Der Kinder- und Drehbuchautor Justus Pfaue wurde 70 – ein arg verspäteter Glückwunsch

Ich bin ja hier so einer, der sich gern mal bei Todestagen wirklich wichtiger Menschen in dieser Republik zu Wort meldet, der aber noch viel lieber aufzeigt, wenn solche Menschen Jahrestage haben, Geburtstage zum Beispiel. Da ist mir im vergangenen Jahr doch einer durchgegangen. 2012 wurde Justus Pfaue 70 Jahre alt.

Wie? Etwa vergessen? Das ist der kluge Mensch, aus dessen Feder so vieles stammt: „Timm Thaler“, „Patrik Pacard – Entscheidung im Fjord“, „Oliver Maass – Das Spiel mit der Zaubergeige“, „Bas-Boris Bode – Der Junge, den es zweimal gibt“, „Teufels Großmutter oder der Himmel auf Erden“, „Anna“ und noch vieles andere. Justus Pfaue hat viele Kinderbücher, sehr viele Drehbücher und aus diesem Fachbereich seiner rastlosen Arbeit das eine oder andere auch für sehr, sehr bekannte Filme geschrieben, er ist einer der bedeutendsten seiner Zunft in Europa, lebt wahlweise in München und Positano (Campagna, Italien), ein Ort, von dem John Steinbeck mal schrieb, dass er der einzig senkrechte auf der Welt sei. Und – Justus Pfaue kommt aus Unna.

Vor Jahrzehnten hatte ich mal das Glück und das Vergnügen, mit dem Mann, in dessen Geschichten bis heute gern die besten deutschen Schauspieler auftreten, zu telefonieren, obwohl der eine grundständige Abneigung gegen alles hegt, was mit Journalismus zu tun hat. Beinahe eine halbe Stunde dauerte das Gespräch, was gemessen daran, dass er ansonsten eher zweisilbig bis einsilbig daher kommt, geradezu inflationär anmutet. Ich gestehe, ich habe jede Sekunde genossen, weil ich um seine verschlossen-freundliche Art wusste.

Daher bewahre ich an dieser Stelle auch mein Herrschaftswissen über Justus Pfaues Geburtsnamen, den anscheinend nicht einmal das allwissende Wikipedia kennt. Nur ein paar Handverlesene in Unna wissen von ihm … und das ist auch gut so.

Er ist Jurist, forensischer Psychologe und gestochen scharf Beobachtender des menschlichen Alltags, woraus er sich bereits in Studienzeiten Material für seine späteren Produkte holte und für die „ZEIT“ und den Hörfunk Berichte oder glossierende Geschichten schrieb.

Brigitte Horney, Peter Pasetti, Gerd Baltus, Loni von Friedl, Eberhard Feik, Elfriede Kuzmany, in neuerer Zeit Jürgen Vogel – alles Namen, die in den Rängen der Großen deutscher Schauspielerei zu siedeln sind. Sie alle rissen sich darum, in einer Serie oder einem Fernsehfilm mitzuspielen, dessen Grundidee von Justus Pfaue entwickelt worden war.

Bevor er so begehrt und offensichtlich auch von Fachleuten zu Recht bewundert wurde, zog es ihn durch viele Bereiche Unnas und immer mal wieder mit seinen Freunden ins Café Jokisch (ungefähr da, wo heute ein überflüssiger Balkon die Unnaer Marktatmosphäre stört). Da half die „Kleine Jokisch“ gern mal dem Vater und bediente die Kundschaft. Der junge Justus und seine Freunde hatten es besonders gern, wenn gerade sie ihnen den Kaffee servierte, weil die „Kleine Jokisch“ ein sehr apartes Wesen war (und sie ist das auch heute noch).

Dann aber zog es ihn in Richtung des deutschen Südens und er wählte München zu seiner Hauptresidenz. Zu den Unnaer Freunden hat er nur vereinzelte Kontakt, und da er auf seine Privatsphäre damals wie heute empfindlich achtete, behalte ich auch in dieser Hinsicht mein Wissen für mich.

Nun kann ich ja auch nur noch nachträglich zum 80. gratulieren, worauf der Landsmann vom Hellweg, der richtig gebürtig eigentlich aus Ballenstedt (Sachsen-Anhalt) stammt, wohl aber keine nennenswerten Reaktionen zeigen wird. Ich tu’s trotzdem.




Abi 2013: Nach der Feier ist vor der Studienplatzsuche – und manches ist ungewiss

Neulich war ich mit meiner Patentochter in der Stadt. Die Liste für die Einschulung abarbeiten. Bleistift HB, besonders weicher Radiergummi, Deckfarbkasten. 13 Jahre ist es her, dass ich dies zum allerersten Mal tat. Damals, anno 2000 mit meinem ältesten Sohn. Gestern war es soweit, die Bleistifte aller Härtegrade hatten ihre Schuldigkeit getan – die Zeugnisse der Reife wurden verliehen. Welch ein langer kurzer Weg dies war.

AbizeugnisI

Allüberall werden im Lande dieser Tage die Abizeugnisse überreicht. In NRW, dem Bundesland der mit heißer Nadel gestrickten G8-Reform ist es vielerorts anders als sonst. Der Doppeljahrgang hebelt die Tradtionen aus. Manche Schulen feiern zweimal, nach Jahrgangsstufen getrennt. Manche suchen Alternativen. So auch bei uns. Viele haben es bedauert. Keine Messe in der schnuckeligen Gymnasialkirche, keine Feier in der Aula – alles zu klein.

Wenigstens haben wir in Recklinghausen das Festspielhaus, auch für solche Feiern ein würdiger Rahmen. 166 Zeugnisse wurden dort gestern überreicht, 166 mal Aufregung und verhaltene Freude. Dass die Freude nur verhalten war, war vielfach zu spüren, auch in den Reden.

Die Ungewissheit, wie der Doppeljahrgang zurecht kommen wird, schimmert durch. Etliche werden nicht direkt durchstarten, einige machen ein freiwilliges soziales Jahr, andere gehen als Au-Pair oder mit work-and-travel-Programmen ins Ausland. Nur wenige wollen direkt an die Unis. Besagte Mathe-klausur lässt grüßen. Sie hat zwar keinem das Genick gebrochen, aber sie hat Punkte gekostet. Hier im Hause gibt es keinen Plan B, unsere Nachwuchshoffnung will einen Studienplatz. Den Rechtswissenschaften will man die nächsten Jahre widmen. Ich werde berichten.

166whiteBalloons

Zunächst aber bemühten sich alle, den höchsten im Lande erreichbaren Schulabschluss gebührend zu würdigen. Ich, die ich einst Abi-technisch sozusagen mit qualmenden Reifen durchs Ziel kam, verhehle nicht, sehr stolz auf mein Kind zu sein. Wir schauen jetzt ungebrochen hoffnungsfroh in die Zukunft. 166 weiße Ballons stiegen gestern in den netterweise sonnigen Himmel über dem Hügel in Recklinghausen. Hier und heute sagen wir allen Abiturienten im Lande einen aufrichtigen Glückwunsch und ein von Herzen kommendes Glückauf !




Familienfreuden auf Reisen: Polka Dots!

Modisch ganz weit oben.(Foto: Albach)

Modisch ganz weit oben.(Foto: Albach)

Sicher, das Geschlecht eines Babys zu bestimmen, ist nicht einfach. Schon in Deutschland musste ich mehrfach erklären, dass es sich bei Fi um ein Mädchen handelt. Aber die Taktrate, mit der die Amerikaner sie für einen Jungen halten, macht mich doch stutzig.

Immerhin, die Rezeptionistin in San Francisco, einmal eingeweiht, begrüßt Fiona fortan mit breitem Grinsen und großem Enthusiasmus für die „polkaaaa dots!“, die ihre kleinen Lederschlappen zieren. Die gefallen auch der Dame in dem winzigen Fischrestaurant-Verhau an einem kleinen Hafen von Oregons Küste. Doch auch sie hält Fiona für einen Jungen. Mit Rotweinglanz in den Augen, noch im Kostüm von dem Kirchenbesuch, erzählt sie selig von ihrer Gemeinde und der Aufregung, die sie einmal ausgelöst hat, als sie einmal einem weiblichen Baby eine Leggins angezogen hat, das daraufhin alle für einen Jungen hielten. „Aber sie hat doch auch Kleider?“, fragt sie mit besorgtem Blick auf Fi, die fröhlich die wackeligen Wände auseinander nimmt. Als ich nicke, wirkt sie beruhigt. Sie zahlt und steht unsicher auf ihren riesig hohen Stilettos auf. Wir stellen uns vor, wie sie an den Hafenarbeitern vorbei schwankt oder vielleicht angeschwipst in ihr Auto steigt und zu dem Hotel braust, das sie in dem Ort führt.

Als wir schließlich in einem Disney-Store landen, werden all meine emanzipativen Alpträume wahr. Auf den Bügel hängen glitzernde, paillettenbewehrte Prinzessinnenkleider, eines schimmernder als das andere. Gut, dass Fiona lieber verzückt der Dame lauscht, die mit ganzem Körper und Stimmeinsatz nahezu sämtliche Charaktere aus dem neuesten Monster-Animationsfilm vormacht. Uns sind die Schlafanzüge auch lieber, auf denen steht „Mommy’s little Monster“. Die Kassiererin begrüßt Fi daraufhin natürlich mit „Hi, guy!“

Als wir rausgehen, erleben wir, wie kleine Mädchen kreischend auf die Kleider losrennen. Wir ahnen: die Zeit, in der Fi für einen Jungen gehalten wird, ist nur eine Schonfrist.




Familienfreuden auf Reisen: Verrückte Hühner

San Francisco versus Normen mit Kinderwagen. (Foto: Albach)

San Francisco versus Normen mit Kinderwagen. (Foto: Albach)

San Francisco wurde nicht für Kinderwagen gebaut. Ganz sicher nicht. Kaum wagen wir uns in die spannenden Gebiete der Stadt vor, wird es anstrengend.

Sportlicher Kinderwagen hin oder her, ich gebe ziemlich schnell auf und an Normen weiter. Der ächzt und stemmt sich mit seinem ganzen Körper gegen Fionas Porsche, um die gefühlten 90 Grad. Steigung zu packen. Wir sehen Autos die berühmte Lombard Street hinab fahren, Fiona lallt fröhlich unter ihrem Regenschutz und Normen kommt ins Schwitzen. Wir suchen Erfrischung in einem Café, Fi sucht Erleichterung. Wickeltisch? (Was heißt das bloß auf Englisch?) Fehlanzeige. Wir entwickeln Wickelfindigkeit und schaffen den Wechsel auf einem halbem Quadratmeter vor dem Klo.

Später, an Fishermans Wharf, zeigt Fi wenig Gespür für die vom Lonely Planet vorgeschlagenen Sehenswürdigkeiten und bestaunt statt der strunzenden Seelöwen die herrlich im Wasser glitzernde Sonne.

Dabei zeigt sie durchaus so etwas wie Tierliebe oder zumindest Interesse. Gut, den Elchen, die wir in den Redwood State Parks sehen, kann sie nur aus der Ferne zuwinken – was mehr an unserer Zurückhaltung liegt als an ihrer. Aber der Riesenameise, die an ihrer Picknickdecke vorbeikrabbelt, will sie am liebsten direkt hinterher. Und der lustige blaue Vogel mit Punkerfrisur erntet Applaus. Unser Zusammenzucken bei jedem knackenden Ast im Wald nimmt sie hingegen verwundert zur Kenntnis – die Propaganda, wonach überall Bären lauern, die selbst auf unsere Brötchenkrümel scharf sind, lässt Fi kalt.

Erstaunt beobachtet Fi allerdings den schrägsten Tierbesuch: ein kleiner Vogel fühlt sich durch unseren Camper so gestört, dass er aufgeregt auf unserer Motorhaube entlang hüpft und die Spiegel angreift. Noch beim Einschlafen hören wir ein rhythmisches toctoctoc. Radkappe gegen Vogel, Eins zu Null.




Familienfreuden auf Reisen: Die mauen Herren

Ankommen! Und das möglichst gut. Das war eigentlich der einzige Gedanke, der uns antrieb beim Abflug. Dass unsere Reise in die USA mit Fiona zu einer ganzen Reihe von seltsamen Begegnungen mit mauen und merkwürdigen Herren werden würde, konnten wir ja nicht ahnen.

Startschuss war schon am Gate. Ein kleiner, wohlproportionierter Herr mit Lupe in der Hand fragte uns mit unnachgiebiger Miene und Ungeduld im Blick, ob wir unser Gepäck a) selbst gepackt und b) jemand anders dazu Zugang gehabt hätte. Fi schaute den Herren ebenso erstaunt an, wie wir beide.

Trotzdem schafften wir es in den Flieger. Obwohl wir fast eine Stunde bis zum Abflug warten musste und die arme Fiona schrie wie am Spieß, sagte der ältere Herr in der Reihe hinter uns später zu mir, wir würden einen sehr guten Job machen und tätschelte meinen Kopf. Als Fi eingeschlafen war, war ich geneigt, seinen Worten Glauben zu schenken – vor allem, als die Landung ohne befürchtete Druckausgleichsschreie erledigt war. Elf Stunden Flug – wir hatten es geschafft!

Oder zumindest fast. Uns stand noch der immigration process bevor. Der Herr mit der schnittigen Frisur (gerade wie ein Lineal) und dem dazu stark kontrastierenden Armtattoo sagte, kaum, dass er einen Blick auf uns geworfen hatte: „Guten Abend!“ und demonstrierte fortan sein bestes Deutsch. Da wundert man sich nach elf Stunden Flug schon. Bereitwillig erzählte er, dass er in Deutschland stationiert gewesen war. „In Bad Tölz. Aber ich bin nicht der Bulle von Tölz! Dafür fehlen mir ein paar Kilos.“ Breites Lachen. Waren wir wirklich gerade in Amerika angekommen?

Der asiatische Taxifahrer, der uns nahezu alle unsere Gepäckstücke einladen ließ, bevor er meinte, dass das wohl doch nicht passe, wunderte uns da schon kaum noch. Als wir schließlich, die Augen kaum noch auf haltend, in unserem Hotel ankamen, schien es kein Geringerer als der Bruder von Forest Whitaker zu sein, der uns die Tür aufhielt und uns herzlich willkommen hieß. Fiona goutierte alles mit einem königlichen Winken.

Die seltsamste Begegnung bescherte uns allerdings ihre Schlafstätte: Als wir um ein Babybett baten, klopfte wenige Minuten später ein Herr an unsere Zimmertür: Schwarzer langer Mantel, Sonnenbrille, Goldkette – und vor allem zwei Uhren, so groß wie Joghurtbecher, in strahlendem Gold, besetzt mit unzähligen, glitzernden Diamanten. In der einen Hand hielt er: Fionas Babybett! Er, der sonst sicher eher unliebsame Klienten zurechtstutzte oder kruden Geschäften seinen Segen gab, ächzte nun beim Zusammenbauen des kleinen Bettchens. Ein Bild, das uns in unsere Träume begleitet hat.




Familienfreuden auf Reisen

Es geht ein Sonderflug nach San Francisco. (Bild: Albach)

Es geht ein Sonderflug nach San Francisco. (Bild: Albach)

Jetzt geht es also los. Auf große Reise. Ganz ernsthaft. Was haben wir uns da angetan?

Ok, das war jetzt wieder so ein kurzer Schreckgedanke – aber eigentlich freue ich mich tierisch. Denn: Wir fliegen gleich los, nach San Francisco. Unsern Traum erfüllen. Fünf Wochen wollen wir mit Fi durch die Gegend cruisen, hoch bis nach Seattle, auf dem Weg viele Nationalparks, die nicht so bekannt sind, aber so klingen, als würde man sie nie wieder vergessen. „Schuld“ an diesem Vorhaben ist ein munteres Pärchen, das wir vor Jahren in Australien mit ihrem Baby getroffen haben und das uns vorschwärmte, dass man seine Elternzeit kaum besser verbringen könne als mit so einem Trip. Stimmt eigentlich, dachten wir. Und da war der Floh im Ohr.

Hinter uns liegen jetzt einige Monate der schrägsten Reisevorbereitungen, die ich bisher erlebt habe. Dem Herrn im Reisebüro dürften noch heute die Ohren klingeln von all unseren Fragen. Seinen Vorschlag, ein neun (!) Meter langes Wohnmobil zu nehmen statt des jetzigen, stolzen siebeneinhalb Meter langen – weil günstiger – haben wir trotzdem abgelehnt. Ich sah uns schon kurvenreiche Nationalparks durchfahren, beobachtet von sich Tatzen reibenden Bären, die sich auf den nächsten leckeren Snack in der Dose freuten.

Weitaus weniger einfach war die Frage, ob unser Kindersitz im Flugzeug zugelassen wäre. Der erste Anruf bei der amerikanischen Fluglinie brachte die Bekanntschaft eines jungen Amerikaners, der seine (mäßigen) Deutschkenntnisse strikt an mir ausprobieren wollte und schlussendlich vorschlug, ich könne das sicher googeln. Beim zweiten Versuch, direkt bei der amerikanischen Hotline, wurde mein Mann Normen mit den munteren Worten abgespeist: „If it’s approved by the Germans, it’s ok!“ Na, da scheint der Ruf der Deutschen ja noch gut zu sein…

Letzte Woche habe ich dann eine mir bislang unbekannte Form der „ich muss horten“-Panik erlebt: Mindestens eine halbe Stunde stand ich vor dem Babynahrungs-Regal im Drogeriemarkt meines Vertrauens und überlegte, ob jeweils ein Glas Schinkennudeln und Bio-Kalb mit Karotte reichen würden. Als ich mit einer zum Bersten gefüllten Tasche nach Hause kam, rieb Normen sich die Augen, als wäre er in Alices Wunderland. Behutsam erklärte er mir, dass wir sicher auch in den USA Babynahrung bekämen, was ich ihm nach Vorlage diverser Supermärkte in San Francisco Downtown auf Google Maps auch glaubte (obwohl ich doch im Internet noch einmal recherchiert habe, ob die angebotenen Gläschen auch wirklich ohne Zusatzstoffe auskommen). Tja, als Ma lernt man sich selbst neu kennen…

Jedenfalls sind die Koffer gepackt, der Bauch fliegt jetzt schon – und Fiona erlebt gleich den ersten Flug ihres Lebens!

