstahlverfahren kennen. Er brachte, gegen den Widerstand der anderen Fabrikanten, nicht nur das Verfahren mit nach Deutschland, sondern auch die passenden Fachleute. In Wetter an der Ruhr baute er seine „Mechanischen Werkstätten“, die Keimzelle des späteren Mannesmann-Demag-Konzerns. Hier arbeitete er mit dem englischen Meister Thomas und zahlreichen in England abgeworbenen Arbeitern zusammen, die zwar schon morgens kräftig Schnaps und Bier tranken, aber in ihrem fachlichen Können unschlagbar waren.

1811 gründete Friedrich Krupp das erst Gussstahlwerk in Deutschland, doch das Stahlkochen in großem Stil gelang aber erst später, als man aus der Steinkohle industriell den Koks herstellen und damit den Brennstoff für deutlich höhere Temperaturen bereitstellen konnte.

Am Anfang der Industrieentwicklung im Ruhrgebiet aber stand, wie heute ähnlich in China, die Industriespionage.




Opel Bochum mal aus einer anderen Sicht

Hier und heute mal etwas Anderes zum Thema Opel: Als kleiner Junge war ich oft bei meinen Großeltern in Bochum-Weitmar zu Besuch. Für ein Kind aus dem dörflichen Münsterland war das Ruhrgebiet eine aufregende Sache. Als dann die ersten Berichte über den geplanten Opel-Bau beim Opa bekakelt wurden, war ich überrascht. Konnte man eine große Autofabrik einfach so bauen? Auf eine Wiese?

Schauseite des Bochumer Opel-Werks (Foto: Bernd Berke)

Schauseite des Bochumer Opel-Werks (Foto: Bernd Berke)

Eine Fabrik, das war in meiner Vorstellung ein Sammelsurium unterschiedlicher Bauteile, die nach und nach aus einer Werkstatt entstanden waren, die mit der Firma wuchsen und dann eben eine Fabrik geworden waren.

Tatsächlich wurde Opel Bochum gebaut. Das war für uns eine Attraktion, die man von außen staunend besichtigte. Später war ich dann mit einem Freund in Eisenach, kurz nach der Maueröffnung und noch vor dem Ende der DDR. Damals im Februar 1990 lag ein stinkender Braunkohlerauch über der Stadt. Sie wirkte wie gelähmt, die Menschen gingen wortlos durch die Straßen, kein Lachen und Plaudern wie in westlichen Fußgängerzonen – von Aufbruch keine Spur. Wir tranken einen Kaffee in einer HO-Gaststätte. An einer langen Theke saßen morgens um 10 mindestens zwei Dutzend schweigende Männer und tranken Bier aus Flaschen.

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In diesem Eisenach entstand dann auch eine Opel-Fabrik, noch moderner als die in Bochum und heute ebenfalls in Teilen schon wieder veraltet. Wann wird sie geschlossen? Der Braunkohlengestank in Eisenach ist weg, erzählen mir Bekannte. Die Stimmung näherte sich dem Westen an, vor allem Volksmusik sei dort beliebt. Die Menschen lachen und plaudern auch auf der Straße miteinander. Das bleibt so, bis Opel dicht macht. Vielleicht sollte ich mir ein neues Auto kaufen.




Bilder einer leeren Rundschau-Redaktion

Der leere Newsdesk (Foto: Bernd Berke)

Der leere Newsdesk (Alle Fotos bis auf die WR-Doppelseite: Bernd Berke)

Heute, am 31. Januar 2013, ist der letzte Tag der Rundschau-Redaktion. Der allerletzte. Für immer.

Ab morgen werden – je nach Lokalausgabe – Journalisten von Ruhr-Nachrichten, Hellweger Anzeiger, Westfalenpost oder Lüdenscheider Nachrichten die leere Hülle mit dem Titel „Westfälische Rundschau“ füllen, während der überregionale Mantelteil vom zentralen Essener Newsdesk der WAZ-Gruppe geliefert wird. Da wird zusammengestoppelt, was nicht zusammen gehört. Nennt das Resultat Zombie, nennt es sonstwie; es ist allemal beispiellos in der bundesdeutschen Presselandschaft. Und es ist (ab Samstagausgabe, 2. Februar) nicht mehr die Rundschau – ganz egal, was vorne draufsteht.

Die leere Nachrichten- und Politik-Redaktion (Foto: Bernd Berke)

Die leere Nachrichten- und Politik-Redaktion

Der traditionsreiche Name der Zeitung, die erstmals am 20. März 1946 erschienen war, ist also fortan nur noch ein unsinniges Signal ohne wahre Bedeutung. Das Blatt ohne eigene Redaktion, mithin auch ohne eigenen Geist und eigene Meinung, wird als untotes Mischprodukt durch die Medienlandschaft geistern. Aber wie lange noch? Es hat offenbar schon in den letzten Tagen Abo-Kündigungen gehagelt. Und wenn die Menschen erst merken, was ihnen da künftig vorgesetzt wird… So leicht lässt sich der Westfale nicht „beim Bock tun“.

Der leere Konferenzraum (Foto: Bernd Berke)

Der leere Konferenzraum

Bei Durchsicht meiner alten Fotos, die ich in der Dortmunder WR-Zentraledaktion am Brüderweg aufgenommen habe, bin ich auf einen Stapel gestoßen, der mir ziemlich genau zur heutigen Atmosphäre zu passen scheint. Die Redlichkeit gebietet es, die Entstehungszeit zu markieren: Nach einem Desk-Spätdienst am 28. November 2008 war ich der letzte anwesende Redakteur und habe die ansonsten leeren Räume fotografiert; allerdings schon in dem Bewusstsein, dass ich die Zeitung kurz darauf – nach rund 30 Jahren – aus freien Stücken verlassen würde. Natürlich mit zwiespältigen Gefühlen, wie denn sonst? Obwohl ich also selbst die Entscheidungshoheit hatte, habe ich danach einige Monate gebraucht, um mich allmählich ins neue Dasein einzufinden.

Nochmals der leere Desk, auf der Bildschirmwand die fertig produzierten Seiten. (Foto: Bernd Berke)

Nochmals der leere Desk, auf der Bildschirmwand die fertig produzierten Seiten.

Das Privileg der Freiwilligkeit genießen die Kolleginnen und Kollegen, die ab morgen erst einmal ohne Erwerbsarbeit sind, leider nicht. Sie sind völlig überraschend und äußerst kurzfristig kollektiv vor die Tür gesetzt worden. Man kann allen nur wünschen, dass sie wieder rasch in neue Lebensspuren kommen und/oder die erforderliche Zwischenzeit mit einer Abfindung überbrücken können. Die freien Mitarbeiter haben nicht einmal diesen Trost. Es ist zum Heulen. Und zum Zürnen.

Leerer Redaktionsflur, 3. Etage (Foto: Bernd Berke)

Leerer Redaktionsflur, 3. Etage

Heute wirken die hier gezeigten Bilder wie ein Menetekel. Jedenfalls liegt, so finde ich, Melancholie wie Mehltau auf der menschenlosen Szenerie. Das Motto „Der Letzte macht das Licht aus“ ist oft und manchmal allzu flapsig strapaziert worden, aber hier stimmt es.

Wo Betriebsamkeit herrschte, gähnt nun die Leere. Wo rege debattiert, zuweilen ordentlich gestritten und geflucht, aber auch viel gelacht wurde, bleibt es nun gespenstisch stumm. Wo Aktualität drängte, stehen und liegen die Dinge jetzt nur noch zum baldigen Abtransport umher.

Die Bildschirmwand, nunmehr abgeschaltet (Foto: Bernd Berke)

Die Bildschirmwand, nunmehr abgeschaltet

Heute soll es zum Abschied am späteren Abend noch einen Redaktionsumtrunk geben. Spontan habe ich gedacht: „Da gehst du auch hin.“ Doch nein! Wenn man die letzten 14 Tage nicht im Inneren der WR erlebt hat, kann man sich auf die jetzige Stimmungslage schwerlich einschwingen, die ich mir als eine Art Verzweiflungseuphorie vorstelle. Na, wer weiß. Jedenfalls rufe ich heute aus gebührender Distanz, aber kollegial und freundschaftlich hinüber: „Prost! Auf die Zukunft. Bis demnächst mal. Macht’s gut!“

Aus besseren Zeiten: Beilage zum 60jährigen Bestehen der Westfälischen Rundschau am 20.3.2006 - Doppelseite mit Porträts der damaligen WR-Redaktionsmitglieder.

Aus besseren Zeiten: Beilage zum 60jährigen Bestehen der Westfälischen Rundschau am 20.3.2006 – Doppelseite mit Porträts der damaligen WR-Redaktionsmitglieder. Vor allem ab 2009 wurde die Personalstärke schon erheblich ausgedünnt.

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Alltagsnicken (5): Wir hatten doch noch telefoniert

Ich hatte gerade erst das Vermögen des schmerzfreien Gehens wieder erlangt, ich hatte den Frost des vergangenen Samstags aus meinen hinfälligen Knochen geschüttelt, ich saß verdrossen und missgelaunt – warum, das könnt Ihr ahnen – in meinem Büro, als mich ein Anruf erreichte.

Am anderen Ende der Leitung redete eine gewohnte Stimme fröhlich auf mich ein. Der Mann erläuterte mir quasi in einem Atemzug, dass er sich gerade im Krankenhaus befinde, es aber immer besser ginge, nur, dass es ihm schlecht werde, wenn er die Nachrichten über die umstrukturierende Erdrosselung der Westfälischen Rundschau lese und dass wir uns dringend baldigst zusammensetzen sollten, um gemeinsam über eine lokale Internetzeitung zu grübeln, deren Erscheinen nun umso dringlicher geboten sei.

