„Aller Unfug ist schwer“: Vor 100 Jahren wurde der TV-Unterhalter Peter Frankenfeld geboren

„Schau ich weg von dem Fleck, ist der Übrrrrziehrrrr weg.“ Oder: „Das ist meine Frankenfeld-Jacke!“ (Verstehen nur Menschen, die sich noch übel an Feldjacken der Soldaten im 2. Weltkrieg erinnern). Heute vor 100 Jahren, am 31. Mai 1913, wurde Peter Frankenfeld in Berlin-Kreuzberg geboren.

Er hörte in der Familie Frankenfeldt (mit „t“) zunächst auf die hübschen Vornamen Willi Julius August. Und dieser Mensch hielt wenig später noch weniger von Uniformen, überhaupt nichts von den dahinter steckenden Inhalten und konnte nach Nazi-Herrschaft und deren Terror-Kriegen selbstbewusst sagen, dass er nie Mitglied weder dieser Partei noch irgendeiner ihrer Organisationen gewesen sei: „Das ging!“

Auf DVDs und CDs noch präsent: Peter Frankenfeld

Auf DVDs und CDs noch präsent: Peter Frankenfeld

Was Peter Frankenfeld aber wurde, das war des verkleinerten Deutschlands erster Fernsehentertainer, das war der Quotenmagnet, als es solche Betrachtungen von TV-Attraktivität noch gar nicht gab, das war der Entwickler und darstellende Schöpfer von Sendungen, deren soziale Folgen noch heute nachwirken: Dass es eine Fernsehlotterie gibt, ist dem urkomischen Mann in der großkarierten Jacke (der Frankenfeldjacke) zu verdanken. Zwischen ihr und seiner „Vergissmeinnicht-Sendung“ gibt es eine gerade Linie.

„Aller Unfug ist schwer“ – so lautete ein Wortspiel, das er zu seinem Lebensmotto erkor. Es beschreibt auf seine Weise, dass Clown sein, professionell komisch sein eine harte und kunstvolle Arbeit ist. Und schwer bzw. schwierig war auch sein Weg. Er rückte aus der Schule und dem Elternhaus aus und ging als Zauberer zu einem Wanderzirkus, buckelte dann als Hotelpage vor unbekannten Gästen, tourte als Vertreter, wirkte als Schaufensterdekorateur, war Stepptänzer und auch mal Bildermaler, bevor er seine Bühnenlaufbahn in den 1930er Jahren beim legendären „Kabarett der Komiker“ von Willi Schaeffers in Berlin begann.

Nachdem er Nazi-Herrschaft trotz vorlauten Widerstands und den Krieg als vorlauter Funker überstanden hatte, war er sofort wieder vorlaut – bei den Soldaten der US-Armee, die er königlich unterhielt. Bei der Einstellung zum Truppenbetreuer war er besonders vorlaut. Die Frage, ob er denn des Englischen mächtig sei, quittierte er mit einem knappen „Ja“, obwohl er eigentlich gerade erst wirklich begonnen hatte, dieses zu erlernen.

Aber er lernte schnell und viel und vieles, was seine spätere Unterhaltungskunst bereichern sollte. Und auch die heranwachsende Unterhaltungsindustrielandschaft, bestehend aus zwei Sendeanstalten: ARD und (ab 1963) ZDF. Da lagen ihm die großen Unterhaltungsformate alsbald zu Füßen, obwohl er mit seinen Sketches und unvergleichlichen Mundart-Dialogen (auch mal Monologen) stets zu dem zurückkehrte, wo seine Wurzeln lagen – heute würde mensch „Standup-Comedy“ dazu sagen.

1956 heiratete er Lonny Kellner. Sie war so etwas wie die Helene Fischer ihrer Zeit, nur noch erfolgreicher, denn Lonny hatte sogar Ruhm in den USA mit ihren Hits. Da fanden zwei Unterhaltungskünstler einen 23 Jahre währenden gemeinsamen Lebensweg, die sich eigentlich von Herzen nicht mochten. Er sie nicht, weil sie so ein seichtes Zeug sang und sie ihn nicht, weil er nicht mochte, was sie machte. Und es wurde eine Traumpaarehe, die doch auch für die frühe Zeit der neuen Stars ungemein diskret ablief.

Dann ein urplötzlicher Knick in Peter Frankenfelds Karriere. Sein Kind, die „Vergissmeinnicht“-Sendung (damals noch mit „ß“ geschrieben) kam ihm abhanden, weil neue Macher beim ZDF einzogen und ihn, den Entwickler dieses Formats, für zu verstaubt, zu alt hielten. Ja, Jugendwahn ist keine Erfindung von heute. Frankenfeld zog sich zurück ins Private nach Hamburg, wo er und seine Frau ein üppiges Anwesen bewohnten, bis – ja bis beim ZDF wieder ein paar neue Macher einzogen und die Entscheidung der Vorgänger für dämlich hielten. Sie arbeiteten ein Format aus, das Peter Frankenfeld sich auch selbst hätte auf den Leib schneidern können und wollten es mit niemand anderem als ihm besetzen. „Ich betrete Ihr Haus nicht mehr!“ so schallte es dem Anrufer durchs Telefon entgegen, als er seinen auserwählten Star informieren wollte. Gescheit antwortete der ZDF-Mann: „Macht nichts, ich komme bei Ihnen vorbei!“ Und so wurde 1975 „Musik ist Trumpf“ gestartet, sammelte Quoten ein, von denen man bisher nur geträumt hätte, es geriet zu Peter Frankenfelds Triumph.

Leider nur gut drei Jahre lang, denn überraschend starb der bienenfleißige Peter Frankenfeld am 4. Januar 1979 an den Folgen einer Infektionserkrankung. Die deutschsprachige Fernsehunterhaltung wurde auf einen Schlag um 50 Prozent ihrer Qualität beraubt, denn von den „guten Alten“ blieb nur Hans-Joachim Kulenkampff. Viele Zeitgenossen Peter Frankenfelds hegten warme Erinnerungen an ihren Wegbegleiter und Freund. Ich finde eine besonders erwähnenswert. „Er hat meinem Leben einen Sinn gegeben. Ohne ihn wäre ich heute ein Pensionär wie alle …“ Das sagte Walter Spahrbier, Postbeamter a.D., der nach dem Ende einer jeden „Vergissmeinnicht“-Sendung auf den laut schallenden Ruf: „Herr Spaaaaahrbier“! die Bühne betrat, damit Peter Frankenfeld zur Gewinnerkür schreiten konnte.




„Du musst auch eine Drecksau sein“: Notizen vom ZDF-Talk zum Spiel Dortmund vs. Bayern

Allmählich drehen die Medien durch. Seit Wochen überschlägt sich die Berichterstattung vor dem Finale der Champions League. Borussia Dortmund gegen Bayern München im Londoner Wembley-Stadion ist das Spiel der Spiele. Jetzt ging es auch in Maybrit Illners ZDF-Talk um dieses Match, das am Samstag (20:45 Uhr) ins Haus steht.

Ich halte es mit dem guten alten Spruch des BVB-Altvorderen Adi Preißler: „Entscheidend is auf’m Platz.“ Alles Gerede vorher und nachher ist herzlich zweitrangig. So auch bei dieser Talkshow, deren Gästeliste nicht gerade Endspiel-Niveau erreichte. Vor allem fragte man sich, was um Himmels Willen Andrea Kiewel („ZDF-Fernsehgarten“) in dieser Runde zu suchen hatte. Sie war schon beim Sendereigen zum 50jährigen ZDF-Jubiläum – ebenfalls von Maybrit Illner moderiert – höchst präsent. Man kennt sich, man mag sich, man lädt sich ein…

Musste auch als Fußball-Talkerin herhalten: Andrea Kiewel vom ZDF-Fernsehgarten. (Foto: ZDF/Carmen Sauerbrei)

Musste auch als Fußball-Talkerin herhalten: Andrea Kiewel vom ZDF-Fernsehgarten. (Foto: ZDF/Carmen Sauerbrei)

Bloß keinen Aspekt auslassen

Maybrit Illner mühte sich, dem Thema alles, aber auch alles abzupressen. Bloß keinen Aspekt auslassen. Da ging es vor allem um den Mythos „Malocher gegen Millionäre“ und alle anderen Animositäten zwischen Bayern und dem BVB, die weidlich ausgekostet wurden. Bei Licht betrachtet, blieb jedoch von diesem angeblichen „Kulturkampf“ (Illner) substanziell nicht allzu viel übrig.

Man hatte versucht, die Runde möglichst gleichgewichtig zu besetzen. Ex-BVB-Kicker Frank Mill, der derzeit vereinslose Trainer Christoph Daum und Andrea Kiewel halten es eher mit der Borussia, der Journalist Claus Strunz und Moderator Markus Kavka hingegen mit den Bayern. Kleine Spitzen flogen hin und her, doch man tat einander nicht weh. Hörfunk-Fußballreporterin Sabine Töpperwien (WDR) gab sich öffentlich-rechtlich neutral, legte aber stets Wert auf die Formulierung „Ich habe übertragen“; ganz so, als sei sie für ihren Sender immer allein tätig. Nun gut. Ich gestehe freimütig, dass ich ihre Bundesliga-Berichte in ihrem ganzen knödelnden und gepressten Tonfall unsäglich finde.

Deutsche Gipfelgefühle

Apropos unerträglich. Man hält ja all diese Gipfelgefühle kaum noch aus: Deutschland ist doppelt an der Spitze des europäischen Fußballs angekommen, zudem gab ausgerechnet die britische BBC gestern bekannt, dass „wir“ weltweit das beliebteste Land seien. In dieser Talk-Sendung kam man freilich mental wieder etwas herunter, denn es wurde alles, aber auch wirklich alles durchgehechelt, was nur irgend aufs Finale in London bezogen werden konnte – bis hin zu den Chancen bei der nächsten Weltmeisterschaft oder den Scheichs und Oligarchen, die sich vor allem britischer Vereine bemächtigt haben. Wo aber wird solide gewirtschaftet? Richtig. Bei uns. Wo sonst?

Stammtischverdächtig

Wie bitte? Ja, selbstverständlich. Natürlich wurden auch Uli Hoeneß‘ Steueraffäre, der Götze-Transfer und Christoph Daums Kokain-Skandal von anno 2000 nochmals bekakelt. Und der wohltuend zurückhaltende Frank Mill musste zum wohl tausendsten Mal den Filmausschnitt von seinem legendären Pfostenschuss aus einem Meter Entfernung über sich ergehen lassen. Heilig’s Blechle!

An manch einem bayerischen oder westfälischen Stammtisch dürfte ähnlich (un)kundig debattiert werden. Stammtischverdächtig, aber irgendwie herrlich knorrig und kernig war auch der Satz des Abends, der von Christoph Daum eingeworfen wurde: „Du darfst nicht nur schön spielen, du musst auch eine Drecksau sein.“ In diesem Sinne freuen wir uns jetzt aufs Endspiel. Oder auch ganz anders. So mehr von innen heraus.




Noch ein neuer „Tatort“-Kommissar in Hamburg: Thorsten Falke ist ein Rock’n’Roller

Das gibt’s doch gar nicht. Schon wieder ein neuer „Tatort“-Kommissar. Und schon wieder einer in Hamburg. Doch, das gibt’s! Nach Tschiller (Til Schweiger) ist jetzt auch Falke (Wotan Wilke Möhring) in die quotenstarke Krimireihe eingestiegen. Besser noch: In der Vielzahl der „Tatort“-Ermittler ist das einer, den man sich merken sollte, ja muss.

Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring, rechts) und Kollegin Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) bei einer Vernehmung. (Bild: ©NDR/Christine Schröder)

Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring, rechts) und Kollegin Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) bei einer Vernehmung. (Bild: ©NDR/Christine Schröder)

Sein erster Fall hieß „Feuerteufel“ und begann mit einem „abgefackelten“ Auto, in dem offensichtlich eine Frau erstickt war. Ein Jugendlicher hatte, wie man gleich erfuhr, Bruchstücke des schrecklichen Geschehens mit dem Handy gefilmt. Über weite Strecken musste man ihn für den Schuldigen halten, der sich auch noch durch Erpressung und Kopfgeld furchtbar in die Enge treiben ließ.

Doch aus alter „Tatort“-Erfahrung wissen wir ja, dass jemand, der gegen 21.20 Uhr als Täter gilt, es eigentlich nicht gewesen sein kann. Und siehe da…

„Einsamer Wolf“ mit Katze

Folge eins eines neuen „Tatort“-Teams (Regie: Özgür Yildirim) muss immer auch genügend Platz haben für die anfängliche Charakterzeichnung. Dieser Thorsten Falke ist der Typ „einsamer Wolf“; ein Single, der sich am Nachtkiosk versorgt und am späten Feierabend mit seiner Katze redet („Wie war dein Tag heute?“). Ansonsten ist er sehr emotional, zuweilen aufbrausend, er leidet keineswegs unter Adrenalinmangel.

Wenn Falke in seinem Citroen älterer Bauart durch die Hansestadt kurvt, hört er Rock’n’Roll oder – in sentimentalen Stunden – melancholische Singer-Songwriter-Musik. Er kennt und duzt Leute aus der autonomen Szene und hat als verräterrischen Handy-Klingelton ein paar Takte aus „Sympathy for the Devil“ (Sympathie für den Teufel) von den Rolling Stones installiert. Noch Fragen? Ja, eine noch: Wenn ich das mit meinen begrenzten Hamburg-Kenntnissen richtig deute, wohnt er auch noch im aufsässigen Schanzenviertel. Wer weiß es besser?

Vielleicht knistert da etwas

Ein kerniger Kerl also, aber nicht ganz unsensibel. Als bekennender Macho behandelt er die neue Kollegin und Hospitantin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) von oben herab. Doch das gibt sich mit der Zeit. Und vielleicht knistert da sogar etwas. Die Blondine sieht nicht nur gut aus, sondern hat auch noch eine Menge auf dem Kasten. Gemeinsam sind die beiden wohl ebenso stark wie das vorherige Team Falke/Katz. Der alte Kumpel wird freilich Vater und hat sich in den Innendienst versetzen lassen. Falke zürnt und verspottet ihn als „Krawatten-Horst“. Auch die Zeichnung dieser Männerfreundschaft gehört zu den Stärken des Auftaktfilms.

Urgewalt des Feuers

Nicht, dass über all dem der Kriminalfall in Vergessenheit geraten wäre. Er wurde auch noch zusätzlich angereichert. Minter (Bernhard Schütz), der Witwer der anfangs verstorbenen Frau, ließ sich gar auf den Betreiber einer Polit-Kampagne („Mehr Sicherheit für Hamburg“) ein – ausgerechnet ein Autohändler. Unterstützt von einer aufgebrachten Presse, formierten sich dubiose Bürgerwehren, die auf Selbstjustiz aus waren. Bei all dem erhitzte sich das Klima buchstäblich und zusehends. Immer wieder wurde die Urgewalt des Feuers beschworen. Und viel war die Rede von der „Büchse der Pandora“ (Falke zuerst: „Hör mir auf mit dem Pornokram“), aus der dem antiken Mythos zufolge das Böse entweicht, dann aber auch die Hoffnung. So hat man auch etwas lernen können…

Dass die Gerichtsmediziner nichts Präziseres über den Erstickungstod der Frau herausfinden konnten, hat mich gewundert. Aber bitte. Ich bin da kein Experte. Hauptsache, dass es am Ende ein ordentliches Geständnis gibt.

Insgesamt überzeugte die Geschichte jedenfalls. Drehbuch, Dialoge, Darsteller, Spannungsbögen – alles in Ordnung. Nach dem Flop mit Tschiller könnte man sagen: eine erfreuliche Ehrenrettung für Hamburg!

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Jauchs Talkshow: Mutmaßungen über Hoeneß

Übers Wochenende ist ein Thema hochgekocht, für das Günther Jauch seine ARD-Talkrunde in Windeseile hat umplanen lassen. Die Rede ist natürlich vom Präsidenten und Patriarchen des FC Bayern München, Uli Hoeneß, der Steuern in Millionenhöhe hinterzogen haben soll.

Fernsehleute (und viele Zuschauer) gieren nach Themen, die sich so kraftvoll personalisieren lassen. Welch eine tragische Fallhöhe! Da steht der FC Bayern gerade kurz vor dem sportlichen und wirtschaftlichen Zenit. Da schickt man sich an, am nächsten Dienstag und in der Folgewoche den FC Barcelona zu besiegen und ins Finale der Champions League vorzudringen.

Tiefer Fall einer moralischen Instanz

Und ausgerechnet jetzt wird – durch Recherchen des „Focus“ – bekannt, dass der Übervater des Vereins, der Mann, der vielen als Vorbild oder gar als moralische Instanz galt, nicht nur unter Verdacht steht. Nein, Uli Hoeneß hat tatsächlich (schon im Januar) Selbstanzeige erstattet und damit bereits nicht geringe Verfehlungen zugegeben. Über die Ausmaße wird ebenso spekuliert wie über die Frage, ob die Selbstanzeige „strafbefreiend“ wirkt. Schlimmstenfalls würde Hoeneß sogar eine Gefängnisstrafe drohen.

Günther Jauch (© ARD/Marco Grob)

Günther Jauch (© ARD/Marco Grob)

Eine Talkshow, die sich zum jetzigen Zeitpunkt auf das Thema stürzt, läuft Gefahr, zum Tribunal oder zum öffentlichen Pranger zu werden. Doch Günther Jauch lenkte das Gespräch nicht nur in recht vernünftige, relativ ruhige Bahnen, er hatte auch Gäste geladen, denen bewusst war, dass es sich um ein schwebendes Verfahren handelt und dass man einstweilen vielfach nur Mutmaßungen anstellen kann.

Enttäuscht und fassungslos

Dennoch war spürbar, dass die Enttäuschung über Hoeneß überwiegt, der sich 2012 – just bei Jauch – gegen eine drohende „Reichensteuer“ empört und noch dazu gesagt hatte, manche gingen dann eben mit ihrem Geld in die Schweiz. Jetzt wissen wir, dass er selbst offenbar Millionen im Nachbarland gebunkert hatte.

Der langjährige ZDF-„Sportstudio“-Moderator Dieter Kürten, zudem mit Hoeneß befreundet, war ersichtlich völlig aus der Fassung. Er möchte nach wie vor an Hoeneß festhalten und am liebsten alles auf schlechte Berater schieben. Bedeutend strenger äußerten sich hingegen NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans und vor allem der frühere Steuerfahnder Dieter Ondracek, eine nahezu alttestamentarische Erscheinung. FDP-Mann Wolfgang Kubicki, Fachanwalt für Steuerrecht, konnte sich vorstellen, dass die Selbstanzeige von Hoeneß vielleicht nicht rechtzeitig oder vollständig genug eingegangen sei, um noch die erwünschte Wirkung zu erzielen. Könnte es Kubicki gar reizen, einen solch interessanten Fall anwaltlich zu übernehmen? Egal.

„Focus“-Chefredakteur Jörg Quoos sonnte sich anfangs im Erfolg seines Blattes, die Nachricht zuerst gehabt zu haben. Mit zunehmender Dauer schien er unwirsch zu werden, weil er feststellen musste, dass inzwischen andere Presseorgane den Vorsprung mindestens aufgeholt haben. So ist das im schnelllebigen Geschäft; erst recht, seit es das Internet gibt.

Gefundenes Fressen für manche Bayern-Gegner

Jungmoderator Oliver Pocher schließlich mimte ein wenig den „Klassenclown“ und wollte unentwegt locker wirken. Doch bei manchen Themen ist eine solche Grundhaltung etwas fehl am Platze. Immerhin bekam Pocher Szenenapplaus aus dem Saalpublikum, als er meinte, die Mannschaft des FC Bayern werde sich von all dem Gerede nicht irritieren lassen. Tatsächlich geht es ja um privates Geld und nicht um die Festgeldkonten des Vereins. Als Dortmunder und BVB-Anhänger weiß ich, wovon ich rede und was ich so höre: Man kann ziemlich sicher gehen, dass manche Bayern-Gegner quer durch die Republik derzeit klammheimliche Freude empfinden, weil das „Mia san mia“ Risse zu bekommen scheint. Kein schöner Zug.

Ein Thema wird „durchgehechelt“

Nebenher wurde in der Sendung noch ein spezielles Fass aufgemacht: Wer hat eigentlich die ersten Informationen an den „Focus“ gegeben? Für die Ermittlungsbehörden hielten alle die Hand ins Feuer. Und „Focus“-Chefredakteur Quoos wehrte entschieden ab, als hierbei der Name seines prominenten Vorgängers Helmut Markwort genannt wurde, der auch im Aufsichtsrat der Bayern sitzt…

Eins aber ist klar. Bevor die Steuerfahnder ihre Arbeit gemacht und bevor Richter über die Sachverhalte befunden haben, ist das Thema beim Fernsehen längst „durchgehechelt“. Schon an diesem Montag geht’s bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“ weiter – mit der etwas scheinheilig klingenden Fragestellung: „Ausgerechnet Hoeneß – wem kann man jetzt noch trauen?“

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ARD-Porträt über Gunter Sachs – ein Sittenbild aus rauschenden Zeiten

Welch ein missliches Zusammentreffen: Da hat die ARD seit langem ein Porträt unter dem Titel „Der Gentleman-Playboy. Gunter Sachs“ geplant – und dann platzt wenige Tage vor der Ausstrahlung die journalistische Affären-„Bombe“ der so genannten „Offshore-Leaks“, bei der auch Gunter Sachs in den Ruch der Steuerhinterziehung gerät.

Auf ihn beziehen sich jedenfalls offenbar einige der Millionen Datensätze, die aus anonymen Quellen an die Weltpresse gelangt und von Journalisten aus vielen Ländern über viele Monate ausgiebig analysiert worden sind. In Deutschland waren die „Süddeutsche Zeitung“ und ausgerechnet der Norddeutsche Rundfunk (NDR) beteiligt, der just auch fürs Sachs-Porträt verantwortlich zeichnet. Doch offenbar haben die Recherche-Kollegen ihre Geheimnisse bis zum Schluss gewahrt und den Filmemachern vom gleichen Sender vorab keinen Tipp gegeben. So mussten Kay Siering und Jens Nicolai ihr Porträt gleichsam in letzter Minute ummodeln.