 




Ewige Kindheit, zähflüssige Fantasie: Robert Wilson inszeniert „Peter Pan“ in Berlin

Peter Pan und Robert Wilson verbindet einiges: die Liebe zur Traumwelt einer grenzenlosen Fantasie, und, noch wichtiger, der niemals endende Versuch, nicht alt zu werden, ewig Kind zu bleiben.

Szene aus "Peter Pan" mit (in der Luft schwebend, von links) Christopher Nell, Sabin Tambrea, Stefan Kurt und Ensemble. (Foto: © Lucie Jansch/Berliner Ensemble)

Szene aus „Peter Pan“ mit (in der Luft schwebend, von links) Christopher Nell, Sabin Tambrea, Stefan Kurt und Ensemble. (Foto: © Lucie Jansch/Berliner Ensemble)

Endlich, mit 71 Jahren und nach unzähligen Inszenierungen, hat der Bühnenmagier und Theaterzauberer aus Waco/Texas in dem von James Matthew Barrie erfundenen Peter Pan jenen störrischen Helden gefunden, der so ist wie er selbst: ein greises Kind, das mit stoischer Gelassenheit seinen eigenen Weg geht und für die Welt der Erwachsenen nur ein müdes Lächeln übrig hat.

An Claus Peymanns Berliner Ensemble fliegt Bob Wilson jetzt mit dem Kindskopf Peter Pan (Sabin Tambrea), der neugierigen Wendy und ihren etwas dumpfen Brüdern, begleitet von der frechen Elfe Tinkerbell, ins Nimmerland. Dort kämpft er mit Käpt´n Hook (Stefan Kurt), trifft Indianer, Nixen, Krokodile. Was für ein großes Abenteuer! Möchte man jedenfalls hoffen. Doch es ist ein zäher und langweiliger Abend, ein in filmischer Zeitlupe erzähltes Kindermärchen, vorgelesen von einem Erwachsenen, dem allmählich die Fantasie ausgeht und der nur noch seine alten Ideen recycelt.

Ob der zwischen Opern- und Theaterbühnen rund um den Globus jettende Wilson in Paris die „Zauberflöte“ oder in New York den „Lohengrin“ inszeniert, in Hamburg den „Black Rider“ oder in Baden-Baden den „Freischütz“ auf die Bühne zaubert: Es sind immer die gleichen Licht- und Soundeffekte, die fragil gestylten Möbel und die leichenblass geschminkten Darsteller, die ihre Hände manieriert spreizen müssen und vorm Mund ein Mikroport haben, damit wir auch jeden Seufzer und jedes Ach und Weh hören. Design statt Sein und sanft dahin schlingernde Musik statt einer spannenden Story mit psychologisch ausgeleuchteten Figuren.

Von der US-Band CocoRosie hat Wilson sich eine bunte Perlenkette neuer Songs schreiben lassen. Sie klingen ein bisschen schräg und schlingernd, als hätte Tom Waits eine Verabredung mit Kurt Weill gehabt. Ganz nett und unterhaltsam, doch auch ein wenig flau und beliebig. Aber das macht nichts, will doch der altersmilde Wilson ohnehin niemanden erschrecken.

Weiteres Tableau aus "Peter Pan". (Foto: © Lucie Jansch/Berliner Ensemble)

Weiteres Tableau aus „Peter Pan“. (Foto: © Lucie Jansch/Berliner Ensemble)

Nur einmal gerät das Ganze fast ein wenig aus dem harmlosen, exakt choreographierten Tritt. Der androgyne Peter Pan und der zauselartige Hook kommen sich nah: Hook geht vor seinem Erzfeind Peter Pan in die Knie, streichelt ihm erotisch Schenkel und Gemächt, entblößt seinen Armstumpf. Hier haben sich zwei schwule Seelen gefunden. Doch schnell ist auch diese Versuchung dahin.

Ein paar schöne surreale Bilder, ein kurioses Bett aus Schafen, ein trauriges Krokodil, das mit blinkenden Augen über die Bühne irrt und lange suchen muss, bis es Hook gefunden und gefressen hat, ein paar kesse Einlagen von Christopher Nell, der als vorwitzige Tinkerbell zum heimlichen Star des Abends wird. Das war´s.

Berliner Ensemble, nächste Vorstellungen am 11., 12. Mai, 1. und 2. Juli. Karten unter 030/28 40 81 55.




Rätsel der Pyramide – Umstrittene Abi-Klausur in Mathe wird nicht wiederholt

Soeben kam es über den Ticker. Die umstrittene Klausur für den Grundkurs Mathematik der diesjährigen Abiturientia wird nicht wiederholt.

NRW-Bildungsministerin Löhrmann sieht keinen Grund für eine Wiederholung oder ein Noten-Upgrade. Die Hoffnung stirbt zwar zuletzt, aber wir hatten es nicht anders erwartet. Warum auch? Schon die gestrige Abwesenheit der Ministerin, als wütende Schüler vor ihrem Ministerium demonstrierten und ihre später nachgeschobene schmallippige Erklärung, man werde die Argumente der Schüler prüfen lassen, ließen nichts anderes erahnen. Passt ja. Es ging ja nur um ein paar Chancen für so manchen, einen Numerus Clausus zu schaffen, es ging ja – zugespitzt formuliert – nur um die Zukunft unserer Kinder.

Keine Erleichterung für den Jahrgang 2013 – im Gegenteil

Von vorne. Die schriftlichen Klausuren im Abi Doppeljahrgang 2013 sind absolviert. Ich war ja klammheimlich immer davon ausgegangen, dass der Jahrgang 2013 „geschont“ wird und man es ihnen leichter machen würde als den Jahrgängen davor. Schließlich ist es das erste Jahr, in dem auch Schüler nach nur 8 Jahren Gymnasium (G8) zur Reifeprüfung antreten und die Politik mit einem guten Notendurchschnitt beweisen könnte, dass G8 leichterdings machbar ist. Damit habe ich weit gefehlt. Sehr weit gefehlt. Gut, dass ich diese irrige Annahme vorher schön für mich behalten habe. Denn leichter ist hier gar nichts in diesem Jahr.

Vorherrschender Tenor in der mir bekannten Schülerschaft vom ersten Tag an: Die Klausuren sind schwerer als in den letzten Jahren, schwerer und umfangreicher. Zugegeben, jeder Jahrgang empfindet subjektiv seine Prüfungen als „die schwersten von allen je dagewesenen und allen, die noch kommen werden“. Zur umfangreicheren Aufgabenstellung lässt sich natürlich auch sagen: Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Wenn eine Aufgabenstellung umfangreich und dezidiert ist, läuft man nicht so schnell Gefahr, in eine falsche Richtung abzudriften. Lassen wir dieses allgemeine Gefühl also unkommentiert.

Tangential zur Horizontalen verlaufende Gerade in der Rampe des BMX-Fahrers

Dann gab es ja noch die umstrittene Mathematik-Klausur. Mein Sohn und einige seiner Freunde haben diese auch geschrieben. Ihr Gefühl ist – vorsichtig ausgedrückt – mies. Die Pyramide, die eigentlich ein regelmäßiger Polyeder/Tetraeder ist, gab ihnen etliche Rätsel auf. Vor allem die Ebene mit drei Unbekannten, deren Fläche ausgerechnet werden musste. Keiner aus dem Grundkurs hat das gekonnt. Die Schüler des Leistungskurses allerdings schon. Bei denen kam das aber nicht dran. Noch schlimmer war die tangential zur Horizontalen verlaufende Gerade in der Rampe des BMX-Fahrers. Ausgebaggert werden sollte auch noch was an dieser Rampe. Dumm nur, dass das keiner berechnen konnte, weil die Formel fehlte. Und selbst wenn man vorher diese Formel hätte lernen wollen, im Tafelwerk Mathematik hätte man sie auch nicht gefunden. Die Formel bei dieser Zeitvorgabe selbst zu entwickeln hätte im übrigen auch die Leistungskurs-Schüler überfordert.

Rampe des BMX-FahrersPyramide des Grauens

 
Die Mathe-Klausur strotzte nur so von Spezialfällen, so hatte es das in den vergangenen Jahren in der Tat noch nie gegeben. Vom Oktaeder des Grauens 2008 mal abgesehen. Zudem war die Klausur in der vorgegebenen Zeit nicht zu schaffen. Mein Sohn hat eine Aufgabe, für die es 18 von 100 Punkte gab, für sich selbst zurückgestellt und hatte am Schluß noch max. 5 Minuten Zeit, diese in Angriff zu nehmen. Viele andere Schüler haben eine Aufgabe, für die es 50 von 100 Punkten gab, nicht. Und soweit reicht das Rechenvermögen auf jeden Fall, um zu wissen, bei welcher Note man damit gelandet ist. Mein Sohn hat mir erklärt: Für jede Klausur gibt es drei Gebiete, die egal in welchem Fach, berücksichtigt werden müssen. 1. Re-Organsisation: die Wiedergabe des Gelernten. 2. Transfer: Übertragung des Gelernten auf gestellte Aufgaben. 3. Eigenständiges Denken: in Mathe z.B. die Entwicklung von Formeln, die nicht gegeben sind. Für Punkt 3 hat die Zeit einfach nicht gereicht.

Die Wut richtet sich nicht gegen die Lehrer

Mich macht das Ganze auf der einen Seite traurig, aber auch noch wütender als ich vorher schon war. Ich kann auch rechnen und ich weiß, wenn nicht wenigstens eine 1 vor dem Komma steht, dann war es das mit dem Studienplatz. Ich erinnere an die Benchmark: 1,2 für Germanistik in Bochum in diesem Jahr. Die Wut der Schüler. die sich in sozialen Netzwerken und bei der gestrigen Demonstration entlud, ist berechtigt und verständlich. Die Wut richtet sich übrigens in keiner Weise gegen die Lehrer. Dort ist die Meinung einhellig: Die Lehrer haben in den vergangenen Jahren viel Einsatz gezeigt und getan, was sie konnten, um das eigentlich Unmögliche zu ermöglichen. Wir haben nachgezählt: Wenn man für alle Spezialfälle, die der Lehrplan vorsieht, auch nur eine einzige Stunde veranschlagen würde, wäre man gerade so damit durchgekommen. In G9 wohlgemerkt. Moderne pädagogische Gesichtspunkte wie „Inhalte selbst erarbeiten“ hätte man da allerdings nicht berücksichtigen können, mit der Brachialmethode „Nicht verstehen, einfach lernen“ wäre es vielleicht gegangen.

Von der Bildungspolitik im Stich gelassen

Mittlerweile dürfte auch dem letzten der diesjährigen Abiturienten klargeworden sein, dass sie der im Stich gelassene Jahrgang sind. Jahrelang hat man hier fahrlässig zusammengezimmerte Experimente auf dem Rücken unserer Kinder gefahren, nun sieht man das dicke Ende in Form von überfüllten Unis nahen. Und als Konsequenz stellt man Aufgaben, die kaum lösbar sind, um damit zu „sieben“ und den Notenschnitt möglichst zu drücken? Echt gute Idee. Unglaublich motivierend. So löst man das Bildungsproblem. Bundesländer dieser Nation, schaut auf NRW. Das Bundesland der einfachen Lösungen. Wenn auch nicht in Mathe.

Wir schauen jetzt nach vorne, hoffen das Beste und wünschen dem BVB heute abend mehr Glück, als es unsere Abiturienten mit der Mathe-Klausur hatten…

(Die von mir abfotografierten Skizzen zu den Aufgaben hat mein Sohn nach der Klausur aus dem Gedächtnis gezeichnet, um mir zu erklären, was so schwierig war. Ich habe überhaupt nichts verstanden, das gebe ich ehrlich zu. Fragen dazu kann ich nicht beantworten, aber gerne an den Schöpfer der Skizze weiterleiten.)




Familienfreuden X: Es blüht so rot

Die mütterliche Schnelldiagnose. (Bild: Nadine Albach)

Die mütterliche Schnelldiagnose. (Bild: Nadine Albach)

„Röteln!“

Ich ließ mich auf den Stuhl fallen. Fiona hatte es wieder einmal erwischt. Kein Wunder: Der Besuch von Babygruppen à la Pekip & Co gleicht in Bezug auf Krankheiten einer Bombe mit Zeitzünder – erst nach drei Tagen weiß man, ob sie detoniert oder nicht. Diesmal aber schien der Einschlag heftig zu sein. Das Fieber kletterte in luftige Höhen. Und rote Flecken blühten auf Fi’s Wangen wie auf der schönsten Klatschmohnwiese.

„Sie ist ja total rot!“ waren denn auch die Worte, mit denen meine Mutter eine fieberhafte Internetrecherche auslöste, mit der verglichen Odysseus‘ Irrfahrt ein Witz war. Bilder von übelsten roten Malen zogen an mir vorbei: Großflächig wie Kontinente auf dem Globus, winzig klein, getupft, erhaben, pickelig… der Dreiklang aus Masern, Mumps und Röteln machte mich ganz schwach.

Und apropos: hatte ich da nicht auch schon rote Stellen am Bauch? Und das juckte wie verrückt!

Da half nur noch der Arztbesuch. Die Sprechstundenhilfe gab mir einen Termin um halb Fünf. Noch drei Stunden!

Fi schlummerte und bekam von der ganzen Aufregung nichts mit.

Ich hingegen rannte in der Wohnung rum wie ein Tiger im Käfig. Endlich war es 16 Uhr, endlich konnte ich sie reisefertig machen.

Wickeln, Fieber messen… kein Fieber mehr!

Und die roten Flecken? Weg!

Hektisch überlegte ich: Hatte ich am Telefon wirklich etwas von Röteln gesagt? Sollte ich alles leugnen und auf einen Hörfehler der Sprechstundenhilfe verweisen? Oder können Röteln ein „Time Out“ in Anspruch nehmen?

Beinahe hätte ich Fi auf dem Weg zur Ärztin in die Wangen gezwickt.

Als wir im Behandlungszimmer saßen, fing Fi auch noch an, munter zu brabbeln.

Peinlich berührt berichtete ich der Ärztin von meinen Befürchtungen.

Sie tat mir den Gefallen und lachte mich nicht aus. „Sie müssen sich bei uns für nichts schämen!“, sagte sie und diagnostizierte: eine normale Erkältung! Vielleicht aber hätte sie mich auch untersuchen sollen – denn ich war längst so rot, dass kein Bild aus der Google-Galerie es hätte übertreffen können.




Nach der Mottowoche ist vor dem „Konklave“: Abi 2013 auf der Zielgeraden

SherlockHolmesundArielleWenn einem am frühen Morgen in der Küche Bonnie und Clyde begegnen und Sherlock Holmes seine Liebe zu Meerjungfrauen entdeckt, dann ist Mottowoche der Abiturientia.

Die Woche vor den Osterferien ist für die Abiturienten die letzte reguläre Schulwoche vor den Prüfungen. Grund genug zum Feiern. Das Ende der „richtigen“ Schulzeit, das Zulassungszeugnis und überhaupt – man hat es überlebt. Das Gemurkse und Gemauschel rund um G8 und G9. Jeder Tag steht unter einem anderen Motto, allseits beliebt sind die Helden der Kindheit und die Zeitreise. Durch die Stadt flattern Elfen, latschen Cowboys, dazu Micky Mäuse, Ernies und Berts, dazu erstaunlich viele Heidis.

In manchen Städten, so war zu lesen und hören, ist die Sache aus dem Ruder gelaufen. Von Bengalos war die Rede, von Verletzten und erheblichen Sachschäden an den Schulen. In Recklinghausen blieb es im Großen und Ganzen im Rahmen des Vorgegebenen. Der Schulhof des Petrinums Recklinghausen konkurriert mit der Palmkirmes, vor dem Marie-Curie-Gymnasium ruhen ermattete Pyjamaträger auf einem Matratzenlager.

Man kann die Jugendlichen auch ein bißchen verstehen. Die Erleichterung, es bis hierhin geschafft zu haben, ist deutlich spürbar. Die Verunsicherung und die Angst vor dem, was kommen wird, aber auch. Ein bißchen ist es wie ein verfrühter Tanz auf dem Vulkan. Nichts ist geregelt für den zu erwartenden Ansturm des Doppeljahrgangs, im Landtag greift die Opposition (formerly known as mit heißer Nadel schnellstrickende G8-Erfinder) die Landesregierung an, die Unis wären überlaufen, die Messlatte für die Zulassungsbeschränkung müsse noch einmal höher gelegt werden.Joker Für so manchen unter den Schülern der blanke Horror. Die Frage, wo man einen Joker herbekommt, ist nicht unberechtigt.

Statt Osterferien ist jetzt Pauken angesagt. Die Klausurtage haben begonnen – oder wie man derzeit (von römischen Wahlgängen inspiriert) gerne sagt: Man begibt sich ins Konklave. Mit der Außenwelt wolle man nur noch durch Rauchzeichen kommunizieren. Schwarzer Rauch bedeutet: Koffein-Nachschub erwünscht, weißer symbolisiert das Verlangen nach zuckriger Nervennahrung. Na denn, Glückauf den Abiturienten, gute Nerven den Müttern und Vätern.




