Ein Lieblingsbuch der Engländer – James Boswell: „Dr. Samuel Johnson“

Vorfälle aus dem 18. Jahrhundert kommen nur gar zu oft in altertümlicher, gravitätischer Sprache daher. Deshalb scheinen uns das Zeitalter und die Menschen von damals so fern zu liegen.

Jetzt aber liegt ein Buch wieder vor, das einen mit all seiner Lebendigkeit sehr rasch vom Gegenteil überzeugt. Wir reden von James Boswells famoser Lebensbeschreibung über „Dr. Samuel Johnson”.

Der Titel klingt staubtrocken, dahinter aber verbirgt sich anregender Lesestoff über viele hundert Seiten. Der Band empfiehlt sich nachdrücklich zur (Wieder-) Entdeckung. Nicht von ungefähr gilt dieses Werk bis heute als ein Lieblingsbuch der Engländer.

Besagter Johnson (1709-1784) war Studienabbrecher im schon damals ehrwürdigen Oxford, doch später ein lebenskluger Gelehrter, wie er im Buche steht. Vom Naturell her etwas faul, zwang er sich oft zu übermenschlicher Tüchtigkeit. Alle Achtung!

Kunst des
kultivierten
Gesprächs

Zudem war Johnson ein Genie der gehobenen, beredsamen Geselligkeit. Im London jener Jahre (damals die Welthauptstadt schlechthin) scharte er einen weitläufigen Kreis von Schriftstellern, Denkern, Malern und Schauspielern um sich. Man tafelte und trank, redete dabei recht freimütig über alles und jedes, was die Gemüter irgend bewegte. Das reicht vom ganz gewöhnlichen Alltag übers politische Tagesgeschäft (dessen Gebräuche oft stark an heute erinnern) bis hin zu Fragen von der Art, ob man Freunde und Verwandte im Jenseits wiedersehe (manche ja, manche nicht) und ob dies ein freudiges Ereignis sein werde. Kommt drauf an, denn (so Johnsons bemerkenswerte Ansicht): „Nach dem Tode sehen wir einen jeden in seinem wahren Licht.” Oha!

Fast immer geht es in den Gesprächszirkeln meinungsfreudig, häufig weise oder zumindest originell und schlagfertig zu; mal ist die Stimmung verhalten melancholisch, mal geradezu kalberig albern, ganz selten mit einem Stich ins Törichte.

Gewiss, da gibt es ziemlich zeitgebundene Themen und Urteile (etwa über Frauen und Ehe), die allerdings gerade aus weitem Abstand heraus historisch interessant sind. Im übrigen kam schon Johnson zur Loriotschen Einsicht, dass Männer und Frauen im Grunde nicht zusammen passen (aber einander brauchen).

In den allermeisten Momenten hat man jedenfalls den erstaunlichen Eindruck, mittendrin zu sitzen und aktuellen Streitgesprächen zu lauschen. In jedem Satz kann eine Überraschung lauern. Die Kunst des Gesprächs erwächst hier allemal aus edlem Wettstreit möglichst scharfsinniger Argumente. Wenn das keine Kultivierung ist!

Der Autor muss rundweg gepriesen werden: Der Schotte James Boswell (1740-1795) war rund 30 Jahre jünger als Samuel Johnson, den er bewunderte. Doch dieser fein-sinnige Beobachter hatte durchaus seinen eigenen Kopf und Willen. Amüsant die Sticheleien des überzeugten Engländers Johnson gegen alles Schottische. Boswell hat’s nicht krumm genommen. Auch Amerikaner und Franzosen bekamen schon damals ihr Fett weg. Wie gesagt: Es ist ein Lieblingsbuch der (gebildeten) Engländer.

Wir Deutschen kennen als entfernt vergleichbares Unterfangen Eckermanns getreulich notierte Unterhaltungen mit dem greisen Geheimrat Goethe. Diese erscheinen freilich geradezu devot vorgetragen, monologisch strukturiert und klassisch geglättet, während Boswells Aufzeichnungen auch in der herrlichen Übersetzung als quicker Quell sprudeln.

Gottlob hat dieser Boswell die munteren Dialoge bei Tisch und sonstwo zunächst in einer Kürzelsprache spontan mitgeschrieben und erst später genau ausgeführt. Somit sind wir hier ganz nah am ersten Eindruck der frischen wörtlichen Rede. Welch eine anregende Zeitreise!

James Boswell: „Dr. Samuel Johnson”. Diogenes, 848 S., 26,90 €.

INFO:

  • Zum Gesprächszirkel um Samuel Johnson zählten (neben dem Biographen James Boswell) u. a. der Maler Sir Joshua Reynolds, der Schauspieler David Garrick, der Autor Oliver Goldsmith sowie der Politiker und Philosoph Edmund Burke. Zuweilen gesellten sich kluge Damen hinzu.
  • Samuel Johnson ist bei den Briten „unsterblich”, weil er praktisch im Alleingang das erste große Wörterbuch der englischen Sprache schuf, das über 150 Jahre lang Maß aller Dinge war. Außerdem verfasste er eine englische Literaturgeschichte seiner Zeit.



„Payback“: Das Leben besteht aus Schuld und Schulden – Margaret Atwood denkt über Tage der Abrechnung nach

Auf den ersten Blick scheint es ein Buch der Stunde zu sein. Unter dem Titel „Payback” (Rückzahlung) befasst sich die weltweit prominente kanadische Autorin Margaret Atwood mit Krediten, Zinswucher, Schuldnern und Gläubigern. Erste Ausläufer der jetzigen Wirtschaftskrise spielen schon mit hinein.

Doch Atwood bedient offenkundig keine kurzatmige Aktualität, sondern bereitet ihr Thema gründlich auf. Sie beginnt nicht etwa erst bei Adam und Eva, sondern setzt viel früher an: in den unvordenklichen Urzeiten der Evolution, in denen unser genetisches Erbe entstanden ist.

Daraus erwächst eine Kernthese. Die Idee eines gerechten Gleichgewichts zwischen Schuld(en) und Abzahlung sei tief in uns eingesenkt, sie habe sich – in wechselnden Formen – durch alle Epochen und Kulturen erhalten. Sprich: Wir ernten irgendwann, was wir gesät haben, jedes Soll und Haben wird im „großen Buch” verzeichnet und eines Tages abgerechnet.

Lektionen reichen
von der Urzeit
bis zur Börsenkrise

Atwood durchpflügt ganze Bereiche der Weltgeschichte, um praktisch immer und überall auf „Schulden” jeder Sorte als treibende Kraft zu stoßen; ganz so, als ließe sich die Welt aus diesem einzigen Beweggrund heraus erklären. Eigentlich keinWunder, denn natürlich findet Atwood überall das, was sie so innig gesucht hat. Immerhin hat sie einige sarkastische, lakonisch schnoddrige Wendungen parat („Raub und Plünderung sind ja schön und gut, aber . . .”), die mit gelegentlich angestrengter Lehrhaftigkeit versöhnen.

Da wird beispielsweise der tiefere Zusammenhang zwischen Geldschulden und Sündenschuld erwogen. Auch kommen Schuldknechtschaft, altertümliche Figuren wie der „Sündenesser” (der eine Schuld für eine Gegenleistung tilgt), Opfer und Blutrache in den weitschweifigen Blick. Ein Fazit: Im Leben bleibt man fast immer etwas schuldig.

Der Faustische Pakt mit dem Teufel (auch da droht der Tag der Abrechnung) wird ebenso ausgiebig erläutert wie die Dickens-Figur des kaltherzigen Geizhalses Ebenezer Scrooge, der zur Weihnachtszeit geläutert wird und mit seinen angehäuften Reichtümern fortan nur noch Gutes bewirkt. Auch Shakespeares Schulden-Klassiker „Der Kaufmann von Venedig” wird traktiert. Atwood buchstabiert all diese Fundstellen bisweilen etwas langwierig.

Immerhin: Man lernt dazu, man lernt nicht aus, auch gibt es manchen Geistesblitz. Doch auf Dauer kommen einem die Lektionen doch etwas umständlich vor. Auch das heutige, sich nüchtern gebende Wirtschaftsleben, so ahnt man jedenfalls, ist im Grunde von alten Mythen durchwirkt. Doch manches, was Atwood auftischt, wirkt wie aus dem Hut gezaubert.

Die Schrift, so erfahren wir, sei vor allem erfunden worden, um Schulden zu notieren, nicht etwa für poetische Ergießungen. Keine große Überraschung. Ein paar Seiten später sind wir plötzlich wieder bei weit überzogenen Kreditlinien und der in dieser Hinsicht bis dato so laxen US-Mentalität. So rollt das Ganze etwas ziellos vor sich hin.

Man hegt Hoffnung, dass am Ende eine literarisch unterfütterte Schulden-Theorie mit Nutzanwendung in der heutigen Krise stehen möge. Doch diese Hoffnung wird einigermaßen enttäuscht. Statt dessen wird der geizige Scrooge auf heutige GmbH-Verhältnisse getrimmt und (wie das Original) von Geistwesen auf lehrreiche Zeitreise mitgenommen. Doch hier soll er im finalen, globalen Schnelldurchgang sinngemäß lernen, dass man Geld nicht essen kann und dass wir die Erde von unseren Kindern nur geborgt haben. Klingt ausgelutscht? Wohl wahr! Tatsächlich läuft hier schließlich alles auf herzlich gut gemeinte Öko-Appelle hinaus. Nun ja.

Warum für diese Zeigefinger-Prosa gleich fünf (!) Übersetzerinnen ‚ran mussten, ist unerfindlich. War es etwa eine Gruppenübung im Rahmen eines Förderprogramms?

Margaret Atwood: „Payback. Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands.” Berlin Verlag. 265 S., 18 €.




Im Spiel findet der Mensch sich selbst – nachgefragt beim Dortmunder Spieleforscher Rainer Korte

Dortmund. Klingt beneidenswert: Der Sozialwissenschaftler Professor Rainer Korte von der Dortmunder Fachhochschule befasst sich beruflich mit Spielen. Seit 25 Jahren leitet er die bundesweit einzigartige „Arbeitsstelle für Spielforschung und Freizeitberatung”.

Weihnachten ist die Spiele-Zeit des Jahres schlechthin. Was also sagt der Freizeitberater: Sollen wir zu Heiligabend und an den Feiertagen in gemütlicher Runde etwa aufs Brettspiel zurückkommen? Wird das unseren ersehnten Familienfrieden befördern und den beteiligten Menschen ein Wohlgefallen sein?

Professor Rainer Korte (64) ist sich da gar nicht so sicher. Die Erwartungen seien an solchen Tagen oft zu hoch gespannt. Alle sollen mit dem Stand der Beziehungen, mit Speis und Trank sowie ihren Geschenken rundum froh und zufrieden sein. Möglichst soll auch noch Schnee liegen. Oje.

„In solchen Fällen ist es immer schwierig, Harmonie zu erzeugen. Schlimm genug, dass man so eng aufeinander hockt.” Spielen allein kann also die Lage nicht entkrampfen; erst recht nicht, wenn es sich um ein neues (vielleicht gerade frisch geschenktes) Brettspiel handelt, dessen Regeln noch keiner kennt. Dann sollte man lieber erst einmal die Finger davon lassen.

Rainer Korte: „Manche Spiele haben Regelhefte mit bis zu 30 Seiten. Bis die gelesen und von allen verstanden sind…” Tja, bis dahin hängt der Haussegen vielleicht schon schief. Dann kommen womöglich Vorwürfe wie: „Wer wollte denn hier spielen? Du doch!” Und so weiter.

Im Grunde aber preist Korte die wohltätigen sozialen Wirkungen klassischer Gesellschaftsspiele. „Mitmenschlich betrachtet, unterscheiden sie sich grundlegend vom Computerspiel. Man hat die Mitspieler als direktes Gegenüber vor Augen, man kann Freude oder auch mal Wut und Ärger gleich ‚rauslassen oder zwischendurch miteinander über ganz andere Dinge reden.” Hört sich doch gut an.

Übrigens rät der Professor auch dies: „Kinder sollte man beim Spiel nicht immer absichtlich gewinnen lassen. Sie müssen lernen, mit Frustration umzugehen.” Mensch, ärgere dich beizeiten tüchtig.

Imposant genug: Rund 3.500 Spiele hat die Dortmunder Arbeitsstelle gesammelt. Die meisten kamen nach und nach als Musterexemplare ins Haus, weil Professor Korte und seine Mitstreiter die meisten neuen Brettspiele erproben. Häufiges Manko: Die Titelbilder auf dem Karton erwecken einen völlig falschen Eindruck vom Spielhergang. Besser wär’s allemal, den Deckel vor dem Kauf zu lüften.

Die Dortmunder betreiben mit ihrem Spielefundus einen regen Leihverkehr für Schulen und Kindertagesstätten. Korte hat sich in der Szene jedenfalls einen solchen Namen gemacht, dass Spielverlage ihn mit Neuerscheinungen bemustern und ihn sogar schon als kundigen Entwickler abwerben wollten – mit dem Versprechen, er könne deutlich mehr verdienen als an der Fachhochschule…

Korte lehnte dankend ab, denn: „Ich kann doch nicht gleichzeitig Spiele erfinden und kritisieren.” Erschwerend kommt hinzu: „Spiele zu verkaufen, das ist heute ein Stress-Job. Die Branche hatte in den 80er Jahren eine Blütezeit. Doch seitdem sind sehr viele kleinere Firmen vom Markt verschwunden.”

Die letzte westfälische Domäne befand sich in Herscheid. Heute sitzen heimische Spiele-Firmen fast nur noch im süddeutschen Raum, wo die Tüftler zahlreich sind – und wo etliche Heimarbeiter werkeln; immer noch typisch für Teile des Spielwaren-Metiers.

In der Flut der Neuerscheinungen gibt’s kaum noch etwas gänzlich Neues. Meist würden nur die Muster der unverwüstlichen Klassiker mehr oder weniger geschickt variiert, sagt der Dortmunder Professor, der es aus langjährigen Vergleichen wissen muss. Eine Spiel-Idee zu patentieren, ist folglich auch so gut wie unmöglich.

Zur Orientierung in der Überfülle bietet sich das Prädikat „Spiel des Jahres” an. Doch auch davon hält der Dortmunder Fachmann nichts. „Im Grunde genommen gibt es kein ,Spiel des Jahres‘.” Warum nicht? Weil das alles eine Sache von Geschmack und Laune sei: „Man muss immer fragen: ,Wer spielt mit wem bei welcher Gelegenheit?” Erst dann könne man entscheiden, welches Spiel geeignet sei. Soso. Dann stellen wir wenigstens mal die richtige Frage zum frohen Fest: Wer spielt mit wem zu Weihnachten? Und was?

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INFOS:

  • An der Dortmunder Arbeitsstelle für Spielforschung und Freizeitberatung sind federführend tätig: Prof. Rainer Korte und Dr. Lars Thoms.
  • Sie gehören zum Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Dortmund.
  • Kontakt zur Arbeitsstelle: Otto-Hahn-Straße 23, 44227 Dortmund. Netz: www.spielforschung.de
  • Brett- und Kartenspiele sind Arbeitsschwerpunkte, doch die Dortmunder Experten kennen sich zum Beispiel auch mit Modellautos aus – und erstellen Gutachten zur Spielzeug-Sicherheit (Stichwort: gefährlicher Pfusch aus China und anderswo).
  • Passender Sinnspruch von Friedrich Schiller: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.” Und Henrik Ibsen befand: „Etwas Gescheiteres kann einer doch nicht treiben in dieser schönen Welt, als zu spielen.”
  • Aktuelle These zum Thema: In der Wirtschaftskrise, so hofft jedenfalls die Branche, seien die immer wieder verwendbaren Brettspiele gefragt – weil andere Freizeitvergnügungen auf Dauer zu teuer werden.



Deutsche Sprache – unverwüstlich: Bonner Haus der Geschichte illustriert den vielfältigen Wandel

Bonn. Absichtslos ins Blaue gezielt und trotzdem ein aktueller Treffer! Vor eineinhalb Jahren hatte das Bonner Haus der Geschichte begonnen, seine Ausstellung „Man spricht Deutsch” vorzubereiten. Da konnte noch niemand wissen, dass Ende 2008 eine fast hitzige Debatte darüber aufkommen würde, ob unsere vorwiegende Landessprache als Leitideal im Grundgesetz verankert werden soll.

Mal abgesehen von solchen Bestrebungen, hört sich auch folgender Befund zweischneidig an: Als „Geltungszwerg und Bedeutungsriese” könne das Deutsche (je nach Perspektive) gelten. Prof. Hans Ottomeyer fand die paradox klingende Formulierung, die ungefähr dies besagt: Weltweit spielt unsere Sprache nur eine Nebenrolle, doch hat sie sich so reich entfaltet wie kaum eine andere. Wenn das kein Grund genug zur Freude am geschliffenen Wort ist!

Der Geltungszwerg
gilt zugleich als
Bedeutungsriese

Ottomeyer leitet das Deutsche Historische Museum in Berlin, das diesmal eng mit dem Bonner Haus der Geschichte kooperiert und auch den selben Ausstellungs-Architekten engagiert hat. Vernünftige Arbeitsteilung: Bonn konzentriert sich jetzt auf den Sprachwandel seit dem Zweiten Weltkrieg, Berlin wird ab Januar bis in die Anfangsgründe der Sprachgeschichte zurückblicken.

Der Parcours ist ebenso eng wie kurzweilig geraten: Dicht an dicht sind rund 500 Exponate angehäuft, die so gut wie jeden Aspekt der deutschen Gegenwartssprache anklingen lassen. Einschlägige Tondokumente, Filmausschnitte (natürlich auch Gerhard Polts Satire „Man spricht deutsh”) und anspielungsreiche Gegenstände lockern die Abfolge der Schriftstücke auf.

Da geht es um frühkindlichen Spracherwerb, um ein- und ausgewanderte Ausdrücke, um die hässlichsten und schönsten (Libelle, Habseligkeiten) Wörter, den gar mächtigen Einfluss des Englischen, um Sprachprobleme der Migranten, deutsch-deutsche Vokabel-Differenzen und um die allzeit wechselhaften Jugend-Jargons seit dem flockigen Gerede der „Halbstarken” in den 50er Jahren („Zentralschaffe”) – bis hin zum türkisch-deutsch gemixten Straßen-Idiom „Kanak-Sprak”.

Auch Seitenblicke auf Gebärdensprache, Dichtkunst und Dialekte fehlen nicht. Werbe- und Polit-Sprache (längst nicht mehr so knackig wie bei Wehner und Strauß) geraten gleichfalls ins Visier. Vielerlei Stoff, fürwahr.

Etliche weitere Themen quellen aus dem Füllhorn. Auch der Einfluss von Fernsehen oder Internet auf Leselust und Lesefähigkeit wird angerissen, ebenso die Klischees vom Deutschen in anderen Ländern: harter Klang, Anmutung soldatischer Zackigkeit. Voltaire spottete schon 1750, Deutsch tauge „nur für Soldaten und Pferde”.

Bald weltweit auf
Werbetournee durch
die Goethe-Institute

Man bekommt zahlreiche kleine Denkanstöße – mit hübschen Details wie jenem Foto vom „Gastarbeiter”-Sprachunterricht der frühen 60er. Da steht an der Tafel ein zeittypisch kreuzbraver Übungssatz: „Der Herr gibt der Dame den Bleistift.” Nostalgisch auch die in langen Deutschstunden von Schülern verzierten und beschmierten Reclam-Hefte. Ein ähnliches Exemplar könnte wohl fast jeder beisteuern.

Sprache lässt sich nur umständlich bebildern, doch die Bonner lassen sich nicht lumpen. Die Erinnerung an die 50er wird etwa mit zeitgenössischen Comics und dito Kofferradios wachgerufen. Ein eigens gebauter Schreibroboter (der gleich nach Eröffnung der Schau den Geist aufgab) sollte mit metallischer Geisterhand (un)sinnige „Manifeste” zu Papier bringen, man hatte ihn mit Wortkaskaden und Satzbildungsregeln gefüttert. Immer wieder kann der Besucher sein Wissen testen – anhand von Quiz-Klappen mit aufgedruckter Frage und verborgener Antwort.

Die Schau versteht sich ausdrücklich als „Werbung” für die deutsche Sprache, sie wird anschließend einige Jahre lang vom Goethe-Institut auf Welttournee geschickt. Also gibt man zwar die eine oder andere kleine Bedrohung zu, doch im Grunde erscheint unsere Sprache als unverwüstlich und vital. Die Ausstellung gibt uns tröstlich zu verstehen: Das Deutsche habe schon manches verwunden und werde noch manches überstehen – auch steifen Bürokratenjargon, Anglizismen, SMS- oder Internet-Kürzel. Was die Sprache nicht abmurkst, kann sie bereichern.

„Man spricht Deutsch”. Haus der Geschichte, Bonn, Willy-Brandt-Allee 14. Bis 1. März 2009. Geöffnet Di-So 9-19 Uhr, Eintritt frei.

Die Sprachausstellung ergänzt die im selben Haus laufende Schau „Flagge zeigen. Die Deutschen und ihre Nationalsymbole” (bis 13. April 2009, ebenfalls Di-So 9-19 Uhr).

Die Berliner Sprachausstellung beginnt am 15. Januar 2009 im Deutschen Historischen Museum.




Den Unmut erst am Schluss bekunden – Benimm-Experte Uwe Fenner über richtiges Verhalten in Oper, Theater und Konzert

Von Bernd Berke

Dortmund. Einen „Knigge“ für Theater und Oper – gibt es das überhaupt noch? Oder darf man sich heutzutage in allen Bühnenhäusern ganz leger betragen? Nicht schrankenlos, sagt der Benimm-Experte Uwe Fenner (65), mit dem die WR gesprochen hat. Wir protokollieren seine Ratschläge:

Wie sieht die „Kleiderordnung“ für die Oper aus?

Fenner unterscheidet nach Ort und Anlass. In der Münchner Staatsoper beispielsweise, „wo 90 Prozent der Männer Smoking tragen“, solle man sich möglichst anpassen. „Ein dunkler Anzug mit Krawatte ist das Mindeste.“ In anderen Opernhäusern, etwa in Berlin, seien die Sitten nicht ganz so streng. Doch auch hier sei ein Anzug ratsam. Faustregel: „Der wahre Gentleman bewegt sich immer etwas oberhalb des Durchschnitts – aber auch nicht zu sehr.“ Gleiches gelte für die Dame von Welt.

Und was darf man im Sprechtheater anziehen?

Hier sind die Stil-Maßstäbe sehr viel lockerer. Das Publikum ist meist jünger als in der Oper, Jeans können statthaft sein. Aber: „Der Banker in mittleren Jahren, der abends ins Theater geht, sollte dort den Anzug beibehalten – gelegentlich auch einmal ohne Krawatte.“

Was ist von tiefen Dekolletés zu halten?

Besonders in der großen Oper sind derlei Einblicke laut Fenner „durchaus in Ordnung“. Die Grenze liege dort, wo es schamlos und obszön werde. Angela Merkels seinerzeit viel beredeter tiefer Ausschnitt in der Oper von Oslo sei durchaus schicklich gewesen.

Wie verhält es sich mit der Parfümierung?

Die Dame, so Fenner, dürfe getrost mehr auflegen, der Herr solle dezent vorgehen.

Wie pünktlich sollte man zur Vorstellung erscheinen?

Nicht zu früh im Zuschauerraum sein, sonst muss man nachher ständig für die Anderen aufstehen – und das könnte denen womöglich peinlich sein. Fenner: „Das ist überhaupt eine Grundregel: Man sollte anderen Menschen Peinlichkeiten ersparen.“ Erst recht aber soll man nicht zu spät kommen. Falls man einen Platz in der Mitte hat, müssen dann viele Leute aufstehen. Allgemein gilt: Wer durch eine weitgehend besetzte Zuschauerreihe geht, soll seinen Mitmenschen dabei das Gesicht zuwenden. Anders herum betrachtet: „Den Po zur Bühne.“

Und wenn die Vorstellung schon begonnen hat?