Lebe wild und gefährlich: Gunter Sachs und Brigitte Bardot mit Raubkatze, 1969 in Saint-Tropez. (© NDR/Privatarchiv der Familie Sachs)

Lebe wild und gefährlich: Gunter Sachs und Brigitte Bardot mit Raubkatze, 1969 in Saint-Tropez. (© NDR/Privatarchiv der Familie Sachs)

Ganz vorsichtig mit Steuer-Vorwürfen

Dabei haben sie sich wohlweislich sehr zurückgehalten und die Vorwürfe an zwei Stellen nur ganz am Rande erwähnt. In gewisser Weise kann man diese Vorsicht nachvollziehen. Denn erstens gilt – bis zum Beweis des Gegenteils – die Unschuldsvermutung natürlich auch für Gunter Sachs, der sich im Mai 2011 das Leben genommen hat. Und zweitens bestreiten seine Nachlassverwalter entschieden ein schuldhaftes Verhalten. Etwas anderes zu behaupten, wäre einstweilen juristisch sehr riskant. Die nachträglich ins Porträt eingeflochtene Formulierung, der „Finanzjongleur“ Gunter Sachs und sein Geld seien in aller Welt zu Hause gewesen, entbehrt allerdings nicht der Süffisanz.

Der Mann mit lauter guten Eigenschaften

Der aktuelle Nachtrag war freilich auch schon das dunkelste Fleckchen in diesem doch ausgesprochen wohlwollenden Lebensbild. Kaum eine positive Eigenschaft, die Gunter Sachs von der langjährigen Ehefrau Mirja Larsson, von seinen Kindern, Freunden und Wegbegleitern n i c h t nachgesagt worden wäre. Er war demnach ungemein charmant, charismatisch, großzügig, aber nicht verschwenderisch, kreativ, verführerisch, doch letzten Endes auch treu und verlässlich wie sonst nur wenige. Der studierte Mathematiker (hätten Sie’s gewusst?) war nicht nur als Playboy, sondern auch als Kunstsammler, waghalsiger Sportler und Fotograf höchst erfolgreich.

Die besondere Stärke des 75-minütigen Films lag nicht so sehr in der manchmal gar zu ehrfürchtigen Kommentierung, sondern im Materialreichtum, den man aufbereitet hatte und in dieser staunenswerten Fülle erstmals präsentieren konnte. An etlichen Stellen verdichteten sich die zahllosen Filmausschnitte zum prägnanten Sitten- und Gesellschaftsbild jener Jahre.

Gegen das Image vom spießigen Deutschen

Was waren das für Zeiten, als Gunter Sachs – gleichsam stellvertretend für die Nation – lustvoll gegen das Image vom steifen und spießigen Deutschen anlebte; als er reihenweise einige der schönsten Frauen seiner Zeit eroberte (allen voran Brigitte Bardot) und zwischen St. Moritz, Saint-Tropez, Sylt und Palm Springs rauschende Feste mit dem internationalen Jet Set feierte! Selig lächelnd erinnerte sich sein Freund, der Filmregisseur Roman Polanski, dass damals ja auch die Zeit der sexuellen Revolution begonnen habe.

Selbstverständlich hat einer wie Sachs auch kolossalen Neid auf sich gezogen. Als Firmenerbe (Fichtel & Sachs) verfügte der gebürtige Schweinfurter über die Millionen, um sich die Freiheit zu leisten, von der wohl fast alle träumen. Verbinden sich derlei glückhafte Umstände auch noch mit erotischen Husarenstücken, so sehen manche vom Leben Frustrierte Rot.

Flotte und markige Sätze

Siering und Nicolai hingegen schmolzen lieber in Bewunderung vor dem tollen Hecht Gunter Sachs dahin. Sie peppten ihren Film genüsslich mit flotten Sätzen auf. Über Sachs und Bardot: „Sie liebten sich auf dem Heck seines Motorboots – bei voller Fahrt“. Das Risiko, am nächsten Felsen zu zerschellen, hätten sie dabei in Kauf genommen. Donnerlittchen!

Bei weitem härter klang allerdings der mehr als markige Satz aus der Kino-Wochenschau von 1966, Gunter Sachs habe die Bardot „heim ins Reich“ geführt. Was für eine unsägliche Idiotie, noch 21 Jahre nach Kriegsende!

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Zweiteilige Gala „50 Jahre ZDF“: Keine Atempause, der Jubel wird gemacht

„50 Jahre ZDF“ – das muss natürlich groß gefeiert werden. Mal so richtig in Erinnerungen schwelgen und sich dabei köstlich amüsieren, das versprach ganz vollmundig Maybrit Illner, die die zweiteilige Gala-Show zum Mainzer Jubiläum moderiert. Dafür wurden auch altgewohnte Phänomene wie Big Band (Pepe Lienhard) und das Fernsehballett wiederbelebt.

Oft hat man das ZDF in den letzten Jahren als „Seniorensender“ verunglimpft. Geradezu lächerlich, dass man nur bis 49 zur „werberelevanten Zielgruppe“ zählt. Schwamm drüber. Freuen wir uns lieber heute noch, dass die Pläne des damaligen Kanzlers Konrad Adenauer, zu Beginn der 60er Jahre neben der ARD einen Staats- und Unternehmer-Sender zu etablieren, vor Gericht so gründlich fehlgeschlagen sind. So wurde das ZDF, das am 1. April 1963 auf Sendung ging, bisweilen zur echten Alternative. Mal mehr, mal weniger.

Maybrit Illner war zu jedem Scherz bereit

War Maybrit Illner eigentlich die Richtige, um eine solche Gala zu präsentieren? Gewiss, Peinlichkeiten weiß sie stets geschmeidig zu umgehen. Doch ihre dauerhafte Verzückung wirkte ein wenig antrainiert. Unentwegt sprach sie von „Großem Kino“, auch rutschte ihr mal die Formulierung „Großes Aua“ heraus, als es um Schmerzen ging. Sie war offenbar bereit, jeden Kindergartenscherz mitzumachen. Doch dann unterliefen der klugen Frau auch Wörter aus dem Seminar („Meta-Ebene“), die dazu nicht so recht passen mochten.

Maybrit Illner mit den Mainzelmännchen (Foto: ©ZDF/Thomas Kierok)

Maybrit Illner mit den Mainzelmännchen (Foto: ©ZDF/Thomas Kierok)

Natürlich marschierte jede Menge TV-Prominenz auf – nicht nur in nostalgischen Archivfilmchen, sondern auch auf der Gästecouch, genauer: auf den Sofalandschaften, in denen selbstverständlich die ZDF-Designerfarbe Orange dominierte. Damit der Westen nicht unter sich blieb, durfte vor allem Wolfgang Stumph („Stubbe“) die – sanft geglättete – ostdeutsche Sicht der Dinge repräsentieren.

Einstieg mit viel Musik

Mit legendären Musikformaten zwischen „Hitparade“ und „Disco“ (Dieter Thomas Heck, Ilja Richter, Howard Carpendale & Co.) ging’s los, es folgten Forschung und Information (vertreten u. a. von Klaus Kleber, Wolf von Lojewski). Doch auch bei den ernsteren Themen blieb kaum Zeit zum Innehalten. Die geballte Stoff-Fülle aus 50 Jahren ist einfach zu groß, um sie leichthändig zu bewältigen. Besonders die Wissenschaftssendungen wurden geradezu als Klamauk verkauft.

Der erste Teil der Feier endete mit breitwandig inszeniertem Lob und Preis auf die populären Reihen „Schwarzwaldklinik“ und „Traumschiff“, da lauerten ein paar Abgründe. Apropos: Zuschauer haben über die zehn beliebtesten ZDF-Sendungen aller Zeiten abgestimmt. Die Plätze eins bis fünf werden erst in Teil zwei (Samstag, 30. März, 20.15 Uhr) verraten. „Wetten, dass…“ Thomas Gottschalk trotz aller Fährnisse mit vorne dabei sein wird?

Wer hat denn nun die besten Krimis?

Zum Thema Krimis nannten die Gäste als bleibende Erinnerungen überwiegend ARD-Produktionen, nachdem Maybrit Illner das ZDF als Krimisender Nummer eins beschworen hatte. Eine kleine Panne, wenn man so will. Passiert schon mal. Doch immerhin kann das ZDF auf diesem Felde den Kommissar (Erik Ode), „Derrick“ (Horst Tappert), „Der Alte“ (Siegfried Lowitz und Nachfolger), „Ein Fall für zwei“ (Claus Theo Gärtner), „Bella Block“ (Hannelore Hoger) und manches andere vorweisen. Auch nicht so übel.

Wollte man böswillig sein, so würde man die Sendung mit „Viel Archivmaterial und etliches Brimborium drumherum“ zusammenfassen. Es war gelegentlich wie bei einem Klassentreffen. Großes Hallo, viele Umarmungen. Manchmal fragte man sich unwillkürlich, ob denn unbedingt Zuschauer dabei sein mussten. Zwangsläufig hatte das Ganze die Tendenz zum pflichtschuldigen Abhaken und zur forcierten Selbstbejubelung. Wer wird denn auch zum Geburtstag Schlechtes reden wollen? So blieben kritisch angehauchte Zwischentöne den wenigen Comedians und Kabarettisten (großartig: Olaf Schubert) vorbehalten, die die Hofnarrenrollen übernahmen.

Wie die Zeit verflogen ist

Schade, schade, dass solche prägenden Gestalten wie Peter Frankenfeld, Wim Thoelke, Hans Rosenthal oder auch Erik Ode („Der Kommissar“) nicht mehr dabei sein und von früher erzählen können. Ihre alten Sendeausschnitte lassen einen wehmütig spüren, wie die Zeit verflogen ist. Gemeinsam mit dem ZDF sind wir eben…ein wenig reifer geworden.

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Der Zweite Weltkrieg in Nahansicht: Zum ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“

Es wurde mal wieder hohe Zeit für ein solches Großereignis im Fernsehen: Der Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (ZDF) scheint die Schrecken des Zweiten Weltkriegs noch einmal ganz nah heranzurücken. Wir wissen, dass damals Millionen elendiglich gestorben sind. Und doch werden uns immer Einzelschicksale am meisten berühren.

Fünf Freunde beim Abschied im Sommer 1941. Von links: Greta (Katharina Schüttler), Wilhelm (Volker Bruch), Charlotte (Miriam Stein), Friedhelm (Tom Schilling), Viktor (Ludwig .  (Foto: © ZDF/David Slama)

Fünf Freunde beim Abschied im Sommer 1941. Von links: Greta (Katharina Schüttler), Wilhelm (Volker Bruch), Charlotte (Miriam Stein), Friedhelm (Tom Schilling), Viktor (Ludwig Trepte). (Foto: © ZDF/David Slama)

Der entsprechenden Dramaturgie, die uns gleichsam mitten ins Geschehen führt (Bewunderung gilt nicht zuletzt den Kulissenbauern und Kostümbildnern), folgt auch die Spielhandlung, die Regisseur Philipp Kadelbach mit einem großartigen Schauspieler-Ensemble in Szene gesetzt hat: Fünf Freunde treffen sich im Sommer 1941 noch einmal in Berlin. „Weihnachten sehen wir uns wieder“, glauben sie allen Ernstes und prosten einander fröhlich zu. Sie sind jung, lebenshungrig und halten sich für unsterblich. Wie tragisch sie sich irren!

Fünf Freunde und ihre Illusionen

Der Anlass des Abschieds-Umtrunks: Wilhelm (Volker Bruch) und sein schöngeistiger jüngerer Bruder Friedhelm (Tom Schilling) müssen an die Ostfront nach Russland ziehen, „den Iwan ein bisschen verhauen“, wie anfangs naiv gescherzt wird. Charlotte (Miriam Stein) folgt ihnen als Krankenschwester ins Feldlazarett. Greta (Katharina Schüttler) und ihr jüdischer Freund Viktor (Ludwig Trepte) bleiben unterdessen in Berlin, wo auch sie in ein Gestrüpp von Lüge und Verrat hineingerissen werden. Denn Viktor wird von NS-Schergen verfolgt und da nützt es gar nichts, dass Greta, die als Sängerin Karriere machen will, sich mit einem ebenso hochrangigen wie schmierigen Nazi einlässt, um Ausreisepapiere für Viktor zu beschaffen. Freilich lässt sie sich auch von der Aussicht auf Rundfunkaufnahmen betören.

Erschießungen gegen jedes Völkerrecht

Im steten Wechsel schwenkt die Handlung zwischen Berlin, der Front und dem Lazarett hin und her. In Russland zeigt sich mehr und mehr, wie schmutzig dieser Krieg geführt wird – mit Exekutionen wider jedes Völkerrecht, mit willkürlichen Erschießungen und Gräueltaten. Das Lazarett erweist sich als Schlachthaus, in dem Tag und Nacht die Schmerzensschreie durch Mark und Bein dringen. Und dann kommt auch noch der eisige russische Winter, in dem der zuerst so zartsinnige Friedhelm zum Zyniker und härtesten Hund von allen wird.

Der Film lässt drastische Szenen nicht aus. Schon in der ersten Folge bleiben keine Zweifel, dass der Krieg in jedem das Schlechteste weckt. Entweder Täter und Verräter oder Opfer – dazwischen gibt es praktisch nichts – bei allem Bemühen um Differenzierung. Das ist umso schrecklicher, als diese Generation unserer Mütter und Väter (wie hier sehr deutlich herausgearbeitet wird) wunderbar normal hätte sein und leben können, wenn sie nur nicht diesem verfluchtem Regime verfallen wären.

Ein Projekt für alle Generationen

Im Vorfeld dieses Dreiteilers hatte Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), die Bedeutung dieser Produktion beschworen und mahnend festgestellt, dass allmählich die allerletzten Zeitzeugen des Weltkriegs sterben. Deshalb sollten sich die verbliebenen Generationen diesen Film unbedingt gemeinsam anschauen. Er hat recht. Tatsächlich habe ich mir an etlichen Stellen des ersten Teils gewünscht, ich hätte ihn noch gemeinsam mit meinen Eltern sehen können.

Mein Vater ist – wie so viele andere – immer sehr wortkarg gewesen, wenn es um seine Erlebnisse an der Ostfront ging. Dieser Film, der anschließend von einer Dokumentation und einer Spezialausgabe von Maybrit Illners Talk begleitet wurde, hat vielleicht die Wucht und überhaupt die Qualität, doch noch diese oder jene Zunge zu lösen.

Teil zwei und drei (Montag, 18. März, und Mittwoch, 20. März, jeweils 20.15 Uhr) sollte man sich nicht entgehen lassen.

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Til Schweiger schlägt beim „Tatort“ zu

Über diesen neuen „Tatort“-Kommissar redet man schon seit vielen Monaten. Nicht wenige haben schlimmste Befürchtungen gehegt. Til Schweiger als Ermittler – ja, würde das denn gehen? Und tatsächlich: Der durchtrainierte Nuschler mit dem diskussionswürdigen Verständnis von Männlichkeit hat sein neues Revier in Hamburg sofort brachial aufgemischt.

Nach etwa fünf Minuten hat dieser Kerl schon drei Verbrecher final zur Strecke gebracht. Das dürfte neuer „Rekord“ in der ARD-Krimireihe sein. Man fühlt sich an die alte Scherzregel des Action-Kinos erinnert: Erst ein paar Explosionen – und dann langsam steigern… Doch hier gab es die meisten Leichen schon am Anfang.

Bloß nicht lange fackeln

Vorherige Warnrufe? Schüsse ins Bein? Umständliche Verhöre gar? Offenbar alles rechtsstaatlicher Quatsch, wenn man es mit Mädchenhändlern dieses Kalibers vom Astan-Clan zu tun hat. Nicht lange reden oder fackeln, sondern handeln – im Zweifelsfall gleich tödlich schießen. So lautet wohl die Notwehr-Devise des Nick Tschiller (Buchstabierfrage an ihn: „Wie der Dichter?“ – Antwort: „Welcher Dichter?“), der aus Frankfurt an die Elbe gekommen ist. Sein neuer Chef ist entsetzt. Der (faule) „Kiezfrieden“ hat lange gehalten, doch jetzt wird die Unterwelt sicherlich furchtbare Rache nehmen.

Stets zum Schlagabtausch bereit: Nick Tschiller (Til Schweiger) im "Tatort" aus Hamburg. (Foto: NDR/Marion von der Mehden)

Stets zum Schlagabtausch bereit: Nick Tschiller (Til Schweiger) im „Tatort“ aus Hamburg. (Foto: NDR/Marion von der Mehden)

Tschiller, selbst Vater einer 15jährigen Tochter, ist doppelt und dreifach alarmiert, als er die minderjährigen Opfer des Clans sieht. Ihn beherrscht vor allem ein Impuls: „Ich hol‘ euch da ‚raus!“ Er hofft, dass die blutjunge Prostituierte Tereza (vielleicht auch erst 15 oder 16 Jahre alt) als Zeugin dienen kann und bringt sie in der Wohnung seines Kollegen Gümer (hellwach: Fahri Yardim) unter.

Auch Rambo braucht einen Hacker

Dieser muntere, so gar nicht wortfaule Gümer hackt – obwohl verletzt im Krankenhaus liegend – im Verlauf der Geschichte alle denkbaren Handy- und Computerverbindungen. Ohne ihn wäre Tschiller aufgeschmissen. Auch ein solcher Rambo braucht einen im Hintergrund, der gelegentlich kurz und knackig nachdenkt, ein technisch beschlagenes Superhirn, fast schon an der Grenze zur Karikatur. Dass der Online-Freak seine Wohnung mit Kameras ausgestattet hat, über die man alles, aber auch wirklich alles böse Geschehen verfolgen kann, versteht sich beinahe von selbst.

Über weite Strecken gerät der Film zum Duell mit Tschillers Ex-Kollegen vom LKA Frankfurt, Max Brenner (Mark Waschke), der die Seiten gewechselt hat und nun der zynischste Gangster von allen ist. Ganz klar, dass Tschiller nicht aus dem Hinterhalt kommt, sondern mit offenem Visier kämpft. Geradeaus und aufrecht, so wird uns dieser Typ verkauft.

Wahrlich keine Charakterstudie

Til Schweiger muss hier wahrlich keine Charakterstudie abliefern, sondern kommt mit sehr einfach gestrickten Sätzen und vor allem Taten aus. Phasenweise erinnern Fülle und Härte der wüsten Action-Szenen an US-amerikanische Polizeifilme oder an Nachahmer-Produkte deutscher Privatsender. Die Amis können das in aller Regel besser.

Im Umfeld der insgesamt ziemlich unübersichtlich gewordenen „Tatort“-Reihe wirkt diese Art des atemlosen Erzählens jedenfalls ziemlich fremd. Dreimal darf man raten, warum der „Tatort“ ein deutscher Exportschlager ist; bestimmt nicht in erster Linie wegen der Schießereien. Wir hatten schon etliche behäbige, gediegene, humorige oder melancholische Ermittler-Teams in vielen möglichen Mischformen, doch so einen Haudrauf hat es seit Schimanski nicht mehr gegeben, wobei der von Götz George gespielte Ruhrgebiets-„Bulle“ ein Sonderfall von ganz anderem Zuschnitt war.

Gewiss: In der Auftaktfolge (bezeichnend doppelsinniger Titel „Willkommen in Hamburg“) gab es ein paar Ansätze, um Schweigers Rolle ein wenig zu ironisieren. Doch das bisschen Augenzwinkern ging letztlich im Kugelhagel und Geschützfeuer unter.

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Der Beitrag ist zuerst bei www.seniorbook.de erschienen




„Tatort“ Dortmund: So heimelig kann Fernsehen sein!

Das trifft sich gut: Da ist man gerade heute früh aus dem Urlaub zurückgekehrt und hat deshalb sowieso schon diesen Distanzblick auf die eigene Stadt. Und dann läuft just am selben Abend der allererste ARD-“Tatort“, der in Dortmund spielt.

Auch da wirken die wie mit dem Salzstreuer auf den Film verteilten Schauplätze (man muss schließlich den Ort sofort nachhaltig beglaubigen) so fremd vertraut. Wenn man sich hier auskennt, muss man freilich befürchten, dass die fernsehtauglich sehenswerten Stätten alsbald aufgebraucht sein werden, sollte es in dieser nahezu panischen Frequenz weitergehen. Stadtsilhouette aus der Ferne, Standard-Panorama mit Bibliothek und „Dortmunder U“, Katharinentreppe, Polizeipräsidium, Industriemuseum Zeche Zollern, Westfalenstadion (aka Signal-Iduna-Park), allerlei Ansichten zwischen Halde und pompöser Großbürgervilla – all das wurde gleich geflissentlich in die erste Folge (Untertitel „Alter Ego“) gepfercht.

Bei einer mehrmals gezeigten Einstellung schweift der Kamerablick gar bis in die Straße, in der ich lebe. Oh, wie heimelig kann Fernsehen sein! Und das, obwohl (ungelogen!) in Köln etliche WDR-Redakteure nicht einmal wissen, dass es in Dortmund ein Landesstudio des Senders gibt…

Na, egal.

Von „Taubenvatta“ bis zum Bionik-Unternehmer reicht die Skala der Sozialtypen. Dortmund hat offenkundig nicht nur lastende Vergangenheit, sondern auch (technologische) Zukunft. Der erste Mord wird denn auch nicht etwa mit einem Hammer ausgeführt, sondern mit einem niedersausenden Computerbildschirm. Und der Sohn des einstigen Stahlmagnaten lässt Roboter entwickeln. Sein eiförmiges Büro stammt übrigens vom Designer Luigi Colani und befindet sich gar nicht in Dortmund, sondern in der kleinen Nachbarstadt Lünen. Aber wir wissen ja, dass Städte im Film ohnehin nur ein Konstrukt sind.