Familienfreuden IX: Still-In

Viele Wege führen zur Sättigung - warum nicht auch ein Still-In? (Zeichnung: Nadine Albach)

Viele Wege führen zur Sättigung – warum nicht auch ein Still-In? (Zeichnung: Nadine Albach)

Es klingt nach: Ruhe, nach himmlischer. Kein Schreien, kein Nölen, einfach Ruhe. Die Rede ist vom Stillen. Da steckt ja schon im Wort, dass damit mindestens eine der beteiligten Parteien – Mutter und/oder Kind – in selige Entspannung verfällt. Zumindest ist das die Unterstellung im deutschen Wortschatze: Die Franzosen sind da deutlich pragmatischer und sprechen von „allaiter“, worin schlicht das Wort „lait“, also Milch, steckt und somit die Nahrungsaufnahme im Vordergrund steht. Die innige, auf wonnigen Werbebildern zur Genüge dargestellte, körperliche Mutter-Kind-Beziehung, idealisiert das Deutsche hingegen schon verbal.

Für das Umfeld der stillen(den) Glückseligen aber ist das Stillen nicht immer ein Geschenk. Ich meine, es war Harald Schmidt, der darüber lästerte, man könne kaum irgendwo in Ruhe seinen Kaffee trinken, ohne dass einem eine blanke Brust entgegenspringt. Dabei möchte auch ich meinen Mitmenschen nur ungern nackte Tatsachen ins Gesicht reiben – Fiona allerdings ist da weder verhandlungsbereit noch schambehaftet (wer weiß, vielleicht gründet sie später mal eine Kommune), ganz egal, wo wir gerade sind.

So bin ich inzwischen zur Hüterin der schrägen Stillorte geworden.

Ein Café oder ein Restaurant sind ja langweilig. Der Hunger überkommt Fiona gern in ungewöhnlichen Umgebungen (ob mit Absicht?). Jedenfalls hatte ich schon die zweifelhafte Ehre, eine Waschanlage zur Milchbar umzufunktionieren: Während die Waschbürsten meditativ schrubbten und außen das Wasser nur so floss, sprudelte im Autoinneren lecker Milch.

Im Laufen, im Liegen, im Sitzen, am Stadtparkteich neben den Enten oder auf 1500 Metern in der Schweiz – alles kein Ding. Eine Freundin hat mir sogar erzählt, dass sie es sich letztens in der Matratzenabteilung von Ikea gemütlich gemacht hat.

Mein Lieblingsort war allerdings – der Friedhof. Grabsteine und Gedenken hin oder her, Fiona hatte Hunger. Und das ist bei einem Baby kein Zustand, der zu großen Diskussionen anregt. Unangenehm war mir das trotzdem, ich wollte ja niemanden (von den Besuchern) stören. Also suchte ich mir die hinterletzte, zugewachsene Ecke und regte an, Fiona möge sich beeilen. Doch wo zuvor keine Menschenseele zu sehen war, tauchte plötzlich ein älterer Herr auf. Ich hatte mich ausgerechnet am Wasserspender platziert – und der arme Mann wollte einfach nur ein Grab gießen. Einen kurzen Moment lang trafen sich unsere Blicke. Ein wenig beschämt, ein wenig erschreckt, vor allem hilflos, in Gedanken an altes und neues Leben.

Schnell senkte der Mann den Blick, schob die Hände in die Manteltaschen und ging eilig davon. Fiona trank weiter, als wäre nichts geschehen. Um uns herum – Stille.




Jähes Erwachen aus Kinderträumen: Zum Ende des Spielwarengeschäfts Lütgenau in Dortmund

Die Nachricht wird wohl keinen alteingesessenen Dortmunder kalt lassen: Das traditionsreiche Spielwaren-Fachgeschäft Lütgenau schließt nach 75 Jahren.

Kaum ein Kind in dieser Stadt und bis weit ins Umland hinaus, das nicht schon mit leuchtenden Augen vor den Schaufenstern am Ostenhellweg gestanden hätte – und das ging seit einigen Generationen so fort. Lütgenau war „immer schon da“ und würde gewiss ewig weiter bestehen. Einen Rest dieses Kinderglaubens hat man ja selbst noch gehegt.

Ob auch sie um den Spielzeugladen trauern? (Foto: Bernd Berke)

Ob auch sie um den Spielzeugladen trauern? (Foto: Bernd Berke)

Besonders in der Vorweihnachtszeit hat man sich Jahr für Jahr daran erinnert, wie das damals gewesen ist – die frühen Stofftiere, die erste Lok für die Modelleisenbahn… Hier hat man sie gesehen und sie sich sehnsüchtig gewünscht. Es waren jene Zeiten, als das Wünschen manchmal noch geholfen hat.

Auch in den letzten Jahren ist man wie selbstverständlich zuerst dorthin gegangen, wenn Kinder Geburtstag hatten oder wenn sonstwie Spielzeuggeschenke gebraucht wurden. Als unsere Tochter (dreieinhalb Jahre) heute hörte, dass es diesen verlockenden Laden (nicht zu vergessen das Nostalgie-Schaukelpferd vor dem Eingang!) bald nicht mehr geben wird, war sie spontan bereit, mit ihrem Sparschwein gleichsam zur Sanierung beizutragen. Ach, da wird einem doch weh ums Herz.

Auch mit kühlerem Kopf besehen, ist es betrüblich, wie die ortstypischen, inhabergeführten Geschäfte nach und nach aufgeben, wie sie den allüberall präsenten Ketten und Konzernen das Feld überlassen (müssen). Diese wiederum haben ebenfalls Mühe, sich gegen die immer härtere Konkurrenz der Internet-Versender zu behaupten. Wenn das alles weiter rasant in die falsche Richtung läuft, hat es sich bald mit der Urbanität des Dortmunder Stadtzentrums und ähnlicher Lagen ausgespielt. Oder kommt da etwas Besseres nach?

Den Ruhr-Nachrichten zufolge hat Lütgenau-Inhaber Andreas Mehls vergebens Nachfolger gesucht. Niemand habe sich an diesem Standort eine günstige Perspektive vorstellen können. Als Grund für das „Aus“ führt er neben dem spürbaren Kindermangel die landläufige Gewohnheit etlicher Leute an, sich im Fachhandel lang und breit beraten zu lassen und dann beim Internet-Anbieter zu ordern. Ich sag’s mal so gedämpft: Man möchte solche Schnäppchenjäger nicht unbedingt zu seinen besten Freunden zählen.

Lütgenau liegt übrigens schräg gegenüber der seit Anfang Februar redaktionslosen Phantom-Zeitung Westfälische Rundschau. Es bröckelt und bröckelt in dieser Lage, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Der Ostenhellweg verliert, verglichen mit dem Westenhellweg (Thier-Galerie mit 160 Geschäften, Karstadt, Kaufhof, Saturn etc.), immer mehr an Boden. Zu fürchten ist, dass am Ausläufer des Ostenhellwegs eine teilweise schäbige Meile mit anhaltenden Leerständen und Billigst-Anbietern entsteht. Vorboten kann man jetzt schon besichtigen.




Familienfreuden VIII: Druckerschwärze ahoi!

Wenn Fiona aufwacht – was derzeit noch zu einer verträglichen Uhrzeit geschieht -, gibt es für sie schon jetzt kleine Morgenrituale.

Schnalzübungen mit der Zunge lassen uns ahnen, welche irren Abenteuer sie nachts erlebt hat. Und die Spritze, die eigentlich keinen richtig lustigen Hintergrund hat (es sei denn, Bakterien für die Darmflora könnten singen), wird von ihr liebevoll in die Hände genommen wie sonst nur Hubbi, der rasselnde Hund.

Doch selbst Hubbi, Otto die Krake oder Chantal, der kuschelige Schnuffeltuchbär (ein Zoo seltsamer Vornamentiere) sind vergessen, wenn Fiona die Zeitung erblickt. Fiona weiß schon jetzt, dass dieses schwarz-weiße Druckwerk zum Frühstückstisch gehört, wie für sie die Muttermilch. Mit großen Augen betrachtet sie die bunten Fotos und greift nach ihnen, als könne sie die Menschen darauf anfassen. Und wenn ich ihr den ein oder anderen Artikel vorlese, kommentiert sie die Geschichten mit lauten „Aaahs“, „Buuuhs“ und „Pfffts“, als wüsste sie schon ganz genau, was ein guter Text ist.

Letztens, als ich in den Genuss meines Kaffees versunken war, hörte ich plötzlich ein wildes Rascheln und glucksende Laute: Fiona, den unbeobachteten Moment nutzend, hatte sich die Zeitung geschnappt und sich komplett eingewickelt in diese Worte, die die Welt beschreiben. Glücklicher konnte sie kaum aussehen. Auch wenn die anschließende Waschorgie auf wenig Begeisterung stieß – Druckerschwärze, ahoi!

Ach, Zeitung Du, ohne Dich geht es nicht beim Frühstück!




Opel Bochum mal aus einer anderen Sicht

Hier und heute mal etwas Anderes zum Thema Opel: Als kleiner Junge war ich oft bei meinen Großeltern in Bochum-Weitmar zu Besuch. Für ein Kind aus dem dörflichen Münsterland war das Ruhrgebiet eine aufregende Sache. Als dann die ersten Berichte über den geplanten Opel-Bau beim Opa bekakelt wurden, war ich überrascht. Konnte man eine große Autofabrik einfach so bauen? Auf eine Wiese?

Schauseite des Bochumer Opel-Werks (Foto: Bernd Berke)

Schauseite des Bochumer Opel-Werks (Foto: Bernd Berke)

Eine Fabrik, das war in meiner Vorstellung ein Sammelsurium unterschiedlicher Bauteile, die nach und nach aus einer Werkstatt entstanden waren, die mit der Firma wuchsen und dann eben eine Fabrik geworden waren.

Tatsächlich wurde Opel Bochum gebaut. Das war für uns eine Attraktion, die man von außen staunend besichtigte. Später war ich dann mit einem Freund in Eisenach, kurz nach der Maueröffnung und noch vor dem Ende der DDR. Damals im Februar 1990 lag ein stinkender Braunkohlerauch über der Stadt. Sie wirkte wie gelähmt, die Menschen gingen wortlos durch die Straßen, kein Lachen und Plaudern wie in westlichen Fußgängerzonen – von Aufbruch keine Spur. Wir tranken einen Kaffee in einer HO-Gaststätte. An einer langen Theke saßen morgens um 10 mindestens zwei Dutzend schweigende Männer und tranken Bier aus Flaschen.

opel-logo

In diesem Eisenach entstand dann auch eine Opel-Fabrik, noch moderner als die in Bochum und heute ebenfalls in Teilen schon wieder veraltet. Wann wird sie geschlossen? Der Braunkohlengestank in Eisenach ist weg, erzählen mir Bekannte. Die Stimmung näherte sich dem Westen an, vor allem Volksmusik sei dort beliebt. Die Menschen lachen und plaudern auch auf der Straße miteinander. Das bleibt so, bis Opel dicht macht. Vielleicht sollte ich mir ein neues Auto kaufen.




Familienfreuden VII: Vorsatz Nummer Eins – Windeleinfühlungsvermögen

 

Auch ein Baby kann Vorsätze haben. Bild: Nadine Albach

Auch ein Baby kann Vorsätze haben. Bild: Nadine Albach

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beim Aufräumen habe ich jetzt einen merkwürdigen Zettel gefunden. Ganz klein und schwer zu entziffern. Mittlerweile bin ich aber der Überzeugung: Es ist die Liste mit guten Vorsätzen unserer Tochter Fiona.

So etwas kann man sich offenbar schon vornehmen, wenn man gerade erst ein paar Monate auf der Welt ist.

Die Liste will ich den Revierpassagieren natürlich nicht vorenthalten – vielleicht fühlen Sie sich ja inspiriert?

Hier also die guten Vorsätze von Fiona für 2013:

  • Muss Fassungsvermögen meiner Windeln besser beachten!
  • Will an meiner Aussprache arbeiten: Selbst für mich klar artikulierte Wünsche werden nur unzureichend verstanden. Dabei ist doch logisch, dass „Aaaaoouuu“ heißt, dass ich mir den gelben Spielzeugzwerg vorknöpfen will. Vielleicht muss ich auch langsamer sprechen.
  • Treffsicherheit verbessern – vor allem, wenn es darum geht, den Brei in den Mund zu kriegen. Den letzten großen Pastinakenkrieg habe ich eindeutig verloren.
  • Zuneigungsbekundungen überdenken: Mochte die Tante doch so gern, der ich jüngst auf den Schal gespuckt habe…
  • Nicht mehr alles in den Mund stecken, zumindest nicht gleichzeitig. Obwohl… warum eigentlich nicht?
  • Muss dringend herausfinden, wie die beiden Leute heißen, die mich da ständig umschwirren. Werde sie einfach Mama und Papa nennen.
  • Muss Mama und Papa dringend neue Lieder beibringen. Kann „Die Affen rasen durch den Wald“ nicht mehr hören.
  • Alle Menschen anlächeln – verbreitet Fröhlichkeit.

 

In diesem Sinne: Guten Start in ein glückliches 2013!




Porsche-Christkind

Gerade habe ich im Radio Emerson, Lake & Palmers „I believe in father christmas“ gehört. Ich kannte das Lied vorher gar nicht. Aber als ich beim Hören auf unsere zappelnde, glucksende Tochter schaute, wurde mir ganz schummerig.

Weihnachten, das erste Mal mit Kind! Schon wieder so ein kleines Wunder.

Ich kann mir jetzt schon vorstellen, wie fasziniert Fiona auf den leuchtenden Baum schaut und ahne, dass das Rascheln des Geschenkpapiers ihr viel mehr Spaß machen wird, als die eigentlichen Geschenke.

Wir haben Weihnachten schon immer sehr liebevoll gefeiert, aber jetzt rückt noch ein bisschen mehr in den Vordergrund, worum es in diesen Tagen gehen sollte.

Außerdem steht ja noch eine essentielle Entscheidung an, auch wenn wir in diesem Jahr nochmal drum rumkommen: Werden wir Fiona vom Christkind oder dem Weihnachtsmann erzählen? Oder treten die beiden bei uns vielleicht als (W-)Team an?

Und wenn Fiona soweit ist, wird sie dann die Idee von altmodischen Wichteln verwerfen und eine Wunschliste auf Facebook schreiben, die von eifrigen Amazon-Zwergen bearbeitet wird? Wer weiß. Mein Patenkind denkt jetzt schon, dass das Christkind per Pickup unterwegs ist. Vielleicht glaubt Fiona ja mal an die Auslieferung mit einem fliegenden Elektro-Porsche – in knallrot versteht sich.

So oder so: Fröhliche Weihnachten!




Vorfälle (3): Trümmer, Rattengift, Nikolaus

Und wieder gibt’s Vorfälle im Dreierpack. Seltsam, dass immer genau so viele (unscheinbare) Sachen passieren, dass sich die Spalten einigermaßen mit Anstand füllen lassen. Es ist das alte Zeitungsphänomen. Die Seiten werden immer genau voll. Es bleiben keine Lücken und es fließt nichts über. Es geschieht nicht mehr und nicht weniger als nötig.

Nun aber zur Sache:

Immer wieder entzückt das euphemistische Maklerdeutsch. Eine der beliebtesten Worthülsen, mit denen so mancher Mangel einer Liegenschaft kaschiert werden soll, lautet „Potenzial“. Man kann ziemlich sicher gehen, dass Objekte, denen „Potenzial“ bescheinigt wird, nahezu in Trümmern liegen. „Mit etwas Phantasie“, so geht die kunstvoll ausgeschmückte Erzählung weiter, lasse sich hier ein Traum verwirklichen. Mit etwas Phantasie und jeder Menge Kohle, versteht sich.

Doch nun wird’s wirklich ernst. Tödlich ernst.

Stand ich doch neulich in der Apotheke, da rauscht eine ältere Dame herein und spricht: „Ich habe noch etwas vergessen. Ich brauche Rattengift.“

Betretenes Schweigen. Man kann die Gedanken geradezu in Schriftzug-Girlanden lesen, die durch den Raum schweben: „Will die vielleicht ihren Mann umbringen?“

Beinahe schon etwas zu weitschweifig berichtet sie, wie sich neuerdings das Rattenvolk auf ihrem Anwesen sammle und dringlich bekämpft werden müsse. Soso.

Sprachlich formschön hätte ich diese Wendung gefunden: „Rattengift führen wir nicht.“ Der Apotheker erklärt jedoch, er habe derzeit kein Rattengift vorrätig, könne aber unter Umständen welches bestellen. Es ist ihm freilich ein gewisses Unbehagen anzumerken. Also reicht er sogleich einen wohlmeinenden Ratschlag nach: Rattengift gebe es auch im Baumarkt. Ganz so, als begehre er, nicht schuld dran zu sein.

Mal ehrlich. Ich habe mir bisher keinerlei Gedanken über das Thema gemacht. Jedenfalls wäre ich nicht unbedingt auf die Idee verfallen, in einer Apotheke nach Rattengift zu fragen. Immerhin scheint dieser Vertriebsweg mit einer gewissen Kontrolle verbunden zu sein, wohingegen ein Baumarkt… Nun, man weiß es nicht. Und ich will nichts gesagt haben.

Der Mann der Stunde (Foto: Bernd Berke)

Der Mann der Stunde (Foto: Bernd Berke)

Wie aber komme ich jetzt von Rattengift auf Nikolaus? Nur durch einen beherzten Sprung.

Hopp!

…und dann war da noch der Vater, der heute früh seinen dreijährigen Sohn in die Kita brachte und sich so ganz alltäglich von ihm verabschiedete: „Papa muss jetzt schnell zu Arbeit. Mama holt dich nachmittags ab. Tschühüüüss. Viel Spaß!“

Sprach’s, verschwand flugs und heimlich in einem Nebenraum des Kindergartens, zog sich dort eilig um und kehrte als Nikolaus vor die fröhlich versammelte Schar zurück. Wir aber wollen inständig hoffen, dass er seine Stimme gut verstellt hat und ihn sein Sohn in der Verkleidung nicht erkennen konnte. Denn was wäre das Leben ohne Illusionen?