Wer erst eintrifft, wenn die Aufführung läuft, sollte möglichst bis zur ersten Pause im Foyer warten oder (wenn die Logenschließer es zulassen) allenfalls den Zuschauerraum leise betreten und an der Seite stehen bleiben – sich aber nicht durch die Reihe quälen.

Wie sieht’s mit Speisen und Getränken aus?

Grundsätzlich nicht im Zuschauerraum. Zum Essen und Trinken sind die Pausen vorgesehen. Auch Kaugummi sei tabu. Erlaubt und manchmal sogar wünschenswert: Hustenbonbons.

Was ist vom Tuscheln in der Vorstellung zu halten?

Gar nichts. Fenner: „Meine Meinungen und Mitteilungen sollte ich bis zur Pause für mich behalten.“ Und wenn man Bekannte hinten in Reihe 18 grüßen will? Nur vor der Vorstellung: Nicht rufen, sondern winken – und mit Handzeichen zur Pause verabreden.

Sind Beifall oder Buhrufe auf offener Szene erlaubt?

Im klassischen Konzert gar nicht. Da sollte man warten, bis das Stück vorüber ist. Also: Nicht zwischen zwei Sätzen einer Sinfonie jubeln! Anders in der Oper: Dort ist es üblich, nach einer bravourösen Arie Beifall zu spenden. Etwaigen Unmut sollte man immer erst nach Schluss der Aufführung äußern. Wenn der Vorhang gefallen ist, darf auch gebuht werden. Fenners extremste Erfahrung: „Einmal hat im Theater eine ältere Dame neben mir gesessen, die hatte eine Trillerpfeife dabei – und hat sie benutzt.“

Wann darf man das Theater verlassen?

Nicht bevor der letzte Beifall verklungen ist, meint Uwe Fenner. Es sei eine Unart, sich vorzeitig durch die Reihen hinauszuzwängen, um rasch die Garderobe oder den Parkplatz zu erreichen.

Wie geht man im Theater mit Handys um?

Überhaupt nicht! Unbedingt ausschalten! „Kluge Intendanten blenden vor der Aufführung ein Dia oder eine Durchsage ein, damit niemand das Abschalten vergisst.“

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ZUR PERSON

Stil-Fachmann in Dortmund aufgewachsen

  • Der Benimm-Experte Uwe Fenner wurde 1943 in Waren/Müritz (Mecklenburg) geboren.
  • Er ist Mitinhaber einer Firma für Karriereberatung in Potsdam, die sich u. a. auch mit Stil- und Benimmfragen befasst.
  • Fenner ist in Dortmund aufgewachsen und hat hier sein Abitur gemacht. In München, Bochum und Münster studierte er Jura. Zeitweise war er später als Personalberater in Dortmund tätig.
  • Internet: www.institut-fuer-stil-und-etikette.de



Hochzeitskultur im deutsch-türkischen Vergleich – die Dortmunder Ausstellung „Evet – Ja, ich will!“

Dortmund. Alte Erfahrung derer, die im größeren Rahmen geheiratet haben: Als Braut oder Bräutigam bekommt man vor lauter Stress von Einzelheiten des Festes wenig mit. Wie passend also, dass einen nun die Dortmunder Hochzeits-Schau „Evet – Ja, ich will!” glücklich verwirrt.

Im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) geht’s nämlich abwechselnd munter vorwärts und rückwärts in der historischen Zeit, außerdem hin und her zwischen der Türkei und Deutschland, zwischen Stadt und Land. Oft darf man rätseln, von wo und wann einzelne Exponate stammen.

Kleider, Kleider und
nochmals Kleider

Da heißt es eben: ausgiebig die Beschriftungen lesen oder sich mit dem Katalog ausrüsten. Alles ist zweisprachig (deutsch/türkisch) in dieser Ausstellung, die einen Dialog zwischen den Kulturen stiften soll. Und was würde sich dafür besser eignen als jener Tag, den man wohl nie vergisst: die Heirat? Missliche Themen wie Zwangsehe hat man übrigens vorsichtshalber ausgespart bzw. behutsam in den Katalogtext ausgelagert.

Was man zu sehen bekommt? Insgesamt 500 (!) Ausstellungsstücke, je etwa zur Hälfte deutschen und türkischen Ursprungs. Vor allem Kleider, Kleider und nochmals Kleider. Traditionelle Pracht, etwa mit aufwändiger Goldstickerei, aber auch prosaische Gewänder – bis zum schlichten Modell aus VEB-Produktion zu DDR-Zeiten.

Interessant ist es, das „Fremde” nicht nur in der türkischen Hochzeitskultur zu sehen, sondern auch in deutscher Vergangenheit. Auch die ist uns in ihrer regionalen Vielfalt fern gerückt. Eine hessische Tracht des 19. Jahrhunderts wirkt beinahe so exotisch wie eine anatolische. Längst vorbei. Heute haben sich Hochzeitsmoden international angeglichen, wie aktuelle Designer-Entwürfe aus beiden Ländern zeigen.

Mancherlei Accessoires (Schleier, Gürtel, Schmuck, Hochzeitskronen, Kränze, Fächer usw.) ergänzen die Textilienfülle. Übrigens: Eine deutsche Braut, die bereits schwanger war, durfte ehedem nur einen durchbrochenen Kranz ins Haar flechten. So streng waren die Sitten. Mit dem Biedermeier war die betont jungfräuliche Kleiderfarbe Weiß aufgekommen. Bis dahin hatten Bräute oft Schwarz oder Rot getragen.

Nach dem rebellischen Jahr 1968 wurden Eheschließungen oft schmuckloser begangen. Doch seit der fabulösen Heirat von Lady Diana (29. Juli 1981) ging es wieder in die Gegenrichtung. Da darf’s ein wenig mehr Prunk sein. Auch diese Grundströmungen spiegeln sich in der Schau.

Ein Nebenaspekt sind Hochzeitsgaben. Die wurden früher nicht in schnödes Geschenkpapier, sondern mitunter in teures Tuch gehüllt. Beim festlichen türkischen Brautzug wohlhabender Leute gingen einst ganze Trägergruppen mit, um alle Kostbarkeiten vorzuweisen. In der historischen Geschenkabteilung beider Kulturen finden sich Truhen für die Aussteuer – und hölzerne Wiegen, die ein hehres Ziel ehelicher Verbindungen vorgaben. Eine weitere Zielvorstellung steht als Sinnspruch auf einem Geschenkteller: „Wen(n) ich dich hätt / einmal im Bett.” Nun, das Eine ergibt gelegentlich liebevoll das Andere.

Hie und da würde man sich wünschen, dass die Belegstücke weniger kleidungslastig wären. Wenn man etwa die überaus kunstvoll gestalteten Liebesbriefe sieht, die man einst beim Dorfschreiber bestellte, so ahnt man, welche Chancen in größerer Breite der Auswahl gelegen hätten.

Museumsdirektor Wolfgang E. Weick hofft derweil auf rund 20 000 Besucher. Jede Wette, dass dabei Frauen in der Mehrheit sein werden.

„Evet – Ja, ich will! Hochzeitskultur und Mode von 1800 bis heute: eine deutsch-türkische Begegnung”. Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund, Hansastraße 3. Bis 25. Jan. 2009. Di-So 10-18, Do 10-20 Uhr. Eintritt 8 €. Katalog 19,90 €. Begleitprogramm mit Konzerten, Lesungen usw.
Die Schau mit vielen kostbaren Leihgaben aus der Türkei entstand in Kooperation mit den Reiss-Egelhorn-Museen in Mannheim. Dort wird sie ab 1.3.2009 zu sehen sein.




Macht uns das Internet dumm?

Nicht nur in Internet-Debatten macht derzeit ein Beitrag Furore, der sich grundsätzlich mit den Folgen des Netzes befasst. Der US-Autor Nicholas Carr fragt im Magazin „Atlantic Monthly”: „Is Google Making us Stupid?” Übersetzt: Macht uns Google dumm? Gemeint ist viel mehr als die Suchmaschine, nämlich die gesamte (Online)-Kultur.

Aber kann man hier überhaupt noch von Kultur im herkömmlichen Sinne reden? Carr kommt nämlich zu einem Befund, der inzwischen die allermeisten Menschen betrifft: Das Internet gewöhne uns immer mehr an raschen, ja rasenden Informations-Konsum in Häppchen-Form. Man klickt sich hierhin und dorthin, nimmt alles nur wie im Fluge wahr – und verliert dabei Stück für Stück die traditionelle Lesefähigkeit.

Klicken vermindert
die Lesefähigkeit

Carr schildert eigene Erfahrungen und die seines durchaus literarisch gebildeten Umfelds: Früher habe man sich ausgiebig auf Bücher eingelassen, habe sich in „tiefe Lektüre” versenkt wie ein Taucher. Heute surfe man nur noch auf Textoberflächen und neige zum zeitigen Abbruch. Wörtlich: „Mein Geist schweift nach allen Seiten ab. Ich werde zappelig, verliere den Faden, schaue mich nach einer anderen Beschäftigung um.”

Eine alte menschliche Schwäche (oder auch: wendige Stärke?) wird hier wieder akut: Wir lassen uns nur allzu bereitwillig ablenken durch immer neue Reize und Impulse. Es regiert die Flüchtigkeit. Mit der guten alten Abschweifung hat das nichts mehr zu tun. Die schloss ein, dass man irgendwann zum Stoff zurückkehrte. Jetzt aber heißt es nur zu oft: klick und weg!

Carrs Thesen erscheinen plausibel. Belege ließen sich reihenweise finden, allen (Wieder)-Entdeckungen der Langsamkeit zum Trotz. Er selbst zitiert Studien, denen zufolge Internet-Nutzer nicht unbedingt weniger, aber eben ganz anders lesen. Sie picken sich aus dem ungeheuren Überfluss Text- und Bild-Fragmente heraus und scheuen alle längeren Passagen. Ist dies nun ein Defizit – oder eine Kulturtechnik, um sich in der Fülle zurechtzufinden?

Hang zur rastloser Kürze

Kein Wunder, dass ältere Kino- und Fernsehfilme vergleichsweise behäbig wirken. Die Schnittfolge ist mit der Zeit immer rasanter geworden. Jüngere Leute haben kein Problem mit dieser Häcksel-Ästhetik, ältere können kaum folgen. Von Computerspielen oder der Fähigkeit, im Eiltempo Handy-Tastaturen zu bedienen, reden wir lieber erst gar nicht.

Der Hang zu rastloser Kürze hat auch Radioprogramme erfasst. Ein Wortbeitrag, der länger als zwei Minuten dauert (und nicht von Gedudel untermalt wird), ist auf manchen Kanälen die Ausnahme. Beim Fernsehen, das wohl bald ins Internet wandert, kann man sich durch immer mehr Stationen zappen.

All das führt dazu, dass „Aufmerksamkeits-Defizite” allmählich zur Volkskrankheit werden. Man darf vermuten, dass die grassierende Ungeduld häufig keine reine Hormonfrage ist (auch wenn die Pharma-Industrie das gern so hätte), sondern auch mit Seh-, Hör- und Lesegewohnheiten zu tun hat.

Am Schluss seines Artikels fordert Nicholas Carr uns auf, dass wir seine Skepsis just zweifelnd betrachten. Er fragt sich, ob er womöglich zu schwarz male – wie einst der altgriechische Denker Sokrates, der vor den Folgen der Schrift (Verlust des mündlichen Vortrags und des Gedächtnisses) warnte. Vielleicht, so Carr, entwickle sich aus der neuen Art des Lesens ja sogar ein goldenes Zeitalter. Schön wär’s.

Nicht nur am Horizont zeichnet sich unterdessen eine Kultur ab, die kaum noch von gedruckter Schrift bestimmt wird. Vielfach stehen wir schon mittendrin. Oder irren wir kopflos hindurch?

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INFOS:

  • Nicholas Carr (Jahrgang 1959) schreibt weltweit beachtete Texte am Schnittpunkt von Technologie und Kultur.
  • Kontrovers diskutiert wurde sein 2004 erschienenes Buch „Does it matter?” (Ist es wichtig?), in dem er die PC-Ausstattung von Firmen für zweitrangig erklärte, weil sie längst alltäglich sei. Konzerne wie Microsoft waren anderer Ansicht . . .
  • Kritik übt Carr an der Dominanz der Internet-Suchmaschine Google und des Netz-Lexikons Wikipedia.
  • Online-Auftritt von Carr: http://www.nicholascarr.com/
  • Den Artikel „Macht uns Google dumm?” findet man – in englischer Sprache – unter dieser Adresse: http://www.theatlantic.com/doc/print/200807/google



Attacke auf Hitler-Wachfigur

Kommentar:

Reichlich wirr

Von Bernd Berke

Ganz gleich, ob es nun eine Wette war oder ob wirklich politische Motive mitgespielt haben: Der 41-jährige Mann, der am Samstag der Berliner Wachsfigur von Adolf Hitler den Kopf abgerissen hat, muss ein reichlich wirrer Zeitgenosse sein. Gewiss verbirgt sich auch eine persönliche Misere dahinter.

Niemand kann ernsthaft glauben, dass eine Aktion dieser Sorte irgend etwas am schrecklichen Lauf der Geschichte ändert. Ja, selbst als noch so gut gemeintes antifaschistisches Signal für die Gegenwart taugt diese Handlung nicht. Dazu ist der Vorgang einfach zu lächerlich. Ein Spektakel, das der Berliner Tussauds-Filiale zu allem Überfluss auch noch unfreiwillige Werbung beschert.

Es knüpft sich jedoch eine weitere Frage an den Zwischenfall: Warum muss man überhaupt eine Wachsfigur Hitlers für exorbitante 200 000 Euro anfertigen lassen und sie derart zur Schau stellen? Der bloße Anblick sagt nichts, aber auch gar nichts über die Verbrechen Hitlers aus. Er verniedlicht die Gestalt des NS-Diktators zum Erlebnismoment für Touristen.

Zwar ist es offiziell verboten, sich im Wachsfigurenkabinett neben der Figur fotografieren zu lassen. Doch wer will dies eigentlich verhindern, wenn schon der rabiate Zugriff am Samstag nicht unterbunden werden konnte? Am besten wäre es daher wohl, wenn das beschädigte Stück nicht repariert und nicht mehr gezeigt würde, wenn also künftig eine (vielsagende) Leerstelle bliebe.

Bemerkenswert, dass es auch in Hamburg und London „Hitler in Wachs“ gibt. In der Hansestadt ist seit 48 Jahren nie etwas passiert, die Figur in London wurde hingegen schon mehrfach beschädigt. In Berlin und London wiegt die wahrhaft zwiespältige Symbolwirkung einer solchen Darstellung schwerer als andernorts. Somit ist das Ganze denn doch ein schauriges Lehrstück über die anhaltende, manchmal geradezu unheimliche Kraft des Symbolischen.




„Die deutsche Sprache verkommt“ – finden 65 Prozent bei einer Allensbach-Umfrage

Spitzen wir es mal probehalber zu: „Hilfe, die deutsche Sprache verkommt!” Mit einem solchen Notruf kann man die Resultate der neuen Allensbach-Umfrage auf den Gipfelpunkt treiben. Doch es steht noch ein bisschen mehr drin. Mancher Befund ist zudem auslegungsbedürftig.

Um die leidige Rechtschreibreform geht es ebenso wie um die Vielzahl englischer Ausdrücke im Deutschen. Ferner wurde die bundesweite Beliebtheit bestimmter Dialekte ausgelotet (Bayerisch und Hamburgisch vorn, Sächsisch ganz hinten). Schließlich befasst sich die Studie mit der Ekelschwelle angesichts derber Kraftworte (siehe Anhang). Wahrlich Stoff genug.

Schlagzeilenträchtige 65 Prozent aller Befragten meinen, dass unsere Sprache im Niedergang begriffen ist, die über 60-jährigen Menschen denken dies sogar zu 73 Prozent. Die „Schuldigen” an der vermeintlichen Misere sind ausgemacht: Es werde weniger gelesen, und das wiederum liege vorwiegend an Fernsehen, Mobiltelefon und Computer.

Ohrfeige für die
Verfechter der
Rechtschreibreform

Es stimmt ja: Beim eiligen Verfassen von SMS-Botschaften oder E-Mails achten wohl die Wenigsten auf sonderlich veredelte Ausdrucksweise. Auch verludert in diesen Bereichen vielfach die ohnehin schon schüttere Rechtschreibung. Allerdings haben sich auf diesen Feldern ganz eigene Mitteilungssysteme entwickelt – mit (wildwüchsigen) Abkürzungen und so genannten „Emoticons”, die den Gemütszustand etwa durch gestrichelte Gesichter signalisieren. Auch die gewiefte Handhabung einer solchen Zeichen-Sprache erfordert ein gewisses Maß an Schläue.

Eine nicht geringe Minderheit sieht denn auch gar keine Dekadenz am Werk. Im Gegenteil: Der Wortschatz sei heute im Schnitt umfangreicher als früher (31 Prozent), außerdem werde mehr gelesen und geschrieben als ehedem (23 Prozent). Über die Qualität der Lektüre und eigener Texte ist damit freilich noch nichts gesagt.

Eine schallende Ohrfeige gibt es für alle Verfechter der lang umkämpften Rechtschreibreform: Lediglich 9 Prozent (!) der Befragten haben sich mit den neuen Regeln anfreunden können. „Bin dagegen” sagten 55 Prozent. 31 Prozent ist das Thema egal.

Dementsprechend weit verbreitet ist die Rechtschreib-Unsicherheit. Satte 79 Prozent aller Befragten bejahen diesen Satz: „Durch die Rechtschreibreform weiß man bei vielen Wörtern gar nicht mehr, wie sie richtig geschrieben werden.”

Es zeigen sich jedoch auch vage Hoffnungsschimmer. Zur Umfrage gehörte nämlich ein kleiner Rechtschreibtest mit kniffligen Worten – und mit Vergleichsdaten aus der Vergangenheit. Dabei stellte sich beispielsweise heraus: Das Wort „Rhythmus” wurde im Jahr 1957 nur von 11 Prozent korrekt geschrieben, jetzt sind es immerhin 31 Prozent. Über die Gründe ließe sich’s trefflich spekulieren. Vielleicht hat es sogar mit dem weithin verpönten Einfluss des Englischen zu tun. Es mag durchaus sein, dass sich das Schriftbild von „rhythm” eingeprägt hat.

Klagen über
Sprachverfall schon
bei antiken Griechen

Ansonsten sehen vor allem ältere Semester im Vordringen angloamerikanischer Worte wie Kids, Event oder Meeting ein dringliches Problem. 66 Prozent der über 60-jährigen fordern sogar, man solle dagegen vorgehen. Nach den probaten Mitteln (Quotenregelung? Gesetze?) wurde nicht gefragt.

Rudolf Hoberg, Vorsitzender der Gesellschaft für Deutsche Sprache, versuchte gestern ein wenig die Wogen zu glätten: „Klagen über Sprachverfall gibt es seit den alten Ägyptern und den alten Griechen . . .”

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FAKTEN

Abstoßende Kraftworte

  • Die repräsentative Allensbach-Umfrage entstand in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Deutsche Sprache (Wiesbaden). Befragt wurden 1820 Menschen ab 16 Jahre. Im Internet kann man die Studie nachlesen unter: http://www.gfds.de/
  • In Sachen „Kraftworte” ergab sich dieses Bild:
  • Als ärgerlichstes und abstoßendstes Wort auf einer Auswahlliste wurde „Ficken” (59 Prozent Ablehnung) empfunden. Dahinter folgen „Krüppel” (55 %) und „Titten” (49%).
    Worte wie „Scheiße” (19% Ablehnung) oder „geil” (20%) werden schon eher toleriert.



40 Jahre danach: Abrechnung mit den 68ern – Persönliche Erinnerungen und nachträgliche Analysen zur Revolte

Von Bernd Berke

Vierzig Jahre ist es nun schon her, doch das Thema scheint schier unerschöpflich: Was ist vom Mythos des rebellischen Jahres 1968 geblieben? Was wirkt weiter? Was hat sich womöglich „erledigt“? Mit solchen Fragen befassen sich in diesen Jahr etliche Buchautoren. Eine Auswahl:

Höchst provokant geht Götz Aly zu Werke, ein einstiger Mitstreiter der Revolte. Verglichen mit damals, vollzieht er eine komplette Kehrtwende. Schon der Titel seiner Abrechnung, „Unser Kampf 1968″, der gefährlich an Adolf Hitlers „Mein Kampf“ anklingt, lässt es ahnen. Zwar kann auch Aly bis heute die Anstöße zum Aufstand (verdrängte NS-Vergangenheit, Vietnamkrieg, Springer-Presse) nicht ganz leugnen, doch wendet er ansonsten alles gegen die studentischen Akteure.

Als wolle er sich und seine Generation nachträglich selbst bestrafen, bezeichnet Götz die Studentenrevolte als eine „Bewegung“, die manches mit den verhassten Vätern aus der NS-Zeit gemein gehabt hätte – bis hin zur Figur des Anführers, dem laut Aly „machthungrigen“ Rudi Dutschke.

Seine Quellen waren u. a. Akten vom Verfassungsschutz. Skepsis wäre da angebracht gewesen. Statt dessen: schnöder Verrat an der eigenen Jugendzeit! Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung vertritt ähnliche Thesen, doch ungleich leiser. Sein mit Anmerkungen gespicktes Buch „Acht und Sechzig. Eine Bilanz“ kehrt totalitäre Versuchungen und Tendenzen der Revolte hervor, wie sie seinerzeit schon der Philosoph Theodor W. Adorno angeprangert hat.

Andere sagen’s gänzlich anders: Laut Peter Schneider war Rudi Dutschke ein Mensch „reinen Herzens“, und Reinhard Mohr attestiert dem Studentenführer schlichtweg mitreißendes Charisma. Der Schriftsteller Peter Schneider (Romanerfolg „Lenz“) hat für „Rebellion und Wahn – Mein 1968″ seine Tagebücher von damals neu gelesen – mit wachem Sinn für beide Lebensphasen. Er macht die Impulse seiner jungen Jahre nicht nieder, sondern nimmt sie wichtig, ohne sie zu glorifizieren. Ein betrüblicher Befund: Das Private sei in jenen Jahren unterm Politischen verschüttet worden. So bemerkt Schneider heute mit Erstaunen, dass er damals eine Liebesgeschichte durchlitten hat, die im Grunde mindestens so bedeutsam war wie all die Demos, in deren Sog man anfangs eher per Zufall hineingeraten sei.

Reinhard Mohr („Spiegel online“) ist kein Achtundsechziger, sondern ein Nachgeborener. In „Der diskrete Charme der Rebellion“ betrachtet er die Dinge aus ironischer Distanz, was als Gestus des „Darüberstehens“ nicht immer angenehm ist. Recht ausführlich zeigt er die Vorgeschichte: Stumpf- und Biedersinn der Adenauer-Zeit; erste Gegenkräfte, etwa bei den Schwabinger Gaudi-Krawallen der frühen 60er Jahre.

Mohr schildert Konflikte zwischen dem strengen Studentenbund SDS und der „Spaßguerilla“ rund um die „Kommune 1″. Kommunarde Fritz Teufel, so erfahren wir, habe viele Groupies gehabt, während Dutschke verbissen die Klassiker las. Mohrs Fazit: Vieles sei neoromatische Halluzination gewesen, Selbstüberschätzung aus bloßen Stimmungen heraus – mit Ausläufern bis in die RAF-Terrorszene. Diese Schattenseiten vergisst kein Autor.

Rudolf Sievers verfolgt mit „1968 – Eine Enzyklopädie“ eine völlig andere Absicht. Mit Texten zum bewegten Jahr (Marx, Adorno, Marcuse, Enzensberger, Dutschke, Flugblätter usw.) will er den Zeitgeist von ’68 wieder lebendig machen. Manches liest sich mit Gewinn, doch man steigt nicht zweimal in den selben (Zeit)-Fluss.

Hans-Peter Schwarz hat sich einer Hassfigur der „68er“ gewidmet: In „Axel Springer. Die Biografie“ lässt er dem Mann, dessen „Bild „-Zeitung die Stimmung gegen Dutschke und Genossen seinerzeit anheizte, größtmögliche Gerechtigkeit widerfahren. Es waltet Verständnis für die Motive des Großverlegers. Springer habe „Schneid“ besessen und sich nicht gängigen Meinungen anbequemt. Als nach dem Attentat auf Dutschke die „Bild“-Lieferwagen brannten, habe er freilich tief betroffen über einen (Teil)-Verkauf seines Imperiums nachgedacht.