Das Betriebsklima im Ermittlerteam wird unversehens zum Hauptereignis, die Morde in der Schwulenszene laufen gleichsam nebenher und dürfen – mitsamt einer homophoben Sekte – geradezu als Ausweis für Urbanität neueren Zuschnitts gelten. Der wie aus dem Nichts von Lübeck her kommende Kommissar Faber (Jörg Hartmann) ist einer, der Interesse und Argwohn auf sich zieht. Harsch, verschattet, ziemlich depressiv, manchmal nahezu autistisch, Hauptspeise Ravioli aus der Dose, nirgendwo heimisch – außer vielleicht künftig wieder ein kleines bisschen in Dortmund, wo er seine Kindheit verlebt hat? Einer, der sich intensiv in die Gefühlslage der Täter versetzt, gerade wenn sie von der Norm abweichen. Seine eigene Seelenstimmung scheint rasch zu wechseln zwischen „Was mache ich hier eigentlich?“ und jäher Identifikation. Man möchte wirklich wissen, wie das weitergeht mit ihm und seiner Abteilung (Anna Schudt, Stefan Konarske, Aylin Tezel). Insofern hat der Auftakt einen wesentlichen Zweck erfüllt.

Jargon und Mundart des Reviers zitieren sie hier, als sei das alles nur eine Reminiszenz. Mal taucht kurz ein knorriger Schulhausmeister (übrigens gespielt von Rolf Dennemann, gelegentlich auch Mitarbeiter der Revierpassagen) auf, mal besagter Taubenzüchter, der Angst hat, dass hergelaufene Yuppies seine Tiere vergiften, oder ein BVB-Fantrüppchen grölt unflätiges Zeug. Doch das sind bloße Episoden. Meist reden sie hier recht elaboriert daher. Der Kommissar zitiert Tennessee Williams ganz beiläufig aus dem Gedächtnis. Überhaupt wird vorwiegend druckreifes Hochdeutsch mit ganz leichter Einfärbung gesprochen. Mehr darf man den Bayern oder Schwaben wohl nicht zumuten. Und es gilt ja auch, jeglichem Klischee zu entrinnen.

Über einige Details darf man aus lokaler Sicht milde lächeln. Wenn etwa ein Verdächtiger seine nächtliche Anwesenheit im Kulturzentrum „Dortmunder U“ damit begründet, dass dort tagsüber Besucher seien, so schwingt insgeheim die örtliche Debatte um den notorischen Besucherschwund mit. Sieht man das weitläufige Treppenhaus, so staunt man, dass tatsächlich mal alle Rolltreppen wie geölt funktionieren. Doch was kümmert’s den kleinen Rest der Republik?




„Tatort“ Dortmund: Ja, hömma!

Nachtrag am 12. Oktober 2011:

Jetzt ist es heraus: Dortmund wird „Tatort“-Metropole. Und schon überschlägt man sich in der Stadt. Die Presse hat sich schon mal feine Mordgeschichten mit Lokalkolorit ausgedacht. Derweil versucht OB Ullrich Sierau (SPD), sich den Erfolg an seine Fahnen zu heften. Die Westfälische Rundschau zitiert das Stadtoberhaupt heute mit dem Satz: „Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass mein Werben für Dortmund als Krimischauplatz so erfolgreich ist. Ich finde es super…“

Ist ja gut, Herr Sierau, Sie allein haben das bewirkt, keine Frage. Die Leutchen beim WDR mussten das fertige Konzept nur noch abnicken.

Schon im Vorfeld hatte Sierau eine Idee für den ersten Dortmunder Fall lanciert: Fiese Typen sollten demnach einen erfolgreichen Start-up-Unternehmer bedrängen. Dabei hätte man ganz nebenbei erfahren, welch gutes Pflaster Dortmund den Studenten und den jungen Unternehmen bietet, wären da nicht jene Finsterlinge (vielleicht aus Schalke?).

Mal ganz im Ernst: Hoffentlich widerstehen die Autoren allen Anfechtungen, die Dortmunder „Tatort“-Folgen mit strukturpolitischen oder sonstigen Botschaften zu befrachten. Schreibt bitte einfach gute Krimis und zeigt Dortmund als normale Stadt mit solchen und solchen Seiten!

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Und hier der Text von 7. September:

Es wird mal wieder spekuliert, ob Dortmund künftig ein ARD-„Tatort“ sein wird. Doch diesmal klingen die Mutmaßungen so, als wäre einige Wahrscheinlichkeit im Spiele.

Auch ein möglicher Hauptdarsteller wird genannt: der 41-jährige* Jörg Hartmann, der vereinzelt schon Gastauftritte in „Tatort“-Folgen absolviert hat, freilich nie als Polizist. Auch bei „Bella Block“ hat er ‚reingeschnuppert. Überdies verströmt er den Stallgeruch des westfälischen Ruhrgebiets, ist er doch in Hagen geboren und in Herdecke aufgewachsen. Ja, hömma!

Sei’s drum. Im Oktober soll das Publikum „amtlicherseits“ (sprich: vom WDR) mehr erfahren. Bis dahin hält dessen Pressestelle selbst gegenüber den Journalisten aus dem eigenen Hause dicht. Ein Effekt: Abermals ist eine Dortmunder Zeitung vorgeprescht und hat dem Sender, der ja schließlich die in NRW angesiedelten „Tatorte“ herstellt, die Geschichte vorgesetzt. Da muss es also eine undichte Stelle geben, die besagte Zeitung erneut weidlich nutzt. Wer will es den Kolleg(inn)en verdenken? Jedenfalls mussten alle anderen interessierten Medien „nachziehen“, besonders zähneknirschend tat man’s gewiss beim WDR.

Frei nach Lautréamont: Begegnung eines Küchenmessers und eines Stadtplans auf der Arbeitsplatte. (Foto: Bernd Berke)

Frei nach Lautréamont: Begegnung eines Küchenmessers und eines Stadtplans auf der Arbeitsplatte. (Foto: Bernd Berke)

Abgesehen davon fragt man sich, inwiefern es das Image (und indirekt gar das tatsächliche Lebensgefühl) einer Stadt beeinflusst, wenn sie „Tatort“-Schauplatz ist. Nun, es kommt sicherlich immer auf die einzelnen Drehplätze (z. B. Nordstadt, Hohensyburg, Westfalenstadion, Dortmunder „U“, Galopprennbahn oder ländlicher Vorort) und vor allem auf den Zuschnitt der Stories an. Münster beispielsweise wirkt in der ARD-Krimireihe geradezu leichtsinnig humorvoll, während einst in Schimanskis Duisburg vorwiegend die finsteren und desolaten Seiten der Stadt überwogen. Köln, Düsseldorf und Essen waren oder sind gleichfalls nordrhein-westfälische „Tatort“-Städte, so dass Dortmund nun wirklich einmal an der Reihe wäre, bevor sich etwa Randgemeinden wie Mönchengladbach, Aachen, Siegen oder Bielefeld andienen.

Und doch wendet man sich schon jetzt mit Grausen, wenn man sich ausmalt, wie die Stadtspitzen eine solche (vermeintliche) Erhebung in den medialen Adelsstand bejubeln. Wäre das schön, wenn sie es nobel hinnehmen und schweigend genießen würden! OB Ullrich Sierau hatte sich bereits im Frühjahr als Chef des Besetzungsbüros geriert, indem er den gebürtigen Dortmunder und BVB-Fan Dietmar Bär (Freddy Schenk im Kölner „Tatort“) nachdrücklich als DO-Kommissar ins Gespräch brachte. Das wird ja wohl nichts.

Erst recht sollte man sich keine touristisch verwertbare Stadtwerbung versprechen. Erfahrungsgemäß gibt es pro Folge nicht allzu viele Schwenks mit wirklichem Lokalkolorit, Innenraum-Szenen können ohnehin ganz woanders (aus Kostengründen beispielsweise in Köln) entstehen.

Dem vagen Vernehmen nach könnte es in den Dortmunder Krimis vorwiegend bodenständig witzig zugehen. Falls die ganze Chose stimmt, dürften auch schon Autoren und/oder Regisseure** am vorbereitenden Werk sein. Sollte etwa der ortsansässige Adolf Winkelmann…? Nicht doch, oder?

Also gut, warten wir’s einfach demütig ab. Stolzgeschwellt einherschreiten, ansonsten (siehe oben) still genießen oder auch sich königlich über Nestbeschmutzung aufregen, das alles kann man später immer noch.

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*Laut Wikipedia ist Hartmann am 8.6.1969 geboren, laut seiner Agentur (Mieke Gotha) am 8.6.1970…

**Frauen sind mitgemeint




Als die Radios noch Gesichter hatten – Im beschaulichen Bad Laasphe hat Hans Necker Deutschlands größte Gerätesammlung aufgebaut

Von Bernd Berke

Bad Laasphe. „Schreiben Sie nicht so viel über mich, es geht um die Sache“, bittet Hans Necker. Ganz sachlich also: Der 61-Jährige hat praktisch im Alleingang am südlichen Rande Westfalens das größte deutsche Radiomuseum eingerichtet.

Kaum zu glauben: Ungefähr 3500 verschiedene Röhren-Geräte verwahrt Necker heute – überwiegend aus der Vorkriegszeit und aus den 50er Jahren. Die Sammlung wäre jeder Metropole würdig. Für manche ist es pure Nostalgie, andere berauschen sich eher an der Technik.

Neckers Passion begann in seiner Düsseldorfer Kindheit. Wegen einer Sehschwäche verbrachte er fast jede freie Minute vor dem Hörfunkgerät. 1952 bekam er zur Einschulung von einer Tante sein erstes eigenes Radio – einen prachtvollen belgischen Empfänger, Baujahr 1938.

Grundstock aus dem Sperrmüll der 60er Jahre

Ein großer Grundstock seiner jetzigen Sammlung stammt aus dem Sperrmüll der 60er Jahre. Hans Necker: „Damals wollten die Leute alles Alte wegwerfen.“ Hinzu kamen eine umfangreiche Schenkung und etliche Gelegenheiten bei Sammlertreffs der „Radioten“, wie Necker Seinesgleichen nennt.

Schon seit langem hatte der gelernte Bürokaufmann die Südzipfel Westfalens im Urlaub besucht. Vor 17 Jahren zog es ihn dann endgültig ins beschauliche Bad Laasphe im Wittgensteiner Land. Die Radios brachte er mit.

Wohl kaum eine Ehefrau würde eine solche Leidenschaft klaglos dulden. Necker ist denn auch unverheiratet geblieben. Er hat alle Schätze penibel katalogisiert und beschriftet. Ganz so, als hätte er zeitig geahnt, dass solche Gerate wieder „salonfähig“ werden würden. Längst baut die Industrie im Zeichen des Retro-Designs historische Apparate nach – allenfalls ein matter Abglanz der Originale.

Etwa um 1965 hat Necker die Grenzlinie gezogen: „Transistor-Radios – ach nee. Das wäre ein anderes Sammelgebiet.“ Schade, ich hätte gerne noch einmal eine Philips Evette von 1962 betrachtet. Mein erstes, damals zu Weihnachten heiß ersehntes Kofferradio. Doch hier findet sich ja weitaus Wertvolleres. Beim Gang durch schier endlose Regalreihen hält man häufig inne. Es ist wie mit alten Automobilen: Auch Radios hatten „damals“ Charakter, ja gleichsam Gesichter, und sie blickten aus „magischen Augen“ (so hießen leuchtende Empfangsanzeiger).

Kleinode wie die „Pfeifende Johanna“

Manche Geräte erstrahlen geradezu triumphal. Und auch die, die sich formal bescheidener geben, sind vielfach eine Augenweide. Einflüsse aus Kunst- und Kulturgeschichte sind unverkennbar. Einige Radios sind vom Jugendstil inspiriert, andere etwa vom Bauhaus. Notfalls mit „gutem Zureden“ funktionieren die allermeisten Geräte noch. Hans Necker hält alles selbst in Schuss.

Zu jedem Gerät weiß der Mann eine Geschichte zu erzählen, als wären es lauter gute Freunde. Auch in der Historie des Mediums kennt er sich aus. Jahre bevor am 29. Oktober 1923 der öffentliche Rundfunk in Deutschland begann, ging es los: „Um 1918 gab es in Frankreich einen Börsenfunk.“ Damit hat es also begonnen!

Alles scheint vorhanden: Detektoren, die man nur mit,Kopfhörer benutzen konnte; die in der NS-Zeit diktatorisch verordneten „Volksempfänger“ oder Kleinode wie die „Pfeifende Johanna“, ein 1934 von Telefunken gefertigtes, nicht richtig ausgereiftes Modell mit argen Tonproblemen. Man staunt über einen Boudoir-Spiegel, der sich als Radio für die elegante Dame erweist. Man bewundert Apparate mit kathedralenförmigem Gehäuse oder veritabler Breitwand-Senderskala. Ganz großes Hörkino!

DDR-Geräte gefällig? Es gibt dafür eine ganze Abteilung. Kuriosa von jederlei Art? Auch die werden gebührend gewürdigt. Die mitunter abenteuerlichen Entwicklungslinien einzelner Firmen wie etwa Braun („Schneewittchensarg“) oder Körting? Bitte sehr, reichlich dokumentiert. Einzelne Länder Europas? Na, klar. Als Laie denkt man, alles wäre komplett, aber einer wie Hans Necker sieht die Lücken: „Ich habe immer noch eine lange Wunschliste.“ Sein Appell an alle Entrümpler: „Bitte nichts voreilig in den Container werfen!“

Und die Zukunft? Die Stadt Bad Laasphe werde sich etwas einfallen lassen müssen, mahnt Necker. Seine Sorge: „Was wird aus der Sammlung, wenn ich nicht mehr bin?“

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INFOS

Eintrag im „Buch der Rekorde“

  • Radiomuseum Hans Necker. Bad Laasphe, Bahnhofstraße 33. Geöffnet März bis Okt. Di, Do, Sa, So 14.30 bis 17 und nach Vereinbarung (02752/97 98). Eintritt 2 Euro.
  • Untergebracht ist das Museum im ersten Stock eines früheren Gymnasiums, das man sich mit Schützen und einem Jugendtreff teilt. Die Stadt stellt die Räume, Hans Necker betreut seine Sammlung ehrenamtlich.
  • Von 3500 Geräten werden rund 1000 ständig gezeigt, der breite Rest befindet sich im Depot – es reicht für einen Eintrag im „Buch der Rekorde“.
  • Auch Grammophone (Edison-Walzenphonograph von 1897), Tonbandgeräte (mit Spezialitäten wie dem „Tefifon“), TV-Truhen, Lautsprecher, Antennen usw. zählen zur Sammlung.
  • Eine annähernd ebenbürtige Fülle gibt es bundesweit nur in Fürth.

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Nachtrag: Link zur Homepage des Museums, Stand Februar 2019:

http://www.internationales-radiomuseum.de/




„Bio“ erzählt seine Fernsehgeschichte – Alfred Biolek begibt sich auf Bühnentournee / Auftakt in Köln mit Harald Schmidt

Von Bernd Berke

Köln. Wenn ein Bühnenabend „Mein Theater mit dem Fernsehen“ heißt, erwartet man womöglich Enthüllungen. Aber doch nicht bei Alfred Biolek! Dieser Menschenfreund begleicht keine offenen Rechnungen, schon gar nicht öffentlich. Er erinnert sich einfach an über 40 Jahre Fernsehgeschichte, die er hie und da mitgeprägt hat. Am Samstag war im Kölner Schauspielhaus Premiere, nun beginnt eine ausgedehnte Tournee.

Biolek sitzt sinnend auf der Bühne, plaudert von früher und „zappt“ sich dabei durch „Best of „-Ausschnitte aus seinen zahlreichen TV-Sendungen, die man auf einer Großbildwand sieht. Da ist man also Theaterbesucher, doch gleichzeitig auch irgendwie „Couch-Kartoffel“. Jedenfalls darf man nostalgieren: Anfangs gab Biolek (noch in Schwarzweiß) gut gemeinte Tipps für Autofahrer. Als spürsinniger Produzent holte er später u. a. Rudi Carrell („Am laufenden Band“) und die britische Komikertruppe „Monty Python“ in deutsche Programme. Vor allem Letzteres ist ein Verdienst für die mittlere Ewigkeit.

Im Gang durch die Zeiten wird klar: Dieser Mann, der 1963 als Hausjurist beim ZDF begonnen hat, hat dringlich selbst vor die Kameras gehört. Da kam er zur rechten Zeit an die richtigen Plätze. Als einer, der keck und kokett so manchen Fez mitmacht, doch dabei stets in erster Linie andere gelten lässt, zur Geltung bringt.

Mit Gästen von Franz-Josef Strauß bis Paul McCartney geplaudert

In seinen Shows und Talks lockerten sich so unterschiedliche Charaktere wie etwa CSU-Chef Franz-Josef Strauß, Paul McCartney, Arnold Schwarzenegger oder Michael Schumacher, den Bio damals zur allgemeinen Gaudi irrtümlich als „Harald“ begrüßte. Nur: Wenn’s mal ernsthaft politisch wurde, passte Bioleks heiterer Stil nie so recht. Er selbst deutet auf diese Beschränkung hin, in weiser Selbsterkenntnis.

Leider werden manche Ausschnitte gar zu abrupt abgebrochen, weil bei aller Gemütlichkeit doch die Zeit drängt und Biolek partout auch noch was zur Klavierbegleitung singen will. Hilfreich wäre es, die TV-Schnipsel mit eingeblendeten Jahreszahlen zu versehen. Und wenn sich herumspricht, was er da im Einzelnen ausgeheckt hat, wird Biolek wohl gelegentlich Belegstücke auswechseln müssen. Er hat ja genug parat.

Böse Kritiken mag er nicht mehr hören

Ohne Eitelkeit sei sein Metier undenkbar, gesteht Biolek freimütig. Mit ihm und dem Show-Gewerbe sei es freilich wie mit der flugunfähigen Hummel, die dennoch ständig Flugversuche unternehme. Überhaupt hält sich Selbstbeweihräucherung in angenehm ironisierten Grenzen. So stülpt er sich geräuschdämmende Ohrmuscheln über, als die zehn übelsten Kritiker-Verrisse seiner Laufbahn („Biolek – eine Folter“) zitiert werden.

Zwischendurch holt er eigens eine Zuschauerin als „Zeugin“ auf die Bretter, um klarzustellen: Niemals sei er betrunken gewesen bei seiner Kochsendung „alfredissimo“. Das eine oder andere Glas Wein – gewiss! Doch keins über den Durst hinaus. Darauf sollten wir anstoßen.

Und noch einen bittet Biolek ins Scheinwerferlicht: den für Köln engagierten Spezialgast Harald Schmidt. Da erweist sich: Biolek ist doch eher ein harmloser Rampen-Uhu, die wahrhaft wilde „Rampensau“ ist Schmidt. Sogleich zieht er die Agenda an sich und lässt Bio für rund 20 Minuten wie freundliches Beiwerk erscheinen. Ja, er hat ihn kurz zuvor sogar schon tot gesehen: Aus der vierten Reihe betrachtet, sei ihm Bio zwischen der sparsamen Bühnen-Deko (weiße Lilien) „wie aufgebahrt“ vorgekommen, scherzt Schmidt. Da schmeißt sich Biolek mal wieder buchstäblich weg vor Lachen…

Totgesagte leben ja ohnehin munterer. Doch selten bekommen sie derart rauschende Ovationen wie Biolek in Köln.

Nächste Termine: Berlin 23. Okt., Hamburg 13. Nov. – NRW kommt zum Schluss an die Reihe: Düsseldorf 28. April 2007, Essen 10. Mai, Oberhausen 12. Mai, Bochum 13. Mai.

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ZUR PERSON

Vor und hinter der Kamera

  • Alfred Biolek wurde am 10. Juli 1934 in Freistadt (Tschechien) geboren. 1946 flüchtete er mit seinen Eltern nach Deutschland.
  • Ab 1954 studierte er Jura in Freiburg. München und Wien.
  • 1963 wurde er Justitiar beim damals neu gegründeten ZDF.
  • 1970 ging er als TV-Produzent zur Bavaria Film nach München.
  • Bekannte eigene Sendungen: „Kölner Treff“ (mit Dieter Thoma, 1976-80), „Bio’sBahnhof“ (1978-82), „Mensch Meier“ (1985-91), „Boulevard Bio“ (1991-2003), Kochshow „alfredissimo“ (seit 1994, soll im Frühjahr 2007 auslaufen).
  • Kürzlich sind seine Erinnerungen als Buch erschienen: „Bio – Mein Leben“(Kiepenheuer & Witsch, 18,90Euro).



Als Fernsehgeräte noch Rembrandt und Leonardo hießen – Herne zeigt nostalgische TV-Ausstellung „In die Röhre gucken“

Von Bernd Berke

Herne. Allein das Ambiente lohnt einen Ausflug: Das schmucke Heiner Wasserschloss Strünkede liegt in einem herrlichen Park. Dazu und zu den sonstigen alltagsgeschichtlichen Schätzen gibt’s jetzt im „Glockenraum“ des Renaissance-Baus (16./17. Jahrhundert)eine Extra-Portion Nostalgie. Wer in den Nachkriegs-Jahrzehnten mit dem Fernsehen aufgewachsen ist, wird hier seine Aha-Erlebnisse haben.

„In die Röhre gucken“ heißt die kompakte Ausstellung des Emschertal-Museums. Im Titel schwingt Enttäuschung mit, doch die stellt sich allenfalls ein, weil die Schau nicht umfangreicher geraten ist. Mit mehr Zeit und Geld ließe sich das kulturhistorische Thema üppiger aufbereiten. So hat man eben überwiegend auf Eigenbesitz zurückgegriffen und die Bevölkerung animiert, in ihren Fernseh-Souvenirs zu kramen.

Im Zeitraffer also durcheilt der Besucher die Zeit zwisehen 1952 und heute. Wie sehr sich die Formen der TVGeräte gewandelt haben! Und doch schließt sich irgendwie der Kreis, wenn auch auf ungleich höherem technischen Niveau: In den frühen 50ern waren die Bildschirme noch zwangsläufig winzig, jetzt gibt’s (neben imposanten Riesengehäusen) jene Geräte im Handy-Format, die stolz ihre winzigen Displays vorweisen.