Es war Klaus Seifert, der ehemalige Chefredakteur des Hellweger Anzeigers (HA), der Zeitung, die ab 1. Februar – nach den Visionen des Pontifex Maximus mit Namen Christian Nienhaus – in Unna und Kamen den lokalen Teil zur ganzkörperamputierten Rundschau liefern soll. Klaus Seifert, der war mal mein Chef, nachdem ich beim HA angeheuert hatte und bald darauf zur Rundschau wechselte. Wir haben stets gern zusammengearbeitet, haben bisweilen auch heftig gestritten, aber über eines hätte ich nie klagen dürfen, weil es nicht geschah: über Respektlosigkeit. Wie ich später von ihm erfuhr, galt das auch in umgekehrter Richtung.

Gestern glaubte ich nicht an ein Gerücht, das krakig durch die Stadt tentakelte, wehrte ich energisch ab und verwies darauf, dass ich doch am Montag noch mit ihm gesprochen habe, dass wir Alten noch an gemeinsamen Plänen arbeiteten. Heute musste ich feststellen, dass manches Gerücht erschütternd reale Hintergründe hat. Klaus Seifert, kaum 72 Jahre alt, ist nicht mehr am Leben. Das letzte worüber wir sprachen, war das gemeinsame Entsetzen über das Ende der WR. Er hat es kaum glauben wollen, wie zynisch kalt die Essener die Amputation durchzogen, wie wenig der Faktor Mensch zählte und fragte immer wieder nach, ob das denn wirklich so gewesen sei.

Nicht erst seit den miesen Nachrichten über die erschlagene Zukunft der WR wissen wir, wie sehr Zeitungen und ihre Macher die Kultur einer Stadt, die Atmosphäre in ihr mitbestimmen. Ein guter Freund und langjähriger Kollege, der auch als Ruheständler sich liebend gern einmischte, lebt nicht mehr. Klaus würde es mir nachsehen, dass ich bei den Gedanken an ihn beinahe automatisch diese Assoziation hatte: Bald werden noch viele andere Stimmen verstummen, weil ihr Rundschau-Sprachrohr nicht mehr existiert.

Ade, Klaus Seifert.




Die schier unerträgliche „Spannung“ vor dem Ende der Rundschau-Redaktion

Es würde einen jetzt doch mal brennend interessieren, wie Rundschau-Chefredakteur Malte Hinz das gemeint hat, als er dem NDR-Medienmagazin „Zapp“ sagte, er erwarte die neue „Westfälische Rundschau“ nachgerade mit Spannung. Der Mann, der seinen gut dotierten Posten behält, jedoch (weil ohne eigenes Redaktionsteam) ab Februar an einem Essener Schreibtisch sitzt, ist also wahrhaftig „gespannt“ auf die künftig fremdbelieferte Zombie-Zeitung. Ist das bloß einfältig oder ist es schlimmer?

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Im selben „Zapp“-Beitrag äußert sich Christian Nienhaus, einer der mächtigen Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, beinahe schon rührend blauäugig: Er behauptet, die Tradition der WR werde weiterhin beachtet. Auch hoffe er, dass die Abonnenten von der Umstellung möglichst wenig merken…

Wie gut, dass es jetzt ein spürbares Gegengewicht zu solchen – um es überaus höflich zu sagen – verwaschenen Äußerungen gibt, nämlich eine von 216 Kolleg(inn)en der WAZ und der NRZ in Essen unterzeichnete Erklärung zur Schließung der WR-Redaktion, die u.a. hier im Wortlaut nachzulesen ist und an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Alle Achtung! Auch Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) hat inzwischen – wie berichtet – klare Worte gefunden, desgleichen der Bürgermeister von Arnsberg, Hans-Josef Vogel. Überdies haben (Stand 24. Januar, 13:00 Uhr) schon rund 5400 Menschen einen Solidaritäts-Aufruf für die WR-Redaktion online unterzeichnet.

Dennoch sieht es leider so aus, als könnte in Kürze – ungeachtet aller menschlichen Schicksale, die an der Schließung hängen – die Liegenschaftsverwaltung der WAZ-Gruppe verstärkt tätig werden. Denn mit der Entlassung der WR-Redaktion und der freien Mitarbeiter würden etliche Immobilien (bisherige Redaktionsräume) in zentralen Ortslagen frei werden; im einstigen Haupthaus am Dortmunder Brüderweg sogar mehrere Etagen mit Pförtnerloge und einigen Tiefgaragenplätzen. Da kann man also entweder Mieten sparen oder sogar Verkaufs- und Vermietungs-Einnahmen erzielen. Sag’ ich mal als Laie.

„Gespannt“ darf man auch sein, wie der Dortmunder Häuserblock Brüderweg/Ostenhellweg sich künftig darstellen wird. Falls der WR-Leserladen am Ostenhellweg bestehen bleibt (wonach es – ausweislich heute flugs geschalteter Eigenanzeigen – erst einmal aussieht), würde freilich die Seite am Brüderweg reichlich kahl wirken. Oder montiert man die alten Rundschau-Schilder etwa gar nicht ab? Vielleicht sollte man nun noch mal die Geschichte mit Potemkin nachlesen, um mental gewappnet zu sein.

Furchtbar „gespannt“ bin ich auch auf die Namen und sonstigen Angaben im künftigen Impressum der Etikettenschwindel-WR. Hierbei darf man sicherlich besondere Kreativität, wenn nicht gar avancierte Gebrauchslyrik aus dem Geist des Absurden erwarten.

Und weiter mit der schier unerträglichen „Hochspannung“: Wie wird die WAZ in ihrem Mantelteil eigentlich künftig aus Dortmund berichten? Schickt sie gelegentlich eigene Leute aus Essen hin? Oder wird die Lokalredaktion der Ruhr-Nachrichten künftig den WAZ-Videokonferenzen zugeschaltet und nimmt etwaige Themenwünsche entgegen? Wird da überhaupt koordiniert oder darf man sich schon jetzt auf prächtige „Doubletten“ und andere Pannen einstellen?

Ja, die „Spannung“ hört gar nicht mehr auf: Was ist an dem Gerücht dran, dass die Ruhr-Nachrichten – nach einer gewissen Schamfrist – ihre Bochumer Lokalredaktion schließen könnten, nachdem die WAZ-Gruppe den RN in Dortmund das Feld überlassen hat? Sollte es da etwa Gebietsabsprachen geben? Da wäre ja geradezu…

P.S.: Ich bin seit Kindertagen ein Anhänger von Borussia Dortmund und freue mich immer, wenn der Verein gewinnt. Nun aber mal in aller Freundschaft so gefragt: Hat sich eigentlich der ruhmreiche BVB, der seit vielen Jahrzehnten von der Berichterstattung (phasenweise auch von nibelungentreuer Hofberichterstattung) der WR profitiert hat, mit einer einzigen Zeile zur bevorstehenden Schließung der WR-Redaktion geäußert? Sollten wir da etwas übersehen haben? Dann sind wir für spannende Hinweise sehr dankbar. Wie bitte? Der BVB und die Ruhr-Nachrichten seien „Medienpartner“? Und BVB-Pressesprecher Sascha Fligge sei just aus dem Hause Ruhr-Nachrichten zu Borussia gekommen? Ja, was sollen wir denn jetzt denken?




Warum die Lage bei Opel fast überhaupt nichts mit der WAZ-Gruppe zu tun hat

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Es könnte sein, dass manche WAZ-Entscheidungsträger in Essen diese Nachrichtenlage insgeheim sogar begrüßt haben – im wohlverstandenen Eigeninteresse: „Opel Bochum schließt bereits 2014“, so lautet heute (23. Januar) die Titelschlagzeile der „Westfälischen Rundschau“ (WR), die nur noch rund eine Woche lang eine eigene Redaktion hat.

Auf diese Weise, so scheint es, kann die WAZ-Gruppe endlich mal wieder von der Misere im eigenen Hause ablenken. Oder liegt hier ein Missverständnis vor?

Tatsächlich darf und muss man sich über die abermals verschärfte Situation bei Opel empören. Niemand, auch der Betriebsrat nicht, hatte mit einer solchen Entwicklung gerechnet: Nicht erst 2016 soll die Autoproduktion in Bochum eingestellt werden, sondern bereits 2014 – es sei denn, die Beschäftigten verzichten in den nächsten Jahren auf alle Tariferhöhungen. Da kann man von erheblichem Druck sprechen, es ließen sich auch noch andere Worte dafür finden.

Die Berichterstattung kommt vom zentralen Essener Newsdesk der WAZ, sie wird – mitsamt Gerd Heideckes Kommentar – für die WR in Dortmund übernommen. Von „Wildwest-Methoden“ bei General Motors/Opel ist da die Rede, der Colt sei offenbar entsichert. Das Unternehmen werde nun „die Folgen eines weiteren immensen Image-Schadens verkraften“ müssen. Der Opel-Werbepartner Borussia Dortmund und Trainer Jürgen Klopp stünden für „ehrliche Arbeit, authentisches Verhalten und Volksnähe – nicht gerade das, was die Opel-Manager an den Tag legen.“

Kurze Denkpause.

Wer wird aber so kühn sein, solche Zuschreibungen postwendend auf die WAZ-Gruppe anzuwenden? Wer wollte denn eine Schlagzeile wie „Rundschau-Redaktion schließt bereits im Februar“ drucken? Sollte da etwa auch im Ruhrgebiet, also im tiefen, wilden Westen ein Colt entsichert worden sein? Und sollte es etwa auch hier einen Image-Schaden geben? Das wäre ja nicht auszudenken!

Nein, nein, bei Opel geht es doch um ganz andere Größenordnungen. Und überhaupt sind das völlig verschiedene Branchen, nicht wahr? Also Schluss jetzt!