Die Kulturgeschichte der 60er Jahre, die nachhaltiger gewirkt haben dürfte als alle politisierten Debatten, kommt leider in allen Bänden zu kurz. Auch wird die „Provinz“ kaum in den Blick genommen. Meist nur Berlin, Frankfurt und Paris – das ist nicht die ganze Wahrheit.

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SERVICE

Die vorgestellten Bücher

  • Götz Aly: „Unser Kampf 1968″. S. Fischer Verlag. 256 Seiten, 19,90 Euro.
  • Peter Schneider: „Rebellion und Wahn. Mein ’68“. Kiepenheuer & Witsch, 364 Seiten, 19,95 Euro.
  • Wolfgang Kraushaar: „Acht und Sechzig. Eine Bilanz“. Propyläen. 256 S., 19,90 Euro.
  • Reinhard Mohr: „Der diskrete Charme der Rebellion“. Wolf Jobst Siedler Verlag (wjs). 238 S., 19,90 Euro.
  • Rudolf Sievers (Hrsg.): „1968. Eine Enzyklopädie“. Edition Suhrkamp. 475 Seiten, 18 Euro.
  • Hans-Peter Schwarz: „Axel Springer. Die Biografie“. Propyläen. 600 S., 26 Euro.
  • Außerdem zu nennen:
  • Gerd Koenen / Andreas Veiel (Hrsg.): „1968. Bildspur eines Jahres“ (200 Pressefotos der Zeit). Fackelträger, 190 Seiten, 29,95 Euro.
  • Lothar Menne: 1968. Unter dem Pflaster lagen die Träume“. Goldmann Verlag, 250 S., 14,95 Euro.
  • Michael Ruetz: „1968. Die unbequeme Zeit.“ Steidl Verlag, 224 S., 40 Euro.
  • Norbert Frei: „1968. Jugendrevolte und globaler Protest“. dtv premium, 288 S., 15 Euro.

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EXTRA

Generation ’68 im Revier

  • In Paris gingen sie auf die Barrikaden – und in Berlin. Aber an Rhein undRuhr – gab es da auch die zornige Generation ’68?
  • Der Autor Manuel Gogos beantwortet die Frage auf seiner Feature-CD „Die Revolution mit der Heizdecke“ (8,50 Euro) klar mit ja. In Bonn rauchten freche Studis die Zigarren des Rektors, in Köln rockte sich die Band CAN in Trance, selbst an den Werkstoren im Revier wurde erregt diskutiert. Was haben die Kinder der Revolution gewollt? Warum verflossen Pop und Protest?
  • Als Studenten auf die Barrikaden gingen und Arbeiter mehr Rechte einforderten, war Norbert Kozicki gerade 15.
  • Der Aufbruch faszinierte den heutigen Sozialwissenschaftler. Was den Pazifisten begeisterte: Die jungen Rebellen entdeckten ’68 eine neue, unblutige Waffe – die Sprache.
  • Genau das ist Thema von Kozickis Buch „Aufbruch in NRW. 1968 und die Folgen“ (7,95 Euro).
  • Beide Titel sind im Rahmen der „mediathek für Nordrhein-Westfalen“ ab sofort in den WR-Leserläden zu haben.

 




Fußgänger sehen mehr von der Welt – An der Uni Kassel existiert der einzige Lehrstuhl zur Spaziergangswissenschaft

Von Bernd Berke

Dortmund/Kassel. Heute schon spazieren gegangen? Ganz entspannt im Hier und Jetzt des Waldes? Gut so. Aber haben Sie gewusst, dass es eine Spaziergangswissenschaft gibt? Kein Scherz. Im hiesigen Fachjargon heißt sie Promenadologie, im englischen Sprachraum strollology.

Es begann in den 1980er Jahren. Damals beackerte der Soziologe Lucius Burckhardt (1925-2003) wohl als erster das neue Forschungsfeld. Typisch deutsch: Nicht einfach gehen, sondern übers Gehen nachdenken? Jedenfalls wollte er „die Umgebung in die Köpfe der Menschen zurückholen“. Sein Nachfolger als Dozent an der Uni Kassel war der Berliner Martin Schmitz. Er ist überzeugt: „Spaziergänge können helfen, unsere Städte bewusster zu planen.“

Promenadologie hilft Raumplanern und Architekten

Worum geht’s den Spazierforschem also? Um unsere Wahrnehmung, unseren Blick auf Landschaften, Städte und Dörfer. Mit den schnellen Verkehrsmitteln, so eine Grundannahme, hat sich unser Hinschauen verändert. Indem wir mit Autos oder Billigfliegern durch Gegenden hindurch oder über sie hinweg sausen, bemerken wir viele Details gar nicht und ignorieren hässliche Ecken.

So sehen Stadtplanungen denn auch häufig aus: kein Gespür mehr für Übergänge, Abstände, Nuancen und Details. Schmitz: „Selbst Architektur-Studenten sind auf diesem Gebiet oft unterbelichtet. Sie kennen nicht einmal das Umfeld ihrer Unis.“ Die Spaziergangswissenschaft will für „Entschleunigung“ sorgen. Wer langsam und entspannt geht, sieht mehr. Kurzum: Man will gezielte Hilfestellung geben für Architekten, Stadt- und Raumplaner. Schmitz: „Daraus können neue Impulse entstehen.“

Wie auch immer: Die Spazierforschung dürfte ein Neben- und Hilfsfach bleiben – mit allenfalls mittelfristigen, unterschwelligen Wirkungen. Es gibt Ansätze in der Forschung, den „Spazierwert“ von Regionen auf einer Skala von 1 bis 10 zu bewerten. Schmitz hält nicht viel von solchen Hitlisten. Sie verstellen vielleicht den Blick dafür, was man verändern kann.

Wenn der Weg gar nicht mehr zählt

Dabei ist genaues Hinsehen nötiger denn je. Denn neuere Entwicklungen, so Schmitz, lassen den genauen Blick noch mehr vergehen. Seit Navigationsgeräte weit verbreitet sind, interessiert meist nur noch die Ankunft am Ziel, nicht mehr der Weg – der wird ja schon ohne eigenes Zutun berechnet. Von Computer-Programmen wie Google Earth ganz zu schweigen, mit denen man virtuell blitzschnell an jeden Punkt der Erde gelangt. Wahrscheinlich kein Zufall, dass kürzlich der Kinofilm „Jumper“ so erfolgreich war: Da geht es just um „Teleportation“, also die Fähigkeit, sich sofort in jede Weltecke zu beamen. Gegenbewegungen gibt es freilich auch. Zu nennen wäre die Pilger-Mode im Gefolge von Hape Kerkelings Dauerbestseller „Ich bin dann mal weg“.

Die globale Mobilisierung hat weit reichende Folgen: Wenn man jederzeit überall sein kann, sieht es irgendwann überall ähnlich aus. Besonders die gleichförmigen Fußgängerzonen gefallen den Spazierwissenschaftlern nicht. Es klingt paradox, aber gerade diese Gehflächen wollen sie teilweise wieder durch Autoverkehr beleben.

„Durchmischung“ heißt das Zauberwort, mit dem Wohnen, Einkaufen und Arbeiten wieder näher zueinander rücken sollen. Solche Maßnahmen seien wirksamer, als wenn man (wie in Frankfurt oder Berlin) historische Häuserzeilen oder Stadtschlösser nachbaut, findet Schmitz.

Ihre Grundlagen holt die Promenadologie nicht zuletzt aus der Literatur. Vor allem im Roman sind Orte und Landschaften reine Kopfgeburten. Dieser Befund macht klar, dass auch Stadtbilder in erster Linie mit Phantasie zu tun haben. Sprich: Man kann sie sich für die Zukunft eben auch ganz anders vorstellen.

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HINTERGRUND

Lucius Burckhardt, Martin Schmitz

  • Der spätere „Erfinder“ der Spaziergangswissenschafft, Lucius Burckhardt (1925-2003) war in den 50er Jahren in der Sozialforschungsstelle in Dortmund tätig.
  • Er betrieb intensive Feldstudien zur Wohnsituation im Ruhrgebiet.
  • 1955 veranstaltete er in Dortmund den Kongress „Der Stadtplan geht uns alle an“.
  • In den 80ern entwickelte er an der Gesamthochschule Kassel das neue Fach.
  • Martin Schmitz  (1956 in Hamm geboren) studierte bei Burckhardt und verlegte später dessen Buch. In Kassel hat er den einzigen deutschen Lehrstuhl für Spaziergangswissenschaft inne.
  • Auch an der Uni Leipzig gibt es Seminare zur Spaziergangswissenschaft.
  • Der Künstler Gerhard Lang hat Aktionen im Sinne des Fachs veranstaltet: „Spazieren als künstlerischer Akt“.
  • Lucius Burckhardts Standardwerk: „Wer plant die Planung?“ Martin Schmitz Verlag, Berlin. 360 Seiten. 18,50 Euro.



Wenn uns die Gier beim Kragen packt – über ein menschliches Grundgefühl

Von Bernd Berke

Ja, darüber kann man sich von Herzen moralisch empören: Wie schrecklich gierig sind doch jene Menschen, die viele Millionen auf dem Konto haben und dann auch noch Steuern hinterziehen! Oder Leute, die an der Börse zocken, bis nichts mehr geht. Anlässe zur Entrüstung gab’s jüngst genug. Aber ist man selbst frei von solchen Regungen?

Wohl kaum. Die Gier ist zwar mit einiger Mühe halbwegs beherrschbar, doch gehört sie zur menschlichen Grundausstattung. Erst wenn wir Lust- und Glückshormone wie das Dopamin abgeschafft hätten, wäre vielleicht auch die Gier verschwunden. Bei allem furchtsamen Respekt vor der Gentechnik: Damit ist auf mittlere Sicht denn doch nicht zu rechnen.

Geiz und Neid sind nur die Spiegelbilder

Unsere Wirtschaft und das Profitstreben, auf dem sie basiert. sind nicht allein rational zu erklären. In Banken- und Börsenkrisen ahnen wir, wie sehr das ganze Metier von Stimmungen, Mutmaßungen (eben: Spekulationen) und schwankenden Gefühlen abhängt. Wahrlich keine, verlässliche, logische Mechanik.

Wenn uns die Gier beim Kragen packt, so tritt noch ein Effekt ein, der an die sprichwörtlichen Lemminge erinnert. Viele tun irgendwann mit, wenn eine anschwellende Masse etwas vormacht; schon aus Angst, eine Gewinnchance zu verpassen. Auch da ist’s wie im Sprichwort: Den Letzten beißen die Hunde. Doch der hat dann hoffentlich wenigstens etwas fürs weitere Leben gelernt.

Ohne Habgier würde ja der ganze Kapitalismus nicht funktionieren. Wenn keiner mehr (und immer noch mehr) haben wollte als die anderen, so würde der Antrieb zu Geschäften aller Art fehlen. Die Gier besiegt auch die Angst vor etwaigen Risiken.

Maßlosigkeit gehört wesentlich dazu. Man kriegt den Hals nicht voll. Es ist wie beim steinreichen Enterich Dagobert Duck, der bekanntlich in Geld und Gold badet. Die Schatzkammern können nie groß genug sein. Und wehe, es fehlt ein einziger Taler.

Wer ängstlich seinen Besitz hortet, verhält sich nur spiegelbildlich. Beim Geiz ist gleichfalls Habgier der Antrieb – wenn auch in defensiver Spielart. Doch die „Geiz-ist-geil“-Phase, so hämmert man uns weiblich ein, sei sowieso vorüber. Im Zeichen des (schon brüchigen?) Aufschwungs darf und soll wieder gescheffelt und geprasst werden. Keine Zeit für Askese oder fürs „Maßhalten“, wie es einst der Altkanzler Ludwig Erhard empfahl. Statt dessen heißt es wieder: „Ich will alles – und zwar jetzt.“

Die katholische Kirch rechnet die Habgier (Lateinisch: avaritia) zu den berühmten „Sieben Todsünden“ – ebenso wie den Neid. Ein beliebtes, weil schauriges Thema in der Kunst. Nicht nur Hieronymus Bosch und Otto Dix haben sich drastisch und orgiastisch ausgemalt, wie der teuflische Sündenpfuhl wohl ausschauen mag.

Die Gier kann sich, weil sie zu Sucht und Exzess tendiert, wahl- und zügellos auf schier alles richten. Gier nach Geld ist beileibe nicht die einzige Form. Man denke nur an die rauschhafte Gier nach Sex oder Drogen. Eine solche Aufzählung könnte schier endlos geraten. Auch hier ist wohl die Biochemie der Hormone am Werk. Sie gibt keine Ruhe. Gier ist ein großes Lebensthema, das alle betrifft. Und Natürlich hat sie auch zutiefst mit unserer Sterblichkeit zu tun. Lebten wir ewig, müssten uns nicht ständig einbilden, etwas Unwiederholbares zu yersäumen und ein für allemal „zu kurz“ zu kommen.

 

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HINTERGRUND

Auch für Künstler ein Thema

  • Die sieben Todsünden nach dem Verständnis der katholischen Kirche:
  • Stolz, Neid, Zorn, Faulheit, Geiz, Gier und Wollust.
  • Das Thema hat immer wieder Künstler inspiriert. Das Spektrum reicht von Bert Brechts „Die sieben Todsünden der Kleinbürger“ bis zum Song der Simple Minds:„Seven Deadly Sins“.
  • „Gier“ ist ein häufiger Titel von Kunstwerken. Zu nennen sind etwa Erich von Stroheims monumentaler Film „Gier“ (Greed) von 1924, Gabriele Wohmanns Erzählsammlung „Habgier“ oder der Roman „Gier“ von Elfriede Jelinek.
  • Neueres Sachbuch: Hans Leyendecker „Die große Gier“ (Rowohlt, 299 S., 19,90 €).



Was darf uns die Kultur denn kosten? – Debatte um die Finanzen der Kulturhauptstadt

Alter Streit, der sich immer mal wieder entzündet: Wieviel Geld sollen „wir” für Kultur ausgeben? Genügt das, was die öffentliche Hand bezahlt – oder sollten Bürger, die es sich leisten können, freiwillig etwas drauflegen? Derzeit rankt sich die Debatte um die Finanzen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010.

Als neulich in Düsseldorf die Förderbescheide des Landes NRW fürs „Dortmunder U” (Ex-Brauereiturm, künftig Museum und Zentrum der Kreativwirtschaft) überreicht wurden, gab’s neben aller Freude auch viele kritische Stimmen, so etwa im Internetportal http://www.derwesten.de/. Grundzug so mancher Äußerungen: Lieber Straßenbau, Schulen, Kindergärten und Schwimmbäder finanzieren – oder Hartz IV aufstocken . . .

„Hände weg
von meiner
Geldbörse!”

Gegen solch dringlichen Alltagsbedarf befindet sich Kultur seit jeher in der Defensive. Stets muss sie ihre finanziellen Ansprüche gut begründen und legitimieren, was ja völlig in Ordnung ist. Doch etliche Politiker sind auf diesem Ohr fast gänzlich taub. Denn massenhaft Wählerstimmen kann man mit den schönen Künsten nicht einheimsen. Eine kurzsichtige Art der Betrachtung.

Und so erntete denn auch Essens Stadtkämmerer Marius Nieland beileibe nicht nur Beifall, als er kürzlich vorschlug, jeder Bewohner des Reviers möge aus freien Stücken je einen Euro für die Kulturhauptstadt Ruhr spenden, deren Kassen bislang eher spärlich gefüllt sind. Die Reaktionen glichen im Großen und Ganzen jenen aufs „Dortmunder U”. Motto: Hände weg von meiner Geldbörse! Ja, es ist eine schwierige Gemengelage.

Nielands Idee ist ja an und für sich sympathisch, sie könnte Phantasien beflügeln. Aber ist sie nicht auch ein Blütentraum? Selbst Amtskollegen aus anderen Revierstädten bleiben skeptisch. Wie, bitte, soll das funktionieren? Per Überweisung? Mit Sammelbüchse an der Haustür? Mit Sparschweinen, die in den Rathäusern aufgestellt werden? Und: Ein Euro ist „gefühlt” nicht gleich ein Euro. Manche nehmen ihn aus der Portokasse, andere müssen ihn sich absparen.

Zudem kalkuliert Nieland ohne weiteres mit 5,4 Millionen Bewohnern (bzw. Euro) – vom Neugeborenen bis zur Hundertjährigen; von „kulturferneren” Menschen gar nicht zu reden. Größere Familien würden demnach rein rechnerisch mehr berappen, denn pro Kopf wäre ja ein Euro fällig. Wäre das gerecht?

Schnellere und stärkere Wirkung ließe sich erzielen, wenn sich mehr potente Sponsoren aus der Wirtschaft fänden. Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt, die Geschäftsführer der Ruhr 2010 GmbH, arbeiten daran. Man kann ihnen nur Erfolg wünschen.

Mit Steuern und Abgaben finanzieren die Bürger ohnehin schon die Kulturhaushalte. Freilich: Die gesamten Kulturausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden machen nicht einmal 0,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus – rund 8 Milliarden Euro stehen jährlich zu Buche. Man darf schon fragen, ob dies für eine Kulturnation nicht beschämend geringe Werte sind.

Doch auch da gibt’s wieder Gegenpositionen, die sich untermauern lassen: Es gibt wohl kein anderes Land auf Erden, das eine so dichte kulturelle Infrastruktur hat wie Deutschland. Ungefähr jedes siebte Opernhaus weltweit steht bei uns. Kulturschaffende haben sich vielfach an namhafte Subventionen gewöhnt. Jede Kürzungsabsicht zieht daher einen Aufschrei („Kahlschlag!”) nach sich.

An dieser Stelle folgt in Debatten rasch der Ausruf: Und das alles für eine betuchte Minderheit? Nun, das wäre zu engstirnig gedacht. Man stelle sich die Städte ohne Theater, Opern, Museen und Bibliotheken vor. Es wären öde Kommerz-Wüsten. Ausgaben für Kultur erweisen sich in aller Regel als sinnvolle Investitionen. Viele Euros fließen in die Städte und Gemeinden zurück. Es kommen mehr Touristen und Tagesgäste, die Geld ausgeben – nicht nur an der Theaterkasse. Und schließlich konkurrieren Betriebe und Behörden in allen Städten um gut ausgebildete, qualifizierte Mitarbeiter. Viele von ihnen lassen sich vor allem durch kulturelle Angebotsfülle locken.

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INFO:

  • Die derzeitige Finanzlage der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet 2010:
  • Insgesamt stehen jetzt rund 52 Millionen Euro zur Verfügung. Das Geld kommt aus folgenden Quellen:
  • Der Regionalverband Ruhr (RVR) steuert 12 Millionen Euro bei.
  • Vom Land Nordrhein-Westfalen kommen 12 Millionen Euro.
  • Der Bund schießt 12 Millionen Euro zu.
  • Die Stadt Essen ist mit 6 Millionen Euro dabei.
  • Die Europäische Union (EU) stellt 1,5 Millionen Euro bereit.
  • Private Sponsorenmittel (bisher zugesagt): 8,5 Millionen Euro.
  • Was können die einzelnen Städte beitragen? Vor allem die Revier-Gemeinden, die unter Sparzwängen stehen, könnten eine Aufstockung ihrer Eigenmittel bestens gebrauchen.



Okkulte Kunst: Vision und Wahn

Mit spiritistischen Séancen und Tischerücken fing es oft an. Bald folgte das manische Malen: Es entstanden dann Hunderte, ja Tausende von „medialen” Bildern – angeblich aus dem Jenseits diktiert oder von höheren Wesen „befohlen”. Das Museum Bochum zeigt jetzt solch okkulte Kunst, deren Urheber nicht selten in der Psychiatrie endeten.

Es ist keine Grusel-Schau. Aber es sind Grenzgänge zwischen Vision und Wahn, die einen nicht kalt lassen. Beklemmend ist vielfach die Zwanghaftigkeit, immer und immer wieder dieselben Formen und Figuren auf Leinwand oder Papier zu bannen. Mal sind es Ornamente, mal schier endlose Schriftzüge oder entseelt starrende Augen, die den Betrachter durchbohren. Solche Botschaften rühren an die Ängste jedes Menschen.

Manchmal nah an
der Avantgarde

Es waren oft einfache Bäuerinnen oder Handwerker, die für übersinnliche Einflüsterungen empfänglich waren, als „Medien” oder Hellseher bekannt wurden und irgendwann dem Bilderwahn verfielen. Gelegentlich war ein Schock (etwa der Tod naher Angehöriger) der Auslöser. Doch es gibt viele verschiedene Lebenswege in diese Außenbezirke der Kunst.

Das Bochumer Museum fasst auch „Geisterfotografie” in den Blick. Da tauchen unversehens schemenhafte, lichtumflorte Gestalten „aus dem Jenseits” neben den vermeintlich medial begabten (und gepeinigten) Menschen auf. Häufig wurden in solchen Fällen Manipulation beim Entwickeln der Filme nachgewiesen. Doch wer weiß schon felsenfest, ob es nicht doch Erscheinungen gibt, von denen sich unsere Schulweisheit bisher nichts träumen lässt?

Monströs sind mitunter die Dimensionen: Rund 500 000 Zeichnungen hat die 59-jährige Berlinerin Vanda Vieira Schmidt zu riesigen Säulen aufgeschichtet. Ihr erklärtes Ziel ist die endgültige Rettung des Weltfriedens. Es ist ein unheimliches Ankämpfen gegen diffuse Bedrohungen, die es ja gibt und die sie vielleicht nur stärker spürt als gewöhnliche Menschen.

Gehören derlei Bilder ins Museum? Aber ja! Unbedingt. Haben denn nicht auch die großen Surrealisten die Trance, den unbewussten „Automatismus” beim Malen und Schreiben gepriesen? Auch das war also (ob mit oder ohne Drogen) Inspiration, die auf irrationale Weise „eingegeben” wurde. Gar nicht zu reden vom Genie, das gemeinhin als „verrückt” gilt.

Von der anderen Seite her besehen: Einige der in Bochum gezeigten Werke sind verblüffend nah an den Avantgarden ihrer jeweiligen Zeit. Die Französin Marguerite Burnat-Provins (1872-1952) bewegt sich auf den Höhen anerkannter Symbolisten und Jugendstilmeister. Die Schwedin Hilma af Klint wagt den Sprung in die Abstraktion ungefähr zur gleichen Zeit wie der berühmte Wassily Kandinsky. Und die textreichen Schaukastenbilder des Amerikaners Paul Laffoley, die von Kontakten mit Außerirdischen und phantastischen Zeitreisen künden, ähneln ausgeklügelten Schöpfungen der Konzeptkunst.

Auch biographisch gibt es Berührungspunkte: Der Surrealist Antonin Artaud hat seinerzeit den selben Psychiater aufgesucht wie der Franzose Raphael Lonné. Dessen Bilder wiederum kaufte der Künstler Jean Dubuffet, der sich zu seinen wildwüchsigen Werken (Stichwort „Art brut” = „rohe Kunst”) von Bildfindungen so genannter „Geisteskranker” anregen ließ. Fließende Grenzen.

Doch beim wahnhaften Malen scheint über kurz oder lang jegliche Art der ästhetischen Überprüfung zu schwinden. Die Formen mäandern regellos dahin – oder sind im Gegenteil zwanghaft geordnet, in stets gleichen Wiederholungsmustern angelegt. Schein-Ordnungen, die sich gegen inneres Chaos stemmen. Diese Innenwelten wuchern zu kompletten Wahn-Systemen. Wenn man in diese Gefilde auch nur ein paar Schritte weit folgt, ist es schon schaurig genug.

„The Message. Kunst und Okkultismus”. Museum Bochum, Kortumstr. 147. Bis 13. April. Di-So 10-17 Uhr. Eintritt 3 €. Katalog 28 €.