Als die sündhaft teuren Gerate noch „Raffael“, „Rembrandt“ oder „Leonardo“ hießen und manche sich für den Fernsehabend eigens fein machten, prunkten Truhen mit Edelholz. In den späten 60ern wurden sie schockbunt (Plastik, grellrot oder orange), und nun gibt sich die avancierte Technik eher „cool“.

Alte Geräteprospekte (ach, all die verschwundenen Marken wie Nordmende, SchaubLorenz, Graetz oder Saba!), Programmzeitschriften aus längst verflossenen Jahren und Fan-Kollektionen kommen hinzu. Eine ältere Dame klebte Illustriertenbilder ihrer Fernsehlieblinge (Lembke, Carrell, Biolek) fein säuberlich ins Album, andere sammelten z. B. jene Mini-Fernseher aus billigem Kunststoff mit aufgepappten oder per Walze rotierenden Bildchen.

An den Programm-Schwerpunkten hat sich nicht gar zu viel geändert. Ein Auszug vom 10. Januar 1954 verzeichnet zunächst die Fußballübertragung, dann den bunten Abend, der heute als Comedy-Show firmieren könnte. Nur: Damals lief die Kiste nicht rund um die Uhr.

Man sieht nicht nur dokumentarisch Relikte, sondern auch etwas Kunst: Bernd Ikemann (Jahrgang 1956), von dem Aquarelle zu sehen sind, gehört zur Generation, deren erste Fernseherlebnisse „Fury“, „Lassie“ oder „Bonanza“ hießen. Er kommt vom Thema einfach nicht los und malt immer wieder gutbürgerliche Wohnzimmer-lnterieurs mit TV-Geräten. Auf der Suche nach der flimmernden Kindheit streift er durch menschenleere Räume. Mobiliar und Fernsehapparat halten geisterhafte Zwiesprache miteinander.

Chaos fürchtete hingegen der DDR-Künstler Bernhard Heisig („Der Lichtbringer“, 1982). Simultan und kakophon branden die Programm-Partikel auf den Betrachter zu. Vielleicht war’s die Angst, mit Nichtigkeiten (aus dem damaligen Westen?) überschwemmt zu werden.

„In die Röhre gucken“. Emschertal-Museum im Schloss Strünkede. Herne, Karl-Brandt-Weg 5 (Nähe Abfahrt Herne-Baukau). Noch bis zum 21. September. Di-Fr 10-13 und 14-17, Sa 14-17 Uhr.




Eine Instanz wird geschlossen – Nach 23 Jahren nimmt Dieter Hildebrandt Abschied vom „Scheibenwischer“

Bernd Berke

Ein wenig ist der Abschied vergiftet, wenn Dieter Hildebrandt heute zum letzten Mal den satirischen „Scheibenwischer“ (ARD. 21.00 Uhr) surren lässt. Gern hätte er einen nahtlosen Übergang zu einer vergleichbaren Nachfolge-Sendung gehabt. Doch „die Herren von der ARD“, so Hildebrandt etwas verbittert, hätten dies nicht gewollt.

Statt dessen möchten sie so altgedienten Hildebrandt-Mitstreitern wie Mathias Richling oder Bruno Jonas eine Pilotsendung abverlangen; ganz so, als müssten die den Beweis ihres kabarettistischen Könnens erst noch erbringen. Doch nicht um Fähigkeiten geht es beim geplanten Test, sondern allemal um die Einschaltquote. Wer weiß, ob ohne Hildebrandt auch noch rund 3 bis 4 Millionen Zuschauer dabei sein wollen.

Die große Zeit des TV-Kabaretts ist ohnehin vorüber

Die große Zeit des TV-Kabaretts dürfte ohnehin längst vorüber sein – jene Jahre etwa, als die Zuschauer noch keine Alternative zum Ersten Programm hatten und Hildebrandt mit der „Lach- und Schießgesellschaft“ wahre Straßenfeger-Quoten erzielte. Der „Scheibenwischer“, der (wie das Vorbild am Auto) auch bei widrigen Verhältnissen die Sicht freihalten und rasch für Klarheit sorgen soll, hat etliche aufklärerische Verdienste.

Im oft kurzatmigen Fernsehen darf dies als kleine Ewigkeit gelten: Seit 23 Jahren ist die Sendung im Programm und hat immer mal wieder für heftigen Unmut gesorgt, besonders in konservativen Kreisen. Reiz-Stichworte waren z. B. Nachrüstungsbeschluss, Tschernobyl und Rhein-Main-Donau-Kanal.

Als es noch richtige Feindbilder gegeben hat

Legendär wurde der Spruch des einstigen CSU-Vorsitzenden Strauß, Hildebrandt betreibe „Giftmischerei“. Politische Feindbilder solcher Prägung, auf die man mit Worten trefflich zielen konnte, gibt’s heute nicht mehr. Also arbeitet sich selbst ein Hildebrandt heute oft etwas mühselig an den unübersichtlichen Zeitläuften ab. Die Konkurrenz zur politisch oft reichlich bedenkenlosen Comedy kommt erschwerend hinzu.

Hildebrandt (75) ist dennoch zuversichtlich, was die Zukunft seines Metiers angeht. Landauf landab gebe es viele beachtliche Kleinkunstbühnen. Auch wenn manche Fernseh-Chefs Kabarett lieber auf Nachtschienen rangieren würden, sei die Gattung vital.

Im Fernsehen, so Hildebrandt kürzlich in einem Interview, gehe allerdings Bühnenflair verloren: „Das Glitzern im Auge sieht man über den Schirm nicht.“ Dafür sieht Hildebrandt nicht, wie wohl so mancher Zuschauer heute etwas feuchte Augen bekommt. Kleiner Trost: Am 2. Oktober soll’s noch eine Sonderausgabe geben.

Und nun sind wir gespannt, welche Themen und Figuren sich Hildebrandt heute vorknöpft und wem er sein letztes Solo widmet. Mach’s nochmal. Dieter!




Die einfachen Dinge des Lebens lieben – Der Schauspieler Heinz Bennent wird heute 80 Jahre alt

Von Bernd Berke

In unseren Zeiten mag man solch einen Menschen für einen Sonderling halten: Seit vielen Jahren lebt er ohne Auto und Fernsehgerät, sein Wasser schöpft er (im Zweitdomizil auf Mykonos) am liebsten selbst aus dem Brunnen. Und manches mal, so heißt es, hören ihn die Leute im Stadtpark von Lausanne mit wirrem Gestus zu sich selbst sprechen.

Dann rezitiert er vielleicht Gedichte Hölderlins, des seit jeher innig verehrten Dichters. Wohl nur die Kultur kann derlei Bruderschaften quer durch die Jahrhunderte stiften.

Wir reden von einem unserer größten Schauspieler: Heinz Bennent, der heute vor80 Jahren in Stolberg bei Aachen als jüngstes von sechs Kindern eines Buchhalters geboren wurde und der eben die einfachen, unverbogenen Dinge des Lebens liebt.

Der gegen jede Autorität allergische Junge wurde aus der Hitlerjugend wegen „mangelnden Gehorsams“ ausgeschlossen, später brach er eine von den Eltern erzwungene Schlosserlehre ab, um seine Theater-Leidenschaft auszuleben. All das ehrt ihn, schon vor jeglicher Kunstausübung.

„Film kann jeder!“

Beruflich ist er ein Vagabund, vor allem zwischen deutschen und französischen Bühnen. Auf feste Engagements (Debüt 1947 in Karlsruhe; kurzfristig einmal in Bochum) hat er sich schon lange nicht mehr eingelassen, er sucht sich seine Rollen gezielt aus.

Privat gilt er als treu und familiär verlässlich. Seit 1963 ist er mit der früheren Tänzerin Paulette Renou (Künstlerinnen-Name Diane Mansart) verheiratet, die ihre Laufbahn aufgab und seither der gute Geist der Künstlerfamilie ist. Die beiden Kinder sind längst selbst ruhmreiche Darsteller und traten oft mit dem Vater auf: Anne und David Bennent. Sind’s die Gene, ist’s der tägliche Einfluss? Wer weiß.

„Film kann jeder!“ hat Heinz Bennent in einem Interview gesagt. Vor der Kamera müsse man nicht spielen, sondern nur man selbst sein. Nur Koketterie? Die ist seine Sache gewiss nicht, eher schön ein aufreibender Drang zur Perfektion. Auch die Behauptung, er habe sich niemals selbst gut gefunden, glaubt man einem wie ihm. Sein Leitsatz: „Wenn man zufrieden ist, hat man keinen Ansporn mehr.“

Ein Denkmal seiner Zunft

Jedenfalls hat er fürs Kino gespielt – und wie: etwa in Volker Schlöndorffs Oscar-gekrönter „Blechtrommel“ (1979) nach Grass, in der sein Sohn David den zwergwüchsigen Oskar verkörperte; oder den von den Nazis verfolgten Theaterdirektor in François Truffauts „Die letzte Metro“ (1980) und den diabolischen Doktor in Ingmar Bergmans „Das Schlangenei“ (1977).

Besonders die etwas spröden Außenseiter waren es, denen Heinz Bennent unvergesslich Gesicht, Stimme und Haltung verliehen hat. Zumal im Theater, das – zwischen Shakespeare und Schnitzler, Schiller und Ibsen – seine eigentliche Heimat blieb. Mit sparsamen Gesten, doch ungeheuer eindringlich hat er 1988 in Dieter Dorns Botho-Strauß-Uraufführung „Die Besucher“ den gealterten, notorisch eitlen Theaterdarsteller gegeben – ein wahres Denkmal seiner Zunft.

Selbst dem meist apokalyptisch düster inszenierten „Endspiel“ des Samuel Beckett hat Heinz Bennent, im fabelhaften Zusammenwirken mit seinem Sohn David, 1995 in Lausanne (und auf triumphaler Tournee) unverhofft freundliche Züge verliehen. Die verzweifelten Worte haben sie eingebettet in hauchzärtliches Spiel. Keine billige Versöhnung war’s, sondern eine Wärme-Zufuhr, die dem Text sehr wohl bekam.

Im Fernsehen war Bennent bereits ab 1954 präsent – auch in etlichen Folgen von „Der Kommissar“, „Derrick“ und „Tatort“. Inzwischen meidet er das Medium, weil es fast nur noch aus läppischen Serien bestehe. Das mag ungerecht klingen. Doch man kann Bennent den Unmut nachfühlen.

 




Mit Fernsehen in der Hölle eingesperrt – Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Dass es in der Hölle keine Bücher gibt, steht schon in Jean-Paul Sartres 1944 uraufgeführtem Stück „Geschlossene Gesellschaft“. In der Dortmunder Inszenierung von Philipp Preuss kommt erschwerend hinzu: Hier gibt es Fernsehen!

Ein alter Herr (Hans-H. Hassenstein) sitzt im Sessel und schaut sich eine Billard-Übertragung an. Monotoner geht’s kaum: „Klack-klack-klack“ machen die Kugeln. Nach einer Weile erhebt der Mann sich seufzend. Dieser „Kellner“ im satanischen Hotel der (Un-)Toten muss wieder alles herrichten für den Auftritt der Insassen. Am Ende wird er die Bühne ausfegen fürs nächste Mal. Und wieder wird er Billard glotzen. Ein diabolischer Kreislauf.

Hörproben einer quälenden Ewigkeit

Qualvolle Ewigkeit kündigt sich akustisch an. Eine Schallplatte fräst sich in einem Rillensprung fest: „Ratz, ratz, ratz . Bald spricht eine flackernde Glühbirne und legt lakonisch die Regeln dar. Fortan wird das Licht nie wieder verlöschen. Schlafloses Grauen. Kein Entrinnen.

Zwischen roten Blechwänden (Bühne: Ramallah Aubrecht) finden sich Inés, Estelle und Garcin ein. Auf Erden  sind sie durch aufgedrehtes Gas, Lungenentzündung bzw. Pistolenkugeln gestorben. Jetzt hat man sie im teuflischen Jenseits für immer miteinander eingesperrt, und sie werden Sartres Satz schmerzlich beweisen: „Die Hölle, das sind die Anderen.“ Sie zwingen einander gnadenlos zur Wahrheit – und die ist erbärmlich.

„Her mit deinen Geständnissen!“

Die Lesbierin Inés (herb, ziellos sehnsüchtig: Ines Burkhardt) hat eine Ehe mörderisch zerstört, die seelenleere und mannstolle Estelle (Astrid Rashed) hat ihr Kind ertränkt, der Journalist und Möchtegern-Held Garcin (Macho mit psychischen Dellen: Sébastien Jacobi) seine Frau gequält. Alles kommt heraus. Doch kein Folterknecht erscheint, das Trio erledigt die Bestrafungen selbst.

Geständniszwang also. Und die Türen sind von außen verriegelt. Dieser Terror gemahnt an die „Big Brother“-Situation. Darauf hebt die Inszenierung ab. Gar oft wird mit der Kamera hantiert. Die drei filmen sich selbst, sie filmen einander, richten das Objektiv ins Publikum, irren mit dem Gerät durchs Theater-Treppenhaus. Wer die Kamera hält, fordert gleich: Her mit deinen Geständnissen, deinem Sex, deinen Tränen! Und fast alles erscheint auf dem Bildschirm.

Die Seele versickert im „Nullmedium“

Dieser Einfall hat sich im neuesten Theater schon ein wenig totgelaufen. Die Dortmunder Variante hat freilich etwas für sich, sie betrifft einen Kern des Stücks: Während bei Sartre der bedrohliche Nebenmensch auch noch als notwendiger „Spiegel“ zur Ich-Findung dienen soll, versickert hier so manches folgenlos im „Nullmedium“ der flimmernden Bilder. Was bleibt, ist seelisches Ödland.

Doch die Aufführung wirkt nicht durchweg konzentriert, sondern etwas zerstreut und vorläufig. Ganz so, als sinne sie noch dem tieferen Gehalt ihrer Ideen nach. Wozu taugt denn das verschraubte, dem Stück hinzu gedichtete Gerede von den „anderen Anderen“, die die Hölle seien? Ausgang offen, was ja auch ein Vorteil sein kann.

Die Darsteller machen schon jetzt Beachtliches daraus. Es gibt einige bewegende Momente: So etwa, wenn Estelle aus ihrer schicken Attitüde in gläserne Verletzlichkeit abstürzt. Ganz zerzaust nun, ohne die Schminke und das Blond der Perücke. So schutzlos plötzlich, dass es beim Zuschauen weh tut.




Ein Anti-Held aus der skeptischen Generation – Der Schauspieler Hansjörg Felmy wird heute 70 Jahre alt

Von Bernd Berke

Seine erste Rolle war in familiärer Hinsicht geradezu pikant: Hansjörg Felmy, damals gerade 18-jähriger Sohn eines Luftwaffen-Generals, betrat 1949 just in Zuckmayers Stuck „Des Teufels General“ die Bühne – in der Rolle eines Arbeiters. Am Beginn seiner Laufbahn stand das militärische Genre oft obenan. Heute wird Felmy 70 Jahre alt.

1956 hatte er sein Kino-Debüt er in Alfred Weidenmanns „Der Stern von Afrika“. Er spielte einen Fliegerleutnant, der keine Neigung zum „Heldentum“ zeigte. Felmy dürfte in jenen Jahren einiges zur Selbsterforschung der Nachkriegsdeutschen beigetragen haben, verkörperte er doch meist Männer, die entweder sarkastisch aufbegehrten (etwa in Kurt Hoffmanns Satire „Wir Wunderkinder“, 1958) oder die selbst in finsteren Zeiten aufrecht geblieben waren. Solche Streifen waren gewiss ehrenwerte Versuche, sich der Vergangenheit zu stellen. Sie entsprachen dem nüchternen Geist der „skeptischen Generation“.

Weitere Filmtitel aus seiner ersten großen Phase lassen ahnen, dass sich Felmy denn doch nicht auf ein Rollenprofil festlegen ließ: „Haie und kleine Fische“ (1957), „Der Greifer“ und „Herz ohne Gnade“ (beide 1958), „Rommel ruft Kairo“, „Buddenbrooks“, „Und ewig singen die Wälder“ (alle 1959), „Die zornigen jungen Männer“ und „Schachnovelle“ (beide 1960).

Unvergessen als Essener „Tatort“-Ermittler Haferkamp

Rückblick: Das Gymnasium in Braunschweig hatte er nur bis zur Mittelstufe besucht. Ab 1947 nahm er Schauspielunterricht. Nach Theater-Stationen in Braunschweig, Aachen und Köln lockte der Film. Hier errang Felmy frühen Ruhm und bekam in den 50er Jahren Traumgagen von bis zu 300 000 Mark. Das Geld dürfte ein Polster gewesen sein, als das deutsche Kino in den 60ern in eine tiefe Krise geriet und kaum noch tragbare Angebote kamen.

Felmy hielt sich seinerzeit auch mit Auftritten in zweitklassigen Streifen (Edgar Wallace-Adaptionen) im Geschäft, ansonsten kehrte er zur (Tournee-)Bühne zurück und trat ab 1966 (Dreiteiler „Flucht ohne Ausweg“) häufiger im Fernsehen auf, wo der wohl prominenteste Part seines Lebens noch auf ihn wartete.

Von 1973 bis 1980 spielte er den Essener Kommissar Haferkamp, einen der besten „Tatort“-Ermittler überhaupt, den man auch heute noch gern in Wiederholungen sieht. 1974 konnte ich Felmy für die WR bei „Tatort“-Dreharbeiten vor damals noch gängiger Hochofenkulisse in Duisburg beobachten. Es war ein relativ kurzer Termin, denn die Szene „saß“ sofort. Seither hat man so manchen Schauspieler gesehen, doch nur ganz wenige waren so professionell und dabei so angenehm uneitel.

Der erste richtige „Single“ im deutschen TV

Eine Spielanleitung brauchte dieser ungeheuer disziplinierte Darsteller kaum. Und so soll er denn auch einigen weniger erfahrenen Regisseuren das Leben recht schwer gemacht haben – wenn der Wählerische überhaupt noch Drehbücher akzeptierte.

In seiner „Tatort“-Rolle kultivierte Felmy vollends seinen Hang zum Understatement, zur sparsamen Geste, zur unaufdringlich-präzisen Charakterzeichnung. Und er war sozusagen der erste richtige „Single“ im deutschen Fernsehen. Die liebevoll ironischen Scharmützel des oft mürrischen Einzelgängers mit seiner Geschiedenen (Karin Eickelbaum) sind TV-Legende, ebenso wie der immergleiche Popeline-Mantel des Kommissars oder seine Vorliebe für Frikadellen und klaren Schnaps. Er war ein Anti-Held des Alltäglichen, von Melancholie umflort.

Zuletzt sah man Felmy in Mittelklasse-Produktionen wie „Abenteuer Airport“ (1990-93) und „Hagedorns Tochter“ (1994). Mit seiner zweiten Ehefrau Claudia Wedekind lebt er zurückgezogen in Bayern und Nordfriesland. Das Rauchen mag er trotz ernster Erkrankungen nicht aufgeben: „Ich will und werde mein Leben nicht verändern, nur um es zu verlängern. Wenn ich deswegen früher sterbe, habe ich eben Pech gehabt“, zitiert ihn eine Nachrichtenagentur. Vernünftig klingt das nicht. Aber es ist ein Standpunkt.

 




Mario Adorf – einfach denkmalwürdig / Zum 70. Geburtstag des großen Schauspielers

Von Bernd Berke

Diese gedrungene Statur. Dieser dunkel funkelnde Blick unter buschigen Augenbrauen. Die sprungbereite Gefährlichkeit, die sich hinter Leutseligkeit so täuschend verbergen kann. Bei ihm kann das Böse furchtbar charmant und der Charme abgründig böse sein.

Für harmlose Rollen ist er nicht geschaffen. Und so hat Mario Adorf, der heute 70 Jahre alt wird, im Laufe seines Schauspielerlebens denn auch allem die Schattierungen des Gangster- und Ganoventums verkörpert; vom debilen Triebtäter bis zum ehrenwerten Herren im edlen Zwirn. mte: Seinen

Kino-Durchbruch hatte er 1957 in Robert Siodmaks „Nachts, wenn der Teufel kam“ – als geistesgestörter Serienmörder. Pfiffige Spielart: 1959 war er der helle Kopf einer Jugendbande in „Am Tag als der Regen kam“. Gar viele Facetten kamen mit den Jahren hinzu. Wie sagt man in derlei Fällen: Er ist mit allen Wassern gewaschen…

Dem altväterlichen Kino den Mief ausgetrieben

Adorf zählte zu den ganz wenigen, die dem altväterlichen deutschen Kino der 50er Jahre den Mief ausgetrieben haben. Ein Kraftkerl seiner Klasse konnte es mit dem Zeitgeist der Adenauer-Ära aufnehmen. So wie Bernhard Wicki als Melancholiker quer zur Mehrheits-Mentalität stand, so Adorf als listiger, frecher, sturzvitaler Herausforderer. Denkmalwürdig.

Seine ungeheure, nuanciert wandelbare Präsenz reichte für mehrere Karrieren. Selbst in weniger ambitionierten Produktionen der 60er- und 70er-Jahre (Karl May, Italo-Western, Mafia-Thriller) merkte man auf, sobald er die Bildfläche betrat. Auch wenn er ein Klischee bediente, war er zugleich dessen Verneinung.

Rollen bei Schlöndorff, Fassbinder und Billy Wilder

Eine derartige Ausnahme-Erscheinung durfte auch den Regisseuren des „Jungen deutschen Films“ nicht entgehen: In Schlöndorffs Böll-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ spielte Adorf einen zwielichtigen Kommissar, Fassbinder holte ihn als brachialen Baulöwen (Adorf über die Rolle: „ein sympathisches Schwein“) für „Lola“, und in Schlöndorffs Oscar-gekrönter Grass-Adaption „Die Blechtrommel“ war er der Vater Matzerath. Überdies wurde Adorf von Billy Wilder („Fedora“), Sam Peckinpah („Major Dundee“) und Claude Chabrol („Stille Tage in Clichy“) geschätzt. Doch mit Hollywood kam er nicht zurecht: „Wäre ich dort geblieben, hätte ich ewig den Mexikaner spielen müssen“.