Familienfreuden VI: Alles ist ganz neu

 

Was für ein schöner erster Schnee! (Zeichnung: N. Albach)

Was für ein schöner erster Schnee! (Zeichnung: N. Albach)

Für ein Baby gibt es viele erste Male.

Eigentlich ist die ganze Welt ein einziges erstes Mal. Was für ein schöner Gedanke, dass für unsere Tochter Fiona alles neu und einzigartig ist.

Licht liebt sie besonders. Sobald irgendwo eine Lampe an ist oder eine Kerze brennt, haben alle anderen Bespaßungsversuche kaum eine Chance. Kaminfeuer hat es ihr besonders angetan: Wenn die Scheite lodern, starrt sie fasziniert auf die tanzenden Flammen – während ein Sabberfaden aus ihrem Mund läuft. Ob sie jetzt schon von Backäpfeln und Stockbrot träumt?

Ihren ersten Besuch auf dem Weihnachtsmarkt allerdings hat sie komplett verschlafen. Eingepackt wie ein Eisbär auf Reisen, schlummerte sie friedlich vorbei an Bratwurstduft, „Jingle Bells“-Bedröhnung aus den Lautsprechern und Glühweinfröhlichkeit. Wer weiß, vielleicht war ihr das auch zu kommerziell.

Abends jedoch, da war sie hellwach als sich etwas ganz besonderes ereignete: Es begann zu schneien. Die Flocken wirbelten nur so im Schein der Laterne. „Ihr erster Schnee“, dachte ich und wischte mir ein Rührungstränchen weg. Fiona lachte die Flocken an – und reckte sich dann wieder flugs Richtung Kamin.




John Irvings Roman „In einer Person“: Ein junger Mann sucht seine sexuelle Identität

Schauspieler leben gefährlich. Vor allem wenn sie jung sind, fast noch ein Kind, und nicht nur früh den Verlockungen des Theaters, sondern sich auch der Vielfalt der Rollen erliegen.

Dass Männer in Frauenkleider schlüpfen (und umgekehrt) und dass eine faszinierend schöne Schauspielerin in Wirklichkeit ein hormonbehandelter ehemaliger Mann ist, lernt der pubertierende William Abbott jedenfalls schon sehr früh. Seine Mutter arbeitet als schlecht bezahlte Souffleuse am Theater der (fiktiven) Kleinstadt „First Sister“. Sein Großvater trägt auf der Bühne gern Frauenkostüme und warnt den jungen, ebenfalls zum Theater drängenden William, dass es für einen Schauspieler manchmal schwer ist, bei all den Rollen und Identitätsvariationen den Überblick zu behalten und noch zu wissen, wer und was man eigentlich ist.

Miss Frost, seine Lieblingsbibliothekarin, die William mit den Romanen von Dickens und den Dramen von Ibsen vertraut macht, verliert ihren Job, als bekannt wird, dass die große Diva der Laien-Theatertruppe des Ortes früher ein Mann war und heute junge Knaben sexuell verführt. Was für William eine durchaus erregende Erfahrung ist, wird im Ort zum riesigen Skandal. Spätestens da weiß William, dass er das miefige Provinzkaff erst einmal für eine Weile verlassen und herausfinden muss, was er vom Leben und der Kunst erwartet und wie er es schaffen könnte, seine sexuellen Leidenschaften für Mann und Frau, die sich bei ihm „In einer Person“ zu einem explosiven Amalgam vermischen, ausleben zu können.

„In einer Person“ ist nun bereits der dreizehnte Roman von John Irving. Und wie die meisten seiner Vorgänger verarbeitet auch das neue Buch wieder viele biografische Erfahrungen des Autors zu einer weit ausgreifenden literarischen Fiktion. Denn ob in „Garp“ oder in „Owen Meany“, „Zirkuskind“, „Bis ich dich finde“ oder „Letzte Nacht in Twisted River“: Immer ist auch ein Stück fiktionalisiertes eigenes Leben in den Romanen des Autors versteckt. Auch Irvings Mutter war Souffleuse am Theater, auch Irving liebt Dickens und Ibsen, auch Irving wurde als Jugendlicher von einer älteren Frau ins Sexleben eingeführt. Auch Irving ist Scheidungskind und hat viele Jahre gebraucht, bis er seinen leiblichen Vater wiedergefunden hat. Auch Irving ist, wie sein Held William Abbott, passionierter Ringer. Man könnte ewig so weitermachen.

Aber was besagt das schon über die Qualität und die Sprengkraft von „In einer Person“, diesem vorwitzig und freizügig erzählten Roman über die Faszination des Theaters, die Schwierigkeit individueller Identitätsbildung und die sexuelle Prüderie im Amerika der 50er und frühen 60er Jahre? Der Held und Erzähler William Abbott, der auf sein bewegtes Leben als Bisexueller zurückblickt, nimmt den Leser mit auf eine Reise ins Herz der Finsternis sexueller Befreiung: Denn auf die große sexuelle Sause der Schwulenbewegung der 70er Jahre folgte in den 80ern mit der Aids-Epidemie das große Sterben. Für William, der alle sexuellen Spielarten erprobt und das hippe Leben in New York und San Francisco genossen hat, wird es Zeit, wieder nach Vermont, in seine Heimat, zurückzukehren und dort, ganz im Stillen und Kleinen, zu versuchen, seine Träume von der der großen Liebe zu verwirklichen.

Dass Irving genauso so alt ist wie sein Erzähler und sich ebenfalls gern in den Naturschönheiten und Weiten Vermonts verliert, sollte den Leser nicht zum Kurzschluss verleiten, er sei mit William identisch. Im Gegenteil. Der Roman, das verriet Irving in einem Interview, sei eine Hommage und eine Liebeserklärung an seinen Sohn Everett. Der hatte sich 2009, gerade als Irving mit dem Schreiben des Buches begann, seinem Vater gegenüber als Schwuler geoutet. Vielleicht hat das dazu beigetragen, dass der filigran konstruierte und mit deftigem Humor erzählte Roman den Leser nicht nur glänzend unterhält und amüsiert, sondern auch, wenn Freiheit und Vorurteil, Lust und Tod eng beieinander sind, zutiefst berührt.

John Irving: „In einer Person“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Hans M. Herzog und Astrid Arz. Diogenes-Verlag, Zürich, 725 Seiten, 24,90 Euro.




Familienfreuden V: Die Tragik des Blutabnehmens

Spritze Blutabnehmen

Ganz schön fies: Blut abnehmen. (Bild: N. Albach)

Kommt vor, muss aber nicht – das war bislang meine Haltung zu Arztbesuchen. Und ist sie noch heute – wenn es um mich geht. Sobald unsere Tochter allerding kränkelt, sieht es anders aus. Ein Artikel im Spiegel über hysterische Eltern hatte mich schwören lassen, ein ausgewogenes Maß an Aufmerksamkeit und Ruhe an den Tag zu legen. Das gelingt mir auch ganz gut. Aber wenn ich mich dann entschließe, dass unsere Tochter zum Arzt muss, bin ich danach so fertig, als wäre ich zwei Stunden Delphin geschwommen.

Bestimmte Sachen weiß man ja vorher nicht. Zum Beispiel, dass Impfungen eine ganz miese Sache sind. Ich meine jetzt nicht die Debatte, ob Impfen überhaupt nötig ist – sondern die Spritzen an und für sich. Ich hatte mir vorgenommen, unser Kind die ganze Zeit anzustrahlen, um ihr die Angst zu nehmen. Als die Ärztin aber auf die blanken Oberschenkel unserer Tochter zielte und die schrie wie am Spieß – da schossen mir doch wirklich die Tränen ins Gesicht. So viel zur tapferen Mutti. Pustekuchen! Die Methode „Kind, schau auf mein schreckverzerrtes Gesicht und beruhige Dich“ funktionierte dann auch nicht so prächtig.

Beruhigend fand ich allerdings, dass ich damit nicht allein bin. Selbst die Arzthelferin in der Praxis war ganz blass um die Nase, als sie unserer Tochter letztens Blut abnehmen musste. „Das mache ich schon bei Erwachsenen nicht gern“, sagte sie mit zittriger Stimme. Als wir uns nach dem (brüllend kommentierten) Akt bei ihr bedankten, antwortete sie fast schluchzend in Richtung unseres Kindes: „Und Deine Eltern sagen auch noch Danke dafür!“ Wir waren die letzten Patienten an dem Abend. Als wir unsere Tochter beruhigt und angezogen hatten und aus dem Behandlungszimmer traten, waren schon alle Lichter gelöscht. Nur hinter dem Empfangstresen saß noch eine Gestalt. Die Arzthelferin, zusammengekauert und sinnierend über die Tragik des Blutabnehmens.




Verschärfte Startbedingungen – für den Abitur-Jahrgang 2013 wird es eng

Ich wusste es. Ich wusste es. Ich wusste es. Hab ich es nicht immer gesagt? Hab ich. 2013 wird der Numerus clausus verschärft. Der doppelte Abitur-Jahrgang lässt grüßen. 1,2 für Germanistik in Bochum. Das ist der Richtwert, Stand der Gerüchte, die durch ruhrische Schulen wabern. Da schon von einigen Medien offiziell aufgegriffen, darf ich mich wohl auch offiziell empören. Ich wiederhole: 1,2 für Germanistik in Bochum. Ja, nee iss klar.

Man hat es ja auch nicht kommen sehen. Ist so wie mit Weihnachten. Kommt immer völlig überraschend. Haben etwa Schulen rechtzeitig informiert und ihre Bedenken im Ministerium angemeldet? Haben Eltern schon frühzeitig gewarnt, Initiativen gegründet, Unterschriften gesammelt? Haben sie? Ja, verdammt. Das haben sie. War da was?

Es wird eine Lösung gefunden werden. Ich seh und hör sie noch alle vor mir. Die gesammelten Schulminister(innen) der letzten 13 Jahre. Wie sie geschwurbelt versichern, dass man das Problem des doppelten Abi-Jahrgangs 2013 nicht unterschätzen werde, für Lösungen werde gesorgt. Am Allerwertesten wurde gesorgt. Nix iss. Numerus clausus wird hochgesetzt. That’s it. Fertig. Lehrstellen sind übrigens so früh wie selten alle vergeben. Dies als kleine Info am Rande für die, die eine Umorientierung in Erwägung ziehen sollten. Braucht Ihr nicht.

Unser Ältester begann im Jahr 2000 seine Schulkarriere, gehört also zu den Letzten, die noch nach 9 Jahren Gymnasium (kurz G9) zur Reifeprüfung antreten. Gemeinsam mit der Stufe, die erstmals nach 8 Jahren Gymnasium (kurz G8) ihr Abitur macht. So alles gut geht, werden wir im nächsten Jahr eine Abi-Feier haben, bei der noch nicht mal alle Eltern in die Aula passen. Patchwork-Familienstiefväter und Mütter müssen draussen bleiben. Omas und Opas sowieso. Von Geschwistern gar nicht zu reden. Das ist in dem Fall aber auch nicht so schlimm. Die haben sowieso keine Zeit, die hängen nämlich im G8-System und haben bestimmt noch Unterricht. Wie unser Jüngster. Dieser orientiert sich derzeit in der Orientierungsstufe. In erster Linie an wahnwitzigen Stundenplänen. Täglich bis mindestens 16:00 Uhr, Dienstag sogar bis 18:30 Uhr. Aber er hat noch Glück. Seit diesem Jahr gibt es endlich eine Mensa. Wird aber nicht genutzt. Weil ziemlich teuer. Und die meisten Eltern müssen ja sparen. Es warten Studiengebühren. Wenn das so weiter geht, wahrscheinlich sogar im Ausland. Gut, dass wenigstens der Jüngste einen Platz im stark nachgefragten Niederländisch-Kurs bekommen hat. Ich fand Maastricht ja immer schon schön.

Seit der Älteste im Jahr der Jahrhundertwende seine Schulkarriere begann, haben wir unzählige Reformen und Reförmchen mitgemacht. Alle mit der heißen Nadel gestrickt, alle unausgegoren, angefangen mit der gleitenden Grundschuleinführung, weiter über Grundschule ohne Noten bis nun zum Gedöns um G8/G9.

Ich betone übrigens ausdrücklich, ich klage in diesem Punkt nicht über die Schulen. Die haben getan, was sie konnten und stimmen in mein Klagelied mit ein. Ich erinnere mich an Schuljahre ohne Bücher, weil diese noch nicht an G8 angepasst waren, an Lehrer, die Stunden um Stunden am Kopierer verbrachten, um Unterrichtsmaterial zu haben. Ich freue mich, dass mir die diversen Lücken im Unterrichtsplan Raum lassen, um meinen Kindern Brecht und Böll nahezubringen. Und fein, dass ich Zeitzeugin bin, dann kann ich glatt noch was zur Wiedervereinigung vermitteln, bis dahin werden wir es im Umterricht wohl nämlich nicht mehr schaffen. Ich erinnere mich genau an Elternabende, in denen das Ministerium ausrichten ließ, für den Abi-Jahrgang 2013 würden die Stufen getrennt bleiben und entsprechend des Wissensstandes unterrichtet werden. War da nicht mal was? Ging nicht. Ach so. Ja dann. Gut, dass die Schule reagiert und für die G8er, die nächstes Jahr ran müssen, Förderunterricht einplant. Das können die Eltern nämlich nicht auch noch leisten. Die gehen schließlich arbeiten. Es warten Studiengebühren. Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber so ist das. Endlos könnte ich mich aufregen, endlos.

(Die Autorin beherbergt und kümmert sich um einen, der 2013 nach 13 Jahren Schule Abi macht; um eine, die 2013 nach 12 Jahren Schule Abi macht und einen, der 2015 nach 12 Jahren Schule macht. Zufrieden ist keiner der drei. Ich darf mich also aufregen.)




Familienfreuden IV: Kinderfreier Kaffee

Kaffee - kinderfrei ein Genuss?

Kaffee - kinderfrei ein Genuss?

Ich hatte letzte Nacht einen schrägen Traum: Ich war mal wieder spazieren mit unserer Tochter, sie in ihrem knallroten Kinderwagen, ich in regenfester Montur.

Draußen war es kalt. Zum Aufwärmen wollte ich etwas Heißes trinken. Mühselig öffnete ich die Tür des Cafés und wuselte mich mit dem Kinderwagen hinein, in die Wärme. Die Kaffeemaschine dampfte, es roch gut.

Doch kaum erblickte der Mann hinter dem Tresen uns, weiteten sich seine Augen und er schrie so laut, dass ich zusammenzuckte. Der Kellner blickte ebenso zur Tür und stürzte auf uns zu, als wären wir Wild, das es zu erlegen galt. Auch der Mann hinter dem Tresen rannte herbei und sagte, Panik im Blick und noch ganz außer Atem: „Sind Sie irre? Kinder sind hier verboten.“ Bevor ich wusste, wie mir geschah, bevor ich etwas antworten konnte, stand ich wieder draußen vor dem Café.

Verwirrt wachte ich auf. Aber anders als sonst fehlte mir diesmal die beruhigende Gewissheit, dass es nur ein Traum war. Willkommen im Deutschland des Jahres 2012. Willkommen in einem Land, in dem ein Cafébesitzer am Prenzlauer Berg seinen Laden zur kinderfreien Zone erklärt hat. Kinder sind hier anscheinend eine Belästigung.

Klar, als frischgebackene Mutter kann man mir jetzt unterstellen, dass ich ein „dagegen“-Schild mit der Geburt meiner Tochter um den Hals trage. Aber was sagt es eigentlich über unsere Gesellschaft aus, dass es Freizeitstätten gibt, in denen Kinder verboten sind? Schon in der Redaktion konnte ich nur den Kopf schütteln, wenn Menschen bei uns anriefen, damit wir über die „Lärmbelästigung“ durch Kindergärten in ihrer Nachbarschaft schrieben. Sind Kindergeräusche also Lärm?

Natürlich: Kinder können nerven. Sie sind laut, wild und unberechenbar. Aber was sagt es über uns aus, wenn wir das Unkontrollierbare aus unserem Leben ausschließen wollen?

Wenn wir im Café sitzen und unsere Tochter schreit, tun wir alles, um sie zu beruhigen – schließlich möchten wir niemanden stören. Aber muss man Eltern tatsächlich bescheinigen, dass sie lästig sind? Sie nahezu als Aussätzige brandmarken?

Mir scheint, wir richten uns ein in einem Land, in dem Kinder langsam nicht die Regel, sondern die Ausnahme werden. Was würden die Italiener wohl zu einem kinderfreien Café sagen?

Ohnehin erschließt sich mir die Notwendigkeit eines Verbots nicht. Die Regel ist doch, dass von ganz allein einige Cafés vollgepropft sind mit Familien und andere nicht. Wie singt Kraftklub so schön? „Ich will nicht nach Berlin.“




Die große Parallelaktion: Wenn Rewe und Edeka mit Pandabärchen locken

Immer nur hochkulturelle Themen? Ach nein. Dieser Text befasst sich en passant mit einem Doppel-Phänomen der Bestsellerauflagen, die alle grauen Schatten weit hinter sich lassen dürften.

Es geht um die seltsame Parallelaktion der beiden großen deutschen Lebensmittelketten. Sowohl Rewe als auch Edeka offerieren für gewisse Einkaufsbeträge jeweils ein paar Tütchen oder Briefchen mit Tierbildern, die man in Sammelalben einkleben soll. Sagen Sie jetzt nichts. Besonders kleinere Kinder kann man damit allemal ködern. Und die Kundschaft von morgen fragt bald in kurzen Abständen quengelnd nach, wo denn der Nachschub bleibe.