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AM RANDE

Zur Bochumer Schau gehört auch ein 1967 gedrehter Film. Der Streifen handelt vom US-Liftboy Ted Serios (1918-2006), der in den 1960er Jahren angeblich seine Gedanken auf Polaroid-Sofortbilder bannen konnte. Unter Psychologen-Aufsicht kam das Polaroid-Modell 95 zum Einsatz – mit Blitz, Blende 3, Entfernung auf „unendlich”. Vors Objektiv wurde ein Zylinder gesetzt, um Gedanken zu „bündeln”. Mal tauchte auf den Fotos ein schemenhafter „Neandertaler” auf, mal ein verschwommener „Bus”. Am 15. Juni 1967 war Schluss mit dem (faulen?) Zauber. Danach gelangen Serios keinerlei „Gedankenfotos” mehr. Schon vorher brauchte er gelegentlich einige Flaschen Bier als Ansporn.




Silvester und der Alkohol

„In Sachen Alkohol ist Silvester eindeutig der gefährlichste Tag des Jahres.” Das sagt einer, der es wissen muss. Der Bottroper Peter Kruck hat sich tief ins Thema versenkt. Er ist Autor des Standardwerks mit dem glasklaren Titel „Alcohol”.

Am letzten Tag des Jahres sind Sekt, Wein, Bier und Konsorten so selbstverständlich wie sonst nie. „Da feiert man den ersten Tag vom Rest seines Lebens intensiver als sonst”, weiß Kruck (42). Auch werden womöglich negative persönliche Jahresbilanzen „ertränkt”. Andentags folgt unweigerlich der Neujahrskater.

Und noch eine Besonderheit zu Silvester: „Es wird zunächst oft nicht einfach drauflos getrunken, sondern eher mit Maß und Ziel – schließlich will man gegen Mitternacht noch die Uhr im Blick behalten.” Aber dann…

Gut möglich, dass Relikte aus der langen Kulturgeschichte des Alkohols ins Heute hineinragen. Kruck: „Vielleicht will man unbewusst böse Geister vertreiben. Aber vor allem gilt wie bei vielen Feiern: Man will sich lockern und entspannen, leichter ins Gespräch kommen.” Binsenweisheit: Bisweilen werden dabei die Grenzen zur Peinlichkeit oder zur Aggression rasch überschritten.

Und wenn man zum Ende des Jahres feststellen sollte, dass einen „kein Schwein” eingeladen hat? „Dann könnte auch das für manche Leute ein Anlass zum Trinken sein”, ahnt Kruck. Es wären keine sonderlich guten Vorzeichen.

Der promovierte Kommunikations-Wissenschaftler und Marktforscher verharmlost die Folgen des Alkohols keineswegs, sondern rät zum bewussten, vernünftigen Umgang mit den flüssigen Giften. Sorglosigkeit sei nicht am Platze, vorschnelle Hysterie aber ebenso wenig.

Fährnisse und Fluch des Alkohols seien „so alt wie die Menschheit”. Seine Ursprünge habe der Genuss von mehr oder weniger Hochprozentigem in kultischen Ritualen, die bei den alten Griechen in der Verehrung des Gottes Dionysos (bei den Römern dann Bacchus) gipfelten und schon mal tagelange Orgien mit Wein, Weib und Gesang einschlossen.

Kruck sieht ein stark gefiltertes und verdünntes Erbe dieser wüsten Zeiten auch in der katholischen Kirche walten – nicht nur in Form des Messweins. Statistiken belegen, dass in katholisch geprägten Ländern deutlich mehr gesüffelt wird als in protestantischen – von der muslimischen Welt ganz zu schweigen. Essenz: „Katholiken sind in der Regel genusssüchtiger.”

Vom Kult zur Kultur: „Goethe hat täglich zwei Flaschen Wein getrunken”, sagt Kruck. Beim Schreiben hat’s offenkundig kaum geschadet. Und der Dichterfürst ist immerhin bei besten Geisteskräften 82 Jahre alt geworden. Doch gerade in der Literatur gibt es auch sehr betrübliche Säufer-Biographien. Legendäre Trinker unter den Autoren waren Joseph Roth, Malcolm Lowry, Flann O’Brien oder Charles Bukowski. Und viele andere.

Peter Kruck kann Erstaunliches aus der Welt des Rausches erzählen. Im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit hinein, so hat er herausgefunden, waren die Menschen praktisch permanent betrunken, selbst Kinder blieben selten nüchtern. Das Leben war gnadenlos hart und manchmal offenbar nur so zu ertragen. Bier als liquide Form von Getreide galt als Grundnahrungsmittel. Eine Folge: Die Lebenserwartung war erschreckend niedrig. Tiefpunkt: Zu den finstersten kapitalistischen Zeiten des 19. Jahrhunderts wurde im englischen Leeds ein Arbeiter im Schnitt nur 19 (!) Jahre alt.

Wann hat die große Sauferei sich gemildert? Als es in den Städten allmählich hygienischer zuging und Wasser nicht mehr durch Zusetzen von Alkohol desinfiziert wurde. Und als das Auto erfunden wurde.

Sollte man sich gezielt berauschen wollen, so erreicht man dies laut Kruck am verträglichsten mit klarem „Sprit”, der eben hauptsächlich diesem Zweck dient. Vorausgesetzt, das Zeug ist nicht lebensgefährlich gepanscht. Kruck zieht den Vergleich: „In Bier und Wein schwimmen viele Nebenstoffe herum.” Und überhaupt – die ach so kultivierten Weintrinker, die in Jahrgängen und Lagen schwelgen wie in kostbaren Kunstwerken: „Sie machen sich nur selbst mehr vor als andere Alkohol-Konsumenten.”

Kruck selbst, der besonders zu Studentenzeiten gern feuchtfröhlich gefeiert hat, will sich zu Silvester eher „einigeln” – erzwungenermaßen. Denn der Familien-Hund fürchtet sich daheim dermaßen vorm Feuerwerk, dass er fortwährend beruhigt werden muss. Mit dem verheißungsvollen Geräusch beim Entkorken der Flaschen sollte das Tier hingegen kein Problem haben.

Peter Kruck „Alcohol“. 300 Seiten, gebunden. Herbig-Verlag. 17,90 Euro.




Biermann revisited

Gestern Abend in der Schwerter Rohrmeisterei Wolf Biermann (wird in ein paar Tagen 71) live erlebt.

Musste mal sein, nach so vielen Jahren. Er ist schließlich einer, der stets „begleitend mitgelaufen“ ist auf dem Lebensweg. In mehr oder weniger großer Entfernung. Von „So oder so – die Erde wird rot“ bis zum Kulturkolumnisten der „Welt“ ist’s eben ein weiter Weg. Da kann man nicht jede Strecke mitgehen. Er ist keine Instanz mehr, aber doch einer, auf den man dann und wann hört. Und sei’s, um sich des Abstands zu vergewissern.

Seine notorische Eitelkeit ist immerhin hie und da halbwegs selbstironisch gebändigt. Wie er seinen eigenen Lebenshunger immer und immer wieder feiert. Je nun: Neun Kinder hat er mit diversen Damen in die Welt gesetzt, darin Günter Grass vergleichbar. Der jüngste Spross ist gerade mal 6 Jahre alt und heißt Molly, wie Biermann vaterstolz verkündete.

Dabei hat er etwas von einer traurigen Gestalt. Er betont unentwegt, wie er nach seiner DDR-Ausbürgerung 1976 sich neue, „westliche“ Themen habe aneignen müssen – und steckt doch ersichtlich bis heute ganz tief in diesem DDR-Trauma. Davon kommt er nicht los. „Frische Früchte vom alten Baum“ hatte er versprochen. Nun, so frisch sind sie eben nicht.

„Heimkehr nach Berlin Mitte“ ist ein dreistündiger, langwieriger Abend. Biermann scheint sich in seinem alten Berliner Wohnzimmer (Chausseestraße 131) im Freundeskreise zu wähnen und erzählt sehr, sehr viel, will gegen Schluss gar nicht mehr aufhören, obwohl schon das Saallicht grell aufleuchtet. Zuvor erläutertet er jedes Gedicht(lein) ausführlichst, vielfach mit pädagogischem Unterton. Anschließend singt er’s dann jeweils noch. So tragfähig aber sind die meisten seiner neueren Texte nicht, dass sie eine solche Verdoppelung aushielten.

Natürlich sind da auch einige intensive Momente. Seine andauernde Trauer um die einstigen Mit-Dissidenten Robert Havemann und Jürgen Fuchs ist einfach wahr und wahrhaftig. Gewiss auch seine (unerfüllte) Sehnsucht, das Frankreich der Troubadoure betreffend.

Nach dem Verlust aller Gewissheiten (bis auf jene, dass Heinrich Heines „Freiheitskrieg“ aus dessen Gedicht „Enfant perdu“ fortzuführen sei) besingt Biermann den „Phantomschmerz der Utopie“. Manchmal hätte man halt gern wieder die gedanklichen Krücken von einst. Und, so der bekennende Atheist: Auch das Christentum sei eine taugliche Krücke – wenn es denn der inneren Stärkung dient.




Über Bücher reden, die man nicht kennt

Für die etwas edleren Anlässe könnte es ein nützlicher Leitfaden sein. Der französische Literaturprofessor Pierre Bayard weist uns in eine Kulturtechnik ein, die viele schon immer beherrschen wollten. Sein Buch heißt klipp und klar „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.”

Nun ist der Monsieur, wie gesagt, Professor. Er bietet keine Larifari-Ratschläge an. Mit hochkarätigen Beispielen aus der Literatur beweist er Schritt für Schritt, dass Lektüre eine sehr relative Angelegenheit ist. Am Rande: Ich habe sein Buch komplett gelesen. War’s vergeudete Lebenszeit?

Die Lektionen beginnen mit dem Romancier Robert Musil. Der ließ im Jahrhundertwerk „Der Mann ohne Eigenschaften” einen Bibliothekar auftreten, welcher angesichts der schier unendlichen Masse möglichen Lesestoffs just nur noch wenige, streng ausgesuchte Bücher las. Welche? Nur noch die, die ihm „Überblicks-Wissen” boten, mit dem man alle ungelesenen Bücher souverän einordnen und bewerten kann.

Völlig ohne Anstrengung geht’s also nicht. Man muss etwas gelesen haben, um danach über Ungelesenes reden zu können. Doch es drängt sich diese etwas frivole Schlussfolgerung auf: Romanführer oder Rezensionen bringen schnelleren Bescheidwisser-Effekt als lästig lange Originalwerke. Da genügt es, wenn man flott querliest. Bestenfalls.

Auch der berühmte französische Lyriker Paul Valéry wird in den Zeugenstand gerufen. Dieser Dichter hat umfangreiche Aufsätze und Nachrufe ganz bewusst ohne Kenntnis der jeweiligen Werke verfasst. Ein paar Seiten Marcel Proust („Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”) reichten ihm, um über dessen schriftstellerisches Verfahren so zu dozieren, dass es halbwegs kundig klang. Probate Methode: Man schlägt irgend eine beliebige Seite auf – und findet überall eine typische Essenz des Autors.

Weiter geht’s mit Lernschritten anhand von Umberto Eco („Der Name der Rose”), Shakespeare und Montaigne („Essais”), der jede Lektüre so rasch vergaß, dass sein Lesen bald dem Niemals-Gelesenhaben glich. Daraus folgert Bayard, dass man erst gar keine Gewissensbisse haben soll, wenn man ein Buch nicht kennt. Man vergisst es ja eh.

Sodann betrachtet der Professor mehr oder weniger knifflige Gesprächssituationen, in denen literarische Kenntnisse gefragt sein könnten. Frech gewagt ist halb gewonnen, ermuntert uns Bayard – in schlau eingefädelten, doch etwas weitschweifigen Übungen.

Wenn wir über Literatur sprechen, hat ohnehin jeder sein eigenes, höchst fragmentarisches „Phantombuch” im Sinn. Eben das macht Gespräche ja anregend. Und wenn man den fraglichen Band gar nicht goutiert hat, macht das nichts. Im Gegenteil: Dann hat man sogar noch mehr Freiheiten beim Reden.

Auch die klügsten Gesprächspartner wissen längst nicht alles – genau wie wir selbst. Bildungslücken hat jeder, man muss sie beim Plaudern nur geschickt und selbstbewusst umschiffen. Willkür-Beispiel, nicht von Bayard: Einfach mal keck behaupten, dass Günter Grass ein Stümper ist. Wenn Widerspruch kommt, wird einem schon eine Replik einfallen. Es reicht ja, wenn man Grass mal im Fernsehen erlebt hat und von der Person aufs Werk schließt. Falls das nicht wirkt? Geordneter Rückzug mit „wissendem” Lächeln…

Die Rezepte taugen auch für Berufskritiker. Honoré de Balzac hat es im Journalisten-Roman „Verlorene Illusionen” gültig vorexerziert. Ein wendiger Rezensent preist und verreißt dort nach Gutdünken – ohne jemals in die Bücher geschaut zu haben. Das Ganze erweist sich als zynisches Spielchen um Macht und Einfluss. Wer „das Sagen hat”, kann jeden Unfug in die Welt setzen. Hat da jemand „Literaturpapst” gerufen?

Zwischendurch funkelt es auch schon mal ironisch, doch im Grunde meint Bayard es ernst. Erst recht am Ende, wenn es sinngemäß heißt: Jedes Buch ist letztlich nur Anstoß für ein Gespräch über uns und unser Leben. Man soll sich deshalb nicht sklavisch an Texte halten, sondern selbst schöpferisch werden. Klingt doch human.

Pierre Bayard „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.” Kunstmann Verlag, 220 Seiten, 16,90 Euro.

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  • Bayard ist nicht nur Literaturprofessor in Paris, sondern auch seelenkundiger Psychoanalytiker. Sein Buch war in Frankreich ein Bestseller und erscheint jetzt gleich in dreizehn Ländern.
  • Ein prägnantes Zitat aus dem Buch stammt vom Schriftsteller Oscar Wilde, der empfahl, sich höchstens zehn Minuten mit einem Buch zu befassen: „Um Lage und Wert eines neuen Weines zu bestimmen, braucht man kein Fass leerzutrinken.”



Balthus: Zwischen Unschuld und Verführung

Halb sitzt sie noch, halb liegt sie schon. Pose und Mimik des Mädchens sind gleichermaßen traumverhangen wie lasziv. Der Ausdruck flimmert zwischen Unschuld und Verführung.

Der Blick des Malers und somit das Augenmerk Betrachters richten sich auf den weiß aufblitzenden Schlüpfer unter ihrem hochgerutschten roten Rock. The´rèse, die dem Künstler Balthus 1938 hierfür Modell saß, war damals erst zehn oder elf Jahre alt . . .

Der Franzose Balthus ist berüchtigt wegen solcher begehrlichen Lolita-Bildnisse. Mit welcher malerischen Inbrunst er sich allein schon den entblößten Knien dieser Pubertierenden gewidmet hat, die nicht mehr kindlich spielen und niemals lächeln! So fing er die halb unbewusst erwachende Erotik sinnend in sich gekehrter Nymphen ein. Das erscheint heikel, ja mitunter skandalös. Und ist skandalös gut gemacht. Fast hilflos steht man vor derlei überragender Könnerschaft.

Noch nie hat es eine Balthus-Werkschau in Deutschland gegeben. Kein einziges seiner Werke gehört hierzulande einer öffentlichen Sammlung. Das Ludwig Museum wagt sich auf Pioniergelände. Exquisite Übersicht: 70 Gemälde und Zeichnungen aus den Jahren 1932 bis 1960 sind in Köln zu sehen.

Hie und da walten zwar surrealistisch inspirierte Raumverhältnisse. Doch zur Avantgarde seiner Zeit hat Balthus (1908-2001) Abstand gehalten. Seine Anregungen reichen von der italienischen Renaissance über französischen Klassiszismus bis hin zu Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter”, dessen haltlos im Raum schwankende Figuren ein Prägemuster für etliche Balthus-Szenen sein dürften. Häufig sind auch tradierte biblische bzw. mytholgische Szenen die Folie für diese verschwiegene Sonderwelt.

„Aufgehobene Zeit” lautet der Untertitel der Schau, einen „zeitlosen Realismus” hatte Balthus im Sinn. Tatsächlich scheint der Zeitfluss in den Bildern angehalten zu sein. Immer wieder, manchmal jahrelang habe sich Balthus an dieselben Gemälde begeben, heißt es. Es mangelte ihm wahrlich nicht an Selbstbewusstsein, er legte für sich die allerhöchsten Maßstäbe an. Just deshalb war er nie vollkommen zufrieden mit den Ergebnissen. Unaufhörlich am „einzig wahren” Bild zu arbeiten, das wiederum den flüchtigen Moment zum endlos gespannten Augenblick einfriert – dies war wohl das unerreichbare Ideal.

Phantasien über
weibliche Opfer

Unerlöst, oft auch etwas unheimlich wirken diese Bilder. Manchmal auch sehr unheimlich. Ein nacktes junges Mädchen liegt als „Das Opfer” (1939-1946) mit verdrehten Gliedmaßen auf ein Bett hingestreckt. Auf dem Boden ein Messer, aber nirgendwo Blutspuren – nur scheint ein bleicher Todeshauch das Zimmer zu durchwehen. Oder: Ein Mädchen mit gewaltsam (?) geöffneter Bluse droht hinterrücks aus dem „Fenster” (1933) zu stürzen, sie macht eine abwehrende Geste. Der zuweilen schmerzlüsterne Balthus soll sein Modell mit einem Messer erschreckt haben, um ihren entgeisterten Gesichtsausdruck zu sehen.

Vorskizzen verraten es: Mit mathematischer Präzision hat Balthus seine Bildräume berechnet, auch Lage und Stellung der Körper im Raum sind genau kalkuliert – und werden dann doch ins Rätselhafte gewendet.

All dies ist ungemein delikat ausgeführt. Geradezu altmeisterliche Feinmalerei ist hier zu bewundern, bis in kleinste Schattierungen hinein. Es sind prekäre Sujets, doch sie bleiben meist in unbestimmbarer Schwebe. Keine Pornographie, sondern Kunst – im Grenzbezirk.

„Balthus – Aufgehobene Zeit”. Museum Ludwig, Köln (direkt am Hauptbahnhof). Bis 4. November. Di-So 10-18 Uhr. Katalog 35 Euro.

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Info:

  • Balthus lebte von 1908 bis 2001. Er hieß eigentlich Balthazar Klossowski.
  • Nach der Trennung von seinem Vater stand Balthus‘ Mutter, die aus Breslau (heute Wroclaw) stammte, zeitweise dem Dichter Rainer Maria Rilke sehr nahe.
  • Rilke förderte den begabten Jungen und dachte sich den Künstlernamen aus.
  • Schon die erste Ausstellung geriet 1934 zum Skandal.
  • Seit den späten 50er Jahren verlegte sich Balthus auf meditative Landschaften – eine nicht mehr „anstößige” Sehnsucht.



Das süße Leben bis zum Wahnsinn – Die Ausstellung „Luxus und Dekadenz – Römisches Leben am Gold von Neapel“ in Haltern

Dass die alten Römer in Luxus und Dekadenz geschwelgt haben, hat man schon gehört. Wenn man jetzt die neue Antikenschau im Römermuseum Haltern besucht, kann man es sich lebhaft ausmalen.

Toll trieben es die alten Römer, jedenfalls die Reichsten. An der Spitze stand unangefochten Crassus mit einem Vermögen von 400 Millionen Sesterzen. Umrechnung zwecklos, doch der Mann dürfte einem heutigen Milliardär vergleichbar sein.

Die Ausstellung „Luxus und Dekadenz” fasst speziell das 2. Jahrhundert v. Chr. in den Blick. Besonders begüterte Römer ließen sich seinerzeit in prächtigen Villen am Golf von Neapel nieder. Tanz beim Vulkan: So manches Bankett am Fuße des Vesuv steigerte sich hier zum Gelage oder zur Orgie mit willigen Hetären und Lustknaben. Opulente Wandmalereien aus Pompeji zeugen davon.

Kulinarisch beladene Schiffchen dümpelten bei solcher Gelegenheit auf Wasserbecken zwischen den „Fress-Liegen”. Da standen auch schon mal so exquisite Leckerbissen wie Siebenschläfer im Honigmantel oder (dies wohl erst in späterer Zeit) Flamingozungen und Papageienhirn auf dem Speiseplan. Auch der sprichwörtlich gewordene Lukullus zählte zu den Villenbesitzern an jenen Gestaden. Er soll einmal bei einem einzigen Bankett 200 000 Sesterzen verprasst haben. Dass sich die Teilnehmer Vogelfedern in den Hals steckten, um hernach den Magen unverdrossen neu zu füllen, ist aber nur eine Legende, die sich freilich hartnäckig gehalten hat. Es war kein Usus, sondern geschah höchstens im Einzelfall.

Vitrine war gestern. Für die aufwändige Schau hat man die 180 Exponate vorwiegend szenisch aufbereitet. Helle und dunkle Zonen gestalten den Rundgang abwechslungsreich. Computergenerierte 3-D-Animationen geleiten den Betrachter kreuz und quer durch die prunkvollen Paläste. Kein fauler Zauber, wie Ausstellungsleiter Herwig Kenzler versichert. Die archäologischen Eckdaten seien stimmig umgesetzt. Allerdings haben die italienischen Trickschöpfer auch Zucker gegeben – bis hin zum romantischen Mondaufgang wie aus dem Fantasy-Film.

An den Wänden prangen mahnende Zitate der altrömischen Intelligenz, die den schamlos zur Schau gestellten Luxus als unmoralisch brandmarkten. Der Philosoph Seneca, der selbst 300 Mio. Sesterzen anhäufte, formulierte zeitlos gültig: „Luxus braucht Bewunderer und Mitwisser.”

Und so ergossen sich wahre Geldströme in künstlerische Gartengestaltung, griechische Plastiken oder sündhaft teures Geschmeide. Nicht nur für Menschen. Betuchte Römer legten riesige Meerwasserbecken zur Fischzucht an. Ökonomisch ein Wahnsinn. Egal. Der Redner Hortensius soll jedenfalls beim Tod seiner Lieblings-Muräne bitterlich geweint haben. Seine Gattin Antonia war derweil nicht knauserig. Sie legte ihrem Favoriten-Fisch Perlenohrringe an. Wie das ausgesehen hat? Ein virtuelles Wasserbecken lässt es ahnen. Darin schwimmt ein bizarres Tier, als wäre es lebendig.

Zahlreiche Originalfunde (Statuen, Brunnenfiguren, Schmuck usw.) wurden eigens restauriert und sind teilweise erstmals außerhalb von Italien zu sehen. Etliches schlummerte bislang in den Depots von Neapel, so etwa ein raffiniertes Badezimmer mit Boiler und Mischbatterie.

Ein „Sklavenbalken” erinnert daran, dass breite Schichten der Bevölkerung die Spesen zahlten. Die Vorrichtung wurde in einer Villa gefunden und diente dazu, unbotmäßige Dienerschaft anzuketten. Die größten Geldscheffler hatten übrigens derart viele Sklaven, dass sie sich abstruse Sonderaufgaben für sie ausdenken mussten. Einige fristeten ihr Dasein sogar als sprechende Terminkalender.

„Luxus und Dekadenz – Römisches Leben am Golf von Neapel”. 16. August bis 25. November.
LWL-Römermuseum, Haltern am See, Weseler Straße 100. Tel.: 02364/93 76-0. Führungen/Museumspädagogik: 02364/93 76-38.
Verlängerte Öffnungszeiten: Di-Fr 9-18 Uhr, Sa/So 10-19 Uhr.
Eintritt: Erwachsene 5 Euro, Kinder/Jugendliche (6 bis 17 Jahre) 2,50 Euro, Familienkarte 10 Euro.
Katalog 24,90 Euro.
Internet-Informationen: http://www.luxus-ausstellung.de/
Die Schau startet in Haltern. Spätere Stationen: Bremen, Nijmegen (Holland) und München.




Der Sex von damals ist nur noch ein fader Aufguss – Robert van Ackerens Nachlese „Deutschland privat 2 – Im Land der bunten Träume“

Von Bernd Berke

Ach, wie lang sind sie vorüber: die 60er und 70er Jahre – mitsamt den Super-8-Filmchen, die damals im familiären Kreise oder in zweisamer Verschwiegenheit gedreht wurden.