Auf der Demo gegen die Rundschau-Demontage

Der Demonstrationszug an der Reinoldikirche (Foto: Bernd Berke)

Der Demonstrationszug an der Reinoldikirche (Foto: Bernd Berke)

Es war beileibe nicht nur eine gewerkschaftliche Routine-Veranstaltung.

Wer an der Dortmunder Demo gegen die Schließung der Rundschau-Redaktion teilgenommen hat, hat die Atmosphäre spüren können: Es war eine Mischung aus Sprachlosigkeit, Zorn, tiefer Bedrückung und Sorge um die Zukunft. Viele Kolleginnen und Kollegen, zumal auch freie Mitarbeiter, die nicht einmal Abfindungen nach Sozialplan bekommen, stehen jetzt vor schweren Zeiten.

Doch es war auch nicht nur ein Trauerzug. Denn gleichzeitig war da eine Stimmung des Aufbegehrens. Selbst wenn die WAZ-Gewaltigen ihre Entscheidung kaum revidieren dürften, hatte die Veranstaltung ihren Sinn. Denn schon aus blanker Selbstachtung und aus demokratischer Verantwortung muss man mit diesem Verlagsskandal an die breite Öffentlichkeit gehen und die Leser aufklären, dass ihnen ab Februar eine absurde Mixtur aus WAZ und Ruhr-Nachrichten (bzw. je nach Stadt Westfalenpost, Hellweger Anzeiger etc.) als nur noch so genannte „Westfälische Rundschau“ vorgesetzt wird.

Geschätzte 1000 Menschen (laut Polizei: 500) waren trotz schneidender Kälte im Demonstrationszug dabei, der vom Rundschauhaus am Brüderweg zur Kundgebung am Alten Markt im Herzen der Stadt führte. NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider und NRW-Medienministerin Angelica Schwall-Düren waren die prominentesten Redner auf dem Podium. Video-Ausschnitte aus den Ansprachen findet man hier.

Am bündigsten brachte wohl Martin Kaysh die Lage auf den Punkt, der Kabarettist und „Steiger“ beim Dortmunder Alternativkarneval „Geierabend“, der zeitweise selbst als Journalist (u.a. bei der WAZ) gearbeitet hat. Sein komplettes Manuskript ist hier nachzulesen.

Unter den Medienleuten, die die Demo begleiteten, waren auch Fotografen der Ruhr-Nachrichten und der Westfälischen Rundschau. Man darf gespannt sein, was am Montag in den beiden Blättern vorzufinden sein wird. Am Rande der Veranstaltung war zu hören, dass selbst eine WR-Schlagzeile zur Kältewelle („Es hat uns eiskalt erwischt“) vor Drucklegung gestrichen wurde, weil man sie als Anspielung auf die Schließung der WR-Redaktion hätte verstehen können… Soll man lachen über solche Hysterie oder soll man weinen über das Zensoren-Gehabe, das sich in den letzten Tagen bei der WAZ-Gruppe geradezu breit gemacht hat?

Übrigens wurden auf der Demonstration auch WR-Chefredakteur Malte Hinz (der seinen Posten auch künftig behält) und sein ehemaliger Stellvertreter Frank Fligge (der jetzt in der Essener WAZ-Zentrale tätig ist) gesichtet. Im Protestblog www.medienmoral-nrw.de haben die beiden häufig verbale Prügel bezogen. Aber dieses Fass machen wir hier jetzt nicht auf. Dazu ist die Gemengelage denn doch zu kompliziert. Doch sagen wir mal so: Es muss für Hinz schon ein ganz eigentümliches Gefühl sein, gut dotierter Chef eines redaktionslosen Titels zu bleiben, während seine bisherige Truppe ein ungleich schlechteres Ende erwischt.




Protest gegen die Schließung der Rundschau-Redaktion wächst

Es gibt Anzeichen von Widerspenstigkeit, ja von Widerstand gegen die Entscheidung des Essener WAZ-Mediengruppe, die komplette Redaktion der Westfälischen Rundschau zu schließen und das Traditionsblatt nur noch als bloßes Etikett mit Fremdinhalten weiterzuführen:

Der Glossenplatz auf Seite 2 der Westfälischen Rundschau blieb heute (Ausgabe vom 17. Januar) weitgehend leer. Statt dessen teilte die WR-Redaktion lakonisch mit, aus guten Gründen sei ihr nichts eingefallen (siehe Foto). Die Kollegen der Essener WAZ sandten an paralleler Stelle in ihrem Blatt, also auch am Glossenplatz, ein Signal der Solidarität, indem sie ebenfalls etlichen Weißraum freiließen und sinngemäß feststellten, sie seien angesichts der Kündigung von 120 WR-Redakteur(inn)en nicht zum Scherzen aufgelegt.

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Eine von der Rundschau-Redaktion hergestellte Sonderseite mit kritischen Stellungnahmen zur WR-Schließung ist hingegen nur in der abendlichen Postausgabe erschienen und offenbar im Laufe der weiteren Produktion (auf Geheiß aus der Essener Konzernzentrale) „gezogen“ (also entfernt und durch andere Inhalte ersetzt) worden. Näheres dazu steht im Facebook-Auftritt „WR muss bleiben“, wo man sich jetzt auch die besagte Seite ansehen kann.

Außerdem hat der stellvertretende WR-Chefredakteur Lars Reckermann den Lokalredaktionen die Berichterstattung in eigener Sache per Rundschreiben untersagt. Bei den Ruhrbaronen findet sich ein Faksimile des Schreibens. Auch Reckermanns Vorgehen riecht streng nach Zensur. Eine andere, ausgesprochen wohlwollende Lesart besagt, dass Lars Reckermann die Redakteure – nach entsprechenden Warnungen aus Essen – mit seinem Schreiben davor bewahren wollte, Ansprüche auf Abfindungen zu verwirken. Tatsächlich ist auch eine Kollegin, die mir einen Hinweis geben wollte, von ihrem Lokalchef ermahnt worden, dabei wenigstens äußerst diskret vorzugehen. Übrigens: Während offiziell klar ist, dass Malte Hinz auch künftig als Chefredakteur einer quasi redaktionslosen WR firmieren soll, ist offenbar noch in der Schwebe, was aus Reckermann wird.

Am Samstag, 19. Januar, wird um 11 Uhr am Dortmunder Brüderweg 9 (Rundschauhaus) eine Solidaritäts-Demonstration für die WR-Redaktion beginnen, die zum Alten Markt im Herzen Dortmunds ziehen soll. Der Aufruf zu dieser Demo steht u. a. im Nachrichtenportal der Stadt Dortmund.

Unterdessen unterzeichnen nicht nur Journalisten, sondern auch zahlreiche Leser eine Online-Petition, die die Geschäftsführung der WAZ-Gruppe zum Umdenken bewegen soll. Mag auch die Hoffnung gering sein, mit diesem Mittel etwas Entscheidendes zu bewegen, so gilt doch auch hier der alte Satz: Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Bei Facebook gibt es inzwischen eine Solidaritäts-Seite für die Rundschau – mit einer Resonanz, die in die Tausende geht.

Es regt sich auch Protest unter den Kulturschaffenden der Region: Das Theater Dortmund – Zitat- „bedauert die Entscheidung, die ‚Westfälische Rundschau‘ als eigenständiges Blatt einzustellen, sehr und empfindet dies als herben Verlust für die Medienszene Nordrhein-Westfalens. Die kritische und informative Begleitung der Theaterarbeit durch die Mitarbeiter der ‚Westfälischen Rundschau‘ war stets eine wichtige Stimme im Zusammenspiel der Meinungen und Ansichten zu kulturellen Themen, und dies weit über Dortmund hinaus. Die Entscheidung, die ‚Westfälische Rundschau‘ nicht mehr in der bisherigen Form zu publizieren, bedeutet einen spürbaren Einschnitt.“

Auch gibt es eine öffentliche Stellungnahme von Jac van Steen, dem scheidenden Orchesterchef der Philharmoniker. Darin heißt es: „Mit großer Fassungslosigkeit muss ich (…) meinem Erstaunen über die Schließung der WR-Redaktionen Ausdruck verleihen. (…) Diese Entscheidung bedeutet eine Degradierung unserer demokratischen Grundausstattung von Meinungsfreiheit in möglichst vielfältiger Breite. Eine sehr bedenkliche Entwicklung nicht nur für die Kunst und Kultur.“

Das Dortmunder Kulturzentrum domicil ließ verlauten: „Wir (…) sind noch immer sprachlos über die Abwicklung der Westfälischen Rundschau durch die Geschäftsführung des WAZ-Konzerns. Wir möchten uns (…) mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Verlages, die wohl in Kürze auf der Straße stehen werden, solidarisch zeigen, zum anderen aber auch darauf hinweisen, dass gerade eine lebendige Kulturszene von fachkundiger, auch kritischer journalistischer Vermittlung, breiter Öffentlichkeit und vor allem Meinungsvielfalt lebt, die nun durch die Schließung der Redaktion der Westfälischen Rundschau in Dortmund massiv verliert und einseitig zu werden droht. Die Abwicklung der eigenständigen WR-Redaktion ist ein großer Verlust für die Stadt.“

Eine weitere Reaktion aus dem Dortmunder Kulturleben trägt die Unterschriften von Kurt Eichler (Geschäftsführer der Kulturbetriebe Dortmund), Claudia Kokoschka (Leiterin des Kulturbüros) und Wolfgang Weick (Leitender städtischer Museumsdirektor).

Vergleichsweise vorsichtig hatte sich zuvor Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) geäußert. Er sei ob der Nachricht über die Schließung der WR-Redaktion „fassungslos“. Und: „Ich habe das Angebot einer pluralistischen Medienlandschaft in unserer Stadt immer geschätzt.“

Inzwischen (22. Januar) hat sich Sierau allerdings sehr viel deutlicher geäußert und davon gesprochen, dass die WAZ-Gruppe ihrer Verantwortung nicht gerecht werde. Im Wortlaut kann man sein Statement hier nachlesen.