Welche Kette diesmal zuerst an der Reihe war, vermag ich nicht zu sagen, zur knallharten Recherche habe ich in solchem Falle keine Lust. Sie haben wohl ungefähr gleichzeitig begonnen. Ansonsten könnte man mutmaßen, dass ein womöglich enttäuschter Manager von der einen zur anderen Firma gewechselt ist und dem neuen Arbeitgeber gesteckt hat, was die Konkurrenz plant. Dann hätten die anderen die (im Grunde uralte) Idee windeseilig abgekupfert und nur noch notdürftig variiert. Aber wahrscheinlich war es ganz anders und wir müssen nicht schon wieder von Plagiaten reden, sondern nur von einem dummen zeitlichen Zusammentreffen. Bei den Konferenzen in den Konzernzentralen hätte ich trotzdem gern mal gelauscht.

Mit Tieren um die Welt: Sammelalben und Bildertütchen von Edeka und Rewe. (Foto: Bernd Berke)

Mit Tieren um die Welt: Sammelalben und Bildertütchen von Edeka und Rewe. (Foto: Bernd Berke)

Die Ähnlichkeit der Aktionen ist wahrhaftig verblüffend. Beide Sammelalben haben dasselbe Format und etwa gleiches Volumen, beide gibt es zum Lockvogelpreis. Auch die Titelbilder ähneln einander, wobei wobei dem Pandabären offenbar per se ein Konzern übergreifender Stammplatz gebührt. Er ist und bleibt der Niedlichkeits-Champion, dicht gefolgt vom klimatisch bedrohten Eisbären.

In beiden Alben werden die Sammelbilder nach Kontinenten sortiert. Beide sind nach dem Prinzip einer abenteuerlichen Weltreise aufgebaut. Beide geben sich natürlich ökologisch. Das Edeka-Buch firmiert gleich als WWF-Album (World Wide Fund for Nature), auch das andere gibt sich mit Umwelt-Infokästen naturnah und verheißt mit einem Aufkleber, dass jeder, der das Büchlein erwirbt, die SOS-Kinderdörfer mit 50 Eurocent unterstütze. Man ist allseits so unumschränkt gut. Und just dieses Wohlgefühl soll sich auf die Marken übertragen.

Rewe setzt noch ein paar optische Lockungen drauf, verkitscht freilich auch seinen Bilderfundus (neben Tieren vereinzelt auch berühmte Gebäude und spektakuläre Naturformationen) hie und da: Zum einen gibt es diverse Glitzerbilder (z. B. Pinguin inmitten von blinkenden Silbersternchen), zum anderen 3D-Sticker. Die übliche Papp- und Plastikbrille liegt bei. Auch zapft man die jüngsten Smartphone-Besitzer oder deren Eltern an, indem eine App angeboten wird, die zu Begleitfilmchen führt. App steht hier auch für Appellcharakter.

Nur ein flüchtiger Eindruck, durch nichts zu beweisen: Rewe-Mitarbeiter scheinen Anweisung zu haben, die Tütchen etwas unbürokratischer herauszurücken und nicht allzu genau auf die Einkaufsbeträge zu schauen. Dafür sind die Edeka-Bildchen leichter und ohne lästigen Fummelkram abzulösen.

Doch bevor ich jetzt Stiftung Warentest im Kleinstformat spiele und mich in einer Rezension von Petitessen verliere, stelle ich lieber fest: Es gibt sicher wesentlich Wichtigeres als diese Alben, die gleichwohl das Naturbild vieler Kinder mitprägen. Auch hinter derlei unscheinbaren Dingen lauern ideologische Muster. Mal ganz abgesehen vom kommerziellen Kalkül. Diese Natur ist nicht rundweg natürlich.




Alltag in der Diktatur: „Ich wünsche Klärung der Kellerfrage“

Oktober 1942, also vor 70 Jahren, in einer Kleinstadt am Rande des Ruhrgebietes. Der Krieg ist noch nicht in der Heimat angekommen, aber man bereitet sich darauf vor. Eine kleine, fast absurde Begebenheit aus dem Alltag einer Diktatur soll hier erzählt werden.

Einrichtung eines Luftschutzkellers. (Foto: Anti-Kriegs-Museum)

Weil die Nazi-Führung Bombenangriffe erwartete, wurde die Bevölkerung schon vor Kriegsbeginn auf Luftschutzmaßnahmen, Bunkerbau, Verdunkelung usw. eingestimmt. Später gab es dazu konkrete Vorschriften, unter anderem zur Einrichtung von Luftschutzräumen in privaten Kellern. Diese Keller waren für die Menschen aber als Vorratsräume viel wichtiger als heute, und entsprechend entstanden an vielen Orten Konflikte.

In unserem Fall geht es um eine „Frau Witwe Adolf Wagner“ in der Adolf-Hitler-Straße 56. Sie schreibt an die Gemeindeverwaltung, dass sie ihren Keller als Luftschutzraum eingerichtet habe, aber nun als Ersatz einen anderen Keller brauche. Ihr Mieter Erich Dicker, der habe doch zwei Keller, aber der wolle einen davon nicht abgeben. „Ich wünsche Klärung der Kellerfrage“, schreibt sie an das Amt.

Und vom Amt rückt ein Mann aus in die Adolf-Hitler-Straße und besichtigt den so umstrittenen Keller. Dass der Mieter seinen Keller nicht herausrückt, das sei nun völlig unverständlich, schreibt der Beamte ins Protokoll. „Herr Dicker ist vorzuladen.“ So geschehen, der Mann kommt also eine Woche später persönlich ins Rathaus und erklärt, er habe doch seit 15 Jahren die beiden Keller in Besitz und lehne deshalb die Abgabe eines Raumes ab. Also wurde ihm nun von Amts wegen ein Raum entzogen – die schwierige Kellerfrage war geklärt.

Alltag in der Diktatur – er war oft so banal.




Ruhrtriennale: Die jungen Mädchen und der Traum von einer anderen Zeit

Anfangs gehen die 39 Mädchen wie in Zeitlupe quer über die Bühne. Ihr unentwegt gemurmeltes Mantra lautet „Alles wird gut“ („Everything’s going to be alright“). Sie schreiten in Trance. Woher und wohin?

Nur manchmal stößt die eine oder andere sacht an einen der verstreut stehenden Stühle. Doch plötzlich ein metallisches Kreischen! Die Stühle werden hart über den Bühnenboden geschoben, auch vernimmt man dabei schabende, knirschende, kratzende Geräusche. Es sind ungeahnte Stimmen, die da ertönen. Singende Stühle. Mythische Traumzeit in männerloser Welt.

Recht unscheinbar und verhalten hat der Abend begonnen, doch wenn man in den ersten Minuten gedacht haben sollte, hier wabere nur etwas im Ungefähren, so hat man sich gewiss geirrt. Diese Aufführung kann jederzeit in gläserne Poesie entschweben oder auch in schneidende Schärfe umschlagen. Sie kann naiv und durchtrieben sein. Schon kurz nach dem schlafwandlerischen Beginn setzen sich alle Mädchen in einer Phalanx auf die Stühle, den Zuschauern konfrontiert, für Minuten in Schweigen verharrend. Da baut sich eine Anspannung bis zur Alarmgrenze auf, die sich dann allerdings unversehens ins Federleichte löst.

Frontal zum Publikum: das Ensemble von "When the mountain changed its clothing" (Bild: Ruhrtriennale)

Frontal zum Publikum: das Ensemble von "When the mountain changed its clothing" (Bild: Ruhrtriennale)

Das Ruhrtriennale-Projekt „When the mountain changed its clothing“ (Als der Berg sein Kleid wechselte), vom Intendanten Heiner Goebbels mit dem famosen Vocal Theatre Carmina Slovenica in Szene gesetzt, ist wahrhaftig ein besonderes Ereignis aus Musik, Choreographie und literarischen Spiegelungen.

Glauben wir mal dem Programmheft und nehmen an, dass es hierbei vornehmlich um den Abschied von der (weiblichen) Kindheit geht. Tatsächlich werden ja Kuscheltiere rituell beigesetzt, wie im Kindergarten ziehen die Mädchen kollektiv Windjacken und Gummistiefel an und tollen herum. Altes wird abgelegt, Neues dämmert herauf. Unschuld und angemaßte Erfahrung halten einander die Waage. Einige Grundthemen des Seins werden fragend durchgespielt. Manche Passagen wirken, als könne alles, alles noch einmal ganz von vorn anfangen. Doch ach! Jegliche Zukunftshoffnung trägt das Weh doch wohl schon in sich. Und schon werden die Lügen des Lebens eingeübt.

(Foto: Wonge Bergmann für Ruhrtriennale)

(Foto: Wonge Bergmann für Ruhrtriennale)

Es ist streckenweise kaum zu fassen, welche Klangwelten diese zwischen 11 und 20 Jahre jungen Mädchen aus Maribor (unter der musikalischen Leitung von Karmina Šilec) herbeizaubern. Der streng präzise, unglaublich fugenlos gefügte, jedoch unangestrengt dargebotene Chorgesang umfasst staunenswert viele Register bis hin zur Obertontechnik; mal hört sich das an wie ein wundersamer Nachhall auf Gregorianik oder erinnert von fern her ans legendäre „Mystère des voix Bulgares“, das vor etlichen Jahren im Westen als Folkpop-Phänomen Furore machte. Mitunter steigert es sich bis zur rhythmischen Ekstase, so etwa beim indischen Traditional „Taka Din“. Sind diese Mädchen etwa auf Höchstleistung gedrillt worden – oder sind sie allesamt einfach phänomenal begabt? Jedenfalls können sie sich in einer nahezu kirchenähnlichen Akustik in der Bochumer Jahrhunderthalle angemessen entfalten.

Das musikalische Material (weit gespannt zwischen Schönberg, Brahms, slowenischer Folklore und Partisanenlied) ist ebenso vielfältig wie die Textbausteine. Der durch Klang und Bewegung geschaffene Kontext verwandelt die verwendeten Texte, macht sie gleichsam durchlässig, transparent: Wer hätte ohne weiteres gedacht, dass ein ungemein modern anmutendes, zyklisches Frage-Exerzitium über Jugend, Alter und Tod aus Jean-Jacques Rousseaus „Émile oder über die Erziehung“ stammt? Ein eigenwilliger Exkurs zum Geld wird dem Werk von Gertrude Stein entnommen, weitere Wortschwingungen kommen von Joseph von Eichendorff, Alain Robbe-Grillet („Wovon träumen die jungen Mädchen? – „Vom Messer und vom Blut.“), Adalbert Stifter oder Marlen Haushofer. Sie lösen auch im Spiel magische Momente aus: Ein Brot tragen. Mit einem Ball spielen. Wie innig das sein kann!

Alles besteht gleichwertig nebeneinander, entkoppelt und befreit vom herkömmlichen Sinn. Altgewohnte Zusammenhänge werden durch ebenso zwingende wie beiläufige Wiederholungs-Zyklen (geleitet und begleitet vom Kreislauf der Jahreszeiten, in deren Verlauf eben auch der titelgebende Berg sein Kleid wechselt) geführt, auf dass ein reiner Anfangszustand leuchten möge. Vielleicht sogar angstlos und frei.

Großer Beifall für große Kunst.

Weitere Aufführungen (mehrsprachig mit deutschen Übertiteln) nur noch am 28. Und 29. September, jeweils 19.30 Uhr, in der Jahrhunderthalle Bochum




Familienfreuden III: Vom Anlegen und Kommen

Auch Geld lässt sich anlegen.

Auch Geld lässt sich anlegen.

Wer Elter(n) wird, hat es plötzlich mit einer Menge neuer Worte oder vertrauter Worte mit neuem Inhalt zu tun. Aber zwei Formulierungen, die ich mittlerweile häufig von anderen Müttern oder auch Hebammen gehört habe, gehen mir einfach nicht aus dem Sinn. Sie hängen unmittelbar zusammen: Wenn es darum geht, herauszufinden, wie häufig die kleinen Krakeeler des Nachts denn ihren Hunger kundgetan haben, fragen Mütter untereinander gern: „Und, wie oft ist sie/er heute Nacht gekommen?“ Was mit einem „Ich habe sie/ihn x-mal angelegt“ beantwortet wird.

Gekommen und anlegen.

Hm. Meine Erfahrung ist: Sobald meine Tochter Hunger hat, kommt sie nicht höflich klopfend an der Tür vorbei und sagt „Ich würde gern speisen.“ Sie nörgelt oder schreit – was auch gut so ist, weil ich sonst einfach weiterschlafen würde. Die Formulierung „gekommen“ hingegen deutet auf Passivität hin, was sicherlich damit zu tun hat, dass das Hungergefühl so übermächtig ist, dass das Kind regelrecht Hunger wird. Der eigene Wille ist einfach aus der Formulierung herausgestrichen. Biologisch mag das ja korrekt sein – mir ist das zu formalistisch. Und: Warum nicht einfach das schlicht „Hunger haben“ verwenden?

Noch schräger wird es bei dem Wort „Anlegen“. Gemeint ist ja wohl der Vorgang des Stillens. Ich hingegen habe bei diesem Wort das Bild eines Jägers im Kopf, der seine Waffe zückt und zielt – was angesichts der Schreikraft einiger Säuglinge manchem vielleicht als passender Vergleich erscheint. Auch andere Bedeutungen machen das Ganze nicht weniger skurril: Der Investmentbanker etwa dürfte sich mit dem Wort äußerst wohlfühlen – schließlich ist er es gewohnt, Geld anzulegen und braucht sich bei seinem Kind zumindest in Sachen Wortschatz nicht umzustellen. Und für jene, die den Nachwuchs als schmückend empfinden, ist es eben so einleuchtend, nicht mehr nur die Brosche, sondern auch die Kleinsten anzulegen. Am besten gefällt mir aber das Bild des anlegenden Segelboots: Die Wendung „Hafen der Ehe“ ist ja bekannt – und ein Baby kann man durchaus als weiteren Anlegeplatz interpretieren…




Lorne Greene starb vor 25 Jahren und blieb der ewige Ben Cartwright in „Bonanza“

Nein, mir fällt nichts Gescheites ein dazu, dass 9/11 sich mal wieder jährt, ja ich hielt und halte das, was seinerzeit jede und jeden aufregte und anrührte, ebenso für schlimm, Menschen verachtend und terroristisch.

Nein, mir fällt dennoch nichts Gescheites dazu ein, denn schlimm, Menschen verachtend und terroristisch ist ziemlich Vieles auf dem Planeten, alles davon jährt sich pro Jahr einmal und niemand denkt daran, warum auch, schließlich haben wir uns daran gewöhnt, dass Schlimmes, Menschenverachtendes und Terroristisches zum Alltag gehört – oder?

Statt dessen geriet ich heute Morgen ins Schmunzeln, als ich meine erklärte WDR-Lieblingssendung „Zeitzeichen“ hörte, während ich den Weg zur Arbeit absolvierte. „Zeitzeichen“ beschäftige sich mit dem 25. Todestag eines gewissen Lorne Greene, dem „Pa“ meiner einstigen erklärten Lieblingssendung im TV, dem Ober-Cartwright von der „Ponderosa“ aus der legendären US-Serie „Bonanza“, deren klassische Titelmelodie mir sofort durch den Kopf schoss und immer noch drin randaliert.

Jeden Ausstrahlungssamstag hockte ich bereits auf dem heimischen Sofa und erwartete mit Spannung die vier Schrot-und-Korn-Kerle, wie sie mit entschlossenen Mienen auf ihren Pferden durch die Pampa hoppelten und schließlich, anscheinend durch Selbstzündung, der Landkartenausschnitt dramatisch in Flammen aufging. Dann ging’s los: Lorne Greene (Pa), Pernell Roberts (Adam), Dan Blocker (Hoss) und Michael Landon (Joseph, auch Little Joe genannt) galoppierten für Weltgerechtigkeit. Die Männer-WG wurde komplettiert durch den wackeren Hop Sing, einen stimmfistelden Koch mit Migrationshintergrund, dessen Unfähigkeit, ein gescheites „R“ von sich zu geben, auf chinesische Herkunft schließen ließ.

Lorne Greene, der eigentlich Lion Hyman Green hieß, in d e r Rolle seines Lebens. Er schuf sie, lebte sie und spielte sie, wie er zugab, indem er seinen eigenen Vater darzustellen versuchte. Streng, sonore Stimme (während des 2. Weltkrieges war er „The Voice of Canada“) und am Ende immer gütig zum kleinen Joe, sorgte er schnappend befehlend dafür, dass „Joseph“ seine Füße vom Tisch nahm und sogar der urgewaltige Hoss sparsam aus den blauen Augen schaute, wenn „Pa“ es krachen ließ.

Von 1959 bis 1973 war er, der eher mal durch seine Stimme (seine deutsche war die des großen Synchronsprechers Friedrich Schütter) bekannt war, denn durch seine Art der Darstellung, Ben Cartwright. Auch danach blieb er Ben Cartwright, ob er nun den Chef im „Kampfstern Galactica“ gab oder den besorgten Vater in „Erdbeben“ und immer wollte er eigentlich wieder seine drei Söhne zurück haben. Dan Blocker starb 1972 überraschend als erster der Familie, was bald darauf auch zur Einstellung der Serie führte. Ein Wiederaufguss der „Bonanza“ (so heißen auch Goldadern) stand kurz bevor, dann starb auch Lorne Greene. Er wurde auf dem „Holy Cross Cemetery“ in Culver City beigesetzt. Sein Grabstein nennt seinen Namen, aber auch den von Ben Cartwright. In direkter Nachbarschaft liegt Michael Landon, sein „Sohn Joseph“, der 1991 starb.