Als Robert van Ackeren („Die flambierte Frau“) 1980 solche Kostproben unter dem Titel „Deutschland privat“ ins Kino brachte, da hatte man noch den Nachgeschmack jener Jahre auf der Zunge. Es ging einen noch an. Auch deshalb waren die oft neckischen Blicke in Alltag und Intimsphäre der Nation ein Lacherfolg in den Programmkinos. Wer da lauthals geierte, dünkte sich meist weitaus weniger spießig als die Leute auf der Leinwand. Derlei billige Gewissheiten haben sich längst verflüchtigt.

Jetzt gibt’s – aus gehöriger Distanz – den wohl endgültigen Abgesang auf die Ära derSuper-8-Streifen (eine Weltfirma hat kürzlich die Produktion des Materials völlig eingestellt). Der passionierte Super-8-Sammler Van Ackeren zieht jetzt eine späte Fortsetzung ans Licht: „Deutschland privat 2 – Im Land der bunten Träume“.

Wiederum liegt ein Schwerpunkt auf den inzwischen so fern gerückten 70er Jahren. Der Rückgriff ähnelt fast archäologischer Feldforschung. Da schwappt noch die Sexwelle, und die DDR existiert bräsig vor sich hin.

All das Getue und Geschiebe auf Super-8-Filmchen

Gut die Hälfte der 25 Streifen befasst sich explizit mit Sex. Ganz ehrlich: All dies Getue und Geschiebe könnte einem die Freude an der Sache beinahe verleiden. Wir sehen „die“ Deutschen als Exhibitionisten, als heillos enthemmte Nackte. Sexuelle Leistung wird geliefert, gelegentlich bis zum Übersoll. Bloß nicht prüde sein. Von Erotik bleiben höchstens Spurenelemente. Nicht gerade schön, zuweilen trist oder gar abstoßend. Deutschland bizarr.

Das Ganze riecht wie fader Aufguss. Van Ackeren schwört weiterhin auf die Wahrhaftigkeit solcher Amateurfilme. Doch das ist naiv.

Die Auswahl schmort im eigenen Saft

Natürlich waren Formen und Inhalte vielfach anderweitig vorgeprägt – durch Fernsehen, Werbung, kommerzielle Pornos usw. Immerhin: In besseren Momenten werden alteingeführte filmische Mittel als Klischees bloßgestellt. Gleichsam nebenbei. Und rührend unbeholfen.

Zudem erschrickt man über ein paar veritable Fundstücke. Der wohl stärkste Beitrag zeigt, wie sich rebellische DDR-Jugendliche bei ihrem übermütigen Tun gefilmt haben. Vollends abgründig ist die Episode „Ich auf Brautschau“: Ein Mann, der noch bei Mutti wohnt, holt sich gegen Bares blutjunge Frauen aus dem Asien-Katalog ins traute Heim und filmt gierig drauflos. Verklemmt und unverfroren zugleich.

Aufschlussreich wären Vergleiche – mit ähnlichen Filmen etwa aus Frankreich, Italien und England. Oder mit heutigen privaten Hervorbringungen auf DVD und im Internet. Doch Van Ackerens Auswahl schmort im eigenen, schon lange vergorenen Saft.




Toll trieben es die alten Römer – Schneller, größer, weiter: „Das Buch der antiken Rekorde“ verzeichnet Unglaubliches

Von Bernd Berke

Das musste ja so kommen: Es war nur eine Frage der Zeit, dass Hitparaden-Sucht und Listen-Wahn sich auch des Altertums bemächtigen würden. Jetzt liegt das „Das Buch der antiken Rekorde“ vor. Und siehe da: Es ist bei aller Kurzweil ein recht seriöses Werk geworden.

Cecilia und Allan Klynne sind Altertumsforscher am Schwedischen Archäologischen Institut in Rom. Sie sitzen somit gleichsam an einer „Quelle“ bzw. an wichtigen Grabungsstätten. Der Band ist denn auch ein wenig Rom-lastig geraten, die Griechen und andere kommen etwas kürzer.

Aus sämtlichen Bereichen des antiken Lebens haben die emsigen Schweden allerhand Kuriosa zusammengetragen. Für jede Behauptung nennen sie die Quelle und melden selbst so manches Mal Zweifel am Wahrheitsgehalt an.

Die böseste Stiefmutter

Längst nicht alles geht als lupenreiner „Rekord“ durch. Viele Mitteilungen sind dem subjektiven Empfinden anheimgegeben, etliches lappt ins Sagenhafte hinein. Wer will schon mit Bestimmtheit sagen, welches das seinerzeit „seltsamste Pferd“ (es hatte angeblich menschenähnliche Zehen und gehörte Caesar) oder wer die „böseste Stiefmutter“ gewesen ist?

Verblüffend genug: Es gab zu jenen Zeiten ein Volk (die Dardaner), dessen Angehörige sich insgesamt nur dreimal wuschen bzw. gewaschen wurden (Geburt, Hochzeit, Tod), während der römische Kaiser Comodus täglich acht Bäder zu nehmen pflegte.

Eine Frau soll gleich viermal jeweils Fünflinge geboren haben. Ein Sizilianer konnte der Überlieferung zufolge bis zu 210 Kilometer weit spähen, ein anderer heimlicher Heros des Altertums ist angeblich an einem Tag 238 Kilometer zu Fuß gerannt. Beim „Weitsprung“ sollen antike Athleten 16 bis 17 Meter geschafft haben. Man nimmt daher an, dass es sich um eine Art Dreisprung gehandelt hat. Aber selbst dann wär’s eine famose Leistung.

Orgie mit rund 7000 Menschen

Weitaus wüstere „Höchstgrenze“: An der größten Orgie im dekadenten Rom sollen rund 7000 Menschen teilgenommen haben. Danach verschärfte der Senat die Gesetze.

Schier Unglaubliches auch im Pflanzenreich: In Nordafrika reiften damals Weintrauben von der Größe eines Säuglings. Und die Tiere? Es tobte mal ein blutiger „Krieg“ zwischen Delphinen und Krokodilen, den Letztere kläglich verloren haben sollen.

Unter der Rubrik Schauspieler/Künstler findet man diesen Wahnwitz: Caesar zahlte einem Darsteller namens Laberius für einen einzigen Auftritt eine Millionengage, der bedankte sich mit härtester Staatskritik von der Bühne herab. Ein reicher Römer ließ derweil 100 Männer kastrieren, damit sie seiner Tochter ebenso hellstimmigen wie gezwungenermaßen sittsamen Musikunterricht erteilen konnten. Ein wahrhaft schmerzlicher Rekord…

Ein Glas Landwein gab es für 2 Euro

Literaturkritik muss übrigens im 3. Jhdt. vor Christus ein gefährliches Geschäft gewesen sein. Als ein gewisser Zoilos in der Bibliothek von Alexandria seine Lyrik vorlas und dabei den Dichter Homer schmähte, wurde er auf Herrscher-Geheiß hingerichtet. Da haben es heutige Rezensenten gelegentlich leichter.

Nach bestem Wissen und Gewissen haben die Autoren Maße, Gewichte und sogar Währungen umgerechnet. Das Durchschnittsvermögen römischer Senatoren taxieren sie demnach auf rund 6 MillionenEuro. Unteres Enden der Skala: Ein Glas einfachen Landweins mag etwa 2 Euro gekostet haben. Prosit!

Allan & Cecilia Klynne: „Das Buch der antiken Rekorde“, C. H. Beck, 288 Seiten, 18 Euro.

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FAKTEN

250 000 konnten beim Pferderennen zusehen

  • Der Circus Maximus in Rom fasste bei Pferderennen 250 000 Zuschauer. Damit verglichen sind heutige Fußballstadien intime Versammlungsstätten.
  • Natürlich wird auch der größte Vulkanausbruch der Antike erwähnt: Im Jahr 79 n. Chr. zerstörte der Vesuv-Auswurf Pompeji und Herculaneum.
  • Die größte Bibliothek befand sich seinerzeit in Alexandria und hortete 700 000 Textrollen.
  • Ein Kapitel behandelt die „Sieben Weltwunder“.



„Berliner Orgie“: Im schäbigen Garten der Lüste

Vor seinen Feldforschungen für dieses Buch hat Thomas Brussig nach eigenem Bekunden nie ein Bordell betreten. Das ganze Milieu der käuflichen Sexualität war ihm völlig fremd.

Der Autor wird in „Berliner Orgie” nicht müde zu betonen, wie unwissend und „unschuldig” er sich ans Thema herangepirscht habe. Er bescheinigt sich selbst „die köstliche Freiheit des Naiven” und stellt klar, dass es auch im Verlauf seiner jetzigen Recherchen kein einziges Mal zum Äußersten gekommen ist. Das hatte er vorher seiner Frau versprechen müssen. Ist ja schon gut. Jetzt wissen wir’s: Brussig („Sonnenallee”) ist offenkundig kein Asphaltdichter, sondern ein Gegenbild zu abgebrühten, szenekundigen Poeten wie etwa Wolf Wondratschek.

Brussig hat sich also staunend in diversen Rotlicht-Vierteln und Sexhandels-Bezirken der Hauptstadt umgetan. Seine Wege führen vom miesen Straßenstrich bis zum vermeintlichen Edelpuff, von der schummrigen Kontaktbar über die Escort-Agentur bis zum weitläufigen Swingerclub und in Porno-Kinos.

Die Namen der Stationen lauten branchenüblich verheißungsvoll: „Lustgarten”, „Sexyland”, „Artemis”, „La Folie”, „Tempel-Oase” oder „Villa Venus”. Doch hinter den glitzernden Fassaden sieht’s oft ganz anders aus. Wer hätte das gedacht? Mal ehrlich: Ein guter Journalist hätte mindestens ebenso tragfähige Ergebnisse erzielt. Doch Brussigs Name macht sich natürlich besser auf einem Buchdeckel. Wofür Schriftsteller sich früher allerdings geniert hätten: Er war im Auftrag des Berliner Springer-Boulevardblattes „B. Z.” unterwegs. Der Zeitungsverlag zahlte die Spesen. Problem des Autors: Fast überall war’s schwierig, Quittungsbelege zu bekommen. Jedenfalls erhoffte sich die Zeitung wohl knackige Resultate.

Die liefert Brussig freilich kaum. Vielfach schildert er redlich und nüchtern die schäbige Ödnis der Etablissements, in denen meist routiniertes Abzocken (Nepp mit Schampus & Co.) angesagt ist. Die Metropole Berlin erscheint dabei vielfach als trübes, ja nahezu „totes” Gelände – und das zur angeblich so brünstigen Zeit der Fußball-WM 2006. Vom Weltstadt-Knistern keine Spur. Aus Brussigs Streifzügen erwächst denn auch ein (weitgehend negativer) Stadtführer; stets werden die besuchten Adressen benannt.

Zuweilen gibt sich Brussig geradezu rührend gestrig. Herkömmliches „Anbaggern”, so meint er, bestehe hieraus: „Kreide fressen, Mit-Blumen-Antraben, den Romantiker mimen, Schwüre schwören usw.” Ist das wirklich noch so? Immer erst glühende Schwüre, bevor es lustvoll ins Bett geht?

Beim Sex für Geld hingegen, so Brussig, herrsche allemal Sachlichkeit. Hier hätten die Frauen das Heft in der Hand, sprich: Die Huren bestimmen die Regeln. Klingt fast nach Befreiung – und ist sicherlich nur der kleinere Teil der Wahrheit. Übrigens glaubt Brussig den Mädchen und Damen des Gewerbes auch ihre standardisierten Lebensgeschichten, als könnten es keine Legenden sein.

Nur zweimal lässt sich der literarische Berichterstatter zur Begeisterung hinreißen. Nach einem Stelldichein im Swingerclub sinniert er: „Die Orgien haben starken Eindruck auf mich gemacht.” Über ein anderes Lusthaus (ohne würdeloses Gefeilsche um die Preise) heißt es sogar euphorisch: „Ich habe die Zukunft der Prostitution gesehen.” Ob dieser starke Werbespruch dort wohl bald über dem Eingang prangen wird?

Thomas Brussig: „Berliner Orgie”. Piper Verlag. 205 Seiten. 16,90 Euro.




Transportmittel, Kampfmaschine und Statussymbol – Ausstellung „Pferdeopfer – Reiterkrieger“ in Hamm

Von Bernd Berke

Hamm. Pferde haben den Menschen europäischer Breiten schon seit der Altsteinzeit begleitet. Doch gezähmt wurden diese Tiere wohl erst um 2000 vor Christus. Episoden aus der langen Zwischenzeit erzählt jetzt eine archäologische Ausstellung in Hamm.

Die ältesten Funde der recht sparsam bestückten Schau sind rund 400 000 Jahre alt. Relikte von einem Rastplatz steinzeitlicher Jäger belegen, dass Pferde anfangs vor allem als Nahrung gedient haben. Lanzen, die man in Hamm zu sehen bekommt, gelten als weltweit älteste Waffen überhaupt. Damit also hat das ganze Elend begonnen.

Im Laufe der Prähistorie erging es den Pferden etwas besser: Sie wurden sogar vielfach als magische Wesen verehrt. Freilich: In solchen Zusammenhängen wurden sie oft auf Altären geopfert – und nunmehr bei kultischen Ritualen verzehrt. Aus germanischer Zeit sind viele Pferdeskelette erhalten. Die Ausstellung hat ihre Gruseleffekte.

In Schiefer geritzte Pferde-Silhouetten aus Gönnersdorf/ Eifel sind hingegen so hauchzart, dass sie erst als Bleistift-Abrieb auf Papier vollends sichtbar werden. Sie zählen zu den frühesten „Kunstwerken“ der Menschheit.

Vor rund 4000 Jahren vollzog sich die Zähmung der wilden Tiere. In der Folgezeit begann die Geschichte des Reitens und Fahrens mit Pferden. Ehedem hatten Rinder die Wagen gezogen, nun kamen Rösser an die Reihe. Übrigens: Im Norden blieben die Achsen starr, im Süden drehten sie sich mit ,dem Rade. Kann man daraus landsmannschaftliche Schlüsse ziehen?

Zaumzeug als imposantes Blendwerk

Hört sich so an, als hätte der Mensch damals endlich Vernunft im Umgang mit dem Pferd angenommen. Nichts da! Denn nun wurden die gerade mühsam gezähmten Gäule eben auch kriegerisch eingesetzt. Ein altrömisches Grabmal mit dem Bildnis eines Reiterkriegers zeugt davon. Von grimmigen Hunnen und vom ritterlichen Mittelalter ganz zu schweigen.

Belege hat Hamm (Kooperation mit dem Bremer Focke-Museum und der Krefelder Burg Linn) vor allem aus dem norddeutschen Raum bekommen, so das bronzene Rad eines Kultwagens aus Stade (um 870 v. Chr.). Manchmal muss man sich mit Rekonstruktionen behelfen. Ein Spitzenstück wie den „Sonnenwagen von Trundholm“ (Dänisches Nationalmuseum Kopenhagen) kann man nicht ausleihen, hier muss ein getreuliches Modell herhalten. Manche Nachbildungen haben wiederum wissenschaftlichen Charakter: Sie wurden eigens angefertigt, um praktisch zu erproben, wie gefundene Dinge (Sättel, Sporen, Zaumzeug) funktioniert haben.

Schließlich das Kapitel „Pferde als Statussymbole“. Es reicht von Adel und gehobenem Bürgertum bis zur heutigen Freizeitgesellschaft. Das güldene, mit Halbedelsteinen verzierte Zaumzeug eines Fürsten von Krefeld ist fürwahr imposantes Blendwerk. Manche müssen eben zeigen, wie wichtig sie sind.

Pferdeopfer – Reiterkrieger. Fahren und Reiten durch die Jahrtausende. Gustav-Lübcke-Museum, Hamm (Neue Bahnhofstr. 9). Bis 29. Juli. Di bis So 10-18 Uhr. Eintritt 6 Euro, Begleitbuch 22 Euro.




Doppelter Kitzel mit Nazi und Porno

Will man öffentliches Ärgernis erregen oder wenigstens Aufmerksamkeit wecken, so bieten sich zwei Zutaten an: Irgendetwas mit Nazis – oder irgendetwas mit Sex. In diesem Sinne ist es günstig, wenn beides sich mischt. Idealtypisch lässt sich das jetzt am Fallbeispiel des Echos auf die Autorin Ariadne von Schirach studieren.

Der doppelte Kitzel ergibt sich hieraus: Die 28-Jährige ist Enkelin des NS-„Reichsjugendführers” Baldur von Schirach und legt nun mit „Der Tanz um die Lust” (Goldmann, 384 Seiten, 14,95 Euro) ein Buch über den pornographischen Blick vor. Nur scheinbar paradox: Sie schreibt pornographisch gegen allgegenwärtige Pornographie an.

Eine Kernthese, ausgebreitet in einer Haltung zwischen Erzählung und Essay: Das Prinzip „Porno” dominiert immer mehr und besetzt unsere Phantasien dermaßen, dass wir kaum noch zu wirklicher, selbstbestimmter Erotik finden. Ein diskussionswürdiger Ansatz. Ariadne von Schirach garniert ihn mit drastischen Passagen etwa rund um „Nippelklammern”, „Wichswettwerbe” und die daseinsfromme Formel „Ficken als Gebet”. Geschenkt. Letzteres gab es im Grunde bereits, biblisch besungen, im „Hohelied der Liebe”.

Die ätherisch attraktive Autorin kann wahrlich nichts dafür, dass sie Enkelin eines NS-Verbrechers ist. Sie hat ihn nie kennengelernt und distanziert sich sehr glaubhaft von ihm. Was der offenkundig klugen Frau ebenfalls bewusst ist: Ob sie will oder nicht – die prekäre Verwandtschaft lenkt so manchen gierigen Blick auf ihr Buch, das sie Ende letzter Woche in Berlin-Mitte vorgestellt hat. Dort also, wo sie ihre diagnostischen Beobachtungen gemacht hat, wo es angeblich so brodelt wie nirgendwo sonst in der Republik – und wo allerhand blasierte Großfeuilletonisten gern die rasch wechselnden Trends für die „digitale Bohème” ansagen. Wieviel davon wohl in Westfalen und anderen Provinzen ankommt – und in welcher Verdünnung?

Bezeichnend ist jedenfalls der zuweilen lechzende Medien-Hype, den „Der Tanz um die Lust” angestoßen hat, sprich: (Nicht nur) der Boulevard stürzt sich auf das Buch, seine Urheberin und ihren schrecklichen Großvater, der auch für Judendeportationen in Wien verantwortlich war.

„Bild” versteigt sich zu der bebenden Familien-Frage: „Was hätte der Opa der Autorin wohl dazu gesagt?” Dazu gibt’s online eine kleine Fotostrecke mit dem „Reichsjugendführer” Baldur von Schirach – mal allein, mal mit seinem Idol Hitler. Fehlt eigentlich nur noch eine hirnrissige Einlassung à la „Wenn das der ,Führer‘ wüsste . . .”

Doch auch die eher gediegene Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung leckt sich gleichsam lüstern die Lippen und steigt so ins Thema ein: „Sie ist jung, blond und die Enkelin eines Großnazis . . .” Alle Achtung, der Satz sitzt. Und steht. Nur: In der „Tageszeitung” (taz) heißt es, dass Braun ihre natürliche Haarfarbe sei. Wie irritierend.

Die Deutsche Presseagentur (dpa) sucht derweil das schaurig geile Geschehen einzuordnen und sichtet eine „Pornodebatte”, die in Berlin schon seit einiger Zeit „kultiviert” werde. Als untrügliche Beweise werden angeführt: ein „intellektuelles Porno-Filmfestival” im letzten Jahr und Thomas Brussigs neues Buch „Berliner Orgien”. Oh, Mann! In der Hauptstadt scheinen sie’s ja heftig zu treiben. Wahrscheinlich ist deswegen der neue Bahnhof schon marode.

Aber das Schlimmste kommt wohl noch: Gar nicht auszudenken, was die britischen Boulevard-Blätter aus all dem machen, wenn sie’s spitz kriegen. Nazi-Themen greifen sie sowieso mit Vorliebe auf. Erst recht (siehe oben) in todsicherer Traum-Kombi mit Porno. Da wäre man lieber des Englischen unkundig.

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INFO

  • Ariadne von Schirach wurde 1978 in München geboren – rund vier Jahre nach dem Tod ihres Nazi-Großvaters.
  • Mit 14 Jahren flog sie wegen diverser jugendlicher Verfehlungen (Blasphemie, Alkohol) aus dem Internat. Das Abi schafft sie später trotzdem.
  • Studium (u. a. Philosophie) zunächst in München, dann in Berlin.
  • Ihr Großvater Baldur von Schirach (1908-1974) war ab 1928 Führer des NS-Studentenbundes, ab 1931 „Reichsjugendführer”, ab 1933 „Jugendführer des Deutschen Reiches”, später Gauleiter in Wien. 1946 bei den Nürnberger Prozessen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt.



Navigation oder: Im Alltag schwindet das Abenteuer

Sie waren der absolute „Renner“ – nicht nur im letzten Weihnachtsgeschäft: mobile Navigationsgeräte fürs Auto. Fast 2 Millionen Stück hat die Industrie 2006 in Deutschland abgesetzt. Da fragt sich doch allmählich: Was bedeuten die erstaunlichen Apparate für unsere Alltagskultur?

Es ist ähnlich wie einst mit dem Handy. Als die ersten Leute es benutzten, fand man es affig. Dann hat man sich irgendwann eins zugelegt. Und heute ist kaum noch vorstellbar, wie man früher „ohne“ ausgekommen ist.

Irgendwann gönnt man sich vielleicht auch so ein tragbares „Navi“ und gewöhnt sich sogar an das piefige Kurzwort. Trotzdem ist es ein Kauf mit gemischten Gefühlen. Denn das bedeutet ja, dass man Gewohnheiten aufgibt: Nie mehr während der Fahrt fluchend in Stadtplänen blättern, nie mehr in der Patentfaltung grabbeln.

Es heißt ferner: Nie mehr die Scheibe runterfahren lassen (vom früheren Handkurbeln gar nicht zu reden), um Passanten nach dem Weg zu fragen. Nie mehr deren umständliche Beschreibungen. Wahrscheinlich (fast) gar kein abenteuerliches „Verfransen“ mehr. Da gehen einem ganze Erfahrungsbereiche verloren. Das manchmal so schöne Chaos des Alltags wird abermals geschmälert.

Überdies fühlt man sich von dem Gerät manchmal fürsorglich bevormundet. Man muss es nur mal in der „eigenen“ Stadt benutzen. Da will die kleine Bildschirm-Kiste partout besser wissen, wo es lang geht. Ha, von wegen! In Dortmund fahre ich meine Strecken so, wie ich will. Schweig stille, Navi!

Wenn man eine vorgeschlagene Strecke ignoriert, berechnet das Gerät die Fahrtroute neu. Vielleicht täuscht man sich ja, aber es wirkt dabei irgendwie nervös. Vorher will es einen aber noch zum Wenden überreden – mit jener freundlichen Frauenstimme, die jede ihrer Weisungen höflich einleitet: „Bitte – jetzt rechts abbiegen.“ Danke, verehrte virtuelle Begleiterin, wird (eventuell) gemacht.

Ob es wohl viele Menschen gibt, die mit ihrer Navigation sprechen? Man kennt es vom Computer her („Oh, nein! Mach hin!“). Ohnehin ist der Gedanke nicht absurd: Das mühsame Eintippen der Zieladresse soll bald der Vergangenheit angehören. Tatsächlich werden zur Zeit Navigations-Geräte entwickelt, die im Dialog mit dem Nutzer an der Stimmlage auch dessen Emotionen „erkennen“ sollen. Verweigern sie den Dienst, wenn man sie anblafft?

Dass Apparaturen einem das Denken abnehmen, ist sowieso schon eine machtvolle Tendenz. Man denke nur ans Auto selbst, falls es etwas neuerer Bauart ist. Für jeden kleinen Fehlgriff blinkt mindestens eine Lampe – oder es piept aufgeregt. Herrje, ein kleines bisschen Verantwortung möchte man selbst auch noch behalten, oder?