Apropos: Vermutlich werden schon ab Anfang Februar die Ruhr-Nachrichten das Monopol in der Dortmunder Lokalberichterstattung haben; ein unguter Zustand, der sich mit demokratischer Auseinandersetzung nur schwer vertragen dürfte. Schon jetzt könnten und sollten sich daher die unabhängigen Online-Medien der Region (Ruhrbarone, Pottblog, Revierpassagen usw.) darauf verständigen, Marktgebaren und journalistische Arbeitsergebnisse der Ruhr-Nachrichten künftig etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Auch dem WDR kommt hierbei eine erhöhte Verantwortung zu.

Noch eine kleine Anmerkung: Der Informationsdienst Ruhr (idr), ein Ableger des in Essen angesiedelten Regionalverbands Ruhr (RVR), der jede Kleinigkeit vermeldet, mit der die so genannte „Ruhrstadt“ vermeintlich hochgejubelt werden kann, bringt natürlich keine einzige Zeile über die Demontage der Westfälischen Rundschau. Es passt nicht in den PR-Rahmen. Es ist halt nicht positiv. Und aus Essener Perspektive sieht die Welt sowieso ganz anders aus.

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LINKS

Hat die WR wirklich 50 Mio. Euro Schulden angehäuft? http://meedia.de/print/waz-gruppe-und-ddvg-weiter-im-clinch/2013/01/17.html

Die nüchterne Sicht der Dinge und…

…die emotionale Sicht der Dinge.

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Den wohl besten Überblick bekommt man hier: https://www.facebook.com/WRMussBleiben

Die teilweise kontroverse Debatte findet man im „Medienmoral“-Protestblog.

Viele weitere Links der letzten Tage stehen unter dem vorherigen Artikel.




„Aus“ für die Rundschau-Redaktion: Dortmund und das Umland verlieren ein Traditionsblatt

Jetzt ist es offiziell, die Essener WAZ-Gruppe hat eine radikale Sparmaßnahme ergriffen: Die 580.000-Einwohner-Stadt Dortmund und ihr Umland verlieren mit der Westfälischen Rundschau (WR) eine einstmals stolze, traditionsreiche Zeitung. Rund 120 Redakteurinnen und Redakteure sind betroffen, außerdem zahllose freie Mitarbeiter.

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Auch wenn der Titel (als bloßes Etikett) erhalten bleibt, so kommen die Inhalte ab Februar nur noch von anderen. Den Mantelteil liefert die WAZ, diverse bisherige Konkurrenten steuern die lokalen Inhalte bei. Sogar die Dortmunder Lokalredaktion, ein bislang noch verbliebenes Herzstück des Blattes, wird aufgelöst. Die „WR“-Lokalteile für Dortmund, Lünen und Schwerte liefern künftig die Ruhr-Nachrichten. Allein einen solchen Gedanken hätte man früher weit von sich gewiesen. Unna und Kamen werden vom „Hellweger Anzeiger“ bedient. Im Märkischen Kreis wird die künftig nur noch so genannte „Westfälische Rundschau“ lokal vom Märkischen Zeitungsverlag (Verleger Dirk Ippen) gestaltet, Arnsberg und Hagen werden komplett von der Westfalenpost übernommen. Die WP soll auch aus Wetter/Herdecke und Ennepe-Süd berichten und dazu sogar eine neue Lokalredaktion aufbauen. Es sieht also ganz so aus, als wäre die WP konzernintern eine (un)heimliche Profiteurin des WR-Verfalls.

Meine persönliche Konsequenz wird sein, eine formal und inhaltlich derart gestückelte Zeitung, ja den journalistischen Bastard, der auf diese Weise entsteht, schleunigst abzubestellen.

Man sagt nicht zu viel, wenn man feststellt: Damit wird die WR endgültig Leib und Seele verlieren, sie wird zur Zombie-Zeitung. Der frühere Geist der Redaktion hatte sich ohnehin schon Hauch um Hauch verflüchtigt. Das Betriebsklima am Dortmunder Brüderweg und in den restlichen eigenen Lokalredaktionen war, wie man vielfach hörte, in letzter Zeit zunehmend angespannt.

Ich habe heute einige Anrufe von früheren WR-Kollegen bekommen, natürlich sind alle mehr als betrübt, teilweise völlig niedergeschlagen, ohnmächtig wütend, zutiefst erschüttert. Bewusst habe ich es vermieden, meinerseits Betroffene anzusprechen. Ich wäre mir wie ein nachrichtengieriger „Witwenschüttler“ vorgekommen. Man kann es ja wahrlich nachfühlen, wie vor allem den Kolleg(inn)en über 45 zumute ist, die vielleicht keine andere Stelle mehr finden werden, aber auch noch nicht nah genug am Rentenalter sind. Von sozialverträglichen Lösungen ist nun die Rede, von Abfindungen, die freilich nicht mehr so großzügig ausfallen dürften wie vor vier Jahren, als im Rahmen von „Strukturänderungen“ 300 Journalisten die WAZ-Gruppe verließen. Auch sollen den Betroffenen bevorzugt Stellen angeboten werden, die bei der WAZ frei werden – allerdings nur in den größten Glücksfällen nah beim bisherigen Wohnort. Wenn überhaupt.

Das Volontariat eingerechnet, habe ich etwas über 30 Jahre für die Westfälische Rundschau gearbeitet, davon rund 27 Jahre in der Kulturredaktion. Es war vor allem die Zeit der Chefredakteure Günter Hammer (bis 1988) und Frank Bünte (1988-2004), danach kamen in atemloserer, ja schließlich fast schon panischer Folge Klaus Schrotthofer (2004-2007), Kathrin Lenzer (2007/2008) und Malte Hinz (ab Dezember 2008), zum Ende hin ein „König“ ohne nennenswerte Ländereien.

Aber das sind nur dürre Daten und Fakten. Selbstverständlich bin ich mit dem Blatt emotional verbunden – auch wenn ich es vor fast genau vier Jahren verlassen habe. Ein Großteil meines – nicht nur beruflichen – Lebens hängt daran. Ich habe in und um Dortmund nicht nur viele fähige und freundliche Kolleg(inn)en getroffen, sondern habe auch meine Frau bei der WR kennen gelernt.

Die am 20. März 1946 neu lizensierte WR, die vor allem früher als SPD-nah galt, verstand sich als Nachfolgerin des Dortmunder „Generalanzeigers“, der 1933 von den Nazis geschlossen (bzw. mit einer NS-Gazette zwangsvereinigt) worden war und außerhalb von Berlin die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung gewesen sein soll. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Zeiten, da hatte die Westfälische Rundschau ein Verbreitungsgebiet, das bis ins Emsland und – von Dortmund aus südwärts – bis in den Nordzipfel von Rheinland-Pfalz reichte. Der spätere NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement war in den besseren Jahren ebenso WR-Redakteur wie der investigative Journalist Hans Leyendecker, heute seit etlichen Jahren bei der Süddeutschen Zeitung. Seit 1975 gehörte die Rundschau zur WAZ-Gruppe. Stück für Stück schmolz der „Beritt“ zusammen, bis immerhin noch das westfälische Ruhrgebiet, Sauer- und Siegerland als Kernbereiche übrig blieben.

In den letzten Jahren bröckelten auch die südwestfälischen Gebiete, die Zeitung machte angeblich Millionenverluste. Man konnte das Unheil, das sicherlich nicht zuletzt durch Management-Fehler herbeigeführt wurde, schrittweise kommen sehen…

P.S.: Soeben den WAZ/WR-Leserservice in Sachen Abokündigung angerufen. Warum ich denn kündigen wolle, es bleibe doch alles wie bisher… Am liebsten wäre ich sehr grob geworden, doch die Dame im Callcenter kann ja auch nichts dafür, dass offenbar solche idiotischen Sprachregelungen ausgegeben werden.

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(mit Nachrichtenmaterial von dpa, finanznachrichten.de, kress.de , newsroom.de und meedia.de)

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LINK-SAMMLUNG (je nach Bedarf laufend aktualisiert)

Hier wird für den Erhalt der Zeitung demonstriert (Samstag, 19. Januar, 11 Uhr, ab Rundschauhaus am Brüderweg 9 in Dortmund): https://www.facebook.com/events/132643046896868/

Bei medienmoral-nrw.de kann diskutiert werden: http://www.medienmoral-nrw.de/2013/01/wr-redaktion-wird-abgewickelt/

Hier steht eine Online-Petition: http://rundschau-retten.de/

Hier eine Stellungnahme des Deutschen Journalistenverbandes (DJV): http://www.djv-nrw.de/php/evewa2.php?d=1358258319\&menu=01001&NEWSNR=1798&GSAG=1b8313e66e4b2e665040fab5a083083d

Stellungnahme der SPD (mit 13,1% Miteigentümer der WR), deren Medienholding angeblich im Vorfeld nicht informiert war und deshalb rechtliche Schritte prüfen will: http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2013-01/25695368-erklaerung-des-unternehmensbereichs-der-spd-zur-heutigen-mitteilung-der-waz-zur-aufloesung-der-eigenstaendigen-redaktion-der-westfaelischen-rundschau-wr-007.htm

Ein kritischer Bericht bei www.horizont.net: http://www.horizont.net/aktuell/medien/pages/protected/Seelenlose-Redaktionsklempnerei-WAZ-steht-wegen-Kahlschlag-bei-Westfaelischer-Rundschau-am-Pranger_112382.html

„Der Fisch stinkt vom Kopf“, schreibt Bülend Ürük bei newsroom.de: http://www.newsroom.de/news/detail/$HVIUEOMULROS/westflische_rundschau_ein_flickwerk_von_einer_zeitung

Die Sicht der „Rheinischen Post“: http://www.rp-online.de/wirtschaft/unternehmen/westfaelische-rundschau-wird-aufgegeben-1.3135415

So steht es bei Spiegel online: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/westfaelische-rundschau-waz-gruppe-streicht-redaktion-120-stellen-a-877623.html

Die TAZ schreibt: http://www.taz.de/Westfaelische-Rundschau/!109070/

Und so berichtet der WDR in seinem Online-Auftritt: http://www1.wdr.de/themen/medienseite/westfaelischerundschau100.html

Ein sehr persönlich gehaltener Beitrag bei den „Ruhrbaronen“: http://www.ruhrbarone.de/westfaelische-rundschau-du-bist-zeitungskrise/

Der frühere WR-Cheferedakteur Frank Bünte hat sich in der „Lokalzeit“ des WDR-Fernsehens geäußert: http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2013/01/16/lokalzeit-dortmund-rundschau.xml

Hajo Jahn blickt in die ganz alten Zeiten der WR zurück: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18665




Das nahe Ende der „Westfälischen Rundschau“: Kurzer Nachruf auf meine Jugendliebe

Ich hatte meine ersten Arbeitstage als Volontär gerade hinter mir. Jeden Tag fuhr ich mit Straßenbahn und Zug nach Herne, um dort an der Ruhr-Nachrichten-Ausgabe mitzuwirken.