Schließlich die bärenstarken Fernsehrollen. Nie war Heimkino schöner als mit diesen satirisch angehauchten Dramen, die unsere geldlüsterne Gesellschaft herrlich auf den Begriff brachten. Bestimmt kein Zufall, dass Adorf in einigen der besten TV-Produktionen der letzten Jahrzehnte mitgewirkt hat, auch als Komödiant von hohen Gnaden.

Unvergessliche Momente in „Kir Royal“ 

Mit diebischen Freude erinnern wir uns an den Kaufhauskönig in Dieter Wedels „Der große Bellheim“ (1992), an den Gangster-Paten beim selben Regisseur in  „Der Schattenmann“ (1996). Einen „Mittelpunktschauspieler“ hat ihn Helmut Dietl genannt. Wahrhaftig: Wer wird je den furiosen Moment vergessen, wenn Adorf in Dietls Serie „Kir Royal“ (1986) auf die Szene stampft: „Ich scheiß euch alle zu mit meinem Geld!“ So sprach der rheinische Klebstoff-Fabrikant Heinrich Haffenloher, der sich den Zugang zur Schickeria erkaufen wollte. Daneben verblassten sogar Franz Xaver Kroetz, Senta Berger und Ruth-Maria Kubitschek ein wenig.

Sein Rüstzeug hat Adorf, der in Zürich geboren wurde und in Mayen (Eifel) als uneheliches Kind bei der Mutter aufwuchs, am Theater erworben: 1953 besuchte er die Otto-Falckenberg-SchuIe, von 1954 bis 1960 gehörte er zum Ensemble der Münchner Kammerspiele.

Und nun können wir es kaum noch erwarten, Adorf als gewieften Hamburger Senator in Dieter Wedels ZDF-Sechsteiler „Die Affäre Semmeling“ zu sehen. Dreht schneller, Leute!




Vom Bergmann zum Baulöwen mit Rolex – Peter F. Bringmanns klischeereicher Dortmund-Krimi „Der Schnapper“

Von Bernd Berke

Ganoven tragen vorzugsweise Rolex-Uhren, büchsen gern nach Rio aus und müssen irgendwann aus diesem Grunde sterben: „Er wusste zu viel…“

Mit solchen längst totgesagten Klischees (Marke 50er Jahre) wirft Peter F. Bringmanns Dortmund-Krimi „Der Schnapper“ (ZDF, Sa., 20.15 Uhr) nur so um sich. Es wäre zum Verzweifeln, gäbe es da nicht die erzsympathische Titelfigur, Horst Krause als Kommissar Schrader. Der verabscheut Handys und all den neumodischen Kram. Auch nimmt er stets den Bus. Nur keine Hektik. Ja, selbst seine Ehe ist, völlig krimi-untypisch, noch nach 25 Jahren glücklich. Mit einer Mischung aus barockem Wesen und ortsüblichen Kumpel-Qualitäten hebt Krause einfach die Laune. Und man hält natürlich zu ihm, wenn er es mit einem jungen Chef-Schnösel zu tun bekommt.

Apropos Kumpel: Der Kriminalfall, den man beinahe aussparen könnte, ergibt sich zwischen ehemaligen Bergbau-Kollegen, die vor 15 Jahren zu plötzlichem Reichtum gelangt sind. Damals gab es eine Explosion mit mehreren Toten, bald darauf machte der Pütt dicht. Alles Zufall? Wohl kaum: Ein Ex-Sprengmeister hat es gar zum Baulöwen gebracht, der die halbe Stadt zubetoniert und offenbar Leute im zuständigen Amt besticht. Oha! Und das in Dortmund. Kaum zu glauben, oder?

Das erste Opfer (einst Steiger, dann Inhaber einer Lottostelle in Aplerbeck) muss gleich zu Beginn in der Halle der stillgelegten Zeche zu Tode stürzen. Sehr dekorativ. Natürlich hat jemand nachgeholfen. Wir sehen ja alles mit an, wie denn überhaupt der ganze Film zwar konfus und hanebüchen daherstolpert, aber letztlich völlig rätselfrei bleibt: Der alte Kumpan Rolf (Edgar M. Böhlke) war’s, zum Schrecken seiner früheren Spießgesellen aus Brasilien zurückgekehrt und in einer schäbigen Absteige hausend. Dort sinnt er weiter auf Erpressung und Mord.

Mit lahmer Routine hakt Rolf sein dürftiges Repertoire ab. Es ist allemal von vorgestern. Zwischen Szenen mit tödlichem Schlangenbiss (Serum in Reichweite, doch der Schurke zertritt die Ampulle) und einzementierter Leiche spielen Bergmannskapellen ihr „Glück auf“ und dergleichen. Auch sagen die Leute „watt“ und „datt“. Putzige Folklore fürs übrige Deutschland. Etwa so, wie sie in Hawaii vor Touristen Hula tanzen. Gebt Baströckchen für Dortmund!




Der Mann mit den wuchtigen Meinungen – Kritiker Marcel Reich-Ranicki wird morgen 80 Jahre alt

Von Bernd Berke

Prägnante Szene bei der letzten Frankfurter Buchmesse: Am Stand der Deutschen Verlagsanstalt (DVA) wird Marcel Reich-Ranicki von Journalisten und Bewunderern umlagert wie ein Popstar. Einer ruft ihm die (müßige) Frage zu, wer denn wohl der größte russische Autor aller Zeiten sei. Von ihm erwartet man eben literarische Urteile wie von einer höchstrichterlichen Instanz.

Der Kritiker lässt sich – wie üblich – nicht lange bitten, mag sich diesmal freilich nicht so recht festlegen: Tolstoi sei ein ganz Großer gewesen, aber auch Gogol, Puschkin und Dostojewski hätten sehr gut geschrieben. Aha!

Bei Licht betrachtet, sind die Maßstäbe des höchst belesenen Reich-Ranicki, der am morgigen Freitag 80 Jahre alt wird, recht simpel: Entweder gefällt ihm ein Buch – oder es langweilt ihn. Entweder das Thema interessiert ihn – oder eben nicht. Man wundert sich schon, wie es jemand mit einem solchen Raster so weit bringen kann.

Den Beinamen wird er nicht los

Vielleicht liegt es daran: Reich-Ranicki vertritt seine stets glasklaren Meinungen mit solcher Wucht und Verve, dass man schwer dagegen an.kommt – und er versteht es wie kein Zweiter, die Klaviatur der literarischen Einflussnahme zu bedienen. Auch stillt er eine gewisse Sehnsucht nach eindeutigen, leidenschaftlichen, zuweilen auch etwas groben Stellungnahmen. Welt und Literatur sind unübersichtlich genug. Da soll uns einer Schneisen schlagen – notfalls mit der Machete. Den Beinamen „Literaturpapst“ wird er jedenfalls nicht mehr los, auch wenn er heute zugeben kann, nicht unfehlbar zu sein.

Mittlerweile ist er selbst Bestsellerautor. Über eine halbe Million Exemplare wurden von seiner bewegenden Autobiographie „Mein Leben“ bereits verkauft. Eindringlich schildert er seine Kindheit in Polen und Berlin, sein Leben in der NS-Zeit. Reich-Ranickis Eltern wurden im KZ umgebracht, er selbst musste sich vor den Nazi-Schergen versteckt halten. Wer will es ihm da verübeln, dass er später dem polnischen Geheimdienst angehörte und der KP beitrat? Bald sah er den Irrtum ein und wurde 1949 wegen „ideologischer Fremdheit“ aus der Partei ausgeschlossen.

1958 kam er nach Deutschland. Ab 1960 schrieb er für die „Zeit“, von 1973 bis 1988 war er Literaturchef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Doch erst „Das Literarische Quartett“ (ZDF) hat Reich-Ranickis Show-Qualitäten zur Entfaltung kommen lassen. Man kann es als Konzentrat noch einmal nachschmecken: „Herrrlich! Grrrrässlich!“ heißen die dreistündigen „Quartett“-Auszüge, die das ZDF ab 1.50 Uhr in der Nacht zum Samstag zeigt, bereits freitags um 22.15 Uhr gibt es ein einstündiges Porträt im ZDF.

Literatur als Zuflucht eines „Außenseiters“

Deutschlands bekannteste Autoren wenden sich – mit Ausnahme von Siegfried Lenz – mit Grausen ab. Literaturnobelpreisträger Günter Grass ist Reich-Ranicki gram, seit der den Roman „Ein weites Feld“ (1995) verriss und auf dem „Spiegel“-Titelbild buchstäblich in der Luft zerfetzte. Als der Kritiker kürzlich die Hand zur Versöhnung reichen wollte, schlug Grass sie aus. Auch Martin Walser gehört nicht zu Reich-Ranickis Verehrern. Die Einsamkeit des Kritikers…

In mehr als einer Hinsicht ist dies tragisch, hat Reich-Ranicki doch bekannt, wie er sich seit seinen schrecklichen Erlebnissen im Warschauer Ghetto ohnehin stets als Außenseiter gefühlt hat – selbst in den Redaktionen der „Zeit“ und der FAZ. Als wahre Heimat hat er daher immer die (deutsche) Literatur begriffen.

Und es gibt noch eine Zuflucht: Seit 60 Jahren lebt er mit Teofila zusammen, die er unter schlimmsten Umständen im Ghetto kennen gelernt hat. Auch wenn er gelegentlich damit kokettiert, auf erotische Nebenwege erpicht zu sein – nehmt alles nur in allem, so ist er treu gewesen.




Die großen Gesten hat er nie gebraucht – Zum Tod des Schauspielers Martin Benrath

Von Bernd Berke

Wann immer Martin Benraths einprägsames Gesicht auf der Bühne, im Film oder im Fernsehen erschien, schöpfte man sogleich Vertrauen ins große Ganze. Dann durfte man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass die Produktion ihre besonderen Qualitäten hatte. Ein Benrath machte keine halben Sachen mit.

Mit 73 Jahren ist Martin Benrath in der Nacht zu gestern an Herzversagen gestorben. Trotz einer Lungenoperation, der er sich Ende letzten Jahres unterziehen musste, kam sein Tod für viele überraschend. Er bedeutet einen ungeheuren Verlust für das deutschsprachige Theater.

Gegen die innere Leere anspielen

Noch am Montag hatten ihn 7,3 Millionen Zuschauer in der Auftaktfolge des ZDF-Dreiteilers „Zwei Asse und ein König“ (zweiter Teil heute um 20.15 Uhr) als ehemaligen Werftbesitzer „Hajo“ Jansen gesehen. Das Bühnenschaffen des gebürtigen Berliners Benrath hatte einst beim Theater am Schiffbauerdamm (1947) und dann ab 1953 unter Gustaf Gründgens in Düsseldorf begonnen. 1962 ging er ans Bayerische Staatsschauspiel nach München, dem er treu blieb. Er selbst hat einmal gesagt, die Bühnenkunst habe ihm geholfen, aus der inneren Leere herauszufinden, die der Weltkrieg hinterlassen hatte.

Seine imponierende, etwas barsche Erscheinung, der oft verhangen wirkende, aber dann und wann aufblitzende Blick und der (von einem Unfall herrührende) „Schmiss“ auf seiner Wange, der ihn anfangs auf den Typus aristokratischer Offizier festzulegen drohte – dies alles täuschte. Benrath konnte nicht nur die strengen, geradezu einschüchternden Rollen spielen, sondern auch leichtere oder gar ein wenig bübisch gefärbte Parts mit Leben erfüllen.

Ein Mann von würdevoller Statur

Seinem eher zurückhaltenden Wesen und seinem Verständnis „preußischer Tugenden“ entsprach es, dass er nie die großen, pathetischen und erst recht keine flatterhaften Gesten benötigte. Er war ein Schauspieler von ganz eigener, stets würdevoller Statur, der sparsam und umso nachhaltiger „instrumentierte“.

Martin Benrath hat zahllose schwergewichtige Rollen des Welttheaters gespielt: Lessings „Nathan“, Schillers Franz Moor in den „Räubern“ und den Philipp im „Don Carlos^ Shakespeares „König Lear“ und Julius Cäsar (1992 unter Regie von Peter Stein), Schnitzlers „Professor Bernhardi“ – um wenige zu nennen. Auch in neueren Stücken wie Botho Strauß‘ „Das Gleichgewicht“ feierte er Triumphe.

Auch das Kino verdankt ihm viel

Natürlich konnte, auch der Film an einem solchen Charakter nicht vorübergehen. Neben Curd Jürgens kämpfte Benrath 1953 in „Meines Vaters Pferde“ um die Liebe einer Frau, in „Kennwort: Morituri“ agierte er an der Seite von Marlon Brando. Auch Helmut Dietls Kinoerfolg „Schtonk“ verdankte Benrath viel von seiner Wirkung.

In Bernhard Sinkels „Berlinger“ übernahm er die Titelrolle des anarchistischen Erfinders und waghalsigen Fliegers, beim selben Regisseur verkörperte er den Bankier Bernheim im TV-Mehrteiler „Väter und Söhne“ (1989). Erst jüngst spielte er den lebensweisen Großvater in der preisgekrönten Strittmatter-Verfilmung |„Der Laden“, eine seiner schönsten Altersrollen.

Dem WR-Mitarbeiter Klaus Braeuer hat Benrath in einem Gespräch zur TV-Serie „Zwei Asse und ein König“ ein literarisches Lieblingszitat verraten. Es stammt von Rainer Maria Rilke und lautet: „Wir leben vor uns hin und nehmen jeden Tag Abschied“.




Gehäuftes Dichterlob aus Dortmund – Das „Literarische Quartett“ gastierte in der neuen Botta-Bibliothek

Von Bernd Berke

Dortmund. Marcel Reich-Ranicki und die Seinen gastieren mit ihrem „Literarischen Quartett“ (ZDF) für gewöhnlich an Orten, die den schönen Künsten sehr zugeneigt sind. Gern plaudern sie beispielsweise in altehrwürdigen Universitäts-Städten wie Tübingen, in der Festspielstadt Salzburg oder zur Buchmesse in Goethes Geburtsstadt Frankfurt am Main. Nun aber ließen sie sich in Dortmund herbei.

Tagelang hatte sich das ZDF-Team in der Stadt- und Landesbibliothek umgetan, hatte Beleuchtungs-Feinheiten und dergleichen geprobt. In einigen Bereichen mußte dafür gar die Ausleihe eingeschränkt werden. Aber was tut man nicht alles für die Leute vom Fernsehen. Rund 150 Besucher durften die Live-Sendung am Ort des Geschehens genießen. Schön zu sehen, wie Sigrid Löfflers Teint (Minuten vor der Sendung) noch etwas nachgepudert wurde; nett zu hören, wie sich Marcel Reich-Ranicki nach dem Zustand des Mineralwassers erkundigte…

Als alles tadellos gerichtet war, fing’s denn auch an. Mag sein, daß man sich hier von Reich-Ranicki ein paar Einleitungssätze mehr erhofft hatte als nur die schlichte Mitteilung, man befinde sich diesmal in der neuen Bibliothek zu Dortmund, die von Mario Botta entworfen wurde. Punkt. Schluß. Schon schritt man zur üblichen Buch-Behandlung. Der kulturelle Wanderzirkus auf Durchreise. Wo waren wir eigentlich gestern?

Trösten wir uns damit, daß diesmal weder der Präzeptor noch seine Mitstreiter Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler oder die Gastkritikerin Eva Demski zu Verrissen aufgelegt waren. Vielleicht hat ja die milde Stimmung auch ein ganz klein wenig am Genius loci (Geist des Ortes) gelegen?

Marcel Reich-Ranicki ist in der Runde ein vulkanisches Ereignis

Dermaßen gehäuftes, zumeist auch noch einhelliges Lob für die besprochenen Bücher hat man jedenfalls im „Quartett“ all die Jahre über wohl noch nie vernommen. Reich-Ranickis Schlußbemerkung, man sei kein verlängerter Arm der Verlags-Werbeabteilungen, schien diesmal beinahe nötig.

Sigrid Damms Abhandlung „Christiane und Goethe“? Ein Meisterwerk! Hanna Kralls „Da ist kein Fluß mehr“? Unvergleichlich! Ernst Weiß‘ „Der arme Verschwender“, James Salters „Dämmerung“, Erri de Lucas „Das Meer der Erinnerung“? Oh, allesamt auch nicht zu verachten.

Was man daheim am Fernsehgerät nicht mitbekommt: Reich-Ranicki versinkt, wenn er zwischendurch nicht gezeigt wird, immer mal wieder in eine Art Erschlaffung, in einen Dämmerschlaf, aus dem er freilich schlagartig, ja fast explosiv auffährt, sobald er das Wort ergreift. Der Mann ist schon ein vulkanisches Ereignis.

An witzigen Momenten fehlte es auch diesmal nicht. Man hätte das Publikum in der Bibliothek gar nicht, wie zuvor geschehen, eigens bitten müssen, eine lebhafte Zuhörerschaft zu sein. Der Streit, ob Goethe ein übler Opportunist gewesen sei, hatte einfach Sketch-Qualität. Hellmuth Karasek verstieg sich zur gewagten Behauptung, ein Genius, der Gedichte wie „Wanderers Nachtlied“ verfaßt habe, dürfe ruhig auch ein Fiesling gewesen sein. Und Reich-Ranickis rhythmischer, nahezu lyrischer Merksatz, als der Name des Serbien-freundlichen Dichters Peter Handke fiel, dürfte gleichfalls in die „Quartett“-Annalen eingehen: „Es wird gebeten, über Handke nicht zu reden“.




Kölsches Naturereignis – Willy Millowitsch wird 90 Jahre alt / Oft als bloße Stimmungskanone verkannt

Von Bernd Berke

Der Aktionskünstler HA Schult hat, wie so oft, Unsinn erzählt: Nicht etwa sein goldenes „Flügelauto“, um dessen Verbleib es derzeit so viel Streit gibt, ist nach dem Dom die zweitgrößte Berühmtheit Kölns, sondern – natürlich – Willy Millowitsch. Und so hat der WDR denn auch gleich die Kölnarena gemietet, damit heute mindestens 14 000 Menschen Willys 90. Geburtstag gebührend feiern können.

Zugegeben: Früher, bis weit in die 70er Jahre hinein, haben die damals etwas Jüngeren das Kölsche Original und seinen stapfenden Humor ziemlich abgedroschen gefunden. Wenn er oder das Ohnsorg-Theater im Fernsehen kamen, hat man gar nicht erst eingeschaltet. Es paßte einem halt nicht in den damals gehätschelten Weltanschauungskram. Und mit 20 haben ja auch andere Dinge Vorrang.

Doch irgendwann meldete sich dann der Schriftsteller Hans-Magnus Enzensberger zu Wort, der ja immer die Nase vor dem Wind des Zeitgeistes hat, und bescheinigte ausgerechnet Millowitsch darstellerische Klasse. Nanu?

Das streckt auch der Westfale die Waffen

Man mußte eben nur mal darauf gestupst werden – und begann allmählich, Willy mit etwas anderen Augen zu sehen. Und eigentlich kann man ja selbst als Westfale nicht leugnen, welch ein eruptives Naturereignis rheinischen Frohsinns Willy Millowitsch verkörpert. Daß er auch leisere Töne beherrscht, weiß man spätestens, seit er die Altersrolle des WDR-Kommissars Klefisch übernahm.

Die traditionssatte Kölner Theaterära Millowitsch begann 1895, als Willys Großvater Wilhelm die vormalige Puppenbühne durch richtige Schauspieler ersetzte. Elemente der Kölner Volkskultur mischten sich mit der Operette. Willy stand mit sechs Jahren erstmals im Rampenlicht – als „Heinzelmännchen“. Mit 14 bestritt er seinen ersten großen Abendauftritt. Im selben Jahr verließ er die Schule, um sich nur noch der Schauspielerei zu widmen. Mutig, mutig.

Schon 1939, als sein Vater Peter erkrankte, übernahm Willy Millowitsch die Leitung des Theaters in der Aachener Straße, wo man heute noch spielt. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Truppe als Fronttheater eingesetzt. Gewiß kein leuchtendes Kapitel.

Der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer höchstselbst setzte sich dafür ein, daß schon im Oktober 1945 wieder der Vorhang im Millowitsch-Theater hochgehen konnte – „damit die Leute schnell wieder was zu lachen haben“. Bis 1949 spielte man dreimal täglich. Mit der Währungsreform kam eine Krise. Wegen Besucherschwundes wurde das allzeit unsubventionierte Theater für viele Jahre geschlossen. Man spielte nur zur Karnevalszeit von November bis Februar.

Fernsehen half dem Theater auf die Beine

Doch zugleich bedeuteten die 50er Jahre den bundesweiten Durchbruch: Am 27. Oktober 1953 gab’s die erste Fernseh-Übertragung aus dem Millowitsch-Theater, und zwar live. Auf dem Programm stand „Der Etappenhase“.

Über 120 TV-Inszeniemngen folgten. „Tante Jutta aus Kalkutta“ brachte es 1962 auf eine Einschaltquote von 88 Prozent. Bemerkenswerter Effekt: Dank der TV-Erfolge lohnte es sich 1967 wieder, das Theater abermals zu eröffnen.

In über 80 Kinofilmen hat Millowitsch mitgewirkt. Meist war’s leichte bis seichte Ware. Doch gegen Ende der 70er Jahre wurde er auch für klassische Theaterrollen eingesetzt, etwa in Molières Komödie „Der Bürger als Edelmann“. Unter Regie von Jürgen Flimm brillierte er in der Fernsehfassung des Dramas „Die Wupper“ von Else Lasker-Schüler.

Gleichwohl ließ er sich nie lange bitten, als Stimmungskanone Schunkelhits wie „Schnaps, das war sein letztes Wort“ oder das „Wir sind alle kleine Sünderlein“ vorzutragen. Berührungsängste hat er eben nie gekannt. Auch dafür kann man ihn geringschätzen – oder aber ins Herz schließen.