Sodann die Sache mit der „Stau-Umfahrung“. Per Zusatzantenne (prima Kabelgewirr an der Frontscheibe) empfängt die „Navi“ Verkehrsmeldungen der Rundfunksender – und will sie sogleich berücksichtigen. Schon vor kleinen Stockungen schreckt das Gerät mitunter zurück. Es führt einen auf Umwegen durch Vororte, von deren Existenz man bisher nichts geahnt hat. Das ist denn doch ein Stückchen Abenteuer. Hier darf man sich meditativ einreden: Der Weg ist das Ziel . . .

Möglicher Effekt auf Dauer: Je mehr die elektronischen Fährtensucher verbreitet sind, umso mehr Menschen werden den Stau just auf diese Weise umgehen wollen – und vielleicht alle auf denselben Ausweichstrecken landen. Aus dem Stau in den Stau. Alle Herdentiere gemeinsam.

Ein mulmiges Gefühl beschleicht einen, wenn man an die „Big Brother“-Komponente denkt, die ja ursprünglich aus der Militärtechnik herrührt: Die GPS-Satelliten im Weltraum „wissen“ praktisch metergenau, wo man gerade unterwegs ist. Da trifft mal wieder die alte Schnulze zu: Du bist nicht allein . . .

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Der Originalbeitrag stand am 12. Januar 2007 in der Westfälischen Rundschau (WR)




„Papa mit Grill“ und die Boxenluder – ein kleiner Streifzug durch die aktuellen Spielzeug-Kataloge

Von Bernd Berke

Spielzeugkataloge blättert man doch immer wieder gern durch – nicht nur vor Weihnachten. Über manche bunten Sachen freuen sich auch Erwachsene, denn die Welt des Spielens verheißt Entspannung.

In dieser Sphäre gibt es seit Jahrzehnten ein paar Ankerpunkte. Zum Beispiel auch in den neuesten Katalogen von Lego oder Playmobil: Bauernhof und Zoo, Klinik und Eisenbahn, Polizeirevier und Tankstelle, Ritterburg und Piratenschiff. Alles ein bisschen schnittiger als früher. Die Freibeuter der Meere scheinen übrigens, wohl auch wegen des Kinohits „Fluch der Karibik“, als Spielthema wieder besonders begehrt zu sein. Kaum eine Firma verzichtet darauf. „Harry Potter“ legt hingegen eine Pause ein, auch auf dem Spielzeug-Markt.

Indianer und Dinos aber bleiben wohl unverwüstlich. Und zur Puppenbühne gehören immer noch die klassischen Figuren Kasper und Krokodil. Solche Traditionspflege wirkt anheimelnd. Auch die (wirtschaftlich gebeutelten) Modellbahn-Herstelller Märklin, Trix und Fleischmann beschwören die gute alte Zeit und bieten mit Vorliebe Züge aus den Wirtschaftswunder-Jahren an – digital aufgerüstet, versteht sich. Wahrscheinlich sind sie pünktlicher als die „richtige“ Bahn von heute. Man wird jedenfalls den Verdacht kaum los, dass sie in erster Linie für Väter hergestellt werden.

Klare Bereiche für Mädchen und Jungen

In den Spielzeug-Prospekten sieht man selbstverständlich nur aufgeweckte und allzeit fröhliche Kinder. In diesem Leben ohne Nervensägen, Langeweile und Verdruss sind die Sphären der Jungen und Mädchen sehr deutlich voneinander geschieden. Es gibt immer was zu tun: Hier werden Jungs eben als Technik-Tüftler oder Hand- und Heimwerker gezeigt. Ob sie uns später den Samstag zur Lärmhölle machen werden?

Die Mädchen kümmern sich derweil putzmunter um Spielküche und Puppenstube. Ganz selbstverständlich. Im Karstadt-Prospekt lautet die lockende Zeile so: „Süße Puppen für kleine Mamas.“ Von wegen „neue Väter“ der Zukunft. Verfechter einer „politisch korrekten“ Pädagogik (Anhänger wertvollen Holz-Spielzeugs) wenden sich mit Grausen. Aber die Verwandtschaft schenkt ja doch, was diese Eltern nicht gutheißen.

Schon die Farbgebung signalisiert es: Wenn die Rosa-Töne anschwellen, sind garantiert Spielsachen für Mädchen dran. Kämmbare Pferdchen mit langer blonder Mähne, Barbie & Co, die herzallerliebste „Kutsche für 12 Prinzessinnen“. Das ganze Programm. Nicht wenige Mädchen entwickeln später trotzdem ästhetisches Empfinden. Womöglich sind sie ja irgendwann zu Lehrreichem wie dem Memory „Weltkulturerbe“ (ab 8 Jahre!) sanft überredet worden?

Bei näherem Hinsehen fallen im Stapel der Kataloge nette Details auf: So gibt es etwa die alltagsnahe Spielfigur „Papa mit Gril“ und zum Krankenhaus-Umfeld gehört das Set „Pflegerin mit Patient“. Wir spielen Gesundheitsreform, wer spielt mit?

Auf etwas andere Weise wirklichkeitsgetreu: An den Rändern der Carrera-Rennstrecken kann man spärlich bekleidete „Boxenluder“ aufstellen. Für den Mann im Kinde oder das Kind im Manne. Selbst eine antike Arena ist für gutes Geld zu haben: mit Imperator, Gladiatoren, Tigern und Löwen. Alles zum Kampf bereit. Große Geschichte.

Eigentlich klar, dass kein Spiel „Das kleine Finanzamt“ oder „Buchhaltung“ heißt. Grellere Action muss beim Spielzeug meist schon sein, gemäß dem Motto: Alles rennet, rettet, flüchtet. Möglichst knatschbuntes Plastik, elektronisch betrieben. Mindestens blinken soll es. So jedenfalls stellen es sich (erwachsene) Spiel-Produzenten vor, die ihre Angebote als „cool“ anpreisen. Man möchte in ihren gewiss gewichtigen Produkt-Konferezen mal Mäuschen spielen. Für Jungs haben sie jedenfalls beängstigend aggressiv dreinblickende Fahrzeuge und scheußlich geklonte Monster parat – wahrscheinlich zwecks unschädlicher Aggressionsabfuhr.

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HINTERGRUND

„Kein Spiel macht dumm“

  • Umsatz mit traditionellen Spielwaren in Deutschland pro Jahr: rund 2,3 Milliarden Euro.
  • In Großbritannien bzw. Frankreich werden jährlich je Kind über 200 Euro für Spielzeug ausgegeben, bei uns 145 Euro.
  • Vor allem die chinesischen Importe machen den deutschen Herstellern zu schaffen.
  • Kluge Sätze zum Spiel: „Atome spalten ist ein Kinderspiel, verglichen mit einem Kinderspiel.“ (Albert Einstein)
  • „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Friedrich Schiller)
  • „Etwas Gescheiteres kann einer doch nicht treiben in dieser schönen Welt als zu spielen.“ (Henrik Ibsen).
  • „Nur Arbeit und kein Spiel macht dumm.“ (Karl Marx).



Die neue Sehnsucht nach dem Land – Interview mit Florian Illies über sein Buch „Ortsgespräch“

Von Bernd Berke

Mit „Ortsgespräch“ legt der Autor Florian Illies („Generation Golf“) jetzt ein Buch über seine kleinstädtische Herkunft vor. Die teilweise wehmütigen Schilderungen und Anekdoten führen zurück in seine Kindheit im hessischen Heimatort Schlitz, der gewiss für viele deutsche Provinzen steht. Die WR sprach mit Florian Illies über Stadt, Land und ein neuerdings gewandeltes Lebensgefühl.

Sind Sie der Metropolen überdrüssig?

Florian Illies: Nein. ich lebe sehr gern in Berlin. Doch in den letzten Jahren kann man ein auffälliges Phänomen beobachten: Leute aus meiner Generation bekennen sich, wieder zu ihrer provinziellen Herkunft. Früher sagten sie verschämt: Ich komme aus der Nähe von…Dortmund, Frankfurt, München oder dergleichen. Sie waren froh, endlich in der großen Stadt zu wohnen. Nun aber gibt es immer mehr Menschen, die geradezu mit Lust sagen, aus welchem Kuhdorf sie stammen und in welchem Fachwerkhaus sie aufgewachsen sind. Damit verknüpfen sich sinnliche Erinnerungen.

Hat das auch mit dem zunehmenden Alter zu tun?

Illies: Bestimmt. Offenbar befasst man sich ab einem gewissen Alter mehr mit den eigenen Wurzeln. Manche verklären es auch ein bisschen. Jedenfalls gehört es doch zur eigenen Identität. Seit einigen Jahren sieht man in den Städten überall diese Land Rovers – vermutlich auch ein zeichen von Sehnsucht nach dem Land. Und selbst kulinarisch entdecken viele die Heimat wieder: deutsche Rübchen, deutschen Riesling…

Gibt es denn das Landleben im ursprünglichen Sinne überhaupt noch?

Nicht mehr so, wie wir es uns in unseren Träumen, Klischees, Sehnsüchten vorstellen. Bis in die 70er Jahre hatten wie auf dem Land oft noch diese intakten Systeme: die eine Fabrik, die alle ernährte, der eine Arzt, der eine Pfarre, der „Tante Emma“-Laden. Gerade, weil das alles so nicht mehr existiert, ist die Sehnsucht danach sehr lebendig. Wenigstens am Wochenende will der Stadtmensch mal dort hin. Oder er holt sich Zeichen des Landlebens in die Stadt, wo sich der Alltag zwischen E-Mails, SMS-Botschaften und hastig getrunkenem „Coffee to go“ immer mehr beschleunigt hat. Wir sehnen uns also auch nach einem anderen Zeitrhythmus.

Wollen die jungen Städter jetzt etwa aufs Land ziehen?

Wohl kaum. Es geht nicht um eine neue Stadtflucht. Wenn man vom Land kommt, ist man ja auch froh über das, was die Stadt zu bieten hat. Aber ich wollte in meinem Buch mal die Blickrichtung ändern und Scheinwerfer auf die freundlichen Seiten richten: „Provinz“ heißt eben nicht nur Beengung, sondern: stabiles soziales Gefüge, eng geknüpfte Netze zwischen den Menschen – in der Nachbarschaft, im Verein und so weiter.

Und was ist mit der gegenseitigen Kontrolle?

Als ich jünger war, habe ich darin nur das Negative gesehen, ich fühlte mich ständig beobachtet: Hatte ich mal zu viel getrunken, war es am nächsten Tag buchstäblich Ortsgespräch. Dabei bedeutet der dörfliche oder kleinstädtische Zusammenhang vor allem Zugehörigkeit, menschliche Wärme. In großen Städten gibt es das ja im Ansatz ebenfalls: Da versucht man, sich im „Kiez“ die Stadt wieder ein wenig zu provinzialisieren, überschaubar zu machen – und freut sich, wenn man auf der Straße ein paar bekannte Gesichter sieht.

Hat es die Sehnsucht nach dem Land und dem „einfachen Leben“ nicht immer schon gegeben?

Wahrscheinlich schon bei den alten Römern. Neu ist die kommerzielle Aufladung. Denken Sie an eine Firma wie „manufactum“, die handgefertigte Produkte aus abgelegenen kleinen Städten wie Kultgegenstände anpreist und entsprechende Preise dafür verlangt. Auch daran merkt man, dass „das Ländliche“ nicht mehr selbstverständlich ist. In den 50er Jahren wollten alle aufsteigen, wollten in die Stadt, voran, voran. Jetzt reden wir von „Entschleunigung“ und hätten es gern etwas langsamer.

Ist die viel beschworene „Generation Golf“ damit auch zurückgekehrt zu familiären Werten, zu den eigenen Eltern?

Ja, wir sind älter geworden, wir sind jetzt um die 35 bis 40. Einige haben Familie, haben erste berufliche Enttäuschungen erlebt. Aber die meisten können und wollen nicht wirklich in ihre alten Heimatorte zurückkehren, aus denen sie sich einst befreit haben.

Und wo ist die notorische Genusssucht Ihrer Altersgenossen geblieben?

Auch auf dem Lande lässt es sich sehr genießerisch leben. Das muss sich nicht unbedingt in städtischen Luxusboutiquen austoben. Aber im Ernst: Der Markenkult in dieser Generation hat ohnehin deutlich nachgelassen. 1998 und 1999 hat das noch ziemlich bruchlos gestimmt. Da stand der Wind günstig, man dachte: „Alles geht!“ Junge Internet-Freaks wurden damals überall hofiert. Doch in den Jahren danach gab es viele biographische Abstürze in die Arbeitslosigkeit – nach dem Ende des Wirtschaftsbooms. Es war ein Schock für meine Generation. Jetzt haben wir mehr Realismus und Bodenhaftung. Und etwas mehr Erfahrung.

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Zitate aus dem Buch:

„Es gibt eine klare Altersgrenze, die das Leben im Ort regelt: Alle unter achtzehn sitzen nachmittags in Bushaltestellen und alle über achtzehn abends in der Kneipe. Wer als Mann keinen Schnurrbart und Bierbauch mit sich herumträgt, muss sehr gute Gründe dafür haben.“

„Dass etwa Tante Nati seit nunmehr fünfunddreißig Jahren dieselbe dreistellige Telefonnummer hat…“

Florian Illies: „Ortsgespräch“ (Blessing Verlag, 206 Seiten, 16,95 €).

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ZUR PERSON

Generation der Genießer

  • Florian Illies wurde 1971 in hessischen Provinznest Schlitz bei Fulda geboren. Vom meist gemächlichen Leben in dieser entlegenen Idylle handelt sein neues Buch „Ortsgespräch“.
  • Illies war bis zum Jahr 2004 Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und erwies sich dort als Spezialist für Formen und Trends der Alltagskultur.
  • Mit seiner Frau Amélie von Heydebreck gründete er danach in Berlin die Kunst- und Lifestyle-Zeitschrift „Monopol“.
  • Bekannt wurde er durch seinen häufig zitierten Bestseller „Generation Golf“ (2000), dessen Titel zum Schlagwort wurde. Grundthese, leicht zugespitzt: Die um 1970 Geborenen seien überwiegend unkritische, unpolitische und auf schicke Markenware versessene Egoisten und Hedonisten, sprich: letztlich gewissenlose Genießer eines Wohlstands, den sie für ganz selbstverständlich halten.
  • 2003 erschien die Fortsetzung „Generation Golf zwei“ mit veränderten Ansichten: Illies‘ Generations-Genossen waren inzwischen vielfach in den Niederungen der Arbeitslosigkeit oder der fortwährenden, oft fruchtlosen Berufspraktika angekommen. Die Folge war eine tiefe Verunsicherung.

 




Gespräch mit Feridun Zaimoglu: Ein böses Schillern mitten in unserer Gesellschaft

Der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu war kürzlich Teilnehmer des „Islam-Gipfels“, zu dem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble eingeladen hatte. Ein Gespräch mit Zaimoglu auf der Frankfurter Buchmesse.

Wie haben Sie die Vorgänge um die Absetzung der Mozart-Oper „Idomeoneo“ in Berlin erlebt?

Feridun Zaimoglu: Jedenfalls will ich nicht mit dem Chor der Wölfe heulen. Plötzlich wimmelte Deutschland von Aufklärungs-Hysterikern, die gesagt haben: Wir dürfen nicht vor dem Islam einknicken. Die Politiker haben doch erst die Droh- und Druckkulisse aufgebaut. Ein Schmierentheater. Diese Leute sollen sich mal entspannen. Ich bin für Bodenhaftung. Man muss nicht gleich alles symbolisch und ideologisch aufladen wie diese Aufklärungs-Spießer.

Erklären Sie uns diesen Begriff? Sonst ist „Aufklärung“ doch positiv besetzt, oder?

Zaimoglu: Ich sage als Deutscher, der dieses Land liebt und vom religiösen Wahn bitteschön unbehelligt leben will: Ich bin aufklärungsskeptisch. Aufklärung ist sehr billig zu haben. Wenn man den religiös Orthodoxen folgt, landet man in der heißen Hölle, folgt man nur der Aufklärung, so kommt man in eine kalte Hölle. Ausgerechnet jene, die die Einwanderer schon immer ausgegrenzt haben, nutzen jetzt wieder die Gelegenheit, um auf den Islam einzudreschen. Die kennen die deutsche Realität gar nicht. Da werde ich garstig.

Wie ist der „Islam-Gipfel“ aus Ihrer Sicht verlaufen?

Zaimoglu: Großartig. Ein historischer Schritt. Es ging gleich zur Sache. Minister Schäuble hat keine Friede-Freude-Eierkuchen-Veranstaltung daraus gemacht. Auch das liebe ich an Deutschland: die herbe Aussprache; höflich, aber nicht zimperlich. Allerdings herrscht jetzt schon Entscheidungspflicht.

In welcher Hinsicht?

Zaimoglu: Es geht um die Ausbildung von islamischen Geistlichen in Deutschland, um islamischen Religionsunterricht in deutschen Schulen und die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Der Islam ist nun mal die zweitstärkste Religion Deutschlands. Das muss man endlich realpolitisch zur Kenntnis nehmen. Ich bin glühender Verfechter eines „deutschen Islam“, etwa so: Wir sind hier. Wir leben, lieben und glauben in Deutschland…

Drängt es Sie, solche Fragen auch literarisch zu verarbeiten?

Zaimoglu: Ich muss immer körperliche Lust auf ein Thema haben. Als ich mit „Leyla“ anfing, hatte ich eben Lust, die Geschichte meiner Mutter zu erzählen. Übrigens haben mich die Plagiatsvorwürfe, diese infamen Lügen, damals sehr erschüttert. Da gab es Leute, die mich als Schriftsteller offenbar vernichten wollten. Aber es hat sich ja als heiße Luft erwiesen. Und das Publikum hat zu mir gehalten. Übrigens wird es eine Fortsetzung von „Leyla“ geben.

Viele Kritiker haben den Roman gepriesen. Tenor: Bisher hat er uns manche Kraftmeierei zugemutet. Jetzt aber ist er ein richtiger Schriftsteller.

Zaimoglu: Dass ich jetzt als deutscher Dichter angesehen werde, macht mich wirklich froh. Trotzdem stehe ich auch zu meinen früheren Büchern. „German Amok“ würde ich heute etwas anders schreiben, weniger grob gestrickt. Na gut. Schreiben ist für mich eine Sucht, es erfordert sehr viel Kraft, es laugt einen aus. Auch deshalb genieße ich jedes Lob.

In Castrop-Rauxel wird derzeit Ihr Theaterstück „Schwarze Jungfrauen“ gespielt – jeweils mit anschließender Diskussion. Was ist so provozierend an dem Stoff?

Zaimoglu: Es ist tatsächlich empörend, es fallen knallhart antiaufklärerische Sätze. Das Stück basiert auf Interviews mit jungen türkischen Frauen – und einiges, was ich da hörte, hat auch mich empört. Antiamerikanische und zuweilen antijüdische Auslassungen, die ziemlich ungefiltert auf die Bühne kommen. Man wird da in einen dunklen Sog hineingezogen. Ein böses Schillern mitten in unserer Gesellschaft…




Heikle Debatte um die Freiheit der Kunst: Absetzung der Mozart-Oper „Idomeneo“ in Berlin – aus Angst vor islamistischen Anfeindungen

Von Bernd Berke

Ach je, es ist wieder mal so weit: Wir haben eine neue Debatte um die Freiheit der Kunst! Abermals ragt die politische Sphäre bedrohlich in die kulturelle hinein. Die Deutsche Oper in Berlin hat (wie berichtet) die Mozart-Oper „Idomeneo“ aus Furcht vor etwaigen islamistischen Anfeindungen vom Spjelplan genommen. Jetzt hagelt es Kritik an der Entscheidung.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat den Entschluss der Opern-Intendantin Kirsten Harms (50) als „verrückt“ bezeichnet: Ein solcher Schritt sei lächerlich. Regisseur Hans Neuenfels, dessen „Idomeneo“-Deutung bereits 2003 ihre (von Tumulten begleitete) Premiere erlebte, hat die Absetzung als „Hysterie“ gescholten, sein Anwalt Peter Raue legt der Intendantin den Rücktritt nahe.

„So weit ist es gekommen…“

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) spricht von übereilter „Selbstzensur“. Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) meint: „So weit ist es gekommen, dass die Freiheit der Kunst eingeschränkt wird.“ Ähnlich äußert sich Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Börnsen: „Das schadet der Freiheit der Kunst auf unserem Kontinent.“

Man wüsste gern mehr über die Entscheidungswege. Hat die Oper (z. B. angesichts des Streits um Papst-Zitate und Mohammed-Karikaturen) etwa befürchtet, dass speziell diese Mozart-Version Probleme mit sich bringt – und vorsichtshalber angefragt?

„Unkalkulierbare Risiken“

Wohl kaum. Gestern hieß es, Berlins Landeskriminalamt (LKA) habe bereits im Juli vor einer Wiederaufnahme der Oper gewarnt, es habe zuvor einen anonymen Hinweis gegeben. Der Kulturverwaltung des Berliner Senats sei sodann eine „Gefährdungsanalyse“ übermittelt worden. Nicht von konkreten Drohungen ist die Rede, aber von „unkalkulierbaren“ Risiken.

Ist es vorauseilender Gehorsam, ein „Kniefall“ gar? Intendantin Kirsten Harms hatte offenbar Hinweise auf Gefahren. Berlins Innensenator Ehrhart Körting habe ihr die Bedenken mitgeteilt, sagte Harms gestern. Körting wiederum legt Wert auf die Feststellung, er habe nicht die Absetzung der Oper gefordert.

Wowereit für offensive Linie

Da möchte man nicht mit der Opernchefin tauschen. Sie trägt Verantwortung für die Sicherheit der Darsteller und des Publikums. Berlins Kultursenator Thomas Flierl bescheinigt ihr denn auch verantwortungsvolles Handeln. Bürgermeister Klaus Wowereit kontert, Kunstfreiheit müsse „offensiv“ verteidigt werden. Leicht gesagt.

Harms betont, „vorerst“ seien nur die vier November-Aufführungen gestrichen worden. Heißt das: Rückzug vom Rückzug möglich? Jetzt, wo vielleicht „schlafende Löwen“ geweckt worden sind?

Deutungshoheit des Regisseurs

Die Freiheiten, die sich manche Regisseure gestatten, sind nicht selten verstörend, sie können mitunter Gefühle verletzen. Abgeschlagene Köpfe der großen Propheten und Religionsstifter in einer Mozart-Oper zu zeigen, das zeugt von extensiver Auslegung der Deutungshoheit eines Regisseurs. Hans Neuenfels macht geltend, er habe sich mit sämtlichen Weltreligionen auseinandersetzen und einen „Aufstand gegen die Götter“ schildern wollen.

Wohin soll das noch führen? Es wären allerlei Gruppierungen oder auch einzelne Eiferer denkbar, die Theaterspielpläne (oder z. B. Kino- und Verlagsprogramme) durchforsten. Wenn ihnen etwas missfällt, was dann? Die Deutsche Oper hat ihnen jetzt ein fatales Beispiel geliefert, dass bereits vage Bedrohungen wirksam sein können. Wo bliebe die Freiheit der Kunst, die doch wohl unverbrüchlich zum aufklärerischen Kulturerbe zählt?

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HINTERGRUND

Konflikt mit den Göttern

  • Mozarts Oper „Idomeneo“ erzählt die tragische Geschichte des gleichnamigen kretischen Königs.
  • Dieser Idomeneo sieht sich – nach dem Trojanischen Krieg – vom Meeresgott Poseidon dazu gedrängt, seinen eigenen Sohn zu opfern.
  • Daraus erwächst der Konflikt zwischen Pflicht gegenüber den antiken Göttern und Treue zu den Menschen.
  • Bei Mozart endet die Sache (dem Geschmack seiner Zeit entsprechend) allerdings glimpflich.
  • Die triumphale Uraufführung war im Januar 1781 im Münchner Hoftheater.

 




Bilder aus einer aufgeräumten Welt – Der neue Ikea-Katalog ist da / Nur die Bibel und Harry Potter haben höhere Auflagen

Von Bernd Berke

Bei diesem Druckwerk ist die Multi-Millionenauflage garantiert. Fast alle haben es dieser Tage im Briefkasten. Die einen nennen es den neuen Ikea-Katalog. Für andere ist es auch ein Dokument zur Alltagskultur.