Auf dem Reiseweg ins spannende Ungewisse studierte ich gern ein Heft namens „Der Monat“, das unter anderen von Melvin Lasky herausgegeben wurde, einem amerikanischen Journalisten, der viel in der und für die noch relativ junge Republik tat. Besonders riss mich ein Text ins Blatt, der sich mit der Zeitungslandschaft im Ruhrgebiet beschäftigte, ich weiß nicht mehr, wer das schrieb. Aber ich fand eine Zeile darin, die mir es leichter machte, mein Volontariat bei den RN vor mir selbst und vielen meiner Freunde zu begründen. Sinngemäß lautete es: „Tapfer und erfolgreich wehrt sich Verleger Lensing-Wolff gegen die Expansion der WAZ.“

Meine Zuneigung blieb zwar bei der Westfälischen Rundschau, die jeden Tag bei meinen Eltern vor der Haustüre Seydlitzstraße 37 lag, aber immerhin, ich arbeitete bei einem Blatt, das sich tapfer und erfolgreich zur Wehr setzte. Dass es dies nach wie vor tut, finde ich gut. Wie erfolgreich es am Ende gegenüber der WAZ sein wird, hätte ich damals nicht geahnt. Dass der wesentliche Teil der „Gruppe“, der wenig später meine vieljährige berufliche Heimat, ja Familie werden würde und es stets bei aller Kritik blieb, dass also meine WR mal von den RN mit Inhalten gefüllt werden würde, wäre mir nie in den Sinn gekommen.

Ich fühlte mich wie zu Beginn meiner bescheidenen Karriere als Lohnschreiber, als ich gemeinsam mit Konrad Harmelink hinauf ins Kabuff von Bernd Dagge kraxelte und der mir wohlgelaunt die Konditionen erläuterte, die die „Gruppe“ mir bieten könne. Ich untersagte mir, ungläubig zu glotzen und begann mich sogleich zu beglückwünschen, dass ich nun doch nicht nach … wo auch immer gehen würde. Das war 1977 – und was ist heute?

Heute ist ein ganz trauriger Tag, meine Jugendliebe existiert nicht mehr, ist eine hohle Hülle, in die andere Inhalte schreiben. Meine WR wird von derselben „Gruppe“ abgestoßen, die einst ordentlich Geld mit ihr verdiente und Günter Hammer noch gestattete, nach seiner Amtszeit als Chefredakteur letzter Herausgeber zu werden, was ich ihr zum Vorteil anrechnete.

Die „Gruppe“ von heute erscheint mir als zuwider. Sie hat heute das Dasein einer Zeitung beendet, für die 1946 Heinrich Sträter, Ernst Sattler und Fritz Henßler die Lizenz von den Briten erhalten hatten. Ich sag’s mit Max Liebermann: Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.




Dortmund in den 20er Jahren: Groß- und Weltstadtträume in der westfälischen Provinz

Dortmund in den 1920er Jahren – war da was? Da wird doch wohl nicht viel „Betrieb“ gewesen sein, oder?

Nun. Wie man’s nimmt. Es war gewiss kein Vergleich mit Berlin. Auch war es kein goldenes, aber doch ein vielfach hoffnungsvolles Jahrzehnt in Westfalens größter, seinerzeit (bis zur Weltwirtschaftskrise 1929) deutlich aufstrebender Stadt. Für den Sammelband „Die 1920er Jahre. Dortmund zwischen Moderne und Krise“ haben 23 Autor(inn)en jeweils in kurzen Aufsätzen einige Grundlinien der damaligen Entwicklung skizziert, die sich nach und nach zum facettenreichen Bild fügen. Hierauf könnten künftige Standardwerke aufbauen.

Das thematische Spektrum reicht von Bergbau und Brauereien über Begleitumstände der Motorisierung und den früheren Flughafen – bis hin zur lokalen Politik, zum Theater, der blühenden Kinolandschaft (angesichts der heutigen Dürftigkeit muss man da unwillkürlich seufzen) und den offenbar beachtlichen Vergnügungslokalen. Jawohl. Es hat da ein paar imponierende Etablissements gegeben, die national wohl allenfalls hinter Berlin oder Hamburg zurückstanden. Mehr noch: Die 1925 eröffnete, „alte“ Westfalenhalle (1952 völlig veränderter Neubau nach Kriegszerstörung) mit ihren Sechstagerennen, Boxereignissen oder Max Reinhardts gigantischen Mysterienspielen („Das Mirakel“) weckte bei manchen Menschen gar Weltstadt-Illusionen. Doch schon damals hat man sich des Bahnhofs geschämt, der nicht ins lokalpatriotische Wunschbild passen wollte. Es gibt Dinge von unheimlicher Dauer.

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Immerhin erschien in Dortmund der tief bis ins Rheinland ausstrahlende, erzdemokratische „Generalanzeiger“ (GA), die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung außerhalb Berlins. Nebenbei geflüstert: Es macht einen geradezu ein klein wenig stolz, zu Beginn des Berufslebens noch in einstigen GA-Gebäuden an der Bremer Straße gearbeitet zu haben. Jetzt aber Schluss mit Rührseligkeit! Zumal Dortmund heute – so betrüblich man das finden mag – leider keine Pressestadt von exzellentem Rang mehr ist.

Das literarische und künstlerische Leben der 20er Jahre wird auf lokaler Ebene zwar abgehandelt, es hat jedoch bei weitem nicht die Dimensionen und Wirkkräfte des populären Amüsements erreicht. Auch hierbei kann man in der Stadt missliche Nachwirkungen bis in die heutige Zeit spüren.

Auch im Dortmund der 1920er kann man von einer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen sprechen: proletarische Lebensformen, natürlich; provinzielle Enge und dörfliche Lebensweise in den Vororten; als Gegenkraft der feste bürgerliche Wille, endlich urban zu werden in einem entschieden modernen Sinne, wobei freilich die technisch-industriellen Aspekte der Moderne überwogen. Die Ideen der Futuristen und deren bedingungslose Maschinen-Begeisterung gaben den Takt vor. Da ließ man auch jede Rücksicht auf die Reste der mittelalterlichen Stadt fahren. „Vorwärts, vorwärts“ hieß die hämmernde Devise.

Alles, was irgend nach Großstadt roch, sollte gesteigert werden. In der Folge sind eine ganze Reihe von Gebäuden, die teilweise noch heute das Stadtbild mit nüchtern-neusachlichem Gestus prägen, in jenen Jahren entstanden. Zu nennen sind vor allem der mächtige Turm der Dortmunder Union-Brauerei (heute „Dortmunder U“) sowie der Dreiklang aus Westfalenhalle (1925), Kampfbahn Rote Erde (1926) und Volksbad (1927).

Übrigens gilt es gerade jetzt, ein weiteres wuchtiges Baudenkmal der 20er zu retten, nämlich die kühn geschwungene, bisherige AOK-Zentrale am Königswall. Deren ursprüngliche, zwischenzeitlich mit Platten verblendete Fassade muss nach dem kürzlich erfolgten Auszug der Krankenkasse unbedingt wieder ans Licht geholt werden. Alles andere wäre Frevel.

„Die 1920er Jahre. Dortmund zwischen Moderne und Krise“. Sonderausgabe der Zeitschrift „Heimat Dortmund“ (Doppelheft 1+2/2012). Hrsg.: Günther Högl (ehem. Stadtarchiv-Leiter) und Karl-Peter-Ellerbrock (Direktor Westfälisches Wirtschaftsarchiv). Klartext Verlag, Essen. 160 Seiten. 10 Euro.




Ein seltenes 24-Stunden-Freiluft-Museum mit alten Metall-Maschinen

Niemand zweifelt an der Bedeutung des Ruhrgebiets für die deutsche Industriegeschichte. Früher bezeichnete man das Revier übrigens in offiziellen Quellen als „rheinisch-westfälisches Industriegebiet“. Aber der Ursprung dieser Industrie liegt etwas weiter südlich, in den idyllischen Tälern des Sauerlandes, an den Nebenflüssen von Ennepe und Lenne, Volme und Ruhr. Hier begann die systematische Entwicklung der Erz-Verhüttung und der Kleineisenindustrie, angetrieben von der reichlich vorhandenen Wasserkraft.