TV-Sendungen heute: „Der Prinzipal – Porträt“ (ARD, 15.15 Uhr), „Eine Stadt voller Narren. Die Geburtstagsgala, live aus der Kölnarena“ (WDR, 20.15 Uhr / Wiederholung morgen in der ARD, 22.25 Uhr).




Komik des Kosakenzipfels – Deutschlands prominentester Humorist Loriot wird heute 75 Jahre alt

Von Bernd Berke

So feinsinnig, charmant und verbindlich wirkt der distinguierte Herr, daß man kaum merkt, wie rigide seine Komik manchmal ist. Aber ja! Wir reden wirklich von Vicco von Bülow alias Loriot, der heute 75 Jahre alt wird.

Er selbst hat einmal Buster Keaton und W. C. Fields als Vorbilder genannt, denn deren Komik sei „erbarmungslos“. Charlie Chaplin hingegen sei, bei allem Respekt, zu sentimental und moralisch. Bei Loriot „menschelt“ es nicht nur unverbindlich daher, sondern er zielt und trifft. Schon die steifen Posen des deutschen „Wirtschaftswunders“ hat er dem Gelächter preisgegeben. Und dabei wirkten seine Knollennasen-Männchen aus Büchern wie „Der gute Ton“ oder „Der Weg zum Erfolg“ doch so harmlos.

Was wirkliche Haltung und was bloße „Mache“ war, weiß der in Brandenburg geborene Sproß einer alten preußischen Offiziersfamilie gewiß haargenau zu unterscheiden.

„Man muß sich über alles wundem“

Mit solchem Gespür begabt, mußte man in den verdrucksten 50er Jahren nur noch mit offenen Augen durch die Welt gehen, um an jeder Ecke komische Situationen zu entdecken. Wenn sich gewisse Leute im Bewußtsein des „Wir sind wieder wer!“ reckten, so schrie das ja geradezu nach humoristischer Weiterverarbeitung. „Man darf nichts als selbstverständlich hinnehmen und muß sich über alles wundern“, so lautete eine von Loriots Humor-Regeln. So ist es.

Mit Cartoons und Sketchen in Fernseh-Sendereihen wie „Cartoon“ (ab 1967), „Telecabinet (ab 1974) oder „Loriot I bis VI“ (1976) erlangte er unverwüstliche Popularität. Endlich war da mal einer, der nicht die vordem landläufige, eher krachlederne Variante „deutschen Humors bediente! Loriot (französisches Wort für Pirol – der Vogel ist das Wappentier seiner Familie) dürfte Einflüsse ausgeübt haben, die etwa über die „Neue Frankfurter Schule“ (Robert Gernhardt & Co.) bis hin zur Kabarettszene neuester Prägung unterschwellig gewirkt haben.

Unvergeßliches TV-Requisit war jenes Gründerzeit-Sofa, auf dem Loriot mit gekräuselten Lippen seine Beiträge ansagte. Man fängt schon an zu grinsen, wenn man nur an all diese Szenen denkt, die längst zum Standard-Repertoire gehören. Da war z. B. jener Mann, der sich im Restaurant eine glühende Liebeserklärung abquält („Sagen Sie jetzt nichts, Fräulein Hildegard!“) und dabei einen Nudelrest in seinem Gesicht nicht bemerkt, während die Angebetete (Lieblings-Sketchpartnerin Evelyn Hamann) immerzu fassungslos dorthin starren muß.

Von der Gummiente zum Jodeldiplom

Urkomisch auch die Herren Müller-Lüdenscheidt und Dr. Klöbner, die aus unerfindlichen Gründen in derselben Hotelbadewanne stranden und nun streiten, ob und wie man die Gummiente „zu Wasser lassen“ solle.

Man könnte endlos weiter memorieren: den ausufernden Streit zweier Ehepaare, die sich im Campingurlaub kennengelernt haben. Anlaß: jene Nachtisch-Leckerei namens „Kosakenzipfel“; das „Jodeldiplom“ für die unausgefüllte Hausfrau („Da hat man was Eigenes“); das Ehepaar Hoppenstedt und seine Chaos-Besuche beim Herrenausstatter oder in der Bettenabteilung. Es waren im Grunde kleine Tragödien einer allseits gründlich fehlschlagenden Kommunikation, die einen trübsinnig machen könnten, wenn bitterernste Autoren sie aufbereitet hätten.

Apropos Paare: Nicht nur bei den Hoppenstedts und der ehelichen Groteske ums Vierminuten-Ei erweist sich die tiefe Wahrheit der Loriot-Formel „Frauen und Männer passen eigentlich nicht zusammen“. Sie versuchen’s halt immer wieder, ob’s nicht doch geht…

Daß die von Loriot gezeichneten Maskottchen „Wum und Wendelin“ jahrzehntelang für die „Aktion Sorgenkind“ warben, haben wir bei all dem noch gar nicht erwähnt. Bayreuth-Stammgast Loriot hat zudem gelegentlich Opern inszeniert und zwei der erfolgreichsten deutschen Kinofilme der letzten Jahrzehnte gedreht, „Ödipussi“ und „Pappa ante portas“.

Die Ruhe, die er sich neuerdings antut, sei ihm von Herzen gegönnt. Doch wie schade auch, daß er, sich so zurückhält! Wir vermissen etwas.

Das ARD-Fernsehen bietet heute um 21.45 Uhr viel Prominenz auf, um Loriot gebührend zu gratulieren. Programmänderung: Um 23.45 Uhr schließt sich Theatermann August Everding als Solo-Gratulant an.




Dienstbereit bei Tag und Nacht – Buch über die ersten 390 Folgen der „Tatort“-Reihe

Von Bernd Berke

„Tatort“-Experten, bitte mal herhören! Wer kennt die Kommissare Bergmann und Sander? Wer weiß, für welche ARD-Sender sich die Ermittler Schnoor, Bock, Enders und Kasulke ins Zeug gelegt haben? Harte Nüsse, nicht wahr? Nun ja, am nächsten Sonntag kommt bereits der 400. „Tatort“-Fall ins Erste Programm. Da verliert man den Überblick.

Zumal, wenn es sich um Kommissare handelt, die (wie die Genannten) nur einen einzigen oder gerade mal zwei Auftritte hatten und die man daher längst vergessen hat.

Beileibe nicht jeder war eben ein Götz George alias „Schimanski“ (29 Einsätze bis 1991, darin exakt 51 Flüche mit dem Kraftwort „Sch . . .“) oder ein Manfred Krug, der als „Stöver“ (NDR) mit 34 Fällen den Reihen-Rekord hält.

Der Erinnerung hilft jetzt das Buch „Tatort – Krimis, Köpfe, Kommissare“ (Henschel Verlag, 272 Seiten, 39,90 DM) auf die Sprünge. Lexikalischer Fleiß war hier am Werk, denn der Fan mag’s gern komplett: Autor Holger Wacker hat die Archive durchkämmt und liefert knappe Inhaltsangaben sowie Besetzungslisten zu den ersten 390 „Tatort“-Sendungen, und zwar stets, ohne Täter zu verraten. Schließlich gibt’s ja in jeder Woche mehrere Wiederholungen.

Einleitende Beiträge (viel zu hochtrabend „Essays“ genannt) skizzieren einige „Tatort“-Grundlinien. Beispiel: Die bisher 62 Kommissare, darunter lediglich sechs Frauen, waren stets Tag und Nacht dienstbereit. Kein Wunder, daß kaum eine(r) in traditioneller Ehe lebte. Scheidungen und mehr oder weniger wechselhaftes Single-Dasein waren und sind die Regel.

Erik Ode als „Der Kommissar“ im ZDF war seinerzeit so quotenträchtig, daß die ARD händeringend nach einer Antwort suchte. Und so gab s am 29. November 1970 mit Kommissar Trimmel und seinem „Taxi nach Leipzig“ das Debüt des Dauererfolgs, der nicht zuletzt seine Kraft aus regionaler Vielfalt bezieht. Ein „Bulle“ in Bayern ist eben anders als einer in Kiel, Duisburg oder Essen. Übrigens: Dezentere Leute wie Klaus Schwarzkopf als „Finke“ und Hansjörg Felmy als „Haferkamp“ zählten zu den allerbesten. Ist jemand anderer Meinung?

In Sachen Zeitgeist höchst ergiebig wäre eine vergleichende Untersuchung etwa zum Wandel der Kleidung und Möblierung, der Rauch-, Trink- und Tischsitten oder zum Umgang mit den Chefs im „Tatort“. Wann gibt’s dazu ein Buch?




„Der Druck ist weg, der Ehrgeiz nicht“ – Der Schauspieler Götz George wird 60 Jahre alt

Von Bernd Berke

So viel Aufhebens ist von einem 60. Geburtstag lange nicht mehr gemacht worden: Im Fernsehen gibt es reihenweise Sendungen mit ihm und über ihn, die Deutsche Presseagentur schnürte ein umfangreiches „Themen-Paket“. Er hat’s aber auch wirklich verdient: Götz George, der heute 60 Jahre alt wird.

Die wirklich dauerhaften Stars des deutschen Kinos und Fernsehens kann man an einer Hand abzählen – neben Mario Adorf gehört Götz George unbedingt zum erlesenen Kreis. Der gebürtige Berliner gilt als überzeugter „Preuße“, was Pünktlichkeit und Arbeitseifer angeht. Doch in diesem Rahmen ist er zu jeder Spontaneität fähig, heißt es.

Sein Rollenspektrum umfaßt gleichsam alle Farben des Regenbogens, er hat sich nie auf eine Couleur festlegen lassen: Bereits 1953, mit 15 Jahren, hatte er sein Kinodebüt – neben Romy Schneider in „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“.

Fassbinder drehte ihm den Rücken zu

Ein Sonnyboy also? Von wegen. Wolfgang Staudtes Filme „Kirmes“ (1960) und „Herrenpartie“ (1963), in denen George mitwirkte, setzten sich ernsthaft und kritisch mit der deutschen NS-Vergangenheit auseinander. Dies war ein Thema, das Götz George auch biographisch beschäftigte, hatte sich doch sein Vater, der große Charakterdarsteller Heinrich George, für Nazi-Propaganda einspannen lassen.

Seltsam, daß die deutschen Autorenfilmer Götz George in den späten 60er Jahren völlig aus den Augen verloren haben. Bei Rainer Werner Fassbinder hätte George beinahe eine Rolle bekommen. Doch als er am Treffpunkt erschien, soll Fassbinder ungerührt weiter am Flipper gespielt und dem Schauspieler den Rücken zugedreht haben. Da ging George seiner Wege. Man hat schließlich seine Selbstachtung. Und es gab beispielsweise Karl-May-Filme, die ihn über Wasser hielten.

Doch dann begann seine ganz große Zeit: Am populärsten wurde er hierzulande als „Tatort“-Kommissar Horst Schimanski, den er von 1981 bis 1991 vehement verkörperte. Selbst nicht frei von einer gewissen kriminellen Energie, fluchte sich das „Rauhbein“ des Ruhrgebiets (bei hohem Pommes- und Dosenbier-Verbrauch) meist prügelnd, aber auch mit sentimentalen Anwandlungen, durch 29 Duisburger Fälle.

„Schimi“ als Rebell in der Ära Kohl

Viele kluge Köpfe haben sich schon an Deutungen dieser Figur versucht. Eine These besagt: „Schimi“, das sei einer der letzten Unangepaßten in der Ära Kohl gewesen; einer, der linke Utopien der 60er und 70er Jahre hinter sich gelassen, sich sein soziales Gewissen aber bewahrt habe. Sei s drum. Zahlreiche neuere Erfolge des deutschen Films sind eng mit seinem Namen verknüpft: „Schtonk“ und „Rossini“ beispielsweise.

Seiner schauspielerischen Mittel enorm sicher, wagt sich George auch an heikelste Rollen heran. So spielte er den KZ-Kommandanten Rudolf Höß in „Aus einem deutschen Leben“, den Mörder Haarmann in „Der Totmacher“ – und derzeit steht er als furchtbarer KZ-Arzt Mengele vor der Kamera. „Die Täter sind immer interessanter als die Opfer“, findet George, der sich seine Rollen längst nach Gutdünken aussuchen kann: „Der Druck ist weg, der Ehrgeiz nicht.“

Heute im Fernsehen: „Schimanski – Blutsbrüder“ (Krimi, 1997 – ARD, 20.15 Uhr), »Glückwunsch, Götz George!“ (ARD, 23.00 Uhr), „Blauäugig“ (Politdrama, 1989 – ZDF, 23.45 Uhr).




Sehnsucht nach Tralala – Zwei neue Schlager-Bücher zur Einstimmung auf den „Grand Prix“ mit Guildo Horn

Von Bernd Berke

Am nächsten Samstag gilt’s. Dann muß der „Meister“ Guildo Horn beim „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ zeigen, ob er in der Champions League des Schlagers bestehen kann. Bevor wir uns aber mit Nußecken zur Fernseh-Party rüsten, ist Besinnung ratsam. Zwei neue Bücher sagen uns, was die Schlagerwelt im Innersten zusammenhält.

Eine ganze Phalanx von Autoren hat die an kultverdächtigen Abstrusitäten so reiche Geschichte des „Grand Prix“ nachgezeichnet – von 1956 bis 1997, also bis ins „Jahr eins vor Guildo“. Unfeine Täuschung: Obwohl der Trierer, der uns alle so schrecklich lieb hat, in den Texten überhaupt nicht vorkommt, prangt sein Konterfei auf dem Titel. Man muß das Eisenzeitig schmieden…

Inhaltlich aber ist s ein gelungener Band mit schrillen Bildern und hilfreichen Siegertabellen seit Anbeginn. Der sarkastische Titel „L’Allemagne deux points“ (Deutschland zwei Punkte) deutet die Richtung an. Das eigene Nest wird freudig beschmutzt.

Die Iren vorn, die Finnen hinten

Doch auch andere Länder entgehen der Ironie nicht; beispielsweise, wenn die Daseinsfrage erwogen wird, warum Irland zuletzt auf Sieg nahezu abonniert war, während die „Grand Prix“-verrückten Finnen noch nie einen vorderen Platz ergattern konnten; vielleicht, weil sich deren Titel nur stockend nachsingen lassen?

Das Phänomen des Euro-Schlagerwettbewerbs wird von allen Seiten beleuchtet. Die oft schrulligen Eigenheiten der am großen Tralala beteiligten Nationen kommen ebenso respektlos zur Sprache wie die Psychologie eines Ralph Siegel, des bisherigen Lordsiegelbewahrers deutscher Schlager-Seligkeit. Die Wandlungen des TV-Studio-Designs seit den 50er Jahren geben ebenso Auskunft über den Zeitgeist wie die Kleidung der Stars und Sternchen. Wie etwa France Gall, Katja Ebstein oder Mary Roos sich gaben – das sind Dokumente erster Güte!

Als Historiker wagen die Autoren auch eine Epocheneinteilung. Die ganz große Zeit des „Grand Prix“ seien die Jahre von 1968 bis 1981 gewesen, als Oma, Eltern und Enkel oft noch gemeinsam mitfieberten – und manche nach dem seichten Zeug ganz süchtig wurden.

Da macht es „Ring Ring“ oder „Boom Boom“

Das Waterloo des deutschen Schlägers gab s im Jahre 1974, als die Gruppe Abba just mit dem Titel „Waterloo“ gewann, während Cindy & Bert („Sommermelodie“) auf dem letzten Rang landeten. Nur Nicole konnte 1982 (mit „Ein bißchen Frieden“) die Scharte als Siegerin auswetzen. These: Gerade weil das Lied so provinziell und bieder gewesen sei, habe man es einer Deutschen gern „abgekauft“.

Ansonsten aber hieß es meist bedauernd (oder hämisch?): „Deutschland – zwei Punkte“. Ganz klar, denn mit ausgeklügelten internationalen Titeln wie „Pump, Pump“, „Lalala“,„Ding-a-Dong“, „Ring Ring“, „Boum badaboum“, „Boom Boom“ und „Boom-Bang-ABang“ konnte man nie konkurrieren. Goldrichtig also, daß sich Guildo Horn („PiepPiep Piep“) aufs europaweit gängige Stammeln einstellt.

Italien, die Südsee und das Soziale

Ein Mann mit dem Pseudonym André Port le roi zeichnet verantwortlich für das Buch „Schlager lügen nicht“. Auch hier grinst Guildo Horn auf dem Titel, der auf gerade mal zwei Seiten als Scharlatan abgebügelt wird. Sich gierig an den Trend, hängen und dann meckern, das haben wir gerne.

Der Autor vertieft den Grundkurs aus dem „Grand Prix“-Buch. In manchmal kurzschlüssiger Weise koppelt er die bekanntesten Trailer-Zeilen ah politische Phasen der letzten Jahrzehnte. Es gibt eben die typischen Schläger der Adenauer-, Brandt-,Schmidt- oder Kohl-Ära.

Belustigt verfolgt man das stete Hin und Her zwischen rockigen Akzenten (Peter Kraus, Drafi Deutscher) und Volkstümelei, zwischen vorsichtiger Emanzipation (Gitte, Rita Pavone) und Macho-Reaktion (Günter Gabriel). Auch wechselnde Moden der Italien-, Südsee- und Sozial-Schlager (Udo Jürgens) plätschern vorüber.

Übrigens werden die Perlen deutscher Sehnsuchts-Lyrik abgedruckt, Strophe für Strophe. Da hat man was fürs Leben.

„L’Allemagne deux points – Ein Kniefall dem Grand Prix“. Ullstein. Reihe „Fun Factory“. 160 Seiten. 22,90 DM / „Schläger lügen nicht“. Klartext-Verlag, Essen. 223 S., 19,80DM.




Die letzte Gala-Nacht der „TeleStars“

Von Bernd Berke

Im Recklinghäuser Süden scheint ein Nest zu sein, aus dem gelegentlich Fernsehprominenz schlüpft. Als am Samstag im Kölner Edelhotel „Maritim“ die begehrten „TeleStar“-Preise von ARD und ZDF verliehen wurden, gab es kraftvolles Lokalkolorit aus der Stadt der Ruhrfestspiele.

Fußballreporter Werner Hansch, zur allgemeinen Verblüffung Preisträger in der Sparte Information/Dokumentation (mit seinem wie gewohnt kernigen Bericht vom siegreichen Schalker UEFA-Cup-Finale), war in der weitläufigen Atriumhalle des Hotels mit einem TeleStar-Gewinner ganz anderen Zuschnitts ins Gespräch gekommen: Heinrich Breloer, Autor und Regisseur von „Das Todesspiel“, jenes bewegenden Dokumentar-Dramas über den „Deutschen Herbst“ des Jahres 1977. Hansch: „Wir haben festgestellt, daß wir beide die Marienschule in Recklinghausen besucht haben – unter dem selben Rektor.“ Hört, hört! Vielleicht sollte man hoffnungsvollen TV-Nachwuchs künftig sofort an dieser Lehranstalt rekrutieren.

Breloer bekam gleich dreifach bescheinigt, daß er für das wohl nachhaltigste Fernsehereignis des Jahres gesorgt hat. Nicht nur er selbst wurde für „Das Todesspiel“ ausgezeichnet, sondern auch Produzent Ulrich Lenze und Hauptdarsteller Hans Brenner, der den von der RAF entführten und dann ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer ungeheuer nuanciert gespielt hatte. Brenner bewies auch in seinen Dankesworten Einfühlungsvermögen: „Für diese Rolle einen Preis zu bekommen, ist nicht unproblematisch.“

„Ich faß‘ es nicht. Wunderbar!“ gluckste hingegen Evelyn Hamann, als sie zur besten Seriendarstellerin („Adelheid und ihre Mörder“) ernannt worden war. Dieter Pfaff wurde derweil zum besten männlichen Serienhelden für seine Rolle des „Bruder Esel“ gekürt.

Entzückendes Tigerkleid

Was keinen mehr wunderte: Harald Schmidt durfte sich natürlich auch in Köln seinen Preis (in der Sparte Unterhaltungs-Moderation) abholen. Großes Gelächter gab’s im Saale, als Schmidt sich linkisch wie ein Pennäler gab und die Wahl „eine Überraschung“ nannte. Jedenfalls dürfte sein Pokalschrank allmählich gefüllt sein. Und man fragt sich, was für die nächsten Jahre noch bleibt.

Auf Länge gesehen (gestern im ZDF gab es nur Ausschnitte), erwies sich das Verfahren der Preisvergabe als etwas eintönig. Moderator Kai Böcking besorgte die Überleitungen, dann kamen die Lobredner (Hera Lind, Ulrich Wickert, Didi Hallervorden, Roger Moore und Co.) jeweils durch einen wabernden Trockeneis-Nebel auf die Bühne, öffneten schließlich den Umschlag mit dem Namen des Gewinners – und es folgte das meist herzlich belanglose Bitteschön-Dankeschön-Ritual.

Da ließ sich der allgemeine „Bussi Bussi“-Reigen der TV-Prominenz zur nachfolgenden Schlacht am Buffet schon entspannter an. Und Roswitha Schreiner (ehedem Martin Lüttges zierliche Mitstreiterin am Düsseldorfer „Tatort“) trug ein ganz entzückendes Kleid mit getigertem Muster, das die Fotografen in Scharen anlockte…

Im nächsten Jahr wollen ARD und ZDF die „TeleStars“ zumindest mit den „Goldenen Löwen“ von RTL zusammenlegen. Auch SAT.1 soll mitmachen, ziert sich aber noch. Kai Böcking wandelte den Werbespruch Senders ab: „SAT. 1 – Ich drück mich…“




„Königsberger Möpse“ und die Dichtkunst – Sprachpreis an Zyniker Harald Schmidt

Von Bernd Berke

Die ehrwürdige Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) feiert ihren neuen Preisträger: Der Mann habe außerordentliches Gespür für die „extensive Nutzung der unterschiedlichen sprachlichen Möglichkeiten“. Seine Texte zeugten von „geistiger Freiheit und politischer Widerborstigkeit“, er stehe in der Tradition von Dichtern wie Joachim Ringelnatz und Christian Morgenstern. Doch kein Belletrist wird hier gepriesen, sondern Harald Schmidt.