„Lebst du schon?“, ruft einem der diesmal 380 Seiten starke Bilderroman vom Wohnen auf der Titelseite zu. So ist denn auch der Anfangsteil gleichsam der Lebensphilosophie vorbehalten. Kernsatz: „Arbeiten, machen, tun, hierhin hetzen, dahin hetzen – wo ist es geblieben, das herrliche Nur-zu-Hause-Sein im gemütlichen Nest daheim?“ Nachdrückliche Werbe-Prosa mit dem Verstärker-Effekt der variierten Wiederholung: zu Hause, daheim, Nest. „Einfach mal einen Termin sausen lassen“, rät man uns sodann. Alles klar, Chef. Nein, nein, in solchen Fragen hören wir nur bedingt auf Ikea.

Alles wirkt so adrett und fürsorglich

Welche lebenswerte Welt gaukelt uns dieser Katalog vor? Eine durchweg aufgeräumte. Hin und wieder tollen hier zwar Kinder herum, um zu demonstrieren, dass die Möbel es aushalten würden. Doch das Chaos soll keine Chance haben. An vielen Stellen wird betont, wie man seinen Alltag übersichtlich ordnen könne. Alles wirkt hier so adrett, fürsorglich, praktisch, robust – und gibt sich den Anstrich des Zeitlosen. Der Katalog gilt für zwölf Monate, er muss alle Jahreszeiten überdauern und darf sich nicht auf gar zu kurzatmige Moden einlassen.

Dennoch ahnt man, dass es mit Zeitlosigkeit nicht getan ist, dass vielmehr ganze Abteilungen bei Ikea die soziologischen Trends studieren. Kuschelige „Nestwärme“ in einer kalten, hektischen Welt wäre demnach als Zuflucht mal wieder angesagt. Nicht erst seit gestern.

Jugendliche und Senioren kommen kaum vor

Die jeweils kurz vorgestellten Designer, mehrheitlich aus der 30-plus-Generation, haben überdies nicht nur Form und Funktion, sondern allzeit auch Ökologie, soziale Standards und das Wohl der Dritten Welt im Blick. So jedenfalls die vorgegebene Linie. Man wird schon wissen, was man der angepeilten Klientel schuldig ist. Und man wird gewiss viel diskutiert haben, bevor man damals auf den Elch als Werbe-Emblem verzichtet hat oder als man 2004 beschlossen hat, auch die deutschsprachige Kundschaft einfach zu duzen. In solchen Arbeitsgruppen möchte man gerne mal Mäuschen spielen.

Der Katalog zeichnet dezent das Bild der idealen Ikea-Familie: jüngere Leute mit Kindern bis höchstens zehn oder elf; mehrheitlich brave Töchter, die oft beim eifrigen Lesen gezeigt werden. Der einstige Multikulti-Touch im Ikea-Kinderzimmer scheint jedoch deutlich abgenommen zu haben. Jugendliche und Senioren kommen praktisch gar nicht vor. Es sind wohl keine Zielgruppen.

Was sagt Anna zur Hochzeits-Frage?

Auffallend sind die offenbar exakt kalkulierten Farbenwechsel. Über viele Seiten hinweg geht es zurückhaltend zu, doch dann kommen zuverlässig schrillere, buntere, gelegentlich gar orientalisierende Anwandlungen –  vielleicht für eine wachsende Kundschaft mit Migrations-Hintergrund? Jedenfalls: Bloß keine Monotonie aufkommen lassen. Dies gilt auch für den Mix aus Klassikern und Neuerungen. Zur Beruhigung: Das Billy-Regal ist immer noch dabei.

Hübsch sind manche Details: So etwa der stolz ganzseitig präsentierte, kopfüber auf der Spüle stehende Kaffeebecher, dem man eigens eine Rinne zum Abfluss des Wassers spendiert hat. Oder der Stuhl, dessen Röhren man ohne Schraubarbeit zusammensteckt. Alle, die schon mal beim Aufbau eines Ikea-Teils geflucht haben, werden hier aufmerken.

Zum guten Schluss sind wir bei Ikea ins Internet gegangen und haben die virtuelle blonde Anna, die einem dort weiterhelfen soll, spaßeshalber gefragt: „Willst du mich heiraten?“ Was hat sie geantwortet? „Liebe ist für viele ein sehr wichtiges Thema… Aber frage mich doch lieber etwas über Ikea.“ So sind sie halt. Immer nett und freundlich. Aber manchmal auch ein wenig nüchtern.

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HINTERGRUND

Gesamtauflage 175 Millionen Exemplare

  • Seit Montag wird der deutsche Ikea-Katalog in einer Auflage von 31~Millionen Exemplaren (!) an die Haushalte verteilt.
  • Weltweite Auflage des Katalogs: 175 Millionen Stück. Laut Wikipedia-Onlinelexikon werden nur Bibel und Harry Potter-Bücher häufiger gedruckt.
  • Die Namensgebung hat System: Stühle und Schreibtische erhalten Männernamen, Betten norwegische, Teppiche dänische Ortsbezeichnungen usw.
  • Das Möbelhaus wurde 1943 in Schweden vom damals erst 17jährigen Ingvar Kamprad gegründet. 1951 gab es den ersten Ikea-Katalog.
  • Die erste deutsche Ikea-Niederlassung wurde 1974 in Eching bei MÜnchen eröffnet. Derzeit gibt es 38 Häuser in Deutschland. Es ist weltweit der größte Markt für die Schweden.



Auf dem Markt der Meinungen – die Debatte um Grass und die Waffen-SS

Von Bernd Berke

Bitte, bitte, lasst die Debatte um Günter Grass und seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS nun langsam ausklingen! Lesen und Nachdenken wären jetzt erst einmal eine prima Alternative.

Seit einer Woche wogen Rede und Widerrede hin und her, drunter und drüber. Jede halbwegs prominente Gestalt hat sich mittlerweile geäußert, nur der Philosoph Jürgen Habermas nicht. Oder haben wir da im Getümmel etwas überhört? Der Meinungsmarkt ist übersättigt. Derlei aufgeregte Diskussionen bekommen wir wohl nur am Standort Deutschland hin. Vor allem erzkonservative Gemüter haben die Gelegenheit, ihrem langjährigen Widersacher Grass etwas heimzuzahlen, weidlich genutzt.

Besonders markig war der Aufschrei des Flensburger CDU-Hinterbänklers Wolfgang Börnsen, der in der „Bild“-Zeitung forderte, Grass solle seinen Nobelpreis zurückgeben. Börnsen wurde daraufhin von einer Nachrichtenagentur sogleich eilfertig als „Kulturexperte“ bezeichnet. Ausweislich seiner eigenen Internet-Seite hat Börnsen im Bundestag bislang praktisch nur mit verkehrspolitischen und maritimen Redebeiträgen geglänzt: „Promillegrenze in der Seeschifffahrt“, „Änderung des Seemannsgesetzes“, „Küstenwache optimieren“.

Inzwischen hat Günter Grass sein Geständnis auch bei Ulrich Wickert abgelegt. Seine Aussagen in der (bereits am Dienstag aufgezeichneten) ARD-Sendung „Wickerts Bücher“ waren freilich schon vorher auf dem „Markt“. Ebenso wie Grass‘ Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ früher in den Handel kam. Schlecht für die FAZ, die die ganze Debatte angestoßen und für heute eine achtseitige Sonderbeilage mit „exklusiven Vorabdrucken“ angekündigt hatte. Erledigte Fälle.




Schönheit am Rande des Schreckens

Kommentar

Von Bernd Berke

Was hat der US-Künstler Spencer Tunick mit 850 Nackten in Düsseldorf angerichtet? War es etwa eine Form jener lebensnahen „sozialen Skulptur“, von der Joseph Beuys („Jeder Mensch ist ein Künstler“) zeitlebens geträumt hat? Nur bedingt.

Man muss das Körper-Werk gar nicht so avanciert finden. Im Grunde knüpft es an bei der akademischen Tradition sorgfältiger Aktstudien, mit denen sich Generationen von Künstlern geplagt haben. Der emotionale Raum, den Tunicks Aktion eröffnet, ist ungeheuer weit: Er reicht buchstäblich von Adam und Eva über die alten Griechen und Rousseau („Zurück zur Natur“) – letztlich bis nach Auschwitz…

Tunick malt oder zeichnet nicht, sondern lässt Menschen antreten und gebärdet sich so „diktatorisch“, wie es die Regisseure der Kultur mitunter zu tun pflegen. Vielleicht war es ja schon sein pubertärer Traum, Nackten Befehle zu erteilen.

Er nutzt einen grassierenden Exhibitionismus in unserer Spaßgesellschaft, der prompt auch die Fraktion der Voyeure anlockt. Es mag ja sein, dass aus dem bloßen Schauwert die eine oder andere, quasi-mystische Ur-Erfahrung erwächst. Wer weiß.

Dass der menschliche Leib noch immer ein Maß der (künstlerischen) Dinge ist, lässt sich kaum bestreiten. So hat auch dieses Spektakel nicht nur Banalität, sondern auch ein gewisses Quantum an flüchtiger Schönheit in die Welt gesetzt. Allerdings eine Schönheit ganz nah am Rande des Schreckens.

Mit Erotik hat das übrigens wenig zu schaffen, die ergäbe sich eher aus gekonnter Verhüllung. Siehe FKK-Strand: Prüder geht’s nirgendwo zu.




Skandalgeschrei in der Theaterwelt – Attacke des Schauspielers Lawinky auf den Kritiker Stadelmaier

Von Bernd Berke

Das Skandalgeschrei hallt seit Tagen durch die Lande: Der Schauspieler Thomas Lawinky (vorher außerhalb Frankfurts kaum bekannt) hat sich – wie berichtet – zur körperlichen Attacke auf den Kritiker Gerhard Stadelmaier hinreißen lassen.

Nun werden, beispielsweise vom Berliner Ex-Kultursenator Christoph Stölzl, Forderungen laut, das Theater müsse nach diesem Vorfall generell über sein Selbstverständnis nachdenken. Nanu? Wird diese Angelegenheit nicht allzu hoch gehängt? Oder dreht es sich hier ums Ganze der Kunst- bzw. Pressefreiheit?

Stadelmaier und „seine“ Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) sehen den Journalismus gleichsam in seinen Grundfesten erschüttert, weil der Kritiker von einem Schauspieler beschimpft und hart bedrängt worden ist. Es geht ihnen offenbar ums Prinzip.

Welche Provokation ist demnächst dran?

Ist tatsächlich die Pressefreiheit bedroht, wenn einem Rezensenten der Notizblock entrissen (und höhnisch wieder ausgehändigt) wird? Genau genommen, ist Stadelmaier an der Ausübung seines Berufs gehindert worden. Doch er hat seine verständliehe Empörung mittlerweile auch über die Maßen „ausgeschlachtet“.

Die Entlassung des Schauspielers Lawinky – nach FAZ-Intervention bei CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth – hat einen Beigeschmack, so berechtigt sie in der Sache sein mag. Ganz so, als sei hier eine Hierarchie von Macht und Einfluss ausgespielt worden. Theatermacher, u. a. Jürgen Flimm (Chef der RuhrTriennale), forderten gestern in Offenen Briefen eine Rücknahme der Kündigung.

Aktionstheater mit Einbeziehung der Zuschauer ist ein alter Hut, der gelegentlich wieder hervorgezaubert wird. Gelegentlich war einem selbst schon mulmig zumute, wenn wildes theatralisches Geschehen bedrohlich nahe zu Leibe gerückt ist. Wie würde man wohl auf eine Grenzüberschreitung reagieren?

Provokationen mit Unmengen von Blut, Urin und Sperma auf der Bühne haben sich längst erschöpft. Stadelmaier sieht derlei brachiales Regietheater, das kaum noch auf Stücktexte, sondern auf unmittelbare Lebens- und Ekel-Gefühle aus sei, als strukturelle Ursache der Lawinky-Attacke. Sie wäre demnach nur ein weiterer Tabubruch. Was kommt als nächstes?

Die Zumutungen der Kritik und des Theaters

Es zeugt aber wohl von konservativer Theater-Auffassung, wenn jemand meint, alles solle sich immer hübsch folgenlos oben auf der Bühne abspielen – ohne jeden direkten Berührungspunkt zum Zuschauer. Auch eine Generationenfrage: Jüngere Theaterfans können sich mit unvorhergesehenen Handlungen gewiss leichter abfinden als das ältere Abo-Publikum und in Ehren gereifte Kritiker.

Manche Theaterleute begleichen jetzt offene Rechnungen mit Stadelmaier, der als „Großkritiker“ schlechthin gilund mit Verrissen nîcht zimperlich ist. Auch und gerade das Frankfurter Schauspiel hat er nicht geschont: Claus Peymann, der ewige „Provo“, bot Lawinky allen Ernstes einen festen Job bei beim „Berliner Ensemble“ an und ermunterte ihn zu weiteren spontanen Übergriffen. Für eine schräge Schlagzeile tut dieser Intendant manches.

Stadelmaier, so Peymann, sei ein „Theaterkaputtschreiber“. Hallo, Herr Peymann! Erstens gibt’s in diesem Lande etliche Theaterkaputt-Inszenierer. Und zweitens könnten sich jetzt frustrierte Darsteller fürs Berliner Ensemble empfehlen wollen, indem sie Kritikern etwa Ohrfeigen verpassen. Na, danke! Es scheint, als könnten einige Theatermacher mit Kritik gar nicht mehr souverän und gelassen umgehen. Und manche Kritiker nicht mehr mit den oft heftigen Zumutungen des Theaters.

 

 

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ZUR PERSON

Ein Kritiker, den viele fürchten

  • Gerhard Stadelmaier gilt als anspruchsvoller, strenger (und brillanter) Kritiker. Besonders gefürchtet sind seine manchmal verächtlichen Kurz-Verrisse.
  • Seit 1989 zeichnet der gebürtige Stuttgarter bei der FAZ für den Theater-Bereich.
  • Seit 2003 ist er auch Professor für Theaterkritik in Frankfurt.
  • Kontrahent Thomas Lawinky hat seit gestern einen neuen Vertrag beim Berliner Gorki-Theater unter Armin Petras.



Philosophische Suche nach dem Sinn

Bochum. Der Bochumer Gregor Nottebom hat eine ganz besondere „Ich-AG“ gegründet. Der studierte Philosoph versucht Menschen bei der Sinnsuche zu helfen – im direkten Gespräch, telefonisch oder auch via e-Mail und Internet. Gegen Gebühr, versteht sich. Ein Gespräch mit ihm über sein wahrhaft weitläufiges Arbeitsfeld.

Frage: Suchen die Leute das ganze Jahr über bei Ihnen Rat?

Gregor Nottebom: Hochsaison ist jetzt, um Weihnachten herum. Es ist tatsächlich so, wie man es sich vorstellt. Wenn zu Weihnachten viele mal etwas mehr Zeit haben, kommen auch manche Konflikte ans Licht. Und die Sinnfrage stellt sich stets in Konflikt-Situationen.

Wie grenzen Sie sich mit Ihren Ratschlägen vom Psychologen ab?

Nottebom: Meine Klienten sind in der Regel nicht krank oder ernsthaft gestört. Falls doch, dann empfehle ich ihnen eine Psychotherapie. Bei mir geht es eher um Kommunikations-Probleme, die mit dem Verstand bewältigt werden können. Da muss man nicht gleich unmittelbar über sein Problem sprechen, sondern kann „durch die Hintertür“ kommen. Wenn es sich nicht um Hobby-Philosophen handelt, die einfach mal fachsimpeln wollen, kommt man dann aber doch sehr schnell auf eine persönliche Ebene.

Wie vermitteln Sie mit der Philosophie Lebenssinn?

Nottebom: Es ist nicht so, dass jemand mich auffordert: Verraten Sie mir mal den Sinn des Lebens – und ich sage es ihm dann in ein paar Sätzen. Letztlich muss sich jeder seine Antworten selbst erarbeiten. Dabei können philosophische Anstöße helfen. Deswegen gebe ich auch Literatur-Hinweise – und wir sprechen dann über die Texte. An manchen philosophischen Zitaten kann man sich ja richtig schön abarbeiten. Einmal war eine krebskranke Frau bei mir, die noch dazu im Beruf gemobbt wurde. Mit ihr habe ich Schriften zum Thema „Stigmatisierung“ besprochen. Das alles hat gar nichts mit Esoterik oder Gesundbeten zu tun, sondern damit, dass man trainiert, die richtigen Fragen zu stellen.

Um welche Probleme geht es denn meistens?

Nottebom: Na, die ganze Bandbreite. Konflikte im Job. Stress mit Schule und Erziehung. Glaubensfragen. Im Vordergrund stehen aber Partnerschaftsprobleme. Fremdgehen ist ein häufiges Thema.

Etwa nach dem Motto: Welcher berühmte Philosoph kann mich beim Fremdgehen gedanklich unterstützen?

Nottebom: Ja, auch das kommt vor. Kennzeichen der wahren Philosophen ist es, nicht schon im Voraus moralische Gebote oder Verbote auszusprechen. Aber natürlich wird man in einem solchen Fall nicht nur nüchtern erwägen: Was nützt mir das Fremdgehen? Man wird wohl auch moralische Fragen anschneiden müssen. Es sitzen oft Paare oder auch Eltern mit halbwüchsigen Kindern bei mir, streiten sich oder schweigen sich an. Dann moderiere ich. Die Philosophie hilft, solche Konflikte auf eine sachliche, rationale Ebene zu bringen. Hinzu kommen Grundregeln der Kommunikation: keine Vorhaltungen, keine Verallgemeinerungen wie „Du hast ja immer schon…“ Erst wenn das geklärt ist, kann man sich der Sinnfrage nähern.

Sie könnten zum Beispiel mit Karl Marx vorgehen, aber auch mit Kant oder Nietzsche. Wie entscheidet sich, in welche Richtung die Gespräche laufen?

Nottebom: Ich gebe keine Richtung vor. Es liegt immer an der speziellen, persönlichen Fragestellung. Allerdings habe mich am meisten mit Hegel befasst. Mit seinem dialektischen Denken in Widersprüchen kann man sehr weit kommen: Der Sinn, den man für sich gefunden hat, gilt ja nicht für immer und ewig. Er kann sich ins Gegenteil verkehren. Man kann bei Hegel lernen, mit solchen Widersprüchen umzugehen. Auch bei Wertkonflikten sind philosophische Ansätze hilfreich, etwa um zu klären: Was ist mir wichtiger, die Familie oder der Beruf? Daraus lassen sich Entscheidungen über den Lebensweg ableiten.

Sehen Sie einen Sinn des Lebens, der für alle Menschen gilt?

Nottebom: Der besteht darin, dass wir ihn alle suchen. Die Suche nach dem Sinn ist eigentlich schon der Sinn. Die ständige Bereitschaft zur Sinnsuche ist schon der größte Schritt. Dabei ist es letztlich zweitrangig, ob man einen philosophischen, religiösen oder auch astrologischen Weg beschreitet. Feststehende Antworten gibt es ohnehin nicht. Wenn man versucht, den Sinn festzuhalten, ist das ein Zeichen dafür, dass man schon wieder dabei ist, ihn zu verlieren…

Also gibt es niemals eine “Ankunft“?

Nottebom: Ich glaube: Nein! Was heute für mich richtig ist, kann morgen falsch sein. Aber man muss sich nicht treiben lassen, sondern sollte bewusste Entscheidungen anstreben. Auch Nicht-Entscheiden oder Nicht-Handeln ist eine Möglichkeit. Wichtig ist dabei die Selbsterkenntnis. Die drei uralten philosophischen Kernfragen lauten ja ganz lebenspraktisch: Wer bin ich? Was will ich? Was kann ich tun? Darauf lässt sich jede Entscheidung im Leben gründen: Will ich mich trennen? Wechsle ich den Beruf? Ziehe ich in eine andere Gegend?

Apropos: Ist das westfälische Ruhrgebiet ein guter Standort für eine „philosophische Praxis“?

Nottebom: Es geht so. Generell scheint es im Süden besser zu laufen. Allein in Heidelberg gibt es mehrere Praxen dieser Art. Je weiter man nach Norden kommt, umso schlechter. Vielleicht hat es etwas mit Katholiken und Protestanten zu tun.

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INFO

Die philosphische (Lebens)-Beratung hat sich um 1982 zuerst in Deutschland etabliert. Inzwischen floriert sie auch in Ländern wie den USA, Kanada, Holland, Norwegen und Israel.
Berater wie Gregor Nottebom haben sich zusammengeschlossen in der Internationalen Gesellschaft Philosophischer Praxis e. V. (IGPP). Es gibt regelmäßige Tagungen. Im April 2006 wird man sich im spanischen Sevilla treffem, im Oktober 2006 in Berlin.
Weitere Informationen über Gregor Notteboms „Philosophische Praxis“ in Bochum: http://www.sinnsuchen.de
Konkurrenz belebt auch die philosophische Szene: Auf der Internet-Seite http://www.pro-phil.de stehen viele weitere philosophische Praxen in ganz Deutschland. Die Stadt mit den meisten Adressen ist übrigens München.

(Der Beitrag hat in leicht verkürzter Form am 24. Dezember 2005 in der „Westfälischen Rundschau“, Dortmund, gestanden).




Das Beste vom Osten – Kunst vor der „Wende“ aus vielen Ländern in Hagen

Von Bernd Berke

Hagen. Was bleibt von Osteuropas Kunst aus kommunistischen Zeiten? Diese Frage erwägt jetzt ein vielfältiges Ausstellungs-Projekt im Hagener Osthaus-Museum.

Es geht dabei keineswegs um den grauslichen Sozialistischen Realismus, der die „Errungenschaften der Arbeiterklasse“ in heroisch-kitschigen Bildern pries. In den Blick rücken vielmehr allerlei Arten der widerständigen oder zumindest inoffiziellen und auf Autonomie beharrenden Kunst, die zwischen 1945 und 1985 im Osten entstanden ist.

Die letzte Hagener Schau des scheidenden Museumsdirektors Michael Fehr hat eine windungsreiche Vorgeschichte. Vor wenigen Jahren entstand eine „Fast Art Map“, also eine Landkarte osteuropäischer Kunst aus 22 ehedem sozialistischen Ländern einschließlich der DDR. Datenbasis waren die Vorlieben von just 22 Kunstkritikern, die jeweils ihre heimischen Favoriten benannten – insgesamt 226 Werke.

Aus der Befragung hat sich folglich eine Art Kanon oder Bestenliste ergeben. All das soll auf eine Museumsgründung in Berlin hinauslaufen. Auch Tourneen durch den früheren Ostblock sind geplant. Jetzt aber sind ausgewählte Arbeiten erst einmal in Hagen zu sehen. Eine bemerkenswerte Vorreiterschaft.

„Fahndung“ nach den Exponaten

Die Beschaffung der Exponate war nicht leicht: Diverse Gruppierungen, allen voran die slowenische Formation „Irwin“, beteiligten sich an der Fahndung. Gar manches war in den Wirren der politischen Wende oder durch Emigration der Künstler verloren gegangen. Zudem lautet eine vorsichtige These der Schau, dass „der“ Osten vor allem konzeptionelle Kunst hervorgebracht habe, sprich: Arbeiten, die auf ausgiebiger Denkarbeit beruhten und oft gar nicht so sehr auf materielle Dauer angelegt waren.

Zu den Urhebern der rund 50 Hagener Ausstellungsstücke zählt auch internationale Prominenz, so etwa Christo & Jeanne-Claude (signierte Plakate), Marina Abramovic (Fotografie von einer lebengefährlichen Feuer-Performance), Ilya Kabakov oder Komar & Melamid. Doch darauf kommt es nicht in erster Linie an. In der Gesamtansicht wird jedenfalls deutlich, dass wenigstens diese Künstler Osteuropas dem Westen nicht nachstanden. Schon in den frühen 1960er Jahren wurde auch dort mit ausgesprochen avancierten (Aktions)-Formen experimentiert.