PRAKTICA

Blick in die Museumshalle.
(Foto: lwl)

Manche Städte dort haben zur Erinnerung an diese Geschichte Teile alter Maschinen im öffentlichen Raum ausgestellt, Schwungräder zum Beispiel, doch nirgends wurde das so konsequent gemacht wie in Ennepetal. Dort haben Privatleute vor knapp drei Jahrzehnten die Initiative für ein „Straßen-Industrie-Museum“ ergriffen. Inzwischen findet man an 27 Stellen im Stadtgebiet alte Maschinen aus der Metallverarbeitung in der Region auf Betonsockeln, davor eine in Metall gegossene Schrifttafel mit Erläuterungen über die Funktion des Teils und seiner Herkunft, also den Hersteller und das „Fabriksken“, in der das Maschinchen seine Arbeit machte.

So findet man die „Doppelarmige Exzenterpresse“ vor der Sparkasse oder die „Langhobelmaschine“ vor dem Berufskolleg, die „Stabstahl-Schere“ steht an der Sonnen-Apotheke, ein „Luftdruckhammer“ auf dem Marktplatz und der „Fallhammer mit Schmiedeofen“ vor der Hauptschule Friedenshöhe. Für dieses 24-Stunden-Museum gibt es ein Orientierungsheft mit dem Plan für einen „Spaziergang durch 400 Jahre Eisengeschichte“. Und nicht nur das Museum selbst geht auf Privatinitiative zurück: Auch die Pflege der Objekte haben „Paten“ übernommen – Schulen und Vereine, aber auch Handwerksbetriebe aus dem Stadtgebiet. Ergänzt wird das Straßenmuseum seit ein paar Jahren durch das „Industrie-Museum Ennepetal“, das ebenfalls von einer privaten Stiftung in den Räumen einer denkmalgeschützten ehemaligen Eisengießerei aufgebaut wird und das von April bis November jeweils am ersten Sonntag eines Monats bei freiem Eintritt öffentlich zugänglich ist.

Weitere Informationen:

http://www.ennepetal.de/Strassenindustriemuseum.485.0.html

http://www.industrie-museum-ennepetal.de




„Aus“ für Opel – eine Katastrophe im Revier

Opel-Werk I in Bochum (Foto: Bernd Berke)

Opel-Werk I in Bochum (Foto: Bernd Berke)

Man sollte diese Bereiche beileibe nicht gegeneinander ausspielen. Doch eine solche Nachricht stellt leider erst einmal alle kulturellen Anstrengungen im Ruhrgebiet in den Schatten: Heute wurde verkündet, dass im Bochumer Opel-Werk ab 2016 keine kompletten Fahrzeuge mehr hergestellt werden sollen, sondern bestenfalls nur noch bestimmte Komponenten. Das dürfte den Verlust von weiteren 3000 Arbeitsplätzen bedeuten.

Zum Vergleich: In den „goldenen“ Zeiten fanden in den drei Bochumer Opel-Produktionsstätten etwa 20.000 Menschen Arbeit, derzeit sind es noch rund 4000. Der vor allem durch Management-Fehler verursachte Niedergang hält also seit vielen Jahren an, doch jetzt geht es vollends auf den Abgrund zu. Im ohnehin krisenhaften, zutiefst verschuldeten Ruhrgebiet ist dies eine Katastrophe.

Produktion im Bochumer Opel-Werk I - Werksbesichtigung im August 2008. (Foto: Bernd Berke)

Produktion im Bochumer Opel-Werk I - Werksbesichtigung im August 2008. (Foto: Bernd Berke)

Das Luftbild der Bochumer Opel-Werke hatte stets symbolische Bedeutung. Es durfte früher in keiner Erfolgsgeschichte des Ruhrgebiets fehlen. Hier war sie, die Zukunft, die sich nach den Zechen- und Stahlwerksschließungen auftun sollte. Und so entstand denn auch das im Oktober 1962 eröffnete Automobilwerk auf dem Gelände einer ehemaligen Zeche. Ab 1963 lief hier das Erfolgsmodell Kadett A vom Band. Die Bedeutung der Fabrik reichte weit über Bochum hinaus. Die Belegschaft kam praktisch aus dem ganzen Revier. Somit steht jetzt auch ein Stück der regionalen Identität auf dem Spiel. Und damit haben wir noch gar nicht von der ortsnahen Zulieferindustrie geredet.

Es wäre eine Illusion zu glauben, dass sich der immense Verlust etwa durch Gründung von avancierten Softwareschmieden oder Unternehmen der Bio- und Umwelttechnologie auch nur annähernd wettmachen ließe. Das sind andere Felder.

In den besseren Tagen wurde bei Opel die Basis erwirtschaftet, die sich irgendwann nicht zuletzt im kulturellen Überbau niederschlagen konnte. Es wäre daher nur recht und billig, wenn jetzt auch wieder Kulturschaffende des Ruhrgebiets – mit ihren speziellen Mitteln – den Opel-Beschäftigten beim Kampf um ihre Arbeitsplätze zur Seite stehen würden.

Unterdessen darf man sehr gespannt sein, ob und wie sie sich bei Borussia Dortmund (Werbepartnerschaft mit Opel) zur neuesten Entwicklung äußern werden…




Mario Desiatis Roman „Zementfasern“: Das vergiftete Leben in der Fremde

Cover Download Wagenbach Verlag „Die Vorfahren hatten ihr Leben damit zugebracht, einen sicheren Fleck Erde zu suchen. Einen Schutzraum, wo man abwarten kann, bis die Zeiten sich bessern.“

Mit einer sehnsüchtigen Erinnerung an sonnenglänzende Tage am Meer beginnt „Zementfasern“, der erste ins Deutsche übersetzte Roman des in Italien hochgeachteten Autors Mario Desiati. Doch Heimat ist (leider) auch keine Lösung. Diese Lektion lernt Desiatis nonkonformistische Heldin Mimi früh und sie wird ihr ganzes Leben bestimmen.

Mimis Heimat liegt in der apulischen Provinz Lecce, unweit der Küstenstelle, wo ionisches und adriatisches Meer aufeinander treffen. Mit 15 Jahren muss sie diese Heimat verlassen, ihren Eltern ist es nicht länger möglich, dort für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen. Sie emigrieren in die Schweiz und es beginnen entbehrungsreiche Jahre. Jahre aus Glas und Zement. In den siebzigern Jahren war es ein ganzer Strom von Menschen aus Kalabrien, Sizilien und Apulien, die sich auf der Suche nach einer besseren Zukunft in Schweizer Fabriken unter härtesten Bedingungen verdingten. Mimis Vater findet Arbeit in einer Zementfabrik, die Familie lebt in einem Verschlag in einer gläsernen Halle. Die Arbeit ist weitaus gefährlicher, als es den Anschein hat. Der Zement nährt sie, aber er zerstört sie auch. In den Fabriken wird Eternit hergestellt, bei der Arbeit atmen die Männer giftige Asbestdämpfe und Zementfasern ein, die ihre Gesundheit auf ewig zerstören werden. Da ist es nur mehr eine höhnische Randnotiz, dass der Markenname Eternit dem englischen Eternity (Ewigkeit) entlehnt ist.

In der Halle aus Glas sucht Mimi Zuflucht in einer frühen Liebe zum Arbeiter Ippazio. Der junge Mann ist mutig genug, in der Fabrik auf einem schmalen Grat über dem brodelnden Zement zu wandeln, jedoch nicht mutig genug, zu seiner Liebe zu stehen. „Aber in ihrem unverzichtbaren Recht auf wechselseitige Dummheit verbarg sich ein Wunder.“ Das Wunder trägt Mimi unter ihrem Herzen. Mit ihrer Tochter Arianna kehrt sie in die Heimat zurück, findet Arbeit in einer Krawattenfabrik und wird mit ihrer vitalen, unangepassten Art zu einem Mittelpunkt des Lebens in ihrem Dorf. Ein Dorf, dem nach und nach die Männer an den Spätfolgen der eingeatmeten Zementfasern wegsterben. Ein Dorf, in dem ein Totenkorb nach dem anderen gepackt wird und die Frauen für das Überleben der Gemeinschaft Sorge tragen.

Die Männer, die nicht an den Zementfasern dahinsiechen, erliegen der zweiten Krankheit der Entwurzelten, dem Alkoholismus. Mimi und die anderen Frauen nehmen schließlich den Kampf auf für eine späte Gerechtigkeit. Doch nur ihre unerfüllt gebliebene, aber immer Schatten werfende Liebesgeschichte mit Ippazio findet schließlich ein versöhnliches Ende auf dem Dach der von Schließung bedrohten Krawattenfabrik. Hier schließt sich ein Kreis, denn das italienische Wort für Dach ist Ternitti. Ternitti – so nannten die italienischen Arbeiter das todbringende Eternit, Ternitti – so lautet der Titel des Romans im Original.

Mario Desiati erzählt auf realistische Weise eine Geschichte nicht nur von Hunger, Tod und Ausbeutung, sondern auch eine von Liebe, Mut, Kühnheit und Kraft. Er setzt den Menschen seiner Heimat, die durch die Glücksversprechen Schweizer Fabrikanten so ausbeuterisch getäuscht wurden, ein Denkmal. Es ist eine Geschichte, wie sie überall auf der Welt erzählt werden könnte. Aber das war wohl nicht die Absicht Desiatis. Er hält seine Geschichte in kleinem Rahmen, eine globale Überbauung gibt er nicht. Damit macht er es einem Leser, der zum ersten Mal von der Tragik vieler Menschen in Apulien hört, schwer, einen empathischen Zugang zum Roman zu finden, zumal er etliches an Wissen beim Leser voraussetzt. Aber nicht jedem sind die gewachsenen Animositäten zwischen Kalabresen und Süditalienern bekannt, nicht jeder kann mit italienischen Begrifflichkeiten sofort etwas anfangen. So wird der Begriff Pajare für eine Bauweise in einer Fußnote erklärt mit Pajare – erinnern an die Trulli. Trulli sind Rundhütten, aber wer weiß das? Ich wusste es nicht und mutmaßte zunächst, die Trulli wären eine einflussreiche Familiendynastie in dieser Gegend. Diese Unterbrechungen des Leseflusses sind schade, denn Desiati eröffnet in diesem Buch einen ganz neuen, spannenden Blick auf italienische Wirklichkeiten. Einen Blick jenseits aller Klischees und auch jenseits gerade im Moment der Eurokrise gerne wieder aufkochenden Vorurteile.