Das Amerika, das von diesen Romantikern vorgelebt wurde, verblasste im Laufe der Jahre immer mehr und wurde ersetzt von den USA, die in Vietnam Krieg führten, die Salvador Allende wegschafften, die bis auf den Tag es den Menschen schwer machen, naiv begeistert von den Staaten zu sein. Daher wahrscheinlich auch meine Freude, heute Morgen nichts von 9/11 (nur der guten Ordnung halber, das ist der 11. September, der Tag, an dem die Twin Towers in New York einstürzten) gehört zu haben, dafür aber an Lorne Greene erinnert wurde und mir die Anfangsmelodie von „Bonanza“ noch immer durch den Kopf schießt.




Glück auf, Glück auf, der Donald kommt

Achtung, Breaking News: Donald Duck und die Seinen sind jetzt im Ruhrgebiet angekommen.

Das hat selbst die „Bild“ in Wallung gebracht. Und natürlich stürzt sich die gesamte Regionalpresse darauf. Das Kalkül ist also aufgegangen. Selten hat der Enterich in den letzten Jahren derart viele Schlagzeilen produziert.

Ächz!

Der Ehapa Verlag, der mit seinen deutschen Micky Maus-Heften seit vielen Jahren gegen Auflagenschwund kämpft, sucht sein Heil in der Heimatnähe. Und also gibt’s jetzt im wöchentlichen Wechsel eine donaldistische Schnitzeljagd quer durch die deutschen Metropol-Regionen. Anders gesagt: Man wanzt sich mit neuem Konzept an die verbliebene minderjährige Kundschaft heran. Die Prognose, dass der Effekt rasch verpufft, dürfte nicht allzu gewagt sein.

Seufz!

Und doch: Was sind wir stolz, dass man den Ruhrpott nicht vergessen hat! Wie allerliebst wird da mit den Klischees der Gegend gespielt. Wäre ja auch noch schöner, hätte man die Chance verschenkt, Zechensilhouetten in die Story einzubauen. Die einigermaßen muntere Handlung kreist um Zollverein in Essen, Gasometer Oberhausen und das Dortmunder Fußballstadion. Anschließend saust man weiter nach München. Ob Onkel Dagobert dort wohl mal Lederhosen anprobiert?

Grins!

Schon vor Wochen ist die Presse eingestimmt und munitioniert worden, ich habe auch so ein Päckchen mit PR-Material bekommen. Neben dem in Berlin spielenden Heft gehörte auch eine Billigplastik-„Soundmaschine“ zum Lieferumfang, die mit verschiedenen Kärtchen gefüttert werden kann, um beispielsweise Rülpsgeräusche zu erzeugen. Wie haben die nur meine sehnlichsten Wünsche erraten?

Rülps!

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P. S.: „Warum finde ich hier keine tollen Donald-Bilder aus dem aktuellen Ruhrgebiets-Heft?“

Darum (Auszug aus den restriktiven Nutzungsbedingungen):

„Nutzungsbedingungen der Motive „Die Ducks in Deutschland“:

Veröffentlichung/Druck der Dateien ist nur gestattet:

– bei Quellen-Angabe „Micky Maus-Magazin“ und Egmont Ehapa Verlag
– dem Abdruck des jeweils aktuellen Covers
– im Rahmen der Berichterstattung über die Aktion „Die Ducks in Deutschland“
– bei korrektem Copyright-Vermerk: © Disney
– und einmalig vom 25.08.2012 (12:00 Uhr) bis zum 31.10.2012 honorarfrei.

Bei Online-Nutzung ist die Veröffentlichung nur in niedriger Auflösung (72 dpi) gestattet & darf nicht zum Download zur Verfügung gestellt werden!

Online muss mit www.micky-maus.de, www.ehapa-shop.de/ddid oder www.ehapa.de verlinkt werden.“

(© der Nutzungsbedingungen: Disney / „Micky Maus-Magazin“ und Egmont Ehapa Verlag)




Familienfreuden I: Schwangerschaft ist kein Ponyhof!

Manchmal wundere ich mich sehr über die Welt. Und über die Menschen. Und über ihre Planungswut. Vielleicht wundern sich andere Menschen wiederum darüber, dass letzteres so wenig bei mir ausgeprägt ist – vor allem in den letzten Monaten. Sicher, eine Schwangerschaft ist natürlich auch eine besondere Zeit. Und als ich die Bestätigung hatte, ein Kind zu bekommen, habe ich mich tierisch gefreut.

Es gibt aber Frauen, die es nicht bei dieser Freude belassen – sondern sofort Taten folgen lassen. Möglich, dass sie, kaum dass sich der Teststreifen in der erwünschten Weise gefärbt hat, zum Telefon greifen, noch kurz die Liebsten informieren – und dann gnadenlos loslegen: Hebamme, Krankenhaus, Schwangerschaftsgymnastik…

Schwangerschaft ist kein Ponyhof!

Vielleicht bin ich ja auch ein bisschen neidisch. Denn immer, wenn mir in den letzten Monaten einfiel, mich um eines dieser Dinge zu kümmern, war die Hebamme schon mit zu vielen Geburten versorgt, der Gymnastikkurs ausgebucht oder die Wahl des Krankenhauses so schwierig, dass es schon drohte, knapp zu werden mit der Zeit. „Sie sind aber spät dran“ war der Spruch, der mich wie ein Mantra verfolgte. Yoga drei Monate vor der Geburt? „Sie sind aber spät dran!“ „Hypnose gegen die Geburtsangst? „Wir können ihnen im September einen Platz anbieten.“ Uff.

Sogar der simple Kauf eines Kinderwagens spielte sich jenseits der sonst üblichen Gesetze der freien Marktwirtschaft ab. Freunde hatten mich schon gewarnt, dass man so einen Babyporsche nicht mal eben kaufen kann, sondern Wartezeiten einkalkulieren muss. Aber als wir zehn Wochen vor dem Geburtstermin in einem Babyladen aufkreuzten und auch die Verkäuferin wieder sagte „Sie sind aber spät dran“, wähnte ich die ehemalige DDR mitsamt ihrer Trabi-Bestellpolitik wieder instanziert. Hatten wir doch die Leichtsinnigkeit an den Tag gelegt, die Betriebsferien der einschlägigen Marken außer Acht zu lassen, die eine Lieferung mal eben auf 16 bis 18 Wochen hochkatapultierte – wenn man den Service eines Ladens vor Ort wünscht.

Die Lösung für all das? Ich habe Schwangerschafts-Yoga zu Hause mit einer DVD absolviert, mir durch Lektüre einigermaßen die Angst genommen und einen Wagen aus dem Vorrat im Laden erstanden. Und unsere Tochter hat es auch so auf die Welt geschafft – ganz ohne spät dran zu sein.




„Kindheiten“ oder: Die untröstliche Heiterkeit des Jean-Jacques Sempé

Nein, eine schöne Kindheit hat er nicht gehabt: Vor den allzeit lautstarken Streits der Eltern flüchtete er, wenn er konnte, zum Radio und wob sich eine Phantasiewelt aus dem Gehörten. Wurden Mutter und Stiefvater zwischendurch auf ihn aufmerksam, dann hagelte es meistens Ohrfeigen. Mindestens.

Wir reden von Sempé. Jean-Jacques Sempé. Wer seine wunderbaren Zeichnungen kennt, weiß, dass wohl kaum jemand sich den Duft und Hauch der trotz allem unbeschwerten, stets zu Streichen aufgelegten Kindheitstage so bewahrt hat und wachzurufen weiß wie dieser aus Bordeaux stammende Mann, der morgen (17. August) 80 Jahre alt wird und immer noch als besessen arbeitsam gilt. Er selbst findet es verstörend, dass und wie er dermaßen der Kindheit verhaftet geblieben ist. Nebenbei bemerkt, war damals das Radio so kultiviert, dass man sich dort bestes Französisch aneignen konnte.

Es gibt jedenfalls genügend Anlass, mit spürbar liebevollem Aufwand einen Bildband wie „Kindheiten“ herauszubringen, der sich als thematisch gewichtete, veritable Werkschau erweist und dabei ohne seine wohl berühmteste Figur, den „Kleinen Nick“ (Petit Nicolas) auskommt, die Sempé einst gemeinsam mit René Goscinny schuf.

Angesichts seiner frühen Jahre, die das Buch in einem langen Sempé-Gespräch mit Marc Lecarpentier in Erinnerung ruft, ist die milde Heiterkeit des Oeuvres überaus erstaunlich. Sempé sagt es mit den Worten eines Schriftstellers, an dessen Namen er sich nicht erinnert: „Der Mensch ist ein Wesen von untröstlicher Heiterkeit.“ (Hausaufgabe: Wer findet den Urheber heraus?)

In diesem Band kann man beispielsweise verfolgen, wie die durchaus wohlgesetzen Worte zu den Zeichnungen nach und nach schwinden, wie also das rein Bildnerische überwiegt. Immer eigener, feingliedriger und feinsinniger wird die Linienführung, sie übermittelt in seismographischer Weise seelische Zustände. Da bedarf der Worte nicht mehr. Es scheinen ganze Existenzen und Charaktere in knappen, meisterlichen Skizzen auf. Oder auch dies: Dauer, Trägheit und Hitze eines Hochsommertags werden atmosphärisch greifbar. Manche Blätter wiederum erfassen haarfein, was Provinz ausmacht. Man schaue nur, wie die Dorfjugend einer Radfahrerin nachstarrt. Auch für Freud und Leid, Groteske und Grazie des Fußballs abseits der großen Stadien hat Sempé ein untrügliches Gespür. In all diesen Zeichnungen schwingt so vieles mit…

Auch wenn Sempé erwachsene Menschen zeichnet, sind sie oft unverkennbar von Kindheit geprägt. Mal sieht man sie in selten schönen Momenten des Leichtsinns, wenn sie sich unbeobachtet glauben und auf einmal wieder sind wie von klein auf. Andererseits sieht man aschfahl ergraute und erstarrte Herrschaften, in denen jegliche Kindheitsahnung erloschen ist. Zuweilen rücken die Lebensalter in komischen Kontrast: Der Schnitt durch ein Haus offenbart, wie die „Großen“ bei Regen ihre Zeit in Zimmern totschlagen, während oben auf der Dachterrasse eine Kinderschar tobend jeden Augenblick der Nässe mit Haut und Haaren genießt.

Schließlich gibt es in dieser vielfältigen Bildwelt auch jene stocksteif ungelenken, früh verzogenen Bürgersöhnchen oder jene Kinder, denen das Kindsein früh ausgetrieben werden soll, etwa mit strengem Klavier- oder Ballettunterricht. Doch siehe da, sie wehren sich mit Phantasie oder auch ganz handgreiflich: Selbst wenn sie mit Heiligenschein aus Pappe zur Weihnachtsaufführung eilen, knuffen und hauen sie sich unterwegs noch mit heißem Herzen. So kann Kalberei ein Hoffnungszeichen sein.

Sempé: „Kindheiten“. Bildband, Hardcover Leinen, 272 Seiten. Mit einem Gespräch zwischen Sempé und Marc Lecarpentier (übersetzt von Patrick Süskind). 39,90 Euro.




Vergehende Zeit, hier im Revier: Zum Beispiel die Dortmunder Steinhammerstraße

Wilhelm Schürmann: Steinhammerstrasse, Dortmund 1979-81 (SK Stiftung Kultur, Köln/Verlag Hatje Cantz)

Wilhelm Schürmann: Steinhammerstrasse, Dortmund 1979-81 (SK Stiftung Kultur, Köln/Verlag Hatje Cantz)

Jetzt bin ich doch tatsächlich ein kleines bisschen stolz und weiß gar nicht so recht, aus welchem Grund. Vielleicht bin ich auch einfach nur berührt vom Zeitvergang und vom verwehten Geist eines Ortes. Ja, das wird es wohl sein.

Die Sache ist die: Just über die eigentlich unscheinbare Dortmunder Steinhammerstraße, in der ich im Alter zwischen 2 und 6 Jahren unter kargen Umständen aufgewachsen bin, gibt es jetzt einen gewichtigen, höchst bemerkenswerten Bildband des Fotografen Wilhelm Schürmann. Es ist wahrlich selten, dass ein Buch Aspekte der eigenen Biographie so unmittelbar und nah betrifft.

Schürmann hat (wenige Jahre vor mir) in und um Nummer 117 seine Kindheit verbracht, also drei Häuser weiter auf der gleichen Straßenseite. Als bereits gestandener Fotokünstler kam er 1979 an die Stätten zurück und hat bis 1981 nicht nur atmosphärische Partikel der frühen Jahre aufgespürt, sondern auch Signaturen des teilweise schmerzlichen Wandels und – etwa in Gestalt trister Ladenleerstände – gar den Vorschein kommender Verheerungen vorgefunden. Nach und nach ist das Gefüge der einst recht geschäftigen Straße zerfallen.

Wohl nur jemand, der selbst dort gelebt hat, konnte derlei Stimmungswerte so genau erfassen und ins Bild setzen. Manchmal wird mir angesichts dieser Fotos, als könnte ich durch einen Zeittunnel schemenhafte Szenen der eigenen Kindheit aufflackern sehen. Die Gegend war, wie Gabriele Conrath-Scholl im Katalogtext richtig schreibt, einst ein gutes Gelände für „Vorstadtkrokodile“. Da konnte man stromern. Auch das macht Heimat aus.

Wilhelm Schürmann: Mutter mit Tochter, Dortmund, 1979 (SK Stiftung Kultur, Köln/Verlag Hatje Cantz)

Wilhelm Schürmann: Mutter mit Tochter, Dortmund, 1979 (SK Stiftung Kultur, Köln/Verlag Hatje Cantz)

Um 1980 finden sich allerdings etliche Anzeichen der Verarmung und Überalterung, die Wohnzimmer wirken nur noch wehmütig, wie ein murmelndes Selbstgespräch, wie hilflose Beschwörung einer vermeintlich besseren Zeit. Doch rede niemand verächtlich vom „Gelsenkirchener Barock“. In diesem Kontext wird spürbar, dass wuchtige Plüschigkeit als Ausgleich in dieser schäbigen, verrußten, aschgrauen Welt eben notwendig zum Seelenhaushalt gehört hat.

Das Eintauchen ins eigene Herkommen hat Schürmann (1981 bis 2011 Professor für Fotografie in Aachen) damals ganz offenkundig neue künstlerische Anstöße gegeben. Am Ende der 70er und zu Beginn der 80er Jahre hat man, wegen diverser Rückstände und Ungleichzeitigkeiten, gerade noch ahnen können, wie es in dieser Ruhrgebietsstraße im Stadtteil Marten einst zugegangen sein mag. Später hätte man Fotografien an dieser Stelle nicht mehr derart mit Nachkriegs-Vergangenheit aufladen können.

Wilhelm Schürmann: Wohnzimmer, Dortmund 1979-81 (SK Stiftung Kultur, Köln/Verlag Hatje Cantz)

Wilhelm Schürmann: Wohnzimmer, Dortmund 1979-81 (SK Stiftung Kultur, Köln/Verlag Hatje Cantz)

Heute ist das alles eine vollends versunkene Lebenswelt und Schürmanns Fotos gehören somit zur „Archäologie“ der Region. Sie weisen übers rein Dokumentarische weit hinaus, es sind eindringliche Studien zum Lauf der Zeiten.

Die Schwarzweiß-Bilder (was sonst!) umkreisen – mal eher spontan, mal sorgsam arrangiert – einen rund 200 Meter langen Bereich der Steinhammerstraße anhand von typischen Sichtachsen, Gebäuden, Schaufenstern, Interieurs und vor allem Porträts einiger Bewohner. Und siehe: Um 1980 ist noch vieles vom einstigen Ruhrgebiets-Ambiente vorhanden, wenn auch in hie und da schon ramponierter Form.

Da kündet gewiss manches Detail von provinzieller Enge und Beschränkung. Doch man spürt vor allem jenen unverwechselbaren Charakter, der das Ruhrgebiet ausgemacht hat. Auch hier, im Schatten der Zeche Germania (deren markanter Turm später verpflanzt wurde und seither Wahrzeichen des Bochumer Bergbaumuseums ist), entlang des Bahndamms und rund um den Güterbahnhof lebte ein Menschenschlag, der härteste Arbeit und Entbehrungen kannte, sich aber nicht so leicht unterkriegen ließ. Die Verhältnisse werden nicht ohne leisen Humor registriert. Der Buchtitel „Wegweiser zum Glück“ leitet sich von einer Lotto-Broschüre her, die jemandem aus der hinteren Hosentasche lugt. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben…

Besonders berührend ist hingegen eine traurige Episode in der Mitte des Bandes. Da blicken einen 1979 die Eheleute Schwingeler an, die einen Gemüseladen im alten Güterbahnhof hatten. Sodann sieht man, wie der Bahnhof am 30. Juli 1981 abgerissen wird – und schließlich, wie das gramgebeugte alte Paar tags zuvor den Laden für immer verlassen hat.

Die Gegend um die Steinhammerstraße hat übrigens ohnehin einen Platz in der Fotografie-Geschichte. Sowohl Albert Renger-Patzsch als auch Bernd und Hilla Becher haben prägnante Aufnahmen der Zeche Germania gemacht. Mit Norbert Tadeusz (1940-2011) hat ein wichtiger Maler zeitweise in der Steinhammerstraße gelebt, sein Bruder hatte dort einen Frisiersalon.

Mehr noch: Der ebenfalls in Dortmund geborene Künstler Bernhard Johannes Blume (1937-2011) hat Wilhelm Schürmann seinerzeit darin bestärkt, das Fotoprojekt Steinhammerstraße weiter zu verfolgen. Schürmann wiederum hat sich auch als Kunstsammler einen Namen gemacht und hat sehr zeitig Arbeiten des jungen Dortmunder Martin Kippenberger (1953-1997) erworben. Da könnte man fast meinen, die Steinhammerstraße hätte wesentliche Kunstimpulse dieser Stadt gebündelt wie keine zweite.