Der „Zyniker der Nation“ ist bekanntlich viermal in der Woche mit seiner Nacht-Show beim Privatsender SAT.1 im Programm. Er hat in diesem Jahr schon etliche Auszeichnungen kassiert: Ein Adolf-Grimme-Preis wurde ihm angetragen, und RTL beeilte sich, ihm einen „Goldenen Löwen“ zu verleihen. Im Vorübergehen nahm er eine „Bambi“-Figur mit, und am nächsten Wochenende könnte noch ein „TeleStar“ hinzukommen. Da mochte auch die in Wiesbaden ansässige Gesellschaft für deutsche Sprache nicht hintanstehen und vergab ihren „Medienpreis für Sprachkultur“ an „Dirty Harry“.

Spaßeshalber hat sich die WR daraufhin gestern von SAT.1 noch einmal eine Liste mit Schmidt-Sprüchen besorgt. Wir zögern nicht, daraus zu zitieren.

Beispiel eins: „Kennen Sie den Unterschied zwischen Panzerotti und Pavarotti? – Panzerotti sind gefüllte Nudeln und Pavarotti ist gefüllter Sänger…“ Beispiel zwei: „US-Präsident Bill Clinton läßt für ein gutes Footballspiel jede Sekretärin liegen“. Und wie definiert man den Exorzisten? Das ist einer, „der seinen Job macht auf Teufel komm raus“. Nicht sonderlich subtil. Auch jene „Königsberger Möpse“ in einem von Schmidt ersonnenen Erotik-Kochbuch sind eher rasch verderbliche Kicher-Ware.

Lassen wir also Ringelnatz und Morgenstern mal ganz beiseite, denn die haben mit der Sprache nicht gejuxt, sondern gezaubert. Konzentrieren wir uns auf Schmidt selbst, der ja übrigens auf Texte einer großen Schar von Gagschreibern zurückgreift und diese dann unnachahmlich präsentiert.

Die meisten seiner Scherze sind keine Sprachspiele, sondern blitzartige Witze, die ihre Einschlagwirkung aus dem aktuellen Hintergrund, dem Ritual des Vortrags und gezielten Tabubrüchen beziehen. Außerdem waltet das Lach-Gesetz der Serie, denn Schmidt greift sich Lieblingsopfer wie Model Claudia Schiffer oder Fußballer Lothar Matthäus immer wieder heraus.

So richtig werden sich wohl all jene über die Jury-Entscheidung ärgern, die Schmidt für einen Ausländerfeind (Polen-Witze) halten. Für diese und für die Gegenpartei haben wir noch einen gutnachbarlichen Spruch: „Prinz Wilhelm Alexander der Niederlande sucht eine Frau. Die Frau hat ein tolles Leben vor sich, sie wird die Herrscherin über acht Millionen Wohnwagen..“

 




„Es gibt auch frommes und notwendiges Verschweigen“ – Gespräch mit Hellmuth Karasek

Von Bernd Berke

Frankfurt. Der Kritiker Hellmuth Karasek, Mitstreiter von Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler beim „Literarischen Quartett“, zählt durch seine TV-Auftritte zur kulturellen Hoch-Prominenz. Sein neues Buch „Go West!“ (Hoffmann & Campe Verlag) zeichnet ein Bild der 50er Jahre, anhand der eigenen Lebensgeschichte. Die WR sprach mit Karasek auf der Frankfurter Buchmesse.

Herr Karasek, warum hören Sie beim „Spiegel“ auf?

Hellmuth Karasek: Dazu nur soviel. Der „Spiegel“ hat es einerseits ganz gern gesehen, daß ich auf vielen Hochzeiten tanze, weil das auch Werbung für ihn war, andererseits höchst ungern, weil das ein schlechtes Beispiel für eine strikte Kompanie von Journalisten gewesen ist.

Sie planen eine neue Fernseh-Talkshow?

Karasek: Ja, es ist ein Projekt für die ARD. Eine Versuchs-Folge soll in diesem Monat aufgenommen werden. Dann muß die Sache durch die Gremien hindurch.

Noch ein Literatur-Talk?

Karasek: Nein, es geht um gesellschaftliche Fragen. Thema der Pilot-Sendung ist der Zwang zur Öffentlichkeit, das Privatleben, das in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Auslöser war, daß Joschka Fischer plötzlich überall zu seiner Ehekrise befragt wurde, was ja mit seinem politischen Leben bei den Grünen nichts zu tun hat. Aber eigentlich ist es noch verfrüht, über dieses Vorhaben zu reden.

Falls diese Sendung in Serie ginge, müßten Sie dann beim „Literarischen Quartett“ kürzer treten?

Karasek: Nein. Das ginge wie gewohnt weiter.

Und die vielbeschworene Tennis-Serie, die Sie fürs Fernsehen schreiben wollten?

Karasek: Ich glaube, das wird wohl in diesem Leben nichts mehr. Der verantwortliche Hauptabteilungsleiter beim ZDF hat gewechselt, und der Nachfolger hat allzu einschneidende Veränderungen verlangt.

Zu Ihrem neuen Buch. Warum gerade jetzt eine Abhandlung über die 50er Jahre?

Karasek: Nun, das Buch ist ziemlich spontan entstanden. Ich habe aber das Gefühl, daß sich derzeit wieder eine ähnliche Zeitstimmung einstellt wie damals. Ich habe mir seit den 70er Jahren Erinnerungen an die 50er in Kladden notiert. Indem man diese Epoche beschreibt, kann man auch zeigen, was sich bis heute in Deutschland zementiert hat. Und manches kehrt seltsam wieder. Aids hat zum Beispiel einen großen Prüderie-Schub ausgelöst, nicht im Verbalen, aber die Promiskuität ist doch weitgehend vorbei. Man muß ja auch sehen, daß die Jahre nach 1968 eine Zeit der brutalen Wahrheiten waren. Inzwischen wissen wir wieder, daß es auch frommes und notwendiges Verschweigen gibt. Allerdings: Ich und andere haben die 50er erst im Lichte der Studentenproteste von 1968 verstanden.

So richtig populär sind Sie ja erst durchs „Literarische Quartett“ geworden.

Karasek: Schon richtig. Aber Marcel Reich-Ranicki ist noch bekannter.

Ja, den kann man ein paar Messestände weiter als Gummifigur kaufen.

Karasek: Richtig, ich habe die Figur sogar zu Hause auf dem Schreibtisch stehen (lacht) … damit ich ihn nicht vergesse. Aber im Ernst: Ich bin gerade heute um fünf Uhr morgens mit schlechtem Gewissen aufgewacht, weil ich noch zwei Bücher fürs „Quartett“ zu lesen habe. Ein schreckliches Gefühl, denn die Sendung naht.

Und was halten Sie von dem häufigen Vorwurf, daß es beim „Quartett“ eigentlich gar nicht mehr um Literatur geht?

Karasek: Also, eins steht fest: Wir lesen wie die Ackergäule. Mir geht es sehr um Literatur. Daß es nachher auch Behauptungs-Kämpfe gibt, mag sein. Aber Literatur war immer auch ein Streitgegenstand. Ich vergleiche das Quartett gern mit einem Caféhaus. Diese Institution hat viel für die Literatur bewirkt.

Ist die Sendung eigentlich in anderer Besetzung vorstellbar?

Karasek: Wissen Sie, wir sind ja nicht unsterblich. Reich-Ranicki ist 76, und er wird bestimmt irgendwann keine Lust mehr haben. Aber das nächste Jahr halten wir sicherlich noch durch.

Verstehen Sie die Autoren, die darüber klagen, daß Sie als Kritiker ungleich bekannter sind?

Karasek: Manche nehmen es einem richtig übel. Irgendwie verstehe ich das. Der Kritiker Alfred Kerr hat einmal sinngemäß gesagt: Dieses schlechte Theaterstück ist ein schöner Anlaß für meine brillante Rezension. Daraus spricht die typische Hybris, die Selbstüberschätzung der Kritik. Ich gebe zu: Mir ist dabei nicht ganz wohl.




„Westzeit“ bei WDR 2: Das eine oder andere Risiko auf dem Boulevard

Von Bernd Berke

Boulevard ist nicht gleich Boulevard. Es gibt Prachtstraßen, aber auch heruntergekommene Zeilen. Achtung, kurvige Überleitung: Auch im Radio ist nicht jedes Boulevard-Programrn gleich.

Die seit 2. Januar täglich aus Dortmund landesweit gesendete „Westzeit“ (WDR 2, Hörfunk) hatte einen ziemlich schlechten Start erwischt, wie man jetzt – nach zweieinhalb Wochen – deutlicher erkennt: Das bunte Magazin ist teilweise besser, als es anfangs zu werden drohte.

Sicher: Vieles gerät nach wie vor herzlich belanglos und ist kaum geeignet, daß man länger konzentriert hinhört (was auch nicht das Ziel dieser Sendeform ist). Besonders gewisse Rubriken könnten kritische Revision vertragen. Ärgerlich ist etwa das Gebaren der Psychologin, die immer erst verständnisvoll „Mhh, mh!“ murmelt, den Ratsuchenden dann doch recht barsch das Wort abschneidet und schließlich – oh Wunder! – meist eine psychologische Behandlung empfiehlt. Auch wenn beim „Radio-Flirt“ gestammelt und gekichert wird, fühlt man sich nicht gerade königlich unter halten. Und warum muß eigentlich allüberall Jörg Kachelmann das Wetter verkünden? Hat der Mensch ein Monopol auf Wind und Wolken?

Doch allmählich zeigt sich, daß in der „Westzeit“ auch originelle und ernste Themen eine Chance haben. Auch sie werden freilich oft im (inzwischen leider funküblichen) Kurzweil-Tempo abgehandelt. Ab und zu schaut auch schon mal eine waschechte Nachricht heraus. Oder man riskiert Dinge, die ein Privatradio nie wagen wurde. Im Prinzip gut so! Doch das geht gelegentlich daneben, wie etwa bei jener Live-Schaltung zu einer Pferde-Operation. Das Leben des Tieres war nicht mehr zu retten, man hörte seine letzten Röchler durchs Beatmungsgerät. Das wird manchen Zuhörern Tränen in die Augen getrieben haben.

Sabine Brandi, die in der letzten Woche als Moderatorin an der Reihe war, hat ihre Sache recht gut gemacht. Auch ihr rutscht schon mal der muntere Tonfall aus, doch sie fängt sich geschickt. Die stets Kalauern aufgelegte Flapsigkeit, die Manfred Breuckmann vor sich herträgt (Ungefähr so: „Gestern hab‘ ich beim Inder Knoblauch gegessen. Kommen Sie dem Radio nicht zu nahe.“) dürfte nicht jedermanns Geschmack sein.

Die Musikauswahl (viele „Oldies“) finde ich nicht schlecht, ihre Grenzen aber sind eng. Entdeckungen wird man hier nie machen können. Und es wird ganz schön viel „gedudelt“. Man vergleiche die Brutto-Sendezeit mit dem, was netto (nach Abzug der Musik) geliefert wird…




Stundenlang Geplänkel – die neue „Westzeit“ im WDR 2-Hörfunk

Das soll sie also sein – die vielbeschrieene „Hörfunk-Reform“ des WDR. Seit gestern wirken die Radiowellen 2 und 5 wie umgekrempelt.

Immerhin: Das „Morgenmagazin“ (WDR 2, Hörfunk) beginnt jetzt hundefrüh (kurz nach 5), ist aber noch halbwegs vertraut. Nur daß man jetzt den Trend zum Single mitmacht: Ein(e) Moderator(in) ist allein. Das verhindert manch pfiffigen Studio-Dialog, wie er früher üblich war.

Wenn man aber zwischen 9 und 12 Uhr die neue Sendung „Westzeit“ (WDR 2, Hörfunk) einschaltet, traut man den eigenen Ohren kaum. Man erkennt „seinen“ WDR gar nicht mehr wieder.

Zunächst hieß es Kurbeln und Suchen. Am Anfang bekam ich Regional-Kurznachrichten vom Niederrhein. Der Anruf bei der gepriesenen WDR-Infonummer (0130/2722) brachte erst die maschinelle Ansage „Kein ISDN möglich“, danach“ war ständig besetzt. Na, prima! Übrigens: Die korrekte WDR 2-Frequenz für Dortmund lautet 87.8 MHz.

Mit „Westzeit“ (live aus dem Landesstudio Dortmund) begibt sich der WDR drei Stunden lang auf den ach so bunten Boulevard – wie ein x-beliebiger Privatkanal. Die Hörer werden mit lauter nichtigen Kleinigkeiten gefüttert. Gestern waren das: Mini-„Frühstück“ mit Jürgen von der Lippe, Rätselecke, ungeduldig wirkende Psychologin im Studio („Rufen Sie an – Vorname genügt“). Dazu etwas Wetter-Geplänkel und viel, viel Musik mit vorgeprägter, strikt eingehaltener „Farbe“. Das bei weitem Interessanteste waren, nicht nur wegen des Schnees, die eingestreuten Verkehrshinweise.

Bisher tummelten sich ab 9.05 Uhr auf der gleichen Welle die allzeit betroffenen Minderheiten jeder Couleur (was sie nun auf WDR Radio 5 tun dürfen). Das ist zuweilen grausam gewesen. Doch die ebenso bodenlos gutgelaunte wie belanglose „Westzeit“ ist, zumindest in der gestrigen Verfassung, keine ernsthafte Alternative.




„Tegtmeier“ lebt nicht mehr – Ruhrgebiets-Komiker Jürgen von Manger mit 71 Jahren in Herne gestorben

Von Bernd Berke

Für alle Auswärtigen war er die idealtypische Verkörperung des Ruhrgebiets-Kumpels: Jürgen von Manger, der mit 71 Jahren in Herne gestorben ist, erfand 1962 seine Figur „Adolf Tegtmeier“ – und verschmolz nahezu mit dieser Rolle.

Landauf landab verbinden die Menschen das Revier mit seinen Auftritten und glauben zu wissen, wie die Leute hierzulande reden. Was „Tegtmeier“ von sich gab, war allerdings niemals echtes Revier-Deutsch, sondern ein Kunstdialekt.

Tegtmeier war jener „kleine Mann“ von der Straße, der sich freilich bildungsbeflissen gab, sich möglichst gepflegt ausdrücken wollte – und dabei immer wieder in arge Sprachnöte geriet. Komischer Kontrast: Gerade wenn ihm eigentlich die Worte fehlten, war dieser Tegtmeier höchst mitteilungsfreudig. Und er hätschelte seine gesammelten Vorurteile, als seien es Weltweisheiten.

Mit Schiller trieb er besonders viel Schabernack

Besonders am hohen und pathetischen Ton eines Friedrich Schiller konnte sich dieser Tegtmeier regelrecht aufreiben. Unvergessen sein Bericht von einer „WaIlenstein“-Aufführung („Dat is von dem, der auch Schillers Räuber geschrieben hat“). Ähnliche Wirkung erzielte er mit eigenwilligen Deutungen von „Maria Stuart“ und ..Wilhelm Teil“.

Tegtmeier hatte natürlich auch das Patentrezept gegen jeden Bildungsballast parat: „Bleibense Mensch'“ empfahl er stets. Mit anderen Worten: Nur nicht zu weit abheben, alles halb so hoch hängen. Und das war nun wiederum ganz nach Art des Menschenschlags im Ruhrgebiet.

Jürgen von Manger stammte jedoch gar nicht aus dem Revier, er wurde am 6. März 1923 in Koblenz geboren. Seine Schulzeit erlebte er dann allerdings bereits in Hagen, wo er das Humanistische Gymnasium besuchte und im Jahr 1941 Abitur machte. Der Sohn eines Staatsanwalts studierte von 1954 bis 1958 in Köln und Münster Rechtswissenschaften, hatte aber zuvor schon erste Bühnenerfahrungen gesammelt, zunächst als Statist.

Nach einer soliden Schauspiel- und Gesangsausbildung wirkte er an den Bühnen in Hagen (bis 1947), Bochum (1947 bis 1950) und Gelsenkirchen (1950 bis 1963). Dabei spielte er auch unter dem legendären Bochumer Theaterchef Saladin Schmitt.

Die Markenzeichen gepflegt

Jürgen von Manger bekam im Theater zwar mitunter einige ernste Rollen, war aber schon bald als Spezialist für das Fach „Charakter-Komik“ gefragt.

Wie jeder bekannte Komiker, so pflegte auch Jürgen von Manger seine Markenzeichen. Da waren Schnauzbart und Kappe (die er angeblich wegen seiner „Maläste mitte Ohren“ trug), der immer irgendwie schiefgestellte, die Buchstaben geradezu genüßlich-quälerisch mahlende Mund, der so recht ahnen und mitfühlen ließ, wie Tegtmeier nach Worten rang, wenn er uns Gott und die Welt nach seinem Strickmuster erklären wollte; da war das listige Blinzeln unter den buschigen Augenbrauen, und da waren schließlich die immer wiederkehrenden Formeln und Floskeln wie das berühmte „Also äährlich!“

Hinter der etwas biederen Maskierung entfalteten sich manchmal ganz schön makabre Gedanken, zum Beispiel, wenn Jürgen von Manger einen seiner bekanntesten Sketche zum besten gab: den vom „Schwiegermuttermörder“. Dieser Mörder („Da hab‘ ich se gesäächt“) war weder teuflisch noch reumütig, sondern schilderte ganz beiläufig die Einzelheiten seiner Tat, so als gehe es um das Selbstverständlichste von der Welt. Es war übrigens eines der allerersten „Stücksken“ von Manger, mit dem er eigentlich nur die Wirkung beim Publikum testen wollte. Sie war durchschlagend, und er kam von der Figur nicht mehr los.

Makabre und peinliche Situationen

Manger ließ Tegtmeier fortan in alle möglichen und unmöglichen peinlichen Situationen geraten – von der Fahrschulprüfung („Hier hat die Omma Vorfahrt“) bis ins Eheinstitut (wo er eine Dame „mit dicke Oberaahme“ suchte), von der Delinquentenzelle bis in den Lehrgang für Unteroffiziere: „Womit wäscht sich der Soldat? – Mit Seife, Herr Unteroffizier! – Nein, mit nacktem Oberkörper.“ Tegtmeier geriet jedenfalls immer vom Regen in die Traufe, stolperte von einer Kalamität in die nächste. Doch er wurstelte sich immer irgendwie durch.

Großen Anklang fanden nicht nur Mangers insgesamt zwölf Langspielplatten, sondem auch seine Fernsehreihen wie zum Beispiel „Tegtmeiers Reisen“ mit gelegentlich hintersinnigen Plaudereien an den Orten des Massentourismus, wo er auch schon mal einen besonders schönen Kartoffelsalat und Übernachtungen in Jugendherbergen empfahl.

Im August 1985 erlitt Jürgen von Manger einen schweren Schlaganfall und war seither halbseitig gelähmt. Auch das Sprachzentrum wurde in Mitleidenschaft gezogen. Tapfer kämpfte er gegen die Krankheit an und hatte sogar schon bald wieder Pläne für neue Auftritte. Doch er mußte die Pläne aufgeben. Er hat sich nie wieder ganz erholt. Zuletzt lebte der Opern- und Antiquitäten-Kenner sehr zurückgezogen mit seiner Frau Ruth in Herne.




Lore Lorentz: First Lady des deutschen Kabaretts – „Kom(m)ödchen“-Gründerin starb mit 73 Jahren

Von Bernd Berke

Sie hat auf der Bühne so manche geschliffene Boshaftigkeit von sich gegeben. Doch zwei Dinge milderten noch ihre schärfste Kritik: ihr gespielt naiver Augenaufschlag und das „R“, das sie mit böhmischem Zungenschlag so herrlich rollen lassen konnte. Lore Lorentz, die mit 73 Jahren in Düsseldorf starb. war die First Lady der deutschen Brettlbühnen.

Die Wut aufs mißliche politisehe Getriebe, befeuert durch Zeitungen, die sie stapelweise las, hat sie lange jung gehalten. „Wir dürfen die Demokratie nicht verplempern“, das war ein Leitspruch. Die letzten Jahre waren freilich nicht mehr ihre Zeit. Wer sie im September 1993 auf ihrer Hausbühne, dem Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“ in dem Programm „Verfassungslos“ erlebte, sah eine gebrechliche, durch den Tod ihres Mannes gebrochene Frau. Bewegend der Moment, als sie mit großer Würde dennoch ihren kurzen Chanson-Auftritt absolvierte.

Sie kam bis zuletzt noch täglich ins „Kom(m)ödchen“-Büro, um nach dem Rechten zu sehen, doch die Leitung der Bühne hatte sie im letzten Sommer ihrem Sohn Kay Sebastian übertragen. Zuletzt bekundete sie vor allem ihre „ungeheure Angst“ vor einem neuen Nationalismus in Deutschland. Viele Vorgänge nach der deutschen Vereinigung waren ihr nicht recht geheuer. Sie fand, daß manches schlichtweg gar nicht mehr „kabarettabel“ sei.

Besonders in den 50er und 60er Jahren hatte sie noch ein ganz anderes Feld und kernigere Gegner vorgefunden. Da trafen etliche Spitzen gegen tiefschwarze Politiker wie etwa Franz-Josef Strauß. Die kleine Bühne von Lore und Kay Lorentz (er starb im Januar 1993) wurde zu einem Hort unbeugsam-kritischen Geistes in der Adenauer-Ära. Doch man fraß auch nicht den Sozialdemokraten aus der Hand, sondern erinnerte sie vielmehr hartnäckig an ihre „unverwirklichten guten SPD-Grundsätze“.

Zudem gelang eine Verbindung politischer Aussagen mit literarscher Qualität, wie sie in Deutschland sonst kaum zu finden war. Dafür sorgten nicht zuletzt die Stammautoren Martin Morlock und Eckart Hachfeld. Als studierte Germanistin mit Gefühl für die Feinheiten der Sprache hatte Lore Lorentz dabei mehr als ein Wörtchen mitzureden. Und ohne ihre Vortragskunst wären die besten Texte sowieso vergebliche Liebesmüh‘ gewesen.