Formen des Widerspruchs

Ein Künstler etwa plakatierte in Zagreb (Ex-Jugoslawien) überlebensgroße Fotoporträts zufälliger Passanten – listiger Protest gegen die ansonsten übermächtige Partei-Propaganda. Auf noch stillere Weise meldete Valery Charkasow Einspruch an: Ein Tisch und Besteck. Sonst nichts. Doch die Lage der Messer und Gabeln ergibt (in kyrillischer Schrift und russischer Sprache) den schlichtweg ergreifenden Satz: „Ich will essen.“

Die Hagener Schau fasert noch weiter ins Grundsätzliche aus. Bonner Student(inn)en der Kunstgeschichte haben spielkartenkleine Reproduktionen des gesamten Kanons (mithin 226 Werke) wie in Puzzles neu sortiert – nach Nationen, Themen und Genres. Lerneffekt: Eine solche Ausstellung könnte auch ganz anders aussehen. Oder: Die jetzige ist nur ein Vorschlag.

„East Art Museum“. Hagen, Osthaus-Museum (Hochstr. 73). 11. Sept bis 13. Nov. Geöffnet Di-So 11-18, Do 11-20 Uhr. Eintritt 3 €. Kein Katalog.

Internet: www.keom.de (Museum) und www.eastartmap.org (Gesamtprojekt – Homepage mit Debattier-Möglichkeit).




Von Bernd Berke

Haltern. Man sollte mit Superlativen stets vorsichtig sein, doch dieser hat etwas für sich: Mit einer archäologischen Sensation wartet jetzt das Westfälische Römermuseum in Haltern auf. Grandiose Funde aus Herculaneum, der verschütteten antiken Stadt im Golf von Neapel, sind jetzt erstmals außerhalb von Italien zu sehen. Etliche weitere Leihgaben kommen hinzu. Erst nach dem kleinen Haltern werden Bremen und Berlin die weiteren deutschen Stationen sein.

Herculaneum steht heute längst im Schatten der bekanntlich gleichfalls versunkenen Nachbarstadt Pompeji. Der Ort, über dem sich heute das moderne Ercolano erhebt (was weitere Ausgrabungen erschwert), endete beim Ausbruch des Vesuv am 24. August des Jahres 79 n. Chr. Mit 100 Stundenkilometern donnerten in jener furchtbaren Nacht 400 Grad heiße Lava und Gesteinsmassen zu Tal und begruben die Stadt mit ihren Bewohnern. Der Badeort unterm Vulkan galt seinerzeit als sommerlicher Treffpunkt der Reichen und Schönen des alten Rom.

Vulkanasche wirkte als „Konservierung“

So makaber es klingt: Die Archäologen haben von der Katastrophe profitiert. Denn mit der Zeit bildete sich aus der Lava eine rund 25 Meter dicke, sehr feste Schicht, die alle Überreste luftdicht konserviert hat. Und so bekommt man jetzt in Haltern staunenswert gut erhaltenen, prachtvollen Schmuck und mythologische Bronze-Figürchen ebenso zu sehen wie etwa Wandgemälde und Stücke aus einer Papyrusrollen-Bibliothek oder allerlei trunkene Götter), mit denen begüterte Römer ihre Villen in Herculaneum zierten. Ja, selbst eine hölzerne Wiege, in der einst ein Baby gestorben sein muss, steht als schmerzliches Mahnmal in der Ausstellung.

Anhand der Funde haben Wissenschaftler viele Schlüsse ziehen können: So war etwa die Hälfte der aufgefundenen, in Haltern als exakte Abgüsse gezeigten Skelette von Arthrose (Krankheit der Gelenke) befallen. Verschleißerscheinungen waren überhaupt weit verbreitet. Die Forscher streiten darüber, ob dies darauf hindeutet, dass es sich um ärmere Bewohner, also um (teils freigelassene) Sklaven handelt. Haben sich manche Reiche retten können, während die Sklaven allesamt starben? Man weiß es nicht.

Pompeji kam erst später an die Reihe: Mit der Entdeckung Herculaneums (1709 durch einen Bauern, der einen Brunnen anlegen wollte) begann recht eigentlich die Geschichte der neueren Archäologie. Von 1738 bis 1768 währte die erste Grabungs-Kampagne, die damals in ganz Europa beachtet wurde. Nicht nur Winckelmann und Goethe ließen sich von der Begeisterung anstecken. Der klassizistische, auf die Antike zurückgreifende Stil setzte sich durch. In Haltern werden solche Folgewirkungen dokumentiert – bis hin zu Meißner Porzellan mit Herculaneum-Motiven und Gemälden vom Ausbruch des Vesuv. Darstellungen zwischen Faszination und Angst.

Stadtpläne, Dia-Schaukästen und eine Computer-Animation führen den Besuchern ein Herculaneum vor Augen, wie es wohl in seiner Blütezeit gewesen sein mag. Das stattlichste Domizil, die „Villa dei Papiri“, war imposante 250 lang und 80 Meter breit. Und dann sieht man Münzgeld, das mit Lava zu bizarren Klumpen „verbacken“ ist. Ein stärkeres Sinnbild für die Vergänglichkeit irdischer Güter ließe sich schwerlich finden.

„Die letzten Stunden von Herculaneum“. Westfälisches Römermuseum, Haltern (Weseler Straße 100). 21. Mai bis 14. August. Di-Fr 9-17, Sa/So 10-18 Uhr. Eintritt 5 €, Kinder/Jugendliche 2,50 €. Katalog 24,90 €. www.herculaneum-ausstellung.de




Eine Liebe in den finsteren Zeiten – Was der Philosoph Ernst Bloch seiner Freundin und späteren Frau Karola schrieb

Von Bernd Berke

Auch große Männer haben ihre Schwächen. Von dieser ehernen Regel machte der Philosoph Ernst Bloch (1885-1977 / Hauptwerk: „Das Prinzip Hoffnung“) keine Ausnähme. Ausgiebig nachschmecken kann man den Befund jetzt in dem Buch „Das Abenteuer der Treue“. Es versammelt Blochs Briefe an seine Freundin und spätere Ehefrau Karola.

1927 lernte Ernst Bloch die aus Polen stammende, kluge, eigenständige und herb-schöne Frau kennen. Doch bis sie einander wirklich dauerhaft fanden, brauchte es seine Zeit. Die Architektur-Studentin war 20 Jahre jünger als er, der bereits zwei Ehen und einige intellektuelle Meriten auf dem Lebenskonto hatte.

Einen Knacks bekam die frisch erblühte Liebe („auf den ersten Blick“), als herauskam, dass der bisweilen lebemännische Bloch mit einer anderen Frau geschlafen hatte – peinlicherweise mit Schwangerschafts-Folge. Außerdem wollte er noch mit einer offenbar zickigen „Ex“ ins Reine kommen. Der Denker musste schon alle rhetorischen Künste und seinen bodenständigen pfälzischen Humor (Herkunft: Ludwigshafen) einsetzen, um den Schaden allmählich zu begrenzen und Karola wieder an sich zu ziehen.

Debatten mit Brecht, Adorno, Kracauer und Benjamin

Karolas Schreiben sind leider verschollen, ein echter Briefwechsel wäre wohl noch lebendiger. Blochs Briefe (mit Fußnoten erschlossen) stammen aus den Jahren 1928 bis 1936, hinzu kommen Anhängsel bis 1949, als sich der Philosoph zunächst als Professor in der DDR (Leipzig) niederließ, bevor er dort kaltgestellt wurde und 1961 in den Westen (Tübingen) ging.

Zurück in die bewegten 20er Jahre. Im Freundes- und Bekanntenkreis taucht so manche linke Legende auf: von Bert Brecht und Kurt Weill über Siegfried Kracauer und Georg Lukács bis hin zu Walter Benjamin und Theodor W. Adorno. Man kannte sich, man trank, debattierte und stritt miteinander. Gewiss ist an deutschen Tischen seither nie wieder so hochfliegend diskutiert worden. Doch Illusionen machten sie sich auch: über die vermeintliche Schwäche der Nationalsozialisten, über das utopische Potenzial der stalinschen Sowjetunion…

Anfangs phantasierte sich Bloch eine Beziehung mit Karola als Brüderchen-Schwesterchen-Geschichte herbei. In geradezu mystischer Union sollte sie neben ihm am Projekt einer besseren Zukunft arbeiten – unter sozialistischen Vorzeichen, versteht sich.

Träume von einem „Harem“

Doch es ging zwischen den Liebenden (er nannte sie zärtlich „Mein liebes Kulmchen“ und unterzeichnete mit „Dein Bärlein“) nicht nur keusch und fleißig zu. Über längere Trennungszeiten hinweg (z. B. sie in Wien, er in Berlin) schwärmte er wortreich von ihren Brüsten und ihrem Schoß, in dem er sich bald wieder finden wolle. Er offenbarte ihr sogar seine „Harems-Träume“, sprich: Sex zu dritt mit einer weiteren Frau. Tröstlich: Sie, Karola, solle auf jeden Fall zum „Dreier“ gehören. „Und: den allergrößten Teil des Jahres möchte ich mit Dir allein sein.“

Natürlich berühren die Briefe vielfach ungleich ernstere, gewichtigere Themen. Die Misere beginnt mit Alltagssorgen (Geld, Wohnungen) und wächst sich über ideologische Kämpfe bis zur drohenden Verfolgung durch den NS-Staat aus. Flucht und Exil (Schweiz, Prag, USA) sind die Folgen. Viele Menschen aus Karolas Familie wurden im KZ umgebracht. Wahrlich, es waren finstere Zeiten.

Doch die Liebe der Blochs überdauerte alle Jahrzehnte. Sie haben das „Abenteuer der Treue“ – allen Anfechtungen zum Trotz – bestanden. Ganz ohne Kitsch und falsche Harmonie.

Ernst Bloch: „Abenteuer der Treue. Briefe an Karola 1928-1949″. Suhrkamp-Verlag. 266 Seiten, 19,80 Euro.




In schweren Zeiten – Nach dem Tod von Papst Johannes Paul II.

Ganz gleich, ob man die Ansichten des Papstes geteilt hat oder nicht: Seinen irdischen Tod hat Johannes Paul II. mit einer Fassung und Würde auf sich genommen, die wohl nur aus tiefstem Glauben heraus zu verstehen ist. Vor dieser Haltung müssten sich selbst hartgesottene Atheisten verneigen und sich fragen, wie es denn um ihre eigenen „Gewissheiten“ bestellt ist – jetzt und in der Stunde des Todes.

Es ist abermals Zeit, das große Wort zu zitieren, mit dem Papst Johannes Paul II. 1978 zu Beginn seiner Amtszeit ein Signal setzen wollte: „Habt keine Angst!“ Denn es kommen wahrlich schwere Jahre auf die katholische Kirche und auf ihren künftigen Oberhirten zu.

Große Aufgaben für den Nachfolger

Es wird für jeden Nachfolger eine ungeheure Aufgabe sein, aus dem Schatten des verstorbenen Pontifex herauszutreten. Karol Wojtylas historischer Einfluss ist unbestreitbar. Gewiss, nicht nur einzelne Persönlichkeiten machen Geschichte. Doch hätte der Papst seinerzeit nicht die polnische Oppositionsbewegung Solidarnosc auf so kluge Weise (ebenso behutsam wie wirksam) ermutigt, so gäbe es vielleicht heute noch eine Sowjetunion und eine DDR.

Auch stand Johannes Paul II. für Schritte zur Versöhnung mit den anderen Weltreligionen und für eine entschiedene Friedenspolitik ein. Wichtig war vor allem sein Einspruch gegen den Irak-Krieg. Andernfalls hätten fundamentalistische Kräfte der islamischen Welt mit noch mehr Furor vom „Kreuzzug“ reden können. Zudem wäre seine unbedingte Parteinahme für das werdende Leben in ein ungutes Zwielicht geraten. So aber verdient sie – über allen Streit hinaus – tiefen Respekt.

Wie ein Pop-Star, aber auch ein strenger Geist

Zuweilen gab sich dieser Papst wie ein Pop-Star, dessen Charisma auch junge Leute faszinierte. Er konnte allerdings auch ein äußerst strenger Mahner sein, der etwa in Nicaragua dem kritischen Katholiken und Sozialisten Ernesto Cardenal den Segen verweigerte und dem Schriftsteller stattdessen eine barsche Strafpredigt hielt. Doch auch der Materialismus und die Gier der westlichen Welt waren ihm zuwider. Erst recht, als sie auch in reinem Heimatland Polen Einzug hielten und die Menschen vor den neuen Super.“ märkten statt vor den Kirchen Schlange standen.

Sein Nachfolger wird Felder vorfinden, die Johannes Paul II. als Ödland hinterlässt. So gilt es, endlich die erstarrten oder ausgesetzten Reformen des II. Vatikanischen Konzils fortzuführen. Manche sprechen gar von einer „Gegenreformation“, die der polnische Papst im Sinn gehabt habe. Hier haben sich Konflikte angestaut, die nichts Gutes verheißen, ja eine Kirchenkrise größeren Ausmaßes befürchten lassen.

Bleibende Kraft des Glaubens

So muss der katholische Klerus ganz dringlich das Verhältnis zu den weiblichen Gläubigen klären. Fragen zur Empfängnisverhütung, zur Abtreibung und zum Zölibat sollten neu erwogen werden. Mehr noch: Die Gesten in Richtung anderer Religionen waren wertvoll, letztlich aber nur halbherzig. Nach wie vor verneint der Vatikan das gemeinsame Abendmahl mit protestantischen Christen.

Karol Wojtyla hat geradezu übermenschliche Anstrengungen unternommen, um die katholische Kirche nicht einer modernistischen Beliebigkeit auszuliefern. Unter seinem Pontifikat haben Geheimnisse und Mysterien des Glaubens wieder einen höheren Stellenwert erhalten. Tatsächlich kann man sich fragen, ob eine allzu bereitwillige Weltläufigkeit nicht zwangsläufig in Widerspruch zum Kern der Religiosität, zu Andacht, Einkehr und Jenseitigkeit geraten muss.

Wie immer ein neuer Papst und die Kurie sich hierzu stellen mögen: Es bleibt eine Gratwanderung. Wie weit kann und darf die Kirche den Menschen in ihrem Alltag entgegenkommen? Andererseits: Wie sehr muss sie es tun, damit die Kirche eine lebendige Gemeinschaft bleibt oder wieder wird?

Auch und gerade in der Amtszeit Wojtylas hat sich der Erosionsprozess zumindest in Europa beschleunigt. Viele Gotteshäuser stehen nahezu leer, manche müssen deshalb geschlossen, verkauft oder sogar abgerissen werden.

Hingegen zeugen wachsende Gemeinden in Südamerika, Asien und Afrika von bleibender Kraft des Glaubens und der Hoffnung. Ist es undenkbar, dass der nächste Papst aus den südlichen Breiten kommt?

                                                                                                           Bernd Berke




Freiraum der Frömmigkeit: „Krone und Schleier“ – eine prachtvolle Doppelschau über mittelalterliche Frauenklöster

Von Bernd Berke

Essen/Bonn. Sind Nonnenklöster im Mittelalter Bastionen einer frühen „Frauenbefreiung“ gewesen? Diese verblüffende Frage lässt jetzt die prachtvolle Doppelschau „Krone und Schleier“ in Essen und Bonn aufkommen.

Der Titel nennt Symbole himmlischer Vermählung, denn Nonnen sahen sich als „Bräute Christi“. Ruhrlandmuseum (Essen) und Bundeskunsthalle (Bonn) haben ihre Kräfte vereint, um das Thema erstmals in solcher Fülle zu behandeln. Die Essener kümmern sich ums frühe Mittelalter (6.bis 12. Jhdt.), dieBonner um die Ära zwischen 1200 und 1500, also bis an die Schwelle der Reformation.

Insgesamt 600 Leihgaben aus aller Welt sind, brüderlich (oder, dem Thema gemäß: schwesterlich) zwischen beiden Museen aufgeteilt. Wer nur die Zeit für einen der beiden Orte aufbringt, hat auch schon eine Menge davon.

Kulturblüte und Machtentfaltung

Kunst und Kult(ur)-Gegenstände aus mittelalterlichen Frauenklöstern belegen vielerlei. Beispielsweise, dass die Nonnen und Stiftsdamen versiert lesen, schreiben und übersetzen konnten. Das klingt banal, war aber damals beileibe nicht selbstverständlich.klingt banal, war aber damals beileibe nicht selbstverständlich.

Überhaupt mussten sich die Frauen hinter Klostermauern zwar kasteien, sie konnten sich aber kulturell entfalten wie sonst nirgendwo. So traten Klosterfrauen als Schöpferinnen ..(oder Auftraggeberinnen) bildlicher Bibeldarstellungen in Erscheinung. Das wiederum heißt: Sie bestimmten auch, so oder so, die ästhetische Richtung.

Überdies häuften sich auch im Umkreis der Frauenklöster die Zeichen weltlicher Macht.In der Ausstellung zeugen Dokumente über päpstliche und königliche Privilegien davon.So durften manche Klöster Märkte abhalten, Zölle einnehmen oder von Bauern Abgaben verlangen.

Ein Fächer gegen Insekten auf Opfergaben

Kostbare liturgische Gerätschaften sind in Essen ebenso zu bewundern wie unschätzbar wertvolle Schriften (Purpur-Evangeliar aus Brescia, Gebetbuch der Hildegard von Bingen) oder Wandteppiche.

Im Ganzen durch Prunk überwältigend, führt die Ausstellung zuweilen bis in kuriose Details. Da sieht man etwa den bronzenen Löwenkopf, der als Türklopfer an einer Klosterpforte diente. Oder man staunt über seltsame Relikte aus Meschede: Vasenförmige „Schallgefäße“ mit Luftauslässen dienten zur Verbesserung kirchlicher Akustik. Ob sie wohl auch für Philharmonien taugen würden?

Auch lernt man anhand vieler Exponate neue Begriffe hinzu. Wer weiß schon, was mit dem lateinischen „flabellum“ gemeint ist? Nun. es handelt sich um einen liturgischen Fächer, mit dem Insekten von Opfergaben vertrieben wurden.

Die in schützenden Vitrinen unter gedämpftem Licht aufgeschlagenen Bücher und Handschriften haben auf den ersten Blick „sieben Siegel“. Doch mit Begleittexten, Computerhilfe und ausführlichen Audio-Guides (gar in mehreren Varianten) geben sich die Macher alle Mühe, das Wissen des Besuchers zu mehren. Ganz zu schweigen vom üppigen Katalog, der schon jetzt als Standardwerk gelten darf.

Nur Äbtissinnen waren bildwürdig

Zurück zur Ausgangsfrage: Natürlich waren Stifte und Klöster keine gleichberechtigten Frauen-WGs. Es herrschten strenge Regeln, und es waltete eine spürbare Hierarchie. Ein Gesicht hatten in jenen Zeiten allenfalls die Äbtissinnen, nur sie waren „bildwürdig“. Zudem kamen dafür lediglich Damen von Stand in Frage. Und die Männer redeten zuweilen auch hinein: So sieht man ein frommes Brevier, das von Mönchen eigens für Nonnen verfasst wurde.

Ohne NRW-Kulturstiftung,  Krupp-Stiftung und weitere Förderer wäre das 3 Millionen Euro teure Ereignis undenkbar. Essens Ruhrlandmuseum hat (im 100. Jahr seines Bestehens) einen kläglichen Ausstellungs- und Sammlungsetat von 150.000 Euro.

• „Krone und Schleier. Kunst aus mittelalterlichen Frauenklöstern“. An beiden Orten 19. März bis 3. Juli. Gemeinsamer-Katalog (580 Seiten) 32 Euro, Eintritt jeweils 7 Euro.

Essen, Ruhrlandmuseum (Goethestraße). Di-So 10-18, Fr 10-24 Uhr.

Bonn, Bundeskunsthalle). Mo 10-19, Di-So 10-21; ab 2.Mai Di/Mi 10-21, Do-So 10-1-9 Uhr.




Zehn Städte wollen ins große Finale – Vorentscheid um die Europäische Kulturhauptstadt

Von Bernd Berke

Die Spannung wächst: Welche zwei bis vier Bewerber um die Europäische Kulturhauptstadt 2010 wird die Jury ins Finale lassen? Seit gestern tagt die Kultusministerkonferenz in Berlin, hier soll heute das Votum verkündet werden. Die WR hat nachgeschaut, wie die zehn Kandidaten ihre Vorzüge im Internet darstellen. Verschiedene Gewichtungen fallen auf.

Fast alle Kommunen führen nicht nur ihre kulturellen Schätze, sondern auch ihr wissenschaftliches oder wirtschaftliches Potenzial ins Feld. Sie hegen vielfach die Hoffnung auf Geldsegen und neue Arbeitsplätze, falls sie das Rennen gewinnen. Zuerst aber muss investiert werden. Wir bleiben neutral und gehen streng alphabetisch vor:

Braunschweig bezieht bewusst die Region mit ein, darunter Wolfsburg mit dem Kunstmuseum und VW als Sponsor. Die Stadt rühmt sich ihrer Baudenkmäler, will zudem ihr (1960 abgerissenes) Residenzschloss neu errichten. Die Kunstakademie, das Festival „Theaterformen“ und Forschungsstätten gelten als Pluspunkte.

Bremen kann gewachsene Kultureinrichtungen vorweisen. Man empfiehlt sich außerdem mit dem bereits errungenen Titel „Stadt der Wissenschaft“, nennt Rathaus und Roland als Weltkulturerbe und plant eine weitläufige „Neuerfindung der Stadt“, sozusagen im kulturell geleiteten Laborversuch.

Historisches Erbe ist nicht alles

Essen hat im Gegensatz zu vielen Mitbewerbern keine historische Silhouette. Es ist folgerichtig, dass man sagt: Wir haben unsere Kultur nicht geerbt, sondern sie uns erarbeitet. Aalto-Oper, Philharmonie, Folkwang-Museum und Zeche Zollverein sind Flaggschiffe, Industriekultur und Einbeziehung der Migranten setzen spezielle Akzente. Die anderen Revierstädte (Ausnahme Bochum) gehen den Weg offenbar noch nicht so recht mit. Das mag sich ändern, falls Essen in die Endrunde kommt.

Görlitz ist mit 60 000 Einwohncni die kleinste Bewerberstadt, preist sich aber selbstbewusst als schönste Gemeinde Deutschlands an. Schwerpunkt ist der Brückenschlag in die polnische Nachbarkommune Zgorzelec. Dies soll der EU in Brüssel, wo 2006 die endgültige Entscheidung fallen wird, als „europäische Vision“ einleuchten.

Halle will die Neugestaltung einer Stadt, die sich in einem Schrumpfungsprozess befindet, beispielhaft vorführen. Garten-Landschaften sollen wachsen, Plattenbauten menschenwürdig umgebaut werden. Kunst soll vor allem den Flusslauf der Saale zieren.

Karlsruhe wirbt für sich als Standort der Medienkunst, vor allem aber als Sitz desBundesverfassungsgerichts und somit Stadt des Rechts. Ob diese Setzung eine kulturell orientierte Jury überzeugt, wird sich zeigen.

Kassel stellt die alle fünf Jahre hier zelebrierte Weltkunstschau documenta insZentrum (deren Konzept man „weiterdenken“ will) und möchte Dialoge der Religionen stiften. Von Migrations-Themen bis zu den Gebrüdern Grimm reicht das durchdachte Spektrum der Projekte.

Lübeck beruft sich aufs schmucke Stadtbild sowie auf „seine“ Nobelpreisträger Thomas Mann, Willy Brandt und Günter Grass. Zudem will man den Ostseeraum bis zum Baltikum ins Bewusstsein riicken. Auch hier eine weite (ost)europäische Perspektive.

Potsdam kommt gar nicht umhin, mit Schloss und Parkanlagen zu prunken. Auch die Nähe Berlins wird in die Waagschale gelegt.

Regensburg, das Spott mit Christoph Schlingensiefs Anti-Werbung und einer Brezel-Abwurfakttion auf sich zog, wirbt liebenswert bescheiden, u. d. mit Studententheater und Altstadt-Szene.

 

 

Keine leichte Aufgabe für die Jury! Bleibt zu hoffen, dass auch die ausgeschiedenen Städte ihre einmal gefassten Ideen vorantreiben werden.