Wilhelm Schürmann: „Wegweiser zum Glück“. Bilder einer Straße. Verlag Hatje Cantz. 228 Seiten, 175 Abbildungen. Format 25 x 29,5 cm, gebunden. Text in Deutsch/Englisch. 49,80 Euro.

Das auch drucktechnisch sehr ansprechende Buch basiert auf einer Ausstellung der SK Stiftung Kultur (Köln), die leider nur noch bis zum 12. August dauert. Ausschnitte waren früher schon einmal im Essener Folkwang-Museum zu sehen, doch die Aufnahmen sollten unbedingt einmal in Dortmund gezeigt werden – am besten im Industriemuseum Zeche Zollern.

Kölner Ausstellung: Bis zum 12. August 2012. Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Im Mediapark 7, 50670 Köln, Tel. 0221/888 95 300. Geöffnet täglich außer mittwochs 14-19 Uhr, Eintritt 4,50 Euro.

Nur zum Vergleich, ohne jeden Kunstanspruch: die Steinhammerstraße im August 2008. (Foto: Bernd Berke)

Nur zum Vergleich, ohne jeden Kunstanspruch: die Steinhammerstraße im August 2008. (Foto: Bernd Berke)




Alltagsnicken (3): „Ich brauch‘ ein Nappo“

Ich stand schon recht teilnahmslos auf Bahnsteig 4 des Hagener Hauptbahnhofes, diese teilnahmslose Grundeinstellung zum beginnenden Tag änderte sich auch nicht, als ich tapsig den Regionalexpress enterte, der ausnahmsweise die vorsichtshalber angekündigte Verspätung von ca. 5 Minuten nicht einhielt, sondern pünktlich war. Und anscheinend bereits ermattet von den Anstrengungen eines Morgens, der unweigerlich der Anfang eines Tages ohne nennenswerte Herausforderungen werden würde, sank ich im Parterre des Doppelgeschoss-Waggons auf einen freien Doppelsitz, um in die sogleich an meinen Augen vorbei brausende Umgebung zu dösen.

Da fiel mein müder Blick auf eine Krefelder Ausgabe der Westdeutschen Zeitung, die ich fast begeistert zur Hand nahm und spontan mit dem Studium dessen begann, was die Krefelder Kolleginnen und Kollegen für berichtenswert halten. So erfuhr ich, dass Willi Brücker 95 Jahre alt wurde, dass Apotheker Klaus Mellis davor warnt, zu oft zu duschen, dass auch in Krefeld der Sommer angebrochen ist, was fünf (vermutlich kreischende) Kinder mit einem Rudelsprung in Freibad-Wasser bildhaft belegen.

Und unter dem Bruch, nur die Zeile des Aufmachers lugt vorwitzig darüber, entdecke ich, dass für 14 Millionen Euro das ehemalige Nappo-Gelände zur Heimat für Familien umgestaltet werden soll. „Nappo“, nimmt die mählich erwachende Masse unter meiner Kalotte wahr. Sofort schnellt rautenförmiges Nougat-Süßzeugs, mit Schokolade umzogen und in wahlweise rotes, grünes oder blaues Silberpapier gehüllt, durch meine Gedanken, das ich gern nach Schulschluss an einem Büdchen erwarb und auf dem Heimweg den Zahnschmelz verheerend zu mir nahm.

Die Bude gibt es schon lange nicht mehr, meine ehemalige Schule kübelt noch immer gymnasiales Wissen in eine zahlenmäßig sinkende Schülerschaft und wie ich da in der Westdeutschen Zeitung sehe, auch von Nappo existiert nur mehr der Name, denn die ehemalige Produktionsstätte von zahnärztlichen Zulieferknabbereien ist planiert und wartet nun auf 200 Bewohner von Niedrigenergiehäusern, die dort entstehen sollen.

1920 war das Unternehmen, das genau unter Nappo-Dr. Helle & Co. GmbH & Co. KG firmierte, gegründet worden. In ganz guten Tagen machten 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Produkte marktreif, die ruinösen Einfluss auf die natürliche Kauleiste von Kindern nahmen. 1994 noch erweiterte die Hartnougat-Firma ihr Angebot um das legendäre Eiskonfekt von Moritz aus Hamburg. 2006 missrieten dann alle Rettungsversuche und das Unternehmen gab auf – mancher mutmaßte, dass zu enges Engagement in Groß-Discounter-Regalen Teilschuld am Niedergang trug.

Und schon war ich am Zielort, musste mich noch sputen, dass ich den Zug verlassen konnte, ehe er wieder ins Rollen kam. Kompliment an die Kollegen der Westdeutschen, ein kleines Kästchen in der Aufmacherstory informiert auch Krefelder darüber, wer oder was Nappo war, die von dem Gelände bisher nur die planierte Daseinsform kannten.

Noch auf Bahnsteig 2 in Unna beschließe ich, heute Abend sowohl nach ein paar Rauten Nappo als auch nach Eiskonfekt zu schauen. Die Zähne kann mir das Zeug nicht mehr ruinieren, Ihr ahnt sicher, aus welchem Grund.




Mit Kindern das Revier entdecken

Wenn schon Ruhrgebietsführer, dann doch bitte lieber aus einem Ruhrgebietsverlag. Da erhöht sich die Chance eminent, dass etwaige Schnitzer noch erkannt und getilgt werden. Ehrlich jetzt.

Genug der Vorrede: Im Essener Klartext-Verlag ist ein kundiger Kinderreiseführer fürs Ruhrgebiet erschienen, Untertitel „Abenteuer, Zeitreisen und Experimente“. Aus der Region – für die Region.

Autorin Natascha Leo spricht in stets munterer Schreibe die Kleinen direkt an. Erwachsene dürfen staunend vor- oder mitlesen und dann die entsprechenden Kurztrips organisieren – anhand der getreulich verzeichneten Öffnungszeiten, Adress- und Telefonangaben sicherlich kein allzu großes Problem.

Ich gestehe freimütig: Auch als altgedienter Revierbewohner habe ich hier vieles gefunden, was ich noch nicht auf dem Radarschirm hatte, so etwa eine veritbale Kinderzauberschule in Bochum. Gar manches ist auch tauglich für den fröhlichen Kindergeburtstag.

Das Buch ist, dem Nutzerkreis entsprechend, flott und kurzweilig aufgemacht, mit kurzen, prägnanten Textabschnitten und knappen Infokästen. Auch die Bebilderung ist überwiegend ordentlich. Doch wenn man in den Quellenangaben nachblättert, merkt man, dass der Löwenanteil der Fotos von den Betreibern der jeweiligen Einrichtungen stammt. Man findet denn auch nicht den Hauch eines kritischen Untertons, erst recht kein mürrisches „Wir raten ab“; sämtliche Attraktionen werden uneingeschränkt empfohlen oder gar wärmstens angepriesen. Mutmaßung: Auch der eine oder andere Textbaustein wird von Broschüren angeregt worden sein. Wer kann denn schon überall selbst hinfahren?

Genauere Erfahrungen wird man mit dem Nachwuchs also selbst machen müssen, doch darf man den allermeisten Hinweisen wohl vertrauen. Es gibt ja vielfach erprobte, durchaus „kindgerechte“ Orte: Das breite Spektrum reicht von den Kinderangeboten diverser Revierbühnen (wo kann man selbst einmal mitspielen, wo kann man sich toll verkleiden oder mit Schauspielern quatschen?) über Kinderkinos, Kreativwerkstätten, Kindermuseen wie das „Mondo Mio“ in Dortmund, Bauernhöfe, Zoos, Kinder-Bergwerke, Kinder-Unis, Freizeitparks und Spezialitäten wie etwa das Wassermuseum in Mülheim/Ruhr, das Westfälische Schulmuseum oder spannende Programme der Planetarien.

Doch Halt! Wir können nicht einmal einen Bruchteil des staunenswert reichen Angebots aufzählen. Das Ruhrgebiet, so sieht man erfreut, bietet (noch) eine ganze Menge Anregungen und Spaß für die Kleinen, wenn man nur richtig sucht und hinschaut.

Bei solchen Büchern unvermeidlich ist der relativ rasche Aktualitätsverlust. Man sollte schon die überall genannten Internet-Adressen ansteuern, um zu sehen, ob die Daten noch dem Stand der Dinge entsprechen. Mag sein, dass der Verlag just deshalb auch meist auf Angaben zu Eintrittspreisen verzichtet hat, die morgen schon gestiegen sein können. Bei einem vergleichsweise teuren Zoo wie dem Gelsenkirchener „Zoom“ hätte man sich freilich einen diskreten kleinen Hinweis gewünscht…

Nützlich wären auch nähere Angaben zu den Altersstufen gewesen, die mit den Angeboten angepeilt werden. Doch wer sich halbwegs in sein(e) Kind(er) hineinversetzen kann, wird auch in diesem Punkt selten fehlgehen. Andernfalls müssen’s halt der Besuch des nächsten Spielplatzes und ein leckeres Eis ausgleichen.

Kinderreiseführer Ruhrgebiet. Abenteuer, Zeitreisen und Experimente. Klartext Verlag, Essen. 112 Seiten, Broschur, durchgehend farbige Abb. 9,95 €




Eine Schiffsreise als Schule fürs Leben – Michael Ondaatjes Roman „Katzentisch“

Schreiben heißt, sich erinnern. Daran, wie wir wurden, was wir sind. Warum unsere Wünsche verloren gingen und was wir lange verdrängt haben, bis es aus den Tiefen des Vergessens wieder empor steigt und zeigt, dass manches, was wir als Kinder erlebt haben, unser ganzes Leben geprägt hat. Solche privaten Erinnerungen sind noch keine Literatur. Wenn sie sich aber verbinden mit der Fantasie eines Autors, der seine Biografie zur Grundlage eines frei fabulierten Romans machen kann, dann liegt Großes in der Luft.

So ist es bei Michael Ondaatje. Der Autor, der 1943 in Ceylon (heute Sri Lanka) geboren wurde, seine Jugend in England verbrachte und heute im kanadischen Toronto lebt, konnte mit „Der englische Patient“ einen Welterfolg feiern. Mit den folgenden Büchern („Buddy Boldens Blues“, „Anils Geist“, Divisadero“) konnte er nie wieder an diesen hoch dekorierten und genial verfilmten Roman anknüpfen. Auch „Katzentisch“ wird sicherlich kein Weltbestseller werden. Dafür ist der Erzählhorizont vielleicht zu eng und das Personal im wahrsten Sinne des Wortes zu klein. Aber der Roman, in dessen Mittelpunkt drei halbwüchsige Jungen stehen, die zu Beginn der 1950er Jahre eine Schiffsreise von Ceylon nach England machen, ist doch so berührend und klug konstruiert, dass ihm zumindest literarische Aufmerksamkeit und ein Achtungserfolg zuteil werden sollte.

Während das britische Empire zerbröselt und Ceylon sich auf unsichere Zeiten vorbereitet, werden Michael, Cassius und Ramadhin, drei Jungen im Alter von 11, 12 Jahren, von ihren Familien nach England geschickt. Die Jungen, die an Bord des Ozeanriesen „Oronsay“ in einige gefährliche Abenteuer verwickelt und in manche Geheimnisse eingeweiht werden, wissen noch nichts von den politischen Problemen der Welt. Sie sind vom Kapitän im Speisesaal an einen „Katzentisch“ verbannt worden, sind einfach nur neugierig und beobachten das gesellige und für ihre kindlichen Augen oft rätselhafte Treiben an Bord des Schiffes. Ist der elegante Baron in Wahrheit ein Dieb? Wird der Multimillionär seine tödliche Krankheit besiegen? Und was hat es mit dem Gefangenen auf sich, der tagsüber im Bauch des Schiffes eingekerkert ist und nachts schwer bewacht und in Ketten frische Luft schnappen darf?

Musiker und Kartenspieler, Wahrsager und Alltagsphilosophen, Verzweifelte und Liebende, sie alle sind an Bord und vermitteln den Jungen eine neue, verwirrende Sicht auf die Welt. Sie kiffen und trinken Alkohol, sie stromern durch die Maschinenräume, belauschen die Passagiere, werden Zeugen von Tod und Verderben. Ohne dass sie es merken, ist das, was sie in den wenigen Wochen auf offenem Meer erleben, eine Schule fürs Leben, eine Initiation ins Erwachsenendasein. Hinterher wird nichts mehr so sein wie bisher und die Kindheit schon fast vergessen. Und auch, wenn das Trio sich später aus den Augen verliert und sich kaum je wieder trifft, wissen sie, dass ihre gemeinsamen Erlebnisse sie für immer verbunden haben.

Michael, der Junge von einst, ist inzwischen alt geworden und ein bisschen melancholisch. Als Erzähler erinnert er sich in kurzen schlaglichtartigen Sequenzen an einzelne Momente der Reise, versucht, manche Rätsel von damals zu entziffern und will verstehen, warum die Träume der Jugend längst verschüttet sind. Es ist eine Reflexion über bittere Erfahrungen, Verlust und Exil. Aber auch ein märchenhaftes Buch über die Schönheit des Lebens. Wer sich davon nicht verzaubern lässt, war nie wirklich Kind.

Michael Ondaatje: „Katzentisch“. Roman. Aus dem Englischen von Melanie Walz. Hanser Verlag, München. 301 Seiten, 19,90 Euro.




Der Familie entgeht man nicht – Zeruya Shalevs Roman „Für den Rest des Lebens“

Auch wenn man selbst schon Kinder hat und in der Mitte des Lebens steht: Solange die eigenen Eltern leben, bleibt man ein Kind. Ein Kind, das von der Erziehung und den Erwartungen und Enttäuschungen der Eltern geprägt ist, ein Kind, das den Tod der Eltern verkraften muss, während man selbst Kinder erzieht und sie vor dem Tod beschützen will.

Vor allem davon, dass Eltern uns „Für den Rest des Lebens“ prägen und die Familienbande stärker sind als alle Versuche, diese emotionalen Abhängigkeiten aufzulösen, handelt der neue Roman von Zeruya Shalev. Es ist ein meisterlicher und oft versponnener, von Rückblenden und Erinnerungen durchwirkter Roman, ein feinfühliges, psychologisch aufgeladenes Erzählkonstrukt, das niemanden kalt lassen kann. Und ein Buch, mit dem die israelische Autorin ein eigenes Trauma bearbeitet.

Zeruya Shalev, international berühmt geworden mit Romanen wie „Liebesleben“, „Mann und Frau“ und „Späte Familie“, wurde 2004 bei einem Terroranschlag in Jerusalem schwer verletzt. Noch heute leidet sie seelisch und körperlich unter den Folgen. Doch weil sie sich nicht in ihren Schmerz verkriechen, sondern der sinnlosen Gewalt ein Zeichen des Lebens entgegensetzen wollte, entschied sie sich, einen kleinen russischen Jungen zu adoptieren.

Dina, eine der Hauptfiguren des Romans „Für den Rest des Lebens“, ist beileibe nicht identisch und kein schlichtes Abziehbild von Zeruya Shalev, aber auch Dina will ihrem ins Stocken geratenen Leben einen Ruck geben und dem politischen Stillstand in Israel etwas entgegenhalten: Auch wenn ihre Ehe fast daran zerbricht und ihre schon erwachsene Tochter ihre Mutter nicht verstehen kann, wird Dina nach Russland reisen, um einen kleinen Jungen zu adoptieren. Als sie dem Jungen das erste Mal begegnet und in seine traurigen Augen schaut, weiß sie, dass sie den Tod besiegen und vielleicht auch die verschüttete Liebe ihres Mannes zurückgewinnen kann. Da schließt sich der Kreis des Lebens: Denn im selben Moment klingelt ihr Mobiltelefon und Dina erfährt, dass Chemda, ihre seit langem schwer kranke Mutter, soeben gestorben ist.

Die mit dem Tod ringende Chemda ist das erzählerische Zentrum des Romans. Während ihr Bewusstsein sich trübt, lässt sie noch einmal ihr Leben Revue passieren, denkt an ihre Kindheit im Kibbuz, an ihre Ehe und ihre zwei Kinder. An ihren Sohn Avner, den sie viel zu sehr verhätschelte und den die überbordende Liebe der Mutter fast unfähig machte, eigene Beziehungen zu Frauen einzugehen. Chemda denkt auch an Dina, die vernachlässigte Tochter, die nur ein bisschen Liebe und Verständnis bei ihrem lebensfremden und melancholischen Vater finden konnte. Der Roman ist randvoll mit ödipalen Konstellationen und Konflikten der Kindheit, die das weitere Leben bestimmen. Da wundert es auch kaum, dass Dina mit ihrer eigenen erwachsenen Tochter hadert und sich nach einem kleinen Jungen sehnt.

Wer das alles als Variation altbekannter psychologischer Gemeinplätze und Klischees abhaken möchte, wird dem äußert vielschichtig und elegant erzählten Roman nicht gerecht. Immer wieder werden neue Türen aufgestoßen, kämpfen die sich in Erinnerungen verkriechenden Familienmitglieder gegen Wut und Enttäuschung, sehnen sie sich nach ein bisschen Glück und Zufriedenheit. Shalevs breit angelegter, über viele Jahre reichender Erzählhorizont weitet sich zu einer filigranen Topografie seelischer und politischer Landschaften. Wahrlich keine leichte, aber eine lohnende Lektüre.

Zeruya Shalev: „Für den Rest des Lebens“. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berlin Verlag, 521 Seiten, 22,90 Euro.