Desiati erzählt mit Liebe und Respekt für seine Helden, sprachlich schafft er eine mitreißende Mischung aus Wut und Melancholie. In diesem Zusammenhang sei auch die bemerkenswerte Übersetzung erwähnt. Man merkt die Sorgfalt, mit dem die Übersetzerin Annette Kopetzki sich dem Buch und der Thematik genähert hat. Ich weiß nicht, wie sie es gemacht hat, aber sie hat es geschafft, dem Buch auch auf Deutsch eine italienische Sprachfärbung zu geben. Man meint förmlich, die italienische Sprachmelodie während des Lesens zu hören.

Das Ende des Romans bleibt zum Teil offen, man erfährt nicht, ob und welche Früchte der späte Protest der Frauen des Ortes Tricase getragen hat. Das erlittene Leid ist eben auch im übertragenen Sinne zementiert und nicht wieder gut zu machen. So bleibt für Mimi und die Ihren die Hoffnung, dass der Versuch gelingt, „nur die Erinnerungen zu bewahren, die sie lächeln machen.“

Mario Desiati: „Zementfasern“, Roman. Wagenbach Verlag, 283 Seiten, €19,90




Wissenschaftliche Tagung zur Geschichte des Ruhrbergbaus

Am vergangenen Samstag gab es in der Wittener Zeche Nachtigall eine interessante Tagung zur Bergbaugeschichte. Die Beiträge der einzelnen Wissenschaftler gibt es bereits als Buch, zu bestellen für 14 Euro inklusive Versand unter http://www.bgvr.org/tagung/tagungsband

Zeche Nachtigall in Witten (Foto: lwl)

Hier eine Übersicht über die Themen:

Dr. Volker Wrede – Überblick über die Geologie und die
Rohstoffpotenziale des Ruhrgebietes

Dr. Jennifer Garner / Dr. Manuel Zeiler – Eisenzeitliche
Montanlandschaft Siegerland

Dr. Olaf Schmidt-Rutsch – Die digitale Rekonstruktion der Zeche
Nachtigall

Dr. Alexander Gorelik / Dipl.-Ing. Gero Steffens – Der
mittelalterliche bis frühneuzeitliche Bergbau am Eisenberg von
Olsberg

Dipl.-Min. Norbert Knauf – Einblicke in die Montangeschichte
der Grube „Grube Wohlfahrt“ in Hellenthal-Rescheid

Oliver Glasmacher – Schlebuscher Erbstollen (Wetter/Ruhr).
Montanhistorische Einordnung und Erforschung

Dr. Jan Ludwig – Ramsbecker Erzbergbau 1740 – 1907

Dipl.-Geol. Thorsten Seifert – Zollverein vor 1900 – Gründer-
und Ausbaujahre.




Bankberater können die Welt nicht retten – Bruce Willis will’s allerdings auch nicht

zur Verfügung gestellt vom DumontVerlag Wär schon schön, wenn man jemanden in seinem Leben hätte, der einen aus der Bredouille holt und rettet. Der ehemalige Bankberater von Tilman Rammstedt ist dieser Jemand anscheinend nicht. Dieser wäre am liebsten eine Salzstange und würde sich zu den anderen Salzstangen in den Einkaufswagen legen. Man kennt das.

Das Leben ist kompliziert geworden und keiner mehr da, der es einem erklären kann. Geschweige denn, dass Tilman Rammstedt wüsste, wie der Abgabetermin seines neuen Buches einzuhalten sei. Die Idee hat er: Er dichtet dem melancholischen Bankberater einen Überfall auf seine eigene Bank an. Dieser geht natürlich grandios schief, aber wie jetzt weiter? Das hypochondrische, an der Welt leidende Alter Ego Tilman Rammstedts kommt auf die nahe liegende Lösung: Hollywood. Dort sind sie doch zu finden, die Weltenretter – und wer könnte besser geeignet sein als der Experte für sechste Sinne und langsames Sterben, Bruce Willis, um in die Rolle des Bankberaters zu schlüpfen und dessen Schieflage zu begradigen? Beflügelt von seinem Lösungsansatz, setzt Herr Rammstedt sich an die Tasten und hackt ellenlange Mails an Herrn Willis hinein. Er bedrängt den Filmstar, umschmeichelt ihn, fleht und bettelt, wird zeitweilig beleidigend und nötigend. Bruce Willis jedoch antwortet nicht und Rammstedt beginnt zu fürchten, dass er sein Buch umbenennen müsse in „Die Abenteuer des Bruce Willis, die abrupt endeten, als er von einer Harpune durchbohrt wurde, weil er sich zu fein war, auch nur eine einzige Mail zu beantworten

Tilman Rammstedts neues Werk Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters besteht aus diesen Emails, die sich mit Erinnerungen an seinen mittlerweile ehemaligen Bankberater abwechseln. Dieser Bankberater kennt zumindest die halbe Wahrheit und langsam beginnt Rammstedt einzusehen, dass dies doch so wenig gar nicht ist. Denn „das meiste war schließlich einfach und der Rest nicht so schwer„: Ein Baum ist wie ein Festgeld. Es muss fest stehen und langsam wachsen. Nicht mehr und nicht weniger.

Der Bankberater steht dabei symbolisch für jeden, der beratend tätig ist und von dem die Leute erwarten, dass sie ihnen die Welt erklären, auch wenn das längst niemand mehr kann. Es hätte auch ein Steuerberater sein können, aber bei diesen lohnt es sich vielleicht nicht so sehr, wenn sie die eigene Kanzlei überfallen. Wer sich beim Titel des Romans Insiderwissen zur Finanzkrise erwartet hat, liegt völlig falsch. Dieses Thema kann man sich allenfalls dazu denken, man kann es aber auch lassen. Denn das ist nicht das Thema des Tilman Rammstedt. Genauso wie das Buch nichts mit Katzen zu tun hat, auch wenn eine auf dem Cover thront. Die Katze steht allenfalls für den toten Hund, der im Zweifel eine größere Hilfe ist als der Actionstar. Wen das irritiert, dem sei gesagt, das lernt man direkt als Anfänger bei jedweden sozialen Medien. Ohne sogenannten „Cat-Content“ und Banken-Bashing geht heutzutage fast nichts mehr.

In diesem Buch findet sich ein ganzes Konglomerat derzeit erfolgreicher Literaturprinzipien. (Briefroman, die direkte Ansprache von Ikonen der Popkultur und Metafiktion – die Thematisierung von Fiktion der Geschichten und Charaktere). Vor allem das Prinzip der Metafiktion reizt Rammstedt bis zum Äußersten aus. Er schaltet sich nicht nur gelegentlich ein, sondern ist klar erkennbar der Ich-Erzähler, welcher von der Schwierigkeit berichtet, aus einer guten Idee einen Roman zu machen. Gerade, wenn der Abgabetermin näher rückt und Bruce Willis immer noch nicht geantwortet hat. Er tut dies nicht mitleidheischend, sondern durchaus gewitzt. Es ist ein großer Lesespaß, wenn er dem stummen Willis damit droht, jederzeit Hubschrauber auffliegen lassen zu können oder wenn er seinen eigenen Verlag inständig bittet, ihm aus dem gut bestückten Verlags-Fundus doch bitte ein Buch zukommen zu lassen, in dem ein Gefängnisausbruch erklärt wird.

Die Emails haben deutliche Längen, da gerät der Autor gelegentlich ins Schwafeln. Doch die Einschübe mit den Erinnerungen an den Bankberater und dessen traurige Parabeln sind bei aller Lakonie sprachlich ungeheuer dicht und ausgefeilt. Bei aller Überspitzung ist Rammstedt da sehr nahe dran an der Realität.

Der Ausgang der Abenteuer bleibt ungewiss. Auf Seite 155 weiß Tilman Rammstedt noch nicht, an welcher Stelle der Geschichte er sich befindet. Auf Seite 999 verabschiedet er sich und wünscht Bruce Willis viel Glück. Leider haben es die Seiten 156-998 nicht mehr ins Buch geschafft und es bleibt somit der Phantasie des Lesers überlassen, ob Rammstedt sein so sehnlich erwünschtes glückliches Ende bekommt. Vielleicht hat er ja sogar statt Hollywood das Ruhrgebiet um Hilfe gebeten und Helge Schneider gefragt. Diesen hatte nämlich ich dauernd vor Augen, wenn es um den Bankberater ging. Warum auch immer.

Sicher hätte Helge sich gemeldet und sehr wahrscheinlich wäre ihm auch etwas eingefallen. Auf jeden Fall hätte er verstanden, dass man „manchmal ein Ziel erst hinter sich lassen muss, um es zu verstehen.“ So bleibt neben diesen Ungewissheiten noch die Frage offen: Werden wir je wieder einen Bruce-Willis-Film sehen können, ohne daran denken zu müssen, dass dieser Tilman Rammstedt im Stich gelassen hat?

Tilman Rammstedt: „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“. DuMont Verlag. 999 156 Seiten, €18,99.




Verschärfte Startbedingungen – für den Abitur-Jahrgang 2013 wird es eng

Ich wusste es. Ich wusste es. Ich wusste es. Hab ich es nicht immer gesagt? Hab ich. 2013 wird der Numerus clausus verschärft. Der doppelte Abitur-Jahrgang lässt grüßen. 1,2 für Germanistik in Bochum. Das ist der Richtwert, Stand der Gerüchte, die durch ruhrische Schulen wabern. Da schon von einigen Medien offiziell aufgegriffen, darf ich mich wohl auch offiziell empören. Ich wiederhole: 1,2 für Germanistik in Bochum. Ja, nee iss klar.