Wie es so oft geschieht: Lore Lorentz, am 12. September 1920 als Tochter eines Ingenieurs in Mährisch-Ostrau (heute Ostrava/Tschechien) geboren, hatte durch Zufall zum Kabarett gefunden. Mit Ehemann Kay arbeitete sie 1946 für die Brettl-Bühne eines gemeinsamen Freundes – als Kassiererin. Erst als eine Darstellerin ausfiel, sprang Lore Lorentz ein und konnte zeigen, was in ihr steckte. 1947, in der zerbombten Altstadt von Düsseldorf, schlug dann die Geburtsstunde für das „Kom (m)ödchen“. Das erste Programm hieß „Positiv dagegen“. Zahlreiche Auslandsgastspiele machten die Truppe alsbald auch zu Botschaftern eines besseren Deutschland.

Lore Lorentz, die „mit freundlich-dankbarer Entschiedenheit“ das Bundesverdienstkreuz ablehnte, trat mehrfach auch in Produktionen des Düsseldorfer Schauspielhauses auf (z. B. als „Mirandolina“ von Goldoni, als „Jenny“ in Brechts „Dreigroschenoper“) und war ab 1978 zeitweise Professorin an der Folkwang-Hochschule in Essen. Dort unterrichtete sie die Fächer Chanson, Song und Musical. Kabarett brachte sie den Studenten allerdings nicht bei. Denn das, so meinte sie, „kann man nicht lehren.“




Rituale wie in einer Familienserie – Seit fünf Jahren gibt es das „Literarische Quartett“

Vieles, vieles wandelt sich auf dieser Welt, doch es gibt sie noch: die letzten Rituale. Zum Exempel „Das literarische Quartett“ (ZDF. 22.15 Uhr).

Zugegeben: Als die Sendung vor fünf Jahren – am 25. März 1988 – erstmals ins Programm kam, konnte man sich schon über die Unverfrorenheit ärgern, mit der MarcelReich-Ranicki etwa gleich seine Lieblingsautorin Ulla Hahn auf den Schild hob. Doch im Lauf der Zeit zeigte sich, daß es gerade jene krähende Chuzpe und unverwüstliche Selbstgewißheit des Literatur-„Papstes“ ist, von der diese Sendereihe lebt.

Manchen Versatzstücken, die todsicher in jeder Folge auftauchen, fiebert man direkt entgegen: Wann wird Marcel heute wieder ausrufen, daß ihn das Leben ganzer Kontinente – egal, ob Amerika, Asien oder Afrika – „nicht interessiert“, sondern nur, ob dort „gut geschrrrrieben“ wird? Wann wird er wieder lauthals verkünden, daß er sich bei einer Lektüre furchtbar gelangweilt habe? Wann hat er Sigrid Löffler so weit, daß Verbitterung ihre Mundwinkel umspielt? Und wann wird er dem „Buben“ Hellmuth Karasek wieder einen auf die Nuß geben?

Die Mischung aus festgefahrenem Ritual und Resten von Gruppendynamik ist das eigentliche Phänomen des „Quartetts“. Reich-Ranicki, Karasek und Löffler sind inzwischen so aufeinander eingespielt, sie haben eine so lange gemeinsame Profilierungsgeschichte, daß ihre Konflikte denen einer langlebigen Familienserie gleichen.

Schriller war es zur Gründerzeit, als Jürgen Busche den idealen Prügelknaben für die drei anderen abgab. Ein ums andere Mal mußte er sich literarisch belehren lassen und blickte dann drein wie ein armer Tropf. Fehlte nur noch das „Busche, setzen! Fünf!“ Echte Fans trauern diesen kultischen Szenen bis heute nach.

Seit Busche entnervt ausstieg, bittet man wechselnde Gäste als „Nummer vier“ hinzu, die manchmal so frech sind, Widerworte zu geben. Jedenfalls wäre es töricht zu verlangen, die Runde möge sich nur auf die Bücher konzentrieren. Der Spaß wäre glatt halbiert.

Für eine letztlich doch recht anspruchsvolle Kulturreihe ist die Sendung sehr erfolgreich. Man hat jetzt sechs statt wie zuvor vier Termine pro Jahr. Mindestens eine Million Leute schalten zur späteren Abendstunde regelmäßig ein. Bei den Verlagen gilt eine Berücksichtigung im „Quartett“ (gleichgültig, ob Huldigung oder Verriß) als höchst erstrebenswert. Werke, die man sich hier vorknöpfte, waren am nächsten Tag oft „Renner“ in den Läden.

Also bis zum Abend, an dessen Ende es unfehlbar wieder heißt: „Und also sehen wir betroffen: Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

                                                                                                                  Bernd Berke




Der Fernsehapparat ist ein seltsames Haustier – Ausstellung zeigt den Umgang mit der „Glotze“ als Ritual

Von Bernd Berke

Essen. Erst stand er verschämt an der Wand und mochte seine häßliche Kehrseite nicht zeigen. Dann rückte er immer mehr in die Mitte des Zimmers, wurde rundum ansehnlicher, ja manchmal fast so schön wie eine Skulptur. Doch demnächst wird er sich wieder an die Wand klammern, denn dann wird er superflach und riesengroß sein. Die Rede ist vom Fernsehapparat, der sich in den letzten 40 Jahren kreuz und quer durchs Wohnzimmer bewegt hat – wahrlich ein geheimnisvolles „Haustier“.

Mit seiner neuen Ausstellung will das Essener Design-Zentrum Nordrhein-Westfalen uns das alltägliche Gerät wieder ein wenig fremd machen. Man hat die vielbeschworene „Exotik des Alltags“ im Sinn und möchte den Umgang mit der „Glotze“ etwa so zeigen, wie ein Völkerkundler magische Rituale beschreibt.

Kopfschmerzen mit der TV-Lupe

Tatsächlich gibt es auf diesem Gebiet die seltsamsten Dinge: War es etwa nicht exotisch, daß manche Leute sich früher ein kleines TV-Gerät kauften, das Bild dann mit einer Fernseh-Lupe aufblähten oder mit monotonen Farbfolien Pseudo-Color genießen wollten? Nun, zumindest war es kopfschmerzträchtig, denn das flimmernde Zeilenraster wucherte natürlich mit. Nicht weniger merkwürdig, daß heute offenbar recht viele Leute einem absurden Hobby frönen: Sie stieren ohne Decoder in den verschlüsselten Pay-TV-Kanal „Premiere“ und lassen bei verzerrten Bildfetzen ihre Entzifferungs-Phantasie spielen: Was mag da wohl laufen?

Die Essener Schau macht klar, wie sehr das Fernsehen den Alltag durchdrungen hat: Kaum noch ein Kinderspiel ohne optische oder inhaltliche Bezüge zum TV. Postkarten in Bildschirmform. Plattencover, deren Stars gleich vom Fernseher abfotografiert wurden. Sodann eine Flut von Werbegeschenken („Giveaways“) vor allem der Privatkanäle – die Tagesschau auf der Streichholzschachtel, das Logo der neuesten RTL-Produktion auf T-Shirts. Und auch das gemeine Knabbergebäck mutierte ja irgendwann zur „Telebar“-Schachtel mit fernsehgerecht unterteilten Häppchen.

Anheimelnde Runde am Nierentisch

In den 50er Jahren ging’s anheimelnd zu, da war Fernsehen tatsächlich noch Heim-Kino, man saß in gebannter Runde mit der halben Nachbarschaft zusammen. In Essen ist eine komplette Fernsehstube von damals aufgebaut, mit wuchtiger Truhe, Tulpenlampen, Nierentisch und CocktaiI-Sesseln. Ja, so war es.

Und wie wird es sein? Natürlich multimedial. Der Fernseher ist bald nur noch Durchgangsstation, ein Gerät unter vielen, allseits verkabelt und vernetzt. In der Abteilung „Zukunft“ dürfen die Besucher übrigens auch elektronisch mitspielen. Da wird man wohl die Kids finden.

Wandelbar bleiben die Gerate sowieso. Da „verkleiden“ sich die Apparate als Motorradhelm oder gar als aufgeschlagenes Buch. Damit man vor lauter Wechselfieber nicht gleich das ganze Gerät wegwirft, gibt es Designer-Rahmen, mit denen die „Kiste“ jeden Tag anders aussieht.

Apropos wegwerfen. Das muß nicht sein. Selbst ein verkohltes Gerät kann nämlich ausstellungstauglich sein. In Essen ist solch ein Exemplar zu sehen, von der Hitze grotesk verformt. Man hat es übrigens eigens zerstört, sozusagen mit viel Liebe – bei 250 Grad im Emailofen. Zur Nachahmung keinesfalls empfohlen!

„Unser Fernsehen! Vom Pantoffelkino zum Home-Terminal“. Design-Zentrum NRW. Essen, Hindenburgstr. 25-27. 16. Dezember 1992 bis 31. Januar 1993. Geöffnet Di.-Fr. 10-18 Uhr, Sa. 10-16.30 Uhr.

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(in ähnlicher Form auch in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 23. Dezember 1993)




Himmel und Hölle des Bildschirms – Nam June Paik in Düsseldorf

Von Bernd Berke

Einerseits ist diese Ausstellung die schiere Medienhölle: Da dröhnt es aus ungezählten Lautsprechern, da gibt es ein wahnsinniges Bildergewitter auf hunderten von TV-Geräten, da flirren irrwitzige Großprojektionen über die Wände. Hier kann man wirklich einmal testen, wie lange man dem elektronischen Terror standhält.

Andererseits findet man sich in Zonen der Ruhe und der Meditation wieder, die von den selben Medien erzeugt werden: Eine Buddha-Figur „betrachtet“ göttlich-geruhsam ihr eigenes Erscheinungsbild; eine Kamera nimmt ein Ei auf, dessen perfekte Form synchron auf verschieden große Bildschirme übertragen wird. In einem abgedunkelten Raum erstreckt sich sodann ein Garten mit echtem Grün, dessen „Blüten“ freilich aus lauter Video-Farbbildern bestehen.

All dies sind Werke von Nam June Paik, dem großen Anreger der Video- und Fernseh-Kunst. Der Koreaner, heute in New York lebend, aber seit jeher auch der Düsseldorfer Szene eng verbunden, setzt mit diesen Medien sozusagen Himmel und Hölle frei, man erfährt Qualen, aber auch Wohltaten der künstlichen Bildwelten. Die Installationen in der vollverkabelten Düsseldorfer Kunsthalle sind mal Huldigung, mal Fluch.

„This is a Heimspiel for me“

„This is a Heimspiel for me“, soll Paik auf Anglo-Deutsch über diese Ausstellung gesagt haben – Anspielung auf alte, glorreiche Zeiten der rheinischen Kunstszene in den 60er Jahren, auf damals noch provozierende Kunstaktionen, die Paik gelegentlich auch mit Joseph Beuys gemeinsam veranstaltete, dessen Werk jetzt gegenüber in der Kunstsammlung NRW gezeigt wird (die WR berichtete).

Es dominieren Bildschirm-Arbeiten, die auch Leute ins Museum locken könnten, die sonst wenig mit Kunst am Hut haben. Kennzeichnend für Paik ist unter anderem die gegenseitige Durchdringung von Natur und Elektronik, so in besagtem „Fernseh-Garten“, aber auch bei einem Werk wie „Video Fish“: Aquarien mit lebenden Zierfischen stehen vor laufenden TV-Geräten. Die Videos laufen gleichsam „unter Wasser“.

Fernsehen und der christliche Kreuzweg

Paik knüpft mit seinen Arbeiten nicht nur an Naturformen an, sondern auch an die Kunstgeschichte: Den wohl stärksten Eindruck der Ausstellung hinterlassen jene 13 gotischen Schreine, in die der Kunst-„Ketzer“ Paik Femsehapparate montiert hat. Hintergrund: Ursprünglich sollten sich 14 Schreine auf die Stationen des christlichen Kreuzweges beziehen. Station heißt auf Englisch bekanntlich „station“, dies Wort steht auch für Fernsehkanäle – und 13 Stations-Schreine wurden es dann, weil es friiher einmal in New York diese Zahl von Fernsehsendern gab. Siehe da: Die Geschichten hinter den flimmernden Bildern können ganz schön vertrackt sein.

Nam June Palk. Retrospektive. Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz. Bis 12. Januar 1992. Tägl. außer montags 10 -18 Uhr. Katalog 42 DM.




Schwellenangst der Hörer vor dem Radio abgebaut – 25 Jahre WDR-Regionalsendung „Echo West“

Von Bernd Berke

Dortmund. Erst waren die Westfalen sauer, denn bis 1965 kamen alle NRW-Regionalsendungen nur aus Köln. Als die „Dickschädel“ dann endlich ihr „Westfalenecho“ aus Dortmund in eine damals noch bestehende Mittagslücke plazieren durften, wurden wiederum die Rheinländer neidisch. Also widmet sich die Hörfunksendung auf WDR 1 seit 1973 dem ganzen Bundesland, heißt seither „Echo West“ und wird, inklusive Vorläufer, am 29. November 25 Jahre alt. An diesem Tag soll im WDR-Landesstudio am Dortmunder Mommsenweg groß gefeiert werden – mit Uberraschungsprogramm vor geladenem Publikum. Außerdem gibt’s Eintrittskarten, „solange der Vorrat reicht“.

Die „Macher“ zogen gestern schon einmal Bilanz. Claus Werner Koch, lange verantwörtlich für „Echo West“ und heute Leiter des ganzen Landesstudios, räumte zwar ein, daß man spürbar Hörer an die leichte Welle WDR 4 verloren habe. Mit 250000 täglichen und rund einer Million gelegentlichen Nutzem habe sich „Echo West“ aber vergleichsweise gut behauptet. Maria Sand-Kubow, die nun die „Echo“-Redaktion leitet: „Wir erreichen Hörer in allen Altersgruppen, neuerdings auch zunehmend jüngere“.

Koch führt die Erfolge darauf zurück, daß man lieber m i t dem Hörer rede anstatt über ihn zu palavern. Vielfach seien die Aussagen von Betroffenen weitaus spannender als Berichte von Journalisten. So gebe es schon seit vielen Jahren in „Echo West“ einen Hörerkommentar (heute „MotzEcke“). Da habe beispielsweise die Frau eines Hoesch-Arbeiters den Kampf um Stahlarbeitsplätze eindrücklich geschildert. Ganz neu sei seinerzeit auch die Idee gewesen, mit dem Sendeteam live in kleinere Orte des Landes zu gehen: „Da hatten wir enorme Resonanz – viel mehr als in den Großstädten“. Man habe, so Koch, als Miterfinder solcher öffentlichen Sendungen auch dazu beigetragen, „den Menschen die Schwellenangst vor dem Radio zu nehmen“. Für die Zukunft steht eventuell ein Wellen-Wechsel ins Haus. In der Diskussion ist der Sprung auf WDR 2, das „Flaggschiff des Westdeutschen Rundfunks. Außerdem ist die Alternative, die fünfte Hörfunkkette (so sie denn eingerichtet werden darf) noch nicht vom Tisch.

Ein ganz besonderes Projekt will „Echo West“ im Dezember starten. Dann begibt man sich auf die Suche nach dem mehr oder minder sündigen Nachtleben in NRW – Berichte aus Strip-Lokalen und Sauna-Clubs inbegriffen. Maria Sand-Kubow: „Solche Themen kann man mit dem Mikrofon einfach sensibler behandeln als mit der Kamera.“ ‚




Das Revier im Film: Hiebe statt Liebe

Von Bernd Berke

Schalker Fußballer im Dienste der NS-Propaganda: Als fröhlich schaffende Bergleute, die nur nebenher Siege auf dem grünen Rasen erringen, trumpften Szepan, Kuzorra & Co. 1942 in dem Kinofilm „Das große Spiel“ fürs Vaterland auf. 1937 hatte Veit Harlans „Herrscher“ den Durchhalte-Weg gewiesen: Der Unternehmer des Ruhrgebiets wurde hier als Führer heroisiert, dem man nur zu folgen brauchte.

Rund zwanzig Filmausschnitte hat Holger Majchrzak zu einer halbstündigen Relvier-Collage zusammengefügt. Trotz der immensen Kürze zeigt „Zocker, Zaster, Zoff“ (West 3; 20.00 Uhr) aufschlußreich, wofür „das Ruhrgebiet im Spielfilm“ (Untertitel) im Lauf der Zeit hergehalten hat. Majchrzak nach seiner Odyssee durch Filmarchive: „In Revierfilmen wird seit jeher weit häufiger geprügelt als geliebt“. Kriminelle aller Kaliber tummeln sich da an der Ruhr – bis hin zu den Ganoven bei „Schimi“ Götz George. Sogar der historische Massenmörder Haarmann, eigentlich in Hannover aktiv, wurde für „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ nach Gelsenkirchen verpflanzt. „Normale Leute“ kommen da oft nur im Unterhemd und mit Bierflasche vor. Und die Gegend sieht natürlich verwahrlost und öde aus. Ein früher „Öko-Film“, „Der Platz an der Halde“, greift bereits 1953 das Thema im Stil des italienischen Neorealismus auf.

Daß so häufig Klischees vorkommen, sieht Majchrzak gelassen: „Dahinter steht meist durchaus Sympathie fürs Revier“. Außerdem: Häufiger als bei anderen Regionen würden in Revier-Filmen Widerstandskraft, Solidarität und politisches Bewußtsein der Bewohner betont.




Wenn Künstler mit der „Flimmerkiste“ spielen – „Der Fernseher“ als Museumsobjekt in Marl

Von Bernd Berke

Marl. Alltag ist angesagt: Bevorzugt zeigen Museumsleute derzeit, was Künstler sich zu scheinbar „profanen“ Dingen des täglichen Daseins einfallen lassen. In Hagen sind z. B. Würfel, in Berlin Schallplatten als Objekte der künstlerischen Umformungs-Begierde zu bewundern. Doch das populärste Thema hat sich Dr. Uwe Rüth, Leiter des Marler Skulpturenmuseum „Glaskasten“, ausgesucht. Seine neue, prominent bestückte und sehr anregende Ausstellung heißt einfach „Der Fernseher“.

„Der Fernseher“ – ein unscharfes Alltagswort, das sowohl das TV-Gerät als auch den Zuschauer bezeichnen kann. Tatsächlich stehen die Flimmerkisten selbst im Mittelpunkt der Marler Ausstellung, nicht etwa Programminhalte. Selbst bei den wenigen Kunst-Objekten, zu denen eigentlich ein laufendes Fernsehbild gehört, muß man in Marl passen, denn das Museum am, Marler City-„Stern“ ist dermaßen von Beton eingekeilt, daß es einer Riesen-Antenue bedurft hätte. Doch der „Kasten“, so zeigt sich, ist durch die Lebenspraxis der letzten Jahrzehnte auch ohne Programm dermaßen mit (Neben)-Bedeutungen „aufgeladen“, daß er schon genügend Ideen bei Künstlern und Betrachtern freisetzen kann.

Die früheste Arbeit stammt aus dem Jahr 1963. Günther Uecker hat – natürlich – mit Nägeln gearbeitet und damit ein Fernsehgerät zum „Igel“ gemacht. Geht es hier noch um ästhetische Wirkung, so ist in Ueckers „Statement“ (1977) Aggression spürbar. Der Künstler hat (bei einer Aktion) einen einzigen großen Nagel von hinten durch ein TV-Gerät getrieben, so daß die Bildröhre implodierte. Es ist, als hätte da einer in Notwehr gehandelt – gegen Gewalt, die aus dem Medium quillt. Eine andere „Entsorgungs“-Lösung findet Rolf Glasmeier: Er schließt einen Staubsauger an – Bilderschrott kann in den Müllsack wandern. Bei V. A. Wölfl sind die Kästen eh unter sich: Zwei Geräte, eng aneinander geschmiedet, spielen sich gegenseitig ihre Bilder vor.

Nam June Paik, Pionier der Fernseh- und Videokunst, geht das Thema, wie übrigens die meisten Künstler, spielerisch-ironisch an. Er präsentiert ein Fernsehgerät mit der Typenbezeichnung „Rembrandt“ – Ausdruck jener Jahre. als die Gerätefabriken ihre Produkte mit der Würde edler Kultur versehen wollten. Doch der auf dem „Gesicht“ (sprich: Bildschirm) am Boden liegende Apparat offenbart die Zweischneidigkeit solcher Versuche auf seiner Rückseite selbst, heißt er doch „Rembrandt Automatic“. Spiel mit falscher Weihe auch beim zweiten, im dunklen Raum gezeigten Paik-Objekt („Katakombe“, 1985/88): Im ausgeweideten Schirm flackern, lächerlich-feierlich, Kerzen.

Der Dortmunder Erich Krian läßt zwei Geräte halb unter Sandhügeln verschwinden – Berieselung bis zur Beerdigung. Ein Filz-Bildschirm von Joseph Beuys versinnbildlicht warme Energieströme zwischen Medium und Benutzer. Ebenso typisch für Stil und Ausdrucksmittel der Künstler: ein verpackter Fernseher von Christo, ein einbetonierter von Wolf Vostell.

Ingo Günthers rohes Holzstück wird bereits zum Schema eines Gerätes, nur weil eine Teleskopantenne darin steckt; und schon können auch die Phantasien des Betrachters einsetzen: Ein Holzspalt wirkt wie der Mund eines TV-Sprechers, die Maserung wie flimmernde Fernseh-Zeilen.

Anlaß der Ausstellung ist das 25jährige Jubiläum des renommierten Marler Adolf-Grimme-Preises für herausragende TV-Produktionen. Hans Janke, Leiter des Grimme-Instituts, zeigte sich von der Ausstellung angetan: Die Objekte seien wirksamer als jede geschriebene Fernseh-Kritik.

„Der Fernseher“ — „Skulpturenmuseum Glaskasten“, Marl, Creiler Platz (Rathaus). Ab Sonntag, bis 2. April, di—so 10-18 Uhr; Katalog 15 DM.