Seit 100 Jahren: „Biene Maja“ begleitet den BVB

Wie oft habe ich mitgesummt, wenn der „Biene Maja“-Titelsong durchs Stadion klang. Das war fröhlich und stimmte uns wie die Spieler auf optimistischen Tatendrang ein, Tore, Punkte, Tabellenplätze – natürlich vorn, ganz vorn. Heute Morgen entstieg ich dem Zug in Unna, Winni bestieg ihn schweren Koffers. Blind im Verständnis rief ich hinter ihm her: „Viel Spaß in Berlin!“ Es tönte aus dem Abteil zurück: „Ich bin Montag mit dem Pokal wieder da!“

Schwarz-Gelbe Ringelsocken, „Biene Maja“-Titelsong, grenzenlose Zuversicht und fröhliche Feste glücklicher Fans. Doch, was hat eigentlich diese Fernsehsummse mit dem BVB zu tun? Die Biene Maja wurde vor 100 Jahren geboren, nur etwas später als der BVB. Sie war in der Fantasie ihrer Leserinnen und Leser damals schon schwarz-gelb – der BVB lief anfangs noch in Blau auf.

PIlgerstätte (Foto: Bernd Berke)

PIlgerstätte (Foto: Bernd Berke)

Maja schaffte es beinahe aus dem Stand an die Spitze, der BVB brauchte ein wenig länger. Dafür war der BVB bereits ein Fernsehstar mit viel Auf und Ab, als das Bienchen die TV-Mattscheibe betrat und zu Karel Gotts Tenor eroberte.

Ein gewisser Waldemar Bonsels hatte vor einem Jahrhundert im eigenen Verlag den Kinderroman veröffentlicht, nannte ihn „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“. Nein er hieß nicht „… und ihr Freund Willi“, der kam erst viele Jahre später dazu, war eine Erfindung des ZDF-Redakteurs Josef Göhlen, der die Schwarmtierchen 1975 zu Fernsehstars machte. Herr Bonsels war gebürtiger Schleswig-Holsteiner, den es nach München zog und der als gelernter Kaufmann so etwas wie ein Bestseller-Autor seiner Zeit wurde. Dass sein größter Erfolg ein Kinderroman wurde, mag ihm nicht behagt haben, gut gelebt hat er dennoch davon, bis er 1952 starb und seine Maja fortfuhr, ganze Kindergenerationen zu begeistern.

Waldemar Bonsels, dessen heimelige Tiergeschichte selbst Soldaten vor Verdun fesselte, hatte allerdings den Makel, ein erklärter Antisemit zu sein. Er wurde ihn auch nie los, schmückte sich gar damit und textete in zuschlagenden deutschen Zeiten auch gern heroisches Versgedrechsel auf einen „Führer“.

Das konnte Majas Weltruhm indes nicht beschädigen, der Biene und ihrem Freund Willi, der inzwischen zum Urbestandteil der Geschichte gehört, flogen weiter die Herzen zu und immer neue Geschichten ins Drehbuch.

Und natürlich dieser Titelsong. Ich musste ihn mit anhören, wenn am Wochenende die unvermeidlichen Maja-Abenteuer über den Bildschirm flimmerten. Und ich durfte ihn mit anstimmen, wenn er unsere Schwarz-Gelbe Truppe beflügeln half. Und nun summe ich ihn am Samstag in einer Fernseh-bestückten Kneipe mit, dulde einen Marler neben mir und genehmige mir den grenzenlosen Optimismus, dass niemand den BVB daran hindern kann, den Pokal nach Dortmund zu holen.




Wie ein Bochumer Kaufhaus zu dem Namen eines Dichters kam

Bochum war in meiner Kinder- und Jugendzeit unser Sommer-Urlaubsziel, weil meine Großeltern dort lebten, und auch der Kohlenstaub machte uns nichts – schließlich waren Opa und Onkels alle Bergleute gewesen. Eine Cousine arbeitete im Kaufhaus Kortum, und schon damals wunderte es mich sehr, dass man ein Kaufhaus nach der Straße benennt, an der es liegt, nämlich der Kortumstraße.

Carl Arnold Kortum

Erst sehr viel später verdrängten bessere Kenntnisse diese Idee, es war nämlich genau umgekehrt: Der Arzt und Dichter Carl Arnold Kortum (1745 bis 1824) war zwar in Mülheim geboren, gilt aber als einer großen Söhne der Stadt Bochum (neben Grönemeyer natürlich) und gab der heutigen Einkaufsstraße in der Fußgängerzone ihren Namen und später auch dem Kaufhaus.

Es gehörte zunächst zum Warenhauskonzern Alsberg, von einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Bielefeld aufgebaut, die mit ihren Geschäften nach Hermann Tietz (Kaufhof) und Rudolf Karstadt nach Umsatz an dritter Stelle im Deutschen Reich standen. 1933 enteigneten die Nationalsozialisten das Kaufhaus Alsberg in Bochum und die anderen Alsberg-Warenhäuser und nannten das Bochumer Haus um in „Kaufhaus Kortum“. Der alte Inhaber starb 1936, sein Sohn wurde 1941 im Konzentrationslager ermordet. Einer der Gewinner der „Arisierung“ des Alsberg-Konzerns war übrigens der Mitarbeiter Helmut Horten. Er stand den Nazis nahe und baute aus den „Erwerbungen“ den Kaufhauskonzern Horten auf.

Kortum und auch Horten gibt es heute nicht mehr. In Bochum wurde das imposante Haus zu einer Art Galerie umgebaut. Auch Horten musste aufgeben. Kaufhof und Karstadt teilen sich den Markt – noch. Vielleicht schließen sie sich ja demnächst zusammen. Kaufstadt wäre doch ein schöner Name.




Mit der Mark kam die Mode

Ab und zu sollte man seinen Blick vom Alltag lösen und versuchen, von ferne auf unsere Probleme zu blicken. Das gilt nicht nur räumlich sondern auch zeitlich. Zum Beispiel aus dem Jahre 1950.

Damals war der Krieg gerade fünf Jahre vorbei, die neue Währung gab es seit zwei Jahren, und doch ging es aufwärts. In Gevelsberg fand sogar 1951 schon eine Modenschau statt: “Entzückende modische Neuheiten auf dem Laufsteg“, schrieb die Westfälische Rundschau am nächsten Tag über das Ereignis im hinteren Saal einer Gaststätte. Große und schlanke Frauen zu kleiden, das sei ja kein Kunststück, schreibt der Reporter, aber „wie steht es mit jenen, denen ein Sahneteilchen und eine Tasse Bohnenkaffee wichtiger ist als die tägliche Sorge um die schlanke Linie?“ Das war die eine Seite der Sorgenliste, aber es gab auch größere Probleme. Wer im selben Jahr die Berichte über die Kreistagssitzungen las, der bekam andere Nöte vermittelt. Allein die öffentlichen Fürsorgeaufgaben verschlangen große Teile des Kreisetats. Dazu gehörten die „Krüppelfürsorge“ und die „Hausratshilfe“, Mittel für die auswärtige Unterbringung von Männern in Lehrlingsheimen, die Ausgaben für ein neues „Alten- und Siechenheim“ oder die Fürsorgemaßnahmen für Geschlechtskranke. Auch Erholungsmaßnahmen für Jugendliche finanzierte der Kreis für die zahlreichen Familien, in denen der Vater als Soldat gefallen oder vermisst war.

Es ging aber auch in der Politik teilweise schon optimistisch zu – allein eine halbe Million D-Mark brachte der Ennepe-Ruhr-Kreis 1951 für den Siedlungsbau auf.

Schöner wohnen, schicke Mode, gut essen – das waren in den Anfangsjahren der Bundesrepublik auch an der Ennepe die erstrebenswerten Ziele der Menschen. Da ging es noch nicht um das schnellste Smart-Phone oder den größten Flachbildschirm. Das sind erst heute unsere Probleme.




Niederungen des Alltags (1): Räderwechsel beim Bobby Car

Werkstattbesuche sind meist ärgerlich. Reparaturen kosten reichlich, ohne Scherereien kommt man selten davon. Wie aber, wenn bloß ein Bobby Car umgerüstet werden soll? Da wird doch wohl alles ganz kinderleicht von der Hand gehen?

Testfall „Whisper Wheels“. Flüsterreifen also, die nachträglich ans Plastikauto montiert werden, wenn man’s gern etwas geräuschärmer hätte. Ein Unding übrigens, dass die deutlich leiseren Räder erst neuerdings serienmäßig drauf sind. Bei älteren Exemplaren muss man folglich werkeln.

Bevor man loslegt, sieht alles so einfach aus... (Foto: Bernd Berke)

Bevor man loslegt, sieht alles so einfach aus... (Foto: Bernd Berke)

Die Anleitung ist etwas für Tüftler. Die Skizzen sehen verwirrend aus. Nach ersten vergeblichen Versuchen, die alten Reifen zu lockern, schaut man vielleicht ratsuchend im Netz nach – und findet virtuelle Kummerkästen.

Ein erschütternder Erfahrungsbericht auf www.doyoo.de trägt gar den windschiefen, nahezu apokalyptischen Titel „Leidensweg und Martyrium der Flüsterreifen“ und erzählt die Gräuelmoritat von angerosteten Metallclips, die nur mit einer Flex und Brachialgewalt hätten entfernt werden können. Im Fazit des Beitrags heißt es: „Es war wirklich ein Martyrium, ich habe nicht übertrieben.“ Was soll man dazu sagen? Dass viele Menschen nicht mehr wissen, was wirkliches Leiden ist?

Dermaßen gewarnt und wohl auch entmutigt, gibt man seine handwerklichen Bemühungen allerdings rasch auf.

Schließlich die scheinbar goldene Idee. Einfach mal bei einer richtigen Autowerkstatt nachfragen. Aber das hieße doch gleichsam, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Wäre das nicht peinlich? Und wenn schon.

Also hin. Dort feixt man freundlich, nimmt sich aber der Sache an. Doch ach! Auch dort ist man hilflos. Sie haben Angst, mit allzu groben Maßnahmen das Kinderauto zu zerstören. Wahrscheinlich fürchten sie, es käme dann eine Prozessflut auf sie zu…

Ja, ist es denn zu glauben?

Last Exit: Baby-Fachgeschäft. Und siehe, dort kennen sie das Problem. Es wächst das Rettende. Sie hämmern und schrauben an den richtigen Stellen. Hosianna!




„Extrem laut und unglaublich nah“: Kinofilm über das Trauma des 11. September

Als ich vor fast elf Jahren am frühen Nachmittag bei Saturn in der Nähe der Fernsehabteilung rumstand und auf eine SIM-Card wartete, vertrieb ich mir die Zeit damit, die einzelnen Programme zu erkennen. Urplötzlich schalteten alle Geräte auf einen Katastrophenfilm um, in dem es mal wieder um brennende Wolkenkratzer ging. Es dauerte einen Moment, bis ich das „Breaking News“-Banner von CNN wahrnahm. Es war 14:45h. Das Datum der 11. September 2001.

Es gibt wohl Wenige, die einem nicht auf Anhieb sagen können, was sie an dem Tag gemacht haben. Jeder hat eine Geschichte dazu. Ein Landmark. Es wird auch viele geben, die dabei waren, die überlebt haben, die einen Menschen verloren haben, ihre Existenz oder den Verstand.

Überlebende. Hinterbliebene. Einzelschicksale. Jeder von ihnen könnte eine Geschichte erzählen. Diese hier, von Oskar Schell, hätte auch die von John oder Jane Doe sein können. Also nehm ich das so hin.

Ob so eine Geschichte erzählt werden muss? Warum nicht? Filme, in denen geschichtliche Katastrophen aller Art aufgearbeitet werden, gibt es viele: über Weltkriege, Terrorherrschaften, Weltuntergänge mit und ohne Vulkane, Überflutungen, Erdbeben, Feuersbrünste und Terroranschläge. Und wenn es dann noch um tatsächliche Begebenheiten geht, umso besser und umso Oscar-verdächtiger. Ein Film, in dem ein Einzelschicksal geschildert wird, erreicht vermutlich mehr Zuschauer als eine Dokumentation, sie lässt den Verlust deutlicher und tiefer empfinden als eine Doku das vielleicht kann. Ich glaube ja, dass die Amerikaner trotz all des „Dennoch“ – „Jetzt erst recht“ – „Yes, wie Can“ diese Katastrophe noch nicht verabeitet haben. Fast 4000 Menschen starben, 4000 Hinterbliebene. 4000 Geschichten, die erzählt werden könnten oder sollten. Eine stellvertretend hier für alle.

Kein Wunder also, dass der Film „Extremely loud and incredibly close“ für zwei Oscars nominiert wurde: in der Kategorie „Bester Film“ und Max von Sydow für den besten Nebendarsteller. Um es gleich vorweg zu nehmen. Mit von Sydow bin ich sehr einverstanden. Allerdings mit dem anderen Nominierten, Christopher Plummer („Beginners“) auch. Wir werden sehen.

Filmplakat (Verleih Warner Bros.)

Filmplakat (Verleih Warner Bros.)

Zurück zum Film im Titel. Ach ja – ach nein. Nach Ansicht des Regisseurs (Stephen Daldry – „Billy Elliot“, „The Hours“, „Der Vorleser“) und des Drehbuchautors (Jonathan Safran Foer) musste das ein Film werden, ich nehm das also auch so hin.

Oskar ist neun Jahre alt, als er der durch den Anschlag auf das World Trade Center seinen Vater verliert. Er hat Schuldgefühle. Kinder haben oft Schuldgefühle, wenn es um das Scheitern oder den Verlust der Eltern geht. Oskar wünscht sich, dass es seine Mutter getroffen haben sollte. Nicht den verständnisvollen Vater, der sich sehr intensiv mit ihm beschäftigte und auf seine vielen Talente einging. Oskar findet bei den Sachen seines Vaters einen kleinen Umschlag, auf dem „Black“ steht, und in dem ein Schlüssel ist. Er glaubt, dieser Schlüssel werde ihm etwas über seinen Vater offenbaren, seine Vergangenheit vielleicht, eine Nachricht. Fortan sucht er das Schloss, in das der Schlüssel passt. Er findet nichts. Als nächstes schreibt er aus dem New Yorker Telefonbuch die Adressen aller Blacks raus und macht sich auf den Weg, um alle zu besuchen, um dieses Geheimnis aufzudecken.

Er ist, wie gesagt, neun Jahre alt. Einen Jungen dieses Alters allein durch alle fünf Boroughs tigern zu lassen, ist tollkühn. Soll man davon ausgehen, dass die Mutter nichts davon weiß? Er ist eines dieser hochbegabten Kinder, die möglicherweise eine Verhaltensstörung haben, vielleicht Asperger oder ein andere Form von Autismus. Jedenfalls ist er intelligent genug, diese Suche akribisch zu planen. Dass er allerdings bei dieser Intelligenz auch davon ausgeht, dass er allein unterwegs sicher ist, wirft Fragen auf. Hat er doch panische Angst vor U-Bahnen, Zügen und Bussen. Jedenfalls gehen wir mit ihm auf diese zweijährige Reise, auf der er bald einen alten Mann („the renter“, der Mieter seiner Großmutter) kennenlernt, der ihn von nun an auf seiner Suche begleitet. Der Mieter spricht nicht. Er verständigt sich mit Zetteln und seinen beiden Händen, auf denen mit Filzstift „Ja“ und „Nein“ geschrieben steht. Zwischendurch sehen wir auch Tom Hanks, den guten Vater, in Rückblicken. Alles ist ein bisschen wie im Märchen. Der tote Vater, der Schlüssel, die Suche, der schweigende Mieter. Nirgendwo passt der Schlüssel, niemand weiß etwas darüber, und auch nichts über den Vater. Jeden Moment erwarte ich die gute Fee mit einem Zauberstab.

Zwei Reaktionen hat der Film in mir ausgelöst: einerseits hat der Junge mich sehr genervt. Diese altkluge, geschwätzige, besserwisserische Umtriebigkeit. Seine Unkindlichkeit. Andererseits überkam mich eine unüberwindbare Traurigkeit, als ich erkannte, was ihn so umtrieb: eine von vielen Nachrichten, die der Vater auf den Anrufbeantworter gesprochen hatte. Ich hab Sturzbäche geheult, wie damals bei Saturn, später zu Hause, per e-Mail verbunden mit Freunden und Verwandten in der Stadt, die einmal meine war.

Gleichgültig, ob diese Geschichte erzählt werden musste oder die eines Anderen, vielleicht gibt es für Viele den einen Moment, in dem sie einen packt. Wo man nicht mehr überlegt, ob das nun ein guter, schlechter, nötiger oder unwichtiger Film ist.

Vielleicht ist es wirklich kein guter Film, sondern einer, der aus ist auf Effekthascherei, das Ergattern des Vergangenheitsbewältigungs-Oscar. Andererseits, ist das nicht das Ziel der Filmemacher, einmalige, unverwechselbare Filme zu machen? Einen Hit, der obendrein auch noch ein Anliegen hat, ein Kassenschlager ist, mit Aussichten auf einen Preis wie einen Golden Globe oder Oscar?

Tom Hanks wächst mehr und mehr in die Rolle des Joe Everyman, der den Familienvater so überzeugend spielt wie den Buchhalter. Sandra Bullock gefiel mir in der Rolle der Mutter, no glitz, no glam, solide Arbeit.

Einen ganz bedeutenden Pluspunkt hat der Film auf jeden Fall: Oskar, gespielt von Thomas Horn, ist ein beruhigend unniedlicher Junge. Er ist auch im wirklichen Leben ein Schlaukopf: er lernt gerade Mandarin, und er war der Sieger in der Kinderversion von Jeopardy, wo er 31.000 Dollar gewann. In einem Interview zum Film für celebs.com (mit vielen „I mean“ und „amazing“) spricht ein 14jähriger Junge, als stünde er kurz vor seinem 41. Geburtstag. Aber vielleicht muss man so ein kleiner Klugscheißer sein, um diese Rolle so zu spielen, wie er es getan hat.

Der Film läuft derzeit u.a. in folgenden Kinos: Roxy (Dortmund), Union und Casablanca (Bochum), Lichtburg und CinemaxX (Essen), Schauburg (Gelsenkirchen), CinemaxX (Mülheim).