Man hat es ja auch nicht kommen sehen. Ist so wie mit Weihnachten. Kommt immer völlig überraschend. Haben etwa Schulen rechtzeitig informiert und ihre Bedenken im Ministerium angemeldet? Haben Eltern schon frühzeitig gewarnt, Initiativen gegründet, Unterschriften gesammelt? Haben sie? Ja, verdammt. Das haben sie. War da was?

Es wird eine Lösung gefunden werden. Ich seh und hör sie noch alle vor mir. Die gesammelten Schulminister(innen) der letzten 13 Jahre. Wie sie geschwurbelt versichern, dass man das Problem des doppelten Abi-Jahrgangs 2013 nicht unterschätzen werde, für Lösungen werde gesorgt. Am Allerwertesten wurde gesorgt. Nix iss. Numerus clausus wird hochgesetzt. That’s it. Fertig. Lehrstellen sind übrigens so früh wie selten alle vergeben. Dies als kleine Info am Rande für die, die eine Umorientierung in Erwägung ziehen sollten. Braucht Ihr nicht.

Unser Ältester begann im Jahr 2000 seine Schulkarriere, gehört also zu den Letzten, die noch nach 9 Jahren Gymnasium (kurz G9) zur Reifeprüfung antreten. Gemeinsam mit der Stufe, die erstmals nach 8 Jahren Gymnasium (kurz G8) ihr Abitur macht. So alles gut geht, werden wir im nächsten Jahr eine Abi-Feier haben, bei der noch nicht mal alle Eltern in die Aula passen. Patchwork-Familienstiefväter und Mütter müssen draussen bleiben. Omas und Opas sowieso. Von Geschwistern gar nicht zu reden. Das ist in dem Fall aber auch nicht so schlimm. Die haben sowieso keine Zeit, die hängen nämlich im G8-System und haben bestimmt noch Unterricht. Wie unser Jüngster. Dieser orientiert sich derzeit in der Orientierungsstufe. In erster Linie an wahnwitzigen Stundenplänen. Täglich bis mindestens 16:00 Uhr, Dienstag sogar bis 18:30 Uhr. Aber er hat noch Glück. Seit diesem Jahr gibt es endlich eine Mensa. Wird aber nicht genutzt. Weil ziemlich teuer. Und die meisten Eltern müssen ja sparen. Es warten Studiengebühren. Wenn das so weiter geht, wahrscheinlich sogar im Ausland. Gut, dass wenigstens der Jüngste einen Platz im stark nachgefragten Niederländisch-Kurs bekommen hat. Ich fand Maastricht ja immer schon schön.

Seit der Älteste im Jahr der Jahrhundertwende seine Schulkarriere begann, haben wir unzählige Reformen und Reförmchen mitgemacht. Alle mit der heißen Nadel gestrickt, alle unausgegoren, angefangen mit der gleitenden Grundschuleinführung, weiter über Grundschule ohne Noten bis nun zum Gedöns um G8/G9.

Ich betone übrigens ausdrücklich, ich klage in diesem Punkt nicht über die Schulen. Die haben getan, was sie konnten und stimmen in mein Klagelied mit ein. Ich erinnere mich an Schuljahre ohne Bücher, weil diese noch nicht an G8 angepasst waren, an Lehrer, die Stunden um Stunden am Kopierer verbrachten, um Unterrichtsmaterial zu haben. Ich freue mich, dass mir die diversen Lücken im Unterrichtsplan Raum lassen, um meinen Kindern Brecht und Böll nahezubringen. Und fein, dass ich Zeitzeugin bin, dann kann ich glatt noch was zur Wiedervereinigung vermitteln, bis dahin werden wir es im Umterricht wohl nämlich nicht mehr schaffen. Ich erinnere mich genau an Elternabende, in denen das Ministerium ausrichten ließ, für den Abi-Jahrgang 2013 würden die Stufen getrennt bleiben und entsprechend des Wissensstandes unterrichtet werden. War da nicht mal was? Ging nicht. Ach so. Ja dann. Gut, dass die Schule reagiert und für die G8er, die nächstes Jahr ran müssen, Förderunterricht einplant. Das können die Eltern nämlich nicht auch noch leisten. Die gehen schließlich arbeiten. Es warten Studiengebühren. Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber so ist das. Endlos könnte ich mich aufregen, endlos.

(Die Autorin beherbergt und kümmert sich um einen, der 2013 nach 13 Jahren Schule Abi macht; um eine, die 2013 nach 12 Jahren Schule Abi macht und einen, der 2015 nach 12 Jahren Schule macht. Zufrieden ist keiner der drei. Ich darf mich also aufregen.)




„Die Deutschen und die Zwangsarbeiter“ in der Zeche Zollern

„Schloss der Arbeit“ wurde die Dortmunder Zeche Zollern genannt. Nun ist sie ein „Landesmuseum für Industriekultur“, allerdings nicht überall zugänglich, denn der Hauptteil, die Maschinenhalle mit dem wunderschönen Jugendstil-Portal, wird gerade aufwändig renoviert. Stattdessen gibt es in einem anderen Gebäude noch bis zum 30. September die Ausstellung „Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“ zu sehen.

Allein in Dortmund schufteten etwa 30.000 Zwangsarbeiter. (Foto: lwl)

Die historische Forschung über das System der NS-Zwangsarbeiter-Rekrutierung und -Ausbeutung ist relativ weit fortgeschritten, doch diese Ausstellung wendet sich eher an Menschen, die wegen der Industrieanlagen kommen und nun mit einem wichtigen Problemkreis der jüngeren Geschichte konfrontiert werden.

Die Bilder und Dokumente in der sehr professionell zusammen gestellten Schau machen frösteln, manchen Besuchern stehen sogar Tränen in den Augen angesichts der deutlich dargestellten Grausamkeiten, der unvorstellbaren Unmenschlichkeit dieses durch und durch verbecherischen Systems. Vor allem die vorgestellten Text-Originale und die Tondokumente lassen anschaulich werden, wieviel Leid und Tod unsere Ahnen diesen unschuldigen Menschen brachten.

Die Ausstellung widmet sich am Schluss auch der Befreiung und den Schwierigkeiten in den DP-Lagern für „Displaced Persons“, heimatlosen ehemaligen Zwangsarbeitern und Krieggefangenen, wie es sie in unserer Region zum Beispiel in Iserlohn oder Ennepetal-Voerde gab. Etwas iritierend an der sehenswerten Ausstellung ist nur der Titel: Der Obertitel „Zwangsarbeit“ hätte gereicht, denn tatsächlich bekommt man einen umfassenden Überblick über das System und die Untaten.

Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg. LWL-Industriemuseum Zeche Zollern, Grubenweg 3 in Dortmund, Di-So 10-18 Uhr. Eintritt 5 Euro. Bis 30. September.




Brenne, blaues Flämmchen, brenne!

Hier meldet sich das stets rege Ressort Sex, Crime & Explosionen, denn es gab

Gasalarm!

 

Nun, so erschröcklich war es schließlich doch nicht. Aber als technischer Laie weiß man das nicht sogleich.

Das bläuliche Flämmchen war erloschen – und es roch auf einmal so streng. Also das Fenster angelweit auf und vorsichtshalber den Notdienst des Energieversorgers verständigt.

Den Fachmann, der daraufhin eintraf, den will ich preisen. Keine Angst. Dies wird keine Ode auf den Gasmann oder dergleichen. Aber ein Lob der Menschen, die sachkundig, unaufgeregt und freundlich ihre Obliegenheiten versehen. Wie es denn überhaupt in jedem, aber auch wirklich jedem Beruf solche unauffälligen Helden des Alltags gibt.

In diesem Falle war’s einer, der gewiss schon ein paar explodierte Häuser gesehen hat – und es oft mit ziemlich panischer Kundschaft zu tun bekommt. Wenn man ihm begegnet, so kann man sich vorstellen, wie er es vermag, beruhigend auf nervöse Menschen einzuwirken.

Indem er rasch und zielsicher zu Werke geht, findet er gleichwohl noch Zeit, jeden seiner Schritte knapp zu erläutern. Es war ein kleiner Schnellkurs in Sachen Gasboiler, Abgase, Rußverbrennung, Kaminzug usw. Schon mal über Thermoelemente nachgedacht? Man macht sich zu selten einen Begriff von den Mechanismen, die hinter unseren Bequemlichkeiten stecken.

(Foto: Bernd Berke)

(Foto: Bernd Berke)

Eine Riechprobe gab es obendrein. So wie Parfümhersteller ihre Düfte auf Teststreifen ziehen, so kann man auf einer Karte auch den Stinkstoff freirubbeln, der dem eigentlich geruchslosen Gas beigemischt wird. Früher roch das Zeug nach Schwefel, seit ein paar Jahren hat man umgestellt auf eine andere Substanz, die einen durch ihren Ekelfaktor unfehlbar alarmieren müsste.

Der Vorfall erwies sich als gänzlich harmlos. Nach wenigen Sekunden hatte sich die (anfangs zu riechende) Gaszufuhr automatisch ausgeschaltet. Sie ließ sich ebenso problemlos wieder in Gang setzen.

Viel Lärm um beinahe nichts. Folglich sieht man schon Einsatzkosten auf sich zukommen. Doch derlei Maßnahmen sind gratis – und warum? Es ist eigentlich nicht zu fassen. Damit gewisse Leute nicht am völlig falschen Ende sparen und womöglich „denken“: Da lass ich doch lieber den Nachbarn anrufen und dafür blechen. Das könnte dann schon der allerletzte Hirnimpuls gewesen sein.